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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:51:30 -0700 |
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Band + +Author: Gerhard Rohlfs + +Release Date: January 24, 2006 [EBook #17599] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH *** + + + + +Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net (This file was produced from images +generously made available by the Bibliothèque nationale +de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr) + + + + + +Von +TRIPOLIS nach ALEXANDRIEN. + + + + + + +BESCHREIBUNG +der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen +in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise + + +von + + +GERHARD ROHLFS. + + +Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithographien +und vier Tabellen. + + +ERSTER BAND. + + +Bremen, 1871 + + + +[Illustration: Marmor-Widder Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.] + + + +Seiner Majestät + + +DEM KAISER WILHELM VON DEUTSCHLAND +KÖNIG VON PREUSSEN etc. etc. +mit Allerhöchster Bewilligung + + +in tiefster Ehrfurcht + + +gewidmet + + +vom + + +VERFASSER. + + + + +Vorwort. + + +Seit dem Herbste 1868, in welchem die Reise nach Tripolitanien auf Befehl +des Königs von Preussen unternommen wurde, welche Ereignisse sind da an +uns vorüber gegangen! + +Der König von Preussen ist Kaiser von Deutschland geworden; und wenn schon +in den letzten Jahren die Deutschen im Auslande nicht mehr wie Schutzlose +oder als nicht ebenbürtig und gleich berechtigt den übrigen Nationen +gegenüberstanden, um wie viel mehr wird jetzt "Kaiser und Reich", selbst +in den "weitesten Fernen" die Deutschen beschirmen. + +Und inmitten dieser gewaltigen Begebenheiten ist auch schon die Nachricht +vom günstigen Resultate der Expedition nach Tripolitanien und nach dem +Inneren von Afrika angelangt: Dr. Nachtigal erreichte mit den Geschenken +glücklich die Hauptstadt von Bornu, Kuka, und wurde, wie zu erwarten +stand, auf's Zuvorkommendste vom Sultan Omar empfangen. + +Das vorliegende Buch, Ergebniss der Reise nach Tripolis, und der von hier +aus unternommenen Reise nach Cyrenaica und der Oase des Jupiter Ammon, +sollte ursprünglich Mitte 1870 dem Publicum vorgelegt werden. Die +Kriegsereignisse brachten eine Verzögerung der Herausgabe hervor. Möge +diesem Werke dieselbe günstige Aufnahme und nachsichtige Beurtheilung von +Seiten des Publicums zu Theil werden wie den früheren Arbeiten des +Verfassers. + +Gestattet sei mir hier, der Verlagshandlung für die schöne Ausstattung des +Buches meinen Dank auszusprechen, namentlich dafür, dass dieselbe nicht +gescheut hat, ohne den Preis desselben wesentlich zu erhöhen, die +musterhaften Karten von Kiepert, sowie die von G. Hunckel ausgeführten +Chromolithographien beizufügen. Leider konnten die zahlreichen +Photographien, die der Reisende in Cyrenaica aufnehmen liess, nicht +eingeschaltet werden, da der Preis des Buches sich dadurch verfünffacht +haben würde. + +_Weimar_, im Januar 1871. + +Gerhard Rohlfs + + + + +Inhalts-Verzeichniss. + + +Philippeville, Bone und Tunis +Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis +Tripolitanien +Tripolis +Leptis magna +Bengasi +Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluss +Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene +Cyrene + + + + +Philippeville, Bone und Tunis. + + +Es war im Herbste des Jahres 1868, als ich von der preussischen Regierung +den Auftrag bekam, die Geschenke, welche der König für den Sultan von +Bornu bestimmt hatte, nach Tripolis zu übermitteln, um sie von dort aus +mittelst eigener Karavane ins Innere zu befördern. Die mit den letzten +Entdeckungsreisen im Innern von Afrika Vertrauten werden sich erinnern, +dass König Wilhelm, in Anerkennung der grossen Dienste, welche Sultan Omar +von Bornu gegen deutsche Reisende geleistet, beschlossen hatte, diesem +dadurch seine Dankbarkeit zu bezeigen, dass er demselben eine Reihe +passender Geschenke übermachte. Sultan Omar hatte von der englischen +Regierung aus ähnlichem Anlass auch früher schon Geschenke bekommen. + +Die preussischen bestanden in einem in Berlin gearbeiteten Thron, +Zündnadelgewehren, Doppelfernglas, Chronometer, Uhren, Bildern der +königlichen Familie, und dazu sollten noch in Tripolis durch Consul Rossi +angeschaffte Sachen kommen, als Rosenessenz, ächte Corallen, Seiden-, +Tuch- und Sammetstoffe. Die von Berlin aus abgegangenen Sachen sollte ich +in Marseille empfangen. + +Mein Weg führte mich daher über Frankreich, wo ich namentlich meine +Ausrüstung zu machen hatte, denn nicht nur hatte ich von Tripolis aus den +Abgang der Geschenke einzuleiten, sondern auch die Erlaubniss und Mittel +zu einer Reise durch Cyrenaica und die Jupiter-Ammons-Oase erhalten. + +Keine Stadt am mittelländischen Meer nimmt einen so raschen Aufschwung wie +Marseille, besonders hervorgerufen durch den Handel mit der +gegenüberliegenden Colonie. Und was würde Marseille sein, befände sich die +Colonie in einem blühenden Zustande, hätten die Franzosen von Anbeginn der +Eroberung den Grundsatz befolgt: die Araber, vielleicht die Berber, in die +Wüste zu drängen, wohin sie gehören, und so ein freies Terrain für +europäische Cultur und Gesittung geschaffen! Unter diesen Umständen würde +Algerien statt jetzt einige hunderttausend Europäer, einige Millionen +haben. Aber die falschen Grundsätze von Philanthropie, die +civilisatorischen Ideen solcher Leute, welche auf die fanatischen +Eingebornen dieselben Regeln anwenden wollten, welche man auf durch +Jahrhunderte hindurch gereifte Völker anwendet, haben dies alles +verhindert. + +Ich will damit nicht sagen, dass die Araber sich nicht civilisiren +liessen; sie haben sicher dieselben Anlagen, Fähigkeiten, Gefühle, wie +wir; aber sie wollen keine Civilisation, ihre Religion erlaubt es nicht. +Und eben deshalb werden sie verschwinden, denn die Civilisation lässt sich +nun einmal nicht aufhalten, und die Völker, welche nicht mit fort wollen, +werden absorbirt oder vernichtet werden. So sehen wir denn auch +unaufhaltsam den Islam seinem Ende entgegen gehen, sowohl Araber als +Türken können sich gegen das Christenthum nicht halten; ohne dass diesen +Völkern ein Zwang angethan wird, gehen sie ihrem Untergange entgegen. Und +selbst in der christlichen Religion sehen wir bei den Völkern, welche +durch die Religion gefesselt sind, ein geistiges Verkommen, einen +Rückschritt; der Franzose sieht und constatirt mit Bangen keine Zunahme +der Bevölkerung, und in Spanien, in Italien, wie sieht es da aus! + +Dem Islam gegenüber ist aber selbst die katholische Religion Fortschritt, +deshalb wird auch das mohammedanische Element über kurz oder lang dem +Christenthum in Algerien unterliegen, so sehr sich die französische +Regierung auch Mühe giebt, die Araber zu civilisiren, zu pflegen, zu +begünstigen und auf Kosten der Europäer zu bevorzugen. + +Wir fanden in Marseille alles in bester Ordnung, und wie immer die +liebenswürdigste und zuvorkommendste Aufnahme bei unserm deutschen Consul, +Hrn. Schnell. + +Wie wenig übrigens sonst von den Marseillern auf deutsche Sitte und +Sprache gegeben wird, geht daraus hervor, dass nicht ein einziges +deutsches Journal im ersten Club der Stadt, dem Cercle des Phocéens, +vorhanden war, von den englischen war nur die Times vorhanden. Die +eigentlichen Marseiller sind eben nur Krämer, keine Kaufleute; der +Grosshandel ist einzig in den Händen eingewanderter Franzosen oder +Schweizer. + +Aber grossartig ist die Stadt und hat in Hrn. Maupas, dem vorletzten +Präfecten, einen wahren Haussmann[1] gehabt. Die Präfectur, die neue +Börse, das kaiserliche Palais, das bischöfliche Schloss, ohne viele andere +Gebäude zu nennen, sind alle Prachtbauten, und die neuen Stadttheile, die +Faubourgs mit den beiden grossartigen Häfen Port Napoléon und Joliette +machen Marseille zu einer der glänzendsten Städte des Mittelmeeres. + +Und auch die Umgebung hat merkwürdige Veränderungen erlitten. Früher von +kahlen Kalkfelsen bordirt, welche die Meeresufer pittoresk, aber nicht +schön machten, hat man durch sorgfältige Bewässerungen und Auftragen von +Humus grüne, mit Pinien und anderen Bäumen geschmückte Hügel geschaffen, +und der Prado von Marseille ist einer der schönsten der Welt. Wer nach +Marseille kommt, versäume ja nicht, nach der sogenannten Reserve zu gehen, +auf dem Wege nach Toulon längs dem Meere gelegen; eine Restauration, im +grossartigsten Verhältnisse aufgeführt, von der aus man die prachtvollste +Aussicht auf Stadt, Meer und die vorliegenden Inseln hat. + +Doch alle diese Einzelheiten sind in den Reisebüchern zu finden, und ich +für meinen Theil hatte Marseille schon so oft gesehen, vom Anfange seines +neuen Daseins an (da wo die prächtigen Häuser unterhalb des bischöflichen +Palais sich hinziehen, hatte ich vor Jahren gebadet), dass ich gar keine +Lust verspürte, den Aufenthalt unnöthig zu verlängern. + +Es war mir deshalb sehr erwünscht, dass Consul Schnell sich bereitwilligst +erbot, meine sämmtlichen Kisten nach Malta spediren zu wollen; auf diese +Art wurde es möglich, dass ich gleich am folgenden Tage Passage an Bord +des nach Tunis fahrenden Dampfers nehmen konnte, um so auf diesem Umwege +Malta zu erreichen. Der directe Dampfer sollte erst am 27. November und +mit ihm mein Gepäck abgehen, wir gingen Nachmittags desselben Monats am +20. an Bord. Unser Schiff, Cayd genannt, war kein der Messagerie +gehörender Dampfer, sondern ein von dieser Gesellschaft gemiethetes Boot, +welches der Compagnie der Navigation mixte zugehörte. Klein und mangelhaft +eingerichtet, war das Schiff bis Philippeville mit Passagieren aller +Classen überfüllt, und selbst die erste Classe hatte ein knotiges +Aussehen. Mit Ausnahme eines Engländers, der wie ich nach Tunis wollte und +ein sehr gebildeter und feiner Gentleman war, bestand die ganze Zahl der +Passagiere aus Franzosen. Die zweite Classe war theils mit französischen +Officieren, theils mit Kaufleuten besetzt; das Verdeck war überfüllt mit +Soldaten aller in Algerien üblichen Truppen, mit leichten Frauenzimmern, +welche das Mutterland einer Colonie sandte, und einigen arabischen +Pilgern, welche von Mekka kamen. + +Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange Zeit, und das Wetter war +andauernd günstig; schon am Sonntag Morgens, den 22. Novbr., waren die +Berge Afrika's in Sicht, und um 2 Uhr lagen wir vor Stora, dem kleinen +Hafenorte von Philippeville. Stora ist für Philippeville derselbe Platz, +der Mers el Kebir für Oran ist, auch die topographische Lage ist fast +dieselbe. Aber sowohl an Wichtigkeit im Verkehr als an Schönheit +übertreffen die beiden Orte der Provinz Oran um ein bedeutendes die der +Provinz Constantine. Die Ausschiffung ging rasch von Statten, da Barken +genug vorhanden waren, und die Araber doch unter französischer Herrschaft +schon ein gutes Theil jener Zudringlichkeit und Unverschämtheit verloren +haben, welche sie da ausgezeichnet, wo sie unter eigener oder türkischer +Herrschaft stehen. Aber nun, wo unser Schiff ruhig auf den glatten Wellen +lag, merkte ich, dass es noch eine berühmte und glänzende Schönheit +beherbergt hatte, die Marquise von G..., eine der ersten Schönheiten am +Hofe Napoleons III. und Ehrendame seiner kaiserl. Gemahlin. Diejenigen, +welche mit dem Hofe Napoleons vertraut sind, werden leicht errathen +können, wer diese hervorragende Schönheit ist, welche hier von ihrem +Gemahl, dem Obersten des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, empfangen +wurde. Wir liessen uns alle direct nach Philippeville rudern, und die +meisten von uns stiegen im Hôtel d'Orient ab; das heisst, ich schreibe +Hôtel, man denke "Kneipe". In der That merkwürdig genug, wie gleich beim +Betreten der Provinz Constantine die angenehme Erinnerung der so sehr +guten Hôtels in Algier und Oran zu nichte wird. Gerade das Hôtel d'Orient +der Stadt Algier selbst kann mit den grössten Hôtels der grössten Städte +wetteifern, und hier? Ein Zimmer, dessen Wände nur hell getüncht waren, +schmutzige Wäsche, das primitivste Ameublement. Wie wird sich die Marquise +von G..., die so eben aus den glänzendsten Salons von Compiègne kommt, +hier zurecht finden, dachte ich, und doch waren ihre Zimmer, welche sie +mit ihrem Manne innehatte, wohl nicht besser als das meinige. Doch wozu +braucht man Zimmer in einem Lande, wo ewig Frühlingslüfte wehen! Riefs und +ging hinaus auf den Platz, wo die Miliz-Musik gerade eine Pièce aus der +Afrikanerin spielte. Darüber kam der Abend heran und denselben verbrachten +wir, d.h. der Engländer Herr B. vom Foreign Office und ich, +gemeinschaftlich. Wir hatten viele Anknüpfungspunkte zusammen, abgesehen +davon, dass er, wie jeder Engländer, sehr deutsch gesinnt war, kannte er +fast alle meine Bekannten in London und ich die seinigen in Berlin, er war +bei der letzten Reise der Königin nach Berlin in deren Gefolge gewesen. +Wir durchliefen die verschiedenen Cafés, die Strassen und waren Abends +einen Augenblick im Theater, wo zum Besten der Armen ein Ball gegeben +wurde. Herr B. war ein ganz angenehmer Gesellschafter, sprach auch gut +deutsch und französisch, jedoch konnte er es nie lassen, den Engländer +herauszubeissen, wenn's an's Bezahlen ging; dann drang er den Leuten immer +mit Gewalt die doppelte Summe auf, so dass Manche ihn sicher für verrückt +hielten. + +Wir weilten noch einen andern Tag in Philippeville; ich verbrachte ihn +damit, die sehr merkwürdigen Alterthümer der Stadt zu besehen. Zum Theil +bestehen dieselben aus grossartigen Cisternen, auf den Anhöhen, welche zu +beiden Seiten die Stadt flankiren, gelegen. Es scheint, dass Philippeville +unter der Römerherrschaft ausschliesslich sein Wasser das ganze Jahr +hindurch aus Cisternen bezog, und selbst heute, wo die Franzosen den Ort +durch eine Wasserleitung versorgt haben, wird noch ein grosser Theil der +Stadt aus den antiken renovirten Wasserbehältern gespeist. Und noch alle +Tage entdeckt man neue Reservoirs. So hat man ganz kürzlich noch hinter +der Commandantur eine der grossartigsten alten Cisternen, vollkommen gut +erhalten, blosgelegt; niemand hatte eine Ahnung davon seit den mehr als 30 +Jahren, dass die Franzosen Philippeville besitzen. Die herrlichsten +Bauüberreste von Philippeville finden sich da, wo heute das College +hingebaut ist, und hier hat man auch das archäologische Museum +eingerichtet. Ein Theater, halbzirkelförmig, wie ein ähnliches, aber viel +kleiner, in Verona vorhanden ist, beherbergt jetzt eine Menge werthvoller +Statuen, Sarkophage und Grabsteine, welche mit den zahlreichen, oft gut +erhaltenen Inschriften dem Forscher ein ganzes Blatt aus der Geschichte +vorlegen. Eine fast vollkommen erhaltene Statue eines römischen Imperators +fesselte vor allem unsere Aufmerksamkeit. Herr Roger, der gelehrte +Vorsteher des Museums, glaubt in derselben einen Hadrian zu sehen, Andere +haben einen Caracalla darin erkennen wollen. Ich denke, dass der Grund des +Herrn Roger, ein Vater-, Bruder- und Menschenmörder könne unmöglich eine +so "ausgezeichnete, intelligente und gute Physiognomie gehabt haben," +nicht stichhaltig ist. Die Geschichte zeigt, dass sehr häufig die +körperlich bestgeformten Menschen die grössten Scheusale waren. Viel +richtiger ist indess Herrn Rogers Behauptung, eine grosse Aehnlichkeit in +den Gesichtszügen der Statue mit den dem Hadrian gewidmeten Münzen +gefunden zu haben. Es sind noch mehrere andere Marmorstatuen aufgestellt, +von denen es jedoch noch unsicherer ist, was sie vorstellen sollen. Ein +einfacher Marmorsarkophag wurde, vollkommen gut erhalten, dicht bei +Philippeville auf dem Wege nach Stora gefunden. Das Skelett befindet sich +im Museum selbst. Andere Sarkophage mit Basreliefs, jedoch ohne Deckel, +sind in grosser Zahl vorhanden. Die Capitäler vom schönsten corinthischen +Laube lassen schliessen, wie reich das alte Rusicade war. Viele dieser +Schätze sind aus der Umgegend hergebracht, zum grössten Theil jedoch in +der Stadt selbst gefunden worden. + +In der That muss das alte Rusicade, aus seinen Ruinen zu schliessen, ein +viel bedeutenderer Ort gewesen sein, als wir nach den spärlichen +Ueberlieferungen der Alten glauben sollten. Ptolemäus führt Rusicade nicht +einmal als Colonie auf, aber durch die Peutinger'schen Tafeln erkennen wir +die Bedeutung der Stadt aus den beigemalten Häuschen. Bei Pomp. Mela und +Plinius geschieht ihrer Erwähnung. Nach Vibius soll dicht bei Rusicade der +kleine Fluss Tapsus ins Meer gemündet sein, und dies ist offenbar der +heutige ued Safsaf. Ihr erster Name scheint Thapsa, die Stadt überhaupt +phönicischen Ursprungs gewesen zu sein. Im Alter war sie der Stadt Cirta +von derselben Bedeutung, wie sie es heute als Hafenort für Constantine +ist. + +Der Alterthumsforscher findet aber seine eigentlichen Kleinodien im Museum +selbst, und wenn das Gebäude auch schuppenartig aussieht, so birgt es doch +manche Sachen, um welche es die Museen in London und Berlin beneiden +würden. Erst auf Antrieb des Prinzen Napoleon im Jahre 1850 in's Leben +gerufen zu der Epoche, wo dieser gelehrte und die Wissenschaften pflegende +Prinz rein Rundschreiben an die Präfecten von Algerien richtete: "d'aviser +à la conservation des ruines, vestiges et débris de la domination +romaine," hat in der kurzen Zeit von nicht 10 Jahren, unter der +sorgfältigen Hand des Herrn Roger das archäologische Museum einen raschen +und blühenden Aufschwung genommen. Aber um ein solches Werk zu fördern, +gehört auch eben ein Mann dazu, wie es Herr Roger ist. Ich hatte das +Glück, von ihm selbst, der von Stand Architekt und Professor der +Zeichnenkunst am Collegium in Philippeville ist, im Museum herumgeführt zu +werden, und konnte mich überzeugen, mit welcher väterlichen Sorgfalt er +jedes, auch das kleinste Object würdigte. + +Und nicht nur hatte er seine Aufmerksamkeit auf alte römische Ueberreste +oder Gegenstände aus der ersten Periode des Christenthums gerichtet; da +finden wir prachtvolle Stalaktiten, Korallen, Krystalle aus der Umgegend +der Stadt, eine Schädelsammlung, ethnographische Gegenstände selbst aus +China; ja in letzter Zeit war es Herrn Roger gelungen, einen echten +Tintoretto, den ein Malteser Marketender im Winde aushängen hatte, für's +Museum zu erstehen, und das zu dem fabelhaft billigen Preise von 3 Francs. +Es soll unzweifelhaft feststehen, dass das Bild von Tintoretto ist, und so +würde es jetzt einen Werth von einigen Tausend Thalern erlangt haben. + +Hauptsächlich reich ist die Sammlung von Lampen, einige davon auf dem +Boden mit einem Kreuze versehen, ein Zeichen, dass sie der christlichen +Zeitrechnung angehören; Thränenvasen, Amphoren, Aschenvasen sind in +reichhaltigster Auswahl vorhanden, und täglich werden noch neue gefunden. + +Ueberhaupt sind alle Haushaltungsgegenstände vorhanden, Schmucksachen, +Küchengeschirr etc. Dass die Münzen nicht fehlen, versteht sich von +selbst, und besonders ist es der Meeresstrand, der nach heftigen Stürmen +oft eine reiche Ernte giebt für's Museum. Die meisten Münzen sind von +Hadrian, dann von Antonin dem Frommen, Faustin, Maxentius, Constantin dem +Grossen, Constantin dem Jüngern, Marcus Aurelius, Claudius II, Trajan, +Vespasian, Alexander Severus und einzelne von allen Imperatoren. Sehr +zahlreich sind die numidischen Münzen, alle daran kenntlich, dass sie auf +einer Seite ein laufendes Pferd zeigen, meist nach links gerichtet. + +Nachmittags besahen wir die Umgegend von Philippeville, welche überall +einen lachenden Garten bildet, und selbst zur Winterzeit hatte der warme +Regen in wenigen Tagen eine so üppige Vegetation hervorgerufen, dass der +Frühling wirklich vor den Thoren zu sein schien. Die Bäume sind meistens +Oliven, Korkeichen und Lentisken, und vom kleinerem Gebüsch findet man die +Zwergpalme und Aloe; Zahlreiche kleine Dörfer umgeben die Stadt, es +scheint aber keines in besonders blühendem Zustande zu sein; wenigstens +sehen die, welche wir besuchten, nur kläglich aus. Will man von der +einheimischen Bevölkerung sprechen, so fällt einem fast die Feder aus der +Hand; die schreckliche Hungersnoth, welche so eben die Araber decimirt hat +und jetzt freilich zu Ende ist, sprach noch aus den Augen fast jedes +Individuums. Zerlumpt, schmutzig, der Körper nur aus Haut und Knochen +bestehend, schleichen sie wie Phantome umher. Aber sie haben schon Alles +vergessen und nichts gelernt, eine nächste Missernte wird ihnen ein +gleiches Schicksal bereiten. Am Hafen lungerten immer Hunderte dieser +halbnackten Kerle herum, und blickten mit stolzer Verachtung auf die +arbeitenden Christen, ohne indess zu stolz zu sein, einem Fremden gleich +die bettelnde Hand entgegenzustrecken. + +Hr. B., der Engländer, kehrte noch Nachmittags an Bord zurück, das +Wirthshaus war ihm zu schlecht, und da er seines kranken Zustandes wegen +nicht gehen konnte, also fast die ganze Zeit auf das Hôtel d'Orient +angewiesen war, konnte er auch nichts Besseres thun. + +Ich selbst blieb mit meinen Leuten noch bis am andern Morgen und dann +gingen wir zu Fusse nach Stora. Der Weg geht immer längs des Meeres und an +zahlreichen Landhäusern, von hübschen Lustgärten umgeben, vorüber und bei +jeder Drehung des Weges bietet er ein anderes Panorama, dass die vier +Kilometer Entfernung ganz unbemerkt dahin schwinden. + +Stora selbst ist ein kleiner Ort von einigen Häusern, und diese sind fast +alle Schnapsläden oder Kaffeehäuser, aber auch eine Kirche und Schule +fehlen nicht, beide hoch über dem Orte gelegen. Der Ort war auch schon in +alten Zeiten besiedelt; eine grossartige Cisterne, von den Römern erbaut +und jetzt renovirt, und eine reizende Marmorfontaine, am Meere gelegen und +von der Cisterne gespeist, bezeugen dies hinlänglich. Noch heute hat die +Cisterne Wasser genug für den ganzen Ort, und die Marmorfontaine strahlt +das Wasser noch ebenso aus, wie zur Zeit der Römer. Von einem hohen +Gewölbe überdacht, ein Gewölbe, welches halb in die Felswand gehauen und +halb aus Ziegeln errichtet ist, aber auch aus den Römerzeiten herstammt, +verbreitet die Fontaine eine so angenehme Kühle, dass ich hier mein +Frühstück auftragen liess und die Zeit verbrachte, bis ich an Bord +zurückging. + +Von Zeit zu Zeit kamen die jungen Storenser Mädchen mit ihren +Wasserkrügen, um sie zu füllen, fast alle barfuss und fast alle +italienisches Blut, denn die eigentliche Volksschichte besteht hier meist +aus Maltesern. Sah man aus der künstlichen Grotte heraus, so hatte man das +schönste Bild vor Augen; der ganze herrliche Golf, im Hintergrunde +Philippeville, die auf den Wellen schaukelnden Dampfer, zahlreiche kleine +Fischerboote mit ihren grossen lateinischen Segeln--tagelang hätte ich in +diesem Zauberneste bleiben mögen. Aber die Stunde schlug, der alte +Bootsmann bemächtigte sich des Gepäckes, und wir ruderten wieder auf +unsern Caid los. + +Am andern Morgen, der Dampfer war schon gegen Mitternacht angekommen, +lagen wir auf der Rhede von Bone. + +Stolz lag die Tochter des alten Ortes Hippo regius vor uns. Hatte der +heilige Augustin wohl geahnt, dass einst nach 1000 Jahren hier wieder das +Evangelium gelehrt werden würde? + +Bone liegt jetzt ganz auf der Stelle des alten Hippo, von dem wir wissen, +dass es 5 M. nordwestlich von der Mündung des Ubus- (Seibouse-) Flusses +gelegen war. Der Name Bona, der schon im zwölften Jahrhundert erscheint +und offenbar von [griechisch: hippôn basilikos] gebildet ist, hat jetzt +sich in das französische Bone verwandelt. Von den Tyriern angelegt, ist +der Name Hippo phönicischen Ursprunges. Zuerst den Carthagern botmässig, +wurde von den Römern der Ort Massinissa und seinen Nachfolgern überlassen, +und erhielt zu dieser Epoche den Beinamen regius, theils um nun dies Hippo +von dem nahen Hippo Zaritus zu unterscheiden, theils weil es oft Sitz der +numidischen Könige selbst war. Als die Römer sich später selbst dieses +Landes bemächtigten, blieb Hippo noch eine bedeutende, indess wenig +beachtete Stadt; aber die Häuschen der Peutinger'schen Tafel beweisen auch +hier zur Genüge die Ansehnlichkeit des Ortes. + +Der heilige Augustin, der in Tagasta geboren, in Carthago erzogen, hier +als Bischof wirkte, war es, der hauptsächlich die Christen zu jener +heldenmüthigen Vertheidigung gegen den Vandalen Genserich anspornte. Sein +Gebet, nicht in die Hände der Barbaren zu fallen, sollte erfüllt werden: +im 3. Monat der Belagerung starb er. Hippo Regius wurde dem Boden gleich +gemacht; aber Augustin, einer der grössten Kirchenväter, würde allein das +Andenken an Hippo bewahrt haben, wenn nicht in der Neuzeit die +grossartigen Ruinen, die selbst dem Vandalismus nicht erliegen konnten, +Zeugniss von der einstigen Blüthe dieses Ortes gegeben hätten. + +Ich nahm sogleich ein Boot und liess mich ans Land setzen, da wir bis +Nachmittag Zeit hatten, und die Strassen der Stadt durchlaufend, kam ich +bald ans andere Ende, wo unter einem alten Aquäduct hindurch und zwischen +lachenden Gärten liegend der Weg zur Pepinière führt. Fast jede Stadt +Algeriens hat eine Pepinière oder Baumpflanzschule. Meist sind dieselben +zu vollkommenen Jardins d'essai ausgebildet, und haben somit für die +Colonisation das Gute, dass die Pflanzer sich nicht mit unnützen Versuchen +abzumühen brauchen. Gedeiht ein Baum gut, oder sieht man namentlich +nützliche Pflanzen im Klima Algeriens anschlagen, so wird das öffentlich +bekannt gemacht und Sämereien oder Stecklinge zur Disposition der Pflanzer +gestellt. Es ist dies gewiss ein sehr nützliches Unternehmen der +Communalbehörden, und namentlich der grosse Garten dieser Art von Algier +selbst hat grosse Verdienste um Einführung früher nicht gekannter +Pflanzen. + +Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, "der Franzose versteht ganz +und gar nicht zu colonisiren". Der französische Bauer ist, namentlich der +aus dem Norden, ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung wird von +den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie von uns. Auf den meisten +grösseren Farmen wird jetzt Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet, +und die Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch +Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth. Will es +trotzdem mit der Colonisation nicht recht vorwärts gehen, so liegt das +theils an der Militär-Administration, theils an der Einrichtung der +Bureaux arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten der +Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst nach allen Richtungen das +Land, und die Hauptörter werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander +verbunden sein. + +Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt in seinem Innern ein +kleines naturhistorisches Museum, das indess nichts besonderes aufzuweisen +hat. Ein alter römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist die +einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt, obschon sonst +die Gegend an Ueberresten der Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner +überreich ist. + +Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General Faidherbe hier +stationirt war, er war es eben, der den Sarkophag hieher hatte +transportiren lassen. Die Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um +die Geographie von Afrika[2] verdienten Mannes musste also rasch gemacht +werden, und ich liess mich auf das Hôtel der Subdivision, welche Hr. +Faidherbe jetzt commandirte, führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie +zuvorkommend ich vom General empfangen wurde, ich durfte ihn natürlich +während der Stunden meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen, und nach dem +Frühstück hatte er die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der +Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen, oder +vielleicht waren es Bäder, an deren oberen Partie man dem heiligen +Augustin ein hübsches Denkmal errichtet hat. General Faidherbe, der lange +Zeit am Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht, dass die +Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator, ein viel besseres Naturell +als die Araber hätten, und für Cultur und Civilisation weit empfänglicher +als diese seien. Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien +beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse über die +Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme. Herr Faidherbe war so +aufmerksam, mich bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis zum +letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend und +liebenswürdig, das sind Eigenschaften, welche man nirgends so sehr wie bei +den Franzosen antrifft. + +Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch von Statten, schon andern +Morgens ankerten wir vor der Goletta. Nach einem Augenblick kam der +Canzler des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang zu nehmen; +denn um nicht die Unannehmlichkeiten der Tuniser Douane durchmachen zu +müssen, hatte ich von Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen +gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen mit, sondern auf +Befehl des Bei von Tunis hatte der Admiral des Hafens von Goletta eine +Barke zur Disposition stellen müssen, um uns an's Land zu rudern. Ohne +weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren vor sich gehen, +und die zehn Marine-Soldaten brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte +hier, dass die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei ist, +während dieser nämlich einen weissen Halbmond und Stern im rothen Felde +führt, hat der Bei von Tunis im rothen Felde eine weisse Kugel, und darin +einen rothen Halbmond und einen rothen Stern. + +Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten, und machten da zugleich +die Bekanntschaft des englischen Generalconsuls, Hrn. Wood, und des +französischen Viceconsuls von Goletta. In Tunis ist man schon von der +Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite verläuft dort bei +den höheren Beamten oder bei dem Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei +uns. + +Bei den Türken und namentlich in den türkischen Provinzen herrscht aber +noch die gute alte Sitte einer Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine +Wasserpfeife fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung, die +in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des Lords Exmouth nach Tunis, +und seit dem Ultimatum, welches die Grossmächte von Aachen aus am 18. +Novbr. 1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am 21. Septbr. +durch die englischen und französischen Admirale Freemantle und Jurien dem +Bei notificirt wurde, schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab +nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen in der +Regentschaft vor sich gehen. + +Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen Dynastie, Hussein ben +Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf den Thron kam, eine neue Epoche im +Staatsleben der Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig zu +notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel Dei geführt, während +Hussein ben Ali zuerst den Titel Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht +vollkommen unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem einen +sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss eines jeden andern, die +Vollheit der Autorität in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der +Regenten, welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt, der Sohn +eines griechischen Renegaten war) bis auf den jetzigen Bei, Namens Sadduk, +bei Zwistigkeiten, früher mit der Regierung des Deis von Algier, später +mit christlichen Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention +angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland das tunisische Gouvernement +es sich nicht nehmen liess, der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht +man immer doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur eine Art +spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs aber von ihm abhängig sein +will. + +Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn auch gar kein Tribut mehr +nach Konstantinopel bezahlt worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz +ohne Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von Algerien hat +keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste von Tunis so sehr unterstützt und +befördert wie Frankreich, und keine Macht hat dieselben so viel wie +möglich einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land ging dabei von +dem Grundsatz aus, dass ein kleines unabhängiges Land, noch dazu nächster +Nachbar, im gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn ein +gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern Staat, und hier zur +Pforte, bestände. Und aus eben diesem Grunde hat England die Beziehungen +von Tunis zur Türkei wieder enger zu machen versucht. + +Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte, zugleich aber auch das +Gefährliche einer solchen Lage Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte +in den letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam die +schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht beseitigt ist. + +Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland im Verein +mit England und Italien den französischen Planen gewachsen ist, ohne dass +Tunis genöthigt wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu werfen. +Wenigstens wurden die letzten Anschläge der französischen Regierung in +Betreff der Schuldforderung von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne +die kräftige Intervention von England, Norddeutschland und Italien wäre +Tunis heute eine französische Präfectur und zwar auf ganz friedlichem Wege +geworden. Wenn man aber bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das +mittelländische Meer gelegen ist, und was Frankreich durch den Zuwachs +einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann kann man sicher nicht genug +darauf bedacht sein, eine Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin +zu verhindern. + +Ob je Tunis seinem Schicksal entgehen wird, einer europäischen Macht +anheim zu fallen, das bezweifle ich. Eigentliche Civilisation ist hier +ebenso wenig wie in Aegypten und in der Türkei, und es wird von der +Nachwelt gewiss als eines der grössten Wunder betrachtet werden, dass +solche Staaten im 19ten Jahrhundert vor den Thoren Europa's haben +existiren können. + +Staunen wir nicht darüber, wenn wir lesen, dass im Jahr 1823 n. Chr. in +Tunis es fast zum Bruch mit der englischen Regierung gekommen wäre, weil +die Juden anfingen, sich europäisch zu kleiden und namentlich sich des +Hutes bedienten, ja im selben Jahre für dasselbe Verbrechen, d.h. einen +schwarzen Cylinder getragen zu haben, zwei Juden in Tunis die Bastonade +bekamen und nur mit Mühe durch Hrn. Nylsen, dem holländischen Consul, +welcher derzeit Toscana vertrat, ihre Freilassung erlangten. Aber solche +Sachen passiren noch alle Tage, wenn auch nicht so eclatant und +öffentlich. + +Zwei Wagen, die Hr. Tulin, schwedischer General-Consul und preussischer +Agent, herausgeschickt, brachten uns in anderthalb Stunden von der Goletta +nach Tunis selbst. Der Weg war, da es seit Tagen geregnet hatte, +entsetzlich, und je näher wir der Stadt kamen, desto bodenloser wurde er. +In der Stadt selbst waren denn die Strassen auch ganz ein Schmutzmeer; es +war, als hätte man sie mit Chocolade einen halben Fuss hoch begossen. Eine +mohammedanische Stadt kann ich mir nun einmal nicht ohne Schmutz denken, +und es würde mir selbst befremdend vorgekommen sein, wenn dem nicht so +gewesen wäre; mich amüsirte nur mein Berliner Photograph, der fortwährend +ausrief, dass es unter den Linden doch ganz anders sei. Damit man durch +diese Schmutzüberschwemmung zu Fuss hindurchkommen kann, hat die +europäische Colonie in Tunis ein eigenes Schuhwerk erfinden müssen, hohe +Holzschuhe, welche auf noch höheren eisernen Ringen ruhen, und die man mit +Lederriemen unter sein Schuhwerk bindet. + +Leider sollte es mir nur vergönnt sein, in Tunis eine Nacht zu bleiben, +denn die Fahrten der Dampfer waren der Art eingerichtet, dass ich ohne +einen Verzug von zehn Tagen den am folgenden nach Malta abfahrenden nicht +versäumen durfte. Ich machte indess hier die interessante Bekanntschaft +des Herrn von Maltzan, welcher sich Studien halber für längere Zeit in +Tunis aufhielt. + +Baron von Maltzan, schon seit Jahren an der Nordküste von Afrika und in +Arabien heimisch, ein poetisches Gemüth, was seinen Reisebeschreibungen +allerdings einen eigenen Reiz verleiht, andererseits aber auch eben der +poetischen Auffassung wegen Abbruch thut, hat der Wissenschaft einen +grossen Dienst gethan durch Veröffentlichung seines Werkes über Sardinien. +Offenbar einer der besten Kenner der phönicischen Sprache und Alterthümer, +hat Niemand in Deutschland so sehr auf den Reichthum, den Sardinien in +dieser Hinsicht birgt, aufmerksam gemacht, wie Maltzan. + +Zu gleichem Zwecke hielt er sich in Tunis auf; bot doch die Stätte des +alten Carthago eine wahre Fundgrube für unseren gelehrten Phönicier. Zudem +hatte er entdeckt, dass der Sohn des Chasnadar ein ganzes Museum +phönicischer Alterthümer besässe mit kostbaren Inschriften. Nach vielen +Schwierigkeiten gelang es Hrn. von Maltzan, Einsicht dieses Museums zu +bekommen, aber alle seine Bemühungen, Photographieen der interessanten und +wichtigen Inschriften machen zu dürfen, sind bis jetzt gescheitert. + +Die Bevölkerung von Tunis machte indess einen ebenso peinlichen Eindruck, +wie die der algerischen Provinz, man sah, dass Cholera und Hungertyphus +hier gewüthet hatten. Dazu die grösste Insolvenz der Regierung, alle +Beamten von oben bis unten, das ganze Heer und die Marine hatten seit zwei +Jahren keinen Lohn erhalten. Diese Thatsachen sprechen laut genug, wie es +um den tunisischen Staat bestellt ist. Möge die Finanzcommission, +zusammengesetzt aus Norddeutschland, England, Frankreich und Italien, von +der man jetzt Rettung und baldiges Eintreffen erwartet, nicht lange auf +sich warten lassen. + +Der Rückweg nach Goletta und die Einschiffung ging auf dieselbe Weise von +Statten, nur dass wir diesmal an Bord eines Dampfers kamen, der gerade +doppelten Tonnengehalt hatte, wie die Germania, welche so eben die erste +deutsche Nordpolfahrt zurückgelegt hat. + +Man kann sich denken, wie wir an Bord dieser Nussschaale herumgeworfen +wurden, aber wir hatten einen englischen Capitän, der Rio-Janeiro, Canton, +Danzig, Stettin und andere Häfen gesehen hatte, also ein alter Seelöwe +war; und trotz eines Sturmes, welcher auf dem Mittelmeere gar nicht +spasshaft ist, kamen wir gut über. + +Aber wie sah es oft in der engen Cajüte aus! Der alte Capitain hatte +nämlich das Steckenpferd, sich eine ganze Menagerie an Bord zu halten, +diese bestand aus seiner Frau, vielen Hunden, Katzen, Hühnern, Vögeln, +Enten und anderen Vier- und Zweifüsslern. Das Sonderbarste war, dass alle +Thiere einen Namen hatten--da war ein Neufundländer Nelson, eine schlaue +Katze, die Napoleon hiess, andere Thiere Wellington, Blücher, Malborough +etc.; bitter beklagte indess der alte Capitän, dass Bismarck desertirt +sei. + +Ich konnte Bismarck das nun gar nicht verdenken, denn wenn bei einem +besonders starken Wellenschlage alle diese Thiere mit Bänken und Schüsseln +in der Cajüte umhertanzten, gehörten mehr als starke Nerven dazu, um es +auszuhalten. Abends 8 Uhr am 28. November warfen wir Anker im Hafen von La +Valetta, und waren einige Augenblicke später wieder auf europäischem Grund +und Boden. + + * * * * * + + + + +Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis. + + +Im freundlichen Imperial-Hôtel in Lavaletta abgestiegen, mussten wir nun +freilich in Malta längere Zeit bleiben, als wir, wenn es nach unserem +Wunsche gegangen wäre, beabsichtigt hatten; aber mit Malta hat der +regelmässige Verkehr ein Ende, wenigstens wenn man nach Tripolis will, und +man muss sich den Launen der türkischen Dampfschiffs-Eigenthümer, sowie +dem Wetter fügen. + +Indess kann man die Zeit in Lavalletta und Malta recht gut hinbringen. +Freilich bietet die Stadt für einen Nichtmilitair des Interessanten nicht +viel. Das Palais des Gouverneurs, ehemals das des Grossmeisters der +Johanniter, die Johanniskirche, einige Palläste der ehemaligen Zungen, +besonders das castilianische Hôtel, einige hübsche Promenaden, zwei +Bibliotheken, endlich Oper und einige Clubs gewähren wohl für einige Tage +dem Fremden Unterhaltung, wer aber all dies von früher her schon kennt, +und ich war nun schon verschiedene Male in Lavalletta gewesen, der sehnt +sich nach etwas Anderem. Dazu kömmt nun noch, dass an keinem Orte von +Europa die Familien so abgeschlossen und für den Fremden schwer zugänglich +sind, als in Malta. Längere Zeit unter der Herrschaft der Araber, wie ja +auch heute noch die Volkssprache auf Malta ein arabischer Dialekt ist, +halten die Familien ihr Haus dem Fremden fast so fest verschlossen, wie es +der Mohammedaner einem nicht zu seiner Sippe Gehörigen thut, und trotzdem +ich mehrere Bekannte in Lavalletta hatte, war es mir nie gelungen, Eingang +zu ihren Familien zu bekommen. Natürlich nehme ich die dort residirenden +Engländer hiervon aus, welche auch hier wie überall ihre gastlichen +Eigenschaften beibehalten haben. + +Wer nun aber längere Zeit einen gezwungenen Aufenthalt auf diesen Inseln +haben sollte, der bleibe nicht in der Stadt, sondern mache Ausflüge, und +ob er diese zu Fuss mache, oder mit jenem antiken Einspänner ohne +Springfedern, er wird seine Spaziertouren nicht bereuen. Malta hat die +lieblichsten Buchten, viele interessante Ruinen aus phönicischer Zeit, von +denen ich hier nur Hedjer Kim, Mnaidra und die merkwürdige natürliche +Einsenkung Makluba nenne. Auch Gozzo mit seinem ebenfalls aus phönicischer +Zeit stammenden Riesenthurm ist eines Besuches werth; kurz wenn man nicht +seinen Aufenthalt auf Lavalletta selbst beschränkt, kann man 14 Tage recht +gut auf Malta hinbringen. + +Erst am 11. December war der "Trabulos Garb", ein türkischer Dampfer, +welcher dem Schich el bled von Tripolis gehört, segelfertig. In den +Wintermonaten ist es gar nicht angenehm und oft sehr gefahrvoll auf dem +Mittelmeere, und Jeder erinnert sich noch wohl der heftigen Stürme, welche +gerade in dem Monat auf unserer Hemisphäre stattfanden. Zudem kam noch, +dass "Trabulos Garb" so eben erst eine unheilvolle Katastrophe erlebt +hatte: Von Smyrna abgehend mit für Tripolitanien bestimmten Soldaten, +sprang der Kessel noch ehe der Dampfer den Hafen verlassen hatte. Der +Maschinist, die Heizer und über 50 Soldaten waren augenblickliche Opfer, +wie viele aber noch später starben infolge von Verwundungen, hat man nie +erfahren können; in dem türkischen Reiche kümmert man sich um dergleichen +nicht. Andererseits bot jedoch jetzt das Dampfschiff eine gewisse +Garantie, denn in den Docks von Lavalletta mit einem neuen Kessel +versehen, durfte man annehmen, dass das Schiff nur seetüchtig entlassen +worden sei. Ueberdies war es das einzige Mittel, um nach Tripolis zu +kommen, wenn man nicht mit einem Segelschiffe, die im Winter jedoch noch +weit gefährlicher und unsicherer sind, die Fahrt hätte machen wollen. + +Die Einpackung und Verladung der vielen Kisten hatte unser norddeutscher +Consul, Hr. Ferro, schon besorgt, und überhaupt während der ganzen Zeit +meines Aufenthaltes in Malta sowohl als auch später in Tripolis nicht +aufgehört, auf das Liebenswürdigste sich meiner Sache anzunehmen. + +Unsere Ueberfahrt nach Tripolis war eine sehr gute, schon nach 30 Stunden +erreichten wir das afrikanische Ufer. Oea mit seinen grossen Palmenwäldern +lag vor uns, und einen Augenblick später konnten wir schon die einzelnen +Häuser unterscheiden. Angesichts der Stadt, liess ich mit Bewilligung des +Capitains unsere norddeutsche Flagge am Hauptmaste aufhissen, es war das +erste Mal, dass sich dieselbe vor Tripolis zeigte; für meine vielen +Freunde und Bekannten daselbst sollte es zugleich ein verabredetes Zeichen +sein, dass ich mich an Bord befände. Und kaum hatte man unsere Flagge +bemerkt, als sämmtliche Consulatsfahnen an ihren hohen, langen Mastbäumen +emporstiegen. Nirgends ist wohl unsere deutsche Flagge ehrenhafter und +freudiger bei ihrem ersten Erscheinen begrüsst worden; die Stadt hatte ihr +sonntäglichstes Aussehen angenommen. Die Formalitäten des Passes, der +Douane und der Sanitätspolizei waren rasch durchgemacht, und kurz nachdem +wir Anker geschmissen hatten, konnten wir landen. + +Die Ankunft des Dampfers, der zugleich die verschiedenen Posten aus Europa +bringt, ist für eine so abgelegene Stadt wie Tripolis immer ein Ereigniss, +und die ganze Stadt findet sich dann am Quai des Hafens versammelt; auf +diese Art konnte ich auf Ein Mal fast meine sämmtlichen Bekannten +begrüssen, fast alle waren auf dem Quai versammelt. + +Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern fuhr gleich nach der +Mschia hinaus, wo Consul Rossi mit bekannter Liebenswürdigkeit seinen +Landsitz zu meiner Disposition gestellt hatte. Tripolis hatte einen +weiteren Schritt in der Civilisation gemacht: es hatte ein Fuhrwerk +bekommen, eine kleine Malteser "Kascha", welche Droschkendienst +verrichtete. Früher hatten nur der Pascha und einige der Consuln Wagen, +jetzt konnte sich jeder, wer einige Piaster über hatte, das Vergnügen des +Fahrens machen, und oft genug sah man elegant gekleidete Judendandi's, die +noch vor wenigen Jahren baarfuss bei jedem Moslim vorbeigehen und sich +jedwede Schmach von einem fanatischen Druisch gefallen lassen mussten, die +Kascha benutzen, und durch Extrabakschische angefeuert, fuhr der Kutscher +sie zum Aerger der Rechtgläubigen in rasender Geschwindigkeit über den +Grossen Platz, zwischen Stadt und Mschia. + +Unsere Sachen waren auch bald in dem Landhause des Herrn Rossi, das recht +freundlich und heimisch in einem Palmgarten gelegen ist, angekommen; die +nach Bornu bestimmten Sachen liess ich indess alle in einem eigens dazu +gemietheten Hause in der Stadt. Beim Auspacken fand sich, dass alle +unversehrt, mit Ausnahme einer grossen Glasglocke übergekommen waren. Die +noch fehlenden Sachen: Kameele, Seidenstoffe, Corallen etc., wurden nun +auch gleich eingekauft, da man dergleichen in Tripolis besser, und eigens +für den Geschmack der innern Völker hergerichtet, bekommen kann, als in +Europa. Ich hatte hier wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie die +Tripolitaner, seien es Christen oder Juden, es geschickt anzufangen +wissen, einem Fremden gegenüber den Uneigennützigen zu spielen, ohne dabei +im Mindesten ihren oft beträchtlichen Gewinn aus den Augen zu verlieren. +Man sollte in der That meinen, wenn man es mit diesen Leuten zu thun hat, +als ob sie beim Verkauf verlören, und trotzdem, wenn sie Fünfzig auf +Hundert gewinnen, glauben sie schlechte Geschäfte gemacht zu haben--denn +sie _hätten_ ja hundert Procent und mehr gewinnen können. Es ist dies +übrigens so natürlich, dass ich mich gar nicht darüber wundern sollte: Die +Juden und Christen leihen den Arabern ihr Geld zu 5 Procent _monatlich_; 2 +Procent oder 1½ Procent _monatlich_ zu nehmen, sind seltene Fälle, ein +solcher Mann ist sicherlich ein Ehrenmann, und wird allgemein wegen seiner +Uneigennützigkeit gelobt. Die meisten, oder man kann fast sagen, alle in +Tripolis lebenden Juden und Christen haben auf diese Weise ihr Geld +verdient, denn der eigentliche reelle Handel wirft in Tripolis keinen +grossen Gewinn ab. + +Welch merkwürdige Schicksale hat aber diese Stadt erlebt und welche +Zukunft steht ihr noch bevor, wenn sie einst wie Algerien in die Hände +einer aufgeklärteren Regierung kommen sollte. War nicht das alte Tripolis +jener Dreistädteverein Leptis magna, Oea und Sabratha, einst eine der +blühendsten und reichsten Colonien am Nordgestade Afrika's? Ohne hier +einen Abriss der Geschichte der Stadt geben zu wollen, welche sich auch +gar nicht, was die alte Zeit anbetrifft, von der Geschichte aller Städte +und Colonien Nordafrika's trennen lässt, werden gewiss meine Leser gern +einen Blick in die Vergangenheit thun, um zu sehen, unter welchen +Verhältnissen Tripolis das geworden, was es jetzt ist. + +Im heutigen Tripolitanien hausten im Alterthume nach Herodot die +Nasomonen, welche um die grosse Syrte nomadisirten und uns als verwegene +und gefährliche Seeräuber geschildert werden. Unter Augustus bekriegt, +verschwinden sie von der Seeküste und statt ihrer führt Ptolemäus die +Makakutae und die höhlenbewohnenden Lesaniki an, die Nasomonen verlegt er +weiter ins Innere. Westlich von den Nasomonen grenzten die Psylli und von +diesen wieder westlich die Maccae. Im äussersten Westen des heutigen +Tripolitanien waren nach Scylax die Lotophagen. Andere Völkerschaften +werden von Herodot und Ptolemäus im Innern genannt, als die Machlyes, +Auses, Nigintini, Astskures etc. Am bekanntesten von allen waren jedoch +die Garamanten, welche wir heutzutage, wenn auch nicht in Tripolitanien, +so doch im Stamme der Tebu südlich davon deutlich wiedererkennen. Aus +allen Angaben aber müssen wir schliessen, dass die Garamanten früher das +ganze heutige Kaimmakamlik Fesan inne hatten. + +Während die Kenntniss von den Garamanten unter den Griechen sich gänzlich +verlor, tauchte dieses Volk unter römischer Herrschaft wieder auf, und wir +finden nun auch zum ersten Mal den Namen Fesan, Phasania genannt, erwähnt. +Plinius führt uns eine Menge Städte und Oerter der Garamanten auf mit der +Hauptstadt Garama. Ob übrigens die Garamanten eine so grosse Ausdehnung +gehabt haben, wie die Alten es annehmen und auch noch einige Gelehrte der +Neuzeit, möchte nicht ganz erwiesen sein, man müsste denn ganz Bornu als +ihnen damals unterworfen betrachten. Die Hauptstadt Garama finden wir im +heutigen Djerma in Fesan wieder, auch Krema in Tibesti erinnert an Garama, +sowie Berdoa an Borde in eben dem Lande. + +Zu diesen an der Küste wohnenden Libyern, welche von den Römern Numider +(vom Worte [griechisch: nomades], herumziehende Völker) genannt wurden, +kamen zur Zeit der trojanischen Kriege phönicische Handelsleute: so +entstand Leptis, Oea, Sabratha und die wichtigste Colonie von allen, +Carthago. Während so die Geschichte Tripolis' mit der von Carthago eng +Hand in Hand geht, sehen wir dann, wie Massinissa, ein numidischer König, +sich mit Hülfe der Römer an der Küste ein unabhängiges Königreich gründet. +Nach dem zweiten punischen Kriege war er Herrscher fast des ganzen heutigen +Tripolitanien mit Ausnahme von Cyrenaica. Die Empörung Jugurtha's, des +Enkels von Massinissa, gegen römische Vormundschaft, die Herrschaft Juba's +führten dann diese Länder bald gänzlich in die Gewaltherrschaft der Römer. + +Mit dem Einbruche der Vandalen und später der Araber wurde das +Christenthum, welches an der ganzen Nordküste von Afrika in mehr denn 500 +Bischofssprengeln gelehrt wurde, zu Grabe getragen; und im Jahre 647 +erschien Abd Allah, vom Kalifen Otman geschickt, unter den Mauern +Tripolis'. Im Jahre 680 sehen wir alle Berberstaaten durch Akbah +unterworfen, und im neunten Jahrhundert finden wir die Aglabiten in +Tripolis herrschend. Obgleich nun die Stadt vom tapferen Normannenkönig +Roger im Jahre 1146 den Mohammedanern wieder entrissen wurde, bemächtigten +sich unter Abd el Mumin schon im Jahre 1159 wieder die Almohaden des +Ortes. Darauf unter dem Scepter von Abu Fares von Tunis, eroberten 1510 +die Spanier die Stadt unter Peter von Navarra. Dieser schleppte alle +mohammedanischen Einwohner fort, Carl V. erlaubte ihnen jedoch +zurückzukehren und die Stadt, zwar ohne Wälle, wieder aufzubauen. 1530 +wurde Tripolis von Carl V. an die Malteser Ritter gegeben, aber schon drei +Jahre darauf vom berüchtigten Seeräuber Barbarossa erobert; dieser wurde +jedoch von Carl wieder vertrieben und bis 1551 blieb sie unter der +Herrschaft des Malteser Kreuzes, um in diesem Jahre für immer durch den +türkischen Admiral Sinan Pascha dem Halbmonde unterworfen zu werden. + +Zwar hatten die Türken auch nicht viel Ruhe und Frieden, schon acht Jahre +darauf empörte sich ein Scherif und wurde nur nach vielen Anstrengungen +unterdrückt. Ausserdem kam es jetzt der häufigen Seeräubereien der +Tripolitaner wegen zu häufigen Conflicten mit den christlichen Mächten. +Durch Verträge geschützt waren nur die Engländer und Franzosen, aber auch +diese mussten von Zeit zu Zeit Expeditionen senden, um mit Gewalt die +Aufrechthaltung der Verträge zu erzwingen. So sandte Cromwell im Jahre +1655 den Admiral Blake, um Genugthuung zu fordern; 1675 erschien Sir John +Narborough vor Tripolis, um begangene Verräthereien der Piraten zu +züchtigen. 1683 zerstörte der französische Admiral Duquesne im Wasser von +Tripolis eine grosse Zahl von Piratenschiffen, und zwei Jahre später legte +sich d'Estrées vor die Stadt und bombardirte sie; erst nach Abschluss +eines Vertrages und nach Zahlung von 500,000 Fr. hob d'Estrées die +Belagerung auf. + +Im Jahre 1714 trat endlich für Tripolis ein wichtiges Ereigniss ein. +Hammed Caramanli, ein Araberchef, der zugleich Häuptling einer +Reiterabtheilung war, unter dem türkischen Pascha, benutzte dessen Reise +nach Constantinopel, um sich zu empören und unabhängig zu machen. Durch +List hatte er die türkischen Soldaten aus der Stadt zu entfernen gewusst, +und dann zu einem grossen Feste, was an Beamten und Officieren übrig +blieb, eingeladen. Als die Türken sich, der Einladung folgend, zu Hammed +Caramanli begaben, wurde einer nach dem andern beim Eintreten in sein Haus +getödtet, und wer sonst von den Türken noch übrig war, wurde am folgenden +Tage ermordet gefunden. Die Zahl der Eingeladenen zum Festessen betrug +allein 300 Personen, welche alle erdrosselt wurden. Hammed schickte nun +gleich grosse Geschenke, das Eigenthum der ermordeten Personen, nach +Constantinopel, und der Grossherr hatte die Schwäche, seine Regierung +anzuerkennen und zu bestätigen. + +Die Caramanli's haben dann die Regierung bis zum Jahre 1835 inne gehabt. + +Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich die Verhältnisse mit den +christlichen Mächten nicht gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah +Frankreich sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine Flotte gegen +Tripolis zu schicken, welches von seinem alten Piratenunwesen nun ein Mal +nicht lassen wollte. Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen. +1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen Regierung für +erlittene Unbill Genugthuung verlangen, und erhielt dieselbe. Im Jahre +1745 war der zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt. Im +Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von seinem jüngsten Sohne Jussuf +getödtet, worüber ein blutiger Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber +durch einnehmendes Wesen und Geldbestechungen sich einen so grossen Anhang +zu verschaffen gewusst, dass Ali, um dem Kriege ein Ende zu machen, seinem +Sohne, dem Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm. Von anderer +Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte bald schon die Regierung der +Caramanli's beendigt. Ein Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in +Tripolis und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung der Stadt. +Keineswegs von der türkischen Regierung abgeschickt, scheint Ali Bugul +geheime Unterstützung des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der nach Tunis +geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe beim Bei, derselbe kam nach +Tripolis, vertrieb Ali Bugul und setzte die Caramanli wieder ein. Ali +Bugul floh nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die +Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe seinem zweiten +Sohne Hammed, welcher aber gleich darauf vom Brudermörder Jussuf +vertrieben wurde. + +Während der französischen Expedition nach Aegypten, stand Tripolis im +Geheimen zu den Franzosen, General Vaubois auf Malta, wurde während der +Belagerung mit Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher durch +die Drohungen der Engländer gezwungen, offen den Krieg an Frankreich +erklären musste, instruirte er heimlich seine Corsaren den französischen +Pavillon zu schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick +daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien aus Aegypten zu +ziehen. 1801 wurde von ihm ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser, +nach Tripolis geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am 18. Juni des +Jahres Frieden. In den Stipulationen war hauptsächlich die freie +Communication von Gütern und Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten +betont. Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem Truppen +machten jedoch diese Clausel überflüssig. + +Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien de la Gravière der +Regentschaft die Beschlüsse von Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und +Tunis geschehen war, und Jussuf, besonders da man das Recht schwarze +Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete, nahm offen alle +Bedingungen an. Es war hiemit ein grosser Schritt gewonnen. Denn durch +diesen Vertrag bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen Mächte, +wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte, Hannover und Preussen, +dieselbe Berechtigung wie die Fahrzeuge der Staaten, welche wie +Oesterreich, Frankreich und England Verträge mit den Berberstaaten hatten. +Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal die Piraterie +aufgehoben war, so waren damit alle anderen demüthigenden Verträge auch +vernichtet. Ich schreibe das Wort "demüthigend", denn obwohl seit +Jahrhunderten Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte die +Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören, und diese +Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten dem Erdboden hätten +gleichmachen können, so schlossen sie doch selbst die schimpflichsten +Verträge ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte, welche +keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels hatten, gänzlich zu +vernichten. Was sagt man dazu, dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen +Frankreich und Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: "dass die +Corsaren _französische_ Pässe vom _französischen_ Consul erhalten, um sie +vor den französischen Kriegsschiffen zu sichern, dass sie in den +französischen Häfen Schutz finden können, aber nur Prisen in der +Entfernung von 10 Meilen vom französischen Ufer machen dürfen. Die +französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe untersuchen, aber +das Durchsuchungsrecht ist auch den Piraten für die französischen +Kauffahrer gewährt." Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe, +welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten als verfallen +betrachtet wurden. Mit dem Jahre 1819 waren solche Zustände glücklicher +Weise überwunden. + +Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine Rebellion seines Sohnes, +welcher Statthalter in Bengasi war, zu unterdrücken, und übermüthig +geworden, glaubte er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner +gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch durch einen Agenten in +Tripolis vertreten, und als dieser sich weigerte, das übliche Geschenk an +den Pascha zu entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und +erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht lange, so erschien +Admiral Sivoli mit sardinischen Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha, +jetzt eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat unterhandeln, +verlangte aber dummerweise zum Segen des Friedensschlusses gleich von +vornherein die Summe von 30,000 Piastern. "30,000 Kugeln soll er haben," +antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der Stadt begann +sofort. Es versteht sich von selbst, dass die Sardinier nach kurzer Zeit +erlangten, was sie wollten, der Stolz Jussuf's war gebrochen. + +Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader vor Tripolis, um für +erlittene Unbillen Genugthuung zu verlangen, aber nicht so energisch wie +die Piemontesen, musste es unverrichteter Sache wieder abziehen. + +Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal die gewinnreiche Piraterie +nicht aufgeben wollten, wurde der Regierung Jussuf's die meisten +Unannehmlichkeiten bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher +Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst selbst ohnmächtig, +seine Unterthanen gegen die mohammedanischen Seeräuber zu schützen, wandte +sich an Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays eine Flotte, +welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte. Da aber Jussuf +Pascha dem päpstlichen Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme +zahlen musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten Chikanen an dem +derzeitigen französischen Consul zu rächen. Zu der Zeit war im Innern der +englische Reisende Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha scheute +sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft dieses Mordes und +namentlich des Besitzes der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau, +der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten Widerruf erlangen +konnte, strich er seinen Pavillon und schiffte sich nach Frankreich ein. +Der darüber zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische +Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des Vorganges zur Folge, +bei der sich die Unschuld des französischen Consuls auf's glänzendste +herausstellte. Das französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit +indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection zu geben, und +einen Monat später als die Einnahme Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel +vor der Stadt und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber trotz +der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen wurden. Frankreich trat +hier als Fürsprecher der ganzen Christenheit auf, denn ausser den +Entschuldigungen, welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen machen +musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher Sklaverei und jeder +Piraterie und die Abschaffung gewisser Geschenke, welche einige kleine +Staaten noch leisteten, decretirt. + +Zu diesen äusseren Complicationen, welche den Schatz des Paschas +verminderten, und da sie immer mit einer Demüthigung für die Regierung +Tripolis endeten, dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten, kamen +nun noch Revolten und Empörungen der eigenen Unterthanen, so dass man +jetzt schon den Untergang des alten Jussuf's voraussagen konnte. + +Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman, empörte sich offen 1831, +marschirte auf Fesan los, und bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf +schickte seine Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie aber +den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die Bergvölker, und zwangen +sie zu einer eiligen Umkehr nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's +voll zu machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter Dundas, +und verlangte für rückständige Schulden an britische Unterthanen die Summe +von 200,000 spanischen Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit +gegeben. Da es ihm unmöglich war, diese Summe so schnell zusammen zu +bringen, denn seine Geldnoth war so gross geworden, dass er sogar schon +die bronzenen Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft +hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington seine Flagge ein und +begab sich an Bord des Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich +Jussuf verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer zu +belegen. Diese, die von Alters her immer von allen Steuern frei gewesen +waren und es auch noch sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren, +antworteten sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie nicht +stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt, und zu seinem +Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu spät war es jetzt, die Ordre für die +Mschia zurückzunehmen, zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte, +um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich für ihn erklärt +hatten, zu setzen. Nichts half mehr, Die Mschia blieb in Revolte, und +seine Söhne flüchteten sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in +dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten hatte, sah er doch ein, +dass er den Umständen weichen müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes +Ali Caramanli ab.[3] + +Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit Ali in Verbindung, und +auch Major Warrington, der englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis +zurück, sobald er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt aber wie +thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt war noch immer belagert) +zu nehmen, bezog er sein in der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich +also inmitten der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen, dass +dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften die Rebellen dadurch +Hoffnung für ihre Sache, da sie mit Recht glaubten, England unterstütze +ihre Sache. Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher Uisir von +Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta befand, wurden sie überdies +von dieser Insel aus mit Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel +rüstete sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus, man braucht +wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde, indess obschon die Schiffe vor +Tripolis erschienen, konnten sie doch nichts Ernstliches ausrichten. + +Während so einerseits durch England unterstützt, die Rebellen der Mschia +den Muth nicht verloren und fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann +anderer Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen mit +ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten zur Unterstützung nach Tripolis +gesandt, und ein gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt +hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung und Hülfe an. In +Bengasi hatte man sich vollkommen dem neuen Pascha unterworfen und Ali der +Stadt seinen Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung +der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte Ali seinen Bruder Ibrahim +zu Rhuma, und vereint brachen diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed +Caramanli, der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch geschlagen, und +wenn jetzt die vereinigten Consulate zu Ali Pascha gehalten hätten, wäre +sicher bald die ganze Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von +Jussuf Pascha unterworfen worden. + +Aber England hat von jeher eine eigene Politik im Orient verfolgt; wobei +die Hauptsache _die_ war, die Türkei _soviel wie möglich zu kräftigen_, +und gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der Pforte zu spielen, +schon längst vorbereitet. Dass es sich dabei hauptsächlich darum handelte, +den Einfluss Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen, liegt +auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst Algerien erobert, früher +schon mal Aegypten besessen, war also mehr als irgend eine andere Macht +von den Bewohnern Nordafrika's gefürchtet. + +Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen in die Hände gespielt. +Eine geistige Suprematie der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch +anerkannt, und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich durch +Absendung von Geschenken nach Constantinopel bethätigt. Jetzt hiess es auf +einmal, es sei Zeit, dass die Pforte intervenire, um dem Streite der +Parteien ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne dieser +Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten, Schekir Bei, nach +Tripolis, um Aufklärung über die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte +nach Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde Ali Caramanli +als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst eines grossherrlichen Firmans, +und die Insurgenten zugleich aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese +aber waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates in +ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht, nichts weniger als +entmuthigt, hatten sogar die Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir +Bei, die Stadt zu bombardiren. + +Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine Flotte von +Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis abgehen. Den europäischen +Mächten wurde einfach mitgetheilt, es handle sich nur darum, Ali Caramanli +in Tripolis Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von Nedjib +Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und der türkische Befehlshaber +setzte sich gleich mit Ali Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen +seinem Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt, gab zu, dass die +Soldaten debarquiren und das Fort besetzen durften, und als er dann sich +selbst, um Nedjib Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff +begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung vorgelesen und +ihm gesagt, er würde nach Constantinopel transportirt werden. Am selben +Tage noch verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur von +Tripolitanien ernannte, liess die Thore der Stadt öffnen, und die +Rebellion der Mschia war wie ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent, +gleich nach Mesurata floh, und sich dort entleibte. + +Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt und der nächsten Umgebung +derselben waren, hatten sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft +unterworfen. Angesichts der Eroberung Algiers durch eine christliche +Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner der Nordküste Afrikas +instinktartig, dass allein ein Anschluss an die nach ihrem Glauben +allmächtige Dynastie der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale +bewahren könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene in Tunis +wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste der Furcht vor einer christlichen +Eroberung die Waage halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das +Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch den festen Glauben +an das Kalifat seiner Sultane. Und selbst die Niederlage von Isly konnte +im marokkanischen Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen, sich +Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten hingegen war das Volk +durch Unterdrückung und Sklaverei seit Jahren ganz unzurechnungsfähig +geworden; was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren wir +hier, schon lange vor 1835, in welchem Jahre sich die Pforte +Tripolitaniens bemächtigte, ein allmäliges Fortschreiten auf der Bahn +gänzlicher Unabhängigkeit. + +Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit bewundern, mit +der die Türken Tripolitanien zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz +des ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen verlieren, dass +die um ihre Religion besorgten Mohammedaner, so sehr sie auch immer +türkische Raublust und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits +wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der _Nothwendigkeit_ +der türkischen Herrschaft überzeugt waren. + +Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb nur 3 Monate auf seinem +Posten, ihm folgte Mehemmed Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste +Massregel, welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden +Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel. Otman, von seinem +Vorgänger zum Gouverneur von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal +durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt sich um diese Zeit +ruhig im Besitze Fesans, und ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von +Mesurata schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es auch sein +Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein neuer Gouverneur geschickt, da die +Pforte immer zu besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine +Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war Taher Pascha, der sich +hauptsächlich durch seine Unverschämtheit gegen die Europäer auszeichnete, +Intriguen mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine +unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn auch die Absendung einer +anderen türkischen Flotte unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich +wohl Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen, dann auch den +Bei von Constantine unterstützen sollte. Das französische Geschwader unter +Lalande vereitelte dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den +Auftrag von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass Frankreich auf +alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten würde. + +Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan Pascha. Derselbe erkannte +Rhuma als Chef vom Djebel an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil, +welcher sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien jährlich +25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan Pascha aber auch den +rückständigen Tribut verlangte, wurden die Verhandlungen abgebrochen, und +Abd el Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als aber 1840 schon +in der Person von Asker Pascha wieder ein neuer Pascha als Gouverneur kam, +wurde ein anderer Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen +wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische Piaster der +Regierung entrichten sollte. Aber wie immer sind die Verträge mit den +Arabern leicht gemacht, geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur +Ausführung derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige ebenso +wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien haben die Araberchefs fast +alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit gegen die Franzosen damit zu beschönigen +versucht, sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren des Islam +keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr ein gegebenes Wort zu +halten; verfolgen wir aber ihre Handlungen in Tripolitanien, so finden wir +da gegen die Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft +Wortbrüchigkeit. + +Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte im Jahre 1841, weigerte +sich sowohl Rhuma als auch Abd el Djelil, die eingegangenen +Verpflichtungen zu erfüllen, und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon nun +der Vortheil immer auf Seiten der Türken war, welche eine +wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie versehen, den unregelmässigen +Araber-Reitern entgegensetzen konnten, so war es doch schwer, der beiden +Chefs habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen bekannt, und +überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel, die den Türken gänzlich +unbekannt waren, zudem zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr +sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische Infanterie und +Artillerie nicht folgen konnte. + +Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen konnte: eine schnelle +Unterwerfung des Landes mittelst der Waffen, erreichte sie mit List, und +England lieh bereitwilligst seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der +englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte herumstreifenden Abd +el Djelil eine Zusammenkunft am Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata +vor, und dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie es ihn +früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli unterstützt hatte, ging +bereitwilligst auf den Vorschlag ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung +unterhielt der Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels, +versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den Sklavenhandel in +Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung Englands sicher sein könne. +Welche Versicherungen Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir nicht im +Stande zu berichten, wohl aber wissen wir, dass Abd el Djelil gar nicht in +seiner Macht hatte, den Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies +dem englischen Consulate bekannt sein musste.--Kaum hatte er sich vom +englischen Consul beurlaubt, als eine Armee Asker Pascha's, die heimlich +herangerückt war, über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und +alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil wurde enthauptet, +und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt auf dem Hauptthore Tripolis' zu +sehen. Im selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch den +Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan hatte sich gleich nach dem +Tode Djelil's unterworfen, ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue +Gouverneur nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel zu bekämpfen. +Auch dies wurde durch List bewerkstelligt, indem der Pascha mit Rhuma +Unterhandlungen anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen eines +freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber Rhuma, welcher wirklich +der Einladung folgte, in der Stadt war, wurde er gefangen genommen und +nach Constantinopel geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen Anhänger +revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha mit einer Armee vom Gouverneur +gegen sie abgeschickt, und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die +Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie sämmtlich bei dieser +Gelegenheit hinrichten. 60 blutige Häupter konnte er nach Tripolis +schicken. Zitternd und schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im +Mai 1843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten dort einige +Forts, legten darin Soldaten und Artillerie, um so für immer jede neue +Revolte gleich im Keime ersticken zu können. Und so geschah es auch im +folgenden Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem alten Anhänger +von Rhuma, noch einmal versuchten das Joch abzuschütteln. Nichts war seit +dem Jahre 1845 mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien zu +erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und unterworfen. + +Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure nicht mehr so häufig +gewechselt, erst 1846 wurde derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und +während früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte so weit ging, +dass den Gouverneuren nie gestattet wurde, Familie und Harem mit nach +Tripolis zu nehmen, wurde auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an +die Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu lassen. So notiren +wir denn, 1848 im December den neuen Gouverneur Iset Pascha, im September +1852 Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha, 1859 Mahmud +Pascha, welcher jetzt Marineminister ist, und welcher 1865 von Ali Riza +Pascha, welcher heute noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den +Regierungen aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit[4] war +überall, und Revolten scheinen auf immer den unterjochten Bewohnern +Tripolitaniens vergangen zu sein. + + * * * * * + + + + +Tripolitanien. + + +Unter der türkischen Regierung wird seit 1835 die Regentschaft Tripolis +von einem Generalgouverneur, welcher den Titel Muschir hat, regiert. Man +hat zu diesem Posten sowohl Leute aus dem Civilstande, als auch aus dem +Militairstande genommen, und selbst aus der Marine hat man Admiräle schon +als Gouverneure von Tripolitanien gesehen. Der Gouverneur kann nach +Belieben der Pforte abberufen werden, und im Anfange der Eroberung machte +das türkische Gouvernement oft genug Gebrauch davon, jetzt lässt man, wie +schon gesagt, einen ein Mal installirten Muschir meist vier Jahre auf +seinem Platze, was auch keineswegs, um sich mit allen Verhältnissen des +Landes und der Bewohner bekannt zu machen, zu lange ist. Die Gewalt +desselben ist heute nicht mehr eine unbeschränkte, das Recht über Leben +und Tod steht ihm nicht zu, und in der Verwaltung der Provinz steht ihm +die grosse Midjeles oder eine Rathsversammlung zur Seite. Dieser Rath +umfasst die Personen der ersten Aemter, als Richter, Militaircommandant, +oberster Geistlicher u.s.w. Wegen des Muschir kann man über dies nach +Constantinopel an's Ministerium oder an den Grossherrn selbst appelliren, +was jedoch selten Jemand zu thun wagt. Der Muschir bezieht von +Constantinopel sein bestimmtes Gehalt, welches übrigens je nach seinem +anderen Range variirt, als Gouverneur soll er fünfzigtausend Francs +Einkommen haben. + +Das in Tripolis stationirte Militair steht unter einem selbständigen +Commando, und der Oberst-Commandirende hat gewöhnlich den Rang eines +Generallieutenants. Meist sind nicht mehr als 6000 Mann regelmässige +Truppen vorhanden, Infanterie und Artillerie. Diese werden immer aus +anderen Provinzen des Reiches hergezogen, während die in Tripolitanien +ausgehobenen Truppen in den übrigen Theilen des Reiches zur Verwendung +kommen. Während dem Muschir nicht zusteht in die innere Administration der +Truppen einzugreifen, so hat er indess die Macht über ihre Garnisonirung, +und im Falle von Revolten, ertheilt er den Befehl zum Marsch und Angriff. +Die in Tripolitanien bestehende Bürgermiliz, wie die z.B. der Mschia[5], +wo jeder Mann geborner Soldat ist, dann die der Gensd'armen, Kavassen, +Saptién u.s.w., stehen unter dem directen Befehl des Muschir's. + +Was die Finanzen anbetrifft, so werden sie unabhängig vom Muschir +verwaltet, und stehen unter der Leitung des Mohasebdji oder Chasnadar, +welcher von dem Finanzministerium in Constantinopel seine Bestallung +erhält, und demselben die Einnahmen abzuliefern hat, ebenso ist auch die +Douane unabhängig vom Generalgouvernement verwaltet. + +Die Einkünfte von Tripolitanien sind nicht genau bekannt, indess bringt +das Land reichlich soviel auf, als die Beamten und das dort stationirte +Militair an Gehalt und Sold erfordern, und in den meisten Jahren kann noch +ein hübscher Ueberschuss nach Constantinopel abgeliefert werden. +Durchschnittlich kann man den Ueberschuss auf jährlich 600,000 Francs +anschlagen. Im Kriege gegen Russland erhob die Pforte zudem eine +Extracontribution von 2,608,700 Francs. Die Einkünfte gehen hervor aus den +directen Abgaben, welche von allen Producten des Bodens erhoben werden, +und der Judensteuer, welche den einzelnen Gliedern dieses Glaubens von +ihrem Rharham-Baschi oder Gross-Rabiner zugemessen wird. So zahlt z.B. +jeder Oelbaum und jede Palme 2½ Piaster (und wenn es eine Lakbi gebende +Palme ist, 5 Piaster), jedes Kameel 40 Piaster, jedes Rind 20 Piaster, 10 +Schafe; 40 und 20 Ziegen 40 Piaster jährlich. Dass hierbei viele +Umgehungen stattfinden, ist schon an anderen Orten erwähnt worden. + +Die indirecten Abgaben, welche meist vom Gouvernement als Monopol dem +Meistbietenden zugeschlagen werden, gehen hervor aus der Douane, die 5 +Proc. Eingangszoll und 12 Proc. Ausgangszoll erhebt, aus dem Rechte +Spirituosen zu machen und zu verkaufen, aus der Stempelung des Goldes und +Silbers, welches, gleichviel ob alt oder neu, verarbeitet oder roh, +geaicht sein muss, aus der öffentlichen Wage, da alle Sachen, welche en +gros verkauft werden, durch einen Amin gewogen werden müssen; aus dem +Fischertrage, indem alle Fische, welche auf den Markt gebracht werden, 8 +Proc. ihres Werthes abgeben müssen; aus dem Fleische, welches ein Pächter +sowohl der Armee zu einem im Voraus bestimmten Preise das ganze Jahr +liefern muss, als er auch ausserdem von jedem Schafe 2½ Piaster und von +jedem Rinde etwa 10-17½ Piaster, je nach der Grösse beim Schlachten geben +muss, endlich aus dem Tabacks-Monopole und der Hara, d.h. das Vorrecht, +den Dünger und die Unreinlichkeit aus den Städten zu schaffen. Dass die +Einnahmen der indirecten Abgaben gar nicht gering sind, geht aus einer vom +holländischen Generalconsul v. Testa zusammengestellten Tabelle vom Jahre +1851/1852 hervor, nach welcher die gesammten eben aufgeführten Monopole +die Summe von 1,352,000 Francs für's Gouvernement ergeben. Zugleich +ersehen wir aus denselben, dass die Einkünfte, folglich der Reichthum von +Tripolitanien von Jahr zu Jahr zunehmen. Das eben Angeführte gilt für alle +Städte und Orte, nur mit dem Unterschiede, dass die Grösse der erhobenen +Abgaben, je nach dem Gouverneur oder Kaimmakam oder Mudir wechselt, indem +zwar in den Liva auch die Finanzen nicht direct unter dem Kaimmakam +stehen, derselbe aber in der Regel mit dem Kateb el mel oder Zahlmeister, +welcher die Einnahmen unter sich hat, im Bündnisse ist. Ausserdem werden +in den verschiedenen Liva noch andere Abgaben erhoben, so liess sich z.B. +im Jahre 1865 der Kaimmakam von Fesan für jeden durchziehenden Sklaven ein +Kopfgeld von 40 Piaster zahlen und erlaubte seinem Kavass-Bascha oder +Polizeidirector am Thore noch 5 Piaster für jeden durchziehenden Sklaven +zu erheben. Bewaffnete Araber mussten für eine Flinte am Thore auch 2 +Piaster zahlen und dieser Brauch ist in Tripolis selbst auch, wenn wir +nicht irren. + +Die Exportation von ganz Tripolitanien kann man durchschnittlich jetzt im +Werthe von 10-12 Millionen veranschlagen, die der Importation im Werthe +von 5-6 Millionen, was eine Gesammtsumme von 15-18 Millionen Francs +ergiebt. Mircher, der für die Stadt Tripolis die Gesammtsumme von +5,500,000 Francs angiebt, ist viel zu niedrig in seiner Schätzung. Dann +sind aber auch die anderen Städte, wie Mezurata, Bengasi und Derna gar +nicht bei ihm in Betracht gezogen. + +Die Rechnung und das Geld in Tripolitanien sind jetzt eben so wie im +übrigen türkischen Reiche. Die kleinste Münze ist der Para, die jedoch +bloss noch imaginär existirt, man findet dann zehn Para-Stücke, Bu-Aschra- +und zwanzig Para-Stücke, Bu-Aschrin genannt. Zwei Bu-Aschrin machen den +türkischen Piaster und fünf Bu-Aschrin einen tripolitanischen Girsch +(Groschen), 6 Bu-Aschrin nennt man Sbili. Es existiren auch einzelne +Girsch und Sbili-Stücke. 10 Bu-Aschrin werden Baschlik genannt und solche +Stücke existiren auch. 40 Bu-Aschrin oder 20 constantinopolitanische +Piaster machen den Mahbub, solche Stücke existiren als Silbermünze. Als +Goldmünze kommen 5 Mahbub-Stücke und 1 Mahbub-Stücke vor. Man sieht sie +indess selten. + +Die Scheidemünzen, Bu-Aschrin, Sbili und Baschlik sind alle von schlechter +Alliage, die Mahbub-Stücke haben denselben Silbergehalt wie die +französischen Silbermünzen. + +Englisches und französisches Gold und Silber wird überall zu voll +angenommen, am allgemeinsten ist jedoch der Maria-Theresien-Thaler +verbreitet. + +Als Gewicht dienen die Oka und das Rotol von Tripolis. Eine Oka hat 2½ +Rotol und 100 Rotol bilden einen Cantar (Quintal), der also 40 Oka hat. +Das Rotol wird in 16 Okia oder Unzen untergetheilt. + +Beim Längenmass bedient man sich der türkischen Pic, eine Pic ist gleich +einer Brabanter Elle und 1½ Pic gleich einem Meter und 1-1/3 Pic gleich 1 +Yard. + +Zum Kornmessen bedient man sich der Marta, wovon 15 Eine Ueba bilden. Zwei +Marta sind gleich einem türkischen Kilo und 280 Kilo entsprechen 100 +Hectolitres oder 83 Kilo = 1 Last. + +Das Mass für Flüssigkeiten ist die Jarre, welche 6-1/8 Caraffa hat. Eine +Jarre entspricht 10-2/3 Litres. + +Die Gerechtigkeitspflege in Tripolitanien wird von einem Kadhi besorgt, +welcher vom Schich ul Islam in Constantinopel ernannt wird. Dieser Kadhi +hat das Recht, die anderen Kadhi der Provinzialstädte zu ernennen, welche +officiell den Titel Naïb haben. In grösseren Sachen und namentlich wo +Türken mit betheiligt sind, wird überall nach hanefischer Form Recht +gesprochen, während alle Fälle zwischen Arabern, welche dem malekitischen +Ritus anhängen, diesem gemäss entschieden werden. Ausserdem giebt es in +allen grösseren Städten und Orten Adulen, welche eine Art von +Rechtsgelehrten sind und auch Vollmachten und Schriften ausfertigen +können, welche notarielle Kraft haben. Für Criminalfälle wird ein vom +Muschir präsidirtes Medjeles thakik zusammengesetzt, das jedoch die Strafe +des Todes nicht aussprechen kann. Ein anderes Medjeles tedjaret besorgt +streitige Fragen in Handelsangelegenheiten, die angesehendsten eingebornen +Kaufleute sind Beisitzer und wenn die Streitfrage zwischen einem +Eingebornen und einem europäischen Kaufmann stattfindet, so sind im +Medjeles tedjaret, auch europäische Kaufleute als Beisitzer. Die in +Tripolitanien ansässigen Europäer sind nur richtbar von ihren resp. +Consulaten. Kommen aber Fälle vor, wo Europäer mit Eingebornen Händel oder +Zwistigkeiten haben, so wird in der Regel die Entscheidung dem Richter +anheimgegeben, der des _Beklagten_ Obrigkeit ist. Sucht also ein +Eingeborner Recht gegen einen Europäer, so muss er sein Recht beim Consul +holen, hat hingegen ein Europäer eine Klage gegen einen Eingebornen, so +muss er beim mohammedanischen Kadhi sein Recht suchen, dass Letzterer, da +er fast immer vom Consul unterstützt wird, meist im Vortheil ist, wird +einleuchtend sein, wenigstens in den meisten Fällen, wo der Europäer +Kläger ist. + +Bei der mangelhaften Kenntniss des Bodens von Tripolitanien, kann es uns +nicht einfallen hier eine allgemeine physicalische Geographie des Landes +geben zu wollen, wir beschränken uns auf statistische Angaben und führen +nur an, dass der Raum von der ganzen Regentschaft wenigstens so gross wie +ganz Deutschland ist, falls man Wüste dazu rechnet. In der That ist aber +auch der grösste Theil des Bodens Sherir, Hammada, Sand oder steiniges +jeder Vegetation bares Gebirgsland. Dieses im Süden hauptsächlich in den +Schwarzen Bergen und dem Harudj vertreten, streift von Westen nach Osten +seiner Hauptrichtung nach. Durch eine Hochebene vom Djebel, den man +versucht wäre den östlichsten, letzten Ausläufer des Atlas zu nennen, +finden wir dies Gebirge mit Humus und rothen Thon, folglich mit Vegetation +bedeckt. Von diesem nördlich gelegen besteht die Ebene bis am +Mittelländischen Meere aus Alluvialboden, ebenso scheint es mit dem Boden +um die grosse Syrte zu sein, denn Sebchaboden allein würde schwerlich so +gute Weiden haben, wie sie dort nach den Aussagen der Nomaden sein sollen. +Allerdings ist die Stadt Tripolis gleich hinter den Palmgärten von +Sanddünen umgeben, indess bilden diese Sandanhäufungen nur einen einige +Stunden breiten Gürtel, dahinter hat man bis an's Gebirge Tel-Formation, +den fruchtbarsten Boden. Nach Süden zu erstreckt sich dann der ackerbare +Boden selbst noch über die Berge hin hinaus; im ued Sufedjin wird alle +Jahre noch geackert, nach Westen geht der Tel in den Tunesischen über, +nach Osten zu über das in's Meer stürzende Gebirge hinweg, nach Mesurata +und dem Ufer der Syrte zu. + +Eigentliche Flüsse sind in ganz Tripolitanien nicht vorhanden. Die +bekanntesten sind die von Südwesten nach Nordosten in die grosse Syrte +fliessenden ued Sufedjin und ued Semsem. Der Sufedjin bekömmt zum Theil +seine Zuflüsse vom Südrande des Djebel, zum Theil aus dem Rande der +Hammada el hamra, aus letzterer und dem Harudj-Gebirge entspringt der +Semsem. Der ued el Cheil, später im unteren Laufe ued el Bei genannt, wäre +noch zu erwähnen, und wahrscheinlich sind in der sogenannten Syrtenwüste +noch längere Flussläufe, von denen wir hier nur den Harana und Schegga +nennen. + +Die in der Wüste vorkommenden uadi, von denen ich in Fesan das Schati, das +uadi schirgi und u. rharbi anführe, möchte ich kaum als solche bezeichnen, +sondern sie wie das von Gatron eher als Depression ohne bestimmte +Abdachung annehmen. Cyrenaica, welches obschon politisch zu Tripolitanien +gehörend, ein Land für sich bildet, soll später besonders beschrieben +werden. An Mineralien hat bis jetzt nichts in der Regentschaft entdeckt +werden können, mit Ausnahme einer ergiebigen Schwefelmine[6] an der +grossen Syrtenküste, dessen Ausbeutung jedoch vom türkischen Gouvernement +untersagt wurde. Natron-Sebcha giebt es in Fesan und zum Theil hat sich +das Natron einen Weg bis Tripolis gebahnt, von wo es bisweilen exportit +wird. Eben so giebt es einige Salpeterminen, die aber auch noch nicht +ausgebeutet sind. + +Die Pflanzenwelt ist reich und könnte, bei besserer Bearbeitung des Bodens +das Land mit allen anderen an der Nordküste von Afrika concurriren machen. +Natürlich ist dieselbe, je nach dem Boden sehr verschieden. Während in den +Oasen der Wüste die Producte der heissen Zone Indigo und die +Sudan-Kornarten vortrefflich gedeihen, auf den Bergen und Hochebenen die +Früchte und Kornarten der kalten gemässigten Zone gezogen werden können, +kommen in den Ebenen am Meere und den nördlichen Bergabhängen alle +Früchte, Getreide und Gemüse des gemässigten Klima's trefflich fort. Der +Dattelreichthum des Landes, sowohl die der Oasen, wie die der +Küstenstriche, ist unerschöpflich. Orangen, Citronen sind in all' den +verschiedenen Arten vorhanden und namentlich hat die Blutorange und die +feine Mandarinorange sich Bahn auf europäische Märkte gebrochen. Die +Weintrauben und Feigen des Djebel sind von vorzüglicher Güte und wenn die +Cultur des Oelbaums hinter der von Tunis zurücksteht, so ist der Umstand +Schuld, dass in Cyrenaica, wo dieser Baum so herrlich gedeiht, dieselbe +derart vernachlässigt oder vielmehr ganz aufgegeben ist, dass dort die +Oelbäume nur noch verwildert vorkommen. Baumwolle und Taback kann überall +producirt werden, wird aber bis jetzt nur sporadisch gebaut; Ueberschuss +zur Ausfuhr giebt nur der Getreidebau, obschon wie überall die Bestellung +der Aecker durch die Araber auf die primitivste Art geschieht; von +Kornarten wird nur Weizen und Gerste gebaut. Die Gemüse, welche in Europa +gezüchtet werden, gedeihen auch in Tripolitanien und wenn die +Communication geregelter wäre, könnte im Winter von Tripolis aus der +europäische Markt ebenso gut mit Gemüse versorgt werden, wie es jetzt von +Algerien aus geschieht. Von den wildwachsenden Pflanzen hat man bis jetzt +nur eine Geraniumart benutzt zur Bereitung von Essenz, die überall und +massenhaft wachsende Artemisia könnte auf gleiche Weise mit Vortheil +benutzt werden. + +Das Thierreich ist ebenso mannigfach. Die Pferde, meistens Grauschimmel +und von mittlerer Grösse, sind eine durch Berber- und Araber-Pferde +hervorgebrachte Kreuzung. Ausdauernd und schnell in ihren Bewegungen, sind +sie meistens ohne Tücke und zum Reiten vortrefflich geeignet. Die +Tripolitaner Esel, obschon nicht gross, sind berühmt. Das Rind ist kleiner +Art, milcharm, aber so reichlich vorhanden, dass davon exportirt werden +kann. Die Schafe sind alle Fettschwänze, und haben eine ausgezeichnete +Wolle, in die Oasen versetzt, verlieren sie diese jedoch im zweiten Jahre; +die Ziegen sind ebenfalls klein und milcharm, von beiden sind aber auch so +grosse Heerden vorhanden, dass davon exportirt werden kann, überdies kommt +die Wolle auch auf europäische Märkte. Das Kameel, ebenfalls durch die +ganze Regentschaft verbreitet, ist das aus Arabien eingeführte +einhöckrige. Andere Hausthiere und Geflügel sind dieselben wie in Europa. +Von wilden Thieren nennen wir die verschiedenen Antilopenarten, auch +überall verbreitet, Kaninchen, Hasen, Hyänen, Schakal, Füchse, wilde +Katzen, Lynxe, Ratten, Springratten, Stachelschweine und wilde Schweine. +Löwen und Panther kommen _nirgends_ in Tripolitanien vor. Unter den Vögeln +heben wir hervor: Adler, Falken, Fledermäuse, Eulen, Raben, Stieglitze, +Sperlinge, Nachtigallen, Canarienvögel, Schwalben, Tauben verschiedener +Art, Enten, Gänse, Schnepfen, Rebhühner, Wachteln, Bachstelzen, Flamingos +und vor allen den Strauss. Schildkröten verschiedener Art findet man in +der Djefara, Eidechsen, Schlangen, oft wie die Hornviper, sehr giftig, +aber meist kleiner Art, Scorpione und Spinnen, von welcher letzteren eine +in der Wüste vorkommende sehr grosse Art zu erwähnen ist, kommen überall +vor. Heuschrecken, welche oft zur Landplage werden, andererseits als +Nahrung dienen, sind von verschiedenen Arten heimisch, Bienen sind im +wilden Zustande, namentlich in den bewaldeten Bergen, Libellen trifft man +überall, auch an den Quellen in den Oasen, Stechmücken, Fliegen in +unaussprechlicher Zahl, Pferdebremsen, kriechende und hüpfende, den +Menschen anhaftende Parasiten sind sehr verbreitet. Zu bemerken ist +übrigens, dass der Floh die Region der Wüste, wo es nicht regnet, meidet. +In den Sümpfen und den meisten Quellen, selbst die der Oasen nicht +ausgenommen, findet sich der Blutigel. In Fesan ist noch im Behar el daud +ein Wurm zu nennen, den die Eingebornen essen. + +Was die Bewohner von Tripolitanien anbetrifft, deren Gesammtzahl +einigermassen genau zu bestimmen, äusserst schwierig ist, so müssen wir +vor allen drei Hauptvölker unterscheiden: Araber, Berber und in Fesan +Mischlinge. Die Araber bewohnen die Städte, grossen Ebenen und die +Cyrenaica, die Berber finden wir im Djebel, Rhadames, Sokna und Audjila +und die Mischlinge, hervorgegangen aus einer Kreuzung von Türken, Arabern, +Berbern, Tebu und anderen Negerstämmen, bewohnen das Kaimmakamlik Fesan. +Die wenigen Türken, welche in Tripolitanien sind, kommen kaum in Betracht, +zudem sind die Truppen oft keine Türken, sondern häufig Araber aus Syrien; +oft Albanesen, Tscherkessen, je nachdem sie aus der einen oder anderen +Provinz kommen. Ganz unstatthaft ist es aber, wie die meisten +Schriftsteller thun wollen, die Städtebewohner unter dem Namen Mauren als +ein besonderes Volk hinstellen zu wollen. Der Name "Mauren oder Mohren", +kam für die Städtebewohner des nördlichen Afrika's zuerst auf, nach der +spanischen Vertreibung, weil die Spanier gewohnt gewesen waren, die +Eindringlinge als aus Mauritanien kommend, den Namen los Moros zu geben. +Aber diese nach Spanien übergewanderten Mauritanier waren Berber und +Araber, Städte- und Landbewohner, vor und nach der Einwanderung und +Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien, gab es in Nordafrika wie in +Arabien Stadt- und Landbewohner, aber diese Stadtbewohner immer als eine +besondere Abart mit dem Namen Moros, Maures, Mohren, den sie _selbst gar +nicht kennen_, bezeichnen zu wollen, ist ebenso lächerlich, als wolle man +bei uns z.B. sagen, die Einwohner von Berlin sind keine Deutsche oder +Preussen, sondern Brandenburger. Wir müssen daher nochmal darauf +aufmerksam machen, dass nicht nur die Bewohner von Tripolis, sondern die +aller Küstenstädte bis Tanger an der Strasse von Gibraltar sich selbst +Araber nennen und zum grössten Theile sind; wenn man aber darauf besteht +sie Mohren nennen zu wollen, man diesen Ausdruck mit demselben Rechte auf +alle Bewohner, welche das ehemalige Mauritanien bewohnen, ausdehnen kann, +einerlei, ob es Stadt- oder Landbewohner, Berber oder Araber sind, denn +Mohren oder Mauren als besonderes Volk hat es nie gegeben. Als eigenes +Volk müssen wir noch die Juden, wenn auch nahe verwandt mit den Arabern, +hervorheben, man trifft sie mit Ausnahme der Oasen, überall in den Städten +und selbst im Djebel giebt es Judenniederlassungen. Ebenso falsch ist es +unter "Beduinen" ein _besonderes_ Volk annehmen zu wollen. Der Name +Beduine von Bedui hergeleitet, hat nur das Wandernde in sich, will aber +keineswegs bedeuten, ob dies nur ein wanderndes Berber- oder Araber-Volk +sei. Im Rharb oder im Westen von Afrika kennt man überdies diesen Ausdruck +gar nicht. Ausserdem giebt es Schwarze aus dem ganzen Innern von Afrika, +nirgends aber haben sie sich zu einer besonderen Gemeinde zusammen gethan, +wenn man nicht die kleinen Hüttendörfer nennen will, welche man unter den +Mauern von Tripolis und Bengasi findet und die meistens von Negern bewohnt +sind; es ist dies aber meistens der Auswurf von weggelaufenen Sklaven und +Sklavinnen und auch weisse Vagabonden finden sich unter ihnen. + +Wir werden nicht zu tief greifen, wenn wir die Gesammtbevölkerung von +Tripolitanien auf 1 Million Menschen anschlagen.[7] Della Cella schätzte +sie auf 650,000 Seelen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zunahme der +Bevölkerung in den mohammedanischen Staaten überhaupt nicht in dem +wachsenden Maasse vor sich geht wie in den christlichen Staaten, +andererseits Pest und Krieg in Anbetracht zieht, welche zehn Jahre das +Land verwüstet haben, so wird man finden, dass die Zahl nicht zu niedrig +ist. + +Die Bewohner Tripolitaniens sind sesshaft und umherziehend. Diese, welche +entweder in grösseren Städten, die sämmtlich an den Küsten gelegen sind, +wohnen, oder in kleineren Orten, in von Stein und Thon erbauten Häusern, +oder aber wie im Djebel, in unterirdischen Höhlen, oder wie in manchen +Oasen in aus Palmenzweigen gebauten Hütten, leben von Handel, Industrie, +Manufactur, Gartenbau und dem Acker. Die Nomaden, sämmtlich aus Arabern +bestehend, wohnen in Zelten entweder einzeln oder zu einem Fareg oder +Duar, d.h. Zeltdorfe vereinigt. Die Zelte bestehen meistens aus einem +Gewebe von Ziegenhaar oft mit Kameelhaar untermischt und je nach dem +Stamme sind sie verschieden geformt und haben sie verschiedene Abzeichen +und Farben im Gewebe. Die Nomaden leben hauptsächlich von Viehzucht, +treiben aber auch Ackerbau. Der Kreis ihrer Züge ist überhaupt ein +beschränkter, nicht jeder Stamm kann mit seinen Heerden hingehen, wohin er +will, von Alters her haben sie nach Uebereinkommen ihre bestimmten Grenzen +unter sich, welche nicht übertreten werden. Aber eben da dies Alles nur +auf Uebereinkommen und Herkommen beruht, brechen darüber oft +Streitigkeiten aus, welche zu Krieg zwischen den Triben anwachsen. Obschon +die Polygamie erlaubt ist, so sind doch fast alle Tripolitaner, selbst die +Städtebewohner Monogamen. Das was man über die Stellung der Frauen bei den +Arabern und Berbern im Allgemeinen gesagt hat, ist auch hier in +Tripolitanien ebenso falsch und beruht auf oberflächlicher Beobachtung der +Sitten. Die Frau hat allerdings nicht die hohe und berechtigte Stellung, +welche sie in der christlichen Welt einnimmt, welche Stellung zum Theil +durch den Mariencultus der katholischen und griechischen Kirche +hergekommen, zum Theil in den Anschauungen unserer eigenen heidnischen +Vorführen begründet ist, indess ist sie doch keineswegs so unterdrückt, +wie man nach den Beschreibungen der meisten Reisenden vermuthen sollte. +Dass die Frau das Mehl reibt oder mahlt, dass sie Brod bäckt, dass sie die +Basina und den Kuskussu zubereitet, endlich das nöthige Wasser für die +Familie herbeiholt, wenn oft auf grosse Entfernungen, finde ich ganz +natürlich; was aber die schwere Arbeit anbetrifft, der Ackerbau, die +Ernte, die Viehzucht, so sehen wir damit ausschliesslich die Männer +beschäftigt. Ebenso ist es in den Städten, die Maurerarbeiten, Tischler, +Schlosser, Schmiede und überhaupt alle Handwerke werden von den Männern +wie bei uns betrieben, während der Frau die häuslichen Arbeiten zufallen. +Nur als besonders muss ich hervorheben, dass die Töpferarbeit in Fesan +eine Frauenbeschäftigung ist. Dass aber im Allgemeinen die Frau bei den +ansässigen, wie nomadisirenden Tripolitanern ebenso das Regiment führt wie +bei uns, wird Jedem, der Gelegenheit gehabt hat, in mohammedanischen +Familien eingeführt gewesen zu sein, bekannt sein. + +Von Natur sind die Tripolitaner, sowohl Berber als Araber, kriegerisch und +stehen in dieser Beziehung keineswegs hinter den Algerinern, den +tapfersten von allen an der Nordküste von Afrika zurück. Die eiserne Hand +der Türken hat sie aber zahm gemacht, so dass jetzt vollkommene Ruhe und +Sicherheit im Lande ist, nur in der sogenannten grossen Syrtewüste und in +dem Hochlande von Cyrenaica, wo die Herrschaft der Türken noch nicht so +sicher etablirt ist, würde es für einen einzelnen Wanderer gefahrlich +sein. In früheren Zeiten bedeutend fanatischer, wie man aus dem +Reiseberichte von Lyons und später dem von Beechey, ersehen kann, hat auch +in dieser Beziehung die Herrschaft der Türken, welche ja die duldsamsten +von allen Mohammedanern sind, eine grosse Veränderung hervorgerufen. Die +Tripolitaner sind heutzutage, die Rhadamser und Barkenser vielleicht +ausgenommen, die duldsamsten Leute geworden. Namentlich in den Städten und +dies gilt besonders von Tripolis, sind die alten Vorurtheile gegen +Christen und Juden geschwunden. Die Mohammedaner huldigen in ganz +Tripolitanien dem malekitischen Ritus, welcher auch offenbar für +Nomadenvölker der bequemste ist. Malek gewährt den Leuten, welche nach +seiner Weise beten, manche kleine Begünstigungen, so z.B. brauchen die +Reisenden beim Gebet die Sandalen nicht abzubinden (Schuhe müssen jedoch +ausgezogen werden) und da dies immer ein umständliches Zeit raubendes +Geschäft ist, so sind ihm die Wüstensöhne dafür sehr dankbar. Dass +übrigens von malekitischen oder hanbalitischen etc. Moscheen in +Tripolitanien so wenig die Rede ist, wie anderwärts, brauche ich wohl kaum +zu sagen. Hanbalitische--, Moscheen als Solche giebt es nicht. Alle vier +rechten Religionssecten können in einer und derselben Moschee beten, ohne +Unterscheidung und Unterbrechung hervorzurufen. So beruht beim Beten der +einzige Unterschied zwischen dem Hanefi und Maleki beispielsweise darin, +dass erstere die Arme kreuzen, letztere, nachdem Allahou akbar gerufen, +herabhängen lassen. So kommt es denn oft genug vor, dass der Vorbeter +Hanefisch betet und alle Nachbeter Malekitisch das Gebet vollziehen und +umgekehrt. Nur die Chomis oder nicht den vier rechtgläubigen Secten +angehörenden Mohammedaner werden in keiner Moschee geduldet. An religiösen +Gemeinschaften giebt es in Tripolitanien hauptsächlich drei, die Anhänger +Mulei Thaib's, die Mádani oder Anhänger Mohammed el Mádani und die +Anhänger Snussi's. + +Mulei Thaib, welcher sein Grab in Uezan in Marokko hat, wo er auch lebte +und wirkte, hat die über ganz Afrika weitverbreitetste Brüderschaft +gegründet. Aus dem Hause der Schürfa und directer Abkömmling von Mulei +Edris, dem Gründer von Fes, stiftete ein anderer seiner Ahnen Mulei Abd +Allah Scherif die berühmte Sauya von Uezan und zugleich auch einen Orden, +der heute noch sehr zahlreich und berühmt in Marokko ist. Mulei Thaib, +Abkömmling des Mulei Abd Allah Scherif, nicht zufrieden mit der localen +Ausdehnung, erneuerte den Orden und gab ihm die grosse Ausdehnung, die er +jetzt noch hat. In Marokko und Algerien sind die Klöster und Mkaddem[8] +Mulei Thaib's unzählig, in Tripolitanien gehören nur die Rhadamser der +Confraterschaft Thaib's an, weiter nach Osten hat er nur noch einzelne +Mitglieder[9]. + +Die Anhänger von Mohammed el Mádani sind wenig zahlreich; in diesem Orden +sind fast nur gebildete Leute. Die Mitglieder dieser Innung sind +ausschliesslich in Tripolitanien und einigen Ortschaften in Aegypten und +Tunis. Ihr Gründer war ein Wahabite aus Arabien Namens Sidi el Arbi, +flüchtig von seinem Vaterlande, zog er nach Fes und wollte eben seine neue +Lehre dort begründen als er starb; einer seiner Jünger Mohammed el Mádani +(d.h. der aus Medina gebürtige) setzte sein Werk fort und stiftete den +Orden der Mádani. Aber auch in Fes wurde dieser freisinnige Orden nicht +geduldet, ebenso wenig in Algerien, wo er sich im Jahre 1829 befand; +gleichfalls von Tunis vertrieben, liess er sich in Mesurata in +Tripolitanien nieder und konnte hier ungestört lehren und für die +Ausbreitung seiner religiösen Innung sorgen. Von der eigentlichen Lehre +der Wahabiten gänzlich abweichend, glauben sie an ein göttliches Wesen und +an einen Rapport des Menschen mit Gott mittelst des Gebetes und einer +sinnigen Betrachtung, die Einheit Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, +Strafe und Belohnung im zukünftigen Leben, ist die Basis ihrer Lehre und +da dies zugleich die Grundlagen der drei semitischen Religionen sind, so +schliessen sie die Christen und Juden als befähigt in's Paradies zu +kommen, nicht aus. Ohne Fanatismus predigen sie die Brüderlichkeit und +Toleranz und obgleich auch sie auf Formen und Cultus halten, ist dies bei +ihnen Nebensache und nicht unbedingt nothwendig, um eine Vereinigung mit +Gott im jenseitigen Leben zu erzielen. + +Ganz das Gegentheil dieser vielleicht tolerantesten[10] von allen +Mohammedanern wurde im Anfange der vierziger Jahre die Brüderschaft der +Snussi gegründet. Si Mohammed Snussi in Tlemçen geboren, verliess vom +glühendsten Hasse gegen die Franzosen und Christen sein Geburtsland und +begab sich nach Fes, um dort auf der Hochschule von Karuin die Kenntnisse +zu erwerben, welche er für nothwendig hielt einen Orden zu gründen, +welcher hauptsächlich die immer mehr um sich greifenden Ideen und +Gebräuche der Christen unter den Mohammedanern bekämpfen sollte. Nach +einigen Jahren Aufenthaltes in Fesan und da er sah, dass dort die Gründung +eines neuen Ordens, den anderen dort schon existirenden gegenüber keine +Aussicht auf Erfolg haben würde, besonders da Si Mohammed kein Scherif, +sondern bloss ein Thaleb war, ging er nach Mekka, um seinen Ruf der +Heiligkeit zu vermehren. Er schlug den Landweg ein durch die Wüste und +berührte hiebei Barca und die Uah-Oasen. Frappirt von der +Religionslosigkeit der dortigen Eingebornen, die blos dem Namen nach +Mohammedaner waren, ersah er sogleich, dass hier die Gegend sei, wo er die +Stiftung seines Ordens vornehmen müsse. Seinen Vorsatz nach Mekka führte +er aus und ging dann nach Constantinopel, um sich einen Firman zu +erwirken, damit die Localbehörden seinem Unternehmen keine Schwierigkeiten +in den Weg legten. Nachdem er diesen erlangt hatte, kehrte er zurück und +legte in Sarabub, dem westlichsten Theile der Jupiter-Ammonsoase eine +Sauya an. Obgleich er nie den Zweck aus dem Auge verlor, die christlichen +Ideen zu bekämpfen, war sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet Filialsauya +zu errichten, der Kreis seiner Anhänger vermehrte sich, Barca ist ganz dem +Snussi unterworfen, ebenso Audjila und Djalo, in Kufra wurde ein neuer Ort +gegründet und in Uadai, wohin sein Sohn selbst eine Reise machte, der +Orden der Snussi als allein berechtigt, eingeführt, Kauar und Fesan halten +ebenfalls zu den Gebräuchen der Snussi, aber im eigentlichen Tripolitanien +wurde sein Orden nicht ausgebreitet, eine in Rhadames gestiftete Sauya +musste 1864 wieder eingehen. Sein Sohn Sidi el Mabdi, welcher ihm 1860 +nachfolgte, scheint nicht den Hass gegen die Christen zu haben, wie sein +Vater, seine Hauptsorge scheint im Sammeln von Reichthümern zu bestehen, +was natürlich bei allen Orden immer die Hauptsache ist. + +Das Klima in Tripolitanien ist natürlich sehr verschieden: An der Küste +hat dasselbe grosse Aehnlichkeit mit dem von Unterägypten und dürfte es an +der grossen Syrtenküste noch heisser sein, auf den bewaldeten Bergen ist +das Klima Süditaliens, jedoch ist bei Gebliwinde die Hitze viel +intensiver. Im Winter ist es übrigens häufig, dass Frost und Reif +auftreten. Die grössten Gegensätze finden sich wie überall in der Wüste in +den tripolitanischen Oasen, im Sommer steigt das Thermometer bis über 45°, +im Winter fällt es häufig unter Null. Ja an einzelnen Tagen beträgt der +Unterschied oft 30°, so hat man in Fesan -4° Nachts beobachtet mit einer +nachmittägigen Hitze von +24°. Im Winter ist an der Küste die Feuchtigkeit +ebenso gross wie in Norddeutschland und auf den Bergen oft noch grösser, +namentlich in Cyrenaica. In den Oasen ist selbstverständlich die +Trockenheit der Sahara und selbst grosse Strecken feuchten Bodens wie in +Fesan haben dem grossen Ganzen gegenüber keinen Einfluss. Während im +Winter die Barometerschwankungen an der Küste stark und unregelmässig +sind, bleiben sie im Innern, sowohl Winter wie Sommer unbedeutend und +regelmässig. Ebenso ist es mit den Winden: im Winter, obschon dann +Nordwestwind vorherrschend ist, durchlaufen die Winde oft in einem Tage +die Rose, im Sommer sind sie aber ganz gleichmässig, fast immer von 10 Uhr +Morgens an, von Norden kommend und manchmal nur durch die meistens aus +Südsüdost kommenden glühend heissen Gebli- oder Samumwinde unterbrochen. +Im Allgemeinen kann man sagen, dass in Tripolitanien ein sehr gesundes +Klima ist, am zuträglichsten ist jedenfalls die köstliche Luft Cyrenaica's +und des Djebel, aber auch an den Küsten in Bengasi, Tripolis und den +anderen Orten weiss man von Epidemien und Endemien nichts. So ist z.B. bis +jetzt _nie_ die Cholera in Tripolitanien gewesen und wenn in früheren +Jahren die Pest aufgetreten ist, so rührt das jedenfalls durch +Einschleppung und mangelhafte sanitätliche Polizeieinrichtung her. +Neuangekommene Europäer haben in den Städten oft Leberleiden, meist aber +aklimatisiren sie sich rasch. Entschieden ungesund ist das Klima in +einigen Theilen von Fesan, wo die Sebcha oder Salzsümpfe in Verbindung mit +faulenden organischen Substanzen im Sommer die bösesten intermittirenden +Fieber hervorrufen. + +Tripolitanien, welches unter der türkischen Regierung ein Eyalet oder eine +Provinz ist, hat 7 verschiedene Liva oder Nayet, welche unseren Kreisen +oder Districten entsprechen. Die Zahl und Grösse derselben wechselt aber +häufig nach der Laune des Muschir oder Grossgouverneurs. In den ersten +Jahren wurden die Liva sogar vom Muschir besetzt, heute werden die +Districtsgouverneure jedoch von Constantinopel aus angestellt, in der +Verwaltung jedoch sind sie dem Muschir Tripolitanten verantwortlich. + +Die verschiedenen Liva sind: 1. Tripolis selbst mit Umgebung (Mschiah. +Tadjura etc.), 2. Choms, welches die westliche Syrtenküste begreift und +die Gebirgslandschaft von Tarhona, 3. Sauya, die Landschaft westlich von +Tripolis bis nach Tunisien, 4. Djebel, welches das ganze Gebirge südlich +von Tripolis und Misda begreift, 5. Rhadames mit einigen kleinen Oasen in +der Nähe, 6. Fesan und 7. Barca, welches das ganze alte Cyrenaica und die +Audjila-Oasen begreift. Dem Liva steht ein Kaiumakam vor, der meist auch +den Titel Pascha hat, und die Liva sind wieder in verschiedene Mudiriate +abgetheilt, denen ein Mudir vorsteht. + + * * * * * + + + + +Tripolis. + + +Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel längerer werden, als +ich Anfangs vermuthete; bei meiner Ankunft theilte mir Herr Rossi mit, +dass Mohammed Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's bestimmt war von +der Küste nach dem Innern die Geschenke zu übermitteln, in Fesan nicht +aufzufinden gewesen wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich +erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu Meheri in Tripolis eingeritten +kam, so hatte ich doch gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane +zu sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan, der sich dort zu +der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich später geschrieben, dass Dr. +Nachtigal aus Cöln, welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre, +die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu nun auch die Erlaubniss +von Berlin aus nöthig war, fragte ich telegraphisch an und erhielt zur +Sendung Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser nun auch +rasch genug eintraf von Tunis, so war seine Ausrüstung doch nicht sobald +gemacht, er musste wieder nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall +Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane wirklich abgegangen, +musste ich mich in Geduld fügen; jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal +die Stadt recht gründlich kennen zu lernen. + +Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli (Beehey schreibt Tripoly), +wir Deutschen aber richtiger nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis +schreiben, weil gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen, überdies +die heutigen Bewohner es auch mit einem s schreiben ([arabisch: Trablis] +Trablis) ist nach dem Urtheile der besten alten Geographen, und der +meisten neueren Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies +unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten die Araber eine neue +Stadt auf den Trümmern, der sie den Namen des ganzen Districtes gaben. Es +ist kein Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren Namen vor +der barbarischen Invasion geändert hatten. Wir haben aber viele Beispiele, +wo die Araber ganze Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft +Stambul die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch dass Oea von den +Alten nie als Hafen angeführt worden ist, ist kein stichhaltiger Grund, es +kann vielleicht zu der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei +Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort nach Osten +hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen, dass meist dies das Ufer war. + +Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt, als der allerdings +schöne vom Scipio Defritus (nach Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den +Tagen von Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius Aurelius Verus +errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen allein zeugt schon, dass hier +eine Stadt gestanden haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien +gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist von sehr sorgfältiger +Arbeit aus riesigen Marmorquadern aufgeführt, aber über ein Drittel ist +unter Anhäufung von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man grosse +männliche und weibliche Figuren, welche allegorische Scenen darstellen +oder geschichtliche Ereignisse repräsentiren. Die nach Norden zu +angebrachte Inschrift ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze +umbaut und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar eine von einem +Malteser gehaltene Schnapskneipe darin. Diese ist nun zwar entfernt, aber +nicht etwa aus Pietät für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil +ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken nur in einer +gewissen Entfernung von einer Moschee angelegt werden dürfen und da hat +man denn ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre lang +nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma des Hadj Ali Gordji näher +der Kneipe stände, als erlaubt sei und einfach wurde der Befehl zum +Schliessen gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die Tholba der +Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten und da der Inhaber der +Schenke ohne sich selbst Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen +wollte, so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen Grund, +die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu schaffen. Tout comme chez +nous, dachte ich, als der frühere Besitzer mir dies erzählte. + +Andere Alterthümer darf man höchstens noch in den Djemmen suchen, auch +sieht man an vielen Strassenecken eingemauerte Säulen oft mit +corinthischen Capitälern, um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren. +Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine Art von Altarstein mit +einem Sperberbilde im nördlichen Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis +dem blossen Auge bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der +frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines Hauses in der Mschia +dort einige kostbare Glasurnen fand, die jetzt auf dem britischen Museum +in London sind. + +Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült, im Norden und Osten. Fast +fünfeckig werden die anderen drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben, +nach der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch und steil, +obschon heute so baufällig, dass man sie mit Flintenkugeln +zusammenschiessen könnte. Früher hatte die Stadt zwei starke Forts, am +nordöstlichen Eck das sogenannte spanische, welches im Jahre 1863 +explodirte und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon seit +Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut worden ist. Zwei detachirte +Forts, von denen das eine im Norden der Stadt auf einem Felseilande +gelegen unter dem Namen des französischen, das andere östlich am Strande +der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens beherrschend und das +englische genannt wird, sind vollkommene Ruinen. Aus dieser Beschreibung +wird man ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch recht +stattlich und stark aussieht, nichts weniger als stark ist. Früher nur mit +zwei Thoren versehen, von denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai +öffnete, das andere im Süden nach der Mschia hinausführte, hat man jetzt +neben dem Südthor noch ein anderes und auch durch den Westwall ein viertes +Thor durchgebrochen. Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom +spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der Küste parallel +lautenden Riffe, der Stadt und der Küste gebildet, so dass nur die Seite +nach Osten offen bleibt. Mit geringer Mühe könnte er zu einem der +geräumigsten und sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint +auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich etwas dafür gethan +werden soll. Man kann nicht läugnen, dass nach der jetzt erfolgten +Durchstechung des Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis +und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen. Augenblicklich +ist der Hafen nur für kleinere Schiffe zugänglich, Schiffe von mehr als 10 +Fuss Tiefgang müssen auf der Rhede ankern. + +Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von denen das +nordwestlichere mehr von den Juden, das östliche also am Hafen gelegene, +von den Christen bewohnt wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha, +hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander mit +Christen und Mohammedanern wohnen. Die Strassen in Tripolis sind breit und +reinlich (natürlich immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen +Städten) und einige hat man in letzter Zeit sogar angefangen zu pflastern +und mit Laternen zu versehen. Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens +dieses Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich zu denen +in Tunis, Blaquière geht sogar so weit zu behaupten, die Stadt könne, was +Bauart der Häuser und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen +europäischen Städten, am mittelländischen Meere als Muster dienen. Die +Häuser der Mohammedaner haben meistens ein Stockwerk, sind von aussen +reinlich geweist und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte ist +in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener Gang mit doppelten +Thüren von der Strasse aus führt, so dass ein Fremder, wenn auch die +Thüren offen stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen kann. In +diesem Gange sind immer steinerne Bänke angebracht, wo der Hausherr +geschäftlichen Besuch empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses +sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte Fenster nach +der Strasse. Die Zimmer öffnen sich alle auf den Hof durch hohe maurisch +gewölbte Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen Zimmer öffnen +sich auf eine Gallerie, welche inwendig im Hofe herunterläuft und dem +unteren Hofe zugleich Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben +wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen Kaufleute und +Beamten sind vollkommen europäisch möblirt. Die Häuser der reichen Juden +unterscheiden sich in Nichts von denen der Europäer und die der ärmeren +Juden in Nichts von denen der Mohammadaner, nur dass sie noch schmutziger +sind. In jedem Hause, auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das +süsse Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für den Consum des +Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da für Waschungen, oft auch zum Kochen +benutzt, in jedem Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches +Wasser hat. + +An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss des Paschas, ein +unregelmässiges Gebäude ohne jede Schönheit in der Architectur, eine +Kaserne und Harem, sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden. +Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine durch Schönheit aus, auch +nicht die neue von Hadj Ali Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle +aber sind im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt, von +denen namentlich die am Ssuk el turk befindliche herrliche Monolithen aus +Porphyr hat. Die christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine +katholische und eine griechische. Mit der katholischen ist ein Kloster +verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins der ältesten Klöster, die +koptischen in Aegypten ausgenommen, in Afrika und seine Entstehung datirt +von der Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche haben +eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung, ein Theil von +ihnen versieht den Gottesdienst und andere sind Handwerker. Der Vorsteher +des Klosters, der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und Gewalt. +Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf eine Subvention von 20,000 +Francs pro Jahr und Sporteln, welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit +dem Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den Schwestern von St. +Joseph geleitet wird. Im Hospitale werden Kranke jeden Glaubens +aufgenommen. Die Türken haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb +der Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke aufnehmen +kann und unter Umständen auch Civilpersonen geöffnet ist. Für europäische +Fremde ist ein Gasthaus vorhanden, welches indess selbst für die, welche +mit bescheidenen Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen übrig lässt. +Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks sorgen für das zeitweilige +Unterkommen der Mohammedaner. Es giebt keine eigentliche Bazars in +Tripolis, doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf dem Stuk +el turk, hauptsächlich für Taback, Opium, Kaffee und feinere Sachen +gesorgt, in anderen Strassen, wie el Kessariah, werden hauptsächlich +einheimische Stoffe und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der +Schreiner, Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen +Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische Kaufläden, wo Alles zu +haben ist. Drei Pharmacien sorgen für die Bedürfnisse des kranken +Publikums, zwei öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche +Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt zu werden. +Ordnung und Sicherheit in der Stadt wird durch Polizisten aufrecht +erhalten, obschon man sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts, +wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist eine Hauptwache, +Douanenwache und Schlosswache vorhanden, und alle Thore immer mit +Doppelposten versehen. Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich el +bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht, ist sein Posten doch +einer der einträglichsten. Der jetzige Schich el bled ein gewisser Ali +Gergeni soll, da er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten +gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle europäischen +Nationen mit Ausnahme der deutschen sind durch Consulate vertreten, von +diesen haben die Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener +Generalconsulate. Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so mögen gegen +18,000 Seelen in Tripolis[11] sein, von denen 3000 Christen und 4000 Juden +sind. Die Christen sind der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und +Griechen, alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien +vertreten. + +Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich vom +Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu Jahr aus, obschon die Türken +nichts thun ihn zu heben. Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen +einen Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von diesen sind +fast dreiviertel unter otomanischer Flagge fahrend, und die übrigen +gehören ihrer Wichtigkeit nach der italienischen, englischen, +Jerusalemer[12], französischen, griechischen und österreichischen Flagge +an. Da die Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als (z.B. +ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt von ca. 30,000 +Tonnen. 400 Schiffe würden also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern +ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen gerechnet, +gleichkommen. 400 Schiffe importiren und exportiren durchschnittlich für +5,250,000 Fr. an Werth, die Importation übertrifft aber in der Regel die +Exportation. + +Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind: Korn, Oel, Früchte +(Datteln, Orangen und Citronen), rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte +Felle, Butter, Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven, +etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron, Schwämme und +Manufacturwaaren: als Matten, Körbe, Teppiche. Wenn wir annehmen, dass +diese einen Gesammtwerth von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde das +Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen, dann Oel, Elfenbein, +Sklaven, Goldstaub, Wolle und Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein. +An importirten Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und Mahmudi von +England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe, Kram- und Esswaaren, Kaffee, +Zucker, Färbestoffe, Wein und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz, +Metalle, Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren, +Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber (in Form von +5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler), Uhren, Möbeln und andere +Manufacturgegenstände. Von diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und +Seidenstoffe die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und Esswaaren, +Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein. + +Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen am Mittelmeere in +folgendem Verhältnisse: Malta 8/16, die Levante und Alexandrien 3/16, +Livorno und Italien 2/16, Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16. + +Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt wird, sind zwei grosse +Märkte wöchentlich vor den Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore +und Freitags vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen dann hier +zusammen aus der ganzen Regentschaft, und diese Tage bieten gewiss eins +der bedeutendsten und interessantesten Bilder afrikanischen Lebens, das +man sich nur denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich +verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate, so dass jeder +Europäer Kenntniss davon hat. Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin +mit 120 Thaler, eine Fullo mit 150-160 Thaler und eine Tscherkessin mit +300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche sind zu dem Preise von 70-90 +Thaler zu haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr von 2708 +Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend, für das Jahr 1850, +während Testa für dasselbe Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem +Gesammtwerthe von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf 200 Fr., was +jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein junger Bursche in Mursuk oft +schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler bezahlt wird). Es scheint aber als ob +jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen Generalconsulate +sollen ergriffen werden. + +Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali Riza Pascha ein Algeriner, +ist im Ganzen ein Mann von Bildung, aber obschon er recht gut französisch +spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist, so hat er doch +lange nicht das Humane, und ein so gutes Administrationstalent wie sein +Vorgänger Mahmud Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von Tripolis +Kaputan Pascha oder Marineminister geworden, welchen Platz er auch noch +heute im türkischen Reiche ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich +erzogen worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass +verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt war. Später als er +einsah, dass er nicht gegen den Strom schwimmen konnte, schickte er durch +Vermittlung der französischen Botschaft in Constantinopel seinen Sohn auf +die Artillerieschule nach Frankreich, wo Ali Riza Pascha sich das +Officierspatent erwarb und dann gleich darauf in türkische Dienste trat. +Da er seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm hier +Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte er schon den Rang eines +Mareschals. Sein Charakter ist seltsam gemischt, so theilte er z.B. +Morgens Almosen aus an fanatische Druische, welche Spottlieder auf die +Christen und christliche Religion sangen, und ging Abends auf einen Ball +oder in eine Gesellschaft, die irgend ein europäischer Consul gab. Er +versuchte einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber seine +Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen kleinen Thurm mit einer +Uhr bauen lassen, und eine Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die +Araber sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als Abzeichen +einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen Mohammedanern) errichten +lassen, verbot er jedem bei Gefängnissstrafe das Wort "Glocke" zu +gebrauchen, und in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren immer +einige Individuen im Gefängniss, welche sich des Wortes Glocke[13] +unvorsichtigerweise bedient hatten. + +Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der Schich el bled Ali Gergeni, +aber beide hüteten sich wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu +lassen. Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels wohl +mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen Thür ein Gitter hatte, +von wo aus sie alles sehen konnten, ohne bemerkt zu werden. Sobald ein +europäischer Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu fehlen. + +Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch von Cyrenaica. +Wenn schon die Alten unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca. +640 Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen Bomba, unter Battus +niederliessen, so war Ali Riza Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er +ging Anfangs 1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition +gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial, Lebensmitteln etc. beladen +waren, nach Bengasi und von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren +zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose Leute aus Tunesien, +welche die Hungersnoth nach Tripolitanien getrieben hatte, und dann Leute +aus Sauya, Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten. Für den +Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha dadurch zu sorgen, dass er +jedem Familienvater einige Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit, +eine pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich, also +einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler), Getreide um eine Aussaat zu +machen, dann von der Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische +Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln begleiteten ihn. + +Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner, den Nomadenhang der +Araber, ihren unabhängigen Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die +Frage, ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird. Die Hauptsache +aber, woran das ganze Unternehmen scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl +der Oerter, wo Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die +Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk die einzigen guten, +natürlichen Häfen an der ganzen Küste zwischen Alexandrien und Goletta +sind, wo Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und immer im +Winter bei schlechtem Wetter war dies auch die einzige Zufluchtsstätte für +dort in der Gegend auf hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali +Riza Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später übersehen zu +haben, dass bei Bomba und Tabruk gar kein fruchtbares Hinterland ist, +sondern gleich Wüste, die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar +keine Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst nur Viehzucht zu +treiben. Und einen Ort an _dieser_ Küste, mit _solchen_ Menschen, unter +_solchen_ Verhältnissen emporblühen zu sehen, erscheint mehr als +zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier nicht möglich war, +zwang die Griechen diesen Ort zu verlassen, um dann in der Nähe am +Apolloquell die berühmte Cyrene zu gründen. + +Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft die +Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so liegen uns aus +Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon Streitigkeiten mit den dort +nomadisirenden Arabern ausgebrochen seien, hauptsächlich des Süsswassers +wegen, das auch nur spärlich vorhanden ist. + +Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter recht rege, obschon +es sehr durch die Rivalitäten der verschiedenen Consulate gestört wird, im +Winter 1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den Aufenthalt von +Alexandrine Tinne und später des Baron von Maltzan. Alexandrine Tinne, die +kühne holländische Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis +eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und bereitete sich vor, ins +Innere zu gehen. Wie immer auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie +sich endlich doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, hatte aber +auch schon damals die Absicht, nach Rhat zu gehen, um die dort hausenden +Tuareg zu besuchen. Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken +abzubringen, sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, einer der Chefs +der Tuareg, vor Jahren mit Colonel Mircher eine Art von Vertrag gemacht +hätte, sie vollkommen sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden +reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene grossen französischen aus +Eisen gemachten Wasserkisten nicht mitzunehmen, welche allerdings für die +französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein mögen, aber für +einen einzelnen Reisenden die grösste Gefahr herbeiziehen, weil sie eben +die Raubsucht der wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu +bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, statt jener Algeriner +und Tuniser, auf deren Treue sie gar nicht bauen konnte, und welchen sich +merkwürdigerweise eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt hatte. +Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, oder glaubte die Gefahren in +den Gegenden, die sie vor hatte zu bereisen, geringer als sie in der That +sind. Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, Juden und +Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes eine +Freundin geworden, sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und mit +kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie Tripolis nie +wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine mit denen ihrer einzigen beiden +treuen Diener im weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei +Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. Friede sei ihrer +aller Asche. + + * * * * * + + + + +Leptis magna. + + +Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen Dampfer, welche +das ferne Alexandria und das noch weitere Constantinopel täglich mit +Triest und Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei +hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer zu nennen, der +Messagerie Imperiale, dem österreichischen Lloyd und der Peninsular and +Oriental Company, kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea--und +warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der ganzen Nordküste von Afrika +keine einzige Stadt, welche auch nur im allerentferntesten einen Vergleich +mit den blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa eingehen +könnte. + +Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird durch das kleine +Dampfschiff Trabulos Garb, welches dann und wann nach Malta fährt, +unterhalten. Es ist aber so schwach, dass es das geringste Unwetter +scheuen muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder des +Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den Launen dieses Mannes +ab, das Boot gehen zu lassen, oder nicht. + +Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt, da der Dampfer des +schlechten Wetters wegen nicht auslaufen konnte; um aber dennoch wieder +Abwechslung und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen, +beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort, welcher namhafte +Sehenswürdigkeiten bietet auf der langen Strecke von Tripolis nach +Bengasi. + +Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir auf. Ich hatte alle Kameele +des Königs zur Verfügung, sowie die Leute, welche mit der Karawane nach +Bornu abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed Gatroni, der +auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen war und der einen weissen +Meheri ritt, welchen ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk +gemacht hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum Barths, der Timbuktu +gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale durchzogen hatte, war hieher +gekommen, um die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu +begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth war er eine Zeitlang +mit Hrn. v. Beurmann gereist, und hatte schliesslich mich durch die grosse +Wüste bis Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im Sommer 1867 +meine sämmtlichen Kisten allein durch die Sahara zurückgebracht. Als der +König von Preussen beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern, +und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die gute Behandlung, die +der Sultan von Bornu den deutschen Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann +und mir, erwiesen hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die Geschenke +zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe über ihn von Mursuk +einliefen, wurden, wie schon angeführt, die Anerbietungen des Dr. +Nachtigal, eines am Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als +Ueberbringer der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen. Kaum war dieser +in Tripolis eingetroffen, als auch der alte Gatroner ankam, es war somit +die beste Sicherheit vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden. +Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht von Malta angekommen, +und darin bestand der Hauptgrund, um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser +Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu aus weiter nach dem +Innern vorzudringen, so wollte ich ihn natürlich nicht zu einer Abreise +ohne Instrumente drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat +verloren ging. + +Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu erreichen, welches zwar nur +6 Kilometer von Tripolis entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung +von 5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen Consuls +uns hinlänglichen Comfort geboten hätte. Vielmehr mussten wir um 5 Uhr +Abends bei bedecktem Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir +hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich zwischen der Mschia +und Tadjura befindet. + +Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern, denn bald brach ein +solcher Regen über uns aus, von den heftigsten Windstössen begleitet, dass +uns in einem Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden. Der +Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein Wiederaufschlagen nicht zu +denken war, und die Dunkelheit verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich +die Häuser nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter die +umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu erwarten. + +Unter diesen Umständen war andern Tags an einen regelrechten Marsch nicht +zu denken, sondern mit Tagesanbruch gingen wir in die Wohnung des +italienischen Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um unsere +Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz des Consuls befindet +sich ganz am Südrande der Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl +als die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt, auf welchem oft +zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln. Tadjura selbst ist eigentlich +mit der Mschia und dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine +und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von Sahel und Mschia +unterschieden, als die Bewohner der beiden letztgenannten Orte gar keine +Abgaben von ihren Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura von +jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten müssen. Die Befreiung der +Mschia und des Sahel ergiebt sich daraus, dass die männliche Bevölkerung +kriegspflichtig ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie +vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in Tadjura vom +türkischen Gouvernement auf nur 80,000 angegeben wird, so liegt dabei der +Umstand zu Grunde, dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den +Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt eine eben so +grosse Zahl _nicht_ gezählter Bäume, von denen natürlich auch die Abgabe, +2½ Piaster, erhoben, aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man +wird nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen in Tadjura auf +200,000 angiebt. + +Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um die Zelte trocknen zu +lassen und andere Dinge auszubessern; aber von da an hatten wir wenigstens +günstiges Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen Weges +aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten Tage nach unserm Abgange +von Tadjura dicht beim Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse +des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba Sidi Abd el Ati's +campirten. + +Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed Bei's, des Gouverneurs von +Choms, welcher gerade von Tripolis gekommen war, wo er bei seinem +Schwiegervater, dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die +Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte nun gleich: ich +solle in Choms oder Lebda nicht Zelte schlagen, sondern in seinem Hause +wohnen, und ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig angenehm +und sicher in Lebda das Campiren ist, mit Freuden sein Anerbieten an. Er +brach dann vor mir auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in +Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen. + +Da es noch früh am Tage war, so ging ich gleich mit dem Photographen nach +der Ruinenstätte, um im Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus +Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends nach Sonnenuntergang in +die Wohnung Hamed Bei's zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen, +und besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren doch nur zu zweit +bei Tisch, d.h. er und ich, eine so glänzende Erleuchtung spendete. Da +waren auf den Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch +selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste war, dass mein +Wirth einen ausgezeichneten Tischwein führte, und selbst mit Maass und +Anstand zu essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer und +Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der Zahl, so abgerichtet, dass +sie selbst nach jedem Gange die Bestecke und Teller wechselten. Einer von +ihnen war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass er in Uniform +aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr eifersüchtig darüber wachte, dass +alles europäisch zuging, gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder +Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht alles nach seiner +Meinung fränkisch zuging. Dass nun in der Reihenfolge der Gerichte, in +ihrer Zubereitung selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen +vorkamen, kann man sich leicht vorstellen: leben doch in Tripolis die +Europäer selbst eher türkisch als europäisch in ihren Gesellschaften. + +In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken kennen, +gerade aber ihn hatten die Tripolitaner aus der nächsten Umgebung des +Pascha's zu entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er als +Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher als die meisten Beamten, +war er, sagt man, namentlich dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von +Tripolis, ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst seiner +Freunde, des Personals des französischen Consulates, seine Entfernung von +Tripolis verlangt. Man muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach +unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann gewesen sei; die Leute +in Choms erzählten mir sogar, dass er allein bei den Abgaben von den +Oelbäumen das Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen), und +als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der untern Beamten, einem +Abgabensammler, zusammentraf, fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den +letzten Tagen etwa 18,000 Mahbub--ein Mahbub ist etwas mehr als ein +preuss. Thaler--bei den Abgabensammlungen profitirt habe. Dabei lobte +merkwürdigerweise der Abgabensammler Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken, +dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst nicht auch sein +Profitchen gemacht habe, was er zwar in Abrede stellen wollte, indess +sicher der Fall war. Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen +und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar keine Administration +denken können; Civilisation, rechtliche Verwaltung sind auch überdies +schon bei Völkern unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen; +wer heutzutage noch glauben kann, die Völker civilisiren zu wollen, welche +dem Islam huldigen, der komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und +Tunis, und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen Staaten sind +heute noch dasselbe, was sie vor hundert Jahren gewesen, d.h. zu einer +Zeit, wo die sogenannten Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren. +Man kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht zu civilisiren +sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung keine Civilisation erlaubt. +Würden wir Europäer vielleicht nicht in demselben Fall sein, wenn wir +zufällig uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für ganz +andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu anderen Bedürfnissen +passte? Denn sicher wird man nicht behaupten wollen, dass die Sitten und +Bedürfnisse, die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der +Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie sie es jetzt sind im +Jahrhundert des Telegraphen und des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns +ist unser Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum der +ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe nach Abessinien oder besuche +die Copten oder andere Völker, die streng an den Satzungen der Kirche +festgehalten haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist. + +Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden Tage vier Ansichten +von Lebda auf: das südliche Stadtthor, die südliche Front der grossen +Basilika, die Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen Wohnung +des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht vom Hafen, der freilich +jetzt ganz versandet ist. + +Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen hatten, höchstens um +einige Säulenstümpfe ärmer, die der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali +Riza Pascha, von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit seine +Anlagen zu verunzieren. + +Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung Lebda's auf +einmal oder nach und nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl +beides annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis magna fand +Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so mit Sand überschüttet, dass er die +Wiederherstellung aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder +Oststadt verwendete[14]; es muss also ein aussergewöhnlicher Orkan +geherrscht haben, der nach der Zerstörung durch die Vandalen diesen +Stadttheil mit aufgewühltem Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme +fügen noch immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen, wo +ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil, die eigentliche +Hauptstadt, verschwunden sein wird. + +Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher Zeit aus dem Meere +geworfen worden sind, so ist vor Zeiten die ganze grosse Aregformation in +der Sahara ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer +Forscher[15] gänzlich unhaltbar, dass die Dünen der Wüste ein +Zersetzungsproduct von Felsen seien. Lebda nun, wie es sich uns heute +zeigt, bildet drei Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf +beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die Haupthälfte sich auf +dem linken Ufer befand, während auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu +sein scheinen; nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort, +scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte zugleich die des Hafens +gewesen zu sein. Wenigstens fällt die Südseite des Forts auf der rechten +Flusszunge direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais, +woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der Schiffe vorhanden sind, +und Treppen, welche zum Hafen hinabführten; jetzt natürlich steigt man +mittelst der Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden. Diese +Altstadt enthält fast allein die öffentlichen Gebäude: als Paläste, +Kirchen, das Forum etc., aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand +überschüttet. + +Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was Barth als [griechisch: polis] +oder Altstadt bezeichnet, dies wirklich gewesen sei. Ich glaube vielmehr, +dass die westliche Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden +Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet auf dieser +Landspitze--die auch viel zu eng ist, um nur zwei Reihen von Häusern +aufzunehmen, mögen wir uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch +so beschränkt denken--gar keine andere Spur von Gebäuden, als solche, die +auf Vertheidigung und Schutz hindeuten, und gerade eben die drei +Ueberreste von Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt trennen, +deuten darauf hin, dass hier das eigentliche Reduit lag. Die kolossalen +Quaderbauten nach dem Meere zu sind vollkommen gut erhalten, leider +erlaubte der Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom Meer aus +in die untere Partie des Forts münden, zu besuchen; das Meer peitschte mit +solcher Gewalt seine schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es +unmöglich war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist übrigens nach dem +Meere zu durch eine starke Quadermauer geschützt. + +Westlich von der Altstadt findet sich nun ein Ruinenfeld, welches fast bis +nach Choms hinreicht. Von diesem Ort ausgehend, stösst man auf einen fast +50' hohen Obelisken, aus Sandstein erbaut, gut erhalten, der +wahrscheinlich ein Grab ziert. Die zahlreichen Grundmauern von +Privatwohnungen und einige öffentliche Gebäude deuten an, dass hier eine +"Neustadt" war; eine Mauer scheint dieselbe nicht umgeben zu haben. + +Aus den Beschreibungen der Alten geht übrigens hervor, dass Leptis +wenigstens vor der Römerherrschaft schlechtweg den Namen Neapolis führte. +Nach Sallust von den Sidoniern gegründet, welche Unruhen halber +ausgewandert waren, entstand die Stadt unter dem Namen Leptis an dem Orte, +wo wir die jetzigen Ruinen vor uns haben, ungefähr zur Zeit als Cyrene +schon aufgehört hatte, von Königen regiert zu werden, sich aber zu einer +Republik constituirt hatte. + +Scylax kennt die Stadt dann nur unter dem Namen Neapolis und Strabo und +Ptolemäus schreiben, "Neapolis auch Leptis genannt". Unter den Römern +erhielt sie den einheimischen Namen zurück, und wurde magna genannt, im +Gegensatz zu Leptis bei Carthago. + +Leptis magna musste eine sehr reiche Stadt sein, da sie, wie Livius +anführt, täglich ein Talent Silber als Abgabe an Carthago zahlte. Im +Kriege der Römer mit Jugurtha hielt sie zu ersteren, wurde daher sehr +begünstigt und erhielt die Rechte und Begünstigungen einer Colonie, als +solche kennen sie Plinius und Ptolemäus noch nicht, auf den +Peutinger'schen Tafeln ist sie aber als Colonie gezeichnet. + +Kaiser Severus that ausserordentlich viel für die Stadt, aber bei dem +Einbruche der Ausurianer ging sie fast ganz zu Grunde, und der spätere +theilweise Wiederaufbau unter Justinian vermochte ihr ihre alte Blüthe +nicht wieder zu geben. Im siebenten Jahrhundert fiel sie dann ein Opfer +der hereinbrechenden Araber, um nicht wieder von ihren Ruinen und den sie +deckenden Sanddünen zu erstehen. + +Die eigentliche spätere Neustadt befand sich indess auf dem rechten Ufer +des Lebda durchschneidenden Flusses, und hat einen sehr ausgedehnten +Umfang, auch ist noch überall die Grundmauer ihrer Umgebung deutlich +wahrzunehmen. In späteren Zeiten war sie indess wohl der Hauptsitz der +Bevölkerung, da Septimus Severus seinen Palast sich dort erbaute. Gleich +östlich von diesem Stadttheile zieht sich dann die Nekropole nach SO. hin, +von der Wasserleitung durchschnitten, welche im Hafenquai selbst mündete. + +Das besterhaltene Denkmal ist der Hippodrom von Leptis magna, und für eine +Provinzialstadt war er sicher einer der grössten und prächtigsten[16]. +Ganz am Ostende aller Baulichkeiten von Lebda gelegen, zieht er sich dicht +am Meere hin, derart, dass die eine Wand durch das Ufer, also +natürlicherweise, gebildet wird, während die andere der ganzen Länge nach +durch einen grossartigen Steinbau, welcher zugleich das Meer abhält, +begrenzt wird. + +Das ganze Stadium ist derart angelegt, dass auf eine innere Länge von 550 +Schritten das Westende mit einem Tempel anfängt, dessen mächtige +Grundmauern noch erhalten sind. Von diesem Tempel bis zur Spina sind 200 +Schritte: es war dies der Raum zum Ablaufen, Aphesis genannt. Die Spina +selbst, überall 5 Schritte breit, beginnt mit einem Rundtempel, halben +Durchmessers, aber nur die Basis dieses Tempels, durch einen Zwischenraum +von der Spina getrennt, ist noch vorhanden. In der Mitte der Spina befand +sich ein anderer Tempel, 120 Schritte vom ersten entfernt. Ueberhaupt +haben beide Häfen einen wahrscheinlich überdachten Säulengang gehabt, +wenigstens finden sich überall die Spuren eines Säulenganges, sowie +zahlreiche Säulenüberreste. Beide Hälften der Spina sind mit Durchgängen +versehen. Dem Rundtempel gegenüber befindet sich am andern Ende der +Taraxippos, oder das Umkehrzeichen, in Form eines Halbkreises von der +Spina getrennt. Der Hippodrom scheint mit keiner Rundung abgeschlossen zu +haben, aber auf der äussersten östlichen Wendung, wo die künstliche Mauer +mit dem natürlichen Erdwall, der auch steinerne Sitze hatte, +zusammenstösst, befindet sich ein solides pyramidenartiges Gebäude, das +vielleicht eine Statue trug. + +Gleich südlich vom Stadium erhob sich das Amphitheater, es ist aber nichts +weiter davon übrig, als die kreisrunde Einsendung in den Boden, welche +theils natürlich, theils künstlich ist. + +Ich habe mich darauf beschränkt nur eine allgemeine Uebersicht der +Topographie der Stadt zu geben, da mit Ausnahme des Hippodroms eine +Beschreibung der einzelnen Gebäude, ohne sie vorher vom Sande befreit zu +haben, unmöglich wäre. Beim Photographiren der Basilika hatte ich indess +noch das Glück, eine Inschrift zu entdecken, die, wenn auch nicht von +besonderem Interesse, doch neu ist; auch konnte ich mehrere Gemmen kaufen, +sowie einige Münzen. Hamed Bei hatte sogar die Freundlichkeit, mich auf +einen nahe liegenden Berg führen zu lassen, wo er eine Inschrift entdeckt +hatte. + +Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne Frühstück fortlassen +wollte, verlor ich meine Karawane. Ich hatte sie nämlich schon am Morgen +früh fortgeschickt, und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch +am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die Inschrift sich befand, +erst Nachmittags herunterkam, überfiel mich beim Weiterreiten schnell die +Nacht, und unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich ich +mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich so oft ich Wachtfeuer +erblickte, wollte es mir nicht gelingen, den Lagerplatz meiner Leute +ausfindig zu machen, und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den +ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter konnte, musste ich mich +endlich entschliessen, ein anderes Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt +meine Karawane längst hinter mir gelassen haben. + +Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und schickte meinen Neger +dorthin, ein Nachtlager zu erbitten. Es fand sich, dass nicht weit vom Weg +ein einzelnes Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's +gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit keine Rede, die +Leute waren so arm, dass sie nicht einmal eine Matte besassen, und wenn +nicht ein beständig unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich +ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen Zelte verbreitet +hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten haben. Man kann sich leicht +denken, dass das Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel: +etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit meinem Wirth aus einer +Schüssel mit den Fingern ass, war alles, was zu haben war. Mein armer Esel +fuhr noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben. + +Die armen Leute, von der türkischen Regierung ganz ausgesogen, hatten +übrigens ihr Möglichstes gethan, und so nahm ich am folgenden Morgen mit +Dank von ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte reichlich +an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt hatte. Denn dem Araber selbst +Geld für seine Gastfreundschaft anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte +gewesen. Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte gar nicht mehr von +der Stelle, und nachdem ich einige Stunden zu Fuss marschirt war--den Esel +liess ich durch meinen Neger treiben--war ich froh, als ich in einem +Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen aufgeschlagen worden, ein Pferd +zur Weiterreise miethen konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein +besseres Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den Stand, noch +an demselben Abend Tadjura, freilich etwas spät, zu erreichen, und hier +kehrte ich im Landhause des italienischen Consuls ein, denn auch mein +Pferd wollte nicht mehr weiter. + +In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda bedeutend weiter, als man +nach den Karten glauben sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die +Strecke sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken Dünen, auf +denen Thiere und Menschen bald ermüden. Am andern Morgen früh war es nur +noch ein Spazierritt bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane, +der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am folgenden Morgen +einzutreffen; die Kameele hatten sich auf dem Wege ebenso gut gehalten, +wie die Leute. + + * * * * * + + + + +Bengasi. + + +Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen, weil ich vermuthete, +dass bei dem schönen Wetter der Dampfer rasch von Malta zurückkommen +würde, und ich keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der +Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war das Dampfschiff noch +nicht angekommen, ja ein von Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass +das Schiff erst nach Ende des Carnevals abgehen würde. + +Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener Soldat) nach Lebda +geschickt, mit einem Briefe des Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise +nach Tripolis nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt. Es +that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit aus der Hand +gegeben hatte, noch mehrere interessante Ansichten von Lebda +photographiren zu lassen. + +Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte Dampfer an, und nun +konnte, da seit langem alles vorbereitet war, die Karawane abgehen. + +Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act unter preussischer +Aegide seitens Deutschlands in Tripolis vorgenommen wurde. Wenn auch in +früheren Zeiten fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden +Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie Barth, Overweg und Vogel, +durch Englands Gelder ausgerüstet, und von der englischen Regierung +abgeschickt, als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann +und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen privaten Charakter +gehabt; wenn auch bei meiner Reise nach Bornu der König von Preussen sich +mit einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so war nie von +einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.[17] Ganz anders war es +jetzt: Dr. Nachtigal ging mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem +Auftrage, der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn von +Norddeutschland war übermittelt worden. Sein Abgang musste daher mit einer +gewissen Feierlichkeit stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue +norddeutsche Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem +Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo bis jetzt nur die +englische und die Bremer Flagge war gesehen worden. Die +schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so hoffen und wünschen wir, von hier +noch weiter getragen werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder +atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der Zeit unseres +Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten mit Aufmerksamkeiten aller +Art überhäuft worden. Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern +temporären Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. + +Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher sämmtliche Consuln und die +angesehensten Familien der Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein. +Die Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande der Mschia +aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck lagen daneben. Fast alle kamen +unserer Einladung nach, auch das türkische Gouvernement hatte sich durch +Hammed Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch einen in Wien +erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im Generalstab, vertreten lassen. +Dort am Ende des Palmwaldes, am Anfange der Sanddünen, wurde nun den +Tripolitanern ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff des Essens +nach arabischer Manier hergerichtet war, d.h. in gerösteten Hammeln und +enorm grossen Kuskussu-Schüsseln bestand; aber auch Wein, freilich nicht +von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit auf den König +Wilhelm vom holländischen Generalconsul, sodann die auf die glückliche +Ueberkunft der deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter +allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich kamen dann auch +noch die Tripolitaner Stadtmusikanten, eine Flöte, eine Harfe, eine Geige +und eine Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen, +ein Platz war bald gefunden, an Walzern und Polka's nicht fehlte. + +Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber der Stadt und Umgegend +diesem, für sie nie gesehenen Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie +uns alle für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie früher +Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und nie weiter nach Norden in +Afrika gekommen war als Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle +nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, "in scha Allah." + +Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren ersten Marsch an, nachdem +sie Nachts am Rande der Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen +sie bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach der Stadt +zurück, und hatten somit die Aufgabe, die Geschenke des Königs für den +Sultan von Bornu von Tripolis aus abzusenden, gelöst. + +Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden, um nach Bengasi zu +kommen, denn der Weg um die grosse Syrte war durch die lang anhaltenden +Regen ganz unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen ihn +mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer der Syrte befanden sich in dem +Zustande, wie sie von Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind. +Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die Landschaft südlich +von der grossen Syrte habe den Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und +Ableitung von Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck +"surtis" von "surein" ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie auf den +Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen um die Zeit der hohen, durch +den Nord- und Nordwestwind hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese Zeit +eine Reise um die grosse Syrte machen wollte, würde rettungslos in die +Tiefe gezogen werden, falls er nicht einige nur den Eingebornen bekannte +Pfade, die hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das, was wir +auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste bezeichnen, keineswegs +Desertum, sondern das fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren +Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss zu seiner Länge wenig +interessantes, wenn man nicht von einzelnen Punkten Excursionen in's +Innere machen wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die Küste +anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann hoffen auf diesem Wege neues +zu bringen, falls man über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen +hatte. + +Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt machen, so konnte ich blos +an Segler denken, aber selbst bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14 +Tage unterwegs sind, war es einer Landreise gegenüber, welche nicht unter +35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende Zeitersparniss; bei +günstigem Winde segelt man blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich +sehr gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis, eine Brigg +im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte, aber er wollte sie nur gleich +absegeln lassen, wenn ich die ganze Cajüte miethen würde. Gross und +comfortabel war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer. Indess ohne +Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem hatte ich für fünf meiner +Leute zu zahlen und für meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig +Tage Proviant einnehmen. + +Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März, einige Tage nach dem +Abgange der Karawane des Königs, mit allen meinen Leuten an Bord gehen, +und am andern Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem Hafen. Die +Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf dem Decke lungerten 40 bis 50 +zerlumpte Araber, Juden, Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber, +Frauen, Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren werthlosen +Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen und Kisten und Kasten. +Von der Cajüte aus sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu +bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck. + +Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie war auch so niedrig, +dass man nur ganz gebückt sich darin halten konnte, hatte ausserdem drei +Cojen, Tische und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe +selbstverständlich, sie hätten auch schwerlich Platz gefunden, dennoch +gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen. Und besser, als ich +gedacht hatte, ging die Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas +Sturm, etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser Reis +(Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich an der Küste zu halten, +fuhren wir geraden Wegs nach Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer +ausser Sicht verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land, und +bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt, welche sich von +weitem recht stattlich ausnahm. Viel trugen freilich das Fort an der einen +Seite, die Palmengärten, die schmucken europäischen Häuser, und im +Hintergrunde die bläuliche Bergkette dazu bei. + +Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht davon kommen. Schon +hatten wir einen Lootsen an Bord, und derselbe hatte das Commando +übernommen, als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das Schiff +aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig tief, dass wir überall +Grund sehen konnten, wir waren auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage +des Lootsen noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das Schiff +ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen Umständen der +Fall sein, aber überladen, wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief. +Grosses Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge, jeder schrie +und commandirte, aber niemand gehorchte. Und schon glaubte ich, es würde +beim "Gott ist der Grösste, nur bei Gott ist Hülfe", sein Bewenden haben, +als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der noch der +Vernünftigste von allen war, liess nun gleich fast alle Passagiere +debarquiren, und dann rasch einen Theil der Ladung nachfolgen, so wurden +wir nach kurzer Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen +hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt. + +Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den debarquirenden +Passagieren an's Land geschickt, um Quartier zu suchen, und die alsbald +auf den Consulaten als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man +meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es denn auch, so kamen +der englische und französische Consul an Bord, um mich abzuholen, und +gleich darauf waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude +untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher, Herrn +Denys, als Consul vertrat, nahm uns mit der liebenswürdigen +Gastfreundschaft auf, welche im Auslande Engländer und Franzosen so sehr +vor den andern Nationen auszeichnen. + +Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der Ausrüstung begonnen; es waren +Kameele, Sättel, Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den +Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von allen Reisenden für +das berühmte Silphium gehalten) und vor allen der nothwendige Proviant zu +schaffen. Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen, Kameele +zu miethen; ich fand die Preise aber so in die Höhe getrieben, dass ich +mich entschloss, welche zu kaufen, und dies habe ich später auch +keineswegs zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch noch die Zahl der +Diener um einige erhöhen, aber andererseits war ich dafür Herr meiner +Karawane und meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei dem +reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica alles grünte und +blühte, die Kameele sich so halten würden, um sie nach beendeter Reise mit +nicht allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu können. Fünf +gute Kameele wurden mir also durchs französische Consulat eingekauft, alle +anderen Einkäufe besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst +wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche eines Landes mächtig ist, +ist es für einen Fremden immer am gerathensten, sich dergleichen durch +Ansässige besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien +ausgesetzt sein. + +Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers aufs Tapet: in Bengasi +war man der Ansicht, ein Europäer könne sich unmöglich allein in die +Cyrenaica hineinwagen, das Ansehen der türkischen Regierung sei überall +gleich Null, die Gegend voller Räuber und Strolche, und ohne Begleitung +eines einflussreichen Chefs sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den +vereinigten Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben zu müssen, +und zwei Männer, einer von den Franzosen, der andere von den Engländern +protegirt, kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren, +Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie zu bieten schien. Obschon +Fremdling in der Gegend, war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und +hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten Chefs von Barca +geheirathet. Er war reich, hatte mehrere Häuser in Bengasi und war unter +andern Besitzer des englischen Consulates. Gegen die geringe Miethe von 90 +Mahbab jährlich lautete der vor Jahren abgeschlossene Contract, mit dem +Beisatz, dass so lange das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat +habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände; an ein Kündigen von +Seiten des Aduli war gar nicht zu denken. Dergleichen Miethscontracte +wurden von den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen +Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast alle Europäer so gemiethet, +jetzt sind die Mohammedaner gescheidter.--Sein eigentliches Zeltdorf, +oder, wie man in Barca sagt, "Freg", war dicht bei Gaigab, also auch nicht +weit von der alten Cyrene selbst gelegen. + +Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli derselbe war, der Hammilton +nach Cyrene begleitet hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen +ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er später auch +mehreremale Denys begleitet und war bei Porcher und Smith thätig gewesen, +so kann ich doch nur die Erfahrung Hammiltons: "Mohammed serving his own, +utterly neglected my interests" bestätigen. Der Aduli schien eine solche +Reise nur zu seinem eigenen Vortheile zu machen; der zu escortirende +Reisende war für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine +Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte er dadurch noch +seinen Einfluss bei Türken und Arabern. Hernach stellte sich auch heraus, +dass die Gegend gar nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar +diebisch, würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen +Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen das Leben eines Europäers zu +unternehmen. + +Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte mich von Seiten der +Europäer der zuvorkommendsten Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen +Consulate, die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern und +Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und wetteiferten, mir den +Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Aber auch die türkische +Behörde, obschon der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht +eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend. Sie bot mir +Saptién und Empfehlungsbriefe an, da man indess auf dem englischen +Consulate der Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen +wegen eher schädlich als nützlich sein würde, so lehnte ich dankend das +Anerbieten ab. Auch dies war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht, +das türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall respectirt; +übrigens wäre die Mitnahme von Saptién, wenn auch nicht schädlich, doch +ganz überflüssig gewesen. + +Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden hat sich Bengasi +bedeutend gehoben und gebessert. Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf +2000 an, während della Cella früher schon 5000 vorgefunden haben will. +Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton deren 10-12,000, vertheilt auf +1200 Häuser. Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben, von denen +2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener und Griechen. Die übrigen +Eingebornen theilen sich in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2 +bis 3000 Juden. + +Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem Heiligen Namens Ben Ghasi +oder Ben Rhasi hat, dessen Grabmal sich unfern der Stadt im Norden +befindet, liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden nach +Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im W. vom Mittelmeere selbst, +im O. von Lagunen bespült wird. Eine andere gegen die nördliche strebende +von Süden her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten das Thor +zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser mit den Lagunen der flachen +Salzsee communicirt. Bei Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den +Seen eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus. Der Hafen +ist so versandet, und überdies bei starken Stürmen so unsicher, dass im +Winter die Schiffe Bengasi nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren. +Im Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz. In diesem +Jahre sind Ingenieure von Constantinopel gekommen, um neue Hafenbauten +aufzuführen, und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung des +Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss ausüben wird. Mit +einigen kräftigen Baggermaschinen und mit zweckmässig angelegten +Landungsdämmen wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein guter Hafen +herstellen lassen. + +Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel zur Verschönerung der +Stadt gethan; während früher die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines +Thurmes entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes, schlankes +Minaret bauen lassen, das schon von weitem den Schiffern vom Meer aus die +Stadt Bengasi verkündet. Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant +und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung. Und die Hauptsache +ist, dass alle Waaren vorhanden sind; in der That giebt es heute keinen +Artikel, der nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der Stadt +sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem gerade und für den +Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser sind solide aus Steinen gebaut, und +auch äusserlich die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr +viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die, welche in dem +letzten Decennium von den Europäern oder türkischen Beamten gebaut worden +sind, die innere Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein +viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit Thüren und Fenstern, +welche sich auf den Hof öffnen. Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser +aber, welches man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch. Die Häuser +der Europäer, auch alle mit einem freien Hofraum im Innern versehen, haben +geräumige hohe Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie man ihn +nur in Europa wünschen kann. Drei grössere Moscheen, zwei Synagogen und +eine katholische Kirche sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen +bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften im Innern viele +römische und griechische Alterthümer vermauert sein, leider wurde es mir +nicht erlaubt, eine zu besuchen. + +Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen Gottesdienst dient ein +grosser Saal des Klosters) wird, wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen +gebaut werden, nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen +Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen Quadern von +Kalkstein und im romanischen Styl errichtet. Diese fleissigen +Franciscaner, erst vor wenigen Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis +als Filiale nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung der +Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht beim Kloster ist auch das von +ihnen erbaute Hospital der französischen Schwestern, welche zugleich eine +Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an Arme ohne Unterschied +der Religion von den Arabern die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt +werden. Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen in Tripolis. + +Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im Anfange dieses Jahrhunderts +ein Castell erbaut, das zugleich die Mündung des Hafens schützen soll. +Aber obgleich äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig und +würde europäischer Artillerie, einerlei, ob neuester oder älterer +Construction, keinen Widerstand entgegensetzen können. In diesem Castell +hat die Regierung ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem, Casernen, +Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse Caserne, es sind in der Regel nur +500 Mann Infanterie in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das +türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die +Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch die Direction nicht +mehr von einem deutschen Arzte, wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so +ist dieselbe jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen +Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen Zustand +von Stadt und Hafen zu wünschen übrig. + +Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger, jedoch von Constantinopel +ernannter Kaimmakam vor, welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet +Barca, dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite stehen für +die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti, für die richterlichen ein +Khadi, welche ihre Ernennung von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath +aus den vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in neuester +Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende Stimme. Die Stellung der +Europäer der türkischen Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen +Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und Ausgaben von Bengasi +und Barca auch nur annähernd anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken +überdies sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze steht, oder +je nachdem man Razzien, um den Tribut von den Nomaden einzuziehen, +unternimmt. Die verschiedenen zu erhebenden Abgaben werden, wie in +Tripolis, an Meistbietende verpachtet, und Christen und Juden sind davon +nicht ausgeschlossen. + +Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in der Nähe des Hafens, die +Mohammedaner und Juden wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den +meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden ein eigenes +Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass es an zahlreichen Kaffeehäusern, +sowohl europäischen wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von +Schenken schlechte griechische und sicilianische Weine, starke Araki und +Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Bei den +öffentlichen Gebäuden haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das +aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich die verschiedenen +erwärmten Stuben fehlen, welche zu den heissen Bädern so nothwendig sind. +Da das Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen zu den Bädern +geholt wird, diese aber stark brakisch sind, und nur zum Viehtränken +benutzt werden können, so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt. +Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und Girben (Schläuchen) +von aussen weit hergeholt, und macht so den Einwohnern eine grosse +jährliche Ausgabe. + +Die Einwohner, Araber ihrer Abkunft nach, haben sich sehr stark mit +Negerblut vermischt, sind daher sehr hässlich im Ganzen genommen. +Möglicherweise sind auch Berberüberreste mit untermengt, sie verstehen und +sprechen aber nur arabisch, und zwar haben sie den maghrebinischen +Dialekt; auch im Schreiben hat bei ihnen das [Arabic] q nur einen Punkt, +und das [Arabic] f den Punkt unten. Sie befolgen den malekitischen Ritus, +obschon in der Hauptmoschee, wo hauptsächlich das türkische +Beamtenpersonal vertreten ist, hanefitisch gebetet wird. Sie sind +fanatischer als die Tripoliner (man unterscheidet Tripoliner, den Städter, +vom Tripolitaner, dem Bewohner der ganzen Provinz), was hauptsächlich +seinen Grund darin hat, dass sie so häufig mit den freien, unabhängigen +Bewohnern der Hochsteppen verkehren, überdies sind sie unwissender, und +noch nicht in so innigen Beziehungen mit den Europäern, als die +Tripoliner. Ihre Tracht ist die der übrigen Tripolitaner, aber auch hier +verdrängt nach und nach das mehr zum Arbeiten geeignete europäische Costüm +das malerische, aber die freien Bewegungen hindernde, orientalische. Ein +reicher arabischer Kaufmann hält es heute für unumgänglich nothwendig, +französische Glanzstiefelchen zu tragen, und ein Paletot ist nichts +seltenes mehr, auch haben die meisten schon ihr weites Hemd gegen ein +europäisches vertauscht. Was nun gar die arbeitende Classe anbetrifft, ich +meine die Diener, Taglöhner der Stadt und die am Hafen beschäftigten +Maschapsträger, so ist da die enge Hose, ein europäisches, wo möglich +buntes Hemd, und, wenns erschwungen werden kann, europäisches Schuhzeug, +ganz eingebürgert; nur der leidige Fez will sich noch immer nicht +verlieren. + +Man glaubt aber nicht, welche Revolution bei diesen Völkern ein +Kleiderwechsel macht, und gewiss hat die türkische Regierung bei den +Reformen Recht gehabt, ihren Beamten als ersten Schritt zur Civilisation +vorzuschreiben, europäische Kleidung anzulegen. Sie hat dadurch dem Volke +ein tägliches und sichtliches Zeichen gegeben, dass sie gewillt ist, mit +den alten Sitten und Gebräuchen zu brechen und europäische Einrichtung und +Gesetze anzunehmen. Bei diesen Völkern ist alles nur äusserlich, ihre +ganze Religion ist nur äusserliches Ceremonienwesen, und man kann sich +denken, wie hart es für die mohammedanischen Mucker war, mit ansehen zu +müssen, dass die vornehmen Leute, die Beamten, ja der Beherrscher der +Gläubigen selbst, christliche Kleidung anlegten. Welche Anzahl von +Vorschriften und Gesetzen hatten sie nicht früher, um die Juden und +Christenhunde zu verhindern, sich wie sie, die Rechtgläubigen, zu kleiden? +Ja in einigen mohammedanischen Staaten, Marokko z.B., existiren +dergleichen Gesetze noch heute. Die Franzosen aber, diese Araberbewunderer +en gros, haben sicher grosses Unrecht, dass sie ihren arabischen Beamten +in Algerien nicht von vornherein befahlen, französische Uniform anzulegen. +Sie hätten dadurch die Schafe von den Wölfen am besten unterscheiden +lernen können. Ein Beduinenchef in der Provinz Oran, diesem ewigen Krater +der Revolution und des Krieges, der mit Vergnügen monatlich als Agha oder +Kaid aus den Händen der französischen Regierung seinen Gehalt +entgegennimmt, bis er glaubt genug zu haben, um zu revolutioniren, ein +solcher Beduine würde sich eher erschiessen, als französische Uniform +anziehen, aber dann fort mit ihm! Und nur solche angestellt, die, wenn sie +besoldet sind, sich auch nicht schämen, die Jacke ihrer Herren zu tragen. +Mit diesem einfachen Mittel würden die Franzosen alle ihre Araberchefs +zwingen, Farbe zu bekennen. Aber nein, die französische Regierung thut +gerade das Gegentheil, um dieser Bevölkerung, welche eben ihrer Religion +wegen sich nie civilisiren kann, zu schmeicheln, steckt sie ihre eigenen +Soldaten unter dem pomphaften Namen Zouave in türkische Pumphosen. + +Die Frauen haben mehr ihre nationale Tracht bewahrt. Ob sie auch so +hässlich sind, wie die Männer, konnte ich wegen meines kurzen Aufenthalts +nicht erfahren; die jungen Mädchen, welche bis 8 oder 9 Jahren +unverschleiert auf der Strasse sich zeigten, sahen nicht viel versprechend +aus. + +Ganz anders verhält es sich mit den Juden, Männer und Frauen sind +durchgängig schön zu nennen. Ob dies noch die Abkömmlinge der hier im +Alterthum so zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, +aber nicht unwahrscheinlich. Sie selbst haben keine Erinnerung oder +Ueberlieferung; es ist übrigens sehr gut möglich, dass sich in ihren alten +Chroniken Andeutungen davon finden, aber die eingeborenen Juden sind auch +viel zu fanatisch, um einem Fremden einen Blick in ihre synagogischen +Bücher zu gestatten. Wir wissen, dass unter der römischen Herrschaft die +Juden allein das Recht hatten, Geld ausser Land zu schicken, ihren Tribut +nach Jerusalem. Heute wiederholt sich noch ähnliches, zwar schicken die +Juden das Geld nicht mehr nach Jerusalem, aber dieses sendet von Zeit zu +Zeit Rabbiner durch die Welt, welche sammeln müssen. Auf unserer Fahrt von +Tripolis leistete uns ein solcher Jerusalemer Rabbiner Gesellschaft; er +hatte in Tripolitanien gesammelt und wollte dann sein Geschäft in Bengasi +und Derna fortsetzen, er war noch dazu mein Landsmann, denn obschon in der +Stadt Davids geboren, war er Unterthan des norddeutschen Bundes. + +An Gärten besitzt Bengasi nur einen Palmhain, der sich nordwärts von der +Stadt hinzieht. Obst und Gemüse gedeihen sehr schlecht, und um sie nur +einigermaassen wachsen zu machen, sind die Gärten alle auf Matten +gebettet. Das heisst, man hat das jetzige Terrain weggegraben, Matten +gelegt und dann Dünger und guten Boden aufgetragen. Die Matten sollen +offenbar einestheils das Aufsteigen des Salzwassers, anderntheils das +Durchsickern der fruchtbaren Düngerjauche verhindern, und müssen daher +immer erneuert werden. Ob sie aber diesen Zweck damit erreichen, habe ich +nicht gut absehen können. Die Palme gedeiht an und für sich gut in +salzhaltigem Terrain, ebenso die Olive, wie einige prächtige Bäume im +englischen Consulate beweisen. Obst dagegen, namentlich Orangen, die gar +nicht fortkommen wollen, und Gemüse können fast gar nicht gezogen werden. +Alles Obst und Gemüse kommt daher von Derna, Candia, Malta und Tripolis. +Sehr gut gedeiht aber noch Klee und Luzerne; die fruchtbare Ebene, die +sich etwas weiter weg um die Stadt zieht, versorgt mehr als reichlich die +Stadt mit Vieh und Korn. + +Was den Handel anbetrifft, so hebt sich derselbe zusehends. In den letzten +Jahren war der Hafen durchschnittlich von 300 Schiffen besucht. Natürlich +beschränkt sich die Schifffahrt fast nur auf das mittelländische Meer, und +grössere Schiffe als Zweimaster kommen nie nach Bengasi. Es lässt sich +nicht leugnen, dass der wieder angeknüpfte Verkehr mittelst Karawanen nach +Uadai dazu beigetragen hat, den Austausch mit dem Innern von Afrika zu +beleben. Die grosse Menge von Sklaven, welche von dort kommen, abgesehen +von dem Elfenbein und den Straussenfedern, werden hauptsächlich hier gegen +europäische Producte verwerthet. Es ist überhaupt erstaunlich, wie in den +letzten Jahren der Sklavenhandel schwunghaft betrieben worden ist, und +hauptsächlich trug der Umstand dazu bei, dass den englischen Consulaten, +die früher die einzigen von allen in dieser Angelegenheit den Türken und +Arabern den Fuss auf den Nacken hielten, die Weisung von Constantinopel +aus zugegangen war, so viel wie möglich sich der Einmischung zu enthalten. +In diesem Jahre nun hat die Botschaft Englands in Stambul neuen Befehl +gegeben, streng über die Verträge gegen den Sklavenhandel zu wachen. Die +Consulate der anderen Mächte bekümmern sich gar nicht um dergleichen. + +Ueber die Aus- und Einfuhr liegen keine statistischen Nachweise vor, beide +steigen jedoch von Jahr zu Jahr, so dass man die Exportation jetzt auf +etwa 1,500,000 Fr., die Importation auf 1,000,000 Fr. veranschlagen kann. +Ausgeführt wird besonders Korn, Schafe, Rindvieh, Federvieh, Butter, +Wolle, Eier, Honig, Häute, Elfenbein und Straussenfedern. Nach Aegypten +werden auch alljährlich viele Kameele exportirt, deren Zucht in den +grossen Ebenen südlich von Bengasi ganz vortrefflich gedeiht. Der Import +umfasst alle europäischen Fabrikate, Tuche, Baumwollstoffe, schlechte +Seiden und Sammetstoffe, Nürnberger Waaren, Lichter, Seifen und Oele, +südliche Weine und Alcohol, Früchte und Gemüse. Theils bleibt dies für den +Consum in der Stadt, theils wird die Waare von hier weiter nach dem Innern +expedirt. + + * * * * * + + + + +Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluß. + + +Wenig nur ist heute von diesem alten Sitze der Hellenen übrig, an dem +Meere sich hinziehende Quaderbauten, in den Häusern verbaute Steine, +Capitäler von Säulen, Schafte ohne Capitäler, Sarkophage, einige +verstümmelte, schlecht erhaltene Statuen (zu Barths Zeit wurden drei +ausgegraben), das ist es, was im heutigen Bengasi vom alten Euesperides +oder Berenice noch zu finden ist. Aber selbst Reste einer Necropolis sind +nur spärlich vorhanden, hie und da kleine Hypogeen, welche ursprünglich +Steinbrüche gewesen zu sein scheinen, und dann erst später zu +Todtenkammern weiter ausgearbeitet wurden, ist alles was in der nächsten +Umgebung von Bengasi an Bauüberresten vorliegt. Höchst wahrscheinlich +bestatteten hier die Bewohner ihre Todten in freien Sarkophagen, da das +Terrain für in Felsen gearbeitete Gruben, wie man sie bei Cyrene, bei +Ptolemais und Temheira findet, sich nicht als passend erwies. Auch +begruben vielleicht die Juden, und diese machten seit Beginn dieses +Jahrtausends die Hauptbevölkerung von Berenice aus, ihre Todten wohl nicht +wie die übrigen Bewohner Cyrenaicas, und was daher weniges an Sarkophagen +und anderen Grabmonumenten oberhalb des Bodens vorhanden gewesen sein +dürfte, wurde längst als Baumaterial verschleppt. + +Als die alten Griechen den Apolloquell von Cyrene entdeckt hatten, +breiteten sie sich rasch über das ganze Land aus, und höchst +wahrscheinlich wurde Euesperides, eine der fünf Städte, welche die +Pentapolis bildeten, schon sehr frühzeitig gegründet. Wann dies nun +geschehen, ist nicht genau zu ermitteln. Frühzeitig mit den umwohnenden +Libyern im Kriege, theilt uns Thucydides mit, dass sie 413 v. Chr. von +einer libyschen Belagerung durch eine Flotte von Peloponesiern, welche, +nach Sicilien bestimmt, ans libysche Ufer waren verschlagen worden, +befreit wurde. Dergleichen geschichtliche Anhaltspunkte liegen mehrere +vor. + +Ob nun die Stadt den Namen von den hochberühmten Gärten bekommen habe, +indem die ganze Gegend wegen ihrer Fruchtbarkeit den Namen "die Gärten der +Hesperiden" vorher hatte, und dann erst später die gegründete Stadt +Euesperidae, Euesperitae ([griechisch: euesperidai] und [griechisch: +euesperitai]) genannt wurde, ist auch nicht festzustellen. Das Eu wurde +später weggelassen, schon Scylax hat es nicht mehr, noch später wird die +Singularform Esperis gefunden, und die Römer setzten ein H vor. Zur Zeit +des Ptolemäus Euergetes, welcher die Tochter des Magas, Namens Berenice, +geheirathet hatte, verwandelte man zu Ehren dieser Frau den Namen der +Stadt in Berenice; es scheint aber, dass noch lange die Bewohner den alten +Namen beibehielten. Pomponius Mela, in der Mitte des ersten Jahrhunderts, +kennt nur den Namen Hesperis, ebenso Plinius, der ungefähr um dieselbe +Zeit schrieb; aber hundert Jahre später hält der Alexandrinische Geograph +es schon für nothwendig, wenn er von Berenice spricht, hinzuzufügen, dass +dies derselbe Ort sei, der früher Hesperides geheissen habe. + +Im Mittelalter will Edrisi den Namen Berenice noch vorgefunden haben, +ebenso Leo Afrikanus. Im Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir bei +Olivier den corrumpirten Namen Berrich, und Marmol nennt, um dieselbe Zeit +Berbick. Heutzutage ist der alte Name gänzlich aus dem Gedächtnisse der +Bewohner entschwunden, Bengasi verdankt, wie schon angeführt, einem +mohammedanischen Heiligen seinen Namen. + +Dass aber das alte Hesperis auf dem Platze des heutigen Bengasi steht, +leuchtet auf den ersten Blick hervor. Von der ganzen Gegend hat sich +nichts verändert, nur dass die Seen im Osten der Stadt mehr versandet +sind. Wir wissen, dass Berenice auf der in das Vorgebirge Pseudoponias +auslaufenden Landzunge lag, östlich davon der Tritonis-See mit einer +kleinen Insel, welche nach Strabo oft mit dem Lande zusammenhängt, und den +der Aphrodite geheiligten Tempel barg. Diese ganze Beschreibung, wie +Strabo sie uns giebt, passt heute noch so genau, wie man aus der +vorhingegebenen Topographie von Bengasi ersehen kann, dass es um so mehr +zu verwundern ist, wenn Bourville im See Haua-Bu-Chosch im S.O. vom +heutigen Bengasi den Triton-See, und in einer Oertlichkeit Siana die +Gärten der Hesperiden erkennen will. Wenn nun aber auch, mit Ausnahme von +Bourville, ältere und neuere Gelehrte im heutigen Bengasi das alte +Berenice, im östlichen Salzsee den Tritonis, und in dem kleinen, jetzt von +einem Marabut und einigen Araberhäusern gekrönten Hügel, die ehemalige +Venus-Insel wieder erkennen, so sind grössere Meinungsverschiedenheiten +wegen der hesperidischen Gärten und des Lethe-Flusses vorhanden. + +Wir können wohl die Ansicht Thriges und Malte-Bruns u.a. übergehen, nach +denen der Name der Gärten der Hesperiden eine blosse symbolische Idee +gewesen wäre, eben so verwerflich ist die Gosselinsche Meinung, die Oasen +der Wüste als die hesperidischen Gärten anzusehen. So viel steht fest, +dass die Alten mit dem Namen der Gärten der Hesperiden bestimmt +beschriebene Oertlichkeiten verbanden; so finden wir, abgesehen von den +uns zunächst angehenden, eine hesperische Insel an der Mündung des +heutigen Ued Elkus von Marokko, und noch später sehen wir, wie die +Hesperiden-Gärten auf Inseln im atlantischen Ocean verlegt werden. Was +unsere Hesperiden-Gärten in Cyrenaica anbetrifft, so erfahren wir zunächst +aus einer Beschreibung des Scylax, dass dieselbe auf die Umgegend von +Bengasi, mithin Berenice, gar nicht passt. Ausserdem giebt er mit präcisen +Worten dieselben als beim Vorgebirge Phycus, mehr beim heutigen +Marsa-Sussa gelegen, an. Die Küste wird als unnahbar, wie sie es dort in +der That ist, beschrieben, die Ausdehnung des Garten genau angegeben, und +die Obstsorten und Bäume, welche dort wachsen sollen, aufgezählt. Nach +Pacho entspricht die Gegend beim Cap Razat (so ist auf den Karten der +Neuzeit Phycus genannt, obschon die Eingebornen jenen Namen nicht kennen, +sondern die Spitze Ras-el-Fig, was offenbar von Phycus hergeleitet ist, +nennen), vollkommen dieser Beschreibung, er kehrt daher auch ohne weiteres +der Gegend bei Bengasi den Rücken, und verlegt, sich auf Scylax stützend, +die Gärten dorthin. + +In der That ist es heute schwer, irgend eine Stelle in unmittelbarer Nähe +von Bengasi zu finden, die wir mit dem Namen der Hesperiden-Gärten +bezeichnen könnten. Es sind allerdings eigenthümliche Einsenkungen in dem +felsigen Boden in der Nahe der Stadt, einige sind mit Wasser gefüllt, +andere enthalten Gärten, und die, wenn sie auch nicht alle die Bäume +hervorbringen, welche wir bei Scylax aufgezählt finden: Erdbeer, Maulbeer, +Myrten, Lorbeer, Epheu, Oliven-, Mandel- und Nuss-Baum, doch eine +auffallende üppige Vegetation zeigen. Beechey will nun, trotz der genauen +Orteangabe bei Scylax, diese Einsenkungen der Beschreibung desselben von +den Gärten passend finden, und stützt sich dabei besonders auf die von +Scylax angegebene Entfernung von den Hesperiden-Gärten nach Ptolemais. +Diese Entfernung von sechshundert und zwanzig Stadien zwischen den beiden +Oertlichkeiten, passt aber auch auf die zwischen Ptolemais und Phycus. + +Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt, die Gärten nach +Phycus legen, noch ist es nöthig mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax +stützend, dieselben in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi +erblicken zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da jetzt ein bestimmter +Ort bei Bengasi, der wegen besonderer Schönheit und Ueppigkeit der +Pflanzen den Namen der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden +ist, dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in pflanzlicher +Beziehung eine Umwandlung erlitten hat. Dies sehen wir nicht nur hier, +sondern überall in Nordafrika lässt sich durch das massenhafte Entholzen, +durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden nachweisen. Dass aber +die Hesperiden-Gärten in nächster Umgebung von Berenice gewesen sein +müssen, dafür ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend[18]: +"Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon und der heilige +Hain, wo die Garten der Hesperiden liegen sollen." Ferner sagt Ptolemäus: +die Barciten hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt. Kurz +alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache behandeln, verlegen die +Gärten in die Nähe der Stadt. Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur, +dass bei Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich die +Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch, dass die Ansicht +Beecheys, der aus der Beschreibung von Scylax, jene Felseinsenkungen bei +Bengasi, als die Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei. + +Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt aber unstreitig das +Verdienst, zuerst die Spuren des Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die +Gärten der Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt wurden, so +beanspruchten auch noch andere Gegenden den Ruhm, diesen Strom der +Vergessenheit bei sich zu haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die +Lydier nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten Autoren +der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica. Und noch heute können wir im Laufe +eines Uadi (zuerst von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den +Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben. Dies Uadi, aus +einer weiten Höhlung hervortretend, in der am Anfange das Wasser nur flach +ist, im Innern jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten nach +Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung vom Salzsee, dem alten +Tritonis, durch eine Felsbarrière abgeschlossen. In derselben Richtung +weiter gehend nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle von +Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden Faden von Wasser in den +See giebt. Nach der Regenzeit soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser +weiter aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings darauf +schliessen lässt, dass die Quelle mit dem aus der Höhlung kommenden +Wasser, trotz der Barrière, unterirdisch communicirt, und darauf hin bei +den Alten die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von dem +Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon. + +Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie ihn die alten Geographen +beschrieben haben, nur vielleicht, weil die ganze Gegend trockener +geworden zu sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den Lethon in +den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius verlegt ihn in die +Nachbarschaft von Berenice, Scylax erwähnt eines Flusses unter dem Namen +Eoceus[19] bei Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der +Hesperiden-Gärten und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen Platz +an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich giebt den Lethefluss als +zwischen Berenice und Arsinoe fliessend an. + +In der Topographie von Bengasi haben wir also weit mehr Anhaltspunkte für +die alte Stätte von Berenice und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als +in noch etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies in der That +auf den ersten Blick überraschend genug, dass von einer so blühenden Stadt +wie Berenice, so wenig Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es +erklärt sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von Juden, welche +unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt, wohl keine so festen und +dauerhaften Bauten aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden +unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien entrissen wurden, +entwickelten sie sich derart, dass sie in dieser Stadt den eigentlichen +Kern der Bevölkerung bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie +sehr, erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus, und ihre +Genossenschaft wurde von einem eigenen Archonten regiert. Bald wurden sie +so stark, dass sie unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die +Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war, neue Colonien nach +Cyrenaica abzusenden, um das Land wieder zu bevölkern. Bei der grossen +Zerstörung, die dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch die +Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner der heutigen blühenden +Judencolonie directe Abkömmlinge der hier im Alterthume so zahlreich +vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber _nicht +wahrscheinlich_. + + * * * * * + + + + +Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene. + + +Alles war geordnet und marschfertig am 4. März, nur Mohammed Aduli, der +als Führer und Sicherheitsmann uns begleiten sollte, machte Einwendungen +so rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend, dann, indem +er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen hatte, namentlich aber +darauf bestand, es müssten Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen +der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft waren, +überdies alle meinten, dass wir in dieser Jahreszeit von der Drias für +unsere Kameele nichts würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum +Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun heraus, dass er +hauptsächlich deshalb noch gerne einige Tage in Bengasi geblieben wäre, +weil er selbst seine Einkäufe noch nicht beendigt hatte. + +Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und meine Leute trieben die +Kameele vor sich her, zu denen noch mehrere schwerbeladene des Aduli +gestossen waren, welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt +verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen und französischen +Consul, welche mich bis Tokra begleiten wollten, hinterdrein, und uns die +ersten 3 Stunden nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten, +waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen Hochland und dem +Meere liegt, und die hier äusserst fruchtbar und breit ist. Sobald wir die +Seen vorbei hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig auf +jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch als hesperidische Gärten +beschrieben und gehalten worden sind. Es war in der That ein +eigenthümlicher Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen +Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen Rändern eingefassten +Kessel zu stehen, dessen Grund die üppigsten Bäume und Küchengewächse +enthielt, und die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume nicht +über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere Richtung wieder N.-O., die +Gegend wurde, je weiter wir zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren +wir schon so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine +weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor. Um 7 Uhr Abends +hielten wir vor einem Fereg der Braghta, welches Schützlinge und Freunde +vom französischen Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz +ausgezeichnet aufgenommen. + +Der Regen war immer in Strömen vom Himmel gekommen, und es kam uns daher +recht gut zu Statten, dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt +führte, wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch unsere Diener +alle, wir mochten in allem dreissig Personen sein, ein gutes Unterkommen +fanden. Dass Schaffleisch, Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln +nicht fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber ebenso waren die +Teppiche und das Zelt voll jener hüpfenden und kriechenden Thierchen, so +dass an Schlaf nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten, hiess +Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe so genannt. Beechey und +Barth erkennen in diesem Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes +wieder. + +Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes Wetter, und die Gegend +behielt so ziemlich denselben Charakter, nur dass die Vegetation üppiger, +der Boden, je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde. Die +Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen ihnen und der See +immer schmäler wurde. Wir behielten die See fast immer in Sicht. Der Boden +selbst besteht überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch Barca el +hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll liegt manchmal auf diesem +fruchtbaren Boden, obgleich die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen. +Das Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat überall eine +gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus Bergen, sondern bildet ein Ufer. +Die Araber nennen den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen von +Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden immer häufiger. So +passirten wir gleich nach der ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die +etwas östlich vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen Stunden +passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von den Eingeborenen Um es +Schip genannt. Die Ausdehnung der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen +schon gleich den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen sein +müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend (die Peutingersche Tafel hat +bis Adrianopel von Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.), +müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und nach ihm benannte Stadt +Adrianopolis legen. In Folge der Judenkriege gegründet, um die +heruntergekommene Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu +Edrisi's Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth in Tanseruch +oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich konnte diese Namen nicht erfragen, +und Beechey, welcher auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass die +in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana heissen, und will damit +den Namen der Stadt in Verbindung bringen. Hammilton nennt ebenfalls den +See Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho verlegt die +Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete Gebäude sind keine mehr +vorhanden, wenn man nicht eines Castells, aus schönen Quadern erbaut, +erwähnen will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt worden +war. + +Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft Bir Shus, wo unter +alten Ruinen bedeutende Araberansiedelungen und Gärten, die ersten +Nicht-Nomaden seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich von hier sind +Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli nennen hörte und glaubt dieselben auf +Neapolis zurückführen zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen. + +Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt freilich trockenen +Flussbett, uadi Bu Djarar, welches von der östlichen Bergwand +herunterkömmt, und hatten nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr +erreicht. Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr Abends, waren wir +zwischen den Ruinen von Teucheira. Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu +finden, rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen, dazu +stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an einer steilen Wand etwas +Schutz zu finden, wo wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer +vom Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr mangelhaft, und +mehrere Male mussten wir alle Nachts wieder auf, um die umgesunkenen Zelte +frisch aufzuschlagen. Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet war, +so liess ich darin den Photograph und meinen deutschen Diener campiren und +Mr. Chapman, Mr. Robert und ich legten uns in das etwas grössere der +Diener. Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche auf eine +Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum Glück hatten wir kalte +Küche, Wein und Schnaps, mit denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich +beim Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber ganz unmöglich. +Aber mit der Nacht hatte das Wetter ausgetobt; als am anderen Morgen uns +die Sonne Licht brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche +seien, dessen steile Wände überall Gräber und Höhlen enthielten; zu +demselben führte nur Ein Eingang, die Stadt selbst aber hatten wir im +Dunkeln schon passirt. + +Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was offenbar von Tauchira +herkommt, ist heute fast ganz unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den +Schriftstellern, die später als Ptolemaeus und Scylax darüber berichteten +in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus Philadelphus erhielt die Stadt +den Namen Arsinoë, und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris +genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos von Cyrene, und im +Anfange abhängig von dieser Stadt, wurde Teucheira bald darauf Barke +unterthan. Wir wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt; +Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt Cyrene gehabt; man +rechnete sie zu den fünf Hauptstädten des Landes Pentapolitanien, und von +den Römern wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit, dass sie +von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern umgeben wurde, und Edrisi +beschreibt sie uns als eine mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die +Stadt gänzlich verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben jedoch ihre +Ackergründe in der Stadt und Umgegend, und halten sich bis zur Ernte hier +auf, später ziehen sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch eine +Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester Zeit angelegt. + +Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist, ist unbedeutend. Am besten +erhalten ist die Mauer, aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben +aber aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese spätere +Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian her, da man alles Mögliche +dazu benutzte, was an Baumaterial zur Hand war, und so auch viele, mit +jedoch unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert hat. Fast +wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut, sind die Mauern der drei Seiten +fast gleich lang, aber keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26 +viereckigen Thürmen versehen. Oft 15-18' hoch und 6' breit, ist die Mauer +oft nur 3' hoch, ja an manchen Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und +umherliegende Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge[20] +genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an. Zwei Hauptthore, an der +westlichen und östlichen Seite, von Thürmen flankirt, und durch eine +schnurgerade Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite hin +scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist nichts von einem Hafen zu +bemerken, wenn nicht vielleicht ein grosser Steinbruch in der +nordwestlichen Ecke der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben +war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass dieser Steinbruch heute +versandet, also höher als das Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem +auch hier das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der Hafen von +Leptis magna ist heute auch ganz versandet, communicirte aber sonst gewiss +mit dem Meere, und bei Leptis sinkt das Ufer auch. + +Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden, jedoch nicht breiten +Strassen deutlich erkennen, an Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen, +von denen das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern hat, +welche mit einem Lorbeerkranze umgebene Inschriften haben. Alles ist +indess so durcheinander geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen +wage, wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes, ebenfalls +viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu gelegen, scheint eine Kirche +gewesen zu sein; viele Friese, mit Weinreben und Trauben geschmückt, +liessen Pacho es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren +von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen, es ist aber mehr +als wahrscheinlich, dass eine Stadt wie Teucheira nichts der Art +entbehrte, sondern, dass Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte +verborgen ist. + +Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus schon schliessen, wie +bevölkert einst Teucheira gewesen sein muss. Indess finden wir hier nichts +Besonderes; man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern benutzt, +derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet erachtet wurde, man +in die steilen Wände Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern +herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum Bauen benutzt. Alle +Wände sind mit Inschriften wie bedeckt, welche aber gar kein +geschichtliches Interesse haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle +in griechischer, aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache abgefasst sind. +Im Osten der Stadt sind zwischen den Steinbrüchen auch andere Gräber, und +in diesem Gebiete hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen gemacht. +Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet sind, um Leichname +aufzunehmen, theils Aschenurnen enthielten, sind natürlich alle leer. + +Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen; trotzdem gingen am +folgenden Mittag der französische und englische Consul mit ihren Leuten +zurück und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens recht gefällig +und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich zum Verkauf, Schafe, Ziegen, +Butter und Milch in so grosser Menge, dass letztere selbst von unseren +einheimischen Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die Braghta bewohnen, +wenn sie unten sind, die Gräber, sind aber so voll Ungeziefer, dass es +unmöglich ist, in ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner +Photograph, der diesen Umstand nicht kannte, und in eins der Gräber +gegangen war, kam schwarz bedeckt und schreiend herausgestürzt, und lief +wie wüthend zwischen hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen +Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten Theil los +wurde.--Immer hoffend, dass das Wetter besser werden würde, um einige +Photographien zu machen, blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen +Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen sie sich aber als +nicht gelungen. + +Aduli's Stute hatte Nachts geworfen, und ich hatte mich schon darauf +gefasst gemacht, eine neue Scene mit ihm zu haben, da ich dachte, dies +würde ein guter Vorwand für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben, +als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen aufs Kameel band; und +als 9½ Uhr das Wetter etwas lichter wurde, verliessen wir unseren +Steinbruch. Die Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in ihren +Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung, d.h. circa 1 Stunde vom +Meere, allmählich sich so demselben nähernd, dass sie dicht hinter +Tolmetta direct ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich an +Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch der Mensch fehlt +nicht, wie die oft aus dem dicken Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber +beweisen. + +Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten Stunde den kleinen +Ndjila-See mit Süsswasser rechts liegen, hier hausen die uled Duerdja, und +bald darauf passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel oder +Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir den antiken Brunnen Erdana, +und waren bald darauf im Landstrich, Schübka genannt, von dem +Vorhergehenden in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von +Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr passirten wir den +kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde später ein anderes Uadi, das mir +meine Begleiter jedoch nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen +Arabergräber Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem Steinbruche, wo +auch einige Grabnischen waren, unsere Zelte aufschlugen. Auch hier waren +die Araber vom Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten für +Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die Engländer die Preise +überall so verdorben, dass man Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei +uns haben konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner Leute, +welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen geglaubt, und gefeuert; es +stellte sich aber heraus, dass es das Füllen von Adulis Stute gewesen war; +glücklicherweise hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur Folge, +dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen, indem sie +glaubten, wir seien von Räubern angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr +zahlreich, stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den uled Agail, +welche bei Tolmetta herum hausen. Diese Art Abhängigkeit, die man bei +allen Arabern, ob sie in Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist +mehr ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft und +Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail sind Marabutin, die Auergehr +einfache Araber. Auch bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse. + +Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter rother Thon erlaubte die +herrlichsten Culturen, aber je mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger +wurde die Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche Rinnsale, +welche aus den Schluchten des Gebirges kommen, erhöhen den Reiz der +Landschaft, so dass man kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art +sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern und kleineren +Oertern. Dabei sieht man längs den Bergen die Fereg der Auergehr, die +Derssa und der Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail. Die +Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken, doch kommen hie und da +auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume vor. + +Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen Namens, dann die Ebene +Bu Traba, durch ein Rinnsal von der Ebene Chat getrennt passirt hatten, +waren wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued Bu Mscheif +übergangen hatten, welcher sogar etwas Wasser hielt. Ptolemais lag endlich +vor uns, eingeschlossen, wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im N.-O. +vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im S.-O. vom Maigel-Gebirge. +Schon lange vorher hatte die bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die +grossen Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der mit Quadern +schwerbeladenen Wagen nach der Stadt führen, und deren Wände wie in den +Steinbrüchen von Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften +bedeckt sind. + +Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor von Ptolemais ein, und +wollten bei den Ruinen einer christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen, +als mehrere Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr Terrain, +und sie würden nicht leiden, dass wir dort campirten. Da ihr Grund ein +triftiger war, nämlich zwischen den Ruinen und in der Nähe überall +halbreife Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See zu, und +nahmen für den ersten Tag Quartier in einem Steinbruche, in dem sich +früher das Amphitheater befunden hatte. Die Spuren davon liessen sich noch +sehr deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen sein kann. +Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen, waren nur an wenigen Stellen +Mauerwerke angebracht, und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier +wurden wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde, weil überall +Kornfelder in der Nähe waren, von denen die Eigenthümer fürchteten, sie +möchten von unserem Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli ganz +die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern, wo allerdings +ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen wäre; ich wollte aber auf alle +Fälle in der Stadt selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab, +wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten Forts unser Lager +eingerichtet wurde. + +Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen wahrscheinlich vom +Philadelphus, nach Anderen von Euergetes. Bis zu der Zeit aber hatte es +nur den Titel: Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur erwähnt +als "Hafen bei Barce". Als diese Stadt in Verfall, und in die Hände der +Libyer kam, zogen sich die Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann +dieser Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit einem für die +damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten Hafen versehen, welcher durch die +Insel Ilos, dieselbe, welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen +Schutz erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall des +römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges war Wassermangel, da +die Gelder zur Unterhaltung der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie +überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen, indem er die +Wasserleitungen wieder herstellen liess; Ptolemais erlag dem Andrange der +Barbaren so gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach der +Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz ihre Bedeutung verloren zu +haben; nach Edrisi war Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern +umgebener Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht. Edrisi +berichtet über die Export- und Import-Artikel, und sagt, der Hauptverkehr +fände mit Alexandria statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta noch +stark bevölkert und besonders von Juden. + +Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie die heutigen Herren des +Bodens, die uled Agail sagen, ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben +diese Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils in den +Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge. Obgleich ganz frei, und +gewiss sehr kriegerisch, scheinen sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie +halfen uns beim Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon sie +zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten, betrugen sie sich +doch anständig. Unwissend schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein; +ausser Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer, und +letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig. Die christlichen Consuln +in den Städten seien auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu +überwachen, dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld unterschlügen. Im +Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus zu sein, selbst eine Sauya der +Snussi hatte sich in Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können, +hauptsächlich wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für besser +hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter gewesen war. Keiner +erschien indess, der nicht immer mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen +wäre, ihre Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert und +hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln. + +Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt; gerade der Insel +Ilos gegenüber, auf der noch jetzt Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind, +hatten wir hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus +allmählich an die Bergabhänge hinaufzog. + +Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit sie offen zu Tage +liegen, sind, ausser dem schon erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem +zweiten oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend nach links zu +gelegen. Verfolgt man dann die Strasse, die noch heute quer durch die +Stadt führt, so stösst man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine +grosse Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat 9 Gewölbe, +welche von oben Licht und Luft bekommen. Umgeben war diese Cisterne von +einer Reihe ionischer Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur +drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei südlich, sieht man +die Umrisse eines kleinen Theaters. Etwas weiter nach Osten zu, sieht man +viele Säulen mit korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und Barth +vermuthet, dass hier die Königshalle, [griechisch: stoa basileios], gewesen +sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt. Ein aus der Cisterne nach +Norden führender Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei +Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes kleineres Theater +liegt auf dem Wege zwischen Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen +wie die übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen die +einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am bemerkenswerthesten ist weiter +nach Osten zu ein grosses massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit +der Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften, welche sich +früher an der Nordwand dieses Gebäudes befanden, und die nach Frankreich +gebracht, von Latonne ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von +Anastasius I., die Verwaltung und militairische Einrichtung betreffend. +Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen war, beweisen die anderen +Cisternen, welche noch in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr +bedeutend und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet sich im +nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt bestätigen die zahlreichen Säulen, +die man überall herumliegen sieht, sowie die vielen Grundmauern aus +Quadersteinen, dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt als gross und +ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben ist. Der Hafen wird durch +eine Felsspitze gebildet, die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht, +die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war auch an der +Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn circa 3000' westlich von dieser +läuft noch eine andere Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint +ein Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt. + +Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt, von dem die Stadt ausserdem +durch eine Mauer getrennt war, finden wir hier noch die Reste einer +Quaderbrücke. Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber doch +so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen können. Aber das +Suana-Thal ist eines der lieblichsten, weshalb ich denn auch eine +Photographie davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend um die +Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten, dass irgend eine +Explosion daraus hervorgehen müsse, aber auch diese, obschon sie sehr +misstrauisch schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint, +dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des uadi Chambs +hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen zu speisen, ausserdem finden +sich Reservoirs am Abhange des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke +die Wasser auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der Stadt +zuzuführen. + +Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und hat, obschon von +Schluchten durchbrochen, fast überall gleiche Höhe; um dieselbe zu messen, +bestieg ich den südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg, welcher +mir der höchste von allen schien. Dicht mit Juniperen und Lentisken +bewachsen, fast undurchdringlich wegen des vielen dornigen Untergestrüpps, +war der Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht +durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während am Meeresstrande die +Hügel, welche zum Theil auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt +sind, grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet man in +Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten aus Sandstein. Die Höhe des +Berges fand ich zu 320 Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger. + +Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich und östlich von der +Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich die steilen Wände der +Steinbrüche benutzt, um in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen. +Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man findet aber auch +hier zahlreiche jedoch nichtssagende Inschriften. In einem Steinbruche, +gleich westlich von der Stadt, findet man indess drei durch Kunst +ausgezeichnet gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der Mitte drei +Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem grossen Grabe mit +verschiedenen Kammern verarbeitet. In Teucheira findet man auch solch +einen Grab-Felsblock, und lebhaft erinnerten mich diese isolirten +verarbeiteten Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen von Lalibala in +Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit ihren Ursprung verdanken. Der +mittelste dieser Felsblöcke nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau +in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von Gestalt, hat derselbe +im Innern drei Abtheilungen, von denen die seitlichen bis obenhin zu +Grabkammern dienten, während die mittlere zugleich als Eingang benutzt +wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen konnte. Eine kleine +Inschrift, die Barth an der Nordseite gesehen haben will, konnte ich nicht +mehr entdecken. Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem Zustande, +und rundherum mit mächtigen herabgestürzten und herabgefallenen Quadern +umgeben. Einige Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal +einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess Gründe für diese +Behauptung bringen zu können. + +Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns wieder vom Hafen +vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen Widerstand zu leisten vermochte, +und wir hatten uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei +Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir, da er +wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt worden, ohne +Ungeziefer, und flüchteten uns hinein. Die Eingebornen hatten ebenfalls +mit ihren flachen Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier +nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens ein reges Leben und +Treiben herrschte. Nachts indess tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass +selbst unser Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer +Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt zum Aufbruch, aber ehe Aduli, +der überall mit den Eingebornen handelte, fertig wurde, verging geraume +Zeit. In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen, hier +verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier Gewürze, dort Zucker, welches +er alles zollfrei aus der Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte +er Honig, Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche Weise +ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu hatte er immer eine ganze +Schaar von Leuten, welche, wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit +Ausnahme meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten +Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen Diener unnütze Subjecte waren, +konnte ich nichts machen. + +Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen, und um 9 Uhr Morgens +verliessen wir unsere Grabwohnung, und schlugen denselben Weg ein, den +früher Barth genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im Anfange +südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen, mittelst welches wir den +Aufsteig machen wollten, waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal +ist sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde lang; +jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit zu jeder Jahreszeit benutzt +werden, was nach Regengüssen, wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird, +für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die Bergwände, obschon +steil, sind ausgezeichnet bewachsen, verwilderte Olivenbäume, Karuben und +Lentisken bilden hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist jedoch +so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst Hirten scheinen sich nicht +darin aufzuhalten. Oben angekommen, hat man die erste Stufe erreicht, circa +300 Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden breit, hat auch +herrlichen rothen Thonboden, ist aber ebenso vernachlässigt, wie das ganze +andere Land. Wir hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch +die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und durchschnittlich vier +Stunden breit ist. Diese Terrassen streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die +zweite wird im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls von +N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste Punkte im Norden im Dj. +Dendach, und südwestlich von ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns +präsentiren. Am Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde +lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt. Kleinere Tümpel +und Seen findet man auf dieser ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu +haben scheinen. Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und +die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und Arbuten. Blumen in +prächtigen Farben und unvergleichlicher Fülle bedecken in dieser +Jahreszeit den Boden, und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die +mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung. Aber schlecht +bevölkert, wie das ganze Land, findet man nur hie und da einen Fereg der +Auama, Genossen der uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr. + +Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in östl. Richt. durchzogen, +hatten wir um 2½ Uhr eine kleine Kubba, die des Sidi Said von den Agail +zur Seite, aber trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg +nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem Fareg einen +Wegweiser zu holen. Er kam denn auch bald zurück, aber statt eines Mannes +brachte er drei Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen Leuten +reiche Karawane noch drei andere dazu bekam; er versteht sich von selbst, +dass ich auch diese zahlen und beköstigen musste, aber gerade dadurch +machte sich der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf Kosten +seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen liess. Wie mag er den +armen Denys, welcher der Sprache gar nicht mächtig war, geplündert haben! +Durch einen dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend, +einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte Ruine eines +früheren römischen Wartthurms, und wie alle Bauten dieser Art ein aus +Quadern aufgeführtes Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen +hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in der Nähe hervor, +welche überall in die Felsen gearbeitet waren. Auch vorher hatten wir +schon ein Ruinenfeld passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen +desselben nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein von N.-O. +kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts gehend, campirten wir dann in +demselben. Trotzdem wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine +recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war, und noch lange sass ich +Abends an einem grossen Feuer jenes duftenden Wachholderholzes, welches +die Alten schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen Atlas und +in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt. + +Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das Mrsihd-Thal vollends hinauf, +und erreichten nach 40 Minuten den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns +die Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun auf dem Plateau +angekommen, aber noch keineswegs auf dem höchsten Punkte. Uebrigens muss +man sich das Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen; sondern +als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche aber alle über 1200' hoch +ihren niedrigsten Punkt haben. Die Vegetation, obschon dieselbe hier +später ist, bleibt im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben +und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche den Bienen den so +sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack zum Honig liefern; aber alle +diese Pflanzen finden sich auch an den Abhängen der Berge. + +Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an Sümpfen und Tümpeln war, so +fehlten diese hier nun gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der +Vegetation darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten +Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte waren sie zu +nennen, denn sie hingen gerade jetzt voll der besten Oliven, die Niemand +zu sammeln kam. Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter, welches +der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen noch von den Alten +herrührten. Manchmal sollen indess doch von den Küstenbewohnern einige +herauf kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien noch Niemand +gekommen zu sein. + +Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung bis 5¼ Uhr Abends +marschirt waren, sahen wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das +heisst Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden will ich +ausnehmen, die unweit von uns am Wege weideten, und bei unserer Annäherung +eilig ins Dickicht getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so +spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder hätte zählen können. +Trotzdem überall der fetteste und beste Boden war, der nur auf die Hand +des Menschen zu warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was man +ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als neu wurde mir nun zum +ersten Male die Drias-Pflanze (von allen Reisenden für Sylphium gehalten) +gezeigt, von der wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann fiel +mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst in Tripolitanien nicht +vorkommen. Die Araber nennen den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen +Buamian, Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden, es scheint +als ob selbst die Thiere dies nur von Todten bewohnte Land meiden. + +Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt hatten, zogen wir, oben +angekommen, nördlich in einer Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt, +und wo wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba) passirten. Etwas +weiter läuft dann die von S.-O. von Merdj kommende Heerstrasse ein, +dieselbe, welche vor 1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem um +9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten war, kamen wir in das +Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen Wagenspuren der Alten +verfolgten. Um 11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur +Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih. Um 12 Uhr 20 Minuten +kreuzten wir den von Teknis kommenden, nach der Küste führenden +Karawanenweg, und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts +durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder N.-N.-O. haltend, +überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass, der uns ins Scharaya-Thal führte, +welches eine Stunde lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal +übergeht. Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum an der Küste +nach Merauan ins Innere führenden Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim, +von dem aus wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen. Das uadi +Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir um 5 Uhr Abends, in der Nähe +von Wassertümpeln lagerten, nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser +gewesen waren. + +Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt gewesen war, ein starkes +Gewitter mit Regen, und zogen am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in +N.-N.-O. Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen +abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren nun über 550 Meter hoch +auf dem Beida-Berge, alle anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu +haben, und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter. Als neue +Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt gerade in voller Blüthe, +und in prächtigen Exemplaren bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne +Exemplare von der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet und dann +den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir Gasr Bengedem vor uns. Auf dem +Mcheilil-Berg fanden wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses. +Dieser ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde, aber auch hier +begegnete uns kein Mensch, und das einzige Zeichen von Bevölkerung war die +Sauya der Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer +Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen. + +Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht hatten, blieben wir doch bei +Gasr Bengedem liegen, um zu photographiren, und diese ganze Gegend näher +in Augenschein zu nehmen. + +Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar aus der Römerzeit, und +hörte mit zu jener Vertheidigungslinie, welche dieselben gezogen hatten, +um die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern. Bengedem war +gewiss eines der bedeutendsten Forts, wenn nicht das grösste von denen, +welche die Vertheidigungslinie bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte +breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende Thürme. An +manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen Wände noch die Höhe von 40'. +Aus grossen behauenen Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die +Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört worden sind, +nicht im Mindesten von der Witterung gelitten. Im Innern führt eine Treppe +auf die Mauer, welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte. +Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das Castell, und erhöhten so +die ursprüngliche Festigkeit desselben. Die bedeutenden Ruinen in der +Umgegend von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine +Hauptniederlassung war, und Pacho könnte Barth gegenüber doch wohl Recht +haben, indem er hier Balakrai vermuthet. Die Entfernung von Cyrene, die +Pentinger auf 12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf 15 M. +angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse Menge von Höhlen, theils +natürliche, theils künstliche, ausser vielen aus späterer Zeit +herrührenden Grabkammern, beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit +hier libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen, denn viele +der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung von Wohnungen. + +Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit denen der Aduli gleich wieder +Handelsverbindungen angeknüpft hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg +hatten sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen Tag thaten sie +nichts, als um uns herumhocken und um Essen betteln. Wir hatten deshalb +auch Nachts eine verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu hüten, +wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde. + +Den folgenden Morgen stiegen wir in nördlicher Richtung vom Berge des Gasr +Bengedem hinab, und kamen nach einer Stunde ins Thal Saharis. Von O.-N.-O. +erhält dies Thal nun das bedeutende Kuf-Thal, und in dies münden von O. +das uadi Djras und das uadi Bu Heisa, welches letztere von Safsaf und Ain +Schehad (Cyrene) kommen soll. Das Kuf-Thal ist eines der wildesten und +romantischsten, die man sich denken kann: steile, oft senkrechte, +fünfhundert Fuss hohe Kalksteinwände, überall mit ungeheuren Höhlen, die +oft am Fusse der Wände, oft in der Mitte, oft fast oben am Rande sich +zeigen, machen einem glauben, man sei in der Teufelsschlucht. Jedenfalls +waren diese Höhlungen meist alle bewohnt, und einige sind es noch jetzt +zur Zeit der Honigernte; denn an diesen steilen Wänden haben die Bienen +ihre Bauten. Viele Höhlen, oft hundert Fuss hoch über der Thalsohle, sind +durch Aussengänge mit einander verbunden, und scheinen so ganzen Stämmen +als Wohnplatz gedient zu haben. Ausserdem findet man die herrlichsten +Tropfsteinhöhlen, von denen die von den Eingebornen Rhorhardieh genannte, +die grösste und schönste ist. Die üppigste, immer grüne Vegetation von +Lentisken, Myrthen, Caruben und Wachholder, ferner die jetzt massenweise +auftretende Steineiche machen dies Thal mit seinem wilden Charakter zu +einem der schönsten, wie man es nur vielleicht in den Pyrenäen, in +Calabrien, im grossen Atlas ähnlich findet. Aber wie immer fehlt alles +menschliche Leben; in der That haben wir, die grosse Sahara ausgenommen, +kein Land gesehen, das so dünnbevölkert ist, und doch ist der Boden so +reich und ergiebig wie eine jungfräuliche Erde eben sein kann. Am Boden +des Thales finden wir dann noch einen fast undurchdringlichen Wald von +mastbaumhohen Thuya-Bäumen, aber Niemand ist jetzt da, um sie zu fällen +und zu verwerthen. + +Dass dieser Weg unserer Gofla grosse Schwierigkeit machte, braucht wohl +kaum gesagt zu werden. Das Kameel, obschon es wegen seiner breiten +Fusssohlen auch in den Bergen sicher geht, liebt freie Gegenden, und hier +waren wir in einem wirklichen Urwalde; da waren Baumstämme, die das Alter +oder der Wind umgeworfen hatte, zu umgehen, vom Wasser glatt gewaschene +Felsplatten zu übersteigen, und oft war das Gebüsch so niedrig und dick, +dass die beladenen Kameele mit Gewalt durchgeschoben werden mussten. + +Froh waren wir, als wir um 10 Uhr die Passhöhe erreichten, und von nun an +auf einem Bergrücken blieben. Bald darauf hatten wir die Kubba des +Marabuts Abd el Uahed vor uns, auch von alten Ruinen, jedoch ohne +Bedeutung, umgeben. Von hier an waren nun Ruinen unsere steten Begleiter, +und eine tief in Fels eingeschnittene alte Fahrstrasse, rechts und links +von Hunderten von Sarkophagen bordirt, führte uns auf die Hauptstadt vom +alten Pentapolitanien zu. Aber eigenthümlich, ohne Menschen zu sehen, ohne +Wohnungen anzutreffen; sollte man nicht glauben, im Lande der Todten zu +sein? Auf Schritt und Tritt Todtengrüfte, Grabnischen, hier die Tausende +von Sarkophagen, die ungeheuren Necropolen, gegen die die eigentlichen +Städteruinen verschwindend klein sind, lassen wirklich den Gedanken, im +Reiche der Todten zu sein, aufkommen. + +Gegen Mittag erreichten wir die Ruinen, welche die Eingebornen unter dem +Namen uadi Amer bezeichnen, und die mehrere Stunden weit sich nach N.-O. +hin ausdehnen, und bei einem Orte Beludj enden. Barth verlegt hieher +Balakrai, und meint auch, dass eine der zwanzig von Ptolemaeus erwähnten +Städte, vielleicht Eraga, hier zu suchen sei. Beludj erreichten wir um 2 +Uhr 40 Minuten, und immer auf einem Bergrücken weiter ziehend, liessen wir +dann die Sauya beida (Jaura Sidi Schenut nach Barth, was wohl Sauya Sidi +Snussi heissen soll) links liegen, und kamen um 4 Uhr bei dem weissen Dome +des Marabut Sidi Raffa, an, welcher ebenfalls von vielen Ruinen umgeben +ist. Eine halbe Stunde später hatten wir den höchsten Punkt des +Bergrückens mit 620 Meter erreicht. Etwas später hatten wir von hier eine +weite Aussicht aufs Meer durch eine breite nach Norden zu sich öffnende +Thalschlucht, Shissu genannt, und dann campirten wir um 5 Uhr auf gleicher +Höhe mit der Schlucht bei Djenin, wo wir eine fliessende Quelle fanden. +Auch hier fanden wir Spuren früherer Ansiedelungen; grosse künstliche +Höhlen umgeben die Quelle nach Osten, und in und bei derselben waren +Mauerarbeiten, welche wohl einst den Abfluss des Wassers zur Befruchtung +der Felder regulirt hatten. + +Nachts war auf dieser Höhe die Kälte so gross, dass wir am anderen Morgen +die Zelte weiss bereift fanden, und die Mündungen der Wasserschläuche hart +gefroren waren. Das Thermometer zeigte vor Sonnenaufgang -1°. + +Von hier bis Cyrene sind nur noch 2 Stunden. Wir lassen rechts den Hügel +Ras el Trabe liegen, welcher bekannt ist als Grenze zwischen den Brassa +und Hassa, welche letztere von hier nach N.-O. hin nomadisiren. Die Ebene +Ambsa, mit dem Grabe des Marabut Bel Kassem, brachte uns dann vor die +Ruinen der Stadt, welche wir um 10 Uhr beim Hügel Mgatter betraten. + + * * * * * + + + + +Cyrene. + + +Durchs Ostthor zogen wir in die Stadt ein, verfolgten die Battus-Strasse +bis an den Punkt, wo sich die Aussicht aufs Meer öffnet, und nahmen dann +unser Quartier in einer der Kammern, welche im Felsen ausgearbeitet sind, +und auch früher wohl als Wohnungen dienten. Die Apolloquelle war auch in +unserer Nähe, und diese ist es, welche heute der ganzen Oertlichkeit den +Namen giebt; die Araber nennen sie ain Schehad. Keineswegs ist damit +gesagt, dass die heutigen Bewohner und die der Umgegend gänzlich den Namen +"Cyrene" verloren hätten, derselbe findet sich wieder in der Quelle im +uadi bel Ghadir, welche viele Aehnlichkeit mit der Apolloquelle hat, und +fast ebenso mächtig ist; dieselbe heisst ain Krennah. + +Cyrene wurde sowohl unter den Ptolemäern als die Hauptstadt der fünf +Städte: Cyrene, Barca, Teucheira, Hesperis und Apollonia angesehen, als +auch unter den Römern, welche das ganze Land unter dem Namen Cyrenaica +zusammenfassten. + +Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter Battus im Jahre 631[21] +v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene bald zur wichtigsten Colonie der Griechen +an der Nordküste von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des +delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea (dem heutigen +Bomba); musste aber aus Mangel an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei +Jahren, und nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden, +verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande Libyens, nach dem +wohlbewaldeten Asiris über. Aber auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da +nach Ablauf dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der +Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet wurde. + +Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im Anfange mit den Libyern, +und hier waren es vorzugsweise die Asbysten, gut vertrugen; sogar +Heirathen mit Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer +jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. Mit Battus I. +bekam Cyrene den ersten König, und blieb unter dieser Regierungsform circa +200 Jahre, in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete sich +aus nach dem ersten, welcher später als Heros verehrt wurde, der dritte +König, Battus II. Unter ihm kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland: +hiedurch wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König Adikran +rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe. Bei Thestis in der Gegend von +Irasa kann es 570 zur Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden +vollkommen besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit dem Beinamen der +Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen Brüdern in Streit, gingen diese Barca +gründen, und verbanden sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos II. +Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon oder Leucoë in Marmarica; +wurde dann aber in einen Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute. +Sein Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst wieder von Eryxo, +der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht. Unter seinem Sohne, der als Battus +III. folgte, schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue Gesetze. +Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und beschränkte besonders die +königliche Gewalt. Dessen Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die +königliche Gewalt zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter +Pheretime unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und kam dann mit +einem bedeutenden Heere nach Cyrene zurück. Wieder geschlagen, floh er +nach Barca, und wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine +Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in Aegypten, welcher ihr +zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher Belagerung Barca einnahm. Der Sohn +von Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und nach ihm kam +der letzte König Arkesilaos IV., dessen Siege in den pythischen Spielen +Pindar besingt, auf den Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm +Hesperis gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er etwa um 440 +gestürzt, und der königlichen Herrschaft damit ein Ende gemacht. Sein Sohn +Battus, der nach Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins +Meer geworfen. + +Unter der republikanischen Regierungsform erlebte Cyrene die höchste +Blüthe und den grössten Wohlstand, obwohl es an inneren Zerwürfnissen +nicht fehlte. So treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston +und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen. Um alle +inneren Streitigkeiten durch eine gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten +sich die Bewohner Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato lehnte +jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es ihnen zu gut gehe: "Kein +Mensch sei schwieriger zu beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es +ginge ihm gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu lassen, als +der vom Schicksal gebeugte." Alexander dem Grossen, als er Zeus Ammon +besuchte, unterwarfen sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare +Geschenke. Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit, +wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des Lagos, Aegypten unterworfen, im +Jahre 321 v. Chr., und das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten +Pentapolitanien genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon, überliess dann +mittelst Testament das Land an die Römer im Jahre 96, und im Jahre 67 +wurde es mit Kreta zusammen zu einer Provinz formirt. Unter Constantin +wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz unter dem Namen Libya +superior eingerichtet. + +Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen Aufstand machten, und +200,000 Römer und Cyrenaeer ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das +römische Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren keinen +Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen Heuschrecken, Pest und Erdbeben, +welche Leiden im fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden. +616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache griechische Colonie +der Art, dass die Araber, als sie 647 in Cyrenaica einfielen, kaum noch +Widerstand fanden. Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam +kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen vollkommenen +Barbarismus zurück, und das Land wurde, vollkommen vernachlässigt, bald zu +einer Wildniss. Seine neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis +verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik wurde, fiel auch +Cyrenaica unter die Herrschaft der Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik +unter dem Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet. + +Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene blühten, geht aus der Zahl +bedeutender Männer, welche diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen +nur Aristippus, den Gründer einer eigenen philosophischen Schule, sowie +Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen Eratosthenes, der sich +besonders durch geographische Werke auszeichnete, und als Director der +Bibliothek von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos, welcher +von den Battiaden abstammte, und dann der berühmte Bischof von Ptolemais, +der Redner und Schriftsteller Synesius. + +Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt selbst und die Necropolis +kennen zu lernen, und die Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die +Photographien. + +Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin abfallen, wird Cyrene +mittelst eines Radius, welcher den Namen der Battus-Strasse hat, in zwei +Theile getheilt. Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben, +ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche Stadt umgab, noch gut +erhalten, und namentlich an der ganzen Südseite und im Osten bei einer +durchschnittlichen Höhe von 4-5' und Breite von 6' ganz deutlich zu +verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst der Hauptstrasse, +welche von Barca herführt, so hat man gleich rechts vom Thore die +unordentlich durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es +eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen Grundmauern +hervor, obschon merkwürdigerweise der Altar nach Westen gestanden zu haben +scheint, oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer im Westen, +vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene Spitzbögen, welche noch +stehen, lassen erkennen, wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur +die obersten Spitzen der Bogen herausgucken. + +Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte der Stadt, so stossen wir +zuerst aufs Hippodrom, welches, die Rundung nach Süden habend, in gerader +nördlicher Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten, +aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn selbst ist die Spina kaum +zu erkennen, da der ganze innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge +des Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite circa 60 +Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden wir auf dem höchsten Punkte +dieses Stadttheiles die Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten +Zeit angehört. Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen Reste +eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt Breite. Von Westen nach +Osten gelegen, hat der Tempel, wie durch die Nachgrabungen von Porcher und +Smith jetzt zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen auf +der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden. Durch zwei Säulen +und zwei Mauervorsprünge kommt man von Osten in den Pronaos, der von der +Cella durch zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden wird. +An den Längsseiten in der Cella findet man je zehn Piedestale, welche +korinthische Säulen tragen, ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser +cubischer Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der +Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine Mauer geschieden, und +ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge, aber durch drei Säulen +begrenzt. Die Säulen des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser +gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des eigentlichen +Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine von 20 Schritt Länge und 8 +Schritt Breite. Smith und Porcher, die hier die sorgfältigsten +Ausgrabungen machten, fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des +Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet sich, wie in allen +Tempeln in Cyrene, auf der östlichen Hälfte. Wenn Barth hier auf der +östlichen Hälfte Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies wohl +nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber später sehen werden, befand +sich diese auf der westlichen Stadthälfte. + +Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel finden wir die Ruinen +eines anderen, etwas kleineren Tempels, welcher auf der höchsten Spitze +dieses Stadttheiles erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut und aus +Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so vernichtet und zerstört, dass +eine genauere Beschreibung unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen +Peristyl, die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht möglich; die +Säulen, von denen Bruchstücke überall umher lagen, waren dorischer +Ordnung, sind aber so verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen +kann. + +Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende Linie für die zwei +Stadthälften annehmen, so haben wir damit alles, was auf der östlichen +Hälfte bemerkenswerthes zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun zum +westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit öffentlichen Gebäuden +geziert war, überhaupt der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens gewesen +ist, weil er die Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten +Griechen, enthält. + +Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen und uns links wenden, +sobald wir die von Norden nach Süden ziehende Strasse passirt, so kommen +wir zuerst an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage +anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen; aber von den dort +aufgefundenen Statuen, Bacchus und Venus, können wir schliessen, dass der +östliche der Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren. Diese und +andere Statuen sind alle ins British-Museum gekommen. Wie denn überhaupt, +seit Bourville, Smith, Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue +ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden ist, und die meisten +Ruinen, die schon so sehr durch die Barbaren gelitten hatten, nun vollends +dem Untergange geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus gefunden +wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig breiten Sitzreihen und +kleiner Cavea. Barth, der die Orchestra gemessen, giebt die Breite +derselben auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies Theater +nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu musikalischen Aufführungen +gedient habe. Dicht an der Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen +wir auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser Cavea, wie +das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer Ordnung, die +umherliegen, deuten darauf hin, dass die Sitzreihen mit einer Colonnade +dieser Säulen umschlossen gewesen sind. + +Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer grosser Ruinenhaufen, wo +vor mehr als 50 Jahren Beechey den Torso eines römischen Kaisers +vermuthete. Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten, +liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe der Palast des römischen +Gouverneurs gestanden. della Cella erwähnt hier einer Inschrift "Porticus +cesarei" und hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass hier in +der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der ptolemaeischen, ein +Marktplatz gewesen sei. Porcher und Smith fanden hier, ausser einer +weiblichen Statue, diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen +Kaisern. + +Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich, wenn man das grössere +Theater hat liegen lassen, ist noch ein grosser Bau mit einer grossen +Säulenhalle nach Nord gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die +Säulenhalle, welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe dreissig +Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude dahinter zeigt eine Menge +kleiner Zimmer von 6' Tiefe auf 4' Breite, und es ist wohl nicht +unwahrscheinlich, dass hier die Verkaufshalle war. + +Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf circa 100 Schritt +Entfernung von diesen Ruinen durch eine von Thürmen flankirte, von Norden +nach Süden streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir, welches +südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt, mit einem starken Thurme +anfangend, ist diese innere Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis, +welche auf dem westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen +haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche Dicke von 12' und ist an +einigen Stellen über 20' hoch; Beecheys Ansicht, dass sie eine +Wasserleitung gewesen sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten +vorhanden sind, die das Wasser hätten herführen können. Auf der Spitze des +westlichen Berges sind ausser einer grossen Masse von bequemen Steinen, +welche bezeugen, dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren +hervorragenden Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern ist nach Westen +und Süden, wo dieselben auch kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen; +nach Norden zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt, scheint die +Acropolis aber auch noch durch eine Mauer geschützt worden zu sein, +wenigstens finden sich Spuren darin vor. + +Wenn wir vom höchsten Punkte des westlichen Stadttheiles nach Nordwest +gehen, so führt uns die Neigung von selbst auf das grosse Stadttheater, +welches am Abhange des Berges selbst gebaut ist. Obgleich stark +durchwachsen, sind nur wenige Sitzreihen ausser der Loge, überhaupt +scheinen die meisten Theater wohl mehr durch die Natur, als durch +Menschenhand zerstört zu sein. Hier hat nun wohl ein allgemeiner Rutsch +stattgefunden, da Proscenium und Orchester, welche künstlich an dem unten +steilen Berg hinaufgebaut waren, weggesunken sind. Aus dorischen +Säulenüberresten ersieht man, dass diese nach aussen zu durch Säulen +geschmückt gewesen sind. Das Koilon ist ungleichmässig durch ein Diagon +geschieden, da der unteren Sitzreihen heute noch 30 (und früher wohl noch +mehrere waren, weil in der ganzen Arena alles mit Schutt und Steinen +angefüllt ist), während die obere Hälfte nur acht aufweist. 6 Treppen +durchschneiden die zwei ein halb Fuss breiten Sitzreihen in gerader Linie +von oben bis unten. Wenn auf diese Art die Zuschauer hauptsächlich von +oben ins Theater gelangten, so scheint doch auch noch ein anderer Zugang +zwischen Proscenium und Koilon von Osten her existirt zu haben; vielleicht +war gar ein von Osten kommender Durchgang, der jetzt verschüttet ist, +vorhanden. Von den Sitzreihen des Theaters hat man die umfassendste +Aussicht über die vorliegenden Plateaus hinweg bis zur See. Wie über eine +Landkarte schweift der Blick über das Land bis nach Apollonia hin, und von +hier sahen, wie Barth so schön sagt, die alten Cyrenen ihre Handelsschiffe +heranschwimmen, und erfreuten sich des wunderbar gestalteten +Terrassenlandes. _Beechey_, welcher dies Theater für ein Amphitheater +hielten, weil allerdings das Koilon unverhältnissmässig gross und +umfassend zum Proscenium ist, ist aber jedenfalls im Unrecht; denn war es +schon eine Riesenarbeit, Proscenium und Scena künstlich zu erbauen an dem +steilen Bergabhang, so wäre es selbst heute fast unmöglich, die andere +Seite des Amphitheaters hier künstlich aufzubauen. + +Vom Theater nach Osten schreitend, übergeht man eine Terrasse, und kommt +an drei Bogengänge, die jetzt vermauert, ursprünglich offen gewesen sein +mögen, oder nach Norden zu einen freien Umgang gehabt haben, der jetzt +weggestürzt ist. Immer breiter werdend, dehnt sich die Terrasse da, wo sie +an die nach Nordwesten laufende Battus-Strasse stösst, welche hier auch +der natürlichen Spalte zwischen dem Ost- und West-Hügel der Stadt folgt, +zu einer Plattform aus, welche den Apollo-Tempel trug. Durch die +Ausgrabungen von Porcher und Smith ist unwiderruflich festgestellt, dass +der Tempel, welcher sich vis-à-vis der Quelle des Apollo befand, diesem +Gotte selbst gewidmet war. Beechey hielt denselben, weil er eine, wie er +glaubte, auf Diana bezügliche Inschrift[22] fand, und ausserdem eine +weibliche Statue in sitzender Stellung, für der Diana geweiht. Aber schon +die Lage bringt es mit sich, dass dieser Tempel dem Apollo gewidmet war, +und zwei Inschriften, welche Porcher und Smith hier fanden, endlich die +ausgezeichnet erhaltene Marmorstatue von Apollo cytharoedes[23], welche +sie ausgruben, und die gleichfalls in das British-Museum gekommen ist. +Obgleich einige Piedestale der Säulen noch am Platze sind, so lässt sich +doch trotz der Ausgrabungen nichts Bestimmtes über den Bau des +Apollo-Tempels sagen. Wahrscheinlich war er in dorischer Ordnung +errichtet, und hatte seine Richtung fast von West nach Ost. Er hatte nur +Pronaes und Cella, und ein grosses Piedestal in dem westlichen Theile der +Cella lässt erkennen, dass der Eingang, wie übrigens in fast allen Tempeln +in Cyrene, von Osten war. + +Gegenüber dem Tempel nun haben wir gleich den berühmten Apolloquell, heute +ain Schehed genannt, welcher einst die Veranlassung zur Gründung der Stadt +Cyrene und der später so blühenden Colonie war. Aus einem senkrechten Fels +hervorsprudelnd, bemerkt man oberhalb der Front einen Giebeleinschnitt, +Beweis, dass hier einst der Quell mit einer Tempelfaçade geschmückt +gewesen ist; und rechts an einem Felsvorsprung liest man die bekannte auf +eine Renovirung der Quelle bezügliche Inschrift: + + L[griechisch: IGDIONYSIOSSÔTA + IEREITEUÔNTANKRANAN + EGESKEUASE] + +Von einem Bassin ausserhalb der Felswand kommt man in eine ziemlich +geräumige Grotte, welche rechts eine geräumigere künstliche, und in zwei +Abtheilungen getheilte Höhle hat. Ursprünglich waren dies wohl Zimmer für +die Priester, jetzt sind sie verschlammt und zum Theil unter Wasser. +Beechey fand darin die Bruchstücke von Altartischen mit Figuren. Von der +Grotte aus kann man nach Süden zu die Quelle fast 700 Schritt weit +verfolgen durch einen künstlich angelegten Gang, fast überall 5' hoch und +4' breit. Stellenweise findet man die Wände mit Namensinschriften bedeckt. +Zuletzt wird der Gang so niedrig, dass man gehend nicht weiterkommen kann, +es ist auch wohl kaum anzunehmen, dass die Quelle noch bedeutend weiter +nach Süden zu entspringt, da sie jedenfalls unter dem Höhenpunkt des +westlichen Berges von Cyrene ihren Ursprung nimmt. Das Wasser der Quelle +fanden wir zu 13°C. Dass aber die alten Einwohner nicht allein ihren +Wasserbedarf, so reichlich und zulänglich auch die Apolloquelle ist, von +hier hatten, geht aus der ungeheuren Cysterne hervor, welche man am +südwestlichen Ende der Stadt antrifft. Aus drei nebeneinander gebauten +Reservoirs bestehend, haben dieselben eine Länge von 260 Schritt auf eine +Breite von c. 175 Schritten. Das eine Reservoir ist überwölbt mit +Quadersteinen, welche fast alle mit Buchstaben und Zeichen bezeichnet +sind, wahrscheinlich im Voraus, um sie später leichter zu vermauern. Zwei +der Reservoirs scheinen keine Gewölbe gehabt zu haben, da die Trümmer oder +Steine fehlen, womit sie gewölbt gewesen wären, und dies lehrt uns wohl, +dass diese Cysternen erst in späterer Zeit angelegt, aber nicht vollendet +worden sind. Auch einer anderen Quelle, welche gewiss in früherer Zeit von +grosser Bedeutung war, müssen wir noch erwähnen, welche im uadi Bel Rhadir +entspringt. Heute noch von den Einwohnern ain Krenah genannt, würde uns +dies fast auf die Vermuthung führen, dass dies die Quelle Kyre gewesen +sei, wo zuerst die alten Griechen ihre Ansiedelungen gemacht haben, wenn +nicht der Apolloquell bedeutend stärker an Wasser und so recht im +Mittelpunkt der Stadt und der hauptsächlichen öffentlichen Gebäude gelegen +wäre. Ain Krenah, welches offenbar von Cyre, Cyrene, hergeleitet ist, +entspringt auch aus einer Grotte, hat künstliche Reservoirs und alte +steinerne Wassercanäle, um das Wasser zu vertheilen. Ebenfalls aus einem +steil abfallenden Felsen des uadi Bel Rhadir, welches sich am Südende der +Stadt hinzieht, entspringend, ist dies der lieblichste und anmuthigste +Punkt der Gegend. Vor der Quelle befindet sich eine geräumige Plattform, +welche nach dem Abgrunde zu, den hier die malerische Schlucht bildet, von +einer colossalen Quadermauer gestützt ist. Das ganze Thal hat die üppigste +Vegetation und die Quelle selbst ist von Myrthen und Oleanderbäumen dicht +beschattet. + +Von ganz besonderem Interesse für den Forscher ist die unendliche +Todtenstadt, welche nach allen Seiten hin die Stadt umgiebt. Die Zahl der +freien Gräber und Sarkophage, die Zahl der Höhlen, welche Todtenkammern +enthalten, ist so bedeutend, dass man glauben sollte, die Stadt sei nur +von Todten bewohnt gewesen. Freilich ist nichts mehr unentweiht; kein +Grab, keine Kammer, die nicht erbrochen wäre, und das, was die Hand der +Barbaren unberührt gelassen hatte, als Inschriften und Malereien, ist von +den letzten Reisenden fortgenommen und nach Paris und London gewandert. +Und im Ganzen können wir auch nur zufrieden damit sein, denn wenn Pacho, +della Cella noch hie und da schöne Wandgemälde vorfanden, wer hätte für +ihre Erhaltung garantirt! + +Die vollendetsten Todtengewölbe und Grabkammern findet man am Nordabhange +der Berge von Cyrene, auf dem Wege nach Apollonia und im uadi Bel Rhadir. +Offenbar gaben ursprünglich bestehende Höhlen Veranlassung zu dieser Art +Beerdigung. Wir finden hier die einfachsten Gräber, ohne jeglichen +Schmuck, und die vollendetsten mit Tempelfaçaden, Vorkammern, Hauptgängen +und Seitenkammern. Besonders grossartig, wenn auch nicht schön, sind die +Katakomben am Nordabhange, von den Eingebornen Knissieh genannt. In dieser +Räumlichkeit, wo wir später des Photographirens halber unsere Wohnung +aufschlugen, ist sicher Platz für einige 1000 Leichen. Mehrere 100 Schritt +weit ziehen sich die Grabkammern in das Innere des Felsens, und oft sind +die Gräber so, dass man von einem aus in eine untere oder obere Etage +kommt, und nun wieder eine ganze Gräberreihe vor sich hat. Aber auch hier +ist alles durchwühlt, und kein Grab unbeschädigt; oft watet man Fusstief +in Todtenstaub und zwischen Gerippen. + +Die vollendetsten Gräber sind in Bel Rhadir; hier finden wir die meisten +Façaden mit Säulen oder Halbsäulen geschmückt. Ein Grabmal auch in den +lebendigen Fels getrieben, und zwischen dem Apolloquell und dem grossen +Theater gelegen, dürfte vielleicht das Grab des Battus gewesen sein; ein +Marokkaner, welcher darin seine Wohnung genommen hatte, erlaubte uns +leider den Zutritt nicht. Ganz recht hat Barth, wenn er sagt, es giebt +auch auf Speculation gebaute Grabkammern, die vielleicht noch gar nicht +benutzt wurden. In der That findet man an der Nordseite der Berge ganze +Reihen solcher uniformen Gräber, inwendig vollkommen leer, ohne Deckel und +meist Raum für je 6 Gräber habend, zwei hintereinander und drei +übereinander. Die Form der Sarkophage ist eben so wechselvoll; vom +einfachsten, wie man sie zu Tausenden an jedem zur Stadt führenden Wege +findet, bis zum kunstvollsten, oft tempelartig ausgearbeiteten. Die Sitte +des Verbrennens scheint nie in Cyrene geherrscht zu haben; wenigstens +bemerkten wir nirgends Nischen zum Aufbewahren von Urnen; ebenso scheinen +Särge aus Thon nicht benutzt worden zu sein; auch Grabaltäre hat man in +Cyrene nicht gefunden, mit Ausnahme in der Knissieh, wo auch noch zwei +hübsch verzierte Statuen liegen. + +Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes waren die Eingebornen recht +freundlich gegen uns; sie brachten uns Ziegen, Honig, Milch und Butter zum +Verkauf, und obgleich auch hier der photographische Apparat mit sehr +misstrauischen Augen betrachtet wurde, störten sie uns doch nie bei +unseren Arbeiten. Selbst Sidi Mustafa der Eukadem der Sauya der Snussi, +welche ihre Gebäude seitwärts, dicht bei der Apolloquelle, erbaut haben, +bot uns seine Dienste an; sich uns selbst zu zeigen, hielt er sich aber zu +heilig, und wir hatten auch keine Veranlassung, seine Nähe zu suchen. Das +Wetter aber war während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes in der Stadt +und Necropolis entsetzlich: kein Tag ohne Regen und Sturm, und des Morgens +vor Sonnenaufgang so kalt, dass der Thermometer meist unter Null war. So +mussten wir denn die Augenblicke zum Photographiren förmlich abstehlen, +und oft wenn wir durch bodenlose Wege und über glatte Abhänge ans Ziel +gekommen waren, nöthigte uns das Wetter zur schleunigsten Heimkehr ins +Grab, wo ein loderndes Feuer unsere kalten Gliedmassen erwärmte. Trotzdem +konnten wir von dieser berühmten Stadt über zwanzig Ansichten ermöglichen, +welche dem, welcher mit den Schwierigkeiten, im Freien zu photographiren, +und als Dunkelkammer nur ein wackliches Zelt zur Disposition zu haben, +vertraut ist, gewiss genügend sein werden[24]. Leider gingen einige +Glasplatten verloren. + +Unsere Absicht von hier aus Apollonia zu besuchen, konnten wir des +entsetzlichen Wetters wegen nicht ausführen, obgleich jener Ort nur circa +4 Stunden von Cyrene entfernt ist. Die steilen Bergabhänge waren aber +durch den anhaltenden Winterregen für Kameele ganz unzugänglich geworden. +Aus gleichem Grunde mussten wir auch verzichten, nach dem etwas +entfernteren Derna zu gehen; unser einziger offner Weg war aber der auf +der Hochebene, rückwärts nach Bengasi. Ehe wir jedoch diese Reise +antreten, werfen wir einen Gesammtüberblick über Cyrenaica. + + + + +Fußnoten: + + +[1] Präfect von Paris. + +[2] General Faidherbe ist Ehrenmitglied fast aller geographischen +Gesellschaften, auch unserer Berliner. + +[3] Ein Sohn des von Bengasi nach Aegypten geflüchteten Sohnes Jussuf +Caramanli, der wie wir früher gesehen, revoltirt hatte. + +[4] Dass in einer vom eigentlichen Tripolitanien so weit entfernten +Provinz Alexandrine Tinne ermordet werden konnte, ist nicht im Stande die +gute Mannszucht im eigentlichen Tripolitanien als schlecht darzustellen. +In Europa kommen auch Raubmorde vor und die Tinne zu ermorden war für +diese Halbbarbaren gewiss verlockender, als die Familie Klink, die durch +Traupmann ein Ende fand. + +[5] Die Mschia, welche circa 8000 Gärten mit 3000 Brunnen hat, ist, wie +schon bemerkt, ganz Abgaben frei, dahingegen muss jeder Brunnen oder +Garten einen Krieger, im Falle der Muschir ihrer bedarf, stellen. + +[6] Ein Franzose, Mr. Robert, hatte zur Zeit Abd el Djelil's von den +Arabern die Erlaubniss bekommen, den Schwefel ausbeuten zu dürfen, zu dem +Zwecke hatte sich schon eine Gesellschaft in Marseille gebildet. Als man +aber anfangen wollte, hatte Abd el Djelil seinen Tod gefunden und so +unterblieb die Ausbeutung. Im Jahre 1846 hatte sich aber eine andere +gegründet, mit der ersten vereinigt, welche den Titel hatte Compagnie +Anglo-Française pour l'exploitation des mines de soufre d'Afrique, aber +nun wollte die Pforte die Ausbeutung nicht gestatten, musste der +Gesellschaft indess eine Abfindungssumme von 350,000 Francs zahlen im +selben Jahre. + +[7] Klöden hat die sehr hohe Zahl 1,500,000 Einwohner. + +[8] Mkaddem, Vorsteher, Verwalter. + +[9] Ganz Tuat ist Thaibisch und selbst in Timbuctu ist ein Filialsauya des +Thaib. + +[10] Mit Ausnahme der Buabin von Bab er Lab in Persien gestiftet, welche +offen auf eine Vereinigung mit der christlich semitischen Religion +streben; in Algerien besteht ausserdem die tolerante Brüderschaft der +Tedjadjna, v. Duveyrier, les touareg etc. und noch viele andere. + +[11] Ritter: 25,000 Ew., Barth: 13-14,000 Ew., Mircher: 15-18,000 Ew., +Vatonne: 30,000 Ew. (mit der Mschia), Hoffmann: 30-35,000 Ew., Testa: +10,000 Ew., Klöden: 10,000 Ew., Maltzan: 15-18,000 Ew. + +[12] Die Pforte verleiht dem Patriarch von Jerusalem das Recht, unter +seiner Flagge, welche weiss ist, durch ein rothes Kreuz geviertelt und in +den vier weissen Feldern wieder je ein rothes Kreuz hat, Schiffspatente zu +verkaufen; dies wird häufig von katholischen Rhedern benutzt, und der +Jerusalemer Pavillon ist auf dem mittelländischen Meere von allen Mächten, +auch von der Pforte, als neutral respectirt. + +[13] In Tripolis und dem Rharb sagt man [arabisch: kudas] kudas für Glocke, +eigentlich heisst das aber Messe und Glocke [arabisch: el djars] el djars. + +[14] Siehe Barths Wanderungen. + +[15] Siehe Mission de Rhadames. + +[16] Barths Wanderungen. + +[17] Die letzte auf Regierungskosten ausgerüstete Entdeckungsreise war die +nach Aegypten, abgerechnet die von Minutoli und Ehrenberg u.a. nach der +Jupiter Ammons-Oase und Cyrenaica. Bekanntlich wurde nur die Ammons-Oase +erreicht. + +[18] Nec procul ante oppidum fluvius Lethon, lucus sacer, ubi Hesperidum +horti memorantur. Nat. hist. V. c. 5. + +[19] Dapper nennt den Lethe des Ptolemäus Milel-Fluss. + +[20] Barth 3500 Schritt, della Cella 2 M. + +[21] Siehe Gottschick. Geschichte der Gründung und Blüthe des hellenischen +Staates in Cyrenaica. Leipzig, Teubner 1858. + +[22] Die Inschrift bezieht sich auf Archippe aus der Ptolemäischen +Dynastie: + + [griechisch: ARCHIPPANPTOLEMAIOU + EUINIERITEUOUSANPTOLE] + +[23] Unter anderen fanden Smith und Porcher eine männliche Statue, +wahrscheinlich Hadrian, dann einen Minervakopf, den Kopf des ersten +römischen Proprätors Gnaeus Corn. Lentulus Marcellinus, einen +Bronce-Portrait-Kopf, kleinere Broncegegenstände und Lampen von +Terracotta. Von den kleinen Broncefiguren eine Figur von Jupiter Ammon und +eine Gruppe, die Cyrene, wie sie einen Löwen erdrosselt, darstellend. + +[24] Der Photograph E. Salingré aus Berlin, hat die Photographien in gross +Quartformat, 40 an der Zahl abgezogen, und dieselben sind käuflich bei ihm +zu haben. + + + + +[Transkriptionsnotiz: Die folgenden Druckfehler der Originalvorlage +wurden in diesem Etext korrigiert: + +Seite 42: "zn" korrigiert zu "zu" +Seite 110: "übererall" korrigiert zu "überall" +Seite 120: "hei" korrigiert zu "bei"] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band, by +Gerhard Rohlfs + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH *** + +***** This file should be named 17599-8.txt or 17599-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/5/9/17599/ + +Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net (This file was produced from images +generously made available by the Bibliothèque nationale +de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +*** END: FULL LICENSE *** + diff --git a/17599-8.zip b/17599-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8e93b49 --- /dev/null +++ b/17599-8.zip diff --git a/17599-h.zip b/17599-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..985d5a9 --- /dev/null +++ b/17599-h.zip diff --git a/17599-h/17599-h.htm b/17599-h/17599-h.htm new file mode 100644 index 0000000..19ae975 --- /dev/null +++ b/17599-h/17599-h.htm @@ -0,0 +1,6222 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1"/> + <title>The Project Gutenberg eBook of Von Tripolis nach Alexandrien, Erster Band</title> + <style type="text/css"> +/* leave room for page numbers */ +body { margin-left: 9%; margin-right: 9%; } + +/* headings */ +h1 { text-align: center; margin-top: 12ex; } +h2 { text-align: center; margin-top: 10ex; } + +/* the default blue of usual browsers should suffice. 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Ensure suitable font height and allow sublength. */ +img.specialfont { border: none; margin: 0; padding: 0; height: 1em; position: relative; bottom: -0.25em } +</style> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band, by +Gerhard Rohlfs + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band + +Author: Gerhard Rohlfs + +Release Date: January 24, 2006 [EBook #17599] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH *** + + + + +Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net (This file was produced from images +generously made available by the Bibliothèque nationale +de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr) + + + + + + +</pre> + +<h1>Von<br/> +<big>Tripolis</big> nach <big>Alexandrien</big>.</h1> + +<p class="front"><big>Beschreibung</big><br/> +der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen<br/> +in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise</p> + +<p class="front">von</p> + +<p class="front"><b>Gerhard Rohlfs.</b></p> + + +<p class="front">Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithographien<br/> +und vier Tabellen.</p> + +<p class="front"><b>Erster Band.</b></p> + +<p class="front">Bremen, 1871</p> + +<hr class="front"/> + +<div class="figure"> +<p><a href="images/widder.jpg"><img height="312px" src="images/widder_tn.jpg" alt="[Illustration: Marmor-Widder Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.]" /></a></p> +<p><big>Marmor-Widder</big><br/> +Gefunden in der Oase des<i> Jupiter Ammon</i> 1869.</p> +</div> + +<hr class="front"/> + +<p class="front">Seiner Majestät</p> + +<p class="front"><big>Dem Kaiser Wilhelm von Deutschland</big><br/> +<b>König von Preussen</b> etc. etc.<br/> +mit Allerhöchster Bewilligung</p> + +<p class="front">in tiefster Ehrfurcht</p> + +<p class="front">gewidmet</p> + +<p class="front">vom</p> + +<p class="front"><b>Verfasser.</b></p> + + +<hr class="front"/> + +<h2>Vorwort.</h2> + + +<p>Seit dem Herbste 1868, in welchem die Reise nach +Tripolitanien auf Befehl des Königs von Preussen unternommen +wurde, welche Ereignisse sind da an uns vorüber +gegangen!</p> + +<p>Der König von Preussen ist Kaiser von Deutschland +geworden; und wenn schon in den letzten Jahren +die Deutschen im Auslande nicht mehr wie Schutzlose +oder als nicht ebenbürtig und gleich berechtigt den +übrigen Nationen gegenüberstanden, um wie viel mehr +wird jetzt „Kaiser und Reich“, selbst in den „weitesten +Fernen“ die Deutschen beschirmen.</p> + +<p>Und inmitten dieser gewaltigen Begebenheiten ist +auch schon die Nachricht vom günstigen Resultate der +Expedition nach Tripolitanien und nach dem Inneren +von Afrika angelangt: Dr. Nachtigal erreichte mit den +Geschenken glücklich die Hauptstadt von Bornu, Kuka, +und wurde, wie zu erwarten stand, auf's Zuvorkommendste +vom Sultan Omar empfangen.</p> + +<p>Das vorliegende Buch, Ergebniss der Reise nach +Tripolis, und der von hier aus unternommenen Reise +nach Cyrenaica und der Oase des Jupiter Ammon, sollte +ursprünglich Mitte 1870 dem Publicum vorgelegt werden. +Die Kriegsereignisse brachten eine Verzögerung der Herausgabe +hervor. Möge diesem Werke dieselbe günstige +Aufnahme und nachsichtige Beurtheilung von Seiten des +Publicums zu Theil werden wie den früheren Arbeiten +des Verfassers.</p> + +<p>Gestattet sei mir hier, der Verlagshandlung für die +schöne Ausstattung des Buches meinen Dank auszusprechen, +namentlich dafür, dass dieselbe nicht gescheut +hat, ohne den Preis desselben wesentlich zu erhöhen, die +musterhaften Karten von Kiepert, sowie die von G. +Hunckel ausgeführten Chromolithographien beizufügen. +Leider konnten die zahlreichen Photographien, die der +Reisende in Cyrenaica aufnehmen liess, nicht eingeschaltet +werden, da der Preis des Buches sich dadurch verfünffacht +haben würde.</p> + +<p><i>Weimar</i>, im Januar 1871.</p> + +<p>Gerhard Rohlfs</p> + +<hr class="front"/> + +<h2>Inhalts-Verzeichniss.</h2> + +<ul class="TOC"> +<li><a href="#page-1">Philippeville, Bone und Tunis</a></li> +<li><a href="#page-26">Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis</a></li> +<li><a href="#page-54">Tripolitanien</a></li> +<li><a href="#page-79">Tripolis</a></li> +<li><a href="#page-97">Leptis magna</a></li> +<li><a href="#page-113">Bengasi</a></li> +<li><a href="#page-136">Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluss</a></li> +<li><a href="#page-145">Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene</a></li> +<li><a href="#page-177">Cyrene</a></li> +</ul> + +<hr class="front"/> + +<h2><a id="page-1"></a><span class="pgnum">1</span>Philippeville, Bone und Tunis.</h2> + + +<p>Es war im Herbste des Jahres 1868, als ich von der +preussischen Regierung den Auftrag bekam, die Geschenke, +welche der König für den Sultan von Bornu +bestimmt hatte, nach Tripolis zu übermitteln, um sie +von dort aus mittelst eigener Karavane ins Innere zu +befördern. Die mit den letzten Entdeckungsreisen im +Innern von Afrika Vertrauten werden sich erinnern, dass +König Wilhelm, in Anerkennung der grossen Dienste, +welche Sultan Omar von Bornu gegen deutsche Reisende +geleistet, beschlossen hatte, diesem dadurch seine Dankbarkeit +zu bezeigen, dass er demselben eine Reihe passender +Geschenke übermachte. Sultan Omar hatte von +der englischen Regierung aus ähnlichem Anlass auch +früher schon Geschenke bekommen.</p> + +<p>Die preussischen bestanden in einem in Berlin gearbeiteten +Thron, Zündnadelgewehren, Doppelfernglas, +Chronometer, Uhren, Bildern der königlichen Familie, +und dazu sollten noch in Tripolis durch Consul Rossi +angeschaffte Sachen kommen, als Rosenessenz, ächte Corallen, +<a id="page-2"></a><span class="pgnum">2</span>Seiden-, Tuch- und Sammetstoffe. Die von Berlin +aus abgegangenen Sachen sollte ich in Marseille empfangen.</p> + +<p>Mein Weg führte mich daher über Frankreich, wo +ich namentlich meine Ausrüstung zu machen hatte, denn +nicht nur hatte ich von Tripolis aus den Abgang der +Geschenke einzuleiten, sondern auch die Erlaubniss und +Mittel zu einer Reise durch Cyrenaica und die Jupiter-Ammons-Oase +erhalten.</p> + +<p>Keine Stadt am mittelländischen Meer nimmt einen +so raschen Aufschwung wie Marseille, besonders hervorgerufen +durch den Handel mit der gegenüberliegenden +Colonie. Und was würde Marseille sein, befände sich +die Colonie in einem blühenden Zustande, hätten die +Franzosen von Anbeginn der Eroberung den Grundsatz +befolgt: die Araber, vielleicht die Berber, in die Wüste +zu drängen, wohin sie gehören, und so ein freies Terrain +für europäische Cultur und Gesittung geschaffen! Unter +diesen Umständen würde Algerien statt jetzt einige hunderttausend +Europäer, einige Millionen haben. Aber die +falschen Grundsätze von Philanthropie, die civilisatorischen +Ideen solcher Leute, welche auf die fanatischen Eingebornen +dieselben Regeln anwenden wollten, welche man +auf durch Jahrhunderte hindurch gereifte Völker anwendet, +haben dies alles verhindert.</p> + +<p>Ich will damit nicht sagen, dass die Araber sich +nicht civilisiren liessen; sie haben sicher dieselben Anlagen, +<a id="page-3"></a><span class="pgnum">3</span>Fähigkeiten, Gefühle, wie wir; aber sie wollen +keine Civilisation, ihre Religion erlaubt es nicht. Und +eben deshalb werden sie verschwinden, denn die Civilisation +lässt sich nun einmal nicht aufhalten, und die Völker, +welche nicht mit fort wollen, werden absorbirt oder +vernichtet werden. So sehen wir denn auch unaufhaltsam +den Islam seinem Ende entgegen gehen, sowohl Araber +als Türken können sich gegen das Christenthum nicht +halten; ohne dass diesen Völkern ein Zwang angethan +wird, gehen sie ihrem Untergange entgegen. Und selbst +in der christlichen Religion sehen wir bei den Völkern, +welche durch die Religion gefesselt sind, ein geistiges +Verkommen, einen Rückschritt; der Franzose sieht und +constatirt mit Bangen keine Zunahme der Bevölkerung, +und in Spanien, in Italien, wie sieht es da aus!</p> + +<p>Dem Islam gegenüber ist aber selbst die katholische +Religion Fortschritt, deshalb wird auch das mohammedanische +Element über kurz oder lang dem Christenthum +in Algerien unterliegen, so sehr sich die französische +Regierung auch Mühe giebt, die Araber zu civilisiren, +zu pflegen, zu begünstigen und auf Kosten der Europäer +zu bevorzugen.</p> + +<p>Wir fanden in Marseille alles in bester Ordnung, +und wie immer die liebenswürdigste und zuvorkommendste +Aufnahme bei unserm deutschen Consul, Hrn. Schnell.</p> + +<p>Wie wenig übrigens sonst von den Marseillern auf +deutsche Sitte und Sprache gegeben wird, geht daraus +<a id="page-4"></a><span class="pgnum">4</span>hervor, dass nicht ein einziges deutsches Journal im +ersten Club der Stadt, dem Cercle des Phocéens, vorhanden +war, von den englischen war nur die Times vorhanden. +Die eigentlichen Marseiller sind eben nur Krämer, +keine Kaufleute; der Grosshandel ist einzig in den +Händen eingewanderter Franzosen oder Schweizer.</p> + +<p>Aber grossartig ist die Stadt und hat in Hrn. Maupas, +dem vorletzten Präfecten, einen wahren Haussmann<a href="#FN-1" id="FNA-1"><sup>1</sup></a> gehabt. +Die Präfectur, die neue Börse, das kaiserliche Palais, +das bischöfliche Schloss, ohne viele andere Gebäude +zu nennen, sind alle Prachtbauten, und die neuen Stadttheile, +die Faubourgs mit den beiden grossartigen Häfen +Port Napoléon und Joliette machen Marseille zu einer +der glänzendsten Städte des Mittelmeeres.</p> + +<p>Und auch die Umgebung hat merkwürdige Veränderungen +erlitten. Früher von kahlen Kalkfelsen bordirt, +welche die Meeresufer pittoresk, aber nicht schön machten, +hat man durch sorgfältige Bewässerungen und Auftragen +von Humus grüne, mit Pinien und anderen Bäumen +geschmückte Hügel geschaffen, und der Prado von Marseille +ist einer der schönsten der Welt. Wer nach Marseille +kommt, versäume ja nicht, nach der sogenannten +Reserve zu gehen, auf dem Wege nach Toulon längs +dem Meere gelegen; eine Restauration, im grossartigsten +Verhältnisse aufgeführt, von der aus man die prachtvollste +<a id="page-5"></a><span class="pgnum">5</span>Aussicht auf Stadt, Meer und die vorliegenden +Inseln hat.</p> + +<p>Doch alle diese Einzelheiten sind in den Reisebüchern +zu finden, und ich für meinen Theil hatte Marseille schon +so oft gesehen, vom Anfange seines neuen Daseins an +(da wo die prächtigen Häuser unterhalb des bischöflichen +Palais sich hinziehen, hatte ich vor Jahren gebadet), dass +ich gar keine Lust verspürte, den Aufenthalt unnöthig +zu verlängern.</p> + +<p>Es war mir deshalb sehr erwünscht, dass Consul +Schnell sich bereitwilligst erbot, meine sämmtlichen Kisten +nach Malta spediren zu wollen; auf diese Art wurde es +möglich, dass ich gleich am folgenden Tage Passage an +Bord des nach Tunis fahrenden Dampfers nehmen konnte, +um so auf diesem Umwege Malta zu erreichen. Der +directe Dampfer sollte erst am 27. November und mit +ihm mein Gepäck abgehen, wir gingen Nachmittags desselben +Monats am 20. an Bord. Unser Schiff, Cayd genannt, +war kein der Messagerie gehörender Dampfer, +sondern ein von dieser Gesellschaft gemiethetes Boot, +welches der Compagnie der Navigation mixte zugehörte. +Klein und mangelhaft eingerichtet, war das Schiff bis +Philippeville mit Passagieren aller Classen überfüllt, und +selbst die erste Classe hatte ein knotiges Aussehen. Mit +Ausnahme eines Engländers, der wie ich nach Tunis +wollte und ein sehr gebildeter und feiner Gentleman war, +bestand die ganze Zahl der Passagiere aus Franzosen. +<a id="page-6"></a><span class="pgnum">6</span>Die zweite Classe war theils mit französischen Officieren, +theils mit Kaufleuten besetzt; das Verdeck war überfüllt +mit Soldaten aller in Algerien üblichen Truppen, mit +leichten Frauenzimmern, welche das Mutterland einer +Colonie sandte, und einigen arabischen Pilgern, welche +von Mekka kamen.</p> + +<p>Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange Zeit, +und das Wetter war andauernd günstig; schon am Sonntag +Morgens, den 22. Novbr., waren die Berge Afrika's +in Sicht, und um 2 Uhr lagen wir vor Stora, dem kleinen +Hafenorte von Philippeville. Stora ist für Philippeville +derselbe Platz, der Mers el Kebir für Oran ist, auch +die topographische Lage ist fast dieselbe. Aber sowohl +an Wichtigkeit im Verkehr als an Schönheit übertreffen +die beiden Orte der Provinz Oran um ein bedeutendes +die der Provinz Constantine. Die Ausschiffung ging +rasch von Statten, da Barken genug vorhanden waren, +und die Araber doch unter französischer Herrschaft +schon ein gutes Theil jener Zudringlichkeit und Unverschämtheit +verloren haben, welche sie da ausgezeichnet, +wo sie unter eigener oder türkischer Herrschaft +stehen. Aber nun, wo unser Schiff ruhig auf den glatten +Wellen lag, merkte ich, dass es noch eine berühmte und +glänzende Schönheit beherbergt hatte, die Marquise von +G..., eine der ersten Schönheiten am Hofe Napoleons III. +und Ehrendame seiner kaiserl. Gemahlin. Diejenigen, +welche mit dem Hofe Napoleons vertraut sind, werden +<a id="page-7"></a><span class="pgnum">7</span>leicht errathen können, wer diese hervorragende Schönheit +ist, welche hier von ihrem Gemahl, dem Obersten +des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, empfangen +wurde. Wir liessen uns alle direct nach Philippeville +rudern, und die meisten von uns stiegen im Hôtel d'Orient +ab; das heisst, ich schreibe Hôtel, man denke „Kneipe“. +In der That merkwürdig genug, wie gleich beim Betreten +der Provinz Constantine die angenehme Erinnerung der +so sehr guten Hôtels in Algier und Oran zu nichte wird. +Gerade das Hôtel d'Orient der Stadt Algier selbst kann +mit den grössten Hôtels der grössten Städte wetteifern, +und hier? Ein Zimmer, dessen Wände nur hell getüncht +waren, schmutzige Wäsche, das primitivste Ameublement. +Wie wird sich die Marquise von G..., die so eben aus +den glänzendsten Salons von Compiègne kommt, hier zurecht +finden, dachte ich, und doch waren ihre Zimmer, +welche sie mit ihrem Manne innehatte, wohl nicht besser +als das meinige. Doch wozu braucht man Zimmer in +einem Lande, wo ewig Frühlingslüfte wehen! Riefs und +ging hinaus auf den Platz, wo die Miliz-Musik gerade +eine Pièce aus der Afrikanerin spielte. Darüber kam der +Abend heran und denselben verbrachten wir, d.h. der +Engländer Herr B. vom Foreign Office und ich, gemeinschaftlich. +Wir hatten viele Anknüpfungspunkte zusammen, +abgesehen davon, dass er, wie jeder Engländer, +sehr deutsch gesinnt war, kannte er fast alle meine Bekannten +in London und ich die seinigen in Berlin, er +<a id="page-8"></a><span class="pgnum">8</span>war bei der letzten Reise der Königin nach Berlin in +deren Gefolge gewesen. Wir durchliefen die verschiedenen +Cafés, die Strassen und waren Abends einen Augenblick +im Theater, wo zum Besten der Armen ein Ball gegeben +wurde. Herr B. war ein ganz angenehmer Gesellschafter, +sprach auch gut deutsch und französisch, jedoch konnte +er es nie lassen, den Engländer herauszubeissen, wenn's +an's Bezahlen ging; dann drang er den Leuten immer +mit Gewalt die doppelte Summe auf, so dass Manche +ihn sicher für verrückt hielten.</p> + +<p>Wir weilten noch einen andern Tag in Philippeville; +ich verbrachte ihn damit, die sehr merkwürdigen Alterthümer +der Stadt zu besehen. Zum Theil bestehen dieselben +aus grossartigen Cisternen, auf den Anhöhen, +welche zu beiden Seiten die Stadt flankiren, gelegen. Es +scheint, dass Philippeville unter der Römerherrschaft ausschliesslich +sein Wasser das ganze Jahr hindurch aus +Cisternen bezog, und selbst heute, wo die Franzosen den +Ort durch eine Wasserleitung versorgt haben, wird noch +ein grosser Theil der Stadt aus den antiken renovirten +Wasserbehältern gespeist. Und noch alle Tage entdeckt +man neue Reservoirs. So hat man ganz kürzlich noch +hinter der Commandantur eine der grossartigsten alten +Cisternen, vollkommen gut erhalten, blosgelegt; niemand +hatte eine Ahnung davon seit den mehr als 30 Jahren, +dass die Franzosen Philippeville besitzen. Die herrlichsten +Bauüberreste von Philippeville finden sich da, wo +<a id="page-9"></a><span class="pgnum">9</span>heute das College hingebaut ist, und hier hat man auch +das archäologische Museum eingerichtet. Ein Theater, +halbzirkelförmig, wie ein ähnliches, aber viel kleiner, in +Verona vorhanden ist, beherbergt jetzt eine Menge werthvoller +Statuen, Sarkophage und Grabsteine, welche mit +den zahlreichen, oft gut erhaltenen Inschriften dem Forscher +ein ganzes Blatt aus der Geschichte vorlegen. Eine +fast vollkommen erhaltene Statue eines römischen Imperators +fesselte vor allem unsere Aufmerksamkeit. Herr +Roger, der gelehrte Vorsteher des Museums, glaubt in +derselben einen Hadrian zu sehen, Andere haben einen +Caracalla darin erkennen wollen. Ich denke, dass der +Grund des Herrn Roger, ein Vater-, Bruder- und Menschenmörder +könne unmöglich eine so „ausgezeichnete, +intelligente und gute Physiognomie gehabt haben,“ nicht +stichhaltig ist. Die Geschichte zeigt, dass sehr häufig +die körperlich bestgeformten Menschen die grössten Scheusale +waren. Viel richtiger ist indess Herrn Rogers Behauptung, +eine grosse Aehnlichkeit in den Gesichtszügen +der Statue mit den dem Hadrian gewidmeten Münzen +gefunden zu haben. Es sind noch mehrere andere Marmorstatuen +aufgestellt, von denen es jedoch noch unsicherer +ist, was sie vorstellen sollen. Ein einfacher +Marmorsarkophag wurde, vollkommen gut erhalten, dicht +bei Philippeville auf dem Wege nach Stora gefunden. +Das Skelett befindet sich im Museum selbst. Andere +Sarkophage mit Basreliefs, jedoch ohne Deckel, sind in +<a id="page-10"></a><span class="pgnum">10</span>grosser Zahl vorhanden. Die Capitäler vom schönsten +corinthischen Laube lassen schliessen, wie reich das alte +Rusicade war. Viele dieser Schätze sind aus der Umgegend +hergebracht, zum grössten Theil jedoch in der +Stadt selbst gefunden worden.</p> + +<p>In der That muss das alte Rusicade, aus seinen +Ruinen zu schliessen, ein viel bedeutenderer Ort gewesen +sein, als wir nach den spärlichen Ueberlieferungen der +Alten glauben sollten. Ptolemäus führt Rusicade nicht +einmal als Colonie auf, aber durch die Peutinger'schen +Tafeln erkennen wir die Bedeutung der Stadt aus den +beigemalten Häuschen. Bei Pomp. Mela und Plinius geschieht +ihrer Erwähnung. Nach Vibius soll dicht bei +Rusicade der kleine Fluss Tapsus ins Meer gemündet +sein, und dies ist offenbar der heutige ued Safsaf. Ihr +erster Name scheint Thapsa, die Stadt überhaupt phönicischen +Ursprungs gewesen zu sein. Im Alter war sie +der Stadt Cirta von derselben Bedeutung, wie sie es +heute als Hafenort für Constantine ist.</p> + +<p>Der Alterthumsforscher findet aber seine eigentlichen +Kleinodien im Museum selbst, und wenn das Gebäude +auch schuppenartig aussieht, so birgt es doch manche +Sachen, um welche es die Museen in London und Berlin +beneiden würden. Erst auf Antrieb des Prinzen Napoleon +im Jahre 1850 in's Leben gerufen zu der Epoche, wo +dieser gelehrte und die Wissenschaften pflegende Prinz +rein Rundschreiben an die Präfecten von Algerien richtete: +<a id="page-11"></a><span class="pgnum">11</span>„d'aviser à la conservation des ruines, vestiges et débris +de la domination romaine,“ hat in der kurzen Zeit von +nicht 10 Jahren, unter der sorgfältigen Hand des Herrn +Roger das archäologische Museum einen raschen und +blühenden Aufschwung genommen. Aber um ein solches +Werk zu fördern, gehört auch eben ein Mann dazu, wie +es Herr Roger ist. Ich hatte das Glück, von ihm selbst, +der von Stand Architekt und Professor der Zeichnenkunst +am Collegium in Philippeville ist, im Museum herumgeführt +zu werden, und konnte mich überzeugen, mit +welcher väterlichen Sorgfalt er jedes, auch das kleinste +Object würdigte.</p> + +<p>Und nicht nur hatte er seine Aufmerksamkeit auf +alte römische Ueberreste oder Gegenstände aus der ersten +Periode des Christenthums gerichtet; da finden wir prachtvolle +Stalaktiten, Korallen, Krystalle aus der Umgegend +der Stadt, eine Schädelsammlung, ethnographische Gegenstände +selbst aus China; ja in letzter Zeit war es Herrn +Roger gelungen, einen echten Tintoretto, den ein Malteser +Marketender im Winde aushängen hatte, für's Museum +zu erstehen, und das zu dem fabelhaft billigen +Preise von 3 Francs. Es soll unzweifelhaft feststehen, +dass das Bild von Tintoretto ist, und so würde es jetzt +einen Werth von einigen Tausend Thalern erlangt haben.</p> + +<p>Hauptsächlich reich ist die Sammlung von Lampen, +einige davon auf dem Boden mit einem Kreuze versehen, +ein Zeichen, dass sie der christlichen Zeitrechnung angehören; +<a id="page-12"></a><span class="pgnum">12</span>Thränenvasen, Amphoren, Aschenvasen sind in +reichhaltigster Auswahl vorhanden, und täglich werden +noch neue gefunden.</p> + +<p>Ueberhaupt sind alle Haushaltungsgegenstände vorhanden, +Schmucksachen, Küchengeschirr etc. Dass die +Münzen nicht fehlen, versteht sich von selbst, und besonders +ist es der Meeresstrand, der nach heftigen Stürmen +oft eine reiche Ernte giebt für's Museum. Die meisten +Münzen sind von Hadrian, dann von Antonin dem +Frommen, Faustin, Maxentius, Constantin dem Grossen, +Constantin dem Jüngern, Marcus Aurelius, Claudius II, +Trajan, Vespasian, Alexander Severus und einzelne von +allen Imperatoren. Sehr zahlreich sind die numidischen +Münzen, alle daran kenntlich, dass sie auf einer Seite +ein laufendes Pferd zeigen, meist nach links gerichtet.</p> + +<p>Nachmittags besahen wir die Umgegend von Philippeville, +welche überall einen lachenden Garten bildet, und +selbst zur Winterzeit hatte der warme Regen in wenigen +Tagen eine so üppige Vegetation hervorgerufen, dass +der Frühling wirklich vor den Thoren zu sein schien. Die +Bäume sind meistens Oliven, Korkeichen und Lentisken, +und vom kleinerem Gebüsch findet man die Zwergpalme +und Aloe; Zahlreiche kleine Dörfer umgeben die Stadt, +es scheint aber keines in besonders blühendem Zustande +zu sein; wenigstens sehen die, welche wir besuchten, +nur kläglich aus. Will man von der einheimischen Bevölkerung +sprechen, so fällt einem fast die Feder aus +<a id="page-13"></a><span class="pgnum">13</span>der Hand; die schreckliche Hungersnoth, welche so eben +die Araber decimirt hat und jetzt freilich zu Ende ist, +sprach noch aus den Augen fast jedes Individuums. Zerlumpt, +schmutzig, der Körper nur aus Haut und Knochen +bestehend, schleichen sie wie Phantome umher. Aber sie +haben schon Alles vergessen und nichts gelernt, eine +nächste Missernte wird ihnen ein gleiches Schicksal bereiten. +Am Hafen lungerten immer Hunderte dieser +halbnackten Kerle herum, und blickten mit stolzer Verachtung +auf die arbeitenden Christen, ohne indess zu +stolz zu sein, einem Fremden gleich die bettelnde Hand +entgegenzustrecken.</p> + +<p>Hr. B., der Engländer, kehrte noch Nachmittags an +Bord zurück, das Wirthshaus war ihm zu schlecht, und +da er seines kranken Zustandes wegen nicht gehen konnte, +also fast die ganze Zeit auf das Hôtel d'Orient angewiesen +war, konnte er auch nichts Besseres thun.</p> + +<p>Ich selbst blieb mit meinen Leuten noch bis am +andern Morgen und dann gingen wir zu Fusse nach +Stora. Der Weg geht immer längs des Meeres und an +zahlreichen Landhäusern, von hübschen Lustgärten umgeben, +vorüber und bei jeder Drehung des Weges bietet +er ein anderes Panorama, dass die vier Kilometer Entfernung +ganz unbemerkt dahin schwinden.</p> + +<p>Stora selbst ist ein kleiner Ort von einigen Häusern, +und diese sind fast alle Schnapsläden oder Kaffeehäuser, +aber auch eine Kirche und Schule fehlen nicht, beide +<a id="page-14"></a><span class="pgnum">14</span>hoch über dem Orte gelegen. Der Ort war auch schon +in alten Zeiten besiedelt; eine grossartige Cisterne, von +den Römern erbaut und jetzt renovirt, und eine reizende +Marmorfontaine, am Meere gelegen und von der Cisterne +gespeist, bezeugen dies hinlänglich. Noch heute hat die +Cisterne Wasser genug für den ganzen Ort, und die +Marmorfontaine strahlt das Wasser noch ebenso aus, wie +zur Zeit der Römer. Von einem hohen Gewölbe überdacht, +ein Gewölbe, welches halb in die Felswand gehauen +und halb aus Ziegeln errichtet ist, aber auch aus +den Römerzeiten herstammt, verbreitet die Fontaine eine +so angenehme Kühle, dass ich hier mein Frühstück auftragen +liess und die Zeit verbrachte, bis ich an Bord +zurückging.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit kamen die jungen Storenser Mädchen +mit ihren Wasserkrügen, um sie zu füllen, fast alle +barfuss und fast alle italienisches Blut, denn die eigentliche +Volksschichte besteht hier meist aus Maltesern. +Sah man aus der künstlichen Grotte heraus, so hatte +man das schönste Bild vor Augen; der ganze herrliche +Golf, im Hintergrunde Philippeville, die auf den Wellen +schaukelnden Dampfer, zahlreiche kleine Fischerboote +mit ihren grossen lateinischen Segeln—tagelang hätte +ich in diesem Zauberneste bleiben mögen. Aber die +Stunde schlug, der alte Bootsmann bemächtigte sich des +Gepäckes, und wir ruderten wieder auf unsern Caid los.</p> + +<p><a id="page-15"></a><span class="pgnum">15</span>Am andern Morgen, der Dampfer war schon gegen +Mitternacht angekommen, lagen wir auf der Rhede von +Bone.</p> + +<p>Stolz lag die Tochter des alten Ortes Hippo regius +vor uns. Hatte der heilige Augustin wohl geahnt, dass +einst nach 1000 Jahren hier wieder das Evangelium gelehrt +werden würde?</p> + +<p>Bone liegt jetzt ganz auf der Stelle des alten Hippo, +von dem wir wissen, dass es 5 M. nordwestlich von der +Mündung des Ubus- (Seibouse-) Flusses gelegen war. +Der Name Bona, der schon im zwölften Jahrhundert erscheint +und offenbar von <span class="greek">ἱππὼν βασιλικός</span> gebildet ist, +hat jetzt sich in das französische Bone verwandelt. Von +den Tyriern angelegt, ist der Name Hippo phönicischen +Ursprunges. Zuerst den Carthagern botmässig, wurde +von den Römern der Ort Massinissa und seinen Nachfolgern +überlassen, und erhielt zu dieser Epoche den +Beinamen regius, theils um nun dies Hippo von dem +nahen Hippo Zaritus zu unterscheiden, theils weil es oft +Sitz der numidischen Könige selbst war. Als die Römer +sich später selbst dieses Landes bemächtigten, blieb Hippo +noch eine bedeutende, indess wenig beachtete Stadt; aber +die Häuschen der Peutinger'schen Tafel beweisen auch +hier zur Genüge die Ansehnlichkeit des Ortes.</p> + +<p>Der heilige Augustin, der in Tagasta geboren, in +Carthago erzogen, hier als Bischof wirkte, war es, der +hauptsächlich die Christen zu jener heldenmüthigen Vertheidigung +<a id="page-16"></a><span class="pgnum">16</span>gegen den Vandalen Genserich anspornte. +Sein Gebet, nicht in die Hände der Barbaren zu fallen, +sollte erfüllt werden: im 3. Monat der Belagerung starb +er. Hippo Regius wurde dem Boden gleich gemacht; aber +Augustin, einer der grössten Kirchenväter, würde allein +das Andenken an Hippo bewahrt haben, wenn nicht in +der Neuzeit die grossartigen Ruinen, die selbst dem +Vandalismus nicht erliegen konnten, Zeugniss von der +einstigen Blüthe dieses Ortes gegeben hätten.</p> + +<p>Ich nahm sogleich ein Boot und liess mich ans Land +setzen, da wir bis Nachmittag Zeit hatten, und die +Strassen der Stadt durchlaufend, kam ich bald ans andere +Ende, wo unter einem alten Aquäduct hindurch und +zwischen lachenden Gärten liegend der Weg zur Pepinière +führt. Fast jede Stadt Algeriens hat eine Pepinière oder +Baumpflanzschule. Meist sind dieselben zu vollkommenen +Jardins d'essai ausgebildet, und haben somit für die +Colonisation das Gute, dass die Pflanzer sich nicht mit +unnützen Versuchen abzumühen brauchen. Gedeiht ein +Baum gut, oder sieht man namentlich nützliche Pflanzen +im Klima Algeriens anschlagen, so wird das öffentlich +bekannt gemacht und Sämereien oder Stecklinge zur +Disposition der Pflanzer gestellt. Es ist dies gewiss ein +sehr nützliches Unternehmen der Communalbehörden, und +namentlich der grosse Garten dieser Art von Algier selbst +hat grosse Verdienste um Einführung früher nicht gekannter +Pflanzen.</p> + +<p><a id="page-17"></a><span class="pgnum">17</span>Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, „der +Franzose versteht ganz und gar nicht zu colonisiren“. +Der französische Bauer ist, namentlich der aus dem Norden, +ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung +wird von den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie +von uns. Auf den meisten grösseren Farmen wird jetzt +Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet, und die +Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch +Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth. +Will es trotzdem mit der Colonisation nicht +recht vorwärts gehen, so liegt das theils an der Militär-Administration, +theils an der Einrichtung der Bureaux +arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten +der Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst +nach allen Richtungen das Land, und die Hauptörter +werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander verbunden +sein.</p> + +<p>Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt +in seinem Innern ein kleines naturhistorisches Museum, +das indess nichts besonderes aufzuweisen hat. Ein alter +römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist +die einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt, +obschon sonst die Gegend an Ueberresten der +Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner überreich ist.</p> + +<p>Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General +Faidherbe hier stationirt war, er war es eben, der +den Sarkophag hieher hatte transportiren lassen. Die +<a id="page-18"></a><span class="pgnum">18</span>Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um die +Geographie von Afrika<a href="#FN-2" id="FNA-2"><sup>2</sup></a> verdienten Mannes musste also +rasch gemacht werden, und ich liess mich auf das Hôtel +der Subdivision, welche Hr. Faidherbe jetzt commandirte, +führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie zuvorkommend +ich vom General empfangen wurde, ich durfte +ihn natürlich während der Stunden meines Aufenthaltes +nicht mehr verlassen, und nach dem Frühstück hatte er +die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der +Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen, +oder vielleicht waren es Bäder, an deren oberen +Partie man dem heiligen Augustin ein hübsches Denkmal +errichtet hat. General Faidherbe, der lange Zeit am +Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht, +dass die Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator, +ein viel besseres Naturell als die Araber hätten, und für +Cultur und Civilisation weit empfänglicher als diese seien. +Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien +beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse +über die Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme. +Herr Faidherbe war so aufmerksam, mich +bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis +zum letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend +und liebenswürdig, das sind Eigenschaften, +<a id="page-19"></a><span class="pgnum">19</span>welche man nirgends so sehr wie bei den Franzosen +antrifft.</p> + +<p>Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch +von Statten, schon andern Morgens ankerten wir vor +der Goletta. Nach einem Augenblick kam der Canzler +des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang +zu nehmen; denn um nicht die Unannehmlichkeiten der +Tuniser Douane durchmachen zu müssen, hatte ich von +Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen +gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen +mit, sondern auf Befehl des Bei von Tunis hatte der +Admiral des Hafens von Goletta eine Barke zur Disposition +stellen müssen, um uns an's Land zu rudern. +Ohne weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren +vor sich gehen, und die zehn Marine-Soldaten +brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte hier, dass +die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei +ist, während dieser nämlich einen weissen Halbmond und +Stern im rothen Felde führt, hat der Bei von Tunis im +rothen Felde eine weisse Kugel, und darin einen rothen +Halbmond und einen rothen Stern.</p> + +<p>Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten, +und machten da zugleich die Bekanntschaft des englischen +Generalconsuls, Hrn. Wood, und des französischen Viceconsuls +von Goletta. In Tunis ist man schon von der +Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite +<a id="page-20"></a><span class="pgnum">20</span>verläuft dort bei den höheren Beamten oder bei dem +Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei uns.</p> + +<p>Bei den Türken und namentlich in den türkischen +Provinzen herrscht aber noch die gute alte Sitte einer +Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine Wasserpfeife +fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung, +die in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des +Lords Exmouth nach Tunis, und seit dem Ultimatum, +welches die Grossmächte von Aachen aus am 18. Novbr. +1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am +21. Septbr. durch die englischen und französischen Admirale +Freemantle und Jurien dem Bei notificirt wurde, +schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab +nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen +in der Regentschaft vor sich gehen.</p> + +<p>Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen +Dynastie, Hussein ben Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf +den Thron kam, eine neue Epoche im Staatsleben der +Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig +zu notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel +Dei geführt, während Hussein ben Ali zuerst den Titel +Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht vollkommen +unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem +einen sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss +eines jeden andern, die Vollheit der Autorität +in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der Regenten, +welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt, +<a id="page-21"></a><span class="pgnum">21</span>der Sohn eines griechischen Renegaten war) bis auf den +jetzigen Bei, Namens Sadduk, bei Zwistigkeiten, früher +mit der Regierung des Deis von Algier, später mit christlichen +Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention +angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland +das tunisische Gouvernement es sich nicht nehmen liess, +der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht man immer +doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur +eine Art spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs +aber von ihm abhängig sein will.</p> + +<p>Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn +auch gar kein Tribut mehr nach Konstantinopel bezahlt +worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz ohne +Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von +Algerien hat keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste +von Tunis so sehr unterstützt und befördert wie Frankreich, +und keine Macht hat dieselben so viel wie möglich +einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land +ging dabei von dem Grundsatz aus, dass ein kleines +unabhängiges Land, noch dazu nächster Nachbar, im +gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn +ein gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern +Staat, und hier zur Pforte, bestände. Und aus eben +diesem Grunde hat England die Beziehungen von Tunis +zur Türkei wieder enger zu machen versucht.</p> + +<p>Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte, +zugleich aber auch das Gefährliche einer solchen Lage +<a id="page-22"></a><span class="pgnum">22</span>Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte in den +letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam +die schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht +beseitigt ist.</p> + +<p>Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland +im Verein mit England und Italien den französischen +Planen gewachsen ist, ohne dass Tunis genöthigt +wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu +werfen. Wenigstens wurden die letzten Anschläge der +französischen Regierung in Betreff der Schuldforderung +von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne die kräftige +Intervention von England, Norddeutschland und Italien +wäre Tunis heute eine französische Präfectur und zwar +auf ganz friedlichem Wege geworden. Wenn man aber +bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das mittelländische +Meer gelegen ist, und was Frankreich durch +den Zuwachs einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann +kann man sicher nicht genug darauf bedacht sein, eine +Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin zu +verhindern.</p> + +<p>Ob je Tunis seinem Schicksal entgehen wird, einer +europäischen Macht anheim zu fallen, das bezweifle ich. +Eigentliche Civilisation ist hier ebenso wenig wie in +Aegypten und in der Türkei, und es wird von der Nachwelt +gewiss als eines der grössten Wunder betrachtet +werden, dass solche Staaten im 19ten Jahrhundert vor +den Thoren Europa's haben existiren können.</p> + +<p><a id="page-23"></a><span class="pgnum">23</span>Staunen wir nicht darüber, wenn wir lesen, dass im +Jahr 1823 n. Chr. in Tunis es fast zum Bruch mit der +englischen Regierung gekommen wäre, weil die Juden +anfingen, sich europäisch zu kleiden und namentlich sich +des Hutes bedienten, ja im selben Jahre für dasselbe +Verbrechen, d.h. einen schwarzen Cylinder getragen zu +haben, zwei Juden in Tunis die Bastonade bekamen und +nur mit Mühe durch Hrn. Nylsen, dem holländischen +Consul, welcher derzeit Toscana vertrat, ihre Freilassung +erlangten. Aber solche Sachen passiren noch alle Tage, +wenn auch nicht so eclatant und öffentlich.</p> + +<p>Zwei Wagen, die Hr. Tulin, schwedischer General-Consul +und preussischer Agent, herausgeschickt, brachten +uns in anderthalb Stunden von der Goletta nach Tunis +selbst. Der Weg war, da es seit Tagen geregnet hatte, +entsetzlich, und je näher wir der Stadt kamen, desto +bodenloser wurde er. In der Stadt selbst waren denn +die Strassen auch ganz ein Schmutzmeer; es war, als +hätte man sie mit Chocolade einen halben Fuss hoch +begossen. Eine mohammedanische Stadt kann ich mir +nun einmal nicht ohne Schmutz denken, und es würde +mir selbst befremdend vorgekommen sein, wenn dem +nicht so gewesen wäre; mich amüsirte nur mein Berliner +Photograph, der fortwährend ausrief, dass es unter den +Linden doch ganz anders sei. Damit man durch diese +Schmutzüberschwemmung zu Fuss hindurchkommen kann, +hat die europäische Colonie in Tunis ein eigenes Schuhwerk +<a id="page-24"></a><span class="pgnum">24</span>erfinden müssen, hohe Holzschuhe, welche auf noch +höheren eisernen Ringen ruhen, und die man mit Lederriemen +unter sein Schuhwerk bindet.</p> + +<p>Leider sollte es mir nur vergönnt sein, in Tunis +eine Nacht zu bleiben, denn die Fahrten der Dampfer +waren der Art eingerichtet, dass ich ohne einen Verzug +von zehn Tagen den am folgenden nach Malta abfahrenden +nicht versäumen durfte. Ich machte indess hier die +interessante Bekanntschaft des Herrn von Maltzan, welcher +sich Studien halber für längere Zeit in Tunis +aufhielt.</p> + +<p>Baron von Maltzan, schon seit Jahren an der Nordküste +von Afrika und in Arabien heimisch, ein poetisches +Gemüth, was seinen Reisebeschreibungen allerdings einen +eigenen Reiz verleiht, andererseits aber auch eben der +poetischen Auffassung wegen Abbruch thut, hat der +Wissenschaft einen grossen Dienst gethan durch Veröffentlichung +seines Werkes über Sardinien. Offenbar +einer der besten Kenner der phönicischen Sprache und +Alterthümer, hat Niemand in Deutschland so sehr auf +den Reichthum, den Sardinien in dieser Hinsicht birgt, +aufmerksam gemacht, wie Maltzan.</p> + +<p>Zu gleichem Zwecke hielt er sich in Tunis auf; bot +doch die Stätte des alten Carthago eine wahre Fundgrube +für unseren gelehrten Phönicier. Zudem hatte er +entdeckt, dass der Sohn des Chasnadar ein ganzes Museum +phönicischer Alterthümer besässe mit kostbaren Inschriften. +<a id="page-25"></a><span class="pgnum">25</span>Nach vielen Schwierigkeiten gelang es Hrn. +von Maltzan, Einsicht dieses Museums zu bekommen, aber +alle seine Bemühungen, Photographieen der interessanten +und wichtigen Inschriften machen zu dürfen, sind bis +jetzt gescheitert.</p> + +<p>Die Bevölkerung von Tunis machte indess einen ebenso +peinlichen Eindruck, wie die der algerischen Provinz, +man sah, dass Cholera und Hungertyphus hier gewüthet +hatten. Dazu die grösste Insolvenz der Regierung, alle +Beamten von oben bis unten, das ganze Heer und die +Marine hatten seit zwei Jahren keinen Lohn erhalten. +Diese Thatsachen sprechen laut genug, wie es um den +tunisischen Staat bestellt ist. Möge die Finanzcommission, +zusammengesetzt aus Norddeutschland, England, Frankreich +und Italien, von der man jetzt Rettung und baldiges +Eintreffen erwartet, nicht lange auf sich warten lassen.</p> + +<p>Der Rückweg nach Goletta und die Einschiffung +ging auf dieselbe Weise von Statten, nur dass wir diesmal +an Bord eines Dampfers kamen, der gerade doppelten +Tonnengehalt hatte, wie die Germania, welche so eben +die erste deutsche Nordpolfahrt zurückgelegt hat.</p> + +<p>Man kann sich denken, wie wir an Bord dieser Nussschaale +herumgeworfen wurden, aber wir hatten einen +englischen Capitän, der Rio-Janeiro, Canton, Danzig, +Stettin und andere Häfen gesehen hatte, also ein alter +Seelöwe war; und trotz eines Sturmes, welcher auf dem +Mittelmeere gar nicht spasshaft ist, kamen wir gut über.</p> + +<p><a id="page-26"></a><span class="pgnum">26</span>Aber wie sah es oft in der engen Cajüte aus! Der alte +Capitain hatte nämlich das Steckenpferd, sich eine ganze +Menagerie an Bord zu halten, diese bestand aus seiner +Frau, vielen Hunden, Katzen, Hühnern, Vögeln, Enten +und anderen Vier- und Zweifüsslern. Das Sonderbarste +war, dass alle Thiere einen Namen hatten—da war +ein Neufundländer Nelson, eine schlaue Katze, die Napoleon +hiess, andere Thiere Wellington, Blücher, Malborough +etc.; bitter beklagte indess der alte Capitän, +dass Bismarck desertirt sei.</p> + +<p>Ich konnte Bismarck das nun gar nicht verdenken, +denn wenn bei einem besonders starken Wellenschlage +alle diese Thiere mit Bänken und Schüsseln in der Cajüte +umhertanzten, gehörten mehr als starke Nerven dazu, +um es auszuhalten. Abends 8 Uhr am 28. November +warfen wir Anker im Hafen von La Valetta, und waren +einige Augenblicke später wieder auf europäischem Grund +und Boden.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Kurzer geschichtlicher Ueberblick von +Tripolis.</h2> + + +<p>Im freundlichen Imperial-Hôtel in Lavaletta abgestiegen, +mussten wir nun freilich in Malta längere Zeit +bleiben, als wir, wenn es nach unserem Wunsche gegangen +wäre, beabsichtigt hatten; aber mit Malta hat +<a id="page-27"></a><span class="pgnum">27</span>der regelmässige Verkehr ein Ende, wenigstens wenn +man nach Tripolis will, und man muss sich den Launen +der türkischen Dampfschiffs-Eigenthümer, sowie dem +Wetter fügen.</p> + +<p>Indess kann man die Zeit in Lavalletta und Malta +recht gut hinbringen. Freilich bietet die Stadt für einen +Nichtmilitair des Interessanten nicht viel. Das Palais +des Gouverneurs, ehemals das des Grossmeisters der +Johanniter, die Johanniskirche, einige Palläste der ehemaligen +Zungen, besonders das castilianische Hôtel, einige +hübsche Promenaden, zwei Bibliotheken, endlich Oper +und einige Clubs gewähren wohl für einige Tage dem +Fremden Unterhaltung, wer aber all dies von früher her +schon kennt, und ich war nun schon verschiedene Male +in Lavalletta gewesen, der sehnt sich nach etwas Anderem. +Dazu kömmt nun noch, dass an keinem Orte von Europa +die Familien so abgeschlossen und für den Fremden schwer +zugänglich sind, als in Malta. Längere Zeit unter der +Herrschaft der Araber, wie ja auch heute noch die Volkssprache +auf Malta ein arabischer Dialekt ist, halten die +Familien ihr Haus dem Fremden fast so fest verschlossen, +wie es der Mohammedaner einem nicht zu seiner +Sippe Gehörigen thut, und trotzdem ich mehrere Bekannte +in Lavalletta hatte, war es mir nie gelungen, +Eingang zu ihren Familien zu bekommen. Natürlich nehme +ich die dort residirenden Engländer hiervon aus, welche +<a id="page-28"></a><span class="pgnum">28</span>auch hier wie überall ihre gastlichen Eigenschaften beibehalten +haben.</p> + +<p>Wer nun aber längere Zeit einen gezwungenen Aufenthalt +auf diesen Inseln haben sollte, der bleibe nicht +in der Stadt, sondern mache Ausflüge, und ob er diese +zu Fuss mache, oder mit jenem antiken Einspänner ohne +Springfedern, er wird seine Spaziertouren nicht bereuen. +Malta hat die lieblichsten Buchten, viele interessante +Ruinen aus phönicischer Zeit, von denen ich hier nur +Hedjer Kim, Mnaidra und die merkwürdige natürliche +Einsenkung Makluba nenne. Auch Gozzo mit seinem +ebenfalls aus phönicischer Zeit stammenden Riesenthurm +ist eines Besuches werth; kurz wenn man nicht seinen +Aufenthalt auf Lavalletta selbst beschränkt, kann man +14 Tage recht gut auf Malta hinbringen.</p> + +<p>Erst am 11. December war der „Trabulos Garb“, +ein türkischer Dampfer, welcher dem Schich el bled von +Tripolis gehört, segelfertig. In den Wintermonaten ist +es gar nicht angenehm und oft sehr gefahrvoll auf dem +Mittelmeere, und Jeder erinnert sich noch wohl der +heftigen Stürme, welche gerade in dem Monat auf unserer +Hemisphäre stattfanden. Zudem kam noch, dass +„Trabulos Garb“ so eben erst eine unheilvolle Katastrophe +erlebt hatte: Von Smyrna abgehend mit für +Tripolitanien bestimmten Soldaten, sprang der Kessel +noch ehe der Dampfer den Hafen verlassen hatte. Der +Maschinist, die Heizer und über 50 Soldaten waren +<a id="page-29"></a><span class="pgnum">29</span>augenblickliche Opfer, wie viele aber noch später starben +infolge von Verwundungen, hat man nie erfahren können; +in dem türkischen Reiche kümmert man sich um +dergleichen nicht. Andererseits bot jedoch jetzt das +Dampfschiff eine gewisse Garantie, denn in den Docks +von Lavalletta mit einem neuen Kessel versehen, durfte +man annehmen, dass das Schiff nur seetüchtig entlassen +worden sei. Ueberdies war es das einzige Mittel, um +nach Tripolis zu kommen, wenn man nicht mit einem +Segelschiffe, die im Winter jedoch noch weit gefährlicher +und unsicherer sind, die Fahrt hätte machen wollen.</p> + +<p>Die Einpackung und Verladung der vielen Kisten +hatte unser norddeutscher Consul, Hr. Ferro, schon besorgt, +und überhaupt während der ganzen Zeit meines +Aufenthaltes in Malta sowohl als auch später in Tripolis +nicht aufgehört, auf das Liebenswürdigste sich meiner +Sache anzunehmen.</p> + +<p>Unsere Ueberfahrt nach Tripolis war eine sehr gute, +schon nach 30 Stunden erreichten wir das afrikanische +Ufer. Oea mit seinen grossen Palmenwäldern lag vor +uns, und einen Augenblick später konnten wir schon die +einzelnen Häuser unterscheiden. Angesichts der Stadt, +liess ich mit Bewilligung des Capitains unsere norddeutsche +Flagge am Hauptmaste aufhissen, es war das +erste Mal, dass sich dieselbe vor Tripolis zeigte; für +meine vielen Freunde und Bekannten daselbst sollte es +zugleich ein verabredetes Zeichen sein, dass ich mich +<a id="page-30"></a><span class="pgnum">30</span>an Bord befände. Und kaum hatte man unsere Flagge +bemerkt, als sämmtliche Consulatsfahnen an ihren hohen, +langen Mastbäumen emporstiegen. Nirgends ist wohl +unsere deutsche Flagge ehrenhafter und freudiger bei +ihrem ersten Erscheinen begrüsst worden; die Stadt +hatte ihr sonntäglichstes Aussehen angenommen. Die +Formalitäten des Passes, der Douane und der Sanitätspolizei +waren rasch durchgemacht, und kurz nachdem +wir Anker geschmissen hatten, konnten wir landen.</p> + +<p>Die Ankunft des Dampfers, der zugleich die verschiedenen +Posten aus Europa bringt, ist für eine so +abgelegene Stadt wie Tripolis immer ein Ereigniss, und +die ganze Stadt findet sich dann am Quai des Hafens +versammelt; auf diese Art konnte ich auf Ein Mal fast +meine sämmtlichen Bekannten begrüssen, fast alle waren +auf dem Quai versammelt.</p> + +<p>Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern +fuhr gleich nach der Mschia hinaus, wo Consul Rossi mit +bekannter Liebenswürdigkeit seinen Landsitz zu meiner +Disposition gestellt hatte. Tripolis hatte einen weiteren +Schritt in der Civilisation gemacht: es hatte ein Fuhrwerk +bekommen, eine kleine Malteser „Kascha“, welche +Droschkendienst verrichtete. Früher hatten nur der Pascha +und einige der Consuln Wagen, jetzt konnte sich jeder, +wer einige Piaster über hatte, das Vergnügen des Fahrens +machen, und oft genug sah man elegant gekleidete +Judendandi's, die noch vor wenigen Jahren baarfuss bei +<a id="page-31"></a><span class="pgnum">31</span>jedem Moslim vorbeigehen und sich jedwede Schmach +von einem fanatischen Druisch gefallen lassen mussten, +die Kascha benutzen, und durch Extrabakschische angefeuert, +fuhr der Kutscher sie zum Aerger der Rechtgläubigen +in rasender Geschwindigkeit über den Grossen +Platz, zwischen Stadt und Mschia.</p> + +<p>Unsere Sachen waren auch bald in dem Landhause +des Herrn Rossi, das recht freundlich und heimisch in +einem Palmgarten gelegen ist, angekommen; die nach +Bornu bestimmten Sachen liess ich indess alle in einem +eigens dazu gemietheten Hause in der Stadt. Beim Auspacken +fand sich, dass alle unversehrt, mit Ausnahme einer +grossen Glasglocke übergekommen waren. Die noch fehlenden +Sachen: Kameele, Seidenstoffe, Corallen etc., wurden +nun auch gleich eingekauft, da man dergleichen in +Tripolis besser, und eigens für den Geschmack der innern +Völker hergerichtet, bekommen kann, als in Europa. +Ich hatte hier wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie +die Tripolitaner, seien es Christen oder Juden, es geschickt +anzufangen wissen, einem Fremden gegenüber +den Uneigennützigen zu spielen, ohne dabei im Mindesten +ihren oft beträchtlichen Gewinn aus den Augen zu verlieren. +Man sollte in der That meinen, wenn man es +mit diesen Leuten zu thun hat, als ob sie beim Verkauf +verlören, und trotzdem, wenn sie Fünfzig auf Hundert +gewinnen, glauben sie schlechte Geschäfte gemacht zu +haben—denn sie<i> hätten</i> ja hundert Procent und mehr +<a id="page-32"></a><span class="pgnum">32</span>gewinnen können. Es ist dies übrigens so natürlich, dass +ich mich gar nicht darüber wundern sollte: Die Juden +und Christen leihen den Arabern ihr Geld zu 5 Procent<i> monatlich</i>; 2 Procent oder 1½ Procent<i> monatlich</i> +zu nehmen, sind seltene Fälle, ein solcher Mann ist +sicherlich ein Ehrenmann, und wird allgemein wegen +seiner Uneigennützigkeit gelobt. Die meisten, oder man +kann fast sagen, alle in Tripolis lebenden Juden und +Christen haben auf diese Weise ihr Geld verdient, denn +der eigentliche reelle Handel wirft in Tripolis keinen +grossen Gewinn ab.</p> + +<p>Welch merkwürdige Schicksale hat aber diese Stadt +erlebt und welche Zukunft steht ihr noch bevor, wenn +sie einst wie Algerien in die Hände einer aufgeklärteren +Regierung kommen sollte. War nicht das alte Tripolis +jener Dreistädteverein Leptis magna, Oea und Sabratha, +einst eine der blühendsten und reichsten Colonien am +Nordgestade Afrika's? Ohne hier einen Abriss der Geschichte +der Stadt geben zu wollen, welche sich auch gar +nicht, was die alte Zeit anbetrifft, von der Geschichte aller +Städte und Colonien Nordafrika's trennen lässt, werden +gewiss meine Leser gern einen Blick in die Vergangenheit +thun, um zu sehen, unter welchen Verhältnissen +Tripolis das geworden, was es jetzt ist.</p> + +<p>Im heutigen Tripolitanien hausten im Alterthume +nach Herodot die Nasomonen, welche um die grosse +Syrte nomadisirten und uns als verwegene und gefährliche +<a id="page-33"></a><span class="pgnum">33</span>Seeräuber geschildert werden. Unter Augustus bekriegt, +verschwinden sie von der Seeküste und statt ihrer führt +Ptolemäus die Makakutae und die höhlenbewohnenden +Lesaniki an, die Nasomonen verlegt er weiter ins Innere. +Westlich von den Nasomonen grenzten die Psylli und +von diesen wieder westlich die Maccae. Im äussersten +Westen des heutigen Tripolitanien waren nach Scylax +die Lotophagen. Andere Völkerschaften werden von Herodot +und Ptolemäus im Innern genannt, als die Machlyes, +Auses, Nigintini, Astskures etc. Am bekanntesten +von allen waren jedoch die Garamanten, welche wir heutzutage, +wenn auch nicht in Tripolitanien, so doch im +Stamme der Tebu südlich davon deutlich wiedererkennen. +Aus allen Angaben aber müssen wir schliessen, dass die +Garamanten früher das ganze heutige Kaimmakamlik +Fesan inne hatten.</p> + +<p>Während die Kenntniss von den Garamanten unter +den Griechen sich gänzlich verlor, tauchte dieses Volk +unter römischer Herrschaft wieder auf, und wir finden +nun auch zum ersten Mal den Namen Fesan, Phasania +genannt, erwähnt. Plinius führt uns eine Menge Städte +und Oerter der Garamanten auf mit der Hauptstadt +Garama. Ob übrigens die Garamanten eine so grosse +Ausdehnung gehabt haben, wie die Alten es annehmen +und auch noch einige Gelehrte der Neuzeit, möchte nicht +ganz erwiesen sein, man müsste denn ganz Bornu als ihnen +damals unterworfen betrachten. Die Hauptstadt Garama +<a id="page-34"></a><span class="pgnum">34</span>finden wir im heutigen Djerma in Fesan wieder, auch +Krema in Tibesti erinnert an Garama, sowie Berdoa an +Borde in eben dem Lande.</p> + +<p>Zu diesen an der Küste wohnenden Libyern, welche +von den Römern Numider (vom Worte <span class="greek">νομάδες</span>, herumziehende +Völker) genannt wurden, kamen zur Zeit der +trojanischen Kriege phönicische Handelsleute: so entstand +Leptis, Oea, Sabratha und die wichtigste Colonie +von allen, Carthago. Während so die Geschichte Tripolis' +mit der von Carthago eng Hand in Hand geht, sehen +wir dann, wie Massinissa, ein numidischer König, sich +mit Hülfe der Römer an der Küste ein unabhängiges +Königreich gründet. Nach dem zweiten punischen Kriege +war er Herrscher fast des ganzen heutigen Tripolitanien +mit Ausnahme von Cyrenaica. Die Empörung Jugurtha's, +des Enkels von Massinissa, gegen römische Vormundschaft, +die Herrschaft Juba's führten dann diese Länder +bald gänzlich in die Gewaltherrschaft der Römer.</p> + +<p>Mit dem Einbruche der Vandalen und später der +Araber wurde das Christenthum, welches an der ganzen +Nordküste von Afrika in mehr denn 500 Bischofssprengeln +gelehrt wurde, zu Grabe getragen; und im Jahre +647 erschien Abd Allah, vom Kalifen Otman geschickt, +unter den Mauern Tripolis'. Im Jahre 680 sehen wir +alle Berberstaaten durch Akbah unterworfen, und im +neunten Jahrhundert finden wir die Aglabiten in Tripolis +herrschend. Obgleich nun die Stadt vom tapferen +<a id="page-35"></a><span class="pgnum">35</span>Normannenkönig Roger im Jahre 1146 den Mohammedanern +wieder entrissen wurde, bemächtigten sich unter +Abd el Mumin schon im Jahre 1159 wieder die Almohaden +des Ortes. Darauf unter dem Scepter von Abu +Fares von Tunis, eroberten 1510 die Spanier die Stadt +unter Peter von Navarra. Dieser schleppte alle mohammedanischen +Einwohner fort, Carl V. erlaubte ihnen +jedoch zurückzukehren und die Stadt, zwar ohne Wälle, +wieder aufzubauen. 1530 wurde Tripolis von Carl V. an +die Malteser Ritter gegeben, aber schon drei Jahre +darauf vom berüchtigten Seeräuber Barbarossa erobert; +dieser wurde jedoch von Carl wieder vertrieben und +bis 1551 blieb sie unter der Herrschaft des Malteser +Kreuzes, um in diesem Jahre für immer durch den +türkischen Admiral Sinan Pascha dem Halbmonde unterworfen +zu werden.</p> + +<p>Zwar hatten die Türken auch nicht viel Ruhe und +Frieden, schon acht Jahre darauf empörte sich ein Scherif +und wurde nur nach vielen Anstrengungen unterdrückt. +Ausserdem kam es jetzt der häufigen Seeräubereien der +Tripolitaner wegen zu häufigen Conflicten mit den christlichen +Mächten. Durch Verträge geschützt waren nur +die Engländer und Franzosen, aber auch diese mussten +von Zeit zu Zeit Expeditionen senden, um mit Gewalt +die Aufrechthaltung der Verträge zu erzwingen. So +sandte Cromwell im Jahre 1655 den Admiral Blake, um +Genugthuung zu fordern; 1675 erschien Sir John Narborough +<a id="page-36"></a><span class="pgnum">36</span>vor Tripolis, um begangene Verräthereien der +Piraten zu züchtigen. 1683 zerstörte der französische +Admiral Duquesne im Wasser von Tripolis eine grosse +Zahl von Piratenschiffen, und zwei Jahre später legte +sich d'Estrées vor die Stadt und bombardirte sie; erst +nach Abschluss eines Vertrages und nach Zahlung von +500,000 Fr. hob d'Estrées die Belagerung auf.</p> + +<p>Im Jahre 1714 trat endlich für Tripolis ein wichtiges +Ereigniss ein. Hammed Caramanli, ein Araberchef, +der zugleich Häuptling einer Reiterabtheilung war, unter +dem türkischen Pascha, benutzte dessen Reise nach +Constantinopel, um sich zu empören und unabhängig zu +machen. Durch List hatte er die türkischen Soldaten +aus der Stadt zu entfernen gewusst, und dann zu einem +grossen Feste, was an Beamten und Officieren übrig +blieb, eingeladen. Als die Türken sich, der Einladung +folgend, zu Hammed Caramanli begaben, wurde einer +nach dem andern beim Eintreten in sein Haus getödtet, +und wer sonst von den Türken noch übrig war, wurde +am folgenden Tage ermordet gefunden. Die Zahl der +Eingeladenen zum Festessen betrug allein 300 Personen, +welche alle erdrosselt wurden. Hammed schickte nun +gleich grosse Geschenke, das Eigenthum der ermordeten +Personen, nach Constantinopel, und der Grossherr hatte +die Schwäche, seine Regierung anzuerkennen und zu +bestätigen.</p> + +<p><a id="page-37"></a><span class="pgnum">37</span>Die Caramanli's haben dann die Regierung bis zum +Jahre 1835 inne gehabt.</p> + +<p>Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich +die Verhältnisse mit den christlichen Mächten nicht +gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah Frankreich +sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine +Flotte gegen Tripolis zu schicken, welches von seinem +alten Piratenunwesen nun ein Mal nicht lassen wollte. +Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen. +1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen +Regierung für erlittene Unbill Genugthuung verlangen, +und erhielt dieselbe. Im Jahre 1745 war der +zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt. +Im Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von +seinem jüngsten Sohne Jussuf getödtet, worüber ein blutiger +Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber durch einnehmendes +Wesen und Geldbestechungen sich einen so +grossen Anhang zu verschaffen gewusst, dass Ali, um +dem Kriege ein Ende zu machen, seinem Sohne, dem +Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm. +Von anderer Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte +bald schon die Regierung der Caramanli's beendigt. Ein +Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in Tripolis +und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung +der Stadt. Keineswegs von der türkischen Regierung +abgeschickt, scheint Ali Bugul geheime Unterstützung +des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der +<a id="page-38"></a><span class="pgnum">38</span>nach Tunis geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe +beim Bei, derselbe kam nach Tripolis, vertrieb Ali Bugul +und setzte die Caramanli wieder ein. Ali Bugul floh +nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die +Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe +seinem zweiten Sohne Hammed, welcher aber gleich +darauf vom Brudermörder Jussuf vertrieben wurde.</p> + +<p>Während der französischen Expedition nach Aegypten, +stand Tripolis im Geheimen zu den Franzosen, General +Vaubois auf Malta, wurde während der Belagerung mit +Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher +durch die Drohungen der Engländer gezwungen, offen +den Krieg an Frankreich erklären musste, instruirte er +heimlich seine Corsaren den französischen Pavillon zu +schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick +daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien +aus Aegypten zu ziehen. 1801 wurde von ihm +ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser, nach Tripolis +geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am +18. Juni des Jahres Frieden. In den Stipulationen war +hauptsächlich die freie Communication von Gütern und +Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten betont. +Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem +Truppen machten jedoch diese Clausel überflüssig.</p> + +<p>Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien +de la Gravière der Regentschaft die Beschlüsse von +Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und Tunis geschehen +<a id="page-39"></a><span class="pgnum">39</span>war, und Jussuf, besonders da man das Recht +schwarze Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete, +nahm offen alle Bedingungen an. Es war hiemit ein +grosser Schritt gewonnen. Denn durch diesen Vertrag +bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen +Mächte, wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte, +Hannover und Preussen, dieselbe Berechtigung wie die +Fahrzeuge der Staaten, welche wie Oesterreich, Frankreich +und England Verträge mit den Berberstaaten hatten. +Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal +die Piraterie aufgehoben war, so waren damit alle anderen +demüthigenden Verträge auch vernichtet. Ich schreibe +das Wort „demüthigend“, denn obwohl seit Jahrhunderten +Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte +die Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören, +und diese Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten +dem Erdboden hätten gleichmachen können, so +schlossen sie doch selbst die schimpflichsten Verträge +ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte, +welche keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels +hatten, gänzlich zu vernichten. Was sagt man dazu, +dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen Frankreich und +Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: „dass die +Corsaren<i> französische</i> Pässe vom<i> französischen</i> +Consul erhalten, um sie vor den französischen Kriegsschiffen +zu sichern, dass sie in den französischen Häfen +Schutz finden können, aber nur Prisen in der Entfernung +<a id="page-40"></a><span class="pgnum">40</span>von 10 Meilen vom französischen Ufer machen +dürfen. Die französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe +untersuchen, aber das Durchsuchungsrecht +ist auch den Piraten für die französischen Kauffahrer +gewährt.“ Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe, +welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten +als verfallen betrachtet wurden. Mit dem Jahre +1819 waren solche Zustände glücklicher Weise überwunden.</p> + +<p>Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine +Rebellion seines Sohnes, welcher Statthalter in Bengasi +war, zu unterdrücken, und übermüthig geworden, glaubte +er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner +gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch +durch einen Agenten in Tripolis vertreten, und als dieser +sich weigerte, das übliche Geschenk an den Pascha zu +entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und +erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht +lange, so erschien Admiral Sivoli mit sardinischen +Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha, jetzt +eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat +unterhandeln, verlangte aber dummerweise zum Segen +des Friedensschlusses gleich von vornherein die Summe +von 30,000 Piastern. „30,000 Kugeln soll er haben,“ +antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der +Stadt begann sofort. Es versteht sich von selbst, dass +<a id="page-41"></a><span class="pgnum">41</span>die Sardinier nach kurzer Zeit erlangten, was sie wollten, +der Stolz Jussuf's war gebrochen.</p> + +<p>Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader +vor Tripolis, um für erlittene Unbillen Genugthuung +zu verlangen, aber nicht so energisch wie die Piemontesen, +musste es unverrichteter Sache wieder abziehen.</p> + +<p>Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal +die gewinnreiche Piraterie nicht aufgeben wollten, wurde +der Regierung Jussuf's die meisten Unannehmlichkeiten +bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher +Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst +selbst ohnmächtig, seine Unterthanen gegen die mohammedanischen +Seeräuber zu schützen, wandte sich an +Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays +eine Flotte, welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte. +Da aber Jussuf Pascha dem päpstlichen +Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme zahlen +musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten +Chikanen an dem derzeitigen französischen Consul zu +rächen. Zu der Zeit war im Innern der englische Reisende +Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha +scheute sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft +dieses Mordes und namentlich des Besitzes +der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau, +der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten +Widerruf erlangen konnte, strich er seinen Pavillon +<a id="page-42"></a><span class="pgnum">42</span>und schiffte sich nach Frankreich ein. Der darüber +zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische +Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des +Vorganges zur Folge, bei der sich die Unschuld des +französischen Consuls auf's glänzendste herausstellte. Das +französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit +indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection +zu geben, und einen Monat später als die Einnahme +Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel vor der Stadt +und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber +trotz der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen +wurden. Frankreich trat hier als Fürsprecher der +ganzen Christenheit auf, denn ausser den Entschuldigungen, +welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen +machen musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher +Sklaverei und jeder Piraterie und die Abschaffung +gewisser Geschenke, welche einige kleine Staaten noch +leisteten, decretirt.</p> + +<p>Zu diesen äusseren Complicationen, welche den +Schatz des Paschas verminderten, und da sie immer mit +einer Demüthigung für die Regierung Tripolis endeten, +dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten, +kamen nun noch Revolten und Empörungen der eigenen +Unterthanen, so dass man jetzt schon den Untergang +des alten Jussuf's voraussagen konnte.</p> + +<p>Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman, +empörte sich offen 1831, marschirte auf Fesan los, und +<a id="page-43"></a><span class="pgnum">43</span>bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf schickte seine +Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie +aber den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die +Bergvölker, und zwangen sie zu einer eiligen Umkehr +nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's voll zu +machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter +Dundas, und verlangte für rückständige Schulden an +britische Unterthanen die Summe von 200,000 spanischen +Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit gegeben. +Da es ihm unmöglich war, diese Summe so +schnell zusammen zu bringen, denn seine Geldnoth war +so gross geworden, dass er sogar schon die bronzenen +Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft +hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington +seine Flagge ein und begab sich an Bord des +Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich Jussuf +verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer +zu belegen. Diese, die von Alters her immer +von allen Steuern frei gewesen waren und es auch noch +sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren, antworteten +sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie +nicht stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt, +und zu seinem Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu +spät war es jetzt, die Ordre für die Mschia zurückzunehmen, +zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte, +um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich +für ihn erklärt hatten, zu setzen. Nichts half mehr, +<a id="page-44"></a><span class="pgnum">44</span>Die Mschia blieb in Revolte, und seine Söhne flüchteten +sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in +dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten +hatte, sah er doch ein, dass er den Umständen weichen +müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes Ali Caramanli +ab.<a href="#FN-3" id="FNA-3"><sup>3</sup></a></p> + +<p>Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit +Ali in Verbindung, und auch Major Warrington, der +englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis zurück, sobald +er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt +aber wie thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt +war noch immer belagert) zu nehmen, bezog er sein in +der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich also inmitten +der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen, +dass dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften +die Rebellen dadurch Hoffnung für ihre Sache, da +sie mit Recht glaubten, England unterstütze ihre Sache. +Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher +Uisir von Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta +befand, wurden sie überdies von dieser Insel aus mit +Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel rüstete +sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus, +man braucht wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde, +indess obschon die Schiffe vor Tripolis erschienen, konnten +sie doch nichts Ernstliches ausrichten.</p> + +<p><a id="page-45"></a><span class="pgnum">45</span>Während so einerseits durch England unterstützt, +die Rebellen der Mschia den Muth nicht verloren und +fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann anderer +Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen +mit ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten +zur Unterstützung nach Tripolis gesandt, und ein +gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt +hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung +und Hülfe an. In Bengasi hatte man sich vollkommen +dem neuen Pascha unterworfen und Ali der Stadt seinen +Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung +der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte +Ali seinen Bruder Ibrahim zu Rhuma, und vereint brachen +diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed Caramanli, +der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch +geschlagen, und wenn jetzt die vereinigten Consulate zu +Ali Pascha gehalten hätten, wäre sicher bald die ganze +Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von Jussuf +Pascha unterworfen worden.</p> + +<p>Aber England hat von jeher eine eigene Politik im +Orient verfolgt; wobei die Hauptsache<i> die</i> war, die +Türkei<i> soviel wie möglich zu kräftigen</i>, und +gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der +Pforte zu spielen, schon längst vorbereitet. Dass es +sich dabei hauptsächlich darum handelte, den Einfluss +Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen, +liegt auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst +<a id="page-46"></a><span class="pgnum">46</span>Algerien erobert, früher schon mal Aegypten besessen, +war also mehr als irgend eine andere Macht von den +Bewohnern Nordafrika's gefürchtet.</p> + +<p>Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen +in die Hände gespielt. Eine geistige Suprematie +der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch anerkannt, +und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich +durch Absendung von Geschenken nach Constantinopel +bethätigt. Jetzt hiess es auf einmal, es sei Zeit, +dass die Pforte intervenire, um dem Streite der Parteien +ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne +dieser Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten, +Schekir Bei, nach Tripolis, um Aufklärung über +die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte nach +Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde +Ali Caramanli als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst +eines grossherrlichen Firmans, und die Insurgenten zugleich +aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese aber +waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates +in ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht, +nichts weniger als entmuthigt, hatten sogar die +Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir Bei, +die Stadt zu bombardiren.</p> + +<p>Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine +Flotte von Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis +abgehen. Den europäischen Mächten wurde einfach mitgetheilt, +es handle sich nur darum, Ali Caramanli in Tripolis +<a id="page-47"></a><span class="pgnum">47</span>Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von +Nedjib Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und +der türkische Befehlshaber setzte sich gleich mit Ali +Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen seinem +Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt, +gab zu, dass die Soldaten debarquiren und das Fort +besetzen durften, und als er dann sich selbst, um Nedjib +Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff +begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung +vorgelesen und ihm gesagt, er würde nach Constantinopel +transportirt werden. Am selben Tage noch +verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur +von Tripolitanien ernannte, liess die Thore der +Stadt öffnen, und die Rebellion der Mschia war wie +ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent, gleich nach +Mesurata floh, und sich dort entleibte.</p> + +<p>Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt +und der nächsten Umgebung derselben waren, hatten +sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft unterworfen. +Angesichts der Eroberung Algiers durch eine +christliche Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner +der Nordküste Afrikas instinktartig, dass allein ein Anschluss +an die nach ihrem Glauben allmächtige Dynastie +der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale bewahren +könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene +in Tunis wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste +der Furcht vor einer christlichen Eroberung die Waage +<a id="page-48"></a><span class="pgnum">48</span>halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das +Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch +den festen Glauben an das Kalifat seiner Sultane. +Und selbst die Niederlage von Isly konnte im marokkanischen +Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen, +sich Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten +hingegen war das Volk durch Unterdrückung und Sklaverei +seit Jahren ganz unzurechnungsfähig geworden; +was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren +wir hier, schon lange vor 1835, in welchem +Jahre sich die Pforte Tripolitaniens bemächtigte, ein +allmäliges Fortschreiten auf der Bahn gänzlicher Unabhängigkeit.</p> + +<p>Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit +bewundern, mit der die Türken Tripolitanien +zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz des +ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen +verlieren, dass die um ihre Religion besorgten Mohammedaner, +so sehr sie auch immer türkische Raublust +und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits +wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der<i> Nothwendigkeit</i> der türkischen Herrschaft überzeugt +waren.</p> + +<p>Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb +nur 3 Monate auf seinem Posten, ihm folgte Mehemmed +Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste Massregel, +welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden +<a id="page-49"></a><span class="pgnum">49</span>Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel. +Otman, von seinem Vorgänger zum Gouverneur +von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal +durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt +sich um diese Zeit ruhig im Besitze Fesans, und +ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von Mesurata +schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es +auch sein Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein +neuer Gouverneur geschickt, da die Pforte immer zu +besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine +Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war +Taher Pascha, der sich hauptsächlich durch seine Unverschämtheit +gegen die Europäer auszeichnete, Intriguen +mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine +unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn +auch die Absendung einer anderen türkischen Flotte +unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich wohl +Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen, +dann auch den Bei von Constantine unterstützen sollte. +Das französische Geschwader unter Lalande vereitelte +dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den Auftrag +von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass +Frankreich auf alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten +würde.</p> + +<p>Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan +Pascha. Derselbe erkannte Rhuma als Chef vom Djebel +an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil, welcher +<a id="page-50"></a><span class="pgnum">50</span>sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien +jährlich 25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan +Pascha aber auch den rückständigen Tribut verlangte, +wurden die Verhandlungen abgebrochen, und Abd el +Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als +aber 1840 schon in der Person von Asker Pascha wieder +ein neuer Pascha als Gouverneur kam, wurde ein anderer +Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen +wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische +Piaster der Regierung entrichten sollte. Aber wie +immer sind die Verträge mit den Arabern leicht gemacht, +geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur Ausführung +derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige +ebenso wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien +haben die Araberchefs fast alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit +gegen die Franzosen damit zu beschönigen versucht, +sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren +des Islam keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr +ein gegebenes Wort zu halten; verfolgen wir aber ihre +Handlungen in Tripolitanien, so finden wir da gegen die +Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft Wortbrüchigkeit.</p> + +<p>Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte +im Jahre 1841, weigerte sich sowohl Rhuma als auch +Abd el Djelil, die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, +und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon +nun der Vortheil immer auf Seiten der Türken war, +<a id="page-51"></a><span class="pgnum">51</span>welche eine wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie +versehen, den unregelmässigen Araber-Reitern entgegensetzen +konnten, so war es doch schwer, der beiden Chefs +habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen +bekannt, und überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel, +die den Türken gänzlich unbekannt waren, zudem +zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr +sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische +Infanterie und Artillerie nicht folgen konnte.</p> + +<p>Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen +konnte: eine schnelle Unterwerfung des Landes mittelst +der Waffen, erreichte sie mit List, und England lieh bereitwilligst +seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der +englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte +herumstreifenden Abd el Djelil eine Zusammenkunft am +Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata vor, und +dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie +es ihn früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli +unterstützt hatte, ging bereitwilligst auf den Vorschlag +ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung unterhielt der +Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels, +versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den +Sklavenhandel in Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung +Englands sicher sein könne. Welche Versicherungen +Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir +nicht im Stande zu berichten, wohl aber wissen wir, +dass Abd el Djelil gar nicht in seiner Macht hatte, den +<a id="page-52"></a><span class="pgnum">52</span>Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies dem +englischen Consulate bekannt sein musste.—Kaum +hatte er sich vom englischen Consul beurlaubt, als eine +Armee Asker Pascha's, die heimlich herangerückt war, +über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und +alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil +wurde enthauptet, und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt +auf dem Hauptthore Tripolis' zu sehen. Im +selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch +den Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan +hatte sich gleich nach dem Tode Djelil's unterworfen, +ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue Gouverneur +nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel +zu bekämpfen. Auch dies wurde durch List bewerkstelligt, +indem der Pascha mit Rhuma Unterhandlungen +anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen +eines freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber +Rhuma, welcher wirklich der Einladung folgte, in der +Stadt war, wurde er gefangen genommen und nach Constantinopel +geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen +Anhänger revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha +mit einer Armee vom Gouverneur gegen sie abgeschickt, +und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die +Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie +sämmtlich bei dieser Gelegenheit hinrichten. 60 blutige +Häupter konnte er nach Tripolis schicken. Zitternd und +schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im Mai +<a id="page-53"></a><span class="pgnum">53</span>1843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten +dort einige Forts, legten darin Soldaten und Artillerie, +um so für immer jede neue Revolte gleich im Keime +ersticken zu können. Und so geschah es auch im folgenden +Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem +alten Anhänger von Rhuma, noch einmal versuchten das +Joch abzuschütteln. Nichts war seit dem Jahre 1845 +mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien +zu erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und +unterworfen.</p> + +<p>Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure +nicht mehr so häufig gewechselt, erst 1846 wurde +derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und während +früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte +so weit ging, dass den Gouverneuren nie gestattet wurde, +Familie und Harem mit nach Tripolis zu nehmen, wurde +auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an die +Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu +lassen. So notiren wir denn, 1848 im December den +neuen Gouverneur Iset Pascha, im September 1852 +Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha, +1859 Mahmud Pascha, welcher jetzt Marineminister ist, +und welcher 1865 von Ali Riza Pascha, welcher heute +noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den Regierungen +aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit<a href="#FN-4" id="FNA-4"><sup>4</sup></a> +war überall, und Revolten scheinen auf immer +<a id="page-54"></a><span class="pgnum">54</span>den unterjochten Bewohnern Tripolitaniens vergangen +zu sein.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Tripolitanien.</h2> + + +<p>Unter der türkischen Regierung wird seit 1835 die +Regentschaft Tripolis von einem Generalgouverneur, welcher +den Titel Muschir hat, regiert. Man hat zu diesem +Posten sowohl Leute aus dem Civilstande, als auch aus +dem Militairstande genommen, und selbst aus der Marine +hat man Admiräle schon als Gouverneure von Tripolitanien +gesehen. Der Gouverneur kann nach Belieben der +Pforte abberufen werden, und im Anfange der Eroberung +machte das türkische Gouvernement oft genug Gebrauch +davon, jetzt lässt man, wie schon gesagt, einen ein Mal +installirten Muschir meist vier Jahre auf seinem Platze, +was auch keineswegs, um sich mit allen Verhältnissen des +Landes und der Bewohner bekannt zu machen, zu lange +ist. Die Gewalt desselben ist heute nicht mehr eine +unbeschränkte, das Recht über Leben und Tod steht ihm +nicht zu, und in der Verwaltung der Provinz steht ihm +die grosse Midjeles oder eine Rathsversammlung zur +Seite. Dieser Rath umfasst die Personen der ersten +<a id="page-55"></a><span class="pgnum">55</span>Aemter, als Richter, Militaircommandant, oberster Geistlicher +u.s.w. Wegen des Muschir kann man über dies +nach Constantinopel an's Ministerium oder an den Grossherrn +selbst appelliren, was jedoch selten Jemand zu +thun wagt. Der Muschir bezieht von Constantinopel sein +bestimmtes Gehalt, welches übrigens je nach seinem +anderen Range variirt, als Gouverneur soll er fünfzigtausend +Francs Einkommen haben.</p> + +<p>Das in Tripolis stationirte Militair steht unter einem +selbständigen Commando, und der Oberst-Commandirende +hat gewöhnlich den Rang eines Generallieutenants. Meist +sind nicht mehr als 6000 Mann regelmässige Truppen +vorhanden, Infanterie und Artillerie. Diese werden immer +aus anderen Provinzen des Reiches hergezogen, während +die in Tripolitanien ausgehobenen Truppen in den übrigen +Theilen des Reiches zur Verwendung kommen. Während +dem Muschir nicht zusteht in die innere Administration +der Truppen einzugreifen, so hat er indess die +Macht über ihre Garnisonirung, und im Falle von Revolten, +ertheilt er den Befehl zum Marsch und Angriff. Die +in Tripolitanien bestehende Bürgermiliz, wie die z.B. +der Mschia<a href="#FN-5" id="FNA-5"><sup>5</sup></a>, wo jeder Mann geborner Soldat ist, dann +die der Gensd'armen, Kavassen, Saptién u.s.w., stehen +unter dem directen Befehl des Muschir's.</p> + +<p><a id="page-56"></a><span class="pgnum">56</span>Was die Finanzen anbetrifft, so werden sie unabhängig +vom Muschir verwaltet, und stehen unter der +Leitung des Mohasebdji oder Chasnadar, welcher von +dem Finanzministerium in Constantinopel seine Bestallung +erhält, und demselben die Einnahmen abzuliefern +hat, ebenso ist auch die Douane unabhängig vom Generalgouvernement +verwaltet.</p> + +<p>Die Einkünfte von Tripolitanien sind nicht genau +bekannt, indess bringt das Land reichlich soviel auf, als +die Beamten und das dort stationirte Militair an Gehalt +und Sold erfordern, und in den meisten Jahren kann +noch ein hübscher Ueberschuss nach Constantinopel abgeliefert +werden. Durchschnittlich kann man den Ueberschuss +auf jährlich 600,000 Francs anschlagen. Im +Kriege gegen Russland erhob die Pforte zudem eine Extracontribution +von 2,608,700 Francs. Die Einkünfte gehen +hervor aus den directen Abgaben, welche von allen Producten +des Bodens erhoben werden, und der Judensteuer, +welche den einzelnen Gliedern dieses Glaubens von ihrem +Rharham-Baschi oder Gross-Rabiner zugemessen wird. +So zahlt z.B. jeder Oelbaum und jede Palme 2½ Piaster +(und wenn es eine Lakbi gebende Palme ist, 5 Piaster), +jedes Kameel 40 Piaster, jedes Rind 20 Piaster, 10 Schafe; +40 und 20 Ziegen 40 Piaster jährlich. Dass hierbei viele +Umgehungen stattfinden, ist schon an anderen Orten erwähnt +worden.</p> + +<p><a id="page-57"></a><span class="pgnum">57</span>Die indirecten Abgaben, welche meist vom Gouvernement +als Monopol dem Meistbietenden zugeschlagen +werden, gehen hervor aus der Douane, die 5 Proc. Eingangszoll +und 12 Proc. Ausgangszoll erhebt, aus dem +Rechte Spirituosen zu machen und zu verkaufen, aus +der Stempelung des Goldes und Silbers, welches, gleichviel +ob alt oder neu, verarbeitet oder roh, geaicht sein +muss, aus der öffentlichen Wage, da alle Sachen, welche +en gros verkauft werden, durch einen Amin gewogen +werden müssen; aus dem Fischertrage, indem alle Fische, +welche auf den Markt gebracht werden, 8 Proc. ihres +Werthes abgeben müssen; aus dem Fleische, welches ein +Pächter sowohl der Armee zu einem im Voraus bestimmten +Preise das ganze Jahr liefern muss, als er auch +ausserdem von jedem Schafe 2½ Piaster und von jedem +Rinde etwa 10–17½ Piaster, je nach der Grösse beim +Schlachten geben muss, endlich aus dem Tabacks-Monopole +und der Hara, d.h. das Vorrecht, den Dünger +und die Unreinlichkeit aus den Städten zu schaffen. +Dass die Einnahmen der indirecten Abgaben gar nicht +gering sind, geht aus einer vom holländischen Generalconsul +v. Testa zusammengestellten Tabelle vom Jahre +1851/1852 hervor, nach welcher die gesammten eben +aufgeführten Monopole die Summe von 1,352,000 Francs +für's Gouvernement ergeben. Zugleich ersehen wir aus +denselben, dass die Einkünfte, folglich der Reichthum +von Tripolitanien von Jahr zu Jahr zunehmen. Das eben +<a id="page-58"></a><span class="pgnum">58</span>Angeführte gilt für alle Städte und Orte, nur mit dem +Unterschiede, dass die Grösse der erhobenen Abgaben, +je nach dem Gouverneur oder Kaimmakam oder Mudir +wechselt, indem zwar in den Liva auch die Finanzen +nicht direct unter dem Kaimmakam stehen, derselbe +aber in der Regel mit dem Kateb el mel oder Zahlmeister, +welcher die Einnahmen unter sich hat, im Bündnisse +ist. Ausserdem werden in den verschiedenen Liva +noch andere Abgaben erhoben, so liess sich z.B. im +Jahre 1865 der Kaimmakam von Fesan für jeden durchziehenden +Sklaven ein Kopfgeld von 40 Piaster zahlen +und erlaubte seinem Kavass-Bascha oder Polizeidirector +am Thore noch 5 Piaster für jeden durchziehenden +Sklaven zu erheben. Bewaffnete Araber mussten für eine +Flinte am Thore auch 2 Piaster zahlen und dieser Brauch +ist in Tripolis selbst auch, wenn wir nicht irren.</p> + +<p>Die Exportation von ganz Tripolitanien kann man +durchschnittlich jetzt im Werthe von 10–12 Millionen veranschlagen, +die der Importation im Werthe von 5–6 Millionen, +was eine Gesammtsumme von 15–18 Millionen +Francs ergiebt. Mircher, der für die Stadt Tripolis die +Gesammtsumme von 5,500,000 Francs angiebt, ist viel +zu niedrig in seiner Schätzung. Dann sind aber auch +die anderen Städte, wie Mezurata, Bengasi und Derna +gar nicht bei ihm in Betracht gezogen.</p> + +<p>Die Rechnung und das Geld in Tripolitanien sind jetzt +eben so wie im übrigen türkischen Reiche. Die kleinste +<a id="page-59"></a><span class="pgnum">59</span>Münze ist der Para, die jedoch bloss noch imaginär existirt, +man findet dann zehn Para-Stücke, Bu-Aschra- und zwanzig +Para-Stücke, Bu-Aschrin genannt. Zwei Bu-Aschrin +machen den türkischen Piaster und fünf Bu-Aschrin einen +tripolitanischen Girsch (Groschen), 6 Bu-Aschrin nennt +man Sbili. Es existiren auch einzelne Girsch und Sbili-Stücke. +10 Bu-Aschrin werden Baschlik genannt und +solche Stücke existiren auch. 40 Bu-Aschrin oder 20 +constantinopolitanische Piaster machen den Mahbub, +solche Stücke existiren als Silbermünze. Als Goldmünze +kommen 5 Mahbub-Stücke und 1 Mahbub-Stücke vor. +Man sieht sie indess selten.</p> + +<p>Die Scheidemünzen, Bu-Aschrin, Sbili und Baschlik +sind alle von schlechter Alliage, die Mahbub-Stücke haben +denselben Silbergehalt wie die französischen Silbermünzen.</p> + +<p>Englisches und französisches Gold und Silber wird +überall zu voll angenommen, am allgemeinsten ist jedoch +der Maria-Theresien-Thaler verbreitet.</p> + +<p>Als Gewicht dienen die Oka und das Rotol von +Tripolis. Eine Oka hat 2½ Rotol und 100 Rotol bilden +einen Cantar (Quintal), der also 40 Oka hat. Das Rotol +wird in 16 Okia oder Unzen untergetheilt.</p> + +<p>Beim Längenmass bedient man sich der türkischen +Pic, eine Pic ist gleich einer Brabanter Elle und 1½ Pic +gleich einem Meter und 1-1/3 Pic gleich 1 Yard.</p> + +<p><a id="page-60"></a><span class="pgnum">60</span>Zum Kornmessen bedient man sich der Marta, wovon +15 Eine Ueba bilden. Zwei Marta sind gleich einem +türkischen Kilo und 280 Kilo entsprechen 100 Hectolitres +oder 83 Kilo = 1 Last.</p> + +<p>Das Mass für Flüssigkeiten ist die Jarre, welche +6-1/8 Caraffa hat. Eine Jarre entspricht 10-2/3 Litres.</p> + +<p>Die Gerechtigkeitspflege in Tripolitanien wird von +einem Kadhi besorgt, welcher vom Schich ul Islam in +Constantinopel ernannt wird. Dieser Kadhi hat das +Recht, die anderen Kadhi der Provinzialstädte zu ernennen, +welche officiell den Titel Naïb haben. In grösseren +Sachen und namentlich wo Türken mit betheiligt sind, +wird überall nach hanefischer Form Recht gesprochen, +während alle Fälle zwischen Arabern, welche dem malekitischen +Ritus anhängen, diesem gemäss entschieden +werden. Ausserdem giebt es in allen grösseren Städten +und Orten Adulen, welche eine Art von Rechtsgelehrten +sind und auch Vollmachten und Schriften ausfertigen +können, welche notarielle Kraft haben. Für Criminalfälle +wird ein vom Muschir präsidirtes Medjeles thakik +zusammengesetzt, das jedoch die Strafe des Todes nicht +aussprechen kann. Ein anderes Medjeles tedjaret besorgt +streitige Fragen in Handelsangelegenheiten, die +angesehendsten eingebornen Kaufleute sind Beisitzer und +wenn die Streitfrage zwischen einem Eingebornen und +einem europäischen Kaufmann stattfindet, so sind im +Medjeles tedjaret, auch europäische Kaufleute als Beisitzer. +<a id="page-61"></a><span class="pgnum">61</span>Die in Tripolitanien ansässigen Europäer sind +nur richtbar von ihren resp. Consulaten. Kommen aber +Fälle vor, wo Europäer mit Eingebornen Händel oder +Zwistigkeiten haben, so wird in der Regel die Entscheidung +dem Richter anheimgegeben, der des<i> Beklagten</i> +Obrigkeit ist. Sucht also ein Eingeborner Recht gegen +einen Europäer, so muss er sein Recht beim Consul +holen, hat hingegen ein Europäer eine Klage gegen einen +Eingebornen, so muss er beim mohammedanischen Kadhi +sein Recht suchen, dass Letzterer, da er fast immer +vom Consul unterstützt wird, meist im Vortheil ist, wird +einleuchtend sein, wenigstens in den meisten Fällen, wo +der Europäer Kläger ist.</p> + +<p>Bei der mangelhaften Kenntniss des Bodens von +Tripolitanien, kann es uns nicht einfallen hier eine allgemeine +physicalische Geographie des Landes geben zu +wollen, wir beschränken uns auf statistische Angaben +und führen nur an, dass der Raum von der ganzen Regentschaft +wenigstens so gross wie ganz Deutschland ist, +falls man Wüste dazu rechnet. In der That ist aber +auch der grösste Theil des Bodens Sherir, Hammada, +Sand oder steiniges jeder Vegetation bares Gebirgsland. +Dieses im Süden hauptsächlich in den Schwarzen Bergen +und dem Harudj vertreten, streift von Westen nach Osten +seiner Hauptrichtung nach. Durch eine Hochebene vom +Djebel, den man versucht wäre den östlichsten, letzten +Ausläufer des Atlas zu nennen, finden wir dies Gebirge +<a id="page-62"></a><span class="pgnum">62</span>mit Humus und rothen Thon, folglich mit Vegetation bedeckt. +Von diesem nördlich gelegen besteht die Ebene +bis am Mittelländischen Meere aus Alluvialboden, ebenso +scheint es mit dem Boden um die grosse Syrte zu sein, +denn Sebchaboden allein würde schwerlich so gute Weiden +haben, wie sie dort nach den Aussagen der Nomaden +sein sollen. Allerdings ist die Stadt Tripolis gleich +hinter den Palmgärten von Sanddünen umgeben, indess +bilden diese Sandanhäufungen nur einen einige Stunden +breiten Gürtel, dahinter hat man bis an's Gebirge Tel-Formation, +den fruchtbarsten Boden. Nach Süden zu +erstreckt sich dann der ackerbare Boden selbst noch +über die Berge hin hinaus; im ued Sufedjin wird alle Jahre +noch geackert, nach Westen geht der Tel in den Tunesischen +über, nach Osten zu über das in's Meer stürzende +Gebirge hinweg, nach Mesurata und dem Ufer der +Syrte zu.</p> + +<p>Eigentliche Flüsse sind in ganz Tripolitanien nicht +vorhanden. Die bekanntesten sind die von Südwesten +nach Nordosten in die grosse Syrte fliessenden ued Sufedjin +und ued Semsem. Der Sufedjin bekömmt zum +Theil seine Zuflüsse vom Südrande des Djebel, zum +Theil aus dem Rande der Hammada el hamra, aus letzterer +und dem Harudj-Gebirge entspringt der Semsem. +Der ued el Cheil, später im unteren Laufe ued el Bei +genannt, wäre noch zu erwähnen, und wahrscheinlich +sind in der sogenannten Syrtenwüste noch längere Flussläufe, +<a id="page-63"></a><span class="pgnum">63</span>von denen wir hier nur den Harana und Schegga +nennen.</p> + +<p>Die in der Wüste vorkommenden uadi, von denen +ich in Fesan das Schati, das uadi schirgi und u. rharbi +anführe, möchte ich kaum als solche bezeichnen, sondern +sie wie das von Gatron eher als Depression ohne bestimmte +Abdachung annehmen. Cyrenaica, welches obschon +politisch zu Tripolitanien gehörend, ein Land für +sich bildet, soll später besonders beschrieben werden. +An Mineralien hat bis jetzt nichts in der Regentschaft +entdeckt werden können, mit Ausnahme einer ergiebigen +Schwefelmine<a href="#FN-6" id="FNA-6"><sup>6</sup></a> an der grossen Syrtenküste, dessen Ausbeutung +jedoch vom türkischen Gouvernement untersagt +wurde. Natron-Sebcha giebt es in Fesan und zum Theil +hat sich das Natron einen Weg bis Tripolis gebahnt, +von wo es bisweilen exportit wird. Eben so giebt es +einige Salpeterminen, die aber auch noch nicht ausgebeutet +sind.</p> + +<p><a id="page-64"></a><span class="pgnum">64</span>Die Pflanzenwelt ist reich und könnte, bei besserer +Bearbeitung des Bodens das Land mit allen anderen an +der Nordküste von Afrika concurriren machen. Natürlich +ist dieselbe, je nach dem Boden sehr verschieden. Während +in den Oasen der Wüste die Producte der heissen +Zone Indigo und die Sudan-Kornarten vortrefflich gedeihen, +auf den Bergen und Hochebenen die Früchte und +Kornarten der kalten gemässigten Zone gezogen werden +können, kommen in den Ebenen am Meere und den +nördlichen Bergabhängen alle Früchte, Getreide und +Gemüse des gemässigten Klima's trefflich fort. Der +Dattelreichthum des Landes, sowohl die der Oasen, wie +die der Küstenstriche, ist unerschöpflich. Orangen, +Citronen sind in all' den verschiedenen Arten vorhanden +und namentlich hat die Blutorange und die feine Mandarinorange +sich Bahn auf europäische Märkte gebrochen. +Die Weintrauben und Feigen des Djebel sind +von vorzüglicher Güte und wenn die Cultur des Oelbaums +hinter der von Tunis zurücksteht, so ist der Umstand +Schuld, dass in Cyrenaica, wo dieser Baum so herrlich +gedeiht, dieselbe derart vernachlässigt oder vielmehr +ganz aufgegeben ist, dass dort die Oelbäume nur noch +verwildert vorkommen. Baumwolle und Taback kann +überall producirt werden, wird aber bis jetzt nur sporadisch +gebaut; Ueberschuss zur Ausfuhr giebt nur der +Getreidebau, obschon wie überall die Bestellung der +Aecker durch die Araber auf die primitivste Art geschieht; +<a id="page-65"></a><span class="pgnum">65</span>von Kornarten wird nur Weizen und Gerste +gebaut. Die Gemüse, welche in Europa gezüchtet werden, +gedeihen auch in Tripolitanien und wenn die Communication +geregelter wäre, könnte im Winter von Tripolis +aus der europäische Markt ebenso gut mit Gemüse +versorgt werden, wie es jetzt von Algerien aus geschieht. +Von den wildwachsenden Pflanzen hat man bis jetzt nur +eine Geraniumart benutzt zur Bereitung von Essenz, die +überall und massenhaft wachsende Artemisia könnte auf +gleiche Weise mit Vortheil benutzt werden.</p> + +<p>Das Thierreich ist ebenso mannigfach. Die Pferde, +meistens Grauschimmel und von mittlerer Grösse, sind +eine durch Berber- und Araber-Pferde hervorgebrachte +Kreuzung. Ausdauernd und schnell in ihren Bewegungen, +sind sie meistens ohne Tücke und zum Reiten +vortrefflich geeignet. Die Tripolitaner Esel, obschon +nicht gross, sind berühmt. Das Rind ist kleiner Art, +milcharm, aber so reichlich vorhanden, dass davon exportirt +werden kann. Die Schafe sind alle Fettschwänze, +und haben eine ausgezeichnete Wolle, in die Oasen versetzt, +verlieren sie diese jedoch im zweiten Jahre; die +Ziegen sind ebenfalls klein und milcharm, von beiden +sind aber auch so grosse Heerden vorhanden, dass davon +exportirt werden kann, überdies kommt die Wolle auch +auf europäische Märkte. Das Kameel, ebenfalls durch +die ganze Regentschaft verbreitet, ist das aus Arabien +eingeführte einhöckrige. Andere Hausthiere und Geflügel +<a id="page-66"></a><span class="pgnum">66</span>sind dieselben wie in Europa. Von wilden Thieren +nennen wir die verschiedenen Antilopenarten, auch überall +verbreitet, Kaninchen, Hasen, Hyänen, Schakal, Füchse, +wilde Katzen, Lynxe, Ratten, Springratten, Stachelschweine +und wilde Schweine. Löwen und Panther kommen<i> nirgends</i> +in Tripolitanien vor. Unter den Vögeln heben +wir hervor: Adler, Falken, Fledermäuse, Eulen, Raben, +Stieglitze, Sperlinge, Nachtigallen, Canarienvögel, Schwalben, +Tauben verschiedener Art, Enten, Gänse, Schnepfen, +Rebhühner, Wachteln, Bachstelzen, Flamingos und vor allen +den Strauss. Schildkröten verschiedener Art findet man in +der Djefara, Eidechsen, Schlangen, oft wie die Hornviper, +sehr giftig, aber meist kleiner Art, Scorpione und Spinnen, +von welcher letzteren eine in der Wüste vorkommende +sehr grosse Art zu erwähnen ist, kommen überall vor. +Heuschrecken, welche oft zur Landplage werden, andererseits +als Nahrung dienen, sind von verschiedenen Arten +heimisch, Bienen sind im wilden Zustande, namentlich +in den bewaldeten Bergen, Libellen trifft man überall, +auch an den Quellen in den Oasen, Stechmücken, Fliegen +in unaussprechlicher Zahl, Pferdebremsen, kriechende +und hüpfende, den Menschen anhaftende Parasiten sind +sehr verbreitet. Zu bemerken ist übrigens, dass der +Floh die Region der Wüste, wo es nicht regnet, meidet. +In den Sümpfen und den meisten Quellen, selbst die der +Oasen nicht ausgenommen, findet sich der Blutigel. In +<a id="page-67"></a><span class="pgnum">67</span>Fesan ist noch im Behar el daud ein Wurm zu nennen, +den die Eingebornen essen.</p> + +<p>Was die Bewohner von Tripolitanien anbetrifft, deren +Gesammtzahl einigermassen genau zu bestimmen, äusserst +schwierig ist, so müssen wir vor allen drei Hauptvölker +unterscheiden: Araber, Berber und in Fesan Mischlinge. +Die Araber bewohnen die Städte, grossen Ebenen und +die Cyrenaica, die Berber finden wir im Djebel, Rhadames, +Sokna und Audjila und die Mischlinge, hervorgegangen +aus einer Kreuzung von Türken, Arabern, Berbern, +Tebu und anderen Negerstämmen, bewohnen das +Kaimmakamlik Fesan. Die wenigen Türken, welche in +Tripolitanien sind, kommen kaum in Betracht, zudem +sind die Truppen oft keine Türken, sondern häufig Araber +aus Syrien; oft Albanesen, Tscherkessen, je nachdem sie +aus der einen oder anderen Provinz kommen. Ganz +unstatthaft ist es aber, wie die meisten Schriftsteller +thun wollen, die Städtebewohner unter dem Namen +Mauren als ein besonderes Volk hinstellen zu wollen. +Der Name „Mauren oder Mohren“, kam für die Städtebewohner +des nördlichen Afrika's zuerst auf, nach der +spanischen Vertreibung, weil die Spanier gewohnt gewesen +waren, die Eindringlinge als aus Mauritanien +kommend, den Namen los Moros zu geben. Aber diese +nach Spanien übergewanderten Mauritanier waren Berber +und Araber, Städte- und Landbewohner, vor und nach +der Einwanderung und Vertreibung der Mohammedaner +<a id="page-68"></a><span class="pgnum">68</span>aus Spanien, gab es in Nordafrika wie in Arabien Stadt- +und Landbewohner, aber diese Stadtbewohner immer als +eine besondere Abart mit dem Namen Moros, Maures, +Mohren, den sie<i> selbst gar nicht kennen</i>, bezeichnen +zu wollen, ist ebenso lächerlich, als wolle man bei +uns z.B. sagen, die Einwohner von Berlin sind keine +Deutsche oder Preussen, sondern Brandenburger. Wir +müssen daher nochmal darauf aufmerksam machen, dass +nicht nur die Bewohner von Tripolis, sondern die aller +Küstenstädte bis Tanger an der Strasse von Gibraltar sich +selbst Araber nennen und zum grössten Theile sind; wenn +man aber darauf besteht sie Mohren nennen zu wollen, man +diesen Ausdruck mit demselben Rechte auf alle Bewohner, +welche das ehemalige Mauritanien bewohnen, ausdehnen +kann, einerlei, ob es Stadt- oder Landbewohner, Berber +oder Araber sind, denn Mohren oder Mauren als besonderes +Volk hat es nie gegeben. Als eigenes Volk müssen +wir noch die Juden, wenn auch nahe verwandt mit den +Arabern, hervorheben, man trifft sie mit Ausnahme der +Oasen, überall in den Städten und selbst im Djebel giebt +es Judenniederlassungen. Ebenso falsch ist es unter +„Beduinen“ ein<i> besonderes</i> Volk annehmen zu wollen. +Der Name Beduine von Bedui hergeleitet, hat nur das +Wandernde in sich, will aber keineswegs bedeuten, ob +dies nur ein wanderndes Berber- oder Araber-Volk sei. +Im Rharb oder im Westen von Afrika kennt man überdies +diesen Ausdruck gar nicht. Ausserdem giebt es +<a id="page-69"></a><span class="pgnum">69</span>Schwarze aus dem ganzen Innern von Afrika, nirgends +aber haben sie sich zu einer besonderen Gemeinde zusammen +gethan, wenn man nicht die kleinen Hüttendörfer +nennen will, welche man unter den Mauern von Tripolis +und Bengasi findet und die meistens von Negern bewohnt +sind; es ist dies aber meistens der Auswurf von weggelaufenen +Sklaven und Sklavinnen und auch weisse Vagabonden +finden sich unter ihnen.</p> + +<p>Wir werden nicht zu tief greifen, wenn wir die Gesammtbevölkerung +von Tripolitanien auf 1 Million Menschen +anschlagen.<a href="#FN-7" id="FNA-7"><sup>7</sup></a> Della Cella schätzte sie auf 650,000 +Seelen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zunahme der +Bevölkerung in den mohammedanischen Staaten überhaupt +nicht in dem wachsenden Maasse vor sich geht wie +in den christlichen Staaten, andererseits Pest und Krieg +in Anbetracht zieht, welche zehn Jahre das Land verwüstet +haben, so wird man finden, dass die Zahl nicht +zu niedrig ist.</p> + +<p>Die Bewohner Tripolitaniens sind sesshaft und umherziehend. +Diese, welche entweder in grösseren Städten, die +sämmtlich an den Küsten gelegen sind, wohnen, oder in +kleineren Orten, in von Stein und Thon erbauten Häusern, +oder aber wie im Djebel, in unterirdischen Höhlen, +oder wie in manchen Oasen in aus Palmenzweigen gebauten +Hütten, leben von Handel, Industrie, Manufactur, +<a id="page-70"></a><span class="pgnum">70</span>Gartenbau und dem Acker. Die Nomaden, sämmtlich +aus Arabern bestehend, wohnen in Zelten entweder einzeln +oder zu einem Fareg oder Duar, d.h. Zeltdorfe +vereinigt. Die Zelte bestehen meistens aus einem Gewebe +von Ziegenhaar oft mit Kameelhaar untermischt und je +nach dem Stamme sind sie verschieden geformt und +haben sie verschiedene Abzeichen und Farben im Gewebe. +Die Nomaden leben hauptsächlich von Viehzucht, treiben +aber auch Ackerbau. Der Kreis ihrer Züge ist überhaupt +ein beschränkter, nicht jeder Stamm kann mit +seinen Heerden hingehen, wohin er will, von Alters her +haben sie nach Uebereinkommen ihre bestimmten Grenzen +unter sich, welche nicht übertreten werden. Aber +eben da dies Alles nur auf Uebereinkommen und Herkommen +beruht, brechen darüber oft Streitigkeiten aus, +welche zu Krieg zwischen den Triben anwachsen. Obschon +die Polygamie erlaubt ist, so sind doch fast alle +Tripolitaner, selbst die Städtebewohner Monogamen. Das +was man über die Stellung der Frauen bei den Arabern +und Berbern im Allgemeinen gesagt hat, ist auch hier +in Tripolitanien ebenso falsch und beruht auf oberflächlicher +Beobachtung der Sitten. Die Frau hat allerdings +nicht die hohe und berechtigte Stellung, welche sie in +der christlichen Welt einnimmt, welche Stellung zum +Theil durch den Mariencultus der katholischen und griechischen +Kirche hergekommen, zum Theil in den Anschauungen +unserer eigenen heidnischen Vorführen begründet +<a id="page-71"></a><span class="pgnum">71</span>ist, indess ist sie doch keineswegs so unterdrückt, +wie man nach den Beschreibungen der meisten +Reisenden vermuthen sollte. Dass die Frau das Mehl +reibt oder mahlt, dass sie Brod bäckt, dass sie die +Basina und den Kuskussu zubereitet, endlich das nöthige +Wasser für die Familie herbeiholt, wenn oft auf grosse +Entfernungen, finde ich ganz natürlich; was aber die +schwere Arbeit anbetrifft, der Ackerbau, die Ernte, die +Viehzucht, so sehen wir damit ausschliesslich die Männer +beschäftigt. Ebenso ist es in den Städten, die Maurerarbeiten, +Tischler, Schlosser, Schmiede und überhaupt +alle Handwerke werden von den Männern wie bei uns +betrieben, während der Frau die häuslichen Arbeiten zufallen. +Nur als besonders muss ich hervorheben, dass +die Töpferarbeit in Fesan eine Frauenbeschäftigung ist. +Dass aber im Allgemeinen die Frau bei den ansässigen, +wie nomadisirenden Tripolitanern ebenso das Regiment +führt wie bei uns, wird Jedem, der Gelegenheit gehabt +hat, in mohammedanischen Familien eingeführt gewesen +zu sein, bekannt sein.</p> + +<p>Von Natur sind die Tripolitaner, sowohl Berber als +Araber, kriegerisch und stehen in dieser Beziehung keineswegs +hinter den Algerinern, den tapfersten von allen +an der Nordküste von Afrika zurück. Die eiserne Hand +der Türken hat sie aber zahm gemacht, so dass jetzt +vollkommene Ruhe und Sicherheit im Lande ist, nur in +der sogenannten grossen Syrtewüste und in dem Hochlande +<a id="page-72"></a><span class="pgnum">72</span>von Cyrenaica, wo die Herrschaft der Türken noch +nicht so sicher etablirt ist, würde es für einen einzelnen +Wanderer gefahrlich sein. In früheren Zeiten bedeutend +fanatischer, wie man aus dem Reiseberichte von Lyons +und später dem von Beechey, ersehen kann, hat auch in +dieser Beziehung die Herrschaft der Türken, welche ja die +duldsamsten von allen Mohammedanern sind, eine grosse +Veränderung hervorgerufen. Die Tripolitaner sind heutzutage, +die Rhadamser und Barkenser vielleicht ausgenommen, +die duldsamsten Leute geworden. Namentlich in den +Städten und dies gilt besonders von Tripolis, sind die alten +Vorurtheile gegen Christen und Juden geschwunden. Die +Mohammedaner huldigen in ganz Tripolitanien dem malekitischen +Ritus, welcher auch offenbar für Nomadenvölker +der bequemste ist. Malek gewährt den Leuten, +welche nach seiner Weise beten, manche kleine Begünstigungen, +so z.B. brauchen die Reisenden beim +Gebet die Sandalen nicht abzubinden (Schuhe müssen +jedoch ausgezogen werden) und da dies immer ein umständliches +Zeit raubendes Geschäft ist, so sind ihm die +Wüstensöhne dafür sehr dankbar. Dass übrigens von +malekitischen oder hanbalitischen etc. Moscheen in Tripolitanien +so wenig die Rede ist, wie anderwärts, brauche +ich wohl kaum zu sagen. Hanbalitische—, Moscheen +als Solche giebt es nicht. Alle vier rechten Religionssecten +können in einer und derselben Moschee beten, +ohne Unterscheidung und Unterbrechung hervorzurufen. +<a id="page-73"></a><span class="pgnum">73</span>So beruht beim Beten der einzige Unterschied zwischen +dem Hanefi und Maleki beispielsweise darin, dass erstere +die Arme kreuzen, letztere, nachdem Allahou akbar gerufen, +herabhängen lassen. So kommt es denn oft genug +vor, dass der Vorbeter Hanefisch betet und alle Nachbeter +Malekitisch das Gebet vollziehen und umgekehrt. +Nur die Chomis oder nicht den vier rechtgläubigen Secten +angehörenden Mohammedaner werden in keiner Moschee +geduldet. An religiösen Gemeinschaften giebt es in Tripolitanien +hauptsächlich drei, die Anhänger Mulei Thaib's, +die Mádani oder Anhänger Mohammed el Mádani und +die Anhänger Snussi's.</p> + +<p>Mulei Thaib, welcher sein Grab in Uezan in Marokko +hat, wo er auch lebte und wirkte, hat die über +ganz Afrika weitverbreitetste Brüderschaft gegründet. +Aus dem Hause der Schürfa und directer Abkömmling +von Mulei Edris, dem Gründer von Fes, stiftete ein +anderer seiner Ahnen Mulei Abd Allah Scherif die berühmte +Sauya von Uezan und zugleich auch einen Orden, +der heute noch sehr zahlreich und berühmt in Marokko +ist. Mulei Thaib, Abkömmling des Mulei Abd Allah Scherif, +nicht zufrieden mit der localen Ausdehnung, erneuerte den +Orden und gab ihm die grosse Ausdehnung, die er jetzt +noch hat. In Marokko und Algerien sind die Klöster +und Mkaddem<a href="#FN-8" id="FNA-8"><sup>8</sup></a> Mulei Thaib's unzählig, in Tripolitanien +<a id="page-74"></a><span class="pgnum">74</span>gehören nur die Rhadamser der Confraterschaft +Thaib's an, weiter nach Osten hat er nur noch einzelne +Mitglieder<a href="#FN-9" id="FNA-9"><sup>9</sup></a>.</p> + +<p>Die Anhänger von Mohammed el Mádani sind wenig +zahlreich; in diesem Orden sind fast nur gebildete Leute. +Die Mitglieder dieser Innung sind ausschliesslich in Tripolitanien +und einigen Ortschaften in Aegypten und Tunis. +Ihr Gründer war ein Wahabite aus Arabien Namens Sidi +el Arbi, flüchtig von seinem Vaterlande, zog er nach +Fes und wollte eben seine neue Lehre dort begründen +als er starb; einer seiner Jünger Mohammed el Mádani +(d.h. der aus Medina gebürtige) setzte sein Werk fort +und stiftete den Orden der Mádani. Aber auch in Fes +wurde dieser freisinnige Orden nicht geduldet, ebenso +wenig in Algerien, wo er sich im Jahre 1829 befand; +gleichfalls von Tunis vertrieben, liess er sich in Mesurata +in Tripolitanien nieder und konnte hier ungestört lehren +und für die Ausbreitung seiner religiösen Innung sorgen. +Von der eigentlichen Lehre der Wahabiten gänzlich abweichend, +glauben sie an ein göttliches Wesen und an +einen Rapport des Menschen mit Gott mittelst des Gebetes +und einer sinnigen Betrachtung, die Einheit Gottes, +die Unsterblichkeit der Seele, Strafe und Belohnung im +zukünftigen Leben, ist die Basis ihrer Lehre und da dies +<a id="page-75"></a><span class="pgnum">75</span>zugleich die Grundlagen der drei semitischen Religionen +sind, so schliessen sie die Christen und Juden als befähigt +in's Paradies zu kommen, nicht aus. Ohne Fanatismus +predigen sie die Brüderlichkeit und Toleranz und +obgleich auch sie auf Formen und Cultus halten, ist dies +bei ihnen Nebensache und nicht unbedingt nothwendig, +um eine Vereinigung mit Gott im jenseitigen Leben zu +erzielen.</p> + +<p>Ganz das Gegentheil dieser vielleicht tolerantesten<a href="#FN-10" id="FNA-10"><sup>10</sup></a> +von allen Mohammedanern wurde im Anfange der vierziger +Jahre die Brüderschaft der Snussi gegründet. Si +Mohammed Snussi in Tlemçen geboren, verliess vom glühendsten +Hasse gegen die Franzosen und Christen sein +Geburtsland und begab sich nach Fes, um dort auf der +Hochschule von Karuin die Kenntnisse zu erwerben, +welche er für nothwendig hielt einen Orden zu gründen, +welcher hauptsächlich die immer mehr um sich greifenden +Ideen und Gebräuche der Christen unter den Mohammedanern +bekämpfen sollte. Nach einigen Jahren Aufenthaltes +in Fesan und da er sah, dass dort die Gründung eines neuen +Ordens, den anderen dort schon existirenden gegenüber +keine Aussicht auf Erfolg haben würde, besonders da Si +Mohammed kein Scherif, sondern bloss ein Thaleb war, +<a id="page-76"></a><span class="pgnum">76</span>ging er nach Mekka, um seinen Ruf der Heiligkeit zu +vermehren. Er schlug den Landweg ein durch die Wüste +und berührte hiebei Barca und die Uah-Oasen. Frappirt +von der Religionslosigkeit der dortigen Eingebornen, die +blos dem Namen nach Mohammedaner waren, ersah er +sogleich, dass hier die Gegend sei, wo er die Stiftung +seines Ordens vornehmen müsse. Seinen Vorsatz nach +Mekka führte er aus und ging dann nach Constantinopel, +um sich einen Firman zu erwirken, damit die Localbehörden +seinem Unternehmen keine Schwierigkeiten in +den Weg legten. Nachdem er diesen erlangt hatte, +kehrte er zurück und legte in Sarabub, dem westlichsten +Theile der Jupiter-Ammonsoase eine Sauya an. Obgleich +er nie den Zweck aus dem Auge verlor, die christlichen +Ideen zu bekämpfen, war sein Hauptaugenmerk darauf +gerichtet Filialsauya zu errichten, der Kreis seiner Anhänger +vermehrte sich, Barca ist ganz dem Snussi unterworfen, +ebenso Audjila und Djalo, in Kufra wurde ein +neuer Ort gegründet und in Uadai, wohin sein Sohn +selbst eine Reise machte, der Orden der Snussi als allein +berechtigt, eingeführt, Kauar und Fesan halten ebenfalls +zu den Gebräuchen der Snussi, aber im eigentlichen Tripolitanien +wurde sein Orden nicht ausgebreitet, eine in +Rhadames gestiftete Sauya musste 1864 wieder eingehen. +Sein Sohn Sidi el Mabdi, welcher ihm 1860 nachfolgte, +scheint nicht den Hass gegen die Christen zu haben, +wie sein Vater, seine Hauptsorge scheint im Sammeln +<a id="page-77"></a><span class="pgnum">77</span>von Reichthümern zu bestehen, was natürlich bei allen +Orden immer die Hauptsache ist.</p> + +<p>Das Klima in Tripolitanien ist natürlich sehr verschieden: +An der Küste hat dasselbe grosse Aehnlichkeit +mit dem von Unterägypten und dürfte es an der grossen +Syrtenküste noch heisser sein, auf den bewaldeten Bergen +ist das Klima Süditaliens, jedoch ist bei Gebliwinde +die Hitze viel intensiver. Im Winter ist es übrigens +häufig, dass Frost und Reif auftreten. Die grössten Gegensätze +finden sich wie überall in der Wüste in den +tripolitanischen Oasen, im Sommer steigt das Thermometer +bis über 45°, im Winter fällt es häufig unter +Null. Ja an einzelnen Tagen beträgt der Unterschied +oft 30°, so hat man in Fesan -4° Nachts beobachtet +mit einer nachmittägigen Hitze von +24°. Im Winter +ist an der Küste die Feuchtigkeit ebenso gross wie in +Norddeutschland und auf den Bergen oft noch grösser, +namentlich in Cyrenaica. In den Oasen ist selbstverständlich +die Trockenheit der Sahara und selbst grosse +Strecken feuchten Bodens wie in Fesan haben dem +grossen Ganzen gegenüber keinen Einfluss. Während +im Winter die Barometerschwankungen an der Küste +stark und unregelmässig sind, bleiben sie im Innern, +sowohl Winter wie Sommer unbedeutend und regelmässig. +Ebenso ist es mit den Winden: im Winter, obschon +dann Nordwestwind vorherrschend ist, durchlaufen die +Winde oft in einem Tage die Rose, im Sommer sind +<a id="page-78"></a><span class="pgnum">78</span>sie aber ganz gleichmässig, fast immer von 10 Uhr Morgens +an, von Norden kommend und manchmal nur durch +die meistens aus Südsüdost kommenden glühend heissen +Gebli- oder Samumwinde unterbrochen. Im Allgemeinen +kann man sagen, dass in Tripolitanien ein sehr gesundes +Klima ist, am zuträglichsten ist jedenfalls die köstliche +Luft Cyrenaica's und des Djebel, aber auch an den +Küsten in Bengasi, Tripolis und den anderen Orten weiss +man von Epidemien und Endemien nichts. So ist z.B. +bis jetzt<i> nie</i> die Cholera in Tripolitanien gewesen und +wenn in früheren Jahren die Pest aufgetreten ist, so +rührt das jedenfalls durch Einschleppung und mangelhafte +sanitätliche Polizeieinrichtung her. Neuangekommene +Europäer haben in den Städten oft Leberleiden, +meist aber aklimatisiren sie sich rasch. Entschieden +ungesund ist das Klima in einigen Theilen von Fesan, +wo die Sebcha oder Salzsümpfe in Verbindung mit +faulenden organischen Substanzen im Sommer die +bösesten intermittirenden Fieber hervorrufen.</p> + +<p>Tripolitanien, welches unter der türkischen Regierung +ein Eyalet oder eine Provinz ist, hat 7 verschiedene +Liva oder Nayet, welche unseren Kreisen oder Districten +entsprechen. Die Zahl und Grösse derselben wechselt +aber häufig nach der Laune des Muschir oder Grossgouverneurs. +In den ersten Jahren wurden die Liva +sogar vom Muschir besetzt, heute werden die Districtsgouverneure +jedoch von Constantinopel aus angestellt, +<a id="page-79"></a><span class="pgnum">79</span>in der Verwaltung jedoch sind sie dem Muschir +Tripolitanten verantwortlich.</p> + +<p>Die verschiedenen Liva sind: 1. Tripolis selbst mit +Umgebung (Mschiah. Tadjura etc.), 2. Choms, welches +die westliche Syrtenküste begreift und die Gebirgslandschaft +von Tarhona, 3. Sauya, die Landschaft westlich +von Tripolis bis nach Tunisien, 4. Djebel, welches +das ganze Gebirge südlich von Tripolis und Misda begreift, +5. Rhadames mit einigen kleinen Oasen in der +Nähe, 6. Fesan und 7. Barca, welches das ganze alte +Cyrenaica und die Audjila-Oasen begreift. Dem Liva +steht ein Kaiumakam vor, der meist auch den Titel +Pascha hat, und die Liva sind wieder in verschiedene +Mudiriate abgetheilt, denen ein Mudir vorsteht.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Tripolis.</h2> + + +<p>Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel +längerer werden, als ich Anfangs vermuthete; bei meiner +Ankunft theilte mir Herr Rossi mit, dass Mohammed +Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's +bestimmt war von der Küste nach dem Innern die Geschenke +zu übermitteln, in Fesan nicht aufzufinden gewesen +wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich +erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu +Meheri in Tripolis eingeritten kam, so hatte ich doch +<a id="page-80"></a><span class="pgnum">80</span>gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane zu +sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan, +der sich dort zu der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich +später geschrieben, dass Dr. Nachtigal aus Cöln, +welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre, +die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu +nun auch die Erlaubniss von Berlin aus nöthig war, +fragte ich telegraphisch an und erhielt zur Sendung +Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser +nun auch rasch genug eintraf von Tunis, so war seine +Ausrüstung doch nicht sobald gemacht, er musste wieder +nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall +Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane +wirklich abgegangen, musste ich mich in Geduld fügen; +jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal die Stadt recht +gründlich kennen zu lernen.</p> + +<p>Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli +(Beehey schreibt Tripoly), wir Deutschen aber richtiger +nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis schreiben, weil +gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen, +überdies die heutigen Bewohner es auch mit einem s +schreiben (<span class="arab"><img class="specialfont" src="images/trablis.png" alt="[arabisch: Trablis]"/></span> Trablis) ist nach dem Urtheile der +besten alten Geographen, und der meisten neueren +Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies +unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten +die Araber eine neue Stadt auf den Trümmern, der sie +den Namen des ganzen Districtes gaben. Es ist kein +<a id="page-81"></a><span class="pgnum">81</span>Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren +Namen vor der barbarischen Invasion geändert hatten. +Wir haben aber viele Beispiele, wo die Araber ganze +Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft Stambul +die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch +dass Oea von den Alten nie als Hafen angeführt worden +ist, ist kein stichhaltiger Grund, es kann vielleicht zu +der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei +Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort +nach Osten hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen, +dass meist dies das Ufer war.</p> + +<p>Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt, +als der allerdings schöne vom Scipio Defritus (nach +Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den Tagen von +Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius +Aurelius Verus errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen +allein zeugt schon, dass hier eine Stadt gestanden +haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien +gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist +von sehr sorgfältiger Arbeit aus riesigen Marmorquadern +aufgeführt, aber über ein Drittel ist unter Anhäufung +von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man +grosse männliche und weibliche Figuren, welche allegorische +Scenen darstellen oder geschichtliche Ereignisse +repräsentiren. Die nach Norden zu angebrachte Inschrift +ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze umbaut +und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar +<a id="page-82"></a><span class="pgnum">82</span>eine von einem Malteser gehaltene Schnapskneipe darin. +Diese ist nun zwar entfernt, aber nicht etwa aus Pietät +für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil +ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken +nur in einer gewissen Entfernung von einer +Moschee angelegt werden dürfen und da hat man denn +ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre +lang nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma +des Hadj Ali Gordji näher der Kneipe stände, als erlaubt +sei und einfach wurde der Befehl zum Schliessen +gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die +Tholba der Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten +und da der Inhaber der Schenke ohne sich selbst +Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen wollte, +so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen +Grund, die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu +schaffen. Tout comme chez nous, dachte ich, als der +frühere Besitzer mir dies erzählte.</p> + +<p>Andere Alterthümer darf man höchstens noch in +den Djemmen suchen, auch sieht man an vielen Strassenecken +eingemauerte Säulen oft mit corinthischen Capitälern, +um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren. +Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine +Art von Altarstein mit einem Sperberbilde im nördlichen +Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis dem blossen Auge +bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der +frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines +<a id="page-83"></a><span class="pgnum">83</span>Hauses in der Mschia dort einige kostbare Glasurnen +fand, die jetzt auf dem britischen Museum in London +sind.</p> + +<p>Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült, +im Norden und Osten. Fast fünfeckig werden die anderen +drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben, nach +der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch +und steil, obschon heute so baufällig, dass man sie mit +Flintenkugeln zusammenschiessen könnte. Früher hatte +die Stadt zwei starke Forts, am nordöstlichen Eck das +sogenannte spanische, welches im Jahre 1863 explodirte +und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon +seit Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut +worden ist. Zwei detachirte Forts, von denen das eine +im Norden der Stadt auf einem Felseilande gelegen unter +dem Namen des französischen, das andere östlich am +Strande der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens +beherrschend und das englische genannt wird, sind vollkommene +Ruinen. Aus dieser Beschreibung wird man +ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch +recht stattlich und stark aussieht, nichts weniger als +stark ist. Früher nur mit zwei Thoren versehen, von +denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai öffnete, +das andere im Süden nach der Mschia hinausführte, +hat man jetzt neben dem Südthor noch ein anderes und +auch durch den Westwall ein viertes Thor durchgebrochen. +Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom +<a id="page-84"></a><span class="pgnum">84</span>spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der +Küste parallel lautenden Riffe, der Stadt und der Küste +gebildet, so dass nur die Seite nach Osten offen bleibt. Mit +geringer Mühe könnte er zu einem der geräumigsten und +sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint +auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich +etwas dafür gethan werden soll. Man kann nicht läugnen, +dass nach der jetzt erfolgten Durchstechung des +Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis +und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen. +Augenblicklich ist der Hafen nur für kleinere Schiffe +zugänglich, Schiffe von mehr als 10 Fuss Tiefgang +müssen auf der Rhede ankern.</p> + +<p>Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von +denen das nordwestlichere mehr von den Juden, das +östliche also am Hafen gelegene, von den Christen bewohnt +wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha, +hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander +mit Christen und Mohammedanern wohnen. +Die Strassen in Tripolis sind breit und reinlich (natürlich +immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen +Städten) und einige hat man in letzter Zeit +sogar angefangen zu pflastern und mit Laternen zu versehen. +Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens dieses +Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich +zu denen in Tunis, Blaquière geht sogar so weit +zu behaupten, die Stadt könne, was Bauart der Häuser +<a id="page-85"></a><span class="pgnum">85</span>und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen +europäischen Städten, am mittelländischen Meere als +Muster dienen. Die Häuser der Mohammedaner haben +meistens ein Stockwerk, sind von aussen reinlich geweist +und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte +ist in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener +Gang mit doppelten Thüren von der Strasse aus +führt, so dass ein Fremder, wenn auch die Thüren offen +stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen +kann. In diesem Gange sind immer steinerne Bänke +angebracht, wo der Hausherr geschäftlichen Besuch +empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses +sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte +Fenster nach der Strasse. Die Zimmer öffnen +sich alle auf den Hof durch hohe maurisch gewölbte +Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen +Zimmer öffnen sich auf eine Gallerie, welche inwendig +im Hofe herunterläuft und dem unteren Hofe zugleich +Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben +wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen +Kaufleute und Beamten sind vollkommen europäisch +möblirt. Die Häuser der reichen Juden unterscheiden +sich in Nichts von denen der Europäer und die der +ärmeren Juden in Nichts von denen der Mohammadaner, +nur dass sie noch schmutziger sind. In jedem Hause, +auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das süsse +Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für +<a id="page-86"></a><span class="pgnum">86</span>den Consum des Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da +für Waschungen, oft auch zum Kochen benutzt, in jedem +Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches Wasser +hat.</p> + +<p>An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss +des Paschas, ein unregelmässiges Gebäude ohne jede +Schönheit in der Architectur, eine Kaserne und Harem, +sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden. +Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine +durch Schönheit aus, auch nicht die neue von Hadj Ali +Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle aber sind +im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt, +von denen namentlich die am Ssuk el turk +befindliche herrliche Monolithen aus Porphyr hat. Die +christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine katholische +und eine griechische. Mit der katholischen ist ein +Kloster verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins +der ältesten Klöster, die koptischen in Aegypten ausgenommen, +in Afrika und seine Entstehung datirt von der +Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche +haben eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung, +ein Theil von ihnen versieht den Gottesdienst +und andere sind Handwerker. Der Vorsteher des Klosters, +der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und +Gewalt. Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf +eine Subvention von 20,000 Francs pro Jahr und Sporteln, +welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit dem +<a id="page-87"></a><span class="pgnum">87</span>Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den +Schwestern von St. Joseph geleitet wird. Im Hospitale +werden Kranke jeden Glaubens aufgenommen. Die Türken +haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb der +Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke +aufnehmen kann und unter Umständen auch Civilpersonen +geöffnet ist. Für europäische Fremde ist ein Gasthaus +vorhanden, welches indess selbst für die, welche mit bescheidenen +Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen +übrig lässt. Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks +sorgen für das zeitweilige Unterkommen der Mohammedaner. +Es giebt keine eigentliche Bazars in Tripolis, +doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf +dem Stuk el turk, hauptsächlich für Taback, Opium, +Kaffee und feinere Sachen gesorgt, in anderen Strassen, +wie el Kessariah, werden hauptsächlich einheimische Stoffe +und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der Schreiner, +Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen +Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische +Kaufläden, wo Alles zu haben ist. Drei Pharmacien +sorgen für die Bedürfnisse des kranken Publikums, zwei +öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche +Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt +zu werden. Ordnung und Sicherheit in der Stadt +wird durch Polizisten aufrecht erhalten, obschon man +sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts, +wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist +<a id="page-88"></a><span class="pgnum">88</span>eine Hauptwache, Douanenwache und Schlosswache vorhanden, +und alle Thore immer mit Doppelposten versehen. +Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich +el bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht, +ist sein Posten doch einer der einträglichsten. Der +jetzige Schich el bled ein gewisser Ali Gergeni soll, da +er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten +gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle +europäischen Nationen mit Ausnahme der deutschen +sind durch Consulate vertreten, von diesen haben die +Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener Generalconsulate. +Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so +mögen gegen 18,000 Seelen in Tripolis<a href="#FN-11" id="FNA-11"><sup>11</sup></a> sein, von denen +3000 Christen und 4000 Juden sind. Die Christen sind +der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und Griechen, +alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien +vertreten.</p> + +<p>Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich +vom Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu +Jahr aus, obschon die Türken nichts thun ihn zu heben. +Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen einen +Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von +diesen sind fast dreiviertel unter otomanischer Flagge +<a id="page-89"></a><span class="pgnum">89</span>fahrend, und die übrigen gehören ihrer Wichtigkeit nach +der italienischen, englischen, Jerusalemer<a href="#FN-12" id="FNA-12"><sup>12</sup></a>, französischen, +griechischen und österreichischen Flagge an. Da die +Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als +(z.B. ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt +von ca. 30,000 Tonnen. 400 Schiffe würden +also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern +ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen +gerechnet, gleichkommen. 400 Schiffe importiren und +exportiren durchschnittlich für 5,250,000 Fr. an Werth, +die Importation übertrifft aber in der Regel die Exportation.</p> + +<p>Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind: +Korn, Oel, Früchte (Datteln, Orangen und Citronen), +rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte Felle, Butter, +Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven, +etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron, +Schwämme und Manufacturwaaren: als Matten, Körbe, +Teppiche. Wenn wir annehmen, dass diese einen Gesammtwerth +von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde +das Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen, +<a id="page-90"></a><span class="pgnum">90</span>dann Oel, Elfenbein, Sklaven, Goldstaub, Wolle und +Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein. An importirten +Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und +Mahmudi von England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe, +Kram- und Esswaaren, Kaffee, Zucker, Färbestoffe, Wein +und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz, Metalle, +Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren, +Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber +(in Form von 5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler), +Uhren, Möbeln und andere Manufacturgegenstände. Von +diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und Seidenstoffe +die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und +Esswaaren, Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein.</p> + +<p>Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen +am Mittelmeere in folgendem Verhältnisse: Malta 8/16, +die Levante und Alexandrien 3/16, Livorno und Italien 2/16, +Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16.</p> + +<p>Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt +wird, sind zwei grosse Märkte wöchentlich vor den +Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore und Freitags +vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen +dann hier zusammen aus der ganzen Regentschaft, und +diese Tage bieten gewiss eins der bedeutendsten und interessantesten +Bilder afrikanischen Lebens, das man sich nur +denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich +verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate, +so dass jeder Europäer Kenntniss davon hat. +<a id="page-91"></a><span class="pgnum">91</span>Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin mit +120 Thaler, eine Fullo mit 150–160 Thaler und eine +Tscherkessin mit 300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche +sind zu dem Preise von 70–90 Thaler zu +haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr +von 2708 Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend, +für das Jahr 1850, während Testa für dasselbe +Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem Gesammtwerthe +von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf +200 Fr., was jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein +junger Bursche in Mursuk oft schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler +bezahlt wird). Es scheint aber als +ob jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen +Generalconsulate sollen ergriffen werden.</p> + +<p>Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali +Riza Pascha ein Algeriner, ist im Ganzen ein Mann +von Bildung, aber obschon er recht gut französisch +spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist, +so hat er doch lange nicht das Humane, und ein so +gutes Administrationstalent wie sein Vorgänger Mahmud +Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von +Tripolis Kaputan Pascha oder Marineminister geworden, +welchen Platz er auch noch heute im türkischen Reiche +ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich erzogen +worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass +verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt +war. Später als er einsah, dass er nicht gegen +<a id="page-92"></a><span class="pgnum">92</span>den Strom schwimmen konnte, schickte er durch Vermittlung +der französischen Botschaft in Constantinopel +seinen Sohn auf die Artillerieschule nach Frankreich, wo +Ali Riza Pascha sich das Officierspatent erwarb und +dann gleich darauf in türkische Dienste trat. Da er +seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm +hier Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte +er schon den Rang eines Mareschals. Sein Charakter +ist seltsam gemischt, so theilte er z.B. Morgens Almosen +aus an fanatische Druische, welche Spottlieder +auf die Christen und christliche Religion sangen, und +ging Abends auf einen Ball oder in eine Gesellschaft, +die irgend ein europäischer Consul gab. Er versuchte +einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber +seine Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen +kleinen Thurm mit einer Uhr bauen lassen, und eine +Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die Araber +sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als +Abzeichen einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen +Mohammedanern) errichten lassen, verbot er jedem bei +Gefängnissstrafe das Wort „Glocke“ zu gebrauchen, und +in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren +immer einige Individuen im Gefängniss, welche sich des +Wortes Glocke<a href="#FN-13" id="FNA-13"><sup>13</sup></a> unvorsichtigerweise bedient hatten.</p> + +<p><a id="page-93"></a><span class="pgnum">93</span>Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der +Schich el bled Ali Gergeni, aber beide hüteten sich +wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu lassen. +Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels +wohl mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen +Thür ein Gitter hatte, von wo aus sie alles sehen konnten, +ohne bemerkt zu werden. Sobald ein europäischer +Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu +fehlen.</p> + +<p>Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch +von Cyrenaica. Wenn schon die Alten +unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca. 640 +Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen +Bomba, unter Battus niederliessen, so war Ali Riza +Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er ging Anfangs +1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition +gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial, +Lebensmitteln etc. beladen waren, nach Bengasi und +von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren +zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose +Leute aus Tunesien, welche die Hungersnoth nach Tripolitanien +getrieben hatte, und dann Leute aus Sauya, +Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten. +Für den Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha +dadurch zu sorgen, dass er jedem Familienvater einige +Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit, eine +pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich, +<a id="page-94"></a><span class="pgnum">94</span>also einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler), +Getreide um eine Aussaat zu machen, dann von der +Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische +Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln +begleiteten ihn.</p> + +<p>Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner, +den Nomadenhang der Araber, ihren unabhängigen +Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die Frage, +ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird. +Die Hauptsache aber, woran das ganze Unternehmen +scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl der Oerter, wo +Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die +Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk +die einzigen guten, natürlichen Häfen an der ganzen +Küste zwischen Alexandrien und Goletta sind, wo +Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und +immer im Winter bei schlechtem Wetter war dies auch +die einzige Zufluchtsstätte für dort in der Gegend auf +hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali Riza +Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später +übersehen zu haben, dass bei Bomba und Tabruk gar +kein fruchtbares Hinterland ist, sondern gleich Wüste, +die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar keine +Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst +nur Viehzucht zu treiben. Und einen Ort an<i> dieser</i> +Küste, mit<i> solchen</i> Menschen, unter<i> solchen</i> Verhältnissen +emporblühen zu sehen, erscheint mehr als +<a id="page-95"></a><span class="pgnum">95</span>zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier +nicht möglich war, zwang die Griechen diesen Ort zu +verlassen, um dann in der Nähe am Apolloquell die +berühmte Cyrene zu gründen.</p> + +<p>Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft +die Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so +liegen uns aus Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon +Streitigkeiten mit den dort nomadisirenden Arabern ausgebrochen +seien, hauptsächlich des Süsswassers wegen, +das auch nur spärlich vorhanden ist.</p> + +<p>Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter +recht rege, obschon es sehr durch die Rivalitäten +der verschiedenen Consulate gestört wird, im Winter +1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den +Aufenthalt von Alexandrine Tinne und später des Baron +von Maltzan. Alexandrine Tinne, die kühne holländische +Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis +eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und +bereitete sich vor, ins Innere zu gehen. Wie immer +auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie sich endlich +doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, +hatte aber auch schon damals die Absicht, nach Rhat +zu gehen, um die dort hausenden Tuareg zu besuchen. +Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken abzubringen, +sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, +einer der Chefs der Tuareg, vor Jahren mit Colonel +Mircher eine Art von Vertrag gemacht hätte, sie vollkommen +<a id="page-96"></a><span class="pgnum">96</span>sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden +reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene +grossen französischen aus Eisen gemachten Wasserkisten +nicht mitzunehmen, welche allerdings für die +französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein +mögen, aber für einen einzelnen Reisenden die grösste +Gefahr herbeiziehen, weil sie eben die Raubsucht der +wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu +bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, +statt jener Algeriner und Tuniser, auf deren Treue sie +gar nicht bauen konnte, und welchen sich merkwürdigerweise +eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt +hatte. Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, +oder glaubte die Gefahren in den Gegenden, die sie vor +hatte zu bereisen, geringer als sie in der That sind. +Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, +Juden und Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit +ihres dortigen Aufenthaltes eine Freundin geworden, +sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und +mit kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie +Tripolis nie wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine +mit denen ihrer einzigen beiden treuen Diener im +weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei +Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. +Friede sei ihrer aller Asche.</p> + +<hr/> + + + + +<h2><a id="page-97"></a><span class="pgnum">97</span>Leptis magna.</h2> + + +<p>Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen +Dampfer, welche das ferne Alexandria und das +noch weitere Constantinopel täglich mit Triest und +Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei +hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer +zu nennen, der Messagerie Imperiale, dem österreichischen +Lloyd und der Peninsular and Oriental Company, +kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea—und +warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der +ganzen Nordküste von Afrika keine einzige Stadt, welche +auch nur im allerentferntesten einen Vergleich mit den +blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa +eingehen könnte.</p> + +<p>Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird +durch das kleine Dampfschiff Trabulos Garb, welches +dann und wann nach Malta fährt, unterhalten. Es ist +aber so schwach, dass es das geringste Unwetter scheuen +muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder +des Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den +Launen dieses Mannes ab, das Boot gehen zu lassen, +oder nicht.</p> + +<p>Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt, +da der Dampfer des schlechten Wetters wegen nicht +auslaufen konnte; um aber dennoch wieder Abwechslung +und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen, +<a id="page-98"></a><span class="pgnum">98</span>beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort, +welcher namhafte Sehenswürdigkeiten bietet auf der +langen Strecke von Tripolis nach Bengasi.</p> + +<p>Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir +auf. Ich hatte alle Kameele des Königs zur Verfügung, +sowie die Leute, welche mit der Karawane nach Bornu +abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed +Gatroni, der auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen +war und der einen weissen Meheri ritt, welchen +ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk gemacht +hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum +Barths, der Timbuktu gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale +durchzogen hatte, war hieher gekommen, um die +Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu +begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth +war er eine Zeitlang mit Hrn. v. Beurmann gereist, und +hatte schliesslich mich durch die grosse Wüste bis +Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im +Sommer 1867 meine sämmtlichen Kisten allein durch +die Sahara zurückgebracht. Als der König von Preussen +beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern, +und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die +gute Behandlung, die der Sultan von Bornu den deutschen +Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann und mir, erwiesen +hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die +Geschenke zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe +über ihn von Mursuk einliefen, wurden, wie schon angeführt, +<a id="page-99"></a><span class="pgnum">99</span>die Anerbietungen des Dr. Nachtigal, eines am +Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als Ueberbringer +der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen. +Kaum war dieser in Tripolis eingetroffen, als auch der +alte Gatroner ankam, es war somit die beste Sicherheit +vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden. +Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht +von Malta angekommen, und darin bestand der Hauptgrund, +um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser +Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu +aus weiter nach dem Innern vorzudringen, so wollte ich +ihn natürlich nicht zu einer Abreise ohne Instrumente +drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat +verloren ging.</p> + +<p>Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu +erreichen, welches zwar nur 6 Kilometer von Tripolis +entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung von +5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen +Consuls uns hinlänglichen Comfort geboten hätte. +Vielmehr mussten wir um 5 Uhr Abends bei bedecktem +Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir +hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich +zwischen der Mschia und Tadjura befindet.</p> + +<p>Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern, +denn bald brach ein solcher Regen über uns aus, von +den heftigsten Windstössen begleitet, dass uns in einem +Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden. +<a id="page-100"></a><span class="pgnum">100</span>Der Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein +Wiederaufschlagen nicht zu denken war, und die Dunkelheit +verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich die Häuser +nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter +die umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu +erwarten.</p> + +<p>Unter diesen Umständen war andern Tags an einen +regelrechten Marsch nicht zu denken, sondern mit Tagesanbruch +gingen wir in die Wohnung des italienischen +Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um +unsere Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz +des Consuls befindet sich ganz am Südrande der +Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl als +die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt, +auf welchem oft zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln. +Tadjura selbst ist eigentlich mit der Mschia und +dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine +und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von +Sahel und Mschia unterschieden, als die Bewohner der +beiden letztgenannten Orte gar keine Abgaben von ihren +Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura +von jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten +müssen. Die Befreiung der Mschia und des Sahel ergiebt +sich daraus, dass die männliche Bevölkerung kriegspflichtig +ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie +vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in +Tadjura vom türkischen Gouvernement auf nur 80,000 +<a id="page-101"></a><span class="pgnum">101</span>angegeben wird, so liegt dabei der Umstand zu Grunde, +dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den +Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt +eine eben so grosse Zahl<i> nicht</i> gezählter Bäume, von +denen natürlich auch die Abgabe, 2½ Piaster, erhoben, +aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man wird +nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen +in Tadjura auf 200,000 angiebt.</p> + +<p>Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um +die Zelte trocknen zu lassen und andere Dinge auszubessern; +aber von da an hatten wir wenigstens günstiges +Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen +Weges aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten +Tage nach unserm Abgange von Tadjura dicht beim +Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse +des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba +Sidi Abd el Ati's campirten.</p> + +<p>Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed +Bei's, des Gouverneurs von Choms, welcher gerade von +Tripolis gekommen war, wo er bei seinem Schwiegervater, +dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die +Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte +nun gleich: ich solle in Choms oder Lebda nicht +Zelte schlagen, sondern in seinem Hause wohnen, und +ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig +angenehm und sicher in Lebda das Campiren ist, mit +Freuden sein Anerbieten an. Er brach dann vor mir +<a id="page-102"></a><span class="pgnum">102</span>auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in +Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen.</p> + +<p>Da es noch früh am Tage war, so ging ich gleich +mit dem Photographen nach der Ruinenstätte, um im +Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus +Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends +nach Sonnenuntergang in die Wohnung Hamed Bei's +zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen, und +besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren +doch nur zu zweit bei Tisch, d.h. er und ich, eine so +glänzende Erleuchtung spendete. Da waren auf den +Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch +selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste +war, dass mein Wirth einen ausgezeichneten +Tischwein führte, und selbst mit Maass und Anstand zu +essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer +und Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der +Zahl, so abgerichtet, dass sie selbst nach jedem Gange +die Bestecke und Teller wechselten. Einer von ihnen +war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass +er in Uniform aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr +eifersüchtig darüber wachte, dass alles europäisch zuging, +gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder +Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht +alles nach seiner Meinung fränkisch zuging. Dass nun +in der Reihenfolge der Gerichte, in ihrer Zubereitung +selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen vorkamen, +<a id="page-103"></a><span class="pgnum">103</span>kann man sich leicht vorstellen: leben doch in +Tripolis die Europäer selbst eher türkisch als europäisch +in ihren Gesellschaften.</p> + +<p>In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken +kennen, gerade aber ihn hatten die Tripolitaner +aus der nächsten Umgebung des Pascha's zu +entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er +als Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher +als die meisten Beamten, war er, sagt man, namentlich +dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von Tripolis, +ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst +seiner Freunde, des Personals des französischen Consulates, +seine Entfernung von Tripolis verlangt. Man +muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach +unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann +gewesen sei; die Leute in Choms erzählten mir sogar, +dass er allein bei den Abgaben von den Oelbäumen das +Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen), +und als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der +untern Beamten, einem Abgabensammler, zusammentraf, +fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den letzten Tagen +etwa 18,000 Mahbub—ein Mahbub ist etwas mehr als +ein preuss. Thaler—bei den Abgabensammlungen profitirt +habe. Dabei lobte merkwürdigerweise der Abgabensammler +Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken, +dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst +nicht auch sein Profitchen gemacht habe, was er zwar +<a id="page-104"></a><span class="pgnum">104</span>in Abrede stellen wollte, indess sicher der Fall war. +Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen +und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar +keine Administration denken können; Civilisation, rechtliche +Verwaltung sind auch überdies schon bei Völkern +unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen; +wer heutzutage noch glauben kann, die Völker +civilisiren zu wollen, welche dem Islam huldigen, der +komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und Tunis, +und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen +Staaten sind heute noch dasselbe, was sie vor hundert +Jahren gewesen, d.h. zu einer Zeit, wo die sogenannten +Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren. Man +kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht +zu civilisiren sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung +keine Civilisation erlaubt. Würden wir Europäer vielleicht +nicht in demselben Fall sein, wenn wir zufällig +uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für +ganz andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu +anderen Bedürfnissen passte? Denn sicher wird man +nicht behaupten wollen, dass die Sitten und Bedürfnisse, +die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der +Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie +sie es jetzt sind im Jahrhundert des Telegraphen und +des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns ist unser +Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum +der ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe +<a id="page-105"></a><span class="pgnum">105</span>nach Abessinien oder besuche die Copten oder andere +Völker, die streng an den Satzungen der Kirche festgehalten +haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist.</p> + +<p>Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden +Tage vier Ansichten von Lebda auf: das südliche +Stadtthor, die südliche Front der grossen Basilika, die +Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen +Wohnung des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht +vom Hafen, der freilich jetzt ganz versandet ist.</p> + +<p>Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen +hatten, höchstens um einige Säulenstümpfe ärmer, die +der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali Riza Pascha, +von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit +seine Anlagen zu verunzieren.</p> + +<p>Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung +Lebda's auf einmal oder nach und +nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl beides +annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis +magna fand Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so +mit Sand überschüttet, dass er die Wiederherstellung +aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder +Oststadt verwendete<a href="#FN-14" id="FNA-14"><sup>14</sup></a>; es muss also ein aussergewöhnlicher +Orkan geherrscht haben, der nach der Zerstörung +durch die Vandalen diesen Stadttheil mit aufgewühltem +Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme fügen noch +<a id="page-106"></a><span class="pgnum">106</span>immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen, +wo ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil, +die eigentliche Hauptstadt, verschwunden sein wird.</p> + +<p>Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher +Zeit aus dem Meere geworfen worden sind, so ist vor +Zeiten die ganze grosse Aregformation in der Sahara +ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer +Forscher<a href="#FN-15" id="FNA-15"><sup>15</sup></a> gänzlich unhaltbar, dass die Dünen +der Wüste ein Zersetzungsproduct von Felsen seien. +Lebda nun, wie es sich uns heute zeigt, bildet drei +Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf +beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die +Haupthälfte sich auf dem linken Ufer befand, während +auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu sein scheinen; +nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort, +scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte +zugleich die des Hafens gewesen zu sein. Wenigstens +fällt die Südseite des Forts auf der rechten Flusszunge +direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais, +woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der +Schiffe vorhanden sind, und Treppen, welche zum Hafen +hinabführten; jetzt natürlich steigt man mittelst der +Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden. +Diese Altstadt enthält fast allein die öffentlichen +Gebäude: als Paläste, Kirchen, das Forum etc., +aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand überschüttet.</p> + +<p><a id="page-107"></a><span class="pgnum">107</span>Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was +Barth als <span class="greek">πόλις</span> oder Altstadt bezeichnet, dies wirklich +gewesen sei. Ich glaube vielmehr, dass die westliche +Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden +Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet +auf dieser Landspitze—die auch viel zu eng ist, um +nur zwei Reihen von Häusern aufzunehmen, mögen wir +uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch +so beschränkt denken—gar keine andere Spur von +Gebäuden, als solche, die auf Vertheidigung und Schutz +hindeuten, und gerade eben die drei Ueberreste von +Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt +trennen, deuten darauf hin, dass hier das eigentliche +Reduit lag. Die kolossalen Quaderbauten nach dem Meere +zu sind vollkommen gut erhalten, leider erlaubte der +Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom +Meer aus in die untere Partie des Forts münden, zu +besuchen; das Meer peitschte mit solcher Gewalt seine +schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es unmöglich +war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist +übrigens nach dem Meere zu durch eine starke Quadermauer +geschützt.</p> + +<p>Westlich von der Altstadt findet sich nun ein Ruinenfeld, +welches fast bis nach Choms hinreicht. Von diesem +Ort ausgehend, stösst man auf einen fast 50' hohen +Obelisken, aus Sandstein erbaut, gut erhalten, der wahrscheinlich +ein Grab ziert. Die zahlreichen Grundmauern +<a id="page-108"></a><span class="pgnum">108</span>von Privatwohnungen und einige öffentliche Gebäude +deuten an, dass hier eine „Neustadt“ war; eine Mauer +scheint dieselbe nicht umgeben zu haben.</p> + +<p>Aus den Beschreibungen der Alten geht übrigens +hervor, dass Leptis wenigstens vor der Römerherrschaft +schlechtweg den Namen Neapolis führte. Nach Sallust +von den Sidoniern gegründet, welche Unruhen halber +ausgewandert waren, entstand die Stadt unter dem Namen +Leptis an dem Orte, wo wir die jetzigen Ruinen +vor uns haben, ungefähr zur Zeit als Cyrene schon aufgehört +hatte, von Königen regiert zu werden, sich aber +zu einer Republik constituirt hatte.</p> + +<p>Scylax kennt die Stadt dann nur unter dem Namen +Neapolis und Strabo und Ptolemäus schreiben, „Neapolis +auch Leptis genannt“. Unter den Römern erhielt sie +den einheimischen Namen zurück, und wurde magna +genannt, im Gegensatz zu Leptis bei Carthago.</p> + +<p>Leptis magna musste eine sehr reiche Stadt sein, +da sie, wie Livius anführt, täglich ein Talent Silber als +Abgabe an Carthago zahlte. Im Kriege der Römer mit +Jugurtha hielt sie zu ersteren, wurde daher sehr begünstigt +und erhielt die Rechte und Begünstigungen +einer Colonie, als solche kennen sie Plinius und Ptolemäus +noch nicht, auf den Peutinger'schen Tafeln ist sie +aber als Colonie gezeichnet.</p> + +<p>Kaiser Severus that ausserordentlich viel für die +Stadt, aber bei dem Einbruche der Ausurianer ging sie +<a id="page-109"></a><span class="pgnum">109</span>fast ganz zu Grunde, und der spätere theilweise Wiederaufbau +unter Justinian vermochte ihr ihre alte Blüthe +nicht wieder zu geben. Im siebenten Jahrhundert fiel +sie dann ein Opfer der hereinbrechenden Araber, um +nicht wieder von ihren Ruinen und den sie deckenden +Sanddünen zu erstehen.</p> + +<p>Die eigentliche spätere Neustadt befand sich indess +auf dem rechten Ufer des Lebda durchschneidenden Flusses, +und hat einen sehr ausgedehnten Umfang, auch ist +noch überall die Grundmauer ihrer Umgebung deutlich +wahrzunehmen. In späteren Zeiten war sie indess wohl +der Hauptsitz der Bevölkerung, da Septimus Severus seinen +Palast sich dort erbaute. Gleich östlich von diesem +Stadttheile zieht sich dann die Nekropole nach SO. hin, +von der Wasserleitung durchschnitten, welche im Hafenquai +selbst mündete.</p> + +<p>Das besterhaltene Denkmal ist der Hippodrom von +Leptis magna, und für eine Provinzialstadt war er sicher +einer der grössten und prächtigsten<a href="#FN-16" id="FNA-16"><sup>16</sup></a>. Ganz am Ostende +aller Baulichkeiten von Lebda gelegen, zieht er sich dicht +am Meere hin, derart, dass die eine Wand durch das +Ufer, also natürlicherweise, gebildet wird, während die +andere der ganzen Länge nach durch einen grossartigen +Steinbau, welcher zugleich das Meer abhält, begrenzt wird.</p> + +<p>Das ganze Stadium ist derart angelegt, dass auf eine +innere Länge von 550 Schritten das Westende mit einem +<a id="page-110"></a><span class="pgnum">110</span>Tempel anfängt, dessen mächtige Grundmauern noch +erhalten sind. Von diesem Tempel bis zur Spina sind +200 Schritte: es war dies der Raum zum Ablaufen, +Aphesis genannt. Die Spina selbst, überall 5 Schritte +breit, beginnt mit einem Rundtempel, halben Durchmessers, +aber nur die Basis dieses Tempels, durch einen +Zwischenraum von der Spina getrennt, ist noch vorhanden. +In der Mitte der Spina befand sich ein anderer +Tempel, 120 Schritte vom ersten entfernt. Ueberhaupt +haben beide Häfen einen wahrscheinlich überdachten +Säulengang gehabt, wenigstens finden sich überall die +Spuren eines Säulenganges, sowie zahlreiche Säulenüberreste. +Beide Hälften der Spina sind mit Durchgängen +versehen. Dem Rundtempel gegenüber befindet sich am +andern Ende der Taraxippos, oder das Umkehrzeichen, +in Form eines Halbkreises von der Spina getrennt. Der +Hippodrom scheint mit keiner Rundung abgeschlossen +zu haben, aber auf der äussersten östlichen Wendung, +wo die künstliche Mauer mit dem natürlichen Erdwall, +der auch steinerne Sitze hatte, zusammenstösst, befindet +sich ein solides pyramidenartiges Gebäude, das vielleicht +eine Statue trug.</p> + +<p>Gleich südlich vom Stadium erhob sich das Amphitheater, +es ist aber nichts weiter davon übrig, als die +kreisrunde Einsendung in den Boden, welche theils natürlich, +theils künstlich ist.</p> + +<p><a id="page-111"></a><span class="pgnum">111</span>Ich habe mich darauf beschränkt nur eine allgemeine +Uebersicht der Topographie der Stadt zu geben, da mit +Ausnahme des Hippodroms eine Beschreibung der einzelnen +Gebäude, ohne sie vorher vom Sande befreit zu +haben, unmöglich wäre. Beim Photographiren der Basilika +hatte ich indess noch das Glück, eine Inschrift zu +entdecken, die, wenn auch nicht von besonderem Interesse, +doch neu ist; auch konnte ich mehrere Gemmen +kaufen, sowie einige Münzen. Hamed Bei hatte sogar +die Freundlichkeit, mich auf einen nahe liegenden Berg +führen zu lassen, wo er eine Inschrift entdeckt hatte.</p> + +<p>Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne +Frühstück fortlassen wollte, verlor ich meine Karawane. +Ich hatte sie nämlich schon am Morgen früh fortgeschickt, +und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch +am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die +Inschrift sich befand, erst Nachmittags herunterkam, +überfiel mich beim Weiterreiten schnell die Nacht, und +unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich +ich mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich +so oft ich Wachtfeuer erblickte, wollte es mir nicht gelingen, +den Lagerplatz meiner Leute ausfindig zu machen, +und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den +ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter +konnte, musste ich mich endlich entschliessen, ein anderes +Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt meine +Karawane längst hinter mir gelassen haben.</p> + +<p><a id="page-112"></a><span class="pgnum">112</span>Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und +schickte meinen Neger dorthin, ein Nachtlager zu erbitten. +Es fand sich, dass nicht weit vom Weg ein einzelnes +Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's +gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit +keine Rede, die Leute waren so arm, dass sie nicht +einmal eine Matte besassen, und wenn nicht ein beständig +unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich +ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen +Zelte verbreitet hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten +haben. Man kann sich leicht denken, dass das +Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel: +etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit +meinem Wirth aus einer Schüssel mit den Fingern ass, +war alles, was zu haben war. Mein armer Esel fuhr +noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben.</p> + +<p>Die armen Leute, von der türkischen Regierung +ganz ausgesogen, hatten übrigens ihr Möglichstes gethan, +und so nahm ich am folgenden Morgen mit Dank von +ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte +reichlich an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt +hatte. Denn dem Araber selbst Geld für seine Gastfreundschaft +anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte gewesen. +Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte +gar nicht mehr von der Stelle, und nachdem ich einige +Stunden zu Fuss marschirt war—den Esel liess ich +<a id="page-113"></a><span class="pgnum">113</span>durch meinen Neger treiben—war ich froh, als ich +in einem Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen +aufgeschlagen worden, ein Pferd zur Weiterreise miethen +konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein besseres +Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den +Stand, noch an demselben Abend Tadjura, freilich etwas +spät, zu erreichen, und hier kehrte ich im Landhause +des italienischen Consuls ein, denn auch mein Pferd +wollte nicht mehr weiter.</p> + +<p>In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda +bedeutend weiter, als man nach den Karten glauben +sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die Strecke +sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken +Dünen, auf denen Thiere und Menschen bald ermüden. +Am andern Morgen früh war es nur noch ein Spazierritt +bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane, +der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am +folgenden Morgen einzutreffen; die Kameele hatten sich +auf dem Wege ebenso gut gehalten, wie die Leute.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Bengasi.</h2> + + +<p>Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen, +weil ich vermuthete, dass bei dem schönen Wetter der +Dampfer rasch von Malta zurückkommen würde, und ich +<a id="page-114"></a><span class="pgnum">114</span>keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der +Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war +das Dampfschiff noch nicht angekommen, ja ein von +Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass das Schiff +erst nach Ende des Carnevals abgehen würde.</p> + +<p>Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener +Soldat) nach Lebda geschickt, mit einem Briefe des +Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise nach Tripolis +nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt. +Es that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit +aus der Hand gegeben hatte, noch mehrere +interessante Ansichten von Lebda photographiren zu +lassen.</p> + +<p>Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte +Dampfer an, und nun konnte, da seit langem alles vorbereitet +war, die Karawane abgehen.</p> + +<p>Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act +unter preussischer Aegide seitens Deutschlands in Tripolis +vorgenommen wurde. Wenn auch in früheren Zeiten +fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden +Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie +Barth, Overweg und Vogel, durch Englands Gelder ausgerüstet, +und von der englischen Regierung abgeschickt, +als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann +und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen +privaten Charakter gehabt; wenn auch bei meiner +Reise nach Bornu der König von Preussen sich mit +<a id="page-115"></a><span class="pgnum">115</span>einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so +war nie von einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.<a href="#FN-17" id="FNA-17"><sup>17</sup></a> +Ganz anders war es jetzt: Dr. Nachtigal ging +mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem Auftrage, +der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn +von Norddeutschland war übermittelt worden. Sein +Abgang musste daher mit einer gewissen Feierlichkeit +stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue norddeutsche +Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem +Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo +bis jetzt nur die englische und die Bremer Flagge war +gesehen worden. Die schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so +hoffen und wünschen wir, von hier noch weiter getragen +werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder +atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der +Zeit unseres Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten +mit Aufmerksamkeiten aller Art überhäuft worden. +Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern temporären +Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.</p> + +<p>Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher +sämmtliche Consuln und die angesehensten Familien der +Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein. Die +Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande +<a id="page-116"></a><span class="pgnum">116</span>der Mschia aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck +lagen daneben. Fast alle kamen unserer Einladung nach, +auch das türkische Gouvernement hatte sich durch Hammed +Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch +einen in Wien erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im +Generalstab, vertreten lassen. Dort am Ende des Palmwaldes, +am Anfange der Sanddünen, wurde nun den Tripolitanern +ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff +des Essens nach arabischer Manier hergerichtet war, +d.h. in gerösteten Hammeln und enorm grossen Kuskussu-Schüsseln +bestand; aber auch Wein, freilich nicht +von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit +auf den König Wilhelm vom holländischen Generalconsul, +sodann die auf die glückliche Ueberkunft der +deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter +allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich +kamen dann auch noch die Tripolitaner Stadtmusikanten, +eine Flöte, eine Harfe, eine Geige und eine +Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen, +ein Platz war bald gefunden, an Walzern und +Polka's nicht fehlte.</p> + +<p>Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber +der Stadt und Umgegend diesem, für sie nie gesehenen +Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie uns alle +für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie +früher Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und +nie weiter nach Norden in Afrika gekommen war als +<a id="page-117"></a><span class="pgnum">117</span>Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle +nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, „in scha +Allah.“</p> + +<p>Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren +ersten Marsch an, nachdem sie Nachts am Rande der +Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen sie +bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach +der Stadt zurück, und hatten somit die Aufgabe, die +Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu von +Tripolis aus abzusenden, gelöst.</p> + +<p>Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden, +um nach Bengasi zu kommen, denn der Weg um die +grosse Syrte war durch die lang anhaltenden Regen ganz +unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen +ihn mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer +der Syrte befanden sich in dem Zustande, wie sie von +Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind. +Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die +Landschaft südlich von der grossen Syrte habe den +Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und Ableitung von +Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck +„surtis“ von „surein“ ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie +auf den Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen +um die Zeit der hohen, durch den Nord- und Nordwestwind +hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese +Zeit eine Reise um die grosse Syrte machen wollte, +würde rettungslos in die Tiefe gezogen werden, falls er +<a id="page-118"></a><span class="pgnum">118</span>nicht einige nur den Eingebornen bekannte Pfade, die +hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das, +was wir auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste +bezeichnen, keineswegs Desertum, sondern das +fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren +Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss +zu seiner Länge wenig interessantes, wenn man nicht +von einzelnen Punkten Excursionen in's Innere machen +wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die +Küste anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann +hoffen auf diesem Wege neues zu bringen, falls man +über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen +hatte.</p> + +<p>Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt +machen, so konnte ich blos an Segler denken, aber selbst +bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14 Tage unterwegs +sind, war es einer Landreise gegenüber, welche +nicht unter 35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende +Zeitersparniss; bei günstigem Winde segelt man +blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich sehr +gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis, +eine Brigg im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte, +aber er wollte sie nur gleich absegeln lassen, wenn ich +die ganze Cajüte miethen würde. Gross und comfortabel +war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer. +Indess ohne Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem +hatte ich für fünf meiner Leute zu zahlen und für +<a id="page-119"></a><span class="pgnum">119</span>meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig Tage +Proviant einnehmen.</p> + +<p>Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März, +einige Tage nach dem Abgange der Karawane des Königs, +mit allen meinen Leuten an Bord gehen, und am andern +Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem +Hafen. Die Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf +dem Decke lungerten 40 bis 50 zerlumpte Araber, Juden, +Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber, Frauen, +Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren +werthlosen Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen +und Kisten und Kasten. Von der Cajüte aus +sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu +bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck.</p> + +<p>Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie +war auch so niedrig, dass man nur ganz gebückt sich +darin halten konnte, hatte ausserdem drei Cojen, Tische +und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe selbstverständlich, +sie hätten auch schwerlich Platz gefunden, +dennoch gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen. +Und besser, als ich gedacht hatte, ging die +Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas Sturm, +etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser +Reis (Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich +an der Küste zu halten, fuhren wir geraden Wegs nach +Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer ausser Sicht +verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land, +<a id="page-120"></a><span class="pgnum">120</span>und bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt, +welche sich von weitem recht stattlich ausnahm. Viel +trugen freilich das Fort an der einen Seite, die Palmengärten, +die schmucken europäischen Häuser, und im Hintergrunde +die bläuliche Bergkette dazu bei.</p> + +<p>Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht +davon kommen. Schon hatten wir einen Lootsen an +Bord, und derselbe hatte das Commando übernommen, +als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das +Schiff aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig +tief, dass wir überall Grund sehen konnten, wir waren +auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage des Lootsen +noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das +Schiff ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen +Umständen der Fall sein, aber überladen, +wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief. Grosses +Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge, +jeder schrie und commandirte, aber niemand gehorchte. +Und schon glaubte ich, es würde beim „Gott ist der +Grösste, nur bei Gott ist Hülfe“, sein Bewenden haben, +als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der +noch der Vernünftigste von allen war, liess nun gleich +fast alle Passagiere debarquiren, und dann rasch einen +Theil der Ladung nachfolgen, so wurden wir nach kurzer +Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen +hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt.</p> + +<p><a id="page-121"></a><span class="pgnum">121</span>Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den +debarquirenden Passagieren an's Land geschickt, um +Quartier zu suchen, und die alsbald auf den Consulaten +als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man +meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es +denn auch, so kamen der englische und französische +Consul an Bord, um mich abzuholen, und gleich darauf +waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude +untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher, +Herrn Denys, als Consul vertrat, nahm +uns mit der liebenswürdigen Gastfreundschaft auf, welche +im Auslande Engländer und Franzosen so sehr vor den +andern Nationen auszeichnen.</p> + +<p>Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der +Ausrüstung begonnen; es waren Kameele, Sättel, +Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den +Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von +allen Reisenden für das berühmte Silphium gehalten) +und vor allen der nothwendige Proviant zu schaffen. +Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen, +Kameele zu miethen; ich fand die Preise aber +so in die Höhe getrieben, dass ich mich entschloss, +welche zu kaufen, und dies habe ich später auch keineswegs +zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch +noch die Zahl der Diener um einige erhöhen, aber +andererseits war ich dafür Herr meiner Karawane und +meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei +<a id="page-122"></a><span class="pgnum">122</span>dem reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica +alles grünte und blühte, die Kameele sich so +halten würden, um sie nach beendeter Reise mit nicht +allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu +können. Fünf gute Kameele wurden mir also durchs +französische Consulat eingekauft, alle anderen Einkäufe +besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst +wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche +eines Landes mächtig ist, ist es für einen Fremden +immer am gerathensten, sich dergleichen durch Ansässige +besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien +ausgesetzt sein.</p> + +<p>Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers +aufs Tapet: in Bengasi war man der Ansicht, ein Europäer +könne sich unmöglich allein in die Cyrenaica hineinwagen, +das Ansehen der türkischen Regierung sei +überall gleich Null, die Gegend voller Räuber und +Strolche, und ohne Begleitung eines einflussreichen Chefs +sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den vereinigten +Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben +zu müssen, und zwei Männer, einer von den +Franzosen, der andere von den Engländern protegirt, +kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren, +Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie +zu bieten schien. Obschon Fremdling in der Gegend, +war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und +hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten +<a id="page-123"></a><span class="pgnum">123</span>Chefs von Barca geheirathet. Er war reich, hatte +mehrere Häuser in Bengasi und war unter andern Besitzer +des englischen Consulates. Gegen die geringe +Miethe von 90 Mahbab jährlich lautete der vor Jahren +abgeschlossene Contract, mit dem Beisatz, dass so lange +das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat +habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände; +an ein Kündigen von Seiten des Aduli war gar nicht +zu denken. Dergleichen Miethscontracte wurden von +den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen +Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast +alle Europäer so gemiethet, jetzt sind die Mohammedaner +gescheidter.—Sein eigentliches Zeltdorf, oder, wie man +in Barca sagt, „Freg“, war dicht bei Gaigab, also auch +nicht weit von der alten Cyrene selbst gelegen.</p> + +<p>Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli +derselbe war, der Hammilton nach Cyrene begleitet +hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen +ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er +später auch mehreremale Denys begleitet und war bei +Porcher und Smith thätig gewesen, so kann ich doch +nur die Erfahrung Hammiltons: „Mohammed serving +his own, utterly neglected my interests“ bestätigen. Der +Aduli schien eine solche Reise nur zu seinem eigenen +Vortheile zu machen; der zu escortirende Reisende war +für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine +Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte +<a id="page-124"></a><span class="pgnum">124</span>er dadurch noch seinen Einfluss bei Türken und Arabern. +Hernach stellte sich auch heraus, dass die Gegend gar +nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar diebisch, +würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen +Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen +das Leben eines Europäers zu unternehmen.</p> + +<p>Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte +mich von Seiten der Europäer der zuvorkommendsten +Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen Consulate, +die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern +und Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und +wetteiferten, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich +zu machen. Aber auch die türkische Behörde, obschon +der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht +eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend. +Sie bot mir Saptién und Empfehlungsbriefe +an, da man indess auf dem englischen Consulate der +Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen +wegen eher schädlich als nützlich sein würde, +so lehnte ich dankend das Anerbieten ab. Auch dies +war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht, das +türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall +respectirt; übrigens wäre die Mitnahme von Saptién, +wenn auch nicht schädlich, doch ganz überflüssig gewesen.</p> + +<p>Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden +hat sich Bengasi bedeutend gehoben und gebessert. +<a id="page-125"></a><span class="pgnum">125</span>Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf 2000 an, +während della Cella früher schon 5000 vorgefunden +haben will. Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton +deren 10–12,000, vertheilt auf 1200 Häuser. +Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben, +von denen 2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener +und Griechen. Die übrigen Eingebornen theilen sich +in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2 bis +3000 Juden.</p> + +<p>Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem +Heiligen Namens Ben Ghasi oder Ben Rhasi hat, dessen +Grabmal sich unfern der Stadt im Norden befindet, +liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden +nach Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im +W. vom Mittelmeere selbst, im O. von Lagunen bespült +wird. Eine andere gegen die nördliche strebende von Süden +her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten +das Thor zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser +mit den Lagunen der flachen Salzsee communicirt. Bei +Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den Seen +eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus. +Der Hafen ist so versandet, und überdies bei starken +Stürmen so unsicher, dass im Winter die Schiffe Bengasi +nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren. Im +Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz. +In diesem Jahre sind Ingenieure von Constantinopel +gekommen, um neue Hafenbauten aufzuführen, +<a id="page-126"></a><span class="pgnum">126</span>und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung +des Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss +ausüben wird. Mit einigen kräftigen Baggermaschinen +und mit zweckmässig angelegten Landungsdämmen +wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein +guter Hafen herstellen lassen.</p> + +<p>Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel +zur Verschönerung der Stadt gethan; während früher +die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines Thurmes +entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes, +schlankes Minaret bauen lassen, das schon von weitem +den Schiffern vom Meer aus die Stadt Bengasi verkündet. +Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant +und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung. +Und die Hauptsache ist, dass alle Waaren vorhanden +sind; in der That giebt es heute keinen Artikel, der +nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der +Stadt sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem +gerade und für den Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser +sind solide aus Steinen gebaut, und auch äusserlich +die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr +viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die, +welche in dem letzten Decennium von den Europäern +oder türkischen Beamten gebaut worden sind, die innere +Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein +viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit +Thüren und Fenstern, welche sich auf den Hof öffnen. +<a id="page-127"></a><span class="pgnum">127</span>Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser aber, welches +man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch. +Die Häuser der Europäer, auch alle mit einem freien +Hofraum im Innern versehen, haben geräumige hohe +Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie +man ihn nur in Europa wünschen kann. Drei grössere +Moscheen, zwei Synagogen und eine katholische Kirche +sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen +bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften +im Innern viele römische und griechische Alterthümer +vermauert sein, leider wurde es mir nicht erlaubt, eine +zu besuchen.</p> + +<p>Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen +Gottesdienst dient ein grosser Saal des Klosters) wird, +wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen gebaut werden, +nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen +Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen +Quadern von Kalkstein und im romanischen Styl errichtet. +Diese fleissigen Franciscaner, erst vor wenigen +Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis als Filiale +nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung +der Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht +beim Kloster ist auch das von ihnen erbaute Hospital +der französischen Schwestern, welche zugleich eine +Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an +Arme ohne Unterschied der Religion von den Arabern +die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt werden. +<a id="page-128"></a><span class="pgnum">128</span>Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen +in Tripolis.</p> + +<p>Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im +Anfange dieses Jahrhunderts ein Castell erbaut, das zugleich +die Mündung des Hafens schützen soll. Aber obgleich +äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig +und würde europäischer Artillerie, einerlei, ob +neuester oder älterer Construction, keinen Widerstand +entgegensetzen können. In diesem Castell hat die Regierung +ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem, +Casernen, Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse +Caserne, es sind in der Regel nur 500 Mann Infanterie +in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das +türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die +Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch +die Direction nicht mehr von einem deutschen Arzte, +wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so ist dieselbe +jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen +Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen +Zustand von Stadt und Hafen zu wünschen +übrig.</p> + +<p>Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger, +jedoch von Constantinopel ernannter Kaimmakam vor, +welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet Barca, +dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite +stehen für die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti, +für die richterlichen ein Khadi, welche ihre Ernennung +<a id="page-129"></a><span class="pgnum">129</span>von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath aus den +vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in +neuester Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende +Stimme. Die Stellung der Europäer der türkischen +Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen +Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und +Ausgaben von Bengasi und Barca auch nur annähernd +anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken überdies +sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze +steht, oder je nachdem man Razzien, um den Tribut +von den Nomaden einzuziehen, unternimmt. Die verschiedenen +zu erhebenden Abgaben werden, wie in Tripolis, +an Meistbietende verpachtet, und Christen und +Juden sind davon nicht ausgeschlossen.</p> + +<p>Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in +der Nähe des Hafens, die Mohammedaner und Juden +wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den +meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden +ein eigenes Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass +es an zahlreichen Kaffeehäusern, sowohl europäischen +wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von Schenken +schlechte griechische und sicilianische Weine, starke +Araki und Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum +angeführt zu werden. Bei den öffentlichen Gebäuden +haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das +aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich +die verschiedenen erwärmten Stuben fehlen, welche +<a id="page-130"></a><span class="pgnum">130</span>zu den heissen Bädern so nothwendig sind. Da das +Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen +zu den Bädern geholt wird, diese aber stark brakisch +sind, und nur zum Viehtränken benutzt werden können, +so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt. +Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und +Girben (Schläuchen) von aussen weit hergeholt, und +macht so den Einwohnern eine grosse jährliche Ausgabe.</p> + +<p>Die Einwohner, Araber ihrer Abkunft nach, haben +sich sehr stark mit Negerblut vermischt, sind daher +sehr hässlich im Ganzen genommen. Möglicherweise +sind auch Berberüberreste mit untermengt, sie verstehen +und sprechen aber nur arabisch, und zwar haben sie +den maghrebinischen Dialekt; auch im Schreiben hat +bei ihnen das <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/qaf-1dot.png" alt="[Arabic]"/></span> q nur einen Punkt, und das <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/feh-lowdot.png" alt="[Arabic]" /></span> f den +Punkt unten. Sie befolgen den malekitischen Ritus, +obschon in der Hauptmoschee, wo hauptsächlich das +türkische Beamtenpersonal vertreten ist, hanefitisch gebetet +wird. Sie sind fanatischer als die Tripoliner (man +unterscheidet Tripoliner, den Städter, vom Tripolitaner, +dem Bewohner der ganzen Provinz), was hauptsächlich +seinen Grund darin hat, dass sie so häufig mit den +freien, unabhängigen Bewohnern der Hochsteppen verkehren, +überdies sind sie unwissender, und noch nicht +in so innigen Beziehungen mit den Europäern, als die +Tripoliner. Ihre Tracht ist die der übrigen Tripolitaner, +aber auch hier verdrängt nach und nach das mehr +<a id="page-131"></a><span class="pgnum">131</span>zum Arbeiten geeignete europäische Costüm das malerische, +aber die freien Bewegungen hindernde, orientalische. +Ein reicher arabischer Kaufmann hält es heute +für unumgänglich nothwendig, französische Glanzstiefelchen +zu tragen, und ein Paletot ist nichts seltenes mehr, +auch haben die meisten schon ihr weites Hemd gegen +ein europäisches vertauscht. Was nun gar die arbeitende +Classe anbetrifft, ich meine die Diener, Taglöhner +der Stadt und die am Hafen beschäftigten Maschapsträger, +so ist da die enge Hose, ein europäisches, wo +möglich buntes Hemd, und, wenns erschwungen werden +kann, europäisches Schuhzeug, ganz eingebürgert; nur +der leidige Fez will sich noch immer nicht verlieren.</p> + +<p>Man glaubt aber nicht, welche Revolution bei diesen +Völkern ein Kleiderwechsel macht, und gewiss hat +die türkische Regierung bei den Reformen Recht gehabt, +ihren Beamten als ersten Schritt zur Civilisation vorzuschreiben, +europäische Kleidung anzulegen. Sie hat +dadurch dem Volke ein tägliches und sichtliches Zeichen +gegeben, dass sie gewillt ist, mit den alten Sitten und +Gebräuchen zu brechen und europäische Einrichtung +und Gesetze anzunehmen. Bei diesen Völkern ist alles +nur äusserlich, ihre ganze Religion ist nur äusserliches +Ceremonienwesen, und man kann sich denken, wie hart +es für die mohammedanischen Mucker war, mit ansehen +zu müssen, dass die vornehmen Leute, die Beamten, +ja der Beherrscher der Gläubigen selbst, christliche +<a id="page-132"></a><span class="pgnum">132</span>Kleidung anlegten. Welche Anzahl von Vorschriften +und Gesetzen hatten sie nicht früher, um die Juden +und Christenhunde zu verhindern, sich wie sie, die +Rechtgläubigen, zu kleiden? Ja in einigen mohammedanischen +Staaten, Marokko z.B., existiren dergleichen +Gesetze noch heute. Die Franzosen aber, diese Araberbewunderer +en gros, haben sicher grosses Unrecht, dass +sie ihren arabischen Beamten in Algerien nicht von +vornherein befahlen, französische Uniform anzulegen. +Sie hätten dadurch die Schafe von den Wölfen am +besten unterscheiden lernen können. Ein Beduinenchef +in der Provinz Oran, diesem ewigen Krater der Revolution +und des Krieges, der mit Vergnügen monatlich +als Agha oder Kaid aus den Händen der französischen +Regierung seinen Gehalt entgegennimmt, bis er glaubt +genug zu haben, um zu revolutioniren, ein solcher Beduine +würde sich eher erschiessen, als französische +Uniform anziehen, aber dann fort mit ihm! Und nur +solche angestellt, die, wenn sie besoldet sind, sich auch +nicht schämen, die Jacke ihrer Herren zu tragen. Mit +diesem einfachen Mittel würden die Franzosen alle ihre +Araberchefs zwingen, Farbe zu bekennen. Aber nein, +die französische Regierung thut gerade das Gegentheil, +um dieser Bevölkerung, welche eben ihrer Religion +wegen sich nie civilisiren kann, zu schmeicheln, steckt +sie ihre eigenen Soldaten unter dem pomphaften Namen +Zouave in türkische Pumphosen.</p> + +<p><a id="page-133"></a><span class="pgnum">133</span>Die Frauen haben mehr ihre nationale Tracht bewahrt. +Ob sie auch so hässlich sind, wie die Männer, +konnte ich wegen meines kurzen Aufenthalts nicht erfahren; +die jungen Mädchen, welche bis 8 oder 9 Jahren +unverschleiert auf der Strasse sich zeigten, sahen nicht +viel versprechend aus.</p> + +<p>Ganz anders verhält es sich mit den Juden, Männer +und Frauen sind durchgängig schön zu nennen. Ob +dies noch die Abkömmlinge der hier im Alterthum so +zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, +aber nicht unwahrscheinlich. Sie selbst haben +keine Erinnerung oder Ueberlieferung; es ist übrigens +sehr gut möglich, dass sich in ihren alten Chroniken +Andeutungen davon finden, aber die eingeborenen Juden +sind auch viel zu fanatisch, um einem Fremden einen +Blick in ihre synagogischen Bücher zu gestatten. +Wir wissen, dass unter der römischen Herrschaft die +Juden allein das Recht hatten, Geld ausser Land zu +schicken, ihren Tribut nach Jerusalem. Heute wiederholt +sich noch ähnliches, zwar schicken die Juden das +Geld nicht mehr nach Jerusalem, aber dieses sendet +von Zeit zu Zeit Rabbiner durch die Welt, welche sammeln +müssen. Auf unserer Fahrt von Tripolis leistete +uns ein solcher Jerusalemer Rabbiner Gesellschaft; er +hatte in Tripolitanien gesammelt und wollte dann sein +Geschäft in Bengasi und Derna fortsetzen, er war noch +dazu mein Landsmann, denn obschon in der Stadt +<a id="page-134"></a><span class="pgnum">134</span>Davids geboren, war er Unterthan des norddeutschen +Bundes.</p> + +<p>An Gärten besitzt Bengasi nur einen Palmhain, der +sich nordwärts von der Stadt hinzieht. Obst und Gemüse +gedeihen sehr schlecht, und um sie nur einigermaassen +wachsen zu machen, sind die Gärten alle auf +Matten gebettet. Das heisst, man hat das jetzige Terrain +weggegraben, Matten gelegt und dann Dünger und +guten Boden aufgetragen. Die Matten sollen offenbar +einestheils das Aufsteigen des Salzwassers, anderntheils +das Durchsickern der fruchtbaren Düngerjauche verhindern, +und müssen daher immer erneuert werden. Ob +sie aber diesen Zweck damit erreichen, habe ich nicht +gut absehen können. Die Palme gedeiht an und für +sich gut in salzhaltigem Terrain, ebenso die Olive, wie +einige prächtige Bäume im englischen Consulate beweisen. +Obst dagegen, namentlich Orangen, die gar +nicht fortkommen wollen, und Gemüse können fast gar +nicht gezogen werden. Alles Obst und Gemüse kommt +daher von Derna, Candia, Malta und Tripolis. Sehr +gut gedeiht aber noch Klee und Luzerne; die fruchtbare +Ebene, die sich etwas weiter weg um die Stadt +zieht, versorgt mehr als reichlich die Stadt mit Vieh +und Korn.</p> + +<p>Was den Handel anbetrifft, so hebt sich derselbe +zusehends. In den letzten Jahren war der Hafen durchschnittlich +von 300 Schiffen besucht. Natürlich beschränkt +<a id="page-135"></a><span class="pgnum">135</span>sich die Schifffahrt fast nur auf das mittelländische +Meer, und grössere Schiffe als Zweimaster kommen nie +nach Bengasi. Es lässt sich nicht leugnen, dass der +wieder angeknüpfte Verkehr mittelst Karawanen nach +Uadai dazu beigetragen hat, den Austausch mit dem +Innern von Afrika zu beleben. Die grosse Menge von +Sklaven, welche von dort kommen, abgesehen von dem +Elfenbein und den Straussenfedern, werden hauptsächlich +hier gegen europäische Producte verwerthet. Es +ist überhaupt erstaunlich, wie in den letzten Jahren der +Sklavenhandel schwunghaft betrieben worden ist, und +hauptsächlich trug der Umstand dazu bei, dass den +englischen Consulaten, die früher die einzigen von allen +in dieser Angelegenheit den Türken und Arabern den +Fuss auf den Nacken hielten, die Weisung von Constantinopel +aus zugegangen war, so viel wie möglich +sich der Einmischung zu enthalten. In diesem Jahre +nun hat die Botschaft Englands in Stambul neuen Befehl +gegeben, streng über die Verträge gegen den +Sklavenhandel zu wachen. Die Consulate der anderen +Mächte bekümmern sich gar nicht um dergleichen.</p> + +<p>Ueber die Aus- und Einfuhr liegen keine statistischen +Nachweise vor, beide steigen jedoch von Jahr zu +Jahr, so dass man die Exportation jetzt auf etwa +1,500,000 Fr., die Importation auf 1,000,000 Fr. veranschlagen +kann. Ausgeführt wird besonders Korn, +Schafe, Rindvieh, Federvieh, Butter, Wolle, Eier, Honig, +<a id="page-136"></a><span class="pgnum">136</span>Häute, Elfenbein und Straussenfedern. Nach Aegypten +werden auch alljährlich viele Kameele exportirt, deren +Zucht in den grossen Ebenen südlich von Bengasi ganz +vortrefflich gedeiht. Der Import umfasst alle europäischen +Fabrikate, Tuche, Baumwollstoffe, schlechte Seiden +und Sammetstoffe, Nürnberger Waaren, Lichter, Seifen +und Oele, südliche Weine und Alcohol, Früchte und +Gemüse. Theils bleibt dies für den Consum in der +Stadt, theils wird die Waare von hier weiter nach dem +Innern expedirt.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluß.</h2> + + +<p>Wenig nur ist heute von diesem alten Sitze der +Hellenen übrig, an dem Meere sich hinziehende Quaderbauten, +in den Häusern verbaute Steine, Capitäler von +Säulen, Schafte ohne Capitäler, Sarkophage, einige verstümmelte, +schlecht erhaltene Statuen (zu Barths Zeit +wurden drei ausgegraben), das ist es, was im heutigen +Bengasi vom alten Euesperides oder Berenice noch zu +finden ist. Aber selbst Reste einer Necropolis sind nur +spärlich vorhanden, hie und da kleine Hypogeen, welche +ursprünglich Steinbrüche gewesen zu sein scheinen, und +dann erst später zu Todtenkammern weiter ausgearbeitet +wurden, ist alles was in der nächsten Umgebung von Bengasi +<a id="page-137"></a><span class="pgnum">137</span>an Bauüberresten vorliegt. Höchst wahrscheinlich +bestatteten hier die Bewohner ihre Todten in freien Sarkophagen, +da das Terrain für in Felsen gearbeitete Gruben, +wie man sie bei Cyrene, bei Ptolemais und Temheira +findet, sich nicht als passend erwies. Auch +begruben vielleicht die Juden, und diese machten seit +Beginn dieses Jahrtausends die Hauptbevölkerung von +Berenice aus, ihre Todten wohl nicht wie die übrigen +Bewohner Cyrenaicas, und was daher weniges an Sarkophagen +und anderen Grabmonumenten oberhalb des +Bodens vorhanden gewesen sein dürfte, wurde längst als +Baumaterial verschleppt.</p> + +<p>Als die alten Griechen den Apolloquell von Cyrene +entdeckt hatten, breiteten sie sich rasch über das ganze +Land aus, und höchst wahrscheinlich wurde Euesperides, +eine der fünf Städte, welche die Pentapolis bildeten, +schon sehr frühzeitig gegründet. Wann dies nun geschehen, +ist nicht genau zu ermitteln. Frühzeitig mit +den umwohnenden Libyern im Kriege, theilt uns Thucydides +mit, dass sie 413 v. Chr. von einer libyschen Belagerung +durch eine Flotte von Peloponesiern, welche, +nach Sicilien bestimmt, ans libysche Ufer waren verschlagen +worden, befreit wurde. Dergleichen geschichtliche +Anhaltspunkte liegen mehrere vor.</p> + +<p>Ob nun die Stadt den Namen von den hochberühmten +Gärten bekommen habe, indem die ganze Gegend +wegen ihrer Fruchtbarkeit den Namen „die Gärten der +<a id="page-138"></a><span class="pgnum">138</span>Hesperiden“ vorher hatte, und dann erst später die gegründete +Stadt Euesperidae, Euesperitae (<span class="greek">εὐεσπερίδαι</span> und +<span class="greek">εὐεσπερίται</span>) genannt wurde, ist auch nicht festzustellen. +Das Eu wurde später weggelassen, schon Scylax hat es +nicht mehr, noch später wird die Singularform Esperis +gefunden, und die Römer setzten ein H vor. Zur Zeit +des Ptolemäus Euergetes, welcher die Tochter des Magas, +Namens Berenice, geheirathet hatte, verwandelte man zu +Ehren dieser Frau den Namen der Stadt in Berenice; +es scheint aber, dass noch lange die Bewohner den alten +Namen beibehielten. Pomponius Mela, in der Mitte des +ersten Jahrhunderts, kennt nur den Namen Hesperis, +ebenso Plinius, der ungefähr um dieselbe Zeit schrieb; +aber hundert Jahre später hält der Alexandrinische Geograph +es schon für nothwendig, wenn er von Berenice +spricht, hinzuzufügen, dass dies derselbe Ort sei, der +früher Hesperides geheissen habe.</p> + +<p>Im Mittelalter will Edrisi den Namen Berenice noch +vorgefunden haben, ebenso Leo Afrikanus. Im Anfang +des 17. Jahrhunderts finden wir bei Olivier den corrumpirten +Namen Berrich, und Marmol nennt, um dieselbe +Zeit Berbick. Heutzutage ist der alte Name gänzlich +aus dem Gedächtnisse der Bewohner entschwunden, Bengasi +verdankt, wie schon angeführt, einem mohammedanischen +Heiligen seinen Namen.</p> + +<p>Dass aber das alte Hesperis auf dem Platze des +heutigen Bengasi steht, leuchtet auf den ersten Blick +<a id="page-139"></a><span class="pgnum">139</span>hervor. Von der ganzen Gegend hat sich nichts verändert, +nur dass die Seen im Osten der Stadt mehr versandet +sind. Wir wissen, dass Berenice auf der in das +Vorgebirge Pseudoponias auslaufenden Landzunge lag, +östlich davon der Tritonis-See mit einer kleinen Insel, +welche nach Strabo oft mit dem Lande zusammenhängt, +und den der Aphrodite geheiligten Tempel barg. Diese +ganze Beschreibung, wie Strabo sie uns giebt, passt heute +noch so genau, wie man aus der vorhingegebenen Topographie +von Bengasi ersehen kann, dass es um so mehr +zu verwundern ist, wenn Bourville im See Haua-Bu-Chosch +im S.O. vom heutigen Bengasi den Triton-See, +und in einer Oertlichkeit Siana die Gärten der Hesperiden +erkennen will. Wenn nun aber auch, mit Ausnahme +von Bourville, ältere und neuere Gelehrte im heutigen +Bengasi das alte Berenice, im östlichen Salzsee +den Tritonis, und in dem kleinen, jetzt von einem Marabut +und einigen Araberhäusern gekrönten Hügel, die +ehemalige Venus-Insel wieder erkennen, so sind grössere +Meinungsverschiedenheiten wegen der hesperidischen Gärten +und des Lethe-Flusses vorhanden.</p> + +<p>Wir können wohl die Ansicht Thriges und Malte-Bruns +u.a. übergehen, nach denen der Name der Gärten +der Hesperiden eine blosse symbolische Idee gewesen +wäre, eben so verwerflich ist die Gosselinsche Meinung, +die Oasen der Wüste als die hesperidischen Gärten anzusehen. +So viel steht fest, dass die Alten mit dem +<a id="page-140"></a><span class="pgnum">140</span>Namen der Gärten der Hesperiden bestimmt beschriebene +Oertlichkeiten verbanden; so finden wir, abgesehen von +den uns zunächst angehenden, eine hesperische Insel an +der Mündung des heutigen Ued Elkus von Marokko, und +noch später sehen wir, wie die Hesperiden-Gärten auf +Inseln im atlantischen Ocean verlegt werden. Was unsere +Hesperiden-Gärten in Cyrenaica anbetrifft, so erfahren +wir zunächst aus einer Beschreibung des Scylax, dass +dieselbe auf die Umgegend von Bengasi, mithin Berenice, +gar nicht passt. Ausserdem giebt er mit präcisen Worten +dieselben als beim Vorgebirge Phycus, mehr beim +heutigen Marsa-Sussa gelegen, an. Die Küste wird als +unnahbar, wie sie es dort in der That ist, beschrieben, +die Ausdehnung des Garten genau angegeben, und die +Obstsorten und Bäume, welche dort wachsen sollen, aufgezählt. +Nach Pacho entspricht die Gegend beim Cap +Razat (so ist auf den Karten der Neuzeit Phycus genannt, +obschon die Eingebornen jenen Namen nicht kennen, +sondern die Spitze Ras-el-Fig, was offenbar von +Phycus hergeleitet ist, nennen), vollkommen dieser Beschreibung, +er kehrt daher auch ohne weiteres der Gegend +bei Bengasi den Rücken, und verlegt, sich auf +Scylax stützend, die Gärten dorthin.</p> + +<p>In der That ist es heute schwer, irgend eine Stelle +in unmittelbarer Nähe von Bengasi zu finden, die wir +mit dem Namen der Hesperiden-Gärten bezeichnen könnten. +Es sind allerdings eigenthümliche Einsenkungen in +<a id="page-141"></a><span class="pgnum">141</span>dem felsigen Boden in der Nahe der Stadt, einige sind +mit Wasser gefüllt, andere enthalten Gärten, und die, +wenn sie auch nicht alle die Bäume hervorbringen, welche +wir bei Scylax aufgezählt finden: Erdbeer, Maulbeer, +Myrten, Lorbeer, Epheu, Oliven-, Mandel- und Nuss-Baum, +doch eine auffallende üppige Vegetation zeigen. +Beechey will nun, trotz der genauen Orteangabe bei +Scylax, diese Einsenkungen der Beschreibung desselben +von den Gärten passend finden, und stützt sich dabei +besonders auf die von Scylax angegebene Entfernung +von den Hesperiden-Gärten nach Ptolemais. Diese Entfernung +von sechshundert und zwanzig Stadien zwischen +den beiden Oertlichkeiten, passt aber auch auf die zwischen +Ptolemais und Phycus.</p> + +<p>Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt, +die Gärten nach Phycus legen, noch ist es nöthig +mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax stützend, dieselben +in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi erblicken +zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da +jetzt ein bestimmter Ort bei Bengasi, der wegen besonderer +Schönheit und Ueppigkeit der Pflanzen den Namen +der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden ist, +dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in +pflanzlicher Beziehung eine Umwandlung erlitten hat. +Dies sehen wir nicht nur hier, sondern überall in Nordafrika +lässt sich durch das massenhafte Entholzen, +durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden +<a id="page-142"></a><span class="pgnum">142</span>nachweisen. Dass aber die Hesperiden-Gärten in nächster +Umgebung von Berenice gewesen sein müssen, dafür +ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend<a href="#FN-18" id="FNA-18"><sup>18</sup></a>: +„Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon +und der heilige Hain, wo die Garten der Hesperiden +liegen sollen.“ Ferner sagt Ptolemäus: die Barciten +hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt. +Kurz alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache +behandeln, verlegen die Gärten in die Nähe der Stadt. +Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur, dass bei +Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich +die Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch, +dass die Ansicht Beecheys, der aus der Beschreibung +von Scylax, jene Felseinsenkungen bei Bengasi, als die +Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei.</p> + +<p>Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt +aber unstreitig das Verdienst, zuerst die Spuren des +Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die Gärten der +Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt +wurden, so beanspruchten auch noch andere Gegenden +den Ruhm, diesen Strom der Vergessenheit bei sich zu +haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die Lydier +nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten +Autoren der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica. +Und noch heute können wir im Laufe eines Uadi (zuerst +<a id="page-143"></a><span class="pgnum">143</span>von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den +Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben. +Dies Uadi, aus einer weiten Höhlung hervortretend, in +der am Anfange das Wasser nur flach ist, im Innern +jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten +nach Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung +vom Salzsee, dem alten Tritonis, durch eine Felsbarrière +abgeschlossen. In derselben Richtung weiter gehend +nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle +von Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden +Faden von Wasser in den See giebt. Nach der Regenzeit +soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser weiter +aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings +darauf schliessen lässt, dass die Quelle mit dem +aus der Höhlung kommenden Wasser, trotz der Barrière, +unterirdisch communicirt, und darauf hin bei den Alten +die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von +dem Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon.</p> + +<p>Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie +ihn die alten Geographen beschrieben haben, nur vielleicht, +weil die ganze Gegend trockener geworden zu +sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den +Lethon in den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius +verlegt ihn in die Nachbarschaft von Berenice, Scylax +erwähnt eines Flusses unter dem Namen Eoceus<a href="#FN-19" id="FNA-19"><sup>19</sup></a> bei +Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der Hesperiden-Gärten +<a id="page-144"></a><span class="pgnum">144</span>und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen +Platz an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich +giebt den Lethefluss als zwischen Berenice und Arsinoe +fliessend an.</p> + +<p>In der Topographie von Bengasi haben wir also +weit mehr Anhaltspunkte für die alte Stätte von Berenice +und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als in noch +etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies +in der That auf den ersten Blick überraschend genug, +dass von einer so blühenden Stadt wie Berenice, so wenig +Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es erklärt +sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von +Juden, welche unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt, +wohl keine so festen und dauerhaften Bauten +aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden +unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien +entrissen wurden, entwickelten sie sich derart, dass sie +in dieser Stadt den eigentlichen Kern der Bevölkerung +bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie sehr, +erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus, +und ihre Genossenschaft wurde von einem eigenen +Archonten regiert. Bald wurden sie so stark, dass sie +unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die +Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war, +neue Colonien nach Cyrenaica abzusenden, um das Land +wieder zu bevölkern. Bei der grossen Zerstörung, die +dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch +<a id="page-145"></a><span class="pgnum">145</span>die Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner +der heutigen blühenden Judencolonie directe Abkömmlinge +der hier im Alterthume so zahlreich vertretenen +Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber<i> nicht wahrscheinlich</i>.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Teucheira, Ptolemais und Reise +nach Cyrene.</h2> + + +<p>Alles war geordnet und marschfertig am 4. März, +nur Mohammed Aduli, der als Führer und Sicherheitsmann +uns begleiten sollte, machte Einwendungen so +rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend, +dann, indem er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen +hatte, namentlich aber darauf bestand, es müssten +Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen +der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft +waren, überdies alle meinten, dass wir in dieser +Jahreszeit von der Drias für unsere Kameele nichts +würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum +Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun +heraus, dass er hauptsächlich deshalb noch gerne einige +Tage in Bengasi geblieben wäre, weil er selbst seine +Einkäufe noch nicht beendigt hatte.</p> + +<p>Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und +meine Leute trieben die Kameele vor sich her, zu denen +<a id="page-146"></a><span class="pgnum">146</span>noch mehrere schwerbeladene des Aduli gestossen waren, +welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt +verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen +und französischen Consul, welche mich bis Tokra begleiten +wollten, hinterdrein, und uns die ersten 3 Stunden +nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten, +waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen +Hochland und dem Meere liegt, und die hier äusserst +fruchtbar und breit ist. Sobald wir die Seen vorbei +hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig +auf jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch +als hesperidische Gärten beschrieben und gehalten worden +sind. Es war in der That ein eigenthümlicher +Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen +Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen +Rändern eingefassten Kessel zu stehen, dessen Grund +die üppigsten Bäume und Küchengewächse enthielt, und +die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume +nicht über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere +Richtung wieder N.-O., die Gegend wurde, je weiter wir +zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren wir schon +so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine +weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor. +Um 7 Uhr Abends hielten wir vor einem Fereg der Braghta, +welches Schützlinge und Freunde vom französischen +Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz ausgezeichnet +aufgenommen.</p> + +<p><a id="page-147"></a><span class="pgnum">147</span>Der Regen war immer in Strömen vom Himmel +gekommen, und es kam uns daher recht gut zu Statten, +dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt führte, +wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch +unsere Diener alle, wir mochten in allem dreissig Personen +sein, ein gutes Unterkommen fanden. Dass Schaffleisch, +Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln nicht +fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber +ebenso waren die Teppiche und das Zelt voll jener +hüpfenden und kriechenden Thierchen, so dass an Schlaf +nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten, +hiess Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe +so genannt. Beechey und Barth erkennen in diesem +Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes +wieder.</p> + +<p>Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes +Wetter, und die Gegend behielt so ziemlich denselben +Charakter, nur dass die Vegetation üppiger, der Boden, +je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde. +Die Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen +ihnen und der See immer schmäler wurde. Wir behielten +die See fast immer in Sicht. Der Boden selbst besteht +überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch +Barca el hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll +liegt manchmal auf diesem fruchtbaren Boden, obgleich +die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen. Das +Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat +<a id="page-148"></a><span class="pgnum">148</span>überall eine gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus +Bergen, sondern bildet ein Ufer. Die Araber nennen +den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen +von Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden +immer häufiger. So passirten wir gleich nach der +ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die etwas östlich +vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen +Stunden passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von +den Eingeborenen Um es Schip genannt. Die Ausdehnung +der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen schon gleich +den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen +sein müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend +(die Peutingersche Tafel hat bis Adrianopel von +Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.), +müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und +nach ihm benannte Stadt Adrianopolis legen. In Folge +der Judenkriege gegründet, um die heruntergekommene +Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu Edrisi's +Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth +in Tanseruch oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich +konnte diese Namen nicht erfragen, und Beechey, welcher +auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass +die in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana +heissen, und will damit den Namen der Stadt in Verbindung +bringen. Hammilton nennt ebenfalls den See +Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho +verlegt die Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete +<a id="page-149"></a><span class="pgnum">149</span>Gebäude sind keine mehr vorhanden, wenn man nicht +eines Castells, aus schönen Quadern erbaut, erwähnen +will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt +worden war.</p> + +<p>Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft +Bir Shus, wo unter alten Ruinen bedeutende +Araberansiedelungen und Gärten, die ersten Nicht-Nomaden +seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich +von hier sind Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli +nennen hörte und glaubt dieselben auf Neapolis zurückführen +zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt +freilich trockenen Flussbett, uadi Bu Djarar, welches +von der östlichen Bergwand herunterkömmt, und hatten +nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr erreicht. +Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr +Abends, waren wir zwischen den Ruinen von Teucheira. +Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu finden, +rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen, +dazu stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an +einer steilen Wand etwas Schutz zu finden, wo wir +unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer vom +Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr +mangelhaft, und mehrere Male mussten wir alle Nachts +wieder auf, um die umgesunkenen Zelte frisch aufzuschlagen. +Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet +war, so liess ich darin den Photograph und meinen +<a id="page-150"></a><span class="pgnum">150</span>deutschen Diener campiren und Mr. Chapman, Mr. Robert +und ich legten uns in das etwas grössere der Diener. +Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche +auf eine Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum +Glück hatten wir kalte Küche, Wein und Schnaps, mit +denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich beim +Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber +ganz unmöglich. Aber mit der Nacht hatte das Wetter +ausgetobt; als am anderen Morgen uns die Sonne Licht +brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche +seien, dessen steile Wände überall Gräber und +Höhlen enthielten; zu demselben führte nur Ein Eingang, +die Stadt selbst aber hatten wir im Dunkeln schon +passirt.</p> + +<p>Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was +offenbar von Tauchira herkommt, ist heute fast ganz +unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den Schriftstellern, +die später als Ptolemaeus und Scylax darüber +berichteten in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus +Philadelphus erhielt die Stadt den Namen Arsinoë, +und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris +genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos +von Cyrene, und im Anfange abhängig von dieser Stadt, +wurde Teucheira bald darauf Barke unterthan. Wir +wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt; +Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt +Cyrene gehabt; man rechnete sie zu den fünf Hauptstädten +<a id="page-151"></a><span class="pgnum">151</span>des Landes Pentapolitanien, und von den Römern +wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit, +dass sie von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern +umgeben wurde, und Edrisi beschreibt sie uns als eine +mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die Stadt gänzlich +verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben +jedoch ihre Ackergründe in der Stadt und Umgegend, +und halten sich bis zur Ernte hier auf, später ziehen +sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch +eine Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester +Zeit angelegt.</p> + +<p>Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist, +ist unbedeutend. Am besten erhalten ist die Mauer, +aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben aber +aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese +spätere Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian +her, da man alles Mögliche dazu benutzte, was an Baumaterial +zur Hand war, und so auch viele, mit jedoch +unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert +hat. Fast wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut, +sind die Mauern der drei Seiten fast gleich lang, aber +keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26 viereckigen +Thürmen versehen. Oft 15–18' hoch und 6' +breit, ist die Mauer oft nur 3' hoch, ja an manchen +Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und umherliegende +Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge<a href="#FN-20" id="FNA-20"><sup>20</sup></a> +<a id="page-152"></a><span class="pgnum">152</span>genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an. +Zwei Hauptthore, an der westlichen und östlichen Seite, +von Thürmen flankirt, und durch eine schnurgerade +Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite +hin scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist +nichts von einem Hafen zu bemerken, wenn nicht vielleicht +ein grosser Steinbruch in der nordwestlichen Ecke +der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben +war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass +dieser Steinbruch heute versandet, also höher als das +Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem auch hier +das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der +Hafen von Leptis magna ist heute auch ganz versandet, +communicirte aber sonst gewiss mit dem Meere, und +bei Leptis sinkt das Ufer auch.</p> + +<p>Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden, +jedoch nicht breiten Strassen deutlich erkennen, an +Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen, von denen +das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern +hat, welche mit einem Lorbeerkranze umgebene +Inschriften haben. Alles ist indess so durcheinander +geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen wage, +wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes, +ebenfalls viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu +gelegen, scheint eine Kirche gewesen zu sein; viele Friese, +mit Weinreben und Trauben geschmückt, liessen Pacho +<a id="page-153"></a><span class="pgnum">153</span>es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren +von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen, +es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass eine Stadt +wie Teucheira nichts der Art entbehrte, sondern, dass +Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte verborgen ist.</p> + +<p>Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus +schon schliessen, wie bevölkert einst Teucheira gewesen +sein muss. Indess finden wir hier nichts Besonderes; +man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern +benutzt, derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet +erachtet wurde, man in die steilen Wände +Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern +herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum +Bauen benutzt. Alle Wände sind mit Inschriften wie +bedeckt, welche aber gar kein geschichtliches Interesse +haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle in griechischer, +aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache +abgefasst sind. Im Osten der Stadt sind zwischen den +Steinbrüchen auch andere Gräber, und in diesem Gebiete +hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen +gemacht. Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet +sind, um Leichname aufzunehmen, theils Aschenurnen +enthielten, sind natürlich alle leer.</p> + +<p>Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen; +trotzdem gingen am folgenden Mittag der französische +und englische Consul mit ihren Leuten zurück +und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens +<a id="page-154"></a><span class="pgnum">154</span>recht gefällig und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich +zum Verkauf, Schafe, Ziegen, Butter und Milch in so +grosser Menge, dass letztere selbst von unseren einheimischen +Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die +Braghta bewohnen, wenn sie unten sind, die Gräber, +sind aber so voll Ungeziefer, dass es unmöglich ist, in +ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner Photograph, +der diesen Umstand nicht kannte, und in eins +der Gräber gegangen war, kam schwarz bedeckt und +schreiend herausgestürzt, und lief wie wüthend zwischen +hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen +Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten +Theil los wurde.—Immer hoffend, dass das Wetter +besser werden würde, um einige Photographien zu machen, +blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen +Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen +sie sich aber als nicht gelungen.</p> + +<p>Aduli's Stute hatte Nachts geworfen, und ich hatte +mich schon darauf gefasst gemacht, eine neue Scene mit +ihm zu haben, da ich dachte, dies würde ein guter Vorwand +für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben, +als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen +aufs Kameel band; und als 9½ Uhr das Wetter etwas +lichter wurde, verliessen wir unseren Steinbruch. Die +Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in +ihren Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung, +d.h. circa 1 Stunde vom Meere, allmählich sich so demselben +<a id="page-155"></a><span class="pgnum">155</span>nähernd, dass sie dicht hinter Tolmetta direct +ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich +an Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch +der Mensch fehlt nicht, wie die oft aus dem dicken +Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber beweisen.</p> + +<p>Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten +Stunde den kleinen Ndjila-See mit Süsswasser rechts +liegen, hier hausen die uled Duerdja, und bald darauf +passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel +oder Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir +den antiken Brunnen Erdana, und waren bald darauf im +Landstrich, Schübka genannt, von dem Vorhergehenden +in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von +Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr +passirten wir den kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde +später ein anderes Uadi, das mir meine Begleiter jedoch +nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen Arabergräber +Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem +Steinbruche, wo auch einige Grabnischen waren, unsere +Zelte aufschlugen. Auch hier waren die Araber vom +Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten +für Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die +Engländer die Preise überall so verdorben, dass man +Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei uns haben +konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner +Leute, welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen +geglaubt, und gefeuert; es stellte sich aber heraus, dass +<a id="page-156"></a><span class="pgnum">156</span>es das Füllen von Adulis Stute gewesen war; glücklicherweise +hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur +Folge, dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen, +indem sie glaubten, wir seien von Räubern +angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr zahlreich, +stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den +uled Agail, welche bei Tolmetta herum hausen. Diese +Art Abhängigkeit, die man bei allen Arabern, ob sie in +Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist mehr +ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft +und Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail +sind Marabutin, die Auergehr einfache Araber. Auch +bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse.</p> + +<p>Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter +rother Thon erlaubte die herrlichsten Culturen, aber je +mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger wurde die +Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche +Rinnsale, welche aus den Schluchten des Gebirges kommen, +erhöhen den Reiz der Landschaft, so dass man +kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art +sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern +und kleineren Oertern. Dabei sieht man längs den +Bergen die Fereg der Auergehr, die Derssa und der +Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail. +Die Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken, +doch kommen hie und da auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume +vor.</p> + +<p><a id="page-157"></a><span class="pgnum">157</span>Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen +Namens, dann die Ebene Bu Traba, durch ein Rinnsal +von der Ebene Chat getrennt passirt hatten, waren +wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued +Bu Mscheif übergangen hatten, welcher sogar etwas +Wasser hielt. Ptolemais lag endlich vor uns, eingeschlossen, +wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im +N.-O. vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im +S.-O. vom Maigel-Gebirge. Schon lange vorher hatte die +bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die grossen +Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der +mit Quadern schwerbeladenen Wagen nach der Stadt +führen, und deren Wände wie in den Steinbrüchen von +Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften +bedeckt sind.</p> + +<p>Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor +von Ptolemais ein, und wollten bei den Ruinen einer +christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen, als mehrere +Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr +Terrain, und sie würden nicht leiden, dass wir dort +campirten. Da ihr Grund ein triftiger war, nämlich +zwischen den Ruinen und in der Nähe überall halbreife +Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See +zu, und nahmen für den ersten Tag Quartier in einem +Steinbruche, in dem sich früher das Amphitheater befunden +hatte. Die Spuren davon liessen sich noch sehr +deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen +<a id="page-158"></a><span class="pgnum">158</span>sein kann. Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen, +waren nur an wenigen Stellen Mauerwerke angebracht, +und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier wurden +wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde, +weil überall Kornfelder in der Nähe waren, von denen +die Eigenthümer fürchteten, sie möchten von unserem +Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli +ganz die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern, +wo allerdings ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen +wäre; ich wollte aber auf alle Fälle in der Stadt +selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab, +wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten +Forts unser Lager eingerichtet wurde.</p> + +<p>Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen +wahrscheinlich vom Philadelphus, nach Anderen von Euergetes. +Bis zu der Zeit aber hatte es nur den Titel: +Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur +erwähnt als „Hafen bei Barce“. Als diese Stadt in Verfall, +und in die Hände der Libyer kam, zogen sich die +Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann dieser +Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit +einem für die damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten +Hafen versehen, welcher durch die Insel Ilos, dieselbe, +welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen Schutz +erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall +des römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges +war Wassermangel, da die Gelder zur Unterhaltung +<a id="page-159"></a><span class="pgnum">159</span>der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie +überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen, +indem er die Wasserleitungen wieder herstellen +liess; Ptolemais erlag dem Andrange der Barbaren so +gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach +der Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz +ihre Bedeutung verloren zu haben; nach Edrisi war +Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern umgebener +Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht. +Edrisi berichtet über die Export- und Import-Artikel, +und sagt, der Hauptverkehr fände mit Alexandria +statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta +noch stark bevölkert und besonders von Juden.</p> + +<p>Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie +die heutigen Herren des Bodens, die uled Agail sagen, +ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben diese +Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils +in den Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge. +Obgleich ganz frei, und gewiss sehr kriegerisch, scheinen +sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie halfen uns beim +Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon +sie zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten, +betrugen sie sich doch anständig. Unwissend +schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein; ausser +Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer, +und letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig. +Die christlichen Consuln in den Städten seien +<a id="page-160"></a><span class="pgnum">160</span>auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu überwachen, +dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld +unterschlügen. Im Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus +zu sein, selbst eine Sauya der Snussi hatte sich in +Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können, hauptsächlich +wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für +besser hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter +gewesen war. Keiner erschien indess, der nicht immer +mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen wäre, ihre +Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert +und hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln.</p> + +<p>Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt; +gerade der Insel Ilos gegenüber, auf der noch jetzt +Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind, hatten wir +hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus +allmählich an die Bergabhänge hinaufzog.</p> + +<p>Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit +sie offen zu Tage liegen, sind, ausser dem schon +erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem zweiten +oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend +nach links zu gelegen. Verfolgt man dann die Strasse, +die noch heute quer durch die Stadt führt, so stösst +man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine grosse +Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat +9 Gewölbe, welche von oben Licht und Luft bekommen. +Umgeben war diese Cisterne von einer Reihe ionischer +Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur +<a id="page-161"></a><span class="pgnum">161</span>drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei +südlich, sieht man die Umrisse eines kleinen Theaters. +Etwas weiter nach Osten zu, sieht man viele Säulen mit +korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und +Barth vermuthet, dass hier die Königshalle, <span class="greek">στοὰ βασίλειος</span>, +gewesen sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt. +Ein aus der Cisterne nach Norden führender +Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei +Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes +kleineres Theater liegt auf dem Wege zwischen +Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen wie die +übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen +die einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am +bemerkenswerthesten ist weiter nach Osten zu ein grosses +massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit der +Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften, +welche sich früher an der Nordwand dieses Gebäudes +befanden, und die nach Frankreich gebracht, von Latonne +ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von Anastasius +I., die Verwaltung und militairische Einrichtung +betreffend. Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen +war, beweisen die anderen Cisternen, welche noch +in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr bedeutend +und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet +sich im nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt +bestätigen die zahlreichen Säulen, die man überall herumliegen +sieht, sowie die vielen Grundmauern aus Quadersteinen, +<a id="page-162"></a><span class="pgnum">162</span>dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt +als gross und ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben +ist. Der Hafen wird durch eine Felsspitze gebildet, +die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht, +die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war +auch an der Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn +circa 3000' westlich von dieser läuft noch eine andere +Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint ein +Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt.</p> + +<p>Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt, +von dem die Stadt ausserdem durch eine Mauer getrennt +war, finden wir hier noch die Reste einer Quaderbrücke. +Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber +doch so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen +können. Aber das Suana-Thal ist eines der +lieblichsten, weshalb ich denn auch eine Photographie +davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend +um die Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten, +dass irgend eine Explosion daraus hervorgehen +müsse, aber auch diese, obschon sie sehr misstrauisch +schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint, +dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des +uadi Chambs hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen +zu speisen, ausserdem finden sich Reservoirs am Abhange +des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke die Wasser +auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der +Stadt zuzuführen.</p> + +<p><a id="page-163"></a><span class="pgnum">163</span>Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und +hat, obschon von Schluchten durchbrochen, fast überall +gleiche Höhe; um dieselbe zu messen, bestieg ich den +südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg, +welcher mir der höchste von allen schien. Dicht mit +Juniperen und Lentisken bewachsen, fast undurchdringlich +wegen des vielen dornigen Untergestrüpps, war der +Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht +durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während +am Meeresstrande die Hügel, welche zum Theil +auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt sind, +grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet +man in Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten +aus Sandstein. Die Höhe des Berges fand ich zu 320 +Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger.</p> + +<p>Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich +und östlich von der Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich +die steilen Wände der Steinbrüche benutzt, um +in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen. +Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man +findet aber auch hier zahlreiche jedoch nichtssagende +Inschriften. In einem Steinbruche, gleich westlich von +der Stadt, findet man indess drei durch Kunst ausgezeichnet +gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der +Mitte drei Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem +grossen Grabe mit verschiedenen Kammern verarbeitet. +In Teucheira findet man auch solch einen Grab-Felsblock, +<a id="page-164"></a><span class="pgnum">164</span>und lebhaft erinnerten mich diese isolirten verarbeiteten +Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen +von Lalibala in Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit +ihren Ursprung verdanken. Der mittelste dieser Felsblöcke +nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau +in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von +Gestalt, hat derselbe im Innern drei Abtheilungen, von +denen die seitlichen bis obenhin zu Grabkammern dienten, +während die mittlere zugleich als Eingang benutzt +wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen +konnte. Eine kleine Inschrift, die Barth an der Nordseite +gesehen haben will, konnte ich nicht mehr entdecken. +Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem +Zustande, und rundherum mit mächtigen herabgestürzten +und herabgefallenen Quadern umgeben. Einige +Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal +einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess +Gründe für diese Behauptung bringen zu können.</p> + +<p>Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns +wieder vom Hafen vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen +Widerstand zu leisten vermochte, und wir hatten +uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei +Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir, +da er wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt +worden, ohne Ungeziefer, und flüchteten uns hinein. +Die Eingebornen hatten ebenfalls mit ihren flachen +Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier +<a id="page-165"></a><span class="pgnum">165</span>nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens +ein reges Leben und Treiben herrschte. Nachts indess +tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass selbst unser +Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer +Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt +zum Aufbruch, aber ehe Aduli, der überall mit den Eingebornen +handelte, fertig wurde, verging geraume Zeit. +In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen, +hier verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier +Gewürze, dort Zucker, welches er alles zollfrei aus der +Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte er Honig, +Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche +Weise ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu +hatte er immer eine ganze Schaar von Leuten, welche, +wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit Ausnahme +meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten +Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen +Diener unnütze Subjecte waren, konnte ich nichts machen.</p> + +<p>Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen, +und um 9 Uhr Morgens verliessen wir unsere Grabwohnung, +und schlugen denselben Weg ein, den früher Barth +genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im +Anfange südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen, +mittelst welches wir den Aufsteig machen wollten, +waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal ist +sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde +lang; jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit +<a id="page-166"></a><span class="pgnum">166</span>zu jeder Jahreszeit benutzt werden, was nach Regengüssen, +wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird, +für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die +Bergwände, obschon steil, sind ausgezeichnet bewachsen, +verwilderte Olivenbäume, Karuben und Lentisken bilden +hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist +jedoch so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst +Hirten scheinen sich nicht darin aufzuhalten. Oben angekommen, +hat man die erste Stufe erreicht, circa 300 +Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden +breit, hat auch herrlichen rothen Thonboden, ist aber +ebenso vernachlässigt, wie das ganze andere Land. Wir +hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch +die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und +durchschnittlich vier Stunden breit ist. Diese Terrassen +streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die zweite wird +im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls +von N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste +Punkte im Norden im Dj. Dendach, und südwestlich von +ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns präsentiren. Am +Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde +lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt. +Kleinere Tümpel und Seen findet man auf dieser +ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu haben scheinen. +Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und +die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und +Arbuten. Blumen in prächtigen Farben und unvergleichlicher +<a id="page-167"></a><span class="pgnum">167</span>Fülle bedecken in dieser Jahreszeit den Boden, +und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die +mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung. +Aber schlecht bevölkert, wie das ganze Land, findet man +nur hie und da einen Fereg der Auama, Genossen der +uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr.</p> + +<p>Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in +östl. Richt. durchzogen, hatten wir um 2½ Uhr eine kleine +Kubba, die des Sidi Said von den Agail zur Seite, aber +trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg +nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem +Fareg einen Wegweiser zu holen. Er kam denn auch +bald zurück, aber statt eines Mannes brachte er drei +Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen +Leuten reiche Karawane noch drei andere dazu bekam; +er versteht sich von selbst, dass ich auch diese zahlen +und beköstigen musste, aber gerade dadurch machte sich +der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf +Kosten seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen +liess. Wie mag er den armen Denys, welcher der Sprache +gar nicht mächtig war, geplündert haben! Durch einen +dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend, +einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte +Ruine eines früheren römischen Wartthurms, und wie +alle Bauten dieser Art ein aus Quadern aufgeführtes +Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen +hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in +<a id="page-168"></a><span class="pgnum">168</span>der Nähe hervor, welche überall in die Felsen gearbeitet +waren. Auch vorher hatten wir schon ein Ruinenfeld +passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen desselben +nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein +von N.-O. kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts +gehend, campirten wir dann in demselben. Trotzdem +wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine +recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war, +und noch lange sass ich Abends an einem grossen Feuer +jenes duftenden Wachholderholzes, welches die Alten +schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen +Atlas und in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt.</p> + +<p>Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das +Mrsihd-Thal vollends hinauf, und erreichten nach 40 Minuten +den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns die +Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun +auf dem Plateau angekommen, aber noch keineswegs auf +dem höchsten Punkte. Uebrigens muss man sich das +Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen; +sondern als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche +aber alle über 1200' hoch ihren niedrigsten Punkt haben. +Die Vegetation, obschon dieselbe hier später ist, bleibt +im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben +und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche +den Bienen den so sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack +zum Honig liefern; aber alle diese Pflanzen +finden sich auch an den Abhängen der Berge.</p> + +<p><a id="page-169"></a><span class="pgnum">169</span>Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an +Sümpfen und Tümpeln war, so fehlten diese hier nun +gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der Vegetation +darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten +Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte +waren sie zu nennen, denn sie hingen gerade jetzt +voll der besten Oliven, die Niemand zu sammeln kam. +Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter, +welches der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen +noch von den Alten herrührten. Manchmal sollen +indess doch von den Küstenbewohnern einige herauf +kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien +noch Niemand gekommen zu sein.</p> + +<p>Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung +bis 5¼ Uhr Abends marschirt waren, sahen +wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das heisst +Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden +will ich ausnehmen, die unweit von uns am Wege +weideten, und bei unserer Annäherung eilig ins Dickicht +getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so +spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder +hätte zählen können. Trotzdem überall der fetteste und +beste Boden war, der nur auf die Hand des Menschen zu +warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was +man ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als +neu wurde mir nun zum ersten Male die Drias-Pflanze (von +allen Reisenden für Sylphium gehalten) gezeigt, von der +<a id="page-170"></a><span class="pgnum">170</span>wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann +fiel mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst +in Tripolitanien nicht vorkommen. Die Araber nennen +den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen Buamian, +Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden, +es scheint als ob selbst die Thiere dies nur von +Todten bewohnte Land meiden.</p> + +<p>Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt +hatten, zogen wir, oben angekommen, nördlich in einer +Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt, und wo +wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba) +passirten. Etwas weiter läuft dann die von S.-O. von +Merdj kommende Heerstrasse ein, dieselbe, welche vor +1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem +um 9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten +war, kamen wir in das Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen +Wagenspuren der Alten verfolgten. Um +11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur +Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih. +Um 12 Uhr 20 Minuten kreuzten wir den von Teknis +kommenden, nach der Küste führenden Karawanenweg, +und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts +durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder +N.-N.-O. haltend, überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass, +der uns ins Scharaya-Thal führte, welches eine Stunde +lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal übergeht. +Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum +<a id="page-171"></a><span class="pgnum">171</span>an der Küste nach Merauan ins Innere führenden +Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim, von dem aus +wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen. +Das uadi Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir +um 5 Uhr Abends, in der Nähe von Wassertümpeln lagerten, +nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser +gewesen waren.</p> + +<p>Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt +gewesen war, ein starkes Gewitter mit Regen, und zogen +am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in N.-N.-O. +Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen +abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren +nun über 550 Meter hoch auf dem Beida-Berge, alle +anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu haben, +und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter. +Als neue Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt +gerade in voller Blüthe, und in prächtigen Exemplaren +bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne Exemplare von +der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet +und dann den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir +Gasr Bengedem vor uns. Auf dem Mcheilil-Berg fanden +wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses. Dieser +ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde, +aber auch hier begegnete uns kein Mensch, und das +einzige Zeichen von Bevölkerung war die Sauya der +Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer +Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen.</p> + +<p><a id="page-172"></a><span class="pgnum">172</span>Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht +hatten, blieben wir doch bei Gasr Bengedem liegen, um +zu photographiren, und diese ganze Gegend näher in +Augenschein zu nehmen.</p> + +<p>Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar +aus der Römerzeit, und hörte mit zu jener Vertheidigungslinie, +welche dieselben gezogen hatten, um +die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern. +Bengedem war gewiss eines der bedeutendsten Forts, +wenn nicht das grösste von denen, welche die Vertheidigungslinie +bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte +breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende +Thürme. An manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen +Wände noch die Höhe von 40'. Aus grossen behauenen +Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die +Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört +worden sind, nicht im Mindesten von der Witterung +gelitten. Im Innern führt eine Treppe auf die Mauer, +welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte. +Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das +Castell, und erhöhten so die ursprüngliche Festigkeit +desselben. Die bedeutenden Ruinen in der Umgegend +von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine Hauptniederlassung +war, und Pacho könnte Barth gegenüber +doch wohl Recht haben, indem er hier Balakrai vermuthet. +Die Entfernung von Cyrene, die Pentinger auf +12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf +<a id="page-173"></a><span class="pgnum">173</span>15 M. angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse +Menge von Höhlen, theils natürliche, theils künstliche, +ausser vielen aus späterer Zeit herrührenden Grabkammern, +beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit hier +libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen, +denn viele der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung +von Wohnungen.</p> + +<p>Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit +denen der Aduli gleich wieder Handelsverbindungen angeknüpft +hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg hatten +sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen +Tag thaten sie nichts, als um uns herumhocken und um +Essen betteln. Wir hatten deshalb auch Nachts eine +verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu +hüten, wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde.</p> + +<p>Den folgenden Morgen stiegen wir in nördlicher +Richtung vom Berge des Gasr Bengedem hinab, und +kamen nach einer Stunde ins Thal Saharis. Von O.-N.-O. +erhält dies Thal nun das bedeutende Kuf-Thal, und in +dies münden von O. das uadi Djras und das uadi Bu +Heisa, welches letztere von Safsaf und Ain Schehad +(Cyrene) kommen soll. Das Kuf-Thal ist eines der wildesten +und romantischsten, die man sich denken kann: +steile, oft senkrechte, fünfhundert Fuss hohe Kalksteinwände, +überall mit ungeheuren Höhlen, die oft am Fusse +der Wände, oft in der Mitte, oft fast oben am Rande +sich zeigen, machen einem glauben, man sei in der +<a id="page-174"></a><span class="pgnum">174</span>Teufelsschlucht. Jedenfalls waren diese Höhlungen meist +alle bewohnt, und einige sind es noch jetzt zur Zeit der +Honigernte; denn an diesen steilen Wänden haben die +Bienen ihre Bauten. Viele Höhlen, oft hundert Fuss +hoch über der Thalsohle, sind durch Aussengänge mit +einander verbunden, und scheinen so ganzen Stämmen +als Wohnplatz gedient zu haben. Ausserdem findet man +die herrlichsten Tropfsteinhöhlen, von denen die von +den Eingebornen Rhorhardieh genannte, die grösste +und schönste ist. Die üppigste, immer grüne Vegetation +von Lentisken, Myrthen, Caruben und Wachholder, +ferner die jetzt massenweise auftretende Steineiche +machen dies Thal mit seinem wilden Charakter +zu einem der schönsten, wie man es nur vielleicht in +den Pyrenäen, in Calabrien, im grossen Atlas ähnlich +findet. Aber wie immer fehlt alles menschliche Leben; +in der That haben wir, die grosse Sahara ausgenommen, +kein Land gesehen, das so dünnbevölkert ist, und doch +ist der Boden so reich und ergiebig wie eine jungfräuliche +Erde eben sein kann. Am Boden des Thales finden +wir dann noch einen fast undurchdringlichen Wald +von mastbaumhohen Thuya-Bäumen, aber Niemand ist +jetzt da, um sie zu fällen und zu verwerthen.</p> + +<p>Dass dieser Weg unserer Gofla grosse Schwierigkeit +machte, braucht wohl kaum gesagt zu werden. +Das Kameel, obschon es wegen seiner breiten Fusssohlen +auch in den Bergen sicher geht, liebt freie +<a id="page-175"></a><span class="pgnum">175</span>Gegenden, und hier waren wir in einem wirklichen Urwalde; +da waren Baumstämme, die das Alter oder der +Wind umgeworfen hatte, zu umgehen, vom Wasser glatt +gewaschene Felsplatten zu übersteigen, und oft war das +Gebüsch so niedrig und dick, dass die beladenen Kameele +mit Gewalt durchgeschoben werden mussten.</p> + +<p>Froh waren wir, als wir um 10 Uhr die Passhöhe +erreichten, und von nun an auf einem Bergrücken blieben. +Bald darauf hatten wir die Kubba des Marabuts +Abd el Uahed vor uns, auch von alten Ruinen, jedoch +ohne Bedeutung, umgeben. Von hier an waren nun +Ruinen unsere steten Begleiter, und eine tief in Fels +eingeschnittene alte Fahrstrasse, rechts und links von +Hunderten von Sarkophagen bordirt, führte uns auf die +Hauptstadt vom alten Pentapolitanien zu. Aber eigenthümlich, +ohne Menschen zu sehen, ohne Wohnungen +anzutreffen; sollte man nicht glauben, im Lande der +Todten zu sein? Auf Schritt und Tritt Todtengrüfte, +Grabnischen, hier die Tausende von Sarkophagen, die +ungeheuren Necropolen, gegen die die eigentlichen Städteruinen +verschwindend klein sind, lassen wirklich den +Gedanken, im Reiche der Todten zu sein, aufkommen.</p> + +<p>Gegen Mittag erreichten wir die Ruinen, welche die +Eingebornen unter dem Namen uadi Amer bezeichnen, +und die mehrere Stunden weit sich nach N.-O. hin ausdehnen, +und bei einem Orte Beludj enden. Barth verlegt +hieher Balakrai, und meint auch, dass eine der +<a id="page-176"></a><span class="pgnum">176</span>zwanzig von Ptolemaeus erwähnten Städte, vielleicht +Eraga, hier zu suchen sei. Beludj erreichten wir um +2 Uhr 40 Minuten, und immer auf einem Bergrücken +weiter ziehend, liessen wir dann die Sauya beida (Jaura +Sidi Schenut nach Barth, was wohl Sauya Sidi Snussi +heissen soll) links liegen, und kamen um 4 Uhr bei dem +weissen Dome des Marabut Sidi Raffa, an, welcher ebenfalls +von vielen Ruinen umgeben ist. Eine halbe Stunde +später hatten wir den höchsten Punkt des Bergrückens +mit 620 Meter erreicht. Etwas später hatten wir von +hier eine weite Aussicht aufs Meer durch eine breite nach +Norden zu sich öffnende Thalschlucht, Shissu genannt, +und dann campirten wir um 5 Uhr auf gleicher Höhe +mit der Schlucht bei Djenin, wo wir eine fliessende Quelle +fanden. Auch hier fanden wir Spuren früherer Ansiedelungen; +grosse künstliche Höhlen umgeben die Quelle +nach Osten, und in und bei derselben waren Mauerarbeiten, +welche wohl einst den Abfluss des Wassers zur +Befruchtung der Felder regulirt hatten.</p> + +<p>Nachts war auf dieser Höhe die Kälte so gross, +dass wir am anderen Morgen die Zelte weiss bereift +fanden, und die Mündungen der Wasserschläuche hart +gefroren waren. Das Thermometer zeigte vor Sonnenaufgang +-1°.</p> + +<p>Von hier bis Cyrene sind nur noch 2 Stunden. Wir +lassen rechts den Hügel Ras el Trabe liegen, welcher +bekannt ist als Grenze zwischen den Brassa und Hassa, +<a id="page-177"></a><span class="pgnum">177</span>welche letztere von hier nach N.-O. hin nomadisiren. +Die Ebene Ambsa, mit dem Grabe des Marabut Bel +Kassem, brachte uns dann vor die Ruinen der Stadt, +welche wir um 10 Uhr beim Hügel Mgatter betraten.</p> + +<hr/> + + + + +<h2>Cyrene.</h2> + + +<p>Durchs Ostthor zogen wir in die Stadt ein, verfolgten +die Battus-Strasse bis an den Punkt, wo sich die +Aussicht aufs Meer öffnet, und nahmen dann unser Quartier +in einer der Kammern, welche im Felsen ausgearbeitet +sind, und auch früher wohl als Wohnungen dienten. +Die Apolloquelle war auch in unserer Nähe, und diese +ist es, welche heute der ganzen Oertlichkeit den Namen +giebt; die Araber nennen sie ain Schehad. Keineswegs +ist damit gesagt, dass die heutigen Bewohner und die +der Umgegend gänzlich den Namen „Cyrene“ verloren +hätten, derselbe findet sich wieder in der Quelle im uadi +bel Ghadir, welche viele Aehnlichkeit mit der Apolloquelle +hat, und fast ebenso mächtig ist; dieselbe heisst +ain Krennah.</p> + +<p>Cyrene wurde sowohl unter den Ptolemäern als die +Hauptstadt der fünf Städte: Cyrene, Barca, Teucheira, +Hesperis und Apollonia angesehen, als auch unter den +Römern, welche das ganze Land unter dem Namen Cyrenaica +zusammenfassten.</p> + +<p><a id="page-178"></a><span class="pgnum">178</span>Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter +Battus im Jahre 631<a href="#FN-21" id="FNA-21"><sup>21</sup></a> v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene +bald zur wichtigsten Colonie der Griechen an der Nordküste +von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des +delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea +(dem heutigen Bomba); musste aber aus Mangel +an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei Jahren, und +nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden, +verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande +Libyens, nach dem wohlbewaldeten Asiris über. Aber +auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da nach Ablauf +dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der +Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet +wurde.</p> + +<p>Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im +Anfange mit den Libyern, und hier waren es vorzugsweise +die Asbysten, gut vertrugen; sogar Heirathen mit +Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer +jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. +Mit Battus I. bekam Cyrene den ersten König, +und blieb unter dieser Regierungsform circa 200 Jahre, +in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete +sich aus nach dem ersten, welcher später als Heros +verehrt wurde, der dritte König, Battus II. Unter ihm +kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland: hiedurch +<a id="page-179"></a><span class="pgnum">179</span>wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König +Adikran rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe. +Bei Thestis in der Gegend von Irasa kann es 570 zur +Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden vollkommen +besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit +dem Beinamen der Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen +Brüdern in Streit, gingen diese Barca gründen, und verbanden +sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos +II. Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon +oder Leucoë in Marmarica; wurde dann aber in einen +Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute. Sein +Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst +wieder von Eryxo, der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht. +Unter seinem Sohne, der als Battus III. folgte, +schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue +Gesetze. Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und +beschränkte besonders die königliche Gewalt. Dessen +Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die königliche Gewalt +zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter Pheretime +unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und +kam dann mit einem bedeutenden Heere nach Cyrene +zurück. Wieder geschlagen, floh er nach Barca, und +wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine +Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in +Aegypten, welcher ihr zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher +Belagerung Barca einnahm. Der Sohn von +Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und +<a id="page-180"></a><span class="pgnum">180</span>nach ihm kam der letzte König Arkesilaos IV., dessen +Siege in den pythischen Spielen Pindar besingt, auf den +Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm Hesperis +gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er +etwa um 440 gestürzt, und der königlichen Herrschaft +damit ein Ende gemacht. Sein Sohn Battus, der nach +Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins +Meer geworfen.</p> + +<p>Unter der republikanischen Regierungsform erlebte +Cyrene die höchste Blüthe und den grössten Wohlstand, +obwohl es an inneren Zerwürfnissen nicht fehlte. So +treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston +und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen. +Um alle inneren Streitigkeiten durch eine +gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten sich die Bewohner +Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato +lehnte jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es +ihnen zu gut gehe: „Kein Mensch sei schwieriger zu +beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es ginge ihm +gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu +lassen, als der vom Schicksal gebeugte.“ Alexander +dem Grossen, als er Zeus Ammon besuchte, unterwarfen +sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare Geschenke. +Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit, +wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des +Lagos, Aegypten unterworfen, im Jahre 321 v. Chr., und +das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten Pentapolitanien +<a id="page-181"></a><span class="pgnum">181</span>genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon, +überliess dann mittelst Testament das Land an die Römer +im Jahre 96, und im Jahre 67 wurde es mit Kreta zusammen +zu einer Provinz formirt. Unter Constantin +wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz +unter dem Namen Libya superior eingerichtet.</p> + +<p>Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen +Aufstand machten, und 200,000 Römer und Cyrenaeer +ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das römische +Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren +keinen Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen +Heuschrecken, Pest und Erdbeben, welche Leiden im +fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden. +616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache +griechische Colonie der Art, dass die Araber, als sie 647 +in Cyrenaica einfielen, kaum noch Widerstand fanden. +Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam +kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen +vollkommenen Barbarismus zurück, und das Land wurde, +vollkommen vernachlässigt, bald zu einer Wildniss. Seine +neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis +verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik +wurde, fiel auch Cyrenaica unter die Herrschaft der +Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik unter dem +Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet.</p> + +<p>Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene +blühten, geht aus der Zahl bedeutender Männer, welche +<a id="page-182"></a><span class="pgnum">182</span>diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen nur Aristippus, +den Gründer einer eigenen philosophischen Schule, +sowie Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen +Eratosthenes, der sich besonders durch geographische +Werke auszeichnete, und als Director der Bibliothek +von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos, +welcher von den Battiaden abstammte, und +dann der berühmte Bischof von Ptolemais, der Redner +und Schriftsteller Synesius.</p> + +<p>Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt +selbst und die Necropolis kennen zu lernen, und die +Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die Photographien.</p> + +<p>Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin +abfallen, wird Cyrene mittelst eines Radius, welcher den +Namen der Battus-Strasse hat, in zwei Theile getheilt. +Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben, +ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche +Stadt umgab, noch gut erhalten, und namentlich an der +ganzen Südseite und im Osten bei einer durchschnittlichen +Höhe von 4–5' und Breite von 6' ganz deutlich +zu verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst +der Hauptstrasse, welche von Barca herführt, so hat +man gleich rechts vom Thore die unordentlich +durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es +eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen +Grundmauern hervor, obschon merkwürdigerweise +<a id="page-183"></a><span class="pgnum">183</span>der Altar nach Westen gestanden zu haben scheint, +oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer +im Westen, vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene +Spitzbögen, welche noch stehen, lassen erkennen, +wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur die +obersten Spitzen der Bogen herausgucken.</p> + +<p>Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte +der Stadt, so stossen wir zuerst aufs Hippodrom, welches, +die Rundung nach Süden habend, in gerader nördlicher +Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten, +aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn +selbst ist die Spina kaum zu erkennen, da der ganze +innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge des +Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite +circa 60 Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden +wir auf dem höchsten Punkte dieses Stadttheiles die +Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten Zeit angehört. +Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen +Reste eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt +Breite. Von Westen nach Osten gelegen, hat der Tempel, +wie durch die Nachgrabungen von Porcher und Smith jetzt +zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen +auf der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden. +Durch zwei Säulen und zwei Mauervorsprünge kommt +man von Osten in den Pronaos, der von der Cella durch +zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden +wird. An den Längsseiten in der Cella findet man +<a id="page-184"></a><span class="pgnum">184</span>je zehn Piedestale, welche korinthische Säulen tragen, +ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser cubischer +Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der +Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine +Mauer geschieden, und ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge, +aber durch drei Säulen begrenzt. Die Säulen +des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser +gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des +eigentlichen Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine +von 20 Schritt Länge und 8 Schritt Breite. Smith und +Porcher, die hier die sorgfältigsten Ausgrabungen machten, +fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des +Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet +sich, wie in allen Tempeln in Cyrene, auf der östlichen +Hälfte. Wenn Barth hier auf der östlichen Hälfte +Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies +wohl nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber +später sehen werden, befand sich diese auf der westlichen +Stadthälfte.</p> + +<p>Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel +finden wir die Ruinen eines anderen, etwas kleineren +Tempels, welcher auf der höchsten Spitze dieses Stadttheiles +erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut +und aus Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so +vernichtet und zerstört, dass eine genauere Beschreibung +unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen Peristyl, +die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht +<a id="page-185"></a><span class="pgnum">185</span>möglich; die Säulen, von denen Bruchstücke überall +umher lagen, waren dorischer Ordnung, sind aber so +verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen +kann.</p> + +<p>Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende +Linie für die zwei Stadthälften annehmen, so haben wir +damit alles, was auf der östlichen Hälfte bemerkenswerthes +zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun +zum westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit +öffentlichen Gebäuden geziert war, überhaupt der Mittelpunkt +des öffentlichen Lebens gewesen ist, weil er die +Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten +Griechen, enthält.</p> + +<p>Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen +und uns links wenden, sobald wir die von Norden nach +Süden ziehende Strasse passirt, so kommen wir zuerst +an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage +anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen; +aber von den dort aufgefundenen Statuen, Bacchus und +Venus, können wir schliessen, dass der östliche der +Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren. +Diese und andere Statuen sind alle ins British-Museum +gekommen. Wie denn überhaupt, seit Bourville, Smith, +Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue +ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden +ist, und die meisten Ruinen, die schon so sehr durch +die Barbaren gelitten hatten, nun vollends dem Untergange +<a id="page-186"></a><span class="pgnum">186</span>geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus +gefunden wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig +breiten Sitzreihen und kleiner Cavea. Barth, +der die Orchestra gemessen, giebt die Breite derselben +auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies +Theater nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu +musikalischen Aufführungen gedient habe. Dicht an der +Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen wir +auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser +Cavea, wie das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer +Ordnung, die umherliegen, deuten darauf hin, +dass die Sitzreihen mit einer Colonnade dieser Säulen +umschlossen gewesen sind.</p> + +<p>Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer +grosser Ruinenhaufen, wo vor mehr als 50 Jahren Beechey +den Torso eines römischen Kaisers vermuthete. +Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten, +liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe +der Palast des römischen Gouverneurs gestanden. della +Cella erwähnt hier einer Inschrift „Porticus cesarei“ und +hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass +hier in der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der +ptolemaeischen, ein Marktplatz gewesen sei. Porcher +und Smith fanden hier, ausser einer weiblichen Statue, +diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen +Kaisern.</p> + +<p><a id="page-187"></a><span class="pgnum">187</span>Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich, +wenn man das grössere Theater hat liegen lassen, ist noch +ein grosser Bau mit einer grossen Säulenhalle nach Nord +gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die Säulenhalle, +welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe +dreissig Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude +dahinter zeigt eine Menge kleiner Zimmer von 6' Tiefe +auf 4' Breite, und es ist wohl nicht unwahrscheinlich, +dass hier die Verkaufshalle war.</p> + +<p>Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf +circa 100 Schritt Entfernung von diesen Ruinen durch +eine von Thürmen flankirte, von Norden nach Süden +streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir, +welches südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt, +mit einem starken Thurme anfangend, ist diese innere +Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis, welche auf dem +westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen +haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche +Dicke von 12' und ist an einigen Stellen über 20' hoch; +Beecheys Ansicht, dass sie eine Wasserleitung gewesen +sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten vorhanden +sind, die das Wasser hätten herführen können. +Auf der Spitze des westlichen Berges sind ausser einer +grossen Masse von bequemen Steinen, welche bezeugen, +dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren hervorragenden +Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern +ist nach Westen und Süden, wo dieselben auch +<a id="page-188"></a><span class="pgnum">188</span>kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen; nach Norden +zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt, +scheint die Acropolis aber auch noch durch eine Mauer +geschützt worden zu sein, wenigstens finden sich Spuren +darin vor.</p> + +<p>Wenn wir vom höchsten Punkte des westlichen Stadttheiles +nach Nordwest gehen, so führt uns die Neigung +von selbst auf das grosse Stadttheater, welches am Abhange +des Berges selbst gebaut ist. Obgleich stark +durchwachsen, sind nur wenige Sitzreihen ausser der +Loge, überhaupt scheinen die meisten Theater wohl mehr +durch die Natur, als durch Menschenhand zerstört zu +sein. Hier hat nun wohl ein allgemeiner Rutsch stattgefunden, +da Proscenium und Orchester, welche künstlich +an dem unten steilen Berg hinaufgebaut waren, weggesunken +sind. Aus dorischen Säulenüberresten ersieht +man, dass diese nach aussen zu durch Säulen geschmückt +gewesen sind. Das Koilon ist ungleichmässig durch ein +Diagon geschieden, da der unteren Sitzreihen heute noch +30 (und früher wohl noch mehrere waren, weil in der +ganzen Arena alles mit Schutt und Steinen angefüllt ist), +während die obere Hälfte nur acht aufweist. 6 Treppen +durchschneiden die zwei ein halb Fuss breiten Sitzreihen +in gerader Linie von oben bis unten. Wenn auf diese +Art die Zuschauer hauptsächlich von oben ins Theater +gelangten, so scheint doch auch noch ein anderer Zugang +zwischen Proscenium und Koilon von Osten her +<a id="page-189"></a><span class="pgnum">189</span>existirt zu haben; vielleicht war gar ein von Osten +kommender Durchgang, der jetzt verschüttet ist, vorhanden. +Von den Sitzreihen des Theaters hat man die +umfassendste Aussicht über die vorliegenden Plateaus +hinweg bis zur See. Wie über eine Landkarte schweift +der Blick über das Land bis nach Apollonia hin, und +von hier sahen, wie Barth so schön sagt, die alten Cyrenen +ihre Handelsschiffe heranschwimmen, und erfreuten +sich des wunderbar gestalteten Terrassenlandes.<i> Beechey</i>, welcher dies Theater für ein Amphitheater +hielten, weil allerdings das Koilon unverhältnissmässig +gross und umfassend zum Proscenium ist, ist aber +jedenfalls im Unrecht; denn war es schon eine Riesenarbeit, +Proscenium und Scena künstlich zu erbauen an +dem steilen Bergabhang, so wäre es selbst heute fast +unmöglich, die andere Seite des Amphitheaters hier +künstlich aufzubauen.</p> + +<p>Vom Theater nach Osten schreitend, übergeht man +eine Terrasse, und kommt an drei Bogengänge, die jetzt +vermauert, ursprünglich offen gewesen sein mögen, oder +nach Norden zu einen freien Umgang gehabt haben, +der jetzt weggestürzt ist. Immer breiter werdend, dehnt +sich die Terrasse da, wo sie an die nach Nordwesten +laufende Battus-Strasse stösst, welche hier auch der +natürlichen Spalte zwischen dem Ost- und West-Hügel +der Stadt folgt, zu einer Plattform aus, welche den +Apollo-Tempel trug. +<a id="page-190"></a><span class="pgnum">190</span>Durch die Ausgrabungen von Porcher und Smith +ist unwiderruflich festgestellt, dass der Tempel, welcher +sich vis-à-vis der Quelle des Apollo befand, diesem Gotte +selbst gewidmet war. Beechey hielt denselben, weil er +eine, wie er glaubte, auf Diana bezügliche Inschrift<a href="#FN-22" id="FNA-22"><sup>22</sup></a> +fand, und ausserdem eine weibliche Statue in sitzender +Stellung, für der Diana geweiht. Aber schon die Lage +bringt es mit sich, dass dieser Tempel dem Apollo gewidmet +war, und zwei Inschriften, welche Porcher und +Smith hier fanden, endlich die ausgezeichnet erhaltene +Marmorstatue von Apollo cytharoedes<a href="#FN-23" id="FNA-23"><sup>23</sup></a>, welche sie ausgruben, +und die gleichfalls in das British-Museum gekommen +ist. Obgleich einige Piedestale der Säulen noch +am Platze sind, so lässt sich doch trotz der Ausgrabungen +nichts Bestimmtes über den Bau des Apollo-Tempels +sagen. Wahrscheinlich war er in dorischer Ordnung +errichtet, und hatte seine Richtung fast von West nach +Ost. Er hatte nur Pronaes und Cella, und ein grosses +<a id="page-191"></a><span class="pgnum">191</span>Piedestal in dem westlichen Theile der Cella lässt erkennen, +dass der Eingang, wie übrigens in fast allen +Tempeln in Cyrene, von Osten war.</p> + +<p>Gegenüber dem Tempel nun haben wir gleich den berühmten +Apolloquell, heute ain Schehed genannt, welcher +einst die Veranlassung zur Gründung der Stadt Cyrene und +der später so blühenden Colonie war. Aus einem senkrechten +Fels hervorsprudelnd, bemerkt man oberhalb der +Front einen Giebeleinschnitt, Beweis, dass hier einst der +Quell mit einer Tempelfaçade geschmückt gewesen ist; +und rechts an einem Felsvorsprung liest man die bekannte +auf eine Renovirung der Quelle bezügliche Inschrift:</p> + +<div class="poem"> +<p>L<span class="greek">ΙΓΔΙΟΝΥΣΙΟΣΣΩΤΑ</span></p> +<p><span class="greek">ΙΕΡΕΙΤΕΥΩΝΤΑΝΚΡΑΝΑΝ</span></p> +<p><span class="greek">ΕΓΕΣΚΕΥΑΣΕ</span></p> +</div> + +<p>Von einem Bassin ausserhalb der Felswand kommt +man in eine ziemlich geräumige Grotte, welche rechts +eine geräumigere künstliche, und in zwei Abtheilungen +getheilte Höhle hat. Ursprünglich waren dies wohl +Zimmer für die Priester, jetzt sind sie verschlammt und +zum Theil unter Wasser. Beechey fand darin die Bruchstücke +von Altartischen mit Figuren. Von der Grotte +aus kann man nach Süden zu die Quelle fast 700 Schritt +weit verfolgen durch einen künstlich angelegten Gang, +fast überall 5' hoch und 4' breit. Stellenweise findet +man die Wände mit Namensinschriften bedeckt. Zuletzt +wird der Gang so niedrig, dass man gehend nicht weiterkommen +<a id="page-192"></a><span class="pgnum">192</span>kann, es ist auch wohl kaum anzunehmen, +dass die Quelle noch bedeutend weiter nach Süden zu +entspringt, da sie jedenfalls unter dem Höhenpunkt des +westlichen Berges von Cyrene ihren Ursprung nimmt. +Das Wasser der Quelle fanden wir zu 13°C. Dass aber +die alten Einwohner nicht allein ihren Wasserbedarf, +so reichlich und zulänglich auch die Apolloquelle ist, +von hier hatten, geht aus der ungeheuren Cysterne hervor, +welche man am südwestlichen Ende der Stadt antrifft. +Aus drei nebeneinander gebauten Reservoirs bestehend, +haben dieselben eine Länge von 260 Schritt +auf eine Breite von c. 175 Schritten. Das eine Reservoir +ist überwölbt mit Quadersteinen, welche fast alle +mit Buchstaben und Zeichen bezeichnet sind, wahrscheinlich +im Voraus, um sie später leichter zu vermauern. +Zwei der Reservoirs scheinen keine Gewölbe gehabt zu +haben, da die Trümmer oder Steine fehlen, womit sie +gewölbt gewesen wären, und dies lehrt uns wohl, dass +diese Cysternen erst in späterer Zeit angelegt, aber +nicht vollendet worden sind. Auch einer anderen Quelle, +welche gewiss in früherer Zeit von grosser Bedeutung +war, müssen wir noch erwähnen, welche im uadi Bel +Rhadir entspringt. Heute noch von den Einwohnern +ain Krenah genannt, würde uns dies fast auf die Vermuthung +führen, dass dies die Quelle Kyre gewesen sei, +wo zuerst die alten Griechen ihre Ansiedelungen gemacht +haben, wenn nicht der Apolloquell bedeutend +<a id="page-193"></a><span class="pgnum">193</span>stärker an Wasser und so recht im Mittelpunkt der +Stadt und der hauptsächlichen öffentlichen Gebäude gelegen +wäre. Ain Krenah, welches offenbar von Cyre, +Cyrene, hergeleitet ist, entspringt auch aus einer Grotte, +hat künstliche Reservoirs und alte steinerne Wassercanäle, +um das Wasser zu vertheilen. Ebenfalls aus +einem steil abfallenden Felsen des uadi Bel Rhadir, +welches sich am Südende der Stadt hinzieht, entspringend, +ist dies der lieblichste und anmuthigste Punkt der +Gegend. Vor der Quelle befindet sich eine geräumige +Plattform, welche nach dem Abgrunde zu, den hier die +malerische Schlucht bildet, von einer colossalen Quadermauer +gestützt ist. Das ganze Thal hat die üppigste +Vegetation und die Quelle selbst ist von Myrthen und +Oleanderbäumen dicht beschattet.</p> + +<p>Von ganz besonderem Interesse für den Forscher +ist die unendliche Todtenstadt, welche nach allen Seiten +hin die Stadt umgiebt. Die Zahl der freien Gräber und +Sarkophage, die Zahl der Höhlen, welche Todtenkammern +enthalten, ist so bedeutend, dass man glauben sollte, +die Stadt sei nur von Todten bewohnt gewesen. Freilich +ist nichts mehr unentweiht; kein Grab, keine Kammer, +die nicht erbrochen wäre, und das, was die Hand +der Barbaren unberührt gelassen hatte, als Inschriften +und Malereien, ist von den letzten Reisenden fortgenommen +und nach Paris und London gewandert. Und +im Ganzen können wir auch nur zufrieden damit sein, +<a id="page-194"></a><span class="pgnum">194</span>denn wenn Pacho, della Cella noch hie und da schöne +Wandgemälde vorfanden, wer hätte für ihre Erhaltung +garantirt!</p> + +<p>Die vollendetsten Todtengewölbe und Grabkammern +findet man am Nordabhange der Berge von Cyrene, auf +dem Wege nach Apollonia und im uadi Bel Rhadir. +Offenbar gaben ursprünglich bestehende Höhlen Veranlassung +zu dieser Art Beerdigung. Wir finden hier +die einfachsten Gräber, ohne jeglichen Schmuck, und +die vollendetsten mit Tempelfaçaden, Vorkammern, Hauptgängen +und Seitenkammern. Besonders grossartig, wenn +auch nicht schön, sind die Katakomben am Nordabhange, +von den Eingebornen Knissieh genannt. In dieser +Räumlichkeit, wo wir später des Photographirens halber +unsere Wohnung aufschlugen, ist sicher Platz für einige +1000 Leichen. Mehrere 100 Schritt weit ziehen sich +die Grabkammern in das Innere des Felsens, und oft +sind die Gräber so, dass man von einem aus in eine +untere oder obere Etage kommt, und nun wieder eine +ganze Gräberreihe vor sich hat. Aber auch hier ist +alles durchwühlt, und kein Grab unbeschädigt; oft watet +man Fusstief in Todtenstaub und zwischen Gerippen.</p> + +<p>Die vollendetsten Gräber sind in Bel Rhadir; hier +finden wir die meisten Façaden mit Säulen oder Halbsäulen +geschmückt. Ein Grabmal auch in den lebendigen +Fels getrieben, und zwischen dem Apolloquell +und dem grossen Theater gelegen, dürfte vielleicht das +<a id="page-195"></a><span class="pgnum">195</span>Grab des Battus gewesen sein; ein Marokkaner, welcher +darin seine Wohnung genommen hatte, erlaubte +uns leider den Zutritt nicht. Ganz recht hat Barth, +wenn er sagt, es giebt auch auf Speculation gebaute +Grabkammern, die vielleicht noch gar nicht benutzt wurden. +In der That findet man an der Nordseite der +Berge ganze Reihen solcher uniformen Gräber, inwendig +vollkommen leer, ohne Deckel und meist Raum für je +6 Gräber habend, zwei hintereinander und drei übereinander. +Die Form der Sarkophage ist eben so wechselvoll; +vom einfachsten, wie man sie zu Tausenden an +jedem zur Stadt führenden Wege findet, bis zum kunstvollsten, +oft tempelartig ausgearbeiteten. Die Sitte des +Verbrennens scheint nie in Cyrene geherrscht zu haben; +wenigstens bemerkten wir nirgends Nischen zum Aufbewahren +von Urnen; ebenso scheinen Särge aus Thon +nicht benutzt worden zu sein; auch Grabaltäre hat man +in Cyrene nicht gefunden, mit Ausnahme in der Knissieh, +wo auch noch zwei hübsch verzierte Statuen liegen.</p> + +<p>Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes waren +die Eingebornen recht freundlich gegen uns; sie brachten +uns Ziegen, Honig, Milch und Butter zum Verkauf, +und obgleich auch hier der photographische Apparat mit +sehr misstrauischen Augen betrachtet wurde, störten sie +uns doch nie bei unseren Arbeiten. Selbst Sidi Mustafa +der Eukadem der Sauya der Snussi, welche ihre Gebäude +seitwärts, dicht bei der Apolloquelle, erbaut haben, bot +<a id="page-196"></a><span class="pgnum">196</span>uns seine Dienste an; sich uns selbst zu zeigen, hielt +er sich aber zu heilig, und wir hatten auch keine Veranlassung, +seine Nähe zu suchen. Das Wetter aber war +während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes in der +Stadt und Necropolis entsetzlich: kein Tag ohne Regen +und Sturm, und des Morgens vor Sonnenaufgang so kalt, +dass der Thermometer meist unter Null war. So mussten +wir denn die Augenblicke zum Photographiren förmlich +abstehlen, und oft wenn wir durch bodenlose Wege +und über glatte Abhänge ans Ziel gekommen waren, +nöthigte uns das Wetter zur schleunigsten Heimkehr ins +Grab, wo ein loderndes Feuer unsere kalten Gliedmassen +erwärmte. Trotzdem konnten wir von dieser berühmten +Stadt über zwanzig Ansichten ermöglichen, welche dem, +welcher mit den Schwierigkeiten, im Freien zu photographiren, +und als Dunkelkammer nur ein wackliches +Zelt zur Disposition zu haben, vertraut ist, gewiss genügend +sein werden<a href="#FN-24" id="FNA-24"><sup>24</sup></a>. Leider gingen einige Glasplatten +verloren.</p> + +<p>Unsere Absicht von hier aus Apollonia zu besuchen, +konnten wir des entsetzlichen Wetters wegen nicht ausführen, +obgleich jener Ort nur circa 4 Stunden von Cyrene +entfernt ist. Die steilen Bergabhänge waren aber durch +den anhaltenden Winterregen für Kameele ganz unzugänglich +<a id="page-197"></a><span class="pgnum">197</span>geworden. Aus gleichem Grunde mussten wir +auch verzichten, nach dem etwas entfernteren Derna zu +gehen; unser einziger offner Weg war aber der auf der +Hochebene, rückwärts nach Bengasi. Ehe wir jedoch +diese Reise antreten, werfen wir einen Gesammtüberblick +über Cyrenaica.</p> + + + + +<hr class="front" /> + +<h2>Fußnoten:</h2> + + +<div class="FN"><p><a id="FN-1" href="#FNA-1"><sup>1</sup></a> Präfect von Paris.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-2" href="#FNA-2"><sup>2</sup></a> General Faidherbe ist Ehrenmitglied fast aller geographischen +Gesellschaften, auch unserer Berliner.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-3" href="#FNA-3"><sup>3</sup></a> Ein Sohn des von Bengasi nach Aegypten geflüchteten Sohnes Jussuf +Caramanli, der wie wir früher gesehen, revoltirt hatte.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-4" href="#FNA-4"><sup>4</sup></a> Dass in einer vom eigentlichen Tripolitanien so weit entfernten +Provinz Alexandrine Tinne ermordet werden konnte, ist nicht im Stande +die gute Mannszucht im eigentlichen Tripolitanien als schlecht +darzustellen. In Europa kommen auch Raubmorde vor und die Tinne zu +ermorden war für diese Halbbarbaren gewiss verlockender, als die Familie +Klink, die durch Traupmann ein Ende fand.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-5" href="#FNA-5"><sup>5</sup></a> Die Mschia, welche circa 8000 Gärten mit 3000 Brunnen hat, ist, wie +schon bemerkt, ganz Abgaben frei, dahingegen muss jeder Brunnen oder +Garten einen Krieger, im Falle der Muschir ihrer bedarf, stellen.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-6" href="#FNA-6"><sup>6</sup></a> Ein Franzose, Mr. Robert, hatte zur Zeit Abd el Djelil's von den +Arabern die Erlaubniss bekommen, den Schwefel ausbeuten zu dürfen, zu +dem Zwecke hatte sich schon eine Gesellschaft in Marseille gebildet. Als +man aber anfangen wollte, hatte Abd el Djelil seinen Tod gefunden und so +unterblieb die Ausbeutung. Im Jahre 1846 hatte sich aber eine andere +gegründet, mit der ersten vereinigt, welche den Titel hatte Compagnie +Anglo-Française pour l'exploitation des mines de soufre d'Afrique, aber +nun wollte die Pforte die Ausbeutung nicht gestatten, musste der +Gesellschaft indess eine Abfindungssumme von 350,000 Francs zahlen im +selben Jahre.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-7" href="#FNA-7"><sup>7</sup></a> Klöden hat die sehr hohe Zahl 1,500,000 Einwohner.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-8" href="#FNA-8"><sup>8</sup></a> Mkaddem, Vorsteher, Verwalter.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-9" href="#FNA-9"><sup>9</sup></a> Ganz Tuat ist Thaibisch und selbst in Timbuctu ist ein Filialsauya +des Thaib.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-10" href="#FNA-10"><sup>10</sup></a> Mit Ausnahme der Buabin von Bab er Lab in Persien gestiftet, welche +offen auf eine Vereinigung mit der christlich semitischen Religion +streben; in Algerien besteht ausserdem die tolerante Brüderschaft der +Tedjadjna, v. Duveyrier, les touareg etc. und noch viele andere.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-11" href="#FNA-11"><sup>11</sup></a> Ritter: 25,000 Ew., Barth: 13–14,000 Ew., Mircher: 15–18,000 Ew., +Vatonne: 30,000 Ew. (mit der Mschia), Hoffmann: 30–35,000 Ew., Testa: +10,000 Ew., Klöden: 10,000 Ew., Maltzan: 15–18,000 Ew.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-12" href="#FNA-12"><sup>12</sup></a> Die Pforte verleiht dem Patriarch von Jerusalem das Recht, +unter seiner Flagge, welche weiss ist, durch ein rothes Kreuz geviertelt +und in den vier weissen Feldern wieder je ein rothes Kreuz +hat, Schiffspatente zu verkaufen; dies wird häufig von katholischen +Rhedern benutzt, und der Jerusalemer Pavillon ist auf dem mittelländischen +Meere von allen Mächten, auch von der Pforte, als neutral +respectirt.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-13" href="#FNA-13"><sup>13</sup></a> In Tripolis und dem Rharb sagt man <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/kudas.png" alt="[arabisch: kudas]"/></span> kudas für Glocke, +eigentlich heisst das aber Messe und Glocke <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/el-djars.png" alt="[arabisch: el djars]"/></span> el djars.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-14" href="#FNA-14"><sup>14</sup></a> Siehe Barths Wanderungen.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-15" href="#FNA-15"><sup>15</sup></a> Siehe Mission de Rhadames.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-16" href="#FNA-16"><sup>16</sup></a> Barths Wanderungen.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-17" href="#FNA-17"><sup>17</sup></a> Die letzte auf Regierungskosten ausgerüstete Entdeckungsreise war +die nach Aegypten, abgerechnet die von Minutoli und Ehrenberg u.a. nach +der Jupiter Ammons-Oase und Cyrenaica. Bekanntlich wurde nur die +Ammons-Oase erreicht.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-18" href="#FNA-18"><sup>18</sup></a> Nec procul ante oppidum fluvius Lethon, lucus sacer, ubi Hesperidum +horti memorantur. Nat. hist. V. c. 5.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-19" href="#FNA-19"><sup>19</sup></a> Dapper nennt den Lethe des Ptolemäus Milel-Fluss.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-20" href="#FNA-20"><sup>20</sup></a> Barth 3500 Schritt, della Cella 2 M.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-21" href="#FNA-21"><sup>21</sup></a> Siehe Gottschick. Geschichte der Gründung und Blüthe des +hellenischen Staates in Cyrenaica. Leipzig, Teubner 1858.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-22" href="#FNA-22"><sup>22</sup></a> Die Inschrift bezieht sich auf Archippe aus der Ptolemäischen +Dynastie:</p> + +<div class="poem"> +<p><span class="greek">ΑΡΧΙΠΠΑΝΠΤΟΛΕΜΑΙΟΥ</span></p> +<p><span class="greek">ΕΥΙΝΙΕΡΙΤΕΥΟΥΣΑΝΠΤΟΛΕ</span></p> +</div> +</div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-23" href="#FNA-23"><sup>23</sup></a> Unter anderen fanden Smith und Porcher eine männliche Statue, +wahrscheinlich Hadrian, dann einen Minervakopf, den Kopf des ersten +römischen Proprätors Gnaeus Corn. Lentulus Marcellinus, einen +Bronce-Portrait-Kopf, kleinere Broncegegenstände und Lampen von +Terracotta. Von den kleinen Broncefiguren eine Figur von Jupiter Ammon +und eine Gruppe, die Cyrene, wie sie einen Löwen erdrosselt, +darstellend.</p></div> + +<div class="FN"><p><a id="FN-24" href="#FNA-24"><sup>24</sup></a> Der Photograph E. Salingré aus Berlin, hat die Photographien in +gross Quartformat, 40 an der Zahl abgezogen, und dieselben sind käuflich +bei ihm zu haben.</p></div> + +<h3>Transkriptionsnotiz:</h3> + +<div class="FN"> +<p>Die folgenden Druckfehler der Originalvorlage wurden in diesem Etext korrigiert:</p> + +<p>Seite 42: "zn" korrigiert zu "zu"</p> + +<p>Seite 110: "übererall" korrigiert zu "überall"</p> + +<p>Seite 120: "hei" korrigiert zu "bei"</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band, by +Gerhard Rohlfs + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH *** + +***** This file should be named 17599-h.htm or 17599-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/5/9/17599/ + +Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net (This file was produced from images +generously made available by the Bibliothèque nationale +de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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