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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:51:30 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band, by
+Gerhard Rohlfs
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band
+
+Author: Gerhard Rohlfs
+
+Release Date: January 24, 2006 [EBook #17599]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH ***
+
+
+
+
+Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net (This file was produced from images
+generously made available by the Bibliothèque nationale
+de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+Von
+TRIPOLIS nach ALEXANDRIEN.
+
+
+
+
+
+
+BESCHREIBUNG
+der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen
+in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise
+
+
+von
+
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+
+Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithographien
+und vier Tabellen.
+
+
+ERSTER BAND.
+
+
+Bremen, 1871
+
+
+
+[Illustration: Marmor-Widder Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.]
+
+
+
+Seiner Majestät
+
+
+DEM KAISER WILHELM VON DEUTSCHLAND
+KÖNIG VON PREUSSEN etc. etc.
+mit Allerhöchster Bewilligung
+
+
+in tiefster Ehrfurcht
+
+
+gewidmet
+
+
+vom
+
+
+VERFASSER.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Seit dem Herbste 1868, in welchem die Reise nach Tripolitanien auf Befehl
+des Königs von Preussen unternommen wurde, welche Ereignisse sind da an
+uns vorüber gegangen!
+
+Der König von Preussen ist Kaiser von Deutschland geworden; und wenn schon
+in den letzten Jahren die Deutschen im Auslande nicht mehr wie Schutzlose
+oder als nicht ebenbürtig und gleich berechtigt den übrigen Nationen
+gegenüberstanden, um wie viel mehr wird jetzt "Kaiser und Reich", selbst
+in den "weitesten Fernen" die Deutschen beschirmen.
+
+Und inmitten dieser gewaltigen Begebenheiten ist auch schon die Nachricht
+vom günstigen Resultate der Expedition nach Tripolitanien und nach dem
+Inneren von Afrika angelangt: Dr. Nachtigal erreichte mit den Geschenken
+glücklich die Hauptstadt von Bornu, Kuka, und wurde, wie zu erwarten
+stand, auf's Zuvorkommendste vom Sultan Omar empfangen.
+
+Das vorliegende Buch, Ergebniss der Reise nach Tripolis, und der von hier
+aus unternommenen Reise nach Cyrenaica und der Oase des Jupiter Ammon,
+sollte ursprünglich Mitte 1870 dem Publicum vorgelegt werden. Die
+Kriegsereignisse brachten eine Verzögerung der Herausgabe hervor. Möge
+diesem Werke dieselbe günstige Aufnahme und nachsichtige Beurtheilung von
+Seiten des Publicums zu Theil werden wie den früheren Arbeiten des
+Verfassers.
+
+Gestattet sei mir hier, der Verlagshandlung für die schöne Ausstattung des
+Buches meinen Dank auszusprechen, namentlich dafür, dass dieselbe nicht
+gescheut hat, ohne den Preis desselben wesentlich zu erhöhen, die
+musterhaften Karten von Kiepert, sowie die von G. Hunckel ausgeführten
+Chromolithographien beizufügen. Leider konnten die zahlreichen
+Photographien, die der Reisende in Cyrenaica aufnehmen liess, nicht
+eingeschaltet werden, da der Preis des Buches sich dadurch verfünffacht
+haben würde.
+
+_Weimar_, im Januar 1871.
+
+Gerhard Rohlfs
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichniss.
+
+
+Philippeville, Bone und Tunis
+Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis
+Tripolitanien
+Tripolis
+Leptis magna
+Bengasi
+Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluss
+Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene
+Cyrene
+
+
+
+
+Philippeville, Bone und Tunis.
+
+
+Es war im Herbste des Jahres 1868, als ich von der preussischen Regierung
+den Auftrag bekam, die Geschenke, welche der König für den Sultan von
+Bornu bestimmt hatte, nach Tripolis zu übermitteln, um sie von dort aus
+mittelst eigener Karavane ins Innere zu befördern. Die mit den letzten
+Entdeckungsreisen im Innern von Afrika Vertrauten werden sich erinnern,
+dass König Wilhelm, in Anerkennung der grossen Dienste, welche Sultan Omar
+von Bornu gegen deutsche Reisende geleistet, beschlossen hatte, diesem
+dadurch seine Dankbarkeit zu bezeigen, dass er demselben eine Reihe
+passender Geschenke übermachte. Sultan Omar hatte von der englischen
+Regierung aus ähnlichem Anlass auch früher schon Geschenke bekommen.
+
+Die preussischen bestanden in einem in Berlin gearbeiteten Thron,
+Zündnadelgewehren, Doppelfernglas, Chronometer, Uhren, Bildern der
+königlichen Familie, und dazu sollten noch in Tripolis durch Consul Rossi
+angeschaffte Sachen kommen, als Rosenessenz, ächte Corallen, Seiden-,
+Tuch- und Sammetstoffe. Die von Berlin aus abgegangenen Sachen sollte ich
+in Marseille empfangen.
+
+Mein Weg führte mich daher über Frankreich, wo ich namentlich meine
+Ausrüstung zu machen hatte, denn nicht nur hatte ich von Tripolis aus den
+Abgang der Geschenke einzuleiten, sondern auch die Erlaubniss und Mittel
+zu einer Reise durch Cyrenaica und die Jupiter-Ammons-Oase erhalten.
+
+Keine Stadt am mittelländischen Meer nimmt einen so raschen Aufschwung wie
+Marseille, besonders hervorgerufen durch den Handel mit der
+gegenüberliegenden Colonie. Und was würde Marseille sein, befände sich die
+Colonie in einem blühenden Zustande, hätten die Franzosen von Anbeginn der
+Eroberung den Grundsatz befolgt: die Araber, vielleicht die Berber, in die
+Wüste zu drängen, wohin sie gehören, und so ein freies Terrain für
+europäische Cultur und Gesittung geschaffen! Unter diesen Umständen würde
+Algerien statt jetzt einige hunderttausend Europäer, einige Millionen
+haben. Aber die falschen Grundsätze von Philanthropie, die
+civilisatorischen Ideen solcher Leute, welche auf die fanatischen
+Eingebornen dieselben Regeln anwenden wollten, welche man auf durch
+Jahrhunderte hindurch gereifte Völker anwendet, haben dies alles
+verhindert.
+
+Ich will damit nicht sagen, dass die Araber sich nicht civilisiren
+liessen; sie haben sicher dieselben Anlagen, Fähigkeiten, Gefühle, wie
+wir; aber sie wollen keine Civilisation, ihre Religion erlaubt es nicht.
+Und eben deshalb werden sie verschwinden, denn die Civilisation lässt sich
+nun einmal nicht aufhalten, und die Völker, welche nicht mit fort wollen,
+werden absorbirt oder vernichtet werden. So sehen wir denn auch
+unaufhaltsam den Islam seinem Ende entgegen gehen, sowohl Araber als
+Türken können sich gegen das Christenthum nicht halten; ohne dass diesen
+Völkern ein Zwang angethan wird, gehen sie ihrem Untergange entgegen. Und
+selbst in der christlichen Religion sehen wir bei den Völkern, welche
+durch die Religion gefesselt sind, ein geistiges Verkommen, einen
+Rückschritt; der Franzose sieht und constatirt mit Bangen keine Zunahme
+der Bevölkerung, und in Spanien, in Italien, wie sieht es da aus!
+
+Dem Islam gegenüber ist aber selbst die katholische Religion Fortschritt,
+deshalb wird auch das mohammedanische Element über kurz oder lang dem
+Christenthum in Algerien unterliegen, so sehr sich die französische
+Regierung auch Mühe giebt, die Araber zu civilisiren, zu pflegen, zu
+begünstigen und auf Kosten der Europäer zu bevorzugen.
+
+Wir fanden in Marseille alles in bester Ordnung, und wie immer die
+liebenswürdigste und zuvorkommendste Aufnahme bei unserm deutschen Consul,
+Hrn. Schnell.
+
+Wie wenig übrigens sonst von den Marseillern auf deutsche Sitte und
+Sprache gegeben wird, geht daraus hervor, dass nicht ein einziges
+deutsches Journal im ersten Club der Stadt, dem Cercle des Phocéens,
+vorhanden war, von den englischen war nur die Times vorhanden. Die
+eigentlichen Marseiller sind eben nur Krämer, keine Kaufleute; der
+Grosshandel ist einzig in den Händen eingewanderter Franzosen oder
+Schweizer.
+
+Aber grossartig ist die Stadt und hat in Hrn. Maupas, dem vorletzten
+Präfecten, einen wahren Haussmann[1] gehabt. Die Präfectur, die neue
+Börse, das kaiserliche Palais, das bischöfliche Schloss, ohne viele andere
+Gebäude zu nennen, sind alle Prachtbauten, und die neuen Stadttheile, die
+Faubourgs mit den beiden grossartigen Häfen Port Napoléon und Joliette
+machen Marseille zu einer der glänzendsten Städte des Mittelmeeres.
+
+Und auch die Umgebung hat merkwürdige Veränderungen erlitten. Früher von
+kahlen Kalkfelsen bordirt, welche die Meeresufer pittoresk, aber nicht
+schön machten, hat man durch sorgfältige Bewässerungen und Auftragen von
+Humus grüne, mit Pinien und anderen Bäumen geschmückte Hügel geschaffen,
+und der Prado von Marseille ist einer der schönsten der Welt. Wer nach
+Marseille kommt, versäume ja nicht, nach der sogenannten Reserve zu gehen,
+auf dem Wege nach Toulon längs dem Meere gelegen; eine Restauration, im
+grossartigsten Verhältnisse aufgeführt, von der aus man die prachtvollste
+Aussicht auf Stadt, Meer und die vorliegenden Inseln hat.
+
+Doch alle diese Einzelheiten sind in den Reisebüchern zu finden, und ich
+für meinen Theil hatte Marseille schon so oft gesehen, vom Anfange seines
+neuen Daseins an (da wo die prächtigen Häuser unterhalb des bischöflichen
+Palais sich hinziehen, hatte ich vor Jahren gebadet), dass ich gar keine
+Lust verspürte, den Aufenthalt unnöthig zu verlängern.
+
+Es war mir deshalb sehr erwünscht, dass Consul Schnell sich bereitwilligst
+erbot, meine sämmtlichen Kisten nach Malta spediren zu wollen; auf diese
+Art wurde es möglich, dass ich gleich am folgenden Tage Passage an Bord
+des nach Tunis fahrenden Dampfers nehmen konnte, um so auf diesem Umwege
+Malta zu erreichen. Der directe Dampfer sollte erst am 27. November und
+mit ihm mein Gepäck abgehen, wir gingen Nachmittags desselben Monats am
+20. an Bord. Unser Schiff, Cayd genannt, war kein der Messagerie
+gehörender Dampfer, sondern ein von dieser Gesellschaft gemiethetes Boot,
+welches der Compagnie der Navigation mixte zugehörte. Klein und mangelhaft
+eingerichtet, war das Schiff bis Philippeville mit Passagieren aller
+Classen überfüllt, und selbst die erste Classe hatte ein knotiges
+Aussehen. Mit Ausnahme eines Engländers, der wie ich nach Tunis wollte und
+ein sehr gebildeter und feiner Gentleman war, bestand die ganze Zahl der
+Passagiere aus Franzosen. Die zweite Classe war theils mit französischen
+Officieren, theils mit Kaufleuten besetzt; das Verdeck war überfüllt mit
+Soldaten aller in Algerien üblichen Truppen, mit leichten Frauenzimmern,
+welche das Mutterland einer Colonie sandte, und einigen arabischen
+Pilgern, welche von Mekka kamen.
+
+Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange Zeit, und das Wetter war
+andauernd günstig; schon am Sonntag Morgens, den 22. Novbr., waren die
+Berge Afrika's in Sicht, und um 2 Uhr lagen wir vor Stora, dem kleinen
+Hafenorte von Philippeville. Stora ist für Philippeville derselbe Platz,
+der Mers el Kebir für Oran ist, auch die topographische Lage ist fast
+dieselbe. Aber sowohl an Wichtigkeit im Verkehr als an Schönheit
+übertreffen die beiden Orte der Provinz Oran um ein bedeutendes die der
+Provinz Constantine. Die Ausschiffung ging rasch von Statten, da Barken
+genug vorhanden waren, und die Araber doch unter französischer Herrschaft
+schon ein gutes Theil jener Zudringlichkeit und Unverschämtheit verloren
+haben, welche sie da ausgezeichnet, wo sie unter eigener oder türkischer
+Herrschaft stehen. Aber nun, wo unser Schiff ruhig auf den glatten Wellen
+lag, merkte ich, dass es noch eine berühmte und glänzende Schönheit
+beherbergt hatte, die Marquise von G..., eine der ersten Schönheiten am
+Hofe Napoleons III. und Ehrendame seiner kaiserl. Gemahlin. Diejenigen,
+welche mit dem Hofe Napoleons vertraut sind, werden leicht errathen
+können, wer diese hervorragende Schönheit ist, welche hier von ihrem
+Gemahl, dem Obersten des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, empfangen
+wurde. Wir liessen uns alle direct nach Philippeville rudern, und die
+meisten von uns stiegen im Hôtel d'Orient ab; das heisst, ich schreibe
+Hôtel, man denke "Kneipe". In der That merkwürdig genug, wie gleich beim
+Betreten der Provinz Constantine die angenehme Erinnerung der so sehr
+guten Hôtels in Algier und Oran zu nichte wird. Gerade das Hôtel d'Orient
+der Stadt Algier selbst kann mit den grössten Hôtels der grössten Städte
+wetteifern, und hier? Ein Zimmer, dessen Wände nur hell getüncht waren,
+schmutzige Wäsche, das primitivste Ameublement. Wie wird sich die Marquise
+von G..., die so eben aus den glänzendsten Salons von Compiègne kommt,
+hier zurecht finden, dachte ich, und doch waren ihre Zimmer, welche sie
+mit ihrem Manne innehatte, wohl nicht besser als das meinige. Doch wozu
+braucht man Zimmer in einem Lande, wo ewig Frühlingslüfte wehen! Riefs und
+ging hinaus auf den Platz, wo die Miliz-Musik gerade eine Pièce aus der
+Afrikanerin spielte. Darüber kam der Abend heran und denselben verbrachten
+wir, d.h. der Engländer Herr B. vom Foreign Office und ich,
+gemeinschaftlich. Wir hatten viele Anknüpfungspunkte zusammen, abgesehen
+davon, dass er, wie jeder Engländer, sehr deutsch gesinnt war, kannte er
+fast alle meine Bekannten in London und ich die seinigen in Berlin, er war
+bei der letzten Reise der Königin nach Berlin in deren Gefolge gewesen.
+Wir durchliefen die verschiedenen Cafés, die Strassen und waren Abends
+einen Augenblick im Theater, wo zum Besten der Armen ein Ball gegeben
+wurde. Herr B. war ein ganz angenehmer Gesellschafter, sprach auch gut
+deutsch und französisch, jedoch konnte er es nie lassen, den Engländer
+herauszubeissen, wenn's an's Bezahlen ging; dann drang er den Leuten immer
+mit Gewalt die doppelte Summe auf, so dass Manche ihn sicher für verrückt
+hielten.
+
+Wir weilten noch einen andern Tag in Philippeville; ich verbrachte ihn
+damit, die sehr merkwürdigen Alterthümer der Stadt zu besehen. Zum Theil
+bestehen dieselben aus grossartigen Cisternen, auf den Anhöhen, welche zu
+beiden Seiten die Stadt flankiren, gelegen. Es scheint, dass Philippeville
+unter der Römerherrschaft ausschliesslich sein Wasser das ganze Jahr
+hindurch aus Cisternen bezog, und selbst heute, wo die Franzosen den Ort
+durch eine Wasserleitung versorgt haben, wird noch ein grosser Theil der
+Stadt aus den antiken renovirten Wasserbehältern gespeist. Und noch alle
+Tage entdeckt man neue Reservoirs. So hat man ganz kürzlich noch hinter
+der Commandantur eine der grossartigsten alten Cisternen, vollkommen gut
+erhalten, blosgelegt; niemand hatte eine Ahnung davon seit den mehr als 30
+Jahren, dass die Franzosen Philippeville besitzen. Die herrlichsten
+Bauüberreste von Philippeville finden sich da, wo heute das College
+hingebaut ist, und hier hat man auch das archäologische Museum
+eingerichtet. Ein Theater, halbzirkelförmig, wie ein ähnliches, aber viel
+kleiner, in Verona vorhanden ist, beherbergt jetzt eine Menge werthvoller
+Statuen, Sarkophage und Grabsteine, welche mit den zahlreichen, oft gut
+erhaltenen Inschriften dem Forscher ein ganzes Blatt aus der Geschichte
+vorlegen. Eine fast vollkommen erhaltene Statue eines römischen Imperators
+fesselte vor allem unsere Aufmerksamkeit. Herr Roger, der gelehrte
+Vorsteher des Museums, glaubt in derselben einen Hadrian zu sehen, Andere
+haben einen Caracalla darin erkennen wollen. Ich denke, dass der Grund des
+Herrn Roger, ein Vater-, Bruder- und Menschenmörder könne unmöglich eine
+so "ausgezeichnete, intelligente und gute Physiognomie gehabt haben,"
+nicht stichhaltig ist. Die Geschichte zeigt, dass sehr häufig die
+körperlich bestgeformten Menschen die grössten Scheusale waren. Viel
+richtiger ist indess Herrn Rogers Behauptung, eine grosse Aehnlichkeit in
+den Gesichtszügen der Statue mit den dem Hadrian gewidmeten Münzen
+gefunden zu haben. Es sind noch mehrere andere Marmorstatuen aufgestellt,
+von denen es jedoch noch unsicherer ist, was sie vorstellen sollen. Ein
+einfacher Marmorsarkophag wurde, vollkommen gut erhalten, dicht bei
+Philippeville auf dem Wege nach Stora gefunden. Das Skelett befindet sich
+im Museum selbst. Andere Sarkophage mit Basreliefs, jedoch ohne Deckel,
+sind in grosser Zahl vorhanden. Die Capitäler vom schönsten corinthischen
+Laube lassen schliessen, wie reich das alte Rusicade war. Viele dieser
+Schätze sind aus der Umgegend hergebracht, zum grössten Theil jedoch in
+der Stadt selbst gefunden worden.
+
+In der That muss das alte Rusicade, aus seinen Ruinen zu schliessen, ein
+viel bedeutenderer Ort gewesen sein, als wir nach den spärlichen
+Ueberlieferungen der Alten glauben sollten. Ptolemäus führt Rusicade nicht
+einmal als Colonie auf, aber durch die Peutinger'schen Tafeln erkennen wir
+die Bedeutung der Stadt aus den beigemalten Häuschen. Bei Pomp. Mela und
+Plinius geschieht ihrer Erwähnung. Nach Vibius soll dicht bei Rusicade der
+kleine Fluss Tapsus ins Meer gemündet sein, und dies ist offenbar der
+heutige ued Safsaf. Ihr erster Name scheint Thapsa, die Stadt überhaupt
+phönicischen Ursprungs gewesen zu sein. Im Alter war sie der Stadt Cirta
+von derselben Bedeutung, wie sie es heute als Hafenort für Constantine
+ist.
+
+Der Alterthumsforscher findet aber seine eigentlichen Kleinodien im Museum
+selbst, und wenn das Gebäude auch schuppenartig aussieht, so birgt es doch
+manche Sachen, um welche es die Museen in London und Berlin beneiden
+würden. Erst auf Antrieb des Prinzen Napoleon im Jahre 1850 in's Leben
+gerufen zu der Epoche, wo dieser gelehrte und die Wissenschaften pflegende
+Prinz rein Rundschreiben an die Präfecten von Algerien richtete: "d'aviser
+à la conservation des ruines, vestiges et débris de la domination
+romaine," hat in der kurzen Zeit von nicht 10 Jahren, unter der
+sorgfältigen Hand des Herrn Roger das archäologische Museum einen raschen
+und blühenden Aufschwung genommen. Aber um ein solches Werk zu fördern,
+gehört auch eben ein Mann dazu, wie es Herr Roger ist. Ich hatte das
+Glück, von ihm selbst, der von Stand Architekt und Professor der
+Zeichnenkunst am Collegium in Philippeville ist, im Museum herumgeführt zu
+werden, und konnte mich überzeugen, mit welcher väterlichen Sorgfalt er
+jedes, auch das kleinste Object würdigte.
+
+Und nicht nur hatte er seine Aufmerksamkeit auf alte römische Ueberreste
+oder Gegenstände aus der ersten Periode des Christenthums gerichtet; da
+finden wir prachtvolle Stalaktiten, Korallen, Krystalle aus der Umgegend
+der Stadt, eine Schädelsammlung, ethnographische Gegenstände selbst aus
+China; ja in letzter Zeit war es Herrn Roger gelungen, einen echten
+Tintoretto, den ein Malteser Marketender im Winde aushängen hatte, für's
+Museum zu erstehen, und das zu dem fabelhaft billigen Preise von 3 Francs.
+Es soll unzweifelhaft feststehen, dass das Bild von Tintoretto ist, und so
+würde es jetzt einen Werth von einigen Tausend Thalern erlangt haben.
+
+Hauptsächlich reich ist die Sammlung von Lampen, einige davon auf dem
+Boden mit einem Kreuze versehen, ein Zeichen, dass sie der christlichen
+Zeitrechnung angehören; Thränenvasen, Amphoren, Aschenvasen sind in
+reichhaltigster Auswahl vorhanden, und täglich werden noch neue gefunden.
+
+Ueberhaupt sind alle Haushaltungsgegenstände vorhanden, Schmucksachen,
+Küchengeschirr etc. Dass die Münzen nicht fehlen, versteht sich von
+selbst, und besonders ist es der Meeresstrand, der nach heftigen Stürmen
+oft eine reiche Ernte giebt für's Museum. Die meisten Münzen sind von
+Hadrian, dann von Antonin dem Frommen, Faustin, Maxentius, Constantin dem
+Grossen, Constantin dem Jüngern, Marcus Aurelius, Claudius II, Trajan,
+Vespasian, Alexander Severus und einzelne von allen Imperatoren. Sehr
+zahlreich sind die numidischen Münzen, alle daran kenntlich, dass sie auf
+einer Seite ein laufendes Pferd zeigen, meist nach links gerichtet.
+
+Nachmittags besahen wir die Umgegend von Philippeville, welche überall
+einen lachenden Garten bildet, und selbst zur Winterzeit hatte der warme
+Regen in wenigen Tagen eine so üppige Vegetation hervorgerufen, dass der
+Frühling wirklich vor den Thoren zu sein schien. Die Bäume sind meistens
+Oliven, Korkeichen und Lentisken, und vom kleinerem Gebüsch findet man die
+Zwergpalme und Aloe; Zahlreiche kleine Dörfer umgeben die Stadt, es
+scheint aber keines in besonders blühendem Zustande zu sein; wenigstens
+sehen die, welche wir besuchten, nur kläglich aus. Will man von der
+einheimischen Bevölkerung sprechen, so fällt einem fast die Feder aus der
+Hand; die schreckliche Hungersnoth, welche so eben die Araber decimirt hat
+und jetzt freilich zu Ende ist, sprach noch aus den Augen fast jedes
+Individuums. Zerlumpt, schmutzig, der Körper nur aus Haut und Knochen
+bestehend, schleichen sie wie Phantome umher. Aber sie haben schon Alles
+vergessen und nichts gelernt, eine nächste Missernte wird ihnen ein
+gleiches Schicksal bereiten. Am Hafen lungerten immer Hunderte dieser
+halbnackten Kerle herum, und blickten mit stolzer Verachtung auf die
+arbeitenden Christen, ohne indess zu stolz zu sein, einem Fremden gleich
+die bettelnde Hand entgegenzustrecken.
+
+Hr. B., der Engländer, kehrte noch Nachmittags an Bord zurück, das
+Wirthshaus war ihm zu schlecht, und da er seines kranken Zustandes wegen
+nicht gehen konnte, also fast die ganze Zeit auf das Hôtel d'Orient
+angewiesen war, konnte er auch nichts Besseres thun.
+
+Ich selbst blieb mit meinen Leuten noch bis am andern Morgen und dann
+gingen wir zu Fusse nach Stora. Der Weg geht immer längs des Meeres und an
+zahlreichen Landhäusern, von hübschen Lustgärten umgeben, vorüber und bei
+jeder Drehung des Weges bietet er ein anderes Panorama, dass die vier
+Kilometer Entfernung ganz unbemerkt dahin schwinden.
+
+Stora selbst ist ein kleiner Ort von einigen Häusern, und diese sind fast
+alle Schnapsläden oder Kaffeehäuser, aber auch eine Kirche und Schule
+fehlen nicht, beide hoch über dem Orte gelegen. Der Ort war auch schon in
+alten Zeiten besiedelt; eine grossartige Cisterne, von den Römern erbaut
+und jetzt renovirt, und eine reizende Marmorfontaine, am Meere gelegen und
+von der Cisterne gespeist, bezeugen dies hinlänglich. Noch heute hat die
+Cisterne Wasser genug für den ganzen Ort, und die Marmorfontaine strahlt
+das Wasser noch ebenso aus, wie zur Zeit der Römer. Von einem hohen
+Gewölbe überdacht, ein Gewölbe, welches halb in die Felswand gehauen und
+halb aus Ziegeln errichtet ist, aber auch aus den Römerzeiten herstammt,
+verbreitet die Fontaine eine so angenehme Kühle, dass ich hier mein
+Frühstück auftragen liess und die Zeit verbrachte, bis ich an Bord
+zurückging.
+
+Von Zeit zu Zeit kamen die jungen Storenser Mädchen mit ihren
+Wasserkrügen, um sie zu füllen, fast alle barfuss und fast alle
+italienisches Blut, denn die eigentliche Volksschichte besteht hier meist
+aus Maltesern. Sah man aus der künstlichen Grotte heraus, so hatte man das
+schönste Bild vor Augen; der ganze herrliche Golf, im Hintergrunde
+Philippeville, die auf den Wellen schaukelnden Dampfer, zahlreiche kleine
+Fischerboote mit ihren grossen lateinischen Segeln--tagelang hätte ich in
+diesem Zauberneste bleiben mögen. Aber die Stunde schlug, der alte
+Bootsmann bemächtigte sich des Gepäckes, und wir ruderten wieder auf
+unsern Caid los.
+
+Am andern Morgen, der Dampfer war schon gegen Mitternacht angekommen,
+lagen wir auf der Rhede von Bone.
+
+Stolz lag die Tochter des alten Ortes Hippo regius vor uns. Hatte der
+heilige Augustin wohl geahnt, dass einst nach 1000 Jahren hier wieder das
+Evangelium gelehrt werden würde?
+
+Bone liegt jetzt ganz auf der Stelle des alten Hippo, von dem wir wissen,
+dass es 5 M. nordwestlich von der Mündung des Ubus- (Seibouse-) Flusses
+gelegen war. Der Name Bona, der schon im zwölften Jahrhundert erscheint
+und offenbar von [griechisch: hippôn basilikos] gebildet ist, hat jetzt
+sich in das französische Bone verwandelt. Von den Tyriern angelegt, ist
+der Name Hippo phönicischen Ursprunges. Zuerst den Carthagern botmässig,
+wurde von den Römern der Ort Massinissa und seinen Nachfolgern überlassen,
+und erhielt zu dieser Epoche den Beinamen regius, theils um nun dies Hippo
+von dem nahen Hippo Zaritus zu unterscheiden, theils weil es oft Sitz der
+numidischen Könige selbst war. Als die Römer sich später selbst dieses
+Landes bemächtigten, blieb Hippo noch eine bedeutende, indess wenig
+beachtete Stadt; aber die Häuschen der Peutinger'schen Tafel beweisen auch
+hier zur Genüge die Ansehnlichkeit des Ortes.
+
+Der heilige Augustin, der in Tagasta geboren, in Carthago erzogen, hier
+als Bischof wirkte, war es, der hauptsächlich die Christen zu jener
+heldenmüthigen Vertheidigung gegen den Vandalen Genserich anspornte. Sein
+Gebet, nicht in die Hände der Barbaren zu fallen, sollte erfüllt werden:
+im 3. Monat der Belagerung starb er. Hippo Regius wurde dem Boden gleich
+gemacht; aber Augustin, einer der grössten Kirchenväter, würde allein das
+Andenken an Hippo bewahrt haben, wenn nicht in der Neuzeit die
+grossartigen Ruinen, die selbst dem Vandalismus nicht erliegen konnten,
+Zeugniss von der einstigen Blüthe dieses Ortes gegeben hätten.
+
+Ich nahm sogleich ein Boot und liess mich ans Land setzen, da wir bis
+Nachmittag Zeit hatten, und die Strassen der Stadt durchlaufend, kam ich
+bald ans andere Ende, wo unter einem alten Aquäduct hindurch und zwischen
+lachenden Gärten liegend der Weg zur Pepinière führt. Fast jede Stadt
+Algeriens hat eine Pepinière oder Baumpflanzschule. Meist sind dieselben
+zu vollkommenen Jardins d'essai ausgebildet, und haben somit für die
+Colonisation das Gute, dass die Pflanzer sich nicht mit unnützen Versuchen
+abzumühen brauchen. Gedeiht ein Baum gut, oder sieht man namentlich
+nützliche Pflanzen im Klima Algeriens anschlagen, so wird das öffentlich
+bekannt gemacht und Sämereien oder Stecklinge zur Disposition der Pflanzer
+gestellt. Es ist dies gewiss ein sehr nützliches Unternehmen der
+Communalbehörden, und namentlich der grosse Garten dieser Art von Algier
+selbst hat grosse Verdienste um Einführung früher nicht gekannter
+Pflanzen.
+
+Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, "der Franzose versteht ganz
+und gar nicht zu colonisiren". Der französische Bauer ist, namentlich der
+aus dem Norden, ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung wird von
+den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie von uns. Auf den meisten
+grösseren Farmen wird jetzt Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet,
+und die Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch
+Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth. Will es
+trotzdem mit der Colonisation nicht recht vorwärts gehen, so liegt das
+theils an der Militär-Administration, theils an der Einrichtung der
+Bureaux arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten der
+Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst nach allen Richtungen das
+Land, und die Hauptörter werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander
+verbunden sein.
+
+Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt in seinem Innern ein
+kleines naturhistorisches Museum, das indess nichts besonderes aufzuweisen
+hat. Ein alter römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist die
+einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt, obschon sonst
+die Gegend an Ueberresten der Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner
+überreich ist.
+
+Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General Faidherbe hier
+stationirt war, er war es eben, der den Sarkophag hieher hatte
+transportiren lassen. Die Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um
+die Geographie von Afrika[2] verdienten Mannes musste also rasch gemacht
+werden, und ich liess mich auf das Hôtel der Subdivision, welche Hr.
+Faidherbe jetzt commandirte, führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie
+zuvorkommend ich vom General empfangen wurde, ich durfte ihn natürlich
+während der Stunden meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen, und nach dem
+Frühstück hatte er die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der
+Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen, oder
+vielleicht waren es Bäder, an deren oberen Partie man dem heiligen
+Augustin ein hübsches Denkmal errichtet hat. General Faidherbe, der lange
+Zeit am Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht, dass die
+Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator, ein viel besseres Naturell
+als die Araber hätten, und für Cultur und Civilisation weit empfänglicher
+als diese seien. Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien
+beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse über die
+Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme. Herr Faidherbe war so
+aufmerksam, mich bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis zum
+letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend und
+liebenswürdig, das sind Eigenschaften, welche man nirgends so sehr wie bei
+den Franzosen antrifft.
+
+Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch von Statten, schon andern
+Morgens ankerten wir vor der Goletta. Nach einem Augenblick kam der
+Canzler des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang zu nehmen;
+denn um nicht die Unannehmlichkeiten der Tuniser Douane durchmachen zu
+müssen, hatte ich von Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen
+gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen mit, sondern auf
+Befehl des Bei von Tunis hatte der Admiral des Hafens von Goletta eine
+Barke zur Disposition stellen müssen, um uns an's Land zu rudern. Ohne
+weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren vor sich gehen,
+und die zehn Marine-Soldaten brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte
+hier, dass die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei ist,
+während dieser nämlich einen weissen Halbmond und Stern im rothen Felde
+führt, hat der Bei von Tunis im rothen Felde eine weisse Kugel, und darin
+einen rothen Halbmond und einen rothen Stern.
+
+Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten, und machten da zugleich
+die Bekanntschaft des englischen Generalconsuls, Hrn. Wood, und des
+französischen Viceconsuls von Goletta. In Tunis ist man schon von der
+Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite verläuft dort bei
+den höheren Beamten oder bei dem Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei
+uns.
+
+Bei den Türken und namentlich in den türkischen Provinzen herrscht aber
+noch die gute alte Sitte einer Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine
+Wasserpfeife fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung, die
+in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des Lords Exmouth nach Tunis,
+und seit dem Ultimatum, welches die Grossmächte von Aachen aus am 18.
+Novbr. 1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am 21. Septbr.
+durch die englischen und französischen Admirale Freemantle und Jurien dem
+Bei notificirt wurde, schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab
+nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen in der
+Regentschaft vor sich gehen.
+
+Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen Dynastie, Hussein ben
+Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf den Thron kam, eine neue Epoche im
+Staatsleben der Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig zu
+notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel Dei geführt, während
+Hussein ben Ali zuerst den Titel Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht
+vollkommen unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem einen
+sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss eines jeden andern, die
+Vollheit der Autorität in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der
+Regenten, welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt, der Sohn
+eines griechischen Renegaten war) bis auf den jetzigen Bei, Namens Sadduk,
+bei Zwistigkeiten, früher mit der Regierung des Deis von Algier, später
+mit christlichen Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention
+angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland das tunisische Gouvernement
+es sich nicht nehmen liess, der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht
+man immer doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur eine Art
+spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs aber von ihm abhängig sein
+will.
+
+Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn auch gar kein Tribut mehr
+nach Konstantinopel bezahlt worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz
+ohne Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von Algerien hat
+keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste von Tunis so sehr unterstützt und
+befördert wie Frankreich, und keine Macht hat dieselben so viel wie
+möglich einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land ging dabei von
+dem Grundsatz aus, dass ein kleines unabhängiges Land, noch dazu nächster
+Nachbar, im gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn ein
+gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern Staat, und hier zur
+Pforte, bestände. Und aus eben diesem Grunde hat England die Beziehungen
+von Tunis zur Türkei wieder enger zu machen versucht.
+
+Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte, zugleich aber auch das
+Gefährliche einer solchen Lage Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte
+in den letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam die
+schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht beseitigt ist.
+
+Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland im Verein
+mit England und Italien den französischen Planen gewachsen ist, ohne dass
+Tunis genöthigt wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu werfen.
+Wenigstens wurden die letzten Anschläge der französischen Regierung in
+Betreff der Schuldforderung von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne
+die kräftige Intervention von England, Norddeutschland und Italien wäre
+Tunis heute eine französische Präfectur und zwar auf ganz friedlichem Wege
+geworden. Wenn man aber bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das
+mittelländische Meer gelegen ist, und was Frankreich durch den Zuwachs
+einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann kann man sicher nicht genug
+darauf bedacht sein, eine Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin
+zu verhindern.
+
+Ob je Tunis seinem Schicksal entgehen wird, einer europäischen Macht
+anheim zu fallen, das bezweifle ich. Eigentliche Civilisation ist hier
+ebenso wenig wie in Aegypten und in der Türkei, und es wird von der
+Nachwelt gewiss als eines der grössten Wunder betrachtet werden, dass
+solche Staaten im 19ten Jahrhundert vor den Thoren Europa's haben
+existiren können.
+
+Staunen wir nicht darüber, wenn wir lesen, dass im Jahr 1823 n. Chr. in
+Tunis es fast zum Bruch mit der englischen Regierung gekommen wäre, weil
+die Juden anfingen, sich europäisch zu kleiden und namentlich sich des
+Hutes bedienten, ja im selben Jahre für dasselbe Verbrechen, d.h. einen
+schwarzen Cylinder getragen zu haben, zwei Juden in Tunis die Bastonade
+bekamen und nur mit Mühe durch Hrn. Nylsen, dem holländischen Consul,
+welcher derzeit Toscana vertrat, ihre Freilassung erlangten. Aber solche
+Sachen passiren noch alle Tage, wenn auch nicht so eclatant und
+öffentlich.
+
+Zwei Wagen, die Hr. Tulin, schwedischer General-Consul und preussischer
+Agent, herausgeschickt, brachten uns in anderthalb Stunden von der Goletta
+nach Tunis selbst. Der Weg war, da es seit Tagen geregnet hatte,
+entsetzlich, und je näher wir der Stadt kamen, desto bodenloser wurde er.
+In der Stadt selbst waren denn die Strassen auch ganz ein Schmutzmeer; es
+war, als hätte man sie mit Chocolade einen halben Fuss hoch begossen. Eine
+mohammedanische Stadt kann ich mir nun einmal nicht ohne Schmutz denken,
+und es würde mir selbst befremdend vorgekommen sein, wenn dem nicht so
+gewesen wäre; mich amüsirte nur mein Berliner Photograph, der fortwährend
+ausrief, dass es unter den Linden doch ganz anders sei. Damit man durch
+diese Schmutzüberschwemmung zu Fuss hindurchkommen kann, hat die
+europäische Colonie in Tunis ein eigenes Schuhwerk erfinden müssen, hohe
+Holzschuhe, welche auf noch höheren eisernen Ringen ruhen, und die man mit
+Lederriemen unter sein Schuhwerk bindet.
+
+Leider sollte es mir nur vergönnt sein, in Tunis eine Nacht zu bleiben,
+denn die Fahrten der Dampfer waren der Art eingerichtet, dass ich ohne
+einen Verzug von zehn Tagen den am folgenden nach Malta abfahrenden nicht
+versäumen durfte. Ich machte indess hier die interessante Bekanntschaft
+des Herrn von Maltzan, welcher sich Studien halber für längere Zeit in
+Tunis aufhielt.
+
+Baron von Maltzan, schon seit Jahren an der Nordküste von Afrika und in
+Arabien heimisch, ein poetisches Gemüth, was seinen Reisebeschreibungen
+allerdings einen eigenen Reiz verleiht, andererseits aber auch eben der
+poetischen Auffassung wegen Abbruch thut, hat der Wissenschaft einen
+grossen Dienst gethan durch Veröffentlichung seines Werkes über Sardinien.
+Offenbar einer der besten Kenner der phönicischen Sprache und Alterthümer,
+hat Niemand in Deutschland so sehr auf den Reichthum, den Sardinien in
+dieser Hinsicht birgt, aufmerksam gemacht, wie Maltzan.
+
+Zu gleichem Zwecke hielt er sich in Tunis auf; bot doch die Stätte des
+alten Carthago eine wahre Fundgrube für unseren gelehrten Phönicier. Zudem
+hatte er entdeckt, dass der Sohn des Chasnadar ein ganzes Museum
+phönicischer Alterthümer besässe mit kostbaren Inschriften. Nach vielen
+Schwierigkeiten gelang es Hrn. von Maltzan, Einsicht dieses Museums zu
+bekommen, aber alle seine Bemühungen, Photographieen der interessanten und
+wichtigen Inschriften machen zu dürfen, sind bis jetzt gescheitert.
+
+Die Bevölkerung von Tunis machte indess einen ebenso peinlichen Eindruck,
+wie die der algerischen Provinz, man sah, dass Cholera und Hungertyphus
+hier gewüthet hatten. Dazu die grösste Insolvenz der Regierung, alle
+Beamten von oben bis unten, das ganze Heer und die Marine hatten seit zwei
+Jahren keinen Lohn erhalten. Diese Thatsachen sprechen laut genug, wie es
+um den tunisischen Staat bestellt ist. Möge die Finanzcommission,
+zusammengesetzt aus Norddeutschland, England, Frankreich und Italien, von
+der man jetzt Rettung und baldiges Eintreffen erwartet, nicht lange auf
+sich warten lassen.
+
+Der Rückweg nach Goletta und die Einschiffung ging auf dieselbe Weise von
+Statten, nur dass wir diesmal an Bord eines Dampfers kamen, der gerade
+doppelten Tonnengehalt hatte, wie die Germania, welche so eben die erste
+deutsche Nordpolfahrt zurückgelegt hat.
+
+Man kann sich denken, wie wir an Bord dieser Nussschaale herumgeworfen
+wurden, aber wir hatten einen englischen Capitän, der Rio-Janeiro, Canton,
+Danzig, Stettin und andere Häfen gesehen hatte, also ein alter Seelöwe
+war; und trotz eines Sturmes, welcher auf dem Mittelmeere gar nicht
+spasshaft ist, kamen wir gut über.
+
+Aber wie sah es oft in der engen Cajüte aus! Der alte Capitain hatte
+nämlich das Steckenpferd, sich eine ganze Menagerie an Bord zu halten,
+diese bestand aus seiner Frau, vielen Hunden, Katzen, Hühnern, Vögeln,
+Enten und anderen Vier- und Zweifüsslern. Das Sonderbarste war, dass alle
+Thiere einen Namen hatten--da war ein Neufundländer Nelson, eine schlaue
+Katze, die Napoleon hiess, andere Thiere Wellington, Blücher, Malborough
+etc.; bitter beklagte indess der alte Capitän, dass Bismarck desertirt
+sei.
+
+Ich konnte Bismarck das nun gar nicht verdenken, denn wenn bei einem
+besonders starken Wellenschlage alle diese Thiere mit Bänken und Schüsseln
+in der Cajüte umhertanzten, gehörten mehr als starke Nerven dazu, um es
+auszuhalten. Abends 8 Uhr am 28. November warfen wir Anker im Hafen von La
+Valetta, und waren einige Augenblicke später wieder auf europäischem Grund
+und Boden.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis.
+
+
+Im freundlichen Imperial-Hôtel in Lavaletta abgestiegen, mussten wir nun
+freilich in Malta längere Zeit bleiben, als wir, wenn es nach unserem
+Wunsche gegangen wäre, beabsichtigt hatten; aber mit Malta hat der
+regelmässige Verkehr ein Ende, wenigstens wenn man nach Tripolis will, und
+man muss sich den Launen der türkischen Dampfschiffs-Eigenthümer, sowie
+dem Wetter fügen.
+
+Indess kann man die Zeit in Lavalletta und Malta recht gut hinbringen.
+Freilich bietet die Stadt für einen Nichtmilitair des Interessanten nicht
+viel. Das Palais des Gouverneurs, ehemals das des Grossmeisters der
+Johanniter, die Johanniskirche, einige Palläste der ehemaligen Zungen,
+besonders das castilianische Hôtel, einige hübsche Promenaden, zwei
+Bibliotheken, endlich Oper und einige Clubs gewähren wohl für einige Tage
+dem Fremden Unterhaltung, wer aber all dies von früher her schon kennt,
+und ich war nun schon verschiedene Male in Lavalletta gewesen, der sehnt
+sich nach etwas Anderem. Dazu kömmt nun noch, dass an keinem Orte von
+Europa die Familien so abgeschlossen und für den Fremden schwer zugänglich
+sind, als in Malta. Längere Zeit unter der Herrschaft der Araber, wie ja
+auch heute noch die Volkssprache auf Malta ein arabischer Dialekt ist,
+halten die Familien ihr Haus dem Fremden fast so fest verschlossen, wie es
+der Mohammedaner einem nicht zu seiner Sippe Gehörigen thut, und trotzdem
+ich mehrere Bekannte in Lavalletta hatte, war es mir nie gelungen, Eingang
+zu ihren Familien zu bekommen. Natürlich nehme ich die dort residirenden
+Engländer hiervon aus, welche auch hier wie überall ihre gastlichen
+Eigenschaften beibehalten haben.
+
+Wer nun aber längere Zeit einen gezwungenen Aufenthalt auf diesen Inseln
+haben sollte, der bleibe nicht in der Stadt, sondern mache Ausflüge, und
+ob er diese zu Fuss mache, oder mit jenem antiken Einspänner ohne
+Springfedern, er wird seine Spaziertouren nicht bereuen. Malta hat die
+lieblichsten Buchten, viele interessante Ruinen aus phönicischer Zeit, von
+denen ich hier nur Hedjer Kim, Mnaidra und die merkwürdige natürliche
+Einsenkung Makluba nenne. Auch Gozzo mit seinem ebenfalls aus phönicischer
+Zeit stammenden Riesenthurm ist eines Besuches werth; kurz wenn man nicht
+seinen Aufenthalt auf Lavalletta selbst beschränkt, kann man 14 Tage recht
+gut auf Malta hinbringen.
+
+Erst am 11. December war der "Trabulos Garb", ein türkischer Dampfer,
+welcher dem Schich el bled von Tripolis gehört, segelfertig. In den
+Wintermonaten ist es gar nicht angenehm und oft sehr gefahrvoll auf dem
+Mittelmeere, und Jeder erinnert sich noch wohl der heftigen Stürme, welche
+gerade in dem Monat auf unserer Hemisphäre stattfanden. Zudem kam noch,
+dass "Trabulos Garb" so eben erst eine unheilvolle Katastrophe erlebt
+hatte: Von Smyrna abgehend mit für Tripolitanien bestimmten Soldaten,
+sprang der Kessel noch ehe der Dampfer den Hafen verlassen hatte. Der
+Maschinist, die Heizer und über 50 Soldaten waren augenblickliche Opfer,
+wie viele aber noch später starben infolge von Verwundungen, hat man nie
+erfahren können; in dem türkischen Reiche kümmert man sich um dergleichen
+nicht. Andererseits bot jedoch jetzt das Dampfschiff eine gewisse
+Garantie, denn in den Docks von Lavalletta mit einem neuen Kessel
+versehen, durfte man annehmen, dass das Schiff nur seetüchtig entlassen
+worden sei. Ueberdies war es das einzige Mittel, um nach Tripolis zu
+kommen, wenn man nicht mit einem Segelschiffe, die im Winter jedoch noch
+weit gefährlicher und unsicherer sind, die Fahrt hätte machen wollen.
+
+Die Einpackung und Verladung der vielen Kisten hatte unser norddeutscher
+Consul, Hr. Ferro, schon besorgt, und überhaupt während der ganzen Zeit
+meines Aufenthaltes in Malta sowohl als auch später in Tripolis nicht
+aufgehört, auf das Liebenswürdigste sich meiner Sache anzunehmen.
+
+Unsere Ueberfahrt nach Tripolis war eine sehr gute, schon nach 30 Stunden
+erreichten wir das afrikanische Ufer. Oea mit seinen grossen Palmenwäldern
+lag vor uns, und einen Augenblick später konnten wir schon die einzelnen
+Häuser unterscheiden. Angesichts der Stadt, liess ich mit Bewilligung des
+Capitains unsere norddeutsche Flagge am Hauptmaste aufhissen, es war das
+erste Mal, dass sich dieselbe vor Tripolis zeigte; für meine vielen
+Freunde und Bekannten daselbst sollte es zugleich ein verabredetes Zeichen
+sein, dass ich mich an Bord befände. Und kaum hatte man unsere Flagge
+bemerkt, als sämmtliche Consulatsfahnen an ihren hohen, langen Mastbäumen
+emporstiegen. Nirgends ist wohl unsere deutsche Flagge ehrenhafter und
+freudiger bei ihrem ersten Erscheinen begrüsst worden; die Stadt hatte ihr
+sonntäglichstes Aussehen angenommen. Die Formalitäten des Passes, der
+Douane und der Sanitätspolizei waren rasch durchgemacht, und kurz nachdem
+wir Anker geschmissen hatten, konnten wir landen.
+
+Die Ankunft des Dampfers, der zugleich die verschiedenen Posten aus Europa
+bringt, ist für eine so abgelegene Stadt wie Tripolis immer ein Ereigniss,
+und die ganze Stadt findet sich dann am Quai des Hafens versammelt; auf
+diese Art konnte ich auf Ein Mal fast meine sämmtlichen Bekannten
+begrüssen, fast alle waren auf dem Quai versammelt.
+
+Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern fuhr gleich nach der
+Mschia hinaus, wo Consul Rossi mit bekannter Liebenswürdigkeit seinen
+Landsitz zu meiner Disposition gestellt hatte. Tripolis hatte einen
+weiteren Schritt in der Civilisation gemacht: es hatte ein Fuhrwerk
+bekommen, eine kleine Malteser "Kascha", welche Droschkendienst
+verrichtete. Früher hatten nur der Pascha und einige der Consuln Wagen,
+jetzt konnte sich jeder, wer einige Piaster über hatte, das Vergnügen des
+Fahrens machen, und oft genug sah man elegant gekleidete Judendandi's, die
+noch vor wenigen Jahren baarfuss bei jedem Moslim vorbeigehen und sich
+jedwede Schmach von einem fanatischen Druisch gefallen lassen mussten, die
+Kascha benutzen, und durch Extrabakschische angefeuert, fuhr der Kutscher
+sie zum Aerger der Rechtgläubigen in rasender Geschwindigkeit über den
+Grossen Platz, zwischen Stadt und Mschia.
+
+Unsere Sachen waren auch bald in dem Landhause des Herrn Rossi, das recht
+freundlich und heimisch in einem Palmgarten gelegen ist, angekommen; die
+nach Bornu bestimmten Sachen liess ich indess alle in einem eigens dazu
+gemietheten Hause in der Stadt. Beim Auspacken fand sich, dass alle
+unversehrt, mit Ausnahme einer grossen Glasglocke übergekommen waren. Die
+noch fehlenden Sachen: Kameele, Seidenstoffe, Corallen etc., wurden nun
+auch gleich eingekauft, da man dergleichen in Tripolis besser, und eigens
+für den Geschmack der innern Völker hergerichtet, bekommen kann, als in
+Europa. Ich hatte hier wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie die
+Tripolitaner, seien es Christen oder Juden, es geschickt anzufangen
+wissen, einem Fremden gegenüber den Uneigennützigen zu spielen, ohne dabei
+im Mindesten ihren oft beträchtlichen Gewinn aus den Augen zu verlieren.
+Man sollte in der That meinen, wenn man es mit diesen Leuten zu thun hat,
+als ob sie beim Verkauf verlören, und trotzdem, wenn sie Fünfzig auf
+Hundert gewinnen, glauben sie schlechte Geschäfte gemacht zu haben--denn
+sie _hätten_ ja hundert Procent und mehr gewinnen können. Es ist dies
+übrigens so natürlich, dass ich mich gar nicht darüber wundern sollte: Die
+Juden und Christen leihen den Arabern ihr Geld zu 5 Procent _monatlich_; 2
+Procent oder 1½ Procent _monatlich_ zu nehmen, sind seltene Fälle, ein
+solcher Mann ist sicherlich ein Ehrenmann, und wird allgemein wegen seiner
+Uneigennützigkeit gelobt. Die meisten, oder man kann fast sagen, alle in
+Tripolis lebenden Juden und Christen haben auf diese Weise ihr Geld
+verdient, denn der eigentliche reelle Handel wirft in Tripolis keinen
+grossen Gewinn ab.
+
+Welch merkwürdige Schicksale hat aber diese Stadt erlebt und welche
+Zukunft steht ihr noch bevor, wenn sie einst wie Algerien in die Hände
+einer aufgeklärteren Regierung kommen sollte. War nicht das alte Tripolis
+jener Dreistädteverein Leptis magna, Oea und Sabratha, einst eine der
+blühendsten und reichsten Colonien am Nordgestade Afrika's? Ohne hier
+einen Abriss der Geschichte der Stadt geben zu wollen, welche sich auch
+gar nicht, was die alte Zeit anbetrifft, von der Geschichte aller Städte
+und Colonien Nordafrika's trennen lässt, werden gewiss meine Leser gern
+einen Blick in die Vergangenheit thun, um zu sehen, unter welchen
+Verhältnissen Tripolis das geworden, was es jetzt ist.
+
+Im heutigen Tripolitanien hausten im Alterthume nach Herodot die
+Nasomonen, welche um die grosse Syrte nomadisirten und uns als verwegene
+und gefährliche Seeräuber geschildert werden. Unter Augustus bekriegt,
+verschwinden sie von der Seeküste und statt ihrer führt Ptolemäus die
+Makakutae und die höhlenbewohnenden Lesaniki an, die Nasomonen verlegt er
+weiter ins Innere. Westlich von den Nasomonen grenzten die Psylli und von
+diesen wieder westlich die Maccae. Im äussersten Westen des heutigen
+Tripolitanien waren nach Scylax die Lotophagen. Andere Völkerschaften
+werden von Herodot und Ptolemäus im Innern genannt, als die Machlyes,
+Auses, Nigintini, Astskures etc. Am bekanntesten von allen waren jedoch
+die Garamanten, welche wir heutzutage, wenn auch nicht in Tripolitanien,
+so doch im Stamme der Tebu südlich davon deutlich wiedererkennen. Aus
+allen Angaben aber müssen wir schliessen, dass die Garamanten früher das
+ganze heutige Kaimmakamlik Fesan inne hatten.
+
+Während die Kenntniss von den Garamanten unter den Griechen sich gänzlich
+verlor, tauchte dieses Volk unter römischer Herrschaft wieder auf, und wir
+finden nun auch zum ersten Mal den Namen Fesan, Phasania genannt, erwähnt.
+Plinius führt uns eine Menge Städte und Oerter der Garamanten auf mit der
+Hauptstadt Garama. Ob übrigens die Garamanten eine so grosse Ausdehnung
+gehabt haben, wie die Alten es annehmen und auch noch einige Gelehrte der
+Neuzeit, möchte nicht ganz erwiesen sein, man müsste denn ganz Bornu als
+ihnen damals unterworfen betrachten. Die Hauptstadt Garama finden wir im
+heutigen Djerma in Fesan wieder, auch Krema in Tibesti erinnert an Garama,
+sowie Berdoa an Borde in eben dem Lande.
+
+Zu diesen an der Küste wohnenden Libyern, welche von den Römern Numider
+(vom Worte [griechisch: nomades], herumziehende Völker) genannt wurden,
+kamen zur Zeit der trojanischen Kriege phönicische Handelsleute: so
+entstand Leptis, Oea, Sabratha und die wichtigste Colonie von allen,
+Carthago. Während so die Geschichte Tripolis' mit der von Carthago eng
+Hand in Hand geht, sehen wir dann, wie Massinissa, ein numidischer König,
+sich mit Hülfe der Römer an der Küste ein unabhängiges Königreich gründet.
+Nach dem zweiten punischen Kriege war er Herrscher fast des ganzen heutigen
+Tripolitanien mit Ausnahme von Cyrenaica. Die Empörung Jugurtha's, des
+Enkels von Massinissa, gegen römische Vormundschaft, die Herrschaft Juba's
+führten dann diese Länder bald gänzlich in die Gewaltherrschaft der Römer.
+
+Mit dem Einbruche der Vandalen und später der Araber wurde das
+Christenthum, welches an der ganzen Nordküste von Afrika in mehr denn 500
+Bischofssprengeln gelehrt wurde, zu Grabe getragen; und im Jahre 647
+erschien Abd Allah, vom Kalifen Otman geschickt, unter den Mauern
+Tripolis'. Im Jahre 680 sehen wir alle Berberstaaten durch Akbah
+unterworfen, und im neunten Jahrhundert finden wir die Aglabiten in
+Tripolis herrschend. Obgleich nun die Stadt vom tapferen Normannenkönig
+Roger im Jahre 1146 den Mohammedanern wieder entrissen wurde, bemächtigten
+sich unter Abd el Mumin schon im Jahre 1159 wieder die Almohaden des
+Ortes. Darauf unter dem Scepter von Abu Fares von Tunis, eroberten 1510
+die Spanier die Stadt unter Peter von Navarra. Dieser schleppte alle
+mohammedanischen Einwohner fort, Carl V. erlaubte ihnen jedoch
+zurückzukehren und die Stadt, zwar ohne Wälle, wieder aufzubauen. 1530
+wurde Tripolis von Carl V. an die Malteser Ritter gegeben, aber schon drei
+Jahre darauf vom berüchtigten Seeräuber Barbarossa erobert; dieser wurde
+jedoch von Carl wieder vertrieben und bis 1551 blieb sie unter der
+Herrschaft des Malteser Kreuzes, um in diesem Jahre für immer durch den
+türkischen Admiral Sinan Pascha dem Halbmonde unterworfen zu werden.
+
+Zwar hatten die Türken auch nicht viel Ruhe und Frieden, schon acht Jahre
+darauf empörte sich ein Scherif und wurde nur nach vielen Anstrengungen
+unterdrückt. Ausserdem kam es jetzt der häufigen Seeräubereien der
+Tripolitaner wegen zu häufigen Conflicten mit den christlichen Mächten.
+Durch Verträge geschützt waren nur die Engländer und Franzosen, aber auch
+diese mussten von Zeit zu Zeit Expeditionen senden, um mit Gewalt die
+Aufrechthaltung der Verträge zu erzwingen. So sandte Cromwell im Jahre
+1655 den Admiral Blake, um Genugthuung zu fordern; 1675 erschien Sir John
+Narborough vor Tripolis, um begangene Verräthereien der Piraten zu
+züchtigen. 1683 zerstörte der französische Admiral Duquesne im Wasser von
+Tripolis eine grosse Zahl von Piratenschiffen, und zwei Jahre später legte
+sich d'Estrées vor die Stadt und bombardirte sie; erst nach Abschluss
+eines Vertrages und nach Zahlung von 500,000 Fr. hob d'Estrées die
+Belagerung auf.
+
+Im Jahre 1714 trat endlich für Tripolis ein wichtiges Ereigniss ein.
+Hammed Caramanli, ein Araberchef, der zugleich Häuptling einer
+Reiterabtheilung war, unter dem türkischen Pascha, benutzte dessen Reise
+nach Constantinopel, um sich zu empören und unabhängig zu machen. Durch
+List hatte er die türkischen Soldaten aus der Stadt zu entfernen gewusst,
+und dann zu einem grossen Feste, was an Beamten und Officieren übrig
+blieb, eingeladen. Als die Türken sich, der Einladung folgend, zu Hammed
+Caramanli begaben, wurde einer nach dem andern beim Eintreten in sein Haus
+getödtet, und wer sonst von den Türken noch übrig war, wurde am folgenden
+Tage ermordet gefunden. Die Zahl der Eingeladenen zum Festessen betrug
+allein 300 Personen, welche alle erdrosselt wurden. Hammed schickte nun
+gleich grosse Geschenke, das Eigenthum der ermordeten Personen, nach
+Constantinopel, und der Grossherr hatte die Schwäche, seine Regierung
+anzuerkennen und zu bestätigen.
+
+Die Caramanli's haben dann die Regierung bis zum Jahre 1835 inne gehabt.
+
+Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich die Verhältnisse mit den
+christlichen Mächten nicht gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah
+Frankreich sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine Flotte gegen
+Tripolis zu schicken, welches von seinem alten Piratenunwesen nun ein Mal
+nicht lassen wollte. Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen.
+1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen Regierung für
+erlittene Unbill Genugthuung verlangen, und erhielt dieselbe. Im Jahre
+1745 war der zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt. Im
+Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von seinem jüngsten Sohne Jussuf
+getödtet, worüber ein blutiger Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber
+durch einnehmendes Wesen und Geldbestechungen sich einen so grossen Anhang
+zu verschaffen gewusst, dass Ali, um dem Kriege ein Ende zu machen, seinem
+Sohne, dem Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm. Von anderer
+Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte bald schon die Regierung der
+Caramanli's beendigt. Ein Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in
+Tripolis und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung der Stadt.
+Keineswegs von der türkischen Regierung abgeschickt, scheint Ali Bugul
+geheime Unterstützung des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der nach Tunis
+geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe beim Bei, derselbe kam nach
+Tripolis, vertrieb Ali Bugul und setzte die Caramanli wieder ein. Ali
+Bugul floh nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die
+Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe seinem zweiten
+Sohne Hammed, welcher aber gleich darauf vom Brudermörder Jussuf
+vertrieben wurde.
+
+Während der französischen Expedition nach Aegypten, stand Tripolis im
+Geheimen zu den Franzosen, General Vaubois auf Malta, wurde während der
+Belagerung mit Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher durch
+die Drohungen der Engländer gezwungen, offen den Krieg an Frankreich
+erklären musste, instruirte er heimlich seine Corsaren den französischen
+Pavillon zu schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick
+daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien aus Aegypten zu
+ziehen. 1801 wurde von ihm ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser,
+nach Tripolis geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am 18. Juni des
+Jahres Frieden. In den Stipulationen war hauptsächlich die freie
+Communication von Gütern und Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten
+betont. Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem Truppen
+machten jedoch diese Clausel überflüssig.
+
+Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien de la Gravière der
+Regentschaft die Beschlüsse von Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und
+Tunis geschehen war, und Jussuf, besonders da man das Recht schwarze
+Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete, nahm offen alle
+Bedingungen an. Es war hiemit ein grosser Schritt gewonnen. Denn durch
+diesen Vertrag bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen Mächte,
+wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte, Hannover und Preussen,
+dieselbe Berechtigung wie die Fahrzeuge der Staaten, welche wie
+Oesterreich, Frankreich und England Verträge mit den Berberstaaten hatten.
+Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal die Piraterie
+aufgehoben war, so waren damit alle anderen demüthigenden Verträge auch
+vernichtet. Ich schreibe das Wort "demüthigend", denn obwohl seit
+Jahrhunderten Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte die
+Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören, und diese
+Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten dem Erdboden hätten
+gleichmachen können, so schlossen sie doch selbst die schimpflichsten
+Verträge ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte, welche
+keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels hatten, gänzlich zu
+vernichten. Was sagt man dazu, dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen
+Frankreich und Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: "dass die
+Corsaren _französische_ Pässe vom _französischen_ Consul erhalten, um sie
+vor den französischen Kriegsschiffen zu sichern, dass sie in den
+französischen Häfen Schutz finden können, aber nur Prisen in der
+Entfernung von 10 Meilen vom französischen Ufer machen dürfen. Die
+französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe untersuchen, aber
+das Durchsuchungsrecht ist auch den Piraten für die französischen
+Kauffahrer gewährt." Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe,
+welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten als verfallen
+betrachtet wurden. Mit dem Jahre 1819 waren solche Zustände glücklicher
+Weise überwunden.
+
+Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine Rebellion seines Sohnes,
+welcher Statthalter in Bengasi war, zu unterdrücken, und übermüthig
+geworden, glaubte er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner
+gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch durch einen Agenten in
+Tripolis vertreten, und als dieser sich weigerte, das übliche Geschenk an
+den Pascha zu entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und
+erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht lange, so erschien
+Admiral Sivoli mit sardinischen Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha,
+jetzt eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat unterhandeln,
+verlangte aber dummerweise zum Segen des Friedensschlusses gleich von
+vornherein die Summe von 30,000 Piastern. "30,000 Kugeln soll er haben,"
+antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der Stadt begann
+sofort. Es versteht sich von selbst, dass die Sardinier nach kurzer Zeit
+erlangten, was sie wollten, der Stolz Jussuf's war gebrochen.
+
+Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader vor Tripolis, um für
+erlittene Unbillen Genugthuung zu verlangen, aber nicht so energisch wie
+die Piemontesen, musste es unverrichteter Sache wieder abziehen.
+
+Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal die gewinnreiche Piraterie
+nicht aufgeben wollten, wurde der Regierung Jussuf's die meisten
+Unannehmlichkeiten bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher
+Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst selbst ohnmächtig,
+seine Unterthanen gegen die mohammedanischen Seeräuber zu schützen, wandte
+sich an Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays eine Flotte,
+welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte. Da aber Jussuf
+Pascha dem päpstlichen Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme
+zahlen musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten Chikanen an dem
+derzeitigen französischen Consul zu rächen. Zu der Zeit war im Innern der
+englische Reisende Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha scheute
+sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft dieses Mordes und
+namentlich des Besitzes der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau,
+der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten Widerruf erlangen
+konnte, strich er seinen Pavillon und schiffte sich nach Frankreich ein.
+Der darüber zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische
+Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des Vorganges zur Folge,
+bei der sich die Unschuld des französischen Consuls auf's glänzendste
+herausstellte. Das französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit
+indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection zu geben, und
+einen Monat später als die Einnahme Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel
+vor der Stadt und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber trotz
+der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen wurden. Frankreich trat
+hier als Fürsprecher der ganzen Christenheit auf, denn ausser den
+Entschuldigungen, welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen machen
+musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher Sklaverei und jeder
+Piraterie und die Abschaffung gewisser Geschenke, welche einige kleine
+Staaten noch leisteten, decretirt.
+
+Zu diesen äusseren Complicationen, welche den Schatz des Paschas
+verminderten, und da sie immer mit einer Demüthigung für die Regierung
+Tripolis endeten, dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten, kamen
+nun noch Revolten und Empörungen der eigenen Unterthanen, so dass man
+jetzt schon den Untergang des alten Jussuf's voraussagen konnte.
+
+Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman, empörte sich offen 1831,
+marschirte auf Fesan los, und bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf
+schickte seine Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie aber
+den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die Bergvölker, und zwangen
+sie zu einer eiligen Umkehr nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's
+voll zu machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter Dundas,
+und verlangte für rückständige Schulden an britische Unterthanen die Summe
+von 200,000 spanischen Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit
+gegeben. Da es ihm unmöglich war, diese Summe so schnell zusammen zu
+bringen, denn seine Geldnoth war so gross geworden, dass er sogar schon
+die bronzenen Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft
+hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington seine Flagge ein und
+begab sich an Bord des Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich
+Jussuf verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer zu
+belegen. Diese, die von Alters her immer von allen Steuern frei gewesen
+waren und es auch noch sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren,
+antworteten sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie nicht
+stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt, und zu seinem
+Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu spät war es jetzt, die Ordre für die
+Mschia zurückzunehmen, zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte,
+um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich für ihn erklärt
+hatten, zu setzen. Nichts half mehr, Die Mschia blieb in Revolte, und
+seine Söhne flüchteten sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in
+dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten hatte, sah er doch ein,
+dass er den Umständen weichen müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes
+Ali Caramanli ab.[3]
+
+Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit Ali in Verbindung, und
+auch Major Warrington, der englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis
+zurück, sobald er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt aber wie
+thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt war noch immer belagert)
+zu nehmen, bezog er sein in der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich
+also inmitten der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen, dass
+dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften die Rebellen dadurch
+Hoffnung für ihre Sache, da sie mit Recht glaubten, England unterstütze
+ihre Sache. Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher Uisir von
+Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta befand, wurden sie überdies
+von dieser Insel aus mit Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel
+rüstete sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus, man braucht
+wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde, indess obschon die Schiffe vor
+Tripolis erschienen, konnten sie doch nichts Ernstliches ausrichten.
+
+Während so einerseits durch England unterstützt, die Rebellen der Mschia
+den Muth nicht verloren und fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann
+anderer Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen mit
+ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten zur Unterstützung nach Tripolis
+gesandt, und ein gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt
+hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung und Hülfe an. In
+Bengasi hatte man sich vollkommen dem neuen Pascha unterworfen und Ali der
+Stadt seinen Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung
+der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte Ali seinen Bruder Ibrahim
+zu Rhuma, und vereint brachen diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed
+Caramanli, der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch geschlagen, und
+wenn jetzt die vereinigten Consulate zu Ali Pascha gehalten hätten, wäre
+sicher bald die ganze Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von
+Jussuf Pascha unterworfen worden.
+
+Aber England hat von jeher eine eigene Politik im Orient verfolgt; wobei
+die Hauptsache _die_ war, die Türkei _soviel wie möglich zu kräftigen_,
+und gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der Pforte zu spielen,
+schon längst vorbereitet. Dass es sich dabei hauptsächlich darum handelte,
+den Einfluss Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen, liegt
+auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst Algerien erobert, früher
+schon mal Aegypten besessen, war also mehr als irgend eine andere Macht
+von den Bewohnern Nordafrika's gefürchtet.
+
+Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen in die Hände gespielt.
+Eine geistige Suprematie der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch
+anerkannt, und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich durch
+Absendung von Geschenken nach Constantinopel bethätigt. Jetzt hiess es auf
+einmal, es sei Zeit, dass die Pforte intervenire, um dem Streite der
+Parteien ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne dieser
+Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten, Schekir Bei, nach
+Tripolis, um Aufklärung über die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte
+nach Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde Ali Caramanli
+als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst eines grossherrlichen Firmans,
+und die Insurgenten zugleich aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese
+aber waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates in
+ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht, nichts weniger als
+entmuthigt, hatten sogar die Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir
+Bei, die Stadt zu bombardiren.
+
+Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine Flotte von
+Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis abgehen. Den europäischen
+Mächten wurde einfach mitgetheilt, es handle sich nur darum, Ali Caramanli
+in Tripolis Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von Nedjib
+Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und der türkische Befehlshaber
+setzte sich gleich mit Ali Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen
+seinem Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt, gab zu, dass die
+Soldaten debarquiren und das Fort besetzen durften, und als er dann sich
+selbst, um Nedjib Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff
+begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung vorgelesen und
+ihm gesagt, er würde nach Constantinopel transportirt werden. Am selben
+Tage noch verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur von
+Tripolitanien ernannte, liess die Thore der Stadt öffnen, und die
+Rebellion der Mschia war wie ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent,
+gleich nach Mesurata floh, und sich dort entleibte.
+
+Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt und der nächsten Umgebung
+derselben waren, hatten sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft
+unterworfen. Angesichts der Eroberung Algiers durch eine christliche
+Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner der Nordküste Afrikas
+instinktartig, dass allein ein Anschluss an die nach ihrem Glauben
+allmächtige Dynastie der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale
+bewahren könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene in Tunis
+wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste der Furcht vor einer christlichen
+Eroberung die Waage halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das
+Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch den festen Glauben
+an das Kalifat seiner Sultane. Und selbst die Niederlage von Isly konnte
+im marokkanischen Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen, sich
+Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten hingegen war das Volk
+durch Unterdrückung und Sklaverei seit Jahren ganz unzurechnungsfähig
+geworden; was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren wir
+hier, schon lange vor 1835, in welchem Jahre sich die Pforte
+Tripolitaniens bemächtigte, ein allmäliges Fortschreiten auf der Bahn
+gänzlicher Unabhängigkeit.
+
+Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit bewundern, mit
+der die Türken Tripolitanien zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz
+des ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen verlieren, dass
+die um ihre Religion besorgten Mohammedaner, so sehr sie auch immer
+türkische Raublust und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits
+wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der _Nothwendigkeit_
+der türkischen Herrschaft überzeugt waren.
+
+Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb nur 3 Monate auf seinem
+Posten, ihm folgte Mehemmed Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste
+Massregel, welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden
+Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel. Otman, von seinem
+Vorgänger zum Gouverneur von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal
+durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt sich um diese Zeit
+ruhig im Besitze Fesans, und ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von
+Mesurata schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es auch sein
+Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein neuer Gouverneur geschickt, da die
+Pforte immer zu besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine
+Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war Taher Pascha, der sich
+hauptsächlich durch seine Unverschämtheit gegen die Europäer auszeichnete,
+Intriguen mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine
+unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn auch die Absendung einer
+anderen türkischen Flotte unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich
+wohl Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen, dann auch den
+Bei von Constantine unterstützen sollte. Das französische Geschwader unter
+Lalande vereitelte dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den
+Auftrag von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass Frankreich auf
+alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten würde.
+
+Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan Pascha. Derselbe erkannte
+Rhuma als Chef vom Djebel an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil,
+welcher sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien jährlich
+25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan Pascha aber auch den
+rückständigen Tribut verlangte, wurden die Verhandlungen abgebrochen, und
+Abd el Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als aber 1840 schon
+in der Person von Asker Pascha wieder ein neuer Pascha als Gouverneur kam,
+wurde ein anderer Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen
+wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische Piaster der
+Regierung entrichten sollte. Aber wie immer sind die Verträge mit den
+Arabern leicht gemacht, geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur
+Ausführung derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige ebenso
+wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien haben die Araberchefs fast
+alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit gegen die Franzosen damit zu beschönigen
+versucht, sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren des Islam
+keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr ein gegebenes Wort zu
+halten; verfolgen wir aber ihre Handlungen in Tripolitanien, so finden wir
+da gegen die Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft
+Wortbrüchigkeit.
+
+Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte im Jahre 1841, weigerte
+sich sowohl Rhuma als auch Abd el Djelil, die eingegangenen
+Verpflichtungen zu erfüllen, und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon nun
+der Vortheil immer auf Seiten der Türken war, welche eine
+wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie versehen, den unregelmässigen
+Araber-Reitern entgegensetzen konnten, so war es doch schwer, der beiden
+Chefs habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen bekannt, und
+überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel, die den Türken gänzlich
+unbekannt waren, zudem zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr
+sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische Infanterie und
+Artillerie nicht folgen konnte.
+
+Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen konnte: eine schnelle
+Unterwerfung des Landes mittelst der Waffen, erreichte sie mit List, und
+England lieh bereitwilligst seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der
+englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte herumstreifenden Abd
+el Djelil eine Zusammenkunft am Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata
+vor, und dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie es ihn
+früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli unterstützt hatte, ging
+bereitwilligst auf den Vorschlag ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung
+unterhielt der Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels,
+versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den Sklavenhandel in
+Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung Englands sicher sein könne.
+Welche Versicherungen Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir nicht im
+Stande zu berichten, wohl aber wissen wir, dass Abd el Djelil gar nicht in
+seiner Macht hatte, den Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies
+dem englischen Consulate bekannt sein musste.--Kaum hatte er sich vom
+englischen Consul beurlaubt, als eine Armee Asker Pascha's, die heimlich
+herangerückt war, über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und
+alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil wurde enthauptet,
+und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt auf dem Hauptthore Tripolis' zu
+sehen. Im selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch den
+Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan hatte sich gleich nach dem
+Tode Djelil's unterworfen, ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue
+Gouverneur nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel zu bekämpfen.
+Auch dies wurde durch List bewerkstelligt, indem der Pascha mit Rhuma
+Unterhandlungen anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen eines
+freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber Rhuma, welcher wirklich
+der Einladung folgte, in der Stadt war, wurde er gefangen genommen und
+nach Constantinopel geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen Anhänger
+revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha mit einer Armee vom Gouverneur
+gegen sie abgeschickt, und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die
+Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie sämmtlich bei dieser
+Gelegenheit hinrichten. 60 blutige Häupter konnte er nach Tripolis
+schicken. Zitternd und schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im
+Mai 1843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten dort einige
+Forts, legten darin Soldaten und Artillerie, um so für immer jede neue
+Revolte gleich im Keime ersticken zu können. Und so geschah es auch im
+folgenden Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem alten Anhänger
+von Rhuma, noch einmal versuchten das Joch abzuschütteln. Nichts war seit
+dem Jahre 1845 mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien zu
+erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und unterworfen.
+
+Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure nicht mehr so häufig
+gewechselt, erst 1846 wurde derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und
+während früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte so weit ging,
+dass den Gouverneuren nie gestattet wurde, Familie und Harem mit nach
+Tripolis zu nehmen, wurde auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an
+die Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu lassen. So notiren
+wir denn, 1848 im December den neuen Gouverneur Iset Pascha, im September
+1852 Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha, 1859 Mahmud
+Pascha, welcher jetzt Marineminister ist, und welcher 1865 von Ali Riza
+Pascha, welcher heute noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den
+Regierungen aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit[4] war
+überall, und Revolten scheinen auf immer den unterjochten Bewohnern
+Tripolitaniens vergangen zu sein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Tripolitanien.
+
+
+Unter der türkischen Regierung wird seit 1835 die Regentschaft Tripolis
+von einem Generalgouverneur, welcher den Titel Muschir hat, regiert. Man
+hat zu diesem Posten sowohl Leute aus dem Civilstande, als auch aus dem
+Militairstande genommen, und selbst aus der Marine hat man Admiräle schon
+als Gouverneure von Tripolitanien gesehen. Der Gouverneur kann nach
+Belieben der Pforte abberufen werden, und im Anfange der Eroberung machte
+das türkische Gouvernement oft genug Gebrauch davon, jetzt lässt man, wie
+schon gesagt, einen ein Mal installirten Muschir meist vier Jahre auf
+seinem Platze, was auch keineswegs, um sich mit allen Verhältnissen des
+Landes und der Bewohner bekannt zu machen, zu lange ist. Die Gewalt
+desselben ist heute nicht mehr eine unbeschränkte, das Recht über Leben
+und Tod steht ihm nicht zu, und in der Verwaltung der Provinz steht ihm
+die grosse Midjeles oder eine Rathsversammlung zur Seite. Dieser Rath
+umfasst die Personen der ersten Aemter, als Richter, Militaircommandant,
+oberster Geistlicher u.s.w. Wegen des Muschir kann man über dies nach
+Constantinopel an's Ministerium oder an den Grossherrn selbst appelliren,
+was jedoch selten Jemand zu thun wagt. Der Muschir bezieht von
+Constantinopel sein bestimmtes Gehalt, welches übrigens je nach seinem
+anderen Range variirt, als Gouverneur soll er fünfzigtausend Francs
+Einkommen haben.
+
+Das in Tripolis stationirte Militair steht unter einem selbständigen
+Commando, und der Oberst-Commandirende hat gewöhnlich den Rang eines
+Generallieutenants. Meist sind nicht mehr als 6000 Mann regelmässige
+Truppen vorhanden, Infanterie und Artillerie. Diese werden immer aus
+anderen Provinzen des Reiches hergezogen, während die in Tripolitanien
+ausgehobenen Truppen in den übrigen Theilen des Reiches zur Verwendung
+kommen. Während dem Muschir nicht zusteht in die innere Administration der
+Truppen einzugreifen, so hat er indess die Macht über ihre Garnisonirung,
+und im Falle von Revolten, ertheilt er den Befehl zum Marsch und Angriff.
+Die in Tripolitanien bestehende Bürgermiliz, wie die z.B. der Mschia[5],
+wo jeder Mann geborner Soldat ist, dann die der Gensd'armen, Kavassen,
+Saptién u.s.w., stehen unter dem directen Befehl des Muschir's.
+
+Was die Finanzen anbetrifft, so werden sie unabhängig vom Muschir
+verwaltet, und stehen unter der Leitung des Mohasebdji oder Chasnadar,
+welcher von dem Finanzministerium in Constantinopel seine Bestallung
+erhält, und demselben die Einnahmen abzuliefern hat, ebenso ist auch die
+Douane unabhängig vom Generalgouvernement verwaltet.
+
+Die Einkünfte von Tripolitanien sind nicht genau bekannt, indess bringt
+das Land reichlich soviel auf, als die Beamten und das dort stationirte
+Militair an Gehalt und Sold erfordern, und in den meisten Jahren kann noch
+ein hübscher Ueberschuss nach Constantinopel abgeliefert werden.
+Durchschnittlich kann man den Ueberschuss auf jährlich 600,000 Francs
+anschlagen. Im Kriege gegen Russland erhob die Pforte zudem eine
+Extracontribution von 2,608,700 Francs. Die Einkünfte gehen hervor aus den
+directen Abgaben, welche von allen Producten des Bodens erhoben werden,
+und der Judensteuer, welche den einzelnen Gliedern dieses Glaubens von
+ihrem Rharham-Baschi oder Gross-Rabiner zugemessen wird. So zahlt z.B.
+jeder Oelbaum und jede Palme 2½ Piaster (und wenn es eine Lakbi gebende
+Palme ist, 5 Piaster), jedes Kameel 40 Piaster, jedes Rind 20 Piaster, 10
+Schafe; 40 und 20 Ziegen 40 Piaster jährlich. Dass hierbei viele
+Umgehungen stattfinden, ist schon an anderen Orten erwähnt worden.
+
+Die indirecten Abgaben, welche meist vom Gouvernement als Monopol dem
+Meistbietenden zugeschlagen werden, gehen hervor aus der Douane, die 5
+Proc. Eingangszoll und 12 Proc. Ausgangszoll erhebt, aus dem Rechte
+Spirituosen zu machen und zu verkaufen, aus der Stempelung des Goldes und
+Silbers, welches, gleichviel ob alt oder neu, verarbeitet oder roh,
+geaicht sein muss, aus der öffentlichen Wage, da alle Sachen, welche en
+gros verkauft werden, durch einen Amin gewogen werden müssen; aus dem
+Fischertrage, indem alle Fische, welche auf den Markt gebracht werden, 8
+Proc. ihres Werthes abgeben müssen; aus dem Fleische, welches ein Pächter
+sowohl der Armee zu einem im Voraus bestimmten Preise das ganze Jahr
+liefern muss, als er auch ausserdem von jedem Schafe 2½ Piaster und von
+jedem Rinde etwa 10-17½ Piaster, je nach der Grösse beim Schlachten geben
+muss, endlich aus dem Tabacks-Monopole und der Hara, d.h. das Vorrecht,
+den Dünger und die Unreinlichkeit aus den Städten zu schaffen. Dass die
+Einnahmen der indirecten Abgaben gar nicht gering sind, geht aus einer vom
+holländischen Generalconsul v. Testa zusammengestellten Tabelle vom Jahre
+1851/1852 hervor, nach welcher die gesammten eben aufgeführten Monopole
+die Summe von 1,352,000 Francs für's Gouvernement ergeben. Zugleich
+ersehen wir aus denselben, dass die Einkünfte, folglich der Reichthum von
+Tripolitanien von Jahr zu Jahr zunehmen. Das eben Angeführte gilt für alle
+Städte und Orte, nur mit dem Unterschiede, dass die Grösse der erhobenen
+Abgaben, je nach dem Gouverneur oder Kaimmakam oder Mudir wechselt, indem
+zwar in den Liva auch die Finanzen nicht direct unter dem Kaimmakam
+stehen, derselbe aber in der Regel mit dem Kateb el mel oder Zahlmeister,
+welcher die Einnahmen unter sich hat, im Bündnisse ist. Ausserdem werden
+in den verschiedenen Liva noch andere Abgaben erhoben, so liess sich z.B.
+im Jahre 1865 der Kaimmakam von Fesan für jeden durchziehenden Sklaven ein
+Kopfgeld von 40 Piaster zahlen und erlaubte seinem Kavass-Bascha oder
+Polizeidirector am Thore noch 5 Piaster für jeden durchziehenden Sklaven
+zu erheben. Bewaffnete Araber mussten für eine Flinte am Thore auch 2
+Piaster zahlen und dieser Brauch ist in Tripolis selbst auch, wenn wir
+nicht irren.
+
+Die Exportation von ganz Tripolitanien kann man durchschnittlich jetzt im
+Werthe von 10-12 Millionen veranschlagen, die der Importation im Werthe
+von 5-6 Millionen, was eine Gesammtsumme von 15-18 Millionen Francs
+ergiebt. Mircher, der für die Stadt Tripolis die Gesammtsumme von
+5,500,000 Francs angiebt, ist viel zu niedrig in seiner Schätzung. Dann
+sind aber auch die anderen Städte, wie Mezurata, Bengasi und Derna gar
+nicht bei ihm in Betracht gezogen.
+
+Die Rechnung und das Geld in Tripolitanien sind jetzt eben so wie im
+übrigen türkischen Reiche. Die kleinste Münze ist der Para, die jedoch
+bloss noch imaginär existirt, man findet dann zehn Para-Stücke, Bu-Aschra-
+und zwanzig Para-Stücke, Bu-Aschrin genannt. Zwei Bu-Aschrin machen den
+türkischen Piaster und fünf Bu-Aschrin einen tripolitanischen Girsch
+(Groschen), 6 Bu-Aschrin nennt man Sbili. Es existiren auch einzelne
+Girsch und Sbili-Stücke. 10 Bu-Aschrin werden Baschlik genannt und solche
+Stücke existiren auch. 40 Bu-Aschrin oder 20 constantinopolitanische
+Piaster machen den Mahbub, solche Stücke existiren als Silbermünze. Als
+Goldmünze kommen 5 Mahbub-Stücke und 1 Mahbub-Stücke vor. Man sieht sie
+indess selten.
+
+Die Scheidemünzen, Bu-Aschrin, Sbili und Baschlik sind alle von schlechter
+Alliage, die Mahbub-Stücke haben denselben Silbergehalt wie die
+französischen Silbermünzen.
+
+Englisches und französisches Gold und Silber wird überall zu voll
+angenommen, am allgemeinsten ist jedoch der Maria-Theresien-Thaler
+verbreitet.
+
+Als Gewicht dienen die Oka und das Rotol von Tripolis. Eine Oka hat 2½
+Rotol und 100 Rotol bilden einen Cantar (Quintal), der also 40 Oka hat.
+Das Rotol wird in 16 Okia oder Unzen untergetheilt.
+
+Beim Längenmass bedient man sich der türkischen Pic, eine Pic ist gleich
+einer Brabanter Elle und 1½ Pic gleich einem Meter und 1-1/3 Pic gleich 1
+Yard.
+
+Zum Kornmessen bedient man sich der Marta, wovon 15 Eine Ueba bilden. Zwei
+Marta sind gleich einem türkischen Kilo und 280 Kilo entsprechen 100
+Hectolitres oder 83 Kilo = 1 Last.
+
+Das Mass für Flüssigkeiten ist die Jarre, welche 6-1/8 Caraffa hat. Eine
+Jarre entspricht 10-2/3 Litres.
+
+Die Gerechtigkeitspflege in Tripolitanien wird von einem Kadhi besorgt,
+welcher vom Schich ul Islam in Constantinopel ernannt wird. Dieser Kadhi
+hat das Recht, die anderen Kadhi der Provinzialstädte zu ernennen, welche
+officiell den Titel Naïb haben. In grösseren Sachen und namentlich wo
+Türken mit betheiligt sind, wird überall nach hanefischer Form Recht
+gesprochen, während alle Fälle zwischen Arabern, welche dem malekitischen
+Ritus anhängen, diesem gemäss entschieden werden. Ausserdem giebt es in
+allen grösseren Städten und Orten Adulen, welche eine Art von
+Rechtsgelehrten sind und auch Vollmachten und Schriften ausfertigen
+können, welche notarielle Kraft haben. Für Criminalfälle wird ein vom
+Muschir präsidirtes Medjeles thakik zusammengesetzt, das jedoch die Strafe
+des Todes nicht aussprechen kann. Ein anderes Medjeles tedjaret besorgt
+streitige Fragen in Handelsangelegenheiten, die angesehendsten eingebornen
+Kaufleute sind Beisitzer und wenn die Streitfrage zwischen einem
+Eingebornen und einem europäischen Kaufmann stattfindet, so sind im
+Medjeles tedjaret, auch europäische Kaufleute als Beisitzer. Die in
+Tripolitanien ansässigen Europäer sind nur richtbar von ihren resp.
+Consulaten. Kommen aber Fälle vor, wo Europäer mit Eingebornen Händel oder
+Zwistigkeiten haben, so wird in der Regel die Entscheidung dem Richter
+anheimgegeben, der des _Beklagten_ Obrigkeit ist. Sucht also ein
+Eingeborner Recht gegen einen Europäer, so muss er sein Recht beim Consul
+holen, hat hingegen ein Europäer eine Klage gegen einen Eingebornen, so
+muss er beim mohammedanischen Kadhi sein Recht suchen, dass Letzterer, da
+er fast immer vom Consul unterstützt wird, meist im Vortheil ist, wird
+einleuchtend sein, wenigstens in den meisten Fällen, wo der Europäer
+Kläger ist.
+
+Bei der mangelhaften Kenntniss des Bodens von Tripolitanien, kann es uns
+nicht einfallen hier eine allgemeine physicalische Geographie des Landes
+geben zu wollen, wir beschränken uns auf statistische Angaben und führen
+nur an, dass der Raum von der ganzen Regentschaft wenigstens so gross wie
+ganz Deutschland ist, falls man Wüste dazu rechnet. In der That ist aber
+auch der grösste Theil des Bodens Sherir, Hammada, Sand oder steiniges
+jeder Vegetation bares Gebirgsland. Dieses im Süden hauptsächlich in den
+Schwarzen Bergen und dem Harudj vertreten, streift von Westen nach Osten
+seiner Hauptrichtung nach. Durch eine Hochebene vom Djebel, den man
+versucht wäre den östlichsten, letzten Ausläufer des Atlas zu nennen,
+finden wir dies Gebirge mit Humus und rothen Thon, folglich mit Vegetation
+bedeckt. Von diesem nördlich gelegen besteht die Ebene bis am
+Mittelländischen Meere aus Alluvialboden, ebenso scheint es mit dem Boden
+um die grosse Syrte zu sein, denn Sebchaboden allein würde schwerlich so
+gute Weiden haben, wie sie dort nach den Aussagen der Nomaden sein sollen.
+Allerdings ist die Stadt Tripolis gleich hinter den Palmgärten von
+Sanddünen umgeben, indess bilden diese Sandanhäufungen nur einen einige
+Stunden breiten Gürtel, dahinter hat man bis an's Gebirge Tel-Formation,
+den fruchtbarsten Boden. Nach Süden zu erstreckt sich dann der ackerbare
+Boden selbst noch über die Berge hin hinaus; im ued Sufedjin wird alle
+Jahre noch geackert, nach Westen geht der Tel in den Tunesischen über,
+nach Osten zu über das in's Meer stürzende Gebirge hinweg, nach Mesurata
+und dem Ufer der Syrte zu.
+
+Eigentliche Flüsse sind in ganz Tripolitanien nicht vorhanden. Die
+bekanntesten sind die von Südwesten nach Nordosten in die grosse Syrte
+fliessenden ued Sufedjin und ued Semsem. Der Sufedjin bekömmt zum Theil
+seine Zuflüsse vom Südrande des Djebel, zum Theil aus dem Rande der
+Hammada el hamra, aus letzterer und dem Harudj-Gebirge entspringt der
+Semsem. Der ued el Cheil, später im unteren Laufe ued el Bei genannt, wäre
+noch zu erwähnen, und wahrscheinlich sind in der sogenannten Syrtenwüste
+noch längere Flussläufe, von denen wir hier nur den Harana und Schegga
+nennen.
+
+Die in der Wüste vorkommenden uadi, von denen ich in Fesan das Schati, das
+uadi schirgi und u. rharbi anführe, möchte ich kaum als solche bezeichnen,
+sondern sie wie das von Gatron eher als Depression ohne bestimmte
+Abdachung annehmen. Cyrenaica, welches obschon politisch zu Tripolitanien
+gehörend, ein Land für sich bildet, soll später besonders beschrieben
+werden. An Mineralien hat bis jetzt nichts in der Regentschaft entdeckt
+werden können, mit Ausnahme einer ergiebigen Schwefelmine[6] an der
+grossen Syrtenküste, dessen Ausbeutung jedoch vom türkischen Gouvernement
+untersagt wurde. Natron-Sebcha giebt es in Fesan und zum Theil hat sich
+das Natron einen Weg bis Tripolis gebahnt, von wo es bisweilen exportit
+wird. Eben so giebt es einige Salpeterminen, die aber auch noch nicht
+ausgebeutet sind.
+
+Die Pflanzenwelt ist reich und könnte, bei besserer Bearbeitung des Bodens
+das Land mit allen anderen an der Nordküste von Afrika concurriren machen.
+Natürlich ist dieselbe, je nach dem Boden sehr verschieden. Während in den
+Oasen der Wüste die Producte der heissen Zone Indigo und die
+Sudan-Kornarten vortrefflich gedeihen, auf den Bergen und Hochebenen die
+Früchte und Kornarten der kalten gemässigten Zone gezogen werden können,
+kommen in den Ebenen am Meere und den nördlichen Bergabhängen alle
+Früchte, Getreide und Gemüse des gemässigten Klima's trefflich fort. Der
+Dattelreichthum des Landes, sowohl die der Oasen, wie die der
+Küstenstriche, ist unerschöpflich. Orangen, Citronen sind in all' den
+verschiedenen Arten vorhanden und namentlich hat die Blutorange und die
+feine Mandarinorange sich Bahn auf europäische Märkte gebrochen. Die
+Weintrauben und Feigen des Djebel sind von vorzüglicher Güte und wenn die
+Cultur des Oelbaums hinter der von Tunis zurücksteht, so ist der Umstand
+Schuld, dass in Cyrenaica, wo dieser Baum so herrlich gedeiht, dieselbe
+derart vernachlässigt oder vielmehr ganz aufgegeben ist, dass dort die
+Oelbäume nur noch verwildert vorkommen. Baumwolle und Taback kann überall
+producirt werden, wird aber bis jetzt nur sporadisch gebaut; Ueberschuss
+zur Ausfuhr giebt nur der Getreidebau, obschon wie überall die Bestellung
+der Aecker durch die Araber auf die primitivste Art geschieht; von
+Kornarten wird nur Weizen und Gerste gebaut. Die Gemüse, welche in Europa
+gezüchtet werden, gedeihen auch in Tripolitanien und wenn die
+Communication geregelter wäre, könnte im Winter von Tripolis aus der
+europäische Markt ebenso gut mit Gemüse versorgt werden, wie es jetzt von
+Algerien aus geschieht. Von den wildwachsenden Pflanzen hat man bis jetzt
+nur eine Geraniumart benutzt zur Bereitung von Essenz, die überall und
+massenhaft wachsende Artemisia könnte auf gleiche Weise mit Vortheil
+benutzt werden.
+
+Das Thierreich ist ebenso mannigfach. Die Pferde, meistens Grauschimmel
+und von mittlerer Grösse, sind eine durch Berber- und Araber-Pferde
+hervorgebrachte Kreuzung. Ausdauernd und schnell in ihren Bewegungen, sind
+sie meistens ohne Tücke und zum Reiten vortrefflich geeignet. Die
+Tripolitaner Esel, obschon nicht gross, sind berühmt. Das Rind ist kleiner
+Art, milcharm, aber so reichlich vorhanden, dass davon exportirt werden
+kann. Die Schafe sind alle Fettschwänze, und haben eine ausgezeichnete
+Wolle, in die Oasen versetzt, verlieren sie diese jedoch im zweiten Jahre;
+die Ziegen sind ebenfalls klein und milcharm, von beiden sind aber auch so
+grosse Heerden vorhanden, dass davon exportirt werden kann, überdies kommt
+die Wolle auch auf europäische Märkte. Das Kameel, ebenfalls durch die
+ganze Regentschaft verbreitet, ist das aus Arabien eingeführte
+einhöckrige. Andere Hausthiere und Geflügel sind dieselben wie in Europa.
+Von wilden Thieren nennen wir die verschiedenen Antilopenarten, auch
+überall verbreitet, Kaninchen, Hasen, Hyänen, Schakal, Füchse, wilde
+Katzen, Lynxe, Ratten, Springratten, Stachelschweine und wilde Schweine.
+Löwen und Panther kommen _nirgends_ in Tripolitanien vor. Unter den Vögeln
+heben wir hervor: Adler, Falken, Fledermäuse, Eulen, Raben, Stieglitze,
+Sperlinge, Nachtigallen, Canarienvögel, Schwalben, Tauben verschiedener
+Art, Enten, Gänse, Schnepfen, Rebhühner, Wachteln, Bachstelzen, Flamingos
+und vor allen den Strauss. Schildkröten verschiedener Art findet man in
+der Djefara, Eidechsen, Schlangen, oft wie die Hornviper, sehr giftig,
+aber meist kleiner Art, Scorpione und Spinnen, von welcher letzteren eine
+in der Wüste vorkommende sehr grosse Art zu erwähnen ist, kommen überall
+vor. Heuschrecken, welche oft zur Landplage werden, andererseits als
+Nahrung dienen, sind von verschiedenen Arten heimisch, Bienen sind im
+wilden Zustande, namentlich in den bewaldeten Bergen, Libellen trifft man
+überall, auch an den Quellen in den Oasen, Stechmücken, Fliegen in
+unaussprechlicher Zahl, Pferdebremsen, kriechende und hüpfende, den
+Menschen anhaftende Parasiten sind sehr verbreitet. Zu bemerken ist
+übrigens, dass der Floh die Region der Wüste, wo es nicht regnet, meidet.
+In den Sümpfen und den meisten Quellen, selbst die der Oasen nicht
+ausgenommen, findet sich der Blutigel. In Fesan ist noch im Behar el daud
+ein Wurm zu nennen, den die Eingebornen essen.
+
+Was die Bewohner von Tripolitanien anbetrifft, deren Gesammtzahl
+einigermassen genau zu bestimmen, äusserst schwierig ist, so müssen wir
+vor allen drei Hauptvölker unterscheiden: Araber, Berber und in Fesan
+Mischlinge. Die Araber bewohnen die Städte, grossen Ebenen und die
+Cyrenaica, die Berber finden wir im Djebel, Rhadames, Sokna und Audjila
+und die Mischlinge, hervorgegangen aus einer Kreuzung von Türken, Arabern,
+Berbern, Tebu und anderen Negerstämmen, bewohnen das Kaimmakamlik Fesan.
+Die wenigen Türken, welche in Tripolitanien sind, kommen kaum in Betracht,
+zudem sind die Truppen oft keine Türken, sondern häufig Araber aus Syrien;
+oft Albanesen, Tscherkessen, je nachdem sie aus der einen oder anderen
+Provinz kommen. Ganz unstatthaft ist es aber, wie die meisten
+Schriftsteller thun wollen, die Städtebewohner unter dem Namen Mauren als
+ein besonderes Volk hinstellen zu wollen. Der Name "Mauren oder Mohren",
+kam für die Städtebewohner des nördlichen Afrika's zuerst auf, nach der
+spanischen Vertreibung, weil die Spanier gewohnt gewesen waren, die
+Eindringlinge als aus Mauritanien kommend, den Namen los Moros zu geben.
+Aber diese nach Spanien übergewanderten Mauritanier waren Berber und
+Araber, Städte- und Landbewohner, vor und nach der Einwanderung und
+Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien, gab es in Nordafrika wie in
+Arabien Stadt- und Landbewohner, aber diese Stadtbewohner immer als eine
+besondere Abart mit dem Namen Moros, Maures, Mohren, den sie _selbst gar
+nicht kennen_, bezeichnen zu wollen, ist ebenso lächerlich, als wolle man
+bei uns z.B. sagen, die Einwohner von Berlin sind keine Deutsche oder
+Preussen, sondern Brandenburger. Wir müssen daher nochmal darauf
+aufmerksam machen, dass nicht nur die Bewohner von Tripolis, sondern die
+aller Küstenstädte bis Tanger an der Strasse von Gibraltar sich selbst
+Araber nennen und zum grössten Theile sind; wenn man aber darauf besteht
+sie Mohren nennen zu wollen, man diesen Ausdruck mit demselben Rechte auf
+alle Bewohner, welche das ehemalige Mauritanien bewohnen, ausdehnen kann,
+einerlei, ob es Stadt- oder Landbewohner, Berber oder Araber sind, denn
+Mohren oder Mauren als besonderes Volk hat es nie gegeben. Als eigenes
+Volk müssen wir noch die Juden, wenn auch nahe verwandt mit den Arabern,
+hervorheben, man trifft sie mit Ausnahme der Oasen, überall in den Städten
+und selbst im Djebel giebt es Judenniederlassungen. Ebenso falsch ist es
+unter "Beduinen" ein _besonderes_ Volk annehmen zu wollen. Der Name
+Beduine von Bedui hergeleitet, hat nur das Wandernde in sich, will aber
+keineswegs bedeuten, ob dies nur ein wanderndes Berber- oder Araber-Volk
+sei. Im Rharb oder im Westen von Afrika kennt man überdies diesen Ausdruck
+gar nicht. Ausserdem giebt es Schwarze aus dem ganzen Innern von Afrika,
+nirgends aber haben sie sich zu einer besonderen Gemeinde zusammen gethan,
+wenn man nicht die kleinen Hüttendörfer nennen will, welche man unter den
+Mauern von Tripolis und Bengasi findet und die meistens von Negern bewohnt
+sind; es ist dies aber meistens der Auswurf von weggelaufenen Sklaven und
+Sklavinnen und auch weisse Vagabonden finden sich unter ihnen.
+
+Wir werden nicht zu tief greifen, wenn wir die Gesammtbevölkerung von
+Tripolitanien auf 1 Million Menschen anschlagen.[7] Della Cella schätzte
+sie auf 650,000 Seelen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zunahme der
+Bevölkerung in den mohammedanischen Staaten überhaupt nicht in dem
+wachsenden Maasse vor sich geht wie in den christlichen Staaten,
+andererseits Pest und Krieg in Anbetracht zieht, welche zehn Jahre das
+Land verwüstet haben, so wird man finden, dass die Zahl nicht zu niedrig
+ist.
+
+Die Bewohner Tripolitaniens sind sesshaft und umherziehend. Diese, welche
+entweder in grösseren Städten, die sämmtlich an den Küsten gelegen sind,
+wohnen, oder in kleineren Orten, in von Stein und Thon erbauten Häusern,
+oder aber wie im Djebel, in unterirdischen Höhlen, oder wie in manchen
+Oasen in aus Palmenzweigen gebauten Hütten, leben von Handel, Industrie,
+Manufactur, Gartenbau und dem Acker. Die Nomaden, sämmtlich aus Arabern
+bestehend, wohnen in Zelten entweder einzeln oder zu einem Fareg oder
+Duar, d.h. Zeltdorfe vereinigt. Die Zelte bestehen meistens aus einem
+Gewebe von Ziegenhaar oft mit Kameelhaar untermischt und je nach dem
+Stamme sind sie verschieden geformt und haben sie verschiedene Abzeichen
+und Farben im Gewebe. Die Nomaden leben hauptsächlich von Viehzucht,
+treiben aber auch Ackerbau. Der Kreis ihrer Züge ist überhaupt ein
+beschränkter, nicht jeder Stamm kann mit seinen Heerden hingehen, wohin er
+will, von Alters her haben sie nach Uebereinkommen ihre bestimmten Grenzen
+unter sich, welche nicht übertreten werden. Aber eben da dies Alles nur
+auf Uebereinkommen und Herkommen beruht, brechen darüber oft
+Streitigkeiten aus, welche zu Krieg zwischen den Triben anwachsen. Obschon
+die Polygamie erlaubt ist, so sind doch fast alle Tripolitaner, selbst die
+Städtebewohner Monogamen. Das was man über die Stellung der Frauen bei den
+Arabern und Berbern im Allgemeinen gesagt hat, ist auch hier in
+Tripolitanien ebenso falsch und beruht auf oberflächlicher Beobachtung der
+Sitten. Die Frau hat allerdings nicht die hohe und berechtigte Stellung,
+welche sie in der christlichen Welt einnimmt, welche Stellung zum Theil
+durch den Mariencultus der katholischen und griechischen Kirche
+hergekommen, zum Theil in den Anschauungen unserer eigenen heidnischen
+Vorführen begründet ist, indess ist sie doch keineswegs so unterdrückt,
+wie man nach den Beschreibungen der meisten Reisenden vermuthen sollte.
+Dass die Frau das Mehl reibt oder mahlt, dass sie Brod bäckt, dass sie die
+Basina und den Kuskussu zubereitet, endlich das nöthige Wasser für die
+Familie herbeiholt, wenn oft auf grosse Entfernungen, finde ich ganz
+natürlich; was aber die schwere Arbeit anbetrifft, der Ackerbau, die
+Ernte, die Viehzucht, so sehen wir damit ausschliesslich die Männer
+beschäftigt. Ebenso ist es in den Städten, die Maurerarbeiten, Tischler,
+Schlosser, Schmiede und überhaupt alle Handwerke werden von den Männern
+wie bei uns betrieben, während der Frau die häuslichen Arbeiten zufallen.
+Nur als besonders muss ich hervorheben, dass die Töpferarbeit in Fesan
+eine Frauenbeschäftigung ist. Dass aber im Allgemeinen die Frau bei den
+ansässigen, wie nomadisirenden Tripolitanern ebenso das Regiment führt wie
+bei uns, wird Jedem, der Gelegenheit gehabt hat, in mohammedanischen
+Familien eingeführt gewesen zu sein, bekannt sein.
+
+Von Natur sind die Tripolitaner, sowohl Berber als Araber, kriegerisch und
+stehen in dieser Beziehung keineswegs hinter den Algerinern, den
+tapfersten von allen an der Nordküste von Afrika zurück. Die eiserne Hand
+der Türken hat sie aber zahm gemacht, so dass jetzt vollkommene Ruhe und
+Sicherheit im Lande ist, nur in der sogenannten grossen Syrtewüste und in
+dem Hochlande von Cyrenaica, wo die Herrschaft der Türken noch nicht so
+sicher etablirt ist, würde es für einen einzelnen Wanderer gefahrlich
+sein. In früheren Zeiten bedeutend fanatischer, wie man aus dem
+Reiseberichte von Lyons und später dem von Beechey, ersehen kann, hat auch
+in dieser Beziehung die Herrschaft der Türken, welche ja die duldsamsten
+von allen Mohammedanern sind, eine grosse Veränderung hervorgerufen. Die
+Tripolitaner sind heutzutage, die Rhadamser und Barkenser vielleicht
+ausgenommen, die duldsamsten Leute geworden. Namentlich in den Städten und
+dies gilt besonders von Tripolis, sind die alten Vorurtheile gegen
+Christen und Juden geschwunden. Die Mohammedaner huldigen in ganz
+Tripolitanien dem malekitischen Ritus, welcher auch offenbar für
+Nomadenvölker der bequemste ist. Malek gewährt den Leuten, welche nach
+seiner Weise beten, manche kleine Begünstigungen, so z.B. brauchen die
+Reisenden beim Gebet die Sandalen nicht abzubinden (Schuhe müssen jedoch
+ausgezogen werden) und da dies immer ein umständliches Zeit raubendes
+Geschäft ist, so sind ihm die Wüstensöhne dafür sehr dankbar. Dass
+übrigens von malekitischen oder hanbalitischen etc. Moscheen in
+Tripolitanien so wenig die Rede ist, wie anderwärts, brauche ich wohl kaum
+zu sagen. Hanbalitische--, Moscheen als Solche giebt es nicht. Alle vier
+rechten Religionssecten können in einer und derselben Moschee beten, ohne
+Unterscheidung und Unterbrechung hervorzurufen. So beruht beim Beten der
+einzige Unterschied zwischen dem Hanefi und Maleki beispielsweise darin,
+dass erstere die Arme kreuzen, letztere, nachdem Allahou akbar gerufen,
+herabhängen lassen. So kommt es denn oft genug vor, dass der Vorbeter
+Hanefisch betet und alle Nachbeter Malekitisch das Gebet vollziehen und
+umgekehrt. Nur die Chomis oder nicht den vier rechtgläubigen Secten
+angehörenden Mohammedaner werden in keiner Moschee geduldet. An religiösen
+Gemeinschaften giebt es in Tripolitanien hauptsächlich drei, die Anhänger
+Mulei Thaib's, die Mádani oder Anhänger Mohammed el Mádani und die
+Anhänger Snussi's.
+
+Mulei Thaib, welcher sein Grab in Uezan in Marokko hat, wo er auch lebte
+und wirkte, hat die über ganz Afrika weitverbreitetste Brüderschaft
+gegründet. Aus dem Hause der Schürfa und directer Abkömmling von Mulei
+Edris, dem Gründer von Fes, stiftete ein anderer seiner Ahnen Mulei Abd
+Allah Scherif die berühmte Sauya von Uezan und zugleich auch einen Orden,
+der heute noch sehr zahlreich und berühmt in Marokko ist. Mulei Thaib,
+Abkömmling des Mulei Abd Allah Scherif, nicht zufrieden mit der localen
+Ausdehnung, erneuerte den Orden und gab ihm die grosse Ausdehnung, die er
+jetzt noch hat. In Marokko und Algerien sind die Klöster und Mkaddem[8]
+Mulei Thaib's unzählig, in Tripolitanien gehören nur die Rhadamser der
+Confraterschaft Thaib's an, weiter nach Osten hat er nur noch einzelne
+Mitglieder[9].
+
+Die Anhänger von Mohammed el Mádani sind wenig zahlreich; in diesem Orden
+sind fast nur gebildete Leute. Die Mitglieder dieser Innung sind
+ausschliesslich in Tripolitanien und einigen Ortschaften in Aegypten und
+Tunis. Ihr Gründer war ein Wahabite aus Arabien Namens Sidi el Arbi,
+flüchtig von seinem Vaterlande, zog er nach Fes und wollte eben seine neue
+Lehre dort begründen als er starb; einer seiner Jünger Mohammed el Mádani
+(d.h. der aus Medina gebürtige) setzte sein Werk fort und stiftete den
+Orden der Mádani. Aber auch in Fes wurde dieser freisinnige Orden nicht
+geduldet, ebenso wenig in Algerien, wo er sich im Jahre 1829 befand;
+gleichfalls von Tunis vertrieben, liess er sich in Mesurata in
+Tripolitanien nieder und konnte hier ungestört lehren und für die
+Ausbreitung seiner religiösen Innung sorgen. Von der eigentlichen Lehre
+der Wahabiten gänzlich abweichend, glauben sie an ein göttliches Wesen und
+an einen Rapport des Menschen mit Gott mittelst des Gebetes und einer
+sinnigen Betrachtung, die Einheit Gottes, die Unsterblichkeit der Seele,
+Strafe und Belohnung im zukünftigen Leben, ist die Basis ihrer Lehre und
+da dies zugleich die Grundlagen der drei semitischen Religionen sind, so
+schliessen sie die Christen und Juden als befähigt in's Paradies zu
+kommen, nicht aus. Ohne Fanatismus predigen sie die Brüderlichkeit und
+Toleranz und obgleich auch sie auf Formen und Cultus halten, ist dies bei
+ihnen Nebensache und nicht unbedingt nothwendig, um eine Vereinigung mit
+Gott im jenseitigen Leben zu erzielen.
+
+Ganz das Gegentheil dieser vielleicht tolerantesten[10] von allen
+Mohammedanern wurde im Anfange der vierziger Jahre die Brüderschaft der
+Snussi gegründet. Si Mohammed Snussi in Tlemçen geboren, verliess vom
+glühendsten Hasse gegen die Franzosen und Christen sein Geburtsland und
+begab sich nach Fes, um dort auf der Hochschule von Karuin die Kenntnisse
+zu erwerben, welche er für nothwendig hielt einen Orden zu gründen,
+welcher hauptsächlich die immer mehr um sich greifenden Ideen und
+Gebräuche der Christen unter den Mohammedanern bekämpfen sollte. Nach
+einigen Jahren Aufenthaltes in Fesan und da er sah, dass dort die Gründung
+eines neuen Ordens, den anderen dort schon existirenden gegenüber keine
+Aussicht auf Erfolg haben würde, besonders da Si Mohammed kein Scherif,
+sondern bloss ein Thaleb war, ging er nach Mekka, um seinen Ruf der
+Heiligkeit zu vermehren. Er schlug den Landweg ein durch die Wüste und
+berührte hiebei Barca und die Uah-Oasen. Frappirt von der
+Religionslosigkeit der dortigen Eingebornen, die blos dem Namen nach
+Mohammedaner waren, ersah er sogleich, dass hier die Gegend sei, wo er die
+Stiftung seines Ordens vornehmen müsse. Seinen Vorsatz nach Mekka führte
+er aus und ging dann nach Constantinopel, um sich einen Firman zu
+erwirken, damit die Localbehörden seinem Unternehmen keine Schwierigkeiten
+in den Weg legten. Nachdem er diesen erlangt hatte, kehrte er zurück und
+legte in Sarabub, dem westlichsten Theile der Jupiter-Ammonsoase eine
+Sauya an. Obgleich er nie den Zweck aus dem Auge verlor, die christlichen
+Ideen zu bekämpfen, war sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet Filialsauya
+zu errichten, der Kreis seiner Anhänger vermehrte sich, Barca ist ganz dem
+Snussi unterworfen, ebenso Audjila und Djalo, in Kufra wurde ein neuer Ort
+gegründet und in Uadai, wohin sein Sohn selbst eine Reise machte, der
+Orden der Snussi als allein berechtigt, eingeführt, Kauar und Fesan halten
+ebenfalls zu den Gebräuchen der Snussi, aber im eigentlichen Tripolitanien
+wurde sein Orden nicht ausgebreitet, eine in Rhadames gestiftete Sauya
+musste 1864 wieder eingehen. Sein Sohn Sidi el Mabdi, welcher ihm 1860
+nachfolgte, scheint nicht den Hass gegen die Christen zu haben, wie sein
+Vater, seine Hauptsorge scheint im Sammeln von Reichthümern zu bestehen,
+was natürlich bei allen Orden immer die Hauptsache ist.
+
+Das Klima in Tripolitanien ist natürlich sehr verschieden: An der Küste
+hat dasselbe grosse Aehnlichkeit mit dem von Unterägypten und dürfte es an
+der grossen Syrtenküste noch heisser sein, auf den bewaldeten Bergen ist
+das Klima Süditaliens, jedoch ist bei Gebliwinde die Hitze viel
+intensiver. Im Winter ist es übrigens häufig, dass Frost und Reif
+auftreten. Die grössten Gegensätze finden sich wie überall in der Wüste in
+den tripolitanischen Oasen, im Sommer steigt das Thermometer bis über 45°,
+im Winter fällt es häufig unter Null. Ja an einzelnen Tagen beträgt der
+Unterschied oft 30°, so hat man in Fesan -4° Nachts beobachtet mit einer
+nachmittägigen Hitze von +24°. Im Winter ist an der Küste die Feuchtigkeit
+ebenso gross wie in Norddeutschland und auf den Bergen oft noch grösser,
+namentlich in Cyrenaica. In den Oasen ist selbstverständlich die
+Trockenheit der Sahara und selbst grosse Strecken feuchten Bodens wie in
+Fesan haben dem grossen Ganzen gegenüber keinen Einfluss. Während im
+Winter die Barometerschwankungen an der Küste stark und unregelmässig
+sind, bleiben sie im Innern, sowohl Winter wie Sommer unbedeutend und
+regelmässig. Ebenso ist es mit den Winden: im Winter, obschon dann
+Nordwestwind vorherrschend ist, durchlaufen die Winde oft in einem Tage
+die Rose, im Sommer sind sie aber ganz gleichmässig, fast immer von 10 Uhr
+Morgens an, von Norden kommend und manchmal nur durch die meistens aus
+Südsüdost kommenden glühend heissen Gebli- oder Samumwinde unterbrochen.
+Im Allgemeinen kann man sagen, dass in Tripolitanien ein sehr gesundes
+Klima ist, am zuträglichsten ist jedenfalls die köstliche Luft Cyrenaica's
+und des Djebel, aber auch an den Küsten in Bengasi, Tripolis und den
+anderen Orten weiss man von Epidemien und Endemien nichts. So ist z.B. bis
+jetzt _nie_ die Cholera in Tripolitanien gewesen und wenn in früheren
+Jahren die Pest aufgetreten ist, so rührt das jedenfalls durch
+Einschleppung und mangelhafte sanitätliche Polizeieinrichtung her.
+Neuangekommene Europäer haben in den Städten oft Leberleiden, meist aber
+aklimatisiren sie sich rasch. Entschieden ungesund ist das Klima in
+einigen Theilen von Fesan, wo die Sebcha oder Salzsümpfe in Verbindung mit
+faulenden organischen Substanzen im Sommer die bösesten intermittirenden
+Fieber hervorrufen.
+
+Tripolitanien, welches unter der türkischen Regierung ein Eyalet oder eine
+Provinz ist, hat 7 verschiedene Liva oder Nayet, welche unseren Kreisen
+oder Districten entsprechen. Die Zahl und Grösse derselben wechselt aber
+häufig nach der Laune des Muschir oder Grossgouverneurs. In den ersten
+Jahren wurden die Liva sogar vom Muschir besetzt, heute werden die
+Districtsgouverneure jedoch von Constantinopel aus angestellt, in der
+Verwaltung jedoch sind sie dem Muschir Tripolitanten verantwortlich.
+
+Die verschiedenen Liva sind: 1. Tripolis selbst mit Umgebung (Mschiah.
+Tadjura etc.), 2. Choms, welches die westliche Syrtenküste begreift und
+die Gebirgslandschaft von Tarhona, 3. Sauya, die Landschaft westlich von
+Tripolis bis nach Tunisien, 4. Djebel, welches das ganze Gebirge südlich
+von Tripolis und Misda begreift, 5. Rhadames mit einigen kleinen Oasen in
+der Nähe, 6. Fesan und 7. Barca, welches das ganze alte Cyrenaica und die
+Audjila-Oasen begreift. Dem Liva steht ein Kaiumakam vor, der meist auch
+den Titel Pascha hat, und die Liva sind wieder in verschiedene Mudiriate
+abgetheilt, denen ein Mudir vorsteht.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Tripolis.
+
+
+Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel längerer werden, als
+ich Anfangs vermuthete; bei meiner Ankunft theilte mir Herr Rossi mit,
+dass Mohammed Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's bestimmt war von
+der Küste nach dem Innern die Geschenke zu übermitteln, in Fesan nicht
+aufzufinden gewesen wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich
+erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu Meheri in Tripolis eingeritten
+kam, so hatte ich doch gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane
+zu sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan, der sich dort zu
+der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich später geschrieben, dass Dr.
+Nachtigal aus Cöln, welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre,
+die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu nun auch die Erlaubniss
+von Berlin aus nöthig war, fragte ich telegraphisch an und erhielt zur
+Sendung Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser nun auch
+rasch genug eintraf von Tunis, so war seine Ausrüstung doch nicht sobald
+gemacht, er musste wieder nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall
+Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane wirklich abgegangen,
+musste ich mich in Geduld fügen; jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal
+die Stadt recht gründlich kennen zu lernen.
+
+Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli (Beehey schreibt Tripoly),
+wir Deutschen aber richtiger nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis
+schreiben, weil gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen, überdies
+die heutigen Bewohner es auch mit einem s schreiben ([arabisch: Trablis]
+Trablis) ist nach dem Urtheile der besten alten Geographen, und der
+meisten neueren Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies
+unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten die Araber eine neue
+Stadt auf den Trümmern, der sie den Namen des ganzen Districtes gaben. Es
+ist kein Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren Namen vor
+der barbarischen Invasion geändert hatten. Wir haben aber viele Beispiele,
+wo die Araber ganze Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft
+Stambul die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch dass Oea von den
+Alten nie als Hafen angeführt worden ist, ist kein stichhaltiger Grund, es
+kann vielleicht zu der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei
+Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort nach Osten
+hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen, dass meist dies das Ufer war.
+
+Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt, als der allerdings
+schöne vom Scipio Defritus (nach Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den
+Tagen von Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius Aurelius Verus
+errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen allein zeugt schon, dass hier
+eine Stadt gestanden haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien
+gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist von sehr sorgfältiger
+Arbeit aus riesigen Marmorquadern aufgeführt, aber über ein Drittel ist
+unter Anhäufung von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man grosse
+männliche und weibliche Figuren, welche allegorische Scenen darstellen
+oder geschichtliche Ereignisse repräsentiren. Die nach Norden zu
+angebrachte Inschrift ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze
+umbaut und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar eine von einem
+Malteser gehaltene Schnapskneipe darin. Diese ist nun zwar entfernt, aber
+nicht etwa aus Pietät für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil
+ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken nur in einer
+gewissen Entfernung von einer Moschee angelegt werden dürfen und da hat
+man denn ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre lang
+nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma des Hadj Ali Gordji näher
+der Kneipe stände, als erlaubt sei und einfach wurde der Befehl zum
+Schliessen gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die Tholba der
+Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten und da der Inhaber der
+Schenke ohne sich selbst Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen
+wollte, so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen Grund,
+die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu schaffen. Tout comme chez
+nous, dachte ich, als der frühere Besitzer mir dies erzählte.
+
+Andere Alterthümer darf man höchstens noch in den Djemmen suchen, auch
+sieht man an vielen Strassenecken eingemauerte Säulen oft mit
+corinthischen Capitälern, um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren.
+Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine Art von Altarstein mit
+einem Sperberbilde im nördlichen Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis
+dem blossen Auge bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der
+frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines Hauses in der Mschia
+dort einige kostbare Glasurnen fand, die jetzt auf dem britischen Museum
+in London sind.
+
+Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült, im Norden und Osten. Fast
+fünfeckig werden die anderen drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben,
+nach der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch und steil,
+obschon heute so baufällig, dass man sie mit Flintenkugeln
+zusammenschiessen könnte. Früher hatte die Stadt zwei starke Forts, am
+nordöstlichen Eck das sogenannte spanische, welches im Jahre 1863
+explodirte und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon seit
+Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut worden ist. Zwei detachirte
+Forts, von denen das eine im Norden der Stadt auf einem Felseilande
+gelegen unter dem Namen des französischen, das andere östlich am Strande
+der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens beherrschend und das
+englische genannt wird, sind vollkommene Ruinen. Aus dieser Beschreibung
+wird man ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch recht
+stattlich und stark aussieht, nichts weniger als stark ist. Früher nur mit
+zwei Thoren versehen, von denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai
+öffnete, das andere im Süden nach der Mschia hinausführte, hat man jetzt
+neben dem Südthor noch ein anderes und auch durch den Westwall ein viertes
+Thor durchgebrochen. Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom
+spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der Küste parallel
+lautenden Riffe, der Stadt und der Küste gebildet, so dass nur die Seite
+nach Osten offen bleibt. Mit geringer Mühe könnte er zu einem der
+geräumigsten und sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint
+auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich etwas dafür gethan
+werden soll. Man kann nicht läugnen, dass nach der jetzt erfolgten
+Durchstechung des Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis
+und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen. Augenblicklich
+ist der Hafen nur für kleinere Schiffe zugänglich, Schiffe von mehr als 10
+Fuss Tiefgang müssen auf der Rhede ankern.
+
+Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von denen das
+nordwestlichere mehr von den Juden, das östliche also am Hafen gelegene,
+von den Christen bewohnt wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha,
+hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander mit
+Christen und Mohammedanern wohnen. Die Strassen in Tripolis sind breit und
+reinlich (natürlich immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen
+Städten) und einige hat man in letzter Zeit sogar angefangen zu pflastern
+und mit Laternen zu versehen. Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens
+dieses Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich zu denen
+in Tunis, Blaquière geht sogar so weit zu behaupten, die Stadt könne, was
+Bauart der Häuser und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen
+europäischen Städten, am mittelländischen Meere als Muster dienen. Die
+Häuser der Mohammedaner haben meistens ein Stockwerk, sind von aussen
+reinlich geweist und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte ist
+in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener Gang mit doppelten
+Thüren von der Strasse aus führt, so dass ein Fremder, wenn auch die
+Thüren offen stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen kann. In
+diesem Gange sind immer steinerne Bänke angebracht, wo der Hausherr
+geschäftlichen Besuch empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses
+sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte Fenster nach
+der Strasse. Die Zimmer öffnen sich alle auf den Hof durch hohe maurisch
+gewölbte Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen Zimmer öffnen
+sich auf eine Gallerie, welche inwendig im Hofe herunterläuft und dem
+unteren Hofe zugleich Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben
+wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen Kaufleute und
+Beamten sind vollkommen europäisch möblirt. Die Häuser der reichen Juden
+unterscheiden sich in Nichts von denen der Europäer und die der ärmeren
+Juden in Nichts von denen der Mohammadaner, nur dass sie noch schmutziger
+sind. In jedem Hause, auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das
+süsse Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für den Consum des
+Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da für Waschungen, oft auch zum Kochen
+benutzt, in jedem Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches
+Wasser hat.
+
+An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss des Paschas, ein
+unregelmässiges Gebäude ohne jede Schönheit in der Architectur, eine
+Kaserne und Harem, sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden.
+Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine durch Schönheit aus, auch
+nicht die neue von Hadj Ali Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle
+aber sind im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt, von
+denen namentlich die am Ssuk el turk befindliche herrliche Monolithen aus
+Porphyr hat. Die christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine
+katholische und eine griechische. Mit der katholischen ist ein Kloster
+verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins der ältesten Klöster, die
+koptischen in Aegypten ausgenommen, in Afrika und seine Entstehung datirt
+von der Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche haben
+eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung, ein Theil von
+ihnen versieht den Gottesdienst und andere sind Handwerker. Der Vorsteher
+des Klosters, der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und Gewalt.
+Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf eine Subvention von 20,000
+Francs pro Jahr und Sporteln, welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit
+dem Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den Schwestern von St.
+Joseph geleitet wird. Im Hospitale werden Kranke jeden Glaubens
+aufgenommen. Die Türken haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb
+der Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke aufnehmen
+kann und unter Umständen auch Civilpersonen geöffnet ist. Für europäische
+Fremde ist ein Gasthaus vorhanden, welches indess selbst für die, welche
+mit bescheidenen Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen übrig lässt.
+Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks sorgen für das zeitweilige
+Unterkommen der Mohammedaner. Es giebt keine eigentliche Bazars in
+Tripolis, doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf dem Stuk
+el turk, hauptsächlich für Taback, Opium, Kaffee und feinere Sachen
+gesorgt, in anderen Strassen, wie el Kessariah, werden hauptsächlich
+einheimische Stoffe und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der
+Schreiner, Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen
+Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische Kaufläden, wo Alles zu
+haben ist. Drei Pharmacien sorgen für die Bedürfnisse des kranken
+Publikums, zwei öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche
+Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt zu werden.
+Ordnung und Sicherheit in der Stadt wird durch Polizisten aufrecht
+erhalten, obschon man sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts,
+wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist eine Hauptwache,
+Douanenwache und Schlosswache vorhanden, und alle Thore immer mit
+Doppelposten versehen. Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich el
+bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht, ist sein Posten doch
+einer der einträglichsten. Der jetzige Schich el bled ein gewisser Ali
+Gergeni soll, da er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten
+gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle europäischen
+Nationen mit Ausnahme der deutschen sind durch Consulate vertreten, von
+diesen haben die Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener
+Generalconsulate. Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so mögen gegen
+18,000 Seelen in Tripolis[11] sein, von denen 3000 Christen und 4000 Juden
+sind. Die Christen sind der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und
+Griechen, alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien
+vertreten.
+
+Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich vom
+Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu Jahr aus, obschon die Türken
+nichts thun ihn zu heben. Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen
+einen Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von diesen sind
+fast dreiviertel unter otomanischer Flagge fahrend, und die übrigen
+gehören ihrer Wichtigkeit nach der italienischen, englischen,
+Jerusalemer[12], französischen, griechischen und österreichischen Flagge
+an. Da die Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als (z.B.
+ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt von ca. 30,000
+Tonnen. 400 Schiffe würden also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern
+ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen gerechnet,
+gleichkommen. 400 Schiffe importiren und exportiren durchschnittlich für
+5,250,000 Fr. an Werth, die Importation übertrifft aber in der Regel die
+Exportation.
+
+Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind: Korn, Oel, Früchte
+(Datteln, Orangen und Citronen), rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte
+Felle, Butter, Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven,
+etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron, Schwämme und
+Manufacturwaaren: als Matten, Körbe, Teppiche. Wenn wir annehmen, dass
+diese einen Gesammtwerth von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde das
+Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen, dann Oel, Elfenbein,
+Sklaven, Goldstaub, Wolle und Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein.
+An importirten Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und Mahmudi von
+England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe, Kram- und Esswaaren, Kaffee,
+Zucker, Färbestoffe, Wein und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz,
+Metalle, Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren,
+Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber (in Form von
+5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler), Uhren, Möbeln und andere
+Manufacturgegenstände. Von diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und
+Seidenstoffe die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und Esswaaren,
+Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein.
+
+Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen am Mittelmeere in
+folgendem Verhältnisse: Malta 8/16, die Levante und Alexandrien 3/16,
+Livorno und Italien 2/16, Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16.
+
+Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt wird, sind zwei grosse
+Märkte wöchentlich vor den Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore
+und Freitags vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen dann hier
+zusammen aus der ganzen Regentschaft, und diese Tage bieten gewiss eins
+der bedeutendsten und interessantesten Bilder afrikanischen Lebens, das
+man sich nur denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich
+verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate, so dass jeder
+Europäer Kenntniss davon hat. Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin
+mit 120 Thaler, eine Fullo mit 150-160 Thaler und eine Tscherkessin mit
+300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche sind zu dem Preise von 70-90
+Thaler zu haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr von 2708
+Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend, für das Jahr 1850,
+während Testa für dasselbe Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem
+Gesammtwerthe von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf 200 Fr., was
+jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein junger Bursche in Mursuk oft
+schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler bezahlt wird). Es scheint aber als ob
+jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen Generalconsulate
+sollen ergriffen werden.
+
+Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali Riza Pascha ein Algeriner,
+ist im Ganzen ein Mann von Bildung, aber obschon er recht gut französisch
+spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist, so hat er doch
+lange nicht das Humane, und ein so gutes Administrationstalent wie sein
+Vorgänger Mahmud Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von Tripolis
+Kaputan Pascha oder Marineminister geworden, welchen Platz er auch noch
+heute im türkischen Reiche ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich
+erzogen worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass
+verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt war. Später als er
+einsah, dass er nicht gegen den Strom schwimmen konnte, schickte er durch
+Vermittlung der französischen Botschaft in Constantinopel seinen Sohn auf
+die Artillerieschule nach Frankreich, wo Ali Riza Pascha sich das
+Officierspatent erwarb und dann gleich darauf in türkische Dienste trat.
+Da er seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm hier
+Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte er schon den Rang eines
+Mareschals. Sein Charakter ist seltsam gemischt, so theilte er z.B.
+Morgens Almosen aus an fanatische Druische, welche Spottlieder auf die
+Christen und christliche Religion sangen, und ging Abends auf einen Ball
+oder in eine Gesellschaft, die irgend ein europäischer Consul gab. Er
+versuchte einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber seine
+Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen kleinen Thurm mit einer
+Uhr bauen lassen, und eine Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die
+Araber sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als Abzeichen
+einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen Mohammedanern) errichten
+lassen, verbot er jedem bei Gefängnissstrafe das Wort "Glocke" zu
+gebrauchen, und in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren immer
+einige Individuen im Gefängniss, welche sich des Wortes Glocke[13]
+unvorsichtigerweise bedient hatten.
+
+Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der Schich el bled Ali Gergeni,
+aber beide hüteten sich wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu
+lassen. Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels wohl
+mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen Thür ein Gitter hatte,
+von wo aus sie alles sehen konnten, ohne bemerkt zu werden. Sobald ein
+europäischer Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu fehlen.
+
+Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch von Cyrenaica.
+Wenn schon die Alten unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca.
+640 Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen Bomba, unter Battus
+niederliessen, so war Ali Riza Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er
+ging Anfangs 1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition
+gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial, Lebensmitteln etc. beladen
+waren, nach Bengasi und von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren
+zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose Leute aus Tunesien,
+welche die Hungersnoth nach Tripolitanien getrieben hatte, und dann Leute
+aus Sauya, Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten. Für den
+Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha dadurch zu sorgen, dass er
+jedem Familienvater einige Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit,
+eine pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich, also
+einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler), Getreide um eine Aussaat zu
+machen, dann von der Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische
+Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln begleiteten ihn.
+
+Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner, den Nomadenhang der
+Araber, ihren unabhängigen Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die
+Frage, ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird. Die Hauptsache
+aber, woran das ganze Unternehmen scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl
+der Oerter, wo Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die
+Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk die einzigen guten,
+natürlichen Häfen an der ganzen Küste zwischen Alexandrien und Goletta
+sind, wo Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und immer im
+Winter bei schlechtem Wetter war dies auch die einzige Zufluchtsstätte für
+dort in der Gegend auf hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali
+Riza Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später übersehen zu
+haben, dass bei Bomba und Tabruk gar kein fruchtbares Hinterland ist,
+sondern gleich Wüste, die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar
+keine Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst nur Viehzucht zu
+treiben. Und einen Ort an _dieser_ Küste, mit _solchen_ Menschen, unter
+_solchen_ Verhältnissen emporblühen zu sehen, erscheint mehr als
+zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier nicht möglich war,
+zwang die Griechen diesen Ort zu verlassen, um dann in der Nähe am
+Apolloquell die berühmte Cyrene zu gründen.
+
+Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft die
+Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so liegen uns aus
+Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon Streitigkeiten mit den dort
+nomadisirenden Arabern ausgebrochen seien, hauptsächlich des Süsswassers
+wegen, das auch nur spärlich vorhanden ist.
+
+Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter recht rege, obschon
+es sehr durch die Rivalitäten der verschiedenen Consulate gestört wird, im
+Winter 1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den Aufenthalt von
+Alexandrine Tinne und später des Baron von Maltzan. Alexandrine Tinne, die
+kühne holländische Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis
+eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und bereitete sich vor, ins
+Innere zu gehen. Wie immer auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie
+sich endlich doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, hatte aber
+auch schon damals die Absicht, nach Rhat zu gehen, um die dort hausenden
+Tuareg zu besuchen. Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken
+abzubringen, sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, einer der Chefs
+der Tuareg, vor Jahren mit Colonel Mircher eine Art von Vertrag gemacht
+hätte, sie vollkommen sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden
+reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene grossen französischen aus
+Eisen gemachten Wasserkisten nicht mitzunehmen, welche allerdings für die
+französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein mögen, aber für
+einen einzelnen Reisenden die grösste Gefahr herbeiziehen, weil sie eben
+die Raubsucht der wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu
+bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, statt jener Algeriner
+und Tuniser, auf deren Treue sie gar nicht bauen konnte, und welchen sich
+merkwürdigerweise eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt hatte.
+Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, oder glaubte die Gefahren in
+den Gegenden, die sie vor hatte zu bereisen, geringer als sie in der That
+sind. Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, Juden und
+Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes eine
+Freundin geworden, sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und mit
+kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie Tripolis nie
+wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine mit denen ihrer einzigen beiden
+treuen Diener im weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei
+Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. Friede sei ihrer
+aller Asche.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Leptis magna.
+
+
+Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen Dampfer, welche
+das ferne Alexandria und das noch weitere Constantinopel täglich mit
+Triest und Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei
+hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer zu nennen, der
+Messagerie Imperiale, dem österreichischen Lloyd und der Peninsular and
+Oriental Company, kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea--und
+warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der ganzen Nordküste von Afrika
+keine einzige Stadt, welche auch nur im allerentferntesten einen Vergleich
+mit den blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa eingehen
+könnte.
+
+Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird durch das kleine
+Dampfschiff Trabulos Garb, welches dann und wann nach Malta fährt,
+unterhalten. Es ist aber so schwach, dass es das geringste Unwetter
+scheuen muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder des
+Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den Launen dieses Mannes
+ab, das Boot gehen zu lassen, oder nicht.
+
+Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt, da der Dampfer des
+schlechten Wetters wegen nicht auslaufen konnte; um aber dennoch wieder
+Abwechslung und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen,
+beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort, welcher namhafte
+Sehenswürdigkeiten bietet auf der langen Strecke von Tripolis nach
+Bengasi.
+
+Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir auf. Ich hatte alle Kameele
+des Königs zur Verfügung, sowie die Leute, welche mit der Karawane nach
+Bornu abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed Gatroni, der
+auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen war und der einen weissen
+Meheri ritt, welchen ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk
+gemacht hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum Barths, der Timbuktu
+gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale durchzogen hatte, war hieher
+gekommen, um die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu
+begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth war er eine Zeitlang
+mit Hrn. v. Beurmann gereist, und hatte schliesslich mich durch die grosse
+Wüste bis Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im Sommer 1867
+meine sämmtlichen Kisten allein durch die Sahara zurückgebracht. Als der
+König von Preussen beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern,
+und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die gute Behandlung, die
+der Sultan von Bornu den deutschen Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann
+und mir, erwiesen hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die Geschenke
+zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe über ihn von Mursuk
+einliefen, wurden, wie schon angeführt, die Anerbietungen des Dr.
+Nachtigal, eines am Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als
+Ueberbringer der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen. Kaum war dieser
+in Tripolis eingetroffen, als auch der alte Gatroner ankam, es war somit
+die beste Sicherheit vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden.
+Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht von Malta angekommen,
+und darin bestand der Hauptgrund, um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser
+Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu aus weiter nach dem
+Innern vorzudringen, so wollte ich ihn natürlich nicht zu einer Abreise
+ohne Instrumente drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat
+verloren ging.
+
+Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu erreichen, welches zwar nur
+6 Kilometer von Tripolis entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung
+von 5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen Consuls
+uns hinlänglichen Comfort geboten hätte. Vielmehr mussten wir um 5 Uhr
+Abends bei bedecktem Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir
+hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich zwischen der Mschia
+und Tadjura befindet.
+
+Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern, denn bald brach ein
+solcher Regen über uns aus, von den heftigsten Windstössen begleitet, dass
+uns in einem Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden. Der
+Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein Wiederaufschlagen nicht zu
+denken war, und die Dunkelheit verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich
+die Häuser nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter die
+umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu erwarten.
+
+Unter diesen Umständen war andern Tags an einen regelrechten Marsch nicht
+zu denken, sondern mit Tagesanbruch gingen wir in die Wohnung des
+italienischen Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um unsere
+Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz des Consuls befindet
+sich ganz am Südrande der Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl
+als die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt, auf welchem oft
+zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln. Tadjura selbst ist eigentlich
+mit der Mschia und dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine
+und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von Sahel und Mschia
+unterschieden, als die Bewohner der beiden letztgenannten Orte gar keine
+Abgaben von ihren Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura von
+jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten müssen. Die Befreiung der
+Mschia und des Sahel ergiebt sich daraus, dass die männliche Bevölkerung
+kriegspflichtig ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie
+vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in Tadjura vom
+türkischen Gouvernement auf nur 80,000 angegeben wird, so liegt dabei der
+Umstand zu Grunde, dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den
+Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt eine eben so
+grosse Zahl _nicht_ gezählter Bäume, von denen natürlich auch die Abgabe,
+2½ Piaster, erhoben, aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man
+wird nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen in Tadjura auf
+200,000 angiebt.
+
+Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um die Zelte trocknen zu
+lassen und andere Dinge auszubessern; aber von da an hatten wir wenigstens
+günstiges Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen Weges
+aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten Tage nach unserm Abgange
+von Tadjura dicht beim Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse
+des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba Sidi Abd el Ati's
+campirten.
+
+Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed Bei's, des Gouverneurs von
+Choms, welcher gerade von Tripolis gekommen war, wo er bei seinem
+Schwiegervater, dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die
+Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte nun gleich: ich
+solle in Choms oder Lebda nicht Zelte schlagen, sondern in seinem Hause
+wohnen, und ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig angenehm
+und sicher in Lebda das Campiren ist, mit Freuden sein Anerbieten an. Er
+brach dann vor mir auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in
+Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen.
+
+Da es noch früh am Tage war, so ging ich gleich mit dem Photographen nach
+der Ruinenstätte, um im Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus
+Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends nach Sonnenuntergang in
+die Wohnung Hamed Bei's zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen,
+und besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren doch nur zu zweit
+bei Tisch, d.h. er und ich, eine so glänzende Erleuchtung spendete. Da
+waren auf den Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch
+selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste war, dass mein
+Wirth einen ausgezeichneten Tischwein führte, und selbst mit Maass und
+Anstand zu essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer und
+Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der Zahl, so abgerichtet, dass
+sie selbst nach jedem Gange die Bestecke und Teller wechselten. Einer von
+ihnen war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass er in Uniform
+aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr eifersüchtig darüber wachte, dass
+alles europäisch zuging, gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder
+Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht alles nach seiner
+Meinung fränkisch zuging. Dass nun in der Reihenfolge der Gerichte, in
+ihrer Zubereitung selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen
+vorkamen, kann man sich leicht vorstellen: leben doch in Tripolis die
+Europäer selbst eher türkisch als europäisch in ihren Gesellschaften.
+
+In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken kennen,
+gerade aber ihn hatten die Tripolitaner aus der nächsten Umgebung des
+Pascha's zu entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er als
+Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher als die meisten Beamten,
+war er, sagt man, namentlich dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von
+Tripolis, ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst seiner
+Freunde, des Personals des französischen Consulates, seine Entfernung von
+Tripolis verlangt. Man muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach
+unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann gewesen sei; die Leute
+in Choms erzählten mir sogar, dass er allein bei den Abgaben von den
+Oelbäumen das Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen), und
+als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der untern Beamten, einem
+Abgabensammler, zusammentraf, fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den
+letzten Tagen etwa 18,000 Mahbub--ein Mahbub ist etwas mehr als ein
+preuss. Thaler--bei den Abgabensammlungen profitirt habe. Dabei lobte
+merkwürdigerweise der Abgabensammler Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken,
+dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst nicht auch sein
+Profitchen gemacht habe, was er zwar in Abrede stellen wollte, indess
+sicher der Fall war. Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen
+und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar keine Administration
+denken können; Civilisation, rechtliche Verwaltung sind auch überdies
+schon bei Völkern unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen;
+wer heutzutage noch glauben kann, die Völker civilisiren zu wollen, welche
+dem Islam huldigen, der komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und
+Tunis, und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen Staaten sind
+heute noch dasselbe, was sie vor hundert Jahren gewesen, d.h. zu einer
+Zeit, wo die sogenannten Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren.
+Man kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht zu civilisiren
+sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung keine Civilisation erlaubt.
+Würden wir Europäer vielleicht nicht in demselben Fall sein, wenn wir
+zufällig uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für ganz
+andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu anderen Bedürfnissen
+passte? Denn sicher wird man nicht behaupten wollen, dass die Sitten und
+Bedürfnisse, die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der
+Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie sie es jetzt sind im
+Jahrhundert des Telegraphen und des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns
+ist unser Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum der
+ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe nach Abessinien oder besuche
+die Copten oder andere Völker, die streng an den Satzungen der Kirche
+festgehalten haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist.
+
+Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden Tage vier Ansichten
+von Lebda auf: das südliche Stadtthor, die südliche Front der grossen
+Basilika, die Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen Wohnung
+des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht vom Hafen, der freilich
+jetzt ganz versandet ist.
+
+Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen hatten, höchstens um
+einige Säulenstümpfe ärmer, die der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali
+Riza Pascha, von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit seine
+Anlagen zu verunzieren.
+
+Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung Lebda's auf
+einmal oder nach und nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl
+beides annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis magna fand
+Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so mit Sand überschüttet, dass er die
+Wiederherstellung aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder
+Oststadt verwendete[14]; es muss also ein aussergewöhnlicher Orkan
+geherrscht haben, der nach der Zerstörung durch die Vandalen diesen
+Stadttheil mit aufgewühltem Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme
+fügen noch immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen, wo
+ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil, die eigentliche
+Hauptstadt, verschwunden sein wird.
+
+Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher Zeit aus dem Meere
+geworfen worden sind, so ist vor Zeiten die ganze grosse Aregformation in
+der Sahara ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer
+Forscher[15] gänzlich unhaltbar, dass die Dünen der Wüste ein
+Zersetzungsproduct von Felsen seien. Lebda nun, wie es sich uns heute
+zeigt, bildet drei Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf
+beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die Haupthälfte sich auf
+dem linken Ufer befand, während auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu
+sein scheinen; nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort,
+scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte zugleich die des Hafens
+gewesen zu sein. Wenigstens fällt die Südseite des Forts auf der rechten
+Flusszunge direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais,
+woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der Schiffe vorhanden sind,
+und Treppen, welche zum Hafen hinabführten; jetzt natürlich steigt man
+mittelst der Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden. Diese
+Altstadt enthält fast allein die öffentlichen Gebäude: als Paläste,
+Kirchen, das Forum etc., aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand
+überschüttet.
+
+Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was Barth als [griechisch: polis]
+oder Altstadt bezeichnet, dies wirklich gewesen sei. Ich glaube vielmehr,
+dass die westliche Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden
+Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet auf dieser
+Landspitze--die auch viel zu eng ist, um nur zwei Reihen von Häusern
+aufzunehmen, mögen wir uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch
+so beschränkt denken--gar keine andere Spur von Gebäuden, als solche, die
+auf Vertheidigung und Schutz hindeuten, und gerade eben die drei
+Ueberreste von Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt trennen,
+deuten darauf hin, dass hier das eigentliche Reduit lag. Die kolossalen
+Quaderbauten nach dem Meere zu sind vollkommen gut erhalten, leider
+erlaubte der Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom Meer aus
+in die untere Partie des Forts münden, zu besuchen; das Meer peitschte mit
+solcher Gewalt seine schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es
+unmöglich war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist übrigens nach dem
+Meere zu durch eine starke Quadermauer geschützt.
+
+Westlich von der Altstadt findet sich nun ein Ruinenfeld, welches fast bis
+nach Choms hinreicht. Von diesem Ort ausgehend, stösst man auf einen fast
+50' hohen Obelisken, aus Sandstein erbaut, gut erhalten, der
+wahrscheinlich ein Grab ziert. Die zahlreichen Grundmauern von
+Privatwohnungen und einige öffentliche Gebäude deuten an, dass hier eine
+"Neustadt" war; eine Mauer scheint dieselbe nicht umgeben zu haben.
+
+Aus den Beschreibungen der Alten geht übrigens hervor, dass Leptis
+wenigstens vor der Römerherrschaft schlechtweg den Namen Neapolis führte.
+Nach Sallust von den Sidoniern gegründet, welche Unruhen halber
+ausgewandert waren, entstand die Stadt unter dem Namen Leptis an dem Orte,
+wo wir die jetzigen Ruinen vor uns haben, ungefähr zur Zeit als Cyrene
+schon aufgehört hatte, von Königen regiert zu werden, sich aber zu einer
+Republik constituirt hatte.
+
+Scylax kennt die Stadt dann nur unter dem Namen Neapolis und Strabo und
+Ptolemäus schreiben, "Neapolis auch Leptis genannt". Unter den Römern
+erhielt sie den einheimischen Namen zurück, und wurde magna genannt, im
+Gegensatz zu Leptis bei Carthago.
+
+Leptis magna musste eine sehr reiche Stadt sein, da sie, wie Livius
+anführt, täglich ein Talent Silber als Abgabe an Carthago zahlte. Im
+Kriege der Römer mit Jugurtha hielt sie zu ersteren, wurde daher sehr
+begünstigt und erhielt die Rechte und Begünstigungen einer Colonie, als
+solche kennen sie Plinius und Ptolemäus noch nicht, auf den
+Peutinger'schen Tafeln ist sie aber als Colonie gezeichnet.
+
+Kaiser Severus that ausserordentlich viel für die Stadt, aber bei dem
+Einbruche der Ausurianer ging sie fast ganz zu Grunde, und der spätere
+theilweise Wiederaufbau unter Justinian vermochte ihr ihre alte Blüthe
+nicht wieder zu geben. Im siebenten Jahrhundert fiel sie dann ein Opfer
+der hereinbrechenden Araber, um nicht wieder von ihren Ruinen und den sie
+deckenden Sanddünen zu erstehen.
+
+Die eigentliche spätere Neustadt befand sich indess auf dem rechten Ufer
+des Lebda durchschneidenden Flusses, und hat einen sehr ausgedehnten
+Umfang, auch ist noch überall die Grundmauer ihrer Umgebung deutlich
+wahrzunehmen. In späteren Zeiten war sie indess wohl der Hauptsitz der
+Bevölkerung, da Septimus Severus seinen Palast sich dort erbaute. Gleich
+östlich von diesem Stadttheile zieht sich dann die Nekropole nach SO. hin,
+von der Wasserleitung durchschnitten, welche im Hafenquai selbst mündete.
+
+Das besterhaltene Denkmal ist der Hippodrom von Leptis magna, und für eine
+Provinzialstadt war er sicher einer der grössten und prächtigsten[16].
+Ganz am Ostende aller Baulichkeiten von Lebda gelegen, zieht er sich dicht
+am Meere hin, derart, dass die eine Wand durch das Ufer, also
+natürlicherweise, gebildet wird, während die andere der ganzen Länge nach
+durch einen grossartigen Steinbau, welcher zugleich das Meer abhält,
+begrenzt wird.
+
+Das ganze Stadium ist derart angelegt, dass auf eine innere Länge von 550
+Schritten das Westende mit einem Tempel anfängt, dessen mächtige
+Grundmauern noch erhalten sind. Von diesem Tempel bis zur Spina sind 200
+Schritte: es war dies der Raum zum Ablaufen, Aphesis genannt. Die Spina
+selbst, überall 5 Schritte breit, beginnt mit einem Rundtempel, halben
+Durchmessers, aber nur die Basis dieses Tempels, durch einen Zwischenraum
+von der Spina getrennt, ist noch vorhanden. In der Mitte der Spina befand
+sich ein anderer Tempel, 120 Schritte vom ersten entfernt. Ueberhaupt
+haben beide Häfen einen wahrscheinlich überdachten Säulengang gehabt,
+wenigstens finden sich überall die Spuren eines Säulenganges, sowie
+zahlreiche Säulenüberreste. Beide Hälften der Spina sind mit Durchgängen
+versehen. Dem Rundtempel gegenüber befindet sich am andern Ende der
+Taraxippos, oder das Umkehrzeichen, in Form eines Halbkreises von der
+Spina getrennt. Der Hippodrom scheint mit keiner Rundung abgeschlossen zu
+haben, aber auf der äussersten östlichen Wendung, wo die künstliche Mauer
+mit dem natürlichen Erdwall, der auch steinerne Sitze hatte,
+zusammenstösst, befindet sich ein solides pyramidenartiges Gebäude, das
+vielleicht eine Statue trug.
+
+Gleich südlich vom Stadium erhob sich das Amphitheater, es ist aber nichts
+weiter davon übrig, als die kreisrunde Einsendung in den Boden, welche
+theils natürlich, theils künstlich ist.
+
+Ich habe mich darauf beschränkt nur eine allgemeine Uebersicht der
+Topographie der Stadt zu geben, da mit Ausnahme des Hippodroms eine
+Beschreibung der einzelnen Gebäude, ohne sie vorher vom Sande befreit zu
+haben, unmöglich wäre. Beim Photographiren der Basilika hatte ich indess
+noch das Glück, eine Inschrift zu entdecken, die, wenn auch nicht von
+besonderem Interesse, doch neu ist; auch konnte ich mehrere Gemmen kaufen,
+sowie einige Münzen. Hamed Bei hatte sogar die Freundlichkeit, mich auf
+einen nahe liegenden Berg führen zu lassen, wo er eine Inschrift entdeckt
+hatte.
+
+Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne Frühstück fortlassen
+wollte, verlor ich meine Karawane. Ich hatte sie nämlich schon am Morgen
+früh fortgeschickt, und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch
+am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die Inschrift sich befand,
+erst Nachmittags herunterkam, überfiel mich beim Weiterreiten schnell die
+Nacht, und unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich ich
+mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich so oft ich Wachtfeuer
+erblickte, wollte es mir nicht gelingen, den Lagerplatz meiner Leute
+ausfindig zu machen, und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den
+ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter konnte, musste ich mich
+endlich entschliessen, ein anderes Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt
+meine Karawane längst hinter mir gelassen haben.
+
+Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und schickte meinen Neger
+dorthin, ein Nachtlager zu erbitten. Es fand sich, dass nicht weit vom Weg
+ein einzelnes Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's
+gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit keine Rede, die
+Leute waren so arm, dass sie nicht einmal eine Matte besassen, und wenn
+nicht ein beständig unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich
+ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen Zelte verbreitet
+hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten haben. Man kann sich leicht
+denken, dass das Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel:
+etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit meinem Wirth aus einer
+Schüssel mit den Fingern ass, war alles, was zu haben war. Mein armer Esel
+fuhr noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben.
+
+Die armen Leute, von der türkischen Regierung ganz ausgesogen, hatten
+übrigens ihr Möglichstes gethan, und so nahm ich am folgenden Morgen mit
+Dank von ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte reichlich
+an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt hatte. Denn dem Araber selbst
+Geld für seine Gastfreundschaft anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte
+gewesen. Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte gar nicht mehr von
+der Stelle, und nachdem ich einige Stunden zu Fuss marschirt war--den Esel
+liess ich durch meinen Neger treiben--war ich froh, als ich in einem
+Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen aufgeschlagen worden, ein Pferd
+zur Weiterreise miethen konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein
+besseres Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den Stand, noch
+an demselben Abend Tadjura, freilich etwas spät, zu erreichen, und hier
+kehrte ich im Landhause des italienischen Consuls ein, denn auch mein
+Pferd wollte nicht mehr weiter.
+
+In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda bedeutend weiter, als man
+nach den Karten glauben sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die
+Strecke sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken Dünen, auf
+denen Thiere und Menschen bald ermüden. Am andern Morgen früh war es nur
+noch ein Spazierritt bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane,
+der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am folgenden Morgen
+einzutreffen; die Kameele hatten sich auf dem Wege ebenso gut gehalten,
+wie die Leute.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Bengasi.
+
+
+Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen, weil ich vermuthete,
+dass bei dem schönen Wetter der Dampfer rasch von Malta zurückkommen
+würde, und ich keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der
+Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war das Dampfschiff noch
+nicht angekommen, ja ein von Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass
+das Schiff erst nach Ende des Carnevals abgehen würde.
+
+Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener Soldat) nach Lebda
+geschickt, mit einem Briefe des Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise
+nach Tripolis nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt. Es
+that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit aus der Hand
+gegeben hatte, noch mehrere interessante Ansichten von Lebda
+photographiren zu lassen.
+
+Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte Dampfer an, und nun
+konnte, da seit langem alles vorbereitet war, die Karawane abgehen.
+
+Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act unter preussischer
+Aegide seitens Deutschlands in Tripolis vorgenommen wurde. Wenn auch in
+früheren Zeiten fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden
+Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie Barth, Overweg und Vogel,
+durch Englands Gelder ausgerüstet, und von der englischen Regierung
+abgeschickt, als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann
+und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen privaten Charakter
+gehabt; wenn auch bei meiner Reise nach Bornu der König von Preussen sich
+mit einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so war nie von
+einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.[17] Ganz anders war es
+jetzt: Dr. Nachtigal ging mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem
+Auftrage, der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn von
+Norddeutschland war übermittelt worden. Sein Abgang musste daher mit einer
+gewissen Feierlichkeit stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue
+norddeutsche Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem
+Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo bis jetzt nur die
+englische und die Bremer Flagge war gesehen worden. Die
+schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so hoffen und wünschen wir, von hier
+noch weiter getragen werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder
+atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der Zeit unseres
+Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten mit Aufmerksamkeiten aller
+Art überhäuft worden. Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern
+temporären Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.
+
+Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher sämmtliche Consuln und die
+angesehensten Familien der Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein.
+Die Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande der Mschia
+aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck lagen daneben. Fast alle kamen
+unserer Einladung nach, auch das türkische Gouvernement hatte sich durch
+Hammed Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch einen in Wien
+erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im Generalstab, vertreten lassen.
+Dort am Ende des Palmwaldes, am Anfange der Sanddünen, wurde nun den
+Tripolitanern ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff des Essens
+nach arabischer Manier hergerichtet war, d.h. in gerösteten Hammeln und
+enorm grossen Kuskussu-Schüsseln bestand; aber auch Wein, freilich nicht
+von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit auf den König
+Wilhelm vom holländischen Generalconsul, sodann die auf die glückliche
+Ueberkunft der deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter
+allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich kamen dann auch
+noch die Tripolitaner Stadtmusikanten, eine Flöte, eine Harfe, eine Geige
+und eine Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen,
+ein Platz war bald gefunden, an Walzern und Polka's nicht fehlte.
+
+Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber der Stadt und Umgegend
+diesem, für sie nie gesehenen Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie
+uns alle für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie früher
+Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und nie weiter nach Norden in
+Afrika gekommen war als Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle
+nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, "in scha Allah."
+
+Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren ersten Marsch an, nachdem
+sie Nachts am Rande der Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen
+sie bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach der Stadt
+zurück, und hatten somit die Aufgabe, die Geschenke des Königs für den
+Sultan von Bornu von Tripolis aus abzusenden, gelöst.
+
+Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden, um nach Bengasi zu
+kommen, denn der Weg um die grosse Syrte war durch die lang anhaltenden
+Regen ganz unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen ihn
+mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer der Syrte befanden sich in dem
+Zustande, wie sie von Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind.
+Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die Landschaft südlich
+von der grossen Syrte habe den Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und
+Ableitung von Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck
+"surtis" von "surein" ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie auf den
+Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen um die Zeit der hohen, durch
+den Nord- und Nordwestwind hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese Zeit
+eine Reise um die grosse Syrte machen wollte, würde rettungslos in die
+Tiefe gezogen werden, falls er nicht einige nur den Eingebornen bekannte
+Pfade, die hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das, was wir
+auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste bezeichnen, keineswegs
+Desertum, sondern das fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren
+Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss zu seiner Länge wenig
+interessantes, wenn man nicht von einzelnen Punkten Excursionen in's
+Innere machen wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die Küste
+anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann hoffen auf diesem Wege neues
+zu bringen, falls man über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen
+hatte.
+
+Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt machen, so konnte ich blos
+an Segler denken, aber selbst bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14
+Tage unterwegs sind, war es einer Landreise gegenüber, welche nicht unter
+35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende Zeitersparniss; bei
+günstigem Winde segelt man blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich
+sehr gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis, eine Brigg
+im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte, aber er wollte sie nur gleich
+absegeln lassen, wenn ich die ganze Cajüte miethen würde. Gross und
+comfortabel war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer. Indess ohne
+Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem hatte ich für fünf meiner
+Leute zu zahlen und für meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig
+Tage Proviant einnehmen.
+
+Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März, einige Tage nach dem
+Abgange der Karawane des Königs, mit allen meinen Leuten an Bord gehen,
+und am andern Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem Hafen. Die
+Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf dem Decke lungerten 40 bis 50
+zerlumpte Araber, Juden, Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber,
+Frauen, Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren werthlosen
+Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen und Kisten und Kasten.
+Von der Cajüte aus sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu
+bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck.
+
+Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie war auch so niedrig,
+dass man nur ganz gebückt sich darin halten konnte, hatte ausserdem drei
+Cojen, Tische und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe
+selbstverständlich, sie hätten auch schwerlich Platz gefunden, dennoch
+gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen. Und besser, als ich
+gedacht hatte, ging die Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas
+Sturm, etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser Reis
+(Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich an der Küste zu halten,
+fuhren wir geraden Wegs nach Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer
+ausser Sicht verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land, und
+bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt, welche sich von
+weitem recht stattlich ausnahm. Viel trugen freilich das Fort an der einen
+Seite, die Palmengärten, die schmucken europäischen Häuser, und im
+Hintergrunde die bläuliche Bergkette dazu bei.
+
+Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht davon kommen. Schon
+hatten wir einen Lootsen an Bord, und derselbe hatte das Commando
+übernommen, als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das Schiff
+aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig tief, dass wir überall
+Grund sehen konnten, wir waren auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage
+des Lootsen noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das Schiff
+ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen Umständen der
+Fall sein, aber überladen, wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief.
+Grosses Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge, jeder schrie
+und commandirte, aber niemand gehorchte. Und schon glaubte ich, es würde
+beim "Gott ist der Grösste, nur bei Gott ist Hülfe", sein Bewenden haben,
+als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der noch der
+Vernünftigste von allen war, liess nun gleich fast alle Passagiere
+debarquiren, und dann rasch einen Theil der Ladung nachfolgen, so wurden
+wir nach kurzer Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen
+hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt.
+
+Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den debarquirenden
+Passagieren an's Land geschickt, um Quartier zu suchen, und die alsbald
+auf den Consulaten als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man
+meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es denn auch, so kamen
+der englische und französische Consul an Bord, um mich abzuholen, und
+gleich darauf waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude
+untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher, Herrn
+Denys, als Consul vertrat, nahm uns mit der liebenswürdigen
+Gastfreundschaft auf, welche im Auslande Engländer und Franzosen so sehr
+vor den andern Nationen auszeichnen.
+
+Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der Ausrüstung begonnen; es waren
+Kameele, Sättel, Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den
+Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von allen Reisenden für
+das berühmte Silphium gehalten) und vor allen der nothwendige Proviant zu
+schaffen. Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen, Kameele
+zu miethen; ich fand die Preise aber so in die Höhe getrieben, dass ich
+mich entschloss, welche zu kaufen, und dies habe ich später auch
+keineswegs zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch noch die Zahl der
+Diener um einige erhöhen, aber andererseits war ich dafür Herr meiner
+Karawane und meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei dem
+reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica alles grünte und
+blühte, die Kameele sich so halten würden, um sie nach beendeter Reise mit
+nicht allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu können. Fünf
+gute Kameele wurden mir also durchs französische Consulat eingekauft, alle
+anderen Einkäufe besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst
+wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche eines Landes mächtig ist,
+ist es für einen Fremden immer am gerathensten, sich dergleichen durch
+Ansässige besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien
+ausgesetzt sein.
+
+Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers aufs Tapet: in Bengasi
+war man der Ansicht, ein Europäer könne sich unmöglich allein in die
+Cyrenaica hineinwagen, das Ansehen der türkischen Regierung sei überall
+gleich Null, die Gegend voller Räuber und Strolche, und ohne Begleitung
+eines einflussreichen Chefs sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den
+vereinigten Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben zu müssen,
+und zwei Männer, einer von den Franzosen, der andere von den Engländern
+protegirt, kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren,
+Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie zu bieten schien. Obschon
+Fremdling in der Gegend, war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und
+hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten Chefs von Barca
+geheirathet. Er war reich, hatte mehrere Häuser in Bengasi und war unter
+andern Besitzer des englischen Consulates. Gegen die geringe Miethe von 90
+Mahbab jährlich lautete der vor Jahren abgeschlossene Contract, mit dem
+Beisatz, dass so lange das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat
+habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände; an ein Kündigen von
+Seiten des Aduli war gar nicht zu denken. Dergleichen Miethscontracte
+wurden von den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen
+Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast alle Europäer so gemiethet,
+jetzt sind die Mohammedaner gescheidter.--Sein eigentliches Zeltdorf,
+oder, wie man in Barca sagt, "Freg", war dicht bei Gaigab, also auch nicht
+weit von der alten Cyrene selbst gelegen.
+
+Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli derselbe war, der Hammilton
+nach Cyrene begleitet hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen
+ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er später auch
+mehreremale Denys begleitet und war bei Porcher und Smith thätig gewesen,
+so kann ich doch nur die Erfahrung Hammiltons: "Mohammed serving his own,
+utterly neglected my interests" bestätigen. Der Aduli schien eine solche
+Reise nur zu seinem eigenen Vortheile zu machen; der zu escortirende
+Reisende war für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine
+Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte er dadurch noch
+seinen Einfluss bei Türken und Arabern. Hernach stellte sich auch heraus,
+dass die Gegend gar nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar
+diebisch, würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen
+Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen das Leben eines Europäers zu
+unternehmen.
+
+Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte mich von Seiten der
+Europäer der zuvorkommendsten Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen
+Consulate, die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern und
+Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und wetteiferten, mir den
+Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Aber auch die türkische
+Behörde, obschon der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht
+eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend. Sie bot mir
+Saptién und Empfehlungsbriefe an, da man indess auf dem englischen
+Consulate der Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen
+wegen eher schädlich als nützlich sein würde, so lehnte ich dankend das
+Anerbieten ab. Auch dies war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht,
+das türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall respectirt;
+übrigens wäre die Mitnahme von Saptién, wenn auch nicht schädlich, doch
+ganz überflüssig gewesen.
+
+Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden hat sich Bengasi
+bedeutend gehoben und gebessert. Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf
+2000 an, während della Cella früher schon 5000 vorgefunden haben will.
+Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton deren 10-12,000, vertheilt auf
+1200 Häuser. Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben, von denen
+2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener und Griechen. Die übrigen
+Eingebornen theilen sich in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2
+bis 3000 Juden.
+
+Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem Heiligen Namens Ben Ghasi
+oder Ben Rhasi hat, dessen Grabmal sich unfern der Stadt im Norden
+befindet, liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden nach
+Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im W. vom Mittelmeere selbst,
+im O. von Lagunen bespült wird. Eine andere gegen die nördliche strebende
+von Süden her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten das Thor
+zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser mit den Lagunen der flachen
+Salzsee communicirt. Bei Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den
+Seen eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus. Der Hafen
+ist so versandet, und überdies bei starken Stürmen so unsicher, dass im
+Winter die Schiffe Bengasi nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren.
+Im Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz. In diesem
+Jahre sind Ingenieure von Constantinopel gekommen, um neue Hafenbauten
+aufzuführen, und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung des
+Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss ausüben wird. Mit
+einigen kräftigen Baggermaschinen und mit zweckmässig angelegten
+Landungsdämmen wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein guter Hafen
+herstellen lassen.
+
+Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel zur Verschönerung der
+Stadt gethan; während früher die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines
+Thurmes entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes, schlankes
+Minaret bauen lassen, das schon von weitem den Schiffern vom Meer aus die
+Stadt Bengasi verkündet. Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant
+und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung. Und die Hauptsache
+ist, dass alle Waaren vorhanden sind; in der That giebt es heute keinen
+Artikel, der nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der Stadt
+sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem gerade und für den
+Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser sind solide aus Steinen gebaut, und
+auch äusserlich die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr
+viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die, welche in dem
+letzten Decennium von den Europäern oder türkischen Beamten gebaut worden
+sind, die innere Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein
+viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit Thüren und Fenstern,
+welche sich auf den Hof öffnen. Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser
+aber, welches man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch. Die Häuser
+der Europäer, auch alle mit einem freien Hofraum im Innern versehen, haben
+geräumige hohe Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie man ihn
+nur in Europa wünschen kann. Drei grössere Moscheen, zwei Synagogen und
+eine katholische Kirche sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen
+bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften im Innern viele
+römische und griechische Alterthümer vermauert sein, leider wurde es mir
+nicht erlaubt, eine zu besuchen.
+
+Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen Gottesdienst dient ein
+grosser Saal des Klosters) wird, wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen
+gebaut werden, nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen
+Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen Quadern von
+Kalkstein und im romanischen Styl errichtet. Diese fleissigen
+Franciscaner, erst vor wenigen Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis
+als Filiale nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung der
+Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht beim Kloster ist auch das von
+ihnen erbaute Hospital der französischen Schwestern, welche zugleich eine
+Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an Arme ohne Unterschied
+der Religion von den Arabern die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt
+werden. Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen in Tripolis.
+
+Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im Anfange dieses Jahrhunderts
+ein Castell erbaut, das zugleich die Mündung des Hafens schützen soll.
+Aber obgleich äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig und
+würde europäischer Artillerie, einerlei, ob neuester oder älterer
+Construction, keinen Widerstand entgegensetzen können. In diesem Castell
+hat die Regierung ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem, Casernen,
+Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse Caserne, es sind in der Regel nur
+500 Mann Infanterie in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das
+türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die
+Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch die Direction nicht
+mehr von einem deutschen Arzte, wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so
+ist dieselbe jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen
+Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen Zustand
+von Stadt und Hafen zu wünschen übrig.
+
+Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger, jedoch von Constantinopel
+ernannter Kaimmakam vor, welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet
+Barca, dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite stehen für
+die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti, für die richterlichen ein
+Khadi, welche ihre Ernennung von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath
+aus den vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in neuester
+Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende Stimme. Die Stellung der
+Europäer der türkischen Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen
+Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und Ausgaben von Bengasi
+und Barca auch nur annähernd anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken
+überdies sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze steht, oder
+je nachdem man Razzien, um den Tribut von den Nomaden einzuziehen,
+unternimmt. Die verschiedenen zu erhebenden Abgaben werden, wie in
+Tripolis, an Meistbietende verpachtet, und Christen und Juden sind davon
+nicht ausgeschlossen.
+
+Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in der Nähe des Hafens, die
+Mohammedaner und Juden wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den
+meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden ein eigenes
+Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass es an zahlreichen Kaffeehäusern,
+sowohl europäischen wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von
+Schenken schlechte griechische und sicilianische Weine, starke Araki und
+Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Bei den
+öffentlichen Gebäuden haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das
+aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich die verschiedenen
+erwärmten Stuben fehlen, welche zu den heissen Bädern so nothwendig sind.
+Da das Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen zu den Bädern
+geholt wird, diese aber stark brakisch sind, und nur zum Viehtränken
+benutzt werden können, so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt.
+Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und Girben (Schläuchen)
+von aussen weit hergeholt, und macht so den Einwohnern eine grosse
+jährliche Ausgabe.
+
+Die Einwohner, Araber ihrer Abkunft nach, haben sich sehr stark mit
+Negerblut vermischt, sind daher sehr hässlich im Ganzen genommen.
+Möglicherweise sind auch Berberüberreste mit untermengt, sie verstehen und
+sprechen aber nur arabisch, und zwar haben sie den maghrebinischen
+Dialekt; auch im Schreiben hat bei ihnen das [Arabic] q nur einen Punkt,
+und das [Arabic] f den Punkt unten. Sie befolgen den malekitischen Ritus,
+obschon in der Hauptmoschee, wo hauptsächlich das türkische
+Beamtenpersonal vertreten ist, hanefitisch gebetet wird. Sie sind
+fanatischer als die Tripoliner (man unterscheidet Tripoliner, den Städter,
+vom Tripolitaner, dem Bewohner der ganzen Provinz), was hauptsächlich
+seinen Grund darin hat, dass sie so häufig mit den freien, unabhängigen
+Bewohnern der Hochsteppen verkehren, überdies sind sie unwissender, und
+noch nicht in so innigen Beziehungen mit den Europäern, als die
+Tripoliner. Ihre Tracht ist die der übrigen Tripolitaner, aber auch hier
+verdrängt nach und nach das mehr zum Arbeiten geeignete europäische Costüm
+das malerische, aber die freien Bewegungen hindernde, orientalische. Ein
+reicher arabischer Kaufmann hält es heute für unumgänglich nothwendig,
+französische Glanzstiefelchen zu tragen, und ein Paletot ist nichts
+seltenes mehr, auch haben die meisten schon ihr weites Hemd gegen ein
+europäisches vertauscht. Was nun gar die arbeitende Classe anbetrifft, ich
+meine die Diener, Taglöhner der Stadt und die am Hafen beschäftigten
+Maschapsträger, so ist da die enge Hose, ein europäisches, wo möglich
+buntes Hemd, und, wenns erschwungen werden kann, europäisches Schuhzeug,
+ganz eingebürgert; nur der leidige Fez will sich noch immer nicht
+verlieren.
+
+Man glaubt aber nicht, welche Revolution bei diesen Völkern ein
+Kleiderwechsel macht, und gewiss hat die türkische Regierung bei den
+Reformen Recht gehabt, ihren Beamten als ersten Schritt zur Civilisation
+vorzuschreiben, europäische Kleidung anzulegen. Sie hat dadurch dem Volke
+ein tägliches und sichtliches Zeichen gegeben, dass sie gewillt ist, mit
+den alten Sitten und Gebräuchen zu brechen und europäische Einrichtung und
+Gesetze anzunehmen. Bei diesen Völkern ist alles nur äusserlich, ihre
+ganze Religion ist nur äusserliches Ceremonienwesen, und man kann sich
+denken, wie hart es für die mohammedanischen Mucker war, mit ansehen zu
+müssen, dass die vornehmen Leute, die Beamten, ja der Beherrscher der
+Gläubigen selbst, christliche Kleidung anlegten. Welche Anzahl von
+Vorschriften und Gesetzen hatten sie nicht früher, um die Juden und
+Christenhunde zu verhindern, sich wie sie, die Rechtgläubigen, zu kleiden?
+Ja in einigen mohammedanischen Staaten, Marokko z.B., existiren
+dergleichen Gesetze noch heute. Die Franzosen aber, diese Araberbewunderer
+en gros, haben sicher grosses Unrecht, dass sie ihren arabischen Beamten
+in Algerien nicht von vornherein befahlen, französische Uniform anzulegen.
+Sie hätten dadurch die Schafe von den Wölfen am besten unterscheiden
+lernen können. Ein Beduinenchef in der Provinz Oran, diesem ewigen Krater
+der Revolution und des Krieges, der mit Vergnügen monatlich als Agha oder
+Kaid aus den Händen der französischen Regierung seinen Gehalt
+entgegennimmt, bis er glaubt genug zu haben, um zu revolutioniren, ein
+solcher Beduine würde sich eher erschiessen, als französische Uniform
+anziehen, aber dann fort mit ihm! Und nur solche angestellt, die, wenn sie
+besoldet sind, sich auch nicht schämen, die Jacke ihrer Herren zu tragen.
+Mit diesem einfachen Mittel würden die Franzosen alle ihre Araberchefs
+zwingen, Farbe zu bekennen. Aber nein, die französische Regierung thut
+gerade das Gegentheil, um dieser Bevölkerung, welche eben ihrer Religion
+wegen sich nie civilisiren kann, zu schmeicheln, steckt sie ihre eigenen
+Soldaten unter dem pomphaften Namen Zouave in türkische Pumphosen.
+
+Die Frauen haben mehr ihre nationale Tracht bewahrt. Ob sie auch so
+hässlich sind, wie die Männer, konnte ich wegen meines kurzen Aufenthalts
+nicht erfahren; die jungen Mädchen, welche bis 8 oder 9 Jahren
+unverschleiert auf der Strasse sich zeigten, sahen nicht viel versprechend
+aus.
+
+Ganz anders verhält es sich mit den Juden, Männer und Frauen sind
+durchgängig schön zu nennen. Ob dies noch die Abkömmlinge der hier im
+Alterthum so zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden,
+aber nicht unwahrscheinlich. Sie selbst haben keine Erinnerung oder
+Ueberlieferung; es ist übrigens sehr gut möglich, dass sich in ihren alten
+Chroniken Andeutungen davon finden, aber die eingeborenen Juden sind auch
+viel zu fanatisch, um einem Fremden einen Blick in ihre synagogischen
+Bücher zu gestatten. Wir wissen, dass unter der römischen Herrschaft die
+Juden allein das Recht hatten, Geld ausser Land zu schicken, ihren Tribut
+nach Jerusalem. Heute wiederholt sich noch ähnliches, zwar schicken die
+Juden das Geld nicht mehr nach Jerusalem, aber dieses sendet von Zeit zu
+Zeit Rabbiner durch die Welt, welche sammeln müssen. Auf unserer Fahrt von
+Tripolis leistete uns ein solcher Jerusalemer Rabbiner Gesellschaft; er
+hatte in Tripolitanien gesammelt und wollte dann sein Geschäft in Bengasi
+und Derna fortsetzen, er war noch dazu mein Landsmann, denn obschon in der
+Stadt Davids geboren, war er Unterthan des norddeutschen Bundes.
+
+An Gärten besitzt Bengasi nur einen Palmhain, der sich nordwärts von der
+Stadt hinzieht. Obst und Gemüse gedeihen sehr schlecht, und um sie nur
+einigermaassen wachsen zu machen, sind die Gärten alle auf Matten
+gebettet. Das heisst, man hat das jetzige Terrain weggegraben, Matten
+gelegt und dann Dünger und guten Boden aufgetragen. Die Matten sollen
+offenbar einestheils das Aufsteigen des Salzwassers, anderntheils das
+Durchsickern der fruchtbaren Düngerjauche verhindern, und müssen daher
+immer erneuert werden. Ob sie aber diesen Zweck damit erreichen, habe ich
+nicht gut absehen können. Die Palme gedeiht an und für sich gut in
+salzhaltigem Terrain, ebenso die Olive, wie einige prächtige Bäume im
+englischen Consulate beweisen. Obst dagegen, namentlich Orangen, die gar
+nicht fortkommen wollen, und Gemüse können fast gar nicht gezogen werden.
+Alles Obst und Gemüse kommt daher von Derna, Candia, Malta und Tripolis.
+Sehr gut gedeiht aber noch Klee und Luzerne; die fruchtbare Ebene, die
+sich etwas weiter weg um die Stadt zieht, versorgt mehr als reichlich die
+Stadt mit Vieh und Korn.
+
+Was den Handel anbetrifft, so hebt sich derselbe zusehends. In den letzten
+Jahren war der Hafen durchschnittlich von 300 Schiffen besucht. Natürlich
+beschränkt sich die Schifffahrt fast nur auf das mittelländische Meer, und
+grössere Schiffe als Zweimaster kommen nie nach Bengasi. Es lässt sich
+nicht leugnen, dass der wieder angeknüpfte Verkehr mittelst Karawanen nach
+Uadai dazu beigetragen hat, den Austausch mit dem Innern von Afrika zu
+beleben. Die grosse Menge von Sklaven, welche von dort kommen, abgesehen
+von dem Elfenbein und den Straussenfedern, werden hauptsächlich hier gegen
+europäische Producte verwerthet. Es ist überhaupt erstaunlich, wie in den
+letzten Jahren der Sklavenhandel schwunghaft betrieben worden ist, und
+hauptsächlich trug der Umstand dazu bei, dass den englischen Consulaten,
+die früher die einzigen von allen in dieser Angelegenheit den Türken und
+Arabern den Fuss auf den Nacken hielten, die Weisung von Constantinopel
+aus zugegangen war, so viel wie möglich sich der Einmischung zu enthalten.
+In diesem Jahre nun hat die Botschaft Englands in Stambul neuen Befehl
+gegeben, streng über die Verträge gegen den Sklavenhandel zu wachen. Die
+Consulate der anderen Mächte bekümmern sich gar nicht um dergleichen.
+
+Ueber die Aus- und Einfuhr liegen keine statistischen Nachweise vor, beide
+steigen jedoch von Jahr zu Jahr, so dass man die Exportation jetzt auf
+etwa 1,500,000 Fr., die Importation auf 1,000,000 Fr. veranschlagen kann.
+Ausgeführt wird besonders Korn, Schafe, Rindvieh, Federvieh, Butter,
+Wolle, Eier, Honig, Häute, Elfenbein und Straussenfedern. Nach Aegypten
+werden auch alljährlich viele Kameele exportirt, deren Zucht in den
+grossen Ebenen südlich von Bengasi ganz vortrefflich gedeiht. Der Import
+umfasst alle europäischen Fabrikate, Tuche, Baumwollstoffe, schlechte
+Seiden und Sammetstoffe, Nürnberger Waaren, Lichter, Seifen und Oele,
+südliche Weine und Alcohol, Früchte und Gemüse. Theils bleibt dies für den
+Consum in der Stadt, theils wird die Waare von hier weiter nach dem Innern
+expedirt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluß.
+
+
+Wenig nur ist heute von diesem alten Sitze der Hellenen übrig, an dem
+Meere sich hinziehende Quaderbauten, in den Häusern verbaute Steine,
+Capitäler von Säulen, Schafte ohne Capitäler, Sarkophage, einige
+verstümmelte, schlecht erhaltene Statuen (zu Barths Zeit wurden drei
+ausgegraben), das ist es, was im heutigen Bengasi vom alten Euesperides
+oder Berenice noch zu finden ist. Aber selbst Reste einer Necropolis sind
+nur spärlich vorhanden, hie und da kleine Hypogeen, welche ursprünglich
+Steinbrüche gewesen zu sein scheinen, und dann erst später zu
+Todtenkammern weiter ausgearbeitet wurden, ist alles was in der nächsten
+Umgebung von Bengasi an Bauüberresten vorliegt. Höchst wahrscheinlich
+bestatteten hier die Bewohner ihre Todten in freien Sarkophagen, da das
+Terrain für in Felsen gearbeitete Gruben, wie man sie bei Cyrene, bei
+Ptolemais und Temheira findet, sich nicht als passend erwies. Auch
+begruben vielleicht die Juden, und diese machten seit Beginn dieses
+Jahrtausends die Hauptbevölkerung von Berenice aus, ihre Todten wohl nicht
+wie die übrigen Bewohner Cyrenaicas, und was daher weniges an Sarkophagen
+und anderen Grabmonumenten oberhalb des Bodens vorhanden gewesen sein
+dürfte, wurde längst als Baumaterial verschleppt.
+
+Als die alten Griechen den Apolloquell von Cyrene entdeckt hatten,
+breiteten sie sich rasch über das ganze Land aus, und höchst
+wahrscheinlich wurde Euesperides, eine der fünf Städte, welche die
+Pentapolis bildeten, schon sehr frühzeitig gegründet. Wann dies nun
+geschehen, ist nicht genau zu ermitteln. Frühzeitig mit den umwohnenden
+Libyern im Kriege, theilt uns Thucydides mit, dass sie 413 v. Chr. von
+einer libyschen Belagerung durch eine Flotte von Peloponesiern, welche,
+nach Sicilien bestimmt, ans libysche Ufer waren verschlagen worden,
+befreit wurde. Dergleichen geschichtliche Anhaltspunkte liegen mehrere
+vor.
+
+Ob nun die Stadt den Namen von den hochberühmten Gärten bekommen habe,
+indem die ganze Gegend wegen ihrer Fruchtbarkeit den Namen "die Gärten der
+Hesperiden" vorher hatte, und dann erst später die gegründete Stadt
+Euesperidae, Euesperitae ([griechisch: euesperidai] und [griechisch:
+euesperitai]) genannt wurde, ist auch nicht festzustellen. Das Eu wurde
+später weggelassen, schon Scylax hat es nicht mehr, noch später wird die
+Singularform Esperis gefunden, und die Römer setzten ein H vor. Zur Zeit
+des Ptolemäus Euergetes, welcher die Tochter des Magas, Namens Berenice,
+geheirathet hatte, verwandelte man zu Ehren dieser Frau den Namen der
+Stadt in Berenice; es scheint aber, dass noch lange die Bewohner den alten
+Namen beibehielten. Pomponius Mela, in der Mitte des ersten Jahrhunderts,
+kennt nur den Namen Hesperis, ebenso Plinius, der ungefähr um dieselbe
+Zeit schrieb; aber hundert Jahre später hält der Alexandrinische Geograph
+es schon für nothwendig, wenn er von Berenice spricht, hinzuzufügen, dass
+dies derselbe Ort sei, der früher Hesperides geheissen habe.
+
+Im Mittelalter will Edrisi den Namen Berenice noch vorgefunden haben,
+ebenso Leo Afrikanus. Im Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir bei
+Olivier den corrumpirten Namen Berrich, und Marmol nennt, um dieselbe Zeit
+Berbick. Heutzutage ist der alte Name gänzlich aus dem Gedächtnisse der
+Bewohner entschwunden, Bengasi verdankt, wie schon angeführt, einem
+mohammedanischen Heiligen seinen Namen.
+
+Dass aber das alte Hesperis auf dem Platze des heutigen Bengasi steht,
+leuchtet auf den ersten Blick hervor. Von der ganzen Gegend hat sich
+nichts verändert, nur dass die Seen im Osten der Stadt mehr versandet
+sind. Wir wissen, dass Berenice auf der in das Vorgebirge Pseudoponias
+auslaufenden Landzunge lag, östlich davon der Tritonis-See mit einer
+kleinen Insel, welche nach Strabo oft mit dem Lande zusammenhängt, und den
+der Aphrodite geheiligten Tempel barg. Diese ganze Beschreibung, wie
+Strabo sie uns giebt, passt heute noch so genau, wie man aus der
+vorhingegebenen Topographie von Bengasi ersehen kann, dass es um so mehr
+zu verwundern ist, wenn Bourville im See Haua-Bu-Chosch im S.O. vom
+heutigen Bengasi den Triton-See, und in einer Oertlichkeit Siana die
+Gärten der Hesperiden erkennen will. Wenn nun aber auch, mit Ausnahme von
+Bourville, ältere und neuere Gelehrte im heutigen Bengasi das alte
+Berenice, im östlichen Salzsee den Tritonis, und in dem kleinen, jetzt von
+einem Marabut und einigen Araberhäusern gekrönten Hügel, die ehemalige
+Venus-Insel wieder erkennen, so sind grössere Meinungsverschiedenheiten
+wegen der hesperidischen Gärten und des Lethe-Flusses vorhanden.
+
+Wir können wohl die Ansicht Thriges und Malte-Bruns u.a. übergehen, nach
+denen der Name der Gärten der Hesperiden eine blosse symbolische Idee
+gewesen wäre, eben so verwerflich ist die Gosselinsche Meinung, die Oasen
+der Wüste als die hesperidischen Gärten anzusehen. So viel steht fest,
+dass die Alten mit dem Namen der Gärten der Hesperiden bestimmt
+beschriebene Oertlichkeiten verbanden; so finden wir, abgesehen von den
+uns zunächst angehenden, eine hesperische Insel an der Mündung des
+heutigen Ued Elkus von Marokko, und noch später sehen wir, wie die
+Hesperiden-Gärten auf Inseln im atlantischen Ocean verlegt werden. Was
+unsere Hesperiden-Gärten in Cyrenaica anbetrifft, so erfahren wir zunächst
+aus einer Beschreibung des Scylax, dass dieselbe auf die Umgegend von
+Bengasi, mithin Berenice, gar nicht passt. Ausserdem giebt er mit präcisen
+Worten dieselben als beim Vorgebirge Phycus, mehr beim heutigen
+Marsa-Sussa gelegen, an. Die Küste wird als unnahbar, wie sie es dort in
+der That ist, beschrieben, die Ausdehnung des Garten genau angegeben, und
+die Obstsorten und Bäume, welche dort wachsen sollen, aufgezählt. Nach
+Pacho entspricht die Gegend beim Cap Razat (so ist auf den Karten der
+Neuzeit Phycus genannt, obschon die Eingebornen jenen Namen nicht kennen,
+sondern die Spitze Ras-el-Fig, was offenbar von Phycus hergeleitet ist,
+nennen), vollkommen dieser Beschreibung, er kehrt daher auch ohne weiteres
+der Gegend bei Bengasi den Rücken, und verlegt, sich auf Scylax stützend,
+die Gärten dorthin.
+
+In der That ist es heute schwer, irgend eine Stelle in unmittelbarer Nähe
+von Bengasi zu finden, die wir mit dem Namen der Hesperiden-Gärten
+bezeichnen könnten. Es sind allerdings eigenthümliche Einsenkungen in dem
+felsigen Boden in der Nahe der Stadt, einige sind mit Wasser gefüllt,
+andere enthalten Gärten, und die, wenn sie auch nicht alle die Bäume
+hervorbringen, welche wir bei Scylax aufgezählt finden: Erdbeer, Maulbeer,
+Myrten, Lorbeer, Epheu, Oliven-, Mandel- und Nuss-Baum, doch eine
+auffallende üppige Vegetation zeigen. Beechey will nun, trotz der genauen
+Orteangabe bei Scylax, diese Einsenkungen der Beschreibung desselben von
+den Gärten passend finden, und stützt sich dabei besonders auf die von
+Scylax angegebene Entfernung von den Hesperiden-Gärten nach Ptolemais.
+Diese Entfernung von sechshundert und zwanzig Stadien zwischen den beiden
+Oertlichkeiten, passt aber auch auf die zwischen Ptolemais und Phycus.
+
+Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt, die Gärten nach
+Phycus legen, noch ist es nöthig mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax
+stützend, dieselben in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi
+erblicken zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da jetzt ein bestimmter
+Ort bei Bengasi, der wegen besonderer Schönheit und Ueppigkeit der
+Pflanzen den Namen der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden
+ist, dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in pflanzlicher
+Beziehung eine Umwandlung erlitten hat. Dies sehen wir nicht nur hier,
+sondern überall in Nordafrika lässt sich durch das massenhafte Entholzen,
+durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden nachweisen. Dass aber
+die Hesperiden-Gärten in nächster Umgebung von Berenice gewesen sein
+müssen, dafür ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend[18]:
+"Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon und der heilige
+Hain, wo die Garten der Hesperiden liegen sollen." Ferner sagt Ptolemäus:
+die Barciten hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt. Kurz
+alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache behandeln, verlegen die
+Gärten in die Nähe der Stadt. Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur,
+dass bei Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich die
+Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch, dass die Ansicht
+Beecheys, der aus der Beschreibung von Scylax, jene Felseinsenkungen bei
+Bengasi, als die Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei.
+
+Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt aber unstreitig das
+Verdienst, zuerst die Spuren des Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die
+Gärten der Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt wurden, so
+beanspruchten auch noch andere Gegenden den Ruhm, diesen Strom der
+Vergessenheit bei sich zu haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die
+Lydier nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten Autoren
+der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica. Und noch heute können wir im Laufe
+eines Uadi (zuerst von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den
+Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben. Dies Uadi, aus
+einer weiten Höhlung hervortretend, in der am Anfange das Wasser nur flach
+ist, im Innern jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten nach
+Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung vom Salzsee, dem alten
+Tritonis, durch eine Felsbarrière abgeschlossen. In derselben Richtung
+weiter gehend nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle von
+Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden Faden von Wasser in den
+See giebt. Nach der Regenzeit soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser
+weiter aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings darauf
+schliessen lässt, dass die Quelle mit dem aus der Höhlung kommenden
+Wasser, trotz der Barrière, unterirdisch communicirt, und darauf hin bei
+den Alten die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von dem
+Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon.
+
+Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie ihn die alten Geographen
+beschrieben haben, nur vielleicht, weil die ganze Gegend trockener
+geworden zu sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den Lethon in
+den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius verlegt ihn in die
+Nachbarschaft von Berenice, Scylax erwähnt eines Flusses unter dem Namen
+Eoceus[19] bei Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der
+Hesperiden-Gärten und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen Platz
+an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich giebt den Lethefluss als
+zwischen Berenice und Arsinoe fliessend an.
+
+In der Topographie von Bengasi haben wir also weit mehr Anhaltspunkte für
+die alte Stätte von Berenice und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als
+in noch etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies in der That
+auf den ersten Blick überraschend genug, dass von einer so blühenden Stadt
+wie Berenice, so wenig Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es
+erklärt sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von Juden, welche
+unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt, wohl keine so festen und
+dauerhaften Bauten aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden
+unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien entrissen wurden,
+entwickelten sie sich derart, dass sie in dieser Stadt den eigentlichen
+Kern der Bevölkerung bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie
+sehr, erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus, und ihre
+Genossenschaft wurde von einem eigenen Archonten regiert. Bald wurden sie
+so stark, dass sie unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die
+Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war, neue Colonien nach
+Cyrenaica abzusenden, um das Land wieder zu bevölkern. Bei der grossen
+Zerstörung, die dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch die
+Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner der heutigen blühenden
+Judencolonie directe Abkömmlinge der hier im Alterthume so zahlreich
+vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber _nicht
+wahrscheinlich_.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene.
+
+
+Alles war geordnet und marschfertig am 4. März, nur Mohammed Aduli, der
+als Führer und Sicherheitsmann uns begleiten sollte, machte Einwendungen
+so rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend, dann, indem
+er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen hatte, namentlich aber
+darauf bestand, es müssten Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen
+der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft waren,
+überdies alle meinten, dass wir in dieser Jahreszeit von der Drias für
+unsere Kameele nichts würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum
+Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun heraus, dass er
+hauptsächlich deshalb noch gerne einige Tage in Bengasi geblieben wäre,
+weil er selbst seine Einkäufe noch nicht beendigt hatte.
+
+Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und meine Leute trieben die
+Kameele vor sich her, zu denen noch mehrere schwerbeladene des Aduli
+gestossen waren, welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt
+verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen und französischen
+Consul, welche mich bis Tokra begleiten wollten, hinterdrein, und uns die
+ersten 3 Stunden nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten,
+waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen Hochland und dem
+Meere liegt, und die hier äusserst fruchtbar und breit ist. Sobald wir die
+Seen vorbei hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig auf
+jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch als hesperidische Gärten
+beschrieben und gehalten worden sind. Es war in der That ein
+eigenthümlicher Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen
+Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen Rändern eingefassten
+Kessel zu stehen, dessen Grund die üppigsten Bäume und Küchengewächse
+enthielt, und die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume nicht
+über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere Richtung wieder N.-O., die
+Gegend wurde, je weiter wir zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren
+wir schon so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine
+weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor. Um 7 Uhr Abends
+hielten wir vor einem Fereg der Braghta, welches Schützlinge und Freunde
+vom französischen Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz
+ausgezeichnet aufgenommen.
+
+Der Regen war immer in Strömen vom Himmel gekommen, und es kam uns daher
+recht gut zu Statten, dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt
+führte, wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch unsere Diener
+alle, wir mochten in allem dreissig Personen sein, ein gutes Unterkommen
+fanden. Dass Schaffleisch, Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln
+nicht fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber ebenso waren die
+Teppiche und das Zelt voll jener hüpfenden und kriechenden Thierchen, so
+dass an Schlaf nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten, hiess
+Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe so genannt. Beechey und
+Barth erkennen in diesem Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes
+wieder.
+
+Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes Wetter, und die Gegend
+behielt so ziemlich denselben Charakter, nur dass die Vegetation üppiger,
+der Boden, je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde. Die
+Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen ihnen und der See
+immer schmäler wurde. Wir behielten die See fast immer in Sicht. Der Boden
+selbst besteht überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch Barca el
+hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll liegt manchmal auf diesem
+fruchtbaren Boden, obgleich die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen.
+Das Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat überall eine
+gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus Bergen, sondern bildet ein Ufer.
+Die Araber nennen den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen von
+Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden immer häufiger. So
+passirten wir gleich nach der ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die
+etwas östlich vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen Stunden
+passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von den Eingeborenen Um es
+Schip genannt. Die Ausdehnung der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen
+schon gleich den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen sein
+müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend (die Peutingersche Tafel hat
+bis Adrianopel von Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.),
+müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und nach ihm benannte Stadt
+Adrianopolis legen. In Folge der Judenkriege gegründet, um die
+heruntergekommene Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu
+Edrisi's Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth in Tanseruch
+oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich konnte diese Namen nicht erfragen,
+und Beechey, welcher auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass die
+in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana heissen, und will damit
+den Namen der Stadt in Verbindung bringen. Hammilton nennt ebenfalls den
+See Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho verlegt die
+Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete Gebäude sind keine mehr
+vorhanden, wenn man nicht eines Castells, aus schönen Quadern erbaut,
+erwähnen will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt worden
+war.
+
+Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft Bir Shus, wo unter
+alten Ruinen bedeutende Araberansiedelungen und Gärten, die ersten
+Nicht-Nomaden seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich von hier sind
+Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli nennen hörte und glaubt dieselben auf
+Neapolis zurückführen zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen.
+
+Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt freilich trockenen
+Flussbett, uadi Bu Djarar, welches von der östlichen Bergwand
+herunterkömmt, und hatten nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr
+erreicht. Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr Abends, waren wir
+zwischen den Ruinen von Teucheira. Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu
+finden, rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen, dazu
+stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an einer steilen Wand etwas
+Schutz zu finden, wo wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer
+vom Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr mangelhaft, und
+mehrere Male mussten wir alle Nachts wieder auf, um die umgesunkenen Zelte
+frisch aufzuschlagen. Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet war,
+so liess ich darin den Photograph und meinen deutschen Diener campiren und
+Mr. Chapman, Mr. Robert und ich legten uns in das etwas grössere der
+Diener. Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche auf eine
+Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum Glück hatten wir kalte
+Küche, Wein und Schnaps, mit denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich
+beim Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber ganz unmöglich.
+Aber mit der Nacht hatte das Wetter ausgetobt; als am anderen Morgen uns
+die Sonne Licht brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche
+seien, dessen steile Wände überall Gräber und Höhlen enthielten; zu
+demselben führte nur Ein Eingang, die Stadt selbst aber hatten wir im
+Dunkeln schon passirt.
+
+Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was offenbar von Tauchira
+herkommt, ist heute fast ganz unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den
+Schriftstellern, die später als Ptolemaeus und Scylax darüber berichteten
+in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus Philadelphus erhielt die Stadt
+den Namen Arsinoë, und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris
+genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos von Cyrene, und im
+Anfange abhängig von dieser Stadt, wurde Teucheira bald darauf Barke
+unterthan. Wir wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt;
+Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt Cyrene gehabt; man
+rechnete sie zu den fünf Hauptstädten des Landes Pentapolitanien, und von
+den Römern wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit, dass sie
+von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern umgeben wurde, und Edrisi
+beschreibt sie uns als eine mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die
+Stadt gänzlich verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben jedoch ihre
+Ackergründe in der Stadt und Umgegend, und halten sich bis zur Ernte hier
+auf, später ziehen sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch eine
+Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester Zeit angelegt.
+
+Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist, ist unbedeutend. Am besten
+erhalten ist die Mauer, aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben
+aber aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese spätere
+Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian her, da man alles Mögliche
+dazu benutzte, was an Baumaterial zur Hand war, und so auch viele, mit
+jedoch unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert hat. Fast
+wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut, sind die Mauern der drei Seiten
+fast gleich lang, aber keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26
+viereckigen Thürmen versehen. Oft 15-18' hoch und 6' breit, ist die Mauer
+oft nur 3' hoch, ja an manchen Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und
+umherliegende Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge[20]
+genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an. Zwei Hauptthore, an der
+westlichen und östlichen Seite, von Thürmen flankirt, und durch eine
+schnurgerade Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite hin
+scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist nichts von einem Hafen zu
+bemerken, wenn nicht vielleicht ein grosser Steinbruch in der
+nordwestlichen Ecke der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben
+war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass dieser Steinbruch heute
+versandet, also höher als das Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem
+auch hier das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der Hafen von
+Leptis magna ist heute auch ganz versandet, communicirte aber sonst gewiss
+mit dem Meere, und bei Leptis sinkt das Ufer auch.
+
+Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden, jedoch nicht breiten
+Strassen deutlich erkennen, an Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen,
+von denen das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern hat,
+welche mit einem Lorbeerkranze umgebene Inschriften haben. Alles ist
+indess so durcheinander geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen
+wage, wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes, ebenfalls
+viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu gelegen, scheint eine Kirche
+gewesen zu sein; viele Friese, mit Weinreben und Trauben geschmückt,
+liessen Pacho es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren
+von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen, es ist aber mehr
+als wahrscheinlich, dass eine Stadt wie Teucheira nichts der Art
+entbehrte, sondern, dass Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte
+verborgen ist.
+
+Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus schon schliessen, wie
+bevölkert einst Teucheira gewesen sein muss. Indess finden wir hier nichts
+Besonderes; man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern benutzt,
+derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet erachtet wurde, man
+in die steilen Wände Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern
+herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum Bauen benutzt. Alle
+Wände sind mit Inschriften wie bedeckt, welche aber gar kein
+geschichtliches Interesse haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle
+in griechischer, aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache abgefasst sind.
+Im Osten der Stadt sind zwischen den Steinbrüchen auch andere Gräber, und
+in diesem Gebiete hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen gemacht.
+Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet sind, um Leichname
+aufzunehmen, theils Aschenurnen enthielten, sind natürlich alle leer.
+
+Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen; trotzdem gingen am
+folgenden Mittag der französische und englische Consul mit ihren Leuten
+zurück und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens recht gefällig
+und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich zum Verkauf, Schafe, Ziegen,
+Butter und Milch in so grosser Menge, dass letztere selbst von unseren
+einheimischen Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die Braghta bewohnen,
+wenn sie unten sind, die Gräber, sind aber so voll Ungeziefer, dass es
+unmöglich ist, in ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner
+Photograph, der diesen Umstand nicht kannte, und in eins der Gräber
+gegangen war, kam schwarz bedeckt und schreiend herausgestürzt, und lief
+wie wüthend zwischen hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen
+Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten Theil los
+wurde.--Immer hoffend, dass das Wetter besser werden würde, um einige
+Photographien zu machen, blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen
+Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen sie sich aber als
+nicht gelungen.
+
+Aduli's Stute hatte Nachts geworfen, und ich hatte mich schon darauf
+gefasst gemacht, eine neue Scene mit ihm zu haben, da ich dachte, dies
+würde ein guter Vorwand für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben,
+als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen aufs Kameel band; und
+als 9½ Uhr das Wetter etwas lichter wurde, verliessen wir unseren
+Steinbruch. Die Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in ihren
+Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung, d.h. circa 1 Stunde vom
+Meere, allmählich sich so demselben nähernd, dass sie dicht hinter
+Tolmetta direct ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich an
+Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch der Mensch fehlt
+nicht, wie die oft aus dem dicken Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber
+beweisen.
+
+Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten Stunde den kleinen
+Ndjila-See mit Süsswasser rechts liegen, hier hausen die uled Duerdja, und
+bald darauf passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel oder
+Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir den antiken Brunnen Erdana,
+und waren bald darauf im Landstrich, Schübka genannt, von dem
+Vorhergehenden in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von
+Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr passirten wir den
+kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde später ein anderes Uadi, das mir
+meine Begleiter jedoch nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen
+Arabergräber Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem Steinbruche, wo
+auch einige Grabnischen waren, unsere Zelte aufschlugen. Auch hier waren
+die Araber vom Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten für
+Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die Engländer die Preise
+überall so verdorben, dass man Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei
+uns haben konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner Leute,
+welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen geglaubt, und gefeuert; es
+stellte sich aber heraus, dass es das Füllen von Adulis Stute gewesen war;
+glücklicherweise hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur Folge,
+dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen, indem sie
+glaubten, wir seien von Räubern angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr
+zahlreich, stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den uled Agail,
+welche bei Tolmetta herum hausen. Diese Art Abhängigkeit, die man bei
+allen Arabern, ob sie in Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist
+mehr ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft und
+Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail sind Marabutin, die Auergehr
+einfache Araber. Auch bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse.
+
+Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter rother Thon erlaubte die
+herrlichsten Culturen, aber je mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger
+wurde die Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche Rinnsale,
+welche aus den Schluchten des Gebirges kommen, erhöhen den Reiz der
+Landschaft, so dass man kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art
+sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern und kleineren
+Oertern. Dabei sieht man längs den Bergen die Fereg der Auergehr, die
+Derssa und der Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail. Die
+Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken, doch kommen hie und da
+auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume vor.
+
+Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen Namens, dann die Ebene
+Bu Traba, durch ein Rinnsal von der Ebene Chat getrennt passirt hatten,
+waren wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued Bu Mscheif
+übergangen hatten, welcher sogar etwas Wasser hielt. Ptolemais lag endlich
+vor uns, eingeschlossen, wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im N.-O.
+vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im S.-O. vom Maigel-Gebirge.
+Schon lange vorher hatte die bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die
+grossen Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der mit Quadern
+schwerbeladenen Wagen nach der Stadt führen, und deren Wände wie in den
+Steinbrüchen von Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften
+bedeckt sind.
+
+Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor von Ptolemais ein, und
+wollten bei den Ruinen einer christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen,
+als mehrere Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr Terrain,
+und sie würden nicht leiden, dass wir dort campirten. Da ihr Grund ein
+triftiger war, nämlich zwischen den Ruinen und in der Nähe überall
+halbreife Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See zu, und
+nahmen für den ersten Tag Quartier in einem Steinbruche, in dem sich
+früher das Amphitheater befunden hatte. Die Spuren davon liessen sich noch
+sehr deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen sein kann.
+Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen, waren nur an wenigen Stellen
+Mauerwerke angebracht, und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier
+wurden wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde, weil überall
+Kornfelder in der Nähe waren, von denen die Eigenthümer fürchteten, sie
+möchten von unserem Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli ganz
+die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern, wo allerdings
+ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen wäre; ich wollte aber auf alle
+Fälle in der Stadt selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab,
+wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten Forts unser Lager
+eingerichtet wurde.
+
+Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen wahrscheinlich vom
+Philadelphus, nach Anderen von Euergetes. Bis zu der Zeit aber hatte es
+nur den Titel: Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur erwähnt
+als "Hafen bei Barce". Als diese Stadt in Verfall, und in die Hände der
+Libyer kam, zogen sich die Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann
+dieser Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit einem für die
+damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten Hafen versehen, welcher durch die
+Insel Ilos, dieselbe, welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen
+Schutz erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall des
+römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges war Wassermangel, da
+die Gelder zur Unterhaltung der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie
+überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen, indem er die
+Wasserleitungen wieder herstellen liess; Ptolemais erlag dem Andrange der
+Barbaren so gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach der
+Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz ihre Bedeutung verloren zu
+haben; nach Edrisi war Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern
+umgebener Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht. Edrisi
+berichtet über die Export- und Import-Artikel, und sagt, der Hauptverkehr
+fände mit Alexandria statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta noch
+stark bevölkert und besonders von Juden.
+
+Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie die heutigen Herren des
+Bodens, die uled Agail sagen, ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben
+diese Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils in den
+Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge. Obgleich ganz frei, und
+gewiss sehr kriegerisch, scheinen sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie
+halfen uns beim Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon sie
+zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten, betrugen sie sich
+doch anständig. Unwissend schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein;
+ausser Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer, und
+letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig. Die christlichen Consuln
+in den Städten seien auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu
+überwachen, dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld unterschlügen. Im
+Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus zu sein, selbst eine Sauya der
+Snussi hatte sich in Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können,
+hauptsächlich wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für besser
+hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter gewesen war. Keiner
+erschien indess, der nicht immer mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen
+wäre, ihre Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert und
+hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln.
+
+Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt; gerade der Insel
+Ilos gegenüber, auf der noch jetzt Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind,
+hatten wir hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus
+allmählich an die Bergabhänge hinaufzog.
+
+Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit sie offen zu Tage
+liegen, sind, ausser dem schon erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem
+zweiten oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend nach links zu
+gelegen. Verfolgt man dann die Strasse, die noch heute quer durch die
+Stadt führt, so stösst man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine
+grosse Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat 9 Gewölbe,
+welche von oben Licht und Luft bekommen. Umgeben war diese Cisterne von
+einer Reihe ionischer Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur
+drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei südlich, sieht man
+die Umrisse eines kleinen Theaters. Etwas weiter nach Osten zu, sieht man
+viele Säulen mit korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und Barth
+vermuthet, dass hier die Königshalle, [griechisch: stoa basileios], gewesen
+sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt. Ein aus der Cisterne nach
+Norden führender Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei
+Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes kleineres Theater
+liegt auf dem Wege zwischen Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen
+wie die übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen die
+einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am bemerkenswerthesten ist weiter
+nach Osten zu ein grosses massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit
+der Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften, welche sich
+früher an der Nordwand dieses Gebäudes befanden, und die nach Frankreich
+gebracht, von Latonne ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von
+Anastasius I., die Verwaltung und militairische Einrichtung betreffend.
+Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen war, beweisen die anderen
+Cisternen, welche noch in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr
+bedeutend und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet sich im
+nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt bestätigen die zahlreichen Säulen,
+die man überall herumliegen sieht, sowie die vielen Grundmauern aus
+Quadersteinen, dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt als gross und
+ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben ist. Der Hafen wird durch
+eine Felsspitze gebildet, die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht,
+die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war auch an der
+Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn circa 3000' westlich von dieser
+läuft noch eine andere Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint
+ein Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt.
+
+Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt, von dem die Stadt ausserdem
+durch eine Mauer getrennt war, finden wir hier noch die Reste einer
+Quaderbrücke. Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber doch
+so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen können. Aber das
+Suana-Thal ist eines der lieblichsten, weshalb ich denn auch eine
+Photographie davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend um die
+Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten, dass irgend eine
+Explosion daraus hervorgehen müsse, aber auch diese, obschon sie sehr
+misstrauisch schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint,
+dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des uadi Chambs
+hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen zu speisen, ausserdem finden
+sich Reservoirs am Abhange des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke
+die Wasser auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der Stadt
+zuzuführen.
+
+Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und hat, obschon von
+Schluchten durchbrochen, fast überall gleiche Höhe; um dieselbe zu messen,
+bestieg ich den südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg, welcher
+mir der höchste von allen schien. Dicht mit Juniperen und Lentisken
+bewachsen, fast undurchdringlich wegen des vielen dornigen Untergestrüpps,
+war der Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht
+durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während am Meeresstrande die
+Hügel, welche zum Theil auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt
+sind, grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet man in
+Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten aus Sandstein. Die Höhe des
+Berges fand ich zu 320 Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger.
+
+Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich und östlich von der
+Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich die steilen Wände der
+Steinbrüche benutzt, um in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen.
+Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man findet aber auch
+hier zahlreiche jedoch nichtssagende Inschriften. In einem Steinbruche,
+gleich westlich von der Stadt, findet man indess drei durch Kunst
+ausgezeichnet gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der Mitte drei
+Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem grossen Grabe mit
+verschiedenen Kammern verarbeitet. In Teucheira findet man auch solch
+einen Grab-Felsblock, und lebhaft erinnerten mich diese isolirten
+verarbeiteten Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen von Lalibala in
+Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit ihren Ursprung verdanken. Der
+mittelste dieser Felsblöcke nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau
+in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von Gestalt, hat derselbe
+im Innern drei Abtheilungen, von denen die seitlichen bis obenhin zu
+Grabkammern dienten, während die mittlere zugleich als Eingang benutzt
+wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen konnte. Eine kleine
+Inschrift, die Barth an der Nordseite gesehen haben will, konnte ich nicht
+mehr entdecken. Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem Zustande,
+und rundherum mit mächtigen herabgestürzten und herabgefallenen Quadern
+umgeben. Einige Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal
+einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess Gründe für diese
+Behauptung bringen zu können.
+
+Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns wieder vom Hafen
+vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen Widerstand zu leisten vermochte,
+und wir hatten uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei
+Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir, da er
+wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt worden, ohne
+Ungeziefer, und flüchteten uns hinein. Die Eingebornen hatten ebenfalls
+mit ihren flachen Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier
+nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens ein reges Leben und
+Treiben herrschte. Nachts indess tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass
+selbst unser Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer
+Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt zum Aufbruch, aber ehe Aduli,
+der überall mit den Eingebornen handelte, fertig wurde, verging geraume
+Zeit. In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen, hier
+verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier Gewürze, dort Zucker, welches
+er alles zollfrei aus der Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte
+er Honig, Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche Weise
+ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu hatte er immer eine ganze
+Schaar von Leuten, welche, wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit
+Ausnahme meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten
+Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen Diener unnütze Subjecte waren,
+konnte ich nichts machen.
+
+Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen, und um 9 Uhr Morgens
+verliessen wir unsere Grabwohnung, und schlugen denselben Weg ein, den
+früher Barth genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im Anfange
+südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen, mittelst welches wir den
+Aufsteig machen wollten, waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal
+ist sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde lang;
+jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit zu jeder Jahreszeit benutzt
+werden, was nach Regengüssen, wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird,
+für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die Bergwände, obschon
+steil, sind ausgezeichnet bewachsen, verwilderte Olivenbäume, Karuben und
+Lentisken bilden hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist jedoch
+so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst Hirten scheinen sich nicht
+darin aufzuhalten. Oben angekommen, hat man die erste Stufe erreicht, circa
+300 Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden breit, hat auch
+herrlichen rothen Thonboden, ist aber ebenso vernachlässigt, wie das ganze
+andere Land. Wir hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch
+die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und durchschnittlich vier
+Stunden breit ist. Diese Terrassen streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die
+zweite wird im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls von
+N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste Punkte im Norden im Dj.
+Dendach, und südwestlich von ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns
+präsentiren. Am Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde
+lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt. Kleinere Tümpel
+und Seen findet man auf dieser ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu
+haben scheinen. Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und
+die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und Arbuten. Blumen in
+prächtigen Farben und unvergleichlicher Fülle bedecken in dieser
+Jahreszeit den Boden, und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die
+mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung. Aber schlecht
+bevölkert, wie das ganze Land, findet man nur hie und da einen Fereg der
+Auama, Genossen der uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr.
+
+Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in östl. Richt. durchzogen,
+hatten wir um 2½ Uhr eine kleine Kubba, die des Sidi Said von den Agail
+zur Seite, aber trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg
+nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem Fareg einen
+Wegweiser zu holen. Er kam denn auch bald zurück, aber statt eines Mannes
+brachte er drei Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen Leuten
+reiche Karawane noch drei andere dazu bekam; er versteht sich von selbst,
+dass ich auch diese zahlen und beköstigen musste, aber gerade dadurch
+machte sich der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf Kosten
+seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen liess. Wie mag er den
+armen Denys, welcher der Sprache gar nicht mächtig war, geplündert haben!
+Durch einen dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend,
+einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte Ruine eines
+früheren römischen Wartthurms, und wie alle Bauten dieser Art ein aus
+Quadern aufgeführtes Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen
+hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in der Nähe hervor,
+welche überall in die Felsen gearbeitet waren. Auch vorher hatten wir
+schon ein Ruinenfeld passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen
+desselben nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein von N.-O.
+kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts gehend, campirten wir dann in
+demselben. Trotzdem wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine
+recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war, und noch lange sass ich
+Abends an einem grossen Feuer jenes duftenden Wachholderholzes, welches
+die Alten schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen Atlas und
+in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt.
+
+Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das Mrsihd-Thal vollends hinauf,
+und erreichten nach 40 Minuten den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns
+die Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun auf dem Plateau
+angekommen, aber noch keineswegs auf dem höchsten Punkte. Uebrigens muss
+man sich das Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen; sondern
+als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche aber alle über 1200' hoch
+ihren niedrigsten Punkt haben. Die Vegetation, obschon dieselbe hier
+später ist, bleibt im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben
+und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche den Bienen den so
+sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack zum Honig liefern; aber alle
+diese Pflanzen finden sich auch an den Abhängen der Berge.
+
+Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an Sümpfen und Tümpeln war, so
+fehlten diese hier nun gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der
+Vegetation darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten
+Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte waren sie zu
+nennen, denn sie hingen gerade jetzt voll der besten Oliven, die Niemand
+zu sammeln kam. Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter, welches
+der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen noch von den Alten
+herrührten. Manchmal sollen indess doch von den Küstenbewohnern einige
+herauf kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien noch Niemand
+gekommen zu sein.
+
+Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung bis 5¼ Uhr Abends
+marschirt waren, sahen wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das
+heisst Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden will ich
+ausnehmen, die unweit von uns am Wege weideten, und bei unserer Annäherung
+eilig ins Dickicht getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so
+spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder hätte zählen können.
+Trotzdem überall der fetteste und beste Boden war, der nur auf die Hand
+des Menschen zu warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was man
+ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als neu wurde mir nun zum
+ersten Male die Drias-Pflanze (von allen Reisenden für Sylphium gehalten)
+gezeigt, von der wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann fiel
+mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst in Tripolitanien nicht
+vorkommen. Die Araber nennen den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen
+Buamian, Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden, es scheint
+als ob selbst die Thiere dies nur von Todten bewohnte Land meiden.
+
+Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt hatten, zogen wir, oben
+angekommen, nördlich in einer Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt,
+und wo wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba) passirten. Etwas
+weiter läuft dann die von S.-O. von Merdj kommende Heerstrasse ein,
+dieselbe, welche vor 1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem um
+9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten war, kamen wir in das
+Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen Wagenspuren der Alten
+verfolgten. Um 11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur
+Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih. Um 12 Uhr 20 Minuten
+kreuzten wir den von Teknis kommenden, nach der Küste führenden
+Karawanenweg, und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts
+durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder N.-N.-O. haltend,
+überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass, der uns ins Scharaya-Thal führte,
+welches eine Stunde lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal
+übergeht. Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum an der Küste
+nach Merauan ins Innere führenden Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim,
+von dem aus wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen. Das uadi
+Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir um 5 Uhr Abends, in der Nähe
+von Wassertümpeln lagerten, nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser
+gewesen waren.
+
+Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt gewesen war, ein starkes
+Gewitter mit Regen, und zogen am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in
+N.-N.-O. Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen
+abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren nun über 550 Meter hoch
+auf dem Beida-Berge, alle anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu
+haben, und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter. Als neue
+Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt gerade in voller Blüthe,
+und in prächtigen Exemplaren bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne
+Exemplare von der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet und dann
+den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir Gasr Bengedem vor uns. Auf dem
+Mcheilil-Berg fanden wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses.
+Dieser ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde, aber auch hier
+begegnete uns kein Mensch, und das einzige Zeichen von Bevölkerung war die
+Sauya der Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer
+Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen.
+
+Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht hatten, blieben wir doch bei
+Gasr Bengedem liegen, um zu photographiren, und diese ganze Gegend näher
+in Augenschein zu nehmen.
+
+Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar aus der Römerzeit, und
+hörte mit zu jener Vertheidigungslinie, welche dieselben gezogen hatten,
+um die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern. Bengedem war
+gewiss eines der bedeutendsten Forts, wenn nicht das grösste von denen,
+welche die Vertheidigungslinie bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte
+breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende Thürme. An
+manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen Wände noch die Höhe von 40'.
+Aus grossen behauenen Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die
+Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört worden sind,
+nicht im Mindesten von der Witterung gelitten. Im Innern führt eine Treppe
+auf die Mauer, welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte.
+Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das Castell, und erhöhten so
+die ursprüngliche Festigkeit desselben. Die bedeutenden Ruinen in der
+Umgegend von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine
+Hauptniederlassung war, und Pacho könnte Barth gegenüber doch wohl Recht
+haben, indem er hier Balakrai vermuthet. Die Entfernung von Cyrene, die
+Pentinger auf 12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf 15 M.
+angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse Menge von Höhlen, theils
+natürliche, theils künstliche, ausser vielen aus späterer Zeit
+herrührenden Grabkammern, beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit
+hier libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen, denn viele
+der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung von Wohnungen.
+
+Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit denen der Aduli gleich wieder
+Handelsverbindungen angeknüpft hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg
+hatten sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen Tag thaten sie
+nichts, als um uns herumhocken und um Essen betteln. Wir hatten deshalb
+auch Nachts eine verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu hüten,
+wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde.
+
+Den folgenden Morgen stiegen wir in nördlicher Richtung vom Berge des Gasr
+Bengedem hinab, und kamen nach einer Stunde ins Thal Saharis. Von O.-N.-O.
+erhält dies Thal nun das bedeutende Kuf-Thal, und in dies münden von O.
+das uadi Djras und das uadi Bu Heisa, welches letztere von Safsaf und Ain
+Schehad (Cyrene) kommen soll. Das Kuf-Thal ist eines der wildesten und
+romantischsten, die man sich denken kann: steile, oft senkrechte,
+fünfhundert Fuss hohe Kalksteinwände, überall mit ungeheuren Höhlen, die
+oft am Fusse der Wände, oft in der Mitte, oft fast oben am Rande sich
+zeigen, machen einem glauben, man sei in der Teufelsschlucht. Jedenfalls
+waren diese Höhlungen meist alle bewohnt, und einige sind es noch jetzt
+zur Zeit der Honigernte; denn an diesen steilen Wänden haben die Bienen
+ihre Bauten. Viele Höhlen, oft hundert Fuss hoch über der Thalsohle, sind
+durch Aussengänge mit einander verbunden, und scheinen so ganzen Stämmen
+als Wohnplatz gedient zu haben. Ausserdem findet man die herrlichsten
+Tropfsteinhöhlen, von denen die von den Eingebornen Rhorhardieh genannte,
+die grösste und schönste ist. Die üppigste, immer grüne Vegetation von
+Lentisken, Myrthen, Caruben und Wachholder, ferner die jetzt massenweise
+auftretende Steineiche machen dies Thal mit seinem wilden Charakter zu
+einem der schönsten, wie man es nur vielleicht in den Pyrenäen, in
+Calabrien, im grossen Atlas ähnlich findet. Aber wie immer fehlt alles
+menschliche Leben; in der That haben wir, die grosse Sahara ausgenommen,
+kein Land gesehen, das so dünnbevölkert ist, und doch ist der Boden so
+reich und ergiebig wie eine jungfräuliche Erde eben sein kann. Am Boden
+des Thales finden wir dann noch einen fast undurchdringlichen Wald von
+mastbaumhohen Thuya-Bäumen, aber Niemand ist jetzt da, um sie zu fällen
+und zu verwerthen.
+
+Dass dieser Weg unserer Gofla grosse Schwierigkeit machte, braucht wohl
+kaum gesagt zu werden. Das Kameel, obschon es wegen seiner breiten
+Fusssohlen auch in den Bergen sicher geht, liebt freie Gegenden, und hier
+waren wir in einem wirklichen Urwalde; da waren Baumstämme, die das Alter
+oder der Wind umgeworfen hatte, zu umgehen, vom Wasser glatt gewaschene
+Felsplatten zu übersteigen, und oft war das Gebüsch so niedrig und dick,
+dass die beladenen Kameele mit Gewalt durchgeschoben werden mussten.
+
+Froh waren wir, als wir um 10 Uhr die Passhöhe erreichten, und von nun an
+auf einem Bergrücken blieben. Bald darauf hatten wir die Kubba des
+Marabuts Abd el Uahed vor uns, auch von alten Ruinen, jedoch ohne
+Bedeutung, umgeben. Von hier an waren nun Ruinen unsere steten Begleiter,
+und eine tief in Fels eingeschnittene alte Fahrstrasse, rechts und links
+von Hunderten von Sarkophagen bordirt, führte uns auf die Hauptstadt vom
+alten Pentapolitanien zu. Aber eigenthümlich, ohne Menschen zu sehen, ohne
+Wohnungen anzutreffen; sollte man nicht glauben, im Lande der Todten zu
+sein? Auf Schritt und Tritt Todtengrüfte, Grabnischen, hier die Tausende
+von Sarkophagen, die ungeheuren Necropolen, gegen die die eigentlichen
+Städteruinen verschwindend klein sind, lassen wirklich den Gedanken, im
+Reiche der Todten zu sein, aufkommen.
+
+Gegen Mittag erreichten wir die Ruinen, welche die Eingebornen unter dem
+Namen uadi Amer bezeichnen, und die mehrere Stunden weit sich nach N.-O.
+hin ausdehnen, und bei einem Orte Beludj enden. Barth verlegt hieher
+Balakrai, und meint auch, dass eine der zwanzig von Ptolemaeus erwähnten
+Städte, vielleicht Eraga, hier zu suchen sei. Beludj erreichten wir um 2
+Uhr 40 Minuten, und immer auf einem Bergrücken weiter ziehend, liessen wir
+dann die Sauya beida (Jaura Sidi Schenut nach Barth, was wohl Sauya Sidi
+Snussi heissen soll) links liegen, und kamen um 4 Uhr bei dem weissen Dome
+des Marabut Sidi Raffa, an, welcher ebenfalls von vielen Ruinen umgeben
+ist. Eine halbe Stunde später hatten wir den höchsten Punkt des
+Bergrückens mit 620 Meter erreicht. Etwas später hatten wir von hier eine
+weite Aussicht aufs Meer durch eine breite nach Norden zu sich öffnende
+Thalschlucht, Shissu genannt, und dann campirten wir um 5 Uhr auf gleicher
+Höhe mit der Schlucht bei Djenin, wo wir eine fliessende Quelle fanden.
+Auch hier fanden wir Spuren früherer Ansiedelungen; grosse künstliche
+Höhlen umgeben die Quelle nach Osten, und in und bei derselben waren
+Mauerarbeiten, welche wohl einst den Abfluss des Wassers zur Befruchtung
+der Felder regulirt hatten.
+
+Nachts war auf dieser Höhe die Kälte so gross, dass wir am anderen Morgen
+die Zelte weiss bereift fanden, und die Mündungen der Wasserschläuche hart
+gefroren waren. Das Thermometer zeigte vor Sonnenaufgang -1°.
+
+Von hier bis Cyrene sind nur noch 2 Stunden. Wir lassen rechts den Hügel
+Ras el Trabe liegen, welcher bekannt ist als Grenze zwischen den Brassa
+und Hassa, welche letztere von hier nach N.-O. hin nomadisiren. Die Ebene
+Ambsa, mit dem Grabe des Marabut Bel Kassem, brachte uns dann vor die
+Ruinen der Stadt, welche wir um 10 Uhr beim Hügel Mgatter betraten.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Cyrene.
+
+
+Durchs Ostthor zogen wir in die Stadt ein, verfolgten die Battus-Strasse
+bis an den Punkt, wo sich die Aussicht aufs Meer öffnet, und nahmen dann
+unser Quartier in einer der Kammern, welche im Felsen ausgearbeitet sind,
+und auch früher wohl als Wohnungen dienten. Die Apolloquelle war auch in
+unserer Nähe, und diese ist es, welche heute der ganzen Oertlichkeit den
+Namen giebt; die Araber nennen sie ain Schehad. Keineswegs ist damit
+gesagt, dass die heutigen Bewohner und die der Umgegend gänzlich den Namen
+"Cyrene" verloren hätten, derselbe findet sich wieder in der Quelle im
+uadi bel Ghadir, welche viele Aehnlichkeit mit der Apolloquelle hat, und
+fast ebenso mächtig ist; dieselbe heisst ain Krennah.
+
+Cyrene wurde sowohl unter den Ptolemäern als die Hauptstadt der fünf
+Städte: Cyrene, Barca, Teucheira, Hesperis und Apollonia angesehen, als
+auch unter den Römern, welche das ganze Land unter dem Namen Cyrenaica
+zusammenfassten.
+
+Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter Battus im Jahre 631[21]
+v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene bald zur wichtigsten Colonie der Griechen
+an der Nordküste von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des
+delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea (dem heutigen
+Bomba); musste aber aus Mangel an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei
+Jahren, und nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden,
+verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande Libyens, nach dem
+wohlbewaldeten Asiris über. Aber auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da
+nach Ablauf dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der
+Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet wurde.
+
+Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im Anfange mit den Libyern,
+und hier waren es vorzugsweise die Asbysten, gut vertrugen; sogar
+Heirathen mit Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer
+jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. Mit Battus I.
+bekam Cyrene den ersten König, und blieb unter dieser Regierungsform circa
+200 Jahre, in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete sich
+aus nach dem ersten, welcher später als Heros verehrt wurde, der dritte
+König, Battus II. Unter ihm kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland:
+hiedurch wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König Adikran
+rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe. Bei Thestis in der Gegend von
+Irasa kann es 570 zur Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden
+vollkommen besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit dem Beinamen der
+Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen Brüdern in Streit, gingen diese Barca
+gründen, und verbanden sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos II.
+Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon oder Leucoë in Marmarica;
+wurde dann aber in einen Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute.
+Sein Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst wieder von Eryxo,
+der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht. Unter seinem Sohne, der als Battus
+III. folgte, schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue Gesetze.
+Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und beschränkte besonders die
+königliche Gewalt. Dessen Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die
+königliche Gewalt zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter
+Pheretime unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und kam dann mit
+einem bedeutenden Heere nach Cyrene zurück. Wieder geschlagen, floh er
+nach Barca, und wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine
+Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in Aegypten, welcher ihr
+zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher Belagerung Barca einnahm. Der Sohn
+von Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und nach ihm kam
+der letzte König Arkesilaos IV., dessen Siege in den pythischen Spielen
+Pindar besingt, auf den Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm
+Hesperis gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er etwa um 440
+gestürzt, und der königlichen Herrschaft damit ein Ende gemacht. Sein Sohn
+Battus, der nach Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins
+Meer geworfen.
+
+Unter der republikanischen Regierungsform erlebte Cyrene die höchste
+Blüthe und den grössten Wohlstand, obwohl es an inneren Zerwürfnissen
+nicht fehlte. So treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston
+und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen. Um alle
+inneren Streitigkeiten durch eine gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten
+sich die Bewohner Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato lehnte
+jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es ihnen zu gut gehe: "Kein
+Mensch sei schwieriger zu beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es
+ginge ihm gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu lassen, als
+der vom Schicksal gebeugte." Alexander dem Grossen, als er Zeus Ammon
+besuchte, unterwarfen sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare
+Geschenke. Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit,
+wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des Lagos, Aegypten unterworfen, im
+Jahre 321 v. Chr., und das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten
+Pentapolitanien genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon, überliess dann
+mittelst Testament das Land an die Römer im Jahre 96, und im Jahre 67
+wurde es mit Kreta zusammen zu einer Provinz formirt. Unter Constantin
+wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz unter dem Namen Libya
+superior eingerichtet.
+
+Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen Aufstand machten, und
+200,000 Römer und Cyrenaeer ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das
+römische Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren keinen
+Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen Heuschrecken, Pest und Erdbeben,
+welche Leiden im fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden.
+616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache griechische Colonie
+der Art, dass die Araber, als sie 647 in Cyrenaica einfielen, kaum noch
+Widerstand fanden. Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam
+kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen vollkommenen
+Barbarismus zurück, und das Land wurde, vollkommen vernachlässigt, bald zu
+einer Wildniss. Seine neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis
+verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik wurde, fiel auch
+Cyrenaica unter die Herrschaft der Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik
+unter dem Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet.
+
+Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene blühten, geht aus der Zahl
+bedeutender Männer, welche diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen
+nur Aristippus, den Gründer einer eigenen philosophischen Schule, sowie
+Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen Eratosthenes, der sich
+besonders durch geographische Werke auszeichnete, und als Director der
+Bibliothek von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos, welcher
+von den Battiaden abstammte, und dann der berühmte Bischof von Ptolemais,
+der Redner und Schriftsteller Synesius.
+
+Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt selbst und die Necropolis
+kennen zu lernen, und die Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die
+Photographien.
+
+Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin abfallen, wird Cyrene
+mittelst eines Radius, welcher den Namen der Battus-Strasse hat, in zwei
+Theile getheilt. Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben,
+ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche Stadt umgab, noch gut
+erhalten, und namentlich an der ganzen Südseite und im Osten bei einer
+durchschnittlichen Höhe von 4-5' und Breite von 6' ganz deutlich zu
+verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst der Hauptstrasse,
+welche von Barca herführt, so hat man gleich rechts vom Thore die
+unordentlich durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es
+eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen Grundmauern
+hervor, obschon merkwürdigerweise der Altar nach Westen gestanden zu haben
+scheint, oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer im Westen,
+vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene Spitzbögen, welche noch
+stehen, lassen erkennen, wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur
+die obersten Spitzen der Bogen herausgucken.
+
+Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte der Stadt, so stossen wir
+zuerst aufs Hippodrom, welches, die Rundung nach Süden habend, in gerader
+nördlicher Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten,
+aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn selbst ist die Spina kaum
+zu erkennen, da der ganze innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge
+des Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite circa 60
+Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden wir auf dem höchsten Punkte
+dieses Stadttheiles die Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten
+Zeit angehört. Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen Reste
+eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt Breite. Von Westen nach
+Osten gelegen, hat der Tempel, wie durch die Nachgrabungen von Porcher und
+Smith jetzt zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen auf
+der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden. Durch zwei Säulen
+und zwei Mauervorsprünge kommt man von Osten in den Pronaos, der von der
+Cella durch zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden wird.
+An den Längsseiten in der Cella findet man je zehn Piedestale, welche
+korinthische Säulen tragen, ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser
+cubischer Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der
+Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine Mauer geschieden, und
+ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge, aber durch drei Säulen
+begrenzt. Die Säulen des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser
+gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des eigentlichen
+Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine von 20 Schritt Länge und 8
+Schritt Breite. Smith und Porcher, die hier die sorgfältigsten
+Ausgrabungen machten, fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des
+Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet sich, wie in allen
+Tempeln in Cyrene, auf der östlichen Hälfte. Wenn Barth hier auf der
+östlichen Hälfte Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies wohl
+nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber später sehen werden, befand
+sich diese auf der westlichen Stadthälfte.
+
+Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel finden wir die Ruinen
+eines anderen, etwas kleineren Tempels, welcher auf der höchsten Spitze
+dieses Stadttheiles erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut und aus
+Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so vernichtet und zerstört, dass
+eine genauere Beschreibung unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen
+Peristyl, die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht möglich; die
+Säulen, von denen Bruchstücke überall umher lagen, waren dorischer
+Ordnung, sind aber so verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen
+kann.
+
+Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende Linie für die zwei
+Stadthälften annehmen, so haben wir damit alles, was auf der östlichen
+Hälfte bemerkenswerthes zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun zum
+westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit öffentlichen Gebäuden
+geziert war, überhaupt der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens gewesen
+ist, weil er die Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten
+Griechen, enthält.
+
+Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen und uns links wenden,
+sobald wir die von Norden nach Süden ziehende Strasse passirt, so kommen
+wir zuerst an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage
+anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen; aber von den dort
+aufgefundenen Statuen, Bacchus und Venus, können wir schliessen, dass der
+östliche der Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren. Diese und
+andere Statuen sind alle ins British-Museum gekommen. Wie denn überhaupt,
+seit Bourville, Smith, Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue
+ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden ist, und die meisten
+Ruinen, die schon so sehr durch die Barbaren gelitten hatten, nun vollends
+dem Untergange geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus gefunden
+wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig breiten Sitzreihen und
+kleiner Cavea. Barth, der die Orchestra gemessen, giebt die Breite
+derselben auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies Theater
+nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu musikalischen Aufführungen
+gedient habe. Dicht an der Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen
+wir auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser Cavea, wie
+das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer Ordnung, die
+umherliegen, deuten darauf hin, dass die Sitzreihen mit einer Colonnade
+dieser Säulen umschlossen gewesen sind.
+
+Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer grosser Ruinenhaufen, wo
+vor mehr als 50 Jahren Beechey den Torso eines römischen Kaisers
+vermuthete. Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten,
+liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe der Palast des römischen
+Gouverneurs gestanden. della Cella erwähnt hier einer Inschrift "Porticus
+cesarei" und hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass hier in
+der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der ptolemaeischen, ein
+Marktplatz gewesen sei. Porcher und Smith fanden hier, ausser einer
+weiblichen Statue, diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen
+Kaisern.
+
+Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich, wenn man das grössere
+Theater hat liegen lassen, ist noch ein grosser Bau mit einer grossen
+Säulenhalle nach Nord gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die
+Säulenhalle, welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe dreissig
+Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude dahinter zeigt eine Menge
+kleiner Zimmer von 6' Tiefe auf 4' Breite, und es ist wohl nicht
+unwahrscheinlich, dass hier die Verkaufshalle war.
+
+Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf circa 100 Schritt
+Entfernung von diesen Ruinen durch eine von Thürmen flankirte, von Norden
+nach Süden streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir, welches
+südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt, mit einem starken Thurme
+anfangend, ist diese innere Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis,
+welche auf dem westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen
+haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche Dicke von 12' und ist an
+einigen Stellen über 20' hoch; Beecheys Ansicht, dass sie eine
+Wasserleitung gewesen sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten
+vorhanden sind, die das Wasser hätten herführen können. Auf der Spitze des
+westlichen Berges sind ausser einer grossen Masse von bequemen Steinen,
+welche bezeugen, dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren
+hervorragenden Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern ist nach Westen
+und Süden, wo dieselben auch kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen;
+nach Norden zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt, scheint die
+Acropolis aber auch noch durch eine Mauer geschützt worden zu sein,
+wenigstens finden sich Spuren darin vor.
+
+Wenn wir vom höchsten Punkte des westlichen Stadttheiles nach Nordwest
+gehen, so führt uns die Neigung von selbst auf das grosse Stadttheater,
+welches am Abhange des Berges selbst gebaut ist. Obgleich stark
+durchwachsen, sind nur wenige Sitzreihen ausser der Loge, überhaupt
+scheinen die meisten Theater wohl mehr durch die Natur, als durch
+Menschenhand zerstört zu sein. Hier hat nun wohl ein allgemeiner Rutsch
+stattgefunden, da Proscenium und Orchester, welche künstlich an dem unten
+steilen Berg hinaufgebaut waren, weggesunken sind. Aus dorischen
+Säulenüberresten ersieht man, dass diese nach aussen zu durch Säulen
+geschmückt gewesen sind. Das Koilon ist ungleichmässig durch ein Diagon
+geschieden, da der unteren Sitzreihen heute noch 30 (und früher wohl noch
+mehrere waren, weil in der ganzen Arena alles mit Schutt und Steinen
+angefüllt ist), während die obere Hälfte nur acht aufweist. 6 Treppen
+durchschneiden die zwei ein halb Fuss breiten Sitzreihen in gerader Linie
+von oben bis unten. Wenn auf diese Art die Zuschauer hauptsächlich von
+oben ins Theater gelangten, so scheint doch auch noch ein anderer Zugang
+zwischen Proscenium und Koilon von Osten her existirt zu haben; vielleicht
+war gar ein von Osten kommender Durchgang, der jetzt verschüttet ist,
+vorhanden. Von den Sitzreihen des Theaters hat man die umfassendste
+Aussicht über die vorliegenden Plateaus hinweg bis zur See. Wie über eine
+Landkarte schweift der Blick über das Land bis nach Apollonia hin, und von
+hier sahen, wie Barth so schön sagt, die alten Cyrenen ihre Handelsschiffe
+heranschwimmen, und erfreuten sich des wunderbar gestalteten
+Terrassenlandes. _Beechey_, welcher dies Theater für ein Amphitheater
+hielten, weil allerdings das Koilon unverhältnissmässig gross und
+umfassend zum Proscenium ist, ist aber jedenfalls im Unrecht; denn war es
+schon eine Riesenarbeit, Proscenium und Scena künstlich zu erbauen an dem
+steilen Bergabhang, so wäre es selbst heute fast unmöglich, die andere
+Seite des Amphitheaters hier künstlich aufzubauen.
+
+Vom Theater nach Osten schreitend, übergeht man eine Terrasse, und kommt
+an drei Bogengänge, die jetzt vermauert, ursprünglich offen gewesen sein
+mögen, oder nach Norden zu einen freien Umgang gehabt haben, der jetzt
+weggestürzt ist. Immer breiter werdend, dehnt sich die Terrasse da, wo sie
+an die nach Nordwesten laufende Battus-Strasse stösst, welche hier auch
+der natürlichen Spalte zwischen dem Ost- und West-Hügel der Stadt folgt,
+zu einer Plattform aus, welche den Apollo-Tempel trug. Durch die
+Ausgrabungen von Porcher und Smith ist unwiderruflich festgestellt, dass
+der Tempel, welcher sich vis-à-vis der Quelle des Apollo befand, diesem
+Gotte selbst gewidmet war. Beechey hielt denselben, weil er eine, wie er
+glaubte, auf Diana bezügliche Inschrift[22] fand, und ausserdem eine
+weibliche Statue in sitzender Stellung, für der Diana geweiht. Aber schon
+die Lage bringt es mit sich, dass dieser Tempel dem Apollo gewidmet war,
+und zwei Inschriften, welche Porcher und Smith hier fanden, endlich die
+ausgezeichnet erhaltene Marmorstatue von Apollo cytharoedes[23], welche
+sie ausgruben, und die gleichfalls in das British-Museum gekommen ist.
+Obgleich einige Piedestale der Säulen noch am Platze sind, so lässt sich
+doch trotz der Ausgrabungen nichts Bestimmtes über den Bau des
+Apollo-Tempels sagen. Wahrscheinlich war er in dorischer Ordnung
+errichtet, und hatte seine Richtung fast von West nach Ost. Er hatte nur
+Pronaes und Cella, und ein grosses Piedestal in dem westlichen Theile der
+Cella lässt erkennen, dass der Eingang, wie übrigens in fast allen Tempeln
+in Cyrene, von Osten war.
+
+Gegenüber dem Tempel nun haben wir gleich den berühmten Apolloquell, heute
+ain Schehed genannt, welcher einst die Veranlassung zur Gründung der Stadt
+Cyrene und der später so blühenden Colonie war. Aus einem senkrechten Fels
+hervorsprudelnd, bemerkt man oberhalb der Front einen Giebeleinschnitt,
+Beweis, dass hier einst der Quell mit einer Tempelfaçade geschmückt
+gewesen ist; und rechts an einem Felsvorsprung liest man die bekannte auf
+eine Renovirung der Quelle bezügliche Inschrift:
+
+ L[griechisch: IGDIONYSIOSSÔTA
+ IEREITEUÔNTANKRANAN
+ EGESKEUASE]
+
+Von einem Bassin ausserhalb der Felswand kommt man in eine ziemlich
+geräumige Grotte, welche rechts eine geräumigere künstliche, und in zwei
+Abtheilungen getheilte Höhle hat. Ursprünglich waren dies wohl Zimmer für
+die Priester, jetzt sind sie verschlammt und zum Theil unter Wasser.
+Beechey fand darin die Bruchstücke von Altartischen mit Figuren. Von der
+Grotte aus kann man nach Süden zu die Quelle fast 700 Schritt weit
+verfolgen durch einen künstlich angelegten Gang, fast überall 5' hoch und
+4' breit. Stellenweise findet man die Wände mit Namensinschriften bedeckt.
+Zuletzt wird der Gang so niedrig, dass man gehend nicht weiterkommen kann,
+es ist auch wohl kaum anzunehmen, dass die Quelle noch bedeutend weiter
+nach Süden zu entspringt, da sie jedenfalls unter dem Höhenpunkt des
+westlichen Berges von Cyrene ihren Ursprung nimmt. Das Wasser der Quelle
+fanden wir zu 13°C. Dass aber die alten Einwohner nicht allein ihren
+Wasserbedarf, so reichlich und zulänglich auch die Apolloquelle ist, von
+hier hatten, geht aus der ungeheuren Cysterne hervor, welche man am
+südwestlichen Ende der Stadt antrifft. Aus drei nebeneinander gebauten
+Reservoirs bestehend, haben dieselben eine Länge von 260 Schritt auf eine
+Breite von c. 175 Schritten. Das eine Reservoir ist überwölbt mit
+Quadersteinen, welche fast alle mit Buchstaben und Zeichen bezeichnet
+sind, wahrscheinlich im Voraus, um sie später leichter zu vermauern. Zwei
+der Reservoirs scheinen keine Gewölbe gehabt zu haben, da die Trümmer oder
+Steine fehlen, womit sie gewölbt gewesen wären, und dies lehrt uns wohl,
+dass diese Cysternen erst in späterer Zeit angelegt, aber nicht vollendet
+worden sind. Auch einer anderen Quelle, welche gewiss in früherer Zeit von
+grosser Bedeutung war, müssen wir noch erwähnen, welche im uadi Bel Rhadir
+entspringt. Heute noch von den Einwohnern ain Krenah genannt, würde uns
+dies fast auf die Vermuthung führen, dass dies die Quelle Kyre gewesen
+sei, wo zuerst die alten Griechen ihre Ansiedelungen gemacht haben, wenn
+nicht der Apolloquell bedeutend stärker an Wasser und so recht im
+Mittelpunkt der Stadt und der hauptsächlichen öffentlichen Gebäude gelegen
+wäre. Ain Krenah, welches offenbar von Cyre, Cyrene, hergeleitet ist,
+entspringt auch aus einer Grotte, hat künstliche Reservoirs und alte
+steinerne Wassercanäle, um das Wasser zu vertheilen. Ebenfalls aus einem
+steil abfallenden Felsen des uadi Bel Rhadir, welches sich am Südende der
+Stadt hinzieht, entspringend, ist dies der lieblichste und anmuthigste
+Punkt der Gegend. Vor der Quelle befindet sich eine geräumige Plattform,
+welche nach dem Abgrunde zu, den hier die malerische Schlucht bildet, von
+einer colossalen Quadermauer gestützt ist. Das ganze Thal hat die üppigste
+Vegetation und die Quelle selbst ist von Myrthen und Oleanderbäumen dicht
+beschattet.
+
+Von ganz besonderem Interesse für den Forscher ist die unendliche
+Todtenstadt, welche nach allen Seiten hin die Stadt umgiebt. Die Zahl der
+freien Gräber und Sarkophage, die Zahl der Höhlen, welche Todtenkammern
+enthalten, ist so bedeutend, dass man glauben sollte, die Stadt sei nur
+von Todten bewohnt gewesen. Freilich ist nichts mehr unentweiht; kein
+Grab, keine Kammer, die nicht erbrochen wäre, und das, was die Hand der
+Barbaren unberührt gelassen hatte, als Inschriften und Malereien, ist von
+den letzten Reisenden fortgenommen und nach Paris und London gewandert.
+Und im Ganzen können wir auch nur zufrieden damit sein, denn wenn Pacho,
+della Cella noch hie und da schöne Wandgemälde vorfanden, wer hätte für
+ihre Erhaltung garantirt!
+
+Die vollendetsten Todtengewölbe und Grabkammern findet man am Nordabhange
+der Berge von Cyrene, auf dem Wege nach Apollonia und im uadi Bel Rhadir.
+Offenbar gaben ursprünglich bestehende Höhlen Veranlassung zu dieser Art
+Beerdigung. Wir finden hier die einfachsten Gräber, ohne jeglichen
+Schmuck, und die vollendetsten mit Tempelfaçaden, Vorkammern, Hauptgängen
+und Seitenkammern. Besonders grossartig, wenn auch nicht schön, sind die
+Katakomben am Nordabhange, von den Eingebornen Knissieh genannt. In dieser
+Räumlichkeit, wo wir später des Photographirens halber unsere Wohnung
+aufschlugen, ist sicher Platz für einige 1000 Leichen. Mehrere 100 Schritt
+weit ziehen sich die Grabkammern in das Innere des Felsens, und oft sind
+die Gräber so, dass man von einem aus in eine untere oder obere Etage
+kommt, und nun wieder eine ganze Gräberreihe vor sich hat. Aber auch hier
+ist alles durchwühlt, und kein Grab unbeschädigt; oft watet man Fusstief
+in Todtenstaub und zwischen Gerippen.
+
+Die vollendetsten Gräber sind in Bel Rhadir; hier finden wir die meisten
+Façaden mit Säulen oder Halbsäulen geschmückt. Ein Grabmal auch in den
+lebendigen Fels getrieben, und zwischen dem Apolloquell und dem grossen
+Theater gelegen, dürfte vielleicht das Grab des Battus gewesen sein; ein
+Marokkaner, welcher darin seine Wohnung genommen hatte, erlaubte uns
+leider den Zutritt nicht. Ganz recht hat Barth, wenn er sagt, es giebt
+auch auf Speculation gebaute Grabkammern, die vielleicht noch gar nicht
+benutzt wurden. In der That findet man an der Nordseite der Berge ganze
+Reihen solcher uniformen Gräber, inwendig vollkommen leer, ohne Deckel und
+meist Raum für je 6 Gräber habend, zwei hintereinander und drei
+übereinander. Die Form der Sarkophage ist eben so wechselvoll; vom
+einfachsten, wie man sie zu Tausenden an jedem zur Stadt führenden Wege
+findet, bis zum kunstvollsten, oft tempelartig ausgearbeiteten. Die Sitte
+des Verbrennens scheint nie in Cyrene geherrscht zu haben; wenigstens
+bemerkten wir nirgends Nischen zum Aufbewahren von Urnen; ebenso scheinen
+Särge aus Thon nicht benutzt worden zu sein; auch Grabaltäre hat man in
+Cyrene nicht gefunden, mit Ausnahme in der Knissieh, wo auch noch zwei
+hübsch verzierte Statuen liegen.
+
+Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes waren die Eingebornen recht
+freundlich gegen uns; sie brachten uns Ziegen, Honig, Milch und Butter zum
+Verkauf, und obgleich auch hier der photographische Apparat mit sehr
+misstrauischen Augen betrachtet wurde, störten sie uns doch nie bei
+unseren Arbeiten. Selbst Sidi Mustafa der Eukadem der Sauya der Snussi,
+welche ihre Gebäude seitwärts, dicht bei der Apolloquelle, erbaut haben,
+bot uns seine Dienste an; sich uns selbst zu zeigen, hielt er sich aber zu
+heilig, und wir hatten auch keine Veranlassung, seine Nähe zu suchen. Das
+Wetter aber war während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes in der Stadt
+und Necropolis entsetzlich: kein Tag ohne Regen und Sturm, und des Morgens
+vor Sonnenaufgang so kalt, dass der Thermometer meist unter Null war. So
+mussten wir denn die Augenblicke zum Photographiren förmlich abstehlen,
+und oft wenn wir durch bodenlose Wege und über glatte Abhänge ans Ziel
+gekommen waren, nöthigte uns das Wetter zur schleunigsten Heimkehr ins
+Grab, wo ein loderndes Feuer unsere kalten Gliedmassen erwärmte. Trotzdem
+konnten wir von dieser berühmten Stadt über zwanzig Ansichten ermöglichen,
+welche dem, welcher mit den Schwierigkeiten, im Freien zu photographiren,
+und als Dunkelkammer nur ein wackliches Zelt zur Disposition zu haben,
+vertraut ist, gewiss genügend sein werden[24]. Leider gingen einige
+Glasplatten verloren.
+
+Unsere Absicht von hier aus Apollonia zu besuchen, konnten wir des
+entsetzlichen Wetters wegen nicht ausführen, obgleich jener Ort nur circa
+4 Stunden von Cyrene entfernt ist. Die steilen Bergabhänge waren aber
+durch den anhaltenden Winterregen für Kameele ganz unzugänglich geworden.
+Aus gleichem Grunde mussten wir auch verzichten, nach dem etwas
+entfernteren Derna zu gehen; unser einziger offner Weg war aber der auf
+der Hochebene, rückwärts nach Bengasi. Ehe wir jedoch diese Reise
+antreten, werfen wir einen Gesammtüberblick über Cyrenaica.
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+
+[1] Präfect von Paris.
+
+[2] General Faidherbe ist Ehrenmitglied fast aller geographischen
+Gesellschaften, auch unserer Berliner.
+
+[3] Ein Sohn des von Bengasi nach Aegypten geflüchteten Sohnes Jussuf
+Caramanli, der wie wir früher gesehen, revoltirt hatte.
+
+[4] Dass in einer vom eigentlichen Tripolitanien so weit entfernten
+Provinz Alexandrine Tinne ermordet werden konnte, ist nicht im Stande die
+gute Mannszucht im eigentlichen Tripolitanien als schlecht darzustellen.
+In Europa kommen auch Raubmorde vor und die Tinne zu ermorden war für
+diese Halbbarbaren gewiss verlockender, als die Familie Klink, die durch
+Traupmann ein Ende fand.
+
+[5] Die Mschia, welche circa 8000 Gärten mit 3000 Brunnen hat, ist, wie
+schon bemerkt, ganz Abgaben frei, dahingegen muss jeder Brunnen oder
+Garten einen Krieger, im Falle der Muschir ihrer bedarf, stellen.
+
+[6] Ein Franzose, Mr. Robert, hatte zur Zeit Abd el Djelil's von den
+Arabern die Erlaubniss bekommen, den Schwefel ausbeuten zu dürfen, zu dem
+Zwecke hatte sich schon eine Gesellschaft in Marseille gebildet. Als man
+aber anfangen wollte, hatte Abd el Djelil seinen Tod gefunden und so
+unterblieb die Ausbeutung. Im Jahre 1846 hatte sich aber eine andere
+gegründet, mit der ersten vereinigt, welche den Titel hatte Compagnie
+Anglo-Française pour l'exploitation des mines de soufre d'Afrique, aber
+nun wollte die Pforte die Ausbeutung nicht gestatten, musste der
+Gesellschaft indess eine Abfindungssumme von 350,000 Francs zahlen im
+selben Jahre.
+
+[7] Klöden hat die sehr hohe Zahl 1,500,000 Einwohner.
+
+[8] Mkaddem, Vorsteher, Verwalter.
+
+[9] Ganz Tuat ist Thaibisch und selbst in Timbuctu ist ein Filialsauya des
+Thaib.
+
+[10] Mit Ausnahme der Buabin von Bab er Lab in Persien gestiftet, welche
+offen auf eine Vereinigung mit der christlich semitischen Religion
+streben; in Algerien besteht ausserdem die tolerante Brüderschaft der
+Tedjadjna, v. Duveyrier, les touareg etc. und noch viele andere.
+
+[11] Ritter: 25,000 Ew., Barth: 13-14,000 Ew., Mircher: 15-18,000 Ew.,
+Vatonne: 30,000 Ew. (mit der Mschia), Hoffmann: 30-35,000 Ew., Testa:
+10,000 Ew., Klöden: 10,000 Ew., Maltzan: 15-18,000 Ew.
+
+[12] Die Pforte verleiht dem Patriarch von Jerusalem das Recht, unter
+seiner Flagge, welche weiss ist, durch ein rothes Kreuz geviertelt und in
+den vier weissen Feldern wieder je ein rothes Kreuz hat, Schiffspatente zu
+verkaufen; dies wird häufig von katholischen Rhedern benutzt, und der
+Jerusalemer Pavillon ist auf dem mittelländischen Meere von allen Mächten,
+auch von der Pforte, als neutral respectirt.
+
+[13] In Tripolis und dem Rharb sagt man [arabisch: kudas] kudas für Glocke,
+eigentlich heisst das aber Messe und Glocke [arabisch: el djars] el djars.
+
+[14] Siehe Barths Wanderungen.
+
+[15] Siehe Mission de Rhadames.
+
+[16] Barths Wanderungen.
+
+[17] Die letzte auf Regierungskosten ausgerüstete Entdeckungsreise war die
+nach Aegypten, abgerechnet die von Minutoli und Ehrenberg u.a. nach der
+Jupiter Ammons-Oase und Cyrenaica. Bekanntlich wurde nur die Ammons-Oase
+erreicht.
+
+[18] Nec procul ante oppidum fluvius Lethon, lucus sacer, ubi Hesperidum
+horti memorantur. Nat. hist. V. c. 5.
+
+[19] Dapper nennt den Lethe des Ptolemäus Milel-Fluss.
+
+[20] Barth 3500 Schritt, della Cella 2 M.
+
+[21] Siehe Gottschick. Geschichte der Gründung und Blüthe des hellenischen
+Staates in Cyrenaica. Leipzig, Teubner 1858.
+
+[22] Die Inschrift bezieht sich auf Archippe aus der Ptolemäischen
+Dynastie:
+
+ [griechisch: ARCHIPPANPTOLEMAIOU
+ EUINIERITEUOUSANPTOLE]
+
+[23] Unter anderen fanden Smith und Porcher eine männliche Statue,
+wahrscheinlich Hadrian, dann einen Minervakopf, den Kopf des ersten
+römischen Proprätors Gnaeus Corn. Lentulus Marcellinus, einen
+Bronce-Portrait-Kopf, kleinere Broncegegenstände und Lampen von
+Terracotta. Von den kleinen Broncefiguren eine Figur von Jupiter Ammon und
+eine Gruppe, die Cyrene, wie sie einen Löwen erdrosselt, darstellend.
+
+[24] Der Photograph E. Salingré aus Berlin, hat die Photographien in gross
+Quartformat, 40 an der Zahl abgezogen, und dieselben sind käuflich bei ihm
+zu haben.
+
+
+
+
+[Transkriptionsnotiz: Die folgenden Druckfehler der Originalvorlage
+wurden in diesem Etext korrigiert:
+
+Seite 42: "zn" korrigiert zu "zu"
+Seite 110: "übererall" korrigiert zu "überall"
+Seite 120: "hei" korrigiert zu "bei"]
+
+
+
+
+
+
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+Gerhard Rohlfs
+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+*** END: FULL LICENSE ***
+
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@@ -0,0 +1,6222 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Von Tripolis nach Alexandrien, Erster Band</title>
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+/* leave room for page numbers */
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+
+/* headings */
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+
+/* the default blue of usual browsers should suffice. Underlined footnotes simply lack beauty. */
+a { text-decoration: none; }
+
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+ hr.front are inserted (esp. in front matter) by the transcriber at page breaks
+ where appropriate, i.e. where the page breaks (or even blank pages) are significant. */
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+
+/* For footnotes */
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+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band, by
+Gerhard Rohlfs
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band
+
+Author: Gerhard Rohlfs
+
+Release Date: January 24, 2006 [EBook #17599]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH ***
+
+
+
+
+Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net (This file was produced from images
+generously made available by the Bibliothèque nationale
+de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<h1>Von<br/>
+<big>Tripolis</big> nach <big>Alexandrien</big>.</h1>
+
+<p class="front"><big>Beschreibung</big><br/>
+der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen<br/>
+in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise</p>
+
+<p class="front">von</p>
+
+<p class="front"><b>Gerhard Rohlfs.</b></p>
+
+
+<p class="front">Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithographien<br/>
+und vier Tabellen.</p>
+
+<p class="front"><b>Erster Band.</b></p>
+
+<p class="front">Bremen, 1871</p>
+
+<hr class="front"/>
+
+<div class="figure">
+<p><a href="images/widder.jpg"><img height="312px" src="images/widder_tn.jpg" alt="[Illustration: Marmor-Widder Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.]" /></a></p>
+<p><big>Marmor-Widder</big><br/>
+Gefunden in der Oase des<i> Jupiter Ammon</i> 1869.</p>
+</div>
+
+<hr class="front"/>
+
+<p class="front">Seiner Majestät</p>
+
+<p class="front"><big>Dem Kaiser Wilhelm von Deutschland</big><br/>
+<b>König von Preussen</b> etc. etc.<br/>
+mit Allerhöchster Bewilligung</p>
+
+<p class="front">in tiefster Ehrfurcht</p>
+
+<p class="front">gewidmet</p>
+
+<p class="front">vom</p>
+
+<p class="front"><b>Verfasser.</b></p>
+
+
+<hr class="front"/>
+
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+
+<p>Seit dem Herbste 1868, in welchem die Reise nach
+Tripolitanien auf Befehl des Königs von Preussen unternommen
+wurde, welche Ereignisse sind da an uns vorüber
+gegangen!</p>
+
+<p>Der König von Preussen ist Kaiser von Deutschland
+geworden; und wenn schon in den letzten Jahren
+die Deutschen im Auslande nicht mehr wie Schutzlose
+oder als nicht ebenbürtig und gleich berechtigt den
+übrigen Nationen gegenüberstanden, um wie viel mehr
+wird jetzt &#8222;Kaiser und Reich&#8220;, selbst in den &#8222;weitesten
+Fernen&#8220; die Deutschen beschirmen.</p>
+
+<p>Und inmitten dieser gewaltigen Begebenheiten ist
+auch schon die Nachricht vom günstigen Resultate der
+Expedition nach Tripolitanien und nach dem Inneren
+von Afrika angelangt: Dr. Nachtigal erreichte mit den
+Geschenken glücklich die Hauptstadt von Bornu, Kuka,
+und wurde, wie zu erwarten stand, auf's Zuvorkommendste
+vom Sultan Omar empfangen.</p>
+
+<p>Das vorliegende Buch, Ergebniss der Reise nach
+Tripolis, und der von hier aus unternommenen Reise
+nach Cyrenaica und der Oase des Jupiter Ammon, sollte
+ursprünglich Mitte 1870 dem Publicum vorgelegt werden.
+Die Kriegsereignisse brachten eine Verzögerung der Herausgabe
+hervor. Möge diesem Werke dieselbe günstige
+Aufnahme und nachsichtige Beurtheilung von Seiten des
+Publicums zu Theil werden wie den früheren Arbeiten
+des Verfassers.</p>
+
+<p>Gestattet sei mir hier, der Verlagshandlung für die
+schöne Ausstattung des Buches meinen Dank auszusprechen,
+namentlich dafür, dass dieselbe nicht gescheut
+hat, ohne den Preis desselben wesentlich zu erhöhen, die
+musterhaften Karten von Kiepert, sowie die von G.
+Hunckel ausgeführten Chromolithographien beizufügen.
+Leider konnten die zahlreichen Photographien, die der
+Reisende in Cyrenaica aufnehmen liess, nicht eingeschaltet
+werden, da der Preis des Buches sich dadurch verfünffacht
+haben würde.</p>
+
+<p><i>Weimar</i>, im Januar 1871.</p>
+
+<p>Gerhard Rohlfs</p>
+
+<hr class="front"/>
+
+<h2>Inhalts-Verzeichniss.</h2>
+
+<ul class="TOC">
+<li><a href="#page-1">Philippeville, Bone und Tunis</a></li>
+<li><a href="#page-26">Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis</a></li>
+<li><a href="#page-54">Tripolitanien</a></li>
+<li><a href="#page-79">Tripolis</a></li>
+<li><a href="#page-97">Leptis magna</a></li>
+<li><a href="#page-113">Bengasi</a></li>
+<li><a href="#page-136">Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluss</a></li>
+<li><a href="#page-145">Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene</a></li>
+<li><a href="#page-177">Cyrene</a></li>
+</ul>
+
+<hr class="front"/>
+
+<h2><a id="page-1"></a><span class="pgnum">1</span>Philippeville, Bone und Tunis.</h2>
+
+
+<p>Es war im Herbste des Jahres 1868, als ich von der
+preussischen Regierung den Auftrag bekam, die Geschenke,
+welche der König für den Sultan von Bornu
+bestimmt hatte, nach Tripolis zu übermitteln, um sie
+von dort aus mittelst eigener Karavane ins Innere zu
+befördern. Die mit den letzten Entdeckungsreisen im
+Innern von Afrika Vertrauten werden sich erinnern, dass
+König Wilhelm, in Anerkennung der grossen Dienste,
+welche Sultan Omar von Bornu gegen deutsche Reisende
+geleistet, beschlossen hatte, diesem dadurch seine Dankbarkeit
+zu bezeigen, dass er demselben eine Reihe passender
+Geschenke übermachte. Sultan Omar hatte von
+der englischen Regierung aus ähnlichem Anlass auch
+früher schon Geschenke bekommen.</p>
+
+<p>Die preussischen bestanden in einem in Berlin gearbeiteten
+Thron, Zündnadelgewehren, Doppelfernglas,
+Chronometer, Uhren, Bildern der königlichen Familie,
+und dazu sollten noch in Tripolis durch Consul Rossi
+angeschaffte Sachen kommen, als Rosenessenz, ächte Corallen,
+<a id="page-2"></a><span class="pgnum">2</span>Seiden-, Tuch- und Sammetstoffe. Die von Berlin
+aus abgegangenen Sachen sollte ich in Marseille empfangen.</p>
+
+<p>Mein Weg führte mich daher über Frankreich, wo
+ich namentlich meine Ausrüstung zu machen hatte, denn
+nicht nur hatte ich von Tripolis aus den Abgang der
+Geschenke einzuleiten, sondern auch die Erlaubniss und
+Mittel zu einer Reise durch Cyrenaica und die Jupiter-Ammons-Oase
+erhalten.</p>
+
+<p>Keine Stadt am mittelländischen Meer nimmt einen
+so raschen Aufschwung wie Marseille, besonders hervorgerufen
+durch den Handel mit der gegenüberliegenden
+Colonie. Und was würde Marseille sein, befände sich
+die Colonie in einem blühenden Zustande, hätten die
+Franzosen von Anbeginn der Eroberung den Grundsatz
+befolgt: die Araber, vielleicht die Berber, in die Wüste
+zu drängen, wohin sie gehören, und so ein freies Terrain
+für europäische Cultur und Gesittung geschaffen! Unter
+diesen Umständen würde Algerien statt jetzt einige hunderttausend
+Europäer, einige Millionen haben. Aber die
+falschen Grundsätze von Philanthropie, die civilisatorischen
+Ideen solcher Leute, welche auf die fanatischen Eingebornen
+dieselben Regeln anwenden wollten, welche man
+auf durch Jahrhunderte hindurch gereifte Völker anwendet,
+haben dies alles verhindert.</p>
+
+<p>Ich will damit nicht sagen, dass die Araber sich
+nicht civilisiren liessen; sie haben sicher dieselben Anlagen,
+<a id="page-3"></a><span class="pgnum">3</span>Fähigkeiten, Gefühle, wie wir; aber sie wollen
+keine Civilisation, ihre Religion erlaubt es nicht. Und
+eben deshalb werden sie verschwinden, denn die Civilisation
+lässt sich nun einmal nicht aufhalten, und die Völker,
+welche nicht mit fort wollen, werden absorbirt oder
+vernichtet werden. So sehen wir denn auch unaufhaltsam
+den Islam seinem Ende entgegen gehen, sowohl Araber
+als Türken können sich gegen das Christenthum nicht
+halten; ohne dass diesen Völkern ein Zwang angethan
+wird, gehen sie ihrem Untergange entgegen. Und selbst
+in der christlichen Religion sehen wir bei den Völkern,
+welche durch die Religion gefesselt sind, ein geistiges
+Verkommen, einen Rückschritt; der Franzose sieht und
+constatirt mit Bangen keine Zunahme der Bevölkerung,
+und in Spanien, in Italien, wie sieht es da aus!</p>
+
+<p>Dem Islam gegenüber ist aber selbst die katholische
+Religion Fortschritt, deshalb wird auch das mohammedanische
+Element über kurz oder lang dem Christenthum
+in Algerien unterliegen, so sehr sich die französische
+Regierung auch Mühe giebt, die Araber zu civilisiren,
+zu pflegen, zu begünstigen und auf Kosten der Europäer
+zu bevorzugen.</p>
+
+<p>Wir fanden in Marseille alles in bester Ordnung,
+und wie immer die liebenswürdigste und zuvorkommendste
+Aufnahme bei unserm deutschen Consul, Hrn. Schnell.</p>
+
+<p>Wie wenig übrigens sonst von den Marseillern auf
+deutsche Sitte und Sprache gegeben wird, geht daraus
+<a id="page-4"></a><span class="pgnum">4</span>hervor, dass nicht ein einziges deutsches Journal im
+ersten Club der Stadt, dem Cercle des Phocéens, vorhanden
+war, von den englischen war nur die Times vorhanden.
+Die eigentlichen Marseiller sind eben nur Krämer,
+keine Kaufleute; der Grosshandel ist einzig in den
+Händen eingewanderter Franzosen oder Schweizer.</p>
+
+<p>Aber grossartig ist die Stadt und hat in Hrn. Maupas,
+dem vorletzten Präfecten, einen wahren Haussmann<a href="#FN-1" id="FNA-1"><sup>1</sup></a> gehabt.
+Die Präfectur, die neue Börse, das kaiserliche Palais,
+das bischöfliche Schloss, ohne viele andere Gebäude
+zu nennen, sind alle Prachtbauten, und die neuen Stadttheile,
+die Faubourgs mit den beiden grossartigen Häfen
+Port Napoléon und Joliette machen Marseille zu einer
+der glänzendsten Städte des Mittelmeeres.</p>
+
+<p>Und auch die Umgebung hat merkwürdige Veränderungen
+erlitten. Früher von kahlen Kalkfelsen bordirt,
+welche die Meeresufer pittoresk, aber nicht schön machten,
+hat man durch sorgfältige Bewässerungen und Auftragen
+von Humus grüne, mit Pinien und anderen Bäumen
+geschmückte Hügel geschaffen, und der Prado von Marseille
+ist einer der schönsten der Welt. Wer nach Marseille
+kommt, versäume ja nicht, nach der sogenannten
+Reserve zu gehen, auf dem Wege nach Toulon längs
+dem Meere gelegen; eine Restauration, im grossartigsten
+Verhältnisse aufgeführt, von der aus man die prachtvollste
+<a id="page-5"></a><span class="pgnum">5</span>Aussicht auf Stadt, Meer und die vorliegenden
+Inseln hat.</p>
+
+<p>Doch alle diese Einzelheiten sind in den Reisebüchern
+zu finden, und ich für meinen Theil hatte Marseille schon
+so oft gesehen, vom Anfange seines neuen Daseins an
+(da wo die prächtigen Häuser unterhalb des bischöflichen
+Palais sich hinziehen, hatte ich vor Jahren gebadet), dass
+ich gar keine Lust verspürte, den Aufenthalt unnöthig
+zu verlängern.</p>
+
+<p>Es war mir deshalb sehr erwünscht, dass Consul
+Schnell sich bereitwilligst erbot, meine sämmtlichen Kisten
+nach Malta spediren zu wollen; auf diese Art wurde es
+möglich, dass ich gleich am folgenden Tage Passage an
+Bord des nach Tunis fahrenden Dampfers nehmen konnte,
+um so auf diesem Umwege Malta zu erreichen. Der
+directe Dampfer sollte erst am 27. November und mit
+ihm mein Gepäck abgehen, wir gingen Nachmittags desselben
+Monats am 20. an Bord. Unser Schiff, Cayd genannt,
+war kein der Messagerie gehörender Dampfer,
+sondern ein von dieser Gesellschaft gemiethetes Boot,
+welches der Compagnie der Navigation mixte zugehörte.
+Klein und mangelhaft eingerichtet, war das Schiff bis
+Philippeville mit Passagieren aller Classen überfüllt, und
+selbst die erste Classe hatte ein knotiges Aussehen. Mit
+Ausnahme eines Engländers, der wie ich nach Tunis
+wollte und ein sehr gebildeter und feiner Gentleman war,
+bestand die ganze Zahl der Passagiere aus Franzosen.
+<a id="page-6"></a><span class="pgnum">6</span>Die zweite Classe war theils mit französischen Officieren,
+theils mit Kaufleuten besetzt; das Verdeck war überfüllt
+mit Soldaten aller in Algerien üblichen Truppen, mit
+leichten Frauenzimmern, welche das Mutterland einer
+Colonie sandte, und einigen arabischen Pilgern, welche
+von Mekka kamen.</p>
+
+<p>Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange Zeit,
+und das Wetter war andauernd günstig; schon am Sonntag
+Morgens, den 22. Novbr., waren die Berge Afrika's
+in Sicht, und um 2 Uhr lagen wir vor Stora, dem kleinen
+Hafenorte von Philippeville. Stora ist für Philippeville
+derselbe Platz, der Mers el Kebir für Oran ist, auch
+die topographische Lage ist fast dieselbe. Aber sowohl
+an Wichtigkeit im Verkehr als an Schönheit übertreffen
+die beiden Orte der Provinz Oran um ein bedeutendes
+die der Provinz Constantine. Die Ausschiffung ging
+rasch von Statten, da Barken genug vorhanden waren,
+und die Araber doch unter französischer Herrschaft
+schon ein gutes Theil jener Zudringlichkeit und Unverschämtheit
+verloren haben, welche sie da ausgezeichnet,
+wo sie unter eigener oder türkischer Herrschaft
+stehen. Aber nun, wo unser Schiff ruhig auf den glatten
+Wellen lag, merkte ich, dass es noch eine berühmte und
+glänzende Schönheit beherbergt hatte, die Marquise von
+G..., eine der ersten Schönheiten am Hofe Napoleons III.
+und Ehrendame seiner kaiserl. Gemahlin. Diejenigen,
+welche mit dem Hofe Napoleons vertraut sind, werden
+<a id="page-7"></a><span class="pgnum">7</span>leicht errathen können, wer diese hervorragende Schönheit
+ist, welche hier von ihrem Gemahl, dem Obersten
+des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, empfangen
+wurde. Wir liessen uns alle direct nach Philippeville
+rudern, und die meisten von uns stiegen im Hôtel d'Orient
+ab; das heisst, ich schreibe Hôtel, man denke &#8222;Kneipe&#8220;.
+In der That merkwürdig genug, wie gleich beim Betreten
+der Provinz Constantine die angenehme Erinnerung der
+so sehr guten Hôtels in Algier und Oran zu nichte wird.
+Gerade das Hôtel d'Orient der Stadt Algier selbst kann
+mit den grössten Hôtels der grössten Städte wetteifern,
+und hier? Ein Zimmer, dessen Wände nur hell getüncht
+waren, schmutzige Wäsche, das primitivste Ameublement.
+Wie wird sich die Marquise von G..., die so eben aus
+den glänzendsten Salons von Compiègne kommt, hier zurecht
+finden, dachte ich, und doch waren ihre Zimmer,
+welche sie mit ihrem Manne innehatte, wohl nicht besser
+als das meinige. Doch wozu braucht man Zimmer in
+einem Lande, wo ewig Frühlingslüfte wehen! Riefs und
+ging hinaus auf den Platz, wo die Miliz-Musik gerade
+eine Pièce aus der Afrikanerin spielte. Darüber kam der
+Abend heran und denselben verbrachten wir, d.h. der
+Engländer Herr B. vom Foreign Office und ich, gemeinschaftlich.
+Wir hatten viele Anknüpfungspunkte zusammen,
+abgesehen davon, dass er, wie jeder Engländer,
+sehr deutsch gesinnt war, kannte er fast alle meine Bekannten
+in London und ich die seinigen in Berlin, er
+<a id="page-8"></a><span class="pgnum">8</span>war bei der letzten Reise der Königin nach Berlin in
+deren Gefolge gewesen. Wir durchliefen die verschiedenen
+Cafés, die Strassen und waren Abends einen Augenblick
+im Theater, wo zum Besten der Armen ein Ball gegeben
+wurde. Herr B. war ein ganz angenehmer Gesellschafter,
+sprach auch gut deutsch und französisch, jedoch konnte
+er es nie lassen, den Engländer herauszubeissen, wenn's
+an's Bezahlen ging; dann drang er den Leuten immer
+mit Gewalt die doppelte Summe auf, so dass Manche
+ihn sicher für verrückt hielten.</p>
+
+<p>Wir weilten noch einen andern Tag in Philippeville;
+ich verbrachte ihn damit, die sehr merkwürdigen Alterthümer
+der Stadt zu besehen. Zum Theil bestehen dieselben
+aus grossartigen Cisternen, auf den Anhöhen,
+welche zu beiden Seiten die Stadt flankiren, gelegen. Es
+scheint, dass Philippeville unter der Römerherrschaft ausschliesslich
+sein Wasser das ganze Jahr hindurch aus
+Cisternen bezog, und selbst heute, wo die Franzosen den
+Ort durch eine Wasserleitung versorgt haben, wird noch
+ein grosser Theil der Stadt aus den antiken renovirten
+Wasserbehältern gespeist. Und noch alle Tage entdeckt
+man neue Reservoirs. So hat man ganz kürzlich noch
+hinter der Commandantur eine der grossartigsten alten
+Cisternen, vollkommen gut erhalten, blosgelegt; niemand
+hatte eine Ahnung davon seit den mehr als 30 Jahren,
+dass die Franzosen Philippeville besitzen. Die herrlichsten
+Bauüberreste von Philippeville finden sich da, wo
+<a id="page-9"></a><span class="pgnum">9</span>heute das College hingebaut ist, und hier hat man auch
+das archäologische Museum eingerichtet. Ein Theater,
+halbzirkelförmig, wie ein ähnliches, aber viel kleiner, in
+Verona vorhanden ist, beherbergt jetzt eine Menge werthvoller
+Statuen, Sarkophage und Grabsteine, welche mit
+den zahlreichen, oft gut erhaltenen Inschriften dem Forscher
+ein ganzes Blatt aus der Geschichte vorlegen. Eine
+fast vollkommen erhaltene Statue eines römischen Imperators
+fesselte vor allem unsere Aufmerksamkeit. Herr
+Roger, der gelehrte Vorsteher des Museums, glaubt in
+derselben einen Hadrian zu sehen, Andere haben einen
+Caracalla darin erkennen wollen. Ich denke, dass der
+Grund des Herrn Roger, ein Vater-, Bruder- und Menschenmörder
+könne unmöglich eine so &#8222;ausgezeichnete,
+intelligente und gute Physiognomie gehabt haben,&#8220; nicht
+stichhaltig ist. Die Geschichte zeigt, dass sehr häufig
+die körperlich bestgeformten Menschen die grössten Scheusale
+waren. Viel richtiger ist indess Herrn Rogers Behauptung,
+eine grosse Aehnlichkeit in den Gesichtszügen
+der Statue mit den dem Hadrian gewidmeten Münzen
+gefunden zu haben. Es sind noch mehrere andere Marmorstatuen
+aufgestellt, von denen es jedoch noch unsicherer
+ist, was sie vorstellen sollen. Ein einfacher
+Marmorsarkophag wurde, vollkommen gut erhalten, dicht
+bei Philippeville auf dem Wege nach Stora gefunden.
+Das Skelett befindet sich im Museum selbst. Andere
+Sarkophage mit Basreliefs, jedoch ohne Deckel, sind in
+<a id="page-10"></a><span class="pgnum">10</span>grosser Zahl vorhanden. Die Capitäler vom schönsten
+corinthischen Laube lassen schliessen, wie reich das alte
+Rusicade war. Viele dieser Schätze sind aus der Umgegend
+hergebracht, zum grössten Theil jedoch in der
+Stadt selbst gefunden worden.</p>
+
+<p>In der That muss das alte Rusicade, aus seinen
+Ruinen zu schliessen, ein viel bedeutenderer Ort gewesen
+sein, als wir nach den spärlichen Ueberlieferungen der
+Alten glauben sollten. Ptolemäus führt Rusicade nicht
+einmal als Colonie auf, aber durch die Peutinger'schen
+Tafeln erkennen wir die Bedeutung der Stadt aus den
+beigemalten Häuschen. Bei Pomp. Mela und Plinius geschieht
+ihrer Erwähnung. Nach Vibius soll dicht bei
+Rusicade der kleine Fluss Tapsus ins Meer gemündet
+sein, und dies ist offenbar der heutige ued Safsaf. Ihr
+erster Name scheint Thapsa, die Stadt überhaupt phönicischen
+Ursprungs gewesen zu sein. Im Alter war sie
+der Stadt Cirta von derselben Bedeutung, wie sie es
+heute als Hafenort für Constantine ist.</p>
+
+<p>Der Alterthumsforscher findet aber seine eigentlichen
+Kleinodien im Museum selbst, und wenn das Gebäude
+auch schuppenartig aussieht, so birgt es doch manche
+Sachen, um welche es die Museen in London und Berlin
+beneiden würden. Erst auf Antrieb des Prinzen Napoleon
+im Jahre 1850 in's Leben gerufen zu der Epoche, wo
+dieser gelehrte und die Wissenschaften pflegende Prinz
+rein Rundschreiben an die Präfecten von Algerien richtete:
+<a id="page-11"></a><span class="pgnum">11</span>&#8222;d'aviser à la conservation des ruines, vestiges et débris
+de la domination romaine,&#8220; hat in der kurzen Zeit von
+nicht 10 Jahren, unter der sorgfältigen Hand des Herrn
+Roger das archäologische Museum einen raschen und
+blühenden Aufschwung genommen. Aber um ein solches
+Werk zu fördern, gehört auch eben ein Mann dazu, wie
+es Herr Roger ist. Ich hatte das Glück, von ihm selbst,
+der von Stand Architekt und Professor der Zeichnenkunst
+am Collegium in Philippeville ist, im Museum herumgeführt
+zu werden, und konnte mich überzeugen, mit
+welcher väterlichen Sorgfalt er jedes, auch das kleinste
+Object würdigte.</p>
+
+<p>Und nicht nur hatte er seine Aufmerksamkeit auf
+alte römische Ueberreste oder Gegenstände aus der ersten
+Periode des Christenthums gerichtet; da finden wir prachtvolle
+Stalaktiten, Korallen, Krystalle aus der Umgegend
+der Stadt, eine Schädelsammlung, ethnographische Gegenstände
+selbst aus China; ja in letzter Zeit war es Herrn
+Roger gelungen, einen echten Tintoretto, den ein Malteser
+Marketender im Winde aushängen hatte, für's Museum
+zu erstehen, und das zu dem fabelhaft billigen
+Preise von 3 Francs. Es soll unzweifelhaft feststehen,
+dass das Bild von Tintoretto ist, und so würde es jetzt
+einen Werth von einigen Tausend Thalern erlangt haben.</p>
+
+<p>Hauptsächlich reich ist die Sammlung von Lampen,
+einige davon auf dem Boden mit einem Kreuze versehen,
+ein Zeichen, dass sie der christlichen Zeitrechnung angehören;
+<a id="page-12"></a><span class="pgnum">12</span>Thränenvasen, Amphoren, Aschenvasen sind in
+reichhaltigster Auswahl vorhanden, und täglich werden
+noch neue gefunden.</p>
+
+<p>Ueberhaupt sind alle Haushaltungsgegenstände vorhanden,
+Schmucksachen, Küchengeschirr etc. Dass die
+Münzen nicht fehlen, versteht sich von selbst, und besonders
+ist es der Meeresstrand, der nach heftigen Stürmen
+oft eine reiche Ernte giebt für's Museum. Die meisten
+Münzen sind von Hadrian, dann von Antonin dem
+Frommen, Faustin, Maxentius, Constantin dem Grossen,
+Constantin dem Jüngern, Marcus Aurelius, Claudius II,
+Trajan, Vespasian, Alexander Severus und einzelne von
+allen Imperatoren. Sehr zahlreich sind die numidischen
+Münzen, alle daran kenntlich, dass sie auf einer Seite
+ein laufendes Pferd zeigen, meist nach links gerichtet.</p>
+
+<p>Nachmittags besahen wir die Umgegend von Philippeville,
+welche überall einen lachenden Garten bildet, und
+selbst zur Winterzeit hatte der warme Regen in wenigen
+Tagen eine so üppige Vegetation hervorgerufen, dass
+der Frühling wirklich vor den Thoren zu sein schien. Die
+Bäume sind meistens Oliven, Korkeichen und Lentisken,
+und vom kleinerem Gebüsch findet man die Zwergpalme
+und Aloe; Zahlreiche kleine Dörfer umgeben die Stadt,
+es scheint aber keines in besonders blühendem Zustande
+zu sein; wenigstens sehen die, welche wir besuchten,
+nur kläglich aus. Will man von der einheimischen Bevölkerung
+sprechen, so fällt einem fast die Feder aus
+<a id="page-13"></a><span class="pgnum">13</span>der Hand; die schreckliche Hungersnoth, welche so eben
+die Araber decimirt hat und jetzt freilich zu Ende ist,
+sprach noch aus den Augen fast jedes Individuums. Zerlumpt,
+schmutzig, der Körper nur aus Haut und Knochen
+bestehend, schleichen sie wie Phantome umher. Aber sie
+haben schon Alles vergessen und nichts gelernt, eine
+nächste Missernte wird ihnen ein gleiches Schicksal bereiten.
+Am Hafen lungerten immer Hunderte dieser
+halbnackten Kerle herum, und blickten mit stolzer Verachtung
+auf die arbeitenden Christen, ohne indess zu
+stolz zu sein, einem Fremden gleich die bettelnde Hand
+entgegenzustrecken.</p>
+
+<p>Hr. B., der Engländer, kehrte noch Nachmittags an
+Bord zurück, das Wirthshaus war ihm zu schlecht, und
+da er seines kranken Zustandes wegen nicht gehen konnte,
+also fast die ganze Zeit auf das Hôtel d'Orient angewiesen
+war, konnte er auch nichts Besseres thun.</p>
+
+<p>Ich selbst blieb mit meinen Leuten noch bis am
+andern Morgen und dann gingen wir zu Fusse nach
+Stora. Der Weg geht immer längs des Meeres und an
+zahlreichen Landhäusern, von hübschen Lustgärten umgeben,
+vorüber und bei jeder Drehung des Weges bietet
+er ein anderes Panorama, dass die vier Kilometer Entfernung
+ganz unbemerkt dahin schwinden.</p>
+
+<p>Stora selbst ist ein kleiner Ort von einigen Häusern,
+und diese sind fast alle Schnapsläden oder Kaffeehäuser,
+aber auch eine Kirche und Schule fehlen nicht, beide
+<a id="page-14"></a><span class="pgnum">14</span>hoch über dem Orte gelegen. Der Ort war auch schon
+in alten Zeiten besiedelt; eine grossartige Cisterne, von
+den Römern erbaut und jetzt renovirt, und eine reizende
+Marmorfontaine, am Meere gelegen und von der Cisterne
+gespeist, bezeugen dies hinlänglich. Noch heute hat die
+Cisterne Wasser genug für den ganzen Ort, und die
+Marmorfontaine strahlt das Wasser noch ebenso aus, wie
+zur Zeit der Römer. Von einem hohen Gewölbe überdacht,
+ein Gewölbe, welches halb in die Felswand gehauen
+und halb aus Ziegeln errichtet ist, aber auch aus
+den Römerzeiten herstammt, verbreitet die Fontaine eine
+so angenehme Kühle, dass ich hier mein Frühstück auftragen
+liess und die Zeit verbrachte, bis ich an Bord
+zurückging.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit kamen die jungen Storenser Mädchen
+mit ihren Wasserkrügen, um sie zu füllen, fast alle
+barfuss und fast alle italienisches Blut, denn die eigentliche
+Volksschichte besteht hier meist aus Maltesern.
+Sah man aus der künstlichen Grotte heraus, so hatte
+man das schönste Bild vor Augen; der ganze herrliche
+Golf, im Hintergrunde Philippeville, die auf den Wellen
+schaukelnden Dampfer, zahlreiche kleine Fischerboote
+mit ihren grossen lateinischen Segeln&#8212;tagelang hätte
+ich in diesem Zauberneste bleiben mögen. Aber die
+Stunde schlug, der alte Bootsmann bemächtigte sich des
+Gepäckes, und wir ruderten wieder auf unsern Caid los.</p>
+
+<p><a id="page-15"></a><span class="pgnum">15</span>Am andern Morgen, der Dampfer war schon gegen
+Mitternacht angekommen, lagen wir auf der Rhede von
+Bone.</p>
+
+<p>Stolz lag die Tochter des alten Ortes Hippo regius
+vor uns. Hatte der heilige Augustin wohl geahnt, dass
+einst nach 1000 Jahren hier wieder das Evangelium gelehrt
+werden würde?</p>
+
+<p>Bone liegt jetzt ganz auf der Stelle des alten Hippo,
+von dem wir wissen, dass es 5 M. nordwestlich von der
+Mündung des Ubus- (Seibouse-) Flusses gelegen war.
+Der Name Bona, der schon im zwölften Jahrhundert erscheint
+und offenbar von <span class="greek">&#7985;&#960;&#960;&#8060;&#957; &#946;&#945;&#963;&#953;&#955;&#953;&#954;&#8057;&#962;</span> gebildet ist,
+hat jetzt sich in das französische Bone verwandelt. Von
+den Tyriern angelegt, ist der Name Hippo phönicischen
+Ursprunges. Zuerst den Carthagern botmässig, wurde
+von den Römern der Ort Massinissa und seinen Nachfolgern
+überlassen, und erhielt zu dieser Epoche den
+Beinamen regius, theils um nun dies Hippo von dem
+nahen Hippo Zaritus zu unterscheiden, theils weil es oft
+Sitz der numidischen Könige selbst war. Als die Römer
+sich später selbst dieses Landes bemächtigten, blieb Hippo
+noch eine bedeutende, indess wenig beachtete Stadt; aber
+die Häuschen der Peutinger'schen Tafel beweisen auch
+hier zur Genüge die Ansehnlichkeit des Ortes.</p>
+
+<p>Der heilige Augustin, der in Tagasta geboren, in
+Carthago erzogen, hier als Bischof wirkte, war es, der
+hauptsächlich die Christen zu jener heldenmüthigen Vertheidigung
+<a id="page-16"></a><span class="pgnum">16</span>gegen den Vandalen Genserich anspornte.
+Sein Gebet, nicht in die Hände der Barbaren zu fallen,
+sollte erfüllt werden: im 3. Monat der Belagerung starb
+er. Hippo Regius wurde dem Boden gleich gemacht; aber
+Augustin, einer der grössten Kirchenväter, würde allein
+das Andenken an Hippo bewahrt haben, wenn nicht in
+der Neuzeit die grossartigen Ruinen, die selbst dem
+Vandalismus nicht erliegen konnten, Zeugniss von der
+einstigen Blüthe dieses Ortes gegeben hätten.</p>
+
+<p>Ich nahm sogleich ein Boot und liess mich ans Land
+setzen, da wir bis Nachmittag Zeit hatten, und die
+Strassen der Stadt durchlaufend, kam ich bald ans andere
+Ende, wo unter einem alten Aquäduct hindurch und
+zwischen lachenden Gärten liegend der Weg zur Pepinière
+führt. Fast jede Stadt Algeriens hat eine Pepinière oder
+Baumpflanzschule. Meist sind dieselben zu vollkommenen
+Jardins d'essai ausgebildet, und haben somit für die
+Colonisation das Gute, dass die Pflanzer sich nicht mit
+unnützen Versuchen abzumühen brauchen. Gedeiht ein
+Baum gut, oder sieht man namentlich nützliche Pflanzen
+im Klima Algeriens anschlagen, so wird das öffentlich
+bekannt gemacht und Sämereien oder Stecklinge zur
+Disposition der Pflanzer gestellt. Es ist dies gewiss ein
+sehr nützliches Unternehmen der Communalbehörden, und
+namentlich der grosse Garten dieser Art von Algier selbst
+hat grosse Verdienste um Einführung früher nicht gekannter
+Pflanzen.</p>
+
+<p><a id="page-17"></a><span class="pgnum">17</span>Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, &#8222;der
+Franzose versteht ganz und gar nicht zu colonisiren&#8220;.
+Der französische Bauer ist, namentlich der aus dem Norden,
+ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung
+wird von den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie
+von uns. Auf den meisten grösseren Farmen wird jetzt
+Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet, und die
+Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch
+Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth.
+Will es trotzdem mit der Colonisation nicht
+recht vorwärts gehen, so liegt das theils an der Militär-Administration,
+theils an der Einrichtung der Bureaux
+arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten
+der Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst
+nach allen Richtungen das Land, und die Hauptörter
+werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander verbunden
+sein.</p>
+
+<p>Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt
+in seinem Innern ein kleines naturhistorisches Museum,
+das indess nichts besonderes aufzuweisen hat. Ein alter
+römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist
+die einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt,
+obschon sonst die Gegend an Ueberresten der
+Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner überreich ist.</p>
+
+<p>Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General
+Faidherbe hier stationirt war, er war es eben, der
+den Sarkophag hieher hatte transportiren lassen. Die
+<a id="page-18"></a><span class="pgnum">18</span>Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um die
+Geographie von Afrika<a href="#FN-2" id="FNA-2"><sup>2</sup></a> verdienten Mannes musste also
+rasch gemacht werden, und ich liess mich auf das Hôtel
+der Subdivision, welche Hr. Faidherbe jetzt commandirte,
+führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie zuvorkommend
+ich vom General empfangen wurde, ich durfte
+ihn natürlich während der Stunden meines Aufenthaltes
+nicht mehr verlassen, und nach dem Frühstück hatte er
+die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der
+Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen,
+oder vielleicht waren es Bäder, an deren oberen
+Partie man dem heiligen Augustin ein hübsches Denkmal
+errichtet hat. General Faidherbe, der lange Zeit am
+Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht,
+dass die Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator,
+ein viel besseres Naturell als die Araber hätten, und für
+Cultur und Civilisation weit empfänglicher als diese seien.
+Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien
+beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse
+über die Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme.
+Herr Faidherbe war so aufmerksam, mich
+bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis
+zum letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend
+und liebenswürdig, das sind Eigenschaften,
+<a id="page-19"></a><span class="pgnum">19</span>welche man nirgends so sehr wie bei den Franzosen
+antrifft.</p>
+
+<p>Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch
+von Statten, schon andern Morgens ankerten wir vor
+der Goletta. Nach einem Augenblick kam der Canzler
+des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang
+zu nehmen; denn um nicht die Unannehmlichkeiten der
+Tuniser Douane durchmachen zu müssen, hatte ich von
+Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen
+gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen
+mit, sondern auf Befehl des Bei von Tunis hatte der
+Admiral des Hafens von Goletta eine Barke zur Disposition
+stellen müssen, um uns an's Land zu rudern.
+Ohne weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren
+vor sich gehen, und die zehn Marine-Soldaten
+brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte hier, dass
+die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei
+ist, während dieser nämlich einen weissen Halbmond und
+Stern im rothen Felde führt, hat der Bei von Tunis im
+rothen Felde eine weisse Kugel, und darin einen rothen
+Halbmond und einen rothen Stern.</p>
+
+<p>Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten,
+und machten da zugleich die Bekanntschaft des englischen
+Generalconsuls, Hrn. Wood, und des französischen Viceconsuls
+von Goletta. In Tunis ist man schon von der
+Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite
+<a id="page-20"></a><span class="pgnum">20</span>verläuft dort bei den höheren Beamten oder bei dem
+Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei uns.</p>
+
+<p>Bei den Türken und namentlich in den türkischen
+Provinzen herrscht aber noch die gute alte Sitte einer
+Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine Wasserpfeife
+fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung,
+die in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des
+Lords Exmouth nach Tunis, und seit dem Ultimatum,
+welches die Grossmächte von Aachen aus am 18. Novbr.
+1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am
+21. Septbr. durch die englischen und französischen Admirale
+Freemantle und Jurien dem Bei notificirt wurde,
+schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab
+nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen
+in der Regentschaft vor sich gehen.</p>
+
+<p>Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen
+Dynastie, Hussein ben Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf
+den Thron kam, eine neue Epoche im Staatsleben der
+Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig
+zu notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel
+Dei geführt, während Hussein ben Ali zuerst den Titel
+Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht vollkommen
+unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem
+einen sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss
+eines jeden andern, die Vollheit der Autorität
+in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der Regenten,
+welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt,
+<a id="page-21"></a><span class="pgnum">21</span>der Sohn eines griechischen Renegaten war) bis auf den
+jetzigen Bei, Namens Sadduk, bei Zwistigkeiten, früher
+mit der Regierung des Deis von Algier, später mit christlichen
+Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention
+angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland
+das tunisische Gouvernement es sich nicht nehmen liess,
+der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht man immer
+doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur
+eine Art spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs
+aber von ihm abhängig sein will.</p>
+
+<p>Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn
+auch gar kein Tribut mehr nach Konstantinopel bezahlt
+worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz ohne
+Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von
+Algerien hat keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste
+von Tunis so sehr unterstützt und befördert wie Frankreich,
+und keine Macht hat dieselben so viel wie möglich
+einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land
+ging dabei von dem Grundsatz aus, dass ein kleines
+unabhängiges Land, noch dazu nächster Nachbar, im
+gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn
+ein gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern
+Staat, und hier zur Pforte, bestände. Und aus eben
+diesem Grunde hat England die Beziehungen von Tunis
+zur Türkei wieder enger zu machen versucht.</p>
+
+<p>Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte,
+zugleich aber auch das Gefährliche einer solchen Lage
+<a id="page-22"></a><span class="pgnum">22</span>Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte in den
+letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam
+die schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht
+beseitigt ist.</p>
+
+<p>Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland
+im Verein mit England und Italien den französischen
+Planen gewachsen ist, ohne dass Tunis genöthigt
+wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu
+werfen. Wenigstens wurden die letzten Anschläge der
+französischen Regierung in Betreff der Schuldforderung
+von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne die kräftige
+Intervention von England, Norddeutschland und Italien
+wäre Tunis heute eine französische Präfectur und zwar
+auf ganz friedlichem Wege geworden. Wenn man aber
+bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das mittelländische
+Meer gelegen ist, und was Frankreich durch
+den Zuwachs einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann
+kann man sicher nicht genug darauf bedacht sein, eine
+Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin zu
+verhindern.</p>
+
+<p>Ob je Tunis seinem Schicksal entgehen wird, einer
+europäischen Macht anheim zu fallen, das bezweifle ich.
+Eigentliche Civilisation ist hier ebenso wenig wie in
+Aegypten und in der Türkei, und es wird von der Nachwelt
+gewiss als eines der grössten Wunder betrachtet
+werden, dass solche Staaten im 19ten Jahrhundert vor
+den Thoren Europa's haben existiren können.</p>
+
+<p><a id="page-23"></a><span class="pgnum">23</span>Staunen wir nicht darüber, wenn wir lesen, dass im
+Jahr 1823 n. Chr. in Tunis es fast zum Bruch mit der
+englischen Regierung gekommen wäre, weil die Juden
+anfingen, sich europäisch zu kleiden und namentlich sich
+des Hutes bedienten, ja im selben Jahre für dasselbe
+Verbrechen, d.h. einen schwarzen Cylinder getragen zu
+haben, zwei Juden in Tunis die Bastonade bekamen und
+nur mit Mühe durch Hrn. Nylsen, dem holländischen
+Consul, welcher derzeit Toscana vertrat, ihre Freilassung
+erlangten. Aber solche Sachen passiren noch alle Tage,
+wenn auch nicht so eclatant und öffentlich.</p>
+
+<p>Zwei Wagen, die Hr. Tulin, schwedischer General-Consul
+und preussischer Agent, herausgeschickt, brachten
+uns in anderthalb Stunden von der Goletta nach Tunis
+selbst. Der Weg war, da es seit Tagen geregnet hatte,
+entsetzlich, und je näher wir der Stadt kamen, desto
+bodenloser wurde er. In der Stadt selbst waren denn
+die Strassen auch ganz ein Schmutzmeer; es war, als
+hätte man sie mit Chocolade einen halben Fuss hoch
+begossen. Eine mohammedanische Stadt kann ich mir
+nun einmal nicht ohne Schmutz denken, und es würde
+mir selbst befremdend vorgekommen sein, wenn dem
+nicht so gewesen wäre; mich amüsirte nur mein Berliner
+Photograph, der fortwährend ausrief, dass es unter den
+Linden doch ganz anders sei. Damit man durch diese
+Schmutzüberschwemmung zu Fuss hindurchkommen kann,
+hat die europäische Colonie in Tunis ein eigenes Schuhwerk
+<a id="page-24"></a><span class="pgnum">24</span>erfinden müssen, hohe Holzschuhe, welche auf noch
+höheren eisernen Ringen ruhen, und die man mit Lederriemen
+unter sein Schuhwerk bindet.</p>
+
+<p>Leider sollte es mir nur vergönnt sein, in Tunis
+eine Nacht zu bleiben, denn die Fahrten der Dampfer
+waren der Art eingerichtet, dass ich ohne einen Verzug
+von zehn Tagen den am folgenden nach Malta abfahrenden
+nicht versäumen durfte. Ich machte indess hier die
+interessante Bekanntschaft des Herrn von Maltzan, welcher
+sich Studien halber für längere Zeit in Tunis
+aufhielt.</p>
+
+<p>Baron von Maltzan, schon seit Jahren an der Nordküste
+von Afrika und in Arabien heimisch, ein poetisches
+Gemüth, was seinen Reisebeschreibungen allerdings einen
+eigenen Reiz verleiht, andererseits aber auch eben der
+poetischen Auffassung wegen Abbruch thut, hat der
+Wissenschaft einen grossen Dienst gethan durch Veröffentlichung
+seines Werkes über Sardinien. Offenbar
+einer der besten Kenner der phönicischen Sprache und
+Alterthümer, hat Niemand in Deutschland so sehr auf
+den Reichthum, den Sardinien in dieser Hinsicht birgt,
+aufmerksam gemacht, wie Maltzan.</p>
+
+<p>Zu gleichem Zwecke hielt er sich in Tunis auf; bot
+doch die Stätte des alten Carthago eine wahre Fundgrube
+für unseren gelehrten Phönicier. Zudem hatte er
+entdeckt, dass der Sohn des Chasnadar ein ganzes Museum
+phönicischer Alterthümer besässe mit kostbaren Inschriften.
+<a id="page-25"></a><span class="pgnum">25</span>Nach vielen Schwierigkeiten gelang es Hrn.
+von Maltzan, Einsicht dieses Museums zu bekommen, aber
+alle seine Bemühungen, Photographieen der interessanten
+und wichtigen Inschriften machen zu dürfen, sind bis
+jetzt gescheitert.</p>
+
+<p>Die Bevölkerung von Tunis machte indess einen ebenso
+peinlichen Eindruck, wie die der algerischen Provinz,
+man sah, dass Cholera und Hungertyphus hier gewüthet
+hatten. Dazu die grösste Insolvenz der Regierung, alle
+Beamten von oben bis unten, das ganze Heer und die
+Marine hatten seit zwei Jahren keinen Lohn erhalten.
+Diese Thatsachen sprechen laut genug, wie es um den
+tunisischen Staat bestellt ist. Möge die Finanzcommission,
+zusammengesetzt aus Norddeutschland, England, Frankreich
+und Italien, von der man jetzt Rettung und baldiges
+Eintreffen erwartet, nicht lange auf sich warten lassen.</p>
+
+<p>Der Rückweg nach Goletta und die Einschiffung
+ging auf dieselbe Weise von Statten, nur dass wir diesmal
+an Bord eines Dampfers kamen, der gerade doppelten
+Tonnengehalt hatte, wie die Germania, welche so eben
+die erste deutsche Nordpolfahrt zurückgelegt hat.</p>
+
+<p>Man kann sich denken, wie wir an Bord dieser Nussschaale
+herumgeworfen wurden, aber wir hatten einen
+englischen Capitän, der Rio-Janeiro, Canton, Danzig,
+Stettin und andere Häfen gesehen hatte, also ein alter
+Seelöwe war; und trotz eines Sturmes, welcher auf dem
+Mittelmeere gar nicht spasshaft ist, kamen wir gut über.</p>
+
+<p><a id="page-26"></a><span class="pgnum">26</span>Aber wie sah es oft in der engen Cajüte aus! Der alte
+Capitain hatte nämlich das Steckenpferd, sich eine ganze
+Menagerie an Bord zu halten, diese bestand aus seiner
+Frau, vielen Hunden, Katzen, Hühnern, Vögeln, Enten
+und anderen Vier- und Zweifüsslern. Das Sonderbarste
+war, dass alle Thiere einen Namen hatten&#8212;da war
+ein Neufundländer Nelson, eine schlaue Katze, die Napoleon
+hiess, andere Thiere Wellington, Blücher, Malborough
+etc.; bitter beklagte indess der alte Capitän,
+dass Bismarck desertirt sei.</p>
+
+<p>Ich konnte Bismarck das nun gar nicht verdenken,
+denn wenn bei einem besonders starken Wellenschlage
+alle diese Thiere mit Bänken und Schüsseln in der Cajüte
+umhertanzten, gehörten mehr als starke Nerven dazu,
+um es auszuhalten. Abends 8 Uhr am 28. November
+warfen wir Anker im Hafen von La Valetta, und waren
+einige Augenblicke später wieder auf europäischem Grund
+und Boden.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Kurzer geschichtlicher Ueberblick von
+Tripolis.</h2>
+
+
+<p>Im freundlichen Imperial-Hôtel in Lavaletta abgestiegen,
+mussten wir nun freilich in Malta längere Zeit
+bleiben, als wir, wenn es nach unserem Wunsche gegangen
+wäre, beabsichtigt hatten; aber mit Malta hat
+<a id="page-27"></a><span class="pgnum">27</span>der regelmässige Verkehr ein Ende, wenigstens wenn
+man nach Tripolis will, und man muss sich den Launen
+der türkischen Dampfschiffs-Eigenthümer, sowie dem
+Wetter fügen.</p>
+
+<p>Indess kann man die Zeit in Lavalletta und Malta
+recht gut hinbringen. Freilich bietet die Stadt für einen
+Nichtmilitair des Interessanten nicht viel. Das Palais
+des Gouverneurs, ehemals das des Grossmeisters der
+Johanniter, die Johanniskirche, einige Palläste der ehemaligen
+Zungen, besonders das castilianische Hôtel, einige
+hübsche Promenaden, zwei Bibliotheken, endlich Oper
+und einige Clubs gewähren wohl für einige Tage dem
+Fremden Unterhaltung, wer aber all dies von früher her
+schon kennt, und ich war nun schon verschiedene Male
+in Lavalletta gewesen, der sehnt sich nach etwas Anderem.
+Dazu kömmt nun noch, dass an keinem Orte von Europa
+die Familien so abgeschlossen und für den Fremden schwer
+zugänglich sind, als in Malta. Längere Zeit unter der
+Herrschaft der Araber, wie ja auch heute noch die Volkssprache
+auf Malta ein arabischer Dialekt ist, halten die
+Familien ihr Haus dem Fremden fast so fest verschlossen,
+wie es der Mohammedaner einem nicht zu seiner
+Sippe Gehörigen thut, und trotzdem ich mehrere Bekannte
+in Lavalletta hatte, war es mir nie gelungen,
+Eingang zu ihren Familien zu bekommen. Natürlich nehme
+ich die dort residirenden Engländer hiervon aus, welche
+<a id="page-28"></a><span class="pgnum">28</span>auch hier wie überall ihre gastlichen Eigenschaften beibehalten
+haben.</p>
+
+<p>Wer nun aber längere Zeit einen gezwungenen Aufenthalt
+auf diesen Inseln haben sollte, der bleibe nicht
+in der Stadt, sondern mache Ausflüge, und ob er diese
+zu Fuss mache, oder mit jenem antiken Einspänner ohne
+Springfedern, er wird seine Spaziertouren nicht bereuen.
+Malta hat die lieblichsten Buchten, viele interessante
+Ruinen aus phönicischer Zeit, von denen ich hier nur
+Hedjer Kim, Mnaidra und die merkwürdige natürliche
+Einsenkung Makluba nenne. Auch Gozzo mit seinem
+ebenfalls aus phönicischer Zeit stammenden Riesenthurm
+ist eines Besuches werth; kurz wenn man nicht seinen
+Aufenthalt auf Lavalletta selbst beschränkt, kann man
+14 Tage recht gut auf Malta hinbringen.</p>
+
+<p>Erst am 11. December war der &#8222;Trabulos Garb&#8220;,
+ein türkischer Dampfer, welcher dem Schich el bled von
+Tripolis gehört, segelfertig. In den Wintermonaten ist
+es gar nicht angenehm und oft sehr gefahrvoll auf dem
+Mittelmeere, und Jeder erinnert sich noch wohl der
+heftigen Stürme, welche gerade in dem Monat auf unserer
+Hemisphäre stattfanden. Zudem kam noch, dass
+&#8222;Trabulos Garb&#8220; so eben erst eine unheilvolle Katastrophe
+erlebt hatte: Von Smyrna abgehend mit für
+Tripolitanien bestimmten Soldaten, sprang der Kessel
+noch ehe der Dampfer den Hafen verlassen hatte. Der
+Maschinist, die Heizer und über 50 Soldaten waren
+<a id="page-29"></a><span class="pgnum">29</span>augenblickliche Opfer, wie viele aber noch später starben
+infolge von Verwundungen, hat man nie erfahren können;
+in dem türkischen Reiche kümmert man sich um
+dergleichen nicht. Andererseits bot jedoch jetzt das
+Dampfschiff eine gewisse Garantie, denn in den Docks
+von Lavalletta mit einem neuen Kessel versehen, durfte
+man annehmen, dass das Schiff nur seetüchtig entlassen
+worden sei. Ueberdies war es das einzige Mittel, um
+nach Tripolis zu kommen, wenn man nicht mit einem
+Segelschiffe, die im Winter jedoch noch weit gefährlicher
+und unsicherer sind, die Fahrt hätte machen wollen.</p>
+
+<p>Die Einpackung und Verladung der vielen Kisten
+hatte unser norddeutscher Consul, Hr. Ferro, schon besorgt,
+und überhaupt während der ganzen Zeit meines
+Aufenthaltes in Malta sowohl als auch später in Tripolis
+nicht aufgehört, auf das Liebenswürdigste sich meiner
+Sache anzunehmen.</p>
+
+<p>Unsere Ueberfahrt nach Tripolis war eine sehr gute,
+schon nach 30 Stunden erreichten wir das afrikanische
+Ufer. Oea mit seinen grossen Palmenwäldern lag vor
+uns, und einen Augenblick später konnten wir schon die
+einzelnen Häuser unterscheiden. Angesichts der Stadt,
+liess ich mit Bewilligung des Capitains unsere norddeutsche
+Flagge am Hauptmaste aufhissen, es war das
+erste Mal, dass sich dieselbe vor Tripolis zeigte; für
+meine vielen Freunde und Bekannten daselbst sollte es
+zugleich ein verabredetes Zeichen sein, dass ich mich
+<a id="page-30"></a><span class="pgnum">30</span>an Bord befände. Und kaum hatte man unsere Flagge
+bemerkt, als sämmtliche Consulatsfahnen an ihren hohen,
+langen Mastbäumen emporstiegen. Nirgends ist wohl
+unsere deutsche Flagge ehrenhafter und freudiger bei
+ihrem ersten Erscheinen begrüsst worden; die Stadt
+hatte ihr sonntäglichstes Aussehen angenommen. Die
+Formalitäten des Passes, der Douane und der Sanitätspolizei
+waren rasch durchgemacht, und kurz nachdem
+wir Anker geschmissen hatten, konnten wir landen.</p>
+
+<p>Die Ankunft des Dampfers, der zugleich die verschiedenen
+Posten aus Europa bringt, ist für eine so
+abgelegene Stadt wie Tripolis immer ein Ereigniss, und
+die ganze Stadt findet sich dann am Quai des Hafens
+versammelt; auf diese Art konnte ich auf Ein Mal fast
+meine sämmtlichen Bekannten begrüssen, fast alle waren
+auf dem Quai versammelt.</p>
+
+<p>Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern
+fuhr gleich nach der Mschia hinaus, wo Consul Rossi mit
+bekannter Liebenswürdigkeit seinen Landsitz zu meiner
+Disposition gestellt hatte. Tripolis hatte einen weiteren
+Schritt in der Civilisation gemacht: es hatte ein Fuhrwerk
+bekommen, eine kleine Malteser &#8222;Kascha&#8220;, welche
+Droschkendienst verrichtete. Früher hatten nur der Pascha
+und einige der Consuln Wagen, jetzt konnte sich jeder,
+wer einige Piaster über hatte, das Vergnügen des Fahrens
+machen, und oft genug sah man elegant gekleidete
+Judendandi's, die noch vor wenigen Jahren baarfuss bei
+<a id="page-31"></a><span class="pgnum">31</span>jedem Moslim vorbeigehen und sich jedwede Schmach
+von einem fanatischen Druisch gefallen lassen mussten,
+die Kascha benutzen, und durch Extrabakschische angefeuert,
+fuhr der Kutscher sie zum Aerger der Rechtgläubigen
+in rasender Geschwindigkeit über den Grossen
+Platz, zwischen Stadt und Mschia.</p>
+
+<p>Unsere Sachen waren auch bald in dem Landhause
+des Herrn Rossi, das recht freundlich und heimisch in
+einem Palmgarten gelegen ist, angekommen; die nach
+Bornu bestimmten Sachen liess ich indess alle in einem
+eigens dazu gemietheten Hause in der Stadt. Beim Auspacken
+fand sich, dass alle unversehrt, mit Ausnahme einer
+grossen Glasglocke übergekommen waren. Die noch fehlenden
+Sachen: Kameele, Seidenstoffe, Corallen etc., wurden
+nun auch gleich eingekauft, da man dergleichen in
+Tripolis besser, und eigens für den Geschmack der innern
+Völker hergerichtet, bekommen kann, als in Europa.
+Ich hatte hier wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie
+die Tripolitaner, seien es Christen oder Juden, es geschickt
+anzufangen wissen, einem Fremden gegenüber
+den Uneigennützigen zu spielen, ohne dabei im Mindesten
+ihren oft beträchtlichen Gewinn aus den Augen zu verlieren.
+Man sollte in der That meinen, wenn man es
+mit diesen Leuten zu thun hat, als ob sie beim Verkauf
+verlören, und trotzdem, wenn sie Fünfzig auf Hundert
+gewinnen, glauben sie schlechte Geschäfte gemacht zu
+haben&#8212;denn sie<i> hätten</i> ja hundert Procent und mehr
+<a id="page-32"></a><span class="pgnum">32</span>gewinnen können. Es ist dies übrigens so natürlich, dass
+ich mich gar nicht darüber wundern sollte: Die Juden
+und Christen leihen den Arabern ihr Geld zu 5 Procent<i> monatlich</i>; 2 Procent oder 1½ Procent<i> monatlich</i>
+zu nehmen, sind seltene Fälle, ein solcher Mann ist
+sicherlich ein Ehrenmann, und wird allgemein wegen
+seiner Uneigennützigkeit gelobt. Die meisten, oder man
+kann fast sagen, alle in Tripolis lebenden Juden und
+Christen haben auf diese Weise ihr Geld verdient, denn
+der eigentliche reelle Handel wirft in Tripolis keinen
+grossen Gewinn ab.</p>
+
+<p>Welch merkwürdige Schicksale hat aber diese Stadt
+erlebt und welche Zukunft steht ihr noch bevor, wenn
+sie einst wie Algerien in die Hände einer aufgeklärteren
+Regierung kommen sollte. War nicht das alte Tripolis
+jener Dreistädteverein Leptis magna, Oea und Sabratha,
+einst eine der blühendsten und reichsten Colonien am
+Nordgestade Afrika's? Ohne hier einen Abriss der Geschichte
+der Stadt geben zu wollen, welche sich auch gar
+nicht, was die alte Zeit anbetrifft, von der Geschichte aller
+Städte und Colonien Nordafrika's trennen lässt, werden
+gewiss meine Leser gern einen Blick in die Vergangenheit
+thun, um zu sehen, unter welchen Verhältnissen
+Tripolis das geworden, was es jetzt ist.</p>
+
+<p>Im heutigen Tripolitanien hausten im Alterthume
+nach Herodot die Nasomonen, welche um die grosse
+Syrte nomadisirten und uns als verwegene und gefährliche
+<a id="page-33"></a><span class="pgnum">33</span>Seeräuber geschildert werden. Unter Augustus bekriegt,
+verschwinden sie von der Seeküste und statt ihrer führt
+Ptolemäus die Makakutae und die höhlenbewohnenden
+Lesaniki an, die Nasomonen verlegt er weiter ins Innere.
+Westlich von den Nasomonen grenzten die Psylli und
+von diesen wieder westlich die Maccae. Im äussersten
+Westen des heutigen Tripolitanien waren nach Scylax
+die Lotophagen. Andere Völkerschaften werden von Herodot
+und Ptolemäus im Innern genannt, als die Machlyes,
+Auses, Nigintini, Astskures etc. Am bekanntesten
+von allen waren jedoch die Garamanten, welche wir heutzutage,
+wenn auch nicht in Tripolitanien, so doch im
+Stamme der Tebu südlich davon deutlich wiedererkennen.
+Aus allen Angaben aber müssen wir schliessen, dass die
+Garamanten früher das ganze heutige Kaimmakamlik
+Fesan inne hatten.</p>
+
+<p>Während die Kenntniss von den Garamanten unter
+den Griechen sich gänzlich verlor, tauchte dieses Volk
+unter römischer Herrschaft wieder auf, und wir finden
+nun auch zum ersten Mal den Namen Fesan, Phasania
+genannt, erwähnt. Plinius führt uns eine Menge Städte
+und Oerter der Garamanten auf mit der Hauptstadt
+Garama. Ob übrigens die Garamanten eine so grosse
+Ausdehnung gehabt haben, wie die Alten es annehmen
+und auch noch einige Gelehrte der Neuzeit, möchte nicht
+ganz erwiesen sein, man müsste denn ganz Bornu als ihnen
+damals unterworfen betrachten. Die Hauptstadt Garama
+<a id="page-34"></a><span class="pgnum">34</span>finden wir im heutigen Djerma in Fesan wieder, auch
+Krema in Tibesti erinnert an Garama, sowie Berdoa an
+Borde in eben dem Lande.</p>
+
+<p>Zu diesen an der Küste wohnenden Libyern, welche
+von den Römern Numider (vom Worte <span class="greek">&#957;&#959;&#956;&#8049;&#948;&#949;&#962;</span>, herumziehende
+Völker) genannt wurden, kamen zur Zeit der
+trojanischen Kriege phönicische Handelsleute: so entstand
+Leptis, Oea, Sabratha und die wichtigste Colonie
+von allen, Carthago. Während so die Geschichte Tripolis'
+mit der von Carthago eng Hand in Hand geht, sehen
+wir dann, wie Massinissa, ein numidischer König, sich
+mit Hülfe der Römer an der Küste ein unabhängiges
+Königreich gründet. Nach dem zweiten punischen Kriege
+war er Herrscher fast des ganzen heutigen Tripolitanien
+mit Ausnahme von Cyrenaica. Die Empörung Jugurtha's,
+des Enkels von Massinissa, gegen römische Vormundschaft,
+die Herrschaft Juba's führten dann diese Länder
+bald gänzlich in die Gewaltherrschaft der Römer.</p>
+
+<p>Mit dem Einbruche der Vandalen und später der
+Araber wurde das Christenthum, welches an der ganzen
+Nordküste von Afrika in mehr denn 500 Bischofssprengeln
+gelehrt wurde, zu Grabe getragen; und im Jahre
+647 erschien Abd Allah, vom Kalifen Otman geschickt,
+unter den Mauern Tripolis'. Im Jahre 680 sehen wir
+alle Berberstaaten durch Akbah unterworfen, und im
+neunten Jahrhundert finden wir die Aglabiten in Tripolis
+herrschend. Obgleich nun die Stadt vom tapferen
+<a id="page-35"></a><span class="pgnum">35</span>Normannenkönig Roger im Jahre 1146 den Mohammedanern
+wieder entrissen wurde, bemächtigten sich unter
+Abd el Mumin schon im Jahre 1159 wieder die Almohaden
+des Ortes. Darauf unter dem Scepter von Abu
+Fares von Tunis, eroberten 1510 die Spanier die Stadt
+unter Peter von Navarra. Dieser schleppte alle mohammedanischen
+Einwohner fort, Carl V. erlaubte ihnen
+jedoch zurückzukehren und die Stadt, zwar ohne Wälle,
+wieder aufzubauen. 1530 wurde Tripolis von Carl V. an
+die Malteser Ritter gegeben, aber schon drei Jahre
+darauf vom berüchtigten Seeräuber Barbarossa erobert;
+dieser wurde jedoch von Carl wieder vertrieben und
+bis 1551 blieb sie unter der Herrschaft des Malteser
+Kreuzes, um in diesem Jahre für immer durch den
+türkischen Admiral Sinan Pascha dem Halbmonde unterworfen
+zu werden.</p>
+
+<p>Zwar hatten die Türken auch nicht viel Ruhe und
+Frieden, schon acht Jahre darauf empörte sich ein Scherif
+und wurde nur nach vielen Anstrengungen unterdrückt.
+Ausserdem kam es jetzt der häufigen Seeräubereien der
+Tripolitaner wegen zu häufigen Conflicten mit den christlichen
+Mächten. Durch Verträge geschützt waren nur
+die Engländer und Franzosen, aber auch diese mussten
+von Zeit zu Zeit Expeditionen senden, um mit Gewalt
+die Aufrechthaltung der Verträge zu erzwingen. So
+sandte Cromwell im Jahre 1655 den Admiral Blake, um
+Genugthuung zu fordern; 1675 erschien Sir John Narborough
+<a id="page-36"></a><span class="pgnum">36</span>vor Tripolis, um begangene Verräthereien der
+Piraten zu züchtigen. 1683 zerstörte der französische
+Admiral Duquesne im Wasser von Tripolis eine grosse
+Zahl von Piratenschiffen, und zwei Jahre später legte
+sich d'Estrées vor die Stadt und bombardirte sie; erst
+nach Abschluss eines Vertrages und nach Zahlung von
+500,000 Fr. hob d'Estrées die Belagerung auf.</p>
+
+<p>Im Jahre 1714 trat endlich für Tripolis ein wichtiges
+Ereigniss ein. Hammed Caramanli, ein Araberchef,
+der zugleich Häuptling einer Reiterabtheilung war, unter
+dem türkischen Pascha, benutzte dessen Reise nach
+Constantinopel, um sich zu empören und unabhängig zu
+machen. Durch List hatte er die türkischen Soldaten
+aus der Stadt zu entfernen gewusst, und dann zu einem
+grossen Feste, was an Beamten und Officieren übrig
+blieb, eingeladen. Als die Türken sich, der Einladung
+folgend, zu Hammed Caramanli begaben, wurde einer
+nach dem andern beim Eintreten in sein Haus getödtet,
+und wer sonst von den Türken noch übrig war, wurde
+am folgenden Tage ermordet gefunden. Die Zahl der
+Eingeladenen zum Festessen betrug allein 300 Personen,
+welche alle erdrosselt wurden. Hammed schickte nun
+gleich grosse Geschenke, das Eigenthum der ermordeten
+Personen, nach Constantinopel, und der Grossherr hatte
+die Schwäche, seine Regierung anzuerkennen und zu
+bestätigen.</p>
+
+<p><a id="page-37"></a><span class="pgnum">37</span>Die Caramanli's haben dann die Regierung bis zum
+Jahre 1835 inne gehabt.</p>
+
+<p>Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich
+die Verhältnisse mit den christlichen Mächten nicht
+gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah Frankreich
+sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine
+Flotte gegen Tripolis zu schicken, welches von seinem
+alten Piratenunwesen nun ein Mal nicht lassen wollte.
+Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen.
+1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen
+Regierung für erlittene Unbill Genugthuung verlangen,
+und erhielt dieselbe. Im Jahre 1745 war der
+zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt.
+Im Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von
+seinem jüngsten Sohne Jussuf getödtet, worüber ein blutiger
+Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber durch einnehmendes
+Wesen und Geldbestechungen sich einen so
+grossen Anhang zu verschaffen gewusst, dass Ali, um
+dem Kriege ein Ende zu machen, seinem Sohne, dem
+Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm.
+Von anderer Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte
+bald schon die Regierung der Caramanli's beendigt. Ein
+Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in Tripolis
+und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung
+der Stadt. Keineswegs von der türkischen Regierung
+abgeschickt, scheint Ali Bugul geheime Unterstützung
+des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der
+<a id="page-38"></a><span class="pgnum">38</span>nach Tunis geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe
+beim Bei, derselbe kam nach Tripolis, vertrieb Ali Bugul
+und setzte die Caramanli wieder ein. Ali Bugul floh
+nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die
+Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe
+seinem zweiten Sohne Hammed, welcher aber gleich
+darauf vom Brudermörder Jussuf vertrieben wurde.</p>
+
+<p>Während der französischen Expedition nach Aegypten,
+stand Tripolis im Geheimen zu den Franzosen, General
+Vaubois auf Malta, wurde während der Belagerung mit
+Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher
+durch die Drohungen der Engländer gezwungen, offen
+den Krieg an Frankreich erklären musste, instruirte er
+heimlich seine Corsaren den französischen Pavillon zu
+schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick
+daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien
+aus Aegypten zu ziehen. 1801 wurde von ihm
+ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser, nach Tripolis
+geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am
+18. Juni des Jahres Frieden. In den Stipulationen war
+hauptsächlich die freie Communication von Gütern und
+Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten betont.
+Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem
+Truppen machten jedoch diese Clausel überflüssig.</p>
+
+<p>Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien
+de la Gravière der Regentschaft die Beschlüsse von
+Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und Tunis geschehen
+<a id="page-39"></a><span class="pgnum">39</span>war, und Jussuf, besonders da man das Recht
+schwarze Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete,
+nahm offen alle Bedingungen an. Es war hiemit ein
+grosser Schritt gewonnen. Denn durch diesen Vertrag
+bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen
+Mächte, wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte,
+Hannover und Preussen, dieselbe Berechtigung wie die
+Fahrzeuge der Staaten, welche wie Oesterreich, Frankreich
+und England Verträge mit den Berberstaaten hatten.
+Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal
+die Piraterie aufgehoben war, so waren damit alle anderen
+demüthigenden Verträge auch vernichtet. Ich schreibe
+das Wort &#8222;demüthigend&#8220;, denn obwohl seit Jahrhunderten
+Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte
+die Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören,
+und diese Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten
+dem Erdboden hätten gleichmachen können, so
+schlossen sie doch selbst die schimpflichsten Verträge
+ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte,
+welche keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels
+hatten, gänzlich zu vernichten. Was sagt man dazu,
+dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen Frankreich und
+Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: &#8222;dass die
+Corsaren<i> französische</i> Pässe vom<i> französischen</i>
+Consul erhalten, um sie vor den französischen Kriegsschiffen
+zu sichern, dass sie in den französischen Häfen
+Schutz finden können, aber nur Prisen in der Entfernung
+<a id="page-40"></a><span class="pgnum">40</span>von 10 Meilen vom französischen Ufer machen
+dürfen. Die französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe
+untersuchen, aber das Durchsuchungsrecht
+ist auch den Piraten für die französischen Kauffahrer
+gewährt.&#8220; Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe,
+welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten
+als verfallen betrachtet wurden. Mit dem Jahre
+1819 waren solche Zustände glücklicher Weise überwunden.</p>
+
+<p>Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine
+Rebellion seines Sohnes, welcher Statthalter in Bengasi
+war, zu unterdrücken, und übermüthig geworden, glaubte
+er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner
+gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch
+durch einen Agenten in Tripolis vertreten, und als dieser
+sich weigerte, das übliche Geschenk an den Pascha zu
+entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und
+erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht
+lange, so erschien Admiral Sivoli mit sardinischen
+Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha, jetzt
+eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat
+unterhandeln, verlangte aber dummerweise zum Segen
+des Friedensschlusses gleich von vornherein die Summe
+von 30,000 Piastern. &#8222;30,000 Kugeln soll er haben,&#8220;
+antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der
+Stadt begann sofort. Es versteht sich von selbst, dass
+<a id="page-41"></a><span class="pgnum">41</span>die Sardinier nach kurzer Zeit erlangten, was sie wollten,
+der Stolz Jussuf's war gebrochen.</p>
+
+<p>Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader
+vor Tripolis, um für erlittene Unbillen Genugthuung
+zu verlangen, aber nicht so energisch wie die Piemontesen,
+musste es unverrichteter Sache wieder abziehen.</p>
+
+<p>Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal
+die gewinnreiche Piraterie nicht aufgeben wollten, wurde
+der Regierung Jussuf's die meisten Unannehmlichkeiten
+bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher
+Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst
+selbst ohnmächtig, seine Unterthanen gegen die mohammedanischen
+Seeräuber zu schützen, wandte sich an
+Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays
+eine Flotte, welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte.
+Da aber Jussuf Pascha dem päpstlichen
+Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme zahlen
+musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten
+Chikanen an dem derzeitigen französischen Consul zu
+rächen. Zu der Zeit war im Innern der englische Reisende
+Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha
+scheute sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft
+dieses Mordes und namentlich des Besitzes
+der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau,
+der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten
+Widerruf erlangen konnte, strich er seinen Pavillon
+<a id="page-42"></a><span class="pgnum">42</span>und schiffte sich nach Frankreich ein. Der darüber
+zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische
+Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des
+Vorganges zur Folge, bei der sich die Unschuld des
+französischen Consuls auf's glänzendste herausstellte. Das
+französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit
+indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection
+zu geben, und einen Monat später als die Einnahme
+Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel vor der Stadt
+und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber
+trotz der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen
+wurden. Frankreich trat hier als Fürsprecher der
+ganzen Christenheit auf, denn ausser den Entschuldigungen,
+welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen
+machen musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher
+Sklaverei und jeder Piraterie und die Abschaffung
+gewisser Geschenke, welche einige kleine Staaten noch
+leisteten, decretirt.</p>
+
+<p>Zu diesen äusseren Complicationen, welche den
+Schatz des Paschas verminderten, und da sie immer mit
+einer Demüthigung für die Regierung Tripolis endeten,
+dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten,
+kamen nun noch Revolten und Empörungen der eigenen
+Unterthanen, so dass man jetzt schon den Untergang
+des alten Jussuf's voraussagen konnte.</p>
+
+<p>Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman,
+empörte sich offen 1831, marschirte auf Fesan los, und
+<a id="page-43"></a><span class="pgnum">43</span>bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf schickte seine
+Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie
+aber den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die
+Bergvölker, und zwangen sie zu einer eiligen Umkehr
+nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's voll zu
+machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter
+Dundas, und verlangte für rückständige Schulden an
+britische Unterthanen die Summe von 200,000 spanischen
+Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit gegeben.
+Da es ihm unmöglich war, diese Summe so
+schnell zusammen zu bringen, denn seine Geldnoth war
+so gross geworden, dass er sogar schon die bronzenen
+Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft
+hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington
+seine Flagge ein und begab sich an Bord des
+Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich Jussuf
+verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer
+zu belegen. Diese, die von Alters her immer
+von allen Steuern frei gewesen waren und es auch noch
+sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren, antworteten
+sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie
+nicht stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt,
+und zu seinem Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu
+spät war es jetzt, die Ordre für die Mschia zurückzunehmen,
+zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte,
+um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich
+für ihn erklärt hatten, zu setzen. Nichts half mehr,
+<a id="page-44"></a><span class="pgnum">44</span>Die Mschia blieb in Revolte, und seine Söhne flüchteten
+sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in
+dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten
+hatte, sah er doch ein, dass er den Umständen weichen
+müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes Ali Caramanli
+ab.<a href="#FN-3" id="FNA-3"><sup>3</sup></a></p>
+
+<p>Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit
+Ali in Verbindung, und auch Major Warrington, der
+englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis zurück, sobald
+er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt
+aber wie thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt
+war noch immer belagert) zu nehmen, bezog er sein in
+der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich also inmitten
+der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen,
+dass dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften
+die Rebellen dadurch Hoffnung für ihre Sache, da
+sie mit Recht glaubten, England unterstütze ihre Sache.
+Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher
+Uisir von Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta
+befand, wurden sie überdies von dieser Insel aus mit
+Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel rüstete
+sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus,
+man braucht wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde,
+indess obschon die Schiffe vor Tripolis erschienen, konnten
+sie doch nichts Ernstliches ausrichten.</p>
+
+<p><a id="page-45"></a><span class="pgnum">45</span>Während so einerseits durch England unterstützt,
+die Rebellen der Mschia den Muth nicht verloren und
+fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann anderer
+Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen
+mit ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten
+zur Unterstützung nach Tripolis gesandt, und ein
+gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt
+hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung
+und Hülfe an. In Bengasi hatte man sich vollkommen
+dem neuen Pascha unterworfen und Ali der Stadt seinen
+Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung
+der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte
+Ali seinen Bruder Ibrahim zu Rhuma, und vereint brachen
+diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed Caramanli,
+der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch
+geschlagen, und wenn jetzt die vereinigten Consulate zu
+Ali Pascha gehalten hätten, wäre sicher bald die ganze
+Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von Jussuf
+Pascha unterworfen worden.</p>
+
+<p>Aber England hat von jeher eine eigene Politik im
+Orient verfolgt; wobei die Hauptsache<i> die</i> war, die
+Türkei<i> soviel wie möglich zu kräftigen</i>, und
+gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der
+Pforte zu spielen, schon längst vorbereitet. Dass es
+sich dabei hauptsächlich darum handelte, den Einfluss
+Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen,
+liegt auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst
+<a id="page-46"></a><span class="pgnum">46</span>Algerien erobert, früher schon mal Aegypten besessen,
+war also mehr als irgend eine andere Macht von den
+Bewohnern Nordafrika's gefürchtet.</p>
+
+<p>Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen
+in die Hände gespielt. Eine geistige Suprematie
+der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch anerkannt,
+und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich
+durch Absendung von Geschenken nach Constantinopel
+bethätigt. Jetzt hiess es auf einmal, es sei Zeit,
+dass die Pforte intervenire, um dem Streite der Parteien
+ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne
+dieser Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten,
+Schekir Bei, nach Tripolis, um Aufklärung über
+die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte nach
+Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde
+Ali Caramanli als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst
+eines grossherrlichen Firmans, und die Insurgenten zugleich
+aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese aber
+waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates
+in ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht,
+nichts weniger als entmuthigt, hatten sogar die
+Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir Bei,
+die Stadt zu bombardiren.</p>
+
+<p>Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine
+Flotte von Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis
+abgehen. Den europäischen Mächten wurde einfach mitgetheilt,
+es handle sich nur darum, Ali Caramanli in Tripolis
+<a id="page-47"></a><span class="pgnum">47</span>Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von
+Nedjib Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und
+der türkische Befehlshaber setzte sich gleich mit Ali
+Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen seinem
+Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt,
+gab zu, dass die Soldaten debarquiren und das Fort
+besetzen durften, und als er dann sich selbst, um Nedjib
+Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff
+begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung
+vorgelesen und ihm gesagt, er würde nach Constantinopel
+transportirt werden. Am selben Tage noch
+verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur
+von Tripolitanien ernannte, liess die Thore der
+Stadt öffnen, und die Rebellion der Mschia war wie
+ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent, gleich nach
+Mesurata floh, und sich dort entleibte.</p>
+
+<p>Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt
+und der nächsten Umgebung derselben waren, hatten
+sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft unterworfen.
+Angesichts der Eroberung Algiers durch eine
+christliche Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner
+der Nordküste Afrikas instinktartig, dass allein ein Anschluss
+an die nach ihrem Glauben allmächtige Dynastie
+der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale bewahren
+könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene
+in Tunis wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste
+der Furcht vor einer christlichen Eroberung die Waage
+<a id="page-48"></a><span class="pgnum">48</span>halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das
+Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch
+den festen Glauben an das Kalifat seiner Sultane.
+Und selbst die Niederlage von Isly konnte im marokkanischen
+Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen,
+sich Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten
+hingegen war das Volk durch Unterdrückung und Sklaverei
+seit Jahren ganz unzurechnungsfähig geworden;
+was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren
+wir hier, schon lange vor 1835, in welchem
+Jahre sich die Pforte Tripolitaniens bemächtigte, ein
+allmäliges Fortschreiten auf der Bahn gänzlicher Unabhängigkeit.</p>
+
+<p>Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit
+bewundern, mit der die Türken Tripolitanien
+zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz des
+ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen
+verlieren, dass die um ihre Religion besorgten Mohammedaner,
+so sehr sie auch immer türkische Raublust
+und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits
+wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der<i> Nothwendigkeit</i> der türkischen Herrschaft überzeugt
+waren.</p>
+
+<p>Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb
+nur 3 Monate auf seinem Posten, ihm folgte Mehemmed
+Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste Massregel,
+welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden
+<a id="page-49"></a><span class="pgnum">49</span>Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel.
+Otman, von seinem Vorgänger zum Gouverneur
+von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal
+durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt
+sich um diese Zeit ruhig im Besitze Fesans, und
+ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von Mesurata
+schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es
+auch sein Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein
+neuer Gouverneur geschickt, da die Pforte immer zu
+besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine
+Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war
+Taher Pascha, der sich hauptsächlich durch seine Unverschämtheit
+gegen die Europäer auszeichnete, Intriguen
+mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine
+unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn
+auch die Absendung einer anderen türkischen Flotte
+unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich wohl
+Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen,
+dann auch den Bei von Constantine unterstützen sollte.
+Das französische Geschwader unter Lalande vereitelte
+dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den Auftrag
+von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass
+Frankreich auf alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten
+würde.</p>
+
+<p>Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan
+Pascha. Derselbe erkannte Rhuma als Chef vom Djebel
+an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil, welcher
+<a id="page-50"></a><span class="pgnum">50</span>sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien
+jährlich 25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan
+Pascha aber auch den rückständigen Tribut verlangte,
+wurden die Verhandlungen abgebrochen, und Abd el
+Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als
+aber 1840 schon in der Person von Asker Pascha wieder
+ein neuer Pascha als Gouverneur kam, wurde ein anderer
+Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen
+wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische
+Piaster der Regierung entrichten sollte. Aber wie
+immer sind die Verträge mit den Arabern leicht gemacht,
+geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur Ausführung
+derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige
+ebenso wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien
+haben die Araberchefs fast alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit
+gegen die Franzosen damit zu beschönigen versucht,
+sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren
+des Islam keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr
+ein gegebenes Wort zu halten; verfolgen wir aber ihre
+Handlungen in Tripolitanien, so finden wir da gegen die
+Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft Wortbrüchigkeit.</p>
+
+<p>Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte
+im Jahre 1841, weigerte sich sowohl Rhuma als auch
+Abd el Djelil, die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen,
+und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon
+nun der Vortheil immer auf Seiten der Türken war,
+<a id="page-51"></a><span class="pgnum">51</span>welche eine wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie
+versehen, den unregelmässigen Araber-Reitern entgegensetzen
+konnten, so war es doch schwer, der beiden Chefs
+habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen
+bekannt, und überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel,
+die den Türken gänzlich unbekannt waren, zudem
+zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr
+sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische
+Infanterie und Artillerie nicht folgen konnte.</p>
+
+<p>Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen
+konnte: eine schnelle Unterwerfung des Landes mittelst
+der Waffen, erreichte sie mit List, und England lieh bereitwilligst
+seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der
+englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte
+herumstreifenden Abd el Djelil eine Zusammenkunft am
+Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata vor, und
+dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie
+es ihn früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli
+unterstützt hatte, ging bereitwilligst auf den Vorschlag
+ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung unterhielt der
+Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels,
+versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den
+Sklavenhandel in Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung
+Englands sicher sein könne. Welche Versicherungen
+Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir
+nicht im Stande zu berichten, wohl aber wissen wir,
+dass Abd el Djelil gar nicht in seiner Macht hatte, den
+<a id="page-52"></a><span class="pgnum">52</span>Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies dem
+englischen Consulate bekannt sein musste.&#8212;Kaum
+hatte er sich vom englischen Consul beurlaubt, als eine
+Armee Asker Pascha's, die heimlich herangerückt war,
+über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und
+alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil
+wurde enthauptet, und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt
+auf dem Hauptthore Tripolis' zu sehen. Im
+selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch
+den Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan
+hatte sich gleich nach dem Tode Djelil's unterworfen,
+ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue Gouverneur
+nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel
+zu bekämpfen. Auch dies wurde durch List bewerkstelligt,
+indem der Pascha mit Rhuma Unterhandlungen
+anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen
+eines freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber
+Rhuma, welcher wirklich der Einladung folgte, in der
+Stadt war, wurde er gefangen genommen und nach Constantinopel
+geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen
+Anhänger revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha
+mit einer Armee vom Gouverneur gegen sie abgeschickt,
+und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die
+Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie
+sämmtlich bei dieser Gelegenheit hinrichten. 60 blutige
+Häupter konnte er nach Tripolis schicken. Zitternd und
+schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im Mai
+<a id="page-53"></a><span class="pgnum">53</span>1843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten
+dort einige Forts, legten darin Soldaten und Artillerie,
+um so für immer jede neue Revolte gleich im Keime
+ersticken zu können. Und so geschah es auch im folgenden
+Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem
+alten Anhänger von Rhuma, noch einmal versuchten das
+Joch abzuschütteln. Nichts war seit dem Jahre 1845
+mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien
+zu erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und
+unterworfen.</p>
+
+<p>Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure
+nicht mehr so häufig gewechselt, erst 1846 wurde
+derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und während
+früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte
+so weit ging, dass den Gouverneuren nie gestattet wurde,
+Familie und Harem mit nach Tripolis zu nehmen, wurde
+auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an die
+Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu
+lassen. So notiren wir denn, 1848 im December den
+neuen Gouverneur Iset Pascha, im September 1852
+Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha,
+1859 Mahmud Pascha, welcher jetzt Marineminister ist,
+und welcher 1865 von Ali Riza Pascha, welcher heute
+noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den Regierungen
+aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit<a href="#FN-4" id="FNA-4"><sup>4</sup></a>
+war überall, und Revolten scheinen auf immer
+<a id="page-54"></a><span class="pgnum">54</span>den unterjochten Bewohnern Tripolitaniens vergangen
+zu sein.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Tripolitanien.</h2>
+
+
+<p>Unter der türkischen Regierung wird seit 1835 die
+Regentschaft Tripolis von einem Generalgouverneur, welcher
+den Titel Muschir hat, regiert. Man hat zu diesem
+Posten sowohl Leute aus dem Civilstande, als auch aus
+dem Militairstande genommen, und selbst aus der Marine
+hat man Admiräle schon als Gouverneure von Tripolitanien
+gesehen. Der Gouverneur kann nach Belieben der
+Pforte abberufen werden, und im Anfange der Eroberung
+machte das türkische Gouvernement oft genug Gebrauch
+davon, jetzt lässt man, wie schon gesagt, einen ein Mal
+installirten Muschir meist vier Jahre auf seinem Platze,
+was auch keineswegs, um sich mit allen Verhältnissen des
+Landes und der Bewohner bekannt zu machen, zu lange
+ist. Die Gewalt desselben ist heute nicht mehr eine
+unbeschränkte, das Recht über Leben und Tod steht ihm
+nicht zu, und in der Verwaltung der Provinz steht ihm
+die grosse Midjeles oder eine Rathsversammlung zur
+Seite. Dieser Rath umfasst die Personen der ersten
+<a id="page-55"></a><span class="pgnum">55</span>Aemter, als Richter, Militaircommandant, oberster Geistlicher
+u.s.w. Wegen des Muschir kann man über dies
+nach Constantinopel an's Ministerium oder an den Grossherrn
+selbst appelliren, was jedoch selten Jemand zu
+thun wagt. Der Muschir bezieht von Constantinopel sein
+bestimmtes Gehalt, welches übrigens je nach seinem
+anderen Range variirt, als Gouverneur soll er fünfzigtausend
+Francs Einkommen haben.</p>
+
+<p>Das in Tripolis stationirte Militair steht unter einem
+selbständigen Commando, und der Oberst-Commandirende
+hat gewöhnlich den Rang eines Generallieutenants. Meist
+sind nicht mehr als 6000 Mann regelmässige Truppen
+vorhanden, Infanterie und Artillerie. Diese werden immer
+aus anderen Provinzen des Reiches hergezogen, während
+die in Tripolitanien ausgehobenen Truppen in den übrigen
+Theilen des Reiches zur Verwendung kommen. Während
+dem Muschir nicht zusteht in die innere Administration
+der Truppen einzugreifen, so hat er indess die
+Macht über ihre Garnisonirung, und im Falle von Revolten,
+ertheilt er den Befehl zum Marsch und Angriff. Die
+in Tripolitanien bestehende Bürgermiliz, wie die z.B.
+der Mschia<a href="#FN-5" id="FNA-5"><sup>5</sup></a>, wo jeder Mann geborner Soldat ist, dann
+die der Gensd'armen, Kavassen, Saptién u.s.w., stehen
+unter dem directen Befehl des Muschir's.</p>
+
+<p><a id="page-56"></a><span class="pgnum">56</span>Was die Finanzen anbetrifft, so werden sie unabhängig
+vom Muschir verwaltet, und stehen unter der
+Leitung des Mohasebdji oder Chasnadar, welcher von
+dem Finanzministerium in Constantinopel seine Bestallung
+erhält, und demselben die Einnahmen abzuliefern
+hat, ebenso ist auch die Douane unabhängig vom Generalgouvernement
+verwaltet.</p>
+
+<p>Die Einkünfte von Tripolitanien sind nicht genau
+bekannt, indess bringt das Land reichlich soviel auf, als
+die Beamten und das dort stationirte Militair an Gehalt
+und Sold erfordern, und in den meisten Jahren kann
+noch ein hübscher Ueberschuss nach Constantinopel abgeliefert
+werden. Durchschnittlich kann man den Ueberschuss
+auf jährlich 600,000 Francs anschlagen. Im
+Kriege gegen Russland erhob die Pforte zudem eine Extracontribution
+von 2,608,700 Francs. Die Einkünfte gehen
+hervor aus den directen Abgaben, welche von allen Producten
+des Bodens erhoben werden, und der Judensteuer,
+welche den einzelnen Gliedern dieses Glaubens von ihrem
+Rharham-Baschi oder Gross-Rabiner zugemessen wird.
+So zahlt z.B. jeder Oelbaum und jede Palme 2½ Piaster
+(und wenn es eine Lakbi gebende Palme ist, 5 Piaster),
+jedes Kameel 40 Piaster, jedes Rind 20 Piaster, 10 Schafe;
+40 und 20 Ziegen 40 Piaster jährlich. Dass hierbei viele
+Umgehungen stattfinden, ist schon an anderen Orten erwähnt
+worden.</p>
+
+<p><a id="page-57"></a><span class="pgnum">57</span>Die indirecten Abgaben, welche meist vom Gouvernement
+als Monopol dem Meistbietenden zugeschlagen
+werden, gehen hervor aus der Douane, die 5 Proc. Eingangszoll
+und 12 Proc. Ausgangszoll erhebt, aus dem
+Rechte Spirituosen zu machen und zu verkaufen, aus
+der Stempelung des Goldes und Silbers, welches, gleichviel
+ob alt oder neu, verarbeitet oder roh, geaicht sein
+muss, aus der öffentlichen Wage, da alle Sachen, welche
+en gros verkauft werden, durch einen Amin gewogen
+werden müssen; aus dem Fischertrage, indem alle Fische,
+welche auf den Markt gebracht werden, 8 Proc. ihres
+Werthes abgeben müssen; aus dem Fleische, welches ein
+Pächter sowohl der Armee zu einem im Voraus bestimmten
+Preise das ganze Jahr liefern muss, als er auch
+ausserdem von jedem Schafe 2½ Piaster und von jedem
+Rinde etwa 10&#8211;17½ Piaster, je nach der Grösse beim
+Schlachten geben muss, endlich aus dem Tabacks-Monopole
+und der Hara, d.h. das Vorrecht, den Dünger
+und die Unreinlichkeit aus den Städten zu schaffen.
+Dass die Einnahmen der indirecten Abgaben gar nicht
+gering sind, geht aus einer vom holländischen Generalconsul
+v. Testa zusammengestellten Tabelle vom Jahre
+1851/1852 hervor, nach welcher die gesammten eben
+aufgeführten Monopole die Summe von 1,352,000 Francs
+für's Gouvernement ergeben. Zugleich ersehen wir aus
+denselben, dass die Einkünfte, folglich der Reichthum
+von Tripolitanien von Jahr zu Jahr zunehmen. Das eben
+<a id="page-58"></a><span class="pgnum">58</span>Angeführte gilt für alle Städte und Orte, nur mit dem
+Unterschiede, dass die Grösse der erhobenen Abgaben,
+je nach dem Gouverneur oder Kaimmakam oder Mudir
+wechselt, indem zwar in den Liva auch die Finanzen
+nicht direct unter dem Kaimmakam stehen, derselbe
+aber in der Regel mit dem Kateb el mel oder Zahlmeister,
+welcher die Einnahmen unter sich hat, im Bündnisse
+ist. Ausserdem werden in den verschiedenen Liva
+noch andere Abgaben erhoben, so liess sich z.B. im
+Jahre 1865 der Kaimmakam von Fesan für jeden durchziehenden
+Sklaven ein Kopfgeld von 40 Piaster zahlen
+und erlaubte seinem Kavass-Bascha oder Polizeidirector
+am Thore noch 5 Piaster für jeden durchziehenden
+Sklaven zu erheben. Bewaffnete Araber mussten für eine
+Flinte am Thore auch 2 Piaster zahlen und dieser Brauch
+ist in Tripolis selbst auch, wenn wir nicht irren.</p>
+
+<p>Die Exportation von ganz Tripolitanien kann man
+durchschnittlich jetzt im Werthe von 10&#8211;12 Millionen veranschlagen,
+die der Importation im Werthe von 5&#8211;6 Millionen,
+was eine Gesammtsumme von 15&#8211;18 Millionen
+Francs ergiebt. Mircher, der für die Stadt Tripolis die
+Gesammtsumme von 5,500,000 Francs angiebt, ist viel
+zu niedrig in seiner Schätzung. Dann sind aber auch
+die anderen Städte, wie Mezurata, Bengasi und Derna
+gar nicht bei ihm in Betracht gezogen.</p>
+
+<p>Die Rechnung und das Geld in Tripolitanien sind jetzt
+eben so wie im übrigen türkischen Reiche. Die kleinste
+<a id="page-59"></a><span class="pgnum">59</span>Münze ist der Para, die jedoch bloss noch imaginär existirt,
+man findet dann zehn Para-Stücke, Bu-Aschra- und zwanzig
+Para-Stücke, Bu-Aschrin genannt. Zwei Bu-Aschrin
+machen den türkischen Piaster und fünf Bu-Aschrin einen
+tripolitanischen Girsch (Groschen), 6 Bu-Aschrin nennt
+man Sbili. Es existiren auch einzelne Girsch und Sbili-Stücke.
+10 Bu-Aschrin werden Baschlik genannt und
+solche Stücke existiren auch. 40 Bu-Aschrin oder 20
+constantinopolitanische Piaster machen den Mahbub,
+solche Stücke existiren als Silbermünze. Als Goldmünze
+kommen 5 Mahbub-Stücke und 1 Mahbub-Stücke vor.
+Man sieht sie indess selten.</p>
+
+<p>Die Scheidemünzen, Bu-Aschrin, Sbili und Baschlik
+sind alle von schlechter Alliage, die Mahbub-Stücke haben
+denselben Silbergehalt wie die französischen Silbermünzen.</p>
+
+<p>Englisches und französisches Gold und Silber wird
+überall zu voll angenommen, am allgemeinsten ist jedoch
+der Maria-Theresien-Thaler verbreitet.</p>
+
+<p>Als Gewicht dienen die Oka und das Rotol von
+Tripolis. Eine Oka hat 2½ Rotol und 100 Rotol bilden
+einen Cantar (Quintal), der also 40 Oka hat. Das Rotol
+wird in 16 Okia oder Unzen untergetheilt.</p>
+
+<p>Beim Längenmass bedient man sich der türkischen
+Pic, eine Pic ist gleich einer Brabanter Elle und 1½ Pic
+gleich einem Meter und 1-1/3 Pic gleich 1 Yard.</p>
+
+<p><a id="page-60"></a><span class="pgnum">60</span>Zum Kornmessen bedient man sich der Marta, wovon
+15 Eine Ueba bilden. Zwei Marta sind gleich einem
+türkischen Kilo und 280 Kilo entsprechen 100 Hectolitres
+oder 83 Kilo = 1 Last.</p>
+
+<p>Das Mass für Flüssigkeiten ist die Jarre, welche
+6-1/8 Caraffa hat. Eine Jarre entspricht 10-2/3 Litres.</p>
+
+<p>Die Gerechtigkeitspflege in Tripolitanien wird von
+einem Kadhi besorgt, welcher vom Schich ul Islam in
+Constantinopel ernannt wird. Dieser Kadhi hat das
+Recht, die anderen Kadhi der Provinzialstädte zu ernennen,
+welche officiell den Titel Naïb haben. In grösseren
+Sachen und namentlich wo Türken mit betheiligt sind,
+wird überall nach hanefischer Form Recht gesprochen,
+während alle Fälle zwischen Arabern, welche dem malekitischen
+Ritus anhängen, diesem gemäss entschieden
+werden. Ausserdem giebt es in allen grösseren Städten
+und Orten Adulen, welche eine Art von Rechtsgelehrten
+sind und auch Vollmachten und Schriften ausfertigen
+können, welche notarielle Kraft haben. Für Criminalfälle
+wird ein vom Muschir präsidirtes Medjeles thakik
+zusammengesetzt, das jedoch die Strafe des Todes nicht
+aussprechen kann. Ein anderes Medjeles tedjaret besorgt
+streitige Fragen in Handelsangelegenheiten, die
+angesehendsten eingebornen Kaufleute sind Beisitzer und
+wenn die Streitfrage zwischen einem Eingebornen und
+einem europäischen Kaufmann stattfindet, so sind im
+Medjeles tedjaret, auch europäische Kaufleute als Beisitzer.
+<a id="page-61"></a><span class="pgnum">61</span>Die in Tripolitanien ansässigen Europäer sind
+nur richtbar von ihren resp. Consulaten. Kommen aber
+Fälle vor, wo Europäer mit Eingebornen Händel oder
+Zwistigkeiten haben, so wird in der Regel die Entscheidung
+dem Richter anheimgegeben, der des<i> Beklagten</i>
+Obrigkeit ist. Sucht also ein Eingeborner Recht gegen
+einen Europäer, so muss er sein Recht beim Consul
+holen, hat hingegen ein Europäer eine Klage gegen einen
+Eingebornen, so muss er beim mohammedanischen Kadhi
+sein Recht suchen, dass Letzterer, da er fast immer
+vom Consul unterstützt wird, meist im Vortheil ist, wird
+einleuchtend sein, wenigstens in den meisten Fällen, wo
+der Europäer Kläger ist.</p>
+
+<p>Bei der mangelhaften Kenntniss des Bodens von
+Tripolitanien, kann es uns nicht einfallen hier eine allgemeine
+physicalische Geographie des Landes geben zu
+wollen, wir beschränken uns auf statistische Angaben
+und führen nur an, dass der Raum von der ganzen Regentschaft
+wenigstens so gross wie ganz Deutschland ist,
+falls man Wüste dazu rechnet. In der That ist aber
+auch der grösste Theil des Bodens Sherir, Hammada,
+Sand oder steiniges jeder Vegetation bares Gebirgsland.
+Dieses im Süden hauptsächlich in den Schwarzen Bergen
+und dem Harudj vertreten, streift von Westen nach Osten
+seiner Hauptrichtung nach. Durch eine Hochebene vom
+Djebel, den man versucht wäre den östlichsten, letzten
+Ausläufer des Atlas zu nennen, finden wir dies Gebirge
+<a id="page-62"></a><span class="pgnum">62</span>mit Humus und rothen Thon, folglich mit Vegetation bedeckt.
+Von diesem nördlich gelegen besteht die Ebene
+bis am Mittelländischen Meere aus Alluvialboden, ebenso
+scheint es mit dem Boden um die grosse Syrte zu sein,
+denn Sebchaboden allein würde schwerlich so gute Weiden
+haben, wie sie dort nach den Aussagen der Nomaden
+sein sollen. Allerdings ist die Stadt Tripolis gleich
+hinter den Palmgärten von Sanddünen umgeben, indess
+bilden diese Sandanhäufungen nur einen einige Stunden
+breiten Gürtel, dahinter hat man bis an's Gebirge Tel-Formation,
+den fruchtbarsten Boden. Nach Süden zu
+erstreckt sich dann der ackerbare Boden selbst noch
+über die Berge hin hinaus; im ued Sufedjin wird alle Jahre
+noch geackert, nach Westen geht der Tel in den Tunesischen
+über, nach Osten zu über das in's Meer stürzende
+Gebirge hinweg, nach Mesurata und dem Ufer der
+Syrte zu.</p>
+
+<p>Eigentliche Flüsse sind in ganz Tripolitanien nicht
+vorhanden. Die bekanntesten sind die von Südwesten
+nach Nordosten in die grosse Syrte fliessenden ued Sufedjin
+und ued Semsem. Der Sufedjin bekömmt zum
+Theil seine Zuflüsse vom Südrande des Djebel, zum
+Theil aus dem Rande der Hammada el hamra, aus letzterer
+und dem Harudj-Gebirge entspringt der Semsem.
+Der ued el Cheil, später im unteren Laufe ued el Bei
+genannt, wäre noch zu erwähnen, und wahrscheinlich
+sind in der sogenannten Syrtenwüste noch längere Flussläufe,
+<a id="page-63"></a><span class="pgnum">63</span>von denen wir hier nur den Harana und Schegga
+nennen.</p>
+
+<p>Die in der Wüste vorkommenden uadi, von denen
+ich in Fesan das Schati, das uadi schirgi und u. rharbi
+anführe, möchte ich kaum als solche bezeichnen, sondern
+sie wie das von Gatron eher als Depression ohne bestimmte
+Abdachung annehmen. Cyrenaica, welches obschon
+politisch zu Tripolitanien gehörend, ein Land für
+sich bildet, soll später besonders beschrieben werden.
+An Mineralien hat bis jetzt nichts in der Regentschaft
+entdeckt werden können, mit Ausnahme einer ergiebigen
+Schwefelmine<a href="#FN-6" id="FNA-6"><sup>6</sup></a> an der grossen Syrtenküste, dessen Ausbeutung
+jedoch vom türkischen Gouvernement untersagt
+wurde. Natron-Sebcha giebt es in Fesan und zum Theil
+hat sich das Natron einen Weg bis Tripolis gebahnt,
+von wo es bisweilen exportit wird. Eben so giebt es
+einige Salpeterminen, die aber auch noch nicht ausgebeutet
+sind.</p>
+
+<p><a id="page-64"></a><span class="pgnum">64</span>Die Pflanzenwelt ist reich und könnte, bei besserer
+Bearbeitung des Bodens das Land mit allen anderen an
+der Nordküste von Afrika concurriren machen. Natürlich
+ist dieselbe, je nach dem Boden sehr verschieden. Während
+in den Oasen der Wüste die Producte der heissen
+Zone Indigo und die Sudan-Kornarten vortrefflich gedeihen,
+auf den Bergen und Hochebenen die Früchte und
+Kornarten der kalten gemässigten Zone gezogen werden
+können, kommen in den Ebenen am Meere und den
+nördlichen Bergabhängen alle Früchte, Getreide und
+Gemüse des gemässigten Klima's trefflich fort. Der
+Dattelreichthum des Landes, sowohl die der Oasen, wie
+die der Küstenstriche, ist unerschöpflich. Orangen,
+Citronen sind in all' den verschiedenen Arten vorhanden
+und namentlich hat die Blutorange und die feine Mandarinorange
+sich Bahn auf europäische Märkte gebrochen.
+Die Weintrauben und Feigen des Djebel sind
+von vorzüglicher Güte und wenn die Cultur des Oelbaums
+hinter der von Tunis zurücksteht, so ist der Umstand
+Schuld, dass in Cyrenaica, wo dieser Baum so herrlich
+gedeiht, dieselbe derart vernachlässigt oder vielmehr
+ganz aufgegeben ist, dass dort die Oelbäume nur noch
+verwildert vorkommen. Baumwolle und Taback kann
+überall producirt werden, wird aber bis jetzt nur sporadisch
+gebaut; Ueberschuss zur Ausfuhr giebt nur der
+Getreidebau, obschon wie überall die Bestellung der
+Aecker durch die Araber auf die primitivste Art geschieht;
+<a id="page-65"></a><span class="pgnum">65</span>von Kornarten wird nur Weizen und Gerste
+gebaut. Die Gemüse, welche in Europa gezüchtet werden,
+gedeihen auch in Tripolitanien und wenn die Communication
+geregelter wäre, könnte im Winter von Tripolis
+aus der europäische Markt ebenso gut mit Gemüse
+versorgt werden, wie es jetzt von Algerien aus geschieht.
+Von den wildwachsenden Pflanzen hat man bis jetzt nur
+eine Geraniumart benutzt zur Bereitung von Essenz, die
+überall und massenhaft wachsende Artemisia könnte auf
+gleiche Weise mit Vortheil benutzt werden.</p>
+
+<p>Das Thierreich ist ebenso mannigfach. Die Pferde,
+meistens Grauschimmel und von mittlerer Grösse, sind
+eine durch Berber- und Araber-Pferde hervorgebrachte
+Kreuzung. Ausdauernd und schnell in ihren Bewegungen,
+sind sie meistens ohne Tücke und zum Reiten
+vortrefflich geeignet. Die Tripolitaner Esel, obschon
+nicht gross, sind berühmt. Das Rind ist kleiner Art,
+milcharm, aber so reichlich vorhanden, dass davon exportirt
+werden kann. Die Schafe sind alle Fettschwänze,
+und haben eine ausgezeichnete Wolle, in die Oasen versetzt,
+verlieren sie diese jedoch im zweiten Jahre; die
+Ziegen sind ebenfalls klein und milcharm, von beiden
+sind aber auch so grosse Heerden vorhanden, dass davon
+exportirt werden kann, überdies kommt die Wolle auch
+auf europäische Märkte. Das Kameel, ebenfalls durch
+die ganze Regentschaft verbreitet, ist das aus Arabien
+eingeführte einhöckrige. Andere Hausthiere und Geflügel
+<a id="page-66"></a><span class="pgnum">66</span>sind dieselben wie in Europa. Von wilden Thieren
+nennen wir die verschiedenen Antilopenarten, auch überall
+verbreitet, Kaninchen, Hasen, Hyänen, Schakal, Füchse,
+wilde Katzen, Lynxe, Ratten, Springratten, Stachelschweine
+und wilde Schweine. Löwen und Panther kommen<i> nirgends</i>
+in Tripolitanien vor. Unter den Vögeln heben
+wir hervor: Adler, Falken, Fledermäuse, Eulen, Raben,
+Stieglitze, Sperlinge, Nachtigallen, Canarienvögel, Schwalben,
+Tauben verschiedener Art, Enten, Gänse, Schnepfen,
+Rebhühner, Wachteln, Bachstelzen, Flamingos und vor allen
+den Strauss. Schildkröten verschiedener Art findet man in
+der Djefara, Eidechsen, Schlangen, oft wie die Hornviper,
+sehr giftig, aber meist kleiner Art, Scorpione und Spinnen,
+von welcher letzteren eine in der Wüste vorkommende
+sehr grosse Art zu erwähnen ist, kommen überall vor.
+Heuschrecken, welche oft zur Landplage werden, andererseits
+als Nahrung dienen, sind von verschiedenen Arten
+heimisch, Bienen sind im wilden Zustande, namentlich
+in den bewaldeten Bergen, Libellen trifft man überall,
+auch an den Quellen in den Oasen, Stechmücken, Fliegen
+in unaussprechlicher Zahl, Pferdebremsen, kriechende
+und hüpfende, den Menschen anhaftende Parasiten sind
+sehr verbreitet. Zu bemerken ist übrigens, dass der
+Floh die Region der Wüste, wo es nicht regnet, meidet.
+In den Sümpfen und den meisten Quellen, selbst die der
+Oasen nicht ausgenommen, findet sich der Blutigel. In
+<a id="page-67"></a><span class="pgnum">67</span>Fesan ist noch im Behar el daud ein Wurm zu nennen,
+den die Eingebornen essen.</p>
+
+<p>Was die Bewohner von Tripolitanien anbetrifft, deren
+Gesammtzahl einigermassen genau zu bestimmen, äusserst
+schwierig ist, so müssen wir vor allen drei Hauptvölker
+unterscheiden: Araber, Berber und in Fesan Mischlinge.
+Die Araber bewohnen die Städte, grossen Ebenen und
+die Cyrenaica, die Berber finden wir im Djebel, Rhadames,
+Sokna und Audjila und die Mischlinge, hervorgegangen
+aus einer Kreuzung von Türken, Arabern, Berbern,
+Tebu und anderen Negerstämmen, bewohnen das
+Kaimmakamlik Fesan. Die wenigen Türken, welche in
+Tripolitanien sind, kommen kaum in Betracht, zudem
+sind die Truppen oft keine Türken, sondern häufig Araber
+aus Syrien; oft Albanesen, Tscherkessen, je nachdem sie
+aus der einen oder anderen Provinz kommen. Ganz
+unstatthaft ist es aber, wie die meisten Schriftsteller
+thun wollen, die Städtebewohner unter dem Namen
+Mauren als ein besonderes Volk hinstellen zu wollen.
+Der Name &#8222;Mauren oder Mohren&#8220;, kam für die Städtebewohner
+des nördlichen Afrika's zuerst auf, nach der
+spanischen Vertreibung, weil die Spanier gewohnt gewesen
+waren, die Eindringlinge als aus Mauritanien
+kommend, den Namen los Moros zu geben. Aber diese
+nach Spanien übergewanderten Mauritanier waren Berber
+und Araber, Städte- und Landbewohner, vor und nach
+der Einwanderung und Vertreibung der Mohammedaner
+<a id="page-68"></a><span class="pgnum">68</span>aus Spanien, gab es in Nordafrika wie in Arabien Stadt-
+und Landbewohner, aber diese Stadtbewohner immer als
+eine besondere Abart mit dem Namen Moros, Maures,
+Mohren, den sie<i> selbst gar nicht kennen</i>, bezeichnen
+zu wollen, ist ebenso lächerlich, als wolle man bei
+uns z.B. sagen, die Einwohner von Berlin sind keine
+Deutsche oder Preussen, sondern Brandenburger. Wir
+müssen daher nochmal darauf aufmerksam machen, dass
+nicht nur die Bewohner von Tripolis, sondern die aller
+Küstenstädte bis Tanger an der Strasse von Gibraltar sich
+selbst Araber nennen und zum grössten Theile sind; wenn
+man aber darauf besteht sie Mohren nennen zu wollen, man
+diesen Ausdruck mit demselben Rechte auf alle Bewohner,
+welche das ehemalige Mauritanien bewohnen, ausdehnen
+kann, einerlei, ob es Stadt- oder Landbewohner, Berber
+oder Araber sind, denn Mohren oder Mauren als besonderes
+Volk hat es nie gegeben. Als eigenes Volk müssen
+wir noch die Juden, wenn auch nahe verwandt mit den
+Arabern, hervorheben, man trifft sie mit Ausnahme der
+Oasen, überall in den Städten und selbst im Djebel giebt
+es Judenniederlassungen. Ebenso falsch ist es unter
+&#8222;Beduinen&#8220; ein<i> besonderes</i> Volk annehmen zu wollen.
+Der Name Beduine von Bedui hergeleitet, hat nur das
+Wandernde in sich, will aber keineswegs bedeuten, ob
+dies nur ein wanderndes Berber- oder Araber-Volk sei.
+Im Rharb oder im Westen von Afrika kennt man überdies
+diesen Ausdruck gar nicht. Ausserdem giebt es
+<a id="page-69"></a><span class="pgnum">69</span>Schwarze aus dem ganzen Innern von Afrika, nirgends
+aber haben sie sich zu einer besonderen Gemeinde zusammen
+gethan, wenn man nicht die kleinen Hüttendörfer
+nennen will, welche man unter den Mauern von Tripolis
+und Bengasi findet und die meistens von Negern bewohnt
+sind; es ist dies aber meistens der Auswurf von weggelaufenen
+Sklaven und Sklavinnen und auch weisse Vagabonden
+finden sich unter ihnen.</p>
+
+<p>Wir werden nicht zu tief greifen, wenn wir die Gesammtbevölkerung
+von Tripolitanien auf 1 Million Menschen
+anschlagen.<a href="#FN-7" id="FNA-7"><sup>7</sup></a> Della Cella schätzte sie auf 650,000
+Seelen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zunahme der
+Bevölkerung in den mohammedanischen Staaten überhaupt
+nicht in dem wachsenden Maasse vor sich geht wie
+in den christlichen Staaten, andererseits Pest und Krieg
+in Anbetracht zieht, welche zehn Jahre das Land verwüstet
+haben, so wird man finden, dass die Zahl nicht
+zu niedrig ist.</p>
+
+<p>Die Bewohner Tripolitaniens sind sesshaft und umherziehend.
+Diese, welche entweder in grösseren Städten, die
+sämmtlich an den Küsten gelegen sind, wohnen, oder in
+kleineren Orten, in von Stein und Thon erbauten Häusern,
+oder aber wie im Djebel, in unterirdischen Höhlen,
+oder wie in manchen Oasen in aus Palmenzweigen gebauten
+Hütten, leben von Handel, Industrie, Manufactur,
+<a id="page-70"></a><span class="pgnum">70</span>Gartenbau und dem Acker. Die Nomaden, sämmtlich
+aus Arabern bestehend, wohnen in Zelten entweder einzeln
+oder zu einem Fareg oder Duar, d.h. Zeltdorfe
+vereinigt. Die Zelte bestehen meistens aus einem Gewebe
+von Ziegenhaar oft mit Kameelhaar untermischt und je
+nach dem Stamme sind sie verschieden geformt und
+haben sie verschiedene Abzeichen und Farben im Gewebe.
+Die Nomaden leben hauptsächlich von Viehzucht, treiben
+aber auch Ackerbau. Der Kreis ihrer Züge ist überhaupt
+ein beschränkter, nicht jeder Stamm kann mit
+seinen Heerden hingehen, wohin er will, von Alters her
+haben sie nach Uebereinkommen ihre bestimmten Grenzen
+unter sich, welche nicht übertreten werden. Aber
+eben da dies Alles nur auf Uebereinkommen und Herkommen
+beruht, brechen darüber oft Streitigkeiten aus,
+welche zu Krieg zwischen den Triben anwachsen. Obschon
+die Polygamie erlaubt ist, so sind doch fast alle
+Tripolitaner, selbst die Städtebewohner Monogamen. Das
+was man über die Stellung der Frauen bei den Arabern
+und Berbern im Allgemeinen gesagt hat, ist auch hier
+in Tripolitanien ebenso falsch und beruht auf oberflächlicher
+Beobachtung der Sitten. Die Frau hat allerdings
+nicht die hohe und berechtigte Stellung, welche sie in
+der christlichen Welt einnimmt, welche Stellung zum
+Theil durch den Mariencultus der katholischen und griechischen
+Kirche hergekommen, zum Theil in den Anschauungen
+unserer eigenen heidnischen Vorführen begründet
+<a id="page-71"></a><span class="pgnum">71</span>ist, indess ist sie doch keineswegs so unterdrückt,
+wie man nach den Beschreibungen der meisten
+Reisenden vermuthen sollte. Dass die Frau das Mehl
+reibt oder mahlt, dass sie Brod bäckt, dass sie die
+Basina und den Kuskussu zubereitet, endlich das nöthige
+Wasser für die Familie herbeiholt, wenn oft auf grosse
+Entfernungen, finde ich ganz natürlich; was aber die
+schwere Arbeit anbetrifft, der Ackerbau, die Ernte, die
+Viehzucht, so sehen wir damit ausschliesslich die Männer
+beschäftigt. Ebenso ist es in den Städten, die Maurerarbeiten,
+Tischler, Schlosser, Schmiede und überhaupt
+alle Handwerke werden von den Männern wie bei uns
+betrieben, während der Frau die häuslichen Arbeiten zufallen.
+Nur als besonders muss ich hervorheben, dass
+die Töpferarbeit in Fesan eine Frauenbeschäftigung ist.
+Dass aber im Allgemeinen die Frau bei den ansässigen,
+wie nomadisirenden Tripolitanern ebenso das Regiment
+führt wie bei uns, wird Jedem, der Gelegenheit gehabt
+hat, in mohammedanischen Familien eingeführt gewesen
+zu sein, bekannt sein.</p>
+
+<p>Von Natur sind die Tripolitaner, sowohl Berber als
+Araber, kriegerisch und stehen in dieser Beziehung keineswegs
+hinter den Algerinern, den tapfersten von allen
+an der Nordküste von Afrika zurück. Die eiserne Hand
+der Türken hat sie aber zahm gemacht, so dass jetzt
+vollkommene Ruhe und Sicherheit im Lande ist, nur in
+der sogenannten grossen Syrtewüste und in dem Hochlande
+<a id="page-72"></a><span class="pgnum">72</span>von Cyrenaica, wo die Herrschaft der Türken noch
+nicht so sicher etablirt ist, würde es für einen einzelnen
+Wanderer gefahrlich sein. In früheren Zeiten bedeutend
+fanatischer, wie man aus dem Reiseberichte von Lyons
+und später dem von Beechey, ersehen kann, hat auch in
+dieser Beziehung die Herrschaft der Türken, welche ja die
+duldsamsten von allen Mohammedanern sind, eine grosse
+Veränderung hervorgerufen. Die Tripolitaner sind heutzutage,
+die Rhadamser und Barkenser vielleicht ausgenommen,
+die duldsamsten Leute geworden. Namentlich in den
+Städten und dies gilt besonders von Tripolis, sind die alten
+Vorurtheile gegen Christen und Juden geschwunden. Die
+Mohammedaner huldigen in ganz Tripolitanien dem malekitischen
+Ritus, welcher auch offenbar für Nomadenvölker
+der bequemste ist. Malek gewährt den Leuten,
+welche nach seiner Weise beten, manche kleine Begünstigungen,
+so z.B. brauchen die Reisenden beim
+Gebet die Sandalen nicht abzubinden (Schuhe müssen
+jedoch ausgezogen werden) und da dies immer ein umständliches
+Zeit raubendes Geschäft ist, so sind ihm die
+Wüstensöhne dafür sehr dankbar. Dass übrigens von
+malekitischen oder hanbalitischen etc. Moscheen in Tripolitanien
+so wenig die Rede ist, wie anderwärts, brauche
+ich wohl kaum zu sagen. Hanbalitische&#8212;, Moscheen
+als Solche giebt es nicht. Alle vier rechten Religionssecten
+können in einer und derselben Moschee beten,
+ohne Unterscheidung und Unterbrechung hervorzurufen.
+<a id="page-73"></a><span class="pgnum">73</span>So beruht beim Beten der einzige Unterschied zwischen
+dem Hanefi und Maleki beispielsweise darin, dass erstere
+die Arme kreuzen, letztere, nachdem Allahou akbar gerufen,
+herabhängen lassen. So kommt es denn oft genug
+vor, dass der Vorbeter Hanefisch betet und alle Nachbeter
+Malekitisch das Gebet vollziehen und umgekehrt.
+Nur die Chomis oder nicht den vier rechtgläubigen Secten
+angehörenden Mohammedaner werden in keiner Moschee
+geduldet. An religiösen Gemeinschaften giebt es in Tripolitanien
+hauptsächlich drei, die Anhänger Mulei Thaib's,
+die Mádani oder Anhänger Mohammed el Mádani und
+die Anhänger Snussi's.</p>
+
+<p>Mulei Thaib, welcher sein Grab in Uezan in Marokko
+hat, wo er auch lebte und wirkte, hat die über
+ganz Afrika weitverbreitetste Brüderschaft gegründet.
+Aus dem Hause der Schürfa und directer Abkömmling
+von Mulei Edris, dem Gründer von Fes, stiftete ein
+anderer seiner Ahnen Mulei Abd Allah Scherif die berühmte
+Sauya von Uezan und zugleich auch einen Orden,
+der heute noch sehr zahlreich und berühmt in Marokko
+ist. Mulei Thaib, Abkömmling des Mulei Abd Allah Scherif,
+nicht zufrieden mit der localen Ausdehnung, erneuerte den
+Orden und gab ihm die grosse Ausdehnung, die er jetzt
+noch hat. In Marokko und Algerien sind die Klöster
+und Mkaddem<a href="#FN-8" id="FNA-8"><sup>8</sup></a> Mulei Thaib's unzählig, in Tripolitanien
+<a id="page-74"></a><span class="pgnum">74</span>gehören nur die Rhadamser der Confraterschaft
+Thaib's an, weiter nach Osten hat er nur noch einzelne
+Mitglieder<a href="#FN-9" id="FNA-9"><sup>9</sup></a>.</p>
+
+<p>Die Anhänger von Mohammed el Mádani sind wenig
+zahlreich; in diesem Orden sind fast nur gebildete Leute.
+Die Mitglieder dieser Innung sind ausschliesslich in Tripolitanien
+und einigen Ortschaften in Aegypten und Tunis.
+Ihr Gründer war ein Wahabite aus Arabien Namens Sidi
+el Arbi, flüchtig von seinem Vaterlande, zog er nach
+Fes und wollte eben seine neue Lehre dort begründen
+als er starb; einer seiner Jünger Mohammed el Mádani
+(d.h. der aus Medina gebürtige) setzte sein Werk fort
+und stiftete den Orden der Mádani. Aber auch in Fes
+wurde dieser freisinnige Orden nicht geduldet, ebenso
+wenig in Algerien, wo er sich im Jahre 1829 befand;
+gleichfalls von Tunis vertrieben, liess er sich in Mesurata
+in Tripolitanien nieder und konnte hier ungestört lehren
+und für die Ausbreitung seiner religiösen Innung sorgen.
+Von der eigentlichen Lehre der Wahabiten gänzlich abweichend,
+glauben sie an ein göttliches Wesen und an
+einen Rapport des Menschen mit Gott mittelst des Gebetes
+und einer sinnigen Betrachtung, die Einheit Gottes,
+die Unsterblichkeit der Seele, Strafe und Belohnung im
+zukünftigen Leben, ist die Basis ihrer Lehre und da dies
+<a id="page-75"></a><span class="pgnum">75</span>zugleich die Grundlagen der drei semitischen Religionen
+sind, so schliessen sie die Christen und Juden als befähigt
+in's Paradies zu kommen, nicht aus. Ohne Fanatismus
+predigen sie die Brüderlichkeit und Toleranz und
+obgleich auch sie auf Formen und Cultus halten, ist dies
+bei ihnen Nebensache und nicht unbedingt nothwendig,
+um eine Vereinigung mit Gott im jenseitigen Leben zu
+erzielen.</p>
+
+<p>Ganz das Gegentheil dieser vielleicht tolerantesten<a href="#FN-10" id="FNA-10"><sup>10</sup></a>
+von allen Mohammedanern wurde im Anfange der vierziger
+Jahre die Brüderschaft der Snussi gegründet. Si
+Mohammed Snussi in Tlemçen geboren, verliess vom glühendsten
+Hasse gegen die Franzosen und Christen sein
+Geburtsland und begab sich nach Fes, um dort auf der
+Hochschule von Karuin die Kenntnisse zu erwerben,
+welche er für nothwendig hielt einen Orden zu gründen,
+welcher hauptsächlich die immer mehr um sich greifenden
+Ideen und Gebräuche der Christen unter den Mohammedanern
+bekämpfen sollte. Nach einigen Jahren Aufenthaltes
+in Fesan und da er sah, dass dort die Gründung eines neuen
+Ordens, den anderen dort schon existirenden gegenüber
+keine Aussicht auf Erfolg haben würde, besonders da Si
+Mohammed kein Scherif, sondern bloss ein Thaleb war,
+<a id="page-76"></a><span class="pgnum">76</span>ging er nach Mekka, um seinen Ruf der Heiligkeit zu
+vermehren. Er schlug den Landweg ein durch die Wüste
+und berührte hiebei Barca und die Uah-Oasen. Frappirt
+von der Religionslosigkeit der dortigen Eingebornen, die
+blos dem Namen nach Mohammedaner waren, ersah er
+sogleich, dass hier die Gegend sei, wo er die Stiftung
+seines Ordens vornehmen müsse. Seinen Vorsatz nach
+Mekka führte er aus und ging dann nach Constantinopel,
+um sich einen Firman zu erwirken, damit die Localbehörden
+seinem Unternehmen keine Schwierigkeiten in
+den Weg legten. Nachdem er diesen erlangt hatte,
+kehrte er zurück und legte in Sarabub, dem westlichsten
+Theile der Jupiter-Ammonsoase eine Sauya an. Obgleich
+er nie den Zweck aus dem Auge verlor, die christlichen
+Ideen zu bekämpfen, war sein Hauptaugenmerk darauf
+gerichtet Filialsauya zu errichten, der Kreis seiner Anhänger
+vermehrte sich, Barca ist ganz dem Snussi unterworfen,
+ebenso Audjila und Djalo, in Kufra wurde ein
+neuer Ort gegründet und in Uadai, wohin sein Sohn
+selbst eine Reise machte, der Orden der Snussi als allein
+berechtigt, eingeführt, Kauar und Fesan halten ebenfalls
+zu den Gebräuchen der Snussi, aber im eigentlichen Tripolitanien
+wurde sein Orden nicht ausgebreitet, eine in
+Rhadames gestiftete Sauya musste 1864 wieder eingehen.
+Sein Sohn Sidi el Mabdi, welcher ihm 1860 nachfolgte,
+scheint nicht den Hass gegen die Christen zu haben,
+wie sein Vater, seine Hauptsorge scheint im Sammeln
+<a id="page-77"></a><span class="pgnum">77</span>von Reichthümern zu bestehen, was natürlich bei allen
+Orden immer die Hauptsache ist.</p>
+
+<p>Das Klima in Tripolitanien ist natürlich sehr verschieden:
+An der Küste hat dasselbe grosse Aehnlichkeit
+mit dem von Unterägypten und dürfte es an der grossen
+Syrtenküste noch heisser sein, auf den bewaldeten Bergen
+ist das Klima Süditaliens, jedoch ist bei Gebliwinde
+die Hitze viel intensiver. Im Winter ist es übrigens
+häufig, dass Frost und Reif auftreten. Die grössten Gegensätze
+finden sich wie überall in der Wüste in den
+tripolitanischen Oasen, im Sommer steigt das Thermometer
+bis über 45°, im Winter fällt es häufig unter
+Null. Ja an einzelnen Tagen beträgt der Unterschied
+oft 30°, so hat man in Fesan -4° Nachts beobachtet
+mit einer nachmittägigen Hitze von +24°. Im Winter
+ist an der Küste die Feuchtigkeit ebenso gross wie in
+Norddeutschland und auf den Bergen oft noch grösser,
+namentlich in Cyrenaica. In den Oasen ist selbstverständlich
+die Trockenheit der Sahara und selbst grosse
+Strecken feuchten Bodens wie in Fesan haben dem
+grossen Ganzen gegenüber keinen Einfluss. Während
+im Winter die Barometerschwankungen an der Küste
+stark und unregelmässig sind, bleiben sie im Innern,
+sowohl Winter wie Sommer unbedeutend und regelmässig.
+Ebenso ist es mit den Winden: im Winter, obschon
+dann Nordwestwind vorherrschend ist, durchlaufen die
+Winde oft in einem Tage die Rose, im Sommer sind
+<a id="page-78"></a><span class="pgnum">78</span>sie aber ganz gleichmässig, fast immer von 10 Uhr Morgens
+an, von Norden kommend und manchmal nur durch
+die meistens aus Südsüdost kommenden glühend heissen
+Gebli- oder Samumwinde unterbrochen. Im Allgemeinen
+kann man sagen, dass in Tripolitanien ein sehr gesundes
+Klima ist, am zuträglichsten ist jedenfalls die köstliche
+Luft Cyrenaica's und des Djebel, aber auch an den
+Küsten in Bengasi, Tripolis und den anderen Orten weiss
+man von Epidemien und Endemien nichts. So ist z.B.
+bis jetzt<i> nie</i> die Cholera in Tripolitanien gewesen und
+wenn in früheren Jahren die Pest aufgetreten ist, so
+rührt das jedenfalls durch Einschleppung und mangelhafte
+sanitätliche Polizeieinrichtung her. Neuangekommene
+Europäer haben in den Städten oft Leberleiden,
+meist aber aklimatisiren sie sich rasch. Entschieden
+ungesund ist das Klima in einigen Theilen von Fesan,
+wo die Sebcha oder Salzsümpfe in Verbindung mit
+faulenden organischen Substanzen im Sommer die
+bösesten intermittirenden Fieber hervorrufen.</p>
+
+<p>Tripolitanien, welches unter der türkischen Regierung
+ein Eyalet oder eine Provinz ist, hat 7 verschiedene
+Liva oder Nayet, welche unseren Kreisen oder Districten
+entsprechen. Die Zahl und Grösse derselben wechselt
+aber häufig nach der Laune des Muschir oder Grossgouverneurs.
+In den ersten Jahren wurden die Liva
+sogar vom Muschir besetzt, heute werden die Districtsgouverneure
+jedoch von Constantinopel aus angestellt,
+<a id="page-79"></a><span class="pgnum">79</span>in der Verwaltung jedoch sind sie dem Muschir
+Tripolitanten verantwortlich.</p>
+
+<p>Die verschiedenen Liva sind: 1. Tripolis selbst mit
+Umgebung (Mschiah. Tadjura etc.), 2. Choms, welches
+die westliche Syrtenküste begreift und die Gebirgslandschaft
+von Tarhona, 3. Sauya, die Landschaft westlich
+von Tripolis bis nach Tunisien, 4. Djebel, welches
+das ganze Gebirge südlich von Tripolis und Misda begreift,
+5. Rhadames mit einigen kleinen Oasen in der
+Nähe, 6. Fesan und 7. Barca, welches das ganze alte
+Cyrenaica und die Audjila-Oasen begreift. Dem Liva
+steht ein Kaiumakam vor, der meist auch den Titel
+Pascha hat, und die Liva sind wieder in verschiedene
+Mudiriate abgetheilt, denen ein Mudir vorsteht.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Tripolis.</h2>
+
+
+<p>Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel
+längerer werden, als ich Anfangs vermuthete; bei meiner
+Ankunft theilte mir Herr Rossi mit, dass Mohammed
+Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's
+bestimmt war von der Küste nach dem Innern die Geschenke
+zu übermitteln, in Fesan nicht aufzufinden gewesen
+wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich
+erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu
+Meheri in Tripolis eingeritten kam, so hatte ich doch
+<a id="page-80"></a><span class="pgnum">80</span>gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane zu
+sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan,
+der sich dort zu der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich
+später geschrieben, dass Dr. Nachtigal aus Cöln,
+welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre,
+die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu
+nun auch die Erlaubniss von Berlin aus nöthig war,
+fragte ich telegraphisch an und erhielt zur Sendung
+Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser
+nun auch rasch genug eintraf von Tunis, so war seine
+Ausrüstung doch nicht sobald gemacht, er musste wieder
+nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall
+Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane
+wirklich abgegangen, musste ich mich in Geduld fügen;
+jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal die Stadt recht
+gründlich kennen zu lernen.</p>
+
+<p>Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli
+(Beehey schreibt Tripoly), wir Deutschen aber richtiger
+nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis schreiben, weil
+gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen,
+überdies die heutigen Bewohner es auch mit einem s
+schreiben (<span class="arab"><img class="specialfont" src="images/trablis.png" alt="[arabisch: Trablis]"/></span> Trablis) ist nach dem Urtheile der
+besten alten Geographen, und der meisten neueren
+Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies
+unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten
+die Araber eine neue Stadt auf den Trümmern, der sie
+den Namen des ganzen Districtes gaben. Es ist kein
+<a id="page-81"></a><span class="pgnum">81</span>Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren
+Namen vor der barbarischen Invasion geändert hatten.
+Wir haben aber viele Beispiele, wo die Araber ganze
+Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft Stambul
+die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch
+dass Oea von den Alten nie als Hafen angeführt worden
+ist, ist kein stichhaltiger Grund, es kann vielleicht zu
+der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei
+Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort
+nach Osten hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen,
+dass meist dies das Ufer war.</p>
+
+<p>Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt,
+als der allerdings schöne vom Scipio Defritus (nach
+Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den Tagen von
+Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius
+Aurelius Verus errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen
+allein zeugt schon, dass hier eine Stadt gestanden
+haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien
+gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist
+von sehr sorgfältiger Arbeit aus riesigen Marmorquadern
+aufgeführt, aber über ein Drittel ist unter Anhäufung
+von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man
+grosse männliche und weibliche Figuren, welche allegorische
+Scenen darstellen oder geschichtliche Ereignisse
+repräsentiren. Die nach Norden zu angebrachte Inschrift
+ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze umbaut
+und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar
+<a id="page-82"></a><span class="pgnum">82</span>eine von einem Malteser gehaltene Schnapskneipe darin.
+Diese ist nun zwar entfernt, aber nicht etwa aus Pietät
+für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil
+ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken
+nur in einer gewissen Entfernung von einer
+Moschee angelegt werden dürfen und da hat man denn
+ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre
+lang nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma
+des Hadj Ali Gordji näher der Kneipe stände, als erlaubt
+sei und einfach wurde der Befehl zum Schliessen
+gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die
+Tholba der Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten
+und da der Inhaber der Schenke ohne sich selbst
+Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen wollte,
+so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen
+Grund, die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu
+schaffen. Tout comme chez nous, dachte ich, als der
+frühere Besitzer mir dies erzählte.</p>
+
+<p>Andere Alterthümer darf man höchstens noch in
+den Djemmen suchen, auch sieht man an vielen Strassenecken
+eingemauerte Säulen oft mit corinthischen Capitälern,
+um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren.
+Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine
+Art von Altarstein mit einem Sperberbilde im nördlichen
+Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis dem blossen Auge
+bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der
+frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines
+<a id="page-83"></a><span class="pgnum">83</span>Hauses in der Mschia dort einige kostbare Glasurnen
+fand, die jetzt auf dem britischen Museum in London
+sind.</p>
+
+<p>Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült,
+im Norden und Osten. Fast fünfeckig werden die anderen
+drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben, nach
+der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch
+und steil, obschon heute so baufällig, dass man sie mit
+Flintenkugeln zusammenschiessen könnte. Früher hatte
+die Stadt zwei starke Forts, am nordöstlichen Eck das
+sogenannte spanische, welches im Jahre 1863 explodirte
+und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon
+seit Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut
+worden ist. Zwei detachirte Forts, von denen das eine
+im Norden der Stadt auf einem Felseilande gelegen unter
+dem Namen des französischen, das andere östlich am
+Strande der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens
+beherrschend und das englische genannt wird, sind vollkommene
+Ruinen. Aus dieser Beschreibung wird man
+ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch
+recht stattlich und stark aussieht, nichts weniger als
+stark ist. Früher nur mit zwei Thoren versehen, von
+denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai öffnete,
+das andere im Süden nach der Mschia hinausführte,
+hat man jetzt neben dem Südthor noch ein anderes und
+auch durch den Westwall ein viertes Thor durchgebrochen.
+Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom
+<a id="page-84"></a><span class="pgnum">84</span>spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der
+Küste parallel lautenden Riffe, der Stadt und der Küste
+gebildet, so dass nur die Seite nach Osten offen bleibt. Mit
+geringer Mühe könnte er zu einem der geräumigsten und
+sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint
+auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich
+etwas dafür gethan werden soll. Man kann nicht läugnen,
+dass nach der jetzt erfolgten Durchstechung des
+Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis
+und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen.
+Augenblicklich ist der Hafen nur für kleinere Schiffe
+zugänglich, Schiffe von mehr als 10 Fuss Tiefgang
+müssen auf der Rhede ankern.</p>
+
+<p>Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von
+denen das nordwestlichere mehr von den Juden, das
+östliche also am Hafen gelegene, von den Christen bewohnt
+wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha,
+hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander
+mit Christen und Mohammedanern wohnen.
+Die Strassen in Tripolis sind breit und reinlich (natürlich
+immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen
+Städten) und einige hat man in letzter Zeit
+sogar angefangen zu pflastern und mit Laternen zu versehen.
+Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens dieses
+Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich
+zu denen in Tunis, Blaquière geht sogar so weit
+zu behaupten, die Stadt könne, was Bauart der Häuser
+<a id="page-85"></a><span class="pgnum">85</span>und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen
+europäischen Städten, am mittelländischen Meere als
+Muster dienen. Die Häuser der Mohammedaner haben
+meistens ein Stockwerk, sind von aussen reinlich geweist
+und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte
+ist in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener
+Gang mit doppelten Thüren von der Strasse aus
+führt, so dass ein Fremder, wenn auch die Thüren offen
+stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen
+kann. In diesem Gange sind immer steinerne Bänke
+angebracht, wo der Hausherr geschäftlichen Besuch
+empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses
+sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte
+Fenster nach der Strasse. Die Zimmer öffnen
+sich alle auf den Hof durch hohe maurisch gewölbte
+Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen
+Zimmer öffnen sich auf eine Gallerie, welche inwendig
+im Hofe herunterläuft und dem unteren Hofe zugleich
+Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben
+wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen
+Kaufleute und Beamten sind vollkommen europäisch
+möblirt. Die Häuser der reichen Juden unterscheiden
+sich in Nichts von denen der Europäer und die der
+ärmeren Juden in Nichts von denen der Mohammadaner,
+nur dass sie noch schmutziger sind. In jedem Hause,
+auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das süsse
+Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für
+<a id="page-86"></a><span class="pgnum">86</span>den Consum des Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da
+für Waschungen, oft auch zum Kochen benutzt, in jedem
+Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches Wasser
+hat.</p>
+
+<p>An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss
+des Paschas, ein unregelmässiges Gebäude ohne jede
+Schönheit in der Architectur, eine Kaserne und Harem,
+sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden.
+Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine
+durch Schönheit aus, auch nicht die neue von Hadj Ali
+Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle aber sind
+im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt,
+von denen namentlich die am Ssuk el turk
+befindliche herrliche Monolithen aus Porphyr hat. Die
+christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine katholische
+und eine griechische. Mit der katholischen ist ein
+Kloster verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins
+der ältesten Klöster, die koptischen in Aegypten ausgenommen,
+in Afrika und seine Entstehung datirt von der
+Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche
+haben eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung,
+ein Theil von ihnen versieht den Gottesdienst
+und andere sind Handwerker. Der Vorsteher des Klosters,
+der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und
+Gewalt. Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf
+eine Subvention von 20,000 Francs pro Jahr und Sporteln,
+welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit dem
+<a id="page-87"></a><span class="pgnum">87</span>Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den
+Schwestern von St. Joseph geleitet wird. Im Hospitale
+werden Kranke jeden Glaubens aufgenommen. Die Türken
+haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb der
+Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke
+aufnehmen kann und unter Umständen auch Civilpersonen
+geöffnet ist. Für europäische Fremde ist ein Gasthaus
+vorhanden, welches indess selbst für die, welche mit bescheidenen
+Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen
+übrig lässt. Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks
+sorgen für das zeitweilige Unterkommen der Mohammedaner.
+Es giebt keine eigentliche Bazars in Tripolis,
+doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf
+dem Stuk el turk, hauptsächlich für Taback, Opium,
+Kaffee und feinere Sachen gesorgt, in anderen Strassen,
+wie el Kessariah, werden hauptsächlich einheimische Stoffe
+und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der Schreiner,
+Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen
+Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische
+Kaufläden, wo Alles zu haben ist. Drei Pharmacien
+sorgen für die Bedürfnisse des kranken Publikums, zwei
+öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche
+Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt
+zu werden. Ordnung und Sicherheit in der Stadt
+wird durch Polizisten aufrecht erhalten, obschon man
+sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts,
+wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist
+<a id="page-88"></a><span class="pgnum">88</span>eine Hauptwache, Douanenwache und Schlosswache vorhanden,
+und alle Thore immer mit Doppelposten versehen.
+Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich
+el bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht,
+ist sein Posten doch einer der einträglichsten. Der
+jetzige Schich el bled ein gewisser Ali Gergeni soll, da
+er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten
+gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle
+europäischen Nationen mit Ausnahme der deutschen
+sind durch Consulate vertreten, von diesen haben die
+Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener Generalconsulate.
+Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so
+mögen gegen 18,000 Seelen in Tripolis<a href="#FN-11" id="FNA-11"><sup>11</sup></a> sein, von denen
+3000 Christen und 4000 Juden sind. Die Christen sind
+der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und Griechen,
+alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien
+vertreten.</p>
+
+<p>Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich
+vom Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu
+Jahr aus, obschon die Türken nichts thun ihn zu heben.
+Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen einen
+Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von
+diesen sind fast dreiviertel unter otomanischer Flagge
+<a id="page-89"></a><span class="pgnum">89</span>fahrend, und die übrigen gehören ihrer Wichtigkeit nach
+der italienischen, englischen, Jerusalemer<a href="#FN-12" id="FNA-12"><sup>12</sup></a>, französischen,
+griechischen und österreichischen Flagge an. Da die
+Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als
+(z.B. ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt
+von ca. 30,000 Tonnen. 400 Schiffe würden
+also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern
+ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen
+gerechnet, gleichkommen. 400 Schiffe importiren und
+exportiren durchschnittlich für 5,250,000 Fr. an Werth,
+die Importation übertrifft aber in der Regel die Exportation.</p>
+
+<p>Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind:
+Korn, Oel, Früchte (Datteln, Orangen und Citronen),
+rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte Felle, Butter,
+Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven,
+etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron,
+Schwämme und Manufacturwaaren: als Matten, Körbe,
+Teppiche. Wenn wir annehmen, dass diese einen Gesammtwerth
+von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde
+das Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen,
+<a id="page-90"></a><span class="pgnum">90</span>dann Oel, Elfenbein, Sklaven, Goldstaub, Wolle und
+Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein. An importirten
+Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und
+Mahmudi von England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe,
+Kram- und Esswaaren, Kaffee, Zucker, Färbestoffe, Wein
+und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz, Metalle,
+Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren,
+Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber
+(in Form von 5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler),
+Uhren, Möbeln und andere Manufacturgegenstände. Von
+diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und Seidenstoffe
+die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und
+Esswaaren, Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein.</p>
+
+<p>Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen
+am Mittelmeere in folgendem Verhältnisse: Malta 8/16,
+die Levante und Alexandrien 3/16, Livorno und Italien 2/16,
+Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16.</p>
+
+<p>Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt
+wird, sind zwei grosse Märkte wöchentlich vor den
+Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore und Freitags
+vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen
+dann hier zusammen aus der ganzen Regentschaft, und
+diese Tage bieten gewiss eins der bedeutendsten und interessantesten
+Bilder afrikanischen Lebens, das man sich nur
+denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich
+verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate,
+so dass jeder Europäer Kenntniss davon hat.
+<a id="page-91"></a><span class="pgnum">91</span>Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin mit
+120 Thaler, eine Fullo mit 150&#8211;160 Thaler und eine
+Tscherkessin mit 300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche
+sind zu dem Preise von 70&#8211;90 Thaler zu
+haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr
+von 2708 Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend,
+für das Jahr 1850, während Testa für dasselbe
+Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem Gesammtwerthe
+von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf
+200 Fr., was jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein
+junger Bursche in Mursuk oft schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler
+bezahlt wird). Es scheint aber als
+ob jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen
+Generalconsulate sollen ergriffen werden.</p>
+
+<p>Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali
+Riza Pascha ein Algeriner, ist im Ganzen ein Mann
+von Bildung, aber obschon er recht gut französisch
+spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist,
+so hat er doch lange nicht das Humane, und ein so
+gutes Administrationstalent wie sein Vorgänger Mahmud
+Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von
+Tripolis Kaputan Pascha oder Marineminister geworden,
+welchen Platz er auch noch heute im türkischen Reiche
+ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich erzogen
+worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass
+verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt
+war. Später als er einsah, dass er nicht gegen
+<a id="page-92"></a><span class="pgnum">92</span>den Strom schwimmen konnte, schickte er durch Vermittlung
+der französischen Botschaft in Constantinopel
+seinen Sohn auf die Artillerieschule nach Frankreich, wo
+Ali Riza Pascha sich das Officierspatent erwarb und
+dann gleich darauf in türkische Dienste trat. Da er
+seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm
+hier Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte
+er schon den Rang eines Mareschals. Sein Charakter
+ist seltsam gemischt, so theilte er z.B. Morgens Almosen
+aus an fanatische Druische, welche Spottlieder
+auf die Christen und christliche Religion sangen, und
+ging Abends auf einen Ball oder in eine Gesellschaft,
+die irgend ein europäischer Consul gab. Er versuchte
+einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber
+seine Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen
+kleinen Thurm mit einer Uhr bauen lassen, und eine
+Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die Araber
+sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als
+Abzeichen einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen
+Mohammedanern) errichten lassen, verbot er jedem bei
+Gefängnissstrafe das Wort &#8222;Glocke&#8220; zu gebrauchen, und
+in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren
+immer einige Individuen im Gefängniss, welche sich des
+Wortes Glocke<a href="#FN-13" id="FNA-13"><sup>13</sup></a> unvorsichtigerweise bedient hatten.</p>
+
+<p><a id="page-93"></a><span class="pgnum">93</span>Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der
+Schich el bled Ali Gergeni, aber beide hüteten sich
+wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu lassen.
+Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels
+wohl mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen
+Thür ein Gitter hatte, von wo aus sie alles sehen konnten,
+ohne bemerkt zu werden. Sobald ein europäischer
+Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu
+fehlen.</p>
+
+<p>Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch
+von Cyrenaica. Wenn schon die Alten
+unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca. 640
+Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen
+Bomba, unter Battus niederliessen, so war Ali Riza
+Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er ging Anfangs
+1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition
+gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial,
+Lebensmitteln etc. beladen waren, nach Bengasi und
+von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren
+zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose
+Leute aus Tunesien, welche die Hungersnoth nach Tripolitanien
+getrieben hatte, und dann Leute aus Sauya,
+Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten.
+Für den Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha
+dadurch zu sorgen, dass er jedem Familienvater einige
+Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit, eine
+pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich,
+<a id="page-94"></a><span class="pgnum">94</span>also einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler),
+Getreide um eine Aussaat zu machen, dann von der
+Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische
+Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln
+begleiteten ihn.</p>
+
+<p>Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner,
+den Nomadenhang der Araber, ihren unabhängigen
+Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die Frage,
+ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird.
+Die Hauptsache aber, woran das ganze Unternehmen
+scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl der Oerter, wo
+Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die
+Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk
+die einzigen guten, natürlichen Häfen an der ganzen
+Küste zwischen Alexandrien und Goletta sind, wo
+Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und
+immer im Winter bei schlechtem Wetter war dies auch
+die einzige Zufluchtsstätte für dort in der Gegend auf
+hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali Riza
+Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später
+übersehen zu haben, dass bei Bomba und Tabruk gar
+kein fruchtbares Hinterland ist, sondern gleich Wüste,
+die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar keine
+Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst
+nur Viehzucht zu treiben. Und einen Ort an<i> dieser</i>
+Küste, mit<i> solchen</i> Menschen, unter<i> solchen</i> Verhältnissen
+emporblühen zu sehen, erscheint mehr als
+<a id="page-95"></a><span class="pgnum">95</span>zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier
+nicht möglich war, zwang die Griechen diesen Ort zu
+verlassen, um dann in der Nähe am Apolloquell die
+berühmte Cyrene zu gründen.</p>
+
+<p>Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft
+die Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so
+liegen uns aus Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon
+Streitigkeiten mit den dort nomadisirenden Arabern ausgebrochen
+seien, hauptsächlich des Süsswassers wegen,
+das auch nur spärlich vorhanden ist.</p>
+
+<p>Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter
+recht rege, obschon es sehr durch die Rivalitäten
+der verschiedenen Consulate gestört wird, im Winter
+1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den
+Aufenthalt von Alexandrine Tinne und später des Baron
+von Maltzan. Alexandrine Tinne, die kühne holländische
+Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis
+eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und
+bereitete sich vor, ins Innere zu gehen. Wie immer
+auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie sich endlich
+doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen,
+hatte aber auch schon damals die Absicht, nach Rhat
+zu gehen, um die dort hausenden Tuareg zu besuchen.
+Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken abzubringen,
+sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen,
+einer der Chefs der Tuareg, vor Jahren mit Colonel
+Mircher eine Art von Vertrag gemacht hätte, sie vollkommen
+<a id="page-96"></a><span class="pgnum">96</span>sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden
+reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene
+grossen französischen aus Eisen gemachten Wasserkisten
+nicht mitzunehmen, welche allerdings für die
+französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein
+mögen, aber für einen einzelnen Reisenden die grösste
+Gefahr herbeiziehen, weil sie eben die Raubsucht der
+wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu
+bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen,
+statt jener Algeriner und Tuniser, auf deren Treue sie
+gar nicht bauen konnte, und welchen sich merkwürdigerweise
+eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt
+hatte. Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen,
+oder glaubte die Gefahren in den Gegenden, die sie vor
+hatte zu bereisen, geringer als sie in der That sind.
+Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen,
+Juden und Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit
+ihres dortigen Aufenthaltes eine Freundin geworden,
+sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und
+mit kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie
+Tripolis nie wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine
+mit denen ihrer einzigen beiden treuen Diener im
+weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei
+Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben.
+Friede sei ihrer aller Asche.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2><a id="page-97"></a><span class="pgnum">97</span>Leptis magna.</h2>
+
+
+<p>Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen
+Dampfer, welche das ferne Alexandria und das
+noch weitere Constantinopel täglich mit Triest und
+Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei
+hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer
+zu nennen, der Messagerie Imperiale, dem österreichischen
+Lloyd und der Peninsular and Oriental Company,
+kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea&#8212;und
+warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der
+ganzen Nordküste von Afrika keine einzige Stadt, welche
+auch nur im allerentferntesten einen Vergleich mit den
+blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa
+eingehen könnte.</p>
+
+<p>Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird
+durch das kleine Dampfschiff Trabulos Garb, welches
+dann und wann nach Malta fährt, unterhalten. Es ist
+aber so schwach, dass es das geringste Unwetter scheuen
+muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder
+des Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den
+Launen dieses Mannes ab, das Boot gehen zu lassen,
+oder nicht.</p>
+
+<p>Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt,
+da der Dampfer des schlechten Wetters wegen nicht
+auslaufen konnte; um aber dennoch wieder Abwechslung
+und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen,
+<a id="page-98"></a><span class="pgnum">98</span>beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort,
+welcher namhafte Sehenswürdigkeiten bietet auf der
+langen Strecke von Tripolis nach Bengasi.</p>
+
+<p>Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir
+auf. Ich hatte alle Kameele des Königs zur Verfügung,
+sowie die Leute, welche mit der Karawane nach Bornu
+abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed
+Gatroni, der auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen
+war und der einen weissen Meheri ritt, welchen
+ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk gemacht
+hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum
+Barths, der Timbuktu gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale
+durchzogen hatte, war hieher gekommen, um die
+Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu
+begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth
+war er eine Zeitlang mit Hrn. v. Beurmann gereist, und
+hatte schliesslich mich durch die grosse Wüste bis
+Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im
+Sommer 1867 meine sämmtlichen Kisten allein durch
+die Sahara zurückgebracht. Als der König von Preussen
+beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern,
+und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die
+gute Behandlung, die der Sultan von Bornu den deutschen
+Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann und mir, erwiesen
+hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die
+Geschenke zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe
+über ihn von Mursuk einliefen, wurden, wie schon angeführt,
+<a id="page-99"></a><span class="pgnum">99</span>die Anerbietungen des Dr. Nachtigal, eines am
+Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als Ueberbringer
+der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen.
+Kaum war dieser in Tripolis eingetroffen, als auch der
+alte Gatroner ankam, es war somit die beste Sicherheit
+vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden.
+Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht
+von Malta angekommen, und darin bestand der Hauptgrund,
+um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser
+Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu
+aus weiter nach dem Innern vorzudringen, so wollte ich
+ihn natürlich nicht zu einer Abreise ohne Instrumente
+drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat
+verloren ging.</p>
+
+<p>Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu
+erreichen, welches zwar nur 6 Kilometer von Tripolis
+entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung von
+5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen
+Consuls uns hinlänglichen Comfort geboten hätte.
+Vielmehr mussten wir um 5 Uhr Abends bei bedecktem
+Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir
+hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich
+zwischen der Mschia und Tadjura befindet.</p>
+
+<p>Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern,
+denn bald brach ein solcher Regen über uns aus, von
+den heftigsten Windstössen begleitet, dass uns in einem
+Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden.
+<a id="page-100"></a><span class="pgnum">100</span>Der Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein
+Wiederaufschlagen nicht zu denken war, und die Dunkelheit
+verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich die Häuser
+nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter
+die umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu
+erwarten.</p>
+
+<p>Unter diesen Umständen war andern Tags an einen
+regelrechten Marsch nicht zu denken, sondern mit Tagesanbruch
+gingen wir in die Wohnung des italienischen
+Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um
+unsere Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz
+des Consuls befindet sich ganz am Südrande der
+Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl als
+die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt,
+auf welchem oft zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln.
+Tadjura selbst ist eigentlich mit der Mschia und
+dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine
+und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von
+Sahel und Mschia unterschieden, als die Bewohner der
+beiden letztgenannten Orte gar keine Abgaben von ihren
+Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura
+von jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten
+müssen. Die Befreiung der Mschia und des Sahel ergiebt
+sich daraus, dass die männliche Bevölkerung kriegspflichtig
+ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie
+vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in
+Tadjura vom türkischen Gouvernement auf nur 80,000
+<a id="page-101"></a><span class="pgnum">101</span>angegeben wird, so liegt dabei der Umstand zu Grunde,
+dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den
+Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt
+eine eben so grosse Zahl<i> nicht</i> gezählter Bäume, von
+denen natürlich auch die Abgabe, 2½ Piaster, erhoben,
+aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man wird
+nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen
+in Tadjura auf 200,000 angiebt.</p>
+
+<p>Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um
+die Zelte trocknen zu lassen und andere Dinge auszubessern;
+aber von da an hatten wir wenigstens günstiges
+Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen
+Weges aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten
+Tage nach unserm Abgange von Tadjura dicht beim
+Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse
+des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba
+Sidi Abd el Ati's campirten.</p>
+
+<p>Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed
+Bei's, des Gouverneurs von Choms, welcher gerade von
+Tripolis gekommen war, wo er bei seinem Schwiegervater,
+dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die
+Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte
+nun gleich: ich solle in Choms oder Lebda nicht
+Zelte schlagen, sondern in seinem Hause wohnen, und
+ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig
+angenehm und sicher in Lebda das Campiren ist, mit
+Freuden sein Anerbieten an. Er brach dann vor mir
+<a id="page-102"></a><span class="pgnum">102</span>auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in
+Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen.</p>
+
+<p>Da es noch früh am Tage war, so ging ich gleich
+mit dem Photographen nach der Ruinenstätte, um im
+Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus
+Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends
+nach Sonnenuntergang in die Wohnung Hamed Bei's
+zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen, und
+besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren
+doch nur zu zweit bei Tisch, d.h. er und ich, eine so
+glänzende Erleuchtung spendete. Da waren auf den
+Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch
+selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste
+war, dass mein Wirth einen ausgezeichneten
+Tischwein führte, und selbst mit Maass und Anstand zu
+essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer
+und Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der
+Zahl, so abgerichtet, dass sie selbst nach jedem Gange
+die Bestecke und Teller wechselten. Einer von ihnen
+war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass
+er in Uniform aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr
+eifersüchtig darüber wachte, dass alles europäisch zuging,
+gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder
+Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht
+alles nach seiner Meinung fränkisch zuging. Dass nun
+in der Reihenfolge der Gerichte, in ihrer Zubereitung
+selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen vorkamen,
+<a id="page-103"></a><span class="pgnum">103</span>kann man sich leicht vorstellen: leben doch in
+Tripolis die Europäer selbst eher türkisch als europäisch
+in ihren Gesellschaften.</p>
+
+<p>In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken
+kennen, gerade aber ihn hatten die Tripolitaner
+aus der nächsten Umgebung des Pascha's zu
+entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er
+als Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher
+als die meisten Beamten, war er, sagt man, namentlich
+dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von Tripolis,
+ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst
+seiner Freunde, des Personals des französischen Consulates,
+seine Entfernung von Tripolis verlangt. Man
+muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach
+unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann
+gewesen sei; die Leute in Choms erzählten mir sogar,
+dass er allein bei den Abgaben von den Oelbäumen das
+Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen),
+und als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der
+untern Beamten, einem Abgabensammler, zusammentraf,
+fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den letzten Tagen
+etwa 18,000 Mahbub&#8212;ein Mahbub ist etwas mehr als
+ein preuss. Thaler&#8212;bei den Abgabensammlungen profitirt
+habe. Dabei lobte merkwürdigerweise der Abgabensammler
+Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken,
+dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst
+nicht auch sein Profitchen gemacht habe, was er zwar
+<a id="page-104"></a><span class="pgnum">104</span>in Abrede stellen wollte, indess sicher der Fall war.
+Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen
+und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar
+keine Administration denken können; Civilisation, rechtliche
+Verwaltung sind auch überdies schon bei Völkern
+unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen;
+wer heutzutage noch glauben kann, die Völker
+civilisiren zu wollen, welche dem Islam huldigen, der
+komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und Tunis,
+und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen
+Staaten sind heute noch dasselbe, was sie vor hundert
+Jahren gewesen, d.h. zu einer Zeit, wo die sogenannten
+Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren. Man
+kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht
+zu civilisiren sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung
+keine Civilisation erlaubt. Würden wir Europäer vielleicht
+nicht in demselben Fall sein, wenn wir zufällig
+uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für
+ganz andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu
+anderen Bedürfnissen passte? Denn sicher wird man
+nicht behaupten wollen, dass die Sitten und Bedürfnisse,
+die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der
+Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie
+sie es jetzt sind im Jahrhundert des Telegraphen und
+des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns ist unser
+Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum
+der ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe
+<a id="page-105"></a><span class="pgnum">105</span>nach Abessinien oder besuche die Copten oder andere
+Völker, die streng an den Satzungen der Kirche festgehalten
+haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist.</p>
+
+<p>Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden
+Tage vier Ansichten von Lebda auf: das südliche
+Stadtthor, die südliche Front der grossen Basilika, die
+Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen
+Wohnung des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht
+vom Hafen, der freilich jetzt ganz versandet ist.</p>
+
+<p>Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen
+hatten, höchstens um einige Säulenstümpfe ärmer, die
+der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali Riza Pascha,
+von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit
+seine Anlagen zu verunzieren.</p>
+
+<p>Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung
+Lebda's auf einmal oder nach und
+nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl beides
+annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis
+magna fand Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so
+mit Sand überschüttet, dass er die Wiederherstellung
+aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder
+Oststadt verwendete<a href="#FN-14" id="FNA-14"><sup>14</sup></a>; es muss also ein aussergewöhnlicher
+Orkan geherrscht haben, der nach der Zerstörung
+durch die Vandalen diesen Stadttheil mit aufgewühltem
+Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme fügen noch
+<a id="page-106"></a><span class="pgnum">106</span>immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen,
+wo ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil,
+die eigentliche Hauptstadt, verschwunden sein wird.</p>
+
+<p>Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher
+Zeit aus dem Meere geworfen worden sind, so ist vor
+Zeiten die ganze grosse Aregformation in der Sahara
+ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer
+Forscher<a href="#FN-15" id="FNA-15"><sup>15</sup></a> gänzlich unhaltbar, dass die Dünen
+der Wüste ein Zersetzungsproduct von Felsen seien.
+Lebda nun, wie es sich uns heute zeigt, bildet drei
+Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf
+beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die
+Haupthälfte sich auf dem linken Ufer befand, während
+auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu sein scheinen;
+nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort,
+scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte
+zugleich die des Hafens gewesen zu sein. Wenigstens
+fällt die Südseite des Forts auf der rechten Flusszunge
+direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais,
+woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der
+Schiffe vorhanden sind, und Treppen, welche zum Hafen
+hinabführten; jetzt natürlich steigt man mittelst der
+Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden.
+Diese Altstadt enthält fast allein die öffentlichen
+Gebäude: als Paläste, Kirchen, das Forum etc.,
+aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand überschüttet.</p>
+
+<p><a id="page-107"></a><span class="pgnum">107</span>Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was
+Barth als <span class="greek">&#960;&#8057;&#955;&#953;&#962;</span> oder Altstadt bezeichnet, dies wirklich
+gewesen sei. Ich glaube vielmehr, dass die westliche
+Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden
+Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet
+auf dieser Landspitze&#8212;die auch viel zu eng ist, um
+nur zwei Reihen von Häusern aufzunehmen, mögen wir
+uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch
+so beschränkt denken&#8212;gar keine andere Spur von
+Gebäuden, als solche, die auf Vertheidigung und Schutz
+hindeuten, und gerade eben die drei Ueberreste von
+Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt
+trennen, deuten darauf hin, dass hier das eigentliche
+Reduit lag. Die kolossalen Quaderbauten nach dem Meere
+zu sind vollkommen gut erhalten, leider erlaubte der
+Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom
+Meer aus in die untere Partie des Forts münden, zu
+besuchen; das Meer peitschte mit solcher Gewalt seine
+schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es unmöglich
+war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist
+übrigens nach dem Meere zu durch eine starke Quadermauer
+geschützt.</p>
+
+<p>Westlich von der Altstadt findet sich nun ein Ruinenfeld,
+welches fast bis nach Choms hinreicht. Von diesem
+Ort ausgehend, stösst man auf einen fast 50' hohen
+Obelisken, aus Sandstein erbaut, gut erhalten, der wahrscheinlich
+ein Grab ziert. Die zahlreichen Grundmauern
+<a id="page-108"></a><span class="pgnum">108</span>von Privatwohnungen und einige öffentliche Gebäude
+deuten an, dass hier eine &#8222;Neustadt&#8220; war; eine Mauer
+scheint dieselbe nicht umgeben zu haben.</p>
+
+<p>Aus den Beschreibungen der Alten geht übrigens
+hervor, dass Leptis wenigstens vor der Römerherrschaft
+schlechtweg den Namen Neapolis führte. Nach Sallust
+von den Sidoniern gegründet, welche Unruhen halber
+ausgewandert waren, entstand die Stadt unter dem Namen
+Leptis an dem Orte, wo wir die jetzigen Ruinen
+vor uns haben, ungefähr zur Zeit als Cyrene schon aufgehört
+hatte, von Königen regiert zu werden, sich aber
+zu einer Republik constituirt hatte.</p>
+
+<p>Scylax kennt die Stadt dann nur unter dem Namen
+Neapolis und Strabo und Ptolemäus schreiben, &#8222;Neapolis
+auch Leptis genannt&#8220;. Unter den Römern erhielt sie
+den einheimischen Namen zurück, und wurde magna
+genannt, im Gegensatz zu Leptis bei Carthago.</p>
+
+<p>Leptis magna musste eine sehr reiche Stadt sein,
+da sie, wie Livius anführt, täglich ein Talent Silber als
+Abgabe an Carthago zahlte. Im Kriege der Römer mit
+Jugurtha hielt sie zu ersteren, wurde daher sehr begünstigt
+und erhielt die Rechte und Begünstigungen
+einer Colonie, als solche kennen sie Plinius und Ptolemäus
+noch nicht, auf den Peutinger'schen Tafeln ist sie
+aber als Colonie gezeichnet.</p>
+
+<p>Kaiser Severus that ausserordentlich viel für die
+Stadt, aber bei dem Einbruche der Ausurianer ging sie
+<a id="page-109"></a><span class="pgnum">109</span>fast ganz zu Grunde, und der spätere theilweise Wiederaufbau
+unter Justinian vermochte ihr ihre alte Blüthe
+nicht wieder zu geben. Im siebenten Jahrhundert fiel
+sie dann ein Opfer der hereinbrechenden Araber, um
+nicht wieder von ihren Ruinen und den sie deckenden
+Sanddünen zu erstehen.</p>
+
+<p>Die eigentliche spätere Neustadt befand sich indess
+auf dem rechten Ufer des Lebda durchschneidenden Flusses,
+und hat einen sehr ausgedehnten Umfang, auch ist
+noch überall die Grundmauer ihrer Umgebung deutlich
+wahrzunehmen. In späteren Zeiten war sie indess wohl
+der Hauptsitz der Bevölkerung, da Septimus Severus seinen
+Palast sich dort erbaute. Gleich östlich von diesem
+Stadttheile zieht sich dann die Nekropole nach SO. hin,
+von der Wasserleitung durchschnitten, welche im Hafenquai
+selbst mündete.</p>
+
+<p>Das besterhaltene Denkmal ist der Hippodrom von
+Leptis magna, und für eine Provinzialstadt war er sicher
+einer der grössten und prächtigsten<a href="#FN-16" id="FNA-16"><sup>16</sup></a>. Ganz am Ostende
+aller Baulichkeiten von Lebda gelegen, zieht er sich dicht
+am Meere hin, derart, dass die eine Wand durch das
+Ufer, also natürlicherweise, gebildet wird, während die
+andere der ganzen Länge nach durch einen grossartigen
+Steinbau, welcher zugleich das Meer abhält, begrenzt wird.</p>
+
+<p>Das ganze Stadium ist derart angelegt, dass auf eine
+innere Länge von 550 Schritten das Westende mit einem
+<a id="page-110"></a><span class="pgnum">110</span>Tempel anfängt, dessen mächtige Grundmauern noch
+erhalten sind. Von diesem Tempel bis zur Spina sind
+200 Schritte: es war dies der Raum zum Ablaufen,
+Aphesis genannt. Die Spina selbst, überall 5 Schritte
+breit, beginnt mit einem Rundtempel, halben Durchmessers,
+aber nur die Basis dieses Tempels, durch einen
+Zwischenraum von der Spina getrennt, ist noch vorhanden.
+In der Mitte der Spina befand sich ein anderer
+Tempel, 120 Schritte vom ersten entfernt. Ueberhaupt
+haben beide Häfen einen wahrscheinlich überdachten
+Säulengang gehabt, wenigstens finden sich überall die
+Spuren eines Säulenganges, sowie zahlreiche Säulenüberreste.
+Beide Hälften der Spina sind mit Durchgängen
+versehen. Dem Rundtempel gegenüber befindet sich am
+andern Ende der Taraxippos, oder das Umkehrzeichen,
+in Form eines Halbkreises von der Spina getrennt. Der
+Hippodrom scheint mit keiner Rundung abgeschlossen
+zu haben, aber auf der äussersten östlichen Wendung,
+wo die künstliche Mauer mit dem natürlichen Erdwall,
+der auch steinerne Sitze hatte, zusammenstösst, befindet
+sich ein solides pyramidenartiges Gebäude, das vielleicht
+eine Statue trug.</p>
+
+<p>Gleich südlich vom Stadium erhob sich das Amphitheater,
+es ist aber nichts weiter davon übrig, als die
+kreisrunde Einsendung in den Boden, welche theils natürlich,
+theils künstlich ist.</p>
+
+<p><a id="page-111"></a><span class="pgnum">111</span>Ich habe mich darauf beschränkt nur eine allgemeine
+Uebersicht der Topographie der Stadt zu geben, da mit
+Ausnahme des Hippodroms eine Beschreibung der einzelnen
+Gebäude, ohne sie vorher vom Sande befreit zu
+haben, unmöglich wäre. Beim Photographiren der Basilika
+hatte ich indess noch das Glück, eine Inschrift zu
+entdecken, die, wenn auch nicht von besonderem Interesse,
+doch neu ist; auch konnte ich mehrere Gemmen
+kaufen, sowie einige Münzen. Hamed Bei hatte sogar
+die Freundlichkeit, mich auf einen nahe liegenden Berg
+führen zu lassen, wo er eine Inschrift entdeckt hatte.</p>
+
+<p>Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne
+Frühstück fortlassen wollte, verlor ich meine Karawane.
+Ich hatte sie nämlich schon am Morgen früh fortgeschickt,
+und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch
+am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die
+Inschrift sich befand, erst Nachmittags herunterkam,
+überfiel mich beim Weiterreiten schnell die Nacht, und
+unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich
+ich mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich
+so oft ich Wachtfeuer erblickte, wollte es mir nicht gelingen,
+den Lagerplatz meiner Leute ausfindig zu machen,
+und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den
+ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter
+konnte, musste ich mich endlich entschliessen, ein anderes
+Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt meine
+Karawane längst hinter mir gelassen haben.</p>
+
+<p><a id="page-112"></a><span class="pgnum">112</span>Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und
+schickte meinen Neger dorthin, ein Nachtlager zu erbitten.
+Es fand sich, dass nicht weit vom Weg ein einzelnes
+Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's
+gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit
+keine Rede, die Leute waren so arm, dass sie nicht
+einmal eine Matte besassen, und wenn nicht ein beständig
+unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich
+ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen
+Zelte verbreitet hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten
+haben. Man kann sich leicht denken, dass das
+Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel:
+etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit
+meinem Wirth aus einer Schüssel mit den Fingern ass,
+war alles, was zu haben war. Mein armer Esel fuhr
+noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben.</p>
+
+<p>Die armen Leute, von der türkischen Regierung
+ganz ausgesogen, hatten übrigens ihr Möglichstes gethan,
+und so nahm ich am folgenden Morgen mit Dank von
+ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte
+reichlich an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt
+hatte. Denn dem Araber selbst Geld für seine Gastfreundschaft
+anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte gewesen.
+Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte
+gar nicht mehr von der Stelle, und nachdem ich einige
+Stunden zu Fuss marschirt war&#8212;den Esel liess ich
+<a id="page-113"></a><span class="pgnum">113</span>durch meinen Neger treiben&#8212;war ich froh, als ich
+in einem Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen
+aufgeschlagen worden, ein Pferd zur Weiterreise miethen
+konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein besseres
+Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den
+Stand, noch an demselben Abend Tadjura, freilich etwas
+spät, zu erreichen, und hier kehrte ich im Landhause
+des italienischen Consuls ein, denn auch mein Pferd
+wollte nicht mehr weiter.</p>
+
+<p>In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda
+bedeutend weiter, als man nach den Karten glauben
+sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die Strecke
+sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken
+Dünen, auf denen Thiere und Menschen bald ermüden.
+Am andern Morgen früh war es nur noch ein Spazierritt
+bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane,
+der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am
+folgenden Morgen einzutreffen; die Kameele hatten sich
+auf dem Wege ebenso gut gehalten, wie die Leute.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Bengasi.</h2>
+
+
+<p>Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen,
+weil ich vermuthete, dass bei dem schönen Wetter der
+Dampfer rasch von Malta zurückkommen würde, und ich
+<a id="page-114"></a><span class="pgnum">114</span>keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der
+Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war
+das Dampfschiff noch nicht angekommen, ja ein von
+Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass das Schiff
+erst nach Ende des Carnevals abgehen würde.</p>
+
+<p>Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener
+Soldat) nach Lebda geschickt, mit einem Briefe des
+Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise nach Tripolis
+nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt.
+Es that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit
+aus der Hand gegeben hatte, noch mehrere
+interessante Ansichten von Lebda photographiren zu
+lassen.</p>
+
+<p>Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte
+Dampfer an, und nun konnte, da seit langem alles vorbereitet
+war, die Karawane abgehen.</p>
+
+<p>Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act
+unter preussischer Aegide seitens Deutschlands in Tripolis
+vorgenommen wurde. Wenn auch in früheren Zeiten
+fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden
+Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie
+Barth, Overweg und Vogel, durch Englands Gelder ausgerüstet,
+und von der englischen Regierung abgeschickt,
+als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann
+und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen
+privaten Charakter gehabt; wenn auch bei meiner
+Reise nach Bornu der König von Preussen sich mit
+<a id="page-115"></a><span class="pgnum">115</span>einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so
+war nie von einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.<a href="#FN-17" id="FNA-17"><sup>17</sup></a>
+Ganz anders war es jetzt: Dr. Nachtigal ging
+mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem Auftrage,
+der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn
+von Norddeutschland war übermittelt worden. Sein
+Abgang musste daher mit einer gewissen Feierlichkeit
+stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue norddeutsche
+Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem
+Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo
+bis jetzt nur die englische und die Bremer Flagge war
+gesehen worden. Die schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so
+hoffen und wünschen wir, von hier noch weiter getragen
+werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder
+atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der
+Zeit unseres Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten
+mit Aufmerksamkeiten aller Art überhäuft worden.
+Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern temporären
+Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.</p>
+
+<p>Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher
+sämmtliche Consuln und die angesehensten Familien der
+Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein. Die
+Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande
+<a id="page-116"></a><span class="pgnum">116</span>der Mschia aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck
+lagen daneben. Fast alle kamen unserer Einladung nach,
+auch das türkische Gouvernement hatte sich durch Hammed
+Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch
+einen in Wien erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im
+Generalstab, vertreten lassen. Dort am Ende des Palmwaldes,
+am Anfange der Sanddünen, wurde nun den Tripolitanern
+ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff
+des Essens nach arabischer Manier hergerichtet war,
+d.h. in gerösteten Hammeln und enorm grossen Kuskussu-Schüsseln
+bestand; aber auch Wein, freilich nicht
+von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit
+auf den König Wilhelm vom holländischen Generalconsul,
+sodann die auf die glückliche Ueberkunft der
+deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter
+allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich
+kamen dann auch noch die Tripolitaner Stadtmusikanten,
+eine Flöte, eine Harfe, eine Geige und eine
+Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen,
+ein Platz war bald gefunden, an Walzern und
+Polka's nicht fehlte.</p>
+
+<p>Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber
+der Stadt und Umgegend diesem, für sie nie gesehenen
+Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie uns alle
+für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie
+früher Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und
+nie weiter nach Norden in Afrika gekommen war als
+<a id="page-117"></a><span class="pgnum">117</span>Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle
+nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, &#8222;in scha
+Allah.&#8220;</p>
+
+<p>Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren
+ersten Marsch an, nachdem sie Nachts am Rande der
+Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen sie
+bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach
+der Stadt zurück, und hatten somit die Aufgabe, die
+Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu von
+Tripolis aus abzusenden, gelöst.</p>
+
+<p>Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden,
+um nach Bengasi zu kommen, denn der Weg um die
+grosse Syrte war durch die lang anhaltenden Regen ganz
+unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen
+ihn mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer
+der Syrte befanden sich in dem Zustande, wie sie von
+Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind.
+Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die
+Landschaft südlich von der grossen Syrte habe den
+Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und Ableitung von
+Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck
+&#8222;surtis&#8220; von &#8222;surein&#8220; ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie
+auf den Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen
+um die Zeit der hohen, durch den Nord- und Nordwestwind
+hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese
+Zeit eine Reise um die grosse Syrte machen wollte,
+würde rettungslos in die Tiefe gezogen werden, falls er
+<a id="page-118"></a><span class="pgnum">118</span>nicht einige nur den Eingebornen bekannte Pfade, die
+hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das,
+was wir auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste
+bezeichnen, keineswegs Desertum, sondern das
+fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren
+Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss
+zu seiner Länge wenig interessantes, wenn man nicht
+von einzelnen Punkten Excursionen in's Innere machen
+wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die
+Küste anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann
+hoffen auf diesem Wege neues zu bringen, falls man
+über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen
+hatte.</p>
+
+<p>Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt
+machen, so konnte ich blos an Segler denken, aber selbst
+bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14 Tage unterwegs
+sind, war es einer Landreise gegenüber, welche
+nicht unter 35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende
+Zeitersparniss; bei günstigem Winde segelt man
+blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich sehr
+gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis,
+eine Brigg im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte,
+aber er wollte sie nur gleich absegeln lassen, wenn ich
+die ganze Cajüte miethen würde. Gross und comfortabel
+war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer.
+Indess ohne Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem
+hatte ich für fünf meiner Leute zu zahlen und für
+<a id="page-119"></a><span class="pgnum">119</span>meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig Tage
+Proviant einnehmen.</p>
+
+<p>Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März,
+einige Tage nach dem Abgange der Karawane des Königs,
+mit allen meinen Leuten an Bord gehen, und am andern
+Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem
+Hafen. Die Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf
+dem Decke lungerten 40 bis 50 zerlumpte Araber, Juden,
+Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber, Frauen,
+Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren
+werthlosen Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen
+und Kisten und Kasten. Von der Cajüte aus
+sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu
+bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck.</p>
+
+<p>Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie
+war auch so niedrig, dass man nur ganz gebückt sich
+darin halten konnte, hatte ausserdem drei Cojen, Tische
+und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe selbstverständlich,
+sie hätten auch schwerlich Platz gefunden,
+dennoch gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen.
+Und besser, als ich gedacht hatte, ging die
+Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas Sturm,
+etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser
+Reis (Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich
+an der Küste zu halten, fuhren wir geraden Wegs nach
+Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer ausser Sicht
+verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land,
+<a id="page-120"></a><span class="pgnum">120</span>und bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt,
+welche sich von weitem recht stattlich ausnahm. Viel
+trugen freilich das Fort an der einen Seite, die Palmengärten,
+die schmucken europäischen Häuser, und im Hintergrunde
+die bläuliche Bergkette dazu bei.</p>
+
+<p>Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht
+davon kommen. Schon hatten wir einen Lootsen an
+Bord, und derselbe hatte das Commando übernommen,
+als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das
+Schiff aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig
+tief, dass wir überall Grund sehen konnten, wir waren
+auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage des Lootsen
+noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das
+Schiff ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen
+Umständen der Fall sein, aber überladen,
+wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief. Grosses
+Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge,
+jeder schrie und commandirte, aber niemand gehorchte.
+Und schon glaubte ich, es würde beim &#8222;Gott ist der
+Grösste, nur bei Gott ist Hülfe&#8220;, sein Bewenden haben,
+als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der
+noch der Vernünftigste von allen war, liess nun gleich
+fast alle Passagiere debarquiren, und dann rasch einen
+Theil der Ladung nachfolgen, so wurden wir nach kurzer
+Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen
+hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt.</p>
+
+<p><a id="page-121"></a><span class="pgnum">121</span>Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den
+debarquirenden Passagieren an's Land geschickt, um
+Quartier zu suchen, und die alsbald auf den Consulaten
+als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man
+meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es
+denn auch, so kamen der englische und französische
+Consul an Bord, um mich abzuholen, und gleich darauf
+waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude
+untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher,
+Herrn Denys, als Consul vertrat, nahm
+uns mit der liebenswürdigen Gastfreundschaft auf, welche
+im Auslande Engländer und Franzosen so sehr vor den
+andern Nationen auszeichnen.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der
+Ausrüstung begonnen; es waren Kameele, Sättel,
+Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den
+Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von
+allen Reisenden für das berühmte Silphium gehalten)
+und vor allen der nothwendige Proviant zu schaffen.
+Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen,
+Kameele zu miethen; ich fand die Preise aber
+so in die Höhe getrieben, dass ich mich entschloss,
+welche zu kaufen, und dies habe ich später auch keineswegs
+zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch
+noch die Zahl der Diener um einige erhöhen, aber
+andererseits war ich dafür Herr meiner Karawane und
+meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei
+<a id="page-122"></a><span class="pgnum">122</span>dem reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica
+alles grünte und blühte, die Kameele sich so
+halten würden, um sie nach beendeter Reise mit nicht
+allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu
+können. Fünf gute Kameele wurden mir also durchs
+französische Consulat eingekauft, alle anderen Einkäufe
+besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst
+wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche
+eines Landes mächtig ist, ist es für einen Fremden
+immer am gerathensten, sich dergleichen durch Ansässige
+besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien
+ausgesetzt sein.</p>
+
+<p>Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers
+aufs Tapet: in Bengasi war man der Ansicht, ein Europäer
+könne sich unmöglich allein in die Cyrenaica hineinwagen,
+das Ansehen der türkischen Regierung sei
+überall gleich Null, die Gegend voller Räuber und
+Strolche, und ohne Begleitung eines einflussreichen Chefs
+sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den vereinigten
+Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben
+zu müssen, und zwei Männer, einer von den
+Franzosen, der andere von den Engländern protegirt,
+kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren,
+Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie
+zu bieten schien. Obschon Fremdling in der Gegend,
+war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und
+hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten
+<a id="page-123"></a><span class="pgnum">123</span>Chefs von Barca geheirathet. Er war reich, hatte
+mehrere Häuser in Bengasi und war unter andern Besitzer
+des englischen Consulates. Gegen die geringe
+Miethe von 90 Mahbab jährlich lautete der vor Jahren
+abgeschlossene Contract, mit dem Beisatz, dass so lange
+das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat
+habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände;
+an ein Kündigen von Seiten des Aduli war gar nicht
+zu denken. Dergleichen Miethscontracte wurden von
+den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen
+Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast
+alle Europäer so gemiethet, jetzt sind die Mohammedaner
+gescheidter.&#8212;Sein eigentliches Zeltdorf, oder, wie man
+in Barca sagt, &#8222;Freg&#8220;, war dicht bei Gaigab, also auch
+nicht weit von der alten Cyrene selbst gelegen.</p>
+
+<p>Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli
+derselbe war, der Hammilton nach Cyrene begleitet
+hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen
+ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er
+später auch mehreremale Denys begleitet und war bei
+Porcher und Smith thätig gewesen, so kann ich doch
+nur die Erfahrung Hammiltons: &#8222;Mohammed serving
+his own, utterly neglected my interests&#8220; bestätigen. Der
+Aduli schien eine solche Reise nur zu seinem eigenen
+Vortheile zu machen; der zu escortirende Reisende war
+für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine
+Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte
+<a id="page-124"></a><span class="pgnum">124</span>er dadurch noch seinen Einfluss bei Türken und Arabern.
+Hernach stellte sich auch heraus, dass die Gegend gar
+nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar diebisch,
+würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen
+Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen
+das Leben eines Europäers zu unternehmen.</p>
+
+<p>Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte
+mich von Seiten der Europäer der zuvorkommendsten
+Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen Consulate,
+die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern
+und Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und
+wetteiferten, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich
+zu machen. Aber auch die türkische Behörde, obschon
+der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht
+eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend.
+Sie bot mir Saptién und Empfehlungsbriefe
+an, da man indess auf dem englischen Consulate der
+Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen
+wegen eher schädlich als nützlich sein würde,
+so lehnte ich dankend das Anerbieten ab. Auch dies
+war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht, das
+türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall
+respectirt; übrigens wäre die Mitnahme von Saptién,
+wenn auch nicht schädlich, doch ganz überflüssig gewesen.</p>
+
+<p>Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden
+hat sich Bengasi bedeutend gehoben und gebessert.
+<a id="page-125"></a><span class="pgnum">125</span>Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf 2000 an,
+während della Cella früher schon 5000 vorgefunden
+haben will. Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton
+deren 10&#8211;12,000, vertheilt auf 1200 Häuser.
+Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben,
+von denen 2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener
+und Griechen. Die übrigen Eingebornen theilen sich
+in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2 bis
+3000 Juden.</p>
+
+<p>Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem
+Heiligen Namens Ben Ghasi oder Ben Rhasi hat, dessen
+Grabmal sich unfern der Stadt im Norden befindet,
+liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden
+nach Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im
+W. vom Mittelmeere selbst, im O. von Lagunen bespült
+wird. Eine andere gegen die nördliche strebende von Süden
+her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten
+das Thor zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser
+mit den Lagunen der flachen Salzsee communicirt. Bei
+Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den Seen
+eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus.
+Der Hafen ist so versandet, und überdies bei starken
+Stürmen so unsicher, dass im Winter die Schiffe Bengasi
+nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren. Im
+Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz.
+In diesem Jahre sind Ingenieure von Constantinopel
+gekommen, um neue Hafenbauten aufzuführen,
+<a id="page-126"></a><span class="pgnum">126</span>und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung
+des Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss
+ausüben wird. Mit einigen kräftigen Baggermaschinen
+und mit zweckmässig angelegten Landungsdämmen
+wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein
+guter Hafen herstellen lassen.</p>
+
+<p>Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel
+zur Verschönerung der Stadt gethan; während früher
+die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines Thurmes
+entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes,
+schlankes Minaret bauen lassen, das schon von weitem
+den Schiffern vom Meer aus die Stadt Bengasi verkündet.
+Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant
+und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung.
+Und die Hauptsache ist, dass alle Waaren vorhanden
+sind; in der That giebt es heute keinen Artikel, der
+nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der
+Stadt sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem
+gerade und für den Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser
+sind solide aus Steinen gebaut, und auch äusserlich
+die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr
+viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die,
+welche in dem letzten Decennium von den Europäern
+oder türkischen Beamten gebaut worden sind, die innere
+Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein
+viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit
+Thüren und Fenstern, welche sich auf den Hof öffnen.
+<a id="page-127"></a><span class="pgnum">127</span>Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser aber, welches
+man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch.
+Die Häuser der Europäer, auch alle mit einem freien
+Hofraum im Innern versehen, haben geräumige hohe
+Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie
+man ihn nur in Europa wünschen kann. Drei grössere
+Moscheen, zwei Synagogen und eine katholische Kirche
+sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen
+bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften
+im Innern viele römische und griechische Alterthümer
+vermauert sein, leider wurde es mir nicht erlaubt, eine
+zu besuchen.</p>
+
+<p>Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen
+Gottesdienst dient ein grosser Saal des Klosters) wird,
+wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen gebaut werden,
+nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen
+Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen
+Quadern von Kalkstein und im romanischen Styl errichtet.
+Diese fleissigen Franciscaner, erst vor wenigen
+Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis als Filiale
+nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung
+der Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht
+beim Kloster ist auch das von ihnen erbaute Hospital
+der französischen Schwestern, welche zugleich eine
+Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an
+Arme ohne Unterschied der Religion von den Arabern
+die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt werden.
+<a id="page-128"></a><span class="pgnum">128</span>Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen
+in Tripolis.</p>
+
+<p>Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im
+Anfange dieses Jahrhunderts ein Castell erbaut, das zugleich
+die Mündung des Hafens schützen soll. Aber obgleich
+äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig
+und würde europäischer Artillerie, einerlei, ob
+neuester oder älterer Construction, keinen Widerstand
+entgegensetzen können. In diesem Castell hat die Regierung
+ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem,
+Casernen, Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse
+Caserne, es sind in der Regel nur 500 Mann Infanterie
+in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das
+türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die
+Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch
+die Direction nicht mehr von einem deutschen Arzte,
+wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so ist dieselbe
+jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen
+Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen
+Zustand von Stadt und Hafen zu wünschen
+übrig.</p>
+
+<p>Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger,
+jedoch von Constantinopel ernannter Kaimmakam vor,
+welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet Barca,
+dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite
+stehen für die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti,
+für die richterlichen ein Khadi, welche ihre Ernennung
+<a id="page-129"></a><span class="pgnum">129</span>von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath aus den
+vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in
+neuester Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende
+Stimme. Die Stellung der Europäer der türkischen
+Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen
+Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und
+Ausgaben von Bengasi und Barca auch nur annähernd
+anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken überdies
+sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze
+steht, oder je nachdem man Razzien, um den Tribut
+von den Nomaden einzuziehen, unternimmt. Die verschiedenen
+zu erhebenden Abgaben werden, wie in Tripolis,
+an Meistbietende verpachtet, und Christen und
+Juden sind davon nicht ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in
+der Nähe des Hafens, die Mohammedaner und Juden
+wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den
+meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden
+ein eigenes Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass
+es an zahlreichen Kaffeehäusern, sowohl europäischen
+wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von Schenken
+schlechte griechische und sicilianische Weine, starke
+Araki und Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum
+angeführt zu werden. Bei den öffentlichen Gebäuden
+haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das
+aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich
+die verschiedenen erwärmten Stuben fehlen, welche
+<a id="page-130"></a><span class="pgnum">130</span>zu den heissen Bädern so nothwendig sind. Da das
+Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen
+zu den Bädern geholt wird, diese aber stark brakisch
+sind, und nur zum Viehtränken benutzt werden können,
+so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt.
+Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und
+Girben (Schläuchen) von aussen weit hergeholt, und
+macht so den Einwohnern eine grosse jährliche Ausgabe.</p>
+
+<p>Die Einwohner, Araber ihrer Abkunft nach, haben
+sich sehr stark mit Negerblut vermischt, sind daher
+sehr hässlich im Ganzen genommen. Möglicherweise
+sind auch Berberüberreste mit untermengt, sie verstehen
+und sprechen aber nur arabisch, und zwar haben sie
+den maghrebinischen Dialekt; auch im Schreiben hat
+bei ihnen das <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/qaf-1dot.png" alt="[Arabic]"/></span> q nur einen Punkt, und das <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/feh-lowdot.png" alt="[Arabic]" /></span> f den
+Punkt unten. Sie befolgen den malekitischen Ritus,
+obschon in der Hauptmoschee, wo hauptsächlich das
+türkische Beamtenpersonal vertreten ist, hanefitisch gebetet
+wird. Sie sind fanatischer als die Tripoliner (man
+unterscheidet Tripoliner, den Städter, vom Tripolitaner,
+dem Bewohner der ganzen Provinz), was hauptsächlich
+seinen Grund darin hat, dass sie so häufig mit den
+freien, unabhängigen Bewohnern der Hochsteppen verkehren,
+überdies sind sie unwissender, und noch nicht
+in so innigen Beziehungen mit den Europäern, als die
+Tripoliner. Ihre Tracht ist die der übrigen Tripolitaner,
+aber auch hier verdrängt nach und nach das mehr
+<a id="page-131"></a><span class="pgnum">131</span>zum Arbeiten geeignete europäische Costüm das malerische,
+aber die freien Bewegungen hindernde, orientalische.
+Ein reicher arabischer Kaufmann hält es heute
+für unumgänglich nothwendig, französische Glanzstiefelchen
+zu tragen, und ein Paletot ist nichts seltenes mehr,
+auch haben die meisten schon ihr weites Hemd gegen
+ein europäisches vertauscht. Was nun gar die arbeitende
+Classe anbetrifft, ich meine die Diener, Taglöhner
+der Stadt und die am Hafen beschäftigten Maschapsträger,
+so ist da die enge Hose, ein europäisches, wo
+möglich buntes Hemd, und, wenns erschwungen werden
+kann, europäisches Schuhzeug, ganz eingebürgert; nur
+der leidige Fez will sich noch immer nicht verlieren.</p>
+
+<p>Man glaubt aber nicht, welche Revolution bei diesen
+Völkern ein Kleiderwechsel macht, und gewiss hat
+die türkische Regierung bei den Reformen Recht gehabt,
+ihren Beamten als ersten Schritt zur Civilisation vorzuschreiben,
+europäische Kleidung anzulegen. Sie hat
+dadurch dem Volke ein tägliches und sichtliches Zeichen
+gegeben, dass sie gewillt ist, mit den alten Sitten und
+Gebräuchen zu brechen und europäische Einrichtung
+und Gesetze anzunehmen. Bei diesen Völkern ist alles
+nur äusserlich, ihre ganze Religion ist nur äusserliches
+Ceremonienwesen, und man kann sich denken, wie hart
+es für die mohammedanischen Mucker war, mit ansehen
+zu müssen, dass die vornehmen Leute, die Beamten,
+ja der Beherrscher der Gläubigen selbst, christliche
+<a id="page-132"></a><span class="pgnum">132</span>Kleidung anlegten. Welche Anzahl von Vorschriften
+und Gesetzen hatten sie nicht früher, um die Juden
+und Christenhunde zu verhindern, sich wie sie, die
+Rechtgläubigen, zu kleiden? Ja in einigen mohammedanischen
+Staaten, Marokko z.B., existiren dergleichen
+Gesetze noch heute. Die Franzosen aber, diese Araberbewunderer
+en gros, haben sicher grosses Unrecht, dass
+sie ihren arabischen Beamten in Algerien nicht von
+vornherein befahlen, französische Uniform anzulegen.
+Sie hätten dadurch die Schafe von den Wölfen am
+besten unterscheiden lernen können. Ein Beduinenchef
+in der Provinz Oran, diesem ewigen Krater der Revolution
+und des Krieges, der mit Vergnügen monatlich
+als Agha oder Kaid aus den Händen der französischen
+Regierung seinen Gehalt entgegennimmt, bis er glaubt
+genug zu haben, um zu revolutioniren, ein solcher Beduine
+würde sich eher erschiessen, als französische
+Uniform anziehen, aber dann fort mit ihm! Und nur
+solche angestellt, die, wenn sie besoldet sind, sich auch
+nicht schämen, die Jacke ihrer Herren zu tragen. Mit
+diesem einfachen Mittel würden die Franzosen alle ihre
+Araberchefs zwingen, Farbe zu bekennen. Aber nein,
+die französische Regierung thut gerade das Gegentheil,
+um dieser Bevölkerung, welche eben ihrer Religion
+wegen sich nie civilisiren kann, zu schmeicheln, steckt
+sie ihre eigenen Soldaten unter dem pomphaften Namen
+Zouave in türkische Pumphosen.</p>
+
+<p><a id="page-133"></a><span class="pgnum">133</span>Die Frauen haben mehr ihre nationale Tracht bewahrt.
+Ob sie auch so hässlich sind, wie die Männer,
+konnte ich wegen meines kurzen Aufenthalts nicht erfahren;
+die jungen Mädchen, welche bis 8 oder 9 Jahren
+unverschleiert auf der Strasse sich zeigten, sahen nicht
+viel versprechend aus.</p>
+
+<p>Ganz anders verhält es sich mit den Juden, Männer
+und Frauen sind durchgängig schön zu nennen. Ob
+dies noch die Abkömmlinge der hier im Alterthum so
+zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden,
+aber nicht unwahrscheinlich. Sie selbst haben
+keine Erinnerung oder Ueberlieferung; es ist übrigens
+sehr gut möglich, dass sich in ihren alten Chroniken
+Andeutungen davon finden, aber die eingeborenen Juden
+sind auch viel zu fanatisch, um einem Fremden einen
+Blick in ihre synagogischen Bücher zu gestatten.
+Wir wissen, dass unter der römischen Herrschaft die
+Juden allein das Recht hatten, Geld ausser Land zu
+schicken, ihren Tribut nach Jerusalem. Heute wiederholt
+sich noch ähnliches, zwar schicken die Juden das
+Geld nicht mehr nach Jerusalem, aber dieses sendet
+von Zeit zu Zeit Rabbiner durch die Welt, welche sammeln
+müssen. Auf unserer Fahrt von Tripolis leistete
+uns ein solcher Jerusalemer Rabbiner Gesellschaft; er
+hatte in Tripolitanien gesammelt und wollte dann sein
+Geschäft in Bengasi und Derna fortsetzen, er war noch
+dazu mein Landsmann, denn obschon in der Stadt
+<a id="page-134"></a><span class="pgnum">134</span>Davids geboren, war er Unterthan des norddeutschen
+Bundes.</p>
+
+<p>An Gärten besitzt Bengasi nur einen Palmhain, der
+sich nordwärts von der Stadt hinzieht. Obst und Gemüse
+gedeihen sehr schlecht, und um sie nur einigermaassen
+wachsen zu machen, sind die Gärten alle auf
+Matten gebettet. Das heisst, man hat das jetzige Terrain
+weggegraben, Matten gelegt und dann Dünger und
+guten Boden aufgetragen. Die Matten sollen offenbar
+einestheils das Aufsteigen des Salzwassers, anderntheils
+das Durchsickern der fruchtbaren Düngerjauche verhindern,
+und müssen daher immer erneuert werden. Ob
+sie aber diesen Zweck damit erreichen, habe ich nicht
+gut absehen können. Die Palme gedeiht an und für
+sich gut in salzhaltigem Terrain, ebenso die Olive, wie
+einige prächtige Bäume im englischen Consulate beweisen.
+Obst dagegen, namentlich Orangen, die gar
+nicht fortkommen wollen, und Gemüse können fast gar
+nicht gezogen werden. Alles Obst und Gemüse kommt
+daher von Derna, Candia, Malta und Tripolis. Sehr
+gut gedeiht aber noch Klee und Luzerne; die fruchtbare
+Ebene, die sich etwas weiter weg um die Stadt
+zieht, versorgt mehr als reichlich die Stadt mit Vieh
+und Korn.</p>
+
+<p>Was den Handel anbetrifft, so hebt sich derselbe
+zusehends. In den letzten Jahren war der Hafen durchschnittlich
+von 300 Schiffen besucht. Natürlich beschränkt
+<a id="page-135"></a><span class="pgnum">135</span>sich die Schifffahrt fast nur auf das mittelländische
+Meer, und grössere Schiffe als Zweimaster kommen nie
+nach Bengasi. Es lässt sich nicht leugnen, dass der
+wieder angeknüpfte Verkehr mittelst Karawanen nach
+Uadai dazu beigetragen hat, den Austausch mit dem
+Innern von Afrika zu beleben. Die grosse Menge von
+Sklaven, welche von dort kommen, abgesehen von dem
+Elfenbein und den Straussenfedern, werden hauptsächlich
+hier gegen europäische Producte verwerthet. Es
+ist überhaupt erstaunlich, wie in den letzten Jahren der
+Sklavenhandel schwunghaft betrieben worden ist, und
+hauptsächlich trug der Umstand dazu bei, dass den
+englischen Consulaten, die früher die einzigen von allen
+in dieser Angelegenheit den Türken und Arabern den
+Fuss auf den Nacken hielten, die Weisung von Constantinopel
+aus zugegangen war, so viel wie möglich
+sich der Einmischung zu enthalten. In diesem Jahre
+nun hat die Botschaft Englands in Stambul neuen Befehl
+gegeben, streng über die Verträge gegen den
+Sklavenhandel zu wachen. Die Consulate der anderen
+Mächte bekümmern sich gar nicht um dergleichen.</p>
+
+<p>Ueber die Aus- und Einfuhr liegen keine statistischen
+Nachweise vor, beide steigen jedoch von Jahr zu
+Jahr, so dass man die Exportation jetzt auf etwa
+1,500,000 Fr., die Importation auf 1,000,000 Fr. veranschlagen
+kann. Ausgeführt wird besonders Korn,
+Schafe, Rindvieh, Federvieh, Butter, Wolle, Eier, Honig,
+<a id="page-136"></a><span class="pgnum">136</span>Häute, Elfenbein und Straussenfedern. Nach Aegypten
+werden auch alljährlich viele Kameele exportirt, deren
+Zucht in den grossen Ebenen südlich von Bengasi ganz
+vortrefflich gedeiht. Der Import umfasst alle europäischen
+Fabrikate, Tuche, Baumwollstoffe, schlechte Seiden
+und Sammetstoffe, Nürnberger Waaren, Lichter, Seifen
+und Oele, südliche Weine und Alcohol, Früchte und
+Gemüse. Theils bleibt dies für den Consum in der
+Stadt, theils wird die Waare von hier weiter nach dem
+Innern expedirt.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluß.</h2>
+
+
+<p>Wenig nur ist heute von diesem alten Sitze der
+Hellenen übrig, an dem Meere sich hinziehende Quaderbauten,
+in den Häusern verbaute Steine, Capitäler von
+Säulen, Schafte ohne Capitäler, Sarkophage, einige verstümmelte,
+schlecht erhaltene Statuen (zu Barths Zeit
+wurden drei ausgegraben), das ist es, was im heutigen
+Bengasi vom alten Euesperides oder Berenice noch zu
+finden ist. Aber selbst Reste einer Necropolis sind nur
+spärlich vorhanden, hie und da kleine Hypogeen, welche
+ursprünglich Steinbrüche gewesen zu sein scheinen, und
+dann erst später zu Todtenkammern weiter ausgearbeitet
+wurden, ist alles was in der nächsten Umgebung von Bengasi
+<a id="page-137"></a><span class="pgnum">137</span>an Bauüberresten vorliegt. Höchst wahrscheinlich
+bestatteten hier die Bewohner ihre Todten in freien Sarkophagen,
+da das Terrain für in Felsen gearbeitete Gruben,
+wie man sie bei Cyrene, bei Ptolemais und Temheira
+findet, sich nicht als passend erwies. Auch
+begruben vielleicht die Juden, und diese machten seit
+Beginn dieses Jahrtausends die Hauptbevölkerung von
+Berenice aus, ihre Todten wohl nicht wie die übrigen
+Bewohner Cyrenaicas, und was daher weniges an Sarkophagen
+und anderen Grabmonumenten oberhalb des
+Bodens vorhanden gewesen sein dürfte, wurde längst als
+Baumaterial verschleppt.</p>
+
+<p>Als die alten Griechen den Apolloquell von Cyrene
+entdeckt hatten, breiteten sie sich rasch über das ganze
+Land aus, und höchst wahrscheinlich wurde Euesperides,
+eine der fünf Städte, welche die Pentapolis bildeten,
+schon sehr frühzeitig gegründet. Wann dies nun geschehen,
+ist nicht genau zu ermitteln. Frühzeitig mit
+den umwohnenden Libyern im Kriege, theilt uns Thucydides
+mit, dass sie 413 v. Chr. von einer libyschen Belagerung
+durch eine Flotte von Peloponesiern, welche,
+nach Sicilien bestimmt, ans libysche Ufer waren verschlagen
+worden, befreit wurde. Dergleichen geschichtliche
+Anhaltspunkte liegen mehrere vor.</p>
+
+<p>Ob nun die Stadt den Namen von den hochberühmten
+Gärten bekommen habe, indem die ganze Gegend
+wegen ihrer Fruchtbarkeit den Namen &#8222;die Gärten der
+<a id="page-138"></a><span class="pgnum">138</span>Hesperiden&#8220; vorher hatte, und dann erst später die gegründete
+Stadt Euesperidae, Euesperitae (<span class="greek">&#949;&#8016;&#949;&#963;&#960;&#949;&#961;&#8055;&#948;&#945;&#953;</span> und
+<span class="greek">&#949;&#8016;&#949;&#963;&#960;&#949;&#961;&#8055;&#964;&#945;&#953;</span>) genannt wurde, ist auch nicht festzustellen.
+Das Eu wurde später weggelassen, schon Scylax hat es
+nicht mehr, noch später wird die Singularform Esperis
+gefunden, und die Römer setzten ein H vor. Zur Zeit
+des Ptolemäus Euergetes, welcher die Tochter des Magas,
+Namens Berenice, geheirathet hatte, verwandelte man zu
+Ehren dieser Frau den Namen der Stadt in Berenice;
+es scheint aber, dass noch lange die Bewohner den alten
+Namen beibehielten. Pomponius Mela, in der Mitte des
+ersten Jahrhunderts, kennt nur den Namen Hesperis,
+ebenso Plinius, der ungefähr um dieselbe Zeit schrieb;
+aber hundert Jahre später hält der Alexandrinische Geograph
+es schon für nothwendig, wenn er von Berenice
+spricht, hinzuzufügen, dass dies derselbe Ort sei, der
+früher Hesperides geheissen habe.</p>
+
+<p>Im Mittelalter will Edrisi den Namen Berenice noch
+vorgefunden haben, ebenso Leo Afrikanus. Im Anfang
+des 17. Jahrhunderts finden wir bei Olivier den corrumpirten
+Namen Berrich, und Marmol nennt, um dieselbe
+Zeit Berbick. Heutzutage ist der alte Name gänzlich
+aus dem Gedächtnisse der Bewohner entschwunden, Bengasi
+verdankt, wie schon angeführt, einem mohammedanischen
+Heiligen seinen Namen.</p>
+
+<p>Dass aber das alte Hesperis auf dem Platze des
+heutigen Bengasi steht, leuchtet auf den ersten Blick
+<a id="page-139"></a><span class="pgnum">139</span>hervor. Von der ganzen Gegend hat sich nichts verändert,
+nur dass die Seen im Osten der Stadt mehr versandet
+sind. Wir wissen, dass Berenice auf der in das
+Vorgebirge Pseudoponias auslaufenden Landzunge lag,
+östlich davon der Tritonis-See mit einer kleinen Insel,
+welche nach Strabo oft mit dem Lande zusammenhängt,
+und den der Aphrodite geheiligten Tempel barg. Diese
+ganze Beschreibung, wie Strabo sie uns giebt, passt heute
+noch so genau, wie man aus der vorhingegebenen Topographie
+von Bengasi ersehen kann, dass es um so mehr
+zu verwundern ist, wenn Bourville im See Haua-Bu-Chosch
+im S.O. vom heutigen Bengasi den Triton-See,
+und in einer Oertlichkeit Siana die Gärten der Hesperiden
+erkennen will. Wenn nun aber auch, mit Ausnahme
+von Bourville, ältere und neuere Gelehrte im heutigen
+Bengasi das alte Berenice, im östlichen Salzsee
+den Tritonis, und in dem kleinen, jetzt von einem Marabut
+und einigen Araberhäusern gekrönten Hügel, die
+ehemalige Venus-Insel wieder erkennen, so sind grössere
+Meinungsverschiedenheiten wegen der hesperidischen Gärten
+und des Lethe-Flusses vorhanden.</p>
+
+<p>Wir können wohl die Ansicht Thriges und Malte-Bruns
+u.a. übergehen, nach denen der Name der Gärten
+der Hesperiden eine blosse symbolische Idee gewesen
+wäre, eben so verwerflich ist die Gosselinsche Meinung,
+die Oasen der Wüste als die hesperidischen Gärten anzusehen.
+So viel steht fest, dass die Alten mit dem
+<a id="page-140"></a><span class="pgnum">140</span>Namen der Gärten der Hesperiden bestimmt beschriebene
+Oertlichkeiten verbanden; so finden wir, abgesehen von
+den uns zunächst angehenden, eine hesperische Insel an
+der Mündung des heutigen Ued Elkus von Marokko, und
+noch später sehen wir, wie die Hesperiden-Gärten auf
+Inseln im atlantischen Ocean verlegt werden. Was unsere
+Hesperiden-Gärten in Cyrenaica anbetrifft, so erfahren
+wir zunächst aus einer Beschreibung des Scylax, dass
+dieselbe auf die Umgegend von Bengasi, mithin Berenice,
+gar nicht passt. Ausserdem giebt er mit präcisen Worten
+dieselben als beim Vorgebirge Phycus, mehr beim
+heutigen Marsa-Sussa gelegen, an. Die Küste wird als
+unnahbar, wie sie es dort in der That ist, beschrieben,
+die Ausdehnung des Garten genau angegeben, und die
+Obstsorten und Bäume, welche dort wachsen sollen, aufgezählt.
+Nach Pacho entspricht die Gegend beim Cap
+Razat (so ist auf den Karten der Neuzeit Phycus genannt,
+obschon die Eingebornen jenen Namen nicht kennen,
+sondern die Spitze Ras-el-Fig, was offenbar von
+Phycus hergeleitet ist, nennen), vollkommen dieser Beschreibung,
+er kehrt daher auch ohne weiteres der Gegend
+bei Bengasi den Rücken, und verlegt, sich auf
+Scylax stützend, die Gärten dorthin.</p>
+
+<p>In der That ist es heute schwer, irgend eine Stelle
+in unmittelbarer Nähe von Bengasi zu finden, die wir
+mit dem Namen der Hesperiden-Gärten bezeichnen könnten.
+Es sind allerdings eigenthümliche Einsenkungen in
+<a id="page-141"></a><span class="pgnum">141</span>dem felsigen Boden in der Nahe der Stadt, einige sind
+mit Wasser gefüllt, andere enthalten Gärten, und die,
+wenn sie auch nicht alle die Bäume hervorbringen, welche
+wir bei Scylax aufgezählt finden: Erdbeer, Maulbeer,
+Myrten, Lorbeer, Epheu, Oliven-, Mandel- und Nuss-Baum,
+doch eine auffallende üppige Vegetation zeigen.
+Beechey will nun, trotz der genauen Orteangabe bei
+Scylax, diese Einsenkungen der Beschreibung desselben
+von den Gärten passend finden, und stützt sich dabei
+besonders auf die von Scylax angegebene Entfernung
+von den Hesperiden-Gärten nach Ptolemais. Diese Entfernung
+von sechshundert und zwanzig Stadien zwischen
+den beiden Oertlichkeiten, passt aber auch auf die zwischen
+Ptolemais und Phycus.</p>
+
+<p>Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt,
+die Gärten nach Phycus legen, noch ist es nöthig
+mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax stützend, dieselben
+in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi erblicken
+zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da
+jetzt ein bestimmter Ort bei Bengasi, der wegen besonderer
+Schönheit und Ueppigkeit der Pflanzen den Namen
+der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden ist,
+dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in
+pflanzlicher Beziehung eine Umwandlung erlitten hat.
+Dies sehen wir nicht nur hier, sondern überall in Nordafrika
+lässt sich durch das massenhafte Entholzen,
+durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden
+<a id="page-142"></a><span class="pgnum">142</span>nachweisen. Dass aber die Hesperiden-Gärten in nächster
+Umgebung von Berenice gewesen sein müssen, dafür
+ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend<a href="#FN-18" id="FNA-18"><sup>18</sup></a>:
+&#8222;Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon
+und der heilige Hain, wo die Garten der Hesperiden
+liegen sollen.&#8220; Ferner sagt Ptolemäus: die Barciten
+hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt.
+Kurz alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache
+behandeln, verlegen die Gärten in die Nähe der Stadt.
+Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur, dass bei
+Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich
+die Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch,
+dass die Ansicht Beecheys, der aus der Beschreibung
+von Scylax, jene Felseinsenkungen bei Bengasi, als die
+Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei.</p>
+
+<p>Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt
+aber unstreitig das Verdienst, zuerst die Spuren des
+Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die Gärten der
+Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt
+wurden, so beanspruchten auch noch andere Gegenden
+den Ruhm, diesen Strom der Vergessenheit bei sich zu
+haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die Lydier
+nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten
+Autoren der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica.
+Und noch heute können wir im Laufe eines Uadi (zuerst
+<a id="page-143"></a><span class="pgnum">143</span>von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den
+Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben.
+Dies Uadi, aus einer weiten Höhlung hervortretend, in
+der am Anfange das Wasser nur flach ist, im Innern
+jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten
+nach Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung
+vom Salzsee, dem alten Tritonis, durch eine Felsbarrière
+abgeschlossen. In derselben Richtung weiter gehend
+nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle
+von Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden
+Faden von Wasser in den See giebt. Nach der Regenzeit
+soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser weiter
+aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings
+darauf schliessen lässt, dass die Quelle mit dem
+aus der Höhlung kommenden Wasser, trotz der Barrière,
+unterirdisch communicirt, und darauf hin bei den Alten
+die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von
+dem Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon.</p>
+
+<p>Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie
+ihn die alten Geographen beschrieben haben, nur vielleicht,
+weil die ganze Gegend trockener geworden zu
+sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den
+Lethon in den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius
+verlegt ihn in die Nachbarschaft von Berenice, Scylax
+erwähnt eines Flusses unter dem Namen Eoceus<a href="#FN-19" id="FNA-19"><sup>19</sup></a> bei
+Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der Hesperiden-Gärten
+<a id="page-144"></a><span class="pgnum">144</span>und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen
+Platz an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich
+giebt den Lethefluss als zwischen Berenice und Arsinoe
+fliessend an.</p>
+
+<p>In der Topographie von Bengasi haben wir also
+weit mehr Anhaltspunkte für die alte Stätte von Berenice
+und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als in noch
+etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies
+in der That auf den ersten Blick überraschend genug,
+dass von einer so blühenden Stadt wie Berenice, so wenig
+Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es erklärt
+sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von
+Juden, welche unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt,
+wohl keine so festen und dauerhaften Bauten
+aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden
+unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien
+entrissen wurden, entwickelten sie sich derart, dass sie
+in dieser Stadt den eigentlichen Kern der Bevölkerung
+bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie sehr,
+erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus,
+und ihre Genossenschaft wurde von einem eigenen
+Archonten regiert. Bald wurden sie so stark, dass sie
+unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die
+Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war,
+neue Colonien nach Cyrenaica abzusenden, um das Land
+wieder zu bevölkern. Bei der grossen Zerstörung, die
+dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch
+<a id="page-145"></a><span class="pgnum">145</span>die Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner
+der heutigen blühenden Judencolonie directe Abkömmlinge
+der hier im Alterthume so zahlreich vertretenen
+Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber<i> nicht wahrscheinlich</i>.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Teucheira, Ptolemais und Reise
+nach Cyrene.</h2>
+
+
+<p>Alles war geordnet und marschfertig am 4. März,
+nur Mohammed Aduli, der als Führer und Sicherheitsmann
+uns begleiten sollte, machte Einwendungen so
+rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend,
+dann, indem er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen
+hatte, namentlich aber darauf bestand, es müssten
+Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen
+der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft
+waren, überdies alle meinten, dass wir in dieser
+Jahreszeit von der Drias für unsere Kameele nichts
+würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum
+Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun
+heraus, dass er hauptsächlich deshalb noch gerne einige
+Tage in Bengasi geblieben wäre, weil er selbst seine
+Einkäufe noch nicht beendigt hatte.</p>
+
+<p>Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und
+meine Leute trieben die Kameele vor sich her, zu denen
+<a id="page-146"></a><span class="pgnum">146</span>noch mehrere schwerbeladene des Aduli gestossen waren,
+welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt
+verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen
+und französischen Consul, welche mich bis Tokra begleiten
+wollten, hinterdrein, und uns die ersten 3 Stunden
+nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten,
+waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen
+Hochland und dem Meere liegt, und die hier äusserst
+fruchtbar und breit ist. Sobald wir die Seen vorbei
+hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig
+auf jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch
+als hesperidische Gärten beschrieben und gehalten worden
+sind. Es war in der That ein eigenthümlicher
+Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen
+Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen
+Rändern eingefassten Kessel zu stehen, dessen Grund
+die üppigsten Bäume und Küchengewächse enthielt, und
+die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume
+nicht über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere
+Richtung wieder N.-O., die Gegend wurde, je weiter wir
+zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren wir schon
+so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine
+weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor.
+Um 7 Uhr Abends hielten wir vor einem Fereg der Braghta,
+welches Schützlinge und Freunde vom französischen
+Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz ausgezeichnet
+aufgenommen.</p>
+
+<p><a id="page-147"></a><span class="pgnum">147</span>Der Regen war immer in Strömen vom Himmel
+gekommen, und es kam uns daher recht gut zu Statten,
+dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt führte,
+wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch
+unsere Diener alle, wir mochten in allem dreissig Personen
+sein, ein gutes Unterkommen fanden. Dass Schaffleisch,
+Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln nicht
+fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber
+ebenso waren die Teppiche und das Zelt voll jener
+hüpfenden und kriechenden Thierchen, so dass an Schlaf
+nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten,
+hiess Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe
+so genannt. Beechey und Barth erkennen in diesem
+Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes
+wieder.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes
+Wetter, und die Gegend behielt so ziemlich denselben
+Charakter, nur dass die Vegetation üppiger, der Boden,
+je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde.
+Die Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen
+ihnen und der See immer schmäler wurde. Wir behielten
+die See fast immer in Sicht. Der Boden selbst besteht
+überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch
+Barca el hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll
+liegt manchmal auf diesem fruchtbaren Boden, obgleich
+die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen. Das
+Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat
+<a id="page-148"></a><span class="pgnum">148</span>überall eine gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus
+Bergen, sondern bildet ein Ufer. Die Araber nennen
+den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen
+von Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden
+immer häufiger. So passirten wir gleich nach der
+ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die etwas östlich
+vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen
+Stunden passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von
+den Eingeborenen Um es Schip genannt. Die Ausdehnung
+der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen schon gleich
+den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen
+sein müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend
+(die Peutingersche Tafel hat bis Adrianopel von
+Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.),
+müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und
+nach ihm benannte Stadt Adrianopolis legen. In Folge
+der Judenkriege gegründet, um die heruntergekommene
+Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu Edrisi's
+Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth
+in Tanseruch oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich
+konnte diese Namen nicht erfragen, und Beechey, welcher
+auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass
+die in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana
+heissen, und will damit den Namen der Stadt in Verbindung
+bringen. Hammilton nennt ebenfalls den See
+Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho
+verlegt die Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete
+<a id="page-149"></a><span class="pgnum">149</span>Gebäude sind keine mehr vorhanden, wenn man nicht
+eines Castells, aus schönen Quadern erbaut, erwähnen
+will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt
+worden war.</p>
+
+<p>Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft
+Bir Shus, wo unter alten Ruinen bedeutende
+Araberansiedelungen und Gärten, die ersten Nicht-Nomaden
+seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich
+von hier sind Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli
+nennen hörte und glaubt dieselben auf Neapolis zurückführen
+zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt
+freilich trockenen Flussbett, uadi Bu Djarar, welches
+von der östlichen Bergwand herunterkömmt, und hatten
+nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr erreicht.
+Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr
+Abends, waren wir zwischen den Ruinen von Teucheira.
+Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu finden,
+rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen,
+dazu stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an
+einer steilen Wand etwas Schutz zu finden, wo wir
+unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer vom
+Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr
+mangelhaft, und mehrere Male mussten wir alle Nachts
+wieder auf, um die umgesunkenen Zelte frisch aufzuschlagen.
+Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet
+war, so liess ich darin den Photograph und meinen
+<a id="page-150"></a><span class="pgnum">150</span>deutschen Diener campiren und Mr. Chapman, Mr. Robert
+und ich legten uns in das etwas grössere der Diener.
+Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche
+auf eine Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum
+Glück hatten wir kalte Küche, Wein und Schnaps, mit
+denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich beim
+Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber
+ganz unmöglich. Aber mit der Nacht hatte das Wetter
+ausgetobt; als am anderen Morgen uns die Sonne Licht
+brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche
+seien, dessen steile Wände überall Gräber und
+Höhlen enthielten; zu demselben führte nur Ein Eingang,
+die Stadt selbst aber hatten wir im Dunkeln schon
+passirt.</p>
+
+<p>Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was
+offenbar von Tauchira herkommt, ist heute fast ganz
+unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den Schriftstellern,
+die später als Ptolemaeus und Scylax darüber
+berichteten in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus
+Philadelphus erhielt die Stadt den Namen Arsinoë,
+und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris
+genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos
+von Cyrene, und im Anfange abhängig von dieser Stadt,
+wurde Teucheira bald darauf Barke unterthan. Wir
+wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt;
+Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt
+Cyrene gehabt; man rechnete sie zu den fünf Hauptstädten
+<a id="page-151"></a><span class="pgnum">151</span>des Landes Pentapolitanien, und von den Römern
+wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit,
+dass sie von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern
+umgeben wurde, und Edrisi beschreibt sie uns als eine
+mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die Stadt gänzlich
+verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben
+jedoch ihre Ackergründe in der Stadt und Umgegend,
+und halten sich bis zur Ernte hier auf, später ziehen
+sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch
+eine Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester
+Zeit angelegt.</p>
+
+<p>Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist,
+ist unbedeutend. Am besten erhalten ist die Mauer,
+aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben aber
+aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese
+spätere Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian
+her, da man alles Mögliche dazu benutzte, was an Baumaterial
+zur Hand war, und so auch viele, mit jedoch
+unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert
+hat. Fast wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut,
+sind die Mauern der drei Seiten fast gleich lang, aber
+keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26 viereckigen
+Thürmen versehen. Oft 15&#8211;18' hoch und 6'
+breit, ist die Mauer oft nur 3' hoch, ja an manchen
+Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und umherliegende
+Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge<a href="#FN-20" id="FNA-20"><sup>20</sup></a>
+<a id="page-152"></a><span class="pgnum">152</span>genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an.
+Zwei Hauptthore, an der westlichen und östlichen Seite,
+von Thürmen flankirt, und durch eine schnurgerade
+Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite
+hin scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist
+nichts von einem Hafen zu bemerken, wenn nicht vielleicht
+ein grosser Steinbruch in der nordwestlichen Ecke
+der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben
+war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass
+dieser Steinbruch heute versandet, also höher als das
+Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem auch hier
+das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der
+Hafen von Leptis magna ist heute auch ganz versandet,
+communicirte aber sonst gewiss mit dem Meere, und
+bei Leptis sinkt das Ufer auch.</p>
+
+<p>Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden,
+jedoch nicht breiten Strassen deutlich erkennen, an
+Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen, von denen
+das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern
+hat, welche mit einem Lorbeerkranze umgebene
+Inschriften haben. Alles ist indess so durcheinander
+geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen wage,
+wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes,
+ebenfalls viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu
+gelegen, scheint eine Kirche gewesen zu sein; viele Friese,
+mit Weinreben und Trauben geschmückt, liessen Pacho
+<a id="page-153"></a><span class="pgnum">153</span>es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren
+von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen,
+es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass eine Stadt
+wie Teucheira nichts der Art entbehrte, sondern, dass
+Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte verborgen ist.</p>
+
+<p>Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus
+schon schliessen, wie bevölkert einst Teucheira gewesen
+sein muss. Indess finden wir hier nichts Besonderes;
+man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern
+benutzt, derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet
+erachtet wurde, man in die steilen Wände
+Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern
+herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum
+Bauen benutzt. Alle Wände sind mit Inschriften wie
+bedeckt, welche aber gar kein geschichtliches Interesse
+haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle in griechischer,
+aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache
+abgefasst sind. Im Osten der Stadt sind zwischen den
+Steinbrüchen auch andere Gräber, und in diesem Gebiete
+hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen
+gemacht. Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet
+sind, um Leichname aufzunehmen, theils Aschenurnen
+enthielten, sind natürlich alle leer.</p>
+
+<p>Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen;
+trotzdem gingen am folgenden Mittag der französische
+und englische Consul mit ihren Leuten zurück
+und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens
+<a id="page-154"></a><span class="pgnum">154</span>recht gefällig und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich
+zum Verkauf, Schafe, Ziegen, Butter und Milch in so
+grosser Menge, dass letztere selbst von unseren einheimischen
+Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die
+Braghta bewohnen, wenn sie unten sind, die Gräber,
+sind aber so voll Ungeziefer, dass es unmöglich ist, in
+ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner Photograph,
+der diesen Umstand nicht kannte, und in eins
+der Gräber gegangen war, kam schwarz bedeckt und
+schreiend herausgestürzt, und lief wie wüthend zwischen
+hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen
+Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten
+Theil los wurde.&#8212;Immer hoffend, dass das Wetter
+besser werden würde, um einige Photographien zu machen,
+blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen
+Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen
+sie sich aber als nicht gelungen.</p>
+
+<p>Aduli's Stute hatte Nachts geworfen, und ich hatte
+mich schon darauf gefasst gemacht, eine neue Scene mit
+ihm zu haben, da ich dachte, dies würde ein guter Vorwand
+für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben,
+als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen
+aufs Kameel band; und als 9½ Uhr das Wetter etwas
+lichter wurde, verliessen wir unseren Steinbruch. Die
+Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in
+ihren Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung,
+d.h. circa 1 Stunde vom Meere, allmählich sich so demselben
+<a id="page-155"></a><span class="pgnum">155</span>nähernd, dass sie dicht hinter Tolmetta direct
+ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich
+an Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch
+der Mensch fehlt nicht, wie die oft aus dem dicken
+Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber beweisen.</p>
+
+<p>Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten
+Stunde den kleinen Ndjila-See mit Süsswasser rechts
+liegen, hier hausen die uled Duerdja, und bald darauf
+passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel
+oder Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir
+den antiken Brunnen Erdana, und waren bald darauf im
+Landstrich, Schübka genannt, von dem Vorhergehenden
+in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von
+Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr
+passirten wir den kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde
+später ein anderes Uadi, das mir meine Begleiter jedoch
+nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen Arabergräber
+Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem
+Steinbruche, wo auch einige Grabnischen waren, unsere
+Zelte aufschlugen. Auch hier waren die Araber vom
+Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten
+für Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die
+Engländer die Preise überall so verdorben, dass man
+Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei uns haben
+konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner
+Leute, welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen
+geglaubt, und gefeuert; es stellte sich aber heraus, dass
+<a id="page-156"></a><span class="pgnum">156</span>es das Füllen von Adulis Stute gewesen war; glücklicherweise
+hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur
+Folge, dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen,
+indem sie glaubten, wir seien von Räubern
+angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr zahlreich,
+stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den
+uled Agail, welche bei Tolmetta herum hausen. Diese
+Art Abhängigkeit, die man bei allen Arabern, ob sie in
+Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist mehr
+ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft
+und Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail
+sind Marabutin, die Auergehr einfache Araber. Auch
+bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse.</p>
+
+<p>Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter
+rother Thon erlaubte die herrlichsten Culturen, aber je
+mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger wurde die
+Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche
+Rinnsale, welche aus den Schluchten des Gebirges kommen,
+erhöhen den Reiz der Landschaft, so dass man
+kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art
+sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern
+und kleineren Oertern. Dabei sieht man längs den
+Bergen die Fereg der Auergehr, die Derssa und der
+Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail.
+Die Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken,
+doch kommen hie und da auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume
+vor.</p>
+
+<p><a id="page-157"></a><span class="pgnum">157</span>Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen
+Namens, dann die Ebene Bu Traba, durch ein Rinnsal
+von der Ebene Chat getrennt passirt hatten, waren
+wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued
+Bu Mscheif übergangen hatten, welcher sogar etwas
+Wasser hielt. Ptolemais lag endlich vor uns, eingeschlossen,
+wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im
+N.-O. vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im
+S.-O. vom Maigel-Gebirge. Schon lange vorher hatte die
+bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die grossen
+Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der
+mit Quadern schwerbeladenen Wagen nach der Stadt
+führen, und deren Wände wie in den Steinbrüchen von
+Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften
+bedeckt sind.</p>
+
+<p>Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor
+von Ptolemais ein, und wollten bei den Ruinen einer
+christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen, als mehrere
+Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr
+Terrain, und sie würden nicht leiden, dass wir dort
+campirten. Da ihr Grund ein triftiger war, nämlich
+zwischen den Ruinen und in der Nähe überall halbreife
+Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See
+zu, und nahmen für den ersten Tag Quartier in einem
+Steinbruche, in dem sich früher das Amphitheater befunden
+hatte. Die Spuren davon liessen sich noch sehr
+deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen
+<a id="page-158"></a><span class="pgnum">158</span>sein kann. Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen,
+waren nur an wenigen Stellen Mauerwerke angebracht,
+und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier wurden
+wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde,
+weil überall Kornfelder in der Nähe waren, von denen
+die Eigenthümer fürchteten, sie möchten von unserem
+Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli
+ganz die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern,
+wo allerdings ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen
+wäre; ich wollte aber auf alle Fälle in der Stadt
+selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab,
+wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten
+Forts unser Lager eingerichtet wurde.</p>
+
+<p>Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen
+wahrscheinlich vom Philadelphus, nach Anderen von Euergetes.
+Bis zu der Zeit aber hatte es nur den Titel:
+Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur
+erwähnt als &#8222;Hafen bei Barce&#8220;. Als diese Stadt in Verfall,
+und in die Hände der Libyer kam, zogen sich die
+Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann dieser
+Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit
+einem für die damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten
+Hafen versehen, welcher durch die Insel Ilos, dieselbe,
+welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen Schutz
+erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall
+des römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges
+war Wassermangel, da die Gelder zur Unterhaltung
+<a id="page-159"></a><span class="pgnum">159</span>der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie
+überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen,
+indem er die Wasserleitungen wieder herstellen
+liess; Ptolemais erlag dem Andrange der Barbaren so
+gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach
+der Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz
+ihre Bedeutung verloren zu haben; nach Edrisi war
+Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern umgebener
+Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht.
+Edrisi berichtet über die Export- und Import-Artikel,
+und sagt, der Hauptverkehr fände mit Alexandria
+statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta
+noch stark bevölkert und besonders von Juden.</p>
+
+<p>Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie
+die heutigen Herren des Bodens, die uled Agail sagen,
+ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben diese
+Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils
+in den Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge.
+Obgleich ganz frei, und gewiss sehr kriegerisch, scheinen
+sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie halfen uns beim
+Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon
+sie zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten,
+betrugen sie sich doch anständig. Unwissend
+schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein; ausser
+Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer,
+und letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig.
+Die christlichen Consuln in den Städten seien
+<a id="page-160"></a><span class="pgnum">160</span>auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu überwachen,
+dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld
+unterschlügen. Im Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus
+zu sein, selbst eine Sauya der Snussi hatte sich in
+Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können, hauptsächlich
+wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für
+besser hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter
+gewesen war. Keiner erschien indess, der nicht immer
+mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen wäre, ihre
+Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert
+und hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln.</p>
+
+<p>Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt;
+gerade der Insel Ilos gegenüber, auf der noch jetzt
+Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind, hatten wir
+hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus
+allmählich an die Bergabhänge hinaufzog.</p>
+
+<p>Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit
+sie offen zu Tage liegen, sind, ausser dem schon
+erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem zweiten
+oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend
+nach links zu gelegen. Verfolgt man dann die Strasse,
+die noch heute quer durch die Stadt führt, so stösst
+man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine grosse
+Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat
+9 Gewölbe, welche von oben Licht und Luft bekommen.
+Umgeben war diese Cisterne von einer Reihe ionischer
+Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur
+<a id="page-161"></a><span class="pgnum">161</span>drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei
+südlich, sieht man die Umrisse eines kleinen Theaters.
+Etwas weiter nach Osten zu, sieht man viele Säulen mit
+korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und
+Barth vermuthet, dass hier die Königshalle, <span class="greek">&#963;&#964;&#959;&#8048; &#946;&#945;&#963;&#8055;&#955;&#949;&#953;&#959;&#962;</span>,
+gewesen sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt.
+Ein aus der Cisterne nach Norden führender
+Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei
+Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes
+kleineres Theater liegt auf dem Wege zwischen
+Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen wie die
+übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen
+die einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am
+bemerkenswerthesten ist weiter nach Osten zu ein grosses
+massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit der
+Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften,
+welche sich früher an der Nordwand dieses Gebäudes
+befanden, und die nach Frankreich gebracht, von Latonne
+ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von Anastasius
+I., die Verwaltung und militairische Einrichtung
+betreffend. Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen
+war, beweisen die anderen Cisternen, welche noch
+in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr bedeutend
+und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet
+sich im nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt
+bestätigen die zahlreichen Säulen, die man überall herumliegen
+sieht, sowie die vielen Grundmauern aus Quadersteinen,
+<a id="page-162"></a><span class="pgnum">162</span>dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt
+als gross und ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben
+ist. Der Hafen wird durch eine Felsspitze gebildet,
+die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht,
+die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war
+auch an der Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn
+circa 3000' westlich von dieser läuft noch eine andere
+Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint ein
+Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt.</p>
+
+<p>Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt,
+von dem die Stadt ausserdem durch eine Mauer getrennt
+war, finden wir hier noch die Reste einer Quaderbrücke.
+Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber
+doch so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen
+können. Aber das Suana-Thal ist eines der
+lieblichsten, weshalb ich denn auch eine Photographie
+davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend
+um die Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten,
+dass irgend eine Explosion daraus hervorgehen
+müsse, aber auch diese, obschon sie sehr misstrauisch
+schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint,
+dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des
+uadi Chambs hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen
+zu speisen, ausserdem finden sich Reservoirs am Abhange
+des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke die Wasser
+auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der
+Stadt zuzuführen.</p>
+
+<p><a id="page-163"></a><span class="pgnum">163</span>Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und
+hat, obschon von Schluchten durchbrochen, fast überall
+gleiche Höhe; um dieselbe zu messen, bestieg ich den
+südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg,
+welcher mir der höchste von allen schien. Dicht mit
+Juniperen und Lentisken bewachsen, fast undurchdringlich
+wegen des vielen dornigen Untergestrüpps, war der
+Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht
+durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während
+am Meeresstrande die Hügel, welche zum Theil
+auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt sind,
+grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet
+man in Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten
+aus Sandstein. Die Höhe des Berges fand ich zu 320
+Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger.</p>
+
+<p>Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich
+und östlich von der Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich
+die steilen Wände der Steinbrüche benutzt, um
+in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen.
+Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man
+findet aber auch hier zahlreiche jedoch nichtssagende
+Inschriften. In einem Steinbruche, gleich westlich von
+der Stadt, findet man indess drei durch Kunst ausgezeichnet
+gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der
+Mitte drei Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem
+grossen Grabe mit verschiedenen Kammern verarbeitet.
+In Teucheira findet man auch solch einen Grab-Felsblock,
+<a id="page-164"></a><span class="pgnum">164</span>und lebhaft erinnerten mich diese isolirten verarbeiteten
+Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen
+von Lalibala in Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit
+ihren Ursprung verdanken. Der mittelste dieser Felsblöcke
+nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau
+in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von
+Gestalt, hat derselbe im Innern drei Abtheilungen, von
+denen die seitlichen bis obenhin zu Grabkammern dienten,
+während die mittlere zugleich als Eingang benutzt
+wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen
+konnte. Eine kleine Inschrift, die Barth an der Nordseite
+gesehen haben will, konnte ich nicht mehr entdecken.
+Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem
+Zustande, und rundherum mit mächtigen herabgestürzten
+und herabgefallenen Quadern umgeben. Einige
+Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal
+einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess
+Gründe für diese Behauptung bringen zu können.</p>
+
+<p>Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns
+wieder vom Hafen vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen
+Widerstand zu leisten vermochte, und wir hatten
+uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei
+Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir,
+da er wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt
+worden, ohne Ungeziefer, und flüchteten uns hinein.
+Die Eingebornen hatten ebenfalls mit ihren flachen
+Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier
+<a id="page-165"></a><span class="pgnum">165</span>nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens
+ein reges Leben und Treiben herrschte. Nachts indess
+tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass selbst unser
+Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer
+Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt
+zum Aufbruch, aber ehe Aduli, der überall mit den Eingebornen
+handelte, fertig wurde, verging geraume Zeit.
+In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen,
+hier verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier
+Gewürze, dort Zucker, welches er alles zollfrei aus der
+Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte er Honig,
+Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche
+Weise ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu
+hatte er immer eine ganze Schaar von Leuten, welche,
+wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit Ausnahme
+meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten
+Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen
+Diener unnütze Subjecte waren, konnte ich nichts machen.</p>
+
+<p>Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen,
+und um 9 Uhr Morgens verliessen wir unsere Grabwohnung,
+und schlugen denselben Weg ein, den früher Barth
+genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im
+Anfange südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen,
+mittelst welches wir den Aufsteig machen wollten,
+waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal ist
+sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde
+lang; jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit
+<a id="page-166"></a><span class="pgnum">166</span>zu jeder Jahreszeit benutzt werden, was nach Regengüssen,
+wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird,
+für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die
+Bergwände, obschon steil, sind ausgezeichnet bewachsen,
+verwilderte Olivenbäume, Karuben und Lentisken bilden
+hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist
+jedoch so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst
+Hirten scheinen sich nicht darin aufzuhalten. Oben angekommen,
+hat man die erste Stufe erreicht, circa 300
+Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden
+breit, hat auch herrlichen rothen Thonboden, ist aber
+ebenso vernachlässigt, wie das ganze andere Land. Wir
+hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch
+die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und
+durchschnittlich vier Stunden breit ist. Diese Terrassen
+streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die zweite wird
+im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls
+von N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste
+Punkte im Norden im Dj. Dendach, und südwestlich von
+ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns präsentiren. Am
+Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde
+lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt.
+Kleinere Tümpel und Seen findet man auf dieser
+ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu haben scheinen.
+Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und
+die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und
+Arbuten. Blumen in prächtigen Farben und unvergleichlicher
+<a id="page-167"></a><span class="pgnum">167</span>Fülle bedecken in dieser Jahreszeit den Boden,
+und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die
+mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung.
+Aber schlecht bevölkert, wie das ganze Land, findet man
+nur hie und da einen Fereg der Auama, Genossen der
+uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr.</p>
+
+<p>Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in
+östl. Richt. durchzogen, hatten wir um 2½ Uhr eine kleine
+Kubba, die des Sidi Said von den Agail zur Seite, aber
+trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg
+nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem
+Fareg einen Wegweiser zu holen. Er kam denn auch
+bald zurück, aber statt eines Mannes brachte er drei
+Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen
+Leuten reiche Karawane noch drei andere dazu bekam;
+er versteht sich von selbst, dass ich auch diese zahlen
+und beköstigen musste, aber gerade dadurch machte sich
+der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf
+Kosten seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen
+liess. Wie mag er den armen Denys, welcher der Sprache
+gar nicht mächtig war, geplündert haben! Durch einen
+dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend,
+einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte
+Ruine eines früheren römischen Wartthurms, und wie
+alle Bauten dieser Art ein aus Quadern aufgeführtes
+Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen
+hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in
+<a id="page-168"></a><span class="pgnum">168</span>der Nähe hervor, welche überall in die Felsen gearbeitet
+waren. Auch vorher hatten wir schon ein Ruinenfeld
+passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen desselben
+nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein
+von N.-O. kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts
+gehend, campirten wir dann in demselben. Trotzdem
+wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine
+recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war,
+und noch lange sass ich Abends an einem grossen Feuer
+jenes duftenden Wachholderholzes, welches die Alten
+schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen
+Atlas und in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt.</p>
+
+<p>Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das
+Mrsihd-Thal vollends hinauf, und erreichten nach 40 Minuten
+den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns die
+Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun
+auf dem Plateau angekommen, aber noch keineswegs auf
+dem höchsten Punkte. Uebrigens muss man sich das
+Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen;
+sondern als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche
+aber alle über 1200' hoch ihren niedrigsten Punkt haben.
+Die Vegetation, obschon dieselbe hier später ist, bleibt
+im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben
+und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche
+den Bienen den so sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack
+zum Honig liefern; aber alle diese Pflanzen
+finden sich auch an den Abhängen der Berge.</p>
+
+<p><a id="page-169"></a><span class="pgnum">169</span>Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an
+Sümpfen und Tümpeln war, so fehlten diese hier nun
+gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der Vegetation
+darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten
+Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte
+waren sie zu nennen, denn sie hingen gerade jetzt
+voll der besten Oliven, die Niemand zu sammeln kam.
+Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter,
+welches der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen
+noch von den Alten herrührten. Manchmal sollen
+indess doch von den Küstenbewohnern einige herauf
+kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien
+noch Niemand gekommen zu sein.</p>
+
+<p>Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung
+bis 5¼ Uhr Abends marschirt waren, sahen
+wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das heisst
+Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden
+will ich ausnehmen, die unweit von uns am Wege
+weideten, und bei unserer Annäherung eilig ins Dickicht
+getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so
+spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder
+hätte zählen können. Trotzdem überall der fetteste und
+beste Boden war, der nur auf die Hand des Menschen zu
+warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was
+man ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als
+neu wurde mir nun zum ersten Male die Drias-Pflanze (von
+allen Reisenden für Sylphium gehalten) gezeigt, von der
+<a id="page-170"></a><span class="pgnum">170</span>wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann
+fiel mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst
+in Tripolitanien nicht vorkommen. Die Araber nennen
+den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen Buamian,
+Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden,
+es scheint als ob selbst die Thiere dies nur von
+Todten bewohnte Land meiden.</p>
+
+<p>Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt
+hatten, zogen wir, oben angekommen, nördlich in einer
+Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt, und wo
+wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba)
+passirten. Etwas weiter läuft dann die von S.-O. von
+Merdj kommende Heerstrasse ein, dieselbe, welche vor
+1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem
+um 9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten
+war, kamen wir in das Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen
+Wagenspuren der Alten verfolgten. Um
+11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur
+Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih.
+Um 12 Uhr 20 Minuten kreuzten wir den von Teknis
+kommenden, nach der Küste führenden Karawanenweg,
+und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts
+durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder
+N.-N.-O. haltend, überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass,
+der uns ins Scharaya-Thal führte, welches eine Stunde
+lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal übergeht.
+Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum
+<a id="page-171"></a><span class="pgnum">171</span>an der Küste nach Merauan ins Innere führenden
+Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim, von dem aus
+wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen.
+Das uadi Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir
+um 5 Uhr Abends, in der Nähe von Wassertümpeln lagerten,
+nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser
+gewesen waren.</p>
+
+<p>Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt
+gewesen war, ein starkes Gewitter mit Regen, und zogen
+am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in N.-N.-O.
+Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen
+abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren
+nun über 550 Meter hoch auf dem Beida-Berge, alle
+anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu haben,
+und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter.
+Als neue Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt
+gerade in voller Blüthe, und in prächtigen Exemplaren
+bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne Exemplare von
+der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet
+und dann den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir
+Gasr Bengedem vor uns. Auf dem Mcheilil-Berg fanden
+wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses. Dieser
+ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde,
+aber auch hier begegnete uns kein Mensch, und das
+einzige Zeichen von Bevölkerung war die Sauya der
+Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer
+Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen.</p>
+
+<p><a id="page-172"></a><span class="pgnum">172</span>Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht
+hatten, blieben wir doch bei Gasr Bengedem liegen, um
+zu photographiren, und diese ganze Gegend näher in
+Augenschein zu nehmen.</p>
+
+<p>Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar
+aus der Römerzeit, und hörte mit zu jener Vertheidigungslinie,
+welche dieselben gezogen hatten, um
+die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern.
+Bengedem war gewiss eines der bedeutendsten Forts,
+wenn nicht das grösste von denen, welche die Vertheidigungslinie
+bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte
+breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende
+Thürme. An manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen
+Wände noch die Höhe von 40'. Aus grossen behauenen
+Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die
+Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört
+worden sind, nicht im Mindesten von der Witterung
+gelitten. Im Innern führt eine Treppe auf die Mauer,
+welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte.
+Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das
+Castell, und erhöhten so die ursprüngliche Festigkeit
+desselben. Die bedeutenden Ruinen in der Umgegend
+von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine Hauptniederlassung
+war, und Pacho könnte Barth gegenüber
+doch wohl Recht haben, indem er hier Balakrai vermuthet.
+Die Entfernung von Cyrene, die Pentinger auf
+12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf
+<a id="page-173"></a><span class="pgnum">173</span>15 M. angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse
+Menge von Höhlen, theils natürliche, theils künstliche,
+ausser vielen aus späterer Zeit herrührenden Grabkammern,
+beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit hier
+libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen,
+denn viele der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung
+von Wohnungen.</p>
+
+<p>Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit
+denen der Aduli gleich wieder Handelsverbindungen angeknüpft
+hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg hatten
+sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen
+Tag thaten sie nichts, als um uns herumhocken und um
+Essen betteln. Wir hatten deshalb auch Nachts eine
+verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu
+hüten, wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde.</p>
+
+<p>Den folgenden Morgen stiegen wir in nördlicher
+Richtung vom Berge des Gasr Bengedem hinab, und
+kamen nach einer Stunde ins Thal Saharis. Von O.-N.-O.
+erhält dies Thal nun das bedeutende Kuf-Thal, und in
+dies münden von O. das uadi Djras und das uadi Bu
+Heisa, welches letztere von Safsaf und Ain Schehad
+(Cyrene) kommen soll. Das Kuf-Thal ist eines der wildesten
+und romantischsten, die man sich denken kann:
+steile, oft senkrechte, fünfhundert Fuss hohe Kalksteinwände,
+überall mit ungeheuren Höhlen, die oft am Fusse
+der Wände, oft in der Mitte, oft fast oben am Rande
+sich zeigen, machen einem glauben, man sei in der
+<a id="page-174"></a><span class="pgnum">174</span>Teufelsschlucht. Jedenfalls waren diese Höhlungen meist
+alle bewohnt, und einige sind es noch jetzt zur Zeit der
+Honigernte; denn an diesen steilen Wänden haben die
+Bienen ihre Bauten. Viele Höhlen, oft hundert Fuss
+hoch über der Thalsohle, sind durch Aussengänge mit
+einander verbunden, und scheinen so ganzen Stämmen
+als Wohnplatz gedient zu haben. Ausserdem findet man
+die herrlichsten Tropfsteinhöhlen, von denen die von
+den Eingebornen Rhorhardieh genannte, die grösste
+und schönste ist. Die üppigste, immer grüne Vegetation
+von Lentisken, Myrthen, Caruben und Wachholder,
+ferner die jetzt massenweise auftretende Steineiche
+machen dies Thal mit seinem wilden Charakter
+zu einem der schönsten, wie man es nur vielleicht in
+den Pyrenäen, in Calabrien, im grossen Atlas ähnlich
+findet. Aber wie immer fehlt alles menschliche Leben;
+in der That haben wir, die grosse Sahara ausgenommen,
+kein Land gesehen, das so dünnbevölkert ist, und doch
+ist der Boden so reich und ergiebig wie eine jungfräuliche
+Erde eben sein kann. Am Boden des Thales finden
+wir dann noch einen fast undurchdringlichen Wald
+von mastbaumhohen Thuya-Bäumen, aber Niemand ist
+jetzt da, um sie zu fällen und zu verwerthen.</p>
+
+<p>Dass dieser Weg unserer Gofla grosse Schwierigkeit
+machte, braucht wohl kaum gesagt zu werden.
+Das Kameel, obschon es wegen seiner breiten Fusssohlen
+auch in den Bergen sicher geht, liebt freie
+<a id="page-175"></a><span class="pgnum">175</span>Gegenden, und hier waren wir in einem wirklichen Urwalde;
+da waren Baumstämme, die das Alter oder der
+Wind umgeworfen hatte, zu umgehen, vom Wasser glatt
+gewaschene Felsplatten zu übersteigen, und oft war das
+Gebüsch so niedrig und dick, dass die beladenen Kameele
+mit Gewalt durchgeschoben werden mussten.</p>
+
+<p>Froh waren wir, als wir um 10 Uhr die Passhöhe
+erreichten, und von nun an auf einem Bergrücken blieben.
+Bald darauf hatten wir die Kubba des Marabuts
+Abd el Uahed vor uns, auch von alten Ruinen, jedoch
+ohne Bedeutung, umgeben. Von hier an waren nun
+Ruinen unsere steten Begleiter, und eine tief in Fels
+eingeschnittene alte Fahrstrasse, rechts und links von
+Hunderten von Sarkophagen bordirt, führte uns auf die
+Hauptstadt vom alten Pentapolitanien zu. Aber eigenthümlich,
+ohne Menschen zu sehen, ohne Wohnungen
+anzutreffen; sollte man nicht glauben, im Lande der
+Todten zu sein? Auf Schritt und Tritt Todtengrüfte,
+Grabnischen, hier die Tausende von Sarkophagen, die
+ungeheuren Necropolen, gegen die die eigentlichen Städteruinen
+verschwindend klein sind, lassen wirklich den
+Gedanken, im Reiche der Todten zu sein, aufkommen.</p>
+
+<p>Gegen Mittag erreichten wir die Ruinen, welche die
+Eingebornen unter dem Namen uadi Amer bezeichnen,
+und die mehrere Stunden weit sich nach N.-O. hin ausdehnen,
+und bei einem Orte Beludj enden. Barth verlegt
+hieher Balakrai, und meint auch, dass eine der
+<a id="page-176"></a><span class="pgnum">176</span>zwanzig von Ptolemaeus erwähnten Städte, vielleicht
+Eraga, hier zu suchen sei. Beludj erreichten wir um
+2 Uhr 40 Minuten, und immer auf einem Bergrücken
+weiter ziehend, liessen wir dann die Sauya beida (Jaura
+Sidi Schenut nach Barth, was wohl Sauya Sidi Snussi
+heissen soll) links liegen, und kamen um 4 Uhr bei dem
+weissen Dome des Marabut Sidi Raffa, an, welcher ebenfalls
+von vielen Ruinen umgeben ist. Eine halbe Stunde
+später hatten wir den höchsten Punkt des Bergrückens
+mit 620 Meter erreicht. Etwas später hatten wir von
+hier eine weite Aussicht aufs Meer durch eine breite nach
+Norden zu sich öffnende Thalschlucht, Shissu genannt,
+und dann campirten wir um 5 Uhr auf gleicher Höhe
+mit der Schlucht bei Djenin, wo wir eine fliessende Quelle
+fanden. Auch hier fanden wir Spuren früherer Ansiedelungen;
+grosse künstliche Höhlen umgeben die Quelle
+nach Osten, und in und bei derselben waren Mauerarbeiten,
+welche wohl einst den Abfluss des Wassers zur
+Befruchtung der Felder regulirt hatten.</p>
+
+<p>Nachts war auf dieser Höhe die Kälte so gross,
+dass wir am anderen Morgen die Zelte weiss bereift
+fanden, und die Mündungen der Wasserschläuche hart
+gefroren waren. Das Thermometer zeigte vor Sonnenaufgang
+-1°.</p>
+
+<p>Von hier bis Cyrene sind nur noch 2 Stunden. Wir
+lassen rechts den Hügel Ras el Trabe liegen, welcher
+bekannt ist als Grenze zwischen den Brassa und Hassa,
+<a id="page-177"></a><span class="pgnum">177</span>welche letztere von hier nach N.-O. hin nomadisiren.
+Die Ebene Ambsa, mit dem Grabe des Marabut Bel
+Kassem, brachte uns dann vor die Ruinen der Stadt,
+welche wir um 10 Uhr beim Hügel Mgatter betraten.</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+<h2>Cyrene.</h2>
+
+
+<p>Durchs Ostthor zogen wir in die Stadt ein, verfolgten
+die Battus-Strasse bis an den Punkt, wo sich die
+Aussicht aufs Meer öffnet, und nahmen dann unser Quartier
+in einer der Kammern, welche im Felsen ausgearbeitet
+sind, und auch früher wohl als Wohnungen dienten.
+Die Apolloquelle war auch in unserer Nähe, und diese
+ist es, welche heute der ganzen Oertlichkeit den Namen
+giebt; die Araber nennen sie ain Schehad. Keineswegs
+ist damit gesagt, dass die heutigen Bewohner und die
+der Umgegend gänzlich den Namen &#8222;Cyrene&#8220; verloren
+hätten, derselbe findet sich wieder in der Quelle im uadi
+bel Ghadir, welche viele Aehnlichkeit mit der Apolloquelle
+hat, und fast ebenso mächtig ist; dieselbe heisst
+ain Krennah.</p>
+
+<p>Cyrene wurde sowohl unter den Ptolemäern als die
+Hauptstadt der fünf Städte: Cyrene, Barca, Teucheira,
+Hesperis und Apollonia angesehen, als auch unter den
+Römern, welche das ganze Land unter dem Namen Cyrenaica
+zusammenfassten.</p>
+
+<p><a id="page-178"></a><span class="pgnum">178</span>Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter
+Battus im Jahre 631<a href="#FN-21" id="FNA-21"><sup>21</sup></a> v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene
+bald zur wichtigsten Colonie der Griechen an der Nordküste
+von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des
+delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea
+(dem heutigen Bomba); musste aber aus Mangel
+an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei Jahren, und
+nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden,
+verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande
+Libyens, nach dem wohlbewaldeten Asiris über. Aber
+auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da nach Ablauf
+dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der
+Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet
+wurde.</p>
+
+<p>Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im
+Anfange mit den Libyern, und hier waren es vorzugsweise
+die Asbysten, gut vertrugen; sogar Heirathen mit
+Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer
+jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen.
+Mit Battus I. bekam Cyrene den ersten König,
+und blieb unter dieser Regierungsform circa 200 Jahre,
+in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete
+sich aus nach dem ersten, welcher später als Heros
+verehrt wurde, der dritte König, Battus II. Unter ihm
+kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland: hiedurch
+<a id="page-179"></a><span class="pgnum">179</span>wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König
+Adikran rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe.
+Bei Thestis in der Gegend von Irasa kann es 570 zur
+Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden vollkommen
+besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit
+dem Beinamen der Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen
+Brüdern in Streit, gingen diese Barca gründen, und verbanden
+sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos
+II. Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon
+oder Leucoë in Marmarica; wurde dann aber in einen
+Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute. Sein
+Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst
+wieder von Eryxo, der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht.
+Unter seinem Sohne, der als Battus III. folgte,
+schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue
+Gesetze. Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und
+beschränkte besonders die königliche Gewalt. Dessen
+Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die königliche Gewalt
+zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter Pheretime
+unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und
+kam dann mit einem bedeutenden Heere nach Cyrene
+zurück. Wieder geschlagen, floh er nach Barca, und
+wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine
+Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in
+Aegypten, welcher ihr zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher
+Belagerung Barca einnahm. Der Sohn von
+Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und
+<a id="page-180"></a><span class="pgnum">180</span>nach ihm kam der letzte König Arkesilaos IV., dessen
+Siege in den pythischen Spielen Pindar besingt, auf den
+Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm Hesperis
+gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er
+etwa um 440 gestürzt, und der königlichen Herrschaft
+damit ein Ende gemacht. Sein Sohn Battus, der nach
+Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins
+Meer geworfen.</p>
+
+<p>Unter der republikanischen Regierungsform erlebte
+Cyrene die höchste Blüthe und den grössten Wohlstand,
+obwohl es an inneren Zerwürfnissen nicht fehlte. So
+treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston
+und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen.
+Um alle inneren Streitigkeiten durch eine
+gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten sich die Bewohner
+Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato
+lehnte jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es
+ihnen zu gut gehe: &#8222;Kein Mensch sei schwieriger zu
+beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es ginge ihm
+gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu
+lassen, als der vom Schicksal gebeugte.&#8220; Alexander
+dem Grossen, als er Zeus Ammon besuchte, unterwarfen
+sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare Geschenke.
+Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit,
+wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des
+Lagos, Aegypten unterworfen, im Jahre 321 v. Chr., und
+das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten Pentapolitanien
+<a id="page-181"></a><span class="pgnum">181</span>genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon,
+überliess dann mittelst Testament das Land an die Römer
+im Jahre 96, und im Jahre 67 wurde es mit Kreta zusammen
+zu einer Provinz formirt. Unter Constantin
+wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz
+unter dem Namen Libya superior eingerichtet.</p>
+
+<p>Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen
+Aufstand machten, und 200,000 Römer und Cyrenaeer
+ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das römische
+Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren
+keinen Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen
+Heuschrecken, Pest und Erdbeben, welche Leiden im
+fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden.
+616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache
+griechische Colonie der Art, dass die Araber, als sie 647
+in Cyrenaica einfielen, kaum noch Widerstand fanden.
+Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam
+kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen
+vollkommenen Barbarismus zurück, und das Land wurde,
+vollkommen vernachlässigt, bald zu einer Wildniss. Seine
+neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis
+verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik
+wurde, fiel auch Cyrenaica unter die Herrschaft der
+Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik unter dem
+Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet.</p>
+
+<p>Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene
+blühten, geht aus der Zahl bedeutender Männer, welche
+<a id="page-182"></a><span class="pgnum">182</span>diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen nur Aristippus,
+den Gründer einer eigenen philosophischen Schule,
+sowie Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen
+Eratosthenes, der sich besonders durch geographische
+Werke auszeichnete, und als Director der Bibliothek
+von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos,
+welcher von den Battiaden abstammte, und
+dann der berühmte Bischof von Ptolemais, der Redner
+und Schriftsteller Synesius.</p>
+
+<p>Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt
+selbst und die Necropolis kennen zu lernen, und die
+Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die Photographien.</p>
+
+<p>Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin
+abfallen, wird Cyrene mittelst eines Radius, welcher den
+Namen der Battus-Strasse hat, in zwei Theile getheilt.
+Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben,
+ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche
+Stadt umgab, noch gut erhalten, und namentlich an der
+ganzen Südseite und im Osten bei einer durchschnittlichen
+Höhe von 4&#8211;5' und Breite von 6' ganz deutlich
+zu verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst
+der Hauptstrasse, welche von Barca herführt, so hat
+man gleich rechts vom Thore die unordentlich
+durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es
+eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen
+Grundmauern hervor, obschon merkwürdigerweise
+<a id="page-183"></a><span class="pgnum">183</span>der Altar nach Westen gestanden zu haben scheint,
+oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer
+im Westen, vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene
+Spitzbögen, welche noch stehen, lassen erkennen,
+wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur die
+obersten Spitzen der Bogen herausgucken.</p>
+
+<p>Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte
+der Stadt, so stossen wir zuerst aufs Hippodrom, welches,
+die Rundung nach Süden habend, in gerader nördlicher
+Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten,
+aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn
+selbst ist die Spina kaum zu erkennen, da der ganze
+innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge des
+Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite
+circa 60 Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden
+wir auf dem höchsten Punkte dieses Stadttheiles die
+Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten Zeit angehört.
+Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen
+Reste eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt
+Breite. Von Westen nach Osten gelegen, hat der Tempel,
+wie durch die Nachgrabungen von Porcher und Smith jetzt
+zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen
+auf der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden.
+Durch zwei Säulen und zwei Mauervorsprünge kommt
+man von Osten in den Pronaos, der von der Cella durch
+zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden
+wird. An den Längsseiten in der Cella findet man
+<a id="page-184"></a><span class="pgnum">184</span>je zehn Piedestale, welche korinthische Säulen tragen,
+ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser cubischer
+Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der
+Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine
+Mauer geschieden, und ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge,
+aber durch drei Säulen begrenzt. Die Säulen
+des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser
+gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des
+eigentlichen Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine
+von 20 Schritt Länge und 8 Schritt Breite. Smith und
+Porcher, die hier die sorgfältigsten Ausgrabungen machten,
+fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des
+Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet
+sich, wie in allen Tempeln in Cyrene, auf der östlichen
+Hälfte. Wenn Barth hier auf der östlichen Hälfte
+Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies
+wohl nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber
+später sehen werden, befand sich diese auf der westlichen
+Stadthälfte.</p>
+
+<p>Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel
+finden wir die Ruinen eines anderen, etwas kleineren
+Tempels, welcher auf der höchsten Spitze dieses Stadttheiles
+erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut
+und aus Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so
+vernichtet und zerstört, dass eine genauere Beschreibung
+unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen Peristyl,
+die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht
+<a id="page-185"></a><span class="pgnum">185</span>möglich; die Säulen, von denen Bruchstücke überall
+umher lagen, waren dorischer Ordnung, sind aber so
+verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen
+kann.</p>
+
+<p>Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende
+Linie für die zwei Stadthälften annehmen, so haben wir
+damit alles, was auf der östlichen Hälfte bemerkenswerthes
+zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun
+zum westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit
+öffentlichen Gebäuden geziert war, überhaupt der Mittelpunkt
+des öffentlichen Lebens gewesen ist, weil er die
+Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten
+Griechen, enthält.</p>
+
+<p>Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen
+und uns links wenden, sobald wir die von Norden nach
+Süden ziehende Strasse passirt, so kommen wir zuerst
+an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage
+anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen;
+aber von den dort aufgefundenen Statuen, Bacchus und
+Venus, können wir schliessen, dass der östliche der
+Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren.
+Diese und andere Statuen sind alle ins British-Museum
+gekommen. Wie denn überhaupt, seit Bourville, Smith,
+Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue
+ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden
+ist, und die meisten Ruinen, die schon so sehr durch
+die Barbaren gelitten hatten, nun vollends dem Untergange
+<a id="page-186"></a><span class="pgnum">186</span>geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus
+gefunden wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig
+breiten Sitzreihen und kleiner Cavea. Barth,
+der die Orchestra gemessen, giebt die Breite derselben
+auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies
+Theater nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu
+musikalischen Aufführungen gedient habe. Dicht an der
+Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen wir
+auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser
+Cavea, wie das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer
+Ordnung, die umherliegen, deuten darauf hin,
+dass die Sitzreihen mit einer Colonnade dieser Säulen
+umschlossen gewesen sind.</p>
+
+<p>Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer
+grosser Ruinenhaufen, wo vor mehr als 50 Jahren Beechey
+den Torso eines römischen Kaisers vermuthete.
+Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten,
+liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe
+der Palast des römischen Gouverneurs gestanden. della
+Cella erwähnt hier einer Inschrift &#8222;Porticus cesarei&#8220; und
+hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass
+hier in der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der
+ptolemaeischen, ein Marktplatz gewesen sei. Porcher
+und Smith fanden hier, ausser einer weiblichen Statue,
+diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen
+Kaisern.</p>
+
+<p><a id="page-187"></a><span class="pgnum">187</span>Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich,
+wenn man das grössere Theater hat liegen lassen, ist noch
+ein grosser Bau mit einer grossen Säulenhalle nach Nord
+gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die Säulenhalle,
+welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe
+dreissig Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude
+dahinter zeigt eine Menge kleiner Zimmer von 6' Tiefe
+auf 4' Breite, und es ist wohl nicht unwahrscheinlich,
+dass hier die Verkaufshalle war.</p>
+
+<p>Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf
+circa 100 Schritt Entfernung von diesen Ruinen durch
+eine von Thürmen flankirte, von Norden nach Süden
+streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir,
+welches südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt,
+mit einem starken Thurme anfangend, ist diese innere
+Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis, welche auf dem
+westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen
+haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche
+Dicke von 12' und ist an einigen Stellen über 20' hoch;
+Beecheys Ansicht, dass sie eine Wasserleitung gewesen
+sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten vorhanden
+sind, die das Wasser hätten herführen können.
+Auf der Spitze des westlichen Berges sind ausser einer
+grossen Masse von bequemen Steinen, welche bezeugen,
+dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren hervorragenden
+Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern
+ist nach Westen und Süden, wo dieselben auch
+<a id="page-188"></a><span class="pgnum">188</span>kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen; nach Norden
+zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt,
+scheint die Acropolis aber auch noch durch eine Mauer
+geschützt worden zu sein, wenigstens finden sich Spuren
+darin vor.</p>
+
+<p>Wenn wir vom höchsten Punkte des westlichen Stadttheiles
+nach Nordwest gehen, so führt uns die Neigung
+von selbst auf das grosse Stadttheater, welches am Abhange
+des Berges selbst gebaut ist. Obgleich stark
+durchwachsen, sind nur wenige Sitzreihen ausser der
+Loge, überhaupt scheinen die meisten Theater wohl mehr
+durch die Natur, als durch Menschenhand zerstört zu
+sein. Hier hat nun wohl ein allgemeiner Rutsch stattgefunden,
+da Proscenium und Orchester, welche künstlich
+an dem unten steilen Berg hinaufgebaut waren, weggesunken
+sind. Aus dorischen Säulenüberresten ersieht
+man, dass diese nach aussen zu durch Säulen geschmückt
+gewesen sind. Das Koilon ist ungleichmässig durch ein
+Diagon geschieden, da der unteren Sitzreihen heute noch
+30 (und früher wohl noch mehrere waren, weil in der
+ganzen Arena alles mit Schutt und Steinen angefüllt ist),
+während die obere Hälfte nur acht aufweist. 6 Treppen
+durchschneiden die zwei ein halb Fuss breiten Sitzreihen
+in gerader Linie von oben bis unten. Wenn auf diese
+Art die Zuschauer hauptsächlich von oben ins Theater
+gelangten, so scheint doch auch noch ein anderer Zugang
+zwischen Proscenium und Koilon von Osten her
+<a id="page-189"></a><span class="pgnum">189</span>existirt zu haben; vielleicht war gar ein von Osten
+kommender Durchgang, der jetzt verschüttet ist, vorhanden.
+Von den Sitzreihen des Theaters hat man die
+umfassendste Aussicht über die vorliegenden Plateaus
+hinweg bis zur See. Wie über eine Landkarte schweift
+der Blick über das Land bis nach Apollonia hin, und
+von hier sahen, wie Barth so schön sagt, die alten Cyrenen
+ihre Handelsschiffe heranschwimmen, und erfreuten
+sich des wunderbar gestalteten Terrassenlandes.<i> Beechey</i>, welcher dies Theater für ein Amphitheater
+hielten, weil allerdings das Koilon unverhältnissmässig
+gross und umfassend zum Proscenium ist, ist aber
+jedenfalls im Unrecht; denn war es schon eine Riesenarbeit,
+Proscenium und Scena künstlich zu erbauen an
+dem steilen Bergabhang, so wäre es selbst heute fast
+unmöglich, die andere Seite des Amphitheaters hier
+künstlich aufzubauen.</p>
+
+<p>Vom Theater nach Osten schreitend, übergeht man
+eine Terrasse, und kommt an drei Bogengänge, die jetzt
+vermauert, ursprünglich offen gewesen sein mögen, oder
+nach Norden zu einen freien Umgang gehabt haben,
+der jetzt weggestürzt ist. Immer breiter werdend, dehnt
+sich die Terrasse da, wo sie an die nach Nordwesten
+laufende Battus-Strasse stösst, welche hier auch der
+natürlichen Spalte zwischen dem Ost- und West-Hügel
+der Stadt folgt, zu einer Plattform aus, welche den
+Apollo-Tempel trug.
+<a id="page-190"></a><span class="pgnum">190</span>Durch die Ausgrabungen von Porcher und Smith
+ist unwiderruflich festgestellt, dass der Tempel, welcher
+sich vis-à-vis der Quelle des Apollo befand, diesem Gotte
+selbst gewidmet war. Beechey hielt denselben, weil er
+eine, wie er glaubte, auf Diana bezügliche Inschrift<a href="#FN-22" id="FNA-22"><sup>22</sup></a>
+fand, und ausserdem eine weibliche Statue in sitzender
+Stellung, für der Diana geweiht. Aber schon die Lage
+bringt es mit sich, dass dieser Tempel dem Apollo gewidmet
+war, und zwei Inschriften, welche Porcher und
+Smith hier fanden, endlich die ausgezeichnet erhaltene
+Marmorstatue von Apollo cytharoedes<a href="#FN-23" id="FNA-23"><sup>23</sup></a>, welche sie ausgruben,
+und die gleichfalls in das British-Museum gekommen
+ist. Obgleich einige Piedestale der Säulen noch
+am Platze sind, so lässt sich doch trotz der Ausgrabungen
+nichts Bestimmtes über den Bau des Apollo-Tempels
+sagen. Wahrscheinlich war er in dorischer Ordnung
+errichtet, und hatte seine Richtung fast von West nach
+Ost. Er hatte nur Pronaes und Cella, und ein grosses
+<a id="page-191"></a><span class="pgnum">191</span>Piedestal in dem westlichen Theile der Cella lässt erkennen,
+dass der Eingang, wie übrigens in fast allen
+Tempeln in Cyrene, von Osten war.</p>
+
+<p>Gegenüber dem Tempel nun haben wir gleich den berühmten
+Apolloquell, heute ain Schehed genannt, welcher
+einst die Veranlassung zur Gründung der Stadt Cyrene und
+der später so blühenden Colonie war. Aus einem senkrechten
+Fels hervorsprudelnd, bemerkt man oberhalb der
+Front einen Giebeleinschnitt, Beweis, dass hier einst der
+Quell mit einer Tempelfaçade geschmückt gewesen ist;
+und rechts an einem Felsvorsprung liest man die bekannte
+auf eine Renovirung der Quelle bezügliche Inschrift:</p>
+
+<div class="poem">
+<p>L<span class="greek">&#921;&#915;&#916;&#921;&#927;&#925;&#933;&#931;&#921;&#927;&#931;&#931;&#937;&#932;&#913;</span></p>
+<p><span class="greek">&#921;&#917;&#929;&#917;&#921;&#932;&#917;&#933;&#937;&#925;&#932;&#913;&#925;&#922;&#929;&#913;&#925;&#913;&#925;</span></p>
+<p><span class="greek">&#917;&#915;&#917;&#931;&#922;&#917;&#933;&#913;&#931;&#917;</span></p>
+</div>
+
+<p>Von einem Bassin ausserhalb der Felswand kommt
+man in eine ziemlich geräumige Grotte, welche rechts
+eine geräumigere künstliche, und in zwei Abtheilungen
+getheilte Höhle hat. Ursprünglich waren dies wohl
+Zimmer für die Priester, jetzt sind sie verschlammt und
+zum Theil unter Wasser. Beechey fand darin die Bruchstücke
+von Altartischen mit Figuren. Von der Grotte
+aus kann man nach Süden zu die Quelle fast 700 Schritt
+weit verfolgen durch einen künstlich angelegten Gang,
+fast überall 5' hoch und 4' breit. Stellenweise findet
+man die Wände mit Namensinschriften bedeckt. Zuletzt
+wird der Gang so niedrig, dass man gehend nicht weiterkommen
+<a id="page-192"></a><span class="pgnum">192</span>kann, es ist auch wohl kaum anzunehmen,
+dass die Quelle noch bedeutend weiter nach Süden zu
+entspringt, da sie jedenfalls unter dem Höhenpunkt des
+westlichen Berges von Cyrene ihren Ursprung nimmt.
+Das Wasser der Quelle fanden wir zu 13°C. Dass aber
+die alten Einwohner nicht allein ihren Wasserbedarf,
+so reichlich und zulänglich auch die Apolloquelle ist,
+von hier hatten, geht aus der ungeheuren Cysterne hervor,
+welche man am südwestlichen Ende der Stadt antrifft.
+Aus drei nebeneinander gebauten Reservoirs bestehend,
+haben dieselben eine Länge von 260 Schritt
+auf eine Breite von c. 175 Schritten. Das eine Reservoir
+ist überwölbt mit Quadersteinen, welche fast alle
+mit Buchstaben und Zeichen bezeichnet sind, wahrscheinlich
+im Voraus, um sie später leichter zu vermauern.
+Zwei der Reservoirs scheinen keine Gewölbe gehabt zu
+haben, da die Trümmer oder Steine fehlen, womit sie
+gewölbt gewesen wären, und dies lehrt uns wohl, dass
+diese Cysternen erst in späterer Zeit angelegt, aber
+nicht vollendet worden sind. Auch einer anderen Quelle,
+welche gewiss in früherer Zeit von grosser Bedeutung
+war, müssen wir noch erwähnen, welche im uadi Bel
+Rhadir entspringt. Heute noch von den Einwohnern
+ain Krenah genannt, würde uns dies fast auf die Vermuthung
+führen, dass dies die Quelle Kyre gewesen sei,
+wo zuerst die alten Griechen ihre Ansiedelungen gemacht
+haben, wenn nicht der Apolloquell bedeutend
+<a id="page-193"></a><span class="pgnum">193</span>stärker an Wasser und so recht im Mittelpunkt der
+Stadt und der hauptsächlichen öffentlichen Gebäude gelegen
+wäre. Ain Krenah, welches offenbar von Cyre,
+Cyrene, hergeleitet ist, entspringt auch aus einer Grotte,
+hat künstliche Reservoirs und alte steinerne Wassercanäle,
+um das Wasser zu vertheilen. Ebenfalls aus
+einem steil abfallenden Felsen des uadi Bel Rhadir,
+welches sich am Südende der Stadt hinzieht, entspringend,
+ist dies der lieblichste und anmuthigste Punkt der
+Gegend. Vor der Quelle befindet sich eine geräumige
+Plattform, welche nach dem Abgrunde zu, den hier die
+malerische Schlucht bildet, von einer colossalen Quadermauer
+gestützt ist. Das ganze Thal hat die üppigste
+Vegetation und die Quelle selbst ist von Myrthen und
+Oleanderbäumen dicht beschattet.</p>
+
+<p>Von ganz besonderem Interesse für den Forscher
+ist die unendliche Todtenstadt, welche nach allen Seiten
+hin die Stadt umgiebt. Die Zahl der freien Gräber und
+Sarkophage, die Zahl der Höhlen, welche Todtenkammern
+enthalten, ist so bedeutend, dass man glauben sollte,
+die Stadt sei nur von Todten bewohnt gewesen. Freilich
+ist nichts mehr unentweiht; kein Grab, keine Kammer,
+die nicht erbrochen wäre, und das, was die Hand
+der Barbaren unberührt gelassen hatte, als Inschriften
+und Malereien, ist von den letzten Reisenden fortgenommen
+und nach Paris und London gewandert. Und
+im Ganzen können wir auch nur zufrieden damit sein,
+<a id="page-194"></a><span class="pgnum">194</span>denn wenn Pacho, della Cella noch hie und da schöne
+Wandgemälde vorfanden, wer hätte für ihre Erhaltung
+garantirt!</p>
+
+<p>Die vollendetsten Todtengewölbe und Grabkammern
+findet man am Nordabhange der Berge von Cyrene, auf
+dem Wege nach Apollonia und im uadi Bel Rhadir.
+Offenbar gaben ursprünglich bestehende Höhlen Veranlassung
+zu dieser Art Beerdigung. Wir finden hier
+die einfachsten Gräber, ohne jeglichen Schmuck, und
+die vollendetsten mit Tempelfaçaden, Vorkammern, Hauptgängen
+und Seitenkammern. Besonders grossartig, wenn
+auch nicht schön, sind die Katakomben am Nordabhange,
+von den Eingebornen Knissieh genannt. In dieser
+Räumlichkeit, wo wir später des Photographirens halber
+unsere Wohnung aufschlugen, ist sicher Platz für einige
+1000 Leichen. Mehrere 100 Schritt weit ziehen sich
+die Grabkammern in das Innere des Felsens, und oft
+sind die Gräber so, dass man von einem aus in eine
+untere oder obere Etage kommt, und nun wieder eine
+ganze Gräberreihe vor sich hat. Aber auch hier ist
+alles durchwühlt, und kein Grab unbeschädigt; oft watet
+man Fusstief in Todtenstaub und zwischen Gerippen.</p>
+
+<p>Die vollendetsten Gräber sind in Bel Rhadir; hier
+finden wir die meisten Façaden mit Säulen oder Halbsäulen
+geschmückt. Ein Grabmal auch in den lebendigen
+Fels getrieben, und zwischen dem Apolloquell
+und dem grossen Theater gelegen, dürfte vielleicht das
+<a id="page-195"></a><span class="pgnum">195</span>Grab des Battus gewesen sein; ein Marokkaner, welcher
+darin seine Wohnung genommen hatte, erlaubte
+uns leider den Zutritt nicht. Ganz recht hat Barth,
+wenn er sagt, es giebt auch auf Speculation gebaute
+Grabkammern, die vielleicht noch gar nicht benutzt wurden.
+In der That findet man an der Nordseite der
+Berge ganze Reihen solcher uniformen Gräber, inwendig
+vollkommen leer, ohne Deckel und meist Raum für je
+6 Gräber habend, zwei hintereinander und drei übereinander.
+Die Form der Sarkophage ist eben so wechselvoll;
+vom einfachsten, wie man sie zu Tausenden an
+jedem zur Stadt führenden Wege findet, bis zum kunstvollsten,
+oft tempelartig ausgearbeiteten. Die Sitte des
+Verbrennens scheint nie in Cyrene geherrscht zu haben;
+wenigstens bemerkten wir nirgends Nischen zum Aufbewahren
+von Urnen; ebenso scheinen Särge aus Thon
+nicht benutzt worden zu sein; auch Grabaltäre hat man
+in Cyrene nicht gefunden, mit Ausnahme in der Knissieh,
+wo auch noch zwei hübsch verzierte Statuen liegen.</p>
+
+<p>Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes waren
+die Eingebornen recht freundlich gegen uns; sie brachten
+uns Ziegen, Honig, Milch und Butter zum Verkauf,
+und obgleich auch hier der photographische Apparat mit
+sehr misstrauischen Augen betrachtet wurde, störten sie
+uns doch nie bei unseren Arbeiten. Selbst Sidi Mustafa
+der Eukadem der Sauya der Snussi, welche ihre Gebäude
+seitwärts, dicht bei der Apolloquelle, erbaut haben, bot
+<a id="page-196"></a><span class="pgnum">196</span>uns seine Dienste an; sich uns selbst zu zeigen, hielt
+er sich aber zu heilig, und wir hatten auch keine Veranlassung,
+seine Nähe zu suchen. Das Wetter aber war
+während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes in der
+Stadt und Necropolis entsetzlich: kein Tag ohne Regen
+und Sturm, und des Morgens vor Sonnenaufgang so kalt,
+dass der Thermometer meist unter Null war. So mussten
+wir denn die Augenblicke zum Photographiren förmlich
+abstehlen, und oft wenn wir durch bodenlose Wege
+und über glatte Abhänge ans Ziel gekommen waren,
+nöthigte uns das Wetter zur schleunigsten Heimkehr ins
+Grab, wo ein loderndes Feuer unsere kalten Gliedmassen
+erwärmte. Trotzdem konnten wir von dieser berühmten
+Stadt über zwanzig Ansichten ermöglichen, welche dem,
+welcher mit den Schwierigkeiten, im Freien zu photographiren,
+und als Dunkelkammer nur ein wackliches
+Zelt zur Disposition zu haben, vertraut ist, gewiss genügend
+sein werden<a href="#FN-24" id="FNA-24"><sup>24</sup></a>. Leider gingen einige Glasplatten
+verloren.</p>
+
+<p>Unsere Absicht von hier aus Apollonia zu besuchen,
+konnten wir des entsetzlichen Wetters wegen nicht ausführen,
+obgleich jener Ort nur circa 4 Stunden von Cyrene
+entfernt ist. Die steilen Bergabhänge waren aber durch
+den anhaltenden Winterregen für Kameele ganz unzugänglich
+<a id="page-197"></a><span class="pgnum">197</span>geworden. Aus gleichem Grunde mussten wir
+auch verzichten, nach dem etwas entfernteren Derna zu
+gehen; unser einziger offner Weg war aber der auf der
+Hochebene, rückwärts nach Bengasi. Ehe wir jedoch
+diese Reise antreten, werfen wir einen Gesammtüberblick
+über Cyrenaica.</p>
+
+
+
+
+<hr class="front" />
+
+<h2>Fußnoten:</h2>
+
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-1" href="#FNA-1"><sup>1</sup></a> Präfect von Paris.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-2" href="#FNA-2"><sup>2</sup></a> General Faidherbe ist Ehrenmitglied fast aller geographischen
+Gesellschaften, auch unserer Berliner.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-3" href="#FNA-3"><sup>3</sup></a> Ein Sohn des von Bengasi nach Aegypten geflüchteten Sohnes Jussuf
+Caramanli, der wie wir früher gesehen, revoltirt hatte.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-4" href="#FNA-4"><sup>4</sup></a> Dass in einer vom eigentlichen Tripolitanien so weit entfernten
+Provinz Alexandrine Tinne ermordet werden konnte, ist nicht im Stande
+die gute Mannszucht im eigentlichen Tripolitanien als schlecht
+darzustellen. In Europa kommen auch Raubmorde vor und die Tinne zu
+ermorden war für diese Halbbarbaren gewiss verlockender, als die Familie
+Klink, die durch Traupmann ein Ende fand.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-5" href="#FNA-5"><sup>5</sup></a> Die Mschia, welche circa 8000 Gärten mit 3000 Brunnen hat, ist, wie
+schon bemerkt, ganz Abgaben frei, dahingegen muss jeder Brunnen oder
+Garten einen Krieger, im Falle der Muschir ihrer bedarf, stellen.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-6" href="#FNA-6"><sup>6</sup></a> Ein Franzose, Mr. Robert, hatte zur Zeit Abd el Djelil's von den
+Arabern die Erlaubniss bekommen, den Schwefel ausbeuten zu dürfen, zu
+dem Zwecke hatte sich schon eine Gesellschaft in Marseille gebildet. Als
+man aber anfangen wollte, hatte Abd el Djelil seinen Tod gefunden und so
+unterblieb die Ausbeutung. Im Jahre 1846 hatte sich aber eine andere
+gegründet, mit der ersten vereinigt, welche den Titel hatte Compagnie
+Anglo-Française pour l'exploitation des mines de soufre d'Afrique, aber
+nun wollte die Pforte die Ausbeutung nicht gestatten, musste der
+Gesellschaft indess eine Abfindungssumme von 350,000 Francs zahlen im
+selben Jahre.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-7" href="#FNA-7"><sup>7</sup></a> Klöden hat die sehr hohe Zahl 1,500,000 Einwohner.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-8" href="#FNA-8"><sup>8</sup></a> Mkaddem, Vorsteher, Verwalter.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-9" href="#FNA-9"><sup>9</sup></a> Ganz Tuat ist Thaibisch und selbst in Timbuctu ist ein Filialsauya
+des Thaib.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-10" href="#FNA-10"><sup>10</sup></a> Mit Ausnahme der Buabin von Bab er Lab in Persien gestiftet, welche
+offen auf eine Vereinigung mit der christlich semitischen Religion
+streben; in Algerien besteht ausserdem die tolerante Brüderschaft der
+Tedjadjna, v. Duveyrier, les touareg etc. und noch viele andere.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-11" href="#FNA-11"><sup>11</sup></a> Ritter: 25,000 Ew., Barth: 13&#8211;14,000 Ew., Mircher: 15&#8211;18,000 Ew.,
+Vatonne: 30,000 Ew. (mit der Mschia), Hoffmann: 30&#8211;35,000 Ew., Testa:
+10,000 Ew., Klöden: 10,000 Ew., Maltzan: 15&#8211;18,000 Ew.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-12" href="#FNA-12"><sup>12</sup></a> Die Pforte verleiht dem Patriarch von Jerusalem das Recht,
+unter seiner Flagge, welche weiss ist, durch ein rothes Kreuz geviertelt
+und in den vier weissen Feldern wieder je ein rothes Kreuz
+hat, Schiffspatente zu verkaufen; dies wird häufig von katholischen
+Rhedern benutzt, und der Jerusalemer Pavillon ist auf dem mittelländischen
+Meere von allen Mächten, auch von der Pforte, als neutral
+respectirt.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-13" href="#FNA-13"><sup>13</sup></a> In Tripolis und dem Rharb sagt man <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/kudas.png" alt="[arabisch: kudas]"/></span> kudas für Glocke,
+eigentlich heisst das aber Messe und Glocke <span class="arab"><img class="specialfont" src="images/el-djars.png" alt="[arabisch: el djars]"/></span> el djars.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-14" href="#FNA-14"><sup>14</sup></a> Siehe Barths Wanderungen.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-15" href="#FNA-15"><sup>15</sup></a> Siehe Mission de Rhadames.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-16" href="#FNA-16"><sup>16</sup></a> Barths Wanderungen.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-17" href="#FNA-17"><sup>17</sup></a> Die letzte auf Regierungskosten ausgerüstete Entdeckungsreise war
+die nach Aegypten, abgerechnet die von Minutoli und Ehrenberg u.a. nach
+der Jupiter Ammons-Oase und Cyrenaica. Bekanntlich wurde nur die
+Ammons-Oase erreicht.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-18" href="#FNA-18"><sup>18</sup></a> Nec procul ante oppidum fluvius Lethon, lucus sacer, ubi Hesperidum
+horti memorantur. Nat. hist. V. c. 5.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-19" href="#FNA-19"><sup>19</sup></a> Dapper nennt den Lethe des Ptolemäus Milel-Fluss.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-20" href="#FNA-20"><sup>20</sup></a> Barth 3500 Schritt, della Cella 2 M.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-21" href="#FNA-21"><sup>21</sup></a> Siehe Gottschick. Geschichte der Gründung und Blüthe des
+hellenischen Staates in Cyrenaica. Leipzig, Teubner 1858.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-22" href="#FNA-22"><sup>22</sup></a> Die Inschrift bezieht sich auf Archippe aus der Ptolemäischen
+Dynastie:</p>
+
+<div class="poem">
+<p><span class="greek">&#913;&#929;&#935;&#921;&#928;&#928;&#913;&#925;&#928;&#932;&#927;&#923;&#917;&#924;&#913;&#921;&#927;&#933;</span></p>
+<p><span class="greek">&#917;&#933;&#921;&#925;&#921;&#917;&#929;&#921;&#932;&#917;&#933;&#927;&#933;&#931;&#913;&#925;&#928;&#932;&#927;&#923;&#917;</span></p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-23" href="#FNA-23"><sup>23</sup></a> Unter anderen fanden Smith und Porcher eine männliche Statue,
+wahrscheinlich Hadrian, dann einen Minervakopf, den Kopf des ersten
+römischen Proprätors Gnaeus Corn. Lentulus Marcellinus, einen
+Bronce-Portrait-Kopf, kleinere Broncegegenstände und Lampen von
+Terracotta. Von den kleinen Broncefiguren eine Figur von Jupiter Ammon
+und eine Gruppe, die Cyrene, wie sie einen Löwen erdrosselt,
+darstellend.</p></div>
+
+<div class="FN"><p><a id="FN-24" href="#FNA-24"><sup>24</sup></a> Der Photograph E. Salingré aus Berlin, hat die Photographien in
+gross Quartformat, 40 an der Zahl abgezogen, und dieselben sind käuflich
+bei ihm zu haben.</p></div>
+
+<h3>Transkriptionsnotiz:</h3>
+
+<div class="FN">
+<p>Die folgenden Druckfehler der Originalvorlage wurden in diesem Etext korrigiert:</p>
+
+<p>Seite 42: "zn" korrigiert zu "zu"</p>
+
+<p>Seite 110: "übererall" korrigiert zu "überall"</p>
+
+<p>Seite 120: "hei" korrigiert zu "bei"</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band, by
+Gerhard Rohlfs
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH ***
+
+***** This file should be named 17599-h.htm or 17599-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+
+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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