The Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus

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Title: Das blaue Fenster
       Novellen

Author: Hugo Salus

Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***




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Das blaue Fenster


    Novellen

      von

   Hugo Salus



Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906



Alle Rechte
vorbehalten



           Inhalt

                          Seite
Piet .....................   1
Der Rcher ................  57
Das Meerweibchen .......... 115
Der Spiegel ............... 173




Piet


Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Vertrumtes; es
ist so, als htten die Huser der Menschen, deren Heiligtum es war, das
Kirchlein verlassen, so da es nun ganz allein zurckgeblieben ist, bis
die Bume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wre es,
einsamkeitsschtig und der Welt berdrssig vom Tale heraufgeflogen, um
frder recht als ein Einsiedel hoch oben im grnen, stillen Forste zu
trumen.

In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrmmigkeit und der
Mrchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem
Heiligtume ehrlich und wunderglubig wie ein Kind.

Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im
Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich
aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so da es
gleich den Anschein weckte, als wre an einen alten Wartturm spter die
Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schnen Wald wie immer in dem
Gefhle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so da ich lchelnd
nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes
gewahrte. Die Tr der Kapelle war leicht geffnet und das Innere des
Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der
wenigen Bnke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand
sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen
Fruleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeielt, so
da sie mit gefalteten Hnden wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag.
Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der
gegenberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam blulich
schimmernd, so da ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurckverfolgte
und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von
einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da
schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte
mich darber, aber so, da der bluliche Schimmer nicht verdeckt wurde,
und blickte nun in ein zartes, leidverklrtes Antlitz von einer solchen
Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkmpften Frieden, da
ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar
umrahmte die eingesunkenen Schlfen, die Augen wlbten die zarten Lider
wie groe Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den
eingefallenen, verhrmten Wangen umso ausgeprgter empor, aber das
Wunder war doch der schmale und beinahe lchelnde Mund, um den ein
Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen
lt, die viel, unendlich viel gelitten haben.

Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl trumend die
blauen Strahlen mit meinen Hnden auf und go sie dann wieder ber das
bleiche Totengesicht und las aus den sherben Zgen ihre Geschichte.

Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer
wie ein Wunder, da weit von hier, hoch in den Wldern droben, ein
Kirchlein steht und da dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die
Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl
noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkmpftem Frieden.

       *       *       *       *       *

Meilenweit, hgelauf, hgelab Tannenwald um das weie Schlo. Die Tler
hinab bis an die Meierhfe und kleinen Drfer, die Berglehnen hinan und
ber die Bergrcken rauschender oder heiligstiller Forst mit
sturmerprobten Bumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit
seinem spitzigen Dachhtlein schweift der Blick wie ber ein
growelliges Meer ber die hellgrnen Baumkronen in der Nhe, ber die
schon ferneren dunkelgrnen Wipfelfelder, ber das bluliche Grn der
Forste am Horizonte, die wie breite Moosflchen sich an den runden
Himmelsrand schmiegen. Und drber ber dem besonnten und doch so dunklen
Grn schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein
Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein,
der mit seinen fnfzig Jahren mchtig und eigensinnig in seinem Schlosse
sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige
hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar
lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Frsten sitzen durfte und
dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr
schumte, wenn sie prchtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine
edle Frstentochter zum Gatten erwhlt, und sie hatten ein glckliches
Jahr in dem weien Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu
gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glckliches Ereignis
und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine
schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemt
verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen
sollte.

Sie sa die erste Zeit nach ihrer Krankheit trbselig auf ihrem Lager,
auf ihre entstellten, schlaffen Brste niederstarrend oder im Spiegel
die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als knnte ihre Schnheit
unmglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt
und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht
geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem
Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis
zeigen: so hlich schien sie sich, so zerstrt deuchte sie ihr
Liebesglck, so abscheulich ihr Krper und ihr Antlitz, da sie immer
wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei
schneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme berrascht,
da sie sich eben ber die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden,
rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Sugling in die Hhe hob,
wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke
Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind
gerettet. Die Grfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des
Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, da sie nicht mehr zum Kinde
kommen konnte.

Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der
Wrterin und spterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr
bedurfte, trbselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen
jener frchterlichen Wutausbrche verfallend, daraus sie noch elender
und siecher hervorging.

So da die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit
vertrumte.

Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher
Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von
neuem gehofft hatte, der bse Schleier, der sich um ihr Gemt gelegt
hatte, msse sich endlich heben und die Augen der Grfin wieder klar,
heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche
verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes
Nichterkennen, eine bse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst
so schnen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren
dsteren Augensternen zurckkehrte; so da der Jammer mit knochigen
Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis da er hoffnungslos,
gleichgltig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte
und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.

Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schlo berufen, die in
Trauerkleidern das verschchterte Kind leitete und die auch das
Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und
zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war
es fr das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herberkam und
mit ihr schn tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht,
eines Kindes Seele zu erffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein
Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und
ihre Flgel zu lsen vermag.

So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und
vertrumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und
sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern,
seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne da
sie wute was, etwas fehlte, das ihre Augen htte aufleuchten lassen.
Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr
aberglubische und wunderbare Mrchen erzhlt bis in die Dmmerung.
Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und
ihr immer wieder verstohlen zugeflstert: Ach, Amme, du bist gut! Bis
einer der Diener von der Grfin drben sie holte; die sei wieder schlimm
geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen.
Und hatte nicht gemerkt, da das Kind, durch das Dunkel und die Mrchen
verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme
nachdrngte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder frchtete in
seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm
verbarg, und das es entdecken wollte.

So geschah es, da Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tr
schlpfte und pltzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin
eine groe Frau mit aufgelsten Haaren schreiend und hnderingend
umherirrte und sich dann erschpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf
jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt
wieder empor und starrte pltzlich mit dem weit offenen Munde einer
Maske und mit entsetzten Blicken zur Tre, wo das Kind zitternd stand,
und dann stie der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte
die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der
Tr gedrngt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.

Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie
jene Frau drben, nur da es nicht schreien konnte, und endlich in den
Armen seiner Pflegemutter lste sich das Entsetzen des Kindes, ein
heier Trnenquell snftigte sein verwirrtes Gemt. Und so lag Berta die
ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und
die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drckte, als wolle sie
alle bsen Geister davon abhalten.

Nach diesem Abend, der das Mdchen um viele Jahre lter machte, wurde
die kranke Grfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde
gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom
Schlosse emporklomm; so da in den folgenden Nchten denen im Schlosse
unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen
Schlafgemach der Grfin.

Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr
nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und
verzerrte das Gesicht wie in einer groen Angst und sthnte aus seinen
Trumen. Da wute sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes
unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer
keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den
Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten
und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb
Berta durch viele Monate.

       *       *       *       *       *

Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mdchen. Dann aber fuhr sie
von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Gte der
Meiersleute auf das Gemt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen,
denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa
vierzehn Jahre zhlen mochte, und sie freuten sich ber die
Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu drfen; was
ihnen in ihrer bedrngten Lage gewi zum Vorteile gereichen mute. Sie
waren einst selbst wohlbegtert gewesen, aber durch Wetterschden,
allerlei Krankheiten und Unglck heruntergekommen, so da sie gern ein
Lehen des Grafen empfingen.

Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit
all der berschssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern
zugedacht war; und sie verhtschelte und verzrtelte das Kind, das
anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau
wute wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand
es in ihrem frommen Gemte als eine himmlische Gnade, da sie es nun
pflegen und ihm die Mutter ersetzen drfe. Und ihrem Leon hatte sie in
einer jener frs ganze Leben unvergelichen Stunden, da Herz zu Herzen
spricht, erklrt, wie unglcklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums
sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als
Antwort und Beweis, da er sie verstanden habe, die Mutter weinend und
wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrckt und ihr dann
geschworen, er wolle die junge Grfin wie ein Ritter schtzen.

Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet
und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die grberen
Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen
lieben lt; so da mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen
herumtrumen, als das Leben spter zult. Er betrachtete das Grafenkind
mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie
des Grafen Kind war. Und er freute sich, da sie in seinen Mrchen so
gut die traurige Prinzessin oder verlassene Knigin vorstellen konnte,
die auf ihren Ritter wartet.

Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen,
gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wute gar
manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten
sitzend, erzhlten sie einander von ihrem Leben.

Ich will einmal was Groes werden, sagte er, der Vater mchte mich zu
einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder
ein berhmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter,
meine liebe Mutter ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte
einen flchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen
still. Die zwei groen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid,
sie waren so traurig, und pltzlich schlang er den Arm um die Schultern
seiner Gespielin: Du mut immer bei uns bleiben, bei uns ist es schn
und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mut du an meiner Statt
bei der -- bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann
immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald
gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du? fragte er in
der eindringlichen Art von Kindern.

Ja, ich will, sagte sie. Aber du mut auch einmal zu uns aufs Schlo
kommen. Dabei rckte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte
ihre Stimme und flsterte ihm ins Ohr: Und dann mut du ber den
dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist,
und mut ihr sagen, sie drfe nicht so traurig sein und solle mit uns
kommen! Willst du, willst du?

Deine Mutter, sagte Leon geheimnisvoll und stolz, da er um das
Geheimnis wute. Ist das meine Mutter? brachten die bleichen Lippen
Bertas mhsam hervor. Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist,
die arme, erschrockene Frau drben, warum lassen sie mich nicht zu ihr?
Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich
erblickte? Und sie streckte die Hnde weit von sich und machte das
entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.

Darauf wute der Knabe aber keine Antwort, und sie saen eng umschlungen
unter dem alten Baume, und sie weinte, whrend der Knabe die von Trnen
Erschtterte nur immer an sich hielt und streichelte.

Mutter, fragte Leon in der Dmmerung, da sie allein miteinander waren,
Mutter, sprich, warum wei Berta nicht, da die kranke Frau in dem
groen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt,
da sie keine Mutter habe?

Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft,
da jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe
Mutter, nur da sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen
gesenkt, so da sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes
Kind sehen knne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wnsche.
Wenn dann der Graf zu ihr kme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube
sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen knnen. Aber einmal
werde gewi der groe Arzt kommen, der sie erlsen und heilen werde!

Und der werde ich sein, sagte der Knabe.

Du nicht, du wahrhaftig nicht, sprach erschrocken die Mutter, an dich
habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele
gndig und behte dich! Und sie bekreuzte den Knaben.

Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glcklich,
trotzte der Knabe. Und darum will ich im Kloster fleiig lernen und
dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berhmter Arzt sein
werde. Und dann will ich die Frau Grfin gesund machen und Berta soll
sich freuen und lachen! Und er fgte tiefsinnig hinzu: Denn du mut
wissen, Mutter, da Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist,
und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzhlt,
ber die du selbst immer lachen mut!

Ich aber habe sie schon lachen gesehen, sagte die Mutter. In der
Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt,
und da hat sie immer, wenn das Licht ber ihr Gesicht huschte, aus dem
Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr
Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schnes Mrchen
getrumt! Ja, sagte Berta eifrig, und Leon ritt auf einem Pferde und
es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Fen!

Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.

       *       *       *       *       *

Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen
sollte, da fhrte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem
Lieblingspltzchen und sie waren beide beklommen und traurig.

Du hast es gut, Berta, sagte Leon, du wirst den Winter ber bei uns
bleiben, ich aber mu fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder
zurck.

Warum in zwei Jahren? fragte Berta erschrocken.

Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da mu ich auch ber den Sommer
im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nchsten Jahre
noch heim und behalten mich erst bers Jahr im Kloster.

Ich will aber nicht, da du wegbleibst! sagte Berta fast zornig, und
wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten
verbieten!

Bis dahin hast du mich lngst vergessen, meinte der Knabe, was liegt
dir denn an mir!

Da schaute ihn das Mdchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an
und es mute ihr sehr nahe gehen, denn langsam berzogen sich ihre Augen
mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Trnen, die gro und schwer
ber ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wrtlein,
weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und
wute auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen
die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.

Da nur die Mutter nichts sieht! sagte Leon.

Da nur die Mutter nichts merkt! schluchzte Berta. Und es war ihnen,
als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide
noch enger aneinander kette, und wuten doch nicht, was sie getan
hatten. Und als Leon am nchsten Tage davonfuhr, da hob er, als die
Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hnde
gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverstndnisses zu, obgleich sie
beide nicht wuten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrcken wollten.

Und der Wagen verschwand im Walde.

       *       *       *       *       *

Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im
nchsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale
unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei
dem Gedanken, da er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das
ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die
Worte: Liebe, liebe Mutter, wie sehn' ich mich nach dir! Du liebe,
liebe .... und schon sprachen die Lippen auch weiter -- liebe, kleine
Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!

Dann aber erschrak er ber den Verrat seiner Lippen und schlo die
Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken
zu verscheuchen. Aber er mute zwischendurch manchmal Berta sagen, oder
er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer
Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen
Geschichte wren!

Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall
die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den
Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.

Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Ku,
der ihn von dem ernsten, zrtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und
mute viel erzhlen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand
durch die Zimmer und Stlle und Wirtschaftsrume und erfuhr alles Neue,
das sich auf dem Hofe begeben hatte.

In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte:
Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Grfin noch?

Da huschte ein Lcheln ber Mutters Gesicht und sie antwortete mild und
legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: Berta kommt heuer nicht zu uns,
sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre
bleiben soll, um Sitte und hfische Art zu lernen. Und die Grfin lebt
in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.

Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl,
da eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine
zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drckte des Knaben
Haupt wrmer an sich und sprach: Die arme Grfin! Als glaubte sie, da
den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.

Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre
darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam
erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verlie,
um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der
Wissenschaft hinabzusteigen.

Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner
Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jnglings
und frchteten sich vor der Trennung.

Die Pflicht erforderte es, da Leon sich erst dem Frderer seiner
Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.

Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie
ein Soldat, der er htte werden sollen, sondern recht als ein Scholare,
mde auf dem Pferde sitzend und dem Rlein ganz die Wahl der Gangart
berlassend; so da die Sonne schon recht im Sinken war, als er das
weie Schlo Eberstein erreichte.

Ist der gndige Herr Graf daheim? fragte er den Pfrtner am Burgtore.

Der komme abends heim! Aber die Grfin Berta sei zu Hause, ob der
Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?

Wenn mich die Grfin gndig anhren mag? sagten da seine Lippen. Aber
sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demtige Angst
qulte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer
gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. Und
meldet einen ehrerbietigen Gru des Ritters Leon Feldegg von der Meierei
im Tale, ob sich die Grfin seiner noch erinnern mag?

Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen htte! Das tat es
seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch
wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die
Kindertrume paten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt.
Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken mchte! Und er sah
Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren
war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam
aber auch schon der Pfrtner und fhrte ihn ins Schlo, wo ihn die junge
Grfin erwarte.

       *       *       *       *       *

Sie trat ihm an der Schwelle des groen Zimmers entgegen, darin sonst
ihr Vater seine Geschfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem
Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt
hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des
Zimmers eine groe Mdchengestalt und hrte eine holde Stimme: Tretet
ein zu mir, Ritter Leon!, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele
ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick
verwundert und unglubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errtete,
da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wlbung streifte,
weil es ihm ein Wunder schien, da die Jungfrau das Kind von damals sein
sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.

Dann standen sie einander gegenber und sahen einander an. Er stammelte
einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie
ihm die Hnde entgegenstreckte und ihn herzlich begrte. Sie erinnerte
sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch
ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken msse als an
jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so
vollendet und berlegen, da Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte
nicht mchtig war und endlich mit wrmerer Betonung, als der Sitte
entsprechen mochte, erzhlte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er
bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte
sagen wollen, da er bei seiner Rckkehr ins Kloster damals als Knabe
sich vorgenommen habe, beim Worte 'Mutter' im Vaterunser immer an Bertas
Mutter zu denken, und da er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit
beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Gestndnis entfliehen
wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, da er
tief atmen mute, um es zu meistern.

Grfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne da
sie es wute, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er
auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob
die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und
freudig berichten, wenngleich es ihn bedrngte, da er nicht nach Bertas
Mutter im Turme oben fragen solle.

Und dann sagte er unvermittelt: Ich will mir jetzt von Eurem gndigen
Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu
gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.

Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt, sagte Berta. Dann
schwiegen sie eine Weile still, pltzlich fllten schwere Trnen Bertas
Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: Ich danke Euch!

Und als ob die Trnen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele
brchten, fuhr sie fort: Leon, Ihr wit ja nicht, wie unglcklich ich
bin!

Grfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglcklich?! Und ich denke Euch
in Stolz und Glck! Was qult euch, Berta, liebe Grfin Berta, sagt mir,
was macht Euch unglcklich?

Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: Wenn
ich Euch helfen knnte! Meine arme, liebe ...

Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen
hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: Wer knnte mir helfen! Ich
schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Gte und man gibt mir
kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglcklich! Und
die Augen mit den Hnden bedeckend: Unglcklich!

Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrngten Krpern wie
in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten,
und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie
fhlten, da sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er
sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berhrten, immer die
gleichen Worte des Mitleids: O du mein armes, liebes Liebes!

Sie kmpfte mit den Trnen, die sie erschtterten, und suchte ein Wort
und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen htte, so fest
drckte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort
gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: Mitleid! Nur ein
Trnentrpflein Mitleid!

Da fhrte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz,
wenn er die Verwalter oder Bauern verhrte, und lie sie sanft
niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie
ein. Und sprach so still und sanft, da sie pltzlich die Stimme seiner
Mutter nach langen Jahren hrte und da ihr Herz sich beruhigte.

Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, da ich ber Eure Rettung
sinne? fragte er. Wann kann ich Euch wiedersehen?

Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenluten! sagte sie.

Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenber Hand in Hand
und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen
und wuten doch, da sie einander alles, alles gesagt hatten......

Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete,
als ob die Wnde ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und
er hatte keinen andern Gedanken und hrte entzckt auf diese einfache
Melodie.

Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schchterne Scholare,
er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhie
ihm auch frder Schutz und Untersttzung.

Das Rlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt,
wie sich der Ritter so verndert hatte. Und wenn es auch nicht verstand,
was er mit den Worten 'mein Rlein in Pelzstiefeln!' meinte, so mute
es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar
zrtlich den Hals. Und seine Glcklein klangen hell durch die Stille.

       *       *       *       *       *

Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung,
weil das holde, schlanke Mdchen sich ihm so warm vertraut hatte, da
der jugendliche Stolz ber den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln
machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher,
Leid ber das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele
erzittern lie, innigstes Mitleid mit der Geliebten, da er die Stunde
des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner
Erwhlten herbeiwnschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen,
ihre Hnde zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr
beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer
sein, was sie so schmerzlich erregte.

Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan,
der ber die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel,
wand die Zgel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem
Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.

Wie viel Elend du birgst, sagte Leon halblaut vor sich hin, Elend fr
deine Bewohnerin und tieferes Leid fr das arme Mdchen, das so wrdig
wre, glcklich zu sein und ihre schnen Augen von deiner Hhe ber
ihres Vaters Land schweifen zu lassen.

Dann trat er zwischen den Bumen hervor und setzte sich auf die
Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit
Moos berwachsen war. Dort unten sah er das weie Schlo und in jenem
Tale drben mute seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht
finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang ber die
Wipfel, da er fromm seine Hnde faltete. Und als er Ave Maria, Mutter
.... sagte, da hrte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und
half Berta aus dem Sattel.

Bist du so allein durch den Forst geritten? fragte er besorgt. Und
sie fhlten gar nicht, da sie einander von jetzt ab wieder du sagten;
so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so
ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.

Wen sollte ich frchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der
sichtbaren Gefahren! Und als fhlte sie den Wert jedes Augenblickes,
als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie
sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dmpfte den Laut ihrer
Stimme nicht, sie loderte ihm zngelnd entgegen: Meine Mutter ist mir
mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein
Vater, hre, Leon, mein Vater hat mich, ich bin ihm zu viel, ich
hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern lt. Du guter
Leon, wenn du wtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden
mu, wie oft ich mich in meiner Mutter frheres Krankengemach flchte
vor den Blicken der, der .. ihr Mund strubte sich, das Wort zu sagen --
der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an
seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte
heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, da ich vor Leid
vergehen mchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht!
Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie
knnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!

Sie schwieg erschpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnschtig
und hoffend zu ihm empor. Da hrte sie von seinen stummen, zuckenden
Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des
Mitleids, und sie lchelte glckselig, da sein Mund sich auf den ihren
senkte.

Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre
Rede war immer das eine Wort ich liebe dich und ich liebe dich, und
in ihren Kssen war Sehnsucht und Dank und Erfllung, bis sie scheiden
muten.

       *       *       *       *       *

Leon hatte beim Heimreiten lange berlegt, ob er der Mutter von seiner
Liebe erzhlen solle; denn er fhlte, da ihr daraus viel Sorge
erwachsen wrde. Aber er wute auch, da er allein zu schwach sei, eine
Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den sen
Augenblicken des Glckes beim Turme fast strend der eine Gedanke
geqult, da Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn htte beglcken und
entzcken sollen, sein Blut zum Sieden htte bringen mssen, das
beunruhigte ihn, das strte ihm sein Glck. Die Gefahren der Reise, der
Ha und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach fr seine Eltern
und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele
Unterdrcktes: eine Flle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen
drngte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. Ich kann doch
nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!
wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.

Vater war noch im Forsthause drauen und so sa er mit der Mutter allein
in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen,
die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.

Die Mutter hatte sich wohl gedacht, da Leon seiner Kindertrume nicht
ledig geworden sei, nun hrte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne.
Sie sann dem Gehrten eine Weile schweigend nach, dann lie sie die
Hnde in den Scho fallen.

Ihr seid jung und liebet euch, sagte sie dann, so mt ihr auch den
Mut fr eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel
Ausdauer brauchen!

Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen? fragte Leon hastig.

Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug! sagte die kluge
Frau. Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht lt sie ihr
Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht fr lngere
Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen!
Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie
wohl ein Brieflein dabei finden!

Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hnde kte,
gefhlt, da er ihrer wrdig werden msse und da ihn diese edle Frau
nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte
sich empor, er dachte an Berta und fhlte sich stark und sicher.

Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte
recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten
Zusammentreffen zurckzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte
im Herzen Leon, der so feinfhlig war, sie nicht beschmen zu wollen.
Sie umarmten und kten einander beim trnenvollen Abschied und
gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzhlte ihr von seiner
Gewohnheit beim Aveluten und sie versprachen einander, den Abendglocken
ihre Gre mitzugeben, da die sie einander entgegen schwngen. Und dann
wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes
Schleierwinken in seiner bervollen Seele mit nach Italien.

       *       *       *       *       *

Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universitt bleiben
wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut,
wie er sie in seinen Zwiegesprchen mit seinem Herzen nannte, aufrecht
erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das
Leiden der kranken Grfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken
und grndliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen
Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn
endlich auch ein Arkanum fr die Grfin versprochen und dabei den
einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen
Puls lange geprft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn
Leon fhlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Sden zu, indes
wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzbel an ihm zehren
mochten.

Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frhling werden
wollte, da kam ein unstillbares Drngen ber ihn, da er seinem
gelehrten Meister erklrte, er msse wieder nordwrts ziehen, ihm sei,
als ob ein geheimer Zauber ihn heimdrnge; ob der verehrte Lehrer ihm
nun das Mittel fr die kranke Grfin schon jetzt geben knne.

Da fhrte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen
allerlei seltsamen Kolben und Gefen eine Tafel hellen Fensterglases
hervor, die in einem Bleirahmen gefat war.

Dies Glas, das dich so unscheinbar dnkt, nimm mit nach deiner Heimat.
Und hnge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke
dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir,
es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das
die bergroe und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende
Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange
genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht
Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein!
Vergi aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses
knstliche und auerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die
Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das knnte sich an
der zarten Komplexion seines Aufbaues sndhaft rchen, sondern mut es
in Hnden nach Hause bringen, da ihm kein Leids geschehe und es immer
an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst
der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und mge das
heiltchtige Fenster auch deinen schwachen Krper strken und
krftigen!

Leon dankte seinem Meister in heien Worten und versprach ihm, so ihn
hoffentlich bald wieder ein beglckteres Ziel hierher fhre, ihm zu
berichten und wrdiger zu danken; wobei er ein beraus heiteres Bild vor
Augen hatte.

So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden.
Er hielt die Glasscheibe in Hnden vor sich hin oder sttzte sie aufs
Knie, wenn eine Hand den Zgel ergreifen mute. Auch stieg er auf den
beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zgel um den Arm
geschlungen, und lie das Rlein hinter sich hertraben, indem er wie
eine Monstranz das Glas in Hnden trug. Viele Wochen vergingen so, ehe
er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat
nherte. Und je mder er wurde, je schmler und dunkler sein Gesicht, je
fter er Halt machen mute, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um
so heier ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine groe und
schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm
das Bild seiner Geliebten verloren ging also, da er Tage und Nchte
lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und
krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast
zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Mdigkeit
am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Tler seiner Heimat.

       *       *       *       *       *

Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begren, seine geliebte
Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und
dem wunderseltsamen Italien zu erzhlen; und gleich zu erfahren, was
auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang
keinen Brief von Hause bekommen und wute nicht, ob sein Schreiben je in
die Hnde seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem
Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem
Schlosse abzweigten, da war ein auffllig groes Leben auf der Strae,
viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorber, als ob
gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wre. Da stieg er, immer von
seiner groen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg,
jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom
langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem
Buerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Strae habe. Der
schaute ihn schier unglubig an, ob er denn nicht wisse, da morgen die
Hochzeit sei.

Die Hochzeit? zitterten die bleichen Lippen Leons.

Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen, sagte
gleichmtig der Bauer und wollte weitererzhlen. Aber er blieb mit
offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die
verstaubte Tafel in seinen Hnden als einen Schild vor sich hielt.

Berta? Berta? schrie er dabei; und er sah so verndert und nicht von
dieser Erde aus, da dem Bauer angst und bange wurde und er mit groen
Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer
entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe.
Und er hatte kaum die Antwort gehrt, so lief er drei Weibern entgegen,
die mit schweren Krben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm
gar nicht erst und hielten ihn fr trunken, weil er so seltsam
schwankte, und riefen ihm zu, da morgen erst Freibier auf dem Schlosse
flieen werde; da mge er sich nur fr morgen seinen Saufsack ordentlich
ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur meine Braut,
meine Braut! und so etwas ist doch nicht mglich! und dann stieg er
mhselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen;
wozu das arme, mde Tier aber nicht zu bewegen war.

So sa er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Hnden und
ritt auf dem Waldpfade gegen das Schlo, indes die andern auf der
breiten Strae blieben. Er sah nicht, da er endlich seinen seit
Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hrte nicht das
Rauschen seiner Bume, darnach ihn so hei verlangt hatte, und schaute
abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den ther warfen.

Das ist der Schlu! sagte er den Bumen, und die nickten dazu, das
also ist der Schlu! Als er aber gegen Mittag das weie Schlo zwischen
den Bumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und
da Leons Augen die weien Mauern erschauten, da war das Weh zu gro in
ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er
weinte, da das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der
stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte
in das Moos auf der Erde. Und das Rlein beschnupperte seinen Herrn und
verstand ihn nicht.

       *       *       *       *       *

Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lcheln war um
seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschttelnd: So etwas ist
doch nicht mglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am
Abend in den Drfern singen:

    Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
    Kam just der Hochzeitszug heraus,
    Feinsliebchen unter dem Schleier.

Er sang die Strophe leise und schwermtig vor sich hin und dann lachte
er laut auf. Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das
ist die Liebe, die mich Narren stndlich ihrer gedenken lie. Gott im
Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie
hintreten, da sie mich hhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei,
der es wagt, die Landgrfin mit sinnlosen Worten zu belstigen? Und soll
ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen lt?
Ich Narr, der ich ihre Augen fr wahr nahm, ihre Ksse fr rein! Aber
ich mu ihr doch sagen, da sie eine Gauklerin ist, ich mu es ihr
sagen, da ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wre, da ich ihre
Hochzeit stre, ich mu, ich mu mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an
sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und
Hochzeitsgeschmeiden fr mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief
schicken! rief er vom Boden sich erhebend, ich schreibe ihr einen
Brief! Da ich das Heilmittel fr ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie
zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich
ihr ins Gesicht ...

Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel
und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rckkunft, wie er sich
freue -- Trnen liefen ihm in seine Zeilen --, wie er sich freue, da er
noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und da er fr die Frau Grfin
das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fgte bei: denn
ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das
Arkanum bergeben; er werde bis zum Abend dort warten.

Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstck funkelte ihm
entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis
zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn,
ob er das Gold verdienen wolle. Er msse nur sogleich dies Brieflein zur
Grfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim
bestellt habe. Dann, als der Diener zurckkam und sein Goldstck
empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fhlte er fast Freude ber
seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte
die Glastafel in Hnden, ohne sie zu fhlen, so gewohnt war er, sie zu
halten.

Wenn meine Mutter wte, da ich nun doch zur rechten Zeit gekommen
bin, wie wrde sie mich in die Arme nehmen, wie wrde sie mit mir
weinen! Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle
Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in
seinem Herzen, da vielleicht Berta auch unglcklich sein knnte, da
auch sie viel groes Leid erfahren, vielleicht greres, als er ahnen
konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfllte ihn, die Beschmung des
verschmhten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tlpel
und leichtglubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Hnden
und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, da ihr ja
nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:

    Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
    Kam just der Hochzeitszug heraus,
    Feinsliebchen unterm Schleier.

Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim
Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die
Bank beim Turme. Er selbst sa auf der Erde nieder und sttzte seinen
schweren Kopf in die Hnde. Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen
wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte! -- Er hatte in
der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn
er fhlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit
lhmte ihm die Glieder. Mir ist zum Sterben, hauchte er. Sein Kopf
fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........

'Nur jetzt nicht sterben!' dachte er, 'nur jetzt nicht! Ich mu erst mit
Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie
mich elend gemacht hat!'

So sterbensmatt er sich fhlte, so hob er sich doch ein wenig empor und
krampfte die Hnde zusammen, denn er dachte, da er Berta bei den
Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht
schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen
Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fhlte, da sie ihn in
seiner grenzenlosen, heien Erregung bewundern und lieben msse. Und
dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr berreichen. Mit den
Worten des Meisters: 'Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll
Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas
schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas
bergehen und die Seele rein werden!' Und er wollte dann Berta sagen,
sie mge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er
versprochen, ob er gleich selber ....

Nein, das will ich ihr nicht sagen, sthnte er, da sie den Triumph
nicht erlebe, mich gedemtigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren
Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz
zerbrochen!

Da hrte er Pferdegewieher; er erhob sich mde, mde und mit zerrendem
Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.

Leon, schrie sie, Leon, mein einziges Glck auf Erden, meine Hoffnung
und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten, und sie
weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drckte ihn strmisch an
sich, sie kte und liebkoste ihn, du meine letzte Zuversicht, du mein
einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!

Leon hing an ihrem Halse, er fhlte, wie seine Beine unter ihm
schwanden, er fhlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust fllte, um die
Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: Das ist zu
viel, das verdiene ich nicht, meine Braut .....

Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schwei bedeckt, da
lie sie seinen Krper auf die Bank niedergleiten: Um des Himmels
willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......,
meine Hoffnung, mein Glck, Leon, mein Leon!

Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm
leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:

Das Glck hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe
Braut, ich bin unwrdig, erzhle mir nur rasch, was haben sie dir getan?
Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es
zu spt ist!

Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst,
denn er keuchte wie im Fieber, erzhlte sie ihm, wie ihr Vater den
einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor
den Dienern und seiner ...., vor 'ihr' mit einem hlichen Schimpfwort
geschmht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf
andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie
dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugefhrt worden
sei und wie sie sicher Gift genommen htte, wenn sie nicht immer noch
auf seine Wiederkunft gehofft htte: Und jetzt bist du da, mein lieber,
lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!

Alles gut, hauchte Leon. Er wollte sich mhselig aufsetzen, aber er
glitt fast von der Bank, da fate ihn Berta und untersttzte ihn, da er
an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der
Hand auf das Glasfenster und erzhlte ihr mit stockenden Worten, was fr
eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.

Mein einzig Geliebtes, meine Braut! sagte er dann mit klarer Stimme,
ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht,
dafr mu ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue! -- Und mit der letzten
Kraft, die er fand, sagte er: Ksse mich, vergib mir! Dann griff er
nach seinem Herzen, Mutter, schrie er geqult und wund, Mutter, und
dabei wollte er Berta noch zulcheln, aber da streckte der Tod schon
seinen Krper, es war ihm, als ob er noch aufstehen knne, ihm zu
entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Scho Bertas
nieder, sein Kopf sank hintenber, er war tot ...

Und Berta sa da, der Krper des Geliebten lag ber ihren Knieen, ihre
Rechte sttzte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie
beugte ihr Antlitz ber sein Gesicht, ber sein totes, entstelltes
Gesicht ...

Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden
und heilige Stille. Und in diesem unendlich sen Veratmen der Natur sa
Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre
Augen sahen verstndnislos in sein Gesicht, ngstliche Seufzer eines
Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. Leon, sagte sie, wie sie
den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, Leon! aber
er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und
lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, da dieser Leon, ihr Leon,
ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jh in ihrer
Brust empor, pltzlich lste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete
tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet htte, und
dann stie sie einen Schrei aus, wie ein gequltes Tier, schrie mit
entsetzlicher, ihre Kraft hhnender Stimme, einer Stimme, davor die
Vgel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein
Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschtterte und die in ihrer
furchtbaren Strke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drben an die
Felsen anprallte und von dort zurckgellte; und sie schrie und wute
nicht, da sie schrie, es war ihre Erlsung und sie mute schreien, auf
Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben
Ohren, nicht Worte oder Stze, nur ihren frchterlichen Schrei, wie ihre
Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer
getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel
schreiend, emporstoend den Schrei ihrer gequlten Jugend, ihrer
zerstrten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie
schrie und wute nicht, da die Amme aus dem Turme getreten war,
emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und da hinter ihr, der
Amme unbewut, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Grfin sich zur
Tr geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem
Turme sich mit Menschen fllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und
gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und
schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen,
und jetzt ritt ihr Vater und ihr Brutigam heran und sprangen von den
Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und
waren nun in das grliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, da
sie hier die Gesuchte finden mten. Der Graf war zurckgetaumelt, als
er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht
kannte.

O, du elende Dirne! schrie er in seinem jhen Zorne, hintergehst du
mich so? und er strzte sich durch den Kreis der Fackeltrger zu der
Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoe liegen hatte,
da er schwer zu Boden fiel, und da sah er, da der Mann tot war, und
schlug eine frchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und
lachte: So hab ich dich mit deinem Liebsten gestrt! Herr Landgraf,
Euren Nebenbuhler frchtet nicht, der gibt kalte Ksse, der tut Euch
nichts mehr in diesem Leben!

Da hatte sich Berta schon ber ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn
mit ihrem Krper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen
Rechten.

Rhrt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurhren!

Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf
die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand
merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich
wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe
anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....

Jetzt aber warf sich Berta ber den Leichnam, sie prete ihren Mund auf
die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und
verzckt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute
glcklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und
konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann
beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann
die Glastafel bei der Bank und strmte in den Turm, das Tor hinter sich
zuschlagend. Die Menschen drauen aber standen unbeweglich und wuten
nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom
anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen lse. Der
bckte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und
besttigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und
sagte: Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren
Teil haben!

Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war
finster im Walde und sie wuten nicht, da sie schweigend heimritten,
warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bumten. Dort
fanden die Fackeltrger kurz darnach die tote alte Grfin und bei ihr
ein mageres Rlein, das einen zerrissenen Zgel schleifte und sie
beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und
zogen zu Tale.

       *       *       *       *       *

Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit ber die Wlder
schweifen konnte, sa Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr berlassen
hatte. Sie sa still und mild mit einem glcklichen Lcheln um die
Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Hnden und schaute Tag und
Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter.
Ihre blauen, unergrndlich dunkelblauen Augen waren weit geffnet und
wie in tiefes Trumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als
vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe
ans Fenster und lchelte es an und kte es, und die Amme, die nun ihr
Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft ber die sanfte Gte ihrer
Schutzbefohlenen und erzhlte immer neue Beispiele davon der Mutter
Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr lie sich Berta auch gerne
streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt
durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.

Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, da
Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster sa
und das Glas, das schon in den letzten Monden blulich geschimmert
hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen
gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre
erloschenen Augen ffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen
waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider
ber die Augen, die wie zwei groe Kugeln durch die dnnen Lider sich
vorwlbten. Sie legte den Krper der Entschlummerten auf ihr Bett, und
der Leichnam war so gefgig und sanft, als ob noch die gute Seele der
Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie
ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Grfin drber.
Sie zgerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mute immer
wieder zum Lager hinschauen, als mte die still dort Schlummernde die
Lider noch einmal ber den groen Augen ffnen, als mte ihre Brust
sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das
Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glckselige, unsglich se
Lcheln um die friedlichen, schmalen Lippen lste sich nicht, der
Seufzer blieb aus und die groen Augen blieben hinter den Lidern
verborgen.

Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte
sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote,
indes groe Tropfen ber ihre Wangen herabrannen.

Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schlo hinab, den Tod
Bertas zu melden.

Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.

       *       *       *       *       *

Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie
ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schnen Grabmale
trumte. Und ich denke mir, da dieses stille und friedliche Kirchlein
an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der
Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.

Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in
den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem
blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe
und Gte der Mutter Leons passe, da sie in das neuerbaute Kirchlein
oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die
nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der
Schlummernden zaubert....




Der Rcher


I.

Etwa sechs Wegstunden nrdlich von Genua, in einem jener schmalen Tler,
ber welche jetzt auf khnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur
Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehft derer von
Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum 'das
Schlo' genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von
ihren groen und weitlufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus
gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre
schlechten Verhltnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.

Diesem Schlosse nun ritt an einem trben Sptsommernachmittage ein
junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt,
der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelscken das Gepck des
Herrn fhrte. Der hie Riccardo Fabbri und war ein
sechsundzwanzigjhriger, schlanker Mann, der eben von einem jener khnen
Seezge zurckkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitluften zu so
groem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als
Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit
den Ruf eines tchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen
Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre
ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen
Seufzer freilich, da sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren
vergrmt ber seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glck
mitgenieen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll
heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester
umschlo. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der
ganzen Liebe seines zrtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames
Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glckliche
Genua seinen heimkehrenden Shnen bereitete. So hatte er denn zwei
Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen
gewissen Glanz nach Hause zurckkommen wollte, in einer verzeihlichen
Regung der Eitelkeit, und weil er wute, in welchen glanzvollen Trumen
von Glck und Reichtum die Frauen zu Hause ihr krgliches Leben
fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Lndern, in denen er
gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und
freute sich die ganze Zeit ber auf die Szene, die sein Erscheinen und
die Bewunderung der mitgebrachten Schtze hervorrufen wrde, so da er
eigentlich dem Himmel ein wenig zrnte, da er bei seiner Heimkunft ein
so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit
Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als da er
sich dadurch htte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr
frhlich vor sich hin oder streichelte zrtlich den Hals seines Pferdes,
das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen
dankte.

Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber, sagte der Offizier dann
zu dem Pferde, greife nur tchtig aus und gib mir hbsch auf den Weg
acht! Dein Pferd, Beppino, wandte er sich zu dem Diener, scheint auch
lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen,
wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hngen lt!

Vielleicht liegt's an mir, Signor, lachte der Diener, ich bin seit
meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine
Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande
bringen; ich knnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen
Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!

Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte
seinem Herrn nher zu kommen.

So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich
sahen sie das einsame Schlo auf dem Hgel daliegen. Riccardo klopfte
das Herz, er mute zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rhrung zu
verbeien; fr so weichmtig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber,
als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhhe
hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem
ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem
Heiligste Madonna, unser junger Herr! erkannt hatte, ritten sie in den
Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.

Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nchten, da er die Wache
auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude
ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch
mtterlicher Zrtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglcken sollte!
Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so da seine
Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wute, da auch nur
er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer
harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gert kannte und das nun
ganz mit den Schleiern der Dmmerung verhllt war, da fhlte er wirklich
eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig
machte, da er es sich doch so gro und herrlich vorgestellt hatte. Als
aber dann -- endlich -- die Mutter die Tr aufri und mit einem Riccardo,
mein lieber, lieber Riccardo! in seine Arme eilte, da verschwand
jegliches andere Gefhl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder
die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Trnen
flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschtterte ihre schmchtige
Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefhl nicht mehr bemeistern, er
wiederholte nur immer wieder die Worte Mutter, meine liebe Mutter,
wobei auch ihm groe Tropfen ber die Wangen liefen.

Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der
Ausbruch der innigen Zrtlichkeit, die sie erbeben lie, sondern auch
ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich
niedergekmpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren
sollte; so da sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie
in einer groen Angst nur um so inniger umarmte und an sich prete, als
knnte sie dadurch die Beantwortung dieser qulenden Frage weit, weit
hinausschieben.

Aber endlich, da ihn eine groe Unruhe ergriffen und er die Mutter
beschworen hatte, ihm alles zu erzhlen, aufs Argste gefat, da die
geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit
gestorben sei, da erfuhr er, da etwas noch Schlimmeres sich ereignet
habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfabar war und das ihn vernichtete,
so da er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der
Zukunft starren mute.

Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verfhrt! Er hrte
nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Trnen anflehte, sich
zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen
Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglcklich
sei: er wute gar nicht, da nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des
Jammers und der schrecklichsten Zerstrung, da sie an seinem Herzen
weinte und sthnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor
sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefhl. Es war ihm, als stnde
sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gbe kein Leben,
keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann
aber durchtobte ihn ein glhender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte
sich empor, er griff um sich und strzte besinnungslos in die Arme
seiner Mutter.

So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mhen
der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein
Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten
Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstrte, seinen
Stolz beugte, sein Glck hhnte und alle Plne, die er fr die Zukunft
geschmiedet hatte, vernichtete, fr die Zukunft, durch die seine Mutter
und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schlogemcher in Glanz
und Glck htten schreiten sollen.

Und die dunkle Nacht, darein der Unglckliche ohne Frieden starrte,
schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren,
in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt:
Rache an dem Verfhrer ....


II.

Der Tag, der diese bse Nacht ablste, war ein strahlender Sommertag,
und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wre die Welt voll Glcks und
Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglckliche
Schwester nur noch zerstrter zeigte und ihm keine Runzel in dem
vergrmten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh fllte sein
Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen
Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so
sehnschtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte
schon frh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die
prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben
nicht durch die freudigen Gewnder in ihrem dunklen Leid zu krnken;
dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem
Unheil gehrt hatte, auseinandergesetzt, da sie nicht lange hier
bleiben wrden, da er bald eine groe Reise antreten msse. Beppino
hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und
dachte sich wohl, was fr ein Ziel seinen unglcklichen Herrn wieder in
die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der
Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.

Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um
Nachrichten ber ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten
Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit groer Herzlichkeit und Freude
aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren
Patrizierfamilien verschwgert waren; so lie man die Frauen denn nicht
gleich wieder in ihre Einsamkeit zurck, obgleich sie nichts ber ihren
Sohn hatten erfahren knnen; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein
junger rmischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders,
zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schnheit Emilias
entzckt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine
Bewunderung nicht hatte unterdrcken knnen. Und als dann die Frauen
wieder heimgekehrt waren, war er fter mit den jungen Genueser
Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten
und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so da auch sie
ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in
der Mutter waren frhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines
edlen und tchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und
aufrichtiger Neigung erfllt schien. Er war aber einer jener allzu
liebenswrdigen Jnglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil
schne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer
jungfrulichen Reinheit wohl ein wrdiges Ziel erschienen, um seine
Betrungsknste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen
geglckt war. Aber so unglcklich sie nun alle durch den Grafen geworden
waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter,
rein und mdchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles
gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches
Erwachen gefolgt war; denn im Frhjahr sei der Graf verschwunden, ohne
auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglckliche zu hinterlassen, und
nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten
Umfrage halten lassen, habe niemand gewut, wohin sich Graf Palma
gewendet habe.

Ich werde ihn schon zu finden wissen! hatte Riccardo gesagt, verla
dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! La mich nur
keine Zeit verlieren, Emilia wird gercht werden!

Und ohne da er der Mutter Vorwrfe gemacht oder die Schwester getrstet
htte, ritt er am nchsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua
zurck, um die Spur des Verfhrers zu verfolgen; er hatte kein
bestimmtes Gefhl, was er mit dem Verfhrer beginnen wrde, wenn er ihn
erst fnde, ob er ihn tten oder zu seiner Schwester zurckbringen
wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in
die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rchen. Und whrend ihres
schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die
Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um
aufzublitzen, wenn er leise das se Wort Rache vor sich hinmurmelte.
Dann ritten sie abends in Genua ein.


III.

Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum groen
Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald
schien er der bermtigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwrmten
die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemt
ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel sa und immer wieder
mit ihnen anstie. In den Zwiegesprchen, die er dabei mit den
Patriziershnen hatte, erfuhr er nur, welch prchtiger Kumpan Ermete
Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkhner Fechter und
Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine
berschumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wren fast auf Riccardos
Schwester eiferschtig geworden, da er diese immer als ein Muster von
Schnheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie
gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der
junge Rmer gewendet habe. Die einen wollten wissen, da er auf einem
der Schlsser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, da er
pltzlich abberufen worden sei, um auf einem rmischen Schiffe an einem
Kriegszuge teilzunehmen.

Darber erschrak Riccardo sehr, da er frchten mute, so den Gegenstand
seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, da die andere Mitteilung
seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nchsten Morgen aus
und gegen Rom, zum groen Erstaunen und rger der jungen Genueser, denen
seine Anwesenheit eine Reihe von frhlichen Festen versprochen hatte.

Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick
wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Fen sich ausbreiten sahen,
seine Wangen rteten sich, als ob er einen groen Sieg erkmpft htte,
als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen knnte.

Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in
der rmischen Aristokratie, das unermelichen Reichtum mit groer
Kunstliebe und einer grozgigen Freude, das Leben schn zu verbringen,
vereinte. Die Palma bewohnten einen groen und herrlichen Palast in der
Stadt; alle Merkwrdigkeiten fremder Lnder, die gerade damals von den
Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schtze alter und neuer Kunst waren
in diesem im edelsten Ebenmae gebauten Palast versammelt, in welchem
alle hervorragenden Mnner Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise
verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in
seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben
hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als
wahrhaftes Knstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese ttige
Beschftigung mit der Poesie sein reges Gefhl fr die Knste wach
erhalten, so da der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer
Freund der Knstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von
ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht
viel bergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmckerin
liebte und gern mit den freidenkenden Knstlern verkehrte, aber mehr aus
Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprchen, als aus wirklichem
Bedrfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude
des Hauses, die mit warmem Gefhl und schner Stimme die Romanzen jener
Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern ber ihre Verse
sprach, die sie als ihre Schutzgttin besangen und feierten.

Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmckten
Hallen, die eines Knigs wrdig waren, erregten Herzens dahinschritt,
da war es ihm, als ob sein Rachegefhl vor dieser Pracht und diesem
ungemeinen Reichtum schwankend wrde, als wre er mit seinem Hasse in
eine Welt geraten, die, heiter und frstlich, weit von jeder Not des
Lebens entfernt lge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn
ber sein schwankendes Gefhl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der
einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, da der sich
nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jmmerlich Menschen
ihr Dasein fristen knnen. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers
gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Ha flammte um so glhender
in die Hhe, er umfate den Griff seines Degens und fhlte eine
brennende Befriedigung bei dem Gedanken, da er, der Sohn eines
verarmten Edelmannes, dieses verwhnte Brschchen seinem berflu
entreien und sich an diesem Buben rchen werde. Er sah im Geiste das
rmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah
die beiden zerstrten Frauen durch die den Rume schleichen, seine
entehrte Schwester, die dieser Lstling wohl gar fr beneidenswert
hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewrdigt hatte! Und Riccardo
umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,
durch dieses Tor, diese Halle, diese Gnge, und wenn er ihm jetzt
entgegentreten wrde, das fhlte er, dann wrde er ihn, ohne ein Wort zu
sprechen, niederstoen.

Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wnschen. Ob er
den Grafen Palma sprechen knne?

Nein, die Herrschaften sind fr einige Wochen auf ihren Schlssern.
Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.

O, sagte der Diener, unser junger Herr, der ist berhaupt jetzt nicht
zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach
Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres
heimkehren!

Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weit du das wirklich? Ist das keine
Ausflucht? fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn
dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere,
da Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie
vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar
nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. Weit du das sicher?
wiederholte er.

Ganz sicher, Herr! brigens kann Euer Gnaden noch nhere Auskunft bei
unserer Herrschaft erfahren, drauen in Selva nera, wo jetzt der ganze
rmische Adel versammelt ist.

Ja, ja, das will ich tun, sagte Riccardo; und er verlie den Palast
mit glanzlosem Blick, enttuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch
die Straen Roms, unfhig, einen Plan zu entwerfen, unglcklich und
zerschmettert.


IV.

Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein bses Gift, das an ihm
zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu
Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah
sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und
ngstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er trumte, wie
seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr
verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglcklich und
zerqult. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,
von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort
stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das
Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm
seine erhitzten Augen ein Schiff vortuschten, dann hob er die Arme, als
ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn
er den Irrtum einsah. Beppino erschrak ber seinen Herrn, wenn er dann
mde und verstrt heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl
einmal eine schchterne Bemerkung, der gndige Herr mge sich vor dem
Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua
heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen
Riccardos, da er frderhin schwieg und sich seufzend zurckzog. Und so
lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Pltzen herum, bis er
eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der
gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswrdigen Offizier und
Verwandten des Papstes, in Rom weilte.

Dem erzhlte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller
Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er fhrte
auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch.
Der erzhlte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, da er dem edlen Herrn
Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und da er ausgeforscht habe,
da er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal
aufsuchen wolle, denn es msse schlecht um ihn stehen. Das sagte der
Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon
am nchsten Tage auf seinen Kriegsgefhrten und traf ihn auch, da er aus
der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.

Riccardo Fabbri, rief er scheinbar berrascht, bist du's oder ist es
dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt?
Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als htte ich einen
Fremden fr meinen Kameraden Fabbri angesprochen!

Er zog den Hut und machte eine hfliche Verbeugung vor Riccardo, der
wirklich erst einen Augenblick zgerte, ob er sich verstellen und fremd
tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich,
er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden,
auch frchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Plne.
Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer
aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude
des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.

Freilich bin ich's, mein lieber da Spada! sagte er also und trat auf
den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. Ich bin in Angelegenheit
meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.

Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem
Augenblicke des Sichentdecktfhlens selbst daran, da er nun aus Rom weg
msse.

Das wirst du gewi nicht tun, sagte Emilio herzlich; wir waren immer
gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du
meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat
gesehen hast!

Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge
stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter
den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo
schon im Palaste der Spada.


V.

Der groe Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der
Vater Emilios war nur fr einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach
Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgefhrt
und war dann wieder auf sein Sommerschlo zurckgekehrt, indes Emilio
noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am
Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener
trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten
und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen ber gemeinsame Bekannte,
ber die Aussichten des nchsten Frhjahrs und seiner Unternehmungen,
und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn
seine Kameraden liebten und schtzten. Er war angeregt und fast heiter,
und als gar da Spada den Namen Palma erwhnte, der Riccardo pltzlich
still gemacht hatte, und davon sprach, da die Palma die Nachbarn seiner
Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast bermtig in seiner
Freude, er erhob das Glas und leerte es, er lie sich von dem gern
bereiten Emilio immer wieder von der Schnheit Francescas, der jungen
Grfin und Schwester Ermetes, vorschwrmen und war schon ganz bereit,
mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnchsten
Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer
durch seine Adern.

Schade, da Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade! sagte Emilio,
jeder Tag wre zu einem Feste geworden!

Ja, bitterschade! wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. Den
htte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!

Und sicher nur Gutes! rhmte Emilio. Die Mnner lieben ihn und mit
den Weibern versteht es keiner wie er! Den mtest du kennen lernen,
Riccardo, und wenn das Glck es gut meint, kommt er frher heim, als
seine Eltern glauben. Mit dem wrdest du bald Freund sein, ihr pat
zusammen!

Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen
Schwertgriff in den Hnden zu halten und schwang doch das Weinglas, da
der rote Wein blutig ber seine Hand spritzte. Er wollte etwas
Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und
er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurck.

Da brachte ihn Beppino zu Bette.


VI.

Als die beiden Offiziere sich am nchsten Tage beim Morgenimbi trafen
und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da
wurde es Riccardo erst klar, da er dies nicht getrumt habe; er war
verstimmt ber seine Schwche und hatte Angst von seinen Plnen und
Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um fr
den nchsten Reisetag ihre Einkufe zu besorgen, die Riccardo bald
erledigt hatte.

Dann irrte er wieder wie frher durch Rom und in einer verschwiegenen
Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm
ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch
sein Hirn geschossen war.

Du reitest morgen nach Bosco rado, sprach er zu sich, und kannst
bermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen,
der dein und deiner Lieben Glck zerstrt hat. Und du bist ausgezogen,
um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rchen. Ist nicht die
Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor
Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist
auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen
absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die
Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden
Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglcklich
machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstrt hat? Da
ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich, so berechnete er an
den Fingern die Lage. Wre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor
mir aufs Meer geflchtet hat, zur Stelle, er drfte den heutigen Abend
nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen, der Gedanke fra sich
immer tiefer in sein Hirn, er hat sich feige davongemacht, um meiner
Rache zu entfliehen, da er doch wissen mute, da ich bald kommen, da
ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt
die beiden Frauen: was bleibt mir anderes brig, als gleiches Unrecht
mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglcklich zu
machen, als er meine Schwester frs ganze Leben elend gemacht hat! Und
wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfhlen, die ich in den
letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und
ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben
und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!

Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe
ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es
einschlief. Ein heies Gefhl der Zufriedenheit durchflo ihn, er konnte
nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glhende
Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum
erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein
kraftstrotzender Jngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger
hervorgehen mu. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den
herrlichen, klaren Frhherbstmorgen bermtig und glcklich wie nur je.

Erzhle mir von Francesca, Emilio, sagte er, da sie einen steiler
werdenden Pfad emporritten, ist sie schn, ist sie liebenswert, hat sie
einen Liebsten?

Er mute von Francesca sprechen, er drngte sein Pferd ganz nahe an den
Schimmel Emilios, er fhlte, da er sich mit seiner Frage in die Gefahr
begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mute fragen:

Ist sie wirklich so schn, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz
schon jemandem vergeben? Mich gelstet nach Abenteuern, weit du, ich
sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe! wiederholte er, da
Emilio schwieg.

Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann
klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem
groen und ernsten Blicke an, er sa steil und wie aus Erz gegossen im
Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer fr die schlichte
Antwort war:

Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine rmische Adelige, sie ist
nicht fr Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!

Und meine Schwester ist eine Fabbri! wollte Riccardo antworten. Aber
er hemmte sich.

Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma! versuchte er seine
Frage abzuschwchen. Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie
schn sei. Du willst meine Frage nicht beantworten, setzte er dann
munter hinzu, du willst mich berraschen! Ich danke dir!

Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand
die Demtigung in den Worten Emilios, er fhlte, wie ihn Spada an den
Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Grfin Palma trennte, er
bi sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem
Pferde die Sporen, da es in eine rasche Gangart fiel.

Dann aber migte er den Trab seines Pferdes und sagte: Siehst du, so
nrrisch macht mich die Wrze dieses Herbstrittes! Sei nicht bse,
Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom
blauen Himmel heben.

Und nach einigem Zgern fgte er hinzu, und seine Stimme war weich und
fast zrtlich:

Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob
du Geschwister hast?

Ja, Riccardo, sagte Spada, ich habe zwei Schwestern, eine ist
vermhlt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine,
liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.

Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hgeligen Walde einen hellen
Fleck. Dort ist Bosco rado und dort drben, nicht weit von jener
Waldlichtung, sitzen die Palma.

Er lchelte und reichte Riccardo die Hand hinber. Dort wirst du meine
Antwort von vorhin verstehen!

Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen! erwiderte Riccardo.

Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.


VII.

Da sie dann durch tiefe Dmmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe
die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen whrend der letzten Stunde
verdeckt gewesen war, und es whrte auch gar nicht lange, da sie die
Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses
daraus erzeichnen konnten.

Aber in der Nhe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht
sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen
Augenblick pltzlich in die Hhe, so da Emilio ngstlich wurde und dem
fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.

Dort auf dem leichten Hgel neben dem Schlosse sind die
Wirtschaftsgebude, sagte er wie zu sich, es wird doch hoffentlich
kein Feuer entstanden sein, das wre eine schlechte Illumination fr
meine unerwartete Heimkunft!

Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, da die Schatten mit
einer gewissen Regelmigkeit durch das Licht huschten, und bald hrten
sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden fr
kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen
und auch die rasch verstummenden Tne einer tollen Musik zu.

Oh, die feiern ein lndliches Fest! sagte Emilio mit erleichterter
Brust. Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann
berraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann
im Lichte erkennen lassen.

Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend,
seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die
Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann
traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten
zwischen den Bumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und
seltsam genug darbot.

Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weien
Schlosse auf dem Hgel eine Scheuer und unten am Fue des sanften
Abhanges war eine vornehme und frhliche Gesellschaft vereinigt, Damen
und Herren, jung und alt, die wrdigen Damen auf Bnken und Sesseln,
indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten.
Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den
Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die
weigetnchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden
Seiten des Hgels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu
der Scheuer empor, und pltzlich zeichneten sich ihre grotesken,
riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten
Wand ab, nrrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebudes vergrert,
aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhrten Tieren, und
die Schatten hatten Dreschflegel in den Hnden, an deren Stangen aber
groe Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von
Flten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft
begleitete die seltsamen Schatten und nrrischen Tne.

Das sind unsere Knechte, erluterte Emilio, sie unterhalten sich und
machen den Herrschaften ihre hbschen Spe vor. Dort sitzt meine
Mutter neben der Grfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu
dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht
Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das
Schauspiel, das eben seinen Hhepunkt erreicht hat.

Pltzlich war mitten auf dem weien Hintergrunde der Wand ein
phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche
Schatten eines bertrieben ppigen Weibes, das nach den beiden Seiten
hin den Maultierreitern plumpe Kuhnde zuwarf. Die waren just in ihrem
Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen
sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, pltzlich das Frauenzimmer zu
erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hgel empor,
den Ritt pltzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden
berhrte. Sie ward strmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald
schien sie den einen, bald den andern zu begnstigen, der Dudelsack war
dabei ganz toll geworden, die Flten jammerten und die aufs beste
belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.

Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lchelte weiter, indes
sein Herz mchtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe
hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei
Kavaliere, zwei jngere und ein lterer, und die beiden Mdchen, lachend
und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst,
welches der beiden Mdchen Francesca sei, er wute es gleich, er konnte
sich nicht tuschen, er dachte gar nicht daran, da er sich vielleicht
irren knnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, da die
Kleinere, die Frhliche, Francesca sein msse.

Sie ist wunderschn! jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut
flsterte ihm gleich in die Ohren: Da wird deine Rache .... Aber er
dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine
Schwester zu denken und prete die Hnde zu Fusten zusammen. Ja, das
ist Francesca, so reizend, so liebenswrdig, so unwiderstehlich! Und so,
du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, da du ihm
nicht wehren konntest!

Er sah jetzt auch die andere an, sie war gro, hatte ein ernstes, in
strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser
Ernst blieb auf ihren reinen Zgen, auch wenn sie lchelte, so da sie
etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des
anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht
lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und
glckverheiend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem
lichten Gewande wie die Verkrperung aller Anmut erschien, so da er,
als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stie, herzlich und
zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein
Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der
eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem
Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere
herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein
lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis ber das Scheunendach
verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang
nieder, indes der Besiegte mit tppischer Bewegung sich erhob, ihnen
nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden
Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen
Tritten auslschte. Das Schattenspiel war zu Ende.

Whrend die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen
Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem nrrischen Spiele
noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und
zog ihn nun mitten in das Gewhl der Gesellschaft hinein. Fackeltrger
kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den
Mdchen standen und Emilio pltzlich seine Stimme in das Gesprch
mischte, als wre er all die Zeit ber anwesend gewesen, da erhob sich
gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, whrend dessen Riccardo
unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und
atmete den Duft ihres blhenden, entblten Halses. Eine heie Sehnsucht
lie ihn erglhen und doch fhlte er sich einen Augenblick traurig, wie
ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und
pltzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter
bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und
hatten ihren Sohn begrt, der nun artig seinen Freund vorstellte und
ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und
whrend sich Riccardo ber die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr
dieser fort, ihn auch den Mdchen bekannt zu machen, der jungen Grfin
Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der
Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu knnen, denn schon waren auch
die brigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und
Hndedrcke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die
weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische
zu beenden. Riccardo sa an der Seite der Mutter Emilios und war durch
ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise
gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich ber das
Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mdchen ber den Gast berichten
mute.

So da Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, mde
von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf
seinem Lager einschlief, ohne Trume und ohne weiter an seine Plne
gedacht zu haben.


VIII.

Als die leuchtende Sonne den Schlfer am anderen Morgen weckte, da gab
er sich erst den angenehmen Gefhlen eines Jnglings hin, der am
vergangenen Abend ein Mdchen kennen gelernt oder eigentlich nur
gesehen hat, das ihn entzckt und das ihm der Inbegriff alles Schnen
und Begehrenswerten scheint, wovon er je getrumt hat: sie ist ihm ganz
in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dnkt
ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust
bergen und streicheln mchte. Er sucht sich recht genau an ihre
liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, da sie kleiner ist als er
und da er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen mu, um ihr was recht
Holdseliges zu sagen. Er schliet die Lider noch einmal, um sich wie in
einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere
Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht
er sie unwillig fort, er fhlt, da seine Sehnsucht ihn langsam das
begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen
sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und pltzlich strafft der
Trumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er
schmt sich vor sich selber.

So ging es Riccardo jetzt; er mute des Zwischenfalles whrend ihres
Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen
Worte: 'Sie ist eine Palma!' beantwortet hatte. Sein heiteres
Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins,
an seinen Entschlu und den neuen Plan fr seine Rache.

O, das wird viel schwieriger durchfhrbar sein, als ich dachte! Sie ist
so schn, so rein!, trumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das
Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schn, so
rein getrumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden
Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz
erfllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie
sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trgt
nicht auch sie vielleicht eine Schuld?

Seine erregte Phantasie zeigte ihm krperlich deutlich Ermete und seine
Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er
machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der fhrte ihn ins
Nebengemach, wo der Morgenimbi seiner harrte. Und dann eilte Riccardo
in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfllt, sich und den Gedanken
seiner Einsamkeit zu entfliehen.


IX.

Als Riccardo in den flimmernden, grnen Garten trat, unter dessen alten
Bumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein
Trbsinn gleich in die glcklichste Frhlichkeit. Er lachte mit den
andern, die den Langschlfer mit frohem Zuruf begrten, die Betten im
Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch
an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft
vermisse.

Da seid Ihr irre, sagte Emilios Vater, der ist heute gar zeitig frh
aus den Federn gekrochen und lt sich entschuldigen. Er und Maria sind
mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa
weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.

O, das tut mir leid, stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als
Entschuldigung dafr gelten, da er sich von der grflichen Familie
nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber
sein Gesicht war pltzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili,
der dessen acht hatte, sagte spottend:

So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, knnt Ihr gewi den
Schleier der schnen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in
dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!

Ja, meinte der Vater da Spadas, darum bittet auch Emilio, Ihr
mchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht
zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges
begegnen.

Das will ich sehr gerne tun, erwiderte Riccardo leise. Ich will nur
mein Pferd satteln lassen.

Dem gnnt heute seine verdiente Ruhe, sagte der freundliche Hausherr
verbindlich, mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.

Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schnes, feuriges Tier
heranfhrte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und
sprengte davon.

Gret uns die schne Grfin Francesca! rief der Nobile ihm noch
frhlich nach; und er sagte dann lachend zu den brigen Gsten: Dem hat
es natrlich wieder die Grfin angetan, sonst wre der Siebenschlfer --
bei aller Liebe zu Emilio -- heute wohl nicht so leicht aufs Pferd
gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut
htte!

Auch Riccardo fhlte, da er heute leichter als je im Sattel sa, so
schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios
getroffen war.

'Ich mu sie einholen,' sagte er sich, 'ich mu sie noch einmal sehen!'

Der Weg fhrte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verlie aber
auch auf der Hhe den Wald nicht, so da die Hoffnung Riccardos, er
werde, nach einem scharfen Ritt auf der Hhe angelangt, den Wagen der
Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfllte.

'Ich bin doch gewi nicht auf einem falschen Wege,' dachte er, 'und doch
hat der spttische Nobile davon gesprochen, da ich in der Ferne den
Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht ffnet sich spter der
Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.'

Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den
steilen Weg wie eine Landstrae genommen hatte.

Da, als Riccardo eben aus den Bumen auf eine sonnige Waldwiese kam und,
vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten
des gegenberliegenden Waldes zustrebend, hrte er pltzlich seinen
Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen
Schreck, der seinen Krper rckwrts ri, das Pferd zum Stehen.

Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, sa sie, nach der
er sich sehnte, und hielt die Zgel ihres Pferdes lose in Hnden. Sie
hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in
ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein,
weil wohl der ungestme Reiter, der so pltzlich sein Pferd zum Stehen
brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein
Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so berdeutlich den
Ausdruck der berraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, da sie
nur noch lauter lachen mute.

Grfin, sagte er, Ihr seid zurckgeblieben -- um mich zu erwarten,
wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm
entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht
hinbergehuscht.

Grfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn fr Francesca?

Ja, seid Ihr denn nicht die Grfin Palma? kam es unsicher und doch
mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen
Riccardos. So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...

Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorfhrte? vollendete Maria
den Satz. Und Ihr habt mich fr meine Freundin genommen? Aber Ihr macht
ein so bestrztes Gesicht, Ihr scheint so unglcklich ber den Irrtum,
da ich wohl um Verzeihung bitten mu, da Ihr Euch so getuscht habt,
Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, knnt
Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gste bis hieher geleitet
und mein Bruder ist noch ein Stck mit ihnen weitergeritten, vielleicht
bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist.
Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten
lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge
Enttuschung bereiten mssen!

Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres
Pferdes, das seine Herrin mit glnzenden Augen anblickte.

Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das
gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun mu ich dir, du liebes, ses
Mdchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme hhnte ihn: Du khner
Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte
Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschpf, das deine
Zrtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner
Rache vorgelogen hast.

Und seine Scham und das Gefhl des schweren Unrechtes, das er dieser
Reinen angetan hatte, war so gro, da er -- als mte die Heitere da vor
ihm seine ganze Schuld kennen -- vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres
Kleides zu kssen, und mit gepreter Stimme zu ihr sagte:

Knnt Ihr mir verzeihen, Maria, knnt Ihr mir das alles im Leben je
verzeihen? Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wute jetzt auch
schon ganz bestimmt, da seine Verwechslung der beiden Mdchen nur
seinem Entzcken ber dieses helle Geschpf entsprungen sei, und da er
aus Bewunderung fr sie und aus dem Gefhle seiner keimenden Liebe den
Irrtum begangen habe.

Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lcheln lag noch um ihre
Lippen, aber nun sah sie in seine unglcklichen Augen und verstand sie
nicht, und darum sagte sie:

Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und wei nicht, ob Ihr bei
heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglcklich
schaut wie jetzt. Und wei auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn
Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen
gestern, da Ihr als Fremder in eine groe Gesellschaft tratet,
verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich
beleidigt zu fhlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und
sagt mir, ob es Euch krnken wrde, wenn Euch jemand fr meinen Bruder
halten wrde?

Sie sagte diese Worte so natrlich und doch so mild, da Riccardo nur
verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur:
Ihr knnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich
getan habe oder tun wollte!

Und pltzlich umfate er strmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor:
Ihr wit ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie
unglcklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so
unglcklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen,
wahrhaftig nicht, jedoch Ihr mt Mitleid mit mir haben, denn ich bin
unglcklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie
allein mich retten knnte!

Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und
hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, da sie ihm nicht wehrte,
so ngstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden
verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verndert, da sie
sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres
Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:

Wie knnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich
nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause
reiten, vielleicht snftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort
auf Emilio warten, dem Ihr sagen knnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch
so recht?

Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr
mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den
Pferden, die sie an den Zgeln fhrten, in den Wald hinein. Dann aber
blieb er stehen, er kmpfte mit sich, ob er Maria sein Herz erffnen
solle. Und er begann ihr zu erzhlen:

Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie
lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen ber Genua. Und diese
beiden Frauen waren mein Traum in den Nchten auf dem Meere und mein
Glck und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben
inhaltsreich, ich wute, da ich leben durfte und leben mute, denn ich
hatte jemanden, fr den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun
nach Hause kam ...

Er wollte weitererzhlen, aber er sah das reine Mdchen an seiner Seite
an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach
einer langen Unterbrechung:

Ihr knnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu
kommen, wie ihn die Sehnsucht erfllt, Eure Eltern und Euch
wiederzusehen! Und was knnte ihn auch Schlimmes berraschen? In Genua
hat er gehrt, da Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darber
beruhigt. Ihr knntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer
Liebe beglckt haben, mit Eurer reinen Neigung beglckt haben,
wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, und diese Vernderung knnte
Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl
kennen gelernt hat. Ach, Maria! rief er pltzlich wie verzweifelnd
aus, ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein
Glck, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist -- und
zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das
Niederschmetternde ist das sichere Bewutsein, da ich meine Schwester
nicht mehr lieben kann, da ich nunmehr meine Heimat, da ich meine
Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach
meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,
wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen knnt! Ich will
hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei
Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurckkehren kann. Mein Diener
wird mir mein Pferd bringen und ich will frderreiten. Lebet wohl!

Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie
seine Rechte in ihrer Hand hielt:

Sprecht mit Emilio, er wird Euch trsten knnen, er wird Euch, das
hoffe ich, zu uns zurckbringen. Seid meines innigen Mitleids gewi,
denn ich sehe, da Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures
Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine
Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid
erschttert sehe, von einem Leid, das sich gewi nicht verbergen lt.
Daran werde ich wohl mein Leben lang denken mssen! Und ich wrde
wahrhaft glcklich sein, wenn ich durch Emilio erfhre, da sich Euer
Geschick zum Guten gewendet hat. Das wnsche ich Euch von ganzem Herzen.
Lebet wohl!

Da wallte noch einmal ein heies Gefhl in Riccardo auf, es drngte ihn
zu Maria hin, aber er bezwang sich und so kte er ihr stumm die Hand.
Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurck,
Emilio zu erwarten.


X.

Es war spt am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte
indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen
Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der
ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten.
Beppino sa unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut
gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen
zu knnen. Sein Herr aber sa schwermtig an der Strae, seufzte oft,
ballte die Fuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute
dann wieder sehnschtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch
nicht kommen wolle.

Endlich, endlich! rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt
kam, du hast lange auf dich warten lassen!

Emilio sah erstaunt in das verstrte Gesicht Riccardos, er sah
verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus
dem Sattel.

Hast du lange auf mich gewartet? fragte er. Hast du denn Maria nicht
getroffen, die doch schon Mittag zurckgeritten ist?

Er bergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der
Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurckzuziehen.

Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie wei, da ich
hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich mu noch
heute fort von hier.

Er sagte dies so seltsam, da Emilio auffuhr:

Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?

Man hat mich nicht beleidigt, lchelte Riccardo trb, aber ich habe
mich schuldig gemacht, Emilio!

So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du
gekrnkt? Es ist ja nicht mglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute
nicht!

Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: Emilio,
hast du in deinem Leben schon ein reines Mdchen verfhrt? Wir sind jung
und hei, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili.
Hast du ein Mdchen verfhrt und dabei jemals an den Jammer der
Betrten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglck ihrer Geschwister
gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das wei ich. Ich kenne uns.
Aber was wrdest du sagen, Emilio -- in den Augen Riccardos war ein
Lauern, und seine kalte Stimme bewies, da er diese Worte den ganzen
Nachmittag ber vorbereitet hatte -- was wrdest du sagen, was wrdest
du tun, wenn du erfhrest, da deine -- Schwester verfhrt worden ist?

Da fate ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und
hielt ihn stobereit erhoben: Du bist wahnsinnig, Riccardo, was
sprichst du fr rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du
erlebst den nchsten Augenblick nicht!

Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und
dann schrie er Emilio in die Ohren: Sto zu, Emilio, sto zu, ich habe
deine Schwester verfhrt, aus Irrtum verfhrt, denn ich hatte es auf
Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weit ja, wie ich mich
schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!

Er lachte grausam und hhnend und schrie noch einmal: Sto zu!

Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt
in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite:

Du bist von Sinnen, Riccardo, sagte er schwer aufatmend, du bist
toll! Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn
hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: Und meiner
Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!

Deiner Braut? schrie Riccardo.

Meiner Braut, erwiderte Emilio ruhig.

Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Krper herunter, er
knickte zusammen, da ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein
Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit
bleichen Lippen: Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder
Bruder! Dann ist ja alles gut, lispelte er vor sich hin, alles gut.

So sank er in den Staub des Weges.

Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glck
gebracht hatten, beugte sich ber ihn, ein inniges Mitleid mit dem
Kameraden erfllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schwei von der
Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er mge Wein
bringen. Den flten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte
das Blut wieder in seine Wangen zurck. Er sttzte sich auf seinen
rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino
wieder weg. Er schttelte das Haupt, als msse er sich erst langsam auf
etwas besinnen, dann drckte er Emilio die Hand und sagte leise:
Francesca. Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen
erschtterte seinen Krper: Maria, sagte er innig, die reine, heilige
Maria! Man mu auch zum Frevelnknnen stark sein, Emilio, und ich bin
ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch
bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den
Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein
guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine
entehrte Schwester zu rchen, an ihrem Verfhrer ...

Er wollte 'Ermete' sagen, da besann er sich, da Emilio die Schwester
seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fhlte eine unendliche Rcksicht
fr seinen Freund, fr den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg
er.

Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehrt, er erinnerte sich
eines Gesprches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da
er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht ber
Francesca etwas zu hren. Und er entsann sich einer uerung des
Genuesen, da Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte.
Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er
umarmte Riccardo und kte ihn auf das feuchte Haar:

Was mut du gelitten haben, armer Freund! Was mut du fr furchtbare
Tage erlebt haben!

Da lste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er
sagte: Ich schme mich meiner Trnen nicht, sie tun mir wohl wie deine
Gte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus
Schwche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher
geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur
Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwrdig einen Menschen zu
lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzhle
ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun la
uns scheiden!

Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd
besteigen. Er fhlte, da Worte Worte bleiben mten und so drckte er
seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel sa, nur stumm die Hand.

Gre mir Maria! sagte Riccardo zum Abschied, gr sie mir, wenn du
mich noch fr wrdig hltst, die Reine gren zu drfen. Und sei
glcklich, Emilio, lebe wohl!

'Lebe wohl!' wollte Emilio antworten, aber da fhlte er den Hohn dieses
Abschiedsgrues und er drckte dem Davonreitenden nur noch einmal fest
und innig die Hand.

Der Wald schlo sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino
seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte
seinem verschwundenen Freunde nach.

Er wute, da er ihn nie wiedersehen werde ...




Das Meerweibchen


I.

Diese Geschichte knnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschnes
Meerweibchen, das an der Kste von Grnland lebte und das von
Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen
ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete,
gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein
Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....

Aber dann wrde jeder glauben da diese Geschichte von einem Lgner und
Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen wrden sie
berhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und
beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige
und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen knne, denn es ist eine
durchaus verbrgte Geschichte und ist in den alten Bchern der
kniglichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie
dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus,
das zu dieser Geschichte gehrt; ein steinernes Meerweibchen, dem
leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck
und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was
aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafr, da es
eine wunderschne Seejungfrau gewesen sein mu, die dem Steinmetz als
Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der
schuppige, etwas schematisch gemeielte Fischschwanz, der -- in dem Lande
des zweischwnzigen Lwen nicht auffllig -- in zwei schn geringelten,
stilisierten Teilen endigt, beweist, da Nacken und Brust einem
Wunderwesen angehrt haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig
verfallen und sieht altersschwach und engbrstig genug aus. Aber es pat
gut in die altertmliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen
Alt-Prag, in dem man weniger zufgender als abblendender Phantasie
bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fhlen; man
mu nur die Gaslaternen und Telephondrhte, die Fahrrder und
elektrischen Glhlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in
einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten
Husern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und
verwegenen Dchern dahinzuwandeln und verwundert zum Frhlingshimmel
emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach
oben abschliet.

Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des
siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische
Erzhlung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung
gestattet, da gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird,
das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die
Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit
gebracht haben, gehren schon lngst nicht mehr in die Neuzeit des
sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu
aufgeklrt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung!
Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten,
umsomehr als sie in der altertmlichen Karlsgasse anhebt und endigt.

Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde.
Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet
sein. Es gehrte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Brger und
Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges
gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, fr seinen Sohn und dessen
einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf da er als ein
bodenstndiger Brger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister
zu Bedeutung und immer grerer Wrde verhelfe. Denn er selbst war aus
bescheidenen Anfngen zu einem begterten Kaufmann geworden und liebte
auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige
Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte
ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien
gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen
zu einem tchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus
vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller,
bescheidener Jngling, schlank, mit sanften, etwas schchternen Augen,
wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine
empfindsame und trumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war
Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schchtern, denn er wute, was
sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschft anlangt,
sondern auch von den freien Wissenschaften und Knsten, und er htte
wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewuter gewnscht.
Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht
sonderlich, er war ein Leser und Trumer und freute sich tagsber auf
den Abend, da er zu seinen Bchern zurckkehren konnte. Das wehrte ihm
der Vater auch nicht, da Karolus im Geschfte still und sicher seine
Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.

Eine tchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblt
auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleiig unter den
Brgertchtern um, welche ihm wohl am besten fr seinen Einzigen
tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er
eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.

Nun waren aber Karolus' Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher
mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre
Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewhnt, die Frauen
mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen,
ohne doch je eine innere Ntigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane
am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres,
ber dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen;
ihre Wnglein waren Pfirsichblten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen
leuchtende Kohlen oder liebliche Vergimeinnichtblmlein, ihr Gang war
wie das Hpfen der Sonnenstrahlen ber blumige Auen, aber, da man die
Wangen streicheln, die Lippen kssen knne, da man die zierliche
Gestalt umarmen drfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu,
aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal
einem lebenswarmen, blhenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.

Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefhlt; das
war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drben unter
der Knigsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte
und pltzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und
in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: groe
Rasenflchen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes
Wasserbecken erglnzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen
pltscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich
weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die
grandiose Knigsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische
Krnung des grnen, blhenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem
Garten aber wandelte in einem weien Sommerkleide eine schlanke,
biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so
jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so
golden lie sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der
Marmorgttinnen, die im Garten in den grnen Gebschen standen, von
ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich
zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr
lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als
ob die Dame ihm zulchle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem
Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Bschen verschwunden war,
und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mute. Erst als
er Stimmen neben sich hrte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich.
Und er glaubte sich's spter selbst nicht mehr, da er eine lebende Dame
im Garten gesehen habe, er war berzeugt, da er nur ein wunderschnes
Mrchen von einer lieblichen Prinzessin getrumt habe, etwa das Mrchen
von der weien Frau Medulina, die mit Blumen und Frchten in den Hnden
durch die Auen schreitet. Einige Tage trumte er noch davon und war
glcklich darber, da er auch bei Tage nach eigenem Willen den schnen
Traum erneuern konnte; er errtete, wenn er sich immer wieder dabei
ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schne, frstliche Dame
immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter
liebreich zuwinken lie. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde
Ringellckchen ber ihrem blhweien Nacken gekruselt.

In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des
grnlndischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte
Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage
auf allen Pltzen und allen Straenecken gestanden und hatten nach einem
aufrhrerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Brgerschaft der
kniglichen Hauptstadt Prag auf das groe Wunder aufmerksam gemacht, das
in den nchsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grnlndische
Meerjungfrau, das schnste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame
mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als
neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nchsten Tagen
in Prag zu sehen sein. Groe Bilder wurden in den Straen herumgetragen,
darauf Lalanda, die grnlndische Seeknigin, abgeschildert war, und
berall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine
betrchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie
ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet
und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schnheit der
Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem
Altstdter Ring in einem der groen Verkaufsgewlbe unter den Lauben zu
sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie
ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen,
da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhrtes Gedchtnis besitze.
Und sei schner, als je ein Mdchen auf dem Festlande gewesen.

Nun waren gerade damals ruhige Zeitlufte, und Prag, die Stadt, die von
Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen mu, um sich ihrer
schdlichen Grungsstoffe zu entledigen und ihr Blut fr einige Jahre zu
reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kmpfen
und Brgerzwisten, so da Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen
hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und
Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschfte, die ihre berschssige
Lebhaftigkeit sonst bei den Straenauflufen ausgetobt hatten, bentzten
jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und
immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die
lteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube
fhrten die ausgiebigsten Gesprche ber das Meerweibchen, und es gab
keine Lebensuerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst-
und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Krperbau des
Grnlndischen Mirakels gebracht htten. Sie bertrafen sich gegenseitig
in der Erfindung neuer Fragen: 'ob sie wohl auch' und 'wie mag bei ihr',
nur muten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefhl
zu schonen eine schweigende bereinkunft im Hause Werkmeister war. Der
hatte natrlich auch die Trommler gehrt und ihren Zettel gelesen. Aber
er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden,
nur die Tatsache, da ein Wunder zu sehen sein werde, beschftigte ihn
und er hatte beschlossen, sich gleich am nchsten Sonntage, dem ersten
Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu
berzeugen, wie weit den Ankndigungen zu glauben sei.


II.

Es gibt wenige Pltze auf Erden, die sich an Schnheit mit dem
Altstdter Ring in Prag messen knnen, herrliche Palste umrahmen ihn,
seltsame Huser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie
anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht
eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Trmchen,
das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose
Teinkirche mit ihren beiden ragenden Trmen, die ernst gen Himmel
weisen, schaut ber die giebeligen, mit Laubengngen versehenen Huser
der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel groe und
inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles
Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmtig auf den Ring
hernieder und wundert sich ber die winzigen Menschlein, die ber den
Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschftigkeit
nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Trme
bedeutungsvoll gegen den Himmel.

Aber die Menschen achten der Trme kaum; denn da sie immer gleichmig
in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie lngst keinen
Eindruck mehr auf der Menschen Gemt, da diesen nur _das_ wunderbar
erscheint, was von der Gleichmigkeit abweicht, was anders ist, als
ihre trgen Vorstellungen.

Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie
war schn und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strmten die Prager
Brger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstdter Ring, um das nie
Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Brger und Bauern,
Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre
Meinungen ber das Meerweibchen aus oder lauschten den Glcklichen, die
Lalanda, die schne Grnlnderin, schon gesehen hatten.

Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewlbes, und alle
Viertelstunden drhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen,
da frischen Besuchern der Einla gewhrt werde; dann strmten die
erledigten Zuschauer aus der Ladentr auf den Ring heraus und ein neuer
Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten,
wurde eingelassen.

Es ist wirklich ein Wunder, sagten die Heraustretenden, und selbst ein
berhmter Professor der Universitt, der unter den ersten Besuchern
gewesen war, ging kopfschttelnd und scheinbar aufs hchste berrascht,
schweigend und auf seinen Stock gesttzt, durch die Reihen der
ehrfrchtig Grenden.

Es ist wunderbar, frwahr hchst wunderbar, sagte er dann zu einem
Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. Gar manchen Bericht ber
Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mitrauen
gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, mu ich wohl daran
glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir
die Snde, wie ein bermtig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig
seltsame oder unmgliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und
staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae
nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie
berichtet.

Und er ging, kopfschttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von
dannen.

In dem matterhellten Gewlbe aber drngten sich die Neugierigen, um
Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hren. Da war ein groer
Wasserbottich aufgestellt, so da er bis an die rckwrtige Wand des
gerumigen Gewlbes reichte und sich noch in das nchste Zimmer zu
erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwrts sah man eine Tr in
ein Nebengemach, Schilf umsumte sie, und mit Schilf waren die Wnde der
groen Kufe verkleidet, also da sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch
waren groe Steinblcke bis an die Wnde des Teiches herangelegt, so da
ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grner Rasen lag. In
der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine
seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die
Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung
gewartet hatten, ffnete sich die Tr an der Rckwand, der Teich schien
auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda
hereingeschwommen, blond, mit aufgelstem Haare und mit anmutigen, schn
geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches
entlang, mit groen, erstaunten Augen die Menschen grend. Sie war jung
und schn, Seerosen lagen in einem blhenden Kranze auf ihrem Haupte,
ihre Augen waren rund und die weien Hgel ihres jungfrulichen Busens
hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten
Mieders. Von den Hften nach abwrts aber verlief ihr schlanker Leib in
einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz,
der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Krpers zu
lenken schien und manchmal wie bermtig das Wasser peitschte. So
schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl
auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches
festhielt und ein paar weiche, ringgeschmckte Finger aus dem Wasser
hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den
schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte
lchelnd mit blitzenden Zhnchen, da ein paar neugierige Hnde ihren
khlen Fischleib berhrten. Nur, wenn die Berhrungen etwas khner
werden wollten, lie sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn
die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm
sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die
sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den
Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre
Augen wurden vertrumt und sehnschtig und, wie aus dieser
Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames,
unverstndliches Lied. Lalanda, Lalanda verklang es. Sie legte die
Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren groen Kinderaugen im
Kreise umher und lie sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tr im
Hintergrunde des Zimmers ffnete sich und mit anmutigen und runden
Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.

Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schn
in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu
spotten und zu hhnen, schttelte bewundernd den Kopf und ging glubigen
Herzens von dannen.

Das ist ein wirkliches Wunder, sagte ein angesehener Brger, der ganz
vorne am Ufer des Teiches stand.

Und wre es auch, sagte ein Nachbar, ein Wunder an Anmut und
Schnheit, wenn sie den Fischschwanz nicht htte!

Mir tut es wahrhaftig leid, sagte ein anderer und wischte sich dabei
mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, mir tut es
leid, da ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede
ehrsame Frau ohne Errten sich anschauen.

Nur wrdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so grndlich
betasten drfen! spottete einer. Wischt Euch nur erst Euren
Sonntagsrock gehrig ab, da sie nichts merke!

Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewlbes
zu.

An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung;
er starrte immer noch nach der Tr, durch welche das blonde Wunder
verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht,
seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hpfte das Herz
in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht
schaut. So stand er allein in dem Gewlbe, er wute gar nicht, da
Menschen um ihn gewesen waren, da er hier auf dem Altstdter Ring in
einem Laden stand, er htte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm
gesagt htte, da Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so
unermeliches Glcksgefhl, ein solcher Jubel erfllte ihn, ohne da er
ihm einen Namen htte geben knnen.

Da fate ihn eine Hand etwas unsanft am rmel und eine nselnde Stimme
weckte ihn aus seinen Trumen:

Herr, die nchste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem
Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!

Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren trumerischen Glanz,
seine Wangen wurden glhendrot, er wagte nicht, dem Strer etwas zu
erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewlbe. Und ohne
aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstdter
Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.

Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wute nichts davon, ihm
war, als wren seine Augen geblendet, und so kam er unbewut auf die
Kleinseite und stand pltzlich vor dem schnen Gitter unter dem
Hradschin, darin ihm unlngst die weie Frau Medulina erschienen war.
Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen pltscherte
melancholisch durch die Stille. Lalanda, so pltscherte er, Lalanda; es
war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hrte ganz
deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie
selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm
liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weie Frau ihm
zugewinkt hatte. Da ri er sich los, die Stimme lockte ihn zurck, er
mute ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstdter Ring, er
drngte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tr des
Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder
ffnen wrde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten
waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an
diesem Tage ging der betrte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem
Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von
neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, da sich die Tr
im Hintergrunde des Teiches ffne, da sie, die Helle, die Wunderbare,
hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Mrchenaugen zuwende. Und sie
bemerkte ihn, bei jedem neuen ffnen der Tr suchten ihre dankenden
Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein
im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen.
Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr
betrendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer
des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte
ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen
Stimme: Auf Wiedersehen morgen!

Und es war seit Jahren das erste Mal, da Karolus nicht zur Zeit nach
Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den
Feldern vor der Stadt ruhelos umher........


III.

So war denn endlich fr Karolus das groe Wunder gekommen, es mute ein
wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht
zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seeknigin mute
nach Prag kommen, um das Lmpchen in seiner Brust zu entznden; und
Lalanda, Lalanda mute sie heien, damit seine Trume in den Tag hinein
dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den
kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine
Lider schlo, trumte er davon, wie er auf einer fernen Insel se und
auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergttin aus den Wellen
auf sein Eiland zugeschwommen komme.

Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite,
schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre
Harfe in Hnden; und schon erklang ihr Lied: 'Lalanda, Lalanda.' Aber er
schmiegte sich an sie, ihr Krper ward warm vom Mondenscheine, und ihr
Busen, weier als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem
Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als 'Lalanda', und doch
verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm
liebreich zu und ihre Hnde lagen still in den seinen. Und als die Sonne
fern-fernher ihre Strahlen ber die Wellen schickte, da glitt sie sanft
vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber lie sie
ihm zurck und die duftete milder und ser, als je eine Rose aus dem
Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Hnden
und mute in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er
wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen
sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen
Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drckte sie
leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus
der Seerose entgegen und glckselig lchelte er vor sich hin.

Lalanda, sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater,
der zu Hupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn
blickte, der gestern abend so spt nach Hause gekommen war. O, wie
errtete Karolus vor seinen Blicken, er htte am liebsten geweint, denn
er wute nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grte ihn mild
und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschften, die
heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich
rasch fertig. Er ging ins Geschft und arbeitete eifrig und angestrengt
bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der
Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu
sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder
zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller
arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen
Grtner wute, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen
waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstdter
Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er
durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das
Gewlbe.

Das Gewlbe war leer und eine angenehme Khle empfing ihn und eine
Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den
Bnken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln
auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wmsern
ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde
htten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner nselnden Stimme
angesprochen und aus den ersten Trumen gestrt hatte, kam aus dem
Nebengemache, er schaute Karolus mit argwhnischen, lauernden Blicken
an, ein hliches Lcheln war um seine Lippen, da er die Blumen in der
Hand des Jnglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der
Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke
lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen
Verbeugung die Blumen zu berreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung
an eine Erzhlung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dnenreiche
vor einer sagenhaften Knigin des Nordens stand, deren Sprache er nicht
verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die
Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hie, 'als ob er
erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.' Nun strte
ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, hhnische
Mann, der ihm gegenber stand, wie ein hlicher Zwerg, der den Zugang
zur Grotte seiner Meergttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn.
Endlich aber besann er sich und bergab ihm die Blumen.

Sind die fr mich? fragte der Zwerg spttelnd.

Fr Lalanda, sagte Karolus errtend, von dem, der ihre Seerose
bewahrt.

Da machte der Zwerg eine bertrieben-hfliche Verbeugung, es lag viel
Spott und Hohn in der Bewegung seines groen Kopfes, und dann ging er
ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewlbe zu
treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerknigin
schner und poetischer gedacht hatte, da ffnete sich rasch die Tr im
Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.

Sie sprach einige unverstndliche und doch wie ein seltsames Deutsch
klingende Worte zu ihrem Behter, der ihr demtig die Blumen bergab und
dann aus dem Gewlbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete
Lalanda am Ufer des Teiches, da Karolus sich ihr nhere.

Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin,
denn das Herz hmmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie
zugeschnrt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen,
da er nun mit der Wunderbaren allein sei, da er mit dieser
Auserlesenen, Kniglichen sprechen solle; er fhlte, wie klein, wie
nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar
nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewhnlich war,
indes sie, eine Knigin des Meeres, ihm wie eine Halbgttin, wie aus
einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei
seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit
ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem pltzlich
Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen
noch in Hnden gehabt htte, da er sie ihr mit einer stummen Verbeugung
htte darreichen knnen! So trat er zgernd an den Rand des Teiches,
seine Augen hatten sich schchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda
emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr htte sagen knnen. Da
blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin,
indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und,
da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer
freundlichsten, sanftesten Stimme:

Ihr frchtet Euch wohl, meine Finger zu berhren, weil sie na und khl
vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren
Hnden haltet!

Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als
ob er jetzt 'den Ritterschlag der Liebe' empfangen solle, und seine
Seele ward frei, da er die Knigin so liebreich sprechen hrte. Und es
schien ihm ein neues Wunder zu sein, da die Herrliche, die wohl seit
ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres
gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er
kte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:

Ich danke Euch, da Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich htte nie
geglaubt, da ich Worte finden wrde, um Euch fr Eure Schnheit zu
danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, da
ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt htten,
und nehmet heute diese schlichten Blumen gndig an. Morgen will ich,
wenn Ihr mir diese Gunst gewhrt, die schnsten Seerosen bringen, die zu
finden sind!

Lalanda schaute Karolus lange prfend an, als ob sie sich erst darber
klar werden mte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder
nicht. Dann aber lchelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser
auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll
zurckwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Krnzlein zu winden.
Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden
Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an
und fragte:

Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr
Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?

Da war es Karolus, als ob eine weiche und khle Hand sein Herz presse,
ihm ward ganz eng in der Brust und er wute keine andere Antwort auf
ihre Frage, als die, da er diese Hand kte, die noch eben sein Herz
fast schmerzlich bedrngt hatte. Sie aber blitzte ihn verfhrerisch aus
den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu
schlieen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken
mute. Dann sprach sie -- und legte dabei den triefenden Fischschweif
nher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berhren:

Noch wei ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich trumen soll,
wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder
wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in
der Nhe mu ein groer, gewaltiger Dom stehen, mit mchtigen Glocken,
das fhle ich, und um Mitternacht drhnt der Boden hier von dem Klange
ihrer sehnschtigen Trume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme
mein Spiel zur Hand und singe. Ich mchte dann Euren Namen in meinem
Liede haben!

O, das war der richtige Ton fr Karolus! Er schnappte nur so nach Luft
bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde
Seele in seiner Brust legte die Flgel zusammen und ward feierlich und
zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vglein im warmen Kfig. Er sagte
ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heie, wie er sich
in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles
trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, da
Lalanda vor Vergngen jauchzte und da ihr Karolus wirkliche Freude
bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glcke sprach, da er sie nun
endlich gefunden habe, da sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen
sei, da lehnte sie ihr schnes, blondes Haupt zrtlich an seine Schulter
und sah ihn von unten her so verheiend und gewhrend an, da er sich
beinahe ein Herz gefat und sie gekt htte. Aber er tat es nicht, er
verga nicht, da sie die Meerknigin war und er nur der einfache,
nichtssagende Kaufmannssohn, und kte sie nicht. Er schaute sie nur
dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm ber den Rcken und seine
Lippen wurden trocken. Und er fhlte es wie eine Erleichterung, als ihm
die Frage einfiel, woher sie so schn deutsch spreche. Sie lie ihr
Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die
ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzhlte sie, wie sie
oft an deutschen Ksten geschwommen sei und deutschen Schiffern
gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mren
erzhlten oder ihre schwermtigen Lieder sangen.

Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre
Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des
Meeres vor meinem Palaste sa und ein deutsches Lied nachsang, so klang
es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesnge, ich sah
sie droben sich ber den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen
Spiegel niederschauen; und manch einen fate das Heimweh so mchtig,
wenn er mein Lied hrte, da es ihn am Bord seines Schiffes nicht lnger
litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie,
das schwre ich, nie Mnner zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir
kommen will, der mu freiwillig kommen. Und wenn ich wte, da Ihr,
lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede
lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich ber den Rand des Bootes
neigte, ich wrde nicht weiter singen, wrde verstummen, damit Euch kein
Leids geschehe!

Sie schaute ihn wieder mit ihren schnen, glnzenden Augen an, innig und
lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume
heraus sagte:

Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr mtet mich
in Euren weien Armen auffangen; und ich mchte mein Leben lang neben
Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!

Wie lieb, wie gut Ihr seid! hauchte Lalanda, ein Schauer des Glcks
schien ihren Leib zu erschttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da
trat aber der hliche Zwerg ins Gewlbe, er ging mit lauten Schritten,
die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu
und weckte sie.

Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig! Da
glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die
Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: Auf Wiedersehen! Auf
Wiedersehen heute abend!

Und langsam mit rckgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die
Tr schlo sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre
Instrumente umgehngt hatten, verlie Karolus betubt und fassungslos
den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn ber den Altstdter
Ring und hhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese
entfernt war.


IV.

Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Mrchen; die Stunden im
Geschfte zhlten fr ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach
dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gste aus
dem Gewlbe auf dem Altstdter Ring geschieden waren und Lalanda nur fr
ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war
Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in
Prag, dann muten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel,
Karolus mute sich's in seinem zitternden Herzen selbst gestehen,
Lalanda, die Meerknigin, die Gttliche, die Wunderbare, liebte ihn und
neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend
selbst gesagt, da sie die Minuten zhle, bis er wieder zu ihr kommen
knne, da ihr das Leben schal und unertrglich scheine, wenn er nicht
mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen knne.

Schau, bin ich nicht warm wie eure Mdchen, sagte sie, pocht mein
Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fhlst du es, fhlst du es
schlagen, Karolus? Und nun mu ich Unglckliche wieder von dannen
ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den hlichen Menschen mich
darbieten! Ich bin unglcklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine
Gefangene und mchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und
weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in
die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlsen!

Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weien schimmernden
Busen das Herz klopfen gefhlt, gleichmig und ruhig, denn sie war ja
trotz ihrer Erregung ein khlerbltiges Meerweibchen und ein unendliches
Mitleid mit der armen, gefangenen Seeknigin fllte seine Augen.

Flieh mit mir, rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, flieh mit
mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!

Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine
Hoffnungen zerrannen.

Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Huschen fr uns bauen,
dann sollst du in deinem Wasser leben knnen und doch in meiner Nhe
sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts -- Er schwieg,
er errtete.

Ksse mich, sagte Lalanda, ksse mich recht vom Herzen!

Und er prete die Lippen auf ihren Mund und fhlte, wie auch ihre Lippen
hei wurden, heier als er es geahnt htte; denn es glhte ihm bis ins
Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend hei von ihrem
Kusse. Und als sie gar ihre weien, nackten Arme um seinen Hals schlang
und ihn an sich prete und nicht loslassen wollte, da schlo er die
Augen, er umarmte sie und drckte sie noch fester an sich und vermeinte
sterben zu mssen.

Ich mu dich retten, du mut mein werden! sagte er, tief Atem
schpfend, mein fr immer!

Da huschte ein Lcheln, ein siegreiches Lcheln ber ihr Gesicht, sie
wiederholte ihre heien Umarmungen, dann schlpfte sie rasch ins
Wasser, denn der Zwerg war ins Gewlbe getreten, um die Tore zu
schlieen.

Denk an dein Versprechen! rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand
auf dem Altstdter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den
sternenbeseten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: Ich
schwre!

In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schlo,
trumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in
einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und
mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes
Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr
blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine groe, phantastische
Blume aus dem blulich-flimmernden Wasser. Sie kam nher und nher und
nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich
hrte er ihre Stimme angstvoll rufen: Karolus, Karolus, rette mich! Er
aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die
mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer strzen, aber ein
schrecklicher Gedanke hielt ihn zurck. Ich kann nicht schwimmen!
sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer
lauter, er schrie es Lalanda zu: Ich kann nicht schwimmen!

Da schallte ein hhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm
hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins
Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig
auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden
war.

Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschwei stand auf seiner
Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus
hatte ihn geweckt.

Was hast du nur fr bse Trume, Karolus? fragte er.

Gottlob, da es nur Trume sind, sagte sein Sohn. Ich habe einen
schrecklichen Traum gehabt!

Als er mit dem Vater beim Frhstck sa, da bermannte ihn pltzlich
sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu
sprechen an und sagte: Vater!...

Aber mehr brachte er nicht ber die Lippen; er wute nicht, wie er dem
Vater auch htte sagen sollen, da ein Wunder geschehen sei, da ihn
eine Meerknigin erwhlt habe!

Vater, sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute,
da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Rte frbte seine Wangen und
seine Lider senkten sich.

Was willst du von mir? fragte der Vater und alle Gte seines Herzens,
alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: Was gbe es, was
ich dir nicht gewhren knnte?

Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute fr Sekunden
ngstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.

Brauchst du Geld? fragte ihn der Vater.

Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der
Vater mge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen knne, wofr.

Da gab ihm der Vater, der gewhnt war, seinem Sohne unbedingt zu
vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als
Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das
dunkle Gefhl, er werde zu Lalandas Entfhrung Geld, viel Geld
brauchen, und damit wollte er nicht sparen. 'Ich will arbeiten wie ein
Knecht,' sagte er zu sich, 'ich will mir die Hnde blutig arbeiten; aber
erst mu ich sie erretten!'

Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegnnt war, brachte er Lalanden
nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem
Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken
Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und kte ihn strmisch,
noch heier als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit
einer Stimme, die zrtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher
als frher klang, sagte sie zu ihm:

Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein fr
immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser
hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt,
bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glck, ich
beneide die anderen Mdchen, ich sehne mich nach einer ......
Huslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden,
und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen
Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie
bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite
an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an
und nickte langsam mit dem Kopfe. Du weit nicht, sagte sie traurig,
was ich schon alles erdulden mute, wieviel Schande und Elend, wie satt
ich dieses Leben habe!

Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefhl die Arme, er
streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen
Gedanken, da dieser herrlichen, edlen, kniglichen Seejungfrau das
Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, da sie leiden msse
und gewi das Elend schmerzlicher fhle als ein Menschenkind. Und sein
Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll ber die Schuppen ihres
Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.

Hast du mich denn wirklich lieb? fragte Lalanda.

Ich verehre dich! antwortete Karolus, und als wre dieses 'ich verehre
dich' noch zu khn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im
'Unvergelichen Liebhaber' zu Graziosa sagt: Meine Nacht ist voll von
deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Knigin!

Da erscholl pltzlich vor der Tr der Trommelwirbel der beiden
Spielleute, grausam und emprend nahe, und schon stand auch der Zwerg im
Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drckte nur rasch dem Zwerg ein
Goldstck in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob
Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glnzte an ihrem Finger
wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die
ersten Besucher in das Gewlbe.


V.

Am Nachmittag, in all den kleinen Geschftigkeiten des Geschftes mute
Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Plne und
Entfhrungsgedanken kamen nicht ber die Worte: 'heute abend' hinaus, er
wute nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit
sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,
er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals
schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen,
um sie dort ihrem Elemente zu bergeben; er selbst wollte dann in einem
Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo auerhalb Prags eine ruhige
Zuflucht finden wrden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die
Stadtsoldaten wrden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die
Schiffer an der Moldau drunten wrden ihn ergreifen und auf die
Wachstube fhren. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das se, holde
Geschpf bis an die Moldau tragen zu knnen. Er wollte jedenfalls gegen
neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstdter Ring warten lassen, er
dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen,
aber auch das wrde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das
mute er dem Schicksal berlassen, der Gott der Liebenden wrde sie
sicher beschirmen und ihnen gndig sein. Er ging Nachmittag nach Hause,
um seinen groen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen
wollte, wenn er sie zum Wasser trge. Er steckte das Geld zu sich,
zhlte eine runde Summe ab, um ntigen Falles den Zwerg damit zu
bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten
Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie
wach wren. 'Das ist das beste Mittel!' sagte er zu sich und dachte an
eine Stelle in einem Ruberroman, wo des Kerkermeisters Tchterlein den
Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen
Hndedruck von seinem Vater, der ihm kopfschttelnd nachschaute, und
ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust
gedrckt, bis er fast atemlos auf dem Altstdter Ring anlangte.

Er kam noch zu frh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel
da, nur aus einigen Geschften und Wirtsstuben drang ein matter
Lampenschein fahl in die Dmmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten
verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein
kleines schmales Wlkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes
gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit
welcher der Wind spielt.

Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter
der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer
Tr stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel
durch die Stille, dann hrte Karolus, der im Schatten der Huser
umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkndete, da
noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch
einmal zu sehen wnsche, msse jetzt eintreten, dann schliee sich die
Tre fr immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge
Leute in das Gewlbe treten und stand frstelnd und sehnsuchtsvoll, wie
auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die
Tr an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige,
Wunderbare in einer kurzen halben Stunde ber die Schwelle tragen werde,
hier bei dem schmalen Teingchen werde der Wagen warten und rasch mit
ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wute Karolus jetzt selbst noch
nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewiheit bringen, wohin, ach,
jedenfalls in eine glckliche Zukunft.

Ich htte einen Dolch mitnehmen sollen! fiel ihm ein, und seine Finger
ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten
und zustoen mten. Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches
Abenteuer gilt's zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!
Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, wenn der Zwerg nicht zu
bestechen ist!

In diesem Augenblicke ffnete sich die Tr zu Lalandas Laden und der
Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen
lrmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewlbe heraus, sie standen
noch in Gruppen beieinander, ein sumiger Nachzgler kam als Letzter
ber die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tr, sie
nahmen die groen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges
aufgehngt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie
noch einmal mit ihren Trommeln und gingen ber den Altstdter Ring nach
Hause.

Gott sei Dank, sagte Karolus, die werden nicht wachen! Und dann, er
traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tr, er
schaute sich mitrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann ffnete
er noch einmal die Tr und sprach einige Worte ins Gewlbe hinein. Und
dann -- Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurckgezogen -- dann
ging auch der von dannen.

'Allein!' jubelte es in Karolus Seele, 'sie ist allein, sie wartet auf
mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!' Er
schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter
Verdacht stieg lhmend in ihm auf, der Zwerg knnte die Tr hinter sich
gesperrt haben! Er lief eilig der Tr zu, mit verschwendeter Kraft
drckte er die Klinke nieder, die Tr ffnete sich weit und er strzte
in das Gewlbe.

Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der
Lampe leuchtete ihr weier Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre
Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.

Endlich, sagte sie, endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du
kmest nicht!

Er strzte in ihre Arme, sie fate seinen Kopf und berste seinen Mund
mit heien Kssen. Liebst du mich? fragte sie immer von neuem zwischen
den glhenden Kssen. Liebst du mich wirklich?

Und sie reckte sich empor, da sein Mund ihren Hals und den feinen
Ansatz ihres Busens kssen mute. Er bog den Kopf zurck, er erschrak
bei der Berhrung der weichen, warmen Sammethaut, als msse er sich
entschuldigen, da er ein Heiligtum berhrt habe. Dann legte er den
Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und
sagte: Die waren fr die beiden Trommler, falls sie uns gestrt htten,
oder fr den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen htte.
Gottlob, sie sind fort, und nun la uns beraten, Lalanda, wie ich dich
errette. Ein Wagen harrt drauen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich
dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen
aushalten? Wirst du es berleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau
kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser
zurckgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein
ruhiges Pltzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer
zurckzieht, will ich auf dem Ufer der Flsse, dich im Angesichte
wandern, bis wir ans Meer gelangen!

Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf
Karolus' nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast
geheimnisvoll noch einmal:

Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwre mir, da du
mich liebst!

Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die
beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Hhe und sagte ernst:

Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glcklich, da du mich
erhht hast durch deine Liebe. Ich wnsche nichts anderes, als da du
mich liebst!

O du unglckseliger, armer, armer Karolus, sagte Lalanda traurig,
da du gerade mich lieben mut, gerade mich, die ich halb Fisch, halb
Mensch bin! Indes du wert wrest, da dich ein schnes Menschenkind
liebte und glcklich machte!

Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda, jubelte Karolus, ich
liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so ber alle Maen schn und
wunderbar, so kniglich und erhaben!

Du guter Karolus, antwortete sie ihm, ich wei, da du mir das Leid
geringer machen willst, das ich empfinden mte, wenn ich -- ihre Stimme
wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten --
wenn ich dich nicht jetzt im nchsten Augenblicke zum glcklichen,
glcklichen Menschen machen knnte! Schraube den Docht der Lampe zurck,
ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich
habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir's verraten soll, ob du
wrdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus
diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glcklich
werden!

Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht
zurckschraubte, so seltsam, wie eine Beschwrung klangen die Worte
Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom
Moore, ihn in seine Hhle ldt. Und es ward fast dunkel im Gemach.

Verschliee die Tr! befahl sie.

Er drehte den Schlssel um, er versuchte, ob die Tr fest verschlossen
sei. Dann sprach Lalanda: Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich
dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen
Augenblick lang! Dann aber schliee die Augen, da ich vor dir nicht
sterbe!

Was beginnst du? fragte Karolus in tiefster Erregung, was soll ich
erfahren? Und er dachte nicht anders, als da nun der Boden sich ffnen
und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf
dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als
wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versnke.

So denke an unsere Liebe! sagte Lalanda. Und nun, Karolus, Karolus,
sieh mich an!

Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des
Teiches und machte unwillkrlich einen Schritt nach vorwrts. Aber er
taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurck.
Auf dem breiten Rande des Bottichs -- stand Lalanda aufrecht, aufrecht
auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an,
aber die Beine, ppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend,
mit einem siegesgewissen Lcheln schwang sie die schillernde Fischhaut
in der Hand, aus der sie geschlpft war.

Das tat ich fr dich! rief sie, weil ich dich liebe! Bist du jetzt
glcklich?

Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich,
um den Fischschweif unterm Wasser -- zum letzten Male -- anzulegen.

Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fhlte ganz deutlich
den Sto, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die
Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel
umfat und schien ihn erwrgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die
Lfte.

Du bist ein Menschenweib! schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er
hrte mit donnerndem Getse den Kristallpalast seiner Trume
zusammenkrachen, eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui,
nackt .....

Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfllte sein Herz,
seine Augen waren trocken.

Du hast mich betrogen! schrie er, und seine Stimme berschlug sich.

Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus
lachend an, ihre Perlenzhne schimmerten zwischen den geffneten Lippen;
denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein
seltsames Gehaben fr die uerungen seines freudigen Staunens. Und mit
herausforderndem Lachen fragte sie:

Nun sprich, Karolus, bist du glcklich, da ich dir die Rettung so
leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!

Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er
strzte zum Teiche.

Betrgerin, schamlose Betrgerin! schrie er in ihre Worte und in ihr
Lcheln hinein, er fate Lalanda und htte sie geschlagen, so sinnlos,
so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fhlte er sich.
Betrgerin, schamlose Betrgerin! schrie er.

Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon
berzeugt, da sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verstndnislosen
Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie
gewhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den
Armen und rief neckend und schelmisch:

So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!

Da griff Karolus nach ihr, eine heie Blutwelle war ihm zu Kopfe
gestiegen und verwirrte ihn, er umfate ihren Hals und zerrte die
Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er wrgte sie in seiner
sinnlosen Enttuschung und schrie Betrgerin, schamlose Betrgerin!,
ohne es zu wissen, und htte die Hnde nicht vom Halse Lalandas
gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der pltzlichen Erkenntnis,
wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Emprung ber seine
Dummheit nicht ihre Ngel in seine Hnde gebohrt und endlich seine
Finger von ihrem Halse gezerrt htte. Dann bi sie ihn blitzschnell tief
in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tr hindurch in
das zweite Gemach.

Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine
Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und strzte aus dem Gewlbe.
Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick
gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und ffnete rasch den
Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und
so fuhr er von dannen, der Moldau zu.

Karolus lag erschpft in dem Wagen, der stolpernd ber das schlechte
Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen
geworfen und geschttelt und wute nichts davon. Eine trostlose
Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemchtigt, ein unsglicher Ekel
schnrte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn,
da es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein
Kind, dem seine schnsten Weihnachtstrume nicht erfllt worden sind und
das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit groen Trnen in den Augen
steht und nur daran denken mu, wie ganz anders es sich den
Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,
da Lalanda sich ihm entblt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser
Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefhle
des grten Ekels Mdchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen
hatte, die ihm winkten.

Wie eine Dirne, sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. Und das war
Lalanda, die Meerknigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich
das berleben!

In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine
glitzernd da und der Kutscher ffnete den Schlag und, wie htte er den
Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer
hflichen Verbeugung:

Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir ber die
Brcke hinber?

Da schrak Karolus zusammen. Fahrt zu, wohin Ihr wollt, sagte er, und
sich besinnend, fgte er bei: bis ich Euch rufen werde, da ich
aussteigen will.

Da stieg der Kutscher kopfschttelnd wieder auf den Bock und der Wagen
holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie
auf der einsamen Landstrae.

Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er
sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide
zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, khle,
knigliche, ferne Meerknigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif
war Lge, Tuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das
Gewhnliche, Schamlose -- ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn
schttelte -- das Dirnenhafte! Und diese Dirne schmt sich nicht, ihren
Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine
Trophe in die Hhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O,
ich htte sie erwrgen sollen, diese Lgnerin, diese schamlose Dirne!

Groe Trnen rollten ber seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner
Enttuschung, mit seiner Jugend erfllte ihn, sein Herz ward leichter
und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust
werfen knnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines
aus der Flasche, dann schaute er trnenden Auges zum Himmel empor, die
Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Trnen und er rief dem
Kutscher zu, er mge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der
Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nchtlichen Prag entgegen.

       *       *       *       *       *

ber die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht
gehabt, wie der Vater zuerst ber das verstrte Gesicht, ber die Wunde
an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmhlich sein
Erlebnis, sein Glck und seine Enttuschung beichtete, darber steht
nichts mehr -- in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darber,
da der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und gekt
hat und da er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mute ber seinen
vertrumten Karolus und da er dann den rtselhaften Ausspruch tat, da
im Leben jedes Mannes der Tag kommen msse, an dem sein Ideal den
glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht
sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen
Erzhlung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik,
da Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr
verlautete.

Karolus mu sich wohl mit der Zeit getrstet haben; er wird wohl auch
ein anderer geworden sein, sonst htte er nicht verlangt, da an dem
fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas
angebracht und das Haus 'Zum Meerweibchen' genannt werde. In den alten
Bchern ist nichts weiter darber berichtet. Wohl aber steht in den
Kirchenbchern der alten Kniglichen Hauptstadt Prag der Name Karolus
Werkmeister, Prager Brger und Besitzer des Hauses 'Zum Meerweibchen'
und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und
gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch,
Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem
Hradschin, und es ist verbrgt, da Karolus sie in zrtlichen
Augenblicken Medulina nannte. Und in den Bchern folgt auf diese beiden
Namen eine Menge Kinder.

So schliet diese merkwrdige Geschichte ebenso historisch, wie sie
begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der mge ruhig in der Chronik
der Kniglichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin
aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen,
das den gleichen Namen trgt wie diese Geschichte. Dann mag er
kopfschttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis
zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit ffnen und auf den
Hradschin hinberschauen, die Knigliche Burg, die herrlich und
majesttisch von der Hhe herbergrt, und er wird fhlen, da man aus
dieser Stadt, darber der Hradschin thront, nur historische Geschichten
erzhlen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom
Meerweibchen.




Der Spiegel

Eine Legende


I.

Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre
Legenden verlegen drfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes
noch ein Vergngen hatten, die Menschen zu lenken -- jungen Eltern
gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet --, zu
jener Zeit also stand abseits von der Heerstrae mitten im Walde ein
weitlufiges, schnes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem,
fern vom Lrm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und
ihrem himmlischen Brutigam ergebenes Leben fhrten. Die Stille in
diesem Kloster war eine so groe und die einschlfernde Macht der
Gewohnheit, untersttzt durch das gleichmige Rauschen des Waldes, eine
so berwltigende, da die Geiel an der Wand verstaubte und die frommen
Frauen alt wurden und ehrwrdig dahinlebten, und da eine Wolke der
Heiligkeit ber dem Kloster schwebte.

So ist es begreiflich, da der Bse ein unabweisliches Verlangen fhlte,
in diesem Kloster seine Knste zu probieren, und da er der Madonna,
als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner
Keckheit zurief, diese Burg der Frmmigkeit sei wohl auch nicht so
uneinnehmbar, wie sie glaube.

Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen -- wie sie der gttliche
Raffael uns berliefert hat -- durchdringend an und sprach: An der
Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich
meiner Sache, da ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich
hier ein Vaterunser sage.

Der Bse erschauerte, da er den Namen 'Vaterunser' sprechen hrte, aber
er fate sich gar bald und entgegnete:

Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du
dein Sprchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich
meiner Tat erfreuen.

Und kaum, da er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges
Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hstelnd im Tore
verschwand.

Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schne Nonne
Pfrtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des
Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Sugling an der
Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in
den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr
Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverstndlich
und ohne Zweifel nachgekommen, da die Oberin ihr den schweren Posten
einer Pfrtnerin bertragen hatte. Sie hie also Schwester Clarissa und
war blhender als je eine Nonne gewesen.

Nun, da es lutete, ffnete sie dem hstelnden Weibe ihr Schiebfenster
und fragte nach seinem Begehr.

Die Oberin Berthilde vom nchsten Nonnenkloster schickt dies
Gebetbchlein der Pfrtnerin Clarissa, sprach das Weiblein, da sie es
als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht
abzulenken und als Erprobung ihrer Strke gegen die Anfechtung der
Neubegier wnscht sie, da die fromme Schwester Clarissa das Tchlein,
drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als
bis der Mondschein durch ihr Fenster falle. Sprach's, und ehe die
Pfrtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.

Der Bse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter
Gottes, als diese ihren schnen Mund ffnete, um Amen zu sagen. Er
machte eine hfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr
mit einem hfischen Kratzfu fr die gtige Erlaubnis. Sein Werk sei
vollendet. Die Madonna aber lchelte milde und sprach ihr Amen und
schlug drei Kreuze. Da entlief der Bse mit lautem Geschrei. Sie aber
machte sich auf und wandelte still ihres Weges.

Als nun das Abendglcklein gelutet und das Tor des Klosters
verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges
Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben
der Mond hell und trumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze
Stube flimmerte in weiem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem
Abende der Mond vom gestirnten Himmel. Ich htte das Geschenk der
Oberin zeigen sollen, flsterte sie in den Mondschein, aber sie htte
es, frchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte
geffnet! Ja, geffnet! Ja gewi, beruhigte sie ihr ngstliches
Gewissen, und ich will es der Oberin gleich bringen! Doch dabei
nestelte sie schon an dem Tchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch
vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wre wahrhaftig
ein Stck Mondes in das Tuch eingehllt gewesen. Es war aber gar kein
Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre
Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen
Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem
Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stck
leuchtenden Glases auch zuerst fr den silbernen Beschlag eines
wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin bergeben msse; als sie
aber versuchte, es zu ffnen, und sich voll Neugierde darber beugte,
sah sie darin ein menschliches Gesicht, blhend schn und mit lachenden
Augen, mit einem wibegierig geffneten Mund und bebenden Lippen, wie
sie nie ein schneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und
schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen
gesponnen wre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergngen an,
da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel
hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei verga sie
ganz, da sie damit etwas Strfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich
pltzlich daran, wie sndhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu
ergtzen, und deckte schnell das Tchlein darber. Aber es lie sie
nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schn
gewesen, als da sie dem Zauber htte widerstehen knnen. Sie lftete
das Tchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, da dieses
Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr
gewi nichts Unlauteres geschickt htte! Morgen frh geb ich es der
Oberin, sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit
glcklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel
freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr
Haar mit einem kleinen Seufzer, da es so kurz sei. Und sie machte mit
den Hnden ber den schnen, weien Nacken eine streichelnde Bewegung,
als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie
sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte
passen msse. Dann ffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die
Herrlichkeit ihres weien Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die
Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem
blendenden Scheine ihrer Brust vermhlten; und lachte, lachte laut vor
sich hin!

So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Brutigam
vergessen! Eine unbestimmte, drngende Sehnsucht war in ihr erwacht, da
sie lange mit drstenden Lippen vor dem Spiegel sa und sich nicht satt
schauen konnte. Denn wenn der Bse etwas unternimmt, das mu man ihm
lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so da denn
das fromme Gemt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem
Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Krnzlein herabnahm,
das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Brutigam zu
schmcken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; da sie den
schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken,
und ihn um den weien Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um
nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schnheit zu bersehen.

Es war eben ein teuflischer und kein gewhnlicher Menschenspiegel, und
ein so starker Zauber ging von ihm aus, da, als der Morgen graute, das
Gemt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig
gemacht und, ohne die Schwere ihrer Snde zu empfinden, das Tor geffnet
hatte und da sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber
hatte sie in das Tchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz
an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zge, so
lustig und glcklich hpften ihre Fe den Weg in das Leben hinaus. Und
sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.


II.

Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das
prchtig und drohend auf einem waldigen Berge ber ein ngstlich
geducktes Drflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf
Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreiig Jahren doch
schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen
whnte und in einer beklagenswerten Drre des Gemtes sich fr fertig
und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der
weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die
Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg ber den Gegner
und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in
diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen
getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trbheit
verfallen, in der er sich fr ausgedorrt und jeder Erregung unfhig
hielt, fr einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich
gekrnkt und unhold auf seine Burg zurckgezogen, in das hchste
Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier sa er
als ein Unntz und Grillenfnger seine traurigen Jahre ab; doch war
seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er
fluchte und war immerfort verdrielich, so da er eigentlich ein recht
unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten
seufzenden Diener qulte, da es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner
Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,
so schimpfte er erst recht ber Vernachlssigung, denn er hatte
immerfort das Bedrfnis nach Martyrium, im Sommer, da er schwitzen, und
im Winter, da er so frieren msse, obgleich das Turmgemach whrend der
heien Monate recht angenehm khl und im Winter so gut geheizt war, da
er wohl htte zufrieden sein knnen. Hier oben sa er nun und war fest
berzeugt, da sein drrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr
ein neues Reis ansetzen werde.

Oder war doch nicht so ganz berzeugt; darum wurden auch alle weisen
rzte und Heilknstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen
Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem
melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu
probieren. Er war geschrpft worden, hatte allerlei Pillen und
Plverchen geschluckt, Krten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen,
trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsckchen, da
kaum Platz fr sie war und um seinen Hals von den hundert Schnren, an
denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte,
und alles dies, ohne da seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich
neu eingestellt htte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg
geblieben war, tobte er, da man ihn hier oben verdorren und verfaulen
lasse, da kein Mensch sich um ihn kmmere und er elendiglich verrecken
msse als ein Auswurf der Menschheit, so da sein alter Diener nur recht
schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen
wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei
war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit
und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er
freilich als Wassersucht aufgefat wissen wollte. Zu jedem Essen lie er
sich ntigen und drngen, und jeden Schluck Weins nahm er mit
scheinbarem Widerwillen und schimpfend, da man ihn verfolge, dann aber
umso ordentlicher, so da seine Mahlzeiten fr einen melancholischen
Grafen eigentlich recht gengend waren.

Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem
Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein groer, berhmter Medikus auf
Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht
wie die anderen mit Latwergen und Krutern sein Heil versuchte, sondern
der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und
wirksameren Mitteln auf den Leib rckte. Er hatte erst versucht, den
bsen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem
Turmstbchen einen Qualm gemacht hatte, da ihm sein Patient fast
erstickt wre. Dann hatte er drei Tage und Nchte lang die wirksamsten
Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so
gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel
gewi nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte,
war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte,
einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brten versenkt, dagesessen, um
ber den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach
vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger
empfand, war ihm pltzlich die groe Lsung der Frage wie eine
Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar
auseinander: da nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen
melancholischen Grafen heilen knne, und dies sei der heilige Vater in
Rom. Zu dem msse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach
und knne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es msse sich
eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfrulichen Keuschheit ihn
an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, da
er sein frheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan
habe und nun wert geworden sei, wieder der gttlichen Gnade teilhaftig
zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen
zur Heilung aller mglichen Leiden bentzte. Da nun der Arzt ein viel
gewanderter und sehr gelehrter Heilknstler war, so unterlie er es
nicht, darauf hinzuweisen, da auch ein anderer Ritter Heinrich von
seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich,
whrend der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine
philosophische Auseinandersetzung ber den verwunderlichen und hchst
bemerkenswerten Umstand einlie, da beide Ritter Heinriche waren, was
vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwhltheit
so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit groem Aufsehen aus dem
Schlosse geschieden.

Nun war es aber nach dem Abgange des berhmten Arztes mit dem
melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfnglichen
Heilmethoden des Doktors hatten den trge gewordenen Grafen recht
angestrengt und in Schwei gebracht, und seine Kehle war beleidigt von
dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines
Zimmers hatte ffnen lassen, von den dreitgigen Gebetumkreisungen
fhlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe berfllt,
und sein Magen war ausgedrrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang
brllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz
Schwarzenburg, Schlo und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, da
dem armen gndigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das
Bier gut munden mge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer
sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium
auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der
selbstverstndlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken
sollte, kein groes Vertrauen empfand.


III.

Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Hnden
zurckgekehrt waren, (weil jedes Mdchen, das seine Jungfrauenschaft
beschwren sollte, entrstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte --
mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa
auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand
war bestaubt und von Dornen zerrissen, so da es gar nicht mehr als
heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war lnger geworden und
ihre Lippen wenn mglich noch blhender, weil ihr das Wandern in der
frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot
weichen mute. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem
Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr
glckseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an
ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wute in ihrer glorreichen
Dummheit noch nicht, da der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr
Sehnen zu stillen, und kam erst am fnften Tage hinter dies Geheimnis,
als sie ihren schneeweien Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn
nun mit dem Tchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da
sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Krper leuchten und merkte
zu ihrer groen Freude, da er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser
Beleuchtung noch viel schner war als beim Mondenschein. Darber freute
sich das arme betrte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott
fr das schne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen
Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter,
sondern aus ihrer reinen Mdchenseele hervorholte. Denn sie wute nicht,
da der Bse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.

Und so wanderte sie als eine trichte Jungfrau mit dem Spiegel in der
Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr
immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurckwich,
holdselig lachend und winkend; sie schmckte sich das Haar mit den
Blumen, die sie auf den Wiesen pflckte, und sah so mit den roten
Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzckende
Prinzessin aus dem Mrchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein
phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller
Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schne Gesicht im Spiegel,
da sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege
begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem
Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so ber alle Maen
schn, da keiner der Mnner es gewagt htte ihr nachzustellen, weil er
ihr so lange nachschauen mute mit offenen Augen, bis diese ihm
bergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange
verschwunden, und er glaubte sicher getrumt zu haben; und wenn er ein
Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich
einen Reim auf den holdseligen Traum; so da aus jenen Tagen eine ganze
Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen:
'Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!'

Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne
eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmntelchen
einer silberrandigen Wolke hervorgeschlpft, so da jene unbeschreiblich
schne Dmmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und
Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat
um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der
Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die
von der Jungfernsuche eben zurckgekehrt waren, und, ohne die holdselige
Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schlo, so ber
jeden Zweifel sicher war er, da jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst
gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnschtig erwarteten. Als
er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob
sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein groer Jubel und Glckslrm,
der fast den schnarchenden Ritter geweckt htte, wenn er sich nicht
einen so gesegneten Schlaf in seiner bsen Krankheit bewahrt htte. Das
ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa
mit dem Spiegel beim Fenster sa und im Mondscheine ihr Haar ordnete.
Und ehe sie noch ein Wort htte sagen knnen, wute sie schon die ganze
Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie
vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne da sie sich dieses Gefhls
ordentlich bewut wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich
doch, fr ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Bue auf sich nehmen zu
knnen, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken
Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein groer und
aufrichtiger Jubel darber in Schwarzenburg.

Schon am nchsten Tage wurden auf dem Schlosse mit groem Gerusch die
Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff
genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so
rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun fr den Grafen,
da alle eigentlich im innersten Herzen glcklich waren, den
launenkranken Herrn auf so schne und heilige Weise fr eine Zeit los zu
werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer
verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefhlt
hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, da sein Bett tglich
aufgeschttelt werde, weil er glcklich ist, sich eine behagliche Grube
in den Strohsack gedrckt zu haben. Er seufzte und schimpfte rger als
ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so
beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei berwachte er doch
genau jegliches Stck seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines
Reisemantels sorgfltig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte,
ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rstete sich berhaupt aufs
allerbeste fr die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken fr die
Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und
Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit fr
Regenwetter und eins fr Sonnenschein, Wettermntel und eine Reisedecke,
bis man ihm endlich bedeutete, da ihn ja leider kein Diener auf dem
Pilgerzuge begleiten knne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm
wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den
der Graf fr sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide,
und einen Pilgerhut, da sie sich gegen die heien Sonnenstrahlen
Italiens schtze. Dann geschah eines Tages das Unerhrte, da der dicke
Ritter, auf die Schulter seines Dieners gesttzt, die Treppen von seinem
Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im
Schlosaale landete.

Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, da sie den Grafen in Empfang
nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,
hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das
Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der
unglckliche Heinrich sa nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die
Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, da vor einem groen
Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und
ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend,
so da sie sich auch von rckwrts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren
Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen
Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur da er gro war und fest
an der Wand hing. Und dieser groe Spiegel machte ihr gleich den Saal
vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheiend. Und so
stand sie still vor dem schnen Spiegel und freute sich. Da sie nun der
Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich
derb mit der Faust auf den Tisch, da die Teller tanzten und eine volle
Kanne Weins berlief.

Das kann eine schne Reise werden, fluchte er dann, mit einem solchen
eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!

Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an,
die jetzt, seit sie ihren Spiegel besa, immer einen glcklichen Glanz
hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte,
die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu groen Hut in den
Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schn und neckisch, wie ein
Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser
zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mute einen
ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzusplen. Dann
seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer
Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor
Bewunderung ber ihren Herrn fast das Gren vergaen, wandelten sie den
steilen Schloweg hinab dem khlen Tale entgegen. Und als sie im Tale
angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine
Trompetenfanfare ihnen den Reisegru nachschmetterte, war es, als ob in
diesen Trompetentnen alle Erlsungsjauchzer zusammenflssen, die
Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstie.

Weil er ja geheilt zurckkehren wrde ....


IV.

So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schnen Begleiterin,
des Weges.

Der Ritter aber war ein viel zu selbstschtiger Mann, als da er die
Begleitung der Jungfrau als ein groes Opfer angesehen htte, und nahm
sie vielmehr als etwas Selbstverstndliches und gar nicht Dankenswertes
hin, indem er den Arm des Mdchens weidlich als Sttze ausntzte, jede
Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lstiger Geselle
blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute
Ursache eines tiefen Seufzers fr ihn, jede Speise, die ihm in den
schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten
Unzufriedenheit, so da das arme Clarichen in den ersten Tagen gar
nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust
zu frnen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune
ihre mden Glieder auf das Lager streckte, whrend ihr dicker Herr und
Gebieter das beste Bett des Wirts fr sich in Anspruch nahm, glckte es
ihr zuweilen, sich an ihrer Schnheit zu freuen und mit herzlicher Lust
zu sehen, wie ihr Blondhaar lnger wurde und sich zrtlich um ihre
Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich rteten in einem gesunden
und brunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war berall,
wo sie hinkamen, ein groes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mute der
melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hren, was fr ein
herrliches Mdchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.

Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne da er sie einer
berlegung fr wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe
geschwunden war und er nur immer an sein Unglck und sein Leid denken
mute; hchstens, da er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die
Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm
wohltat, als ein so beraus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen
zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die
reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Krfte kehrten mit
jedem Tage mehr in das Gebude seines stattlichen Krpers wieder. Seine
bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag
immer leichter auf der runden Schulter seiner Sttzerin, da er bald
selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterlie ber
jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn nte, einen
ordentlichen Fluch loszulassen. Die blhende Clarissa pflegte und
betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glcksgefhl
durchstrmte sie dabei, da sie einen kranken Menschen so warten drfe
und dieser groe und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen
war.

So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur da die Flche des
Ritters und seine Verwnschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war
gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder
nach ihren Wnschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es
Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter
einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach
war, zu berichten an, und der Graf lie sie gewhren, weil ihm der Weg
auf diese Weise minder eintnig wurde. Er verga dabei wohl auch etliche
Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom
seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer
munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, da
er dem Mdchen zgernd und unwirsch sein Leben erzhlte, ohne viel
Rcksicht auf ihr Jungfrauentum, also da sie manches hren mute, was
ihr die verdiente Nachtruhe mit bsen Trumen strte und sie
nachdenklich und schreckhaft machte. Dann trstete sie nur ein Blick in
den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot pate, das
pltzlich ihre Wangen durchglhte, und wie seltsam ihre Augen
aufleuchteten und die Lippen sich schrzten, wenn sie an die Reden des
kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr ber
den Rcken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und
vergngte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den
Kopf zu legen, Bnder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen
Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach
ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder khn auf die Seite
gedrckt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von
ihrem Anblick entzckt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Sden zu
und waren schon mitten in den Tlern der Alpen angelangt, als ihr eines
Tages der Ritter erkrankte.


V.

Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel,
sondern blo die Ausbrche seines Schmerzes und seiner Verstimmung ber
sein Leiden waren so gewaltige, da Clarissa einen groen Schreck
darber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen
Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein
wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also da er sie
in der Nacht an sein Lager rufen lie. Er lag sthnend und jammernd in
seinem Bette und wlzte sich unruhig hin und her, ausrufend, da dies
nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben
msse. Er zerri das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor
Wut und Schmerz und schrie, da man ihn hierher gelockt habe, um ihn
elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn
sicher vergiftet, so brenne es in den Gedrmen und so rasende Schmerzen
empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die
erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung
hervorrufe und sie begreife, was fr ein gottverlassener Mrtyrer er
sei.

Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte
nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brllenden
Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich ber
ihn, leise mit ihren Fingern ber seine Stirn streichelnd, und der
Mantel war ihr, ohne da sie es merkte, von den Schultern geglitten. So
stand sie da in ihrer Schnheit, die Fluten ihres goldenen Haares
jauchzten ber ihren schneeweien Nacken und ihre vollen schimmernden
Schultern, und ihr jungfrulicher Busen hob das groblinnene Hemde.

So beugte sie sich ber den Grafen, der zum ersten Male seit langen,
langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes
Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als
da er darum weniger gesthnt htte, er wlzte sich vielmehr nur um so
ungebrdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flchen und
Schimpfworten, stie die streichelnde Hand Clarissens von seinem
Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte,
weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mdchen in tiefstem Mitleid
neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer
Seelenangst inbrnstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe,
herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit
sich herumfhrt. Ihr Spiegel fiel ihr aber pltzlich in den Sinn, und
weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkrftiges
erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter
ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.

Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurckkehren sah und sie
ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und
Herzensreinheit, da stie er einen grlichen Fluch aus, weil er
glaubte, da sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit
aller Wucht auf den Boden, da er in hundert Stcke zersplitterte; dann
aber, als ob er seine letzten Krfte ausgegeben htte, sank er auf sein
Kissen zurck, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.

Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war
ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stcke brche.
Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien
es ihr, als stnde drauen die Mutter Gottes, genau so schn und
lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten
Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen
Blicke anshe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange fr das
Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still
und zufrieden schlafen sah, auf den Fuboden neben sein Lager hin und
schlummerte bis in den Morgen.


VI.

Am nchsten Tage, als der Ritter morgens frher als seine schne
Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich
eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel,
war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie
sie sich ber ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das
volle Blondhaar um ihren schnen Nacken fluten und die milden Hgel des
Busenansatzes ber dem sittsam geknpften Hemde und schlo gleich
wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus frheren Zeiten die
Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann
die Augen wieder ffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den
rechten Arm unter dem schnen Haupte, wie sie mit halb geffneten Lippen
friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die
Schlferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, da
Clarissa die Augen aufschlug, als htten die Blicke des Grafen sie
geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite,
die Augen schlieend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem
tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag
begrte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er
gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den
Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu
fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein
wenig ertrglich seien. Clarissa natrlich, sagte er giftig, sei da auf
der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Sge durch Querholz, da
er schon deshalb nicht htte einschlummern knnen; und schon schrie er
nach seinem Morgenimbi, da ihm sonst sein Magen verbrenne.

Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann
brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben
zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr
armes Tchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust
zu verspren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr
so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, da sie immerfort an den Grafen
und seinen Schmerz denken mute, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid
und einem traurigen Gefhle darber, da er so barsch ihre Hand
weggestoen hatte; und sie wnschte sich nichts sehnlicher, als wieder
ihre Hand auf seine Stirn legen zu drfen. So machte sie sich rasch
fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn
zu pflegen, wenn er ihrer bedrfe.

Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie
etwas Selbstverstndliches und war um so rauher, als er eine seltsame
innere Ntigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und htscheln zu
lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto
unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann
glcklich sind, wenn sie qulen knnen. Im Herzen aber hatte er nur den
einen Wunsch, da bald wieder Nacht werden mge, damit er wieder
Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die
Lieblichkeit ihres Leibes beschauen knne. Indessen lag er im Bette, a
und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und
Bedrfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu knnen.

So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich
neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht
angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen,
er wolle heute schlafen und da knne er ihr Schnarchen nicht brauchen.
Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnckig auf alle ihre Fragen,
so da sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem
Zimmer davonschlich.

Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte
lange keinen Schlummer finden.


VII.

Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tr
gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter
wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht
ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll
herzlichen Mitleids in das Zimmer des Mrtyrers. Es schien in dieser
Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens
schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wtender
im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgefhrtes
Schauspiel, das er sich selbst auffhrte, weil er in uneingestandener
Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen knnen und
nur wnschte, sie mge ihm wieder wie gestern im bloen Hemde, mit
aufgelstem Haare beistehen und sich liebreich ber sein Lager beugen.
Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zpfen in das
Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und
er war ordentlich wtend darber, da sie seinem geheimen Wunsche nicht
nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den
ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an
die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu
streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.

Sie hatte ihr Lmplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun ber
den Armen, ihm die Stirn berhrend. Er lie sich das auch heute
gefallen, nur da er wie in einem pltzlichen Tollwerden des Schmerzes
sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor
Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil
sie ganz unttig neben ihm stehen mute und ihm sein Leiden so gar nicht
abnehmen konnte. Sie strich ihm milde ber das Haar und sprach zu ihm
mit zrtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wre, das sie in den
Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufsthnte und mit klappernden
Zhnen jammerte, da ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu
ihm und breitete ihren Mantel ber seine Bettdecke. Er aber umarmte sie
wie in schrecklicher Angst und drckte sie hei und fest an seine
wogende Brust, da ihr Hren und Sehen verging und sie in ihrer
jungfrulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er
auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte
und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und groes Glck und
das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in
diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war,
durchstrmte sie, da sie die Augen schlieen mute und sich den
Umarmungen des Ritters willenlos ergab.

Und als die Lampe frh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer
schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der
Arm des Ritters lag zrtlich unter dem schnen Haupte der Pilgerin.

Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst ber die
Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr
zumute, dann aber bergo eine tiefe Rte ihre Wangen, Trnen strzten
aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Krper. Sie war
glcklich, da der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in
die Augen schauen mute, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in
ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem rmlichen Lager auf die Kniee,
versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser
Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglcklein
des Glckes herberlutete, und im Gefhle der glhendsten Scham, aber
ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem
Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie
sich und betete, da die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gndig annehmen
und zugunsten des Ritters verwenden mge, damit er endlich von seinem
schweren Siechtum und seiner Melancholie erlst werde.

Der Ritter war indessen mit dem Gefhle ser Ermattung aufgewacht und
dmmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem
Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem groen Stolze
hin, da er sein Stcklein so gut durchgefhrt hatte, und trumte schon
wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen
Jahre nur ein bser Schabernack gewesen wren und alle Damen noch
dasen und warteten, da der schne Heinrich sich ihrer Liebesnot
erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner
Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen
Morgenimbi zu bringen.

Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wre, so htte er vor
Glckseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen mssen. Denn als sie nun
mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengru ber die
bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen
und sie war so unsglich schn in ihrer Scham und Verwirrung, da die
Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten
und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich
aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt
geworden, da er ein groes Jammern anhob und ein ber das andere Mal
ausrief, da diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte
gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau htte nach Rom kommen
sollen. Nun msse er ewig krank und elend bleiben; das habe der
verfluchte Medikus so fein eingefdelt und der Teufel habe ihm dabei
geholfen.

Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus
gesund fhlte, wirklich schlecht und emprend in seiner Selbstsucht und
Lust, andere zu qulen; und das erreichte er auch. Denn durch diese
Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschttert und verlor vllig
ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glckseligkeit hatte sie den ganzen
Morgen ber vor sich hingetrumt, so da es ihr jetzt schwer auf das
Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fhig sei mit dem Grafen vor den Papst
zu treten. Sie fiel ihm zu Fen, keines Wortes mchtig, und weinte, da
ihr Krper durch das Schluchzen erschttert ward. Der traurige Ritter
aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das
Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstrt und
unglcklich aus dem Zimmer davonwankte.


VIII.

Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie
sich unter ihr Bett und zog das Tchlein hervor, in dem die Scherben
ihres zerschlagenen Glckes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter
und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande
gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, da sie vor dem
Altar kniete und hei und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem
Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hlzerne Mutter Gottes, mit
seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmckt, die aus einem kindlich
geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte
trstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu
ihren Fen und erzhlte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters
Heilung verwirkt htte.

Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd
und Mutter, neige dich meinen Schmerzen, flehte sie mit hoch erhobenen
Hnden zu der stummen Heiligen empor, und heile den armen Grafen, nimm
mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich
armselig und unwrdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen
knnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die
ich dir weihe, denn sie haben mich unsglich glcklich gemacht.

Dabei legte sie ihr Tchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu
Fen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heie Trnen rollten
aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor
Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie
verhllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lchelnden
Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den
Trnen erschttert, endete sie ihr Gebet: Nimm mich zu dir und reinige
mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich strbe so
gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!

Liebe! Liebe! Liebe! sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter
Gottes. Denn sie lchelte mild und hielt ihre feine Rechte trstend und
sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne
emporzuschauen, aus der Kapelle.

Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem
Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fgte es die
trostreiche Mutter Gottes, da die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel,
in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gtige Madonna selbst sa
bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen
Snderin und hatte das Tchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht,
vielleicht weil sie den Bsen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die
gute Clarissa aber schlief fest und hrte nicht einmal, als der Ritter
wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus
schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der
schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging
mit dem Pcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter
aufzusuchen.

Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer
eintrat, donnerte er ihr schon seine hlichen Flche entgegen, da sie
sich schon gar nicht mehr um ihn kmmere und gar kein Mitleid mit seinem
Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lsterworte hinzu, da ihn
schon wieder die Leidenschaft erfat hatte. Da stellte sich die Madonna
vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen
angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:

Du eigenntziger und hlicher Schelm, der du mich in der
selbstschtigsten und abscheulichsten Weise gekrnkt und beleidigt hast,
bist du wirklich also verstockt und bse, da dir die Scham nicht die
Stimme verschlgt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich
sttzte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest,
nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um
meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du
mich von dir jagen, anstatt mir die Fe zu kssen und um meine Gnade zu
bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, da ich
dir beistehe in deiner unmnnlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du
Abscheulicher!

Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos
ber diese Khnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur
untertnig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wtend war
er, als er sie so dreist sprechen hrte. Dann aber lachte er bse auf
und wollte aus dem Bette, die Khne zu zchtigen. Die aber hatte ihr
Tchlein geffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken,
das den Ritter bedeckte, aufhob, schttete sie die hundert Scherben auf
sein Lager, da sie wie spitze Dornen rings um seinen Krper verstreut
waren und er wie in einer Dornenhecke lag, da ihn jegliche Bewegung
verletzen mute, so da er jetzt ein wirklicher Mrtyrer war. Er hatte
sich aber viel zu lieb, als da er sich etwa gestochen htte und rhrte
sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze
Maid, die ihn gebndigt hatte.

So gern nun diese auch gelacht htte, da der verdutzte melancholische
Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft klglichen
Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng
und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise
ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhren, da sie sich ber sein Lager
gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrttelte, falls er ihren
Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war fr diesen
selbstherrischen und gewaltttigen Mann, der durch Jahre hindurch seine
Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, da die anderen vielleicht
auch einen Willen htten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem
Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rhren zu
drfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor
ihm aufrollten, zuhren zu mssen. Der Trotz aus seinen Augen wich
allmhlich der Verwunderung, dann einem ngstlichen Staunen und
wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage hchst unangenehm wurde
und die schne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der
Unaufmerksamkeit vergnnte, sondern ihn gleich rttelte, wenn er ihr
unachtsam schien.

So wurde diese Rede die eindringlichste und lngste Predigt, die je
gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich
geworden in seinem verhrteten und verstockten Gemt, da ihm zum ersten
Male aufrichtige Trnen in die Augen traten und ihm jmmerlich und ganz
elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem
Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich
eingetreten war. Und sie fllte die Morgenstunde mit der Aufzhlung
aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei
der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr
schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das
ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen,
da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er
die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er
nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er
verbrochen hatte.

So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der bse
Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun verga er
ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette
auf und flehte inbrnstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen
ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzhlen, er liebe sie
ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heien Verehrung und
achtungsvollen Liebe, da er sich selbst eines so reinen und heiligen
Gefhles nie fr fhig gehalten htte. Er schluchzte und verbarg sein
Gesicht in den Hnden, so schmte er sich, und zwischen echten Trnen
rief er immer wieder: Wenn ich nur wte, wie ich deine Verzeihung
erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so hei und innig!

Diesen Augenblick aber bentzte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer
zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tr die
Schritte der wahren Clarissa hrte, die denn auch im selben Augenblicke,
da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat.
So hrte denn die verwunderte, glckliche Clarissa seine reinen und
wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schnsten
Verwirrung des Gemtes, das sich vor Glckseligkeit gar nicht zu fassen
wute. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie
erfate und mit glhenden und innigen Kssen bedeckte und mit seinen
Trnen netzte. Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen, sagte er da und
seine Lippen wurden weich und sanft, so da die Worte aus seinem Munde
liebreich und hold zitterten, aber was brauchst du jetzt auch einen
Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du
wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch
meine reine und echte Liebe verschnt sein!

Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und
erschaute sich doch nicht, so erfllt waren die Augen von Liebe.

Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das
Zimmer erflle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die
Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager
zwischen weien und roten duftenden Rosen; also, da nie ein Brautpaar
ein schneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.

Sie umarmten und kten sich lange und mit dankbaren und glcklichen
Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, -- nachdem sie sich
in der Kapelle der gnadenreichen Madonna fr ewige Zeiten vereinigt
hatten, -- um nach Schwarzenburg heimzuwandern.

Denn, flsterte er ihr ins Ohr, nach Rom zu pilgern ...... worauf
sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.

Mein liebes, holdes, einziges Weib! jubelte er, und, da eine Lerche
sich vor ihnen tirillierend in die Lfte schwang, da war es ihm, als ob
seine Seele auch Flgel htte, und pltzlich sang er der beschwingten
Sngerin seinen Gru zu:

    Tandarada, Tandarada!
    Welch ein Wunder mir doch geschah!

Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!

       *       *       *       *       *

Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu
und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht bse:
ich wei keinen Schlu dazu. Ich wei nicht, wie sich der -- Gott sei bei
uns! --, wie sich der Bse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat!
Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch
gewi, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, da ich, nur um
euch einen Schlu zu dieser Legende berichten zu knnen, mit ihm htte
sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gndig!

Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Grfin Clarissa von
Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen
Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes
weihte, hngen zwei Bilder, von _einer_ Knstlerhand gemalt und beide
berhmt ob ihrer Schnheit und Wunderkraft fr unglckliche Liebesleute:
die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hlt und sich holdselig und
lchelnd in dem Glase betrachtet....

       *       *       *       *       *




Von =Hugo Salus= erschienen bisher:


=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.

=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, Mnchen.

=Neue Gedichte.= Albert Langen, Mnchen.

=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, Mnchen.

=Ehefrhling.= Fnftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich
Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.

=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen,
Mnchen.

=Christa.= Ein Evangelium der Schnheit. Buchschmuck von Emil Orlik.
Zweite Auflage. Wiener Verlag.

=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, Mnchen.

=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, Mnchen.

       *       *       *       *       *


Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35


Novellen des Lyrikers

von

Hugo Salus

Preis geh. M. 2.--; geb. M. 3.--


=Aus den Besprechungen=

=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im
Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese beraus zarten
Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte
des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch
ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das
der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das
ganze Freie, Urpersnliche des Verfassers aus, der ja nirgends den
Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkmmlichen Sinne
gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten
Stcken ganz einheitlich festzuhalten wei, durch eigenen Ton, der so
gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlgt
er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die ueren Geschehnisse,
sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten
Dichtergemt entsprungene Mrchen: Wo kommen die Kinder her?

=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel htte der Dichter seiner
Novellen-Sammlung nicht geben knnen, denn aus jeder seiner Erzhlungen
spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefhlsmensch,
dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch
der Poesie verklrt erscheint, da man oft Verse und nicht Prosa zu
lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders -- nchterner und
deshalb vielleicht klarer -- urteilt als Hugo Salus, immer achtet und
schtzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender
Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn
beschwingt.

=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters
in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik
bereits gewhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist
wertlosen Dingen und Geschehnissen ertrumt sich seine Muse ihre
wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man
allerdings nicht spannende Geschichten nennen kann im landlufigen
Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genu sein werden in
ihrer tiefen Symbolik und ihrem demtigen Gefhl fr die Wunder des
Lebens.

=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen
darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und
schnes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er:

    Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle,
    Die Tr zu niedrig. Des Gewandes Falten
    Mu selbst die Lyrik eng zusammenhalten
    Will sie besuchen mich, die sonnighelle.

    Doch fr mein Ideal, fr die Novelle,
    Ist schon die Tr zu eng. -- -- --

Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein
Hinterpfrtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen
sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfgen, weil sie
Bilder und Trume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien
sind -- Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische
Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern nher, viel
nher. Ein anheimelndes Gefhl, eine liebliche und vertrauliche Art
liegt in der persnlichen Diktion -- gleichsam als se man
freundschaftlich mit zusammengerckten Sthlen um einen Tisch, und
einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begnne mit einem Male
eine Geschichte zu erzhlen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein
Schweigen.

Jene schne Mhelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt
gesponnene Gefge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht
diesen Geschichten eine unliterarische, wrzige Frische, eine
Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder
belletristischen Schpfung fhlbar wird, mglichst unterdrckt.... Nicht
einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen
Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des
Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der
groen Krfte zu spiegeln wei.

=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die
Titelnovelle und Das Register entzckt. Die erste Novelle sollte die
dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus
hatte die feste Absicht, es auf der ehrenwerten Landstrae der Sprache,
die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffelckern dahinfhrt, zu
versuchen. Doch er ist Lyriker, und -- man ist nicht ungestraft zwanzig
Jahre seines Lebens Lyriker, blo Lyriker! Er schweift von der
ehrenwerten Landstrae immer ab, in Blumengrten und feierlich
rauschende Haine, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte
verfhrt ihn. Eine echte, epische Novelle, eine ordentliche Geschichte
wird's eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und
eine so liebenswrdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so
lebendiger und biegsamer Geist, da ich die Novellen des Lyrikers fr
ein Kabinettstckchen der Prosa halte. ber den Titel freilich und
besonders ber den bestimmten Artikel darin liee sich streiten. Die
Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der
ehrenwerten Landstrae der Sprache haben sie dennoch mit viel
Vergngen und groem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer
geworden sein, die Zgel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es
verstanden. Und schlielich versteht es auch -- Hugo Salus selbst, wie
Der Handschuh, Der Becher der Mensane und Der Toast beweisen. Nur
wei er, da ihn alle Welt als den Snger kennt, durch dessen Lieder die
Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen
Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, da er den Titel aus einer
gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von
Wehmut ist. Als knstlerisches Eingestndnis kommt mir die erste Novelle
jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun mchte ich schnell ber all
die hbschen Stcke, die jedem etwas bringen, ber all die ergreifenden
Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklrungen, bermtigen
Nordseebilder und glckseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden
Novelle Das Register eilen. (Folgt Inhalt.) -- Es ist ja nur ein
zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines
echten -- Lyrikers erzhlt. Bei dem nrrischen, sentimentalen und
liebreizenden Dialog der beiden Mdchen mute ich an die
Mdchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat.

=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten,
streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese Novellen des Lyrikers
auch wirklich Novellen sind oder nicht. Sollte man's heutzutage noch
fr mglich halten? So hngt uns also noch immer das Zpfchen hinten und
Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen
Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, da er Novellen eines Lyrikers
geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue
Richtung fr Prosawerke schaffen, schliet aber doch von vornherein jede
Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glck ist man bei Bezopften und
Unbezopften so ziemlich darber einig, da es sich hier um wahrhaftige
Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht.
Eigentmlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persnlich
anmuten, da sie wie aus einem groangelegten Tagebuch herausgeschnitten
scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind
hellsehend und fr Salus sind die seltsamen Zusammenhnge zwischen den
Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine
mrchenreiche Domne, in der seine starke Phantasie sich -- fast mchte
man sagen: mit Behagen -- ergeht. Das ist es auch, was diesen
Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus
fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberflche der Empfindungen
liegt; man mu gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins
Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stcken seines
Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzhlung
fliet sicher dahin wie ein wohleingedmmtes Bchlein. Bei anderen
Stcken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers
(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er
kann auch gewissermaen (wenn er's kann) ein bichen mitdichten. In
dieser intensiven Mitbeschftigung des Lesers liegt dann die dauernde
knstlerische Nachwirkung.

Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hlzernen Todes fliegt, als
dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die
Kinnladen ffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis
die nchste Stunde sie wieder befreit: ein prchtiges Gleichnis fr eine
am Leben irrgewordene, verzweifelte Jnglingsseele, die eine Stunde lang
den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit
neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit
entgegenfliegt. In dieser Erzhlung von der Schwalbe (und nicht in
dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in
wunderliche Nhe. Noch bezeichnender fr den Erzhler Salus ist wohl
aber die feine und seltsame Geschichte Hnde, in der sich uns ganz
neue Empfindungsgebiete erschlieen. Zu einem Sterbenden wird in der
Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem
Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem
Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hnde des
Priesters, die forschenden Hnde des Arztes und die stillen, vergehenden
Hnde des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache.
Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem
Weltall der menschlichen Seele berhren sich in diesen Hnden. Solches
Hervorzaubern groer Ausklnge aus alltglichen Geschehnissen ist fr
Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der
Frmmigkeit eines wahren Dichters verklrten Erzhlungen entschleiern
sich freilich eher einem naiv empfnglichen Gemt als einem kritischen
Kopf.

=Leipziger Tageblatt:= Mag er der groen und kleinen Kinder Frage: _Wo
kommen die Kinder her?_ beantworten oder von der jungen _Schwalbe_
erzhlen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur
Offenbarung fr ihn wird, oder in _Der Becher der Mensane_ ein Mrlein
aus der Landsknechtszeit dichten, in _Toast_ tiefstes Frauenleid
offenbaren, in _Hnde_ eine sinnige Betrachtung ber der Menschen
Sterben geben und in _Das Symbol des Lebens_ ein Bild von hinreiender
Schnheit und Tiefe, immer berwiegt das Lyrische, immer taucht der
Erzhler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer
der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der
auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz
auerordentlicher, und einen ebenso groen Genu gewhrt die
knstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen
das Licht und die Wrme der Darstellung in Betracht: die jauchzende
Frohlaune in _Seebad_, die tiefe Innigkeit in den schon erwhnten
Novellen Wo kommen die Kinder her? und Das Symbol des Lebens;
empfngliche Gemter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt
werden und sich nur schwer von dem Buche losreien knnen.

=Nord und Sd= (Breslau): (Inhalt.) Wir drfen nach solchem Wurf mit
hohen Erwartungen den weiteren Prosaschpfungen des Prager Poeten
entgegensehen, dessen Persnlichkeit in ihrer echten Vornehmheit,
sympathischen Liebenswrdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt
erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen --
bei denen wir Mnner anfragen mten, was sich ziemt -- wste
Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.

=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel
zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als
lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet
er ein ganzes Gebiet, das fr das kritische Auge bisher im Dunkeln
schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das
war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine
Sammlung krzerer Erzhlungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers
erscheinen lie. -- Auf einmal wute man, was eins der entscheidendsten,
wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungsterreichischen Novellistik ist:
der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur
Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil
Ertl -- sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem
bergang, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische
Ader nicht, die ihrem knstlerischen Organismus erst das Blut zufhrt.
Fast berall taucht Salus seine kleinen und groen Handlungen in Glanz
und Schimmer, gibt in Prosa aufgelste Rhythmen und hebt die Welt seiner
Menschen mit zrtlichen Armen ber das Alltgliche hinaus. Stoffe und
Schaupltze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie mglich: ein
zartes, sinniges Mrchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit
naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt
deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, berschumender
Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie
vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz
durchglht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem
Stck Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet,
damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele
hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast berall ist
es das knstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der
Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tnen,
von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der
sachlichen Handlung und dem Flu des ueren Geschehens hat ergreifen
lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die Novellen des Lyrikers
deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und
Liebhabern erlesener Kleinknste.

_Dr. Friedrich Dsel._

       *       *       *       *       *

Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt
eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bcher wurde
zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.

p 059: Kapitelnummer hinzugefgt: I
p 059: durch ihre schlechten Verhlnisse -> Verhltnisse
p 084: Anfhrungszeichen ergnzt: ... sie ist eine Palma!
p 132: Die Tr im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
p 186: sehr gelahrter Heilknstler -> gelehrter
p 193: Bett tglich aufgeschttet-> aufgeschttelt
p 193: den der Graf fr sich hatte fertigen lasse -> lassen
p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
p 228: von dem Bildern -> den
p 228: von der sachlichen Handlung und den Flu -> dem Flu ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first
edition copy. The table below lists all corrections applied to the
original text. The list of other books published by the author was moved
to the end of the book next to the other advertisements.

p 059: added chapter number: I
p 059: durch ihre schlechten Verhlnisse -> Verhltnisse
p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!
p 132: Die Tr im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
p 186: sehr gelahrter Heilknstler -> gelehrter
p 193: Bett tglich aufgeschttet-> aufgeschttelt
p 193: den der Graf fr sich hatte fertigen lasse -> lassen
p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
p 228: von dem Bildern -> den
p 228: von der sachlichen Handlung und den Flu -> dem Flu ]





End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus

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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     https://www.gutenberg.org

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