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+The Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das blaue Fenster
+ Novellen
+
+Author: Hugo Salus
+
+Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
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+
+
+Das blaue Fenster
+
+
+ Novellen
+
+ von
+
+ Hugo Salus
+
+
+
+Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906
+
+
+
+Alle Rechte
+vorbehalten
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+Pietà ..................... 1
+Der Rächer ................ 57
+Das Meerweibchen .......... 115
+Der Spiegel ............... 173
+
+
+
+
+Pietà
+
+
+Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es
+ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das
+Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis
+die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es,
+einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um
+fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu
+träumen.
+
+In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der
+Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem
+Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.
+
+Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im
+Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich
+aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es
+gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die
+Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem
+Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd
+nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes
+gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des
+Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der
+wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand
+sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen
+Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so
+daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag.
+Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der
+gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich
+schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte
+und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von
+einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da
+schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte
+mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde,
+und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen
+Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß
+ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar
+umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider
+wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den
+eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das
+Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein
+Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen
+läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.
+
+Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die
+blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das
+bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.
+
+Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer
+wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein
+Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die
+Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl
+noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.
+
+ * * * * *
+
+Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler
+hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und
+über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit
+sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit
+seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein
+großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die
+schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der
+Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden
+Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen
+Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein
+Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein,
+der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse
+sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige
+hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar
+lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und
+dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr
+schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine
+edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches
+Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu
+gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis
+und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine
+schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt
+verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen
+sollte.
+
+Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager,
+auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel
+die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit
+unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt
+und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht
+geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem
+Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis
+zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr
+Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer
+wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei
+schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht,
+da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden,
+rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob,
+wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke
+Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind
+gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des
+Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde
+kommen konnte.
+
+Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der
+Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr
+bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen
+jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender
+und siecher hervorging.
+
+So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit
+verträumte.
+
+Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher
+Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von
+neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt
+hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar,
+heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche
+verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes
+Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst
+so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren
+düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen
+Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos,
+gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte
+und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.
+
+Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in
+Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das
+Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und
+zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war
+es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und
+mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht,
+eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein
+Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und
+ihre Flügel zu lösen vermag.
+
+So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und
+verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und
+sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern,
+seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß
+sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen.
+Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr
+abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung.
+Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und
+ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis
+einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm
+geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen.
+Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen
+verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme
+nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in
+seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm
+verbarg, und das es entdecken wollte.
+
+So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür
+schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin
+eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend
+umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf
+jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt
+wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer
+Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand,
+und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte
+die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der
+Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.
+
+Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie
+jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den
+Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein
+heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die
+ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und
+die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie
+alle bösen Geister davon abhalten.
+
+Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde
+die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde
+gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom
+Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse
+unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen
+Schlafgemach der Gräfin.
+
+Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr
+nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und
+verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen
+Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes
+unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer
+keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den
+Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten
+und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb
+Berta durch viele Monate.
+
+ * * * * *
+
+Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie
+von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der
+Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen,
+denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa
+vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die
+Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was
+ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie
+waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden,
+allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein
+Lehen des Grafen empfingen.
+
+Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit
+all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern
+zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das
+anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau
+wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand
+es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun
+pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in
+einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen
+spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums
+sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als
+Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und
+wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann
+geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.
+
+Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet
+und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen
+Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen
+lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen
+herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind
+mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie
+des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so
+gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte,
+die auf ihren Ritter wartet.
+
+Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen,
+gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar
+manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten
+sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.
+
+»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu
+einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder
+ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter,
+meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte
+einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen
+still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid,
+sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern
+seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön
+und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt
+bei der -- bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann
+immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald
+gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in
+der eindringlichen Art von Kindern.
+
+»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß
+kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte
+ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den
+dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist,
+und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns
+kommen! Willst du, willst du?«
+
+»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das
+Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen
+Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist,
+die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr?
+Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich
+erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das
+entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.
+
+Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen
+unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen
+Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.
+
+»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren,
+»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem
+großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt,
+daß sie keine Mutter habe?«
+
+Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft,
+daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe
+Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen
+gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes
+Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche.
+Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube
+sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal
+werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!
+
+»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.
+
+»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich
+habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele
+gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.
+
+»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,«
+trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und
+dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein
+werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll
+sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt
+wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist,
+und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt,
+über die du selbst immer lachen mußt!«
+
+»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der
+Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt,
+und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem
+Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr
+Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen
+geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und
+es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«
+
+Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.
+
+ * * * * *
+
+Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen
+sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem
+Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.
+
+»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns
+bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder
+zurück.«
+
+»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.
+
+»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer
+im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre
+noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«
+
+»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und
+wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten
+verbieten!«
+
+»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt
+dir denn an mir!«
+
+Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an
+und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen
+mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer
+über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein,
+weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und
+wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen
+die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.
+
+»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.
+
+»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen,
+als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide
+noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan
+hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die
+Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände
+gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie
+beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten.
+
+Und der Wagen verschwand im Walde.
+
+ * * * * *
+
+Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im
+nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale
+unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei
+dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das
+ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die
+Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn' ich mich nach dir! Du liebe,
+liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter -- »liebe, kleine
+Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«
+
+Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die
+Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken
+zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder
+er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer
+Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen
+Geschichte wären!
+
+Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall
+die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den
+Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.
+
+Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß,
+der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und
+mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand
+durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue,
+das sich auf dem Hofe begeben hatte.
+
+In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte:
+»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«
+
+Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und
+legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns,
+sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre
+bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt
+in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.«
+
+Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl,
+daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine
+zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben
+Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß
+den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.
+
+Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre
+darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam
+erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ,
+um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der
+Wissenschaft hinabzusteigen.
+
+Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner
+Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings
+und fürchteten sich vor der Trennung.
+
+Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner
+Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.
+
+Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie
+ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare,
+müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart
+überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das
+weiße Schloß Eberstein erreichte.
+
+»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore.
+
+»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der
+Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?«
+
+»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber
+sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst
+quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer
+gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und
+meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei
+im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?«
+
+Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es
+seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch
+wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die
+Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt.
+Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah
+Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren
+war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam
+aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge
+Gräfin erwarte.
+
+ * * * * *
+
+Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst
+ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem
+Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt
+hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des
+Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet
+ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele
+ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick
+verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete,
+da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte,
+weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein
+sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.
+
+Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte
+einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie
+ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte
+sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch
+ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an
+jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so
+vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte
+nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte
+entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er
+bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte
+sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe
+sich vorgenommen habe, beim Worte 'Mutter' im Vaterunser immer an Bertas
+Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit
+beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen
+wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er
+tief atmen mußte, um es zu meistern.
+
+Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß
+sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er
+auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob
+die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und
+freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas
+Mutter im Turme oben fragen solle.
+
+Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen
+Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu
+gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«
+
+»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann
+schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas
+Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«
+
+Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele
+brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich
+bin!«
+
+»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch
+in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir,
+was macht Euch unglücklich?«
+
+Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn
+ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«
+
+Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen
+hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich
+schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir
+kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und
+die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«
+
+Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie
+in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten,
+und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie
+fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er
+sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die
+gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«
+
+Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort
+und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest
+drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort
+gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein
+Tränentröpflein Mitleid!«
+
+Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz,
+wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft
+niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie
+ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner
+Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.
+
+»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung
+sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«
+
+»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.
+
+Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand
+und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen
+und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten......
+
+Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete,
+als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und
+er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache
+Melodie.
+
+Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare,
+er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß
+ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.
+
+Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt,
+wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand,
+was er mit den Worten 'mein Rößlein in Pelzstiefeln!' meinte, so mußte
+es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar
+zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.
+
+ * * * * *
+
+Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung,
+weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß
+der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln
+machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher,
+Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele
+erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde
+des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner
+Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen,
+ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr
+beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer
+sein, was sie so schmerzlich erregte.
+
+Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan,
+der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel,
+wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem
+Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.
+
+»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für
+deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig
+wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über
+ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«
+
+Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die
+Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit
+Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem
+Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht
+finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die
+Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter
+....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und
+half Berta aus dem Sattel.
+
+»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und
+sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten;
+so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so
+ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.
+
+»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der
+sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes,
+als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie
+sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer
+Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir
+mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein
+Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich
+hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter
+Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden
+muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte
+vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen --
+»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an
+seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte
+heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid
+vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht!
+Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie
+könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«
+
+Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig
+und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden
+Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des
+Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren
+senkte.
+
+Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre
+Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und
+in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden
+mußten.
+
+ * * * * *
+
+Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner
+Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge
+erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine
+Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen
+Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke
+gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und
+entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das
+beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der
+Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern
+und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele
+Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen
+drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch
+nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!«
+wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.
+
+Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein
+in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen,
+die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.
+
+Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht
+ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne.
+Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die
+Hände in den Schoß fallen.
+
+»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den
+Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel
+Ausdauer brauchen!«
+
+»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.
+
+»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge
+Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr
+Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere
+Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen!
+Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie
+wohl ein Brieflein dabei finden!«
+
+Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte,
+gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau
+nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte
+sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.
+
+Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte
+recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten
+Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte
+im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen.
+Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und
+gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner
+Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken
+ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann
+wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes
+Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben
+wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut,
+wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht
+erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das
+Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken
+und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen
+Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn
+endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den
+einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen
+Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn
+Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes
+wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren
+mochten.
+
+Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden
+wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem
+gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei,
+als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm
+nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.
+
+Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen
+allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases
+hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.
+
+»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat.
+Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke
+dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir,
+es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das
+die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende
+Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange
+genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht
+Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein!
+Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses
+künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die
+Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an
+der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es
+in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer
+an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst
+der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das
+heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und
+kräftigen!«
+
+Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn
+hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu
+berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor
+Augen hatte.
+
+So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden.
+Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs
+Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den
+beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm
+geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie
+eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe
+er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat
+näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je
+öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um
+so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und
+schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm
+das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte
+lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und
+krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast
+zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit
+am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte
+Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und
+dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was
+auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang
+keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in
+die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem
+Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem
+Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße,
+viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob
+gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von
+seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg,
+jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom
+langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem
+Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der
+schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die
+Hochzeit sei.
+
+»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.
+
+»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte
+gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit
+offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die
+verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.
+
+»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von
+dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen
+Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer
+entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe.
+Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen,
+die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm
+gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam
+schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse
+fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich
+ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut,
+meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er
+mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen;
+wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.
+
+So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und
+ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der
+breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit
+Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das
+Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute
+abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.
+
+»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das
+also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen
+den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und
+da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in
+ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er
+weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der
+stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte
+in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und
+verstand ihn nicht.
+
+ * * * * *
+
+Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um
+seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist
+doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am
+Abend in den Dörfern singen:
+
+ Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
+ Kam just der Hochzeitszug heraus,
+ Feinsliebchen unter dem Schleier.«
+
+Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte
+er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das
+ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im
+Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie
+hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei,
+der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll
+ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt?
+Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber
+ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr
+sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre
+Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an
+sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und
+Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief
+schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen
+Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie
+zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich
+ihr ins Gesicht ...«
+
+Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel
+und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich
+freue -- Tränen liefen ihm in seine Zeilen --, wie er sich freue, daß er
+noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin
+das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn
+ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das
+Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.
+
+Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm
+entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis
+zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn,
+ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur
+Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim
+bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück
+empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über
+seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte
+die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu
+halten.
+
+»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen
+bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir
+weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle
+Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in
+seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß
+auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen
+konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des
+verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel
+und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen
+und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja
+nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:
+
+ »Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
+ Kam just der Hochzeitszug heraus,
+ Feinsliebchen unterm Schleier.«
+
+Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim
+Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die
+Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen
+schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen
+wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« -- Er hatte in
+der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn
+er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit
+lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf
+fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........
+
+'Nur jetzt nicht sterben!' dachte er, 'nur jetzt nicht! Ich muß erst mit
+Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie
+mich elend gemacht hat!'
+
+So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und
+krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den
+Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht
+schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen
+Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in
+seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und
+dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den
+Worten des Meisters: 'Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll
+Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas
+schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas
+übergehen und die Seele rein werden!' Und er wollte dann Berta sagen,
+sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er
+versprochen, ob er gleich selber ....
+
+»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph
+nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren
+Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz
+zerbrochen!«
+
+Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem
+Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.
+
+»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung
+und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie
+weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an
+sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein
+einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«
+
+Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm
+schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die
+Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu
+viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....
+
+Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da
+ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels
+willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......,
+meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«
+
+Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm
+leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:
+
+»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe
+Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan?
+Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es
+zu spät ist!«
+
+Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst,
+denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den
+einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor
+den Dienern und seiner ...., vor 'ihr' mit einem häßlichen Schimpfwort
+geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf
+andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie
+dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden
+sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch
+auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber,
+lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«
+
+»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er
+glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er
+an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der
+Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für
+eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.
+
+»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme,
+»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht,
+dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« -- Und mit der letzten
+Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er
+nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und
+dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon
+seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu
+entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas
+nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...
+
+Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre
+Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie
+beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes
+Gesicht ...
+
+Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden
+und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß
+Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre
+Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines
+Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie
+den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber
+er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und
+lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon,
+ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer
+Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete
+tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und
+dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit
+entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die
+Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein
+Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer
+furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die
+Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte
+nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf
+Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben
+Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre
+Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer
+getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel
+schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer
+zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie
+schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war,
+emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der
+Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur
+Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem
+Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und
+gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und
+schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen,
+und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den
+Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und
+waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß
+sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als
+er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht
+kannte.
+
+»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du
+mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der
+Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte,
+daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und
+schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und
+lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf,
+Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch
+nichts mehr in diesem Leben!«
+
+Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn
+mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen
+Rechten.
+
+»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«
+
+Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf
+die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand
+merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich
+wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe
+anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....
+
+Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf
+die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und
+verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute
+glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und
+konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann
+beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann
+die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich
+zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten
+nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom
+anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der
+bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und
+bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und
+sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren
+Teil haben!«
+
+Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war
+finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten,
+warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort
+fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr
+ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie
+beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und
+zogen zu Tale.
+
+ * * * * *
+
+Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder
+schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen
+hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die
+Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und
+Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter.
+Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und
+wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als
+vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe
+ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr
+Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer
+Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter
+Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne
+streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt
+durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.
+
+Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß
+Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß
+und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert
+hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen
+gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre
+erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen
+waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider
+über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich
+vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und
+der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der
+Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie
+ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber.
+Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer
+wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die
+Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust
+sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das
+Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße
+Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der
+Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern
+verborgen.
+
+Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte
+sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote,
+indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.
+
+Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod
+Bertas zu melden.
+
+Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.
+
+ * * * * *
+
+Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie
+ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale
+träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein
+an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der
+Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.
+
+Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in
+den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem
+blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe
+und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein
+oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die
+nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der
+Schlummernden zaubert....
+
+
+
+
+Der Rächer
+
+
+I.
+
+Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler,
+über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur
+Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von
+Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum 'das
+Schloß' genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von
+ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus
+gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre
+schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.
+
+Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein
+junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt,
+der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des
+Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein
+sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen
+Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so
+großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als
+Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit
+den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen
+Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre
+ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen
+Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren
+vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück
+mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll
+heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester
+umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der
+ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames
+Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche
+Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei
+Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen
+gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen
+Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen
+von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben
+fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er
+gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und
+freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und
+die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er
+eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein
+so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit
+Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er
+sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr
+fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes,
+das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen
+dankte.
+
+»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann
+zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg
+acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch
+lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen,
+wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«
+
+»Vielleicht liegt's an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit
+meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine
+Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande
+bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen
+Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«
+
+Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte
+seinem Herrn näher zu kommen.
+
+So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich
+sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte
+das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu
+verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber,
+als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe
+hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem
+ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem
+»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den
+Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.
+
+Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache
+auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude
+ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch
+mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte!
+Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine
+Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur
+er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer
+harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun
+ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich
+eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig
+machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als
+aber dann -- endlich -- die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo,
+mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand
+jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder
+die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen
+flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige
+Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er
+wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«,
+wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.
+
+Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der
+Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch
+ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich
+niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren
+sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie
+in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als
+könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit
+hinausschieben.
+
+Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter
+beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die
+geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit
+gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet
+habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete,
+so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der
+Zukunft starren mußte.
+
+Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte
+nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich
+zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen
+Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich
+sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des
+Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen
+weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor
+sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde
+sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben,
+keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann
+aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte
+sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme
+seiner Mutter.
+
+So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen
+der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein
+Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten
+Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen
+Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft
+geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter
+und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz
+und Glück hätten schreiten sollen.
+
+Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte,
+schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren,
+in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt:
+Rache an dem Verführer ....
+
+
+II.
+
+Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag,
+und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und
+Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche
+Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem
+vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein
+Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen
+Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so
+sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte
+schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die
+prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben
+nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken;
+dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem
+Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier
+bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino
+hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und
+dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in
+die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der
+Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.
+
+Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um
+Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten
+Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude
+aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren
+Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht
+gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren
+Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein
+junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders,
+zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias
+entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine
+Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen
+wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser
+Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten
+und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie
+ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in
+der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines
+edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und
+aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu
+liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil
+schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer
+jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine
+Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen
+geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden
+waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter,
+rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles
+gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches
+Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne
+auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und
+nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten
+Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma
+gewendet habe.
+
+»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß
+dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur
+keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«
+
+Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet
+hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua
+zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein
+bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn
+erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen
+wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in
+die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres
+schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die
+Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um
+aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte.
+Dann ritten sie abends in Genua ein.
+
+
+III.
+
+Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen
+Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald
+schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten
+die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt
+ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder
+mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den
+Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete
+Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und
+Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine
+überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos
+Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von
+Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie
+gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der
+junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem
+der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er
+plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem
+Kriegszuge teilzunehmen.
+
+Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand
+seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung
+seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus
+und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen
+seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.
+
+Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick
+wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen,
+seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte,
+als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.
+
+Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in
+der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer
+Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen,
+vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der
+Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den
+Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren
+in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem
+alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise
+verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in
+seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben
+hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als
+wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige
+Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach
+erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer
+Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von
+ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht
+viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin
+liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus
+Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem
+Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude
+des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener
+Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse
+sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.
+
+Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten
+Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt,
+da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem
+ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in
+eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des
+Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn
+über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der
+einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich
+nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen
+ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers
+gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender
+in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine
+brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines
+verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß
+entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das
+ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah
+die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine
+entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert
+hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo
+umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,
+durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt
+entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu
+sprechen, niederstoßen.
+
+Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er
+den Grafen Palma sprechen könne?«
+
+»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.«
+Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.
+
+»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht
+zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach
+Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres
+heimkehren!«
+
+»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine
+Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn
+dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere,
+daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie
+vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar
+nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?«
+wiederholte er.
+
+»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei
+unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze
+römische Adel versammelt ist.«
+
+»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast
+mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch
+die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und
+zerschmettert.
+
+
+IV.
+
+Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm
+zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu
+Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah
+sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und
+ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie
+seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr
+verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und
+zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,
+von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort
+stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das
+Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm
+seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als
+ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn
+er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann
+müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl
+einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem
+Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua
+heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen
+Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so
+lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er
+eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der
+gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und
+Verwandten des Papstes, in Rom weilte.
+
+Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller
+Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte
+auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch.
+Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn
+Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe,
+daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal
+aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der
+Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon
+am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus
+der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.
+
+»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du's oder ist es
+dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt?
+Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen
+Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«
+
+Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der
+wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd
+tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich,
+er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden,
+auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne.
+Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer
+aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude
+des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.
+
+»Freilich bin ich's, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf
+den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit
+meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«
+
+Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem
+Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg
+müsse.
+
+»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer
+gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du
+meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat
+gesehen hast!«
+
+Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge
+stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter
+den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo
+schon im Palaste der Spada.
+
+
+V.
+
+Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der
+Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach
+Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt
+und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio
+noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am
+Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener
+trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten
+und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte,
+über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen,
+und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn
+seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter,
+und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich
+still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner
+Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner
+Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern
+bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen
+Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit,
+mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten
+Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer
+durch seine Adern.
+
+»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio,
+»jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!«
+
+»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den
+hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!«
+
+»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit
+den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen,
+Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als
+seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt
+zusammen!«
+
+Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen
+Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß
+der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas
+Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und
+er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück.
+
+Da brachte ihn Beppino zu Bette.
+
+
+VI.
+
+Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen
+und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da
+wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war
+verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und
+Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für
+den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald
+erledigt hatte.
+
+Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen
+Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm
+ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch
+sein Hirn geschossen war.
+
+»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst
+übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen,
+der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen,
+um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die
+Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor
+Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist
+auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen
+absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die
+Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden
+Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich
+machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da
+ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an
+den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor
+mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend
+nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich
+immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner
+Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß
+ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt
+die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht
+mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu
+machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und
+wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den
+letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und
+ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben
+und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«
+
+Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe
+ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es
+einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte
+nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende
+Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum
+erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein
+kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger
+hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den
+herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.
+
+»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler
+werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie
+einen Liebsten?«
+
+Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den
+Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr
+begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:
+
+»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz
+schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich
+sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da
+Emilio schwieg.
+
+Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann
+klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem
+großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im
+Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte
+Antwort war:
+
+»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist
+nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«
+
+»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber
+er hemmte sich.
+
+»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine
+Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie
+schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann
+munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«
+
+Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand
+die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den
+Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er
+biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem
+Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.
+
+Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so
+närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse,
+Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom
+blauen Himmel heben.«
+
+Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und
+fast zärtlich:
+
+»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob
+du Geschwister hast?«
+
+»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist
+vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine,
+liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«
+
+Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen
+Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener
+Waldlichtung, sitzen die Palma.«
+
+Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine
+Antwort von vorhin verstehen!«
+
+»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.
+
+Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.
+
+
+VII.
+
+Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe
+die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde
+verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die
+Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses
+daraus erzeichnen konnten.
+
+Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht
+sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen
+Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem
+fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.
+
+»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die
+Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich
+kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für
+meine unerwartete Heimkunft!«
+
+Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit
+einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten
+sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für
+kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen
+und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.
+
+»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter
+Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann
+überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann
+im Lichte erkennen lassen.«
+
+Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend,
+seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die
+Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann
+traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten
+zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und
+seltsam genug darbot.
+
+Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen
+Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften
+Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen
+und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln,
+indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten.
+Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den
+Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die
+weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden
+Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu
+der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken,
+riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten
+Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert,
+aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und
+die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber
+große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von
+Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft
+begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.
+
+»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und
+machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine
+Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu
+dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht
+Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das
+Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«
+
+Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein
+phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche
+Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten
+hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem
+Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen
+sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu
+erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor,
+den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden
+berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald
+schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war
+dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste
+belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.
+
+Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes
+sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe
+hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei
+Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend
+und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst,
+welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte
+sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht
+irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die
+Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.
+
+»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut
+flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er
+dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine
+Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das
+ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so,
+du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm
+nicht wehren konntest!«
+
+Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in
+strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser
+Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie
+etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des
+anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht
+lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und
+glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem
+lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er,
+als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und
+zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein
+Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der
+eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem
+Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere
+herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein
+lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach
+verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang
+nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen
+nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden
+Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen
+Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.
+
+Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen
+Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele
+noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und
+zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger
+kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den
+Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch
+mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich
+gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo
+unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und
+atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht
+ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie
+ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und
+plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter
+bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und
+hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und
+ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und
+während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr
+dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin
+Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der
+Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch
+die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und
+Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die
+weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische
+zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch
+ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise
+gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das
+Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten
+mußte.
+
+So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde
+von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf
+seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne
+gedacht zu haben.
+
+
+VIII.
+
+Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab
+er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am
+vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur
+gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen
+und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz
+in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt
+ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust
+bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre
+liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er
+und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht
+Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in
+einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere
+Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht
+er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das
+begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen
+sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der
+Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er
+schämt sich vor sich selber.
+
+So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres
+Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen
+Worte: 'Sie ist eine Palma!' beantwortet hatte. Sein heiteres
+Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins,
+an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.
+
+»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist
+so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das
+Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so
+rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden
+Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz
+erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie
+sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt
+nicht auch sie vielleicht eine Schuld?
+
+Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine
+Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er
+machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins
+Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo
+in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken
+seiner Einsamkeit zu entfliehen.
+
+
+IX.
+
+Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten
+Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein
+Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den
+andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im
+Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch
+an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft
+vermisse.
+
+»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh
+aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind
+mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa
+weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«
+
+»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als
+Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie
+nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber
+sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili,
+der dessen acht hatte, sagte spottend:
+
+»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den
+Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in
+dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«
+
+»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr
+möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht
+zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges
+begegnen.«
+
+»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur
+mein Pferd satteln lassen.«
+
+»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr
+verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«
+
+Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier
+heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und
+sprengte davon.
+
+»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch
+fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat
+es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer --
+bei aller Liebe zu Emilio -- heute wohl nicht so leicht aufs Pferd
+gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut
+hätte!«
+
+Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so
+schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios
+getroffen war.
+
+'Ich muß sie einholen,' sagte er sich, 'ich muß sie noch einmal sehen!'
+
+Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber
+auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er
+werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der
+Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.
+
+'Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,' dachte er, 'und doch
+hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den
+Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der
+Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.'
+
+Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den
+steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.
+
+Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und,
+vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten
+des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen
+Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen
+Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.
+
+Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der
+er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie
+hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in
+ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein,
+weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen
+brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein
+Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den
+Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie
+nur noch lauter lachen mußte.
+
+»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« -- um mich zu erwarten,
+wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm
+entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht
+hinübergehuscht.
+
+»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«
+
+»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch
+mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen
+Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«
+
+»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria
+den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht
+ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum,
+daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt,
+Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt
+Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet
+und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht
+bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist.
+Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten
+lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge
+Enttäuschung bereiten müssen!«
+
+Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres
+Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.
+
+Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das
+gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes
+Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner
+Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte
+Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine
+Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner
+Rache vorgelogen hast.
+
+Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser
+Reinen angetan hatte, war so groß, daß er -- als müßte die Heitere da vor
+ihm seine ganze Schuld kennen -- vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres
+Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:
+
+»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je
+verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch
+schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur
+seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er
+aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den
+Irrtum begangen habe.
+
+Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre
+Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie
+nicht, und darum sagte sie:
+
+»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei
+heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich
+schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn
+Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen
+gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet,
+verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich
+beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und
+sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder
+halten würde?«
+
+Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur
+verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur:
+»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich
+getan habe oder tun wollte!«
+
+Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor:
+»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie
+unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so
+unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen,
+wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin
+unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie
+allein mich retten könnte!«
+
+Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und
+hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte,
+so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden
+verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie
+sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres
+Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:
+
+»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich
+nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause
+reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort
+auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch
+so recht?«
+
+Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr
+mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den
+Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber
+blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen
+solle. Und er begann ihr zu erzählen:
+
+»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie
+lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese
+beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein
+Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben
+inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich
+hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun
+nach Hause kam ...«
+
+Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite
+an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach
+einer langen Unterbrechung:
+
+»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu
+kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch
+wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua
+hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber
+beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer
+Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,«
+wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte
+Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl
+kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd
+aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein
+Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist -- und
+zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das
+Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester
+nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine
+Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach
+meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,
+wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will
+hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei
+Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener
+wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«
+
+Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie
+seine Rechte in ihrer Hand hielt:
+
+»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das
+hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß,
+denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures
+Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine
+Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid
+erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt.
+Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde
+wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer
+Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen.
+Lebet wohl!«
+
+Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn
+zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand.
+Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück,
+Emilio zu erwarten.
+
+
+X.
+
+Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte
+indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen
+Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der
+ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten.
+Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut
+gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen
+zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft,
+ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute
+dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch
+nicht kommen wolle.
+
+»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt
+kam, »du hast lange auf dich warten lassen!«
+
+Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah
+verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus
+dem Sattel.
+
+»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht
+getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?«
+
+Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der
+Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen.
+
+»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich
+hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch
+heute fort von hier.«
+
+Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr:
+
+»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?«
+
+»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe
+mich schuldig gemacht, Emilio!«
+
+»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du
+gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute
+nicht!«
+
+Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio,
+hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung
+und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili.
+Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der
+Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister
+gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns.
+Aber was würdest du sagen, Emilio« -- in den Augen Riccardos war ein
+Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen
+Nachmittag über vorbereitet hatte -- »was würdest du sagen, was würdest
+du tun, wenn du erführest, daß deine -- Schwester verführt worden ist?«
+
+Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und
+hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was
+sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du
+erlebst den nächsten Augenblick nicht!«
+
+Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und
+dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe
+deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf
+Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich
+schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!«
+
+Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!«
+
+Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt
+in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite:
+
+»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist
+toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn
+hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner
+Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!«
+
+»Deiner Braut?« schrie Riccardo.
+
+»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig.
+
+Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er
+knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein
+Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit
+bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder
+Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.«
+
+So sank er in den Staub des Weges.
+
+Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück
+gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem
+Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der
+Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein
+bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte
+das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen
+rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino
+wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf
+etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise:
+»Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen
+erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige
+Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin
+ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch
+bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den
+Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein
+guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine
+entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...«
+
+Er wollte 'Ermete' sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester
+seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht
+für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg
+er.
+
+Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich
+eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da
+er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über
+Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des
+Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte.
+Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er
+umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar:
+
+»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare
+Tage erlebt haben!«
+
+Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er
+sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine
+Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus
+Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher
+geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur
+Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu
+lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle
+ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß
+uns scheiden!«
+
+Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd
+besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er
+seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand.
+
+»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du
+mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei
+glücklich, Emilio, lebe wohl!«
+
+'Lebe wohl!' wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses
+Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest
+und innig die Hand.
+
+Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino
+seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte
+seinem verschwundenen Freunde nach.
+
+Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ...
+
+
+
+
+Das Meerweibchen
+
+
+I.
+
+Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes
+Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von
+Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen
+ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete,
+gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein
+Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....
+
+Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und
+Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie
+überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und
+beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige
+und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine
+durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der
+königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie
+dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus,
+das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem
+leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck
+und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was
+aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es
+eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als
+Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der
+schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der -- in dem Lande
+des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig -- in zwei schön geringelten,
+stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem
+Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig
+verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt
+gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen
+Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie
+bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man
+muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und
+elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in
+einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten
+Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und
+verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel
+emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach
+oben abschließt.
+
+Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des
+siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische
+Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung
+gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird,
+das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die
+Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit
+gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des
+sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu
+aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung!
+Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten,
+umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt.
+
+Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde.
+Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet
+sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und
+Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges
+gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen
+einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein
+bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister
+zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus
+bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte
+auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige
+Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte
+ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien
+gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen
+zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus
+vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller,
+bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen,
+wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine
+empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war
+Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was
+sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt,
+sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte
+wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht.
+Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht
+sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf
+den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm
+der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine
+Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.
+
+Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt
+auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den
+Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen
+tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er
+eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.
+
+Nun waren aber Karolus' Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher
+mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre
+Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen
+mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen,
+ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane
+am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres,
+über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen;
+ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen
+leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war
+wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die
+Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche
+Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu,
+aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal
+einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.
+
+Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das
+war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter
+der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte
+und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und
+in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große
+Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes
+Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen
+plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich
+weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die
+grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische
+Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem
+Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke,
+biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so
+jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so
+golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der
+Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von
+ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich
+zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr
+lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als
+ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem
+Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war,
+und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als
+er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich.
+Und er glaubte sich's später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame
+im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes
+Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen
+von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen
+durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war
+glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen
+Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei
+ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame
+immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter
+liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde
+Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt.
+
+In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des
+grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte
+Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage
+auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem
+aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der
+königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das
+in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische
+Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame
+mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als
+neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen
+in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen,
+darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und
+überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine
+beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie
+ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet
+und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der
+Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem
+Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu
+sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie
+ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen,
+da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze.
+Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.
+
+Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von
+Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer
+schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu
+reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen
+und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen
+hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und
+Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige
+Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten
+jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und
+immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die
+älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube
+führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab
+keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst-
+und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des
+Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig
+in der Erfindung neuer Fragen: 'ob sie wohl auch' und 'wie mag bei ihr',
+nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl
+zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der
+hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber
+er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden,
+nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn
+und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten
+Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu
+überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei.
+
+
+II.
+
+Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem
+Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn,
+seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie
+anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht
+eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen,
+das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose
+Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel
+weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser
+der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und
+inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles
+Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring
+hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den
+Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit
+nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme
+bedeutungsvoll gegen den Himmel.
+
+Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig
+in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen
+Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar
+erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als
+ihre trägen Vorstellungen.
+
+Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie
+war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager
+Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie
+Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern,
+Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre
+Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die
+Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.
+
+Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle
+Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen,
+daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die
+erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer
+Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten,
+wurde eingelassen.
+
+»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein
+berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern
+gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht,
+schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der
+ehrfürchtig Grüßenden.
+
+»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem
+Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über
+Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen
+gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran
+glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir
+die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig
+seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und
+staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae
+nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie
+berichtet.«
+
+Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von
+dannen.
+
+In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um
+Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer
+Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des
+geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu
+erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in
+ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der
+großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch
+waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß
+ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In
+der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine
+seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die
+Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung
+gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien
+auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda
+hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön
+geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches
+entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung
+und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte,
+ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens
+hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten
+Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in
+einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz,
+der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu
+lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So
+schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl
+auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches
+festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser
+hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den
+schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte
+lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren
+kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner
+werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn
+die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm
+sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die
+sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den
+Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre
+Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser
+Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames,
+unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die
+Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im
+Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im
+Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden
+Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.
+
+Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön
+in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu
+spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen
+Herzens von dannen.
+
+»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz
+vorne am Ufer des Teiches stand.
+
+»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und
+Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«
+
+»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei
+mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es
+leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede
+ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«
+
+»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich
+betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren
+Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«
+
+Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes
+zu.
+
+An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung;
+er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder
+verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht,
+seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz
+in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht
+schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß
+Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in
+einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm
+gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so
+unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er
+ihm einen Namen hätte geben können.
+
+Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme
+weckte ihn aus seinen Träumen:
+
+»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem
+Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«
+
+Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz,
+seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu
+erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne
+aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter
+Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.
+
+Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm
+war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die
+Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem
+Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war.
+Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte
+melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es
+war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz
+deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie
+selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm
+liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm
+zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er
+mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er
+drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des
+Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder
+öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten
+waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an
+diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem
+Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von
+neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür
+im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare,
+hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie
+bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden
+Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein
+im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen.
+Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr
+betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer
+des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte
+ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen
+Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«
+
+Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach
+Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den
+Feldern vor der Stadt ruhelos umher........
+
+
+III.
+
+So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein
+wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht
+zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte
+nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und
+Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein
+dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den
+kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine
+Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und
+auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen
+auf sein Eiland zugeschwommen komme.
+
+Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite,
+schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre
+Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: 'Lalanda, Lalanda.' Aber er
+schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr
+Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem
+Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als 'Lalanda', und doch
+verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm
+liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne
+fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft
+vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie
+ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem
+Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen
+und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er
+wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen
+sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen
+Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie
+leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus
+der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin.
+
+»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater,
+der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn
+blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie
+errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn
+er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild
+und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die
+heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich
+rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt
+bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der
+Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu
+sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder
+zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller
+arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen
+Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen
+waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter
+Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er
+durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das
+Gewölbe.
+
+Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine
+Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den
+Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln
+auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern
+ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde
+hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme
+angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem
+Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken
+an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der
+Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der
+Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke
+lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen
+Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung
+an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche
+vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht
+verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die
+Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, 'als ob er
+erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.' Nun störte
+ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische
+Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang
+zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn.
+Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen.
+
+»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.
+
+»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose
+bewahrt.«
+
+Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel
+Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er
+ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu
+treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin
+schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im
+Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.
+
+Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch
+klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und
+dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete
+Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere.
+
+Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin,
+denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie
+zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen,
+daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser
+Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie
+nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar
+nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war,
+indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus
+einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei
+seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit
+ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich
+Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen
+noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung
+hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches,
+seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda
+emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da
+blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin,
+indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und,
+da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer
+freundlichsten, sanftesten Stimme:
+
+»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl
+vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren
+Händen haltet!«
+
+Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als
+ob er jetzt 'den Ritterschlag der Liebe' empfangen solle, und seine
+Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es
+schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit
+ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres
+gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er
+küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:
+
+»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie
+geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu
+danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß
+ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten,
+und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich,
+wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu
+finden sind!«
+
+Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber
+klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder
+nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser
+auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll
+zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden.
+Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden
+Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an
+und fragte:
+
+»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr
+Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?«
+
+Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse,
+ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf
+ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz
+fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus
+den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu
+schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken
+mußte. Dann sprach sie -- und legte dabei den triefenden Fischschweif
+näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren:
+
+»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll,
+wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder
+wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in
+der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken,
+das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange
+ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme
+mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem
+Liede haben!«
+
+O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft
+bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde
+Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und
+zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte
+ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich
+in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles
+trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß
+Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude
+bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun
+endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen
+sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter
+und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich
+beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er
+vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache,
+nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur
+dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine
+Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm
+die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr
+Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die
+ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie
+oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern
+gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären
+erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen.
+
+»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre
+Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des
+Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang
+es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah
+sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen
+Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig,
+wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger
+litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie,
+das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir
+kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr,
+lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede
+lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes
+neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein
+Leids geschehe!«
+
+Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und
+lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume
+heraus sagte:
+
+»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich
+in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben
+Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«
+
+»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks
+schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da
+trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten,
+die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu
+und weckte sie.
+
+»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da
+glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die
+Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf
+Wiedersehen heute abend!«
+
+Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die
+Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre
+Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos
+den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter
+Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese
+entfernt war.
+
+
+IV.
+
+Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im
+Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach
+dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus
+dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für
+ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war
+Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in
+Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel,
+Karolus mußte sich's in seinem zitternden Herzen selbst gestehen,
+Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und
+neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend
+selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen
+könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht
+mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne.
+
+»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein
+Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es
+schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen
+ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich
+darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine
+Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und
+weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in
+die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!«
+
+Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden
+Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja
+trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches
+Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen.
+
+»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit
+mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!«
+
+Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine
+Hoffnungen zerrannen.
+
+»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen,
+dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe
+sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts --« Er schwieg,
+er errötete.
+
+»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!«
+
+Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen
+heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins
+Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem
+Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang
+und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die
+Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte
+sterben zu müssen.
+
+»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem
+schöpfend, »mein für immer!«
+
+Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie
+wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins
+Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu
+schließen.
+
+»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand
+auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den
+sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich
+schwöre!«
+
+In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß,
+träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in
+einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und
+mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes
+Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr
+blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische
+Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und
+nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich
+hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er
+aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die
+mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein
+schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!«
+sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer
+lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!«
+
+Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm
+hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins
+Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig
+auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden
+war.
+
+Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner
+Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus
+hatte ihn geweckt.
+
+»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er.
+
+»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen
+schrecklichen Traum gehabt!«
+
+Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich
+sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu
+sprechen an und sagte: »Vater!...«
+
+Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem
+Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn
+eine Meerkönigin erwählt habe!
+
+»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute,
+da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und
+seine Lider senkten sich.
+
+»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens,
+alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was
+ich dir nicht gewähren könnte?«
+
+Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden
+ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.
+
+»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.
+
+Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der
+Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür.
+
+Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu
+vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als
+Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das
+dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld
+brauchen, und damit wollte er nicht sparen. 'Ich will arbeiten wie ein
+Knecht,' sagte er zu sich, 'ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber
+erst muß ich sie erretten!'
+
+Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden
+nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem
+Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken
+Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch,
+noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit
+einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher
+als früher klang, sagte sie zu ihm:
+
+»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für
+immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser
+hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt,
+bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich
+beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......«
+Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden,
+und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen
+Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie
+bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite
+an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an
+und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig,
+»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt
+ich dieses Leben habe!«
+
+Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er
+streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen
+Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das
+Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse
+und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein
+Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres
+Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.
+
+»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.
+
+»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses 'ich verehre
+dich' noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im
+'Unvergeßlichen Liebhaber' zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von
+deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!«
+
+Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden
+Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im
+Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein
+Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob
+Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger
+wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die
+ersten Besucher in das Gewölbe.
+
+
+V.
+
+Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte
+Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und
+Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: 'heute abend' hinaus, er
+wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit
+sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,
+er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals
+schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen,
+um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem
+Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige
+Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die
+Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die
+Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die
+Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde
+Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen
+neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er
+dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen,
+aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das
+mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie
+sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause,
+um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen
+wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich,
+zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu
+bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten
+Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie
+wach wären. 'Das ist das beste Mittel!' sagte er zu sich und dachte an
+eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den
+Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen
+Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und
+ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust
+gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.
+
+Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel
+da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter
+Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten
+verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein
+kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes
+gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit
+welcher der Wind spielt.
+
+Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter
+der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer
+Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel
+durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser
+umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß
+noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch
+einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die
+Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge
+Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie
+auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die
+Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige,
+Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde,
+hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit
+ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch
+nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach,
+jedenfalls in eine glückliche Zukunft.
+
+»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger
+ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten
+und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches
+Abenteuer gilt's zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!«
+Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu
+bestechen ist!«
+
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der
+Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen
+lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen
+noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter
+über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie
+nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges
+aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie
+noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach
+Hause.
+
+»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er
+traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er
+schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete
+er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und
+dann -- Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen -- dann
+ging auch der von dannen.
+
+'Allein!' jubelte es in Karolus Seele, 'sie ist allein, sie wartet auf
+mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!' Er
+schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter
+Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich
+gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft
+drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte
+in das Gewölbe.
+
+Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der
+Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre
+Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.
+
+»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du
+kämest nicht!«
+
+Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund
+mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen
+den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«
+
+Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen
+Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak
+bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich
+entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den
+Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und
+sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten,
+oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte.
+Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich
+errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich
+dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen
+aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau
+kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser
+zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein
+ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer
+zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte
+wandern, bis wir ans Meer gelangen!«
+
+Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf
+Karolus' nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast
+geheimnisvoll noch einmal:
+
+»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du
+mich liebst!«
+
+Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die
+beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:
+
+»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich
+erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du
+mich liebst!«
+
+»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig,
+»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb
+Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind
+liebte und glücklich machte!«
+
+»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich
+liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und
+wunderbar, so königlich und erhaben!«
+
+»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid
+geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« -- ihre Stimme
+wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten --
+»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen,
+glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück,
+ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich
+habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir's verraten soll, ob du
+würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus
+diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich
+werden!«
+
+Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht
+zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte
+Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom
+Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.
+
+»Verschließe die Tür!« befahl sie.
+
+Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen
+sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich
+dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen
+Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht
+sterbe!«
+
+»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich
+erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen
+und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf
+dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als
+wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.
+
+»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus,
+sieh mich an!«
+
+Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des
+Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er
+taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück.
+Auf dem breiten Rande des Bottichs -- stand Lalanda aufrecht, aufrecht
+auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an,
+aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend,
+mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut
+in der Hand, aus der sie geschlüpft war.
+
+»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt
+glücklich?«
+
+Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich,
+um den Fischschweif unterm Wasser -- zum letzten Male -- anzulegen.
+
+Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich
+den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die
+Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel
+umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die
+Lüfte.
+
+»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er
+hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume
+zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui,
+nackt« .....
+
+Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz,
+seine Augen waren trocken.
+
+»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.
+
+Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus
+lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen;
+denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein
+seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit
+herausforderndem Lachen fragte sie:
+
+»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so
+leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«
+
+Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er
+stürzte zum Teiche.
+
+»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr
+Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos,
+so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich.
+»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.
+
+Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon
+überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen
+Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie
+gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den
+Armen und rief neckend und schelmisch:
+
+»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«
+
+Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe
+gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die
+Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner
+sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«,
+ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas
+gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis,
+wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine
+Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine
+Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief
+in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in
+das zweite Gemach.
+
+Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine
+Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe.
+Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick
+gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den
+Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und
+so fuhr er von dannen, der Moldau zu.
+
+Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte
+Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen
+geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose
+Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel
+schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn,
+daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein
+Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und
+das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen
+steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den
+Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,
+daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser
+Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle
+des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen
+hatte, die ihm winkten.
+
+»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war
+Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich
+das überleben!«
+
+In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine
+glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den
+Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer
+höflichen Verbeugung:
+
+»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die
+Brücke hinüber?«
+
+Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und
+sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich
+aussteigen will.«
+
+Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen
+holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie
+auf der einsamen Landstraße.
+
+Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er
+sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide
+zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle,
+königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif
+war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das
+Gewöhnliche, Schamlose -- ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn
+schüttelte -- das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren
+Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine
+Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O,
+ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«
+
+Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner
+Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter
+und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust
+werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines
+aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die
+Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem
+Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der
+Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.
+
+ * * * * *
+
+Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht
+gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde
+an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein
+Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht
+nichts mehr -- in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber,
+daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt
+hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen
+verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß
+im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den
+glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht
+sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen
+Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik,
+daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr
+verlautete.
+
+Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch
+ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem
+fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas
+angebracht und das Haus 'Zum Meerweibchen' genannt werde. In den alten
+Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den
+Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus
+Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses 'Zum Meerweibchen'
+und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und
+gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch,
+Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem
+Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen
+Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden
+Namen eine Menge Kinder.
+
+So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie
+begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik
+der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin
+aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen,
+das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er
+kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis
+zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den
+Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und
+majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus
+dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten
+erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom
+Meerweibchen.
+
+
+
+
+Der Spiegel
+
+Eine Legende
+
+
+I.
+
+Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre
+Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes
+noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken -- jungen Eltern
+gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet --, zu
+jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein
+weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem,
+fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und
+ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in
+diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der
+Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine
+so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen
+Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der
+Heiligkeit über dem Kloster schwebte.
+
+So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte,
+in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna,
+als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner
+Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so
+uneinnehmbar, wie sie glaube.
+
+Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen -- wie sie der göttliche
+Raffael uns überliefert hat -- durchdringend an und sprach: »An der
+Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich
+meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich
+hier ein Vaterunser sage.«
+
+Der Böse erschauerte, da er den Namen 'Vaterunser' sprechen hörte, aber
+er faßte sich gar bald und entgegnete:
+
+»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du
+dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich
+meiner Tat erfreuen.«
+
+Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges
+Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore
+verschwand.
+
+Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne
+Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des
+Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der
+Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in
+den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr
+Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich
+und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten
+einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und
+war blühender als je eine Nonne gewesen.
+
+Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster
+und fragte nach seinem Begehr.
+
+»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies
+Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es
+als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht
+abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der
+Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein,
+drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als
+bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach's, und ehe die
+Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.
+
+Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter
+Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er
+machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr
+mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei
+vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und
+schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber
+machte sich auf und wandelte still ihres Weges.
+
+Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters
+verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges
+Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben
+der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze
+Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem
+Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der
+Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte
+es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte
+geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches
+Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei
+nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch
+vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig
+ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein
+Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre
+Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen
+Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem
+Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück
+leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines
+wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie
+aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte,
+sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden
+Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie
+sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und
+schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen
+gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an,
+da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel
+hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie
+ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich
+plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu
+ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie
+nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön
+gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete
+das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses
+Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr
+gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der
+Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit
+glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel
+freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr
+Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit
+den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung,
+als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie
+sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte
+passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die
+Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die
+Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem
+blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor
+sich hin!
+
+So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam
+vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß
+sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt
+schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm
+lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn
+das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem
+Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm,
+das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu
+schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den
+schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken,
+und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um
+nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.
+
+Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und
+ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das
+Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig
+gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet
+hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber
+hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz
+an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so
+lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und
+sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.
+
+
+II.
+
+Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das
+prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich
+geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf
+Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch
+schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen
+wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig
+und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der
+weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die
+Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner
+und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in
+diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen
+getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit
+verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig
+hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich
+gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste
+Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er
+als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war
+seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er
+fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht
+unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten
+seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner
+Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,
+so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte
+immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und
+im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der
+heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß
+er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest
+überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr
+ein neues Reis ansetzen werde.
+
+Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen
+Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen
+Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem
+melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu
+probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und
+Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen,
+trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß
+kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an
+denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte,
+und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich
+neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg
+geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen
+lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken
+müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht
+schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen
+wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei
+war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit
+und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er
+freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er
+sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit
+scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber
+umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen
+Grafen eigentlich recht genügend waren.
+
+Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem
+Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf
+Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht
+wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern
+der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und
+wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den
+bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem
+Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast
+erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten
+Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so
+gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel
+gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte,
+war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte,
+einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um
+über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach
+vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger
+empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine
+Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar
+auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen
+melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in
+Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach
+und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich
+eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn
+an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß
+er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan
+habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig
+zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen
+zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel
+gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es
+nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von
+seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich,
+während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine
+philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst
+bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was
+vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit
+so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem
+Schlosse geschieden.
+
+Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem
+melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen
+Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht
+angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von
+dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines
+Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen
+fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt,
+und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang
+brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz
+Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß
+dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das
+Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer
+sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium
+auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der
+selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken
+sollte, kein großes Vertrauen empfand.
+
+
+III.
+
+Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen
+zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft
+beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte --
+mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa
+auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand
+war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als
+heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und
+ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der
+frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot
+weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem
+Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr
+glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an
+ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen
+Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr
+Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis,
+als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn
+nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da
+sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte
+zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser
+Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute
+sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott
+für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen
+Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter,
+sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht,
+daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.
+
+Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der
+Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr
+immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich,
+holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den
+Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten
+Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende
+Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein
+phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller
+Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel,
+daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege
+begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem
+Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen
+schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er
+ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm
+übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange
+verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein
+Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich
+einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze
+Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen:
+'Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!'
+
+Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne
+eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen
+einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich
+schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und
+Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat
+um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der
+Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die
+von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige
+Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über
+jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst
+gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als
+er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob
+sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm,
+der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht
+einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das
+ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa
+mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete.
+Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze
+Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie
+vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls
+ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich
+doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu
+können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken
+Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und
+aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.
+
+Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die
+Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff
+genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so
+rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen,
+da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den
+launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu
+werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer
+verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt
+hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich
+aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube
+in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als
+ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so
+beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch
+genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines
+Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte,
+ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs
+allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die
+Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und
+Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für
+Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke,
+bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem
+Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm
+wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den
+der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide,
+und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen
+Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke
+Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem
+Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im
+Schloßsaale landete.
+
+Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang
+nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,
+hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das
+Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der
+unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die
+Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen
+Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und
+ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend,
+so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren
+Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen
+Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest
+an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal
+vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so
+stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der
+Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich
+derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle
+Kanne Weins überlief.
+
+»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen
+eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«
+
+Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an,
+die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz
+hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte,
+die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den
+Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein
+Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser
+zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen
+ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann
+seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer
+Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor
+Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den
+steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale
+angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine
+Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in
+diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die
+Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.
+
+Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....
+
+
+IV.
+
+So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin,
+des Weges.
+
+Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die
+Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm
+sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes
+hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede
+Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle
+blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute
+Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den
+schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten
+Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar
+nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust
+zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune
+ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und
+Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es
+ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust
+zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre
+Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden
+und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall,
+wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der
+melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein
+herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.
+
+Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer
+Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe
+geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken
+mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die
+Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm
+wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen
+zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die
+reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit
+jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine
+bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag
+immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald
+selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über
+jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen
+ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und
+betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl
+durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe
+und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen
+war.
+
+So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des
+Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war
+gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder
+nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es
+Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter
+einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach
+war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg
+auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche
+Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom
+seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer
+munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß
+er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel
+Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was
+ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie
+nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in
+den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das
+plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen
+aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des
+kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über
+den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und
+vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den
+Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen
+Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach
+ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite
+gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von
+ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu
+und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines
+Tages der Ritter erkrankte.
+
+
+V.
+
+Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel,
+sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über
+sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck
+darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen
+Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein
+wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie
+in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in
+seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies
+nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben
+müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor
+Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn
+elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn
+sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen
+empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die
+erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung
+hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er
+sei.
+
+Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte
+nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden
+Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über
+ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der
+Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So
+stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares
+jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden
+Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.
+
+So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen,
+langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes
+Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als
+daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so
+ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und
+Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem
+Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte,
+weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid
+neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer
+Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe,
+herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit
+sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und
+weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges
+erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter
+ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.
+
+Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie
+ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und
+Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er
+glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit
+aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann
+aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein
+Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.
+
+Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war
+ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche.
+Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien
+es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und
+lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten
+Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen
+Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das
+Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still
+und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und
+schlummerte bis in den Morgen.
+
+
+VI.
+
+Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne
+Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich
+eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel,
+war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie
+sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das
+volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des
+Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich
+wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die
+Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann
+die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den
+rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen
+friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die
+Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß
+Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie
+geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite,
+die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem
+tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag
+begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er
+gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den
+Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu
+fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein
+wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf
+der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß
+er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er
+nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.
+
+Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann
+brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben
+zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr
+armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust
+zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr
+so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen
+und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid
+und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand
+weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder
+ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch
+fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn
+zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.
+
+Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie
+etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame
+innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu
+lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto
+unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann
+glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den
+einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder
+Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die
+Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß
+und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und
+Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können.
+
+So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich
+neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht
+angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen,
+er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen.
+Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen,
+so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem
+Zimmer davonschlich.
+
+Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte
+lange keinen Schlummer finden.
+
+
+VII.
+
+Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür
+gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter
+wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht
+ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll
+herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser
+Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens
+schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender
+im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes
+Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener
+Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und
+nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit
+aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen.
+Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das
+Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und
+er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht
+nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den
+ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an
+die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu
+streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.
+
+Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über
+den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute
+gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes
+sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor
+Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil
+sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht
+abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm
+mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den
+Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden
+Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu
+ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie
+wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine
+wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer
+jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er
+auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte
+und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und
+das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in
+diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war,
+durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den
+Umarmungen des Ritters willenlos ergab.
+
+Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer
+schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der
+Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.
+
+Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die
+Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr
+zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten
+aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war
+glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in
+die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in
+ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee,
+versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser
+Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein
+des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber
+ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem
+Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie
+sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen
+und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem
+schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.
+
+Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und
+dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem
+Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze
+hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon
+wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen
+Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch
+dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot
+erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner
+Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen
+Morgenimbiß zu bringen.
+
+Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor
+Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun
+mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die
+bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen
+und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die
+Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten
+und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich
+aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt
+geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal
+ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte
+gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen
+sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der
+verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei
+geholfen.
+
+Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus
+gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und
+Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese
+Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig
+ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen
+Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das
+Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst
+zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß
+ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter
+aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das
+Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und
+unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.
+
+
+VIII.
+
+Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie
+sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben
+ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter
+und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande
+gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem
+Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem
+Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit
+seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich
+geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte
+tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu
+ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters
+Heilung verwirkt hätte.
+
+»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd
+und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen
+Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm
+mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich
+armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen
+könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die
+ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«
+
+Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu
+Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten
+aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor
+Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie
+verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden
+Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den
+Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige
+mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so
+gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«
+
+»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter
+Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und
+sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne
+emporzuschauen, aus der Kapelle.
+
+Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem
+Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die
+trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel,
+in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß
+bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen
+Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht,
+vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die
+gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter
+wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus
+schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der
+schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging
+mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter
+aufzusuchen.
+
+Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer
+eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie
+sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem
+Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn
+schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna
+vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen
+angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:
+
+»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der
+selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast,
+bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die
+Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich
+stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest,
+nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um
+meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du
+mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu
+bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich
+dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du
+Abscheulicher!«
+
+Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos
+über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur
+untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war
+er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf
+und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr
+Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken,
+das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf
+sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut
+waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung
+verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte
+sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte
+sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze
+Maid, die ihn gebändigt hatte.
+
+So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische
+Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen
+Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng
+und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise
+ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager
+gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren
+Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen
+selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine
+Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht
+auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem
+Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu
+dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor
+ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich
+allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und
+wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde
+und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der
+Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr
+unachtsam schien.
+
+So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je
+gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich
+geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten
+Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz
+elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem
+Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich
+eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung
+aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei
+der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr
+schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das
+ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen,
+da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er
+die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er
+nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er
+verbrochen hatte.
+
+So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse
+Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er
+ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette
+auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen
+ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie
+ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und
+achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen
+Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein
+Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen
+rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung
+erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«
+
+Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer
+zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die
+Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke,
+da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat.
+So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und
+wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten
+Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen
+wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie
+erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen
+Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und
+seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde
+liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen
+Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du
+wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch
+meine reine und echte Liebe verschönt sein!«
+
+Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und
+erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.
+
+Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das
+Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die
+Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager
+zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar
+ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.
+
+Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen
+Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, -- nachdem sie sich
+in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt
+hatten, -- um nach Schwarzenburg heimzuwandern.
+
+»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf
+sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.
+
+»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche
+sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob
+seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten
+Sängerin seinen Gruß zu:
+
+ »Tandarada, Tandarada!
+ Welch ein Wunder mir doch geschah!«
+
+Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!
+
+ * * * * *
+
+Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu
+und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse:
+ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der -- Gott sei bei
+uns! --, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat!
+Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch
+gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um
+euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte
+sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!
+
+Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von
+Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen
+Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes
+weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide
+berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute:
+die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und
+lächelnd in dem Glase betrachtet....
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Von =Hugo Salus= erschienen bisher:
+
+
+=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.
+
+=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Neue Gedichte.= Albert Langen, München.
+
+=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich
+Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.
+
+=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen,
+München.
+
+=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik.
+Zweite Auflage. Wiener Verlag.
+
+=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München.
+
+ * * * * *
+
+
+Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35
+
+
+Novellen des Lyrikers
+
+von
+
+Hugo Salus
+
+Preis geh. M. 2.--; geb. M. 3.--
+
+
+=Aus den Besprechungen=
+
+=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im
+Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten
+Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte
+des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch
+ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das
+der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das
+ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den
+Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne
+gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten
+Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so
+gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt
+er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse,
+sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten
+Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?«
+
+=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner
+Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen
+spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch,
+dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch
+der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu
+lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders -- nüchterner und
+deshalb vielleicht klarer -- urteilt als Hugo Salus, immer achtet und
+schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender
+Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn
+beschwingt.
+
+=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters
+in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik
+bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist
+wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre
+wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man
+allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen
+Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in
+ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des
+Lebens.
+
+=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen
+darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und
+schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er:
+
+ Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle,
+ Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten
+ Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten
+ Will sie besuchen mich, die sonnighelle.
+
+ Doch für mein Ideal, für die Novelle,
+ Ist schon die Tür zu eng. -- -- --
+
+Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein
+Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen
+sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie
+Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien
+sind -- Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische
+Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel
+näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art
+liegt in der persönlichen Diktion -- gleichsam als säße man
+freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und
+einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male
+eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein
+Schweigen.
+
+Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt
+gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht
+diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine
+Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder
+belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht
+einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen
+Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des
+Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der
+großen Kräfte zu spiegeln weiß.
+
+=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die
+Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die
+dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus
+hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache,
+die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu
+versuchen. Doch er ist Lyriker, und -- »man ist nicht ungestraft zwanzig
+Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der
+ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich
+rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte
+verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte
+wird's eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und
+eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so
+lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für
+ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und
+besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die
+Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der
+»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel
+Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer
+geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es
+verstanden. Und schließlich versteht es auch -- Hugo Salus selbst, wie
+»Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur
+weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die
+Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen
+Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer
+gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von
+Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle
+jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all
+die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden
+Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen
+Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden
+Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) -- Es ist ja nur ein
+zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines
+echten -- Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und
+liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die
+Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat.
+
+=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten,
+streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers«
+auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man's heutzutage noch
+für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und
+Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen
+Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers«
+geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue
+Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede
+Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und
+Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige
+Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht.
+Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich
+anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten
+scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind
+hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den
+Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine
+märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich -- fast möchte
+man sagen: »mit Behagen« -- ergeht. Das ist es auch, was diesen
+Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus
+fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen
+liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins
+Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines
+Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung
+fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen
+Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers
+(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er
+kann auch gewissermaßen (wenn er's kann) ein bißchen mitdichten. In
+dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde
+künstlerische Nachwirkung.
+
+Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als
+dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die
+Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis
+die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine
+am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang
+den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit
+neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit
+entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in
+dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in
+wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl
+aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz
+neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der
+Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem
+Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem
+Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des
+Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden
+Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache.
+Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem
+Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches
+Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für
+Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der
+Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern
+sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen
+Kopf.
+
+=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo
+kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_
+erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur
+Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein
+aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid
+offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen
+Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender
+Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der
+Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer
+der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der
+auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz
+außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die
+künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen
+das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende
+Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten
+Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«;
+empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt
+werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können.
+
+=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit
+hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten
+entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit,
+sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt
+erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen --
+bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt -- wüste
+Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.
+
+=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel
+zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als
+lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet
+er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln
+schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das
+war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine
+Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers
+erscheinen ließ. -- Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten,
+wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist:
+der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur
+Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil
+Ertl -- sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem
+»Übergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische
+Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt.
+Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz
+und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner
+Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und
+Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein
+zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit
+naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt
+deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender
+Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie
+vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz
+durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem
+Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet,
+damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele
+hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist
+es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der
+Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen,
+von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der
+sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen
+lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers«
+deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und
+Liebhabern erlesener Kleinkünste.
+
+_Dr. Friedrich Düsel._
+
+ * * * * *
+
+Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde
+zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.
+
+p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I
+p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse
+p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!«
+p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
+p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter
+p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt
+p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
+p 228: von dem Bildern -> den
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The list of other books published by the author was moved
+to the end of the book next to the other advertisements.
+
+p 059: added chapter number: I
+p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse
+p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!«
+p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
+p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter
+p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt
+p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
+p 228: von dem Bildern -> den
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
+
+***** This file should be named 17130-8.txt or 17130-8.zip *****
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+will be renamed.
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
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