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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:50:22 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das blaue Fenster + Novellen + +Author: Hugo Salus + +Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + +Das blaue Fenster + + + Novellen + + von + + Hugo Salus + + + +Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906 + + + +Alle Rechte +vorbehalten + + + + Inhalt + + Seite +Pietà ..................... 1 +Der Rächer ................ 57 +Das Meerweibchen .......... 115 +Der Spiegel ............... 173 + + + + +Pietà + + +Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es +ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das +Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis +die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, +einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um +fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu +träumen. + +In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der +Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem +Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind. + +Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im +Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich +aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es +gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die +Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem +Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd +nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes +gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des +Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der +wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand +sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen +Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so +daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag. +Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der +gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich +schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte +und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von +einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da +schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte +mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, +und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen +Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß +ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar +umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider +wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den +eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das +Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein +Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen +läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben. + +Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die +blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das +bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte. + +Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer +wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein +Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die +Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl +noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden. + + * * * * * + +Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler +hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und +über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit +sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit +seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein +großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die +schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der +Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden +Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen +Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein +Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, +der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse +sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige +hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar +lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und +dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr +schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine +edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches +Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu +gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis +und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine +schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt +verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen +sollte. + +Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager, +auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel +die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit +unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt +und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht +geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem +Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis +zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr +Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer +wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei +schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht, +da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, +rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob, +wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke +Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind +gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des +Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde +kommen konnte. + +Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der +Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr +bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen +jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender +und siecher hervorging. + +So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit +verträumte. + +Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher +Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von +neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt +hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar, +heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche +verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes +Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst +so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren +düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen +Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, +gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte +und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte. + +Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in +Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das +Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und +zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war +es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und +mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht, +eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein +Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und +ihre Flügel zu lösen vermag. + +So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und +verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und +sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern, +seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß +sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen. +Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr +abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung. +Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und +ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis +einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm +geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen. +Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen +verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme +nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in +seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm +verbarg, und das es entdecken wollte. + +So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür +schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin +eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend +umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf +jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt +wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer +Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, +und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte +die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der +Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt. + +Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie +jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den +Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein +heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die +ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und +die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie +alle bösen Geister davon abhalten. + +Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde +die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde +gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom +Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse +unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen +Schlafgemach der Gräfin. + +Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr +nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und +verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen +Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes +unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer +keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den +Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten +und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb +Berta durch viele Monate. + + * * * * * + +Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie +von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der +Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen, +denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa +vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die +Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was +ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie +waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, +allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein +Lehen des Grafen empfingen. + +Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit +all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern +zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das +anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau +wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand +es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun +pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in +einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen +spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums +sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als +Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und +wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann +geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen. + +Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet +und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen +Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen +lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen +herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind +mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie +des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so +gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte, +die auf ihren Ritter wartet. + +Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen, +gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar +manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten +sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben. + +»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu +einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder +ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter, +meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte +einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen +still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid, +sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern +seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön +und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt +bei der -- bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann +immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald +gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in +der eindringlichen Art von Kindern. + +»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß +kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte +ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den +dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist, +und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns +kommen! Willst du, willst du?« + +»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das +Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen +Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist, +die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr? +Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich +erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das +entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war. + +Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen +unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen +Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte. + +»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren, +»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem +großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt, +daß sie keine Mutter habe?« + +Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft, +daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe +Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen +gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes +Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. +Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube +sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal +werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde! + +»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe. + +»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich +habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele +gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben. + +»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,« +trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und +dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein +werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll +sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt +wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist, +und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt, +über die du selbst immer lachen mußt!« + +»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der +Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, +und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem +Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr +Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen +geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und +es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!« + +Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit. + + * * * * * + +Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen +sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem +Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig. + +»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns +bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder +zurück.« + +»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken. + +»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer +im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre +noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.« + +»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und +wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten +verbieten!« + +»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt +dir denn an mir!« + +Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an +und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen +mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer +über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, +weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und +wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen +die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause. + +»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon. + +»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen, +als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide +noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan +hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die +Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände +gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie +beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten. + +Und der Wagen verschwand im Walde. + + * * * * * + +Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im +nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale +unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei +dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das +ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die +Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn' ich mich nach dir! Du liebe, +liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter -- »liebe, kleine +Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!« + +Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die +Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken +zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder +er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer +Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen +Geschichte wären! + +Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall +die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den +Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte. + +Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß, +der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und +mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand +durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue, +das sich auf dem Hofe begeben hatte. + +In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte: +»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?« + +Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und +legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns, +sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre +bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt +in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.« + +Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl, +daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine +zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben +Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß +den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte. + +Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre +darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam +erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ, +um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der +Wissenschaft hinabzusteigen. + +Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner +Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings +und fürchteten sich vor der Trennung. + +Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner +Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe. + +Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie +ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare, +müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart +überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das +weiße Schloß Eberstein erreichte. + +»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore. + +»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der +Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?« + +»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber +sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst +quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer +gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und +meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei +im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?« + +Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es +seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch +wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die +Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt. +Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah +Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren +war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam +aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge +Gräfin erwarte. + + * * * * * + +Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst +ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem +Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt +hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des +Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet +ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele +ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick +verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, +da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte, +weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein +sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken. + +Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte +einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie +ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte +sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch +ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an +jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so +vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte +nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte +entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er +bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte +sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe +sich vorgenommen habe, beim Worte 'Mutter' im Vaterunser immer an Bertas +Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit +beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen +wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er +tief atmen mußte, um es zu meistern. + +Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß +sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er +auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob +die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und +freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas +Mutter im Turme oben fragen solle. + +Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen +Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu +gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.« + +»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann +schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas +Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!« + +Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele +brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich +bin!« + +»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch +in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, +was macht Euch unglücklich?« + +Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn +ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...« + +Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen +hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich +schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir +kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und +die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!« + +Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie +in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, +und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie +fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er +sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die +gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!« + +Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort +und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest +drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort +gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein +Tränentröpflein Mitleid!« + +Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz, +wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft +niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie +ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner +Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte. + +»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung +sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?« + +»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie. + +Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand +und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen +und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten...... + +Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete, +als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und +er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache +Melodie. + +Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare, +er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß +ihm auch fürder Schutz und Unterstützung. + +Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt, +wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand, +was er mit den Worten 'mein Rößlein in Pelzstiefeln!' meinte, so mußte +es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar +zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille. + + * * * * * + +Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung, +weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß +der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln +machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher, +Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele +erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde +des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner +Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen, +ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr +beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer +sein, was sie so schmerzlich erregte. + +Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan, +der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, +wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem +Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte. + +»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für +deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig +wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über +ihres Vaters Land schweifen zu lassen.« + +Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die +Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit +Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem +Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht +finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die +Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter +....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und +half Berta aus dem Sattel. + +»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und +sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten; +so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so +ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen. + +»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der +sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes, +als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie +sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer +Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir +mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein +Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich +hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter +Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden +muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte +vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen -- +»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an +seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte +heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid +vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht! +Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie +könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!« + +Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig +und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden +Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des +Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren +senkte. + +Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre +Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und +in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden +mußten. + + * * * * * + +Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner +Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge +erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine +Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen +Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke +gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und +entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das +beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der +Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern +und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele +Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen +drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch +nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!« +wiederholte er. Und so kam er zu Hause an. + +Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein +in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen, +die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen. + +Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht +ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. +Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die +Hände in den Schoß fallen. + +»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den +Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel +Ausdauer brauchen!« + +»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig. + +»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge +Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr +Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere +Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! +Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie +wohl ein Brieflein dabei finden!« + +Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte, +gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau +nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte +sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher. + +Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte +recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten +Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte +im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen. +Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und +gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner +Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken +ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann +wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes +Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien. + + * * * * * + +Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben +wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut, +wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht +erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das +Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken +und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen +Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn +endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den +einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen +Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn +Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes +wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren +mochten. + +Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden +wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem +gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei, +als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm +nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne. + +Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen +allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases +hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war. + +»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat. +Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke +dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir, +es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das +die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende +Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange +genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht +Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein! +Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses +künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die +Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an +der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es +in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer +an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst +der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das +heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und +kräftigen!« + +Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn +hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu +berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor +Augen hatte. + +So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden. +Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs +Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den +beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm +geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie +eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe +er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat +näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je +öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um +so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und +schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm +das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte +lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und +krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast +zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit +am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat. + + * * * * * + +Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte +Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und +dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was +auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang +keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in +die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem +Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem +Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße, +viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob +gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von +seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg, +jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom +langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem +Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der +schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die +Hochzeit sei. + +»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons. + +»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte +gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit +offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die +verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt. + +»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von +dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen +Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer +entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. +Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen, +die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm +gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam +schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse +fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich +ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut, +meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er +mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen; +wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war. + +So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und +ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der +breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit +Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das +Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute +abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen. + +»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das +also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen +den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und +da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in +ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er +weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der +stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte +in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und +verstand ihn nicht. + + * * * * * + +Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um +seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist +doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am +Abend in den Dörfern singen: + + Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, + Kam just der Hochzeitszug heraus, + Feinsliebchen unter dem Schleier.« + +Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte +er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das +ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im +Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie +hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, +der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll +ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt? +Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber +ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr +sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre +Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an +sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und +Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief +schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen +Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie +zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich +ihr ins Gesicht ...« + +Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel +und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich +freue -- Tränen liefen ihm in seine Zeilen --, wie er sich freue, daß er +noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin +das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn +ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das +Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten. + +Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm +entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis +zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn, +ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur +Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim +bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück +empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über +seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte +die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu +halten. + +»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen +bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir +weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle +Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in +seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß +auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen +konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des +verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel +und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen +und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja +nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied: + + »Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, + Kam just der Hochzeitszug heraus, + Feinsliebchen unterm Schleier.« + +Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim +Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die +Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen +schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen +wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« -- Er hatte in +der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn +er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit +lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf +fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin......... + +'Nur jetzt nicht sterben!' dachte er, 'nur jetzt nicht! Ich muß erst mit +Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie +mich elend gemacht hat!' + +So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und +krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den +Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht +schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen +Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in +seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und +dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den +Worten des Meisters: 'Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll +Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas +schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas +übergehen und die Seele rein werden!' Und er wollte dann Berta sagen, +sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er +versprochen, ob er gleich selber .... + +»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph +nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren +Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz +zerbrochen!« + +Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem +Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm. + +»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung +und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie +weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an +sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein +einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!« + +Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm +schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die +Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu +viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« ..... + +Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da +ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels +willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......, +meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!« + +Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm +leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr: + +»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe +Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? +Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es +zu spät ist!« + +Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst, +denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den +einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor +den Dienern und seiner ...., vor 'ihr' mit einem häßlichen Schimpfwort +geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf +andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie +dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden +sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch +auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber, +lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!« + +»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er +glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er +an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der +Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für +eine Bewandtnis es mit dem Glase habe. + +»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme, +»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, +dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« -- Und mit der letzten +Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er +nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und +dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon +seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu +entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas +nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ... + +Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre +Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie +beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes +Gesicht ... + +Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden +und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß +Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre +Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines +Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie +den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber +er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und +lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon, +ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer +Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete +tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und +dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit +entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die +Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein +Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer +furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die +Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte +nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf +Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben +Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre +Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer +getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel +schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer +zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie +schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war, +emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der +Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur +Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem +Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und +gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und +schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen, +und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den +Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und +waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß +sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als +er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht +kannte. + +»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du +mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der +Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte, +daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und +schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und +lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf, +Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch +nichts mehr in diesem Leben!« + +Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn +mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen +Rechten. + +»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!« + +Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf +die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand +merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich +wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe +anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand .... + +Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf +die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und +verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute +glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und +konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann +beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann +die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich +zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten +nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom +anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der +bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und +bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und +sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren +Teil haben!« + +Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war +finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, +warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort +fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr +ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie +beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und +zogen zu Tale. + + * * * * * + +Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder +schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen +hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die +Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und +Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. +Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und +wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als +vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe +ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr +Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer +Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter +Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne +streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt +durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte. + +Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß +Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß +und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert +hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen +gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre +erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen +waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider +über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich +vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und +der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der +Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie +ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. +Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer +wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die +Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust +sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das +Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße +Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der +Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern +verborgen. + +Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte +sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, +indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen. + +Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod +Bertas zu melden. + +Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten. + + * * * * * + +Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie +ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale +träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein +an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der +Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt. + +Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in +den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem +blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe +und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein +oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die +nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der +Schlummernden zaubert.... + + + + +Der Rächer + + +I. + +Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler, +über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur +Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von +Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum 'das +Schloß' genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von +ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus +gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre +schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten. + +Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein +junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt, +der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des +Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein +sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen +Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so +großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als +Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit +den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen +Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre +ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen +Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren +vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück +mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll +heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester +umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der +ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames +Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche +Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei +Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen +gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen +Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen +von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben +fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er +gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und +freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und +die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er +eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein +so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit +Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er +sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr +fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, +das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen +dankte. + +»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann +zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg +acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch +lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen, +wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!« + +»Vielleicht liegt's an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit +meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine +Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande +bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen +Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!« + +Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte +seinem Herrn näher zu kommen. + +So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich +sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte +das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu +verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber, +als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe +hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem +ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem +»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den +Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden. + +Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache +auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude +ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch +mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte! +Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine +Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur +er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer +harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun +ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich +eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig +machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als +aber dann -- endlich -- die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, +mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand +jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder +die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen +flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige +Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er +wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«, +wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen. + +Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der +Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch +ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich +niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren +sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie +in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als +könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit +hinausschieben. + +Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter +beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die +geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit +gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet +habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, +so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der +Zukunft starren mußte. + +Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte +nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich +zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen +Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich +sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des +Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen +weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor +sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde +sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben, +keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann +aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte +sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme +seiner Mutter. + +So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen +der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein +Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten +Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen +Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft +geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter +und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz +und Glück hätten schreiten sollen. + +Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte, +schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, +in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: +Rache an dem Verführer .... + + +II. + +Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag, +und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und +Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche +Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem +vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein +Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen +Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so +sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte +schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die +prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben +nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken; +dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem +Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier +bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino +hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und +dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in +die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der +Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr. + +Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um +Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten +Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude +aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren +Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht +gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren +Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein +junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, +zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias +entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine +Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen +wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser +Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten +und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie +ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in +der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines +edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und +aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu +liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil +schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer +jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine +Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen +geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden +waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, +rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles +gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches +Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne +auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und +nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten +Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma +gewendet habe. + +»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß +dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur +keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!« + +Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet +hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua +zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein +bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn +erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen +wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in +die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres +schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die +Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um +aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. +Dann ritten sie abends in Genua ein. + + +III. + +Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen +Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald +schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten +die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt +ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder +mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den +Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete +Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und +Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine +überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos +Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von +Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie +gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der +junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem +der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er +plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem +Kriegszuge teilzunehmen. + +Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand +seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung +seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus +und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen +seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte. + +Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick +wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, +seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, +als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte. + +Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in +der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer +Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, +vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der +Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den +Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren +in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem +alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise +verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in +seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben +hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als +wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige +Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach +erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer +Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von +ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht +viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin +liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus +Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem +Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude +des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener +Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse +sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten. + +Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten +Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, +da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem +ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in +eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des +Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn +über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der +einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich +nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen +ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers +gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender +in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine +brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines +verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß +entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das +ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah +die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine +entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert +hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo +umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, +durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt +entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu +sprechen, niederstoßen. + +Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er +den Grafen Palma sprechen könne?« + +»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.« +Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen. + +»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht +zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach +Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres +heimkehren!« + +»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine +Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn +dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere, +daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie +vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar +nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?« +wiederholte er. + +»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei +unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze +römische Adel versammelt ist.« + +»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast +mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch +die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und +zerschmettert. + + +IV. + +Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm +zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu +Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah +sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und +ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie +seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr +verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und +zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, +von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort +stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das +Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm +seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als +ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn +er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann +müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl +einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem +Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua +heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen +Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so +lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er +eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der +gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und +Verwandten des Papstes, in Rom weilte. + +Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller +Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte +auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch. +Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn +Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe, +daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal +aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der +Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon +am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus +der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat. + +»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du's oder ist es +dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt? +Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen +Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!« + +Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der +wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd +tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich, +er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden, +auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. +Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer +aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude +des Wiedersehens zu deutlich leuchtete. + +»Freilich bin ich's, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf +den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit +meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.« + +Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem +Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg +müsse. + +»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer +gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du +meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat +gesehen hast!« + +Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge +stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter +den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo +schon im Palaste der Spada. + + +V. + +Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der +Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach +Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt +und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio +noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am +Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener +trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten +und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte, +über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, +und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn +seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter, +und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich +still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner +Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner +Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern +bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen +Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, +mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten +Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer +durch seine Adern. + +»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio, +»jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!« + +»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den +hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!« + +»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit +den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, +Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als +seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt +zusammen!« + +Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen +Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß +der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas +Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und +er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück. + +Da brachte ihn Beppino zu Bette. + + +VI. + +Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen +und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da +wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war +verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und +Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für +den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald +erledigt hatte. + +Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen +Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm +ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch +sein Hirn geschossen war. + +»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst +übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen, +der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen, +um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die +Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor +Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist +auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen +absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die +Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden +Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich +machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da +ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an +den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor +mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend +nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich +immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner +Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß +ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt +die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht +mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu +machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und +wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den +letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und +ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben +und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!« + +Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe +ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es +einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte +nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende +Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum +erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein +kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger +hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den +herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je. + +»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler +werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie +einen Liebsten?« + +Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den +Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr +begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen: + +»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz +schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich +sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da +Emilio schwieg. + +Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann +klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem +großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im +Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte +Antwort war: + +»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist +nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!« + +»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber +er hemmte sich. + +»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine +Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie +schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann +munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!« + +Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand +die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den +Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er +biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem +Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel. + +Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so +närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, +Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom +blauen Himmel heben.« + +Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und +fast zärtlich: + +»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob +du Geschwister hast?« + +»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist +vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine, +liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.« + +Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen +Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener +Waldlichtung, sitzen die Palma.« + +Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine +Antwort von vorhin verstehen!« + +»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo. + +Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen. + + +VII. + +Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe +die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde +verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die +Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses +daraus erzeichnen konnten. + +Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht +sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen +Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem +fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb. + +»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die +Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich +kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für +meine unerwartete Heimkunft!« + +Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit +einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten +sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für +kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen +und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu. + +»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter +Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann +überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann +im Lichte erkennen lassen.« + +Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend, +seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die +Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann +traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten +zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und +seltsam genug darbot. + +Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen +Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften +Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen +und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln, +indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten. +Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den +Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die +weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden +Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu +der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, +riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten +Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, +aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und +die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber +große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von +Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft +begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne. + +»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und +machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine +Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu +dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht +Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das +Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.« + +Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein +phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche +Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten +hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem +Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen +sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu +erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor, +den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden +berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald +schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war +dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste +belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele. + +Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes +sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe +hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei +Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend +und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst, +welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte +sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht +irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die +Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse. + +»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut +flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er +dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine +Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das +ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so, +du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm +nicht wehren konntest!« + +Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in +strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser +Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie +etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des +anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht +lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und +glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem +lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, +als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und +zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein +Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der +eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem +Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere +herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein +lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach +verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang +nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen +nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden +Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen +Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende. + +Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen +Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele +noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und +zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger +kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den +Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch +mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich +gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo +unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und +atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht +ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie +ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und +plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter +bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und +hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und +ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und +während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr +dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin +Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der +Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch +die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und +Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die +weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische +zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch +ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise +gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das +Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten +mußte. + +So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde +von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf +seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne +gedacht zu haben. + + +VIII. + +Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab +er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am +vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur +gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen +und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz +in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt +ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust +bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre +liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er +und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht +Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in +einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere +Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht +er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das +begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen +sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der +Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er +schämt sich vor sich selber. + +So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres +Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen +Worte: 'Sie ist eine Palma!' beantwortet hatte. Sein heiteres +Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, +an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache. + +»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist +so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das +Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so +rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden +Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz +erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie +sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt +nicht auch sie vielleicht eine Schuld? + +Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine +Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er +machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins +Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo +in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken +seiner Einsamkeit zu entfliehen. + + +IX. + +Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten +Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein +Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den +andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im +Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch +an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft +vermisse. + +»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh +aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind +mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa +weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.« + +»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als +Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie +nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber +sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, +der dessen acht hatte, sagte spottend: + +»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den +Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in +dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!« + +»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr +möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht +zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges +begegnen.« + +»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur +mein Pferd satteln lassen.« + +»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr +verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.« + +Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier +heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und +sprengte davon. + +»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch +fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat +es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer -- +bei aller Liebe zu Emilio -- heute wohl nicht so leicht aufs Pferd +gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut +hätte!« + +Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so +schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios +getroffen war. + +'Ich muß sie einholen,' sagte er sich, 'ich muß sie noch einmal sehen!' + +Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber +auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er +werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der +Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte. + +'Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,' dachte er, 'und doch +hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den +Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der +Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.' + +Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den +steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte. + +Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und, +vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten +des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen +Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen +Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen. + +Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der +er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie +hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in +ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein, +weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen +brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein +Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den +Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie +nur noch lauter lachen mußte. + +»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« -- um mich zu erwarten, +wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm +entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht +hinübergehuscht. + +»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?« + +»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch +mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen +Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...« + +»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria +den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht +ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum, +daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, +Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt +Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet +und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht +bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist. +Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten +lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge +Enttäuschung bereiten müssen!« + +Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres +Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte. + +Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das +gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes +Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner +Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte +Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine +Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner +Rache vorgelogen hast. + +Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser +Reinen angetan hatte, war so groß, daß er -- als müßte die Heitere da vor +ihm seine ganze Schuld kennen -- vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres +Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte: + +»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je +verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch +schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur +seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er +aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den +Irrtum begangen habe. + +Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre +Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie +nicht, und darum sagte sie: + +»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei +heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich +schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn +Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen +gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, +verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich +beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und +sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder +halten würde?« + +Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur +verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: +»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich +getan habe oder tun wollte!« + +Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: +»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie +unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so +unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, +wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin +unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie +allein mich retten könnte!« + +Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und +hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, +so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden +verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie +sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres +Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm: + +»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich +nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause +reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort +auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch +so recht?« + +Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr +mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den +Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber +blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen +solle. Und er begann ihr zu erzählen: + +»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie +lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese +beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein +Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben +inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich +hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun +nach Hause kam ...« + +Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite +an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach +einer langen Unterbrechung: + +»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu +kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch +wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua +hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber +beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer +Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« +wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte +Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl +kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd +aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein +Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist -- und +zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das +Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester +nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine +Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach +meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, +wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will +hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei +Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener +wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!« + +Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie +seine Rechte in ihrer Hand hielt: + +»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das +hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß, +denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures +Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine +Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid +erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt. +Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde +wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer +Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. +Lebet wohl!« + +Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn +zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. +Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück, +Emilio zu erwarten. + + +X. + +Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte +indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen +Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der +ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. +Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut +gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen +zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, +ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute +dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch +nicht kommen wolle. + +»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt +kam, »du hast lange auf dich warten lassen!« + +Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah +verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus +dem Sattel. + +»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht +getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?« + +Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der +Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen. + +»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich +hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch +heute fort von hier.« + +Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr: + +»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?« + +»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe +mich schuldig gemacht, Emilio!« + +»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du +gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute +nicht!« + +Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio, +hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung +und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili. +Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der +Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister +gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns. +Aber was würdest du sagen, Emilio« -- in den Augen Riccardos war ein +Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen +Nachmittag über vorbereitet hatte -- »was würdest du sagen, was würdest +du tun, wenn du erführest, daß deine -- Schwester verführt worden ist?« + +Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und +hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was +sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du +erlebst den nächsten Augenblick nicht!« + +Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und +dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe +deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf +Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich +schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!« + +Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!« + +Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt +in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite: + +»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist +toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn +hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner +Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!« + +»Deiner Braut?« schrie Riccardo. + +»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig. + +Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er +knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein +Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit +bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder +Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.« + +So sank er in den Staub des Weges. + +Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück +gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem +Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der +Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein +bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte +das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen +rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino +wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf +etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise: +»Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen +erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige +Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin +ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch +bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den +Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein +guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine +entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...« + +Er wollte 'Ermete' sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester +seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht +für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg +er. + +Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich +eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da +er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über +Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des +Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte. +Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er +umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar: + +»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare +Tage erlebt haben!« + +Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er +sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine +Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus +Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher +geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur +Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu +lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle +ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß +uns scheiden!« + +Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd +besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er +seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand. + +»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du +mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei +glücklich, Emilio, lebe wohl!« + +'Lebe wohl!' wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses +Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest +und innig die Hand. + +Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino +seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte +seinem verschwundenen Freunde nach. + +Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ... + + + + +Das Meerweibchen + + +I. + +Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes +Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von +Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen +ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete, +gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein +Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag .... + +Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und +Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie +überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und +beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige +und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine +durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der +königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie +dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, +das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem +leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck +und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was +aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es +eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als +Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der +schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der -- in dem Lande +des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig -- in zwei schön geringelten, +stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem +Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig +verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt +gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen +Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie +bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man +muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und +elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in +einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten +Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und +verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel +emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach +oben abschließt. + +Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des +siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische +Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung +gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird, +das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die +Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit +gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des +sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu +aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung! +Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten, +umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt. + +Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde. +Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet +sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und +Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges +gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen +einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein +bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister +zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus +bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte +auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige +Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte +ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien +gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen +zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus +vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller, +bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen, +wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine +empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war +Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was +sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt, +sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte +wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht. +Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht +sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf +den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm +der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine +Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war. + +Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt +auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den +Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen +tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er +eine bestimmte Wahl getroffen zu haben. + +Nun waren aber Karolus' Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher +mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre +Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen +mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen, +ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane +am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres, +über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; +ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen +leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war +wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die +Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche +Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, +aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal +einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen. + +Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das +war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter +der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte +und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und +in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große +Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes +Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen +plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich +weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die +grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische +Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem +Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke, +biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so +jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so +golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der +Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von +ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich +zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr +lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als +ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem +Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war, +und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als +er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich. +Und er glaubte sich's später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame +im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes +Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen +von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen +durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war +glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen +Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei +ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame +immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter +liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde +Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt. + +In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des +grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte +Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage +auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem +aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der +königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das +in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische +Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame +mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als +neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen +in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen, +darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und +überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine +beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie +ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet +und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der +Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem +Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu +sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie +ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen, +da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze. +Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen. + +Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von +Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer +schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu +reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen +und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen +hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und +Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige +Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten +jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und +immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die +älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube +führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab +keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst- +und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des +Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig +in der Erfindung neuer Fragen: 'ob sie wohl auch' und 'wie mag bei ihr', +nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl +zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der +hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber +er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden, +nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn +und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten +Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu +überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei. + + +II. + +Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem +Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn, +seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie +anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht +eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen, +das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose +Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel +weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser +der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und +inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles +Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring +hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den +Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit +nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme +bedeutungsvoll gegen den Himmel. + +Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig +in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen +Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar +erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als +ihre trägen Vorstellungen. + +Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie +war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager +Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie +Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern, +Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre +Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die +Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten. + +Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle +Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, +daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die +erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer +Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten, +wurde eingelassen. + +»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein +berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern +gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht, +schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der +ehrfürchtig Grüßenden. + +»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem +Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über +Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen +gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran +glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir +die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig +seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und +staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae +nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie +berichtet.« + +Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von +dannen. + +In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um +Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer +Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des +geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu +erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in +ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der +großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch +waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß +ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In +der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine +seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die +Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung +gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien +auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda +hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön +geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches +entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung +und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte, +ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens +hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten +Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in +einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz, +der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu +lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So +schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl +auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches +festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser +hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den +schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte +lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren +kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner +werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn +die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm +sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die +sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den +Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre +Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser +Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames, +unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die +Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im +Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im +Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden +Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken. + +Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön +in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu +spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen +Herzens von dannen. + +»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz +vorne am Ufer des Teiches stand. + +»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und +Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!« + +»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei +mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es +leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede +ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.« + +»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich +betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren +Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!« + +Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes +zu. + +An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung; +er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder +verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht, +seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz +in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht +schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß +Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in +einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm +gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so +unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er +ihm einen Namen hätte geben können. + +Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme +weckte ihn aus seinen Träumen: + +»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem +Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!« + +Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz, +seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu +erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne +aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter +Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen. + +Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm +war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die +Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem +Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war. +Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte +melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es +war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz +deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie +selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm +liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm +zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er +mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er +drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des +Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder +öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten +waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an +diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem +Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von +neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür +im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare, +hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie +bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden +Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein +im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen. +Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr +betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer +des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte +ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen +Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!« + +Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach +Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den +Feldern vor der Stadt ruhelos umher........ + + +III. + +So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein +wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht +zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte +nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und +Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein +dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den +kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine +Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und +auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen +auf sein Eiland zugeschwommen komme. + +Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite, +schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre +Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: 'Lalanda, Lalanda.' Aber er +schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr +Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem +Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als 'Lalanda', und doch +verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm +liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne +fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft +vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie +ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem +Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen +und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er +wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen +sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen +Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie +leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus +der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin. + +»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater, +der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn +blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie +errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn +er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild +und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die +heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich +rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt +bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der +Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu +sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder +zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller +arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen +Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen +waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter +Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er +durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das +Gewölbe. + +Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine +Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den +Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln +auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern +ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde +hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme +angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem +Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken +an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der +Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der +Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke +lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen +Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung +an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche +vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht +verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die +Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, 'als ob er +erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.' Nun störte +ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische +Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang +zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn. +Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen. + +»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd. + +»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose +bewahrt.« + +Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel +Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er +ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu +treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin +schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im +Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen. + +Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch +klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und +dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete +Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere. + +Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin, +denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie +zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen, +daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser +Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie +nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar +nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war, +indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus +einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei +seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit +ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich +Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen +noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung +hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches, +seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda +emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da +blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin, +indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und, +da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer +freundlichsten, sanftesten Stimme: + +»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl +vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren +Händen haltet!« + +Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als +ob er jetzt 'den Ritterschlag der Liebe' empfangen solle, und seine +Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es +schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit +ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres +gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er +küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert: + +»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie +geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu +danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß +ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten, +und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich, +wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu +finden sind!« + +Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber +klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder +nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser +auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll +zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden. +Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden +Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an +und fragte: + +»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr +Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?« + +Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse, +ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf +ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz +fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus +den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu +schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken +mußte. Dann sprach sie -- und legte dabei den triefenden Fischschweif +näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren: + +»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll, +wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder +wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in +der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken, +das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange +ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme +mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem +Liede haben!« + +O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft +bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde +Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und +zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte +ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich +in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles +trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß +Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude +bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun +endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen +sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter +und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich +beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er +vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache, +nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur +dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine +Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm +die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr +Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die +ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie +oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern +gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären +erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen. + +»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre +Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des +Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang +es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah +sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen +Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig, +wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger +litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, +das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir +kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr, +lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede +lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes +neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein +Leids geschehe!« + +Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und +lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume +heraus sagte: + +»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich +in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben +Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!« + +»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks +schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da +trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten, +die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu +und weckte sie. + +»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da +glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die +Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf +Wiedersehen heute abend!« + +Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die +Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre +Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos +den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter +Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese +entfernt war. + + +IV. + +Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im +Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach +dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus +dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für +ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war +Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in +Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel, +Karolus mußte sich's in seinem zitternden Herzen selbst gestehen, +Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und +neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend +selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen +könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht +mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne. + +»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein +Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es +schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen +ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich +darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine +Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und +weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in +die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!« + +Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden +Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja +trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches +Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen. + +»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit +mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!« + +Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine +Hoffnungen zerrannen. + +»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen, +dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe +sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts --« Er schwieg, +er errötete. + +»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!« + +Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen +heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins +Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem +Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang +und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die +Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte +sterben zu müssen. + +»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem +schöpfend, »mein für immer!« + +Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie +wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins +Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu +schließen. + +»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand +auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den +sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich +schwöre!« + +In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß, +träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in +einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und +mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes +Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr +blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische +Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und +nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich +hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er +aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die +mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein +schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!« +sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer +lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!« + +Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm +hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins +Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig +auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden +war. + +Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner +Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus +hatte ihn geweckt. + +»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er. + +»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen +schrecklichen Traum gehabt!« + +Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich +sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu +sprechen an und sagte: »Vater!...« + +Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem +Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn +eine Meerkönigin erwählt habe! + +»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute, +da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und +seine Lider senkten sich. + +»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens, +alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was +ich dir nicht gewähren könnte?« + +Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden +ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte. + +»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater. + +Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der +Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür. + +Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu +vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als +Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das +dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld +brauchen, und damit wollte er nicht sparen. 'Ich will arbeiten wie ein +Knecht,' sagte er zu sich, 'ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber +erst muß ich sie erretten!' + +Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden +nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem +Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken +Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch, +noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit +einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher +als früher klang, sagte sie zu ihm: + +»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für +immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser +hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt, +bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich +beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......« +Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden, +und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen +Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie +bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite +an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an +und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig, +»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt +ich dieses Leben habe!« + +Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er +streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen +Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das +Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse +und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein +Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres +Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag. + +»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda. + +»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses 'ich verehre +dich' noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im +'Unvergeßlichen Liebhaber' zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von +deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!« + +Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden +Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im +Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein +Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob +Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger +wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die +ersten Besucher in das Gewölbe. + + +V. + +Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte +Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und +Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: 'heute abend' hinaus, er +wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit +sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein, +er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals +schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, +um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem +Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige +Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die +Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die +Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die +Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde +Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen +neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er +dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen, +aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das +mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie +sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause, +um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen +wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich, +zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu +bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten +Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie +wach wären. 'Das ist das beste Mittel!' sagte er zu sich und dachte an +eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den +Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen +Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und +ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust +gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte. + +Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel +da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter +Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten +verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein +kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes +gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit +welcher der Wind spielt. + +Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter +der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer +Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel +durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser +umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß +noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch +einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die +Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge +Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie +auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die +Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige, +Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde, +hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit +ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch +nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach, +jedenfalls in eine glückliche Zukunft. + +»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger +ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten +und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches +Abenteuer gilt's zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!« +Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu +bestechen ist!« + +In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der +Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen +lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen +noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter +über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie +nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges +aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie +noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach +Hause. + +»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er +traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er +schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete +er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und +dann -- Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen -- dann +ging auch der von dannen. + +'Allein!' jubelte es in Karolus Seele, 'sie ist allein, sie wartet auf +mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!' Er +schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter +Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich +gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft +drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte +in das Gewölbe. + +Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der +Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre +Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte. + +»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du +kämest nicht!« + +Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund +mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen +den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?« + +Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen +Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak +bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich +entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den +Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und +sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten, +oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte. +Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich +errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich +dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen +aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau +kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser +zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein +ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer +zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte +wandern, bis wir ans Meer gelangen!« + +Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf +Karolus' nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast +geheimnisvoll noch einmal: + +»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du +mich liebst!« + +Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die +beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst: + +»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich +erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du +mich liebst!« + +»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig, +»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb +Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind +liebte und glücklich machte!« + +»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich +liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und +wunderbar, so königlich und erhaben!« + +»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid +geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« -- ihre Stimme +wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten -- +»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen, +glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück, +ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich +habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir's verraten soll, ob du +würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus +diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich +werden!« + +Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht +zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte +Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom +Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach. + +»Verschließe die Tür!« befahl sie. + +Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen +sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich +dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen +Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht +sterbe!« + +»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich +erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen +und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf +dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als +wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke. + +»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus, +sieh mich an!« + +Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des +Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er +taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück. +Auf dem breiten Rande des Bottichs -- stand Lalanda aufrecht, aufrecht +auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an, +aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend, +mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut +in der Hand, aus der sie geschlüpft war. + +»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt +glücklich?« + +Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich, +um den Fischschweif unterm Wasser -- zum letzten Male -- anzulegen. + +Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich +den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die +Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel +umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die +Lüfte. + +»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er +hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume +zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, +nackt« ..... + +Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz, +seine Augen waren trocken. + +»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich. + +Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus +lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen; +denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein +seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit +herausforderndem Lachen fragte sie: + +»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so +leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!« + +Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er +stürzte zum Teiche. + +»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr +Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos, +so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich. +»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er. + +Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon +überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen +Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie +gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den +Armen und rief neckend und schelmisch: + +»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!« + +Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe +gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die +Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner +sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«, +ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas +gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis, +wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine +Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine +Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief +in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in +das zweite Gemach. + +Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine +Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe. +Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick +gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den +Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und +so fuhr er von dannen, der Moldau zu. + +Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte +Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen +geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose +Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel +schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, +daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein +Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und +das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen +steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den +Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham, +daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser +Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle +des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen +hatte, die ihm winkten. + +»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war +Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich +das überleben!« + +In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine +glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den +Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer +höflichen Verbeugung: + +»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die +Brücke hinüber?« + +Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und +sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich +aussteigen will.« + +Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen +holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie +auf der einsamen Landstraße. + +Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er +sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide +zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle, +königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif +war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das +Gewöhnliche, Schamlose -- ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn +schüttelte -- das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren +Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine +Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O, +ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!« + +Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner +Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter +und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust +werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines +aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die +Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem +Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der +Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen. + + * * * * * + +Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht +gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde +an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein +Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht +nichts mehr -- in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber, +daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt +hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen +verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß +im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den +glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht +sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen +Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik, +daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr +verlautete. + +Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch +ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem +fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas +angebracht und das Haus 'Zum Meerweibchen' genannt werde. In den alten +Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den +Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus +Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses 'Zum Meerweibchen' +und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und +gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch, +Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem +Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen +Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden +Namen eine Menge Kinder. + +So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie +begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik +der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin +aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen, +das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er +kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis +zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den +Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und +majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus +dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten +erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom +Meerweibchen. + + + + +Der Spiegel + +Eine Legende + + +I. + +Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre +Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes +noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken -- jungen Eltern +gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet --, zu +jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein +weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem, +fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und +ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in +diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der +Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine +so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen +Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der +Heiligkeit über dem Kloster schwebte. + +So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte, +in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna, +als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner +Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so +uneinnehmbar, wie sie glaube. + +Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen -- wie sie der göttliche +Raffael uns überliefert hat -- durchdringend an und sprach: »An der +Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich +meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich +hier ein Vaterunser sage.« + +Der Böse erschauerte, da er den Namen 'Vaterunser' sprechen hörte, aber +er faßte sich gar bald und entgegnete: + +»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du +dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich +meiner Tat erfreuen.« + +Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges +Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore +verschwand. + +Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne +Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des +Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der +Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in +den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr +Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich +und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten +einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und +war blühender als je eine Nonne gewesen. + +Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster +und fragte nach seinem Begehr. + +»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies +Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es +als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht +abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der +Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein, +drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als +bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach's, und ehe die +Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden. + +Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter +Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er +machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr +mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei +vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und +schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber +machte sich auf und wandelte still ihres Weges. + +Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters +verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges +Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben +der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze +Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem +Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der +Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte +es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte +geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches +Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei +nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch +vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig +ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein +Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre +Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen +Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem +Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück +leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines +wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie +aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte, +sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden +Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie +sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und +schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen +gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an, +da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel +hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie +ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich +plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu +ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie +nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön +gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete +das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses +Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr +gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der +Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit +glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel +freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr +Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit +den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, +als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie +sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte +passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die +Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die +Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem +blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor +sich hin! + +So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam +vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß +sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt +schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm +lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn +das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem +Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, +das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu +schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den +schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken, +und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um +nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen. + +Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und +ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das +Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig +gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet +hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber +hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz +an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so +lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und +sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen. + + +II. + +Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das +prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich +geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf +Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch +schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen +wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig +und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der +weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die +Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner +und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in +diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen +getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit +verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig +hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich +gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste +Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er +als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war +seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er +fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht +unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten +seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner +Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, +so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte +immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und +im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der +heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß +er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest +überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr +ein neues Reis ansetzen werde. + +Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen +Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen +Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem +melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu +probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und +Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen, +trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß +kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an +denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, +und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich +neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg +geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen +lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken +müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht +schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen +wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei +war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit +und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er +freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er +sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit +scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber +umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen +Grafen eigentlich recht genügend waren. + +Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem +Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf +Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht +wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern +der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und +wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den +bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem +Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast +erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten +Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so +gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel +gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, +war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte, +einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um +über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach +vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger +empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine +Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar +auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen +melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in +Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach +und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich +eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn +an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß +er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan +habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig +zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen +zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel +gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es +nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von +seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich, +während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine +philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst +bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was +vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit +so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem +Schlosse geschieden. + +Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem +melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen +Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht +angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von +dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines +Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen +fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt, +und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang +brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz +Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß +dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das +Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer +sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium +auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der +selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken +sollte, kein großes Vertrauen empfand. + + +III. + +Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen +zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft +beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte -- +mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa +auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand +war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als +heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und +ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der +frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot +weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem +Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr +glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an +ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen +Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr +Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis, +als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn +nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da +sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte +zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser +Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute +sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott +für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen +Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter, +sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht, +daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte. + +Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der +Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr +immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich, +holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den +Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten +Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende +Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein +phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller +Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel, +daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege +begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem +Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen +schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er +ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm +übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange +verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein +Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich +einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze +Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen: +'Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!' + +Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne +eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen +einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich +schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und +Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat +um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der +Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die +von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige +Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über +jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst +gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als +er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob +sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm, +der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht +einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das +ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa +mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete. +Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze +Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie +vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls +ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich +doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu +können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken +Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und +aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg. + +Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die +Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff +genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so +rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen, +da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den +launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu +werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer +verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt +hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich +aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube +in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als +ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so +beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch +genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines +Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte, +ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs +allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die +Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und +Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für +Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke, +bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem +Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm +wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den +der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, +und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen +Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke +Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem +Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im +Schloßsaale landete. + +Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang +nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung, +hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das +Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der +unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die +Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen +Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und +ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend, +so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren +Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen +Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest +an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal +vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so +stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der +Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich +derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle +Kanne Weins überlief. + +»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen +eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!« + +Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an, +die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz +hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte, +die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den +Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein +Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser +zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen +ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann +seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer +Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor +Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den +steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale +angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine +Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in +diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die +Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß. + +Weil er ja geheilt zurückkehren würde .... + + +IV. + +So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin, +des Weges. + +Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die +Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm +sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes +hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede +Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle +blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute +Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den +schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten +Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar +nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust +zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune +ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und +Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es +ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust +zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre +Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden +und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall, +wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der +melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein +herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe. + +Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer +Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe +geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken +mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die +Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm +wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen +zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die +reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit +jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine +bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag +immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald +selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über +jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen +ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und +betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl +durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe +und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen +war. + +So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des +Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war +gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder +nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es +Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter +einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach +war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg +auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche +Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom +seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer +munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß +er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel +Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was +ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie +nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in +den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das +plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen +aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des +kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über +den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und +vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den +Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen +Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach +ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite +gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von +ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu +und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines +Tages der Ritter erkrankte. + + +V. + +Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel, +sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über +sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck +darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen +Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein +wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie +in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in +seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies +nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben +müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor +Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn +elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn +sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen +empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die +erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung +hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er +sei. + +Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte +nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden +Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über +ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der +Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So +stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares +jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden +Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde. + +So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen, +langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes +Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als +daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so +ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und +Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem +Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte, +weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid +neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer +Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe, +herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit +sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und +weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges +erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter +ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile. + +Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie +ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und +Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er +glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit +aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann +aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein +Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein. + +Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war +ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche. +Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien +es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und +lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten +Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen +Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das +Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still +und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und +schlummerte bis in den Morgen. + + +VI. + +Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne +Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich +eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, +war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie +sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das +volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des +Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich +wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die +Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann +die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den +rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen +friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die +Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß +Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie +geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite, +die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem +tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag +begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er +gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den +Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu +fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein +wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf +der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß +er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er +nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne. + +Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann +brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben +zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr +armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust +zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr +so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen +und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid +und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand +weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder +ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch +fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn +zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe. + +Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie +etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame +innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu +lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto +unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann +glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den +einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder +Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die +Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß +und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und +Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können. + +So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich +neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht +angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen, +er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen. +Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen, +so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem +Zimmer davonschlich. + +Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte +lange keinen Schlummer finden. + + +VII. + +Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür +gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter +wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht +ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll +herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser +Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens +schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender +im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes +Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener +Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und +nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit +aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen. +Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das +Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und +er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht +nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den +ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an +die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu +streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen. + +Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über +den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute +gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes +sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor +Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil +sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht +abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm +mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den +Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden +Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu +ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie +wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine +wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer +jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er +auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte +und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und +das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in +diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war, +durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den +Umarmungen des Ritters willenlos ergab. + +Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer +schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der +Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin. + +Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die +Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr +zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten +aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war +glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in +die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in +ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee, +versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser +Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein +des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber +ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem +Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie +sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen +und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem +schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde. + +Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und +dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem +Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze +hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon +wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen +Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch +dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot +erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner +Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen +Morgenimbiß zu bringen. + +Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor +Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun +mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die +bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen +und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die +Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten +und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich +aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt +geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal +ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte +gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen +sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der +verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei +geholfen. + +Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus +gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und +Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese +Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig +ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen +Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das +Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst +zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß +ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter +aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das +Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und +unglücklich aus dem Zimmer davonwankte. + + +VIII. + +Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie +sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben +ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter +und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande +gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem +Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem +Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit +seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich +geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte +tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu +ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters +Heilung verwirkt hätte. + +»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd +und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen +Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm +mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich +armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen +könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die +ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.« + +Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu +Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten +aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor +Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie +verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden +Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den +Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige +mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so +gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!« + +»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter +Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und +sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne +emporzuschauen, aus der Kapelle. + +Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem +Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die +trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel, +in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß +bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen +Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht, +vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die +gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter +wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus +schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der +schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging +mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter +aufzusuchen. + +Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer +eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie +sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem +Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn +schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna +vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen +angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also: + +»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der +selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast, +bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die +Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich +stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest, +nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um +meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du +mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu +bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich +dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du +Abscheulicher!« + +Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos +über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur +untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war +er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf +und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr +Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken, +das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf +sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut +waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung +verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte +sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte +sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze +Maid, die ihn gebändigt hatte. + +So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische +Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen +Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng +und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise +ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager +gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren +Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen +selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine +Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht +auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem +Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu +dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor +ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich +allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und +wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde +und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der +Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr +unachtsam schien. + +So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je +gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich +geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten +Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz +elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem +Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich +eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung +aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei +der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr +schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das +ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen, +da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er +die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er +nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er +verbrochen hatte. + +So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse +Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er +ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette +auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen +ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie +ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und +achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen +Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein +Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen +rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung +erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!« + +Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer +zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die +Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke, +da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. +So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und +wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten +Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen +wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie +erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen +Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und +seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde +liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen +Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du +wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch +meine reine und echte Liebe verschönt sein!« + +Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und +erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe. + +Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das +Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die +Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager +zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar +ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat. + +Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen +Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, -- nachdem sie sich +in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt +hatten, -- um nach Schwarzenburg heimzuwandern. + +»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf +sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg. + +»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche +sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob +seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten +Sängerin seinen Gruß zu: + + »Tandarada, Tandarada! + Welch ein Wunder mir doch geschah!« + +Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen! + + * * * * * + +Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu +und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse: +ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der -- Gott sei bei +uns! --, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat! +Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch +gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um +euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte +sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig! + +Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von +Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen +Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes +weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide +berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute: +die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und +lächelnd in dem Glase betrachtet.... + + * * * * * + + + + +Von =Hugo Salus= erschienen bisher: + + +=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin. + +=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Neue Gedichte.= Albert Langen, München. + +=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich +Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig. + +=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen, +München. + +=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik. +Zweite Auflage. Wiener Verlag. + +=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München. + + * * * * * + + +Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35 + + +Novellen des Lyrikers + +von + +Hugo Salus + +Preis geh. M. 2.--; geb. M. 3.-- + + +=Aus den Besprechungen= + +=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im +Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten +Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte +des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch +ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das +der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das +ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den +Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne +gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten +Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so +gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt +er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse, +sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten +Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?« + +=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner +Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen +spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch, +dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch +der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu +lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders -- nüchterner und +deshalb vielleicht klarer -- urteilt als Hugo Salus, immer achtet und +schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender +Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn +beschwingt. + +=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters +in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik +bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist +wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre +wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man +allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen +Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in +ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des +Lebens. + +=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen +darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und +schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er: + + Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle, + Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten + Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten + Will sie besuchen mich, die sonnighelle. + + Doch für mein Ideal, für die Novelle, + Ist schon die Tür zu eng. -- -- -- + +Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein +Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen +sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie +Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien +sind -- Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische +Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel +näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art +liegt in der persönlichen Diktion -- gleichsam als säße man +freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und +einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male +eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein +Schweigen. + +Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt +gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht +diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine +Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder +belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht +einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen +Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des +Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der +großen Kräfte zu spiegeln weiß. + +=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die +Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die +dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus +hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache, +die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu +versuchen. Doch er ist Lyriker, und -- »man ist nicht ungestraft zwanzig +Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der +ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich +rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte +verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte +wird's eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und +eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so +lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für +ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und +besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die +Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der +»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel +Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer +geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es +verstanden. Und schließlich versteht es auch -- Hugo Salus selbst, wie +»Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur +weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die +Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen +Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer +gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von +Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle +jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all +die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden +Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen +Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden +Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) -- Es ist ja nur ein +zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines +echten -- Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und +liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die +Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat. + +=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten, +streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers« +auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man's heutzutage noch +für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und +Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen +Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers« +geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue +Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede +Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und +Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige +Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht. +Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich +anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten +scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind +hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den +Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine +märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich -- fast möchte +man sagen: »mit Behagen« -- ergeht. Das ist es auch, was diesen +Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus +fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen +liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins +Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines +Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung +fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen +Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers +(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er +kann auch gewissermaßen (wenn er's kann) ein bißchen mitdichten. In +dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde +künstlerische Nachwirkung. + +Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als +dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die +Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis +die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine +am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang +den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit +neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit +entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in +dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in +wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl +aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz +neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der +Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem +Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem +Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des +Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden +Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache. +Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem +Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches +Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für +Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der +Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern +sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen +Kopf. + +=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo +kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_ +erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur +Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein +aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid +offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen +Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender +Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der +Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer +der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der +auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz +außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die +künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen +das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende +Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten +Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«; +empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt +werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können. + +=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit +hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten +entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit, +sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt +erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen -- +bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt -- wüste +Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen. + +=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel +zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als +lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet +er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln +schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das +war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine +Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers +erscheinen ließ. -- Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten, +wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist: +der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur +Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil +Ertl -- sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem +»Übergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische +Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt. +Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz +und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner +Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und +Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein +zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit +naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt +deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender +Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie +vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz +durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem +Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet, +damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele +hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist +es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der +Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen, +von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der +sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen +lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers« +deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und +Liebhabern erlesener Kleinkünste. + +_Dr. Friedrich Düsel._ + + * * * * * + +Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde +zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben. + +p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse +p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!« +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken +p 228: von dem Bildern -> den +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The list of other books published by the author was moved +to the end of the book next to the other advertisements. + +p 059: added chapter number: I +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse +p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!« +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken +p 228: von dem Bildern -> den +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + +***** This file should be named 17130-8.txt or 17130-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/1/3/17130/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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