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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:47:35 -0700
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+The Project Gutenberg eBook, Michelangelo Gedichte und Briefe, by
+Michelangelo Buonarroti, Edited by R. A. Guardini
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Michelangelo Gedichte und Briefe
+ In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini
+
+
+Author: Michelangelo Buonarroti
+
+Release Date: May 11, 2005 [eBook #15813]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MICHELANGELO GEDICHTE UND BRIEFE***
+
+
+E-text prepared by Wallace McLean, Hagen von Eitzen, and the Project
+Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+Das Museum Viii.
+
+MICHELANGELO GEDICHTE UND BRIEFE
+
+In Auswahl herausgegeben von
+
+R. A. GUARDINI
+
+Pan-Verlag, Berlin
+
+1907
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration: Marcello Venusti pinx]
+
+
+
+
+
+Michelangelo hat fast nur Persönlichkeitsgedichte geschrieben. Was er in
+jenem Madrigal über sein bildnerisches Schaffen aussprach,
+
+ Mich deucht, stets bild' ich mich,
+ Und meine doch _ihr_ Antlitz zu gestalten,
+
+hätte er auch von seinem Dichten -- er mehr als irgend einer -- sagen
+können. Mit wenig Ausnahmen erzählen seine Verse, auch wenn er von anderen
+spricht, nur von _seinem_ Empfinden, _seinem_ Kämpfen, von den Werten und
+Idealen, die _er_ suchte und in den geliebten Menschen verkörpert sah. Er
+war, zumal in reiferem Alter, stets mit sich allein, stets ein Mensch, der
+einsam mit der eigenen Seele zu ringen, sein edleres Selbst gegen
+Leidenschaften zu behaupten hatte, deren Wucht seine Schöpfungen ahnen
+lassen; und so liessen ihn die Spannungen in seinem Innern nicht zur Ruhe
+dessen kommen, der ein Geschautes schildert.
+
+Er wusste in seinen Dichtungen fast nur unmittelbar von sich zu sprechen
+oder sehnsüchtig die Menschen anzuschauen, anzurufen, in denen er den
+Frieden und die Schönheit zu sehen glaubte. Und es will scheinen, als sei
+es ihm auch in seiner Liebe nicht gelungen, sich wirklich an den Anderen zu
+verlieren, wirklich diesen, wie er war, zu sehen, als habe er auch in ihr
+den Genossen eigentlich nicht gefunden. Selbst in den Gedichten an
+Vittoria, von der er doch am ehesten hoffen durfte, sie gehe mit ihm den
+gleichen Weg, konnten Gedanken wie diese auftauchen:
+
+ Sage mir, Liebe, ob ich die heissersehnte
+ Schönheit wirklich hier sehe, oder ob drinnen
+ In meiner Seele sie lebt, und ich der Herrin
+ Antlitz anschauend verkläre?
+
+Es ist wie eine Ahnung, dass er auch in den geliebten Menschen nur
+Schönheiten sehe, die _er_ ihnen erst verliehen, dass er nur von den
+Bildern seiner eigenen Vollkommenheitssehnsucht spreche, wenn er ihre
+Hoheit verehre.
+
+Michelangelos eigene ringende Seele, mehr enthalten seine Dichtungen nicht.
+
+Dieser Gedanke liegt der Anordnung zugrunde. Sie fasst die Gedichte
+zusammen, denen in der Seele ihres Schöpfers gleiche Voraussetzungen
+entsprechen, Grundkräfte, Anlagen seines Wesens, Ziele, die er erstrebte,
+Werte, die er bejahte und in denen er sein letztes Genügen fand. Die
+Ordnung dieser Gruppen untereinander versucht von der Wertung auszugehen,
+die Michelangelo selbst an ihrem Inhalt vollzogen hat, indem sie ihn an dem
+Bilde des Menschen misst, den er in sich zu verwirklichen strebte.
+
+Ist dies gelungen, dann bilden die Gedichte eine Reihe, die von relativ
+Äusserlichem ausgehend immer mehr zu dem vordringt, was Michelangelo als
+sein Wertvollstes und Eigenstes beurteilte.
+
+Dass bei diesem Versuch die Gefahr der Subjektivität nahe sei, habe ich mir
+nicht verhehlt; aber hier schien die beste Möglichkeit zu liegen, aus einer
+blossen Aneinanderreihung ein innerlich verbundenes Ganzes zu machen.
+
+Die Briefe sind chronologisch geordnet. Aus der grossen Zahl mussten sehr
+wenige ausgewählt werden. Es sind besonders solche, in denen das
+eigenartige Verhältnis des Meisters zur Familie, sein stetes Sorgen und
+bereitwilliges Helfen, dann auch seine Stellung zu Freunden und
+Auftraggebern zum Ausdruck kommt.
+
+Als Anhang sind die wenigen erhaltenen Briefe Vittorias an ihn beigefügt.
+
+Die Übersetzungen der Gedichte sind teils schon vorliegende ältere, deren
+Wiederdruck von den Herren Verlegern in liebenswürdiger Weise gestattet
+wurde, teils Neuübertragungen von _Bettina Jacobson_.[1] Die Briefe wurden
+vom Herausgeber sämtlich neu übersetzt. Der Auswahl gehen einige Kapitel
+aus Ascanio Condivis "Leben Michelangelos" voraus, die etwa zehn Jahre vor
+seinem Tode unter seinen Augen entstand: eine einfache Fassung, der sich
+"die geschnittenen Steine" der Dichtungen vielleicht zu klarerem Schimmer
+einfügen.
+
+Die wiedergegebenen älteren Übertragungen stammen aus:
+
+Michelangelos Gedichte, übersetzt von Sophie Hasenclever, Leipzig, Dürr
+1875.
+
+Übersetzungen von Hermann Grimm in: Grimm, Leben Michelangelos, Berlin,
+Spemann.
+
+Übersetzungen von Bodenstedt in: Nord und Süd. Bd. 34.
+
+Übersetzungen von Karl Witte in: Romanische Studien 1871.
+
+Übersetzungen von Hans Grasberger in: Le Rime di Michelangelo 1872.
+
+ _R. A. Guardini._
+
+
+"Michelangelo beschränkte sich in seiner Jugend nicht auf Skulptur und
+Malerei, sondern er widmete sich auch allen verwandten und ähnlichen
+Künsten; und das tat er mit solchem Eifer, dass er sich für einige Zeit
+fast völlig der Gemeinschaft der Menschen entzog und nur mit ganz wenigen
+Umgang pflegte. Dies brachte ihn in den Ruf eines hochmütigen oder
+seltsamen und phantastischen Menschen, und doch waren beide Fehler ihm
+gleich fremd. Es war die Liebe zur Tüchtigkeit und die treue Hingabe an die
+edlen Künste, die ihn -- wie es vielen ausgezeichneten Männern geschah --
+einsam machten und ihn nur in deren Dienste Genüge und Ergötzung finden
+liessen. Darum war ihm die Geselligkeit keine Freude, ja verhasst, denn sie
+störte ihn in seiner Gedankenarbeit; war er doch, wie jener grosse Scipio
+zu sagen pflegte, nie weniger allein, als wenn er allein war.
+
+Doch suchte er gerne die Freundschaft derer, die ihm in tüchtigen und
+weisen Gesprächen irgendwelche nützliche Frucht boten, oder in deren Seele
+ein Strahl des Aussergewöhnlichen aufblitzte ... Eine besondere und grosse
+Liebe verband ihn mit der Marchesana von Pescara, deren hoher Geist ihn
+gefangen hielt, und die ihm mit ausserordentlicher Liebe vergalt. Von ihr
+bewahrt er noch viele Briefe, voll von reiner und süsser Liebe, wie sie aus
+so edlem Herzen kommen mussten, und er hat an sie viele gar kunstvolle
+Sonette gerichtet, in denen eine innige Sehnsucht lebt. Sie verliess oft
+Viterbo oder andere Orte, wohin sie sich zur geistigen Sammlung oder zum
+Sommeraufenthalt zurückgezogen hatte, und kam nach Rom, einzig um
+Michelangelo zu sehen; und er trug zu ihr solche Liebe, dass ich ihn einst
+sagen hörte, er habe nur den Schmerz, dass er sie nicht, als sie aus diesem
+Leben schied, auf die Stirn oder den Mund küsste, wie er ihre Hand geküsst
+hatte. Und der Gedanke an ihren Tod liess ihn oft im Schmerz gleichsam
+erstarren.
+
+Wie er die Gespräche mit gelehrten Menschen sehr liebte, so fand er auch
+Ergötzen am Lesen der Schriftsteller, ob sie nun in Prosa oder in Versen
+schrieben, und besonders trägt er Verehrung für Dante, dessen wunderbares
+Genie ihn anzieht, und dessen Werke er fast ganz in treuem Gedächtnis
+bewahrt. Den Petrarca schätzt er vielleicht fast eben so hoch. Doch
+begnügte er sich nicht damit, sie zu lesen, sondern fand auch seine Lust
+daran, selbst zu dichten, und manche seiner Sonette legen für die grosse
+Kraft seiner Erfindung und seinen reinen Geschmack gutes Zeugnis ab ...
+Aber all dies trieb er nur zu seinem Ergötzen und masste sich keinerlei
+Sachkenntnis darin an, setzte sich selbst vielmehr stets herab und betonte
+seine Unerfahrenheit in solcherlei Künsten.
+
+Mit gleichem Eifer und gleicher Aufmerksamkeit las er die heiligen
+Schriften des Alten und Neuen Testaments und suchte mit stetem Bemühen in
+ihren Sinn einzudringen. Gleicherweise studierte er die Werke Savonarolas,
+zu dem er stets grosse Zuneigung hatte, und noch bewahrt er im Gedächtnis
+den lebendigen Klang seiner Stimme.
+
+Auch liebt er die Schönheit des Körpers, ist er doch am tiefsten mit ihrem
+Wesen vertraut. Ja er liebt sie so sehr, dass sinnliche Menschen, die nur
+in unlauterer und unehrenhafter Weise die Schönheit zu lieben vermögen,
+Schlimmes von ihm dachten und sagten. Und doch wurde Alcibiades, der
+überaus schöne Jüngling, von Sokrates mit der keuschesten Liebe umfasst und
+er pflegte zu sagen, so oft er an dessen Seite geruht habe, sei er nie
+anders als wie ein Sohn von der Seite des Vaters aufgestanden. Ich habe oft
+Michelangelo über die Liebe reden und sich unterhalten hören, habe aber
+stets, auch von den übrigen, die dabei waren, vernommen, dass er nicht
+anders über die Liebe spreche, als wie bei Plato geschrieben steht. Ich
+weiss ja nun nicht, was Plato über diesen Gegenstand sagt; das aber weiss
+ich gewiss, dass ich lange seinen vertrauten Umgang genoss und aus seinem
+Munde stets nur Worte von strengster Lauterkeit vernahm, die in jedem
+Jüngling alle ungeordneten und zügellosen Wünsche niedergezwungen und
+ausgerottet hätten. Und dass sein Geist hässliche Gedanken nicht duldete,
+kann man auch daraus erkennen, dass er stets nicht nur die
+Menschenschönheit liebte, sondern alles Schöne, ein schönes Pferd und einen
+schönen Hund, die Schönheit einer Landschaft, eines Berges, eines Waldes,
+jede schöne Gegend und jegliches schöne und in seiner Art seltne Ding mit
+tiefer und wunderbarer Verehrung anschaute. So entnahm er überall der Natur
+das Schöne, wie die Bienen aus den Blüten den Honig sammeln, und legte es
+in seinen Werken nieder. Das haben aber alle die getan, die sich in der
+Kunst eines grösseren Rufes erfreuten. Jener Meister des Altertums begnügte
+sich, um die Venus zu bilden, nicht damit, nur _eine_ Jungfrau zu sehen,
+sondern er wollte viele anschauen. Und indem er so von jeder das Schönste
+und Vollendetste nahm, schuf er daraus die Göttin. Und so viel steht fest:
+wer sich einbildet, er werde auf anderem, als auf diesem Wege, der allein
+zur rechten Anschauung führt, Grosses in der Kunst leisten, der täuscht
+sich in verhängnisvoller Weise.
+
+In seinem ganzen Leben beobachtete Michelangelo eine grosse Mässigkeit und
+bediente sich, zumal wenn er arbeitete, mehr aus Notdurft als zum Genusse
+der Speise. Meist begnügte er sich dann mit einem Stück Brot, das er ass,
+ohne die Arbeit zu unterbrechen ... Oft hörte ich ihn sagen: "Ascanio, wenn
+ich auch noch so reich war, stets habe ich arm gelebt." Und wie er nie viel
+ass, so schlief er auch wenig; pflegte er doch selbst zu sagen, der
+Schlummer habe ihm nie gut getan, habe ihm vielmehr fast immer, wenn er
+länger geschlafen habe, Kopfschmerzen verursacht. Als er noch von
+kräftigerer Gesundheit war, schlief er öfter in Kleidern und Stiefeln --
+dieser bediente er sich, weil er stets am Krampf litt und noch aus anderen
+Gründen -- und manchmal liessen sie sich so schwer ausziehen, dass mit den
+Stiefeln auch die Haut mitging, so wie es bei der Schlange geschieht, wenn
+sie sich häutet.
+
+Nie geizte er nach Geld, noch strebte er danach, Reichtümer aufzuhäufen;
+vielmehr war er zufrieden, wenn er genug besass, um ruhig leben zu
+können ... Viele seiner Werke hat er verschenkt und hätte doch durch ihren
+Verkauf unermessliche Summen lösen können ... Er war aber nicht nur mit
+seinen Werken freigebig, sondern hat auch oft einem armen, doch tüchtigen
+jungen Menschen, der sich den Künsten oder der Wissenschaft widmete, mit
+seiner Börse geholfen; ich kann das bezeugen, denn mir selbst ist so von
+ihm geschehen. Nie war er neidisch auf die Erfolge anderer in seiner Kunst,
+und das mehr aus natürlicher Herzensgüte, als weil er von sich selbst eine
+hohe Meinung hätte. Er lobte das Gute in allen, selbst in Raffael von
+Urbino, mit dem er doch, wie ich oben schrieb, im Felde der Malerei manchen
+Kampf ausgefochten hat. Nur hörte ich ihn sagen, Raffael habe seine Kunst
+nicht von der Natur erhalten, sondern sie sich durch langes Studium
+erworben ...
+
+Er besitzt ein ausserordentlich treues Gedächtnis, so dass er, der doch,
+wie man sehen kann, Tausende von Gestalten gemalt hat, nie auch nur zwei
+bildete, die sich ähnlich gesehen, oder die gleiche Haltung eingenommen
+hätten. Ich hörte ihn sagen, dass er keine Linie ziehe, ohne zu wissen, ob
+er sie bereits einmal gezogen habe; und wenn dies geschehen ist, lässt er
+sie nie stehen, falls das Werk für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Auch
+besitzt er eine ungeheure Kraft gestaltender Phantasie, und daher kommt es
+vor allem, dass er stets so unzufrieden mit seinen Werken ist, und sie
+stets herabsetzt, denn noch nie schien es ihm, als sei es seiner Hand
+gelungen, das Bild zu formen, wie es in seinem Innern aufstieg. Und aus den
+gleichen Gründen ist er schüchtern, wie es die sind, die sich in Musse
+einem beschauenden Leben hingeben. Nur wenn ihm oder anderen Unrecht
+zugefügt wird, oder man seine Rechte verletzt, flammt er in gerechtem Zorne
+auf. Dann aber ist die Wucht seiner Abwehr grösser, als bei denen, die man
+für mutig hält ..."
+
+ Ascanio Condivi, Leben Michelangelos,
+ Kap. 62-68.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+
+DICHTUNGEN.
+
+AN FLORENZ.
+
+
+ Nur dich erfreut mein Gram! Sieh, welch Erbarmen
+ Die holden Frau'n bewegt, dass Qual und Sterben
+ Zu süss du noch erachtest für mich Armen.
+
+ Wo ist nun Mitleid? Wen zum Schützer werben
+ Vor Weibes Grimm, wenn Männer sich vernichten,
+ In Hass und Kampf sich stürzen ins Verderben?
+
+ Du, Amor, sollst wie immer heut auch richten!
+ Und reiche nur den Bogen ihren Händen;
+ Bin schuldig ich, dann mag sie mich vernichten.
+
+ Der, welcher schmachtet zwischen Kerkerwänden,
+ Der, den zum Tod man schleift in wilder Hetze,
+ An welch ein Tribunal soll der sich wenden?
+
+ Was nützen ihm und mir Recht und Gesetze?
+ Doch sag', warum lehrt dich mein Lieben hassen?
+ Wer fasst es, dass dich Fleh'n in Wut versetze?
+
+ Dem Schatten gleicht dein Reiz, in dem erblassen
+ Die dir sich nah'n; das Herz, das liebewarme,
+ Muss schauernd sein Verderben hier umfassen.
+
+ Ihr stolzen, stets zum Mord bereiten Arme,
+ Ihr Augen, spottend der im Netz Verstrickten,
+ Ihr Hände, höhnisch deutend auf uns Arme,
+
+ Ihr Gaben all, verliehen der Beglückten
+ Zu hohem Ruhm, nicht schuf euch Gottes Wille,
+ Um Tod und Schmach zu bringen uns Entzückten!
+
+ Ihr sollt im Spiegel eurer Schönheitsfülle
+ Den Glanz uns ahnen lassen jener Sphären,
+ Die noch uns birgt des Staubes Schleierhülle.
+
+ Die ird'sche Schönheit soll uns glauben lehren
+ An ew'ge Schönheit, göttliche Vollendung;
+ Und du lebst nur zu töten, zu verheeren!
+
+ Ein Himmelsbote, spottend seiner Sendung,
+ Verdient den Untergang noch mehr als jene,
+ Die ihm gefolgt in menschlicher Verblendung.
+
+ Die Liebe zeigt dein Ende mir, du Schöne,
+ Dass meine Warnung deinen Stolz vernichtet
+ Und dir ins Auge lockt die Reueträne.
+
+ O fühle doch der Welt dich auch verpflichtet,
+ Für die so schön geschaffen du; gefallen
+ Lass dir die Lieder, dir zum Ruhm gedichtet.
+
+ Die Tugend nützt sich selbst nicht nur, nein allen,
+ Dem Himmel gleich, der Licht am meisten spendet,
+ Wo sich am dunkelsten die Schatten ballen,
+
+ Du aber hast dich geizig abgewendet;
+ Wir sterben, du bleibst ungestraft auf Erden;
+ Nun seht ihr, dass nicht hier das Dasein endet,
+
+ Und dass Gerechtigkeit geübt muss werden
+ In andern Welten. Weh, dass treue Dienste
+ Man lohnt durch Qual und tödliche Gefährden!
+ ----
+
+1. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AUF DIE "NACHT" DES BUONARROTI VON GIOVANNI STROZZI.
+
+
+ "Die Nacht, die wir in tiefem Schlummer sehen,
+ Ein Engel schuf sie hier aus diesem Stein,
+ Und weil sie schläft, muss sie lebendig sein,
+ Geh, wecke sie, sie wird dir Rede stehen."
+
+
+
+
+ ENTGEGNUNG MICHELANGELOS.
+
+
+ "Schlaf ist mein Glück; so lange Schmach und Kummer
+ Auf Erden dauern, besser Stein zu bleiben,
+ Nicht sehn, nicht hören bei so schnödem Treiben.
+ Sprich leise drum und stör' nicht meinen Schlummer."
+
+2. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+FLORENZ UND DIE VERBANNTEN.
+
+
+ "Für tausend Liebende bist du geboren
+ In Engelsschönheit! Schläft der Himmel heute,
+ Dass du des einen Beute,
+ Du allen einst geschenkt und nun verloren?
+ Sind wir, ach fern geboren,
+ Nicht ganz verschmäht, so lass für uns auch tagen,
+ Für uns Verbannte deiner Augen Sonnen!"
+ "Wohlan, nicht sinke euer Mut, ihr Toren,
+ Denn nicht den grossen Raub lässt grosses Zagen
+ Geniessen den, der mich zum Schein gewonnen;
+ Und seht, ist nicht inmitten aller Wonnen
+ Unfähig zum Genusse sein, viel schlimmer,
+ Als dulden bei der Hoffnung fernstem Schimmer?"
+
+3. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN JULIUS II.
+
+
+ Herr, hatte je ein altes Sprichwort Wert,
+ So hat es dies: Wer kann, der will noch nicht.
+ Auf hohle Reden legtest du Gewicht
+ Und hast mit Gunst der Wahrheit Feind geehrt.
+
+ Stets hab' ich mich in deinem Dienst bewährt,
+ Dein, wie der Sonne ihrer Strahlen Licht;
+ Doch, wenn ich Zeit verloren, rührt's dich nicht,
+ Und schaltest mehr, je mehr ich mühbeschwert.
+
+ Mein Hoffen hatt' ich ganz auf dich gestellt,
+ Nur war ein gutes Schwert und rechte Wage
+ Mehr angebracht als hohles Echowort.
+
+ Doch wahrer Tugend wert hält diese Welt
+ Der Himmel nicht, will er, dass Früchte trage
+ Ein hohler Baum für uns, der schon verdorrt.
+
+4. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN GIOVANNI DI PISTOJA.
+
+
+ Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei'n,
+ Wie's Katzen in der Lombardei geschieht
+ Vom Wasser, (oder wie man's sonst wo sieht),
+ Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein.
+
+ Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein
+ Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht
+ Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht
+ Der Pinsel Mosaïken reich und fein.
+
+ Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt,
+ Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe;
+ Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich.
+
+ Vorn nimmt die Haut in Falten überhand,
+ Und hinten spannt sie über harter Kuppe,
+ Denn wie ein Syrerbogen krümm' ich mich.
+
+ So geht auch wunderlich
+ Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor,
+ Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr.
+
+ Such' nun, o Freund, hervor,
+ Was noch für meine toten Bilder spricht!
+ Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug' ich nicht!
+
+5. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+SPOTTGEDICHT.
+
+
+ So süss wie Mus ist dein Gesicht, o Schöne,
+ So glatt, als wär' ein Schnecklein drauf spaziert,
+ Wie Rüben zart; es gleichen deine Zähne
+ Den Pastinaken, und dein Auge stiert
+ So wie die Theriakpflanze grün; ich wähne,
+ Durch solchen Glanz wird selbst ein Papst verführt.
+ Wie Zwiebeln weiss und blond sind deine Haare!
+ Erbarm' dich schnell, sonst lieg' ich auf der Bahre!
+
+6. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ So rasch, so kühn, mit Lug und Trug im Bunde
+ Ist meine Freundin, dass sie Huld versprochen
+ Im Augenblick, da sie mein Herz durchstochen,
+ Und schon das Eisen steckte in der Wunde.
+ Ach, zu derselben Stunde
+ Durchwärmt mich Leben, da mich Tod durchschauert!
+ Die bange Seele trauert,
+ Denn wenn dies Schwanken dauert,
+ Besiegt der Tod das Leben. Mehr vernichtet
+ Das Böse, als das Gute heilt und schlichtet.
+
+7. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Genöss' ich mindre Gnade,
+ Dann reichte wohl zum Leben meine Kraft,
+ Nun aber ist erschlafft
+ Durch Zähren, die in Doppelbächen fliessen,
+ Mein Herz und krank vom Tränenbade.
+ So muss das hohe Glück die Schwäche büssen!
+ Kein Weiser will geniessen,
+ Wozu die Kraft ihm fehlet,
+ Denn Wonne ohne Mass erdrückt hienieden.
+ Ein stilles Glück wird spriessen,
+ Vom Friedenshauch beseelet,
+ Dem Herzen, das in Demut sich beschieden.
+ Nicht bringt, was andern ziemt, auch mir den Frieden;
+ Giebst dem, der nur um kleinen Lohn gebeten,
+ Das Höchste du, so wird das Glück ihn töten.
+
+8. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Wenn sich die Schmerzen, die mein Antlitz trüben,
+ Dir, teure Herrin, zeigen,
+ So scheinen sie zu steigen
+ In gleichem Mass, wie in dem deinen, lieben,
+ Das frei von Gram geblieben,
+ Die Reize sich erhöh'n; durch meine Leiden
+ Will Amor dich Geliebte noch verschönen;
+ Da Ruhm dir bringt solch Lieben,
+ So duld' ich denn mit Freuden.
+ Macht schon mein Gram dich schön, wie erst mein Sterben!
+
+ Und doch, wenn meine Tränen,
+ Die Glanz und Reiz erhöh'n in deinen Zügen,
+ Einst durch den Tod versiegen,
+ So bringt mein Tod statt Ehre dir Verderben.
+ Nun will ich nicht mehr sterben,
+ Nein, dulden will ich gern in deiner Nähe,
+ Denn süss ist Gram, der solche Schönheit nähret;
+ Wem sie zu schau'n bescheret,
+ Der trägt ja leicht zugleich ein grosses Wehe.
+
+9. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Der goldne Kranz, sieh, wie er voll Entzücken
+ Das blonde Haar mit Blüten rings umfängt,
+ Es darf die Blume, die am tiefsten hängt,
+ Den ersten Kuss auf deine Stirne drücken.
+
+ Wie freudig das Gewand den langen Tag
+ Sich um die Schultern schliesst und wieder weitet
+ Am Hals, zu dem das Haar herniedergleitet,
+ Das dir die Wangen gern berühren mag.
+
+ Sieh aber hier, wie mit verschränkten Schnüren
+ Nachgiebig und doch eng das seidne Band
+ Beglückt ist, deinen Busen zu berühren.
+
+ Der Gürtel spricht: Lass mich die Lust geniessen,
+ Dass ewig meine Haft dich so umspannt --
+ Wie würden da erst Arme dich umschliessen!
+
+10. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+
+ Weil man wie Seelenzwang,
+ Erscheint sie auch als Labe,
+ Die Gunst empfindet, sich gebunden glaubt,
+ So klagt mein Freiheitsdrang
+ Ob deiner werten Gabe
+ Mehr noch, als hätte mich ein Dieb beraubt.
+ Und kann zum Strahlenhaupt
+ Der Sonne ungeschwächt kein Auge dringen,
+ Das doch erstarken müsst' bei solchem Wagen,
+ So möchte kraftberaubt
+ Nicht mein Vermögen sein, dir Dank zu bringen.
+ Oft muss vorm Überfluss der Mangel zagen,
+ Und jener wieder über diesen klagen:
+ Denn Liebe will nur solche Freunde nennen,
+ (Wie selten ach)! die gleich an Glück und Können.
+
+11. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN GIORGIO VASARI.
+
+
+ Mit deinem Griffel, deinen Farbentönen
+ Hast gleich die Kunst du der Natur gemacht,
+ Ja übertroffen sie zum Teil an Macht,
+ Da fähig du, ihr Schönes zu verschönen.
+
+ Doch heut erst wird vollständ'ger Sieg dich krönen,
+ Dich, der auf höh're Werke jetzt bedacht,
+ Denn deine Schrift erhellt des Grabes Nacht
+ Und gibt Unsterblichkeit den Erdensöhnen.
+
+ Ob auch die Kunst oft die Natur bezwungen,
+ Ob Jahre ihre Werke nicht verletzen,
+ Sie hindert's nicht, dass alle einst zerstäuben.
+
+ Du aber, Taten singend, die verklungen,
+ Du, Tote weckend trotz Naturgesetzen,
+ Wirst du und werden sie lebendig bleiben.
+
+12. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN GIORGIO VASARI.
+
+
+ Ein Maultier, Kerzen, wahre Zuckermassen!
+ So über mein Vermögen handelt Ihr,
+ Dazu die grosse Flasche Malvasier,
+ Dass ich Sankt Michael muss die Wage lassen.
+
+ Zu schönes Wetter lässt kein Lüftchen blasen:
+ Das Segel hängt, der Kurs entschwindet mir,
+ Mein schwaches Schifflein scheint ein Splitter schier,
+ Den wilden Meeresfluten überlassen.
+
+ Erwäg' ich Eure Gaben, Eure Güte
+ Und Speis' und Trank und freundliches Bedenken,
+ Dass man auf Reisen sorglich mich behüte, --
+
+ Dann würde sich mein Dank auf nichts beschränken,
+ Selbst wenn ich Euch mich selbst als solchen biete,
+ Denn eine Schuld bezahlen, heisst nicht schenken.
+
+13. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AUS DEN STANZEN ZUM LOB DES LANDLEBENS.
+
+
+(Michelangelo schildert im ersten Teil des Gedichtes die Reize des
+ländlichen Lebens und stellt diesem die Reihe der Laster gegenüber, die dem
+Reichen in der Stadt das Leben verbittern: Zweifelsucht, Falschheit,
+Schmeichelei, Zwist, Betrug, Lüge, endlich, in den folgenden Stanzen, den
+Hochmut, die Missgunst und die sieben Todsünden, ihre Kinder.)
+
+ Der Riese Stolz bläht sich so hoch, dass nimmer
+ Er uns im Staub gewahrt; manch schöne Stadt
+ Zermalmt mit plumpen Sohlen er in Trümmer;
+ Zur Sonne will er schaffen sich den Pfad,
+ So baut er Turm auf Turm, doch ihren Schimmer
+ Sah er noch nie, da nur ein Aug' er hat,
+ Und dies ihm an der Ferse sitzt. Im Wahne
+ Durchrast die Himmel er gleich dem Orkane.
+
+ Die Berge sind den Sohlen jenes Hünen,
+ Was uns ein Sandkorn ist. Der Drachen Brut
+ Birgt sich in seinem Fell und neben ihnen
+ Erscheint der Walfisch in der Meeresflut
+ Wie eine Fliege klein. Es schreckt den Kühnen
+ Nur eins: Wenn sich erhebt der Stürme Wut
+ Und Staub und Halme wirbelnd aufwärts sendet,
+ Sein einzig' Auge durch den Qualm ihm blendet.
+
+ Auch eine träge Alte ist ihm teuer,
+ Die grosse Amme seiner Ungestalt,
+ Sie nährt in ihm der wilden Kühnheit Feuer,
+ Sie reizt ihn an zu Frechheit und Gewalt.
+ Wohnt nicht das Weib bei diesem Ungeheuer,
+ So birgt es sich im tiefsten Felsenspalt.
+ Geht müssig er, hockt sie in dunkler Kammer
+ Und schickt dem Volke Hungersnot und Jammer.
+
+ Im Busen, aus dem alle Übel stammen,
+ Trägt sie das Zeichen ihres Herrn; die Qual
+ Des Nächsten mästet sie, sie schrumpft zusammen
+ Bei andrer Glück, die Gier stillt ihr kein Mahl;
+ Sie peinigt alle mit des Hasses Flammen
+ Und liebt, o Wunder, selbst sich nicht einmal.
+ Ihr Arm ist Eisen, Stein das liebeleere
+ Das eis'ge Herz; sie schlinget Berg und Meere.
+
+ Und beider Kinder -- sieben sind's -- durchfliegen
+ Die Welt von Pol zu Pol, ein Höllenchor;
+ Nur die Gerechten wollen sie bekriegen,
+ Sie schliessen auf und zu des Abgrunds Tor,
+ Denn Beute bringen sie nach grossen Siegen;
+ Unzähl'ge Arme strecken sie hervor,
+ Um nach und nach die Seelen ganz zu binden
+ Wie Eupheuranken einen Turm umwinden.
+
+14. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+EPITAPHIEN.
+
+
+ O fühlest du mit mir, der hier im Staube
+ Verschlossen ruht, der Welt entrückt, Erbarmen,
+ So spare deine Tränen für die Armen,
+ Die leben, wechselndem Geschick zum Raube.
+
+ * * * * *
+
+ Warum ergreifst du Tod nicht müde Greise,
+ Warum soll ich in meiner Blüte sterben?
+ "Weil das, was altert in der Welt Verderben,
+ Nicht aufschwebt und nicht weilt im Himmelskreise."
+
+ * * * * *
+
+ Nicht mordete mit hoher Jahre Waffen
+ Der Tod die Schönheit, die der Staub hier deckt,
+ Er nahm sie schnell, auf dass sie unbefleckt
+ Zum Himmel kehre, schön wie sie geschaffen.
+
+ * * * * *
+
+ Geboren war ich erst vor kurzer Frist,
+ Als man mich hier begrub; so schnell entführet
+ Der Tod mich, dass der freie Geist kaum spüret,
+ Wie sehr sein Zustand jetzt verwandelt ist.
+
+ * * * * *
+
+ Nicht gab der Himmel meiner Reize Fülle,
+ Die Vielen er zum Schmuck für mich entriss,
+ Durch meinen Tod zurück, da ich gewiss
+ Am jüngsten Tag mich kleid' in gleiche Hülle.
+
+ * * * * *
+
+ Man glaubt mich tot, der ich gelebt zum Frommen
+ Der Welt, im Busen tragend tausend Seelen,
+ Die mich geliebt; wie kann mir Leben fehlen,
+ Da eine Seele nur der Tod genommen?
+
+ * * * * *
+
+ O würden Fleisch und Blut für meine Knochen --
+ Dass ich aufs neue lebte -- eure Tränen,
+ Dann wär' aus Mitleid hart, wer weint; sein Sehnen
+ Zwäng' mich zurück ins Joch, das ich zerbrochen.
+
+ * * * * *
+
+ Dass ich gelebt, weiss nur mein Leichenstein,
+ Und denkt ein Mensch an mich, dann dünkt's ihn gar
+ Wie Traum; so wirkt der Tod, dass das, was war,
+ Erscheint, als könnt' es nie gewesen sein.
+
+ * * * * *
+
+ Ich, Braccio von Geschlecht, sah, seit in Schmerzen
+ Zur Welt ich kam, nur kurze Zeit den Tag;
+ Nun bin ich hier, wo gern ich harren mag,
+ Leb' ich nur fort in meines Freundes Herzen.
+
+ * * * * *
+
+ War ich im Leben, der ich Staub jetzt bin,
+ Des Freundes Leben, muss nicht Tod allein,
+ Nein eifersücht'ge Qual dem Freund es sein,
+ Stirbt je vor ihm ein andrer für mich hin?
+
+ * * * * *
+
+ Der Bracci Sonne sank hinab ins Grab,
+ Mit ihr die Sonne der Natur. Nicht Waffen
+ Bedurft' der Tod, um ihn dahin zu raffen;
+ Ein Hauch schon bricht die Frühlingsblume ab.
+
+15. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+DANTE.
+
+
+ Kein Lob erreicht ihn, denn was könnt' ich sagen,
+ Da selbst den Blinden er voll Glanz erschienen?
+ Doch dazu soll die Sprache jetzt mir dienen,
+ Das Volk, das ihn beleidigt, anzuklagen!
+
+ Ihm, der zum Reich der Seelen, die verloren,
+ Hinabstieg, ihr Geheimnis zu erraten;
+ Ihm, dem die Himmelstore auf sich taten,
+ Verschloss die eigne Vaterstadt die Tore.
+
+ O Vaterland des Undanks! Dir zum Schaden
+ Hast du ihn ausgestossen! Du, das stets
+ Die Besten mit dem schwersten Schmerz beladen.
+
+ Nur seinen Namen braucht die Welt zu lesen!
+ Denn ward ein Mann unwürd'ger je verbannt
+ Und ist ein Mann so gross wie er gewesen?
+
+16. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+
+ Wie kommt's, dass ich nicht mehr mein eigen bin?
+ Wer ist's, durch den ich mich verlor,
+ Der, fremd, in mir sich drängte vor,
+ Mehr gilt in mir als eigner Sinn?
+ Und wie durchschnitt
+ Die harte Brust,
+ Wer mich nicht einmal angerührt?
+ Wer bist du, Liebe, Qual und Lust,
+ Die nun mein Herz gefangen führt,
+ Die durch das Aug' in meine Seele glitt
+ Und da so masslos wächst und schwillt,
+ Dass sie an tausend Enden überquillt?
+
+17. Hans Grasberger.
+
+
+
+
+
+ Den Augen gebt zurück, o Fluss, o Quelle,
+ Das Wasser, nicht entsprungen euren Bronnen,
+ Die Tränen, die in eure Flut verronnen,
+ Zu wilder Höhe trieben eure Welle!
+
+ Du trübe Luft, die mir das Licht, das helle,
+ In Nebel hüllt, verdunkelnd meine Wonnen,
+ Gib wieder, um die Blicke neu zu sonnen,
+ Die Seufzer mir, dass es kein Dunst entstelle!
+
+ Die Schritte, Erde, gib zurück den Füssen,
+ Es sprosse neu das Gras auf meinem Wege;
+ Gib, Echo, heut zurück mir Klag' und Stöhnen,
+
+ Gebt meinem Aug' ihr Augen, o ihr süssen,
+ Die Blicke wieder, dass ich lieben möge
+ Ein andres Weib, da euch verhasst mein Sehnen.
+
+18. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ So kehren wirklich die befreiten Seelen,
+ Auf kurz bemess'ne Zeit,
+ Zurück in anderm Kleid,
+ Dass Leben sie und Tod von neuem wählen?
+ Wird strenge im Befehlen,
+ Wie einst, die Liebste nah'n,
+ Noch ganz von ihrem alten Reiz umflossen?
+ Fast möcht' ich darauf zählen,
+ Sie zeigte sich alsdann
+ Ganz ohne Groll, von Milde übergossen.
+ Und, war ihr Aug' geschlossen,
+ Hat, neubelebt, sie Mitleid wohl erworben
+ Mit meinem Tod, -- die selber schon gestorben!
+
+19. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Des besten Künstlers herrlichsten Gedanken,
+ Ein einz'ger Marmor kann ihn ganz enthalten,
+ Doch muss, will ihn der Meister uns entfalten,
+ Die Hand dem Geist gehorchen ohne Wanken.
+
+ In dir auch birgt sich Glück und Pein; verdanken
+ Könnt' ich dir höchstes Heil, doch zu gestalten
+ Dies Glück, es zu gewinnen, zu erhalten,
+ Fehlt mir die Kunst; so muss an Gram ich kranken.
+
+ Nicht trägt denn Liebe Schuld an meinen Leiden,
+ Nicht darf das Schicksal ich zu schmähen wagen;
+ Kann Heil ich oder Tod von dir erwerben,
+
+ Trägst du im Busen sie und ward von beiden
+ Mir Tod zuteil, muss ich mich selbst verklagen;
+ Mein schwacher Geist verschuldet mein Verderben.
+
+20. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Dein leuchtend helles Diadem erringen,
+ Auf steilem Pfade rauh und lang,
+ O das vermag im Liebesdrang
+ Ein Herz voll Demut nur und edler Sitte.
+ Dir wächst die Kraft, mir werden lahm die Schwingen,
+ Versagt der Odem auf des Weges Mitte.
+ O höre meine Bitte:
+ Obgleich mein Herz sich freut an deiner Ehre,
+ Und jauchzt, dass deine Tugend so erhaben,
+ So fleht es dennoch: lenke deine Schritte
+ Ein wenig nur herab zu mir und wehre
+ Mir Schwachem nicht, den Geist an dir zu laben;
+ Wenn minder gross, du Hehre,
+ Mein Herz dich wünscht, nicht höh'ren Flug will dulden,
+ O so vergib dir selber mein Verschulden.
+
+21. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Der Freundlichkeit, mit der Ihr mich bedenkt,
+ Nicht allzu unwert, Herrin, mich zu zeigen,
+ Wollt ich mit dem, was meinem Geiste eigen,
+ Erst das erwidern, was Ihr mir geschenkt.
+
+ Bald aber fühlt' ich: da Euch nachzusteigen,
+ Wohin der Genius Euch empor gelenkt,
+ Gibt's keinen Weg für mich: verzeiht und denkt,
+ Wie sehr ich weiss, warum mir ziemt zu schweigen.
+
+ Denn Irrtum wär' mein Glaube, wenn ich dächte,
+ Dem gleichzutun mit meinem schwachen Werke,
+ Was von Euch wie des Himmels Gnade regnet.
+
+ Das Feuer fehlt, die Kunst, die es vollbrächte,
+ Mir Sterblichem, dem kein Versuch die Stärke
+ Verleiht, mit der der Himmel Euch gesegnet.
+
+22. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Ach neben dir, die durch zu grosse Wonne
+ Das Leben mir entreisst,
+ Wie arm bin ich an Geist,
+ An Kraft und Kunst! Ja deinen Strahlensegen
+ Flieht, wie der Blick die Sonne,
+ Mein blöder Geist; die Flügel möcht' er regen
+ Weit über sein Vermögen;
+ Er übertrifft sich selbst, nur deiner kleinsten Spende
+ Auch wert zu sein; bald aber, ach zum Schaden,
+ Erlahmt sein Flug, und klar sieht er am Ende,
+ Nie kann der Dankesschuld er sich entladen,
+ Für so viel Gnaden!
+ Je mächt'ger lodern deiner Seele Flammen,
+ Je mehr sink' ich in toten Staub zusammen.
+
+23. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Was ist es, das die Seele mir entzündet?
+ Ahn' ich der Gottheit Glanz, die Strahlen krönen?
+ Sah ich auf Erden je ein Bild des Schönen,
+ Das meine Seele zitternd nachempfindet?
+
+ Blieb mir ein Himmelsstrahl, der nie erblindet,
+ Von jener Seligkeit, nach der mit Tränen
+ Sich die verbannten Menschenherzen sehnen,
+ Die niemals ganz aus dem Gedächtnis schwindet?
+
+ Das, was ich fühl' und schau', das, was mich leitet,
+ Ist nicht in mir, noch weiss ich, wo es finden!
+ Zeig' du es mir, denn seit ich dich erschaue,
+
+ Fühl' ich, wie sich in meinem Busen streitet
+ Ein Ja und Nein, ein bittersüss Empfinden;
+ Gewiss dein Auge ist es, holde Fraue!
+
+24. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ "Sprich Amor, ist es Wahrheit, ist's ein Wähnen,
+ Dass Götterpracht der Herrin Antlitz schmückt,
+ Oder hat mich ein inn'res Bild entzückt,
+ Und seh' ich hier den Abglanz jenes Schönen?
+
+ Du weisst es, denn du kamst mit ihr; mein Sehnen
+ Entfachst nur du, nur du hast mich berückt;
+ Doch fleh' ich, trotz der Qual, die mich bedrückt,
+ Nicht mindre diese Flammen, diese Tränen!"
+
+ "Die Schönheit, die du siehst, entstammt der Erde,
+ Doch wächst ihr Glanz, steigt sie zu höhern Sphären;
+ Durch deine Augen tritt sie in die Seele,
+
+ Und diese, dass gleich ihr unsterblich werde
+ Die Schönheit, nimmt sie auf, sie zu verklären;
+ So laut're Schönheit siehst du, ohne Fehle."
+
+25. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ O meine Augen, wisst:
+ Die Zeit vergeht, die Stunde kommt heran,
+ Wo trüber Tränen Born sich schliesst!
+
+ Gott halt' euch aufgetan,
+ So lange meiner Herrin Huldgestalt
+ Auf Erden wallt.
+
+ Schliesst sich der Himmel auf,
+ Und meine Erdensonne
+ Lenkt, euch entrückt, den Lauf
+ Hinan zu aller Sel'gen Wonne,
+ Was bleibt euch fürder noch zu schauen dann?
+
+26. Hans Grasberger.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Wenn Kunst, im Stein gestaltend,
+ Erschaffend und erhaltend,
+ Dir dauernd Leben gibt durch Menschenhände
+ Bis an der Zeiten Ende,
+ Wie könnte erst der Himmel dich verklären,
+ Der Himmel, göttlich waltend,
+ Der höh'rer Schönheit Spende
+ Als Menschenkunst verleiht, wollt' er dir Hehren
+ Auf Erden schon Unsterblichkeit gewähren!
+ Doch ach, dein Bild besteht, und du musst sterben?
+ Wer rächt hier dein Verderben?
+ Dich räche die Natur, denn sieh, es bleibet
+ Der Menschen Werk, indes ihr Werk zerstäubet.
+
+27. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AUF VITTORIA COLONNAS TOD.
+
+
+ Als sie, um die viel Seufzer mich verzehren,
+ Der Erde, meinem Blick und sich entschwand,
+ Da blieb Natur, die ihrer wert uns fand,
+ Beschämt zurück, und, der sie sah, voll Zähren.
+
+ Heut wird man nicht den Tod sich rühmen hören,
+ Ob dieser Sonnen Sonne: ihm entwand
+ Die Liebe sie: hier lebend festgebannt,
+ Weilt sie dort oben unter Engelchören.
+
+ Wohl meinte dieser arge, böse Tod:
+ Verstummen müssten hier die Ruhmesklänge,
+ Darin man Tugend, Seelenschönheit ehrte.
+
+ Und dennoch spenden jetzt uns die Gesänge
+ Mehr Lebensglanz, als einst ihr Leben bot:
+ Der Himmel liess uns, was ihm nicht gehörte.
+
+28. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AUF VITTORIA COLONNAS TOD.
+
+
+ Dass nah dem Feuer mich die Glut verzehrte,
+ Was Wunder? Und, dass jetzt, wo es verglommen,
+ Ich mich bekümmert fühle und beklommen,
+ So dass ich nach und nach zu Asche werde?
+
+ Ich sah, wie Flammenschein den Ort verklärte,
+ Von dem mir all die schwere Pein gekommen,
+ Doch gab der Anblick schon mir Heil und Frommen,
+ Der Qual und Tod in Wonne mir verkehrte.
+
+ Jetzt, da der Himmel mir des Feuers Helle, --
+ Die mich entzündet, mich ernährte, -- nimmt,
+ Glüh' ich als Kohle noch im Aschengrabe.
+
+ Schafft mir nicht Amor Feuerstoff zur Stelle,
+ Bleibt auch kein Fünklein mehr, das weiterglimmt,
+ Wenn ich zu Asche mich verwandelt habe.
+
+29. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AUF VITTORIA COLONNAS TOD.
+
+
+ Um so vollkommne Schönheit nicht von allen
+ Zurückzufordern, wenn der Tod erschien,
+ Ward einer sie verliehn:
+ Der Hohen, Reinen, unter zartem Schleier.
+ Hätt' allen Sterblichen es Gott gefallen,
+ Sie zu gewähren, war der Rückkauf teuer.
+ Ein Hauch ward zum Befreier,
+ Ein Augenblick, an Dauer kaum gemessen,
+ Genügte, dass sie Gott
+ Zurückgeholt: Kein Auge schaut sie wieder! --
+ Doch bleiben unvergessen,
+ Ob auch die Hülle tot,
+ Uns ihre schönen, heilgen, süssen Lieder.
+ Lieh Gott an schlimme Brüder
+ So viel wie ihr, wollt' es zurückerwerben,
+ Mitleid, gesteh's: Wir alle müssten sterben! --
+
+30. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AUF VITTORIA COLONNAS TOD.
+
+
+ Ward auch schon manches Menschenbild gesehn,
+ Das aus dem harten Stein mein Hammer bricht,
+ So steht er doch in Meisters Bann und Pflicht,
+ Durch den allein kann Schlag und Führung gehn.
+
+ Nur was da göttlich wohnt in Himmelshöhn,
+ Ist schön durch sich, versendet eignes Licht;
+ Doch wird ein Hammer ohne Hammer nicht,
+ Kann Leben auch aus Leben nur erstehn.
+
+ Weil nun der Schlag nur stärker niederfährt,
+ Je höher wir hinauf den Hammer schwingen,
+ Flog über mich der deine himmelan.
+
+ So, wenn Gott gnädig Hilfe nicht gewährt,
+ Kann des Unfert'gen Bildung nur misslingen,
+ Weil sie kein andrer hier vollbringen kann.
+
+31. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+NACH VITTORIA COLONNAS TOD.
+
+
+ Versetz' in jene Zeit zurück mich heute,
+ Wo zaumlos toben mochte blinde Glut!
+ Gib mir das Antlitz wieder engelgut,
+ Dem alle Jugendkraft gewelkt zur Seite;
+
+ Die Schritte ohne Zahl in alle Weite,
+ Die schwer und müh'voll nur das Alter tut,
+ Dem Busen Feuer gib und Tränenflut,
+ Willst du noch einmal, Amor, mich zur Beute.
+
+ Denn lebst von Zähren wirklich du, vergossen
+ In Leid und Lust, was macht den Greis dir teuer,
+ Der fast am andern Ufer angekommen?
+
+ Schon wehrt der Geist mit himmlischen Geschossen
+ Sich gegen deinen Pfeil. Das stärkste Feuer,
+ Es zündet nicht im Holz, das schon verglommen.
+
+32. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Ein frohes Herz verschönt, und hässlich macht
+ Ein traurig Herz; so werd' ich umgestaltet
+ Durch dich, die meins verwaltet.
+ -- Nur eins begreif' ich nicht: du müsstest glühen,
+ Da du die Glut entfacht! --
+ Ein Auge klar und helle
+ Hat für das Schöne mir mein Stern verliehen,
+ Und willst du mir entziehen
+ Des Trostes letzte Strahlen,
+ Wirst du, seh' ich, dir schaden, denn ich meine,
+ In jedes Bildnis malen
+ Zugleich mit dem Modelle
+ Wir Künstler uns hinein; wie wird das deine,
+ Wenn ich so trostlos weine?
+ Beglücke mich, dann mal' ich ohne Tränen,
+ Und du wirst schön und wirst auch mich verschönen.
+
+33. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Oft gleicht ein Bild dem Bildner mehr, o Jammer!
+ Als dem Modell; so bilde
+ Ich jetzt nur schmerzlich wilde
+ Entstellte Züge, klägliche Gestalten!
+ Dich formen will mein Hammer,
+ Und formt mich selbst, die Stirn voll Schmerzensfalten.
+ Was könnt' ich auch gestalten,
+ Da Liebe mich vernichtet,
+ Als diesen müden Leib voll Angst und Trauer?
+ Gleicht nicht dem Stein, dem kalten,
+ Aus dem ihr Bild errichtet,
+ Die strenge Herrin? Felsen sind nicht rauher.
+ Die Kunst allein gibt Dauer;
+ Drum, willst du, dass dein Reiz dich überlebe,
+ Beglücke mich, dass ich dir Schönheit gebe!
+
+34. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Wohl muss ein reiner tücht'ger Sinn sich freuen
+ An von der Kunst geschaffenen Gestalten,
+ Die liebe Züg' und Formen aufbehalten
+ Und Menschen bilden in Wachs, Ton und Stein.
+
+ Wenn dann fühllose Zeiten sie entweihen,
+ Solch edles Werk zertrümmern und zerspalten,
+ So wird das Bild sich dennoch in der alten
+ Schönheit im Geist, der es erfasst, erneuen.
+
+ So ist es deiner Schönheit widerfahren:
+ Als Bild des Heiles, das den Himmel schmückt,
+ Hat sie der ew'ge Künstler ausgesendet.
+
+ Verringert sie nun gleich sich mit den Jahren,
+ Sieht meine Sehnsucht sie nur mehr vollendet,
+ Der Schönheit denkend, die kein Alter knickt.
+
+35. Carl Witte.
+
+
+
+
+
+ Herrin, wie mag's nur sein -- und doch bewährt
+ Es die Erfahrung -- dass weit längeres Leben
+ Dem Bildwerk als dem Bildner wird gegeben,
+ Des Meisterhand den rohen Stein verklärt?
+
+ Der Schöpfer schwindet das Geschaffne währt,
+ Kurzlebig muss Natur vor Kunst erbeben,
+ Ich weiss es, der ich ganz der Kunst ergeben,
+ Klar sehe, wie die Zeit mit mir verfährt.
+
+ So könnt' ich langes Leben wohl uns beiden
+ Verleih'n, ob Stein, ob Farbe dir beliebt,
+ Liess ich ein Bild von uns ganz treu und wahr:
+
+ Dass man noch tausend Jahr nach unserm Scheiden
+ Säh', wie du schön warst, wie ich dich geliebt,
+ Und dass mein Lieben keine Torheit war.
+
+36. Friedrich Bodenstedt.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Nach vielen Jahren, vielem Suchen, Ringen,
+ Erreicht der Weise erst, nah seinem Ende,
+ Wie er durch Geist und Hände
+ Lebendig aus dem Stein ein Bildnis schafft.
+ Denn zu so hohen Dingen
+ Gelangt man spät, und bald erlischt die Kraft.
+ Dein Antlitz, götterhaft,
+ Hat, lange suchend und nach vielem Irren,
+ Natur, am Gipfel angelangt, gefunden;
+ Nun ist sie alt, und ihre Kraft verzehrt.
+ Darum ist Furchtverwirren
+ Mit Schönheit oft verbunden,
+ Das wundersam ein stark Verlangen nährt.
+ Wer ist's nun, der mich lehrt,
+ Was besser sei, nachdem ich dich gesehn:
+ Die höchste Lust? Der Erde Untergehn? --
+
+37. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Was ich in deinem Antlitz sah, beschreibe
+ Mit Worten nimmer ich; doch was es kündet
+ Hob oft den Geist, den noch der Körper bindet,
+ Zu Gott empor aus diesem Erdenleibe.
+
+ Dien' ich dem Spott des Pöbels auch zur Scheibe,
+ Zeiht er der Regung mich, die er empfindet,
+ So hoff' ich doch, dass Treue fest gegründet,
+ Dass keusche Glut so wert wie einst dir bleibe!
+
+ Die ird'sche Schönheit, für den Blick des Weisen
+ Gleicht sie dem Liebesquell, dem wir entstammen;
+ Vom Himmel hat die Welt nicht andre Proben,
+
+ Nicht andre Früchte kann die Erde weisen;
+ Sind treu und keusch nur meiner Liebe Flammen,
+ Ist süss der Tod und frei mein Flug nach oben.
+
+38. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken,
+ Mit meinen eignen Augen bin ich blind,
+ Mit dir im gleichen Schritte wandelnd, sind
+ Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken.
+
+ Von deinen Schwingen mit emporgetragen
+ Flieg' ich mit dir hinauf zum Himmel ewig;
+ Wie du es willst: kühn oder zitternd leb' ich,
+ Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen.
+
+ In deinem Willen ruht allein der meine,
+ Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn,
+ Dem Geist, in dem der Worte Quell sich findet:
+
+ So kommt's, dass ich dem Monde gleich erscheine,
+ Den wir soweit am Himmel nur ersehn
+ Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet.
+
+39. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Wenn in zwei Liebenden des Schicksals Walten,
+ Wenn keusche Lieb' sich gleich und Frömmigkeit,
+ Wenn einer weinet bei des andern Leid,
+ Ein Will' und Geist in beiden Herzen schalten;
+
+ Wenn eine Seele lebt in zwei Gestalten,
+ Verklärt in beiden, sie zu gleicher Zeit
+ Mit einem Flügel trägt zur Seligkeit,
+ Ein goldner Pfeil zwei Busen hat gespalten;
+
+ Wenn beide füreinander liebend brennen,
+ Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich
+ Zum höchsten Ziel den andern will begeistern,
+
+ Und wenn dies schwacher Abglanz nur zu nennen
+ Von uns'rer Liebe, sag mir, ist's dann möglich,
+ Dass Groll das Band löst zwischen solchen Geistern?
+
+40. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Durch dich erst kenn' ich mich und aus der Ferne
+ Streb' ich dem Himmel zu, von dem wir kamen,
+ Und wie der Fisch geködert wird vom Hamen,
+ Reichst du mir Speise, und ich komme gerne.
+ Nur schwach kann ein geteiltes Herze schlagen,
+ Drum gab ich dir das meine ganz und gar:
+ Was von mir bleibt, du weisst es, der mich kennt!
+ Ans Beste nur soll sich die Seele wagen,
+ Drum muss ich heiss dich lieben, will ich leben!
+ Denn ich bin Holz nur, du bist Holz, das brennt.
+
+41. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Wohl darf mit meiner Liebe heissen Flammen
+ Gerechte Hoffnung sich zum Himmel schwingen,
+ Denn wollte unsre Wünsche Gott verdammen,
+ Warum hiess er die Welt aus Nichts entspringen?
+
+ Wie sollt' ich auch für Höh'res mich entflammen,
+ Als um der ew'gen Schönheit Ruhm zu bringen,
+ Von der die Reize, die dich zieren, stammen,
+ Die keusch und rein'gend jedes Herz durchdringen?
+
+ Trüg'risch ist nur die Hoffnung jener Lust,
+ Die mit der Schönheit stirbt und stets entflieht,
+ Weil sie der Züge Wechsel untertan.
+
+ Doch die ist unfehlbar in treuer Brust,
+ Die um der Hülle Wandlung nicht verglüht;
+ Durch sie wird uns der Himmel aufgetan.
+
+42. Carl Witte.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Wäre der Schönheit deiner Augensterne
+ Das Feuer gleich, das sie ringsum entzünden,
+ Dann flammte wohl die Welt aus Feuerschlünden,
+ Es schmölzen selbst des Poles eis'ge Kerne.
+
+ Doch hat der güt'ge Himmel, der sich gerne
+ Erbarmt des Schwachen, dass wir nicht erblinden,
+ Die Augen uns umflort, und wir empfinden
+ Den Glanz nur wie ein Licht in weiter Ferne.
+
+ Nie wird, wie's deinem Reiz gebührt, entbrennen
+ Der Liebe Glut; nur Stückwerk schau'n wir Toren
+ Des Ew'gen, lieben das nur, was wir sehen.
+
+ Mich auch bewahrt mein mangelhaft Erkennen,
+ Die Schwäche nur, dem Menschen angeboren,
+ Für dich im Flammentode zu vergehen.
+
+43. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Ein schönes Antlitz spornt mich himmelan,
+ Nichts andres freut mich mehr, da schon im Leben
+ Ich darf empor zu sel'gen Geistern schweben --
+ Ein Glück, wie selten es ein Mensch gewann.
+
+ So sehr zum Schöpfer stimmt sein Werk: ich kann
+ durch Gottgedanken mich zu Gott erheben,
+ Vom Himmel wird mir Geist und Wort gegeben,
+ Seit ich erglüht in holdem Liebesbann.
+
+ Drum kann ich von zwei schönen Augen nimmer
+ Den Blick abzieh'n, als ob zum höchsten Glück,
+ Empor zu Gott ihr Licht den Weg mir wiese.
+
+ Und fühl' ich mich durchglüht von ihrem Schimmer,
+ Strahlt mir aus ihrer edlen Glut zurück
+ Das ew'ge Lächeln sel'ger Paradiese.
+
+44. Friedrich Bodenstedt.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Ein Schwefelherz in einem strohernen Leibe,
+ Mit Knochen wie geschnitzt aus dürren Asten,
+ Ein Flackergeist, der sich der ersten, besten
+ Hingibt, betört von jedem üpp'gen Weibe;
+
+ Ein Scheinmensch, blind für Höh'res, mürb wie Zunder,
+ Dergleichen viele auf der Glücksjagd rennen,
+ Mag lichterloh im Augenblick entbrennen
+ Gleich wie vom Blitz gerührt; es ist kein Wunder!
+
+ Mir konnte nur die höchste Schönheit taugen,
+ Zu ew'gen Werken heil'ge Glut zu schüren:
+ Ihr Glanz allein könnt' mich so hoch erheben.
+
+ Klein schien mein Grösstes mir in deinen Augen;
+ Ich floh das Volk, dich Einz'gen zu erküren;
+ Mein Werk gab meiner Liebe ew'ges Leben.
+
+45. Friedrich Bodenstedt.
+
+
+
+
+
+ Das Feuer darf der ems'ge Schmied nicht scheuen,
+ Sein Eisen neu und kunstvoll zu gestalten;
+ Mit Kraft des Feuers muss der Meister schalten,
+ Will er des lautern Goldes sich erfreuen.
+
+ Der einz'ge Phönix kann sich nicht erneuen,
+ Eh' er verbrennt. So auch in Glutgewalten
+ Hoff' ich zu sterben, mit den Lichtgestalten
+ Vereint, die Tod und Zeit nicht mehr bedräuen.
+
+ O süsses Sterben! Selig, wer so brennt!
+ Wenn ich zu Asche nach und nach verstoben,
+ Nicht unter Toten leben muss fortan.
+
+ Ja wenn sich von Natur dies Element
+ Zum Himmel hebt, steig' ich, mit ihm erhoben,
+ Grad' auf, feurig verwandelt, himmelan.
+
+46. Friedrich Bodenstedt.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Dein Geist stieg in des Leibes Kerkerzelle
+ Von dort herab, wohin er einst enteilt,
+ Dass sich ein Engel, der die Seelen heilt
+ Und Ruhm der Welt verleiht, uns zugeselle.
+
+ Dein Wesen, nicht die Schönheit sonnenhelle,
+ Entflammt mich, denn ein Herz, wo Tugend weilt,
+ Baut niemals seine Hoffnung übereilt
+ Auf das, was rasch entführt der Zeiten Welle.
+
+ Doch lebt solch' edler Geist in schöner Hülle,
+ Dann fasst ihn jeder, wie man an der Scheide
+ Die Klinge kennt, eh' eine Hand sie zückte.
+
+ Nichts in der Welt lehrt so wie Schönheitsfülle
+ Den Schöpfer lieben! Sieh, es streiten beide,
+ Natur und Himmel, wer zumeist dich schmückte.
+
+47. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Nicht Glück, nicht Gnade wird dem Übeltäter,
+ So sagt das Volk, das auch für mich es sprach,
+ Denn seit am eig'nen Selbst ich war Verräter
+ Um dein zu sein, floh mich das Glück, und ach,
+ Die Zeit verbeut's, dass gleich dem Phönix später
+ Zu neuen Sonnen ich mich schwingen mag.
+ Eins ist mein Trost, dass mehr ich mir gehöre,
+ Wenn dein ich bin, als wenn nur mein ich wäre.
+
+48. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+DIE NACHT.
+
+
+ Der aus dem Nichts, eh' noch die Welt bewohnt,
+ Die Zeit in Zwiegestalt hervorgebracht,
+ Er gab der _einen_ hoher Sonne Pracht,
+ Der _andern_ gab er dann den nahen Mond.
+
+ So wird im voraus jedermann gelohnt,
+ Glück, Zufall und Geschick ihm zugedacht.
+ _Mir_ fiel die dunkle Seite zu, die Nacht;
+ Schon in der Wiege blieb ich nicht verschont.
+
+ Und wie bei dem, der eignem Glücke wehrt,
+ In tiefrer Nacht mehr Schatten sich verbreiten,
+ So sorg' und klag' ich, dass ich schlecht gehandelt.
+
+ Doch Trost gibt, dass es meiner Nacht beschert,
+ Der Sonne deines Tages vorzuschreiten,
+ Die von Geburt an über dir gewandelt.
+
+49. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+DIE NACHT.
+
+
+ Jedweder Raum, bedeckt und eingefügt, --
+ Was er im Innern auch umschliessen mag, --
+ Bewahrt die dunkle Nacht am hellen Tag,
+ Wo alles sich im Strahlenschimmer wiegt.
+
+ Doch wird sie von der Flamme Glut besiegt,
+ Verjagt die Sonne, was im Finstern lag,
+ So bleibt nichts Arges mehr im dunkeln Hag,
+ Ja, auch ein Glühwurm hätte schon genügt.
+
+ Was in der Sonne treibt an Lebenskraft,
+ An tausend Keimen, Pflanzen zu erkennen,
+ Wird durchgepflügt vom starken Ackerknechte.
+
+ Die Nacht hingegen ist's, die Menschen schafft,
+ Und weil wir ihn der Wesen bestes nennen,
+ Sind heil'ger als die Tage uns die Nächte.
+
+50. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN DIE NACHT.
+
+
+ O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,
+ Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,
+ Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,
+ Und wer dich würd'gen kann, der weiss Bescheid.
+
+ Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,
+ Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;
+ Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt
+ Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.
+
+ Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,
+ Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,
+ Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.
+
+ Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,
+ Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,
+ Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.
+
+51. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+DIE NACHT.
+
+
+ Wenn Phöbus Arme sich nicht strahlend winden
+ Um dieses kalte, feuchte Erdenrund,
+ Heisst solche Stunden "Nacht" der Leute Mund,
+ Weil sie die Sonne dann nicht mehr empfinden.
+
+ Doch ist sie arm und schwach: Schon das Entzünden
+ Der kleinsten Kerze raubt ihr Leben, und
+ Ein Zunder an der Flinte macht sie wund,
+ So dass wir sie gar schnell zerrissen finden.
+
+ Will man noch wirklich Wesenskraft ihr geben,
+ Muss Phöbus' Kind sie und der Erde sein:
+ _Sie_ trägt den Schatten, _jener_ gibt ihm Leben.
+
+ Doch, wie's auch sei: Wer lobt, der irrt. Voll Pein,
+ Verdüstert, muss die Witwe schon erbeben
+ Vor Eifersucht bei eines Glühwurms Schein.
+
+52. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+GESANG DER TOTEN.
+
+
+ Wer geboren wird, muss sterben
+ In der Zeiten Flucht; die Sonne
+ Duldet jegliches Verderben.
+ Schnell vergehen Leid und Wonne,
+ Geist und Wort sind bald verloren;
+ Alle, die nach uns geboren,
+ Schatten sind sie, leichter Rauch.
+ Menschen waren wir ja auch,
+ Froh und traurig so wie ihr,
+ Und ihr seht, nun sind wir hier,
+ Mussten schon zu Staub verderben;
+ Alle Wesen müssen sterben.
+
+ Unsre Augen konnten schauen,
+ Aus den Höhlen voll und hell;
+ Heute sind sie leer, voll Grauen,
+ Denn die Zeit entführte schnell.
+ ----
+
+53. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Die Schönheit ward als Vorbild mir auf Erden
+ Für meinen doppelten Beruf geschenket;
+ In beiden Künsten sollte sie mir strahlen,
+ Ein Spiegel, eine Leuchte mir zu werden;
+ Sie ist es, die zu jenem Ziel mich lenket,
+ Für das ich einzig meisseln mag und malen.
+ O törichter, vermessener Gedanke,
+ Die hohe Schönheit Sinnenlust zu schelten!
+ Gesundem Geiste zeigt sie Himmelspfade,
+ Am Staube aber klebt der Blick, der kranke;
+ Ein reines Auge nur sieht jene Welten,
+ Die einzig uns erschliesst der Strahl der Gnade.
+
+54. Sophie Hasenclever
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Nicht schön zu sein, unmöglich ist's dir Schönen,
+ Nicht gut zu sein, dir Guten! Dein Erbarmen,
+ Verderblich ist's mir Armen,
+ Es schmilzt mein Herz in deiner Gnadensonnen
+ Auflösend sich in Wonnen!
+ Stirbt eh'r nicht deines Herzens Liebesfülle,
+ Als deine süsse Hülle,
+ So duld', ich fleh's mit Tränen,
+ Dass ich bei dir verweile
+ Bis du der Welt entronnen!
+ O dann entrückt mein Sehnen
+ Der Erde mich, ich eile
+ Empor zum ew'gen Heile;
+ Gibt uns der Schöpfer einst am jüngsten Tage,
+ Den Leib zurück, zu Wonne oder Plage,
+ Dann nimm mich auf, ob unschön ich geblieben,
+ Dort gilt ja mehr als Schönheit treues Lieben!
+
+55. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN TOMMASO CAVALIERI.
+
+
+ Als mir dein Augenstern zuerst erglühte,
+ Da war's kein irdisch Licht, das mich getroffen,
+ Schon sah mein Geist entzückt den Himmel offen,
+ Ein ew'ger Friede zog in mein Gemüte;
+
+ Denn nimmer stillt mein Herz der Anmut Blüte,
+ Erzeugt aus dieser Erde niedren Stoffen;
+ Der Schönheit Ursprung ist sein Ziel und Hoffen;
+ Es fliegt der ew'gen Schönheit zu und Güte.
+
+ Nie hoffe denn ein weises Herz den Frieden
+ Von jener Blüte, die zu Staub verkehren
+ Die rauhe Zeit, und Tod, der uns beschieden;
+
+ Wohl mag der Sinne Glut den Greis versehren,
+ Die Liebe nicht, sie heiligt uns hienieden,
+ Doch erst der Himmel wird uns ganz verklären.
+
+56. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+
+ Die Augen, stets der Schönheit zugetan,
+ Der Geist, ihr hold und auf sein Heil bedacht,
+ Sie dringen durch die Nacht
+ Nur an der Hand der Schönheit himmelan;
+ Denn aus der Sternenbahn
+ Strömt Glanz vom Firmament,
+ So klar, dass ihm zu nah'n,
+ Die Menschenseele brennt,
+ Und solch Empfinden nennt
+ Man Liebe hier; ein edles Herz beflügelt,
+ Entflammt der Blick nur, der den Himmel spiegelt.
+
+57. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Im Herzen nicht ist meiner Liebe Leben;
+ Das Herz, das irdisch, sterblich ist, enthält
+ Die ew'ge Liebe nicht, sie lebt gesellt
+ Dem Wahn, der Sünde nicht, von Schuld umgeben.
+
+ _Mir_ hat die Liebe klaren Blick gegeben,
+ Die Schönheit _dir_ beim Eintritt in die Welt,
+ So dass ich selbst in dem, was einst zerfällt,
+ In deinem Reiz erkenn' der Gottheit Weben!
+
+ Vom ewig Schönen trennt in mir sich nimmer
+ Die Liebe, wie die Wärme nie vom Feuer;
+ Was ihm entstammt und gleicht, das möcht' ich schauen!
+
+ Du trägst in deiner Augen sel'gem Schimmer
+ Das Paradies, wo du zuerst mir teuer,
+ Und seine Pforten sind mir deine Brauen!
+
+58. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+DANTE.
+
+
+ Als Mensch vom Himmel einst herabgestiegen,
+ Hat Hölle er und Läut'rungsglut gesehn,
+ Dann bracht' er lebend, aus des Himmels Höhn,
+ Uns wahres Licht, die wir im Dunkeln liegen.
+
+ Dass du bestrahlt die Stätte meiner Wiegen,
+ O lichter Stern, ist unverdient geschehn;
+ Die ganze arge Welt dir zugestehn,
+ Wär' kleiner Preis: Nur Gott kann dir genügen.
+
+ Von Dante red' ich, dessen Werk verkannt,
+ Missachtet ward vom Volk, dem undankbaren,
+ Das stets sich von Gerechten abgewandt.
+
+ Wär' ich wie er! Hätt' ich wie er den wahren,
+ Tatkräft'gen Geist, und wär' wie er verbannt:
+ Das schönste Glück der Erde liess' ich fahren.
+
+59. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+ So viel scheint gross und kostbar, und es blickt
+ Das Volk drauf hin bewundernd, aber einer
+ Steht abseits; ihm erscheint es um so kleiner
+ Und gallenbitter, was sie hoch entzückt.
+
+ Und das sogar: der eitlen unverständ'gen
+ Gedankenlosen Welt muss er sich fügen,
+ Muss reden, wie sie spricht und Freude lügen,
+ Und lächelnd die verborg'nen Tränen bänd'gen.
+
+ Mein Glück ist nur, dass ganz verborgen sei,
+ Was ich beweine und was heimlich trachtend
+ Des Herzens Wünsche wollen, die ich hege.
+
+ Blind ist die Welt und nur Verrätern treu,
+ Ich aber, Hass und Ehre gleich verachtend,
+ Geh still und einsam weiter meine Wege.
+
+60. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+ Ich bin jetzt vor mir selbst an Wert gestiegen,
+ Bin lieber mir, seit dich mein Herze hegt;
+ So wird erst auf den Stein ein Wert gelegt,
+ Wenn ihn der Künstler formt mit edlen Zügen.
+
+ Und wie der Blick am Blatt sich mag vergnügen,
+ Mit Schrift und Bild geziert, nach dem nicht frägt,
+ Das leer und kahl, so kann erst, seit geprägt
+ In meinen Geist dein Bild, ich mir genügen.
+
+ Als wären Zauber, wären Waffen mein,
+ So zieh' ich, ohne dass Gefahr mich trifft,
+ Mit solchem Schutzbrief aus nach allen Winden;
+
+ Stark gegen Feu'r und Wasser werd' ich sein,
+ Mit meinem Speichel tilg' ich jedes Gift,
+ Und mache sehend durch dein Bild die Blinden.
+
+61. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Wie sich im unbehau'nen, toten Stein,
+ Je mehr der Marmor unter'm Meissel schwindet,
+ Anwachsend immer voll'res Leben findet,
+ So mag es, edle Frau, mit mir auch sein.
+
+ Was Gutes in mir ist, es hüllt sich ein
+ Tief in mein eigen Fleisch, und so, umrindet
+ Vom rauhen, rohen Stoffe, der mich bindet,
+ Drängt sich zu mir umsonst das Leben ein.
+
+ Zu matt und kraftlos fühl' ich mich allein,
+ Das Ende naht und Tag auf Tag verschwindet:
+ Nimm fort, was sich um meine Seele windet!
+ Ich könnt' es nicht, doch du kannst mich befrei'n!
+
+62. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Bald auf dem rechten Fuss, bald auf dem linken,
+ Bald steigend, bald ermüdet zum Versinken,
+ Hintaumelnd ratlos zwischen Gut und Böse,
+ Such' ich, wer meiner Seele Zweifel löse;
+ Denn wem Gewölk verhüllt des Himmels Weiten,
+ Wie können den des Himmels Sterne leiten?
+
+ Drum sei mein Herz das unbeschrieb'ne Blatt,
+ Und was das deine aus sich selbst gefunden,
+ O schreib' es nieder! was in allen Stunden
+ Die Richtschnur sei, nach der es Sehnsucht hat,
+ Damit im Irrsal dieser Lebenstage
+ Mir Antwort werde auf des Lebens Frage:
+
+ Ob die geringere Gnade einstmals finden,
+ Die demutvoll sich nah'n mit tausend Sünden,
+ Als die, die stolz auf das was sie getan,
+ Im Überfluss der guten Werke nah'n?
+
+63. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Es spricht ein Mann, es spricht ein Gott mit Kraft
+ Aus eines Weibes Munde,
+ Und was sie sprach, die Kunde,
+ Hat mich mir selbst für alle Zeit entrafft.
+ Seit ich in ihrer Haft,
+ Mir selbst durch sie genommen,
+ Fühl' Mitleid ich mit mir, den sie betrauert.
+ Tief schweigt die Leidenschaft;
+ Ihr Reiz nur ausgenommen,
+ Dünkt hohl die Schönheit mich; in Rosen lauert
+ Der Tod, vor dem mich schauert.
+ Du, die durch Feu'r und Wasser führt zum Frieden,
+ O gib mich nie mir selbst zurück hienieden!
+
+64. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+AN VITTORIA COLONNA.
+
+
+ Hat Antlitz, Glieder, eines Menschen Sein
+ Des Künstlers Geist erfasst, den Gott verliehn,
+ Dazu ein Tonmodell, mit leichtem Mühn
+ Bringt er dann Leben in den harten Stein.
+
+ So greift, nach roh entworfnen Zeichnerein,
+ Der klügste, erste unter allen kühn
+ Zum Pinsel, wählt, was ihm das beste schien,
+ Nach prüfenden Vergleichen mancher Reihn.
+
+ Auch ich kam als gering' Modell zur Welt,
+ Doch anders ward ich, besser erst geartet,
+ Durch Euch, o edle Frau, von hohem Mut.
+
+ Werd' ich gefeilter, höher noch gestellt,
+ Durch Eure Hand, -- welch Strafgericht erwartet,
+ Nach solcher Zucht noch meine wilde Glut?
+
+65. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+ Die Augen kränkt so vieles, was sie schau'n,
+ Und alles hier muss, ach, mein Herz verletzen;
+ Wozu noch leben, wär' mit seinen Schätzen
+ Nicht mein das Herz der edelsten der Frauen?
+
+ Darf auf Verzeihung ich, auf Hilfe trauen,
+ Entflieh' ich der Gewohnheit Sündennetzen,
+ Dem bösen Beispiel, dieser Nacht Entsetzen?
+ Du kommst! Genug, nun darf auf Heil ich bauen.
+ ----
+
+66. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ Dem Tod entgegen steu'r ich will'ger nicht,
+ Als wer mit Widerstreben
+ Zum Richtplatz folgt dem strafenden Gericht
+ Und lassen muss sein Leben.
+ Wie dieser bin dem Tod ich nah' vielleicht,
+ Falls nicht mein Restchen minder schnell entweicht;
+ Und dennoch gönnt mir nicht die Minne,
+ Dass ich ein Stündchen Rast gewinne.
+ Ich wach' und schlafe zwischen zwei Gefahren:
+ Kaum dass ich leise Lebenshoffnung fühlt',
+ Ist tiefer Seelenkummer aufgewühlt,
+ Weil ich noch Gluten habe zu befahren,
+ Und weil die Lieb' um so viel minder frommt,
+ Als spät sie kommt.
+
+67. Hans Grasberger.
+
+
+
+
+ Ich sehe meine Zukunft wie im Spiegel,
+ Wenn bald vom Frost und bald von Glut getroffen,
+ Ich, dem das Grab schon offen,
+ Voll Scham vergangner Zeiten denken muss.
+ Gleich blieb sich Lieb' und Hoffen,
+ Doch weil mit schnellrem Flügel
+ Die Zeit jetzt flieht, und nah der Freude Schluss
+ Dem Greise ist, dünkt Schmerz fast der Genuss!
+ Entweicht denn beide, Lust so wie Beschwerde!
+ Der Glücklichste ist ja auf dieser Erde,
+ Wer, ach, auf ihr nur kurze Stunden weilet,
+ Denn Tod nur ist der Arzt, der alles heilet.
+
+68. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ Der frischen Jugend wird es nicht bewusst,
+ Wie so ganz anders, Herr, kurz vor dem Ende,
+ Gedanken, Hoffen, Lieb' und Wünsche werden.
+ Wächst unsere Seele, bringt's der Welt Verlust;
+
+ Die Kunst reimt mit dem Tod sich nicht zusammen,
+ Drum, was erwart' ich noch von mir auf Erden?
+ ----
+
+69. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+ Ich leb' der Sünde, leb', um mir zu sterben,
+ Mein Leben ist nicht mein, von Schuld umstrickt
+ Gehört's der Sünde. Gott, der gern beglückt,
+ Gab Segen nur, ich selbst gab mir Verderben.
+
+ Die Freiheit macht' ich, die wir alle erben,
+ Zur Sklavin, Staub zum Götzen, wahnberückt;
+ Zu welcher Schmach hab' ich das Licht erblickt!
+ ----
+
+70. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ Hier am äussersten Rande des Lebensmeeres
+ Lern' ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt
+ Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du
+ Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene
+ Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt.
+ Angstvoll blick' ich zurück, nun da der Himmel
+ Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich
+ Hab' ich vor Augen den alten, süssen Irrtum,
+ Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet.
+ Nun beweis' ich es selber: den erwartet
+ Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab
+ Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.
+
+71. Hermann Grimm.
+
+
+
+
+ Mein Lebenslauf gelangt durch Sturm und Wogen
+ Auf schwankem Boot nun zu dem grossen Port,
+ Dahin wir alle steuern fort und fort,
+ Für alles Tun zur Rechenschaft gezogen.
+
+ Wohl merk' ich nun, wie sehr du mir gelogen,
+ O Phantasie, die du als Herrn und Hort
+ Die Kunst mir gabst, wie irrig Tat und Wort,
+ Und wie auch mich manch eitler Wunsch betrogen.
+
+ Was wird aus lang verflog'nem Liebesweben,
+ Wenn bald der Doppeltod mir nahen soll?
+ Nicht ahn' ich, was man bei dem zweiten leidet.
+
+ Mir kann nicht Stift noch Meissel Ruhe geben,
+ Nur Gottes Liebe noch, die mitleidvoll
+ Am Kreuz die Arme nach uns ausgebreitet.
+
+72. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+ Ihr meine vielen, irrtumsschweren Träume,
+ Ihr solltet euch, da sich das Leben neigt,
+ Zu einem einz'gen formen, der mir reicht
+ Die Führerhand in lichte Himmelsräume.
+ ----
+
+73.
+
+
+
+
+ Mir raubten Eitelkeiten dieser Welt
+ Die mir verlieh'ne Zeit, in Gott zu leben,
+ Der Gunst vergass ich, die er mir gegeben,
+ Hab' mehr mit ihr, als ohne sie gefehlt.
+
+ Mich machte blind, was andre aufgehellt,
+ Zu spät erkannt' ich Tor mein irrig' Streben,
+ Verzagt fleh' ich dich an, den Bann zu heben,
+ Darin mich noch die Eigenliebe hält.
+
+ Den halben Weg, Herr, wolle mir erlassen,
+ Der aufwärts führt, doch ohne deine Hand
+ Fürcht' ich, dass ich auch diesen nicht vollende;
+
+ Lehr' mich, was diese Welt so hoch hielt, hassen,
+ Auch das, was ich verehrte, köstlich fand,
+ Dass ew'ges Heil mir sicher vor dem Ende.
+
+74. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+ Vom Alter und von Sündenlast beschwert,
+ Von festgewurzelt argem Trieb gehalten,
+ Droh'n mir des Todes zwiefache Gestalten,
+ Und oft hab' ich mein Herz mit Gift genährt.
+
+ Auch kann ich, da die Kraft mir nicht beschert,
+ Nicht Leben, Liebe, Schicksal umgestalten,
+ Wenn fürder dein erleuchtend göttlich Walten
+ Nicht leitend, zügelnd mich die Wege lehrt.
+
+ Doch nicht genug, o Herr, wenn es mich treibt,
+ Dass meine Seele wieder dorthin fahre,
+ Wo du sie einst geschaffen aus dem Leeren,
+
+ Gib, wenn an ihr nichts Irdisches mehr bleibt,
+ Dass Reue ihr den halben Weg erspare
+ Zu seligem und reinem Wiederkehren.
+
+75. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+ Was nicht ich will, o Herr, das möcht' ich wollen!
+ Vom heil'gen Brand trennt mich ein Schlei'r von Eis
+ Und löscht die Glut; nicht passt mein Tun zum Preis
+ Der Feder; Lügen sind ihr nur entquollen.
+
+ Dem Herrn kann mit der Zunge Lob ich zollen,
+ Nicht mit dem Herzen! Ach, dass ich nicht weiss,
+ Welch' Tor der Gnade auftun? Ihr Geheiss
+ Verjagt allein den Stolz, den ränkevollen.
+
+ Zerreiss', o Herr, den eisigkalten Schleier;
+ Die Mauer, hart und starr, wirf sie zusammen,
+ Sie, die dein Licht verbirgt, die Wehr der Sünde.
+
+ Gib deiner schönen Braut dein Himmelsfeuer,
+ Gib das verheiss'ne Licht, dass ich in Flammen,
+ Von Zweifeln frei nur einzig dich empfinde.
+
+76. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ Dich lass an jedem Ort mich schau'n! Dein Feuer
+ Verschlinge jeder Erdenliebe Flammen,
+ In Gluten brenn' ich dann, die dir entflammen,
+ So hell wie damals, als die Welt mir teuer.
+
+ Zerreisse du des Irrtums dunkle Schleier,
+ Die Sünden, die das Herz zur Qual verdammen,
+ Vernichte sie; o lass ersteh'n zusammen
+ Vernunft und Kraft und Willen, mein Befreier!
+
+ Der Zeit hast du die Seele übergeben,
+ Mit hartem Spruch hältst du ein göttlich Wesen
+ Gefangen in des Leibes Kerkerwänden,
+
+ Nicht ich kann wandeln dies mein sündig Leben;
+ Nichts ohne dich ist gut in mir, erlösen
+ Kannst du allein, nur du mein Schicksal wenden!
+
+77. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ Es fühlen Schmerz, es fühlen Trost nicht minder
+ Die auserwählten Geister, dass erkoren
+ Du hast für sie den Tod, um zu den Himmelstoren
+ Den Eingang zu erkämpfen für uns Sünder.
+
+ Sie jauchzen, weil entsühnt die Menschenkinder
+ Von ihrer ersten Schuld wie neugeboren,
+ Sie weinen, weil die Nägel dich durchbohren,
+ Weil Knecht der Knechte wird des Heiles Gründer.
+
+ Der Himmel zeugt für dich, denn in den Lüften
+ Erlischt das Weltenauge, Berge wanken,
+ Die Erde birst, das Meer erbraust im Laufe,
+
+ Die grossen Väter steigen aus den Grüften,
+ Indes die bösen Engel niedersanken,
+ Der Mensch nur freut sich, den entsühnt die Taufe.
+
+78. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ Erinnrung ist mir lieb, doch mehr beschweret
+ Sie noch mit Gram das Herz, der Schuld, der frühen,
+ Gedenkend, will zur Rechenschaft sie ziehen
+ Für eine Zeit mich, die nicht wiederkehret;
+
+ Lieb ist sie mir, weil vor dem Tod sie lehret,
+ Dass alle Erdenfreuden treulos fliehen,
+ Herb, weil vom Himmel Gnad' herabzuziehen
+ Dem schwer gelingt, der sich so spät bekehret.
+
+ Wie fest wir auch auf die Verheissung bauen,
+ So ist doch jener Glaube Frevelmut,
+ Dass leicht des Zögerns Schuld verzieh'n uns Armen;
+
+ Und dennoch tut, verspritzt in Todesgrauen,
+ Vom Kreuz herab uns kund dein strömend Blut:
+ So masslos wie dein Schmerz sei dein Erbarmen!
+
+79. Sophie Hasenclever.
+
+
+
+
+ O Herr, befreit von schwerer Bürde, wende
+ Ich mich zu dir, die Weltlust gibt mich her;
+ Ein schwankes Boot, im Sturm auf wildem Meer,
+ Treib' ich nun müd' an ruhiges Gelände.
+
+ Die Dornenkrone, die durchbohrten Hände,
+ Dein gütig mildes Antlitz, mitleidschwer,
+ Verheissen Gnade reu'ger Wiederkehr,
+ Und trüben Seelen künft'ge Heilesspende.
+
+ Lass deine heil'gen Augen, lass dein Ohr
+ Nicht richten über mein vergangnes Leben,
+ Zeig nicht dorthin mit drohender Gebärde.
+
+ Nur reicher ströme mir dein Blut hervor,
+ Je greiser ich, die Sünden aufzuheben,
+ Dass schnell mir Hilfe und Verzeihung werde.
+
+80. Bettina Jacobson.
+
+
+
+
+
+BRIEFE MICHELANGELOS.
+
+
+Übersetzt von R. A. Guardini.
+
+
+
+
+1.
+
+AN MEISTER GIULIANO DA SANGALLO AUS FLORENZ, ARCHITEKT DES PAPSTES IN ROM.
+
+
+ _Florenz_, den 2. Mai 1506.
+
+Giuliano! Ich entnahm aus Eurem Briefe, der Papst habe mir meine Abreise
+übelgenommen, ferner, dass Seine Heiligkeit jetzt bereit sei, den Betrag zu
+erlegen und auch im übrigen alles unserer Abrede gemäss zu erfüllen und
+endlich, dass ich ohne Besorgnis zurückkehren solle.
+
+Über meine Abreise folgendes: Am Samstag der Karwoche hörte ich -- ich sage
+Euch die volle Wahrheit -- den Papst im Gespräch mit einem Goldschmied und
+dem Zeremonienmeister bei Tisch sagen, er wolle weder für grosse noch für
+kleine Steine auch nur noch einen Heller hergeben. Darüber wunderte ich
+mich sehr; trotzdem bat ich ihn vor meiner Abreise um einen Teil des
+Geldes, das ich zur Weiterführung des Werkes brauchte. Seine Heiligkeit
+erwiderte mir, ich solle am Montag wiederkommen. Am Montag kam ich wieder
+und kam am Dienstag und am Mittwoch und am Donnerstag, wie sie selbst
+bestätigen kann. Endlich, am Freitag, wurde ich hinausgeschickt, nein,
+weggejagt. Der mich hinauswies, sagte, er kenne mich wohl, allein er habe
+nun einmal den Befehl. Als ich so die Bestätigung der Worte sah, die ich am
+Samstag gehört hatte, geriet ich in grosse Verzweiflung. Doch war das nicht
+der einzige Grund, weshalb ich Rom verliess. Es war da noch etwas, worüber
+ich schweigen will. Nur so viel will ich sagen, dass ich befürchten musste,
+wenn ich noch in Rom bliebe, würde eher _mein_ Grabmal, als das des Papstes
+aufgerichtet werden. Das war der Grund meiner plötzlichen Abreise.
+
+Nun schreibt Ihr mir im Auftrag des Papstes; Ihr werdet ihm also diesen
+Brief vorlesen. Seine Heiligkeit soll wissen, dass ich mehr als je bereit
+bin, das Werk fortzuführen; und wenn sie das Grabmal durchaus haben will,
+so kann es ihr gleichgültig sein, wo ich daran arbeite, wenn es nur nach
+Ablauf von fünf Jahren, wie wir vereinbart haben, in Sankt Peter an der ihr
+genehmen Stelle aufgerichtet und ein schönes Werk ist, wie ich versprochen
+habe. Denn dessen bin ich gewiss, wenn es zustande kommt, wird die Welt
+nicht seinesgleichen besitzen.
+
+Wenn also Seine Heiligkeit jetzt das Werk fortzuführen gedenkt, möge sie
+mir besagten Betrag hier in Florenz anweisen, an dem Orte, den ich ihr
+bezeichnen werde. In Carrara stehen mir viele Marmorblöcke zur Verfügung;
+die werde ich hierher schaffen lassen und ebenso die Stücke, die ich in Rom
+habe. Dadurch wurden mir zwar viele Kosten entstehen, allein das sollte
+mich nicht kümmern, wenn ich nur das Werk hier ausführen könnte. Dann würde
+ich die einzelnen Teile gleich nach ihrer Vollendung nach Rom schicken, und
+so gut gearbeitet, dass Seine Heiligkeit ebenso zufrieden sein sollte, als
+wenn ich in Rom wäre; ja noch zufriedener, weil sie dann ohne weitere
+Belästigung bloss die fertigen Werke sehen würde. Für die besagten
+Geldsummen und zur Durchführung besagten Werkes werde ich mich ganz so
+verpflichten, wie Seine Heiligkeit es wünscht und hier in Florenz jede
+geforderte Sicherheit geben. Es mag sein, was es will, ich werde jede
+Bürgschaft aufbringen: ganz Florenz wird doch genügen! Und dann noch dies:
+In Rom kann ich zu diesem Preise das Werk nicht vollenden; hier hingegen
+vermag ich es, weil ich mir vielerlei Erleichterungen verschaffen kann, die
+ich dort nicht finde. Ich werde auch besser und mit grösserer Liebe
+arbeiten, weil ich dann nicht mehr an so viele Sachen zu denken brauche.
+Einstweilen bitte ich Euch, mein liebster Giuliano, Ihr wollet mir Antwort
+geben und das bald. Das sei's.
+
+ Euer Michelangelo, Bildhauer.
+
+
+
+
+2.
+
+AN GIOVANNI SIMONE DI LODOVICO BUONARROTI IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, [Juli 1508].
+
+Giovan Simone! -- Man sagt, dass durch Wohltaten der Gute gebessert, der
+Böse aber nur noch schlimmer gemacht wird. Ich habe schon seit Jahren
+versucht, Dich durch gutes Wort und gute Tat zu einem rechtschaffenen und
+friedlichen Zusammenleben mit Deinem Vater und uns zu bringen, doch Du
+wirst immer schlimmer. Ich sage nicht, dass Du schlecht seist; aber Du
+führst Dich in einer Weise auf, die weder mir noch den andern gefällt. Ich
+könnte Dir eine lange Rede über Dein Betragen halten, allein es würden
+nutzlose Worte bleiben, wie alles, was ich Dir bisher gesagt habe. Ich will
+Dir darum kurz erklären, dass Du nichts in der Welt Dein eigen nennst.
+Lebensunterhalt gebe ich Dir seit geraumer Zeit, und auch das Reisegeld
+hast Du von mir erhalten. Um Gottes willen und weil ich glaubte, Du seiest
+mein Bruder wie die andern, habe ich Dir all das geschenkt. Jetzt aber
+weiss ich, dass Du mein Bruder nicht bist, denn wärest Du es, so würdest Du
+meinem Vater nicht drohen. Du bist vielmehr ein Tier, und als Tier werde
+ich Dich auch behandeln! Das lass Dir gesagt sein: Wer sieht, wie sein
+Vater bedroht oder geschlagen wird, hat die Pflicht, sein Leben für ihn
+einzusetzen, und damit genug! Ich wiederhole Dir, dass Du nichts besitzest,
+was Dir gehörte, und dass ich bei der ersten schlimmen Nachricht über Dich
+auf dem schnellsten Wege nach Florenz komme. Dann will ich Dich über Deinen
+Irrtum aufklären und Dich lehren, Dein Gut zu vergeuden und die Häuser und
+Grundstücke, die Du nicht durch Arbeit erworben hast, zu Grund zu richten.
+Du bist nicht, wo Du zu sein glaubst! Wenn ich hinkomme, will ich Dir die
+Augen öffnen, dass Du heisse Tränen weinen und erkennen sollst, auf welchem
+Grund Dein Hochmut steht.
+
+Ich wiederhole Dir: Wenn Du ein rechtschaffenes Leben führen und Deinen
+Vater achten und ehren willst, so werde ich Dir wie den anderen helfen und
+Euch bald eine schöne Werkstatt bauen lassen. Tust Du das aber nicht, dann
+werde ich kommen und die Sache in einer Weise ordnen, dass Du ganz klar
+einsehen sollst, was Du bist und was Du hast und es nie mehr vergessen
+sollst. Das sei's. Wo es an Worten fehlt, werde ich mit Taten sprechen.
+
+ Michelangelo.
+
+Ich kann es nicht über mich bringen; ich muss Dir noch einige Zeilen
+schreiben. Seit zwölf Jahren gehe ich bettelnd durch ganz Italien, dulde
+jede Schmach, ertrage jede Entbehrung, reibe meinen Körper auf in jederlei
+Anstrengung, setze mein Leben jeder Gefahr aus, nur um meiner Familie zu
+helfen; und dass nun, da ich sie ein wenig in die Höhe gebracht habe, Du es
+sein sollst, der in _einer_ Stunde all das zerstört und vernichtet, was ich
+in so vielen Jahren harter Arbeit gebaut habe, beim Leib des Heilandes, das
+will ich nicht erleben! Mit zehntausend Deinesgleichen will ich fertig
+werden, wenn es sein muss! Und nun sei gut, und bring' nicht einen Menschen
+auf, der wirklich andere Sorgen im Kopf hat.
+
+
+
+
+3.
+
+AN LODOVICO DI BUONARROTA SIMONI IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, den 20. Januar 1509.
+
+Liebster Vater! -- Ich habe heute einen Brief von Euch erhalten. Was ich
+daraus erfuhr, hat mich sehr geschmerzt. Ich fürchte, Ihr macht Euch mehr
+Sorge, als nötig ist. Wie hoch würde sich wohl der Schaden belaufen, den
+sie Euch im schlimmsten Falle zufügen könnte? Es wäre mir lieb, wenn Ihr
+mir das mitteilen wolltet. Sonst habe ich nichts zu sagen. Es bekümmert
+mich, dass Ihr Euch so ängstigt; darum rafft Euch auf und bereitet Euch gut
+auf ihre Angriffe vor; beratet Euch, dann aber denkt nicht länger daran.
+Denn wenn sie Euch auch alles nähme, was Ihr hier auf Erden besitzet, so
+wird es Euch doch nicht an Mitteln zu einem bequemen Leben fehlen, wenn
+auch niemand als ich da wäre, für Euch zu sorgen. Deshalb bleibt guten
+Mutes! Ich bin noch in grossen Nöten, denn ich habe seit nun schon einem
+Jahr keinen Heller mehr vom Papst bekommen; ich bitte ihn auch um nichts,
+denn meine Arbeit geht nicht so voran, dass ich etwas beanspruchen dürfte.
+Die Arbeit ist eben schwierig und schlägt dazu nicht in mein Fach. So
+verliere ich meine Zeit und erreiche nichts. ----
+
+ Euer Michelangelo.
+
+
+
+
+4.
+
+AN BUONARROTO DI LODOVICO DI BUONARROTA SIMONI IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, [den 17. Oktober 1509].
+
+Buonarroto! ---- In Deinem letzten Brief sagst Du, Lorenzo werde hier
+durchreisen, und ich solle ihn gut aufnehmen. Mir scheint, Du weisst nicht,
+wie ich hier lebe. Doch für diesmal will ich Dir verzeihen und werde tun,
+was ich kann. Ich höre, Gismondo will hierher kommen, um seine
+Angelegenheit zu ordnen. Sag ihm in meinem Namen, er dürfe nicht auf mich
+zählen; wohl ist er mir als Bruder lieb, aber ich kann ihm in keiner Weise
+helfen. Ich sollte auf mich mehr Rücksicht nehmen als auf die andern und
+kann nicht einmal mir das Nötige beschaffen. Ich bin hier sehr geplagt und
+lebe unter grossen körperlichen Entbehrungen, habe keinen Freund und will
+auch keinen. Ich habe nicht so viel Zeit, um das Nötigste zu essen, und
+will darum von keinerlei Belästigung mehr wissen, könnte auch keine Unze
+mehr davon ertragen.
+
+Seid eifrig in Euerem Gewerbe. Es freut mich, dass Giovansimone sich
+gebessert hat. Seht zu, dass Ihr Euren Besitz in gerechter Weise vermehrt
+oder erhaltet, damit Ihr später Grösseres unternehmen könnt, denn ich
+hoffe, Ihr könnt Euch einst selbständig machen, wenn ich heimkehre, und Ihr
+tüchtige Leute seid. Sag Lodovico, dass ich ihm nicht antwortete, weil ich
+keine Zeit hatte, und wundert Euch nicht, wenn ich nicht schreibe.
+
+ Michelangelo, Bildhauer.
+
+
+
+
+5.
+
+AN LODOVICO ...
+
+
+ _Rom_, den 15. September [1510].
+
+Liebster Vater! -- Ich habe hier bei Giovanni Balducci dreihundertfünfzig
+doppelte Golddukaten eingezahlt, die er Euch in Florenz zustellen soll.
+Sobald Ihr daher diesen Brief empfangen habt, geht zu Bonifazio Fazi, und
+er wird sie Euch auszahlen. (Dreihundertundfünfzig doppelte Golddukaten.)
+Wenn Ihr sie erhalten habt, bringt sie zum Spitalverwalter und sagt ihm, er
+solle sie so anlegen, wie er es mit dem früheren Geld getan hat. Es bleiben
+dann noch einige Dukaten, von denen ich schrieb, Ihr solltet sie behalten.
+Wenn Ihr es noch nicht getan habt, so tut es jetzt; braucht Ihr mehr, so
+nehmt, soviel Euch gut dünkt. Ich schenke Euch, was Ihr braucht, und wenn
+Ihr die ganze Summe ausgeben wolltet. Wenn es einer Weisung an den
+Spitalmeister bedarf, so lasst es mich wissen.
+
+Durch Euren letzten Brief erfuhr ich, wie Eure Sache steht. Es bekümmert
+mich sehr, aber ich kann nichts machen. Doch sollt Ihr Euch nicht
+entmutigen lassen und Euch auch kein bisschen grämen, denn wenn das Gut
+verloren geht, ist darum doch nicht das Leben verloren, und ich werde so
+viel verdienen, dass der Verlust reichlich gutgemacht wird. Doch bedenkt
+wohl, Ihr dürft nicht darauf zählen, denn die Erfüllung solcher
+Versprechungen ist doch unsicher. Tut gewissenhaft das Eure und danket
+Gott, dass diese Prüfung, wenn sie schon kommen soll, doch zu einer Zeit
+kommt, da Ihr Euch besser behelfen könnt, als es früher hätte geschehen
+können. Gehabt Euch wohl und lasst lieber das Geld fahren, als dass Ihr
+Euch Kummer macht. Ich will Euch am Leben haben, und wäre es auch in Armut;
+denn mit Eurem Tod möchte ich nicht alles Gold der Welt erkaufen. Und wenn
+die Schwätzer dort oder sonst jemand Euch tadeln, so lasst sie reden; es
+sind Menschen ohne Gewissen und ohne Liebe.
+
+ Euer Michelangelo, Bildhauer.
+
+
+
+
+6.
+
+AN LODOVICO ...
+
+
+ _Rom_, [Oktober 1512.]
+
+Liebster Vater! -- Ihr warnt mich in Eurem letzten Brief davor, Geld im
+Haus zu halten oder bei mir zu tragen; dann sagt Ihr mir, man erzähle sich
+bei Euch, ich habe Böses gegen die Medici gesagt.
+
+Nun, das Geld, das ich besitze, habe ich bei Balduccio auf der Bank liegen
+und behalte nur das im Haus oder in der Tasche, was ich für den Tag
+brauche. Was die Medici angeht, so habe ich nicht anders über sie
+gesprochen, als es allgemein und von jedermann geschieht, wie jüngst über
+das Geschick von Prato. Und da hätten die Steine geredet, wenn sie sprechen
+könnten. Auch sonst wurde hier vielerlei gesagt; wenn ich es hörte,
+erwiderte ich stets: Wenn sie wirklich so handeln, tun sie unrecht. Nicht
+als ob ich es geglaubt hätte; wolle Gott, dass es nicht so sei! Noch vor
+einem Monat haben einige, die mir Freundschaft bezeigen, sehr schlecht von
+den Taten der Medici gesprochen. Ich tadelte sie und sagte, sie täten
+unrecht, so zu reden, und sie sollten nichts mehr dergleichen in meiner
+Gegenwart äussern. Ich wünschte aber, dass Buonarroto vorsichtig in
+Erfahrung zu bringen suchte, woher der Betreffende gehört hat, ich rede
+gegen die Medici. Vielleicht kann ich dann ermitteln, von wem diese
+Gerüchte stammen, und mich in acht nehmen, wenn es vielleicht einer von
+denen ist, die sich meine Freunde nennen. Sonst habe ich nichts zu sagen.
+Ich bin noch untätig und warte, dass der Papst mir einen Auftrag gibt.
+
+ Euer Michelangelo, Bildhauer.
+
+
+
+
+7.
+
+AN BUONARROTO ... IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, den 30. Juli [1513].
+
+Buonarroto! ---- Michele erzählte mir, Du habest ihm vorgerechnet, dass Du
+in Settignano für uns ungefähr sechzig Dukaten von Deinem Gelde ausgegeben
+habest. Ich erinnere mich, dass Du auch hier bei Tisch zu mir sagtest, Du
+habest eine grosse Summe aufgewandt. Doch ich stellte mich, als verstünde
+ich nicht, wunderte mich aber nicht, denn ich kenne Dich. Ich denke, Du
+wirst Dir den Betrag aufgeschrieben haben, um ihn eines Tages von uns
+zurückfordern zu können. Ich möchte aber von Dir undankbarem Menschen
+wissen, mit welchem Geld Du ihn erworben hast; und ebenso möchte ich
+wissen, ob Ihr nicht mehr an jene zweihundertundachtundzwanzig Dukaten
+denkt, die Ihr mir von meinem Guthaben in Santa Maria Nuova genommen habt,
+an die vielen Hunderte, die ich für Euer Haus und die Familie ausgegeben
+habe, und an die Drangsale und Entbehrungen, die ich ertrug, um Euch zu
+helfen. Ich möchte wissen, ob Du daran denkst! Wenn Du nur soviel Verstand
+hättest, um die Wahrheit erkennen zu können, würdest Du nicht sagen: 'ich
+habe mein Geld ausgegeben', wärest auch nicht gekommen, um mich an Eure
+Forderungen zu mahnen; Du hättest vielmehr daran gedacht, wie ich mich Euch
+gegenüber in der vergangenen Zeit betragen habe. Du hättest Dir gesagt:
+'Michelangelo weiss, was er uns zugesichert hat, und wenn er es jetzt nicht
+erfüllt, so muss ihn irgend etwas, was wir nicht wissen, gehindert haben',
+und Ihr würdet Euch gedulden. Denn es tut nicht gut, dem Pferd noch die
+Sporen zu geben, das schon so schnell läuft, als es vermag. Aber Ihr habt
+mich nie gekannt und kennt mich auch jetzt nicht. Gott verzeihe es Euch! Er
+hat mir die Kraft gegeben, auszuharren unter der Last, die ich trage, damit
+Euch geholfen werde. Ihr werdet all dies schon einsehen, wenn Ihr mich
+nicht mehr habt.
+
+Ich glaube in diesem Sommer nicht nach Florenz kommen zu können, denn ich
+bin in einer Weise in Anspruch genommen, dass ich nicht einmal zum Essen
+Zeit habe. Gebe Gott, dass ich nicht erliege! Doch will ich -- und kann es
+auch -- Lodovico die Anweisung ausstellen, wie ich versprach, denn ich habe
+es nicht vergessen. Ich will Euch tausend doppelte Golddukaten geben, damit
+Ihr Euch mit diesem Geld und dem, was Ihr schon habt, selbst forthelfen
+könnt. Von Eurem Verdienst beanspruche ich nichts. Nur will ich die
+Sicherheit haben, dass Ihr mir nach Ablauf von zehn Jahren, wenn anders ich
+noch lebe, diese tausend Dukaten in Geld oder anderem Gut zurückgebt,
+sobald ich sie fordere. Ich glaube nicht, dass dieser Fall eintritt, aber
+wenn ich sie brauche, muss ich sie, wie gesagt, wiederbekommen. Das wird
+auch ein Zügel für Euch sein, damit Ihr sie nicht verschleudert. Überlegt
+Euch deshalb die Sache, beratet Euch und schreibt mir, was Ihr zu tun
+gedenkt. Die vierhundert Dukaten, die Ihr noch von mir habt, schenke ich
+Euch; sie sollen in vier Teile geteilt werden, so dass jeder von Euch
+hundert erhält. Hundert für Lodovico, hundert für Dich, hundert für
+Giovansimone und hundert für Gismondo, mit der Bedingung, dass Ihr das Geld
+zusammen in Euer Gewerbe steckt. Das sei's. Zeig' den Brief Lodovico;
+entschliesst Euch und gebt mir die Sicherheit, von der ich sprach. Am
+dreissigsten Juli. Vergiss nicht, das Geld, das ich Dir für Michele
+mitschicke, auch abzugeben.
+
+ Michelangelo, Bildhauer.
+
+
+
+
+8.
+
+AN LODOVICO ... IN SETTIGNANO.
+
+
+ _Florenz_ [1516].
+
+Liebster Vater! -- Ich war sehr erstaunt über Euer Tun, als ich Euch
+neulich nicht zu Hause fand. Nun höre ich, dass Ihr Euch über mich beklagt,
+dass Ihr erzählt, ich habe Euch vertrieben, und wundere mich immer mehr.
+Bin ich doch sicher, dass ich vom Tage meiner Geburt bis heute nie die
+Absicht hatte, Euch in irgend etwas, in Grossem oder Kleinem zu nahe zu
+treten, dass ich vielmehr alle Mühen meines Lebens Euch zu Liebe getragen
+habe. Und Ihr wisst, dass ich es seit meiner Rückkehr aus Rom nach Florenz
+stets mit Euch gehalten und jederzeit mein Eigentum zu Eurer Verfügung
+gestellt habe. Erst vor wenigen Tagen noch, als Ihr unwohl waret,
+versicherte und versprach ich Euch, mit all meinen Kräften und mein Leben
+lang Euch zu Diensten zu sein und bestätige es auch jetzt noch. Darum
+wundere ich mich heute, dass Ihr alles das so bald vergessen habt. Ihr samt
+Euren Kindern habt doch schon dreissig Jahre lang meine Treue erprobt und
+wisst, dass ich Euch immer wohl gesinnt war und Euch Gutes tat, so viel ich
+konnte. Wie könnt Ihr da sagen, ich habe Euch weggejagt? Seht Ihr denn
+nicht, in welch' schlechten Ruf Ihr mich gebracht habt, wenn man sich
+erzählt, ich habe Euch vertrieben? Nur dies Schlimmste fehlte mir noch in
+all meinen Mühseligkeiten, die ich Euch zu Liebe ertragen habe! Ihr
+vergeltet sie mir gut! Doch mag die Sache sein, wie sie wolle, ich will
+glauben, ich habe Euch stets Schande und Schaden gebracht, und bitte Euch
+so inständig um Vergebung, als ob ich es wirklich getan hätte. Denkt, Ihr
+habet einem Sohn zu verzeihen, der stets ein schlimmes Leben geführt und
+Euch alles Leid dieser Welt zugefügt hat, und ich bitte von neuem, Ihr
+möget mir schlechtem Menschen vergeben und mich nicht in den Ruf bringen,
+als habe ich Euch aus dem Hause gejagt, denn das geht mir näher als Ihr
+denkt, bin ich doch immer Euer Sohn. Diesen Brief wird Euch Raffaello da
+Gagliano bringen. Ich bitte Euch um Gottes-, nicht um meinetwillen, kommt
+nach Florenz, denn ich muss abreisen und habe Euch sehr wichtige
+Mitteilungen zu machen, kann aber nicht zu Euch kommen. Von meinem Diener
+Pietro habe ich aus seinem eigenen Munde Dinge gehört, die mir nicht
+gefallen. Ich habe ihn darum heute morgen nach Pistoja heimgeschickt, und
+er wird nicht mehr zu mir zurückkehren, denn ich will nicht, dass er
+unserem Hause Schaden bringt. Ihr hättet mich aber wirklich schon früher
+von der Sache in Kenntnis setzen können, denn ihr wusstet alle um sein
+Betragen und liesset mich darüber doch ganz im Dunkeln. Ich muss notwendig
+abreisen, will aber nicht fort, ehe ich Euch gesprochen habe und Euch hier
+im Haus zurücklassen kann. Ich bitte Euch, lasst allen Groll fahren und
+kommt!
+
+ Euer Michelangelo.
+
+
+
+
+9.
+
+AN BUONARROTO ... IN FLORENZ.
+
+
+ [_Carrara_], den 23. November 1516.
+
+Buonarroto! -- Du schreibst mir in Deinen zwei letzten Briefen, Lodovico
+sei todkrank gewesen, der Arzt habe aber neuerdings erklärt, bis auf
+weiteres sei er ausser Gefahr. Wenn es so ist, komme ich nicht nach
+Florenz, denn es würde mir sehr schwer fallen. Sollte aber noch Gefahr
+sein, so will ich ihn um jeden Preis noch einmal sehen, ehe er stirbt, und
+müsste ich auch mit ihm sterben. Aber ich hoffe zuversichtlich, es geht ihm
+gut, und deshalb komme ich nicht. Sollte ein Rückfall eintreten, wovor Gott
+ihn und uns behüten möge, so sieh zu, dass ihm die geistlichen Tröstungen
+und die Sakramente der Kirche nicht fehlen, und lass Dir von ihm sagen, ob
+er wünscht, dass wir etwas Bestimmtes für sein Seelenheil tun. Sorge auch,
+dass ihm für sein leibliches Wohl nichts abgeht, denn ich habe mich nur für
+ihn geplagt, um ihm noch bis zu seinem Tode helfen zu können. Sag' Deiner
+Frau, sie solle mit Liebe für seinen Haushalt sorgen; ich werde Euch alles
+vergüten, wenn es nötig ist. Sparet nichts, und sollten wir auch alles
+darangeben, was wir besitzen. Damit mag es genug sein. Lebt in Frieden und
+Du schreibe mir, wie es steht, denn ich bin in grosser Angst und Sorge.
+----
+
+
+
+
+10.
+
+AN PAPST CLEMENS VII. IN ROM.
+
+
+ _Florenz_, [1524].
+
+Heiliger Vater! -- Mittelspersonen verursachen oft viel Arger und
+Verwirrung, deshalb wage ich es, ohne eine solche an Eure Heiligkeit über
+die Gräber hier in San Lorenzo zu schreiben. Ich weiss wirklich nicht, was
+besser ist, das Schlimme, das Nutzen bringt, oder das Gute, das Unheil
+anrichtet. Doch so viel weiss ich gewiss: ich mag noch so untauglich und
+unvernünftig sein, aber wenn man mich ruhig hätte fortfahren lassen, wie
+ich angefangen hatte, dann wären jetzt alle Marmorblöcke für die Arbeiten
+in Florenz, und zwar mit geringeren Kosten, als bis jetzt bereits
+aufgewendet wurden, schon für ihren Zweck zugehauen und in so gutem
+Zustande, wie alle anderen, die ich bisher schon hergebracht habe.
+
+Nun fürchte ich, dass sich die Sache noch lange hinziehen wird, und weiss
+nicht, wie sie ausgehen kann. Ich bitte daher im voraus Eure Heiligkeit um
+Entschuldigung für den Fall, dass sich etwas Missliches ereignen sollte,
+denn ich habe keine Autorität und glaube deshalb auch für nichts
+verantwortlich zu sein. Ich bitte aber Eure Heiligkeit, wenn Ihr mir
+irgendeinen Auftrag zuweisen wollt, mir in meiner Arbeit keinen
+Vorgesetzten zu geben, sondern mir Vertrauen zu schenken und freie Hand zu
+lassen. Ihr werdet dann sehen, was ich vollbringen und wie ich Euch
+Rechenschaft über meine Tätigkeit geben werde.
+
+Die Laterne der Kapelle von San Lorenzo hat Stefano vollendet und enthüllt.
+Sie gefällt jedermann und wird, so hoffe ich, auch Eurer Heiligkeit
+zusagen, wenn Ihr sie seht. Wir lassen jetzt die Kugel anfertigen. Sie wird
+einen Arm im Durchmesser betragen. Ich dachte, sie facettieren zu lassen,
+um sie von den übrigen etwas zu unterscheiden, und so wird sie denn auch
+ausgeführt.
+
+ Eurer Heiligkeit Diener
+
+ Michelangelo, Bildhauer.
+
+
+
+
+11.
+
+AN SEBASTIANO DEL PIOMBO IN ROM.
+
+
+ [_Florenz_, Mai 1525.]
+
+Mein teuerster Sebastiano! -- Gestern abend nahmen mich unser Freund, der
+Hauptmann Cujo, und einige Edelleute gütigerweise zum Abendessen mit. Das
+machte mir grosse Freude, denn dadurch wurde ich für kurze Zeit aus meiner
+Melancholie -- wenn ich sie nicht Wahnsinn nennen soll -- gerissen. Die
+Mahlzeit war sehr ergötzlich. Noch mehr freuten mich die Gespräche, die da
+geführt wurden; besonders als ich den Hauptmann Euren Namen nennen hörte,
+war ich ganz entzückt. Und wie nun besagter Hauptmann erklärte, Ihr seiet
+einzig auf Erden und in der Kunst und werdet auch entsprechend in Rom
+geschätzt, wäre meine Freude noch gewachsen, wenn das nur möglich gewesen
+wäre. Auf diese Art wurde mir bestätigt, dass mein Urteil über Euch nicht
+falsch war. Drum widersprecht mir nicht mehr, wenn ich Euch in meinen
+Briefen "einzig" nenne, denn ich habe der Zeugen genug; dazu haben wir hier
+ein Bild, das weiss Gott jeden, der Augen hat, zwingt, mir recht zu geben.
+
+
+
+
+12.
+
+AN GIOVAN SIMONE ... IN SETTIGNANO.
+
+
+ _Florenz_, [1533].
+
+Giovan Simone! -- Mona Margherita hat mich falsch verstanden. Als ich
+vorgestern morgen von Dir und Gismondo sprach -- Ser Giovanni Francesco war
+dabei --, sagte ich, ich habe für Euch stets mehr getan als für mich und
+viele Mühen auf mich genommen, damit Ihr keine zu tragen hättet, Ihr aber
+habet nichts getan, als mich in ganz Florenz zu verleumden. So viel habe
+ich gesagt, und wollte Gott, es wäre nicht wahr, dass Ihr Euch wie Tiere
+benommen habt! Was Deinen Aufenthalt in Settignano angeht, so bleib nur
+dort, pflege dich und sieh zu, dass Du gesund wirst. Was an mir liegt, will
+ich stets für Euch tun, denn ich achte nur auf meine Pflicht, nicht auf
+Eure Reden. Dann wünschte ich, Du beschafftest dort eine Wohnung, damit
+auch Mona Margherita hinkommen kann, denn mein Vater hat sie mir vor seinem
+Tode empfohlen, und ich werde sie deshalb nie verlassen.
+
+ Michelangelo.
+
+
+
+
+13.
+
+AN MESSER LUIGI DEL RICCIO IN ROM.
+
+
+ [_Rom_, 1542.]
+
+Dieses [Madrigal] habe ich vor längerer Zeit nach Florenz geschickt. Nun
+ich es umgearbeitet habe, sende ich es Euch, damit Ihr, wenn es Euch so
+beliebt, es den Flammen gebet, denen, meine ich, die mich verzehren. Noch
+bitte ich Euch um eine andere Gnade. Ihr sollt mich nämlich von einem
+Zwiespalt erlösen, in den mein Geist heute nacht geriet. Denn als ich
+unsern Liebling im Traum grüsste, schien es mir, als ob er mit einem
+Lächeln mir drohte. Da ich nun ungewiss bin, welcher der beiden Gebärden
+ich glauben soll, so bitte ich Euch, fragt ihn selbst; und wenn wir uns am
+Sonntag wiedersehen, lasst es mich wissen.
+
+ Ich bleibe, Euch stets verpflichtet, der Eurige.
+
+----
+
+
+
+
+14.
+
+AN MESSER LUIGI DEL RICCIO, MEINEN FREUND ODER VIELMEHR VEREHRUNGSWÜRDIGEN
+HERRN, IN ROM.
+
+
+ [_Rom_, 1543.]
+
+Mein lieber Messer Luigi! -- Ich weiss, dass Ihr im Zeremonienwesen ein
+ebenso vollendeter Meister seid, als ich darin untauglich bin. Ich habe nun
+von Monsignor di Todi das Geschenk erhalten, von dem Euch Urbino berichten
+wird, und da ich glaube, dass Ihr mit Seinen Gnaden befreundet seid, so
+bitte ich Euch, danket ihm in meinem Namen mit den Zeremonien, die Euch
+leicht, mir aber schwer fallen. ----
+
+ Euer Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+15.
+
+AN MESSER LUIGI DEL RICCIO.
+
+
+ [_Rom_ 1545.]
+
+Unser toter Freund redet und spricht: Der Himmel nahm allen Menschen der
+Welt ihre Schönheit und schenkte sie mir allein. Durch göttliches Gesetz
+werde ich am Tage des Gerichts auferstehen, wie ich im Leben war. Darum
+kann der Himmel die Schönheit, mit der er mich begabt hat, jenen nimmer
+wiedergeben, denen er sie raubte, und so muss ich in Ewigkeit schöner
+bleiben als alle, und alle anderen hässlich.
+
+Diese Auffassung ist das Gegenteil von der, die Du mir gestern
+auseinandersetztest und ist die rechte, jene aber ist ein Gefabel.
+
+ Euer Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+16.
+
+AN VITTORIA COLONNA IN ROM.
+
+
+ [_Rom_ 1545.]
+
+Edle Frau, ich wollte die Gaben, die Eure Gnade mir schon oft zugedacht
+hatte, nicht annehmen, bevor ich Euch nicht ein Werk von meiner Hand bieten
+könnte, um so ihrer weniger unwürdig zu sein. Aber ich sah ein und
+erkannte, dass man die Gnade Gottes nicht kaufen kann, und dass es grosse
+Sünde ist, ihr Hindernisse zu bereiten. So bekenne ich meine Schuld und
+nehme Eure Gaben freudig an. Und wenn sie mein sind, werde ich mich im
+Paradies fühlen; nicht weil ich sie in meinem Hause haben werde, sondern
+weil ich in ihrem Hause wohnen darf. Und ich werde dadurch, edle Frau, noch
+mehr in Eurer Schuld sein, als ich schon bin, wenn dies überhaupt möglich
+ist.
+
+Diesen Brief wird Euch mein Diener Urbino bringen. Ihm werdet Ihr sagen
+können, wann ich nach Eurem Wunsche kommen soll, um den Kopf zu sehen, den
+Ihr mir zu zeigen versprachet.
+
+Ich empfehle mich Eurer Gnade.
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+17.
+
+AN VITTORIA COLONNA IN ROM.
+
+
+ [_Rom_, 1538-41 oder 1545-46.]
+
+Frau Marchesa! -- Da ich in Rom bin, hätte ich eigentlich den Kruzifixus
+nicht Messer Tommaso anzuvertrauen und ihn so zum Mittler zwischen Euch und
+mir, Eurem Diener, zu machen brauchen. Ich wünsche für Euch Grösseres zu
+schaffen, als für irgendeinen anderen mir bekannten Menschen dieser Welt.
+Allein ich war und bin noch in so viele Geschäfte verwickelt, dass ich Euer
+Gnaden dies nicht zu beweisen vermochte. Ich weiss ja, Euch ist bekannt,
+dass die Liebe den Weg stets findet, und der Liebende nicht schläft, und
+hätte darum um so weniger eines Mittlers bedurft. Aber wenn es auch den
+Anschein hatte, als ob ich nicht an Euch dächte, tat ich doch, was ich
+nicht aussprach, um Unerwartetes zu vollbringen. Mein Plan ist misslungen.
+"Unrecht tut der, der solche Treue schnell vergisst."
+
+ Eurer Gnaden Diener
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+18.
+
+AN LIONARDO DI BUONARROTA SIMONI IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, [den 6. Februar 1546].
+
+Lionardo! -- Du bist mit Deiner Auskunft über die Besitzung der Corboli
+sehr rasch zur Stelle gewesen. Ich dachte nicht, dass Du noch in Florenz
+seiest. Hast Du am Ende Furcht, mein Anerbieten könnte mich reuen, wie man
+Dir vielleicht eingeredet hat? Ich sage Dir, dass ich langsam vorgehen
+will, denn ich habe das Geld hier mit einer Mühe verdient, die der nicht
+kennt, der wie Du im Überfluss geboren ist.
+
+Ich glaube auch nicht, dass Du mit solcher Eile nach Rom gekommen wärest,
+wenn ich im Elend lebte und es mir an Brot fehlte. Du brauchst ja nur das
+Geld wegzuwerfen, das Du nicht verdient hast. So eifrig bist Du, diese
+Erbschaft nicht zu verlieren! Und sagst noch, es sei Deine Pflicht gewesen,
+zu kommen, weil Du mich liebest! Wie der Holzwurm die Balken! Wenn Du
+wirklich Liebe für mich hegtest, hättest Du mir jetzt geschrieben:
+"Michelangelo, verwendet Euer Geld für Euch, denn uns habt Ihr schon so
+viel gegeben, dass wir genug haben. Uns ist Euer Leben lieber als Euer
+Geld."
+
+Ihr habt seit vierzig Jahren von meiner Arbeit gelebt, aber noch nie habe
+ich von Euch auch nur ein gutes Wort bekommen. Freilich hast Du voriges
+Jahr so viel Tadel hören müssen, dass Du mir aus Scham eine Last Trebbianer
+schicktest, aber ich wünschte, Du hättest auch die behalten!
+
+Ich schreibe dies nicht deshalb, weil ich dem Ankauf abgeneigt bin; ich
+will kaufen, um mir eine Rente zu sichern, weil ich nicht mehr arbeiten
+kann; aber ich werde langsam vorgehen, denn ich will mir keine
+Verdriesslichkeiten kaufen. -- Darum eile Dich nicht.
+
+ Michelangelo.
+
+Wenn man Dir in Florenz etwas in meinem Namen ausrichtet, oder Dich um
+etwas bittet, so darfst Du niemandem Glauben schenken, wenn er Dir nichts
+Handschriftliches von mir vorweisen kann. ----
+
+
+
+
+19.
+
+AN DEN ALLERCHRISTLICHSTEN KÖNIG VON FRANKREICH.
+
+
+ _Rom_, den 26. April 1546.
+
+Heilige Majestät! -- Ich weiss nicht, was grösser ist, Eure Gnade oder mein
+Erstaunen darüber, dass Eure Majestät sich herabgelassen hat, an
+meinesgleichen zu schreiben, ja mehr noch, mich um Arbeiten zu bitten, die
+des Namens Eurer Majestät wirklich nicht würdig sind. Doch mögen diese
+sein, wie sie wollen; Eure Majestät soll wissen, dass ich schon seit langem
+wünschte, Euch zu dienen. Da ich aber hierzu nicht, wie in Italien,
+Gelegenheit fand, habe ich es noch nicht tun können. Nun bin ich alt und
+noch für einige Monate mit Arbeiten für Papst Paul beschäftigt. Wenn ich
+aber nach deren Vollendung noch am Leben bin, so werde ich versuchen, das,
+was ich schon lange für Eure Majestät zu tun wünschte, auch wirklich
+auszuführen, und zwar ein Werk in Marmor, eins in Bronze und ein Gemälde.
+Und wenn der Tod die Verwirklichung dieses Wunsches vereitelt, und man im
+anderen Leben noch meisseln und malen kann, so werde ich dort, wo man nicht
+altert, es an mir nicht fehlen lassen. Eurer Majestät aber erflehe ich von
+Gott ein langes und glückliches Leben.
+
+Aus Rom am XXVI. April MDXLVI.
+
+ Eurer Allerchristlichsten Majestät
+ untertänigster Diener
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+20.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, [August 1547].
+
+Lionardo! -- Mit Deinem Brief erhielt ich die Quittung über die
+fünfhundertundfünfzig Dukaten in Gold, die ich hier bei Bettino eingezahlt
+habe. Du schreibst mir, vier davon werdest Du jener Frau zu Gottes Ehre
+geben. Damit bin ich wohl zufrieden. Ich wünsche, dass weitere
+sechsundvierzig zu Gottes Ehre, für das Seelenheil Deines Vaters Buonarroto
+und für das meinige verschenkt werden. Suche irgend einen bedürftigen
+Bürger, der Töchter zu verheiraten oder in einem Kloster unterzubringen
+hat. Dem gib, aber heimlich. Sieh zu, dass Du nicht betrogen wirst, lass
+Dir eine Quittung ausstellen und schicke sie mir; ich rede von Bürgern und
+weiss, dass sie sich zu betteln schämen, wenn sie in Not sind. ---- Ich
+rate Euch, legt das Geld, das ich Euch schickte, in einem guten Grundstück
+oder dergleichen an, denn es ist gefährlich, es im Haus zu behalten, zumal
+heutzutage. Seid deshalb vorsichtig und haltet die Augen offen.
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+21.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, [den 16. Januar 1548].
+
+Lionardo! -- Durch Deinen letzten Brief erfuhr ich vom Tode Giovansimones.
+Die Nachricht hat mich tief geschmerzt, denn wenn ich auch schon so alt
+bin, hoffte ich doch, ihn vor seinem und meinem Tode noch einmal zu sehen.
+Gott hat es so gewollt, ertragen wir es! Ich möchte gern ausführlicher
+hören, wie er gestorben ist, ob er vor seinem Tode gebeichtet und
+kommuniziert hat, und alle seine religiösen Angelegenheiten geordnet sind;
+denn wenn ich erfahren habe, dass es so ist, werde ich weniger bekümmert
+sein. ----
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+22.
+
+AN MESSER BENEDETTO VARCHI.
+
+
+ _Rom_, [1549].
+
+Messer Benedetto! -- Damit Ihr sehet, dass ich Euer Büchlein wirklich
+empfangen habe, will ich auf die Frage, die darin gestellt wird, einiges
+antworten, wenn auch bescheiden und als Laie. Ich meine, die Malerei sei um
+so höher zu achten, je mehr sie sich der Plastik nähert, und diese um so
+geringer, je mehr sie der Malerei nahekommt. So schien mir auch stets, als
+sei die Skulptur die Leuchte der Malerei und zwischen jener und dieser der
+gleiche Unterschied, wie zwischen Sonne und Mond. Seitdem ich aber Euer
+Büchlein gelesen habe, in dem Ihr auseinandersetzt, dass, philosophisch
+betrachtet, beide Künste das gleiche Ziel haben, beide das Gleiche sind,
+bin ich anderer Meinung geworden und sage so: Wenn nicht ein grösserer
+Aufwand von Überlegung und Mühe, grössere Schwierigkeiten und Anstrengungen
+dem Werke auch grösseren Adel verleihen, dann sind Malerei und Skulptur ein
+Ding. Und damit sie auch als solches anerkannt würden, dürfte kein Maler
+die Bildhauerei weniger als die Malerei betreiben, und ebenso müsste jeder
+Bildhauer in gleichem Masse Maler wie Bildhauer sein. Ich verstehe unter
+Skulptur die Kunst, die durch Wegnehmen geübt wird, während die, die durch
+Auflegen arbeitet, Malerei ist. Dann sollte man es aber auch kurz machen
+und beide Künste, Skulptur und Malerei, weil sie doch durch die gleiche
+Intelligenz geübt werden, einen rechtschaffenen Frieden schliessen und das
+viele Disputieren sein lassen, denn das kostet mehr Zeit, als die Bildwerke
+selbst zu machen. Versteht aber der, der die Malerei edler nannte als die
+Skulptur, alle Dinge, worüber er schreibt, so gut wie dies, so hätte meine
+Magd seine Schriften wohl besser geschrieben. Unendlich viele nie
+ausgesprochene Dinge liessen sich noch über dergleichen Künste sagen; aber,
+wie ich bemerkte, das würde viel Zeit erfordern, und ich habe nur wenig,
+denn ich bin nicht nur alt, sondern stehe schon fast im Grabe. Darum bitte
+ich Euch, haltet mich für entschuldigt. Euch aber empfehle ich mich und
+danke Euch nach bestem Können für die allzugrosse Ehre, die Ihr mir
+erweiset, und die mir nicht zukommt.
+
+ Euer Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+23.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ [_Rom_,] den 1. Februar 1549.
+
+Lionardo! -- Ich schickte Dir mit meinem letzten Brief ein Verzeichnis
+mehrerer heiratsfähiger Mädchen, das mir von Florenz zugesandt wurde, ich
+glaube von einem Vermittler, der übrigens ein wenig vernünftiger Mann sein
+muss, denn er konnte sich doch denken, dass ich, nun schon seit sechzehn
+oder siebzehn Jahren dauernd in Rom, wenig Kenntnis von den florentinischen
+Familien haben kann.
+
+Ich sage Dir deshalb, achte nicht auf meine Meinung, wenn Du heiraten
+willst, denn ich vermag Dir keinen guten Rat zu geben. Nur das kann ich Dir
+ans Herz legen, laufe nicht dem Geld nach, sondern sieh auf Herzensgüte und
+guten Ruf.
+
+Ich glaube, es gibt in Florenz viele verarmte, adlige Familien, für die es
+eine Wohltat wäre, wenn Du mit ihnen Verwandtschaft anknüpftest. Auf die
+Mitgift könntest Du verzichten, wenn nur auch kein Hochmut da wäre. Du
+brauchst eine Frau, die bei Dir bleibt und Dir gehorcht, die keinen Aufwand
+liebt und nicht jeden Tag auf Hochzeiten und Gastereien gehen will, denn wo
+ein Hof ist, ist es nicht schwer, zur Dirne zu werden. Du brauchst Dich
+auch nicht um das Gerede zu kümmern, Du wollest Dich adlig machen, denn es
+ist bekannt, dass wir alteingesessene Bürger von Florenz und so vornehmen
+Geschlechts wie irgendeine andere Familie sind. Nun empfiehl Dich Gott,
+dass er Dir das Rechte gebe. Ich wünschte, Du liessest es mich wissen,
+sobald Du etwas Geeignetes gefunden zu haben glaubst, und zwar bevor Du die
+Verbindung eingehst.
+
+
+
+
+24.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, den 20. Mai 1553.
+
+Lionardo! -- In Deinem letzten Brief schriebst Du mir, Du habest Deine Frau
+nun heimgeführt, seiest sehr befriedigt und sollest mich in ihrem Namen
+grüssen. ---- Es freut mich innig, dass Du so zufrieden bist, und ich
+denke, man soll Gott dafür nach bestem Können preisen. ---- Für ihren Gruss
+danke ihr; sag' ihr in meinem Namen all das, was Du mündlich zu sagen
+weisst, ich aber nicht zu schreiben verstehe. Ich wünsche auch, dass man
+sie als die Frau eines meiner Neffen erkenne; bisher konnte ich das nicht
+durch die Tat beweisen, weil Urbino noch nicht da war. Nun ist er seit zwei
+Tagen zurückgekehrt, und ich will meinen guten Willen zeigen. Man sagt mir,
+ein schöner Schmuck von guten Perlen werde hier wohl anstehen. Ich habe
+darum einen mit Urbino befreundeten Goldschmied beauftragt, nach solchen zu
+suchen und hoffe, er wird sie finden. Doch sag' ihr noch nichts davon.
+Solltest Du aber etwas anderes für besser halten, so schreibe mir. Das
+sei's. Sorge für Deine Gesundheit und vergiss nicht, dass es stets mehr
+Witwen als Witwer gibt.
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+25.
+
+AN GIORGIO VASARI.
+
+
+ _Rom_, April 1554.
+
+Messer Giorgio, mein lieber Freund! -- Euer Brief hat mir grosse Freude
+gemacht, denn er bewies mir, dass Ihr Euch noch des armen Alten erinnert.
+Ein wahrer Triumph war für mich Eure Botschaft, ein neuer Buonarroto sei
+geboren. Ich danke Euch darum von ganzem Herzen und soviel ich kann. Doch
+missfiel mir der Aufwand, der getrieben wurde. Der Mensch soll nicht
+lachen, wenn die Welt ringsum weint. Ich meine daher, Lionardo hat nicht
+eben vernünftig gehandelt, als er eines Neugeborenen wegen solche Pracht
+entfaltete. Solche Festlichkeit soll man für den Tod dessen aufsparen, der
+rechtschaffen gelebt hat. Sonst habe ich nichts zu sagen. Ich danke Euch
+aufrichtig für die Liebe, die Ihr mir beweiset, obwohl ich Ihrer nicht
+würdig bin. Die Dinge gehen hier ihren alten Gang. Am -- ich weiss nicht
+wievielten -- April 1554.
+
+ Euer Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+26.
+
+AN MESSER GIORGIO, DEN VORTREFFLICHEN MALER, IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, den 15. Mai 1555.
+
+Ich wurde mit Gewalt zur Leitung des Baues von Sankt Peter gezwungen und
+habe nun schon ungefähr acht Jahre ohne Entgelt, ja mit grossem Schaden und
+viel Ärger der Aufgabe geopfert. Nun geht die Arbeit voran, wir haben Geld
+und ich bin im Begriff, die Kuppel zu wölben; wollte ich jetzt abreisen, so
+würde das den Bau zugrunde richten. Das müsste mir in der ganzen
+Christenheit die grösste Schande bringen und würde eine schwere Schuld für
+meine Seele sein. Darum bitte ich Euch, mein lieber Herr Giorgio, dankt dem
+Herzog in meinem Namen für die grossen Anerbietungen, von denen Ihr mir
+schreibt und bittet ihn, er möge mich in Gnaden noch so lange hier arbeiten
+lassen, bis ich in gutem Ruf und mit Ehren und ohne Sünde von hier abreisen
+kann.
+
+ Euer Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+27.
+
+AN MESSER GIORGIO VASARI, MEINEN LIEBEN FREUND, IN FLORENZ.
+
+
+ _Rom_, den 23. Februar 1556.
+
+Messer Giorgio, mein lieber Freund! -- Das Schreiben kommt mich schwer an,
+aber um Euch zu antworten, will ich einiges sagen. Ihr wisst, dass Urbino
+gestorben ist. Durch seinen Tod hat Gott mir eine grosse Gnade gegeben,
+aber ich habe sie mit einem teuren Gut und mit unendlichem Schmerz bezahlen
+müssen. Die Gnade war die, dass er, der während seines Lebens mich am Leben
+hielt, durch seinen Tod mich sterben lehrte. Und nun sehe ich dem Tode
+nicht mehr mit Widerwillen, sondern mit Sehnsucht entgegen. Ich habe ihn
+sechsundzwanzig Jahre bei mir gehabt und ihn für ganz wahrhaftig und treu
+befunden; und nun, da ich ihn reich gemacht hatte und hoffte, er werde der
+Stab meines Alters sein, ist er mir entschwunden, und ich habe keine
+Hoffnung mehr als die, ihn im Himmel wiederzusehen. Für diese aber hat uns
+Gott seinen seligen Tod Bürge sein lassen. Nun schmerzt es mich nicht mehr,
+dass ich sterben muss, sondern dass er mich mit so viel Leiden in dieser
+treulosen Welt lebend zurückliess, denn der grössere Teil von mir ist mit
+ihm gegangen, und mir ist nur ein tiefes Elend geblieben. Ich bitte Euch
+inständig, entschuldigt mich, wenn es Euch keine Mühe macht, bei Messer
+Benvenuto, dass ich ihm noch nicht auf seinen Brief antwortete. Ich bin so
+in diesen traurigen Gedanken versunken, dass ich nicht schreiben kann.
+Empfehlt mich ihm, und ich empfehle mich Euch.
+
+ Euer Michelangelo.
+
+
+
+
+28.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, den 31. Mai 1556.
+
+Lionardo! -- Francesca bittet mich in einem Brief, ich möge ihrem
+Beichtvater zehn Dukaten geben, um ein armes Mädchen im Kloster von Santa
+Lucia unterzubringen. Ihr zu Liebe will ich es tun, denn ich weiss, sie
+würde mich nicht bitten, wenn es kein wohlangebrachtes Almosen wäre. Aber
+ich weiss nicht, wie ich das Geld in Florenz auszahlen lassen soll. Ich
+wünschte darum, dieser Beichtvater hätte hier einen zuverlässigen Freund;
+dem würde ich es geben, sobald ich benachrichtigt würde.
+
+Es freut mich zu hören, dass es Cassandra gut geht; empfiehl mich ihr, und
+haltet Euch gesund.
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+29.
+
+AN GIORGIO VASARI.
+
+
+ _Rom_, den 18. Dezember 1556.
+
+Messer Giorgio! -- Ich habe das Büchlein Messer Cosimos, das Ihr mir
+schicktet, erhalten. In diesem Brief liegt ein Dankschreiben an seine
+Gnaden. Ich bitte Euch, gebt es ihm und empfehlt mich ihm. Ich habe dieser
+Tage unter grossen Mühen und Kosten, aber mit innigem Vergnügen einen
+Besuch bei den Einsiedlern in den Bergen von Spoleto gemacht und bin nur
+halb wieder hier in Rom, denn wirklichen Frieden findet man nur in den
+Wäldern. Sonst weiss ich Euch nichts zu sagen. Es freut mich, dass Ihr
+gesund und fröhlich seid, und ich empfehle mich Euch.
+
+ Euer Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+30.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, den 16. Juni 1557.
+
+Lionardo! ---- Mit meiner Gesundheit steht es schlecht; ich habe all die
+Beschwerden, die das Alter heimsuchen, ein Steinleiden, dass ich nicht
+urinieren kann, dazu Schmerzen in den Seiten und im Rücken, dass es mir oft
+unmöglich ist, eine Treppe zu ersteigen. Das Schlimmste sind aber die
+Sorgen, die mich quälen. Denn wenn ich all die Bequemlichkeiten aufgebe,
+über die ich hier verfügen kann, so lebe ich keine drei Tage mehr. Doch
+möchte ich auch nicht die Gnade des Herzogs verlieren, ebensowenig aber den
+Bau von Sankt Peter im Stich lassen oder mich selbst vernachlässigen. Bitte
+Gott, dass er mir helfe und rate. Sollte es mit mir schlimmer werden, mich
+etwa ein gefährliches Fieber anfallen, dann werde ich gleich nach Dir
+schicken. Lass Dir aber nicht einfallen, zu kommen, bevor Dich ein Brief
+von mir ruft.
+
+Empfiehl mich Messer Giorgio. Er kann mir sehr nützlich sein, wenn er will,
+denn der Herzog ist ihm wohlgesinnt.
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+31.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, den 15. Juni 1559.
+
+Lionardo! ---- Ich erhielt von Dir zwei Briefe, in denen Du mich sehr
+angelegentlich bittest, ich möchte nach Florenz zurückkehren. Du weisst,
+glaube ich, noch nicht, dass ich vor ungefähr vier Monaten durch den
+Kardinal von Carpi, der zur Baukommission von Sankt Peter gehört, vom
+Herzog von Florenz die Erlaubnis erhielt, in Rom beim Bau von Sankt Peter
+zu bleiben. Ich dankte Gott dafür und freute mich sehr. Nun, wie schon
+gesagt, schreibst Du mir so angelegentlich, ich weiss aber nicht, tust Du
+das, weil Du mich dort haben möchtest, oder steht die Sache anders. Sprich
+Dich deshalb ein wenig klarer aus, denn alles Derartige regt mich auf und
+ist mir lästig. ----
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+Das Schreiben fällt mir sehr schwer, Hand, Augen und Gedächtnis versagen.
+Ich bin alt!
+
+
+
+
+32.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, [den 15. März 1560].
+
+Lionardo! -- Ich antwortete auf Dein Schreiben vom Samstag nicht, denn ich
+hatte keine Zeit. Nun sage ich Dir, dass ich mich über die Geburt Deiner
+Tochter sehr freute. Unsere Familie steht allein; so wird sie uns einst
+eine gute Verwandtschaft erwerben können. Haltet sie gut. Ich werde ja
+nicht mehr am Leben sein, wenn es soweit ist. Wenn es Zeit ist, dass Du
+nach Rom kommst, werde ich Dich benachrichtigen, wie ich Dir ja schon
+schrieb. Wisse, dass die grösste Plage für mich hier in Rom die
+Beantwortung Deiner Briefe ist.
+
+ Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+33.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, den 21. August 1563.
+
+Lionardo! -- Ich ersehe aus Deinem Schreiben, dass Du neidischen,
+schlechten Menschen Glauben schenkst, die dir Lügenbriefe schicken, weil
+sie mich nicht bestehlen und nach Gutdünken regieren können. Es ist eine
+Bande habsüchtiger Kerle, und Du bist ein Tor, dass Du ihrem Gerede über
+mich glaubst, als ob ich ein Kind wäre! Schaff' Dir die schamlosen,
+neidischen, verkommenen Menschen aus den Augen! Dann schreibst Du, ich habe
+Scherereien im Haushalt und anderes. Lass Dir gesagt sein, dass es mir
+nicht besser gehen und dass ich in jeder Beziehung nicht sorgsamer
+behandelt werden könnte. Ich habe ganz vertrauenswürdige und ehrliche Leute
+im Hause, die mich durchaus nicht bestehlen, wie Du zu glauben scheinst.
+Sieh zu, dass Deine Angelegenheiten gut gehen und kümmere Dich nicht um die
+meinigen, denn ich weiss mir zu helfen, wenn es nötig ist und bin kein
+Kind. Lass es Dir gut gehen!
+
+ Michelangelo.
+
+
+
+
+34.
+
+AN LIONARDO ...
+
+
+ _Rom_, den 28. Dezember 1563.
+
+Leonardo! -- Zugleich mit Deinem letzten Brief erhielt ich zwölf hübsche
+und wohlschmeckende Märzkäschen. Besten Dank! Ich freue mich, dass es Euch
+wohl geht. Auch ich befinde mich nicht schlecht. In der letzten Zeit habe
+ich mehrere Briefe von Dir erhalten, konnte aber nicht antworten, denn
+meine Hand gehorcht mir nicht mehr. Von nun an werde ich andere schreiben
+lassen und selbst nur noch unterzeichnen. Das sei's.
+
+ Ich Michelangelo Buonarroti.
+
+
+
+
+
+BRIEFE DER VITTORIA COLONNA AN MICHELANGELO.
+
+
+Übersetzt von R. A. Guardini.
+
+
+
+
+1.
+
+
+ [_Rom_, 1538-41, oder 1545/46.]
+
+Mein teuerster Meister Michelangelo! -- Ich bitte Euch, schickt mir auf
+kurze Zeit den Kruzifixus, wenn er auch noch nicht vollendet ist, denn ich
+will ihn einigen Kavalieren des Hochwürdigsten Kardinals von Mantua zeigen;
+und wenn Ihr heute nicht durch Arbeiten in Anspruch genommen seid, könntet
+Ihr ganz nach Eurer Bequemlichkeit zu einem Plauderstündchen zu mir kommen.
+
+ Eure ergebene
+
+ Marchesa di Pescara.
+
+
+
+
+2.
+
+
+ [_Rom_, 1538-41 oder 1545/46.]
+
+Einziger Meister Michelangelo und mein ganz besonderer Freund! -- Ich habe
+Euren Brief erhalten und den Kruzifixus gesehen. Er hat wahrhaftig in
+meinem Gedächtnis alle anderen Darstellungen, die mir je zu Gesicht
+gekommen sind, ans Kreuz geschlagen. Man kann sich nichts Lebendigeres und
+Vollendeteres denken als dieses Bild, und ich würde mich vergeblich
+bemühen, wenn ich die ausserordentliche und wunderbare Feinheit seiner
+Ausführung schildern wollte. Ich bin entschlossen, das Bild von keinem
+anderen malen zu lassen. Gebt mir darum Gewissheit; rührt die Zeichnung von
+einem anderen her, dann muss ich wohl auf sie verzichten, sollte sie aber
+Euch gehören, so würde ich sie Euch unter allen Umständen rauben.
+
+Stammt sie nicht von Euch, und wolltet Ihr das Bild von einem Eurer
+Gesellen ausführen lassen, so müssten wir erst darüber reden. Ich kenne
+nämlich recht wohl die Schwierigkeit, die Eigenart der Zeichnung in der
+Ausführung zu bewahren, und würde dann lieber den Betreffenden etwas
+anderes malen lassen. Wenn sie aber Euer Werk ist, dann -- vergebt --
+erhaltet Ihr sie nicht wieder. Ich habe sie bei Licht und mit der Lupe und
+im Spiegel betrachtet und versichere Euch, ich habe nie etwas Vollendeteres
+gesehen.
+
+ Eure ergebene
+
+ Marchesa di Pescara.
+
+
+
+
+3.
+
+
+ [_Rom_, 1538-41 oder 1545/46.]
+
+Die Taten Eurer Künstlerkraft reizen den beschauenden Geist, ungenügsam
+Höheres zu begehren. Auch mich fasste dies Verlangen, und darum fragte ich,
+ob die Vollkommenheit Eurer Werke wohl noch einer Steigerung fähig sei. Ich
+habe eingesehen, dass omnia sunt possibilia credenti. Ich hatte den festen
+Glauben, Gott werde Euch zur Darstellung dieses Christus übernatürliche
+Gnade geben, und als ich ihn sah, übertraf er in jeder Weise all meine
+Erwartungen. Eure Wundertaten machten mich kühn, und so sprach ich Wünsche
+aus, die ich jetzt staunend erfüllt sehe: Das Bild ist in allen Teilen von
+wunderbarer Vollendung, und kein Mensch vermöchte mehr, ja auch nur so viel
+zu wünschen. Und wisst, das freut mich besonders, dass der Engel zur
+Rechten viel schöner ist, als der andere; denn der heilige Michael wird
+Euch Michelangelo am jüngsten Tage zur Rechten des Herrn stellen. Ich aber
+kann dafür nichts tun, als zu diesem milden Christus darum zu beten, den
+Ihr so vollkommen gebildet habt; zugleich Euch zu bitten, dass Ihr über
+mich in jeder Weise gebietet.
+
+ Eure ergebene
+
+ Marchesa di Pescara.
+
+
+
+
+4.
+
+
+ Im Kloster zu _Viterbo_, den 20. Juli [1541-1543].
+
+Kunstreicher Meister Michelangelo! -- Euer Brief war gewissermassen eine
+Antwort auf den meinigen; dies ist der Grund, weshalb ich Euch noch nicht
+antwortete. Dann dachte ich auch, wenn wir beide wie bisher in unserem
+Briefwechsel fortfahren wollten, wie es Euch Eure Liebenswürdigkeit und mir
+die Pflicht der Dankbarkeit vorschreiben, so könnte ich mich nicht mehr zu
+den vorgeschriebenen Stunden mit den Schwestern in der Kapelle der heiligen
+Katharina einfinden, und Ihr könntet nicht in der des heiligen Paulus vom
+frühen Morgen an den Tag in vertrauter Unterredung mit Euren Gemälden
+verbringen, die doch zu Euch in der natürlichen Sprache ihrer Linien ebenso
+verständlich reden, wie zu mir die lebendigen Menschen meiner Umgebung: und
+so würde ich gegen die Bräute und Ihr würdet gegen den Statthalter Christi
+fehlen. Ich kenne die Treue Eurer Freundschaft und die Kraft Eurer in
+christlichem Geiste gefestigten Zuneigung und denke darum, ich brauche Euch
+nicht durch eigene Briefe den Empfang der Euren zu bestätigen. Vielmehr
+will ich mich bereit halten und die erste Gelegenheit erwarten, um Euch
+gewichtigere Dienste zu leisten. Unterdessen bitte ich den Herrn, über den
+Ihr mir bei meiner Abreise Worte so glühender und demütiger Liebe sagtet,
+er möge mich bei meiner Rückkehr in Eurem Herzen sein Bild erneuert und so
+glaubenslebendig finden lassen, wie Ihr es mir auf dem Bild der
+Samaritanerin gemalt habt.
+
+Euch und Eurem Urbino empfehle ich mich.
+
+ Eure ergebene
+
+ Marchesa di Pescara.
+
+
+
+
+5.
+
+
+ [_Rom_, 1538-41 oder 1545-46.]
+
+Der Ruhm, den Eure Kunst Euch schafft, ist so gross, dass Ihr vielleicht
+geglaubt hättet, weder die Zeit noch irgend ein Ereignis könnte ihm den Tod
+bringen, wäre nicht jener Strahl göttlichen Lichtes Euch ins Herz
+gedrungen, und Euch offenbar geworden, dass jeder irdische Ruhm stirbt und
+lebte er noch so lange. Wenn Ihr darum aus Euren Bildwerken die Güte dessen
+erkennt, der Euch zum einzigen Meister in dieser Kunst machte, werdet Ihr
+auch verstehen, dass ich nur dem Herrn für meine schon fast toten Schriften
+danken kann, denn dichtend beleidigte ich ihn weniger, als ich in meinem
+Müssiggang jetzt tue. Ich bitte Euch darum, nehmt diesen Ausdruck meiner
+Gesinnung als Unterpfand künftiger Werke an.
+
+ Eure ergebene
+
+ Marchesa di Pescara.
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN.
+
+
+Die Erläuterungen beschränken sich auf die notwendigsten biographischen und
+historischen Notizen. Zur leichteren Orientierung ist eine kurze Skizze von
+Michelangelos äusserem Leben vorangestellt.
+
+Er wurde am 6. März 1475 im Städtchen Caprese (Toscana) geboren, wo sein
+Vater Lodovico das Amt eines Podestà bekleidete. Nach Ablauf seiner
+Amtszeit kehrte dieser nach Florenz zurück. Ursprünglich für das Gewerbe
+der Seidenweberei bestimmt, setzte Michelangelo seine Neigung durch und kam
+in die Werkstatt des Ghirlandajo. 1489 wurde er in Lorenzo des Prächtigen
+Bildhauerschule, 1490 in dessen Hausgemeinschaft aufgenommen und genoss den
+Verkehr mit dem um den Magnifico versammelten Gelehrten- und Künstlerkreis.
+(Madonna an der Treppe, Centaurenkampf.) 1492 starb Lorenzo, 1494 wurde
+sein Nachfolger Piero vertrieben. Michelangelo war schon vorher nach
+Venedig, darauf nach Bologna gegangen. Er blieb dort ein Jahr, und kehrte
+dann nach Florenz zurück, in dem Savonarola an der Spitze des Volkes stand.
+(Giovannino, schlafender Amor.) 1496 kam er nach Rom, wo er sich bis 1500
+aufhielt. (Bacchus, Pietà.) 1501 war er wieder in Florenz. (1501-04 der
+David, 1504 der Karton zur Pisanerschlacht.) 1505 wurde er von Julius II.
+nach Rom berufen und mit der Errichtung von dessen Grabdenkmal beauftragt.
+Bis Ende 1505 war er in Carrara (Madonna von Brügge) mit der Zurichtung des
+Materials beschäftigt und ging dann nach Rom. 1506 entstand ein Konflikt
+mit dem Papst, und Michelangelo floh aus Rom auf Florentiner Gebiet. Lange
+Bemühungen Julius' vermochten ihn nicht zur Rückkehr zu bewegen. Erst als
+dieser 1506 Perugia und Bologna unterworfen hatte und sich in letzterer
+Stadt aufhielt, erreichte eine erneuerte Aufforderung an die Regierung von
+Florenz ihren Zweck. Michelangelo begab sich nach Bologna und söhnte sich
+mit dem Papste aus. 1507-08 schuf er dort die Erzstatue Julius' und ging
+dann nach einem kurzen Aufenthalt in Florenz nach Rom, in der Hoffnung,
+jetzt das Juliusgrab ausführen zu können. Der Papst nötigte ihn aber zur
+Ausmalung der Sixtinadecke. (1508-12). Nach deren Vollendung durfte er sich
+den Arbeiten am Grabmal wieder zuwenden, und Julius beauftragte seinen
+Notar und den Kardinal Grossi, für die Ausführung zu sorgen. 1513 wurde
+Giovanni de Medici als Leo X. Papst. Noch im gleichen Jahr wurde durch
+einen Vertrag das Grabmal sichergestellt. (Die zwei Gefangenen, der Moses.)
+1516 musste Michelangelo sich eine Einschränkung des Planes gefallen
+lassen; ein neuer Vertrag bestimmte das Jahr 1525 als letzten Termin und
+gestattete ihm, auch in Florenz oder Carrara daran zu arbeiten. Aber schon
+1516 sah sich der Meister trotz seines energischen Widerstands genötigt,
+für Leo X. den Bau der Lorenzofassade in Florenz zu übernehmen. Die Arbeit
+kostete ihn vier Jahre und verlief ohne jedes Ergebnis, da besonders
+endlose Verordnungen und Intriguen die Lieferung des Materials
+verhinderten. 1520 wurde er von dem Auftrag befreit und widmete sich wieder
+dem Grabmal, musste aber 1520/21 im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici
+mit Vorarbeiten für die Mediceergräber beginnen. Das Schwanken des
+Kardinals und Geldschwierigkeiten zogen die Ausführungen hinaus. 1523 wurde
+Giulio Papst (Clemens VII.) und nun gingen die Arbeiten besser voran,
+obwohl Michelangelo sich fortwährend mit dem Gedanken an das unvollendete
+Juliusgrab quälte. Der Papst beruhigte ihn etwas, und die Erben Julius' II.
+wagten nicht mit Forderungen aufzutreten. 1525 machten sie ihre Ansprüche
+doch wieder geltend und die Verhandlungen zogen sich durch die nächsten
+zwei Jahre hin. 1527 wurde Rom geplündert; die Republikaner in Florenz
+standen auf und richteten ihre Regierungsform ein. 1529 musste die Stadt
+sich gegen Clemens und die Kaiserlichen rüsten, und Michelangelo wurde zum
+Leiter der Befestigungsarbeiten ernannt. 1530 ergab sich die Stadt, und
+Alexander de Medici wurde als Herzog eingesetzt. Michelangelo erhielt vom
+Papst für seine Sicherheit Gewähr und nahm die Arbeit an den
+Mediceergräbern wieder auf, aber stets verfolgt durch den Gedanken an das
+Juliusgrab. Endlich, 1532, ging er auf Anraten des Papstes nach Rom, um die
+Angelegenheit zu ordnen, und es kam ein Vertrag zustande, nach dem das
+Denkmal in S. Pietro in Vincoli in sehr bescheidenen Verhältnissen
+aufgestellt werden sollte. Michelangelo solle zugleich in Florenz arbeiten
+dürfen. Zur selben Zeit erhielt er den Auftrag zur Ausmalung der
+Sixtinawände und fertigte den Entwurf zum letzten Gericht. Als er 1534
+Florenz verliess, geschah es für immer. Clemens starb; dadurch war ihm der
+mächtige Beschützer gegen Alessandro, der ihn hasste, genommen, und er
+fühlte sich in seiner Heimatstadt nicht mehr sicher. Die Mediceergräber
+blieben unvollendet; der ihm befreundete Vasari sorgte für die Anordnung
+der Teile, die fertig geworden waren. Auch jetzt sollte es noch nicht zur
+Vollendung des Juliusdenkmals kommen. Paul III. nötigte den Meister zur
+Ausführung des letzten Gerichts. 1535-41 arbeitete er daran. Erst 1545,
+nach einem letzten Vertrag mit dem Erben Julius' II., konnte Michelangelo
+das Werk zu Ende bringen. Unterdessen liefen von 1542-49 die Malereien in
+der Capella Paolina, im Auftrag vom Papst Paul. Seine letzte grosse Arbeit
+war die Leitung des Baues von St. Peter, die 17 Jahre, von 1547 bis zu
+seinem Tode am 15. Februar 1564 in seinen Händen lag.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZU DEN GEDICHTEN.
+
+
+Die äusseren Ereignisse in Michelangelos Leben hatten für sein Dichten
+keine grosse Bedeutung. Gelegenheitsgedichte finden sich nur in sehr
+geringer Zahl in seinem Canzoniere. Einige an Rom und Florenz, an den
+Papst, einige an Freunde, Dank oder Entgegnungen -- und selbst von diesen
+scheinen mehrere langgetragene Gedanken zu enthalten, die nur bei einem
+bestimmten Anlass ihre Form fanden.
+
+Ein tieferer Zusammenhang wird wohl zwischen seinen bildnerischen Werken
+und seinen Dichtungen bestehen, und es würde Gegenstand einer besonderen
+Untersuchung sein müssen, Parallelen in der Entwicklung von Gedanken und
+Form auf den verschiedenen Gebieten seines künstlerischen Schaffens
+aufzuzeigen.
+
+Von grossem Einfluss für sein Dichten waren die Menschen, die er liebte:
+Die Unbekannten, an die er die Liebesgedichte vor und nach der Colonnazeit
+mit ihren wechselnden Stimmungen richtete, Febo di Poggio (vor 1534, als er
+Florenz für immer verliess), Cecchin Bracci, und vor allem jene beiden, die
+die schönsten seiner Gedichte werden liessen, Tommaso Cavalieri und
+Vittoria Colonna.
+
+Zwischen und in den so entstehenden grossen Gruppen liegen einzelne
+Dichtungen von, man möchte sagen, objektiverem Charakter, soweit hiervon
+bei einem Michelangelo überhaupt die Rede sein kann. So der Gesang der
+Toten, die Epitaphien, die Stanzen auf Stadt und Land, die Sonette auf die
+Nacht und jene zwei auf Dante, in denen er wie mit Autorität über seinen
+grossen Landsmann spricht.
+
+Für sich steht die lang vorbereitete Gruppe der letzten Jahre. Diese
+Gedichte sind zum grossen Teil an Christus gerichtet, und die Ideen der
+Schuld, der Reue, des Ringens nach Erlösung finden in ihnen oft
+wundervollen Ausdruck.
+
+Die meisten seiner Dichtungen entstanden, indem lange in ihm arbeitende
+Gedanken sich endlich zur Formung durchrangen, oder es ihm unter dem
+Eindruck von Persönlichkeiten oder Ereignissen gelang, sich, sein Streben
+und Sehnen auszusprechen. Dann lösten sie sich aus diesem Zusammenhang los
+und wurden immer mehr Gegenstand rein künstlerischer, unermüdeter Arbeit.
+Mit Freunden wurden sie durchgesprochen, beurteilt, Version auf Version
+entstand, Zeile auf Zeile wurde variiert, bis der Dichter, befriedigt,
+vielleicht das Gedicht mit seiner schönen, malenden Schrift noch einmal
+abschrieb. Oder aber es wurde noch nach Jahren wieder hervorgeholt und
+umgearbeitet. Andere blieben Fragment; entweder war die Stimmung erschöpft,
+oder der Dichter vermochte ihr keine volle Form zu schaffen, liess das
+Begonnene liegen und versuchte es vielleicht in einem neuen Anlauf. --
+
+Wenn nun hier die Gedichte unter bestimmte Adressen gesetzt sind, so will
+damit nicht gesagt sein, dass Michelangelo sie alle ausdrücklich an die
+betreffende Persönlichkeit gerichtet habe, sondern dass sie unter ihrem
+Einfluss entstanden und tatsächlich auch oft an sie gelangt seien. --
+
+Wortschatz und Bilder nahm er aus der literarischen Sprache seiner Zeit.
+Besonders Petrarca und Dante, den er wohl wie kein zweiter mit kongenialem
+Geiste verstand, haben stark auf ihn gewirkt. Eben aus ihnen und durch den
+Verkehr mit den Gelehrten am Hofe Lorenzos wurden ihm auch die Gedanken der
+platonischen Philosophie vertraut. In ihnen fand er die Formeln für sein
+eigenes Suchen nach dem Ewiggültigen, und sie sind so tief durch sein Wesen
+gegangen, dass sie ganz als sein Eigentum gelten müssen. Vollends in jenen
+Dichtungen, in denen er die Bilder aus "seiner" Kunst, der Plastik, nahm,
+schuf er völlig Neues. Und diese Bilder sind gerade da am häufigsten, wo er
+in vollendetster Form sein Sehnen nach der Vollkommenheit ausspricht, in
+den Gedichten an Vittoria. --
+
+Der Gedankengang dieser Auswahl ist etwa dieser: einige Gedichte an
+Florenz, den Papst; Gelegenheitsgedichte; leichtere Liebesgedichte; Dank
+und Freundschaft; einige Dichtungen "objektiveren" Inhalts; tiefere,
+persönlichere Liebesgedichte; Vittorias Tod; für Michelangelos
+Kunstauffassung bedeutsame Gedanken; Suchen nach ewiger Schönheit
+(Cavalieri); die Nacht, der Gesang der Toten; der Vollkommenheitsgedanke
+(Vittoria); endlich die geistlichen Dichtungen, Schuld, Reue, Tod,
+Erlösung.
+
+Den Übersetzungen liegt der Text von Guasti zugrunde; es wird deshalb in
+den Anmerkungen auf ihn verwiesen (G. p. = Cesare Guasti, Le rime de
+Michelangelo Buonarroti ... Firenze MDCCCLXIII, Seite ... ). Sonst hätte
+die neuere Ausgabe von G. Frey, Die Dichtungen des Michelagniolo
+Buonarroti, Berlin 1897, angezogen werden müssen. Auf ihren sehr
+umfangreichen kritischen Apparat stützen sich hauptsächlich die Anmerkungen
+zu den Gedichten, ebenso die Zuweisung der Dichtungen an die betreffenden
+Adressaten. --
+
+In den Übersetzungen von Sophie Hasenclever wurden einige kleine Änderungen
+da vorgenommen, wo das Original nicht sinngerecht wiedergegeben schien.
+
+1. G. p. 303. -- Capitolo, Fragment, wahrscheinlich 1524-26, in Florenz.
+ Die Auffassung des Gedichtes schliesst sich an die H. Grimms an. In
+ jener Zeit arbeitete Michelangelo in Florenz an den Grabdenkmälern der
+ Medici. Die Unbeständigkeit seines Auftraggebers, Clemens VII., der
+ seine Arbeiten durch andere Pläne unterbrach und auch über die
+ Ausführung der Gräber öfter seine Ansichten wechselte, Zwistigkeiten
+ mit seiner Familie, Schwätzereien der Florentiner, Verdächtigungen und
+ Intriguen seiner Feinde brachten ihn in diese Stimmung, in der ihm die
+ Stadt wie eine grausame, spottlustige, launische Geliebte erschien.
+ (Vgl. Grimm, "Fiorenza", Pr. Jahrb. Bd. 47, p. 319ff.). -- Frey hält
+ das Capitolo für ein Liebesgedicht, eine von vier Versionen, die 1546
+ von Michelangelo zu einem Madrigal (G. p. 100) verarbeitet wurden.
+
+2. G. p. 3. -- Epigramme, 1545. -- 1492 war Lorenzo il Magnifico
+ gestorben. Auf ihn folgte sein Sohn Piero II. 1494 zog Karl VIII. von
+ Frankreich über die Alpen, um seine Ansprüche auf Neapel geltend zu
+ machen. Nun hatte Piero mit Alfons II. von Neapel Beziehungen
+ angeknüpft und war so dem Angriff des Franzosen ausgesetzt, zumal auch
+ Lodovico il Moro Karl gegen Florenz hetzte. In der Gefahr verlor er
+ alle Fassung und lieferte schon in den ersten Verhandlungen die
+ Festungen des Landes aus. Die entrüsteten Florentiner vertrieben ihn
+ bei seiner Rückkehr aus der Stadt, die nun in die Hände der Franzosen
+ fiel. Es folgte die Zeit Savonarolas, der 1498 gestürzt wurde. Die 1495
+ eingerichtete republikanische Regierungsform musste wieder fallen, als
+ 1512 Julius II. Giovanni und Giuliano de Medici, die Brüder Pieros II.,
+ in die Stadt zurückführte. Giovanni wurde 1513 als Leo X. Papst; auf
+ ihn folgte Giuliano und dieser gab bald seine Herrschaft an Pieros Sohn
+ Lorenzo II. Nach ihm Giulio, der 1523 als Clemens VII. den päpstlichen
+ Thron bestieg, die Herrschaft über Florenz aber mitbehielt. Als 1527
+ Rom durch die kaiserlichen Truppen erobert und geplündert wurde,
+ machten in Florenz die Republikaner den Versuch, die frühere
+ Regierungsform wieder herzustellen, aber das vereinigte Heer der
+ Kaiserlichen und des Papstes zwangen die Stadt nach zehnmonatlicher
+ Belagerung (Michelangelo war bei der Befestigung tätig) zur Übergabe
+ (1530). Zur Herrschaft kam Lorenzos II. natürlicher Sohn Alexander, der
+ 1537 durch seinen Vetter Lorenzino ermordet wurde. Nun gelangte Cosimo,
+ des ersten Cosimo Urenkel, zur Herzogswürde und wusste in geschickter
+ Weise seine Herrschaft endgültig zu befestigen. -- 1545, als für die
+ aus Florenz geflüchteten Republikaner jede begründete Hoffnung auf
+ Wiederherstellung der Republik geschwunden war, entstanden die
+ Epigramme. Michelangelo antwortet in Rom auf einen Vierzeiler des
+ Giovanni di Carlo Strozzi (1517-1570). Dieser lebte in Florenz
+ humanistischen Studien und war Mitglied der Akademie.
+
+3. G. p. 25. -- Madrigal, 1545-46. -- Ein Zwiegespräch der verbannten
+ Florentiner mit ihrer Heimatstadt.
+
+4. G. p. 156. -- Sonett, wohl 1511, gegen Ende der Arbeiten an der
+ Sixtinadecke (1508-12).
+
+5. G. p. 158. -- Sonetto caudato oder ritornellato; das eigentliche Sonett
+ schliessen 1-2 Ritornelle, Kehrreime. Etwa 1508-11. -- Giovanni da
+ Pistoja, vielleicht, was Frey bezweifelt, Kanzler der Florentiner
+ Akademie. -- Das Gedicht spricht von den Mühen der Arbeit an der
+ Sixtinadecke.
+
+6. G. p. 338. -- Stanzen, Fragment, etwa 1518-24. Ein Spottgedicht auf
+ eine Unbekannte in Florenz.
+
+7. G. p. 68. -- Madr., 1535-46. An eine Unbekannte.
+
+8. G. p. 58. -- Madr., 1534-46. Nach Frey ist es an Vittoria Colonna in
+ der ersten Zeit der Freundschaft gerichtet.
+
+9. G. p. 97. -- Madr., 1546. An eine Unbekannte, die vielleicht mit der
+ Adressatin von No. 33 und 34 identisch ist.
+
+10. G. p. 178. -- Son., 1507-08, in Bologna, an ein unbekanntes Mädchen der
+ Stadt.
+
+11. G. p. 29. -- Madr., 1546. -- Luigi del Riccio war Geschäftsträger der
+ Strozzi in Florenz. Mit Michelangelo war er eng befreundet und leistete
+ ihm wichtige Dienste. Er verfolgte mit besonderem Interesse die
+ dichterische Tätigkeit des Meisters, mit feinem Verständnis
+ beurteilend, besprechend. Er bemühte sich auch um eine Herausgabe der
+ Gedichte und vereinigte deren 87 in der nach ihm benannten
+ Ricciosammlung. -- Auf ein unbekanntes Vorkommnis hin schrieb
+ Michelangelo das Gedicht in seiner ersten Fassung. Riccio erwiderte mit
+ folgendem Madrigal:
+
+ Es darf kein Liebesdienst
+ Des Freundes lästig sein
+ Dem Freunde, denn ein alter, weltbekannter Satz
+ Verlangt, dass jedes Gut
+ Und jegliches Geschick
+ Ihnen gemeinsam sei. Ja Kerker, Tod
+ Sah man schon einen für den andern leiden,
+ Und Gut und Ehr' und Leben tauschen sie.
+ Drum kann ein Streit uns beide nicht entzweien,
+ Denn alles zu verzeihn, ist Freundschaft stets bereit.
+
+ Darauf arbeitete Michelangelo sein Madrigal zu einer zweiten, längeren
+ Fassung um, die hier gegeben ist.
+
+12. G. p. 167. -- Son., 1551. -- Giorgio Vasari lebte 1512-74 und betätigte
+ sich als Maler, Architekt und Schriftsteller. Er stand beim Herzog von
+ Florenz in grosser Gunst und hatte in Michelangelos späteren Jahren
+ zwischen diesem und dem Herzog zu vermitteln (vgl. Brief 26. und 30).
+ Mit dem Sonett dankt ihm der Meister für die Zusendung der "Vite degli
+ artisti".
+
+13. G. p. 164. -- Son., 1555. Dank für Geschenke.
+
+14. G. p. 325-328. -- Fragment einer Dichtung in Stanzen. Nach Frey würde
+ dieser Teil in die Jahre 1536-40 fallen, während die Stanzengruppe, in
+ denen der Dichter das Landleben preist und die übrigen Laster geisselt
+ (G. p. 317-24), aus seinen letzten Jahren (1556) stammen, also zwei
+ selbständige Dichtungen vorliegen würden. -- Andere Deutungen für die
+ Gestalten der Dichtung: der Gigant der Stolz, das Weib die Grausamkeit,
+ oder Habsucht, oder der Geiz. Dazu Frey (a.a.O. 350): "All diese
+ Interpretationen sind individueller Art und unverbindlich. Es muss
+ gesagt werden, dass, so real Michelangelo diese Bilder ausgeführt hat,
+ so unbestimmt ist gleichwohl für uns ihre Bedeutung gelassen, wohl weil
+ auch dem Dichter während des Schöpfungsprozesses immer neue Gedanken,
+ Vergleiche und Züge in den Sinn kamen, die die ursprüngliche Richtung
+ abänderten. Gleichwohl lassen sich meiner Überzeugung nach doch
+ Michelangelos Intentionen ahnen und deuten, wenn man, was durchaus
+ nötig ist, mit den Stanzen das Sonett gegen die Pistojesen (G. p. 160)
+ vereint. Dort die Pistojesen, die al ciel nemici, invidiosi, superbi;
+ Söhne Kains hiessen sie, weil sie im Bruderkampfe sich gegenseitig
+ totschlugen. Hier trägt das Weib das Kainszeichen; freut es sich und
+ wächst del mal d'altrui, und die Pistojesen sind del danno loro amici.
+ Wie zur Zeit Dantes Neri und Bianchi in Pistoja sich zerfleischten, so
+ wieder zur Zeit der Revolution in Florenz. Und dann die Ermordung des
+ Herzogs Alessandro (1537). Die città intera, die der Gigant mit dem
+ Fusse deckt, wäre Pistoja, die montagne die dortigen Apenninen, die
+ vielfach den Parteien ricovero boten wie dem Weibe le gran rocche.
+ Besonders im Frühjahr 1537 waren die Wirren in Pistoja gross. ... Man
+ könnte annehmen, dass [Giovanni da Pistoja] ... ausführlich von allen
+ diesen Ereignissen Michelangelo unterhalten habe, und Schmerz und Zorn
+ über das Gehörte hätten ihn zu Dichtungen veranlasst, die wohl niemals
+ abgesandt worden sind."
+
+15. G. p. 5-21, No. 2, 3, 4, 7, 8, 12, 18, 20, 23, 31, 38, Epitaphien,
+ 1544. -- Im Jahre 1544 starb in Rom Cecchino (Francesco) de Zanobi
+ Bracci im Alter von 15 Jahren. Er war Riccios Neffe und wurde von
+ diesem zärtlich geliebt. Seit 1534 lebte er als verbannter Florentiner
+ in Rom, wegen seiner Schönheit allgemein bewundert. Sein Tod war für
+ Riccio ein herber Verlust. Die Freunde, unter ihnen auch Michelangelo,
+ bemühten sich, ihn zu trösten, und zu diesen Versuchen zählen auch die
+ ersten dieser Vierzeiler. Die Abfassung der Gedichte war anfangs
+ lebendig mit der Erinnerung an Cecchino verknüpft, löste sich aber bald
+ davon los, und das Grab des Freundes wurde zum Ort, an dem der Dichter
+ in stets neuen Beziehungen und knappster Fassung eigenartige Gedanken
+ über Leben und Tod aussprach. Riccio ermunterte den Freund durch Bitten
+ und Geschenke, durch Besprechung und Kritik zur Fortsetzung, und so
+ entstand im Laufe des Jahres 1544 eine Reihe von 48 vierzeiligen
+ Grabschriften. Kurze scherzhafte Bemerkungen unter den
+ Gedichtmanuskripten, die Michelangelo dem Freunde zusandte, zeigen, wie
+ sehr ihm dieser zusetzte. So zum Epitaph
+
+ 12. "Wenn Ihr keine mehr wollt, so schickt mir nichts mehr."
+
+ 16. (nicht in dieser Auswahl) "Ich wollte es Euch eigentlich nicht
+ schicken. Es ist ein gar zu plumpes Ding; aber die Forellen und
+ Trüffeln würden selbst den Himmel bezwingen. Ich empfehle mich
+ Euch."
+
+ 20. "Für die gesalzenen Schwämme, wenn Ihr schon nichts weiter wollt!"
+
+ 21. (n. i. d. A.) "Dies plumpe Ding, schon tausendmal aufgetischt, für
+ den Fenchel."
+
+ 23. "Hier reden die Forellen, nicht ich; wenn Euch die Verse nicht
+ gefallen, dann mariniert sie das nächste Mal nicht mehr ohne
+ Pfeffer."
+
+ 33. (n. i. d. A.) "Unbeholfene Sachen! Der Brunnen ist ausgetrocknet;
+ man muss abwarten, bis es regnet. Ihr habt zu grosse Eile!"
+
+ 36. (n. i. d. A.) "Tolle Sachen! Wenn man aber von mir verlangt, ich
+ soll sie zu Tausenden fabrizieren, so muss schon von jeder Sorte
+ darunter sein!"
+
+16. G. p. 155. -- Son., 1545. Zugleich mit No. 59 entstanden.
+
+17. G. p. 50. -- Madr., Fragm., 1504/5-11. Adressat und Anlass unbekannt.
+
+18. G. p. 197. -- Son., Zeit, Adressat ist fraglich. Vielleicht 1534-38 in
+ Rom.
+
+19. G. p. 81. -- Madr., Adressat unbekannt. Entstehungszeit etwa Beginn der
+ 40er Jahre.
+
+20. G. p. 173. -- Son., am Anfang der Freundschaft mit Vittoria Colonna
+ entstanden, also in den nächsten Jahren nach 1536. -- Vittoria wurde
+ 1490 im Kastell Marino am Abhang der Albanerberge geboren. 1509
+ vermählte sie sich mit Ferrante Francesco d'Avalos, dem Markgrafen von
+ Pescara. Während ihr Gemahl ein unstetes Kriegsleben führte, lebte
+ Vittoria meist auf Ischia und unterhielt mit den bedeutendsten Geistern
+ ihrer Zeit rege Beziehungen. Sie musste früh auf Mutterglück verzichten
+ und wandte sich ganz geistigen Interessen zu. In das Jahr 1512 fällt
+ das erste ihrer erhaltenen Gedichte und bald entfaltete sie ein reiches
+ Schaffen, von ihrer Zeit als die bedeutendste Frau, "la diva Vittoria
+ Colonna", gefeiert. 1525 starb Francesco. Von nun an lebte sie immer
+ eingezogener, obwohl stets in Beziehung mit der politischen und
+ künstlerischen Welt, meist in Klöstern, wie San Silvestro in Capite in
+ Rom, San Paolo in Orvieto, Santa Caterina in Viterbo (vgl. den vierten
+ ihrer Briefe an Michelangelo). Infolge der politischen Verhältnisse
+ änderte sie ihren Aufenthalt oft. 1534 kam sie durch die Berührung mit
+ Bernardino Ochino in die religiösen Reformbewegungen des 4. und 5.
+ Jahrzehnts und spielte in ihnen eine nicht unwichtige Rolle. 1534-40
+ hielt sie sich viel in Rom im Kloster San Silvestro auf, und in die
+ frühere Zeit dieser Periode fällt wohl ihr erstes Zusammentreffen mit
+ Michelangelo, mit dem sie besonders in den Jahren 1538-40 regen Verkehr
+ unterhielt. Die nächste Zeit brachte ihr schweres Leid. In den Kämpfen
+ mit Paul III., 1540-41, wurde die Macht der Colonna vernichtet. Sie zog
+ sich nach Viterbo zurück und blieb dort bis 1544. 1544-47 war sie
+ wieder in Rom, von körperlichen und seelischen Leiden heimgesucht, aber
+ fortwährend in regem Austausch mit den bedeutendsten Persönlichkeiten
+ und selbst literarisch tätig. Die tiefsten ihrer religiösen Dichtungen
+ fallen in diese Zeit. 1547 starb sie im Kloster Sant' Anna de Funari,
+ das ihr letzter Aufenthaltsort gewesen war.
+
+21. G. p. 46. -- Madr., vielleicht um 1540/41.
+
+22. G. p. 169. -- Son. Es liegt in 6 Versionen vor. Diese ist die zweite
+ und wurde 1546 abgefasst. Die erste Fassung, die mit dem Brief 16. an
+ Vittoria abgesandt wurde, fällt in die Jahre 1538-41 oder 1544-46. --
+ Vittoria hatte dem Dichter öfter "Dinge" (cose), vielleicht eigene
+ Dichtungen, angeboten, und er hatte sich lange geweigert, sie
+ anzunehmen, bevor er ihr nicht ein würdiges Gegengeschenk bieten könne.
+
+23. G. p. 80. -- Madr., 1534-46.
+
+24. G. p. 199. -- Son., in 8 Versionen überliefert; die hier übersetzte ist
+ die Schlussfassung, 1542-46. Die Ausarbeitung der früheren liegt wohl
+ um 10-20 Jahre zurück. Letztere sind an eine Frau, die gegebene Fassung
+ ist an einen Mann (signor) gerichtet. (Die Übersetzung sagt allerdings
+ "holde Fraue".) Gemeint ist Tommaso Cavalieri. Über ihn siehe zu No.
+ 38.
+
+25. G. p. 183. -- Son., 1529-30 in Florenz, an eine Unbekannte.
+
+26. G. p. 74. -- Madr., etwa 1544-46. Nach Frey an Vittoria, in den letzten
+ Jahren ihres Lebens.
+
+27. G. p. 38. -- Madr., Anfang der 40er Jahre.
+
+28.-31. G. p. 227, 229, 31, 226. -- Sonette, No. 30 Madr., sämtlich 1547
+ entstanden, No. 28 als letzte von drei Versionen.
+
+32. G. p. 212. -- Son., nicht lange nach Vittorias Tod (1547), als letzte
+ von vier Versionen.
+
+33. G. p. 34. -- Madr., 1540-44, an eine Unbekannte. Vgl. No. 9.
+
+34. G. p. 35. -- Madr., wohl 1540-44, an eine Unbekannte. Vgl. No. 9.
+
+35. G. p. 253. -- Son., Entstehungszeit und Adressat unbekannt.
+
+36. G. p. 175. -- Son., 1546 als letzte von drei Versionen. Die früheren
+ fallen wohl in die Jahre 1538-42.
+
+37. G. p. 36. -- Madr., etwa 1542-44.
+
+38. G. p. 216. -- Son., vor 1534. -- Anfang der 30er Jahre begann
+ Michelangelos Freundschaft mit Tommaso Cavalieri, einem jungen Römer,
+ um bis zu seinem Tode, durch 32 Jahre, zu dauern. Was sie für den
+ unablässig nach der Schönheit und dem sittlich Hohen ringenden Meister
+ bedeutete, wie lauter er diese Beziehungen auffasste, zeigen besonders
+ die Dichtungen der 40er Jahre.
+
+39. G. p. 188. -- Son., 1533/34.
+
+40. G. p. 190. -- 1532-33.
+
+41. G. p. 92. -- Madr., vielleicht 1524 in Florenz, an eine unbekannte
+ Adresse.
+
+42. G. p. 224. -- Son., 1546, als Schlussfassung verschiedener, bis in die
+ zweite Hälfte der 30er Jahre zurückgehender Versuche.
+
+43. G. p. 208. -- Son., Florenz 1533.
+
+44. G. p. 250. -- Son., in seiner späteren Lebenszeit.
+
+45. G. p. 176. -- Son., nicht lange nach 1534.
+
+46. G. p. 223. -- Son., in dieser Fassung 1546.
+
+47. G. p. 218. -- Es liegen 7 Versionen und viele Varianten einzelner Verse
+ vor. Die früheren Fassungen (1.-4.) fallen in die Jahre 1536-42, die
+ hier gegebene fünfte 1546.
+
+48. G. p. 337. -- Stanze, vielleicht 1536-38, an einen unbekannten
+ Adressaten oder aber an Tommaso Cavalieri.
+
+49.-52. G. p. 202, 203, 205, 204. -- Sonette, aus der Periode, während der
+ Michelangelo am Jüngsten Gericht arbeitete, 1533-41. -- Der Anordnung
+ innerhalb der Gruppe folgt Frey a.a.O. 367: "Das erste gäbe das Thema
+ an, das die übrigen weiter entwickelten, wobei die teilweise noch
+ allgemeinen und unbestimmten Anschauungen zuletzt eine Steigerung und
+ konkreteren Inhalt erhalten hätten."
+
+53. G. p. 350. -- Canzonenfragment. Frey lässt Spielraum vom 2. Jahrzehnt
+ bis ins Alter des Dichters.
+
+54. G. p. 32. -- Madr., 1541-44, während Vittoria zurückgezogen in Viterbo
+ lebte.
+
+55. G. p. 83. -- Madr., 1534-46.
+
+56. G. p. 214. -- Son., nach 1534, in der späteren Zeit von Michelangelos
+ Freundschaft mit Cavalieri.
+
+57. G. p. 33. -- Madr., wohl 1534-42; vielleicht an Vittoria.
+
+58. G. p. 186. -- Son., Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre.
+
+59. G. p. 153. -- Son., 1545 als zweite von 5 Versionen. -- Vgl. No. 16. --
+ Zur Entstehung des Gedichtes vgl. Frey, a.a.O. 425; Michelangelo
+ beschäftigte sich damals, nach Vollendung des Jüngsten Gerichts,
+ besonders intensiv mit Dante.
+
+60. G. p. 27. -- Madr., etwa 1544-46, nach einer wohl in den 30er Jahren
+ entstandenen Urversion.
+
+61. G. p. 177. -- Son., vor 1546; W. Robert-tornow (Die Gedichte des
+ Michelangelo Buonarroti, Berlin 1896) fasst das Gedicht als an Christus
+ gerichtet auf (p. 391). Freys Ansicht, der es den Cavalieri-Dichtungen
+ zuordnet, scheint wahrscheinlicher.
+
+62. G. p. 37. -- Madr., 1536-47.
+
+63. G. p. 30. -- Madr., vielleicht 1538-41 oder 1545/6.
+
+64. G. p. 94. -- Madr., vielleicht 1544/45.
+
+65. G. p. 172. -- Son., die letzte von 5 Versionen, 1550. (Die früheren
+ 1544/45 --.)
+
+66. G. p. 261. -- Son., Fragm., etwa 1560.
+
+67. G. p. 141. -- Madr., 1546.
+
+68. G. p. 128. -- Madr., nach 1547.
+
+69. G. p. 274. -- Son., Fragm., 1552-54.
+
+70. G. p. 259. -- Son., Fragm., nach 1525; ebenso wie No. 71 aus
+ vorübergehenden Stimmungen entstanden, Vorläufer der nach 50 häufig
+ auftretenden Gemütsverfassungen des Dichters.
+
+71. G. p. 123. -- Madr, die erste Fassung etwa 1536-42, die vorliegende
+ 1545/46.
+
+72. G. p. 230. -- Son., Frey, a.a.O. 486: "Vielleicht Michelangelos
+ schönstes Gedicht, nicht nur der letzten Epoche, sondern seines
+ Canzoniere überhaupt."
+
+73. G. p. 279. -- Son., Fragm., 1554.
+
+74. G. p. 232. -- Son., 1554/55.
+
+75. G. p. 238. -- Son., 1555.
+
+76. G. p. 244. -- Son., 1550-54.
+
+77. G. p. 240. -- Son., 1547-50.
+
+78. G. p. 245. -- Son., 1555.
+
+79. G. p. 246. -- Son., 1555.
+
+80. G. p. 241. -- Son., 1555 oder später.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZU DEN BRIEFEN MICHELANGELOS.
+
+
+Der italienische Text nach Gaetano Milanesi, Le lettere di Michelangelo
+Buonarroti, Firenze MDCCCLXXV (Mil. l. = Milanesi, lettera No. ...).
+Ebendaher stammt die Datierung der Briefe, die nicht von Michelangelo
+selbst herrührt. Leider konnte den Übersetzungen und Anmerkungen die in
+Aussicht stehende kritische Gesamtausgabe der Briefe von C. Frey nicht mehr
+zugrunde gelegt werden.
+
+1. Mil. l. CCCXLIII. -- Giuliano da San Gallo 1443 (45) bis 1516 (17), aus
+ Florenz, war Bildhauer und vor allem Architekt. Er baute in Rom für
+ Lorenzo den Prächtigen, wurde später nach Neapel gerufen und arbeitete
+ 2 Jahre für den Bischof von Ostia, den nachmaligen Papst Julius II.
+ Unter Julius veranlasste er den Bau einer besonderen Grabkirche für das
+ Denkmal, mit dessen Ausführung Michelangelo betraut war, unterlag er
+ aber mit seinem Entwurf gegen Bramante und verliess Rom. Nach kurzer
+ Zeit ernannte ihn der Papst zum Ingenieur, dann zum Architekten am Bau
+ der neuen Peterskirche. -- Durch seine Vermittlung war Michelangelo
+ 1505 nach Rom gekommen. Über dessen Flucht folgendes: 1505 hatte er vom
+ Papste den Auftrag erhalten, ihm ein Grabmonument zu errichten und war
+ noch im April desselben Jahres nach Carrara gegangen. Dort leitete er
+ bis zum Januar 1506 die Zurichtung der Blöcke und erwartete dann in Rom
+ deren Ankunft. Unterdessen hatte aber Julius den Plan des Grabdenkmals
+ fallen lassen und sich dem Neubau der Peterskirche zugewandt, für die,
+ wie oben gesagt, Bramantes Pläne gesiegt hatten. Als Michelangelo an
+ der veränderten Sachlage nicht mehr zweifeln konnte, floh er in seiner
+ Enttäuschung nach Florenz. Der Papst bemühte sich, ihn zur Rückkehr zu
+ bewegen, und veranlasste viele Freunde und Gönner des Meisters, ihm
+ brieflich oder mündlich zuzureden. Auf einen solchen Vermittlungsbrief
+ antwortet das vorliegende Schreiben.
+
+2. Mil. l. CXXVII. -- Vgl. Anm. zu Br. 3. -- Der alte Buonarroti hatte
+ Michelangelo geschrieben, das Betragen seiner Söhne, besonders
+ Giovansimones, mache ihm viel Kummer. In seiner Antwort (Mil. l. VII)
+ verspricht ihm Michelangelo, diesem einen Brief zu schreiben "auf meine
+ Art" -- eben den vorliegenden.
+
+3. Mil. l. X. -- Lodovico di Leonardo di Buonarrota Simoni (1444-1534)
+ trieb keinerlei Gewerbe, sondern lebte von dem geringen Ertrag seiner
+ wenigen Güter und dem Gehalt einer Zollschreiberstelle. Michelangelo
+ sorgte bis an sein Lebensende in aufopfernder Weise für seine Familie.
+ Von seinen Brüdern werden in den Briefen genannt: Buonarroto, von dem
+ das bis in unsere Zeit lebende Geschlecht der Buonarroti abstammt,
+ 1477-1528, Giovan Simone 1479-1548, Gismondo 1481-1555. -- Mona
+ Cassandra, Lodovicos Schwägerin, hatte mit diesem nach dem Tode ihres
+ Gatten einen Streit wegen ihrer Mitgift. -- Michelangelo malte damals
+ in der Sixtina.
+
+4. Mil. l. LXXX. -- Lorenzo Strozzi besass in Florenz eine Wollwirkerei,
+ in der Buonarroto beschäftigt war.
+
+5. Mil. l. XXII. -- Michelangelo pflegte sein Geld der Spitalverwaltung
+ von Santa Maria Nuova in Florenz anzuvertrauen. Der Spitalverwalter
+ wird auch noch in späteren Briefen öfter erwähnt.
+
+6. Mil. l. XXXVI. -- Vgl. Anm. zu Ged. No. 2. Als Julius II. mit
+ kaiserlichen Truppen Giuliano de Medici nach Florenz zurückführte,
+ wurde in den Tagen vom 29. August bis 19. September die Stadt Prato
+ besetzt und in furchtbarer Weise geplündert.
+
+7. Mil. l. XCII. -- Im fortgelassenen ersten Teil des Briefes gibt
+ Michelangelo seinem Bruder den Auftrag, eine gewisse Summe im Namen von
+ Michele di Piero da Settignano, eines seiner Steinmetzen, in Florenz
+ auszuzahlen. -- Die Arbeiten, über die er klagt, sind die für das
+ Juliusdenkmal.
+
+8. Mil. l. XXXIX. -- Michelangelo erhielt von den Erben Julius II. 1516
+ die Erlaubnis, nach Belieben in Rom, Florenz oder Carrara an dem
+ Denkmal zu arbeiten. Tatsächlich ging er 1516 nach Carrara, um Material
+ zu beschaffen, und war auch einige Zeit in Florenz. Von hier aus
+ schrieb er an seinen Vater, der sich in Settignano, einem kleinen Ort
+ nahe bei Florenz, aufhielt, den Brief. Siehe auch Br. 9.
+
+9. Mil. l. CXII.
+
+10. Mil. l. CCCLXXXI. -- 1520 wurde Michelangelo vom Kardinal Giulio de
+ Medici beauftragt, für die Mediceer in Florenz ein Familiengrab zu
+ bauen. 1521 erhielt er eine Anzahlung und schloss mit einigen
+ Steinmetzgewerkschaften in Carrara Verträge auf Lieferung grosser
+ Marmormengen. Bald machte ihm aber der unbeständige Kardinal, der zudem
+ durch die politischen Wirren (die Kämpfe Karls V. mit Franz I.) in
+ Geldnöte geraten war, Schwierigkeiten. Er erklärte sich nicht bestimmt
+ über die Art der Ausführung und zögerte mit den Zahlungen. Die Arbeiten
+ ruhten, his Giulio 1523 als Clemens VII. den päpstlichen Thron bestieg.
+ 1524 begann der Bau der Kapelle (nuova sagrestia di San Lorenzo) und
+ war bald zu Ende geführt. Über die letzten Arbeiten, Laterne und
+ Goldkugel, berichtet der Brief. Der Papst, der wohl wissen musste, dass
+ es Michelangelos Charakter unmöglich war, die Leitung einer Arbeit mit
+ einem anderen zu teilen, versprach doch Andrea Sansovino die Teilnahme
+ an dem Werke. Im vorliegenden Brief verwahrt sich Michelangelo dagegen.
+ -- Über seine Stimmung während dieser Arbeiten vgl. Ged. No. 1 und Br.
+ No. 11.
+
+11. Mil. l. CCCXCVII. -- Sebastiano del Piombo (1485-1547) gehörte in Rom
+ zur Partei Michelangelos gegen Raffael. -- In dem am Schluss des
+ Briefes erwähnten Porträt vermutet Milanesi das wahrscheinlich
+ verlorene Bildnis des Francesco degli Albizzi, das Sebastiano in jener
+ Zeit vollendet und nach Florenz gesandt hatte.
+
+12. Mil. l. CXXIX. -- Der 1532 mit den Erben Julius II. abgeschlossene
+ Vertrag bestimmte, dass Michelangelo Zeit und Arbeit zwischen Rom und
+ Florenz teilen dürfe. -- Mona Margherita war eine nahe Verwandte. --
+ Ser Giovan Francesco Fattucci war Kaplan von Santa Maria del Fiore in
+ Florenz und mit Michelangelo sehr eng befreundet.
+
+13. Mil. l. CDXXIII. -- Der "Abgott", der wohl auch das Feuer entzündet
+ hat, das Michelangelo verzehrt, ist Cecchin Bracci. -- Der Dichter
+ schickt seinem Freunde ein bereits umgearbeitetes Madrigal und spricht
+ von einer Zusammenkunft am Sonntag. Bei solchen Gelegenheiten wurden
+ die Gedichte durchgesprochen und gemeinsam ausgefeilt.
+
+14. Mil. l. CDXXXIX. -- Monsignor di Todi, Federigo Cesi, später Kardinal
+ von San Pancrazio. -- Urbino, eigentlich Francesco di Bernardino degli
+ Amatori, war Michelangelos Diener, Farbenreiber, Gehilfe, Schüler und
+ auch Freund. Vgl. Br. 27.
+
+15. Mil. l. CDXLVII. -- Der Brief begleitete eines der Epitaphien auf
+ Cecchinos Tod (G. No. 8: das 5. der unter No. 15 der Auswahl
+ zusammengestellten.). -- Riccio hatte wohl am vorhergehenden Tage eine
+ Ansicht ausgesprochen, die Brief und Gedicht widerlegen.
+
+16. Mil. l. CDLIV. -- Die Datierung von Brief 16 und 17 ist die von
+ Milanesi getroffene. Nach Frey besteht für sie ebenso wie für die von
+ Ged. No. 22, das mit Br. 16 abgeschickt wurde, der Spielraum von
+ 1538-41 oder 1544-46. (41-44 war Vittoria in Viterbo.) -- Vgl. Anm. zu
+ Ged. No. 22.
+
+17. Mil. l. CDLV. -- Vgl. die Briefe Vittorias No. 1 und 2; der vorliegende
+ Brief fällt wohl zwischen sie. -- Die letzten Zeilen deuten vielleicht
+ auf eine Absicht Michelangelos, die Zeichnung -- den Cruzifixus -- als
+ Gemälde auszuführen. "Mein Plan ist misslungen" übersetzt: "è stato
+ guasto il mio disegno" und würde auf eine Vereitelung dieser "Absicht"
+ anspielen, "disegno" kann auch mit "Zeichnung" übersetzt werden. "Meine
+ Zeichnung ist misslungen." Der Sinn wäre wohl derselbe.
+
+18. Mil. l. CLXII. -- Lionardo di Buonarroto Simoni, also ein Sohn von
+ Buonarroto, dem Bruder Michelangelos. An ihn ist ein grosser Teil der
+ Briefe gerichtet, etwa 200 von fast 500. -- Michelangelo hatte in einem
+ Briefe an Lionardo vom 16. Januar 1546 von einer Besitzung des
+ Francesco Corboli gesprochen, der falliert hatte und zu verkaufen
+ wünschte. Er hatte sich bereit erklärt, eine grössere Summe in einem
+ derartigen Wertobjekt anzulegen, und seinen Neffen beauftragt,
+ Erkundigungen einzuziehen. Seiner Familie in Florenz war daran gelegen,
+ sich die Summe zu sichern, und so war die Antwort sehr rasch gekommen
+ -- zu rasch für den etwas misstrauischen Meister. -- Der Trebbianer,
+ ein süsser oberitalienischer Wein, war sein Lieblingsgetränk.
+
+19. Mil. l. CDLIX. -- Franz I. von Frankreich schrieb im Februar 1546 den
+ hier erwähnten Brief. Michelangelo wurde durch den bald danach
+ erfolgten Tod des Königs (1547) von seinem Versprechen entbunden. -- Zu
+ jener Zeit arbeitete er an den Fresken der Capella Paolina in Rom
+ (1542-49) im Auftrag von Paul III.
+
+20. Mil. l. CLXXXVII.
+
+21. Mil. l. CXCI.
+
+22. Mil. l. CDLXII. -- Benedetto Varchi (1502-65), Historiker und Dichter,
+ gehörte zu den durch die Medici Vertriebenen. Durch Cosimo I. wurde er
+ zurückgerufen und schrieb in dessen Auftrag seine Geschichte von
+ Florenz. Das hier genannte Buch, eine seiner vielen kleinen Schriften,
+ behandelt die damals vielerörterte Frage, ob die Malerei oder die
+ Skulptur den Vorrang verdiene. (Due lezioni di Messer Benedetto
+ Varchi ... Firenze appr. Lorenzo Torrentino ... MDXLIX.) --
+ Michelangelo war damals 74 Jahre alt.
+
+23. Mil. l. CCX. -- Die Frage der Heirat Lionardos und der Wahl einer
+ geeigneten Gattin wird im Briefwechsel seit Anfang 1547 erörtert.
+ Dieser Brief ist typisch für die Stellung des Meisters zur Frage. Erst
+ im Frühjahr 1553 (vgl. Br. 24) kam die Angelegenheit zum Abschluss, als
+ Lionardo Cassandra di Donato Ridolfi heimführte.
+
+24. Mil. l. CCLXIII.
+
+25. Mil. l. CDLXXII. -- Durch Vasari hatte Michelangelo die Nachricht von
+ der Geburt seines Grossneffen Buonarroto di Lionardo Simoni erhalten.
+
+26. Mil. l. CDLXXV. -- 1547 wurde Michelangelo, halb gegen seinen Willen,
+ als Nachfolger von Antonio da Sangallo zum Architekten von Sankt Peter
+ ernannt und widmete sich dieser Aufgabe bis an sein Lebensende. In
+ diesem und anderen Briefen wehrt er sich gegen die Bemühungen Cosimos,
+ ihn nach Florenz zu ziehen. Er hatte die Arbeit als eine ihm von Gott
+ auferlegte heilige Pflicht auffassen gelernt und führt dies als einen
+ Hauptgrund für sein Bleiben oft an.
+
+27. Mil. l. CDLXXVII. -- Vgl. Anm. zu Br. 14. -- Der am Schluss Genannte
+ ist Benvenuto Cellini.
+
+28. Mil. I. CCXC. -- Francesca war Michelangelos Nichte.
+
+29. Mil. l. CDLXXIX. -- Cosimo Bartoli, Difesa della lingua fiorentina e di
+ Dante ... 1566. -- 1556 unternahm Michelangelo eine Wallfahrt nach
+ Loreto, wurde aber in Spoleto, wo er sich einige Zeit aufhielt, durch
+ eine päpstliche Botschaft zurückgerufen.
+
+30. Mil. l. CCCIV.
+
+31. Mil. l. CCCXIV. -- Der Kardinal Rodolfo Pio da Carpi.
+
+32. Mil. l. CCCXX.
+
+33. Mil. l. CCCXL.
+
+34. Mil. l. CCCXLI.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZU DEN BRIEFEN VITTORIAS AN MICHELANGELO.
+
+
+Der italienische Text bei Frey, a.a.O. in den Regesten p. 533 ff., ebendort
+die Datierung.
+
+1. Von der Zeichnung, die der Brief nennt, sagt Ascanio Condivi, Vita,
+ Cap. LXIII: "Ihr zu Liebe zeichnete er Jesum Christum am Kreuze, aber
+ nicht mit dem Aussehen eines Toten, wie er gewöhnlich dargestellt wird,
+ sondern mit einer göttlichen Gebärde, das Antlitz zum Vater erhoben,
+ als ob er die Worte spräche "Eli, Eli". Sein Körper sinkt nicht tot und
+ schlaff herab, sondern krümmt sich lebendig in bitterer Qual."
+
+2. Von einer Ausführung der Zeichnung in Farben ist nichts bekannt. Vgl.
+ Br. 17.
+
+3. Condivi, Cap. LXIII: Auf die Bitte dieser Dame zeichnete er einen
+ nackten Christus, der vom Kreuz genommen ist. Wenn nicht zwei Engelchen
+ mit ihren Armen den Leichnam hielten, würde er schlaff zu den Füssen
+ seiner heiligsten Mutter niedersinken. Sie aber sitzt unter dem Kreuze
+ mit tränenüberströmtem, schmerzbewegtem Antlitz, hebt mit
+ ausgebreiteten Armen beide Hände zum Himmel und spricht diese Worte,
+ die auch auf dem Stamm des Kreuzes geschrieben stehen: "Und niemand
+ wägt den Preis, die Ströme Blutes". (Dante Par. 29, 91.)
+
+4. Während Vittoria sich im Katharinenkloster zu Viterbo aufhielt,
+ arbeitete Michelangelo in der Paolina. -- Die "Samaritanerin" ist eine
+ Zeichnung des Meisters: Christus in der Unterredung mit der
+ samaritanischen Frau am Brunnen.
+
+5. Der Brief hat vielleicht eine der vielen Gedichtsendungen Vittorias an
+ den Freund begleitet.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+
+INHALTSVERZEICHNIS.
+
+
+Die erste Zeile des italienischen Textes (nach Guasti) ist zur leichteren
+Vergleichung mit anderen Ausgaben angegeben.
+
+ Seite
+Vorbemerkung, Verzeichnis der benutzten Übersetzungen V-VIII
+Condivi, Leben Michelangelos, Kap. 62-68 1-6
+Dichtungen 7-92
+1. An Florenz 9
+ Te sola del mie mal contenta veggio
+2. Auf die "Nacht" 11
+ La notte, che tu vedi in sì dolci atti
+3. Florenz und die Verbannten 12
+ Per molti, donna, anzi per mille amanti
+4. An Julius II 13
+ Signor, se vero è alcun proverbio antico
+5. An Giovanni di Pistoja 14
+ I'ho già fatto un gozzo in questo stento
+6. An eine Hässliche 15
+ Tu ha' 'l viso più dolce che la sapa;
+7. Questa mia donna è sì pronta ed ardita 16
+8. Con più certa salute 17
+9. Quanto più par che il mio mal maggior senta 18
+10. Quanto si gode, lieta e ben contesta 19
+11. An Luigi del Riccio 20
+ Perchè è troppo molesta
+12. An Giorgio Vasari 21
+ Se con lo stile o coi colori avete
+13. An denselben 22
+ Al zucchero, alla mula, alle candele
+14. Aus den Stanzen zum Lob des Landlebens 23
+ Un gigante v' è ancor, d'altezza tanta
+15. Epitaphien 25
+ Deh serbi, s' è di me pietate alcuna
+ Perchè ne' volti offesi non entrasti
+ Non volse morte non ancider senza
+ Qui son sepulto, e poco innanzi nato
+ Non può per morte già chi qui mi serra
+ Qui son morto creduto; e per conforto
+ Se fussin, perch' i' viva un' altra volta
+ S' i' fu' già vivo, tu sol, pietra, il sai
+ De' Bracci naqqui; e dopo 'l primo pianto
+ Se, vivo al mondo, d'alcun vita fui,
+ Col sol de' Bracci il sol della natura
+16. Dante 28
+ Quanto dirne si de', non si può dire
+17. Come può esser ch' io non sia più mio? 29
+18. Rendete a gli occhi miei, o fonte o fiume 30
+19. Se l'alma è ver, dal suo corpo disciolta 31
+20. An Vittoria Colonna 32
+ Non ha l'ottimo artista alcun concetto
+21. An dieselbe 33
+ A l'alta tuo lucente diadema
+22. An dieselbe 34
+ Per esser manco almen, Signiora, indegnio
+23. An dieselbe 35
+ Non posso non mancar d'ingegno e d'arte
+24. Non so se s' è la desiata luce 36
+25. Dimmi di grazia, amor, se gli occhi miei 37
+26. Occhi mie' siete certi 38
+27. An Vittoria Colonna 39
+ Se d'una pietra viva
+28. Auf Vittoria Colonnas Tod 40
+ Quand' el ministro de' sospir me' tanti
+29. Aus demselben Anlass 41
+ Qual maraviglia è se prossimo al foco
+30. Aus demselben Anlass 42
+ Per non s' avere a ripigliar da tanti
+31. Aus demselben Anlass 43
+ Se 'l mie rozzo martello i duri sassi
+32. Nach Vittoria Colonnas Tod 44
+ Tornami al tempo allor che lenta e sciolta
+33. Se dal cor lieto divien bello il volto 45
+34. S'egli è che 'n dura pietra alcun somigli 46
+35. Molto diletta al gusto intero e sano 47
+36. An Vittoria Colonna 48
+ Com' esser, donna, può quel ch'alcun vede
+37. An dieselbe 49
+ Negli anni molti e nelle molte pruove
+38. An Tommaso Cavalieri 50
+ Veggio nel tuo bel viso, signior mio
+39. An denselben 51
+ Veggio co' bei vostri occhi un dolce lume
+40. An denselben 52
+ S'un casto amor, s'una pietà superna
+41. Di te me veggo e di lontan mi chiamo 53
+42. An Tommaso Cavalieri 54
+ Ben può talor col mio ardente desio
+43. An denselben 55
+ Se 'l foco alla bellezza fusse equale
+44. La forza d'un bel viso a che mi sprona? 56
+45. An Tommaso Cavalieri 57
+ Al cor di zolfo, alla carne di stoppa
+46. Non più che 'l foco il fabbro il ferro istende 58
+47. An Tommaso Cavalieri 59
+ Per ritornar là donde venne fora
+48. Indarno spera, come il vulgo dice 60
+49. Die Nacht 61
+ Colui che fece e non di cosa alcuna
+50. Die Nacht 62
+ Ogni van chiuso, ogni coperto loco
+51. An die Nacht 63
+ O nott', o dolce tempo benchè nero
+52. Die Nacht 64
+ Perchè Febo non torc' e non distende
+53. Gesang der Toten 65
+ Chiunche nascie a morte arriva
+54. An Vittoria Colonna 66
+ Per fido esemplo alla mia vocazione
+55. An dieselbe 67
+ Come non puoi non esser cosa bella
+56. An Tommaso Cavalieri 68
+ Non vider gli occhi miei cosa mortale
+57. Gli occhi miei vaghi delle cose belle 69
+58. An Vittoria Colonna 70
+ La vita del mie amor non è 'l cor mio
+59. Dante 71
+ Dal ciel discese, e col mortal suo, poi
+60. Non sempre al mondo è sì pregiato e caro 72
+61. Io mi son caro assai più ch' io non soglio 73
+62. An Vittoria Colonna 74
+ Sì come per levar, donna, si pone
+63. An dieselbe 75
+ Ora in sul destro, ora in sul manco piede
+64. An dieselbe 76
+ Un uomo in una donna, anzi un dio
+65. An dieselbe 77
+ Da che concetto ha l'arte intera e diva
+66. Di più cose s' attristan ghi occhi miei 78
+67. Non altrimenti contro a sè cammina 79
+68. Or d'un fler diaccio or d'un ardente foco 80
+69. Non può, signor mio car, la fresca e verde 81
+70. Vivo al peccato, a me morendo vivo 82
+71. Condotto da molt' anni all' ultim' ore 83
+72. Giunto è già 'l corso della vita mia 84
+73. Gl' infiniti pensier miei, d'error pieni 85
+74. Le favole del mondo m'hanno tolto 86
+75. Carico d'anni e di peccati pieno 87
+76. Vorrei voler, Signior, quel ch' io non voglio 88
+77. Deh fammiti vedere in ogni loco 89
+78. Non fur men lieti che turbati e tristi 90
+79. Mentre m'attrista e duol, parte m'è caro 91
+80. Scarco d'un' importuna e grave salma 92
+Briefe Michelangelos 93-131
+ An Benedetto Varchi 120
+ An Buonarroto 101, 104, 109
+ An Clemens VII. 110
+ An Franz I. von Frankreich 118
+ An Giorgio Vasari 124, 125, 125, 127
+ An Giovanni Simone 97, 112
+ An Giuliano da Sangallo 95
+ An Lionardo 116, 119, 120, 122, 123, 126, 128, 128, 129, 130, 131
+ An Lodovico 100, 102, 103, 107
+ An Luigi del Riccio 113, 114, 114
+ An Sebastiano del Piombo 111
+ An Vittoria Colonna 115, 116
+Briefe Vittorias an Michelangelo 135-138
+Anmerkungen zu den Gedichten 141-157
+Anmerkungen zu den Briefen 157-164
+Inhaltsverzeichnis 165-169
+
+
+
+
+
+DAS MUSEUM
+
+
+Eine Sammlung klassischer Denkmäler
+der Literatur und Kultur.
+
+I. Schillers Flucht von Andreas Streicher. 2. Auflage. Elegant gebunden
+ 2 Mk.
+
+II. Russlands soziale Zustände von Alexander Herzen. Aus dem Russischen
+ von Malvida von Meysenbug. Elegant gebunden 2 Mk.
+
+III. Das Liederbuch "Annette" (mit einer Heliogravüre von Käthchen
+ Schönkopf) von Goethe. Elegant gebunden 1.50 Mk.
+
+IV. Das Athenäum. Eine romantische Zeitschrift von August Wilhelm und
+ Friedrich Schlegel. Elegant gebunden 4 Mk.
+
+V. Napoleon-Briefe. Herausg. von Hans Landsberg. Karton. 4 Mk., elegant
+ gebunden 4.50 Mk.
+
+VI. Napoleon von Hippolyte Taine. Karton. 2 Mk., elegant gebunden 2.50
+ Mk.
+
+VII. Napoleons Reden und Gespräche. Herausg. von Hans Landsberg. Karton. 4
+ Mk., elegant gebunden 4.50 Mk.
+
+VIII. Michelangelo, Gedichte und Briefe. Karton. 3 Mk., elegant gebunden
+ 3.50 Mk.
+
+Jeder Band ist einzeln käuflich.
+
+ * * * * *
+
+Pan-Verlag, G.m.b.H., Berlin W. 35.
+
+
+
+
+
+MODERNE GEISTER
+
+
+Essays zur Kunst und Literatur.
+Herausgeber: Dr. Hans Landsberg.
+
+1. Ein Jahrhundert deutscher Malerei (1800-1900) von Rudolf Klein. 128
+ Seiten mit 4 Vollbildern. 1 Mk., gebunden 1.50 Mk.
+
+2/3. Brahms von Dr. Walter Pauli. 1.50 Mk. gebunden 2 Mk.
+
+4. Paul Heyse von Viktor Klemperer. 1 Mk., gebunden 1.50 Mk.
+
+5. Gerhart Hauptmann von Dr. Hans Landsberg. 1 Mk., gebunden 1.50 Mk.
+
+6. Bernard Shaw von Eduard Bernstein. 1 Mk., gebunden 1.50 Mk.
+
+Weitere Essays über Strindberg, Frenssen u.a. in Vorbereitung.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+
+PAN-BIBLIOTHEK
+
+
+I. Das Venusgärtlein. Ein Liederbuch aus der galanten Zeit. Herausg. von
+ Dr. Hans Landsberg. 2 Mk., elegant gebunden 3 Mk.
+
+II/III. Heine-Briefe. Gesammelt und herausg. von Dr. Hans Daffis. 2 Bde. 6
+ Mk., elegant gebunden 8 Mk.
+
+ * * * * *
+
+Pan-Verlag, G.m.b.H., Berlin W. 35.
+
+Herrosé & Ziemsen, G.m.b.H., Wittenberg
+
+
+
+
+
+FUSSNOTE
+
+
+[1] An dieser Stelle sei den Herren Alphons Dürr, die den Wiederabdruck der
+Übertragungen von Sophie Hasenclever gestatteten, der Spemannschen
+Verlagshandlung und Herrn Prof. Reinhold Steig (Hermann Grimms
+Übertragungen), der Schlesischen Verlagsanstalt (Bodenstedt) der
+verbindlichste Dank ausgesprochen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MICHELANGELO GEDICHTE UND BRIEFE***
+
+
+******* This file should be named 15813-8.txt or 15813-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/8/1/15813
+
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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--- /dev/null
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Michelangelo Gedichte und Briefe, by Michelangelo Buonarroti</title>
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+/* structure of letters: number (h3), to, date, text, your, sign */
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+ Initial space has been included in &lt;i> tag for proper spacing.
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+<body>
+<h1>The Project Gutenberg eBook, Michelangelo Gedichte und Briefe, by
+Michelangelo Buonarroti, Edited by R. A. Guardini</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Michelangelo Gedichte und Briefe</p>
+<p> In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini</p>
+<p>Author: Michelangelo Buonarroti</p>
+<p>Release Date: May 11, 2005 [eBook #15813]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MICHELANGELO GEDICHTE UND BRIEFE***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Wallace McLean, Hagen von Eitzen,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="figure" style="width:354px">
+<a href="images/front.jpg"><img width="352" height="500" src="images/front_tn.jpg" alt="[Illustration: Marcello Venusti pinx]" /></a>
+<p>Marcello Venusti pinx</p>
+</div>
+
+<p class="front"><a class="pgnum" id="page-iv" title="- iv -"></a><big>DAS MUSEUM VIII.</big></p>
+
+
+<h1>Michelangelo<br/>
+Gedichte und<br/>
+Briefe</h1>
+
+<p class="front"><big>In Auswahl herausgegeben</big><br/>
+von<br/>
+<big>R. A. Guardini</big></p>
+
+<hr class="deco"/>
+
+<p class="front">Pan-Verlag, Berlin 1907</p>
+
+<p class="bigcap">Michelangelo <a class="pgnum" id="page-v" title="- v -"></a>hat fast nur Persönlichkeitsgedichte
+geschrieben. Was er in jenem Madrigal über sein
+bildnerisches Schaffen aussprach,</p>
+
+<div class="poem" id="intro1">
+<div class="stanza">
+<p>Mich deucht, stets bild' ich mich,</p>
+<p>Und meine doch<i> ihr</i> Antlitz zu gestalten,</p>
+</div>
+</div>
+
+<p class="noindent">hätte er auch von seinem Dichten &mdash; er mehr als
+irgend einer &mdash; sagen können. Mit wenig Ausnahmen
+erzählen seine Verse, auch wenn er von
+anderen spricht, nur von<i> seinem</i> Empfinden,<i> seinem</i>
+Kämpfen, von den Werten und Idealen,
+die<i> er</i> suchte und in den geliebten Menschen
+verkörpert sah. Er war, zumal in reiferem Alter,
+stets mit sich allein, stets ein Mensch, der einsam
+mit der eigenen Seele zu ringen, sein edleres Selbst
+gegen Leidenschaften zu behaupten hatte, deren
+Wucht seine Schöpfungen ahnen lassen; und so
+liessen ihn die Spannungen in seinem Innern nicht
+zur Ruhe dessen kommen, der ein Geschautes
+schildert.</p>
+
+<p>Er wusste in seinen Dichtungen fast nur unmittelbar
+von sich zu sprechen oder sehnsüchtig
+die Menschen anzuschauen, anzurufen, in denen er
+den Frieden und die Schönheit zu sehen glaubte. Und
+es will scheinen, als sei es ihm auch in seiner
+Liebe nicht gelungen, sich wirklich an den Anderen
+<a class="pgnum" id="page-vi" title="- vi -"></a>zu verlieren, wirklich diesen, wie er war, zu sehen,
+als habe er auch in ihr den Genossen eigentlich
+nicht gefunden. Selbst in den Gedichten an Vittoria,
+von der er doch am ehesten hoffen durfte, sie gehe
+mit ihm den gleichen Weg, konnten Gedanken wie
+diese auftauchen:</p>
+
+<div class="poem" id="intro2">
+<div class="stanza">
+<p>Sage mir, Liebe, ob ich die heissersehnte</p>
+<p>Schönheit wirklich hier sehe, oder ob drinnen</p>
+<p>In meiner Seele sie lebt, und ich der Herrin</p>
+<p>Antlitz anschauend verkläre?</p>
+</div>
+</div>
+
+<p class="noindent">Es ist wie eine Ahnung, dass er auch in den geliebten
+Menschen nur Schönheiten sehe, die<i> er</i> ihnen
+erst verliehen, dass er nur von den Bildern seiner
+eigenen Vollkommenheitssehnsucht spreche, wenn er
+ihre Hoheit verehre.</p>
+
+<p>Michelangelos eigene ringende Seele, mehr enthalten
+seine Dichtungen nicht.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke liegt der Anordnung zugrunde.
+Sie fasst die Gedichte zusammen, denen in der Seele
+ihres Schöpfers gleiche Voraussetzungen entsprechen,
+Grundkräfte, Anlagen seines Wesens, Ziele, die er
+erstrebte, Werte, die er bejahte und in denen er
+sein letztes Genügen fand. Die Ordnung dieser
+Gruppen untereinander versucht von der Wertung
+auszugehen, die Michelangelo selbst an ihrem Inhalt
+vollzogen hat, indem sie ihn an dem Bilde des
+Menschen misst, den er in sich zu verwirklichen
+strebte.</p>
+
+<p>Ist dies gelungen, dann bilden die Gedichte eine
+Reihe, die von relativ Äusserlichem ausgehend immer
+<a class="pgnum" id="page-vii" title="- vii -"></a>mehr zu dem vordringt, was Michelangelo als sein
+Wertvollstes und Eigenstes beurteilte.</p>
+
+<p>Dass bei diesem Versuch die Gefahr der Subjektivität
+nahe sei, habe ich mir nicht verhehlt; aber
+hier schien die beste Möglichkeit zu liegen, aus
+einer blossen Aneinanderreihung ein innerlich verbundenes
+Ganzes zu machen.</p>
+
+<p>Die Briefe sind chronologisch geordnet. Aus der
+grossen Zahl mussten sehr wenige ausgewählt werden.
+Es sind besonders solche, in denen das eigenartige Verhältnis
+des Meisters zur Familie, sein stetes Sorgen
+und bereitwilliges Helfen, dann auch seine Stellung
+zu Freunden und Auftraggebern zum Ausdruck kommt.</p>
+
+<p>Als Anhang sind die wenigen erhaltenen Briefe
+Vittorias an ihn beigefügt.</p>
+
+<p>Die Übersetzungen der Gedichte sind teils schon
+vorliegende ältere, deren Wiederdruck von den Herren
+Verlegern in liebenswürdiger Weise gestattet wurde,
+teils Neuübertragungen von<i> Bettina Jacobson</i>.<a id="FNA-1"></a><a href="#FN-1"><sup>1</sup></a>
+Die Briefe wurden vom Herausgeber sämtlich neu
+übersetzt. Der Auswahl gehen einige Kapitel aus
+Ascanio Condivis &#8222;Leben Michelangelos&#8220; voraus, die
+etwa zehn Jahre vor seinem Tode unter seinen
+Augen entstand: eine einfache Fassung, der sich
+&#8222;die geschnittenen Steine&#8220; der Dichtungen vielleicht
+zu klarerem Schimmer einfügen.</p>
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-viii" title="- viii -"></a>Die wiedergegebenen älteren Übertragungen
+stammen aus:</p>
+
+<p class="list">
+Michelangelos Gedichte, übersetzt von Sophie Hasenclever,
+Leipzig, Dürr 1875.</p>
+
+<p class="list">Übersetzungen von Hermann Grimm in: Grimm, Leben
+Michelangelos, Berlin, Spemann.</p>
+
+<p class="list">Übersetzungen von Bodenstedt in: Nord und Süd. Bd. 34.</p>
+
+<p class="list">Übersetzungen von Karl Witte in: Romanische Studien 1871.</p>
+
+<p class="list">Übersetzungen von Hans Grasberger in: <span lang="it">Le Rime di Michelangelo</span>
+1872.
+</p>
+
+<p class="sign"><i>R. A. Guardini.</i></p>
+
+<hr class="front"/>
+
+<p class="bigcap">&#8222;Michelangelo <a class="pgnum" id="page-1" title="- 1 -"></a>beschränkte sich in seiner Jugend
+nicht auf Skulptur und Malerei, sondern er widmete
+sich auch allen verwandten und ähnlichen Künsten;
+und das tat er mit solchem Eifer, dass er sich für
+einige Zeit fast völlig der Gemeinschaft der Menschen
+entzog und nur mit ganz wenigen Umgang pflegte.
+Dies brachte ihn in den Ruf eines hochmütigen oder
+seltsamen und phantastischen Menschen, und doch
+waren beide Fehler ihm gleich fremd. Es war die
+Liebe zur Tüchtigkeit und die treue Hingabe an die
+edlen Künste, die ihn &mdash; wie es vielen ausgezeichneten
+Männern geschah &mdash; einsam machten und ihn nur
+in deren Dienste Genüge und Ergötzung finden liessen.
+Darum war ihm die Geselligkeit keine Freude, ja
+verhasst, denn sie störte ihn in seiner Gedankenarbeit;
+war er doch, wie jener grosse Scipio zu sagen pflegte,
+nie weniger allein, als wenn er allein war.</p>
+
+<p>Doch suchte er gerne die Freundschaft derer, die
+ihm in tüchtigen und weisen Gesprächen irgendwelche
+nützliche Frucht boten, oder in deren Seele ein Strahl
+des Aussergewöhnlichen aufblitzte&nbsp;&#8230; Eine besondere
+und grosse Liebe verband ihn mit der Marchesana
+von Pescara, deren hoher Geist ihn gefangen hielt,
+und die ihm mit ausserordentlicher Liebe vergalt.
+Von ihr bewahrt er noch viele Briefe, voll von reiner
+<a class="pgnum" id="page-2" title="- 2 -"></a>und süsser Liebe, wie sie aus so edlem Herzen
+kommen mussten, und er hat an sie viele gar kunstvolle
+Sonette gerichtet, in denen eine innige Sehnsucht
+lebt. Sie verliess oft Viterbo oder andere
+Orte, wohin sie sich zur geistigen Sammlung oder
+zum Sommeraufenthalt zurückgezogen hatte, und kam
+nach Rom, einzig um Michelangelo zu sehen; und
+er trug zu ihr solche Liebe, dass ich ihn einst sagen
+hörte, er habe nur den Schmerz, dass er sie nicht,
+als sie aus diesem Leben schied, auf die Stirn oder
+den Mund küsste, wie er ihre Hand geküsst hatte.
+Und der Gedanke an ihren Tod liess ihn oft im
+Schmerz gleichsam erstarren.</p>
+
+<p>Wie er die Gespräche mit gelehrten Menschen
+sehr liebte, so fand er auch Ergötzen am Lesen der
+Schriftsteller, ob sie nun in Prosa oder in Versen
+schrieben, und besonders trägt er Verehrung für
+Dante, dessen wunderbares Genie ihn anzieht, und
+dessen Werke er fast ganz in treuem Gedächtnis
+bewahrt. Den Petrarca schätzt er vielleicht fast eben
+so hoch. Doch begnügte er sich nicht damit, sie zu
+lesen, sondern fand auch seine Lust daran, selbst zu
+dichten, und manche seiner Sonette legen für die
+grosse Kraft seiner Erfindung und seinen reinen
+Geschmack gutes Zeugnis ab&nbsp;&#8230; Aber all dies trieb
+er nur zu seinem Ergötzen und masste sich keinerlei
+Sachkenntnis darin an, setzte sich selbst vielmehr
+stets herab und betonte seine Unerfahrenheit in
+solcherlei Künsten.</p>
+
+<p>Mit gleichem Eifer und gleicher Aufmerksamkeit
+las er die heiligen Schriften des Alten und Neuen
+<a class="pgnum" id="page-3" title="- 3 -"></a>Testaments und suchte mit stetem Bemühen in ihren
+Sinn einzudringen. Gleicherweise studierte er die
+Werke Savonarolas, zu dem er stets grosse Zuneigung
+hatte, und noch bewahrt er im Gedächtnis den
+lebendigen Klang seiner Stimme.</p>
+
+<p>Auch liebt er die Schönheit des Körpers, ist er
+doch am tiefsten mit ihrem Wesen vertraut. Ja er
+liebt sie so sehr, dass sinnliche Menschen, die nur
+in unlauterer und unehrenhafter Weise die Schönheit
+zu lieben vermögen, Schlimmes von ihm dachten
+und sagten. Und doch wurde Alcibiades, der überaus
+schöne Jüngling, von Sokrates mit der keuschesten
+Liebe umfasst und er pflegte zu sagen, so oft er an
+dessen Seite geruht habe, sei er nie anders als wie
+ein Sohn von der Seite des Vaters aufgestanden.
+Ich habe oft Michelangelo über die Liebe reden und
+sich unterhalten hören, habe aber stets, auch von
+den übrigen, die dabei waren, vernommen, dass er
+nicht anders über die Liebe spreche, als wie bei
+Plato geschrieben steht. Ich weiss ja nun nicht,
+was Plato über diesen Gegenstand sagt; das aber
+weiss ich gewiss, dass ich lange seinen vertrauten
+Umgang genoss und aus seinem Munde stets nur
+Worte von strengster Lauterkeit vernahm, die in
+jedem Jüngling alle ungeordneten und zügellosen
+Wünsche niedergezwungen und ausgerottet hätten.
+Und dass sein Geist hässliche Gedanken nicht duldete,
+kann man auch daraus erkennen, dass er stets nicht
+nur die Menschenschönheit liebte, sondern alles
+Schöne, ein schönes Pferd und einen schönen Hund,
+die Schönheit einer Landschaft, eines Berges, eines
+<a class="pgnum" id="page-4" title="- 4 -"></a>Waldes, jede schöne Gegend und jegliches schöne
+und in seiner Art seltne Ding mit tiefer und wunderbarer
+Verehrung anschaute. So entnahm er überall
+der Natur das Schöne, wie die Bienen aus den
+Blüten den Honig sammeln, und legte es in seinen
+Werken nieder. Das haben aber alle die getan, die
+sich in der Kunst eines grösseren Rufes erfreuten.
+Jener Meister des Altertums begnügte sich, um die
+Venus zu bilden, nicht damit, nur<i> eine</i> Jungfrau zu
+sehen, sondern er wollte viele anschauen. Und indem
+er so von jeder das Schönste und Vollendetste
+nahm, schuf er daraus die Göttin. Und so viel steht
+fest: wer sich einbildet, er werde auf anderem, als
+auf diesem Wege, der allein zur rechten Anschauung
+führt, Grosses in der Kunst leisten, der täuscht sich
+in verhängnisvoller Weise.</p>
+
+<p>In seinem ganzen Leben beobachtete Michelangelo
+eine grosse Mässigkeit und bediente sich, zumal wenn
+er arbeitete, mehr aus Notdurft als zum Genusse
+der Speise. Meist begnügte er sich dann mit einem
+Stück Brot, das er ass, ohne die Arbeit zu unterbrechen
+&#8230; Oft hörte ich ihn sagen: &#8222;Ascanio, wenn
+ich auch noch so reich war, stets habe ich arm gelebt.&#8220;
+Und wie er nie viel ass, so schlief er auch
+wenig; pflegte er doch selbst zu sagen, der Schlummer
+habe ihm nie gut getan, habe ihm vielmehr fast immer,
+wenn er länger geschlafen habe, Kopfschmerzen verursacht.
+Als er noch von kräftigerer Gesundheit
+war, schlief er öfter in Kleidern und Stiefeln &mdash; dieser
+bediente er sich, weil er stets am Krampf litt
+und noch aus anderen Gründen &mdash; und manchmal
+<a class="pgnum" id="page-5" title="- 5 -"></a>liessen sie sich so schwer ausziehen, dass mit den
+Stiefeln auch die Haut mitging, so wie es bei der
+Schlange geschieht, wenn sie sich häutet.</p>
+
+<p>Nie geizte er nach Geld, noch strebte er danach,
+Reichtümer aufzuhäufen; vielmehr war er zufrieden,
+wenn er genug besass, um ruhig leben zu können&nbsp;&#8230;
+Viele seiner Werke hat er verschenkt und hätte doch
+durch ihren Verkauf unermessliche Summen lösen
+können&nbsp;&#8230; Er war aber nicht nur mit seinen Werken
+freigebig, sondern hat auch oft einem armen, doch
+tüchtigen jungen Menschen, der sich den Künsten
+oder der Wissenschaft widmete, mit seiner Börse
+geholfen; ich kann das bezeugen, denn mir selbst
+ist so von ihm geschehen. Nie war er neidisch auf
+die Erfolge anderer in seiner Kunst, und das mehr
+aus natürlicher Herzensgüte, als weil er von sich
+selbst eine hohe Meinung hätte. Er lobte das Gute
+in allen, selbst in Raffael von Urbino, mit dem er
+doch, wie ich oben schrieb, im Felde der Malerei
+manchen Kampf ausgefochten hat. Nur hörte ich
+ihn sagen, Raffael habe seine Kunst nicht von der
+Natur erhalten, sondern sie sich durch langes Studium
+erworben&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p>Er besitzt ein ausserordentlich treues Gedächtnis,
+so dass er, der doch, wie man sehen kann, Tausende
+von Gestalten gemalt hat, nie auch nur zwei bildete,
+die sich ähnlich gesehen, oder die gleiche Haltung
+eingenommen hätten. Ich hörte ihn sagen, dass er
+keine Linie ziehe, ohne zu wissen, ob er sie bereits
+einmal gezogen habe; und wenn dies geschehen ist,
+lässt er sie nie stehen, falls das Werk für die Öffentlichkeit
+<a class="pgnum" id="page-6" title="- 6 -"></a>bestimmt ist. Auch besitzt er eine ungeheure
+Kraft gestaltender Phantasie, und daher kommt es
+vor allem, dass er stets so unzufrieden mit seinen
+Werken ist, und sie stets herabsetzt, denn noch nie
+schien es ihm, als sei es seiner Hand gelungen, das
+Bild zu formen, wie es in seinem Innern aufstieg.
+Und aus den gleichen Gründen ist er schüchtern,
+wie es die sind, die sich in Musse einem beschauenden
+Leben hingeben. Nur wenn ihm oder anderen Unrecht
+zugefügt wird, oder man seine Rechte verletzt,
+flammt er in gerechtem Zorne auf. Dann aber ist
+die Wucht seiner Abwehr grösser, als bei denen,
+die man für mutig hält&nbsp;&#8230;&#8220;</p>
+
+<p class="sign">Ascanio Condivi, Leben Michelangelos,<br/>
+Kap. 62&ndash;68.</p>
+
+<hr/>
+
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-7" title="- 7 -"></a>Dichtungen.</h2>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-9" title="- 9 -"></a>An Florenz.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Nur dich erfreut mein Gram! Sieh, welch Erbarmen</p>
+<p>Die holden Frau'n bewegt, dass Qual und Sterben</p>
+<p>Zu süss du noch erachtest für mich Armen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wo ist nun Mitleid? Wen zum Schützer werben</p>
+<p>Vor Weibes Grimm, wenn Männer sich vernichten,</p>
+<p>In Hass und Kampf sich stürzen ins Verderben?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du, Amor, sollst wie immer heut auch richten!</p>
+<p>Und reiche nur den Bogen ihren Händen;</p>
+<p>Bin schuldig ich, dann mag sie mich vernichten.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der, welcher schmachtet zwischen Kerkerwänden,</p>
+<p>Der, den zum Tod man schleift in wilder Hetze,</p>
+<p>An welch ein Tribunal soll der sich wenden?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Was nützen ihm und mir Recht und Gesetze?</p>
+<p>Doch sag', warum lehrt dich mein Lieben hassen?</p>
+<p>Wer fasst es, dass dich Fleh'n in Wut versetze?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dem Schatten gleicht dein Reiz, in dem erblassen</p>
+<p>Die dir sich nah'n; das Herz, das liebewarme,</p>
+<p>Muss schauernd sein Verderben hier umfassen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ihr stolzen, stets zum Mord bereiten Arme,</p>
+<p>Ihr Augen, spottend der im Netz Verstrickten,</p>
+<p>Ihr Hände, höhnisch deutend auf uns Arme,</p>
+</div>
+
+
+<div class="stanza"><a class="pgnum" id="page-10" title="- 10 -"></a>
+<p>Ihr Gaben all, verliehen der Beglückten</p>
+<p>Zu hohem Ruhm, nicht schuf euch Gottes Wille,</p>
+<p>Um Tod und Schmach zu bringen uns Entzückten!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ihr sollt im Spiegel eurer Schönheitsfülle</p>
+<p>Den Glanz uns ahnen lassen jener Sphären,</p>
+<p>Die noch uns birgt des Staubes Schleierhülle.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die ird'sche Schönheit soll uns glauben lehren</p>
+<p>An ew'ge Schönheit, göttliche Vollendung;</p>
+<p>Und du lebst nur zu töten, zu verheeren!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ein Himmelsbote, spottend seiner Sendung,</p>
+<p>Verdient den Untergang noch mehr als jene,</p>
+<p>Die ihm gefolgt in menschlicher Verblendung.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Liebe zeigt dein Ende mir, du Schöne,</p>
+<p>Dass meine Warnung deinen Stolz vernichtet</p>
+<p>Und dir ins Auge lockt die Reueträne.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>O fühle doch der Welt dich auch verpflichtet,</p>
+<p>Für die so schön geschaffen du; gefallen</p>
+<p>Lass dir die Lieder, dir zum Ruhm gedichtet.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Tugend nützt sich selbst nicht nur, nein allen,</p>
+<p>Dem Himmel gleich, der Licht am meisten spendet,</p>
+<p>Wo sich am dunkelsten die Schatten ballen,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du aber hast dich geizig abgewendet;</p>
+<p>Wir sterben, du bleibst ungestraft auf Erden;</p>
+<p>Nun seht ihr, dass nicht hier das Dasein endet,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und dass Gerechtigkeit geübt muss werden</p>
+<p>In andern Welten. Weh, dass treue Dienste</p>
+<p>Man lohnt durch Qual und tödliche Gefährden!</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">1.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-11" title="- 11 -"></a>Auf die &#8222;Nacht&#8220; des Buonarroti von
+Giovanni Strozzi.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>&#8222;Die Nacht, die wir in tiefem Schlummer sehen,</p>
+<p>Ein Engel schuf sie hier aus diesem Stein,</p>
+<p>Und weil sie schläft, muss sie lebendig sein,</p>
+<p>Geh, wecke sie, sie wird dir Rede stehen.&#8220;</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3>Entgegnung Michelangelos.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<p>&#8222;Schlaf ist mein Glück; so lange Schmach und Kummer</p>
+<p>Auf Erden dauern, besser Stein zu bleiben,</p>
+<p>Nicht sehn, nicht hören bei so schnödem Treiben.</p>
+<p>Sprich leise drum und stör' nicht meinen Schlummer.&#8220;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">2.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-12" title="- 12 -"></a>Florenz und die Verbannten.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>&#8222;Für tausend Liebende bist du geboren</p>
+<p>In Engelsschönheit! Schläft der Himmel heute,</p>
+<p>Dass du des einen Beute,</p>
+<p>Du allen einst geschenkt und nun verloren?</p>
+<p>Sind wir, ach fern geboren,</p>
+<p>Nicht ganz verschmäht, so lass für uns auch tagen,</p>
+<p>Für uns Verbannte deiner Augen Sonnen!&#8220;</p>
+<p class="indent">&#8222;Wohlan, nicht sinke euer Mut, ihr Toren,</p>
+<p>Denn nicht den grossen Raub lässt grosses Zagen</p>
+<p>Geniessen den, der mich zum Schein gewonnen;</p>
+<p>Und seht, ist nicht inmitten aller Wonnen</p>
+<p>Unfähig zum Genusse sein, viel schlimmer,</p>
+<p>Als dulden bei der Hoffnung fernstem Schimmer?&#8220;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">3.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-13" title="- 13 -"></a>An Julius II.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Herr, hatte je ein altes Sprichwort Wert,</p>
+<p>So hat es dies: Wer kann, der will noch nicht.</p>
+<p>Auf hohle Reden legtest du Gewicht</p>
+<p>Und hast mit Gunst der Wahrheit Feind geehrt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Stets hab' ich mich in deinem Dienst bewährt,</p>
+<p>Dein, wie der Sonne ihrer Strahlen Licht;</p>
+<p>Doch, wenn ich Zeit verloren, rührt's dich nicht,</p>
+<p>Und schaltest mehr, je mehr ich mühbeschwert.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Mein Hoffen hatt' ich ganz auf dich gestellt,</p>
+<p>Nur war ein gutes Schwert und rechte Wage</p>
+<p>Mehr angebracht als hohles Echowort.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch wahrer Tugend wert hält diese Welt</p>
+<p>Der Himmel nicht, will er, dass Früchte trage</p>
+<p>Ein hohler Baum für uns, der schon verdorrt.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">4.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-14" title="- 14 -"></a>An Giovanni di Pistoja.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei'n,</p>
+<p>Wie's Katzen in der Lombardei geschieht</p>
+<p>Vom Wasser, (oder wie man's sonst wo sieht),</p>
+<p>Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein</p>
+<p>Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht</p>
+<p>Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht</p>
+<p>Der Pinsel Mosaïken reich und fein.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt,</p>
+<p>Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe;</p>
+<p>Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Vorn nimmt die Haut in Falten überhand,</p>
+<p>Und hinten spannt sie über harter Kuppe,</p>
+<p>Denn wie ein Syrerbogen krümm' ich mich.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p class="indent2">So geht auch wunderlich</p>
+<p>Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor,</p>
+<p>Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p class="indent2">Such' nun, o Freund, hervor,</p>
+<p>Was noch für meine toten Bilder spricht!</p>
+<p>Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug' ich nicht!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">5.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-15" title="- 15 -"></a>Spottgedicht.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>So süss wie Mus ist dein Gesicht, o Schöne,</p>
+<p>So glatt, als wär' ein Schnecklein drauf spaziert,</p>
+<p>Wie Rüben zart; es gleichen deine Zähne</p>
+<p>Den Pastinaken, und dein Auge stiert</p>
+<p>So wie die Theriakpflanze grün; ich wähne,</p>
+<p>Durch solchen Glanz wird selbst ein Papst verführt.</p>
+<p>Wie Zwiebeln weiss und blond sind deine Haare!</p>
+<p>Erbarm' dich schnell, sonst lieg' ich auf der Bahre!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">6.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-16" title="- 16 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>So rasch, so kühn, mit Lug und Trug im Bunde</p>
+<p>Ist meine Freundin, dass sie Huld versprochen</p>
+<p>Im Augenblick, da sie mein Herz durchstochen,</p>
+<p>Und schon das Eisen steckte in der Wunde.</p>
+<p>Ach, zu derselben Stunde</p>
+<p>Durchwärmt mich Leben, da mich Tod durchschauert!</p>
+<p>Die bange Seele trauert,</p>
+<p>Denn wenn dies Schwanken dauert,</p>
+<p>Besiegt der Tod das Leben. Mehr vernichtet</p>
+<p>Das Böse, als das Gute heilt und schlichtet.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">7.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-17" title="- 17 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Genöss' ich mindre Gnade,</p>
+<p>Dann reichte wohl zum Leben meine Kraft,</p>
+<p>Nun aber ist erschlafft</p>
+<p>Durch Zähren, die in Doppelbächen fliessen,</p>
+<p>Mein Herz und krank vom Tränenbade.</p>
+<p>So muss das hohe Glück die Schwäche büssen!</p>
+<p>Kein Weiser will geniessen,</p>
+<p>Wozu die Kraft ihm fehlet,</p>
+<p>Denn Wonne ohne Mass erdrückt hienieden.</p>
+<p>Ein stilles Glück wird spriessen,</p>
+<p>Vom Friedenshauch beseelet,</p>
+<p>Dem Herzen, das in Demut sich beschieden.</p>
+<p>Nicht bringt, was andern ziemt, auch mir den Frieden;</p>
+<p>Giebst dem, der nur um kleinen Lohn gebeten,</p>
+<p>Das Höchste du, so wird das Glück ihn töten.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">8.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-18" title="- 18 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wenn sich die Schmerzen, die mein Antlitz trüben,</p>
+<p>Dir, teure Herrin, zeigen,</p>
+<p>So scheinen sie zu steigen</p>
+<p>In gleichem Mass, wie in dem deinen, lieben,</p>
+<p>Das frei von Gram geblieben,</p>
+<p>Die Reize sich erhöh'n; durch meine Leiden</p>
+<p>Will Amor dich Geliebte noch verschönen;</p>
+<p>Da Ruhm dir bringt solch Lieben,</p>
+<p>So duld' ich denn mit Freuden.</p>
+<p>Macht schon mein Gram dich schön, wie erst mein Sterben!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und doch, wenn meine Tränen,</p>
+<p>Die Glanz und Reiz erhöh'n in deinen Zügen,</p>
+<p>Einst durch den Tod versiegen,</p>
+<p>So bringt mein Tod statt Ehre dir Verderben.</p>
+<p>Nun will ich nicht mehr sterben,</p>
+<p>Nein, dulden will ich gern in deiner Nähe,</p>
+<p>Denn süss ist Gram, der solche Schönheit nähret;</p>
+<p>Wem sie zu schau'n bescheret,</p>
+<p>Der trägt ja leicht zugleich ein grosses Wehe.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">9.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-19" title="- 19 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der goldne Kranz, sieh, wie er voll Entzücken</p>
+<p>Das blonde Haar mit Blüten rings umfängt,</p>
+<p>Es darf die Blume, die am tiefsten hängt,</p>
+<p>Den ersten Kuss auf deine Stirne drücken.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wie freudig das Gewand den langen Tag</p>
+<p>Sich um die Schultern schliesst und wieder weitet</p>
+<p>Am Hals, zu dem das Haar herniedergleitet,</p>
+<p>Das dir die Wangen gern berühren mag.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Sieh aber hier, wie mit verschränkten Schnüren</p>
+<p>Nachgiebig und doch eng das seidne Band</p>
+<p>Beglückt ist, deinen Busen zu berühren.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der Gürtel spricht: Lass mich die Lust geniessen,</p>
+<p>Dass ewig meine Haft dich so umspannt&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Wie würden da erst Arme dich umschliessen!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">10.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-20" title="- 20 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Weil man wie Seelenzwang,</p>
+<p>Erscheint sie auch als Labe,</p>
+<p>Die Gunst empfindet, sich gebunden glaubt,</p>
+<p>So klagt mein Freiheitsdrang</p>
+<p>Ob deiner werten Gabe</p>
+<p>Mehr noch, als hätte mich ein Dieb beraubt.</p>
+<p>Und kann zum Strahlenhaupt</p>
+<p>Der Sonne ungeschwächt kein Auge dringen,</p>
+<p>Das doch erstarken müsst' bei solchem Wagen,</p>
+<p>So möchte kraftberaubt</p>
+<p>Nicht mein Vermögen sein, dir Dank zu bringen.</p>
+<p>Oft muss vorm Überfluss der Mangel zagen,</p>
+<p>Und jener wieder über diesen klagen:</p>
+<p>Denn Liebe will nur solche Freunde nennen,</p>
+<p>(Wie selten ach)! die gleich an Glück und Können.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">11.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-21" title="- 21 -"></a>An Giorgio Vasari.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Mit deinem Griffel, deinen Farbentönen</p>
+<p>Hast gleich die Kunst du der Natur gemacht,</p>
+<p>Ja übertroffen sie zum Teil an Macht,</p>
+<p>Da fähig du, ihr Schönes zu verschönen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch heut erst wird vollständ'ger Sieg dich krönen,</p>
+<p>Dich, der auf höh're Werke jetzt bedacht,</p>
+<p>Denn deine Schrift erhellt des Grabes Nacht</p>
+<p>Und gibt Unsterblichkeit den Erdensöhnen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ob auch die Kunst oft die Natur bezwungen,</p>
+<p>Ob Jahre ihre Werke nicht verletzen,</p>
+<p>Sie hindert's nicht, dass alle einst zerstäuben.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du aber, Taten singend, die verklungen,</p>
+<p>Du, Tote weckend trotz Naturgesetzen,</p>
+<p>Wirst du und werden sie lebendig bleiben.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">12.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-22" title="- 22 -"></a>An Giorgio Vasari.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ein Maultier, Kerzen, wahre Zuckermassen!</p>
+<p>So über mein Vermögen handelt Ihr,</p>
+<p>Dazu die grosse Flasche Malvasier,</p>
+<p>Dass ich Sankt Michael muss die Wage lassen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Zu schönes Wetter lässt kein Lüftchen blasen:</p>
+<p>Das Segel hängt, der Kurs entschwindet mir,</p>
+<p>Mein schwaches Schifflein scheint ein Splitter schier,</p>
+<p>Den wilden Meeresfluten überlassen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Erwäg' ich Eure Gaben, Eure Güte</p>
+<p>Und Speis' und Trank und freundliches Bedenken,</p>
+<p>Dass man auf Reisen sorglich mich behüte,&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dann würde sich mein Dank auf nichts beschränken,</p>
+<p>Selbst wenn ich Euch mich selbst als solchen biete,</p>
+<p>Denn eine Schuld bezahlen, heisst nicht schenken.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">13.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-23" title="- 23 -"></a>Aus den Stanzen zum Lob des Landlebens.</h3>
+
+<p class="summary noindent">(Michelangelo schildert im ersten Teil des Gedichtes die
+Reize des ländlichen Lebens und stellt diesem die Reihe
+der Laster gegenüber, die dem Reichen in der Stadt das
+Leben verbittern: Zweifelsucht, Falschheit, Schmeichelei,
+Zwist, Betrug, Lüge, endlich, in den folgenden Stanzen, den
+Hochmut, die Missgunst und die sieben Todsünden, ihre Kinder.)</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der Riese Stolz bläht sich so hoch, dass nimmer</p>
+<p>Er uns im Staub gewahrt; manch schöne Stadt</p>
+<p>Zermalmt mit plumpen Sohlen er in Trümmer;</p>
+<p>Zur Sonne will er schaffen sich den Pfad,</p>
+<p>So baut er Turm auf Turm, doch ihren Schimmer</p>
+<p>Sah er noch nie, da nur ein Aug' er hat,</p>
+<p>Und dies ihm an der Ferse sitzt. Im Wahne</p>
+<p>Durchrast die Himmel er gleich dem Orkane.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Berge sind den Sohlen jenes Hünen,</p>
+<p>Was uns ein Sandkorn ist. Der Drachen Brut</p>
+<p>Birgt sich in seinem Fell und neben ihnen</p>
+<p>Erscheint der Walfisch in der Meeresflut</p>
+<p>Wie eine Fliege klein. Es schreckt den Kühnen</p>
+<p>Nur eins: Wenn sich erhebt der Stürme Wut</p>
+<p>Und Staub und Halme wirbelnd aufwärts sendet,</p>
+<p>Sein einzig' Auge durch den Qualm ihm blendet.</p>
+</div>
+
+
+<div class="stanza"><a class="pgnum" id="page-24" title="- 24 -"></a>
+<p>Auch eine träge Alte ist ihm teuer,</p>
+<p>Die grosse Amme seiner Ungestalt,</p>
+<p>Sie nährt in ihm der wilden Kühnheit Feuer,</p>
+<p>Sie reizt ihn an zu Frechheit und Gewalt.</p>
+<p>Wohnt nicht das Weib bei diesem Ungeheuer,</p>
+<p>So birgt es sich im tiefsten Felsenspalt.</p>
+<p>Geht müssig er, hockt sie in dunkler Kammer</p>
+<p>Und schickt dem Volke Hungersnot und Jammer.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Im Busen, aus dem alle Übel stammen,</p>
+<p>Trägt sie das Zeichen ihres Herrn; die Qual</p>
+<p>Des Nächsten mästet sie, sie schrumpft zusammen</p>
+<p>Bei andrer Glück, die Gier stillt ihr kein Mahl;</p>
+<p>Sie peinigt alle mit des Hasses Flammen</p>
+<p>Und liebt, o Wunder, selbst sich nicht einmal.</p>
+<p>Ihr Arm ist Eisen, Stein das liebeleere</p>
+<p>Das eis'ge Herz; sie schlinget Berg und Meere.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und beider Kinder &mdash; sieben sind's &mdash; durchfliegen</p>
+<p>Die Welt von Pol zu Pol, ein Höllenchor;</p>
+<p>Nur die Gerechten wollen sie bekriegen,</p>
+<p>Sie schliessen auf und zu des Abgrunds Tor,</p>
+<p>Denn Beute bringen sie nach grossen Siegen;</p>
+<p>Unzähl'ge Arme strecken sie hervor,</p>
+<p>Um nach und nach die Seelen ganz zu binden</p>
+<p>Wie Eupheuranken einen Turm umwinden.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">14.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-25" title="- 25 -"></a>Epitaphien.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>O fühlest du mit mir, der hier im Staube</p>
+<p>Verschlossen ruht, der Welt entrückt, Erbarmen,</p>
+<p>So spare deine Tränen für die Armen,</p>
+<p>Die leben, wechselndem Geschick zum Raube.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Warum ergreifst du Tod nicht müde Greise,</p>
+<p>Warum soll ich in meiner Blüte sterben?</p>
+<p>&#8222;Weil das, was altert in der Welt Verderben,</p>
+<p>Nicht aufschwebt und nicht weilt im Himmelskreise.&#8220;</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Nicht mordete mit hoher Jahre Waffen</p>
+<p>Der Tod die Schönheit, die der Staub hier deckt,</p>
+<p>Er nahm sie schnell, auf dass sie unbefleckt</p>
+<p>Zum Himmel kehre, schön wie sie geschaffen.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Geboren war ich erst vor kurzer Frist,</p>
+<p>Als man mich hier begrub; so schnell entführet</p>
+<p>Der Tod mich, dass der freie Geist kaum spüret,</p>
+<p>Wie sehr sein Zustand jetzt verwandelt ist.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Nicht <a class="pgnum" id="page-26" title="- 26 -"></a>gab der Himmel meiner Reize Fülle,</p>
+<p>Die Vielen er zum Schmuck für mich entriss,</p>
+<p>Durch meinen Tod zurück, da ich gewiss</p>
+<p>Am jüngsten Tag mich kleid' in gleiche Hülle.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Man glaubt mich tot, der ich gelebt zum Frommen</p>
+<p>Der Welt, im Busen tragend tausend Seelen,</p>
+<p>Die mich geliebt; wie kann mir Leben fehlen,</p>
+<p>Da eine Seele nur der Tod genommen?</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>O würden Fleisch und Blut für meine Knochen&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Dass ich aufs neue lebte &mdash; eure Tränen,</p>
+<p>Dann wär' aus Mitleid hart, wer weint; sein Sehnen</p>
+<p>Zwäng' mich zurück ins Joch, das ich zerbrochen.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Dass ich gelebt, weiss nur mein Leichenstein,</p>
+<p>Und denkt ein Mensch an mich, dann dünkt's ihn gar</p>
+<p>Wie Traum; so wirkt der Tod, dass das, was war,</p>
+<p>Erscheint, als könnt' es nie gewesen sein.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ich, Braccio von Geschlecht, sah, seit in Schmerzen</p>
+<p>Zur Welt ich kam, nur kurze Zeit den Tag;</p>
+<p>Nun bin ich hier, wo gern ich harren mag,</p>
+<p>Leb' ich nur fort in meines Freundes Herzen.</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>War <a class="pgnum" id="page-27" title="- 27 -"></a>ich im Leben, der ich Staub jetzt bin,</p>
+<p>Des Freundes Leben, muss nicht Tod allein,</p>
+<p>Nein eifersücht'ge Qual dem Freund es sein,</p>
+<p>Stirbt je vor ihm ein andrer für mich hin?</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der Bracci Sonne sank hinab ins Grab,</p>
+<p>Mit ihr die Sonne der Natur. Nicht Waffen</p>
+<p>Bedurft' der Tod, um ihn dahin zu raffen;</p>
+<p>Ein Hauch schon bricht die Frühlingsblume ab.</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">15.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-28" title="- 28 -"></a>Dante.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Kein Lob erreicht ihn, denn was könnt' ich sagen,</p>
+<p>Da selbst den Blinden er voll Glanz erschienen?</p>
+<p>Doch dazu soll die Sprache jetzt mir dienen,</p>
+<p>Das Volk, das ihn beleidigt, anzuklagen!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ihm, der zum Reich der Seelen, die verloren,</p>
+<p>Hinabstieg, ihr Geheimnis zu erraten;</p>
+<p>Ihm, dem die Himmelstore auf sich taten,</p>
+<p>Verschloss die eigne Vaterstadt die Tore.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>O Vaterland des Undanks! Dir zum Schaden</p>
+<p>Hast du ihn ausgestossen! Du, das stets</p>
+<p>Die Besten mit dem schwersten Schmerz beladen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nur seinen Namen braucht die Welt zu lesen!</p>
+<p>Denn ward ein Mann unwürd'ger je verbannt</p>
+<p>Und ist ein Mann so gross wie er gewesen?</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">16.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-29" title="- 29 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wie kommt's, dass ich nicht mehr mein eigen bin?</p>
+<p>Wer ist's, durch den ich mich verlor,</p>
+<p>Der, fremd, in mir sich drängte vor,</p>
+<p>Mehr gilt in mir als eigner Sinn?</p>
+<p>Und wie durchschnitt</p>
+<p>Die harte Brust,</p>
+<p>Wer mich nicht einmal angerührt?</p>
+<p>Wer bist du, Liebe, Qual und Lust,</p>
+<p>Die nun mein Herz gefangen führt,</p>
+<p>Die durch das Aug' in meine Seele glitt</p>
+<p>Und da so masslos wächst und schwillt,</p>
+<p>Dass sie an tausend Enden überquillt?</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">17.</p><p>Hans Grasberger.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-30" title="- 30 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Den Augen gebt zurück, o Fluss, o Quelle,</p>
+<p>Das Wasser, nicht entsprungen euren Bronnen,</p>
+<p>Die Tränen, die in eure Flut verronnen,</p>
+<p>Zu wilder Höhe trieben eure Welle!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du trübe Luft, die mir das Licht, das helle,</p>
+<p>In Nebel hüllt, verdunkelnd meine Wonnen,</p>
+<p>Gib wieder, um die Blicke neu zu sonnen,</p>
+<p>Die Seufzer mir, dass es kein Dunst entstelle!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Schritte, Erde, gib zurück den Füssen,</p>
+<p>Es sprosse neu das Gras auf meinem Wege;</p>
+<p>Gib, Echo, heut zurück mir Klag' und Stöhnen,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Gebt meinem Aug' ihr Augen, o ihr süssen,</p>
+<p>Die Blicke wieder, dass ich lieben möge</p>
+<p>Ein andres Weib, da euch verhasst mein Sehnen.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">18.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-31" title="- 31 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>So kehren wirklich die befreiten Seelen,</p>
+<p>Auf kurz bemess'ne Zeit,</p>
+<p>Zurück in anderm Kleid,</p>
+<p>Dass Leben sie und Tod von neuem wählen?</p>
+<p>Wird strenge im Befehlen,</p>
+<p>Wie einst, die Liebste nah'n,</p>
+<p>Noch ganz von ihrem alten Reiz umflossen?</p>
+<p>Fast möcht' ich darauf zählen,</p>
+<p>Sie zeigte sich alsdann</p>
+<p>Ganz ohne Groll, von Milde übergossen.</p>
+<p>Und, war ihr Aug' geschlossen,</p>
+<p>Hat, neubelebt, sie Mitleid wohl erworben</p>
+<p>Mit meinem Tod, &mdash; die selber schon gestorben!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">19.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-32" title="- 32 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Des besten Künstlers herrlichsten Gedanken,</p>
+<p>Ein einz'ger Marmor kann ihn ganz enthalten,</p>
+<p>Doch muss, will ihn der Meister uns entfalten,</p>
+<p>Die Hand dem Geist gehorchen ohne Wanken.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>In dir auch birgt sich Glück und Pein; verdanken</p>
+<p>Könnt' ich dir höchstes Heil, doch zu gestalten</p>
+<p>Dies Glück, es zu gewinnen, zu erhalten,</p>
+<p>Fehlt mir die Kunst; so muss an Gram ich kranken.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nicht trägt denn Liebe Schuld an meinen Leiden,</p>
+<p>Nicht darf das Schicksal ich zu schmähen wagen;</p>
+<p>Kann Heil ich oder Tod von dir erwerben,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Trägst du im Busen sie und ward von beiden</p>
+<p>Mir Tod zuteil, muss ich mich selbst verklagen;</p>
+<p>Mein schwacher Geist verschuldet mein Verderben.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">20.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-33" title="- 33 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Dein leuchtend helles Diadem erringen,</p>
+<p>Auf steilem Pfade rauh und lang,</p>
+<p>O das vermag im Liebesdrang</p>
+<p>Ein Herz voll Demut nur und edler Sitte.</p>
+<p>Dir wächst die Kraft, mir werden lahm die Schwingen,</p>
+<p>Versagt der Odem auf des Weges Mitte.</p>
+<p>O höre meine Bitte:</p>
+<p>Obgleich mein Herz sich freut an deiner Ehre,</p>
+<p>Und jauchzt, dass deine Tugend so erhaben,</p>
+<p>So fleht es dennoch: lenke deine Schritte</p>
+<p>Ein wenig nur herab zu mir und wehre</p>
+<p>Mir Schwachem nicht, den Geist an dir zu laben;</p>
+<p>Wenn minder gross, du Hehre,</p>
+<p>Mein Herz dich wünscht, nicht höh'ren Flug will dulden,</p>
+<p>O so vergib dir selber mein Verschulden.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">21.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-34" title="- 34 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der Freundlichkeit, mit der Ihr mich bedenkt,</p>
+<p>Nicht allzu unwert, Herrin, mich zu zeigen,</p>
+<p>Wollt ich mit dem, was meinem Geiste eigen,</p>
+<p>Erst das erwidern, was Ihr mir geschenkt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Bald aber fühlt' ich: da Euch nachzusteigen,</p>
+<p>Wohin der Genius Euch empor gelenkt,</p>
+<p>Gibt's keinen Weg für mich: verzeiht und denkt,</p>
+<p>Wie sehr ich weiss, warum mir ziemt zu schweigen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Denn Irrtum wär' mein Glaube, wenn ich dächte,</p>
+<p>Dem gleichzutun mit meinem schwachen Werke,</p>
+<p>Was von Euch wie des Himmels Gnade regnet.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Das Feuer fehlt, die Kunst, die es vollbrächte,</p>
+<p>Mir Sterblichem, dem kein Versuch die Stärke</p>
+<p>Verleiht, mit der der Himmel Euch gesegnet.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">22.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-35" title="- 35 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ach neben dir, die durch zu grosse Wonne</p>
+<p>Das Leben mir entreisst,</p>
+<p>Wie arm bin ich an Geist,</p>
+<p>An Kraft und Kunst! Ja deinen Strahlensegen</p>
+<p>Flieht, wie der Blick die Sonne,</p>
+<p>Mein blöder Geist; die Flügel möcht' er regen</p>
+<p>Weit über sein Vermögen;</p>
+<p>Er übertrifft sich selbst, nur deiner kleinsten Spende</p>
+<p>Auch wert zu sein; bald aber, ach zum Schaden,</p>
+<p>Erlahmt sein Flug, und klar sieht er am Ende,</p>
+<p>Nie kann der Dankesschuld er sich entladen,</p>
+<p>Für so viel Gnaden!</p>
+<p>Je mächt'ger lodern deiner Seele Flammen,</p>
+<p>Je mehr sink' ich in toten Staub zusammen.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">23.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-36" title="- 36 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Was ist es, das die Seele mir entzündet?</p>
+<p>Ahn' ich der Gottheit Glanz, die Strahlen krönen?</p>
+<p>Sah ich auf Erden je ein Bild des Schönen,</p>
+<p>Das meine Seele zitternd nachempfindet?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Blieb mir ein Himmelsstrahl, der nie erblindet,</p>
+<p>Von jener Seligkeit, nach der mit Tränen</p>
+<p>Sich die verbannten Menschenherzen sehnen,</p>
+<p>Die niemals ganz aus dem Gedächtnis schwindet?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Das, was ich fühl' und schau', das, was mich leitet,</p>
+<p>Ist nicht in mir, noch weiss ich, wo es finden!</p>
+<p>Zeig' du es mir, denn seit ich dich erschaue,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Fühl' ich, wie sich in meinem Busen streitet</p>
+<p>Ein Ja und Nein, ein bittersüss Empfinden;</p>
+<p>Gewiss dein Auge ist es, holde Fraue!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">24.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-37" title="- 37 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>&#8222;Sprich Amor, ist es Wahrheit, ist's ein Wähnen,</p>
+<p>Dass Götterpracht der Herrin Antlitz schmückt,</p>
+<p>Oder hat mich ein inn'res Bild entzückt,</p>
+<p>Und seh' ich hier den Abglanz jenes Schönen?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du weisst es, denn du kamst mit ihr; mein Sehnen</p>
+<p>Entfachst nur du, nur du hast mich berückt;</p>
+<p>Doch fleh' ich, trotz der Qual, die mich bedrückt,</p>
+<p>Nicht mindre diese Flammen, diese Tränen!&#8220;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>&#8222;Die Schönheit, die du siehst, entstammt der Erde,</p>
+<p>Doch wächst ihr Glanz, steigt sie zu höhern Sphären;</p>
+<p>Durch deine Augen tritt sie in die Seele,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und diese, dass gleich ihr unsterblich werde</p>
+<p>Die Schönheit, nimmt sie auf, sie zu verklären;</p>
+<p>So laut're Schönheit siehst du, ohne Fehle.&#8220;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">25.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-38" title="- 38 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>O meine Augen, wisst:</p>
+<p>Die Zeit vergeht, die Stunde kommt heran,</p>
+<p>Wo trüber Tränen Born sich schliesst!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Gott halt' euch aufgetan,</p>
+<p>So lange meiner Herrin Huldgestalt</p>
+<p>Auf Erden wallt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Schliesst sich der Himmel auf,</p>
+<p>Und meine Erdensonne</p>
+<p>Lenkt, euch entrückt, den Lauf</p>
+<p>Hinan zu aller Sel'gen Wonne,</p>
+<p>Was bleibt euch fürder noch zu schauen dann?</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">26.</p><p>Hans Grasberger.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-39" title="- 39 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wenn Kunst, im Stein gestaltend,</p>
+<p>Erschaffend und erhaltend,</p>
+<p>Dir dauernd Leben gibt durch Menschenhände</p>
+<p>Bis an der Zeiten Ende,</p>
+<p>Wie könnte erst der Himmel dich verklären,</p>
+<p>Der Himmel, göttlich waltend,</p>
+<p>Der höh'rer Schönheit Spende</p>
+<p>Als Menschenkunst verleiht, wollt' er dir Hehren</p>
+<p>Auf Erden schon Unsterblichkeit gewähren!</p>
+<p>Doch ach, dein Bild besteht, und du musst sterben?</p>
+<p>Wer rächt hier dein Verderben?</p>
+<p>Dich räche die Natur, denn sieh, es bleibet</p>
+<p>Der Menschen Werk, indes ihr Werk zerstäubet.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">27.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-40" title="- 40 -"></a>Auf Vittoria Colonnas Tod.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Als sie, um die viel Seufzer mich verzehren,</p>
+<p>Der Erde, meinem Blick und sich entschwand,</p>
+<p>Da blieb Natur, die ihrer wert uns fand,</p>
+<p>Beschämt zurück, und, der sie sah, voll Zähren.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Heut wird man nicht den Tod sich rühmen hören,</p>
+<p>Ob dieser Sonnen Sonne: ihm entwand</p>
+<p>Die Liebe sie: hier lebend festgebannt,</p>
+<p>Weilt sie dort oben unter Engelchören.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wohl meinte dieser arge, böse Tod:</p>
+<p>Verstummen müssten hier die Ruhmesklänge,</p>
+<p>Darin man Tugend, Seelenschönheit ehrte.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und dennoch spenden jetzt uns die Gesänge</p>
+<p>Mehr Lebensglanz, als einst ihr Leben bot:</p>
+<p>Der Himmel liess uns, was ihm nicht gehörte.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">28.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-41" title="- 41 -"></a>Auf Vittoria Colonnas Tod.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Dass nah dem Feuer mich die Glut verzehrte,</p>
+<p>Was Wunder? Und, dass jetzt, wo es verglommen,</p>
+<p>Ich mich bekümmert fühle und beklommen,</p>
+<p>So dass ich nach und nach zu Asche werde?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ich sah, wie Flammenschein den Ort verklärte,</p>
+<p>Von dem mir all die schwere Pein gekommen,</p>
+<p>Doch gab der Anblick schon mir Heil und Frommen,</p>
+<p>Der Qual und Tod in Wonne mir verkehrte.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Jetzt, da der Himmel mir des Feuers Helle,&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Die mich entzündet, mich ernährte, &mdash; nimmt,</p>
+<p>Glüh' ich als Kohle noch im Aschengrabe.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Schafft mir nicht Amor Feuerstoff zur Stelle,</p>
+<p>Bleibt auch kein Fünklein mehr, das weiterglimmt,</p>
+<p>Wenn ich zu Asche mich verwandelt habe.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">29.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-42" title="- 42 -"></a>Auf Vittoria Colonnas Tod.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Um so vollkommne Schönheit nicht von allen</p>
+<p>Zurückzufordern, wenn der Tod erschien,</p>
+<p>Ward einer sie verliehn:</p>
+<p>Der Hohen, Reinen, unter zartem Schleier.</p>
+<p>Hätt' allen Sterblichen es Gott gefallen,</p>
+<p>Sie zu gewähren, war der Rückkauf teuer.</p>
+<p>Ein Hauch ward zum Befreier,</p>
+<p>Ein Augenblick, an Dauer kaum gemessen,</p>
+<p>Genügte, dass sie Gott</p>
+<p>Zurückgeholt: Kein Auge schaut sie wieder!&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Doch bleiben unvergessen,</p>
+<p>Ob auch die Hülle tot,</p>
+<p>Uns ihre schönen, heilgen, süssen Lieder.</p>
+<p>Lieh Gott an schlimme Brüder</p>
+<p>So viel wie ihr, wollt' es zurückerwerben,</p>
+<p>Mitleid, gesteh's: Wir alle müssten sterben!&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">30.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-43" title="- 43 -"></a>Auf Vittoria Colonnas Tod.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ward auch schon manches Menschenbild gesehn,</p>
+<p>Das aus dem harten Stein mein Hammer bricht,</p>
+<p>So steht er doch in Meisters Bann und Pflicht,</p>
+<p>Durch den allein kann Schlag und Führung gehn.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nur was da göttlich wohnt in Himmelshöhn,</p>
+<p>Ist schön durch sich, versendet eignes Licht;</p>
+<p>Doch wird ein Hammer ohne Hammer nicht,</p>
+<p>Kann Leben auch aus Leben nur erstehn.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Weil nun der Schlag nur stärker niederfährt,</p>
+<p>Je höher wir hinauf den Hammer schwingen,</p>
+<p>Flog über mich der deine himmelan.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So, wenn Gott gnädig Hilfe nicht gewährt,</p>
+<p>Kann des Unfert'gen Bildung nur misslingen,</p>
+<p>Weil sie kein andrer hier vollbringen kann.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">31.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-44" title="- 44 -"></a>Nach Vittoria Colonnas Tod.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Versetz' in jene Zeit zurück mich heute,</p>
+<p>Wo zaumlos toben mochte blinde Glut!</p>
+<p>Gib mir das Antlitz wieder engelgut,</p>
+<p>Dem alle Jugendkraft gewelkt zur Seite;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Schritte ohne Zahl in alle Weite,</p>
+<p>Die schwer und müh'voll nur das Alter tut,</p>
+<p>Dem Busen Feuer gib und Tränenflut,</p>
+<p>Willst du noch einmal, Amor, mich zur Beute.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Denn lebst von Zähren wirklich du, vergossen</p>
+<p>In Leid und Lust, was macht den Greis dir teuer,</p>
+<p>Der fast am andern Ufer angekommen?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Schon wehrt der Geist mit himmlischen Geschossen</p>
+<p>Sich gegen deinen Pfeil. Das stärkste Feuer,</p>
+<p>Es zündet nicht im Holz, das schon verglommen.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">32.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-45" title="- 45 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ein frohes Herz verschönt, und hässlich macht</p>
+<p>Ein traurig Herz; so werd' ich umgestaltet</p>
+<p>Durch dich, die meins verwaltet.</p>
+<p>&mdash; Nur eins begreif' ich nicht: du müsstest glühen,</p>
+<p>Da du die Glut entfacht!&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Ein Auge klar und helle</p>
+<p>Hat für das Schöne mir mein Stern verliehen,</p>
+<p>Und willst du mir entziehen</p>
+<p>Des Trostes letzte Strahlen,</p>
+<p>Wirst du, seh' ich, dir schaden, denn ich meine,</p>
+<p>In jedes Bildnis malen</p>
+<p>Zugleich mit dem Modelle</p>
+<p>Wir Künstler uns hinein; wie wird das deine,</p>
+<p>Wenn ich so trostlos weine?</p>
+<p>Beglücke mich, dann mal' ich ohne Tränen,</p>
+<p>Und du wirst schön und wirst auch mich verschönen.</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">33.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-46" title="- 46 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Oft gleicht ein Bild dem Bildner mehr, o Jammer!</p>
+<p>Als dem Modell; so bilde</p>
+<p>Ich jetzt nur schmerzlich wilde</p>
+<p>Entstellte Züge, klägliche Gestalten!</p>
+<p>Dich formen will mein Hammer,</p>
+<p>Und formt mich selbst, die Stirn voll Schmerzensfalten.</p>
+<p>Was könnt' ich auch gestalten,</p>
+<p>Da Liebe mich vernichtet,</p>
+<p>Als diesen müden Leib voll Angst und Trauer?</p>
+<p>Gleicht nicht dem Stein, dem kalten,</p>
+<p>Aus dem ihr Bild errichtet,</p>
+<p>Die strenge Herrin? Felsen sind nicht rauher.</p>
+<p>Die Kunst allein gibt Dauer;</p>
+<p>Drum, willst du, dass dein Reiz dich überlebe,</p>
+<p>Beglücke mich, dass ich dir Schönheit gebe!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">34.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-47" title="- 47 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wohl muss ein reiner tücht'ger Sinn sich freuen</p>
+<p>An von der Kunst geschaffenen Gestalten,</p>
+<p>Die liebe Züg' und Formen aufbehalten</p>
+<p>Und Menschen bilden in Wachs, Ton und Stein.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wenn dann fühllose Zeiten sie entweihen,</p>
+<p>Solch edles Werk zertrümmern und zerspalten,</p>
+<p>So wird das Bild sich dennoch in der alten</p>
+<p>Schönheit im Geist, der es erfasst, erneuen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So ist es deiner Schönheit widerfahren:</p>
+<p>Als Bild des Heiles, das den Himmel schmückt,</p>
+<p>Hat sie der ew'ge Künstler ausgesendet.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Verringert sie nun gleich sich mit den Jahren,</p>
+<p>Sieht meine Sehnsucht sie nur mehr vollendet,</p>
+<p>Der Schönheit denkend, die kein Alter knickt.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">35.</p><p>Carl Witte.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-48" title="- 48 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Herrin, wie mag's nur sein &mdash; und doch bewährt</p>
+<p>Es die Erfahrung &mdash; dass weit längeres Leben</p>
+<p>Dem Bildwerk als dem Bildner wird gegeben,</p>
+<p>Des Meisterhand den rohen Stein verklärt?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der Schöpfer schwindet<ins title="probable printer's error">,</ins> das Geschaffne währt,</p>
+<p>Kurzlebig muss Natur vor Kunst erbeben,</p>
+<p>Ich weiss es, der ich ganz der Kunst ergeben,</p>
+<p>Klar sehe, wie die Zeit mit mir verfährt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So könnt' ich langes Leben wohl uns beiden</p>
+<p>Verleih'n, ob Stein, ob Farbe dir beliebt,</p>
+<p>Liess ich ein Bild von uns ganz treu und wahr:</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dass man noch tausend Jahr nach unserm Scheiden</p>
+<p>Säh', wie du schön warst, wie ich dich geliebt,</p>
+<p>Und dass mein Lieben keine Torheit war.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">36.</p><p>Friedrich Bodenstedt.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-49" title="- 49 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Nach vielen Jahren, vielem Suchen, Ringen,</p>
+<p>Erreicht der Weise erst, nah seinem Ende,</p>
+<p>Wie er durch Geist und Hände</p>
+<p>Lebendig aus dem Stein ein Bildnis schafft.</p>
+<p>Denn zu so hohen Dingen</p>
+<p>Gelangt man spät, und bald erlischt die Kraft.</p>
+<p>Dein Antlitz, götterhaft,</p>
+<p>Hat, lange suchend und nach vielem Irren,</p>
+<p>Natur, am Gipfel angelangt, gefunden;</p>
+<p>Nun ist sie alt, und ihre Kraft verzehrt.</p>
+<p>Darum ist Furchtverwirren</p>
+<p>Mit Schönheit oft verbunden,</p>
+<p>Das wundersam ein stark Verlangen nährt.</p>
+<p>Wer ist's nun, der mich lehrt,</p>
+<p>Was besser sei, nachdem ich dich gesehn:</p>
+<p>Die höchste Lust? Der Erde Untergehn?&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">37.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-50" title="- 50 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Was ich in deinem Antlitz sah, beschreibe</p>
+<p>Mit Worten nimmer ich; doch was es kündet</p>
+<p>Hob oft den Geist, den noch der Körper bindet,</p>
+<p>Zu Gott empor aus diesem Erdenleibe.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dien' ich dem Spott des Pöbels auch zur Scheibe,</p>
+<p>Zeiht er der Regung mich, die er empfindet,</p>
+<p>So hoff' ich doch, dass Treue fest gegründet,</p>
+<p>Dass keusche Glut so wert wie einst dir bleibe!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die ird'sche Schönheit, für den Blick des Weisen</p>
+<p>Gleicht sie dem Liebesquell, dem wir entstammen;</p>
+<p>Vom Himmel hat die Welt nicht andre Proben,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nicht andre Früchte kann die Erde weisen;</p>
+<p>Sind treu und keusch nur meiner Liebe Flammen,</p>
+<p>Ist süss der Tod und frei mein Flug nach oben.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">38.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-51" title="- 51 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken,</p>
+<p>Mit meinen eignen Augen bin ich blind,</p>
+<p>Mit dir im gleichen Schritte wandelnd, sind</p>
+<p>Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Von deinen Schwingen mit emporgetragen</p>
+<p>Flieg' ich mit dir hinauf zum Himmel ewig;</p>
+<p>Wie du es willst: kühn oder zitternd leb' ich,</p>
+<p>Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>In deinem Willen ruht allein der meine,</p>
+<p>Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn,</p>
+<p>Dem Geist, in dem der Worte Quell sich findet:</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So kommt's, dass ich dem Monde gleich erscheine,</p>
+<p>Den wir soweit am Himmel nur ersehn</p>
+<p>Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">39.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-52" title="- 52 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wenn in zwei Liebenden des Schicksals Walten,</p>
+<p>Wenn keusche Lieb' sich gleich und Frömmigkeit,</p>
+<p>Wenn einer weinet bei des andern Leid,</p>
+<p>Ein Will' und Geist in beiden Herzen schalten;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wenn eine Seele lebt in zwei Gestalten,</p>
+<p>Verklärt in beiden, sie zu gleicher Zeit</p>
+<p>Mit einem Flügel trägt zur Seligkeit,</p>
+<p>Ein goldner Pfeil zwei Busen hat gespalten;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wenn beide füreinander liebend brennen,</p>
+<p>Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich</p>
+<p>Zum höchsten Ziel den andern will begeistern,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und wenn dies schwacher Abglanz nur zu nennen</p>
+<p>Von uns'rer Liebe, sag mir, ist's dann möglich,</p>
+<p>Dass Groll das Band löst zwischen solchen Geistern?</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">40.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-53" title="- 53 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Durch dich erst kenn' ich mich und aus der Ferne</p>
+<p>Streb' ich dem Himmel zu, von dem wir kamen,</p>
+<p>Und wie der Fisch geködert wird vom Hamen,</p>
+<p>Reichst du mir Speise, und ich komme gerne.</p>
+<p>Nur schwach kann ein geteiltes Herze schlagen,</p>
+<p>Drum gab ich dir das meine ganz und gar:</p>
+<p>Was von mir bleibt, du weisst es, der mich kennt!</p>
+<p>Ans Beste nur soll sich die Seele wagen,</p>
+<p>Drum muss ich heiss dich lieben, will ich leben!</p>
+<p>Denn ich bin Holz nur, du bist Holz, das brennt.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">41.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-54" title="- 54 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wohl darf mit meiner Liebe heissen Flammen</p>
+<p>Gerechte Hoffnung sich zum Himmel schwingen,</p>
+<p>Denn wollte unsre Wünsche Gott verdammen,</p>
+<p>Warum hiess er die Welt aus Nichts entspringen?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wie sollt' ich auch für Höh'res mich entflammen,</p>
+<p>Als um der ew'gen Schönheit Ruhm zu bringen,</p>
+<p>Von der die Reize, die dich zieren, stammen,</p>
+<p>Die keusch und rein'gend jedes Herz durchdringen?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Trüg'risch ist nur die Hoffnung jener Lust,</p>
+<p>Die mit der Schönheit stirbt und stets entflieht,</p>
+<p>Weil sie der Züge Wechsel untertan.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch die ist unfehlbar in treuer Brust,</p>
+<p>Die um der Hülle Wandlung nicht verglüht;</p>
+<p>Durch sie wird uns der Himmel aufgetan.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">42.</p><p>Carl Witte.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-55" title="- 55 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wäre der Schönheit deiner Augensterne</p>
+<p>Das Feuer gleich, das sie ringsum entzünden,</p>
+<p>Dann flammte wohl die Welt aus Feuerschlünden,</p>
+<p>Es schmölzen selbst des Poles eis'ge Kerne.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch hat der güt'ge Himmel, der sich gerne</p>
+<p>Erbarmt des Schwachen, dass wir nicht erblinden,</p>
+<p>Die Augen uns umflort, und wir empfinden</p>
+<p>Den Glanz nur wie ein Licht in weiter Ferne.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nie wird, wie's deinem Reiz gebührt, entbrennen</p>
+<p>Der Liebe Glut; nur Stückwerk schau'n wir Toren</p>
+<p>Des Ew'gen, lieben das nur, was wir sehen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Mich auch bewahrt mein mangelhaft Erkennen,</p>
+<p>Die Schwäche nur, dem Menschen angeboren,</p>
+<p>Für dich im Flammentode zu vergehen.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">43.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-56" title="- 56 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ein schönes Antlitz spornt mich himmelan,</p>
+<p>Nichts andres freut mich mehr, da schon im Leben</p>
+<p>Ich darf empor zu sel'gen Geistern schweben&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Ein Glück, wie selten es ein Mensch gewann.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So sehr zum Schöpfer stimmt sein Werk: ich kann</p>
+<p>durch Gottgedanken mich zu Gott erheben,</p>
+<p>Vom Himmel wird mir Geist und Wort gegeben,</p>
+<p>Seit ich erglüht in holdem Liebesbann.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Drum kann ich von zwei schönen Augen nimmer</p>
+<p>Den Blick abzieh'n, als ob zum höchsten Glück,</p>
+<p>Empor zu Gott ihr Licht den Weg mir wiese.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und fühl' ich mich durchglüht von ihrem Schimmer,</p>
+<p>Strahlt mir aus ihrer edlen Glut zurück</p>
+<p>Das ew'ge Lächeln sel'ger Paradiese.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">44.</p><p>Friedrich Bodenstedt.</p>
+</div>
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-57" title="- 57 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ein Schwefelherz in einem strohernen Leibe,</p>
+<p>Mit Knochen wie geschnitzt aus dürren Asten,</p>
+<p>Ein Flackergeist, der sich der ersten, besten</p>
+<p>Hingibt, betört von jedem üpp'gen Weibe;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ein Scheinmensch, blind für Höh'res, mürb wie Zunder,</p>
+<p>Dergleichen viele auf der Glücksjagd rennen,</p>
+<p>Mag lichterloh im Augenblick entbrennen</p>
+<p>Gleich wie vom Blitz gerührt; es ist kein Wunder!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Mir konnte nur die höchste Schönheit taugen,</p>
+<p>Zu ew'gen Werken heil'ge Glut zu schüren:</p>
+<p>Ihr Glanz allein könnt' mich so hoch erheben.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Klein schien mein Grösstes mir in deinen Augen;</p>
+<p>Ich floh das Volk, dich Einz'gen zu erküren;</p>
+<p>Mein Werk gab meiner Liebe ew'ges Leben.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">45.</p><p>Friedrich Bodenstedt.</p>
+</div>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-58" title="- 58 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Das Feuer darf der ems'ge Schmied nicht scheuen,</p>
+<p>Sein Eisen neu und kunstvoll zu gestalten;</p>
+<p>Mit Kraft des Feuers muss der Meister schalten,</p>
+<p>Will er des lautern Goldes sich erfreuen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der einz'ge Phönix kann sich nicht erneuen,</p>
+<p>Eh' er verbrennt. So auch in Glutgewalten</p>
+<p>Hoff' ich zu sterben, mit den Lichtgestalten</p>
+<p>Vereint, die Tod und Zeit nicht mehr bedräuen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>O süsses Sterben! Selig, wer so brennt!</p>
+<p>Wenn ich zu Asche nach und nach verstoben,</p>
+<p>Nicht unter Toten leben muss fortan.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ja wenn sich von Natur dies Element</p>
+<p>Zum Himmel hebt, steig' ich, mit ihm erhoben,</p>
+<p>Grad' auf, feurig verwandelt, himmelan.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">46.</p><p>Friedrich Bodenstedt.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-59" title="- 59 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Dein Geist stieg in des Leibes Kerkerzelle</p>
+<p>Von dort herab, wohin er einst enteilt,</p>
+<p>Dass sich ein Engel, der die Seelen heilt</p>
+<p>Und Ruhm der Welt verleiht, uns zugeselle.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dein Wesen, nicht die Schönheit sonnenhelle,</p>
+<p>Entflammt mich, denn ein Herz, wo Tugend weilt,</p>
+<p>Baut niemals seine Hoffnung übereilt</p>
+<p>Auf das, was rasch entführt der Zeiten Welle.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch lebt solch' edler Geist in schöner Hülle,</p>
+<p>Dann fasst ihn jeder, wie man an der Scheide</p>
+<p>Die Klinge kennt, eh' eine Hand sie zückte.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nichts in der Welt lehrt so wie Schönheitsfülle</p>
+<p>Den Schöpfer lieben! Sieh, es streiten beide,</p>
+<p>Natur und Himmel, wer zumeist dich schmückte.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">47.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-60" title="- 60 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Nicht Glück, nicht Gnade wird dem Übeltäter,</p>
+<p>So sagt das Volk, das auch für mich es sprach,</p>
+<p>Denn seit am eig'nen Selbst ich war Verräter</p>
+<p>Um dein zu sein, floh mich das Glück, und ach,</p>
+<p>Die Zeit verbeut's, dass gleich dem Phönix später</p>
+<p>Zu neuen Sonnen ich mich schwingen mag.</p>
+<p>Eins ist mein Trost, dass mehr ich mir gehöre,</p>
+<p>Wenn dein ich bin, als wenn nur mein ich wäre.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">48.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-61" title="- 61 -"></a>Die Nacht.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der aus dem Nichts, eh' noch die Welt bewohnt,</p>
+<p>Die Zeit in Zwiegestalt hervorgebracht,</p>
+<p>Er gab der<i> einen</i> hoher Sonne Pracht,</p>
+<p>Der<i> andern</i> gab er dann den nahen Mond.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So wird im voraus jedermann gelohnt,</p>
+<p>Glück, Zufall und Geschick ihm zugedacht.</p>
+<p><i>Mir</i> fiel die dunkle Seite zu, die Nacht;</p>
+<p>Schon in der Wiege blieb ich nicht verschont.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und wie bei dem, der eignem Glücke wehrt,</p>
+<p>In tiefrer Nacht mehr Schatten sich verbreiten,</p>
+<p>So sorg' und klag' ich, dass ich schlecht gehandelt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch Trost gibt, dass es meiner Nacht beschert,</p>
+<p>Der Sonne deines Tages vorzuschreiten,</p>
+<p>Die von Geburt an über dir gewandelt.</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">49.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-62" title="- 62 -"></a>Die Nacht.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Jedweder Raum, bedeckt und eingefügt,&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Was er im Innern auch umschliessen mag,&nbsp;&mdash;</p>
+<p>Bewahrt die dunkle Nacht am hellen Tag,</p>
+<p>Wo alles sich im Strahlenschimmer wiegt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch wird sie von der Flamme Glut besiegt,</p>
+<p>Verjagt die Sonne, was im Finstern lag,</p>
+<p>So bleibt nichts Arges mehr im dunkeln Hag,</p>
+<p>Ja, auch ein Glühwurm hätte schon genügt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Was in der Sonne treibt an Lebenskraft,</p>
+<p>An tausend Keimen, Pflanzen zu erkennen,</p>
+<p>Wird durchgepflügt vom starken Ackerknechte.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Nacht hingegen ist's, die Menschen schafft,</p>
+<p>Und weil wir ihn der Wesen bestes nennen,</p>
+<p>Sind heil'ger als die Tage uns die Nächte.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">50.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-63" title="- 63 -"></a>An die Nacht.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,</p>
+<p>Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,</p>
+<p>Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,</p>
+<p>Und wer dich würd'gen kann, der weiss Bescheid.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,</p>
+<p>Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;</p>
+<p>Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt</p>
+<p>Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,</p>
+<p>Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,</p>
+<p>Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,</p>
+<p>Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,</p>
+<p>Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">51.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-64" title="- 64 -"></a>Die Nacht.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wenn Phöbus Arme sich nicht strahlend winden</p>
+<p>Um dieses kalte, feuchte Erdenrund,</p>
+<p>Heisst solche Stunden &#8222;Nacht&#8220; der Leute Mund,</p>
+<p>Weil sie die Sonne dann nicht mehr empfinden.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch ist sie arm und schwach: Schon das Entzünden</p>
+<p>Der kleinsten Kerze raubt ihr Leben, und</p>
+<p>Ein Zunder an der Flinte macht sie wund,</p>
+<p>So dass wir sie gar schnell zerrissen finden.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Will man noch wirklich Wesenskraft ihr geben,</p>
+<p>Muss Phöbus' Kind sie und der Erde sein:</p>
+<p><i>Sie</i> trägt den Schatten,<i> jener</i> gibt ihm Leben.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch, wie's auch sei: Wer lobt, der irrt. Voll Pein,</p>
+<p>Verdüstert, muss die Witwe schon erbeben</p>
+<p>Vor Eifersucht bei eines Glühwurms Schein.</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">52.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-65" title="- 65 -"></a>Gesang der Toten.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wer geboren wird, muss sterben</p>
+<p>In der Zeiten Flucht; die Sonne</p>
+<p>Duldet jegliches Verderben.</p>
+<p>Schnell vergehen Leid und Wonne,</p>
+<p>Geist und Wort sind bald verloren;</p>
+<p>Alle, die nach uns geboren,</p>
+<p>Schatten sind sie, leichter Rauch.</p>
+<p>Menschen waren wir ja auch,</p>
+<p>Froh und traurig so wie ihr,</p>
+<p>Und ihr seht, nun sind wir hier,</p>
+<p>Mussten schon zu Staub verderben;</p>
+<p class="indent">Alle Wesen müssen sterben.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Unsre Augen konnten schauen,</p>
+<p class="indent">Aus den Höhlen voll und hell;</p>
+<p class="indent">Heute sind sie leer, voll Grauen,</p>
+<p class="indent">Denn die Zeit entführte schnell.</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">53.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-66" title="- 66 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Die Schönheit ward als Vorbild mir auf Erden</p>
+<p>Für meinen doppelten Beruf geschenket;</p>
+<p>In beiden Künsten sollte sie mir strahlen,</p>
+<p>Ein Spiegel, eine Leuchte mir zu werden;</p>
+<p>Sie ist es, die zu jenem Ziel mich lenket,</p>
+<p>Für das ich einzig meisseln mag und malen.</p>
+<p>O törichter, vermessener Gedanke,</p>
+<p>Die hohe Schönheit Sinnenlust zu schelten!</p>
+<p>Gesundem Geiste zeigt sie Himmelspfade,</p>
+<p>Am Staube aber klebt der Blick, der kranke;</p>
+<p>Ein reines Auge nur sieht jene Welten,</p>
+<p>Die einzig uns erschliesst der Strahl der Gnade.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">54.</p><p>Sophie Hasenclever</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-67" title="- 67 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Nicht schön zu sein, unmöglich ist's dir Schönen,</p>
+<p>Nicht gut zu sein, dir Guten! Dein Erbarmen,</p>
+<p>Verderblich ist's mir Armen,</p>
+<p>Es schmilzt mein Herz in deiner Gnadensonnen</p>
+<p>Auflösend sich in Wonnen!</p>
+<p>Stirbt eh'r nicht deines Herzens Liebesfülle,</p>
+<p>Als deine süsse Hülle,</p>
+<p>So duld', ich fleh's mit Tränen,</p>
+<p>Dass ich bei dir verweile</p>
+<p>Bis du der Welt entronnen!</p>
+<p>O dann entrückt mein Sehnen</p>
+<p>Der Erde mich, ich eile</p>
+<p>Empor zum ew'gen Heile;</p>
+<p>Gibt uns der Schöpfer einst am jüngsten Tage,</p>
+<p>Den Leib zurück, zu Wonne oder Plage,</p>
+<p>Dann nimm mich auf, ob unschön ich geblieben,</p>
+<p>Dort gilt ja mehr als Schönheit treues Lieben!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">55.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-68" title="- 68 -"></a>An Tommaso Cavalieri.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Als mir dein Augenstern zuerst erglühte,</p>
+<p>Da war's kein irdisch Licht, das mich getroffen,</p>
+<p>Schon sah mein Geist entzückt den Himmel offen,</p>
+<p>Ein ew'ger Friede zog in mein Gemüte;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Denn nimmer stillt mein Herz der Anmut Blüte,</p>
+<p>Erzeugt aus dieser Erde niedren Stoffen;</p>
+<p>Der Schönheit Ursprung ist sein Ziel und Hoffen;</p>
+<p>Es fliegt der ew'gen Schönheit zu und Güte.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nie hoffe denn ein weises Herz den Frieden</p>
+<p>Von jener Blüte, die zu Staub verkehren</p>
+<p>Die rauhe Zeit, und Tod, der uns beschieden;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wohl mag der Sinne Glut den Greis versehren,</p>
+<p>Die Liebe nicht, sie heiligt uns hienieden,</p>
+<p>Doch erst der Himmel wird uns ganz verklären.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">56.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-69" title="- 69 -"></a></p>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Die Augen, stets der Schönheit zugetan,</p>
+<p>Der Geist, ihr hold und auf sein Heil bedacht,</p>
+<p>Sie dringen durch die Nacht</p>
+<p>Nur an der Hand der Schönheit himmelan;</p>
+<p>Denn aus der Sternenbahn</p>
+<p>Strömt Glanz vom Firmament,</p>
+<p>So klar, dass ihm zu nah'n,</p>
+<p>Die Menschenseele brennt,</p>
+<p>Und solch Empfinden nennt</p>
+<p>Man Liebe hier; ein edles Herz beflügelt,</p>
+<p>Entflammt der Blick nur, der den Himmel spiegelt.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">57.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-70" title="- 70 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Im Herzen nicht ist meiner Liebe Leben;</p>
+<p>Das Herz, das irdisch, sterblich ist, enthält</p>
+<p>Die ew'ge Liebe nicht, sie lebt gesellt</p>
+<p>Dem Wahn, der Sünde nicht, von Schuld umgeben.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p><i>Mir</i> hat die Liebe klaren Blick gegeben,</p>
+<p>Die Schönheit<i> dir</i> beim Eintritt in die Welt,</p>
+<p>So dass ich selbst in dem, was einst zerfällt,</p>
+<p>In deinem Reiz erkenn' der Gottheit Weben!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Vom ewig Schönen trennt in mir sich nimmer</p>
+<p>Die Liebe, wie die Wärme nie vom Feuer;</p>
+<p>Was ihm entstammt und gleicht, das möcht' ich schauen!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Du trägst in deiner Augen sel'gem Schimmer</p>
+<p>Das Paradies, wo du zuerst mir teuer,</p>
+<p>Und seine Pforten sind mir deine Brauen!</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">58.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-71" title="- 71 -"></a>Dante.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Als Mensch vom Himmel einst herabgestiegen,</p>
+<p>Hat Hölle er und Läut'rungsglut gesehn,</p>
+<p>Dann bracht' er lebend, aus des Himmels Höhn,</p>
+<p>Uns wahres Licht, die wir im Dunkeln liegen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dass du bestrahlt die Stätte meiner Wiegen,</p>
+<p>O lichter Stern, ist unverdient geschehn;</p>
+<p>Die ganze arge Welt dir zugestehn,</p>
+<p>Wär' kleiner Preis: Nur Gott kann dir genügen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Von Dante red' ich, dessen Werk verkannt,</p>
+<p>Missachtet ward vom Volk, dem undankbaren,</p>
+<p>Das stets sich von Gerechten abgewandt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wär' ich wie er! Hätt' ich wie er den wahren,</p>
+<p>Tatkräft'gen Geist, und wär' wie er verbannt:</p>
+<p>Das schönste Glück der Erde liess' ich fahren.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">59.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>So <a class="pgnum" id="page-72" title="- 72 -"></a>viel scheint gross und kostbar, und es blickt</p>
+<p>Das Volk drauf hin bewundernd, aber einer</p>
+<p>Steht abseits; ihm erscheint es um so kleiner</p>
+<p>Und gallenbitter, was sie hoch entzückt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und das sogar: der eitlen unverständ'gen</p>
+<p>Gedankenlosen Welt muss er sich fügen,</p>
+<p>Muss reden, wie sie spricht und Freude lügen,</p>
+<p>Und lächelnd die verborg'nen Tränen bänd'gen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Mein Glück ist nur, dass ganz verborgen sei,</p>
+<p>Was ich beweine und was heimlich trachtend</p>
+<p>Des Herzens Wünsche wollen, die ich hege.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Blind ist die Welt und nur Verrätern treu,</p>
+<p>Ich aber, Hass und Ehre gleich verachtend,</p>
+<p>Geh still und einsam weiter meine Wege.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">60.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ich <a class="pgnum" id="page-73" title="- 73 -"></a>bin jetzt vor mir selbst an Wert gestiegen,</p>
+<p>Bin lieber mir, seit dich mein Herze hegt;</p>
+<p>So wird erst auf den Stein ein Wert gelegt,</p>
+<p>Wenn ihn der Künstler formt mit edlen Zügen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und wie der Blick am Blatt sich mag vergnügen,</p>
+<p>Mit Schrift und Bild geziert, nach dem nicht frägt,</p>
+<p>Das leer und kahl, so kann erst, seit geprägt</p>
+<p>In meinen Geist dein Bild, ich mir genügen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Als wären Zauber, wären Waffen mein,</p>
+<p>So zieh' ich, ohne dass Gefahr mich trifft,</p>
+<p>Mit solchem Schutzbrief aus nach allen Winden;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Stark gegen Feu'r und Wasser werd' ich sein,</p>
+<p>Mit meinem Speichel tilg' ich jedes Gift,</p>
+<p>Und mache sehend durch dein Bild die Blinden.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">61.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-74" title="- 74 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Wie sich im unbehau'nen, toten Stein,</p>
+<p>Je mehr der Marmor unter'm Meissel schwindet,</p>
+<p>Anwachsend immer voll'res Leben findet,</p>
+<p>So mag es, edle Frau, mit mir auch sein.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Was Gutes in mir ist, es hüllt sich ein</p>
+<p>Tief in mein eigen Fleisch, und so, umrindet</p>
+<p>Vom rauhen, rohen Stoffe, der mich bindet,</p>
+<p>Drängt sich zu mir umsonst das Leben ein.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Zu matt und kraftlos fühl' ich mich allein,</p>
+<p>Das Ende naht und Tag auf Tag verschwindet:</p>
+<p>Nimm fort, was sich um meine Seele windet!</p>
+<p>Ich könnt' es nicht, doch du kannst mich befrei'n!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">62.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-75" title="- 75 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Bald auf dem rechten Fuss, bald auf dem linken,</p>
+<p>Bald steigend, bald ermüdet zum Versinken,</p>
+<p>Hintaumelnd ratlos zwischen Gut und Böse,</p>
+<p>Such' ich, wer meiner Seele Zweifel löse;</p>
+<p>Denn wem Gewölk verhüllt des Himmels Weiten,</p>
+<p>Wie können den des Himmels Sterne leiten?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Drum sei mein Herz das unbeschrieb'ne Blatt,</p>
+<p>Und was das deine aus sich selbst gefunden,</p>
+<p>O schreib' es nieder! was in allen Stunden</p>
+<p>Die Richtschnur sei, nach der es Sehnsucht hat,</p>
+<p>Damit im Irrsal dieser Lebenstage</p>
+<p>Mir Antwort werde auf des Lebens Frage:</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Ob die geringere Gnade einstmals finden,</p>
+<p>Die demutvoll sich nah'n mit tausend Sünden,</p>
+<p>Als die, die stolz auf das was sie getan,</p>
+<p>Im Überfluss der guten Werke nah'n?</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">63.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-76" title="- 76 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Es spricht ein Mann, es spricht ein Gott mit Kraft</p>
+<p>Aus eines Weibes Munde,</p>
+<p>Und was sie sprach, die Kunde,</p>
+<p>Hat mich mir selbst für alle Zeit entrafft.</p>
+<p>Seit ich in ihrer Haft,</p>
+<p>Mir selbst durch sie genommen,</p>
+<p>Fühl' Mitleid ich mit mir, den sie betrauert.</p>
+<p>Tief schweigt die Leidenschaft;</p>
+<p>Ihr Reiz nur ausgenommen,</p>
+<p>Dünkt hohl die Schönheit mich; in Rosen lauert</p>
+<p>Der Tod, vor dem mich schauert.</p>
+<p>Du, die durch Feu'r und Wasser führt zum Frieden,</p>
+<p>O gib mich nie mir selbst zurück hienieden!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">64.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-77" title="- 77 -"></a>An Vittoria Colonna.</h3>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Hat Antlitz, Glieder, eines Menschen Sein</p>
+<p>Des Künstlers Geist erfasst, den Gott verliehn,</p>
+<p>Dazu ein Tonmodell, mit leichtem Mühn</p>
+<p>Bringt er dann Leben in den harten Stein.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>So greift, nach roh entworfnen Zeichnerein,</p>
+<p>Der klügste, erste unter allen kühn</p>
+<p>Zum Pinsel, wählt, was ihm das beste schien,</p>
+<p>Nach prüfenden Vergleichen mancher Reihn.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Auch ich kam als gering' Modell zur Welt,</p>
+<p>Doch anders ward ich, besser erst geartet,</p>
+<p>Durch Euch, o edle Frau, von hohem Mut.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Werd' ich gefeilter, höher noch gestellt,</p>
+<p>Durch Eure Hand, &mdash; welch Strafgericht erwartet,</p>
+<p>Nach solcher Zucht noch meine wilde Glut?</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">65.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Die <a class="pgnum" id="page-78" title="- 78 -"></a>Augen kränkt so vieles, was sie schau'n,</p>
+<p>Und alles hier muss, ach, mein Herz verletzen;</p>
+<p>Wozu noch leben, wär' mit seinen Schätzen</p>
+<p>Nicht mein das Herz der edelsten der Frauen?</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Darf auf Verzeihung ich, auf Hilfe trauen,</p>
+<p>Entflieh' ich der Gewohnheit Sündennetzen,</p>
+<p>Dem bösen Beispiel, dieser Nacht Entsetzen?</p>
+<p>Du kommst! Genug, nun darf auf Heil ich bauen.</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">66.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Dem <a class="pgnum" id="page-79" title="- 79 -"></a>Tod entgegen steu'r ich will'ger nicht,</p>
+<p>Als wer mit Widerstreben</p>
+<p>Zum Richtplatz folgt dem strafenden Gericht</p>
+<p>Und lassen muss sein Leben.</p>
+<p>Wie dieser bin dem Tod ich nah' vielleicht,</p>
+<p>Falls nicht mein Restchen minder schnell entweicht;</p>
+<p>Und dennoch gönnt mir nicht die Minne,</p>
+<p>Dass ich ein Stündchen Rast gewinne.</p>
+<p>Ich wach' und schlafe zwischen zwei Gefahren:</p>
+<p>Kaum dass ich leise Lebenshoffnung fühlt',</p>
+<p>Ist tiefer Seelenkummer aufgewühlt,</p>
+<p>Weil ich noch Gluten habe zu befahren,</p>
+<p>Und weil die Lieb' um so viel minder frommt,</p>
+<p>Als spät sie kommt.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">67.</p><p>Hans Grasberger.</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ich <a class="pgnum" id="page-80" title="- 80 -"></a>sehe meine Zukunft wie im Spiegel,</p>
+<p>Wenn bald vom Frost und bald von Glut getroffen,</p>
+<p>Ich, dem das Grab schon offen,</p>
+<p>Voll Scham vergangner Zeiten denken muss.</p>
+<p>Gleich blieb sich Lieb' und Hoffen,</p>
+<p>Doch weil mit schnellrem Flügel</p>
+<p>Die Zeit jetzt flieht, und nah der Freude Schluss</p>
+<p>Dem Greise ist, dünkt Schmerz fast der Genuss!</p>
+<p>Entweicht denn beide, Lust so wie Beschwerde!</p>
+<p>Der Glücklichste ist ja auf dieser Erde,</p>
+<p>Wer, ach, auf ihr nur kurze Stunden weilet,</p>
+<p>Denn Tod nur ist der Arzt, der alles heilet.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">68.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der <a class="pgnum" id="page-81" title="- 81 -"></a>frischen Jugend wird es nicht bewusst,</p>
+<p>Wie so ganz anders, Herr, kurz vor dem Ende,</p>
+<p>Gedanken, Hoffen, Lieb' und Wünsche werden.</p>
+<p>Wächst unsere Seele, bringt's der Welt Verlust;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Kunst reimt mit dem Tod sich nicht zusammen,</p>
+<p>Drum, was erwart' ich noch von mir auf Erden?</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">69.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ich <a class="pgnum" id="page-82" title="- 82 -"></a>leb' der Sünde, leb', um mir zu sterben,</p>
+<p>Mein Leben ist nicht mein, von Schuld umstrickt</p>
+<p>Gehört's der Sünde. Gott, der gern beglückt,</p>
+<p>Gab Segen nur, ich selbst gab mir Verderben.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Freiheit macht' ich, die wir alle erben,</p>
+<p>Zur Sklavin, Staub zum Götzen, wahnberückt;</p>
+<p>Zu welcher Schmach hab' ich das Licht erblickt!</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">70.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Hier <a class="pgnum" id="page-83" title="- 83 -"></a>am äussersten Rande des Lebensmeeres</p>
+<p>Lern' ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt</p>
+<p>Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du</p>
+<p>Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene</p>
+<p>Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt.</p>
+<p>Angstvoll blick' ich zurück, nun da der Himmel</p>
+<p>Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich</p>
+<p>Hab' ich vor Augen den alten, süssen Irrtum,</p>
+<p>Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet.</p>
+<p>Nun beweis' ich es selber: den erwartet</p>
+<p>Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab</p>
+<p>Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">71.</p><p>Hermann Grimm.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Mein <a class="pgnum" id="page-84" title="- 84 -"></a>Lebenslauf gelangt durch Sturm und Wogen</p>
+<p>Auf schwankem Boot nun zu dem grossen Port,</p>
+<p>Dahin wir alle steuern fort und fort,</p>
+<p>Für alles Tun zur Rechenschaft gezogen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wohl merk' ich nun, wie sehr du mir gelogen,</p>
+<p>O Phantasie, die du als Herrn und Hort</p>
+<p>Die Kunst mir gabst, wie irrig Tat und Wort,</p>
+<p>Und wie auch mich manch eitler Wunsch betrogen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Was wird aus lang verflog'nem Liebesweben,</p>
+<p>Wenn bald der Doppeltod mir nahen soll?</p>
+<p>Nicht ahn' ich, was man bei dem zweiten leidet.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Mir kann nicht Stift noch Meissel Ruhe geben,</p>
+<p>Nur Gottes Liebe noch, die mitleidvoll</p>
+<p>Am Kreuz die Arme nach uns ausgebreitet.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">72.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Ihr <a class="pgnum" id="page-85" title="- 85 -"></a>meine vielen, irrtumsschweren Träume,</p>
+<p>Ihr solltet euch, da sich das Leben neigt,</p>
+<p>Zu einem einz'gen formen, der mir reicht</p>
+<p>Die Führerhand in lichte Himmelsräume.</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">73.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Mir <a class="pgnum" id="page-86" title="- 86 -"></a>raubten Eitelkeiten dieser Welt</p>
+<p>Die mir verlieh'ne Zeit, in Gott zu leben,</p>
+<p>Der Gunst vergass ich, die er mir gegeben,</p>
+<p>Hab' mehr mit ihr, als ohne sie gefehlt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Mich machte blind, was andre aufgehellt,</p>
+<p>Zu spät erkannt' ich Tor mein irrig' Streben,</p>
+<p>Verzagt fleh' ich dich an, den Bann zu heben,</p>
+<p>Darin mich noch die Eigenliebe hält.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Den halben Weg, Herr, wolle mir erlassen,</p>
+<p>Der aufwärts führt, doch ohne deine Hand</p>
+<p>Fürcht' ich, dass ich auch diesen nicht vollende;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Lehr' mich, was diese Welt so hoch hielt, hassen,</p>
+<p>Auch das, was ich verehrte, köstlich fand,</p>
+<p>Dass ew'ges Heil mir sicher vor dem Ende.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">74.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Vom <a class="pgnum" id="page-87" title="- 87 -"></a>Alter und von Sündenlast beschwert,</p>
+<p>Von festgewurzelt argem Trieb gehalten,</p>
+<p>Droh'n mir des Todes zwiefache Gestalten,</p>
+<p>Und oft hab' ich mein Herz mit Gift genährt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Auch kann ich, da die Kraft mir nicht beschert,</p>
+<p>Nicht Leben, Liebe, Schicksal umgestalten,</p>
+<p>Wenn fürder dein erleuchtend göttlich Walten</p>
+<p>Nicht leitend, zügelnd mich die Wege lehrt.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Doch nicht genug, o Herr, wenn es mich treibt,</p>
+<p>Dass meine Seele wieder dorthin fahre,</p>
+<p>Wo du sie einst geschaffen aus dem Leeren,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Gib, wenn an ihr nichts Irdisches mehr bleibt,</p>
+<p>Dass Reue ihr den halben Weg erspare</p>
+<p>Zu seligem und reinem Wiederkehren.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">75.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Was <a class="pgnum" id="page-88" title="- 88 -"></a>nicht ich will, o Herr, das möcht' ich wollen!</p>
+<p>Vom heil'gen Brand trennt mich ein Schlei'r von Eis</p>
+<p>Und löscht die Glut; nicht passt mein Tun zum Preis</p>
+<p>Der Feder; Lügen sind ihr nur entquollen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Dem Herrn kann mit der Zunge Lob ich zollen,</p>
+<p>Nicht mit dem Herzen! Ach, dass ich nicht weiss,</p>
+<p>Welch' Tor der Gnade auftun? Ihr Geheiss</p>
+<p>Verjagt allein den Stolz, den ränkevollen.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Zerreiss', o Herr, den eisigkalten Schleier;</p>
+<p>Die Mauer, hart und starr, wirf sie zusammen,</p>
+<p>Sie, die dein Licht verbirgt, die Wehr der Sünde.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Gib deiner schönen Braut dein Himmelsfeuer,</p>
+<p>Gib das verheiss'ne Licht, dass ich in Flammen,</p>
+<p>Von Zweifeln frei nur einzig dich empfinde.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">76.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Dich <a class="pgnum" id="page-89" title="- 89 -"></a>lass an jedem Ort mich schau'n! Dein Feuer</p>
+<p>Verschlinge jeder Erdenliebe Flammen,</p>
+<p>In Gluten brenn' ich dann, die dir entflammen,</p>
+<p>So hell wie damals, als die Welt mir teuer.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Zerreisse du des Irrtums dunkle Schleier,</p>
+<p>Die Sünden, die das Herz zur Qual verdammen,</p>
+<p>Vernichte sie; o lass ersteh'n zusammen</p>
+<p>Vernunft und Kraft und Willen, mein Befreier!</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der Zeit hast du die Seele übergeben,</p>
+<p>Mit hartem Spruch hältst du ein göttlich Wesen</p>
+<p>Gefangen in des Leibes Kerkerwänden,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nicht ich kann wandeln dies mein sündig Leben;</p>
+<p>Nichts ohne dich ist gut in mir, erlösen</p>
+<p>Kannst du allein, nur du mein Schicksal wenden!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">77.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Es <a class="pgnum" id="page-90" title="- 90 -"></a>fühlen Schmerz, es fühlen Trost nicht minder</p>
+<p>Die auserwählten Geister, dass erkoren</p>
+<p>Du hast für sie den Tod, um zu den Himmelstoren</p>
+<p>Den Eingang zu erkämpfen für uns Sünder.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Sie jauchzen, weil entsühnt die Menschenkinder</p>
+<p>Von ihrer ersten Schuld wie neugeboren,</p>
+<p>Sie weinen, weil die Nägel dich durchbohren,</p>
+<p>Weil Knecht der Knechte wird des Heiles Gründer.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Der Himmel zeugt für dich, denn in den Lüften</p>
+<p>Erlischt das Weltenauge, Berge wanken,</p>
+<p>Die Erde birst, das Meer erbraust im Laufe,</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die grossen Väter steigen aus den Grüften,</p>
+<p>Indes die bösen Engel niedersanken,</p>
+<p>Der Mensch nur freut sich, den entsühnt die Taufe.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">78.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Erinnrung <a class="pgnum" id="page-91" title="- 91 -"></a>ist mir lieb, doch mehr beschweret</p>
+<p>Sie noch mit Gram das Herz, der Schuld, der frühen,</p>
+<p>Gedenkend, will zur Rechenschaft sie ziehen</p>
+<p>Für eine Zeit mich, die nicht wiederkehret;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Lieb ist sie mir, weil vor dem Tod sie lehret,</p>
+<p>Dass alle Erdenfreuden treulos fliehen,</p>
+<p>Herb, weil vom Himmel Gnad' herabzuziehen</p>
+<p>Dem schwer gelingt, der sich so spät bekehret.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Wie fest wir auch auf die Verheissung bauen,</p>
+<p>So ist doch jener Glaube Frevelmut,</p>
+<p>Dass leicht des Zögerns Schuld verzieh'n uns Armen;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Und dennoch tut, verspritzt in Todesgrauen,</p>
+<p>Vom Kreuz herab uns kund dein strömend Blut:</p>
+<p>So masslos wie dein Schmerz sei dein Erbarmen!</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">79.</p><p>Sophie Hasenclever.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>O <a class="pgnum" id="page-92" title="- 92 -"></a>Herr, befreit von schwerer Bürde, wende</p>
+<p>Ich mich zu dir, die Weltlust gibt mich her;</p>
+<p>Ein schwankes Boot, im Sturm auf wildem Meer,</p>
+<p>Treib' ich nun müd' an ruhiges Gelände.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Die Dornenkrone, die durchbohrten Hände,</p>
+<p>Dein gütig mildes Antlitz, mitleidschwer,</p>
+<p>Verheissen Gnade reu'ger Wiederkehr,</p>
+<p>Und trüben Seelen künft'ge Heilesspende.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Lass deine heil'gen Augen, lass dein Ohr</p>
+<p>Nicht richten über mein vergangnes Leben,</p>
+<p>Zeig nicht dorthin mit drohender Gebärde.</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Nur reicher ströme mir dein Blut hervor,</p>
+<p>Je greiser ich, die Sünden aufzuheben,</p>
+<p>Dass schnell mir Hilfe und Verzeihung werde.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="poemsrc">
+<p class="number">80.</p><p>Bettina Jacobson.</p>
+</div>
+
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-93" title="- 93 -"></a>Briefe Michelangelos.</h2>
+<p class="translator">Übersetzt von R. A. Guardini.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-95" title="- 95 -"></a><a id="letter-1"></a>1.</h3>
+
+<p class="to">An Meister Giuliano da Sangallo aus Florenz,
+Architekt des Papstes in Rom.</p>
+
+<p class="date"><i>Florenz</i>, den 2. Mai 1506.</p>
+
+<p>Giuliano! Ich entnahm aus Eurem Briefe, der
+Papst habe mir meine Abreise übelgenommen, ferner,
+dass Seine Heiligkeit jetzt bereit sei, den Betrag zu
+erlegen und auch im übrigen alles unserer Abrede
+gemäss zu erfüllen und endlich, dass ich ohne Besorgnis
+zurückkehren solle.</p>
+
+<p>Über meine Abreise folgendes: Am Samstag der
+Karwoche hörte ich &mdash; ich sage Euch die volle Wahrheit &mdash; den
+Papst im Gespräch mit einem Goldschmied
+und dem Zeremonienmeister bei Tisch sagen,
+er wolle weder für grosse noch für kleine Steine
+auch nur noch einen Heller hergeben. Darüber
+wunderte ich mich sehr; trotzdem bat ich ihn vor
+meiner Abreise um einen Teil des Geldes, das ich
+zur Weiterführung des Werkes brauchte. Seine
+Heiligkeit erwiderte mir, ich solle am Montag wiederkommen.
+Am Montag kam ich wieder und kam am
+Dienstag und am Mittwoch und am Donnerstag, wie sie
+selbst bestätigen kann. Endlich, am Freitag, wurde ich
+hinausgeschickt, nein, weggejagt. Der mich hinauswies,
+<a class="pgnum" id="page-96" title="- 96 -"></a>sagte, er kenne mich wohl, allein er habe nun einmal
+den Befehl. Als ich so die Bestätigung der Worte
+sah, die ich am Samstag gehört hatte, geriet ich in
+grosse Verzweiflung. Doch war das nicht der einzige
+Grund, weshalb ich Rom verliess. Es war da noch
+etwas, worüber ich schweigen will. Nur so viel will
+ich sagen, dass ich befürchten musste, wenn ich noch
+in Rom bliebe, würde eher<i> mein</i> Grabmal, als das
+des Papstes aufgerichtet werden. Das war der Grund
+meiner plötzlichen Abreise.</p>
+
+<p>Nun schreibt Ihr mir im Auftrag des Papstes;
+Ihr werdet ihm also diesen Brief vorlesen. Seine
+Heiligkeit soll wissen, dass ich mehr als je bereit
+bin, das Werk fortzuführen; und wenn sie das Grabmal
+durchaus haben will, so kann es ihr gleichgültig
+sein, wo ich daran arbeite, wenn es nur nach Ablauf
+von fünf Jahren, wie wir vereinbart haben, in Sankt
+Peter an der ihr genehmen Stelle aufgerichtet und
+ein schönes Werk ist, wie ich versprochen habe.
+Denn dessen bin ich gewiss, wenn es zustande
+kommt, wird die Welt nicht seinesgleichen besitzen.</p>
+
+<p>Wenn also Seine Heiligkeit jetzt das Werk fortzuführen
+gedenkt, möge sie mir besagten Betrag hier
+in Florenz anweisen, an dem Orte, den ich ihr bezeichnen
+werde. In Carrara stehen mir viele Marmorblöcke
+zur Verfügung; die werde ich hierher schaffen
+lassen und ebenso die Stücke, die ich in Rom habe.
+Dadurch wurden mir zwar viele Kosten entstehen,
+allein das sollte mich nicht kümmern, wenn ich nur
+das Werk hier ausführen könnte. Dann würde ich
+die einzelnen Teile gleich nach ihrer Vollendung
+<a class="pgnum" id="page-97" title="- 97 -"></a>nach Rom schicken, und so gut gearbeitet, dass Seine
+Heiligkeit ebenso zufrieden sein sollte, als wenn ich
+in Rom wäre; ja noch zufriedener, weil sie dann
+ohne weitere Belästigung bloss die fertigen Werke
+sehen würde. Für die besagten Geldsummen und
+zur Durchführung besagten Werkes werde ich mich
+ganz so verpflichten, wie Seine Heiligkeit es wünscht
+und hier in Florenz jede geforderte Sicherheit geben.
+Es mag sein, was es will, ich werde jede Bürgschaft
+aufbringen: ganz Florenz wird doch genügen! Und
+dann noch dies: In Rom kann ich zu diesem Preise
+das Werk nicht vollenden; hier hingegen vermag ich
+es, weil ich mir vielerlei Erleichterungen verschaffen
+kann, die ich dort nicht finde. Ich werde auch besser
+und mit grösserer Liebe arbeiten, weil ich dann nicht
+mehr an so viele Sachen zu denken brauche. Einstweilen
+bitte ich Euch, mein liebster Giuliano, Ihr
+wollet mir Antwort geben und das bald. Das sei's.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo, Bildhauer.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-2"></a>2.</h3>
+
+<p class="to">An Giovanni Simone di Lodovico
+Buonarroti in Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [Juli 1508].</p>
+
+<p>Giovan Simone! &mdash; Man sagt, dass durch Wohltaten
+der Gute gebessert, der Böse aber nur noch
+schlimmer gemacht wird. Ich habe schon seit Jahren
+versucht, Dich durch gutes Wort und gute Tat zu
+<a class="pgnum" id="page-98" title="- 98 -"></a>einem rechtschaffenen und friedlichen Zusammenleben
+mit Deinem Vater und uns zu bringen, doch Du
+wirst immer schlimmer. Ich sage nicht, dass Du
+schlecht seist; aber Du führst Dich in einer Weise
+auf, die weder mir noch den andern gefällt. Ich
+könnte Dir eine lange Rede über Dein Betragen
+halten, allein es würden nutzlose Worte bleiben, wie
+alles, was ich Dir bisher gesagt habe. Ich will Dir
+darum kurz erklären, dass Du nichts in der Welt
+Dein eigen nennst. Lebensunterhalt gebe ich Dir
+seit geraumer Zeit, und auch das Reisegeld hast Du
+von mir erhalten. Um Gottes willen und weil ich
+glaubte, Du seiest mein Bruder wie die andern, habe
+ich Dir all das geschenkt. Jetzt aber weiss ich, dass
+Du mein Bruder nicht bist, denn wärest Du es, so
+würdest Du meinem Vater nicht drohen. Du bist
+vielmehr ein Tier, und als Tier werde ich Dich auch
+behandeln! Das lass Dir gesagt sein: Wer sieht,
+wie sein Vater bedroht oder geschlagen wird, hat die
+Pflicht, sein Leben für ihn einzusetzen, und damit
+genug! Ich wiederhole Dir, dass Du nichts besitzest,
+was Dir gehörte, und dass ich bei der ersten
+schlimmen Nachricht über Dich auf dem schnellsten
+Wege nach Florenz komme. Dann will ich Dich
+über Deinen Irrtum aufklären und Dich lehren, Dein
+Gut zu vergeuden und die Häuser und Grundstücke,
+die Du nicht durch Arbeit erworben hast, zu Grund
+zu richten. Du bist nicht, wo Du zu sein glaubst!
+Wenn ich hinkomme, will ich Dir die Augen öffnen,
+dass Du heisse Tränen weinen und erkennen sollst,
+auf welchem Grund Dein Hochmut steht.</p>
+<p><a class="pgnum" id="page-99" title="- 99 -"></a>Ich wiederhole Dir: Wenn Du ein rechtschaffenes
+Leben führen und Deinen Vater achten und ehren
+willst, so werde ich Dir wie den anderen helfen und
+Euch bald eine schöne Werkstatt bauen lassen. Tust
+Du das aber nicht, dann werde ich kommen und die
+Sache in einer Weise ordnen, dass Du ganz klar
+einsehen sollst, was Du bist und was Du hast und
+es nie mehr vergessen sollst. Das sei's. Wo es an
+Worten fehlt, werde ich mit Taten sprechen.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo.</p>
+
+
+
+<p>Ich kann es nicht über mich bringen; ich muss
+Dir noch einige Zeilen schreiben. Seit zwölf Jahren
+gehe ich bettelnd durch ganz Italien, dulde jede
+Schmach, ertrage jede Entbehrung, reibe meinen
+Körper auf in jederlei Anstrengung, setze mein Leben
+jeder Gefahr aus, nur um meiner Familie zu helfen;
+und dass nun, da ich sie ein wenig in die Höhe
+gebracht habe, Du es sein sollst, der in<i> einer</i> Stunde
+all das zerstört und vernichtet, was ich in so vielen
+Jahren harter Arbeit gebaut habe, beim Leib des
+Heilandes, das will ich nicht erleben! Mit zehntausend
+Deinesgleichen will ich fertig werden, wenn
+es sein muss! Und nun sei gut, und bring' nicht
+einen Menschen auf, der wirklich andere Sorgen im
+Kopf hat.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-100" title="- 100 -"></a><a id="letter-3"></a>3.</h3>
+
+<p class="to">An Lodovico di Buonarrota Simoni
+in Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 20. Januar 1509.</p>
+
+<p>Liebster Vater! &mdash; Ich habe heute einen Brief
+von Euch erhalten. Was ich daraus erfuhr, hat mich
+sehr geschmerzt. Ich fürchte, Ihr macht Euch mehr
+Sorge, als nötig ist. Wie hoch würde sich wohl der
+Schaden belaufen, den sie Euch im schlimmsten
+Falle zufügen könnte? Es wäre mir lieb, wenn Ihr
+mir das mitteilen wolltet. Sonst habe ich nichts zu
+sagen. Es bekümmert mich, dass Ihr Euch so ängstigt;
+darum rafft Euch auf und bereitet Euch gut auf ihre
+Angriffe vor; beratet Euch, dann aber denkt nicht
+länger daran. Denn wenn sie Euch auch alles nähme,
+was Ihr hier auf Erden besitzet, so wird es Euch
+doch nicht an Mitteln zu einem bequemen Leben
+fehlen, wenn auch niemand als ich da wäre, für
+Euch zu sorgen. Deshalb bleibt guten Mutes! Ich
+bin noch in grossen Nöten, denn ich habe seit nun
+schon einem Jahr keinen Heller mehr vom Papst
+bekommen; ich bitte ihn auch um nichts, denn meine
+Arbeit geht nicht so voran, dass ich etwas beanspruchen
+dürfte. Die Arbeit ist eben schwierig und
+schlägt dazu nicht in mein Fach. So verliere ich
+meine Zeit und erreiche nichts. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-101" title="- 101 -"></a><a id="letter-4"></a>4.</h3>
+
+<p class="to">An Buonarroto di Lodovico di Buonarrota
+Simoni in Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [den 17. Oktober 1509].</p>
+
+<p>Buonarroto! &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; In Deinem letzten Brief
+sagst Du, Lorenzo werde hier durchreisen, und ich
+solle ihn gut aufnehmen. Mir scheint, Du weisst
+nicht, wie ich hier lebe. Doch für diesmal will ich
+Dir verzeihen und werde tun, was ich kann. Ich
+höre, Gismondo will hierher kommen, um seine Angelegenheit
+zu ordnen. Sag ihm in meinem Namen,
+er dürfe nicht auf mich zählen; wohl ist er mir als
+Bruder lieb, aber ich kann ihm in keiner Weise
+helfen. Ich sollte auf mich mehr Rücksicht nehmen
+als auf die andern und kann nicht einmal mir das
+Nötige beschaffen. Ich bin hier sehr geplagt und
+lebe unter grossen körperlichen Entbehrungen, habe
+keinen Freund und will auch keinen. Ich habe nicht
+so viel Zeit, um das Nötigste zu essen, und will darum
+von keinerlei Belästigung mehr wissen, könnte auch
+keine Unze mehr davon ertragen.</p>
+
+<p>Seid eifrig in Euerem Gewerbe. Es freut mich,
+dass Giovansimone sich gebessert hat. Seht zu, dass
+Ihr Euren Besitz in gerechter Weise vermehrt oder
+erhaltet, damit Ihr später Grösseres unternehmen
+könnt, denn ich hoffe, Ihr könnt Euch einst selbständig
+machen, wenn ich heimkehre, und Ihr tüchtige
+<a class="pgnum" id="page-102" title="- 102 -"></a>Leute seid. Sag Lodovico, dass ich ihm nicht antwortete,
+weil ich keine Zeit hatte, und wundert Euch
+nicht, wenn ich nicht schreibe.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo, Bildhauer.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-5"></a>5.</h3>
+
+<p class="to">An Lodovico&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 15. September [1510].</p>
+
+<p>Liebster Vater! &mdash; Ich habe hier bei Giovanni
+Balducci dreihundertfünfzig doppelte Golddukaten eingezahlt,
+die er Euch in Florenz zustellen soll. Sobald
+Ihr daher diesen Brief empfangen habt, geht
+zu Bonifazio Fazi, und er wird sie Euch auszahlen.
+(Dreihundertundfünfzig doppelte Golddukaten.) Wenn
+Ihr sie erhalten habt, bringt sie zum Spitalverwalter
+und sagt ihm, er solle sie so anlegen, wie er es mit
+dem früheren Geld getan hat. Es bleiben dann noch
+einige Dukaten, von denen ich schrieb, Ihr solltet
+sie behalten. Wenn Ihr es noch nicht getan habt,
+so tut es jetzt; braucht Ihr mehr, so nehmt, soviel
+Euch gut dünkt. Ich schenke Euch, was Ihr braucht,
+und wenn Ihr die ganze Summe ausgeben wolltet.
+Wenn es einer Weisung an den Spitalmeister bedarf,
+so lasst es mich wissen.</p>
+
+<p>Durch Euren letzten Brief erfuhr ich, wie Eure
+Sache steht. Es bekümmert mich sehr, aber ich
+kann nichts machen. Doch sollt Ihr Euch nicht entmutigen
+lassen und Euch auch kein bisschen grämen,
+<a class="pgnum" id="page-103" title="- 103 -"></a>denn wenn das Gut verloren geht, ist darum doch
+nicht das Leben verloren, und ich werde so viel verdienen,
+dass der Verlust reichlich gutgemacht wird.
+Doch bedenkt wohl, Ihr dürft nicht darauf zählen,
+denn die Erfüllung solcher Versprechungen ist doch
+unsicher. Tut gewissenhaft das Eure und danket
+Gott, dass diese Prüfung, wenn sie schon kommen
+soll, doch zu einer Zeit kommt, da Ihr Euch besser
+behelfen könnt, als es früher hätte geschehen können.
+Gehabt Euch wohl und lasst lieber das Geld fahren,
+als dass Ihr Euch Kummer macht. Ich will Euch
+am Leben haben, und wäre es auch in Armut; denn
+mit Eurem Tod möchte ich nicht alles Gold der
+Welt erkaufen. Und wenn die Schwätzer dort oder
+sonst jemand Euch tadeln, so lasst sie reden; es
+sind Menschen ohne Gewissen und ohne Liebe.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo, Bildhauer.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-6"></a>6.</h3>
+
+<p class="to">An Lodovico&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [Oktober 1512.]</p>
+
+<p>Liebster Vater! &mdash; Ihr warnt mich in Eurem
+letzten Brief davor, Geld im Haus zu halten oder
+bei mir zu tragen; dann sagt Ihr mir, man erzähle
+sich bei Euch, ich habe Böses gegen die Medici
+gesagt.</p>
+
+<p>Nun, das Geld, das ich besitze, habe ich bei
+Balduccio auf der Bank liegen und behalte nur das
+im Haus oder in der Tasche, was ich für den Tag
+<a class="pgnum" id="page-104" title="- 104 -"></a>brauche. Was die Medici angeht, so habe ich nicht
+anders über sie gesprochen, als es allgemein und von
+jedermann geschieht, wie jüngst über das Geschick
+von Prato. Und da hätten die Steine geredet, wenn
+sie sprechen könnten. Auch sonst wurde hier vielerlei
+gesagt; wenn ich es hörte, erwiderte ich stets:
+Wenn sie wirklich so handeln, tun sie unrecht. Nicht
+als ob ich es geglaubt hätte; wolle Gott, dass es
+nicht so sei! Noch vor einem Monat haben einige,
+die mir Freundschaft bezeigen, sehr schlecht von den
+Taten der Medici gesprochen. Ich tadelte sie und
+sagte, sie täten unrecht, so zu reden, und sie sollten
+nichts mehr dergleichen in meiner Gegenwart äussern.
+Ich wünschte aber, dass Buonarroto vorsichtig in Erfahrung
+zu bringen suchte, woher der Betreffende
+gehört hat, ich rede gegen die Medici. Vielleicht
+kann ich dann ermitteln, von wem diese Gerüchte
+stammen, und mich in acht nehmen, wenn es vielleicht
+einer von denen ist, die sich meine Freunde
+nennen. Sonst habe ich nichts zu sagen. Ich bin
+noch untätig und warte, dass der Papst mir einen
+Auftrag gibt.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo, Bildhauer.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-7"></a>7.</h3>
+
+<p class="to">An Buonarroto&nbsp;&#8230; in Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 30. Juli [1513].</p>
+
+<p>Buonarroto! &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Michele erzählte mir, Du
+habest ihm vorgerechnet, dass Du in Settignano für
+<a class="pgnum" id="page-105" title="- 105 -"></a>uns ungefähr sechzig Dukaten von Deinem Gelde
+ausgegeben habest. Ich erinnere mich, dass Du auch
+hier bei Tisch zu mir sagtest, Du habest eine grosse
+Summe aufgewandt. Doch ich stellte mich, als verstünde
+ich nicht, wunderte mich aber nicht, denn
+ich kenne Dich. Ich denke, Du wirst Dir den Betrag
+aufgeschrieben haben, um ihn eines Tages von
+uns zurückfordern zu können. Ich möchte aber von
+Dir undankbarem Menschen wissen, mit welchem
+Geld Du ihn erworben hast; und ebenso möchte ich
+wissen, ob Ihr nicht mehr an jene zweihundertundachtundzwanzig
+Dukaten denkt, die Ihr mir von
+meinem Guthaben in Santa Maria Nuova genommen
+habt, an die vielen Hunderte, die ich für Euer Haus
+und die Familie ausgegeben habe, und an die Drangsale
+und Entbehrungen, die ich ertrug, um Euch zu
+helfen. Ich möchte wissen, ob Du daran denkst!
+Wenn Du nur soviel Verstand hättest, um die Wahrheit
+erkennen zu können, würdest Du nicht sagen:
+&#8218;ich habe mein Geld ausgegeben&#8216;, wärest auch nicht
+gekommen, um mich an Eure Forderungen zu mahnen;
+Du hättest vielmehr daran gedacht, wie ich mich
+Euch gegenüber in der vergangenen Zeit betragen
+habe. Du hättest Dir gesagt: &#8218;Michelangelo weiss,
+was er uns zugesichert hat, und wenn er es jetzt
+nicht erfüllt, so muss ihn irgend etwas, was wir
+nicht wissen, gehindert haben&#8216;, und Ihr würdet Euch
+gedulden. Denn es tut nicht gut, dem Pferd noch
+die Sporen zu geben, das schon so schnell läuft, als
+es vermag. Aber Ihr habt mich nie gekannt und
+kennt mich auch jetzt nicht. Gott verzeihe es Euch!
+<a class="pgnum" id="page-106" title="- 106 -"></a>Er hat mir die Kraft gegeben, auszuharren unter der
+Last, die ich trage, damit Euch geholfen werde. Ihr
+werdet all dies schon einsehen, wenn Ihr mich nicht
+mehr habt.</p>
+
+<p>Ich glaube in diesem Sommer nicht nach Florenz
+kommen zu können, denn ich bin in einer Weise in
+Anspruch genommen, dass ich nicht einmal zum
+Essen Zeit habe. Gebe Gott, dass ich nicht erliege!
+Doch will ich &mdash; und kann es auch &mdash; Lodovico
+die Anweisung ausstellen, wie ich versprach, denn
+ich habe es nicht vergessen. Ich will Euch tausend
+doppelte Golddukaten geben, damit Ihr Euch mit
+diesem Geld und dem, was Ihr schon habt, selbst
+forthelfen könnt. Von Eurem Verdienst beanspruche
+ich nichts. Nur will ich die Sicherheit haben, dass
+Ihr mir nach Ablauf von zehn Jahren, wenn anders
+ich noch lebe, diese tausend Dukaten in Geld oder
+anderem Gut zurückgebt, sobald ich sie fordere. Ich
+glaube nicht, dass dieser Fall eintritt, aber wenn ich
+sie brauche, muss ich sie, wie gesagt, wiederbekommen.
+Das wird auch ein Zügel für Euch sein, damit Ihr
+sie nicht verschleudert. Überlegt Euch deshalb die
+Sache, beratet Euch und schreibt mir, was Ihr zu
+tun gedenkt. Die vierhundert Dukaten, die Ihr noch
+von mir habt, schenke ich Euch; sie sollen in vier
+Teile geteilt werden, so dass jeder von Euch hundert
+erhält. Hundert für Lodovico, hundert für Dich,
+hundert für Giovansimone und hundert für Gismondo,
+mit der Bedingung, dass Ihr das Geld zusammen in
+Euer Gewerbe steckt. Das sei's. Zeig' den Brief
+Lodovico; entschliesst Euch und gebt mir die Sicherheit,
+<a class="pgnum" id="page-107" title="- 107 -"></a>von der ich sprach. Am dreissigsten Juli.
+Vergiss nicht, das Geld, das ich Dir für Michele
+mitschicke, auch abzugeben.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo, Bildhauer.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-8"></a>8.</h3>
+
+<p class="to">An Lodovico&nbsp;&#8230; in Settignano.</p>
+
+<p class="date"><i>Florenz</i> [1516].</p>
+
+<p>Liebster Vater! &mdash; Ich war sehr erstaunt über
+Euer Tun, als ich Euch neulich nicht zu Hause fand.
+Nun höre ich, dass Ihr Euch über mich beklagt, dass
+Ihr erzählt, ich habe Euch vertrieben, und wundere
+mich immer mehr. Bin ich doch sicher, dass ich
+vom Tage meiner Geburt bis heute nie die Absicht
+hatte, Euch in irgend etwas, in Grossem oder Kleinem
+zu nahe zu treten, dass ich vielmehr alle Mühen
+meines Lebens Euch zu Liebe getragen habe. Und
+Ihr wisst, dass ich es seit meiner Rückkehr aus
+Rom nach Florenz stets mit Euch gehalten und
+jederzeit mein Eigentum zu Eurer Verfügung gestellt
+habe. Erst vor wenigen Tagen noch, als Ihr unwohl
+waret, versicherte und versprach ich Euch, mit all
+meinen Kräften und mein Leben lang Euch zu
+Diensten zu sein und bestätige es auch jetzt noch.
+Darum wundere ich mich heute, dass Ihr alles das
+so bald vergessen habt. Ihr samt Euren Kindern
+habt doch schon dreissig Jahre lang meine Treue
+erprobt und wisst, dass ich Euch immer wohl gesinnt
+war und Euch Gutes tat, so viel ich konnte.
+<a class="pgnum" id="page-108" title="- 108 -"></a>Wie könnt Ihr da sagen, ich habe Euch weggejagt?
+Seht Ihr denn nicht, in welch' schlechten Ruf Ihr
+mich gebracht habt, wenn man sich erzählt, ich habe
+Euch vertrieben? Nur dies Schlimmste fehlte mir
+noch in all meinen Mühseligkeiten, die ich Euch
+zu Liebe ertragen habe! Ihr vergeltet sie mir gut!
+Doch mag die Sache sein, wie sie wolle, ich will
+glauben, ich habe Euch stets Schande und Schaden
+gebracht, und bitte Euch so inständig um Vergebung,
+als ob ich es wirklich getan hätte. Denkt, Ihr habet
+einem Sohn zu verzeihen, der stets ein schlimmes
+Leben geführt und Euch alles Leid dieser Welt zugefügt
+hat, und ich bitte von neuem, Ihr möget mir
+schlechtem Menschen vergeben und mich nicht in
+den Ruf bringen, als habe ich Euch aus dem Hause
+gejagt, denn das geht mir näher als Ihr denkt, bin
+ich doch immer Euer Sohn. Diesen Brief wird Euch
+Raffaello da Gagliano bringen. Ich bitte Euch um
+Gottes-, nicht um meinetwillen, kommt nach Florenz,
+denn ich muss abreisen und habe Euch sehr wichtige
+Mitteilungen zu machen, kann aber nicht zu Euch
+kommen. Von meinem Diener Pietro habe ich aus
+seinem eigenen Munde Dinge gehört, die mir nicht
+gefallen. Ich habe ihn darum heute morgen nach
+Pistoja heimgeschickt, und er wird nicht mehr zu
+mir zurückkehren, denn ich will nicht, dass er unserem
+Hause Schaden bringt. Ihr hättet mich aber wirklich
+schon früher von der Sache in Kenntnis setzen
+können, denn ihr wusstet alle um sein Betragen und
+liesset mich darüber doch ganz im Dunkeln. Ich muss
+notwendig abreisen, will aber nicht fort, ehe ich Euch
+<a class="pgnum" id="page-109" title="- 109 -"></a>gesprochen habe und Euch hier im Haus zurücklassen
+kann. Ich bitte Euch, lasst allen Groll fahren und
+kommt!</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-9"></a>9.</h3>
+
+<p class="to">An Buonarroto&nbsp;&#8230; in Florenz.</p>
+
+<p class="date">[<i>Carrara</i>], den 23. November 1516.</p>
+
+<p>Buonarroto! &mdash; Du schreibst mir in Deinen zwei
+letzten Briefen, Lodovico sei todkrank gewesen, der
+Arzt habe aber neuerdings erklärt, bis auf weiteres
+sei er ausser Gefahr. Wenn es so ist, komme ich
+nicht nach Florenz, denn es würde mir sehr schwer
+fallen. Sollte aber noch Gefahr sein, so will ich
+ihn um jeden Preis noch einmal sehen, ehe er stirbt,
+und müsste ich auch mit ihm sterben. Aber ich
+hoffe zuversichtlich, es geht ihm gut, und deshalb
+komme ich nicht. Sollte ein Rückfall eintreten, wovor
+Gott ihn und uns behüten möge, so sieh zu, dass
+ihm die geistlichen Tröstungen und die Sakramente
+der Kirche nicht fehlen, und lass Dir von ihm sagen,
+ob er wünscht, dass wir etwas Bestimmtes für sein
+Seelenheil tun. Sorge auch, dass ihm für sein leibliches
+Wohl nichts abgeht, denn ich habe mich nur
+für ihn geplagt, um ihm noch bis zu seinem Tode
+helfen zu können. Sag' Deiner Frau, sie solle mit
+Liebe für seinen Haushalt sorgen; ich werde Euch
+alles vergüten, wenn es nötig ist. Sparet nichts, und
+sollten wir auch alles darangeben, was wir besitzen.
+<a class="pgnum" id="page-110" title="- 110 -"></a>Damit mag es genug sein. Lebt in Frieden und Du
+schreibe mir, wie es steht, denn ich bin in grosser
+Angst und Sorge. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-10"></a>10.</h3>
+
+<p class="to">An Papst Clemens VII. in Rom.</p>
+
+<p class="date"><i>Florenz</i>, [1524].</p>
+
+<p>Heiliger Vater! &mdash; Mittelspersonen verursachen
+oft viel <del title="probable printer's error">Arger</del><ins title="probable printer's error">Ärger</ins> und Verwirrung, deshalb wage ich es,
+ohne eine solche an Eure Heiligkeit über die Gräber
+hier in San Lorenzo zu schreiben. Ich weiss wirklich
+nicht, was besser ist, das Schlimme, das Nutzen
+bringt, oder das Gute, das Unheil anrichtet. Doch
+so viel weiss ich gewiss: ich mag noch so untauglich
+und unvernünftig sein, aber wenn man mich ruhig
+hätte fortfahren lassen, wie ich angefangen hatte, dann
+wären jetzt alle Marmorblöcke für die Arbeiten in
+Florenz, und zwar mit geringeren Kosten, als bis
+jetzt bereits aufgewendet wurden, schon für ihren
+Zweck zugehauen und in so gutem Zustande, wie
+alle anderen, die ich bisher schon hergebracht habe.</p>
+
+<p>Nun fürchte ich, dass sich die Sache noch lange
+hinziehen wird, und weiss nicht, wie sie ausgehen
+kann. Ich bitte daher im voraus Eure Heiligkeit um
+Entschuldigung für den Fall, dass sich etwas Missliches
+ereignen sollte, denn ich habe keine Autorität
+und glaube deshalb auch für nichts verantwortlich zu
+sein. Ich bitte aber Eure Heiligkeit, wenn Ihr mir
+<a class="pgnum" id="page-111" title="- 111 -"></a>irgendeinen Auftrag zuweisen wollt, mir in meiner
+Arbeit keinen Vorgesetzten zu geben, sondern mir
+Vertrauen zu schenken und freie Hand zu lassen.
+Ihr werdet dann sehen, was ich vollbringen und wie
+ich Euch Rechenschaft über meine Tätigkeit geben
+werde.</p>
+
+<p>Die Laterne der Kapelle von San Lorenzo hat
+Stefano vollendet und enthüllt. Sie gefällt jedermann
+und wird, so hoffe ich, auch Eurer Heiligkeit zusagen,
+wenn Ihr sie seht. Wir lassen jetzt die Kugel anfertigen.
+Sie wird einen Arm im Durchmesser betragen.
+Ich dachte, sie facettieren zu lassen, um sie
+von den übrigen etwas zu unterscheiden, und so wird
+sie denn auch ausgeführt.</p>
+
+<p class="your">Eurer Heiligkeit Diener</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo, Bildhauer.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-11"></a>11.</h3>
+
+<p class="to">An Sebastiano del Piombo in Rom.</p>
+
+<p class="date">[<i>Florenz</i>, Mai 1525.]</p>
+
+<p>Mein teuerster Sebastiano! &mdash; Gestern abend
+nahmen mich unser Freund, der Hauptmann Cujo,
+und einige Edelleute gütigerweise zum Abendessen
+mit. Das machte mir grosse Freude, denn dadurch
+wurde ich für kurze Zeit aus meiner Melancholie &mdash; wenn
+ich sie nicht Wahnsinn nennen soll &mdash; gerissen.
+Die Mahlzeit war sehr ergötzlich. Noch
+mehr freuten mich die Gespräche, die da geführt
+<a class="pgnum" id="page-112" title="- 112 -"></a>wurden; besonders als ich den Hauptmann Euren
+Namen nennen hörte, war ich ganz entzückt. Und
+wie nun besagter Hauptmann erklärte, Ihr seiet einzig
+auf Erden und in der Kunst und werdet auch entsprechend
+in Rom geschätzt, wäre meine Freude noch
+gewachsen, wenn das nur möglich gewesen wäre.
+Auf diese Art wurde mir bestätigt, dass mein Urteil
+über Euch nicht falsch war. Drum widersprecht mir
+nicht mehr, wenn ich Euch in meinen Briefen &#8222;einzig&#8220;
+nenne, denn ich habe der Zeugen genug; dazu haben
+wir hier ein Bild, das weiss Gott jeden, der Augen
+hat, zwingt, mir recht zu geben.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-12"></a>12.</h3>
+
+<p class="to">An Giovan Simone&nbsp;&#8230; in Settignano.</p>
+
+<p class="date"><i>Florenz</i>, [1533].</p>
+
+<p>Giovan Simone! &mdash; Mona Margherita hat mich
+falsch verstanden. Als ich vorgestern morgen von
+Dir und Gismondo sprach &mdash; Ser Giovanni Francesco
+war dabei &mdash;, sagte ich, ich habe für Euch stets mehr
+getan als für mich und viele Mühen auf mich genommen,
+damit Ihr keine zu tragen hättet, Ihr aber
+habet nichts getan, als mich in ganz Florenz zu verleumden.
+So viel habe ich gesagt, und wollte Gott,
+es wäre nicht wahr, dass Ihr Euch wie Tiere benommen
+habt! Was Deinen Aufenthalt in Settignano
+angeht, so bleib nur dort, pflege dich und sieh zu,
+dass Du gesund wirst. Was an mir liegt, will ich
+<a class="pgnum" id="page-113" title="- 113 -"></a>stets für Euch tun, denn ich achte nur auf meine
+Pflicht, nicht auf Eure Reden. Dann wünschte ich,
+Du beschafftest dort eine Wohnung, damit auch Mona
+Margherita hinkommen kann, denn mein Vater hat sie
+mir vor seinem Tode empfohlen, und ich werde sie
+deshalb nie verlassen.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-13"></a>13.</h3>
+
+<p class="to">An Messer Luigi del Riccio in Rom.</p>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1542.]</p>
+
+<p>Dieses [Madrigal] habe ich vor längerer Zeit nach
+Florenz geschickt. Nun ich es umgearbeitet habe,
+sende ich es Euch, damit Ihr, wenn es Euch so beliebt,
+es den Flammen gebet, denen, meine ich, die
+mich verzehren. Noch bitte ich Euch um eine andere
+Gnade. Ihr sollt mich nämlich von einem Zwiespalt
+erlösen, in den mein Geist heute nacht geriet. Denn
+als ich unsern Liebling im Traum grüsste, schien es
+mir, als ob er mit einem Lächeln mir drohte. Da
+ich nun ungewiss bin, welcher der beiden Gebärden
+ich glauben soll, so bitte ich Euch, fragt ihn selbst;
+und wenn wir uns am Sonntag wiedersehen, lasst es
+mich wissen.</p>
+
+<p class="sign">Ich bleibe, Euch stets verpflichtet, der Eurige.</p>
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-114" title="- 114 -"></a><a id="letter-14"></a>14.</h3>
+
+<p class="to">An Messer Luigi del Riccio, meinen Freund
+oder vielmehr verehrungswürdigen Herrn,
+in Rom.</p>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1543.]</p>
+
+<p>Mein lieber Messer Luigi! &mdash; Ich weiss, dass Ihr
+im Zeremonienwesen ein ebenso vollendeter Meister
+seid, als ich darin untauglich bin. Ich habe nun von
+Monsignor di Todi das Geschenk erhalten, von dem
+Euch Urbino berichten wird, und da ich glaube, dass
+Ihr mit Seinen Gnaden befreundet seid, so bitte ich
+Euch, danket ihm in meinem Namen mit den Zeremonien,
+die Euch leicht, mir aber schwer fallen. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-15"></a>15.</h3>
+
+<p class="to">An Messer Luigi del Riccio.</p>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i> 1545.]</p>
+
+<p>Unser toter Freund redet und spricht: Der Himmel
+nahm allen Menschen der Welt ihre Schönheit und
+schenkte sie mir allein. Durch göttliches Gesetz
+werde ich am Tage des Gerichts auferstehen, wie
+ich im Leben war. Darum kann der Himmel die
+Schönheit, mit der er mich begabt hat, jenen nimmer
+wiedergeben, denen er sie raubte, und so muss ich
+<a class="pgnum" id="page-115" title="- 115 -"></a>in Ewigkeit schöner bleiben als alle, und alle anderen
+hässlich.</p>
+
+<p>Diese Auffassung ist das Gegenteil von der, die
+Du mir gestern auseinandersetztest und ist die rechte,
+jene aber ist ein Gefabel.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-16"></a>16.</h3>
+
+<p class="to">An Vittoria Colonna in Rom.</p>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i> 1545.]</p>
+
+<p>Edle Frau, ich wollte die Gaben, die Eure Gnade
+mir schon oft zugedacht hatte, nicht annehmen, bevor
+ich Euch nicht ein Werk von meiner Hand bieten
+könnte, um so ihrer weniger unwürdig zu sein. Aber
+ich sah ein und erkannte, dass man die Gnade Gottes
+nicht kaufen kann, und dass es grosse Sünde ist, ihr
+Hindernisse zu bereiten. So bekenne ich meine
+Schuld und nehme Eure Gaben freudig an. Und
+wenn sie mein sind, werde ich mich im Paradies
+fühlen; nicht weil ich sie in meinem Hause haben
+werde, sondern weil ich in ihrem Hause wohnen
+darf. Und ich werde dadurch, edle Frau, noch mehr
+in Eurer Schuld sein, als ich schon bin, wenn dies
+überhaupt möglich ist.</p>
+
+<p>Diesen Brief wird Euch mein Diener Urbino
+bringen. Ihm werdet Ihr sagen können, wann ich
+nach Eurem Wunsche kommen soll, um den Kopf zu
+sehen, den Ihr mir zu zeigen versprachet.</p>
+<p>Ich empfehle mich Eurer Gnade.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-116" title="- 116 -"></a><a id="letter-17"></a>17.</h3>
+
+<p class="to">An Vittoria Colonna in Rom.</p>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1538&ndash;41 oder 1545&ndash;46.]</p>
+
+<p>Frau Marchesa! &mdash; Da ich in Rom bin, hätte ich
+eigentlich den Kruzifixus nicht Messer Tommaso anzuvertrauen
+und ihn so zum Mittler zwischen Euch
+und mir, Eurem Diener, zu machen brauchen. Ich
+wünsche für Euch Grösseres zu schaffen, als für
+irgendeinen anderen mir bekannten Menschen dieser
+Welt. Allein ich war und bin noch in so viele Geschäfte
+verwickelt, dass ich Euer Gnaden dies nicht
+zu beweisen vermochte. Ich weiss ja, Euch ist bekannt,
+dass die Liebe den Weg stets findet, und der
+Liebende nicht schläft, und hätte darum um so
+weniger eines Mittlers bedurft. Aber wenn es auch
+den Anschein hatte, als ob ich nicht an Euch dächte,
+tat ich doch, was ich nicht aussprach, um Unerwartetes
+zu vollbringen. Mein Plan ist misslungen.
+&#8222;Unrecht tut der, der solche Treue schnell vergisst.&#8220;</p>
+
+<p class="your">Eurer Gnaden Diener</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-18"></a>18.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo di Buonarrota Simoni in
+Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [den 6. Februar 1546].</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Du bist mit Deiner Auskunft über
+die Besitzung der Corboli sehr rasch zur Stelle gewesen.
+<a class="pgnum" id="page-117" title="- 117 -"></a>Ich dachte nicht, dass Du noch in Florenz
+seiest. Hast Du am Ende Furcht, mein Anerbieten
+könnte mich reuen, wie man Dir vielleicht eingeredet
+hat? Ich sage Dir, dass ich langsam vorgehen will,
+denn ich habe das Geld hier mit einer Mühe verdient,
+die der nicht kennt, der wie Du im Überfluss
+geboren ist.</p>
+
+<p>Ich glaube auch nicht, dass Du mit solcher Eile
+nach Rom gekommen wärest, wenn ich im Elend
+lebte und es mir an Brot fehlte. Du brauchst ja
+nur das Geld wegzuwerfen, das Du nicht verdient
+hast. So eifrig bist Du, diese Erbschaft nicht zu
+verlieren! Und sagst noch, es sei Deine Pflicht gewesen,
+zu kommen, weil Du mich liebest! Wie der
+Holzwurm die Balken! Wenn Du wirklich Liebe für
+mich hegtest, hättest Du mir jetzt geschrieben:
+&#8222;Michelangelo, verwendet Euer Geld für Euch, denn
+uns habt Ihr schon so viel gegeben, dass wir genug
+haben. Uns ist Euer Leben lieber als Euer Geld.&#8220;</p>
+
+<p>Ihr habt seit vierzig Jahren von meiner Arbeit
+gelebt, aber noch nie habe ich von Euch auch nur
+ein gutes Wort bekommen. Freilich hast Du voriges
+Jahr so viel Tadel hören müssen, dass Du mir aus
+Scham eine Last Trebbianer schicktest, aber ich
+wünschte, Du hättest auch die behalten!</p>
+
+<p>Ich schreibe dies nicht deshalb, weil ich dem Ankauf
+abgeneigt bin; ich will kaufen, um mir eine Rente
+zu sichern, weil ich nicht mehr arbeiten kann; aber
+ich werde langsam vorgehen, denn ich will mir keine
+Verdriesslichkeiten kaufen. &mdash; Darum eile Dich nicht.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo.</p>
+
+
+<p><a class="pgnum" id="page-118" title="- 118 -"></a>Wenn man Dir in Florenz etwas in meinem
+Namen ausrichtet, oder Dich um etwas bittet, so
+darfst Du niemandem Glauben schenken, wenn er
+Dir nichts Handschriftliches von mir vorweisen
+kann. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+
+<h3><a id="letter-19"></a>19.</h3>
+
+<p class="to">An den Allerchristlichsten König von
+Frankreich.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 26. April 1546.</p>
+
+<p>Heilige Majestät! &mdash; Ich weiss nicht, was grösser
+ist, Eure Gnade oder mein Erstaunen darüber, dass
+Eure Majestät sich herabgelassen hat, an meinesgleichen
+zu schreiben, ja mehr noch, mich um Arbeiten
+zu bitten, die des Namens Eurer Majestät wirklich
+nicht würdig sind. Doch mögen diese sein, wie sie
+wollen; Eure Majestät soll wissen, dass ich schon
+seit langem wünschte, Euch zu dienen. Da ich aber
+hierzu nicht, wie in Italien, Gelegenheit fand, habe
+ich es noch nicht tun können. Nun bin ich alt und
+noch für einige Monate mit Arbeiten für Papst Paul
+beschäftigt. Wenn ich aber nach deren Vollendung
+noch am Leben bin, so werde ich versuchen, das,
+was ich schon lange für Eure Majestät zu tun
+wünschte, auch wirklich auszuführen, und zwar ein
+Werk in Marmor, eins in Bronze und ein Gemälde.
+Und wenn der Tod die Verwirklichung dieses Wunsches
+vereitelt, und man im anderen Leben noch meisseln
+und malen kann, so werde ich dort, wo man nicht
+<a class="pgnum" id="page-119" title="- 119 -"></a>altert, es an mir nicht fehlen lassen. Eurer Majestät
+aber erflehe ich von Gott ein langes und glückliches
+Leben.</p>
+
+<p>Aus Rom am XXVI. April MDXLVI.</p>
+
+<p class="your">Eurer Allerchristlichsten Majestät<br/>
+untertänigster Diener</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-20"></a>20.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [August 1547].</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Mit Deinem Brief erhielt ich die
+Quittung über die fünfhundertundfünfzig Dukaten
+in Gold, die ich hier bei Bettino eingezahlt habe.
+Du schreibst mir, vier davon werdest Du jener Frau
+zu Gottes Ehre geben. Damit bin ich wohl zufrieden.
+Ich wünsche, dass weitere sechsundvierzig zu Gottes
+Ehre, für das Seelenheil Deines Vaters Buonarroto
+und für das meinige verschenkt werden. Suche
+irgend einen bedürftigen Bürger, der Töchter zu verheiraten
+oder in einem Kloster unterzubringen hat.
+Dem gib, aber heimlich. Sieh zu, dass Du nicht betrogen
+wirst, lass Dir eine Quittung ausstellen und
+schicke sie mir; ich rede von Bürgern und weiss,
+dass sie sich zu betteln schämen, wenn sie in Not
+sind. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Ich rate Euch, legt das
+Geld, das ich Euch schickte, in einem guten Grundstück
+oder dergleichen an, denn es ist gefährlich, es
+im Haus zu behalten, zumal heutzutage. Seid deshalb
+vorsichtig und haltet die Augen offen.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-120" title="- 120 -"></a><a id="letter-21"></a>21.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [den 16. Januar 1548].</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Durch Deinen letzten Brief erfuhr
+ich vom Tode Giovansimones. Die Nachricht hat
+mich tief geschmerzt, denn wenn ich auch schon so
+alt bin, hoffte ich doch, ihn vor seinem und meinem
+Tode noch einmal zu sehen. Gott hat es so gewollt,
+ertragen wir es! Ich möchte gern ausführlicher hören,
+wie er gestorben ist, ob er vor seinem Tode gebeichtet
+und kommuniziert hat, und alle seine religiösen
+Angelegenheiten geordnet sind; denn wenn ich
+erfahren habe, dass es so ist, werde ich weniger bekümmert
+sein. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-22"></a>22.</h3>
+
+<p class="to">An Messer Benedetto Varchi.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [1549].</p>
+
+<p>Messer Benedetto! &mdash; Damit Ihr sehet, dass ich
+Euer Büchlein wirklich empfangen habe, will ich auf
+die Frage, die darin gestellt wird, einiges antworten,
+wenn auch bescheiden und als Laie. Ich meine, die
+Malerei sei um so höher zu achten, je mehr sie sich
+der Plastik nähert, und diese um so geringer, je
+mehr sie der Malerei nahekommt. So schien mir
+auch stets, als sei die Skulptur die Leuchte der
+<a class="pgnum" id="page-121" title="- 121 -"></a>Malerei und zwischen jener und dieser der gleiche
+Unterschied, wie zwischen Sonne und Mond. Seitdem
+ich aber Euer Büchlein gelesen habe, in dem
+Ihr auseinandersetzt, dass, philosophisch betrachtet,
+beide Künste das gleiche Ziel haben, beide das Gleiche
+sind, bin ich anderer Meinung geworden und sage
+so: Wenn nicht ein grösserer Aufwand von Überlegung
+und Mühe, grössere Schwierigkeiten und Anstrengungen
+dem Werke auch grösseren Adel verleihen,
+dann sind Malerei und Skulptur ein Ding.
+Und damit sie auch als solches anerkannt würden,
+dürfte kein Maler die Bildhauerei weniger als die
+Malerei betreiben, und ebenso müsste jeder Bildhauer
+in gleichem Masse Maler wie Bildhauer sein.
+Ich verstehe unter Skulptur die Kunst, die durch
+Wegnehmen geübt wird, während die, die durch Auflegen
+arbeitet, Malerei ist. Dann sollte man es aber
+auch kurz machen und beide Künste, Skulptur und
+Malerei, weil sie doch durch die gleiche Intelligenz
+geübt werden, einen rechtschaffenen Frieden schliessen
+und das viele Disputieren sein lassen, denn das kostet
+mehr Zeit, als die Bildwerke selbst zu machen. Versteht
+aber der, der die Malerei edler nannte als die
+Skulptur, alle Dinge, worüber er schreibt, so gut wie
+dies, so hätte meine Magd seine Schriften wohl besser
+geschrieben. Unendlich viele nie ausgesprochene
+Dinge liessen sich noch über dergleichen Künste
+sagen; aber, wie ich bemerkte, das würde viel Zeit
+erfordern, und ich habe nur wenig, denn ich bin
+nicht nur alt, sondern stehe schon fast im Grabe.
+Darum bitte ich Euch, haltet mich für entschuldigt.
+<a class="pgnum" id="page-122" title="- 122 -"></a>Euch aber empfehle ich mich und danke Euch nach
+bestem Können für die allzugrosse Ehre, die Ihr mir
+erweiset, und die mir nicht zukommt.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-23"></a>23.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>,] den 1. Februar 1549.</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Ich schickte Dir mit meinem letzten
+Brief ein Verzeichnis mehrerer heiratsfähiger Mädchen,
+das mir von Florenz zugesandt wurde, ich glaube
+von einem Vermittler, der übrigens ein wenig vernünftiger
+Mann sein muss, denn er konnte sich doch
+denken, dass ich, nun schon seit sechzehn oder siebzehn
+Jahren dauernd in Rom, wenig Kenntnis von
+den florentinischen Familien haben kann.</p>
+
+<p>Ich sage Dir deshalb, achte nicht auf meine
+Meinung, wenn Du heiraten willst, denn ich vermag
+Dir keinen guten Rat zu geben. Nur das kann ich
+Dir ans Herz legen, laufe nicht dem Geld nach,
+sondern sieh auf Herzensgüte und guten Ruf.</p>
+
+<p>Ich glaube, es gibt in Florenz viele verarmte,
+adlige Familien, für die es eine Wohltat wäre, wenn
+Du mit ihnen Verwandtschaft anknüpftest. Auf die
+Mitgift könntest Du verzichten, wenn nur auch kein
+Hochmut da wäre. Du brauchst eine Frau, die bei
+Dir bleibt und Dir gehorcht, die keinen Aufwand
+liebt und nicht jeden Tag auf Hochzeiten und
+<a class="pgnum" id="page-123" title="- 123 -"></a>Gastereien gehen will, denn wo ein Hof ist, ist es
+nicht schwer, zur Dirne zu werden. Du brauchst
+Dich auch nicht um das Gerede zu kümmern, Du
+wollest Dich adlig machen, denn es ist bekannt, dass
+wir alteingesessene Bürger von Florenz und so vornehmen
+Geschlechts wie irgendeine andere Familie
+sind. Nun empfiehl Dich Gott, dass er Dir das
+Rechte gebe. Ich wünschte, Du liessest es mich
+wissen, sobald Du etwas Geeignetes gefunden zu
+haben glaubst, und zwar bevor Du die Verbindung
+eingehst.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-24"></a>24.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 20. Mai 1553.</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; In Deinem letzten Brief schriebst
+Du mir, Du habest Deine Frau nun heimgeführt,
+seiest sehr befriedigt und sollest mich in ihrem
+Namen grüssen. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Es freut mich innig,
+dass Du so zufrieden bist, und ich denke, man soll
+Gott dafür nach bestem Können preisen. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Für
+ihren Gruss danke ihr; sag' ihr in meinem Namen
+all das, was Du mündlich zu sagen weisst, ich aber
+nicht zu schreiben verstehe. Ich wünsche auch, dass
+man sie als die Frau eines meiner Neffen erkenne;
+bisher konnte ich das nicht durch die Tat beweisen,
+weil Urbino noch nicht da war. Nun ist er seit zwei
+Tagen zurückgekehrt, und ich will meinen guten
+Willen zeigen. Man sagt mir, ein schöner Schmuck
+von guten Perlen werde hier wohl anstehen. Ich
+<a class="pgnum" id="page-124" title="- 124 -"></a>habe darum einen mit Urbino befreundeten Goldschmied
+beauftragt, nach solchen zu suchen und hoffe,
+er wird sie finden. Doch sag' ihr noch nichts davon.
+Solltest Du aber etwas anderes für besser halten, so
+schreibe mir. Das sei's. Sorge für Deine Gesundheit
+und vergiss nicht, dass es stets mehr Witwen
+als Witwer gibt.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-25"></a>25.</h3>
+
+<p class="to">An Giorgio Vasari.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, April 1554.</p>
+
+<p>Messer Giorgio, mein lieber Freund! &mdash; Euer
+Brief hat mir grosse Freude gemacht, denn er bewies
+mir, dass Ihr Euch noch des armen Alten erinnert.
+Ein wahrer Triumph war für mich Eure Botschaft,
+ein neuer Buonarroto sei geboren. Ich danke Euch
+darum von ganzem Herzen und soviel ich kann. Doch
+missfiel mir der Aufwand, der getrieben wurde. Der
+Mensch soll nicht lachen, wenn die Welt ringsum
+weint. Ich meine daher, Lionardo hat nicht eben
+vernünftig gehandelt, als er eines Neugeborenen wegen
+solche Pracht entfaltete. Solche Festlichkeit soll man
+für den Tod dessen aufsparen, der rechtschaffen gelebt
+hat. Sonst habe ich nichts zu sagen. Ich danke
+Euch aufrichtig für die Liebe, die Ihr mir beweiset,
+obwohl ich Ihrer nicht würdig bin. Die Dinge gehen
+hier ihren alten Gang. Am &mdash; ich weiss nicht wievielten &mdash; April
+1554.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-125" title="- 125 -"></a><a id="letter-26"></a>26.</h3>
+
+<p class="to">An Messer Giorgio, den vortrefflichen Maler,
+in Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 15. Mai 1555.</p>
+
+<p>Ich wurde mit Gewalt zur Leitung des Baues von
+Sankt Peter gezwungen und habe nun schon ungefähr
+acht Jahre ohne Entgelt, ja mit grossem Schaden
+und viel Ärger der Aufgabe geopfert. Nun geht die
+Arbeit voran, wir haben Geld und ich bin im Begriff,
+die Kuppel zu wölben; wollte ich jetzt abreisen,
+so würde das den Bau zugrunde richten. Das müsste
+mir in der ganzen Christenheit die grösste Schande
+bringen und würde eine schwere Schuld für meine Seele
+sein. Darum bitte ich Euch, mein lieber Herr Giorgio,
+dankt dem Herzog in meinem Namen für die grossen
+Anerbietungen, von denen Ihr mir schreibt und bittet
+ihn, er möge mich in Gnaden noch so lange hier
+arbeiten lassen, bis ich in gutem Ruf und mit Ehren
+und ohne Sünde von hier abreisen kann.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-27"></a>27.</h3>
+
+<p class="to">An Messer Giorgio Vasari, meinen lieben
+Freund, in Florenz.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 23. Februar 1556.</p>
+
+<p>Messer Giorgio, mein lieber Freund! &mdash; Das
+Schreiben kommt mich schwer an, aber um Euch
+zu antworten, will ich einiges sagen. Ihr wisst, dass
+Urbino gestorben ist. Durch seinen Tod hat Gott
+mir eine grosse Gnade gegeben, aber ich habe sie
+<a class="pgnum" id="page-126" title="- 126 -"></a>mit einem teuren Gut und mit unendlichem Schmerz
+bezahlen müssen. Die Gnade war die, dass er, der
+während seines Lebens mich am Leben hielt, durch
+seinen Tod mich sterben lehrte. Und nun sehe ich
+dem Tode nicht mehr mit Widerwillen, sondern mit
+Sehnsucht entgegen. Ich habe ihn sechsundzwanzig
+Jahre bei mir gehabt und ihn für ganz wahrhaftig
+und treu befunden; und nun, da ich ihn reich gemacht
+hatte und hoffte, er werde der Stab meines
+Alters sein, ist er mir entschwunden, und ich habe
+keine Hoffnung mehr als die, ihn im Himmel wiederzusehen.
+Für diese aber hat uns Gott seinen seligen
+Tod Bürge sein lassen. Nun schmerzt es mich
+nicht mehr, dass ich sterben muss, sondern dass er
+mich mit so viel Leiden in dieser treulosen Welt
+lebend zurückliess, denn der grössere Teil von mir
+ist mit ihm gegangen, und mir ist nur ein tiefes Elend
+geblieben. Ich bitte Euch inständig, entschuldigt
+mich, wenn es Euch keine Mühe macht, bei Messer
+Benvenuto, dass ich ihm noch nicht auf seinen Brief
+antwortete. Ich bin so in diesen traurigen Gedanken
+versunken, dass ich nicht schreiben kann. Empfehlt
+mich ihm, und ich empfehle mich Euch.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-28"></a>28.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 31. Mai 1556.</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Francesca bittet mich in einem Brief,
+ich möge ihrem Beichtvater zehn Dukaten geben, um
+<a class="pgnum" id="page-127" title="- 127 -"></a>ein armes Mädchen im Kloster von Santa Lucia
+unterzubringen. Ihr zu Liebe will ich es tun, denn
+ich weiss, sie würde mich nicht bitten, wenn es kein
+wohlangebrachtes Almosen wäre. Aber ich weiss
+nicht, wie ich das Geld in Florenz auszahlen lassen
+soll. Ich wünschte darum, dieser Beichtvater hätte
+hier einen zuverlässigen Freund; dem würde ich
+es geben, sobald ich benachrichtigt würde.</p>
+
+<p>Es freut mich zu hören, dass es Cassandra gut
+geht; empfiehl mich ihr, und haltet Euch gesund.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-29"></a>29.</h3>
+
+<p class="to">An Giorgio Vasari.</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 18. Dezember 1556.</p>
+
+<p>Messer Giorgio! &mdash; Ich habe das Büchlein Messer
+Cosimos, das Ihr mir schicktet, erhalten. In diesem
+Brief liegt ein Dankschreiben an seine Gnaden. Ich
+bitte Euch, gebt es ihm und empfehlt mich ihm. Ich
+habe dieser Tage unter grossen Mühen und Kosten,
+aber mit innigem Vergnügen einen Besuch bei den
+Einsiedlern in den Bergen von Spoleto gemacht und
+bin nur halb wieder hier in Rom, denn wirklichen
+Frieden findet man nur in den Wäldern. Sonst weiss
+ich Euch nichts zu sagen. Es freut mich, dass Ihr gesund
+und fröhlich seid, und ich empfehle mich Euch.</p>
+
+<p class="sign">Euer Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-128" title="- 128 -"></a><a id="letter-30"></a>30.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 16. Juni 1557.</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Mit meiner Gesundheit steht
+es schlecht; ich habe all die Beschwerden, die das
+Alter heimsuchen, ein Steinleiden, dass ich nicht
+urinieren kann, dazu Schmerzen in den Seiten und
+im Rücken, dass es mir oft unmöglich ist, eine Treppe
+zu ersteigen. Das Schlimmste sind aber die Sorgen,
+die mich quälen. Denn wenn ich all die Bequemlichkeiten
+aufgebe, über die ich hier verfügen kann, so
+lebe ich keine drei Tage mehr. Doch möchte ich
+auch nicht die Gnade des Herzogs verlieren, ebensowenig
+aber den Bau von Sankt Peter im Stich
+lassen oder mich selbst vernachlässigen. Bitte Gott,
+dass er mir helfe und rate. Sollte es mit mir
+schlimmer werden, mich etwa ein gefährliches Fieber
+anfallen, dann werde ich gleich nach Dir schicken.
+Lass Dir aber nicht einfallen, zu kommen, bevor Dich
+ein Brief von mir ruft.</p>
+
+<p>Empfiehl mich Messer Giorgio. Er kann mir sehr
+nützlich sein, wenn er will, denn der Herzog ist ihm
+wohlgesinnt.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-31"></a>31.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 15. Juni 1559.</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Ich erhielt von Dir
+zwei Briefe, in denen Du mich sehr angelegentlich
+<a class="pgnum" id="page-129" title="- 129 -"></a>bittest, ich möchte nach Florenz zurückkehren. Du
+weisst, glaube ich, noch nicht, dass ich vor ungefähr
+vier Monaten durch den Kardinal von Carpi, der zur
+Baukommission von Sankt Peter gehört, vom Herzog
+von Florenz die Erlaubnis erhielt, in Rom beim Bau
+von Sankt Peter zu bleiben. Ich dankte Gott dafür
+und freute mich sehr. Nun, wie schon gesagt,
+schreibst Du mir so angelegentlich, ich weiss aber
+nicht, tust Du das, weil Du mich dort haben möchtest,
+oder steht die Sache anders. Sprich Dich deshalb
+ein wenig klarer aus, denn alles Derartige regt mich
+auf und ist mir lästig. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+<p>Das Schreiben fällt mir sehr schwer, Hand, Augen
+und Gedächtnis versagen. Ich bin alt!</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-32"></a>32.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, [den 15. März 1560].</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Ich antwortete auf Dein Schreiben
+vom Samstag nicht, denn ich hatte keine Zeit. Nun
+sage ich Dir, dass ich mich über die Geburt Deiner
+Tochter sehr freute. Unsere Familie steht allein; so
+wird sie uns einst eine gute Verwandtschaft erwerben
+können. Haltet sie gut. Ich werde ja nicht mehr
+am Leben sein, wenn es soweit ist. Wenn es Zeit
+ist, dass Du nach Rom kommst, werde ich Dich benachrichtigen,
+wie ich Dir ja schon schrieb. Wisse,
+<a class="pgnum" id="page-130" title="- 130 -"></a>dass die grösste Plage für mich hier in Rom die
+Beantwortung Deiner Briefe ist.</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-33"></a>33.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 21. August 1563.</p>
+
+<p>Lionardo! &mdash; Ich ersehe aus Deinem Schreiben,
+dass Du neidischen, schlechten Menschen Glauben
+schenkst, die dir Lügenbriefe schicken, weil sie mich
+nicht bestehlen und nach Gutdünken regieren können.
+Es ist eine Bande habsüchtiger Kerle, und Du bist
+ein Tor, dass Du ihrem Gerede über mich glaubst,
+als ob ich ein Kind wäre! Schaff' Dir die schamlosen,
+neidischen, verkommenen Menschen aus den
+Augen! Dann schreibst Du, ich habe Scherereien im
+Haushalt und anderes. Lass Dir gesagt sein, dass
+es mir nicht besser gehen und dass ich in jeder Beziehung
+nicht sorgsamer behandelt werden könnte.
+Ich habe ganz vertrauenswürdige und ehrliche Leute
+im Hause, die mich durchaus nicht bestehlen, wie
+Du zu glauben scheinst. Sieh zu, dass Deine Angelegenheiten
+gut gehen und kümmere Dich nicht
+um die meinigen, denn ich weiss mir zu helfen,
+wenn es nötig ist und bin kein Kind. Lass es Dir
+gut gehen!</p>
+
+<p class="sign">Michelangelo.</p>
+
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-131" title="- 131 -"></a><a id="letter-34"></a>34.</h3>
+
+<p class="to">An Lionardo&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p class="date"><i>Rom</i>, den 28. Dezember 1563.</p>
+
+<p>Leonardo! &mdash; Zugleich mit Deinem letzten Brief
+erhielt ich zwölf hübsche und wohlschmeckende Märzkäschen.
+Besten Dank! Ich freue mich, dass es
+Euch wohl geht. Auch ich befinde mich nicht schlecht.
+In der letzten Zeit habe ich mehrere Briefe von Dir
+erhalten, konnte aber nicht antworten, denn meine
+Hand gehorcht mir nicht mehr. Von nun an werde
+ich andere schreiben lassen und selbst nur noch
+unterzeichnen. Das sei's.</p>
+
+<p class="sign">Ich Michelangelo Buonarroti.</p>
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-133" title="- 133 -"></a>Briefe der Vittoria Colonna an
+Michelangelo.</h2>
+<p class="translator">Übersetzt von R. A. Guardini.</p>
+
+
+<h3><a class="pgnum" id="page-135" title="- 135 -"></a><a id="letter-v1"></a>1.</h3>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1538&ndash;41, oder 1545/46.]</p>
+
+<p>Mein teuerster Meister Michelangelo! &mdash; Ich bitte
+Euch, schickt mir auf kurze Zeit den Kruzifixus,
+wenn er auch noch nicht vollendet ist, denn ich will
+ihn einigen Kavalieren des Hochwürdigsten Kardinals
+von Mantua zeigen; und wenn Ihr heute nicht durch
+Arbeiten in Anspruch genommen seid, könntet Ihr
+ganz nach Eurer Bequemlichkeit zu einem Plauderstündchen
+zu mir kommen.</p>
+
+<p class="your">Eure ergebene</p>
+
+<p class="sign">Marchesa di Pescara.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-v2"></a>2.</h3>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1538&ndash;41 oder 1545/46.]</p>
+
+<p>Einziger Meister Michelangelo und mein ganz besonderer
+Freund! &mdash; Ich habe Euren Brief erhalten
+und den Kruzifixus gesehen. Er hat wahrhaftig in
+meinem Gedächtnis alle anderen Darstellungen, die
+mir je zu Gesicht gekommen sind, ans Kreuz geschlagen.
+Man kann sich nichts Lebendigeres und
+Vollendeteres denken als dieses Bild, und ich würde
+mich vergeblich bemühen, wenn ich die ausserordentliche
+<a class="pgnum" id="page-136" title="- 136 -"></a>und wunderbare Feinheit seiner Ausführung
+schildern wollte. Ich bin entschlossen, das Bild von
+keinem anderen malen zu lassen. Gebt mir darum
+Gewissheit; rührt die Zeichnung von einem anderen
+her, dann muss ich wohl auf sie verzichten, sollte
+sie aber Euch gehören, so würde ich sie Euch unter
+allen Umständen rauben.</p>
+
+<p>Stammt sie nicht von Euch, und wolltet Ihr das
+Bild von einem Eurer Gesellen ausführen lassen, so
+müssten wir erst darüber reden. Ich kenne nämlich
+recht wohl die Schwierigkeit, die Eigenart der Zeichnung
+in der Ausführung zu bewahren, und würde
+dann lieber den Betreffenden etwas anderes malen
+lassen. Wenn sie aber Euer Werk ist, dann &mdash; vergebt &mdash; erhaltet
+Ihr sie nicht wieder. Ich habe sie
+bei Licht und mit der Lupe und im Spiegel betrachtet
+und versichere Euch, ich habe nie etwas Vollendeteres
+gesehen.</p>
+
+<p class="your">Eure ergebene</p>
+
+<p class="sign">Marchesa di Pescara.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-v3"></a>3.</h3>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1538&ndash;41 oder 1545/46.]</p>
+
+<p>Die Taten Eurer Künstlerkraft reizen den beschauenden
+Geist, ungenügsam Höheres zu begehren.
+Auch mich fasste dies Verlangen, und darum fragte
+ich, ob die Vollkommenheit Eurer Werke wohl noch
+einer Steigerung fähig sei. Ich habe eingesehen, dass
+<span lang="la">omnia sunt possibilia credenti</span>. Ich hatte den festen
+<a class="pgnum" id="page-137" title="- 137 -"></a>Glauben, Gott werde Euch zur Darstellung dieses
+Christus übernatürliche Gnade geben, und als ich
+ihn sah, übertraf er in jeder Weise all meine Erwartungen.
+Eure Wundertaten machten mich kühn,
+und so sprach ich Wünsche aus, die ich jetzt staunend
+erfüllt sehe: Das Bild ist in allen Teilen von wunderbarer
+Vollendung, und kein Mensch vermöchte mehr,
+ja auch nur so viel zu wünschen. Und wisst, das
+freut mich besonders, dass der Engel zur Rechten
+viel schöner ist, als der andere; denn der heilige
+Michael wird Euch Michelangelo am jüngsten Tage
+zur Rechten des Herrn stellen. Ich aber kann dafür
+nichts tun, als zu diesem milden Christus darum zu
+beten, den Ihr so vollkommen gebildet habt; zugleich
+Euch zu bitten, dass Ihr über mich in jeder
+Weise gebietet.</p>
+
+<p class="your">Eure ergebene</p>
+
+<p class="sign">Marchesa di Pescara.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-v4"></a>4.</h3>
+
+<p class="date">Im Kloster zu<i> Viterbo</i>, den 20. Juli [1541&ndash;1543].</p>
+
+<p>Kunstreicher Meister Michelangelo! &mdash; Euer Brief
+war gewissermassen eine Antwort auf den meinigen;
+dies ist der Grund, weshalb ich Euch noch nicht
+antwortete. Dann dachte ich auch, wenn wir beide
+wie bisher in unserem Briefwechsel fortfahren wollten,
+wie es Euch Eure Liebenswürdigkeit und mir die
+Pflicht der Dankbarkeit vorschreiben, so könnte ich
+mich nicht mehr zu den vorgeschriebenen Stunden
+<a class="pgnum" id="page-138" title="- 138 -"></a>mit den Schwestern in der Kapelle der heiligen
+Katharina einfinden, und Ihr könntet nicht in der des
+heiligen Paulus vom frühen Morgen an den Tag in
+vertrauter Unterredung mit Euren Gemälden verbringen,
+die doch zu Euch in der natürlichen Sprache
+ihrer Linien ebenso verständlich reden, wie zu mir
+die lebendigen Menschen meiner Umgebung: und so
+würde ich gegen die Bräute und Ihr würdet gegen den
+Statthalter Christi fehlen. Ich kenne die Treue Eurer
+Freundschaft und die Kraft Eurer in christlichem
+Geiste gefestigten Zuneigung und denke darum, ich
+brauche Euch nicht durch eigene Briefe den Empfang
+der Euren zu bestätigen. Vielmehr will ich mich
+bereit halten und die erste Gelegenheit erwarten,
+um Euch gewichtigere Dienste zu leisten. Unterdessen
+bitte ich den Herrn, über den Ihr mir bei meiner
+Abreise Worte so glühender und demütiger Liebe
+sagtet, er möge mich bei meiner Rückkehr in Eurem
+Herzen sein Bild erneuert und so glaubenslebendig
+finden lassen, wie Ihr es mir auf dem Bild der
+Samaritanerin gemalt habt.</p>
+
+<p>Euch und Eurem Urbino empfehle ich mich.</p>
+
+<p class="your">Eure ergebene</p>
+
+<p class="sign">Marchesa di Pescara.</p>
+
+
+
+<h3><a id="letter-v5"></a>5.</h3>
+
+<p class="date">[<i>Rom</i>, 1538&ndash;41 oder 1545&ndash;46.]</p>
+
+<p>Der Ruhm, den Eure Kunst Euch schafft, ist so
+gross, dass Ihr vielleicht geglaubt hättet, weder die
+<a class="pgnum" id="page-139" title="- 139 -"></a>Zeit noch irgend ein Ereignis könnte ihm den Tod
+bringen, wäre nicht jener Strahl göttlichen Lichtes
+Euch ins Herz gedrungen, und Euch offenbar geworden,
+dass jeder irdische Ruhm stirbt und lebte
+er noch so lange. Wenn Ihr darum aus Euren Bildwerken
+die Güte dessen erkennt, der Euch zum
+einzigen Meister in dieser Kunst machte, werdet Ihr
+auch verstehen, dass ich nur dem Herrn für meine
+schon fast toten Schriften danken kann, denn dichtend
+beleidigte ich ihn weniger, als ich in meinem Müssiggang
+jetzt tue. Ich bitte Euch darum, nehmt diesen
+Ausdruck meiner Gesinnung als Unterpfand künftiger
+Werke an.</p>
+
+<p class="your">Eure ergebene</p>
+
+<p class="sign">Marchesa di Pescara.</p>
+
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-141" title="- 141 -"></a>Anmerkungen.</h2>
+
+<p class="summary noindent"><a class="pgnum" id="page-143" title="- 143 -"></a>Die Erläuterungen beschränken sich auf die notwendigsten biographischen
+und historischen Notizen. Zur leichteren Orientierung
+ist eine kurze Skizze von Michelangelos äusserem Leben vorangestellt.</p>
+
+<p>Er wurde am 6. März 1475 im Städtchen Caprese
+(Toscana) geboren, wo sein Vater Lodovico das Amt eines
+Podestà bekleidete. Nach Ablauf seiner Amtszeit kehrte dieser
+nach Florenz zurück. Ursprünglich für das Gewerbe der
+Seidenweberei bestimmt, setzte Michelangelo seine Neigung
+durch und kam in die Werkstatt des Ghirlandajo. 1489 wurde
+er in Lorenzo des Prächtigen Bildhauerschule, 1490 in dessen
+Hausgemeinschaft aufgenommen und genoss den Verkehr
+mit dem um den Magnifico versammelten Gelehrten- und
+Künstlerkreis. (Madonna an der Treppe, Centaurenkampf.)
+1492 starb Lorenzo, 1494 wurde sein Nachfolger Piero vertrieben.
+Michelangelo war schon vorher nach Venedig,
+darauf nach Bologna gegangen. Er blieb dort ein Jahr, und
+kehrte dann nach Florenz zurück, in dem Savonarola an
+der Spitze des Volkes stand. (Giovannino, schlafender Amor.)
+1496 kam er nach Rom, wo er sich bis 1500 aufhielt.
+(Bacchus, Pietà.) 1501 war er wieder in Florenz. (1501&ndash;04
+der David, 1504 der Karton zur Pisanerschlacht.) 1505
+wurde er von Julius II. nach Rom berufen und mit der
+Errichtung von dessen Grabdenkmal beauftragt. Bis Ende
+1505 war er in Carrara (Madonna von Brügge) mit der Zurichtung
+des Materials beschäftigt und ging dann nach Rom.
+1506 entstand ein Konflikt mit dem Papst, und Michelangelo
+floh aus Rom auf Florentiner Gebiet. Lange Bemühungen
+Julius' vermochten ihn nicht zur Rückkehr zu bewegen. Erst
+als dieser 1506 Perugia und Bologna unterworfen hatte und
+<a class="pgnum" id="page-144" title="- 144 -"></a>sich in letzterer Stadt aufhielt, erreichte eine erneuerte Aufforderung
+an die Regierung von Florenz ihren Zweck.
+Michelangelo begab sich nach Bologna und söhnte sich mit
+dem Papste aus. 1507&ndash;08 schuf er dort die Erzstatue Julius'
+und ging dann nach einem kurzen Aufenthalt in Florenz
+nach Rom, in der Hoffnung, jetzt das Juliusgrab ausführen
+zu können. Der Papst nötigte ihn aber zur Ausmalung der
+Sixtinadecke. (1508&ndash;12). Nach deren Vollendung durfte er
+sich den Arbeiten am Grabmal wieder zuwenden, und Julius
+beauftragte seinen Notar und den Kardinal Grossi, für die
+Ausführung zu sorgen. 1513 wurde Giovanni de Medici als
+Leo X. Papst. Noch im gleichen Jahr wurde durch einen
+Vertrag das Grabmal sichergestellt. (Die zwei Gefangenen,
+der Moses.) 1516 musste Michelangelo sich eine Einschränkung
+des Planes gefallen lassen; ein neuer Vertrag
+bestimmte das Jahr 1525 als letzten Termin und gestattete
+ihm, auch in Florenz oder Carrara daran zu arbeiten. Aber
+schon 1516 sah sich der Meister trotz seines energischen
+Widerstands genötigt, für Leo X. den Bau der Lorenzofassade
+in Florenz zu übernehmen. Die Arbeit kostete ihn vier Jahre
+und verlief ohne jedes Ergebnis, da besonders endlose Verordnungen
+und Intriguen die Lieferung des Materials verhinderten.
+1520 wurde er von dem Auftrag befreit und
+widmete sich wieder dem Grabmal, musste aber 1520/21
+im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici mit Vorarbeiten
+für die Mediceergräber beginnen. Das Schwanken des Kardinals
+und Geldschwierigkeiten zogen die Ausführungen
+hinaus. 1523 wurde Giulio Papst (Clemens VII.) und nun
+gingen die Arbeiten besser voran, obwohl Michelangelo sich
+fortwährend mit dem Gedanken an das unvollendete Juliusgrab
+quälte. Der Papst beruhigte ihn etwas, und die Erben
+Julius' II. wagten nicht mit Forderungen aufzutreten. 1525
+machten sie ihre Ansprüche doch wieder geltend und die
+Verhandlungen zogen sich durch die nächsten zwei Jahre
+hin. 1527 wurde Rom geplündert; die Republikaner in
+Florenz standen auf und richteten ihre Regierungsform ein.
+1529 musste die Stadt sich gegen Clemens und die Kaiserlichen
+<a class="pgnum" id="page-145" title="- 145 -"></a>rüsten, und Michelangelo wurde zum Leiter der Befestigungsarbeiten
+ernannt. 1530 ergab sich die Stadt, und
+Alexander de Medici wurde als Herzog eingesetzt. Michelangelo
+erhielt vom Papst für seine Sicherheit Gewähr und
+nahm die Arbeit an den Mediceergräbern wieder auf, aber
+stets verfolgt durch den Gedanken an das Juliusgrab. Endlich,
+1532, ging er auf Anraten des Papstes nach Rom, um die
+Angelegenheit zu ordnen, und es kam ein Vertrag zustande,
+nach dem das Denkmal in S. Pietro in Vincoli in sehr bescheidenen
+Verhältnissen aufgestellt werden sollte. Michelangelo
+solle zugleich in Florenz arbeiten dürfen. Zur selben
+Zeit erhielt er den Auftrag zur Ausmalung der Sixtinawände
+und fertigte den Entwurf zum letzten Gericht. Als er 1534
+Florenz verliess, geschah es für immer. Clemens starb;
+dadurch war ihm der mächtige Beschützer gegen Alessandro,
+der ihn hasste, genommen, und er fühlte sich in seiner
+Heimatstadt nicht mehr sicher. Die Mediceergräber blieben
+unvollendet; der ihm befreundete Vasari sorgte für die Anordnung
+der Teile, die fertig geworden waren. Auch jetzt
+sollte es noch nicht zur Vollendung des Juliusdenkmals
+kommen. Paul III. nötigte den Meister zur Ausführung des
+letzten Gerichts. 1535&ndash;41 arbeitete er daran. Erst 1545,
+nach einem letzten Vertrag mit dem Erben Julius' II., konnte
+Michelangelo das Werk zu Ende bringen. Unterdessen liefen
+von 1542&ndash;49 die Malereien in der Capella Paolina, im Auftrag
+vom Papst Paul. Seine letzte grosse Arbeit war die
+Leitung des Baues von St. Peter, die 17 Jahre, von 1547 bis
+zu seinem Tode am 15. Februar 1564 in seinen Händen lag.</p>
+
+<hr/>
+
+<h3>Zu den Gedichten.</h3>
+
+<p>Die äusseren Ereignisse in Michelangelos Leben hatten
+für sein Dichten keine grosse Bedeutung. Gelegenheitsgedichte
+finden sich nur in sehr geringer Zahl in seinem
+<a class="pgnum" id="page-146" title="- 146 -"></a>Canzoniere. Einige an Rom und Florenz, an den Papst,
+einige an Freunde, Dank oder Entgegnungen &mdash; und selbst
+von diesen scheinen mehrere langgetragene Gedanken zu
+enthalten, die nur bei einem bestimmten Anlass ihre Form
+fanden.</p>
+
+<p>Ein tieferer Zusammenhang wird wohl zwischen seinen
+bildnerischen Werken und seinen Dichtungen bestehen, und
+es würde Gegenstand einer besonderen Untersuchung sein
+müssen, Parallelen in der Entwicklung von Gedanken und
+Form auf den verschiedenen Gebieten seines künstlerischen
+Schaffens aufzuzeigen.</p>
+
+<p>Von grossem Einfluss für sein Dichten waren die
+Menschen, die er liebte: Die Unbekannten, an die er die
+Liebesgedichte vor und nach der Colonnazeit mit ihren
+wechselnden Stimmungen richtete, Febo di Poggio (vor 1534,
+als er Florenz für immer verliess), Cecchin Bracci, und vor
+allem jene beiden, die die schönsten seiner Gedichte werden
+liessen, Tommaso Cavalieri und Vittoria Colonna.</p>
+
+<p>Zwischen und in den so entstehenden grossen Gruppen
+liegen einzelne Dichtungen von, man möchte sagen, objektiverem
+Charakter, soweit hiervon bei einem Michelangelo
+überhaupt die Rede sein kann. So der Gesang der Toten, die
+Epitaphien, die Stanzen auf Stadt und Land, die Sonette auf
+die Nacht und jene zwei auf Dante, in denen er wie mit
+Autorität über seinen grossen Landsmann spricht.</p>
+
+<p>Für sich steht die lang vorbereitete Gruppe der letzten
+Jahre. Diese Gedichte sind zum grossen Teil an Christus
+gerichtet, und die Ideen der Schuld, der Reue, des
+Ringens nach Erlösung finden in ihnen oft wundervollen
+Ausdruck.</p>
+
+<p>Die meisten seiner Dichtungen entstanden, indem lange
+in ihm arbeitende Gedanken sich endlich zur Formung durchrangen,
+oder es ihm unter dem Eindruck von Persönlichkeiten
+oder Ereignissen gelang, sich, sein Streben und Sehnen
+auszusprechen. Dann lösten sie sich aus diesem Zusammenhang
+los und wurden immer mehr Gegenstand rein künstlerischer,
+unermüdeter Arbeit. Mit Freunden wurden sie
+<a class="pgnum" id="page-147" title="- 147 -"></a>durchgesprochen, beurteilt, Version auf Version entstand,
+Zeile auf Zeile wurde variiert, bis der Dichter, befriedigt,
+vielleicht das Gedicht mit seiner schönen, malenden Schrift
+noch einmal abschrieb. Oder aber es wurde noch nach
+Jahren wieder hervorgeholt und umgearbeitet. Andere blieben
+Fragment; entweder war die Stimmung erschöpft, oder der
+Dichter vermochte ihr keine volle Form zu schaffen, liess
+das Begonnene liegen und versuchte es vielleicht in einem
+neuen Anlauf.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn nun hier die Gedichte unter bestimmte Adressen
+gesetzt sind, so will damit nicht gesagt sein, dass Michelangelo
+sie alle ausdrücklich an die betreffende Persönlichkeit
+gerichtet habe, sondern dass sie unter ihrem Einfluss entstanden
+und tatsächlich auch oft an sie gelangt seien.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wortschatz und Bilder nahm er aus der literarischen
+Sprache seiner Zeit. Besonders Petrarca und Dante, den er
+wohl wie kein zweiter mit kongenialem Geiste verstand,
+haben stark auf ihn gewirkt. Eben aus ihnen und durch
+den Verkehr mit den Gelehrten am Hofe Lorenzos wurden
+ihm auch die Gedanken der platonischen Philosophie vertraut.
+In ihnen fand er die Formeln für sein eigenes Suchen
+nach dem Ewiggültigen, und sie sind so tief durch sein
+Wesen gegangen, dass sie ganz als sein Eigentum gelten
+müssen. Vollends in jenen Dichtungen, in denen er die
+Bilder aus &#8222;seiner&#8220; Kunst, der Plastik, nahm, schuf er völlig
+Neues. Und diese Bilder sind gerade da am häufigsten, wo
+er in vollendetster Form sein Sehnen nach der Vollkommenheit
+ausspricht, in den Gedichten an Vittoria.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Gedankengang dieser Auswahl ist etwa dieser:
+einige Gedichte an Florenz, den Papst; Gelegenheitsgedichte;
+leichtere Liebesgedichte; Dank und Freundschaft;
+einige Dichtungen &#8222;objektiveren&#8220; Inhalts; tiefere, persönlichere
+Liebesgedichte; Vittorias Tod; für Michelangelos
+Kunstauffassung bedeutsame Gedanken; Suchen nach ewiger
+Schönheit (Cavalieri); die Nacht, der Gesang der Toten; der
+Vollkommenheitsgedanke (Vittoria); endlich die geistlichen
+Dichtungen, Schuld, Reue, Tod, Erlösung.</p>
+
+<p class="summary"><a class="pgnum" id="page-148" title="- 148 -"></a>Den Übersetzungen liegt der Text von Guasti zugrunde; es wird
+deshalb in den Anmerkungen auf ihn verwiesen (G. p. = Cesare
+Guasti, Le rime de Michelangelo Buonarroti&nbsp;&#8230; Firenze
+MDCCCLXIII, Seite&nbsp;&#8230;&nbsp;). Sonst hätte die neuere Ausgabe von
+G. Frey, Die Dichtungen des Michelagniolo Buonarroti, Berlin
+1897, angezogen werden müssen. Auf ihren sehr umfangreichen
+kritischen Apparat stützen sich hauptsächlich die Anmerkungen zu
+den Gedichten, ebenso die Zuweisung der Dichtungen an die betreffenden
+Adressaten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p class="summary">In den Übersetzungen von Sophie Hasenclever wurden einige
+kleine Änderungen da vorgenommen, wo das Original nicht sinngerecht
+wiedergegeben schien.</p>
+
+<div class="list">
+<p class="number"><a href="#page-9">1.</a></p><p>G. p. 303. &mdash; Capitolo, Fragment, wahrscheinlich 1524&ndash;26,
+in Florenz. Die Auffassung des Gedichtes schliesst sich
+an die H. Grimms an. In jener Zeit arbeitete Michelangelo
+in Florenz an den Grabdenkmälern der Medici. Die
+Unbeständigkeit seines Auftraggebers, Clemens VII., der
+seine Arbeiten durch andere Pläne unterbrach und auch
+über die Ausführung der Gräber öfter seine Ansichten
+wechselte, Zwistigkeiten mit seiner Familie, Schwätzereien
+der Florentiner, Verdächtigungen und Intriguen seiner
+Feinde brachten ihn in diese Stimmung, in der ihm die
+Stadt wie eine grausame, spottlustige, launische Geliebte
+erschien. (Vgl. Grimm, &#8222;Fiorenza&#8220;, Pr. Jahrb. Bd. 47,
+p. 319ff.). &mdash; Frey hält das Capitolo für ein Liebesgedicht,
+eine von vier Versionen, die 1546 von Michelangelo zu
+einem Madrigal (G. p. 100) verarbeitet wurden.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-11">2.</a></p><p>G. p. 3. &mdash; Epigramme, 1545. &mdash; 1492 war Lorenzo il
+Magnifico gestorben. Auf ihn folgte sein Sohn Piero II.
+1494 zog Karl VIII. von Frankreich über die Alpen, um
+seine Ansprüche auf Neapel geltend zu machen. Nun
+hatte Piero mit Alfons II. von Neapel Beziehungen angeknüpft
+und war so dem Angriff des Franzosen ausgesetzt,
+zumal auch Lodovico il Moro Karl gegen Florenz
+hetzte. In der Gefahr verlor er alle Fassung und lieferte
+schon in den ersten Verhandlungen die Festungen des
+Landes aus. Die entrüsteten Florentiner vertrieben ihn
+<a class="pgnum" id="page-149" title="- 149 -"></a>bei seiner Rückkehr aus der Stadt, die nun in die Hände
+der Franzosen fiel. Es folgte die Zeit Savonarolas, der
+1498 gestürzt wurde. Die 1495 eingerichtete republikanische
+Regierungsform musste wieder fallen, als 1512
+Julius II. Giovanni und Giuliano de Medici, die Brüder
+Pieros II., in die Stadt zurückführte. Giovanni wurde
+1513 als Leo X. Papst; auf ihn folgte Giuliano und
+dieser gab bald seine Herrschaft an Pieros Sohn
+Lorenzo II. Nach ihm Giulio, der 1523 als Clemens VII.
+den päpstlichen Thron bestieg, die Herrschaft über
+Florenz aber mitbehielt. Als 1527 Rom durch die kaiserlichen
+Truppen erobert und geplündert wurde, machten
+in Florenz die Republikaner den Versuch, die frühere
+Regierungsform wieder herzustellen, aber das vereinigte
+Heer der Kaiserlichen und des Papstes zwangen die
+Stadt nach zehnmonatlicher Belagerung (Michelangelo
+war bei der Befestigung tätig) zur Übergabe (1530).
+Zur Herrschaft kam Lorenzos II. natürlicher Sohn
+Alexander, der 1537 durch seinen Vetter Lorenzino ermordet
+wurde. Nun gelangte Cosimo, des ersten Cosimo
+Urenkel, zur Herzogswürde und wusste in geschickter
+Weise seine Herrschaft endgültig zu befestigen. &mdash; 1545,
+als für die aus Florenz geflüchteten Republikaner jede
+begründete Hoffnung auf Wiederherstellung der Republik
+geschwunden war, entstanden die Epigramme. Michelangelo
+antwortet in Rom auf einen Vierzeiler des
+Giovanni di Carlo Strozzi (1517&ndash;1570). Dieser lebte in
+Florenz humanistischen Studien und war Mitglied der
+Akademie.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-12">3.</a></p><p>G. p. 25. &mdash; Madrigal, 1545&ndash;46. &mdash; Ein Zwiegespräch
+der verbannten Florentiner mit ihrer Heimatstadt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-13">4.</a></p><p>G. p. 156. &mdash; Sonett, wohl 1511, gegen Ende der Arbeiten
+an der Sixtinadecke (1508&ndash;12).</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-14">5.</a></p><p>G. p. 158. &mdash; Sonetto caudato oder ritornellato; das
+eigentliche Sonett schliessen 1&ndash;2 Ritornelle, Kehrreime.
+Etwa 1508&ndash;11. &mdash; Giovanni da Pistoja, vielleicht, was
+Frey bezweifelt, Kanzler der Florentiner Akademie. &mdash; Das
+<a class="pgnum" id="page-150" title="- 150 -"></a>Gedicht spricht von den Mühen der Arbeit an der
+Sixtinadecke.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-15">6.</a></p><p>G. p. 338. &mdash; Stanzen, Fragment, etwa 1518&ndash;24. Ein
+Spottgedicht auf eine Unbekannte in Florenz.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-16">7.</a></p><p>G. p. 68. &mdash; Madr., 1535&ndash;46. An eine Unbekannte.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-17">8.</a></p><p>G. p. 58. &mdash; Madr., 1534&ndash;46. Nach Frey ist es an
+Vittoria Colonna in der ersten Zeit der Freundschaft
+gerichtet.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-18">9.</a></p><p>G. p. 97. &mdash; Madr., 1546. An eine Unbekannte, die vielleicht
+mit der Adressatin von No. 33 und 34 identisch ist.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-19">10.</a></p><p>G. p. 178. &mdash; Son., 1507&ndash;08, in Bologna, an ein unbekanntes
+Mädchen der Stadt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-20">11.</a></p><p>G. p. 29. &mdash; Madr., 1546. &mdash; Luigi del Riccio war Geschäftsträger
+der Strozzi in Florenz. Mit Michelangelo
+war er eng befreundet und leistete ihm wichtige Dienste.
+Er verfolgte mit besonderem Interesse die dichterische
+Tätigkeit des Meisters, mit feinem Verständnis beurteilend,
+besprechend. Er bemühte sich auch um eine Herausgabe
+der Gedichte und vereinigte deren 87 in der nach
+ihm benannten Ricciosammlung. &mdash; Auf ein unbekanntes
+Vorkommnis hin schrieb Michelangelo das Gedicht in
+seiner ersten Fassung. Riccio erwiderte mit folgendem
+Madrigal:</p>
+
+<div class="poem" id="anmerk1">
+<div class="stanza">
+<p>Es darf kein Liebesdienst</p>
+<p>Des Freundes lästig sein</p>
+<p>Dem Freunde, denn ein alter, weltbekannter Satz</p>
+<p>Verlangt, dass jedes Gut</p>
+<p>Und jegliches Geschick</p>
+<p>Ihnen gemeinsam sei. Ja Kerker, Tod</p>
+<p>Sah man schon einen für den andern leiden,</p>
+<p>Und Gut und Ehr' und Leben tauschen sie.</p>
+<p>Drum kann ein Streit uns beide nicht entzweien,</p>
+<p>Denn alles zu verzeihn, ist Freundschaft stets bereit.</p>
+</div>
+</div>
+
+<p class="noindent">Darauf arbeitete Michelangelo sein Madrigal zu einer
+zweiten, längeren Fassung um, die hier gegeben ist.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-21">12.</a></p><p>G. p. 167. &mdash; Son., 1551. &mdash; Giorgio Vasari lebte 1512&ndash;74
+<a class="pgnum" id="page-151" title="- 151 -"></a>und betätigte sich als Maler, Architekt und Schriftsteller.
+Er stand beim Herzog von Florenz in grosser Gunst
+und hatte in Michelangelos späteren Jahren zwischen
+diesem und dem Herzog zu vermitteln (vgl. Brief
+26. und 30). Mit dem Sonett dankt ihm der Meister
+für die Zusendung der <span lang="it">&#8222;Vite degli artisti&#8220;</span>.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-22">13.</a></p><p>G. p. 164. &mdash; Son., 1555. Dank für Geschenke.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-23">14.</a></p><p>G. p. 325&ndash;328. &mdash; Fragment einer Dichtung in Stanzen.
+Nach Frey würde dieser Teil in die Jahre 1536&ndash;40 fallen,
+während die Stanzengruppe, in denen der Dichter
+das Landleben preist und die übrigen Laster geisselt
+(G. p. 317&ndash;24), aus seinen letzten Jahren (1556) stammen,
+also zwei selbständige Dichtungen vorliegen würden. &mdash; Andere
+Deutungen für die Gestalten der Dichtung:
+der Gigant der Stolz, das Weib die Grausamkeit, oder
+Habsucht, oder der Geiz. Dazu Frey (a.a.O. 350):
+&#8222;All diese Interpretationen sind individueller Art und
+unverbindlich. Es muss gesagt werden, dass, so real
+Michelangelo diese Bilder ausgeführt hat, so unbestimmt
+ist gleichwohl für uns ihre Bedeutung gelassen, wohl
+weil auch dem Dichter während des Schöpfungsprozesses
+immer neue Gedanken, Vergleiche und Züge in den
+Sinn kamen, die die ursprüngliche Richtung abänderten.
+Gleichwohl lassen sich meiner Überzeugung nach doch
+Michelangelos Intentionen ahnen und deuten, wenn man,
+was durchaus nötig ist, mit den Stanzen das Sonett gegen
+die Pistojesen (G. p. 160) vereint. Dort die Pistojesen,
+die <span lang="it">al ciel nemici, invidiosi, superbi</span>; Söhne Kains hiessen
+sie, weil sie im Bruderkampfe sich gegenseitig totschlugen.
+Hier trägt das Weib das Kainszeichen; freut es sich
+und wächst <span lang="it">del mal d'altrui</span>, und die Pistojesen sind
+<span lang="it">del danno loro amici</span>. Wie zur Zeit Dantes Neri und
+Bianchi in Pistoja sich zerfleischten, so wieder zur Zeit
+der Revolution in Florenz. Und dann die Ermordung
+des Herzogs Alessandro (1537). Die <span lang="it">città intera</span>, die der
+Gigant mit dem Fusse deckt, wäre Pistoja, die <span lang="it">montagne</span>
+die dortigen Apenninen, die vielfach den Parteien <span lang="it">ricovero</span>
+<a class="pgnum" id="page-152" title="- 152 -"></a>boten wie dem Weibe <span lang="it">le gran rocche</span>. Besonders im
+Frühjahr 1537 waren die Wirren in Pistoja gross.&nbsp;&#8230;
+Man könnte annehmen, dass [Giovanni da Pistoja]&nbsp;&#8230;
+ausführlich von allen diesen Ereignissen Michelangelo
+unterhalten habe, und Schmerz und Zorn über das Gehörte
+hätten ihn zu Dichtungen veranlasst, die wohl
+niemals abgesandt worden sind.&#8220;</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-25">15.</a></p><p>G. p. 5&ndash;21, No. 2, 3, 4, 7, 8, 12, 18, 20, 23, 31, 38, Epitaphien,
+1544. &mdash; Im Jahre 1544 starb in Rom Cecchino
+(Francesco) de Zanobi Bracci im Alter von 15 Jahren.
+Er war Riccios Neffe und wurde von diesem zärtlich
+geliebt. Seit 1534 lebte er als verbannter Florentiner in
+Rom, wegen seiner Schönheit allgemein bewundert.
+Sein Tod war für Riccio ein herber Verlust. Die Freunde,
+unter ihnen auch Michelangelo, bemühten sich, ihn zu
+trösten, und zu diesen Versuchen zählen auch die ersten
+dieser Vierzeiler. Die Abfassung der Gedichte war
+anfangs lebendig mit der Erinnerung an Cecchino verknüpft,
+löste sich aber bald davon los, und das Grab
+des Freundes wurde zum Ort, an dem der Dichter in
+stets neuen Beziehungen und knappster Fassung eigenartige
+Gedanken über Leben und Tod aussprach.
+Riccio ermunterte den Freund durch Bitten und Geschenke,
+durch Besprechung und Kritik zur Fortsetzung,
+und so entstand im Laufe des Jahres 1544 eine Reihe
+von 48 vierzeiligen Grabschriften. Kurze scherzhafte
+Bemerkungen unter den Gedichtmanuskripten, die
+Michelangelo dem Freunde zusandte, zeigen, wie sehr
+ihm dieser zusetzte. So zum Epitaph</p>
+
+<div class="list">
+<p class="number">12.</p><p>&#8222;Wenn Ihr keine mehr wollt, so schickt mir nichts
+mehr.&#8220;</p>
+
+<p class="number">16.</p><p>(nicht in dieser Auswahl) &#8222;Ich wollte es Euch eigentlich
+nicht schicken. Es ist ein gar zu plumpes
+Ding; aber die Forellen und Trüffeln würden selbst
+den Himmel bezwingen. Ich empfehle mich Euch.&#8220;</p>
+
+<p class="number">20.</p><p>&#8222;Für die gesalzenen Schwämme, wenn Ihr schon
+nichts weiter wollt!&#8220;</p>
+
+<p class="number"><a class="pgnum" id="page-153" title="- 153 -"></a>21.</p><p>(n. i. d. A.) &#8222;Dies plumpe Ding, schon tausendmal
+aufgetischt, für den Fenchel.&#8220;</p>
+
+<p class="number">23.</p><p>&#8222;Hier reden die Forellen, nicht ich; wenn Euch die
+Verse nicht gefallen, dann mariniert sie das nächste
+Mal nicht mehr ohne Pfeffer.&#8220;</p>
+
+<p class="number">33.</p><p>(n. i. d. A.) &#8222;Unbeholfene Sachen! Der Brunnen
+ist ausgetrocknet; man muss abwarten, bis es regnet.
+Ihr habt zu grosse Eile!&#8220;</p>
+
+<p class="number">36.</p><p>(n. i. d. A.) &#8222;Tolle Sachen! Wenn man aber von
+mir verlangt, ich soll sie zu Tausenden fabrizieren,
+so muss schon von jeder Sorte darunter sein!&#8220;
+</p>
+</div>
+
+<p class="number"><a href="#page-28">16.</a></p><p>G. p. 155. &mdash; Son., 1545. Zugleich mit No. 59 entstanden.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-29">17.</a></p><p>G. p. 50. &mdash; Madr., Fragm., 1504/5&ndash;11. Adressat und
+Anlass unbekannt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-30">18.</a></p><p>G. p. 197. &mdash; Son., Zeit, Adressat ist fraglich. Vielleicht
+1534&ndash;38 in Rom.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-31">19.</a></p><p>G. p. 81. &mdash; Madr., Adressat unbekannt. Entstehungszeit
+etwa Beginn der 40er Jahre.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-32">20.</a></p><p>G. p. 173. &mdash; Son., am Anfang der Freundschaft mit
+Vittoria Colonna entstanden, also in den nächsten Jahren
+nach 1536. &mdash; Vittoria wurde 1490 im Kastell Marino
+am Abhang der Albanerberge geboren. 1509 vermählte
+sie sich mit Ferrante Francesco d'Avalos, dem Markgrafen
+von Pescara. Während ihr Gemahl ein unstetes
+Kriegsleben führte, lebte Vittoria meist auf Ischia und
+unterhielt mit den bedeutendsten Geistern ihrer Zeit
+rege Beziehungen. Sie musste früh auf Mutterglück
+verzichten und wandte sich ganz geistigen Interessen zu.
+In das Jahr 1512 fällt das erste ihrer erhaltenen Gedichte
+und bald entfaltete sie ein reiches Schaffen, von ihrer
+Zeit als die bedeutendste Frau, <span lang="it">&#8222;la diva Vittoria Colonna&#8220;</span>,
+gefeiert. 1525 starb Francesco. Von nun an lebte sie
+immer eingezogener, obwohl stets in Beziehung mit der
+politischen und künstlerischen Welt, meist in Klöstern,
+wie San Silvestro in Capite in Rom, San Paolo in Orvieto,
+Santa Caterina in Viterbo (vgl. den vierten ihrer Briefe
+an Michelangelo). Infolge der politischen Verhältnisse
+<a class="pgnum" id="page-154" title="- 154 -"></a>änderte sie ihren Aufenthalt oft. 1534 kam sie durch
+die Berührung mit Bernardino Ochino in die religiösen
+Reformbewegungen des 4. und 5. Jahrzehnts und spielte
+in ihnen eine nicht unwichtige Rolle. 1534&ndash;40 hielt sie
+sich viel in Rom im Kloster San Silvestro auf, und in
+die frühere Zeit dieser Periode fällt wohl ihr erstes
+Zusammentreffen mit Michelangelo, mit dem sie besonders
+in den Jahren 1538&ndash;40 regen Verkehr unterhielt.
+Die nächste Zeit brachte ihr schweres Leid. In
+den Kämpfen mit Paul III., 1540&ndash;41, wurde die Macht
+der Colonna vernichtet. Sie zog sich nach Viterbo
+zurück und blieb dort bis 1544. 1544&ndash;47 war sie wieder
+in Rom, von körperlichen und seelischen Leiden heimgesucht,
+aber fortwährend in regem Austausch mit den
+bedeutendsten Persönlichkeiten und selbst literarisch
+tätig. Die tiefsten ihrer religiösen Dichtungen fallen in
+diese Zeit. 1547 starb sie im Kloster Sant' Anna de
+Funari, das ihr letzter Aufenthaltsort gewesen war.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-33">21.</a></p><p>G. p. 46. &mdash; Madr., vielleicht um 1540/41.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-34">22.</a></p><p>G. p. 169. &mdash; Son. Es liegt in 6 Versionen vor. Diese
+ist die zweite und wurde 1546 abgefasst. Die erste
+Fassung, die mit dem Brief 16. an Vittoria abgesandt
+wurde, fällt in die Jahre 1538&ndash;41 oder 1544&ndash;46. &mdash; Vittoria
+hatte dem Dichter öfter &#8222;Dinge&#8220; (<span lang="it">cose</span>), vielleicht
+eigene Dichtungen, angeboten, und er hatte sich lange
+geweigert, sie anzunehmen, bevor er ihr nicht ein
+würdiges Gegengeschenk bieten könne.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-35">23.</a></p><p>G. p. 80. &mdash; Madr., 1534&ndash;46.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-36">24.</a></p><p>G. p. 199. &mdash; Son., in 8 Versionen überliefert; die hier
+übersetzte ist die Schlussfassung, 1542&ndash;46. Die Ausarbeitung
+der früheren liegt wohl um 10&ndash;20 Jahre zurück.
+Letztere sind an eine Frau, die gegebene Fassung ist
+an einen Mann (<span lang="it">signor</span>) gerichtet. (Die Übersetzung sagt
+allerdings &#8222;holde Fraue&#8220;.) Gemeint ist Tommaso
+Cavalieri. Über ihn siehe zu No. 38.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-37">25.</a></p><p>G. p. 183. &mdash; Son., 1529&ndash;30 in Florenz, an eine Unbekannte.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-38">26.</a><a class="pgnum" id="page-155" title="- 155 -"></a></p><p>G. p. 74. &mdash; Madr., etwa 1544&ndash;46. Nach Frey an
+Vittoria, in den letzten Jahren ihres Lebens.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-39">27.</a></p><p>G. p. 38. &mdash; Madr., Anfang der 40er Jahre.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-40">28.&ndash;31.</a></p><p>G. p. 227, 229, 31, 226. &mdash; Sonette, No. 30 Madr., sämtlich
+1547 entstanden, No. 28 als letzte von drei Versionen.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-44">32.</a></p><p>G. p. 212. &mdash; Son., nicht lange nach Vittorias Tod (1547),
+als letzte von vier Versionen.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-45">33.</a></p><p>G. p. 34. &mdash; Madr., 1540&ndash;44, an eine Unbekannte. Vgl. No. 9.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-46">34.</a></p><p>G. p. 35. &mdash; Madr., wohl 1540&ndash;44, an eine Unbekannte.
+Vgl. No. 9.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-47">35.</a></p><p>G. p. 253. &mdash; Son., Entstehungszeit und Adressat unbekannt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-48">36.</a></p><p>G. p. 175. &mdash; Son., 1546 als letzte von drei Versionen.
+Die früheren fallen wohl in die Jahre 1538&ndash;42.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-49">37.</a></p><p>G. p. 36. &mdash; Madr., etwa 1542&ndash;44.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-50">38.</a></p><p>G. p. 216. &mdash; Son., vor 1534. &mdash; Anfang der 30er Jahre
+begann Michelangelos Freundschaft mit Tommaso
+Cavalieri, einem jungen Römer, um bis zu seinem Tode,
+durch 32 Jahre, zu dauern. Was sie für den unablässig
+nach der Schönheit und dem sittlich Hohen ringenden
+Meister bedeutete, wie lauter er diese Beziehungen auffasste,
+zeigen besonders die Dichtungen der 40er Jahre.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-51">39.</a></p><p>G. p. 188. &mdash; Son., 1533/34.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-52">40.</a></p><p>G. p. 190. &mdash; 1532&ndash;33.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-53">41.</a></p><p>G. p. 92. &mdash; Madr., vielleicht 1524 in Florenz, an eine
+unbekannte Adresse.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-54">42.</a></p><p>G. p. 224. &mdash; Son., 1546, als Schlussfassung verschiedener,
+bis in die zweite Hälfte der 30er Jahre zurückgehender
+Versuche.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-55">43.</a></p><p>G. p. 208. &mdash; Son., Florenz 1533.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-56">44.</a></p><p>G. p. 250. &mdash; Son., in seiner späteren Lebenszeit.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-57">45.</a></p><p>G. p. 176. &mdash; Son., nicht lange nach 1534.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-58">46.</a></p><p>G. p. 223. &mdash; Son., in dieser Fassung 1546.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-59">47.</a></p><p>G. p. 218. &mdash; Es liegen 7 Versionen und viele Varianten
+einzelner Verse vor. Die früheren Fassungen (1.&ndash;4.)
+fallen in die Jahre 1536&ndash;42, die hier gegebene fünfte 1546.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-60">48.</a></p><p>G. p. 337. &mdash; Stanze, vielleicht 1536&ndash;38, an einen unbekannten
+Adressaten oder aber an Tommaso Cavalieri.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-61">49.&ndash;52.</a><a class="pgnum" id="page-156" title="- 156 -"></a></p><p>G. p. 202, 203, 205, 204. &mdash; Sonette, aus der Periode,
+während der Michelangelo am Jüngsten Gericht arbeitete,
+1533&ndash;41. &mdash; Der Anordnung innerhalb der Gruppe folgt
+Frey a.a.O. 367: &#8222;Das erste gäbe das Thema an, das die
+übrigen weiter entwickelten, wobei die teilweise noch
+allgemeinen und unbestimmten Anschauungen zuletzt
+eine Steigerung und konkreteren Inhalt erhalten hätten.&#8220;</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-65">53.</a></p><p>G. p. 350. &mdash; Canzonenfragment. Frey lässt Spielraum
+vom 2. Jahrzehnt bis ins Alter des Dichters.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-66">54.</a></p><p>G. p. 32. &mdash; Madr., 1541&ndash;44, während Vittoria zurückgezogen
+in Viterbo lebte.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-67">55.</a></p><p>G. p. 83. &mdash; Madr., 1534&ndash;46.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-68">56.</a></p><p>G. p. 214. &mdash; Son., nach 1534, in der späteren Zeit von
+Michelangelos Freundschaft mit Cavalieri.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-69">57.</a></p><p>G. p. 33. &mdash; Madr., wohl 1534&ndash;42; vielleicht an Vittoria.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-70">58.</a></p><p>G. p. 186. &mdash; Son., Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-71">59.</a></p><p>G. p. 153. &mdash; Son., 1545 als zweite von 5 Versionen. &mdash;
+Vgl. No. 16. &mdash; Zur Entstehung des Gedichtes vgl. Frey,
+a.a.O. 425; Michelangelo beschäftigte sich damals, nach
+Vollendung des Jüngsten Gerichts, besonders intensiv
+mit Dante.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-72">60.</a></p><p>G. p. 27. &mdash; Madr., etwa 1544&ndash;46, nach einer wohl in
+den 30er Jahren entstandenen Urversion.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-73">61.</a></p><p>G. p. 177. &mdash; Son., vor 1546; W. Robert-tornow (Die Gedichte
+des Michelangelo Buonarroti, Berlin 1896) fasst
+das Gedicht als an Christus gerichtet auf (p. 391). Freys
+Ansicht, der es den Cavalieri-Dichtungen zuordnet,
+scheint wahrscheinlicher.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-74">62.</a></p><p>G. p. 37. &mdash; Madr., 1536&ndash;47.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-75">63.</a></p><p>G. p. 30. &mdash; Madr., vielleicht 1538&ndash;41 oder 1545/6.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-76">64.</a></p><p>G. p. 94. &mdash; Madr., vielleicht 1544/45.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-77">65.</a></p><p>G. p. 172. &mdash; Son., die letzte von 5 Versionen, 1550.
+(Die früheren 1544/45 &mdash;.)</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-78">66.</a></p><p>G. p. 261. &mdash; Son., Fragm., etwa 1560.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-79">67.</a></p><p>G. p. 141. &mdash; Madr., 1546.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-80">68.</a></p><p>G. p. 128. &mdash; Madr., nach 1547.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-81">69.</a></p><p>G. p. 274. &mdash; Son., Fragm., 1552&ndash;54.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-82">70.</a><a class="pgnum" id="page-157" title="- 157 -"></a></p><p>G. p. 259. &mdash; Son., Fragm., nach 1525; ebenso wie No. 71
+aus vorübergehenden Stimmungen entstanden, Vorläufer
+der nach 50 häufig auftretenden Gemütsverfassungen des
+Dichters.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-83">71.</a></p><p>G. p. 123. &mdash; Madr, die erste Fassung etwa 1536&ndash;42,
+die vorliegende 1545/46.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-84">72.</a></p><p>G. p. 230. &mdash; Son., Frey, a.a.O. 486: &#8222;Vielleicht
+Michelangelos schönstes Gedicht, nicht nur der letzten
+Epoche, sondern seines Canzoniere überhaupt.&#8220;</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-85">73.</a></p><p>G. p. 279. &mdash; Son., Fragm., 1554.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-86">74.</a></p><p>G. p. 232. &mdash; Son., 1554/55.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-87">75.</a></p><p>G. p. 238. &mdash; Son., 1555.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-88">76.</a></p><p>G. p. 244. &mdash; Son., 1550&ndash;54.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-89">77.</a></p><p>G. p. 240. &mdash; Son., 1547&ndash;50.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-90">78.</a></p><p>G. p. 245. &mdash; Son., 1555.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-91">79.</a></p><p>G. p. 246. &mdash; Son., 1555.</p>
+
+<p class="number"><a href="#page-92">80.</a></p><p>G. p. 241. &mdash; Son., 1555 oder später.</p>
+</div>
+
+
+<hr/>
+
+<h3><a id="anm-briefe"></a>Zu den Briefen Michelangelos.</h3>
+
+<p class="summary">Der italienische Text nach Gaetano Milanesi, <span lang="it">Le lettere di
+Michelangelo Buonarroti, Firenze MDCCCLXXV</span> (Mil. l. = <span lang="it">Milanesi,
+lettera No.&nbsp;&#8230;</span>). Ebendaher stammt die Datierung der Briefe, die
+nicht von Michelangelo selbst herrührt. Leider konnte den Übersetzungen
+und Anmerkungen die in Aussicht stehende kritische Gesamtausgabe
+der Briefe von C. Frey nicht mehr zugrunde gelegt werden.</p>
+
+<div class="list">
+<p class="number"><a href="#letter-1">1.</a></p><p>Mil. l. CCCXLIII. &mdash; Giuliano da San Gallo 1443 (45)
+bis 1516 (17), aus Florenz, war Bildhauer und vor allem
+Architekt. Er baute in Rom für Lorenzo den Prächtigen,
+wurde später nach Neapel gerufen und arbeitete 2 Jahre
+für den Bischof von Ostia, den nachmaligen Papst
+Julius II. Unter Julius veranlasste er den Bau einer
+besonderen Grabkirche für das Denkmal, mit dessen
+Ausführung Michelangelo betraut war, unterlag er aber
+mit seinem Entwurf gegen Bramante und verliess Rom.
+<a class="pgnum" id="page-158" title="- 158 -"></a>Nach kurzer Zeit ernannte ihn der Papst zum Ingenieur,
+dann zum Architekten am Bau der neuen Peterskirche. &mdash; Durch
+seine Vermittlung war Michelangelo 1505 nach
+Rom gekommen. Über dessen Flucht folgendes: 1505
+hatte er vom Papste den Auftrag erhalten, ihm ein Grabmonument
+zu errichten und war noch im April desselben
+Jahres nach Carrara gegangen. Dort leitete er bis zum
+Januar 1506 die Zurichtung der Blöcke und erwartete
+dann in Rom deren Ankunft. Unterdessen hatte aber
+Julius den Plan des Grabdenkmals fallen lassen und
+sich dem Neubau der Peterskirche zugewandt, für die,
+wie oben gesagt, Bramantes Pläne gesiegt hatten. Als
+Michelangelo an der veränderten Sachlage nicht mehr
+zweifeln konnte, floh er in seiner Enttäuschung nach
+Florenz. Der Papst bemühte sich, ihn zur Rückkehr zu
+bewegen, und veranlasste viele Freunde und Gönner des
+Meisters, ihm brieflich oder mündlich zuzureden. Auf
+einen solchen Vermittlungsbrief antwortet das vorliegende
+Schreiben.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-2">2.</a></p><p>Mil. l. CXXVII. &mdash; Vgl. Anm. zu Br. 3. &mdash; Der alte
+Buonarroti hatte Michelangelo geschrieben, das Betragen
+seiner Söhne, besonders Giovansimones, mache ihm
+viel Kummer. In seiner Antwort (Mil. l. VII) verspricht
+ihm Michelangelo, diesem einen Brief zu schreiben &#8222;auf
+meine Art&#8220; &mdash; eben den vorliegenden.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-3">3.</a></p><p>Mil. l. X. &mdash; Lodovico di Leonardo di Buonarrota Simoni
+(1444&ndash;1534) trieb keinerlei Gewerbe, sondern lebte von
+dem geringen Ertrag seiner wenigen Güter und dem
+Gehalt einer Zollschreiberstelle. Michelangelo sorgte
+bis an sein Lebensende in aufopfernder Weise für seine
+Familie. Von seinen Brüdern werden in den Briefen
+genannt: Buonarroto, von dem das bis in unsere Zeit
+lebende Geschlecht der Buonarroti abstammt, 1477&ndash;1528,
+Giovan Simone 1479&ndash;1548, Gismondo 1481&ndash;1555. &mdash; Mona
+Cassandra, Lodovicos Schwägerin, hatte mit diesem
+nach dem Tode ihres Gatten einen Streit wegen ihrer
+Mitgift. &mdash; Michelangelo malte damals in der Sixtina.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-4">4.</a><a class="pgnum" id="page-159" title="- 159 -"></a></p><p>Mil. l. LXXX. &mdash; Lorenzo Strozzi besass in Florenz eine
+Wollwirkerei, in der Buonarroto beschäftigt war.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-5">5.</a></p><p>Mil. l. XXII. &mdash; Michelangelo pflegte sein Geld der
+Spitalverwaltung von Santa Maria Nuova in Florenz anzuvertrauen.
+Der Spitalverwalter wird auch noch in
+späteren Briefen öfter erwähnt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-6">6.</a></p><p>Mil. l. XXXVI. &mdash; Vgl. Anm. zu Ged. No. 2. Als Julius II.
+mit kaiserlichen Truppen Giuliano de Medici nach Florenz
+zurückführte, wurde in den Tagen vom 29. August bis
+19. September die Stadt Prato besetzt und in furchtbarer
+Weise geplündert.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-7">7.</a></p><p>Mil. l. XCII. &mdash; Im fortgelassenen ersten Teil des Briefes
+gibt Michelangelo seinem Bruder den Auftrag, eine gewisse
+Summe im Namen von Michele di Piero da
+Settignano, eines seiner Steinmetzen, in Florenz auszuzahlen. &mdash; Die
+Arbeiten, über die er klagt, sind die
+für das Juliusdenkmal.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-8">8.</a></p><p>Mil. l. XXXIX. &mdash; Michelangelo erhielt von den Erben
+Julius II. 1516 die Erlaubnis, nach Belieben in Rom,
+Florenz oder Carrara an dem Denkmal zu arbeiten.
+Tatsächlich ging er 1516 nach Carrara, um Material zu
+beschaffen, und war auch einige Zeit in Florenz. Von
+hier aus schrieb er an seinen Vater, der sich in
+Settignano, einem kleinen Ort nahe bei Florenz, aufhielt,
+den Brief. Siehe auch Br. 9.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-9">9.</a></p><p>Mil. l. CXII.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-10">10.</a></p><p>Mil. l. CCCLXXXI. &mdash; 1520 wurde Michelangelo vom
+Kardinal Giulio de Medici beauftragt, für die Mediceer
+in Florenz ein Familiengrab zu bauen. 1521 erhielt er
+eine Anzahlung und schloss mit einigen Steinmetzgewerkschaften
+in Carrara Verträge auf Lieferung grosser
+Marmormengen. Bald machte ihm aber der unbeständige
+Kardinal, der zudem durch die politischen Wirren (die
+Kämpfe Karls V. mit Franz I.) in Geldnöte geraten war,
+Schwierigkeiten. Er erklärte sich nicht bestimmt über
+die Art der Ausführung und zögerte mit den Zahlungen.
+Die Arbeiten ruhten, his Giulio 1523 als Clemens VII.
+<a class="pgnum" id="page-160" title="- 160 -"></a>den päpstlichen Thron bestieg. 1524 begann der Bau
+der Kapelle (<span lang="it">nuova sagrestia di San Lorenzo</span>) und war
+bald zu Ende geführt. Über die letzten Arbeiten,
+Laterne und Goldkugel, berichtet der Brief. Der Papst,
+der wohl wissen musste, dass es Michelangelos
+Charakter unmöglich war, die Leitung einer Arbeit mit
+einem anderen zu teilen, versprach doch Andrea Sansovino
+die Teilnahme an dem Werke. Im vorliegenden
+Brief verwahrt sich Michelangelo dagegen. &mdash; Über seine
+Stimmung während dieser Arbeiten vgl. Ged. No. 1 und
+Br. No. 11.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-11">11.</a></p><p>Mil. l. CCCXCVII. &mdash; Sebastiano del Piombo (1485&ndash;1547)
+gehörte in Rom zur Partei Michelangelos gegen Raffael. &mdash; In
+dem am Schluss des Briefes erwähnten Porträt
+vermutet Milanesi das wahrscheinlich verlorene Bildnis
+des Francesco degli Albizzi, das Sebastiano in jener
+Zeit vollendet und nach Florenz gesandt hatte.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-12">12.</a></p><p>Mil. l. CXXIX. &mdash; Der 1532 mit den Erben Julius II.
+abgeschlossene Vertrag bestimmte, dass Michelangelo
+Zeit und Arbeit zwischen Rom und Florenz teilen dürfe. &mdash; Mona
+Margherita war eine nahe Verwandte. &mdash; Ser
+Giovan Francesco Fattucci war Kaplan von Santa Maria
+del Fiore in Florenz und mit Michelangelo sehr eng
+befreundet.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-13">13.</a></p><p>Mil. l. CDXXIII. &mdash; Der &#8222;Abgott&#8220;, der wohl auch das
+Feuer entzündet hat, das Michelangelo verzehrt, ist
+Cecchin Bracci. &mdash; Der Dichter schickt seinem Freunde
+ein bereits umgearbeitetes Madrigal und spricht von einer
+Zusammenkunft am Sonntag. Bei solchen Gelegenheiten
+wurden die Gedichte durchgesprochen und gemeinsam
+ausgefeilt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-14">14.</a></p><p>Mil. l. CDXXXIX. &mdash; Monsignor di Todi, Federigo Cesi,
+später Kardinal von San Pancrazio. &mdash; Urbino, eigentlich
+Francesco di Bernardino degli Amatori, war Michelangelos
+Diener, Farbenreiber, Gehilfe, Schüler und auch Freund.
+Vgl. Br. 27.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-15">15.</a></p><p>Mil. l. CDXLVII. &mdash; Der Brief begleitete eines der
+<a class="pgnum" id="page-161" title="- 161 -"></a>Epitaphien auf Cecchinos Tod (G. No. 8: das 5. der
+unter No. 15 der Auswahl zusammengestellten.). &mdash; Riccio
+hatte wohl am vorhergehenden Tage eine Ansicht ausgesprochen,
+die Brief und Gedicht widerlegen.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-16">16.</a></p><p>Mil. l. CDLIV. &mdash; Die Datierung von Brief 16 und 17
+ist die von Milanesi getroffene. Nach Frey besteht für
+sie ebenso wie für die von Ged. No. 22, das mit Br. 16
+abgeschickt wurde, der Spielraum von 1538&ndash;41 oder
+1544&ndash;46. (41&ndash;44 war Vittoria in Viterbo.) &mdash; Vgl. Anm.
+zu Ged. No. 22.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-17">17.</a></p><p>Mil. l. CDLV. &mdash; Vgl. die Briefe Vittorias No. 1 und 2;
+der vorliegende Brief fällt wohl zwischen sie. &mdash; Die
+letzten Zeilen deuten vielleicht auf eine Absicht Michelangelos,
+die Zeichnung &mdash; den Cruzifixus &mdash; als Gemälde
+auszuführen. &#8222;Mein Plan ist misslungen&#8220; übersetzt:
+<span lang="it">&#8222;è stato guasto il mio disegno&#8220;</span> und würde auf eine Vereitelung
+dieser &#8222;Absicht&#8220; anspielen, <span lang="it">&#8222;disegno&#8220;</span> kann auch
+mit &#8222;Zeichnung&#8220; übersetzt werden. &#8222;Meine Zeichnung
+ist misslungen.&#8220; Der Sinn wäre wohl derselbe.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-18">18.</a></p><p>Mil. l. CLXII. &mdash; Lionardo di Buonarroto Simoni, also
+ein Sohn von Buonarroto, dem Bruder Michelangelos.
+An ihn ist ein grosser Teil der Briefe gerichtet, etwa
+200 von fast 500. &mdash; Michelangelo hatte in einem Briefe
+an Lionardo vom 16. Januar 1546 von einer Besitzung
+des Francesco Corboli gesprochen, der falliert hatte und
+zu verkaufen wünschte. Er hatte sich bereit erklärt,
+eine grössere Summe in einem derartigen Wertobjekt
+anzulegen, und seinen Neffen beauftragt, Erkundigungen
+einzuziehen. Seiner Familie in Florenz war daran gelegen,
+sich die Summe zu sichern, und so war die Antwort
+sehr rasch gekommen &mdash; zu rasch für den etwas
+misstrauischen Meister. &mdash; Der Trebbianer, ein süsser
+oberitalienischer Wein, war sein Lieblingsgetränk.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-19">19.</a></p><p>Mil. l. CDLIX. &mdash; Franz I. von Frankreich schrieb im
+Februar 1546 den hier erwähnten Brief. Michelangelo
+wurde durch den bald danach erfolgten Tod des Königs
+(1547) von seinem Versprechen entbunden. &mdash; Zu jener
+<a class="pgnum" id="page-162" title="- 162 -"></a>Zeit arbeitete er an den Fresken der Capella Paolina in
+Rom (1542&ndash;49) im Auftrag von Paul III.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-20">20.</a></p><p>Mil. l. CLXXXVII.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-21">21.</a></p><p>Mil. l. CXCI.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-22">22.</a></p><p>Mil. l. CDLXII. &mdash; Benedetto Varchi (1502&ndash;65), Historiker
+und Dichter, gehörte zu den durch die Medici Vertriebenen.
+Durch Cosimo I. wurde er zurückgerufen und
+schrieb in dessen Auftrag seine Geschichte von Florenz.
+Das hier genannte Buch, eine seiner vielen kleinen
+Schriften, behandelt die damals vielerörterte Frage, ob
+die Malerei oder die Skulptur den Vorrang verdiene.
+(<span lang="it">Due lezioni di Messer Benedetto Varchi&nbsp;&#8230; Firenze appr.
+Lorenzo Torrentino&nbsp;&#8230;</span> MDXLIX.) &mdash; Michelangelo war
+damals 74 Jahre alt.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-23">23.</a></p><p>Mil. l. CCX. &mdash; Die Frage der Heirat Lionardos und
+der Wahl einer geeigneten Gattin wird im Briefwechsel
+seit Anfang 1547 erörtert. Dieser Brief ist typisch für
+die Stellung des Meisters zur Frage. Erst im Frühjahr
+1553 (vgl. Br. 24) kam die Angelegenheit zum Abschluss,
+als Lionardo Cassandra di Donato Ridolfi heimführte.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-24">24.</a></p><p>Mil. l. CCLXIII.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-25">25.</a></p><p>Mil. l. CDLXXII. &mdash; Durch Vasari hatte Michelangelo
+die Nachricht von der Geburt seines Grossneffen
+Buonarroto di Lionardo Simoni erhalten.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-26">26.</a></p><p>Mil. l. CDLXXV. &mdash; 1547 wurde Michelangelo, halb gegen
+seinen Willen, als Nachfolger von Antonio da Sangallo
+zum Architekten von Sankt Peter ernannt und widmete
+sich dieser Aufgabe bis an sein Lebensende. In diesem
+und anderen Briefen wehrt er sich gegen die Bemühungen
+Cosimos, ihn nach Florenz zu ziehen. Er hatte die
+Arbeit als eine ihm von Gott auferlegte heilige Pflicht
+auffassen gelernt und führt dies als einen Hauptgrund
+für sein Bleiben oft an.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-27">27.</a></p><p>Mil. l. CDLXXVII. &mdash; Vgl. Anm. zu Br. 14. &mdash; Der am
+Schluss Genannte ist Benvenuto Cellini.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-28">28.</a></p><p>Mil. I. CCXC. &mdash; Francesca war Michelangelos Nichte.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-29">29.</a><a class="pgnum" id="page-163" title="- 163 -"></a></p><p>Mil. l. CDLXXIX. &mdash; <span lang="it">Cosimo Bartoli, Difesa della lingua
+fiorentina e di Dante&nbsp;&#8230;</span> 1566. &mdash; 1556 unternahm
+Michelangelo eine Wallfahrt nach Loreto, wurde aber
+in Spoleto, wo er sich einige Zeit aufhielt, durch eine
+päpstliche Botschaft zurückgerufen.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-30">30.</a></p><p>Mil. l. CCCIV.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-31">31.</a></p><p>Mil. l. CCCXIV. &mdash; Der Kardinal Rodolfo Pio da Carpi.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-32">32.</a></p><p>Mil. l. CCCXX.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-33">33.</a></p><p>Mil. l. CCCXL.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-34">34.</a></p><p>Mil. l. CCCXLI.</p>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<h3>Zu den Briefen Vittorias an Michelangelo.</h3>
+
+<p class="summary">Der italienische Text bei Frey, a.a.O. in den Regesten
+p. 533 ff., ebendort die Datierung.</p>
+
+<div class="list">
+<p class="number"><a href="#letter-v1">1.</a></p><p>Von der Zeichnung, die der Brief nennt, sagt Ascanio
+Condivi, Vita, Cap. LXIII: &#8222;Ihr zu Liebe zeichnete er
+Jesum Christum am Kreuze, aber nicht mit dem Aussehen
+eines Toten, wie er gewöhnlich dargestellt wird,
+sondern mit einer göttlichen Gebärde, das Antlitz zum
+Vater erhoben, als ob er die Worte spräche <span lang="el">&#8222;Eli, Eli&#8220;</span>.
+Sein Körper sinkt nicht tot und schlaff herab, sondern
+krümmt sich lebendig in bitterer Qual.&#8220;</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-v2">2.</a></p><p>Von einer Ausführung der Zeichnung in Farben ist nichts
+bekannt. Vgl. Br. 17.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-v3">3.</a></p><p>Condivi, Cap. LXIII: Auf die Bitte dieser Dame zeichnete
+er einen nackten Christus, der vom Kreuz genommen
+ist. Wenn nicht zwei Engelchen mit ihren Armen den
+Leichnam hielten, würde er schlaff zu den Füssen seiner
+heiligsten Mutter niedersinken. Sie aber sitzt unter dem
+Kreuze mit tränenüberströmtem, schmerzbewegtem Antlitz,
+hebt mit ausgebreiteten Armen beide Hände zum
+Himmel und spricht diese Worte, die auch auf dem
+Stamm des Kreuzes geschrieben stehen: &#8222;Und niemand
+<a class="pgnum" id="page-164" title="- 164 -"></a>wägt den Preis, die Ströme Blutes&#8220;. (Dante
+Par. 29, 91.)<ins title="probable printer's error">&#8220;</ins></p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-v4">4.</a></p><p>Während Vittoria sich im Katharinenkloster zu Viterbo
+aufhielt, arbeitete Michelangelo in der Paolina. &mdash; Die
+&#8222;Samaritanerin&#8220; ist eine Zeichnung des Meisters:
+Christus in der Unterredung mit der samaritanischen
+Frau am Brunnen.</p>
+
+<p class="number"><a href="#letter-v5">5.</a></p><p>Der Brief hat vielleicht eine der vielen Gedichtsendungen
+Vittorias an den Freund begleitet.</p>
+</div>
+
+<hr/>
+
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-165" title="- 165 -"></a>Inhaltsverzeichnis.</h2>
+
+
+<p class="summary noindent">Die erste Zeile des italienischen Textes (nach Guasti) ist zur
+leichteren Vergleichung mit anderen Ausgaben angegeben.</p>
+
+
+<div class="toc">
+<div>
+<p class="tocright">Seite</p>
+<p class="nonumber">&nbsp;</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-v'>V-VIII</a></p>
+<p class="nonumber">Vorbemerkung, Verzeichnis der benutzten Übersetzungen</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-1'>1&ndash;6</a></p>
+<p class="nonumber">Condivi, Leben Michelangelos, Kap. 62&ndash;68</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-7'>7&ndash;92</a></p>
+<p class="nonumber">Dichtungen</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="number">1.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-9'>9</a></p>
+<p>An Florenz<br/>
+
+<span lang="it">Te sola del mie mal contenta veggio</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">2.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-11'>11</a></p>
+<p>Auf die &#8222;Nacht&#8220;<br/>
+
+<span lang="it">La notte, che tu vedi in sì dolci atti</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">3.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-12'>12</a></p>
+<p>Florenz und die Verbannten<br/>
+
+<span lang="it">Per molti, donna, anzi per mille amanti</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">4.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-13'>13</a></p>
+<p>An Julius II<br/>
+
+<span lang="it">Signor, se vero è alcun proverbio antico</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">5.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-14'>14</a></p>
+<p>An Giovanni di Pistoja<br/>
+
+<span lang="it">I'ho già fatto un gozzo in questo stento</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">6.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-15'>15</a></p>
+<p>An eine Hässliche<br/>
+
+<span lang="it">Tu ha' 'l viso più dolce che la sapa;</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">7.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-16'>16</a></p>
+<p lang="it">Questa mia donna è sì pronta ed ardita</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">8.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-17'>17</a></p>
+<p lang="it">Con più certa salute</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">9.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-18'>18</a></p>
+<p lang="it">Quanto più par che il mio mal maggior senta</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">10.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-19'>19</a></p>
+<p lang="it">Quanto si gode, lieta e ben contesta</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">11.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-20'>20</a></p>
+<p>An Luigi del Riccio<br/>
+
+<span lang="it">Perchè è troppo molesta</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">12.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-21'>21</a></p>
+<p>An Giorgio Vasari<br/>
+
+<span lang="it">Se con lo stile o coi colori avete</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number"><a class="pgnum" id="page-166" title="- 166 -"></a>13.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-22'>22</a></p>
+<p>An denselben<br/>
+
+<span lang="it">Al zucchero, alla mula, alle candele</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">14.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-23'>23</a></p>
+<p>Aus den Stanzen zum Lob des Landlebens<br/>
+
+<span lang="it">Un gigante v' è ancor, d'altezza tanta</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">15.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-25'>25</a></p>
+<p>Epitaphien<br/>
+
+<span lang="it">Deh serbi, s' è di me pietate alcuna</span><br/>
+
+<span lang="it">Perchè ne' volti offesi non entrasti</span><br/>
+
+<span lang="it">Non volse morte non ancider senza</span><br/>
+
+<span lang="it">Qui son sepulto, e poco innanzi nato</span><br/>
+
+<span lang="it">Non può per morte già chi qui mi serra</span><br/>
+
+<span lang="it">Qui son morto creduto; e per conforto</span><br/>
+
+<span lang="it">Se fussin, perch' i' viva un' altra volta</span><br/>
+
+<span lang="it">S' i' fu' già vivo, tu sol, pietra, il sai</span><br/>
+
+<span lang="it">De' Bracci naqqui; e dopo 'l primo pianto</span><br/>
+
+<span lang="it">Se, vivo al mondo, d'alcun vita fui,</span><br/>
+
+<span lang="it">Col sol de' Bracci il sol della natura</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">16.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-28'>28</a></p>
+<p>Dante<br/>
+
+<span lang="it">Quanto dirne si de', non si può dire</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">17.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-29'>29</a></p>
+<p lang="it">Come può esser ch' io non sia più mio?</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">18.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-30'>30</a></p>
+<p lang="it">Rendete a gli occhi miei, o fonte o fiume</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">19.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-31'>31</a></p>
+<p lang="it">Se l'alma è ver, dal suo corpo disciolta</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">20.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-32'>32</a></p>
+<p>An Vittoria Colonna<br/>
+
+<span lang="it">Non ha l'ottimo artista alcun concetto</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">21.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-33'>33</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">A l'alta tuo lucente diadema</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">22.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-34'>34</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Per esser manco almen, Signiora, indegnio</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">23.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-35'>35</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Non posso non mancar d'ingegno e d'arte</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">24.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-36'>36</a></p>
+<p lang="it">Non so se s' è la desiata luce</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">25.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-37'>37</a></p>
+<p lang="it">Dimmi di grazia, amor, se gli occhi miei</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">26.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-38'>38</a></p>
+<p lang="it">Occhi mie' siete certi</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">27.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-39'>39</a></p>
+<p>An Vittoria Colonna<br/>
+
+<span lang="it">Se d'una pietra viva</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">28.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-40'>40</a></p>
+<p>Auf Vittoria Colonnas Tod<br/>
+
+<span lang="it">Quand' el ministro de' sospir me' tanti</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number"><a class="pgnum" id="page-167" title="- 167 -"></a>29.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-41'>41</a></p>
+<p>Aus demselben Anlass<br/>
+
+<span lang="it">Qual maraviglia è se prossimo al foco</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">30.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-42'>42</a></p>
+<p>Aus demselben Anlass<br/>
+
+<span lang="it">Per non s' avere a ripigliar da tanti</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">31.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-43'>43</a></p>
+<p>Aus demselben Anlass<br/>
+
+<span lang="it">Se 'l mie rozzo martello i duri sassi</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">32.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-44'>44</a></p>
+<p>Nach Vittoria Colonnas Tod<br/>
+
+<span lang="it">Tornami al tempo allor che lenta e sciolta</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">33.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-45'>45</a></p>
+<p lang="it">Se dal cor lieto divien bello il volto</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">34.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-46'>46</a></p>
+<p lang="it">S'egli è che 'n dura pietra alcun somigli</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">35.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-47'>47</a></p>
+<p lang="it">Molto diletta al gusto intero e sano</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">36.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-48'>48</a></p>
+<p>An Vittoria Colonna<br/>
+
+<span lang="it">Com' esser, donna, può quel ch'alcun vede</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">37.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-49'>49</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Negli anni molti e nelle molte pruove</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">38.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-50'>50</a></p>
+<p>An Tommaso Cavalieri<br/>
+
+<span lang="it">Veggio nel tuo bel viso, signior mio</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">39.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-51'>51</a></p>
+<p>An denselben<br/>
+
+<span lang="it">Veggio co' bei vostri occhi un dolce lume</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">40.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-52'>52</a></p>
+<p>An denselben<br/>
+
+<span lang="it">S'un casto amor, s'una pietà superna</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">41.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-53'>53</a></p>
+<p lang="it">Di te me veggo e di lontan mi chiamo</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">42.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-54'>54</a></p>
+<p>An Tommaso Cavalieri<br/>
+
+<span lang="it">Ben può talor col mio ardente desio</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">43.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-55'>55</a></p>
+<p>An denselben<br/>
+
+<span lang="it">Se 'l foco alla bellezza fusse equale</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">44.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-56'>56</a></p>
+<p lang="it">La forza d'un bel viso a che mi sprona?</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">45.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-57'>57</a></p>
+<p>An Tommaso Cavalieri<br/>
+
+<span lang="it">Al cor di zolfo, alla carne di stoppa</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">46.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-58'>58</a></p>
+<p lang="it">Non più che 'l foco il fabbro il ferro istende</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">47.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-59'>59</a></p>
+<p>An Tommaso Cavalieri<br/>
+
+<span lang="it">Per ritornar là donde venne fora</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">48.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-60'>60</a></p>
+<p lang="it">Indarno spera, come il vulgo dice</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">49.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-61'>61</a></p>
+<p>Die Nacht<br/>
+
+<span lang="it">Colui che fece e non di cosa alcuna</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number"><a class="pgnum" id="page-168" title="- 168 -"></a>50.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-62'>62</a></p>
+<p>Die Nacht<br/>
+
+<span lang="it">Ogni van chiuso, ogni coperto loco</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">51.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-63'>63</a></p>
+<p>An die Nacht<br/>
+
+<span lang="it">O nott', o dolce tempo benchè nero</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">52.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-64'>64</a></p>
+<p>Die Nacht<br/>
+
+<span lang="it">Perchè Febo non torc' e non distende</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">53.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-65'>65</a></p>
+<p>Gesang der Toten<br/>
+
+<span lang="it">Chiunche nascie a morte arriva</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">54.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-66'>66</a></p>
+<p>An Vittoria Colonna<br/>
+
+<span lang="it">Per fido esemplo alla mia vocazione</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">55.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-67'>67</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Come non puoi non esser cosa bella</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">56.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-68'>68</a></p>
+<p>An Tommaso Cavalieri<br/>
+
+<span lang="it">Non vider gli occhi miei cosa mortale</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">57.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-69'>69</a></p>
+<p lang="it">Gli occhi miei vaghi delle cose belle</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">58.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-70'>70</a></p>
+<p>An Vittoria Colonna<br/>
+
+<span lang="it">La vita del mie amor non è 'l cor mio</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">59.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-71'>71</a></p>
+<p>Dante<br/>
+
+<span lang="it">Dal ciel discese, e col mortal suo, poi</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">60.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-72'>72</a></p>
+<p lang="it">Non sempre al mondo è sì pregiato e caro</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">61.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-73'>73</a></p>
+<p lang="it">Io mi son caro assai più ch' io non soglio</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">62.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-74'>74</a></p>
+<p>An Vittoria Colonna<br/>
+
+<span lang="it">Sì come per levar, donna, si pone</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">63.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-75'>75</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Ora in sul destro, ora in sul manco piede</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">64.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-76'>76</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Un uomo in una donna, anzi un dio</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">65.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-77'>77</a></p>
+<p>An dieselbe<br/>
+
+<span lang="it">Da che concetto ha l'arte intera e diva</span></p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">66.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-78'>78</a></p>
+<p lang="it">Di più cose s' attristan ghi occhi miei</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">67.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-79'>79</a></p>
+<p lang="it">Non altrimenti contro a sè cammina</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">68.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-80'>80</a></p>
+<p lang="it">Or d'un fler diaccio or d'un ardente foco</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">69.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-81'>81</a></p>
+<p lang="it">Non può, signor mio car, la fresca e verde</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">70.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-82'>82</a></p>
+<p lang="it">Vivo al peccato, a me morendo vivo</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">71.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-83'>83</a></p>
+<p lang="it">Condotto da molt' anni all' ultim' ore</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">72.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-84'>84</a></p>
+<p lang="it">Giunto è già 'l corso della vita mia</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number"><a class="pgnum" id="page-169" title="- 169 -"></a>73.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-85'>85</a></p>
+<p lang="it">Gl' infiniti pensier miei, d'error pieni</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">74.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-86'>86</a></p>
+<p lang="it">Le favole del mondo m'hanno tolto</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">75.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-87'>87</a></p>
+<p lang="it">Carico d'anni e di peccati pieno</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">76.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-88'>88</a></p>
+<p lang="it">Vorrei voler, Signior, quel ch' io non voglio</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">77.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-89'>89</a></p>
+<p lang="it">Deh fammiti vedere in ogni loco</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">78.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-90'>90</a></p>
+<p lang="it">Non fur men lieti che turbati e tristi</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">79.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-91'>91</a></p>
+<p lang="it">Mentre m'attrista e duol, parte m'è caro</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="number">80.</p>
+<p class="tocright"><a href='#page-92'>92</a></p>
+<p lang="it">Scarco d'un' importuna e grave salma</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-93'>93&ndash;131</a></p>
+<p class="nonumber">Briefe Michelangelos</p>
+</div>
+
+<div class="toc">
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-22'>120</a></p>
+<p class="nonumber">An Benedetto Varchi</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-4'>101</a>, <a href='#letter-7'>104</a>, <a href='#letter-9'>109</a></p>
+<p class="nonumber">An Buonarroto</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-10'>110</a></p>
+<p class="nonumber">An Clemens VII.</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-19'>118</a></p>
+<p class="nonumber">An Franz I. von Frankreich</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-25'>124</a>, <a href='#letter-26'>125</a>, <a href='#letter-27'>125</a>, <a href='#letter-29'>127</a></p>
+<p class="nonumber">An Giorgio Vasari</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-2'>97</a>, <a href='#letter-12'>112</a></p>
+<p class="nonumber">An Giovanni Simone</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-1'>95</a></p>
+<p class="nonumber">An Giuliano da Sangallo</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-18'>116</a>, <a href='#letter-20'>119</a>, <a href='#letter-21'>120</a>, <a href='#letter-23'>122</a>, <a href='#letter-24'>123</a>, <a href='#letter-28'>126</a>, <a href='#letter-30'>128</a>, <a href='#letter-31'>128</a>, <a href='#letter-32'>129</a>, <a href='#letter-33'>130</a>, <a href='#letter-34'>131</a></p>
+<p class="nonumber">An Lionardo</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-3'>100</a>, <a href='#letter-5'>102</a>, <a href='#letter-6'>103</a>, <a href='#letter-8'>107</a></p>
+<p class="nonumber">An Lodovico</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-13'>113</a>, <a href='#letter-14'>114</a>, <a href='#letter-15'>114</a></p>
+<p class="nonumber">An Luigi del Riccio</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-11'>111</a></p>
+<p class="nonumber">An Sebastiano del Piombo</p>
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#letter-16'>115</a>, <a href='#letter-17'>116</a></p>
+<p class="nonumber">An Vittoria Colonna</p>
+</div>
+
+</div>
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-135'>135&ndash;138</a></p>
+<p class="nonumber">Briefe Vittorias an Michelangelo</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-141'>141&ndash;157</a></p>
+<p class="nonumber">Anmerkungen zu den Gedichten</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#anm-briefe'>157&ndash;164</a></p>
+<p class="nonumber">Anmerkungen zu den Briefen</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p class="tocright"><a href='#page-165'>165&ndash;169</a></p>
+<p class="nonumber">Inhaltsverzeichnis</p>
+</div>
+
+
+</div>
+<hr class="front"/>
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-170" title="- 170 -"></a>Das Museum</h2>
+
+
+<p class="ctr">Eine Sammlung klassischer Denkmäler<br/>
+der Literatur und Kultur.</p>
+
+<div class="list-xl">
+
+<p class="number">I.</p><p>Schillers Flucht von Andreas Streicher. <span class="smaller">2. Auflage.
+Elegant gebunden 2 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">II.</p><p>Russlands soziale Zustände von Alexander
+Herzen. <span class="smaller">Aus dem Russischen von Malvida von
+Meysenbug. Elegant gebunden 2 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">III.</p><p>Das Liederbuch &#8222;Annette&#8220; (mit einer Heliogravüre
+von Käthchen Schönkopf) von Goethe.
+<span class="smaller">Elegant gebunden 1.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">IV.</p><p>Das Athenäum. <span class="smaller">Eine romantische Zeitschrift von
+August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Elegant
+gebunden 4 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">V.</p><p>Napoleon-Briefe. <span class="smaller">Herausg. von Hans Landsberg.
+Karton. 4 Mk., elegant gebunden 4.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">VI.</p><p>Napoleon von Hippolyte Taine. <span class="smaller">Karton. 2 Mk.,
+elegant gebunden 2.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">VII.</p><p>Napoleons Reden und Gespräche. <span class="smaller">Herausg. von
+Hans Landsberg. Karton. 4 Mk., elegant gebunden
+4.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">VIII.</p><p>Michelangelo, Gedichte und Briefe. <span class="smaller">Karton.
+3 Mk., elegant gebunden 3.50 Mk.</span></p>
+</div>
+
+<p class="ctr">Jeder Band ist einzeln käuflich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p class="ctr">Pan-Verlag, G.m.b.H., Berlin W. 35.</p>
+
+<h2><a class="pgnum" id="page-171" title="- 171 -"></a>Moderne Geister</h2>
+
+
+<p class="ctr">Essays zur Kunst und Literatur.<br/>
+Herausgeber: Dr. Hans Landsberg.</p>
+
+
+<div class="list">
+
+<p class="number">1.</p><p>Ein Jahrhundert deutscher Malerei (1800&ndash;1900)
+<span class="smaller">von Rudolf Klein. 128 Seiten mit 4 Vollbildern.
+1 Mk., gebunden 1.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">2/3.</p><p>Brahms <span class="smaller">von Dr. Walter Pauli. 1.50 Mk. gebunden
+2 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">4.</p><p>Paul Heyse <span class="smaller">von Viktor Klemperer. 1 Mk., gebunden
+1.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">5.</p><p>Gerhart Hauptmann <span class="smaller">von Dr. Hans Landsberg.
+1 Mk., gebunden 1.50 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">6.</p><p>Bernard Shaw <span class="smaller">von Eduard Bernstein. 1 Mk.,
+gebunden 1.50 Mk.</span></p>
+
+</div>
+
+<p class="ctr">Weitere Essays über Strindberg, Frenssen u.a. in
+Vorbereitung.</p>
+
+<hr/>
+
+<h2>Pan-Bibliothek</h2>
+
+<div class="list-xl">
+
+<p class="number">I.</p><p>Das Venusgärtlein. <span class="smaller">Ein Liederbuch aus der
+galanten Zeit. Herausg. von Dr. Hans Landsberg.
+2 Mk., elegant gebunden 3 Mk.</span></p>
+
+<p class="number">II/III.</p><p>Heine-Briefe. <span class="smaller">Gesammelt und herausg. von Dr.
+Hans Daffis. 2 Bde. 6 Mk., elegant gebunden 8 Mk.</span></p>
+
+</div>
+
+<hr/>
+
+<p class="ctr">Pan-Verlag, G.m.b.H., Berlin W. 35.</p>
+
+<hr class="front"/>
+
+<p class="ctr"><a class="pgnum" id="page-172" title="- 172 -"></a>Herrosé &amp; Ziemsen, G.m.b.H., Wittenberg</p>
+
+<hr class="front"/>
+
+<h2>Fußnote</h2>
+
+<p class="footnote"><a id="FN-1" href="#FNA-1"><sup>1</sup></a> An dieser Stelle sei den Herren Alphons Dürr,
+die den Wiederabdruck der Übertragungen von Sophie
+Hasenclever gestatteten, der Spemannschen Verlagshandlung
+und Herrn Prof. Reinhold Steig (Hermann Grimms Übertragungen),
+der Schlesischen Verlagsanstalt (Bodenstedt)
+der verbindlichste Dank ausgesprochen.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MICHELANGELO GEDICHTE UND BRIEFE***</p>
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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