The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert

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Title: Frau Bovary

Author: Gustave Flaubert

Translator: Arthur Schurig

Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Frau Bovary

von

Gustave Flaubert




Erstes Buch




Erstes Kapitel


Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein
Neuer, in gewhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden,
Schulstubengert in den Hnden. Alle Schler erhoben sich von
ihren Pltzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien
aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf.

Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
sich zu dem die Aufsicht fhrenden Lehrer.

Herr Roger! lispelte er. Diesen neuen Zgling hier empfehle ich
Ihnen besonders. Er kommt zunchst in die Quinta. Bei lblichem
Flei und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er
seinem Alter nach gehrt.

Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Tre stehen. Man konnte
ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge,
so ungefhr fnfzehn Jahre alt und grer als alle andern. Die
Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein
Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er
hchst verlegen. So schmchtig er war, beengte ihn sein grner
Tuchrock mit schwarzen Knpfen doch sichtlich, und durch den
Schlitz in den rmelaufschlgen schimmerten rote Handgelenke
hervor, die zweifellos die freie Luft gewhnt waren. Er hatte
gelbbraune, durch die Trger bermig hochgezogene Hosen an und
blaue Strmpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und
mit Ngeln beschlagen.

Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hrte
aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht
einmal wagte, die Beine bereinander zu schlagen noch den
Ellenbogen aufzusttzen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke lutete,
mute ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den
andern anschlo.

Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer
die Mtzen wegzuschleudern, um die Hnde frei zu bekommen. Es kam
darauf an, seine Mtze gleich von der Tr aus unter die richtige
Bank zu facken, wobei sie unter einer tchtigen Staubwolke laut
aufklatschte. Das war so Schuljungenart.

Sei es nun, da ihm dieses Verfahren entgangen war oder da er
nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das
Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mtze noch immer vor
sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von
Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Brenmtze,
andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an
ein Pelzbarett, an ein wollnes Kppi, mit einem Worte: an allerlei
armselige Dinge, deren stumme Hlichkeit tiefsinnig stimmt wie
das Gesicht eines Bldsinnigen. Sie war eifrmig, und
Fischbeinstbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah
man drei runde Wlste, darber (voneinander durch ein rotes Band
getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art
Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter
Schnurenstickerei krnte und von dem herab an einem ziemlich
dnnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung
war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte.

Steh auf! befahl der Lehrer.

Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die
ganze Klasse fing an zu kichern. Er bckte sich, das Mtzenungetm
aufzuheben. Ein Nachbar stie mit dem Ellenbogen daran, so da es
wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bcken.

Leg doch deinen Helm weg! sagte der Lehrer, ein Witzbold.

Das schallende Gelchter der Schler brachte den armen Jungen
gnzlich aus der Fassung, und nun wute er gleich gar nicht, ob er
seinen Helm in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen
lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mtze
ber seine Knie.

Steh auf! wiederholte der Lehrer, und sag mir deinen Namen!

Der Neuling stotterte einen unverstndlichen Namen her.

Noch mal!

Dasselbe Silbengestammel machte sich hrbar, von dem Gelchter der
Klasse bertnt.

Lauter! rief der Lehrer. Lauter!

Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri den Mund weit auf
und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,
das Wort von sich: Kabovary!

Hllenlrm erhob sich und wurde immer strker; dazwischen gellten
Rufe. Man brllte, heulte, grlte wieder und wieder: Kabovary!
Kabovary! Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes
Brummen, kam mhsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen
heimlich weiter, um da und dort pltzlich als halbersticktes
Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlschen
immer wieder noch ein paar Funken sprht.

Whrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in
der Klasse allmhlich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer,
den Namen Karl Bovary festzustellen, nachdem er sich ihn hatte
diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen
wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf
die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte
den Befehl ausfhren, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als
er bereits wieder stehen blieb.

Was suchst du? fragte der Lehrer.

Meine M..., sagte er schchtern, indem er mit scheuen Blicken
Umschau hielt.

Fnfhundert Verse die ganze Klasse!

Wie das Quos ego bndigte die Stimme, die diese Worte wtend
ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.

Ich bitte mir Ruhe aus! fuhr der emprte Schulmeister fort,
whrend er sich mit seinem Taschentuche den Schwei von der Stirne
trocknete. Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den
Satz auf: Ridiculus sum! Sein Zorn lie nach. Na, und deine
Mtze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.

Alles ward wieder ruhig. Die Kpfe versanken in den Heften, und
der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,
obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte
kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal
mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen
aufzuschlagen.

Abends, im Arbeitssaal, holte er seine rmelschoner aus seinem
Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich
sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wrter im Wrterbuche nach
und gab sich viel Mhe. Zweifellos verdankte er es dem groen
Fleie, den er an den Tag legte, da man ihn nicht in der Quinta
zurckbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wute,
so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrcken. Der Pfarrer
seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bichen Latein beigebracht,
und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spt wie nur
mglich auf das Gymnasium geschickt worden.

Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er
hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen
lassen, worauf er den Abschied nehmen mute. Er setzte nunmehr
seine krperlichen Vorzge in bare Mnze um und ergatterte sich im
Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in
der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das
Mdchen hatte sich in den hbschen Mann verliebt. Er war ein
Schwerenter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte,
Schnurr- und Backenbart trug, die Hnde voller Ringe hatte und in
seiner Kleidung auffllige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum
besa er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er
verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau
zu leben, a und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein
und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr
spt heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehusern herumgetrieben
hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterlie, war
Bovary emprt darber. Er bernahm die Fabrik, bte aber Geld
dabei ein, und so zog er sich schlielich auf das Land zurck,
wovon er sich goldne Berge ertrumte. Aber er verstand von der
Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt
lieber spazieren, als da er seine Pferde zur Arbeit einspannen
lie, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in
Fssern zu verkaufen, lie das fetteste Geflgel in den eignen
Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine
seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, da
es am tunlichsten fr ihn sei, sich in keinerlei Geschfte mehr
einzulassen.

Fr zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe
im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstck, halb
Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurck,
fnfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig
und mignstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er
sagte, wollte er in Frieden fr sich hinleben.

Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
tausend Demtigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem
heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmhlich (just wie sich
abgestandner Wein zu Essig wandelt) mrrisch, znkisch und nervs
geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer
wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und
abends mde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu
ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunchst mchtig geregt,
aber schlielich schwieg sie, wrgte ihren Grimm in stummem
Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten
Stndlein. Sie war unablssig ttig und immer auf dem Posten. Sie
war es, die zu den Anwlten und Behrden ging. Sie wute, wenn
Wechsel fllig waren; sie erwirkte ihre Verlngerung. Sie machte
alle Hausarbeiten, nhte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und
fhrte die Bcher, whrend der Herr und Gebieter sich um nichts
kmmerte, aus seinem Zustande griesgrmlicher Schlfrigkeit nicht
herauskam und sich hchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige
Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab
und zu in die Asche.

Als ein Kind zur Welt kam, mute es einer Amme gegeben werden; und
als es wieder zu Hause war, wurde das schwchliche Geschpf
grenzenlos verwhnt. Die Mutter nhrte es mit Zuckerzeug. Der
Vater lie es barfu herumlaufen und meinte hchst weise
obendrein, der Kleine knne eigentlich ganz nackt gehen wie die
Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter
hatte er sich ein bestimmtes mnnliches Erziehungsideal in den
Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mhe gab.
Er sollte rauh angefat werden wie ein junger Spartaner, damit er
sich tchtig abhrte. Er mute in einem ungeheizten Zimmer
schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den
kirchlichen Klimbim schimpfen. Aber der Kleine war von
friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemhungen. Die
Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm
Pappfiguren aus und erzhlte ihm Mrchen; sie unterhielt sich mit
ihm in endlosen Selbstgesprchen, die von schwermtiger
Frhlichkeit und wortreicher Zrtlichkeit berquollen. In ihrer
Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre
eigenen unerfllten und verlorenen Sehnschte. Im Traume sah sie
ihn erwachsen, hochangesehen, schn, klug, als Beamten beim
Straen- und Brckenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn
Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besa,
das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten
Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei blo schade
um die Mhe; sie htten doch niemals die Mittel, den Jungen auf
eine hhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschft
zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehre die Welt! Frau Bovary
schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief
mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krhen auf, schmauste
Beeren an den Rainen, htete mit einer Gerte die Truthhne und
durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem
Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
bestrmte er den Kirchendiener, die Glocken luten zu drfen. Dann
hngte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der groen
Glocke und lie sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine
Lilie auf dem Felde, bekam krftige Glieder und frische Farben.

Als er zwlf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch,
da er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim
Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmig, da
sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der
Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der
Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den
Taufen und Begrbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte
auszugehen, lie der Pfarrer seinen Schler nach dem Ave-Maria zu
sich holen. Die beiden saen dann oben im Stbchen. Mcken und
Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, da
der Junge schlfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da
schnarchte der biedere Pfarrer, die Hnde ber dem Schmerbauche
gefaltet. Es kam auch vor, da der Seelensorger auf dem Heimwege
von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl
gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann
rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstndige Strafpredigt und
benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine
Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den
Unterricht strte, oder irgendein Bekannter, der vorberging.
brigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schler zufrieden, ja
er meinte sogar, der junge Mann habe ein gar treffliches
Gedchtnis.

So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und
ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber
schmte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch
ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.

Darber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde
Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater
brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.

Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch
deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer
Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den
Arbeitsstunden eifrig lernte, whrend des Unterrichts aufmerksam
dasa, im Schlafsaal vorschriftsmig schlief und bei den
Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr auerhalb der Schule
war ein Eisengrohndler in der Handschuhmachergasse, der aller
vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschlu.
Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und
brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das
Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an
seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten
zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine
Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von
Barthelemys Reise des jungen Anacharsis, das im Arbeitssaal
herumlag. Bei Ausflgen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls
vom Lande war.

Durch seinen Flei gelang es ihm, sich immer in der Mitte der
Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der
Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn
seine Eltern vom Gymnasium fort und lieen ihn Medizin studieren.
Sie waren der festen Zuversicht, da er sich bis zum Staatsexamen
schon durchwrgen wrde.

Die Mutter mietete ihm ein Stbchen, vier Stock hoch, nach der
Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Frbers, eines alten
Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen ber die Verpflegung
ihres Sohnes, besorgte ein paar Mbelstcke, einen Tisch und zwei
Sthle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus
Kirschbaumholz kommen lie. Des weiteren kaufte sie ein
Kanonenfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer
Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder
heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja
hbsch fleiig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein
auf sich selbst angewiesen sei.

Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der
medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen
und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen,
von Kollegien ber Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,
Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen
bungen usw. Alle diese vielen Namen, ber deren Herkunft er sich
nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle
Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.

Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen
war, er begriff nichts. Um so mehr bffelte er. Er schrieb fleiig
nach, versumte kein Kolleg und fehlte in keiner bung. Er
erfllte sein tgliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom,
der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was
fr ein Geschft er eigentlich verrichtet.

Zu seiner pekuniren Untersttzung schickte ihm seine Mutter
allwchentlich durch den Botenmann ein Stck Kalbsbraten. Das war
sein Frhstck, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach
Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn
er mute alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder
Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straen hindurch. Abends nahm
er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher
ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbcher,
oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des
kleinen Ofens zu dampfen begannen.

An schnen Sommerabenden, wenn die schwlen Gassen leer wurden und
die Dienstmdchen vor den Haustren Ball spielten, ffnete er sein
Fenster und sah hinaus. Unten flo der Flu vorber, der aus
diesem Viertel von Rouen ein hliches Klein-Venedig machte. Seine
gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen trg zu den
Wehren und Brcken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die
Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang
hervorragten, trockneten Bndel von Baumwolle in der Luft.
Gegenber, hinter den Dchern, leuchtete der weite klare Himmel
mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mute es da drauen im
Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief
Atem, um den kstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar
nicht bis zu ihm drang.

Er magerte ab und sah sehr schmchtig aus. Sein Gesicht bekam
einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward
trge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorstzen
mehr und mehr untreu. Heute versumte er die Klinik, morgen ein
Kolleg, und allmhlich fand er Genu am Faulenzen und ging gar
nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein
passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen
Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem
Marmortische zu klappern, das dnkte ihn der hchste Grad von
Freiheit zu sein, und das strkte ihm sein Selbstbewutsein. Es
war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmnnischen Lebens,
dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine
Hand mit geradezu sinnlichem Vergngen auf die Trklinke. Eine
Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrckt worden waren,
gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer
auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Branger, der
Freiheitssnger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle
brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen
Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glnzend
durch.

Man erwartete ihn am nmlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei
einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fu auf
den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort lie er seine
Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie
entschuldigte ihn, schob den Mierfolg der Ungerechtigkeit der
Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem
sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fnf
Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die
Geschichte verjhrt, und so fgte er sich drein. brigens htte er
es niemals zugegeben, da sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.

Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
hartnckigst auf eine nochmalige Prfung vor. Alles, was er
gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat
bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine
Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein groes Festmahl
statt.

Wo sollte er seine rztliche Praxis nun ausben? In Tostes. Dort
gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete
schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das
Zeitliche gesegnet, da lie sich Karl Bovary auch bereits als sein
Nachfolger daselbst nieder.

Aber nicht genug, da die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin
studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun
mute er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des
Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fnfundvierzig Jhrlein
zwlfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie hlich
war, drr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie
ein Kirschbaum Blten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs
an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mute Mutter Bovary
erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr
geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar ber einen
Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
untersttzt wurde.

Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich
dadurch gnstiger zu stellen. Er hoffte, persnlich wie pekunir
unabhngiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zgel in ihre Hnde.
Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was
nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem
Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mute
er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe,
berwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Tre,
wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen
mute sie ihre Schokolade haben, und die Rcksichten, die sie
erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhrlich klagte sie ber
Migrne, Brustschmerzen oder Verdauungsstrungen. Wenn viel Leute
durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl
auswrts, dann fand sie die Einsamkeit grlich; kehrte er heim,
so war es zweifellos blo, weil er gedacht habe, sie liege im
Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm
ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang
seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging
die Jeremiade los. Er vernachlssige sie, er liebe eine andre! Man
habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglck.
Schlielich bat sie ihn um einen Lffel Arznei, damit sie gesund
werde, und um ein bichen mehr Liebe.




Zweites Kapitel


Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustre zum Stehen kam.
Anastasia, das Dienstmdchen, klappte ihr Bodenfenster auf und
verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Strae
stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn.

Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
auf, einen und dann den andern. Der Bote lie sein Pferd stehen,
folgte dem Mdchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er
entnahm seinem wollnen Kppi, an dem eine graue Troddel hing,
einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und berreicht
ihn dem Arzt mit hflicher Gebrde. Der richtete sich im Bett auf,
um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den
Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschmt der Wand zu und
zeigte den Rcken.

In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschlo, wurde
Herr Bovary dringend gebeten, unverzglich nach dem Pachtgut Les
Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht
man von Tostes ber Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu
Fu sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary
sprach die Befrchtung aus, es knne ihrem Manne etwas zustoen.
Infolgedessen ward beschlossen, da der Stallknecht vorausreiten,
Karl aber erst drei Stunden spter, nach Mondaufgang, folgen
solle. Man wrde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den
Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlsse.

Frh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
gehllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen berlie
er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor
irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde
der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und
begann in seinem Gedchtnisse alles auszukramen, was er von
Knochenbrchen wute.

Der Regen hrte auf. Es dmmerte. Auf den laublosen sten der
Apfelbume hockten regungslose Vgel, das Gefieder ob des khlen
Morgenwindes gestrubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches
Land. Auf dieser endlosen grauen Flche hoben sich hie und da in
groen Zwischenrumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte
mit des Himmels trben Farben zusammenflossen; das waren
Baumgruppen um Gter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri
Karl seine Augen auf, bis ihn die Mdigkeit von neuem berwltigte
und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen
traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten
Erinnerungen paarten, so da er ein Doppelleben fhrte. Er war
noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nmlichen
Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch
den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heien Umschlgen
mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des
Morgentaus. Dazu hrte er, wie die Messingringe an den Stangen der
Bettvorhnge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ...

Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen,
der am Rande des Straengrabens im Grase sa.

Sind Sie der Herr Doktor?

Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln
in die Hnde und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
hrte Bovary aus den Reden seines Fhrers heraus, da Herr
Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten
Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege
von einem Nachbar, wo man das Dreiknigsfest gefeiert hatte, ein
Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz
allein mit dem gndigen Frulein, das ihm den Haushalt fhrte.

Die Radfurchen wurden tiefer. Man nherte sich dem Gute. Pltzlich
verschwand der Junge in der Lcke einer Gartenhecke, um hinter der
Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein groes Tor
ffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mute
sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu
werden. Hofhunde fuhren aus ihren Htten, schlugen an und
rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof
einritt, scheute der Gaul und machte einen groen Satz zur Seite.

Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
offenstehenden Tren konnte man in die Stlle blicken, wo krftige
Ackergule gemchlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Lngs der
Wirtschaftsgebude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter
den Hhnern und Truthhnen machten sich fnf bis sechs Pfauen
mausig, der Stolz der Gter jener Gegend. Der Schafstall war lang,
die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen
zwei groe Leiterwagen und vier Pflge, dazu die ntigen
Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornbden
heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas
anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bume bepflanzt.
Vom Tmpel her erscholl das frhliche Geschnatter der Gnse.

An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in
einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrte
den Arzt. Er wurde nach der Kche gefhrt, wo ein tchtiges Feuer
brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Tpfen von verschiedener
Form das Frhstck des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
nagewordene Kleidungsstcke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Gre,
funkelten wie von blankem Stahl, whrend lngs der Wnde eine
Unmenge Kchengert hing, ber dem die helle Herdflamme um die
Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
Morgensonne spielte und glitzerte.

Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
Nachtmtze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
stmmiger kleiner Mann, ein Fnfziger, mit weiem Haar, blauen
Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
Stuhle stand eine groe Karaffe voll Branntwein, aus der er sich
von Zeit zu Zeit ein Glschen einschenkte, um Mumm in die Knochen
zu kriegen. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung.
Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwlf Stunden getan
hatte -- fing er nunmehr an zu chzen und zu sthnen.

Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl htte sich
einen leichteren Fall nicht zu wnschen gewagt. Alsbald erinnerte
er sich der Allren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern
zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein
reichliches Ma der blichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams,
der an das l gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet
werden. Er lie sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen,
um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stcken whlte
er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glttete sie
mit einer Glasscherbe. Whrenddem stellte die Magd Leinwandbinden
her, und Frulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
anzufertigen. Als sie ihren Nhkasten nicht gleich fand, polterte
der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nhen stach sie sich
in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus.

Karl war erstaunt, was fr blendendweie Ngel sie hatte. Sie
waren mandelfrmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hnde freilich
waren nicht gerade schn, vielleicht nicht wei genug und ein
wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
nicht besonders weich und in ihren Linien ungrazis. Was jedoch
schn an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im
Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick
traf die Menschen mit der Khnheit der Unschuld.

Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
einen Bissen zu essen, ehe er wieder aufbrche. Karl ward in das
Ezimmer gefhrt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen
Tische war fr zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten
silberne Becher. Aus dem groen Eichenschranke, gegenber dem
Fenster, strmte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer
Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Scke mit
Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz
gefunden, zu der drei Steinstufen hinauffhrten. In der Mitte der
Wand, deren grner Anstrich sich stellenweise abbltterte, hing in
einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer
Minerva. In schnrkeliger Schrift stand darunter geschrieben.
Meinem lieben Vater!

Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
Frost, von den Wlfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
Frulein Rouault schwrmte gar nicht besonders von dem Leben auf
dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft
fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, frstelte sie
whrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen
etwas auf. Wenn das Gesprch stockte, pflegte sie mit den
Oberzhnen auf die Unterlippe zu beien.

Ihr Hals wuchs aus einem weien Umlegekragen heraus. Ihr
schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in
der Mitte gescheitelt; beide Hlften lagen so glatt auf dem Kopfe,
da sie wie zwei Flgel aus je einem Stcke aussahen und kaum die
Ohrlppchen blicken lieen. ber den Schlfen war das Haar
gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knpfen ihrer Taille lugte
-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.

Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
trat er nochmals in das Ezimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
die Stirn an die Scheiben gedrckt. Sie schaute in den Garten
hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
umwendend, fragte sie:

Suchen Sie etwas?

Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!

Er fing an zu suchen, hinter den Tren und unter den Sthlen. Der
Stock war auf den Fuboden gefallen, gerade zwischen die Scke und
die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich ber die Scke beugte,
wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der
nmlichen Absicht wie sie ausstreckte, berhrte seine Brust den
gebckten Rcken des jungen Mdchens. Sie fhlten es beide. Emma
fuhr rasch in die Hhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn ber die
Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.

Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
dessen war er bereits am nchsten Tag zur Stelle, und von da ab
kam er regelmig zweimal in der Woche, ungerechnet die
gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
zufllig in der Gegend war. brigens ging alles vorzglich; die
Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer
halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof
herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf
einer Kapazitt erworben. Der alte Herr meinte, besser htten ihn
die ersten rzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht
kurieren knnen.

Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darber
nachgesonnen htte, so wrde er den Beweggrund seines Eifers
zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in
Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber
wirklich die Grnde, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu
kstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines
ttigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt
im Galopp ab und lie den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem
kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich
die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen
Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergngt in den Gutshof
ein. Es war ihm ein Wonnegefhl, mit der Schulter gegen den
nachgebenden Flgel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der
Mauer krhen zu hren und sich von der Dorfjugend umringt zu
sehen. Er liebte die Scheune und die Stlle; er liebte den Papa
Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schttelte und ihn seinen
Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
Gutsfruleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
Kche so allerliebst schlrften und klapperten. In diesen Schuhen
sah Emma viel grer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab
sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe.
War sein Pferd noch nicht vorgefhrt, dann wartete sie mit. Sie
hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie
nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im
Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schrzenbnder begannen ihr
um die Hften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der
Bume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dchern der
Gebude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle,
da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte
ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue
Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weie Haut ihres
Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefhl, da Emma
lchelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut
vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ...

Im Anfang hatte Frau Bovary hufig nach Herrn Rouault und seiner
Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, fr ihn in ihrer
doppelten Buchfhrung ein besondres Konto einzurichten. Als sie
aber vernahm, da er eine Tochter hatte, zog sie nhere
Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da Frulein Rouault im
Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen
also eine feine Erziehung genossen hatte, da sie infolgedessen
Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und
Klavierspielen haben mute. Das ging ihr ber die Hutschnur, wie
man zu sagen pflegt.

Also darum! sagte sie sich. Darum also lacht ihm das ganze
Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste
an, gleichgltig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses
Weib, dieses Weib!

Instinktiv hate sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Gte in
allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
sie es mit anzglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
huslichen Szene ber sich ergehen lie. Schlielich aber ging sie
im Sturm vor. Karl wute nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne
er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte lngst geheilt sei,
wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich,
weil es da eine Person gbe, die fein zu schwatzen verstnde,
ein Weibsbild, das sticken knne und weiter nichts, ein
Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdmchen, das sei
ihm ein gefundenes Fressen.

Bldsinn! polterte sie weiter. Die Tochter des alten Rouault,
die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Grovater hat noch die Schafe
gehtet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt
gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen
hat! So was hat gar keinen Anla, sich was Besonders einzubilden
und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwnzeln, in seidnen
Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder!
Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschmt gut
ausgefallen wre, htte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
knnen!

Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Trnen und Kssen
und unter tausend Zrtlichkeiten auf ihr Mebuch schwren lassen,
nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen
Sehnsucht war er khner; da war er emprt ber seine tatschliche
eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich,
gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was
war die ehemalige Witwe auch fr ein Weib: sie war spindeldrr und
hatte hliche Zhne; Sommer wie Winter trug sie denselben
schwarzen Schal mit dem ber den Rcken herabhngenden langen
Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie
in einem Futteral, und was fr plumpe Schuhe trug sie ber ihren
grauen Strmpfen.

Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele
Essen bekme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich
ein Glas Wein vorsetze? Und es sei blo Dickkpfigkeit von ihm,
keine Flanellwsche zu tragen.

Zu Beginn des Frhlings begab es sich, da der Vermgensverwalter
der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen
ihm anvertrauten Geldern bers Meer das Weite suchte. Nun besa
sie allerdings auerdem einen Schiffsanteil in der Hhe von
sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen
vielgepriesenen Besitztmern hatte man nie etwas Ordentliches zu
sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als
ein paar Mbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, da besagtes Haus
bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, da kein Mensch
wute, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen,
und da die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich
hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der
alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, da er in tausend Stcke
ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in
das Unglck gestrzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt,
die des Futters nicht einmal mehr wert sei.

Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu
heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres
Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegenber in Schutz zu
nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das
nahmen ihm die Alten bel. Sie reisten ab.

Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
darnach, als sie dabei war, Wsche im Hofe aufzuhngen, bekam sie
einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.

Als Karl vom Friedhofe zurckkam, fand er im Erdgescho keinen
Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das Schlafzimmer
trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am Bette hing.
Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, bis es
dunkel wurde, in schmerzliche Trumereien versunken. Alles in
allem hatte sie ihn doch geliebt ...




Drittes Kapitel


Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar
fr den behandelten Beinbruch: fnfundsiebzig Franken in blanken
Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglck erfahren und
trstete ihn, so gut er konnte.

Ich wei, wie einem da zumute ist! sagte er, indem er dem Witwer
auf die Schulter klopfte. Habs ja selber mal durchgemacht, ganz
so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich
hinaus ins Freie, um allein fr mich zu sein. Ich warf mich im
Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu
hadern, und machte ihm die dmmsten Vorwrfe. An einem Aste sah
ich einen verreckten Maulwurf hngen, dem der Bauch von Wrmern
wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte,
da im selben Augenblicke andre Mnner mit ihren netten kleinen
Frauen zusammen waren und sie an sich drckten, schlug ich mit
meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz
richtig mit mir. Ich a nicht mehr. Der bloe Gedanke, in ein
Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und
so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frhling dem
Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei,
drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige
Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben
nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken.
Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser
aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins
Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben
sind. Auch Sie mssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles
vorber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an
Sie. Sie htten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frhling.
Zerstreuen Sie sich ein bichen bei uns. Schieen Sie ein paar
Karnickel auf meinem Revier!

Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
alles wie einst, das heit wie vor fnf Monaten. Die Birnbume
hatten schon Blten, und der treffliche Vater Rouault war wieder
mordsgesund und von frh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen
Gut war mchtiger Betrieb.

Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
Rcksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem
wie nur mglich zu machen, sprach im Flstertone mit ihm wie mit
einem Genesenden, und er war sichtlich auer sich, wenn man des
Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten
Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen
oder gednstete Birnen. Er erzhlte Anekdoten und Abenteuer. Zu
seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male
erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee
ward gebracht, und da verga er sie wieder.

Je mehr er sich an sein Witwertum gewhnte, um so weniger gedachte
er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewutsein,
unabhngig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald ertrglicher.
Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen,
konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darber geben zu
mssen, und wenn er mde war, alle vier von sich strecken und sich
in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und lie
alle Trstungen ber sich ergehen. brigens hatte der Tod seiner
Frau keine ungnstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man
wochenlang in einem fort sagte: Der arme Doktor. Wie traurig!
blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrerte sich.
Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte.
Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses
Glcksgefhl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den
Bart strich, fand er sich gar nicht bel.

Eines schnen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute
angeritten. Alles war drauen auf dem Felde. Er betrat die Kche.
Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunchst nicht. Die
Fensterlden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes
stachen die Sonnenstrahlen mit langen dnnen Nadeln auf die
Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Mbel entzwei und
wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Kchentische krabbelten
Fliegen an den Glsern hinauf, purzelten summend in die
Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den
Kamin eindrang, verwandelte die ruige Herdplatte in eine
Samtflche und frbte den Aschehaufen blau. Emma sa zwischen dem
Fenster und dem Herd und nhte. Sie hatte kein Halstuch um, und
auf ihren entblten Schultern glnzten kleine Schweiperlen.

Nach lndlichem Brauch bot sie dem Ankmmling einen Trunk an. Als
er ihn ausschlug, ntigte sie ihn, und schlielich bat sie ihn
lachend, ein Glschen Likr mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem
Schranke eine Flasche Curaao, suchte zwei Glser heraus, fllte
das eine bis zum Rande und go in das andre ein paar Tropfen. Sie
stie mit Karl an und fhrte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel
wie nichts drin war, mute sie sich beim Trinken zurckbiegen. Den
Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals
gestrafft, so stand sie da und lachte darber, da ihr nichts auf
die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen
Zhnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals
suchend vorstie.

Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit
zu widmen. Ein weier baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
gesenkter Stirn sa sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht
nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tr und Schwelle
eindrngte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah
diesem Tanze der Atome zu. Dabei hrte er nichts als das Hmmern
seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer
Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder
hielt Emma die Handflchen ihrer Hnde auf den kalten Knauf der
Herdstange und prete sie dann an ihre Wangen, um diese zu khlen.

Sie klagte ber die Schwindelanflle, von denen sie seit
Frhjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
Seebder dienlich wren. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt
im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in
ein Gesprch. Sie fhrte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre
Notenhefte von damals und die niedlichen Bcher, die sie als
Schulprmien bekommen hatte, und die Eichenlaubkrnze, die im
untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzhlte sie von
ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das
Beet, wo die Blumen wchsen, die sie der Toten jeden ersten
Freitag im Monat hintrug. Der Grtner, den sie hatten, verstnde
nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wre es,
wenigstens whrend der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann
aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben
auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte,
klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm pltzlich einen
matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward
sie wieder ganz anders, wie flsternd und murmelnd. Bald war Emma
lustig und hatte groe unschuldige Augen, dann wieder schlossen
sich ihre Lider zur Hlfte, und ihr schimmernder Blick sah
teilnahmslos und traumverloren aus.

Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie
geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn
ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von
der Existenz schaffen, die Emma gefhrt, ehe er sie kennen gelernt
hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu
erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten
Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte.
Dann fragte er sich, wie es wohl wrde, wenn sie sich
verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so
reich und sie ... so schn!

Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen,
und eine Art eintnige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das
Surren eines Kreisels: Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du
dich nun verheiratetest! In der Nacht konnte er keinen Schlaf
finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnrt. Er versprte Durst,
stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der
Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das
Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rtung nach
Bertaux.

Endlich kam er auf den Gedanken, da es den Hals nicht kosten
knne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit
um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot,
wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht ber die
Lippen. Vater Rouault htte lngst nichts dagegen gehabt, wenn ihm
jemand seine Tochter geholt htte. Im Grunde ntzte sie ihm in
Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie
war eben fr die Landwirtschaft zu geweckt. Ein gottverdammtes
Gewerbe! pflegte er zu schimpfen. Das hat auch noch keinen zum
Millionr gemacht! Ihm hatte es in der Tat keine Reichtmer
gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch
auf den Mrkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war,
so war er eigentlich doch fr Ackerbau und Viehzucht durchaus
nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht
gern die Hnde aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war
er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen
warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein
halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Tchen Mokka mit
Kognak gehrten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine
Mahlzeiten in der Kche ein und zwar allein fr sich, in der Nhe
des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der
Bhne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mute.

Als er die Entdeckung machte, da Karl einen roten Kopf bekam,
wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da frher oder spter
ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald berlegte er sich die
Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade
aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen knftigen Schwiegersohn
ein bichen anders gedacht, aber er war doch als anstndiger Kerl
bekannt, sparsam und tchtig in seinem Berufe. Und zweifellos
wrde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault
hatte gerade eine Menge groer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu
bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem
Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mute auch erneuert
werden. Und so sagte er sich: Wenn er um Emma anhlt, soll er sie
kriegen!

Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag
und Stunde auf Stunde, ohne da Karls Wille zur Tat ward. Rouault
gab ihm ein kleines Stck Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs
vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden.
Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis
zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er
los:

Verehrter Herr Rouault, ich mchte Ihnen gern etwas sagen!

Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Mnner blieben stehen.

Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken! Rouault
lachte gemtlich.

Vater Rouault! Vater Rouault! stammelte Karl.

Meinen Segen sollen Sie haben! fuhr der Gutspchter fort. Meine
Kleine denkt gewi nicht anders als ich, aber gefragt werden mu
sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins
Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie
jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie
sich erst ein bichen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu
lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde
einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da
oben ber die Hecke gucken, knnen Sie das ungesehen beobachten!

Damit ging er.

Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Bschung
hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...
Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden
blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.

Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde ber
und ber rot, als sie ihn sah. Sie lchelte gezwungen ein wenig,
um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen knftigen
Schwiegersohn. Die Besprechung der geschftlichen Punkte wurde
verschoben. brigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit
anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden
konnte, das hie, nicht vor dem nchsten Frhjahr.

In dieser Erwartung verging der Winter. Frulein Rouault
beschftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
berlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
Platten und Schsseln auf die Tafel kommen und was fr Vorspeisen
es geben solle.

Am liebsten htte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
zwlf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wre; aber fr
solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verstndnis. Man einigte
sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gste
Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen
bleiben. Am nchsten Tage und an den folgenden sollte es so
weitergehen.




Viertes Kapitel


Die Hochzeitsgste stellten sich pnktlich ein, in Kutschen,
Landauern, Einspnnern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhngen, in
allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge
Volk aus den nchsten Nachbardrfern kam tchtig durchgerttelt im
Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe
stehend, die Hnde an den Seitenstangen, um nicht umzufallen.
Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville,
Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt
und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen,
vershnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von
denen man wer wei wie lange nichts gehrt hatte.

Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
Eine Weile spter erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es
bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie
und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
stdtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhnge mit langen Enden,
die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit
einer Nadel auf dem Rcken festgesteckt waren, damit sie hinten
den Hals frei lieen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre
Vter, fhlten sich in ihren Rcken sichtlich unbehaglich; viele
hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an.
Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjhrige
Mdchen, offenbar ihre Basen oder lteren Schwestern, in ihren
weien Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stck
lnger gemacht hatte, alle mit roten verschmten Gesichtern und
pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu
beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen
gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockrmel hoch
und stellten ihre Pferde eigenhndig ein. Je nach ihrem
gesellschaftlichen Range waren sie in Frcken, Rcken oder
Jacketts erschienen. Manche in ehrwrdigen Bratenrcken, die nur
bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke
geholt wurden; ihre langen Sche flatterten im Winde, die Kragen
daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang
von Scken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein
gekommen, meist im Verein mit messingumrnderten Mtzen; fernerhin
ganz kurze Rcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden groen
Knpfen hinten in der Taille und mit Schen, die so ausschauten,
als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen
herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gste -- und das waren
solche, die dann an der Festtafel gewi am alleruntersten Ende zu
sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen
und Rckenfalten unter dem Grtel.

Die steifen Hemden wlbten sich ber den Brsten wie Krasse.
Durchweg hatte man sich unlngst das Haar schneiden lassen (um so
mehr standen die Ohren von den Schdeln ab!), und alle waren
ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
hatten am Kinn Lcher in der Haut bekommen, gro wie Talerstcke.
Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft
gertet, und so leuchteten auf den breiten blassen
Bauerngesichtern groe rote Flecke.

Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
Man begab sich zu Fu dahin und ebenso zurck, nachdem die
Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich
durch die grnen Felder geschlngelt. Aber bald lockerte er sich
und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
plaudernd verspteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
buntbebnderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
die Kinder, die sich damit vergngten, hren aus den Kornfeldern
zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid,
das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von
Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
sie behutsam mit ihren behandschuhten Hnden die kleinen
stacheligen Distelbltter ab, die an ihrem Kleide hngen geblieben
waren. Whrenddem stand Karl mit leeren Hnden da und wartete, bis
sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und
einen schwarzen Rock, dessen rmel ihm bis an die Fingerngel
reichten. Am Arm fhrte er Frau Bovary senior. Der alte Herr
Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich
herum verachtete, war einfach in einem uniformhnlichen
einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge
blonde Buerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie
hrte ihm respektvoll zu, wute aber in ihrer Verlegenheit gar
nicht, was sie sagen sollte. Die brigen Gste sprachen von ihren
Geschften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hrte in einem fort das
Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte.
Sooft er bemerkte, da die Gesellschaft weit hinter ihm
zurckgeblieben war, machte er Halt und schpfte Atem. Umstndlich
rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten
schner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in
Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht
hbsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vgel
schon von weitem.

Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schsseln
mit Hhnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei
Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwrsten in
Sauerkraut, ein kstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den
vier Ecken des Tisches brsteten sich Karaffen mit Branntwein, und
in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender
Apfelweinsekt, whrend auf der Tafel bereits alle Glser im voraus
bis an den Rand vollgeschenkt waren. Groe Teller mit gelber
Creme, die beim leisesten Sto gegen den Tisch zitterte und bebte,
vervollstndigten die Augenweide. Auf der glatten Oberflche
dieses Desserts prangten in umschnrkelten Monogrammen von
Zuckergu die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Brutigam.
Fr die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot
kommen lassen. Da dies sein Debt in der Gegend war, hatte er sich
ganz besondre Mhe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhndig ein
Prunkstck seiner Kunst auf, das ein allgemeines Ah! hervorrief.
Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus
Goldpapier berstes Tempelchen dar, mit einem Sulenumgang und
Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten
Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut
von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und
Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krnte ber einer
grnen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit
Nuschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher
Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den
beiden kugelgeschmckten Schnbeln der Schaukel steckten zwei
lebendige Rosenknospen.

Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermdet
war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie
des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich
dann wieder an den Tisch. Ein paar Gste schliefen gegen das Ende
des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war
alles wieder munter. Man sang Lieder, vollfhrte allerlei
Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, scho Purzelbume, hob
Schubkarren bis zur Schulterhhe, erzhlte gepfefferte Geschichten
und scharwenzelte mit den Damen.

Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stck Arbeit, den Pferden,
die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte
und Geschirre aufzulegen. Die bermtigen Tiere stiegen, bockten
und schlugen aus, whrend die Herren und Kutscher fluchten und
lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglnzten
Landstraen in Karriere ber Stock und Stein heimrasende
Fuhrwerke.

Die nachtber in Bertaux bleibenden Gste zechten am Kchentische
bis zum frhen Morgen weiter, whrend die Kinder unter den Bnken
schliefen.

Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
herkmmlichen Spen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter
-- ein Seefischhndler, der als Hochzeitsgeschenk
selbstverstndlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch
daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlsselloch des
Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch
rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, da sich
derartige Scherze mit der Wrde seines Schwiegersohnes nicht
vertrgen. Der Vetter lie sich durch diese Einwnde nur
widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den
alten Rouault fr aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke
mir vier bis fnf andern Unzufriedenen, die whrend des Mahles bei
der Wahl der Fleischstcke Migriffe getan hatten. Diese
Unglcksmenschen rsonierten nun alle untereinander auf den
Gastgeber und wnschten ihm ungeniert alles ble.

Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag ber aus ihrer
Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurck.
Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er lie
sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von
Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt
war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.

Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er whrend des Festes
gar keine glnzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
Spe, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die
ihm der Sitte gem bei Tische zuteil geworden waren, hatte er
sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mchtiger war
seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie
neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die
Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich vllig und lie
sich nicht das geringste anmerken. Die grten Schandmuler waren
sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich
machte aus seinem Glck kein Hehl. Er nannte Emma mein liebes
Frauchen, duzte sie, lief ihr berallhin nach und zog sie
mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bumen ein
wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille
legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz
nahe und zerdrckte mit seinem Kopfe ihr Halstuch.

Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermhlten auf. Karl
konnte seiner Patienten wegen nicht lnger verweilen. Vater
Rouault lie das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab
ihm persnlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied kte er
seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu
Fu auf den Rckweg.

Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
Wagen nachzuschauen, der die sandige Strae dahinrollte. Dabei
seufzte er tief auf. Er dachte zurck an seine eigne Hochzeit, an
lngstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages,
wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf
dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so
um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit.
Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der
andern ihren Korb getragen. Die langen Bnder ihres normannischen
Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm
um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er ber seine
Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges
Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
hinlchelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wre, dann wre
er jetzt dreiig Jahre alt!

Er blickte sich nochmals um. Auf der Strae war nichts mehr zu
sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
zrtlichen Erinnerungen mit schwermtigen Gedanken. Einen
Augenblick lang versprte er das Verlangen, den Umweg ber den
Friedhof zu machen. Aber er frchtete sich davor, da ihn dies nur
noch trbseliger stimmte, und so ging er auf dem krzesten Wege
nach Hause.

Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
strzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu ersphen. Die
alte Magd empfing sie unter Glckwnschen und bat um
Entschuldigung, da das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei.
Sie lud die gndige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in
Augenschein zu nehmen.




Fnftes Kapitel


Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie
der Strae, genauer gesagt: der Landstrae. In der Hausflur,
gleich an der Haustre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
ein Zgel, eine Mtze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf
dem Fuboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem
Straenschmutz. Rechter Hand lag die Groe Stube, das heit der
Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich
als Wohnzimmer diente. An den Wnden bauschte sich allenthalben
die schlecht aufgeklebte zeisiggrne Papiertapete, die an der
Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward.
An den Fenstern berschnitten sich weie Kattunvorhnge, die rote
Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.

Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
Gemach, etwa sechs Fu in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
Sthle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fcher eines
Bchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
Bnde des Medizinischen Lexikons ausgefllt, die
unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
Umschlge bekommen hatten. Durch die dnne Wand drang Buttergeruch
aus der benachbarten Kche in das Sprechzimmer, whrend man dort
hren konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen
Leidensgeschichten erzhlten.

Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebude stand, lag ein groes
verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum,
Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem
Eisen, leeren Fssern, abgetanenem Ackergert und einer Menge
andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum
mehr ansehen konnte.

Der Garten, der mehr in die Lnge denn in die Breite ging, dehnte
sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit drftigen
Heckenrosen umgrteten symmetrisch ein Mittelbeet mit ntzlicherem
Gewchs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
eine Tonfigur: ein Mnch, in sein Brevier vertieft.

Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war berhaupt
nicht mbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube,
stand in einer Nische mir roten Vorhngen ein Himmelbett aus
Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte
kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in
einer Kristallvase ein Strau von Orangenblten, umwunden von
einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der
andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strau
aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Whrenddem sa sie in
einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das
in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in
das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie
sich, was wohl mit ihrem Straue geschhe, wenn sie zufllig auch
bald strbe.

In den ersten Tagen beschftigte sich Emma damit, sich allerlei
nderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
von den Leuchtern, lie neu tapezieren, die Treppe streichen und
Bnke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.

Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden knnte. Karl
wute, da sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
Dogcart.

So war Karl der glcklichste und sorgenloseste Mensch auf der
Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
Landstrae, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im
Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
hngenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
denen er nie geglaubt htte, da sie einen erfreuen knnten, all
das trug dazu bei, da sein Glck nicht aufhrte. Frhmorgens im
Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu,
wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den
Haubenbndern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nhe
kamen ihm ihre Augen viel grer vor, besonders beim Erwachen,
wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder
senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau
am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, whrend
sie sich nach der schimmernden Oberflche zu aufhellten. Sein
eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin
gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche,
das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines
offen stehenden Nachthemdes.

Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das
Fensterbrett gesttzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie
leicht umflo, zwischen zwei Geranienstcken. Karl unten auf der
Strae schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma
sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, whrenddem sie mit
ihrem Munde eine Blte oder ein Blttchen von den Geranien
abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte
sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb
schlielich im Fallen in der ungepflegten Mhne der alten
Schimmelstute hngen, die unbeweglich vor der Haustre wartete.
Karl sa auf und warf seiner Frau eine Kuhand zu. Sie antwortete
winkend und schlo das Fenster. Er ritt ab.

Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstrae, in
den Hohlwegen, ber denen sich die Bume zu einem Laubdache
schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rcken, die frische
Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
Nacht, friedsamen Gemts und befriedigter Sinne, -- da geno er
all sein Glck abermals, just wie einer, der nach einem
Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trffeln, die er bereits
verdaut, noch auf der Zunge hat.

Was hatte er bisher an Glck in seinem Leben erfahren? War er denn
im Gymnasium glcklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher
Mauern so einsam gefhlt hatte, unter seinen Kameraden, die
reicher und strker waren als er, ber seine buerische Aussprache
lachten, sich ber seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit
mit ihren Mttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen?
Oder etwa spter als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug
im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mdel zum Tanz fhren
zu knnen, das seine Geliebte geworden wre? Oder gar whrend der
vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Fe
im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa
er fr immerdar seine hbsche Frau, in die er vernarrt war. Seine
Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks,
und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und
so berkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs
ritt er heimwrts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen
... Emma sa in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf
den Fuspitzen von hinten an sie heran und kte ihr den Nacken.
Sie stie einen Schrei aus.

Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
ihr Halstuch zu befhlen. Manchmal kte er sie tchtig auf die
Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Ksse gleichsam
aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Lnge von den
Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
ab, lchelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind
zurckdrngt, das sich an einen anklammert.

Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
empfinden. Aber als das Glck, das sie aus dieser Liebe erwartete,
ausblieb, da mute sie sich doch getuscht haben. So dachte sie.
Und sie gab sich Mhe, zu ergrbeln, wo eigentlich in der
Wirklichkeit all das Schne sei, das in den Romanen mit den Worten
Glckseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert
wird.




Sechstes Kapitel


Emma hatte Paul und Virginia gelesen und in ihren Trumereien
alles vor sich gesehen: die Bambushtte, den Neger Domingo, den
Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zrtliche
Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der fr sie
rote Frchte auf berturmhohen Bumen pflckte und barfu durch
den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen.

Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt,
um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im
Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt
bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fruleins von
Lavallire gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier
und da von Messerkritzeln beschdigt, verherrlichten Frmmigkeit,
Gefhlsberschwang und hfischen Prunk.

In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich
nicht im geringsten. Sie fhlte sich vielmehr in der Gesellschaft
der gtigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
Vergngen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
Freistunden spielte sie nur hchst selten, im Katechismus war sie
alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die
dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wute. So lebte sie, ohne in
die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphre der Schulstuben
und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkrnzen und
Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
Traumzustand, der sich um die Weihrauchdfte, die Khle der
Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
zuzuhren, betrachtete sie die frommen himmelblau umrnderten
Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm
Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen
Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um
sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne
Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein
Gelbde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.

Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Snden, nur
damit sie lnger im Halbdunkel knien durfte, die Hnde gefaltet,
das Gesicht ans Gitter gepret, unter dem flsternden Priester.
Die Gleichnisse vom Brutigam, vom Gemahl, vom himmlischen
Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer
wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle se
Schauer.

Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
Geschichte oder aus den Stunden der Andacht des Abb Frayssinous
und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands Geist des
Christentums. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen
den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo
aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wre Emmas Kindheit im
Hinterstbchen eines Kramladens in einem Geschftsviertel
dahingeflossen, dann wre das junge Mdchen vermutlich der
Naturschwrmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blken
der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgnge
gewhnt, gewann sie eine Vorliebe fr das dem Entgegengesetzte:
das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden
Strme willen und das Grn, nur wenn es zwischen Ruinen sein
Dasein fristete. Es war ihr ein Bedrfnis, aus den Dingen einen
egoistischen Genu zu schpfen, und sie warf alles als unntz
beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente.
Ihre Eigenart war eher sentimental als sthetisch; sie sprte
lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.

Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wsche auszubessern. Da
sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution
zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begnnert.
Sie a mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern,
und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstndchen zu machen,
bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, da
sich die Pensionrinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
Alte aufsuchten. Sie wute galante Chansons aus dem ancien
rgime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei
ihre Flickarbeit zu vernachlssigen. Sie erzhlte Geschichten,
wute stets Neuigkeiten, bernahm allerhand Besorgungen in der
Stadt und lieh den greren Mdchen Romane, von denen sie immer
ein paar in den Taschen ihrer Schrze bei sich hatte. In den
Ruhepausen ihrer Ttigkeit verschlang das gute Frulein selber
schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften,
Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in
einsamen Pavillonen ohnmchtig, und von Postillionen, die an
allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man
auf Seite fr Seite zuschanden ritt, von dsteren Wldern,
Herzenskmpfen, Schwren, Schluchzen, Trnen und Kssen, von
Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Bschen, von
hohen Herren, die wie Lwen tapfer und sanft wie Bergschafe
waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer kstlich
gekleidet und ganz unbeschreiblich trnenselig. Ein halbes Jahr
lang beschmutzte sich die fnfzehnjhrige Emma ihre Finger mit
dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott
in die Hnde, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen
Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Ritterslen und
Minnesngern. Am liebsten htte sie in einem alten Herrensitze
gelebt, gehllt in schlanke Gewnder wie jene Edeldamen, die,
den Ellenbogen auf den Fensterstein gesttzt und das Kinn in der
Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage vertrumten und in die
Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein Rittersmann
mit weier Helmzier dahergestrmt kme auf einem schwarzen Ro.
Damals trieb sie einen wahren Kult mit Maria Stuart; ihre
Verehrung von berhmten oder unglcklichen Frauen ging bis zur
Schwrmerei. Die Jungfrau von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die
schne Ferronnire und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende
Meteore in dem grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse.
Fast ganz im Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander
schwebten ferner in ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit
seiner Eiche, der sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame
Taten Ludwigs des Elften, irgendeine Szene aus der
Bartholomusnacht, der Helmbusch Heinrichs des Vierten, dazu
unauslschlich die Erinnerung an die gemalten Teller mit den
Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten.

In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
Rede von Englein mit goldenen Flgeln, von Madonnen, Lagunen und
Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr
Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die
Realitten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber
der Sentimentalitt. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten
lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als
Neujahrsgeschenke bekommen hatten. Da man sie heimlich halten
mute, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen.
Emma nahm die schnen Atlaseinbnde nur behutsam in die Hand und
lie sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, die
ihre Beitrge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. Das
Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin
leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre
Seite sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in
einem Mntelchen, wie er hinter der Brstung eines Altans ein wei
gekleidetes junges Mdchen mit einer Tasche am Grtel an sich
drckte; auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen
englischen Ladys, die unter runden Strohhten mit groen hellen
Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch den
Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, die
von zwei kleinen Grooms in weien Hosen kutschiert wurden. Andre
trumten auf dem Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und
himmelten durch das halb offene, schwarz umhngte Fenster den Mond
an. Wieder andre, Unschuldskinder, krauten, eine Trne auf der
Wange, durch das Gitter eines gotischen Kfigs ein Turteltubchen
oder zerzupften, den Kopf verschmt geneigt, mit koketten Fingern,
die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine
Marguerite. Alles mgliche andre zeigten die brigen Stiche:
Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in
den Armen; Giaurs, Trkensbel, phrygische Mtzen, nicht zu
vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und
Fichten, Tiger und Lwen friedlich beieinanderstehen, und
Minaretts am Horizonte und rmische Ruinen im Vordergrunde eine
Gruppe lagernder Kamele berragen, whrend auf der einen Seite ein
wohlgepflegtes Stck Urwald steht, auf der andern ein See, eine
Riesensonne mit stechenden Strahlen darber und auf seiner
stahlblauen, hie und da wei aufschumenden Flut, in die Ferne
verstreut, gleitende Schwne ...

Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Hupten an der Wand hing,
blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem
andern an ihr vorberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die
kein Gerusch drang, hchstens das ferne Rollen eines spten
Fuhrwerks.

Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
lie sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen fassen,
schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmtiger
Betrachtungen ber das Leben und bat ihn, man mge sie dereinst in
demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei krank,
und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, da
sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen
einer seltenen Gefhlswelt, in die Alltagsherzen niemals gelangen.
Sie verlor sich in Lamartinischen Rhrseligkeiten, hrte
Harfenklnge ber den Weihern und Schwanengesnge, die Klagen des
fallenden Laubes, die Himmelfahrten jungfrulicher Seelen und die
Stimme des Ewigen, die in den Tiefen flstert.

Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs
einzugestehen, und so blieb sie dabei zunchst aus Gewohnheit,
dann aus Eitelkeit, und schlielich war sie berrascht, da sie
den inneren Frieden wiedergefunden hatte und da ihr Herz
ebensowenig schwermtig war wie ihre jugendliche Stirne runzelig.

Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission
gehofft hatten, bemerkten zu ihrem hchsten Befremden, da
Frulein Rouault ihrem Einflu zu entschlpfen drohte. Man hatte
ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, Predigten und Fasten
angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch groe
Verehrung die Heiligen und Mrtyrer genssen, und ihr zu
vorzgliche Ratschlge gegeben, wie man den Leib kasteie und die
Seele der ewigen Seligkeit zufhre; und so ging es mit ihr wie mit
einem Pferd, das man zu straff an die Kandare genommen hat: sie
blieb pltzlich stehen und machte nicht mehr mit.

Bei aller Schwrmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie hatte
die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte und
die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr Geist
emprte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch mehr
lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem
tiefsten Wesen vllig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem
Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand
sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der
Schwesternschaft recht fehlen lassen.

Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mdchen zunchst darin, das
Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des Landlebens
berdrssig, und nun sehnte sie sich nach dem Kloster zurck. Als
Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie just berzeugt, da
sie alle Illusionen verloren habe, da es nichts mehr auf der Welt
gbe, was ihr Hirn oder Herz rhren knne. Dann aber waren das mit
jedem neuen Zustande verbundene wirre Gefhl und die Unruhe, die
sich ihrer diesem Manne gegenber bemchtigte, stark genug, um in
ihr den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare
Leidenschaft in ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein
Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit
himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe,
hatte sie keine Kraft zu glauben, da die Friedsamkeit, in der sie
hinlebte, das ertrumte Glck sei.




Siebentes Kapitel


Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schnsten
Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu
sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spren, htten sie wohl in jene
Lnder mit klangvollen Namen reisen mssen, wo der Morgen nach der
Hochzeit in sem Nichtstun verrinnt. Man fhrt gemchlich in
einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhngen die Gebirgsstraen
hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen
zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des
Giebachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am
Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der
Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen
Hnden, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlsser. Es
kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimsttten des
Glcks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten
gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden,
sich auf den Altan eines Schweizerhuschens zu lehnen oder ihre
Trbsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite
eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe,
einen eleganten Hut und Manschettenhemden trge?

Alle diese Grbeleien htte sie wohl irgendwem anvertrauen mgen.
Htte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller
Augenblicke neu formte wie leichtes Gewlk und das wie der Wind
wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die
Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt htte, wenn
er eine Ahnung davon gehabt htte, wenn sein Blick nur ein
einzigesmal ihren Gedanken begegnet wre, dann htte sich alles
das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelst wie eine
reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rhrt. So aber ward
die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer
grer, je intimer ihr eheliches Leben wurde.

Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Strae:
Allerweltsgedanken und Alltglichkeiten, die niemanden rhrten,
ber die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten.
Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, htte er niemals den
Drang versprt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er
konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein
Pistolenschtze, und gelegentlich kam es zutage, da er Emma einen
Ausdruck des Reitsports nicht erklren konnte, der ihr in einem
Romane begegnet war. Mu ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf
allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die groen
Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Gensse und in
alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts,
verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei
glcklich, indes sie sich ber seine satte Trgheit emprte,
seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst ber die Wonnen, die sie
ihm gewhrte.

Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen
und zuzusehn, wie sie sich ber das Blatt beugte oder wie sie die
Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit
den Fingern Brotkgelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte.
Wenn sie am Klavier sa, war sein Entzcken um so grer, je
geschwinder ihre Hnde ber die Tasten sprangen. Dann trommelte
sie ordentlich auf dem Klavier herum und machte ein Hllenkonzert.
Das alte Instrument drhnte und wackelte, und wenn das Fenster
offen stand, hrte man das Spiel im ganzen Dorfe. Der
Gemeindediener, der im bloen Kopfe und in Pantoffeln, Akten
unterm Arme, ber die Strae humpelte, blieb stehen und lauschte.

Dabei war Emma eine vorzgliche Hausfrau. Sie schickte die
Liquidationen an die Patienten aus und zwar in hflichster
Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie
Sonntags irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wute
sie es immer einzurichten, da etwas Besonderes auf den Tisch kam.
Sie schichtete auf Weinblttern Pyramiden von Reineclauden auf und
verstand, die eingezuckerten Frchte so aus ihren Bchsen zu
strzen, da sie noch in der Form serviert wurden. Demnchst
sollten auch kleine Waschschalen fr den Nachtisch angeschafft
werden. Mit alledem vermehrte sie das ffentliche Ansehen ihres
Mannes. Schlielich fing er selbst an, mehr und mehr Respekt vor
sich zu bekommen, weil er solch eine Frau besa. Mit Stolz zeigte
er zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich
breite Rahmen hatte fassen lassen und in der Groen Stube an
langen grnen Schnuren an den Wnden aufgehngt hatte. Wenn die
Kirche zu Ende war, sah man Herrn Bovary in schngestickten
Hausschuhen vor der Haustre stehen.

Er kam spt heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann a er
noch zu Abend, und da das Dienstmdchen bereits Schlafen gegangen
war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock auszuziehen
und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend zhlte er
gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsber begegnet war,
nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und wiederholte die
Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit sich selbst,
verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, schabte sich
den Kse sauber, schmauste einen Apfel und trank die Weinkaraffe
leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und zu
schnarchen begann. Wenn er frhmorgens aufmachte, hing ihm das
Haar wirr ber die Stirn.

Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knchelgegend zwei
Falten hatten; in den Schften waren sie steif und geradlinig, als
ob ein Holzbein drinnen stke. Er pflegte zu sagen: Die sind hier
auf dem Lande gut genug!

Seine Mutter bestrkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Milichkeiten
gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr fr ihre
Verhltnisse ein bichen zu groartig. Mit Holz, Licht und
dergleichen werde wie in einem herrschaftlichen Hause gewstet.
Und mit den Kohlen, die in der Kche verbraucht wrden, knne man
zwei Dutzend Gnge kochen! Sie ordnete ihr den Wscheschrank und
hielt Vortrge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen
habe, wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren
hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem.
Die von beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden Liebe
Tochter und Liebe Mutter! standen in Widerspruch zu den Mienen
der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor
Groll zitternder Stimme.

Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in
den Hintergrund gedrngt gefhlt, jetzt aber kam ihr Karls Liebe
zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie ein
Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glck ihres
Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener
auf den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte
ihn durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst fr ihn gesorgt
und abgemht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit
leiste Emma viel weniger fr ihn, und darum wre seine
ausschlieliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt.

Karl wute nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art ber alle Maen.
Was die eine sagte, galt ihm fr unfehlbar; gleichwohl fand er an
der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary wieder abgereist
war, machte er schchterne Versuche, die oder jene ihrer
Bemerkungen wrtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm dann mit
wenigen Worten, da er im Irrtum sei, und meinte, er solle sich
lieber seinen Patienten widmen.

Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
Mondenschein zusammen im Garten saen, sagte sie verliebte Verse
her, soviel sie nur auswendig wute, oder sie sang eine
schwermtige gefhlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich selber
nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar weder
verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.

Das waren vergebliche Versuche, eine groe Leidenschaft zu
entfachen. Im brigen war Emma unfhig, etwas zu verstehen, was
sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was
nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein,
Karls Liebe sei nicht mehr bermig stark. In der Tat gewannen
seine Zrtlichkeiten eine gewisse Regelmigkeit. Er schlo seine
Frau zu ganz bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine
Gewohnheit wie alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen
mu, weil er auf der Menkarte steht.

Ein Waldwrter, den der Herr Doktor von einer Lungenentzndung
geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junges italienisches
Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre Spaziergnge. Mitunter ging
sie nmlich aus, um einmal eine Weile fr sich allein zu sein und
nicht in einem fort blo den Garten und die staubige Landstrae
vor Augen zu haben.

Sie wanderte meist bis zum Buchenwldchen von Banneville, bis zu
dem leeren Lusthuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo
die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen
gewhnlichen Grsern hohes Schilf mit langen scharfen Blttern.
Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob sich seit
ihrem letzten Hiersein etwas verndert habe. Es war immer alles
so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf seinem
Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln,
die in Bscheln die groen Kieselsteine umwucherten, und die
Moosflchen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer
geschlossenen morschen Holzlden und rostigen Eisenbeschlgen. Nun
schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, wie die Sprnge ihres
Windspiels, das sich in groen Kreislinien tummelte, gelbe
Schmetterlinge anklffte, Feldmusen nachstellte und die
Mohnblumen am Raine des Kornfeldes anknabberte. Allmhlich
gerieten ihre Grbeleien in eine bestimmte Richtung. Wenn die
junge Frau so im Grase sa und es mit der Stockspitze ihres
Sonnenschirmes ein wenig aufwhlte, sagte sie sich immer wieder:
Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?

Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht mglich gewesen wre
durch irgendwelche andre Fgung des Schicksals, da sie einen
andern Mann htte finden knnen. Sie versuchte sich vorzustellen,
was fr ungeschehene Ereignisse dazu gehrt htten, wie dieses
andre Leben geworden wre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen
htte. In keinem Falle so wie Karl! Er htte elegant, klug,
vornehm, verfhrerisch aussehen mssen; so wie zweifellos die
Mnner, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet
hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im
Getmmel des Straenlebens, im Stimmengewirr der Theater, im
Lichtmeere der Blle, da lebten sie sich aus und lieen die Herzen
und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie verkmmerte wie in
einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie eine schweigsame
Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen Herzens.

Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah
sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen
ausgehndigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weien Kleid und ihren
Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie zu
ihrem Platze zurckging, hatten ihr die anwesenden Herren galant
zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und durch
den Wagenschlag hatte man ihr Auf Wiedersehn! zugerufen. Und der
Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte im Vorbergehen
den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurck war das alles! Ach,
wie so weit!

Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho und streichelte seinen
schmalen feinlinigen Kopf.

Komm! flsterte sie. Gib Frauchen einen Ku! Du, du hast keinen
Kummer!

Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmtig aussehende Gesicht des
schlanken Tieres. Es ghnte behaglich. Aber sie bildete sich ein,
das Tier habe auch einen Kummer. Die Rhrung berkam sie, und sie
begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu jemandem,
den man in seiner Betrbnis trsten will.

Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mchtig
ber das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande
hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu
Boden, fliehende Schauer raschelten durch das Bltterwerk der
Buchen, whrend sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort
laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und
erhob sich.

In der Allee, ber dem teppichartigen Moos, das unter Emmas
Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grnen
Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der
rote Himmel flammte hinter den braunen Stmmen, die in Reih und
Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Sulenganges
an einer goldnen Wand entlang erzeugten.

Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich,
auf die Landstrae und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.

Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in
ihrem Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu
dem Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der
Restauration Staatssekretr gewesen war, wollte von neuem eine
politische Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in
das Abgeordnetenhaus vor. Im Winter lie er groe Mengen Holz
verteilen, und im Bezirksausschu trat er immer wieder mit dem
hchsten Eifer fr neue Straenbauten im Bezirk ein. Whrend des
letzten Hochsommers hatte er ein Geschwr im Munde bekommen, von
dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich
befreit hatte. Der Privatsekretr des Marquis war bald darauf nach
Tostes gekommen, um das Honorar fr die Operation zu bezahlen, und
hatte abends nach seiner Rckkehr erzhlt, da er in dem kleinen
Garten des Arztes herrliche Kirschen gesehen habe. Nun gediehen
gerade die Kirschbume in Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat
sich von Bovary einige Ableger und hielt es daraufhin fr seine
Pflicht, sich persnlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah
er Emma, fand ihre Figur entzckend und die Art, wie sie ihn
empfing, durchaus nicht buerisch. Und so kam man im Schlosse zu
der Ansicht, es sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht,
wenn man das junge Ehepaar einmal einlde.

An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrcks war ein groer
Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine
Hutschachtel. Auerdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen
den Beinen.

Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schlopark die Laternen
am Einfahrtswege anzndete, kamen sie an.




Achtes Kapitel


Vor dem Schlo, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
vorspringenden Flgeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
ungeheure Rasenflche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen denen
etliche Khe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen hindurch,
beschattet von allerlei Gebsch in verschiedenem Grn,
Rhododendren, Flieder- und Schneeballstruchern. Unter einer
Brcke flo ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel,
erkannte man ein paar Huser mit Strohdchern. Die groe Wiese
ward durch lngliche kleine Hgel begrenzt, die bewaldet waren.
Versteckt hinter diesem Gehlz lagen in zwei gleichlaufenden
Reihen die Wirtschaftsgebude und Wagenschuppen, die noch vom
ehemaligen Schlobau herrhrten.

Karls Wglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und
geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
Gerusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
Kirche. Dem Eingange gegenber stieg geradeaus eine breite Treppe
auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem Garten
hinaus, die zum Billardzimmer fhrte; schon von weitem vernahm man
das Karambolieren der elfenbeinernen Blle. Durch das
Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah
Emma Herren in wrdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn vergraben
in den Krawatten, alle mit Ordensbndchen. Schweigsam lchelnd
handhabten sie die Queues.

Auf dem dsteren Holzgetfel der Wnde hingen groe Bilder in
schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine
lautete:

+------------------------------------------------------+
|  Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville,       |
|  Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye,   |
|  gefallen in der Schlacht von Coutras                |
|  am 20. Oktober 1587.                                |
+------------------------------------------------------+

Eine andre:

+------------------------------------------------------+
|  Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers     |
|  und Vaubyessard, Admiral von Frankreich,            |
|  Ritter des Sankt-Michel-Ordens,                     |
|  verwundet bei Saint Vaast de la Hougue              |
|  am 29. Mai 1692,                                    |
|  gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693         |
+------------------------------------------------------+

Die brigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht
der Lampen auf das grne Tuch des Billards konzentrierte und das
Zimmer im Dunkeln lie. Nur ein schwacher Schein hellte die
Gemldeflchen auf, deren sprngiger Firnis mit diesem feinen
Schimmer spielte. Und so traten aus allen den groen schwarzen
goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher und
heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort
eine gepuderte Allongepercke ber der Schulter eines roten Rockes
und anderswo die Schnalle eines Kniebandes ber einer strammen
Wade.

Der Marquis ffnete die Tr zum Salon. Eine der Damen -- es war
die Schloherrin selbst -- erhob sich, ging Emma entgegen und bot
ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und begann
freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine alte
Bekannte vor sich htte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; sie
hatte hbsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas schleppende
Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie ber ihrem
kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig
in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle,
sa eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den
Rcken, waren im Gesprche mit den Damen. Alle saen sie um den
Kamin herum.

Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der berzahl
da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die
Damen, der Marquis und die Marquise an der andern im Ezimmer. Als
Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Dften und Gerchen
entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und Delikatessen. Die
Flammen der Kandelaberkerzen liebugelten mit dem Silberzeug, und
in den geschliffenen Glsern und Schalen tanzte der bunte
Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe von
Blumenstruen. Aus den Falten der Servietten, die in der Form von
Bischofsmtzen ber den breitrandigen Tellern lagen, lugten ovale
Brtchen. Hummern, die auf den groen Platten nicht Platz genug
hatten, leuchteten in ihrem Rot. In durchbrochenen Krbchen waren
riesige Frchte aufgetrmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden
dampfend aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strmpfen,
Kniehosen und weier Krawatte, reichte mit Grandezza und groem
Geschick die Schsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben sah
regungslos die bis zum Kinn verhllte Gttin herab, die auf dem
mchtigen, bronzegeschmckten Porzellanofen thronte.

Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa, ber
seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
Serviette nach Kinderart um den Hals geknpft hatte. Die Sauce
tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war.
Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
Laverdire. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in
Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
Grafen Artois. Auch munkelte man, er wre der Geliebte der Knigin
Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und
der Vorgnger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wstes Leben
hinter sich, voller Zweikmpfe, toller Wetten und
Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der
Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
Stuhle, der ihm ins Ohr brllen mute, was es fr Gerichte zu
essen gab.

Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkrlich zu diesem alten
Manne mit den hngenden Lippen zurck, als ob er etwas ganz
Besonderes und Groartiges sei: war er doch ein Favorit des
Knigshofes gewesen und hatte im Bette einer Knigin geschlafen!

Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma berlief es am ganzen
Krper, als sie das eisige Getrnk im Munde sprte. Zum erstenmal
in ihrem Leben sah sie Granatpfel und a sie Ananas. Selbst der
gestoene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weier und feiner vor
denn anderswo.

Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurck, um sich
zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
Grndlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debt. Ihr Haar
ordnete sie nach den Ratschlgen des Coiffeurs. Dann schlpfte sie
in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag.

Karl fhlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.

Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stren! meinte er.

Du willst tanzen? entgegnete ihm Emma.

Na ja!

Du bist nicht recht gescheit! Man wrde dich blo auslachen.
Bleib du nur ruhig sitzen! brigens schickt sich das viel besser
fr einen Arzt, fgte sie hinzu.

Karl schwieg. Er lief mit groen Schritten im Zimmer hin und her
und wartete, bis Emma fertig wre. Er sah sie ber ihren Rcken
weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen
Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach
den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
blulichen Glanze, und ber ihnen zitterte eine bewegliche Rose,
mit knstlichen Tauperlen in den Blttern. Ihr mattgelbes Kleid
ward durch drei Struchen von Moosrosen mit Grn darum belebt.

Karl kte sie von hinten auf die Schulter.

La mich! wehrte sie ab. Du zerknllst mir alles!

Violinen- und Waldhornklnge drangen herauf. Emma stieg die Treppe
hinunter, am liebsten wre sie gerannt.

Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrngt voller
Menschen, und immer noch kamen Gste. Emma setzte sich unweit der
Tr auf einen Diwan.

Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die groe
Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
bemalten Fcher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
Hlfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stpsel der
Riechflschchen funkelten hin und her in den weien Handschuhen,
an denen die Konturen der Fingerngel ihrer Trgerinnen
hervortraten, whrend das eingeprete Fleisch nur in den
Handflchen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
Armbnder mit Anhngseln wogten an den Miedern, glitzerten an den
Brsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im
Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
Vergimeinnicht, Jasmin, Granatblten, hren und Kornblumen in
Krnzen, Struen oder Ranken. Bequem in ihren Sthlen lehnten die
Mtter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.

Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tnzer sie an den
Fingerspitzen fate und in die Reihe der anderen fhrte. Beim
ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
besonders zrtlichen Passagen des Violinsolos flog ein ses
Lcheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen,
hrte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstcke auf den
Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll
einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Rcke
der Tnzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hnde
suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schchtern
gesenkt waren, fanden ihr Ziel.

Unter den tanzenden oder plaudernd an den Tren stehenden Herren
stachen etliche, etwa zwlf bis fnfzehn, bei allem Alters- und
sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den
andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
feinerem Stoff. Ihr nach den Schlfen zu gewelltes Haar verriet
die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
weie Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
schillernder Seide und feinpolierten Mbeln erscheint und durch
sorgfltige und raffinierte Ernhrung erhalten wird. Ihre
Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
Taschentchern entstrmte leises Parfm. Den lteren unter diesen
Herren haftete Jugendlichkeit an, whrend den Gesichtern der
jngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgltigen
Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten
Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale
eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
Damen entwickelt und krftigt.

Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmckten Dame
ber Italien. Sie schwrmten von der Kuppel des Sankt Peter, von
Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
vergangnen Woche in England Mi Arabella und Romulus geschlagen
und durch einen famosen Grabensprung vierzigtausend Franken
gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine Rennschinder
seien nicht im Training, und ein dritter jammerte ber einen
Druckfehler in der Sportwelt, der den Namen eines seiner
Vollblter verballhornt habe.

Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
fahler. Man drngte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu ffnen, zerbrach aus
Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
veranlate Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
drauen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
elterliche Gut berkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
Misthaufen, ihren Vater in Hemdsrmeln unter den Apfelbumen und
sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den
Fingern die Milch in den Schsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz
der gegenwrtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung
an ihr frheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam
ihr fast unmglich vor. Hier, hier lebte sie, und was ber diesen
Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag fr sie im tiefsten
Dunkel ...

Sie schlrfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten
Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schlo
und den goldnen Lffel lange zwischen den Zhnen behielt. Neben
ihr lie eine Dame ihren Fcher zu Boden gleiten. Ein Tnzer ging
vorber.

Sie wren sehr gtig, mein Herr, sagte die Dame, wenn Sie mir
meinen Fcher aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa
gefallen.

Der Herr bckte sich, und whrend er mit dem Arm nach dem Fcher
langte, bemerkte Emma, da ihm die Dame etwas weies, dreieckig
Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er berreichte ihr den
aufgehobenen Fcher ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten
Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres
Straues.

Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Sd- und
Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding  la Trafalgar
und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
einen der Musselinvorhnge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
saen immer weniger Tnzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch
Leben. Die Musikanten leckten sich die heien Finger ab. Karl
stand gegen eine Tr gelehnt, dem Einschlafen nahe.

Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
Aber alle Welt, sogar Frulein von Andervilliers und die Marquise
tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden
Gste da, etwa ein Dutzend Personen.

Da geschah es, da einer der Tnzer, den man schlechtweg Vicomte
nannte -- die weitausgeschnittene Weste sa ihm wie angegossen --
Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte
bat abermals, indem er versicherte, er wrde sie sicher fhren und
es wrde vortrefflich gehen.

Sie begannen langsam, um allmhlich rascher zu tanzen. Schlielich
wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter,
die Mbel, die Wnde, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte
eines Kreisels wren. Einmal, als das Paar dicht an einer der
Tren vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres
Tnzers. Sie fhlten sich beide und blickten sich einander in die
Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber
es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin,
bis an das Ende der Galerie, wo Emma, vllig auer Atem, beinahe
umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
ihren Platz zurck. Es schwindelte ihr; sie mute den Rcken
anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.

Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da in der Mitte des
Saales eine der Damen auf einem Taburett sa, whrend drei der
Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.

Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Krpers, das Kinn
ein wenig gesenkt; er in immer der nmlichen Haltung,
kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
gerichtet. Das waren Walzertnzer! Sie fanden kein Ende. Eher
ermdeten die Zuschauer.

Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
man sich Gute Nacht oder vielmehr Guten Morgen, und alles ging
schlafen.

Karl schleppte sich am Treppengelnder hinauf. Er hatte sich die
Beine in den Bauch gestanden. Ohne sich zu setzen, hatte er sich
fnf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und
den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu
verstehen. Und so stie er einen mchtigen Seufzer der
Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt
hatte.

Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, ffnete das Fenster und
lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprhregen fiel.
Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider khlte.
Walzerklnge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich
gewaltsam wach, um den eben erlebten Mrchenglanz, ehe er ganz
wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ...

Der Morgen dmmerte. Sie schaute hinber nach den Fensterreihen
des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die
einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet
hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen,
eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.

Schlielich begann sie zu frsteln. Sie entkleidete sich und
schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.

Zum Frhstck erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn
Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.

Beim Aufstehen sammelte Frulein von Andervilliers die
angebrochenen Brtchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwnen
auf dem Schloteiche zu bringen. Nach der Ftterung begab man sich
in das Gewchshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und
Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser fhrte ein
Ausgang in den Wirtschaftshof.

Um der jungen Arztfrau ein Vergngen zu bereiten, zeigte ihr der
Marquis die Stlle. ber den korbartigen Raufen waren
Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des
Raumes auf drehbaren Bcken, whrend die Kandaren, Trensen,
Kinnketten, Steigbgel, Zgel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen
an den Wnden hingen.

Karl bat einen Stallburschen, sein Gefhrt zurechtzumachen. Sodann
fuhr er vor. Das ganze Gepck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary
bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise.
Und heim ging es nach Tostes.

Schweigsam sah Emma dem Drehen der Rder zu. Karl sa auf dem
uersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden
Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zgel tanzten auf
der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten
angeschnallt war, sa nicht recht fest und polterte in einem fort
im Takte an den Wagenkasten.

Auf der Hhe von Thibourville wurden sie pltzlich von ein paar
Reitern berholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
bewegten.

Wenige Minuten spter muten sie Halt machen, um die zerrissene
Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze
Geschirr noch einmal berblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche
auf; sie war mit grner Seide gestickt und auf der Mitte der
Oberseite mit einem Wappen geschmckt.

Es sind sogar zwei Zigarren drin! sagte er. Die kommen heute
abend nach dem Essen dran!

Du rauchst demnach? fragte Emma.

Manchmal! Gelegentlich!

Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
Peitsche.

Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig.
Frau Bovary war unwillig darber. Anastasia gab eine dreiste
Antwort.

Scheren Sie sich fort rief Emma. Sie machen sich ber mich
lustig. Sie sind entlassen!

Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
sa seiner Frau gegenber. Er rieb sich die Hnde und meinte
vergngt:

Zu Hause ists doch am schnsten!

Man hrte, wie Anastasia drauen weinte. Karl hatte das arme Ding
gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
seine erste Patientin gewesen, seine lteste Bekannte in der
ganzen Gegend.

Hast du ihr im Ernst gekndigt? fragte er nach einer Weile.

Gewi! Warum soll ich auch nicht? gab Emma zur Antwort.

Nach Tisch wrmten sich die beiden in der Kche, whrend die Groe
Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der
Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei
aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurck, damit ihm
der Rauch nicht in die Nase stieg.

Das Rauchen wird dir nicht bekommen! bemerkte Emma verchtlich.

Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
gierig ein Glas frisches Wasser. Whrenddessen nahm Emma die
Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.

Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!

Emma ging in ihrem Grtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
Obstspalier, vor dem tnernen Mnch, und betrachtete sich alle
diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drngte?
Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Ri
gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in
einer einzigen Nacht in den Bergen aufwhlt. Trotzdem kam eine
gewisse Resignation ber sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr
schnes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren
Sohlen vom Parkettwachs eine brunliche Politur bekommen hatten.
Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berhrung mit dem Reichtum
war etwas daran haften geblieben fr immerdar.

An den Ball zurckdenken, wurde fr Emma eine besondre
Beschftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf:
Ach, heute vor acht Tagen war es! -- Heute vor vierzehn Tagen
war es! -- Heute vor drei Wochen war es! Allmhlich aber
verschwammen in ihrem Gedchtnisse die einzelnen Gesichter, die
sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tnze entfielen
ihr. Sie verga, wie die Gemcher und die Livreen ausgesehen
hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
Sehnsucht blieb zurck.




Neuntes Kapitel


Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grnseidene
Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wsche
verborgen lag. Sie betrachtete sie, ffnete sie und sog sogar den
Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
mochte sie gehrt haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
Geschenk seiner Geliebten. Gewi hatte sie die Stickerei auf einem
kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in
vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der trumerischen
Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte
aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder
eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen
Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die
Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als
sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen
und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag?

Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von
Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name!
Paris! Sie flsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte
ihr Vergngen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
groen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbchsen.

Nachts, wenn die Seefischhndler unten auf der Strae vorbeifuhren
mit ihren Karren und die Majorlaine sangen, ward sie wach. Sie
lauschte dem Rasseln der Rder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus
waren und es wieder still wurde.

Morgen sind sie in Paris! seufzte die Einsame. Und in ihren
Gedanken folgte sie den Fahrzeugen ber Berg und Tal, durch Drfer
und Stdte, immer die groe Strae hin in der lichten
Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo
ihre Trume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und
machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt.
Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straenecke
stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn
ihr die Augen schlielich mde wurden, schlo sie die Lider, und
dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde
flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Groen Oper
donnernd vorfuhren.

Sie abonnierte auf den Bazar und die Modenwelt und studierte
auf das gewissenhafteste alle Berichte ber die Premieren, Rennen
und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berhmte
Sngerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhuser erffnet
wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten
Schneider; sie wute, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft
im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte
sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac
und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre
Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bcher sogar mit
zu den Mahlzeiten und las darin, whrend Karl a und ihr erzhlte.
Und was sie auch las, berallhinein drangen ihre Reminiszenzen an
den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie
allerhand Beziehungen. Aber allmhlich erweiterte sich der
Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den
er getragen hatte, erblich schlielich, um auf andren
Idealgeschpfen wieder aufzuflammen.

Unermelich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so
stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfltige Leben, das
sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl fr sie auf ganz
bestimmte Einzelheiten beschrnkt, die sie im Geiste in deutlichen
Bildern sah. Neben diesen -- man knnte sagen -- Symbolen des
mondnen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dmmerung zurck.

Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte
sich auf glnzendem Parkett ab, in Spiegelslen, um ovale Tische,
auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
heuchlerischem Lcheln. Das Milieu des hchsten Adels bildete sie
sich folgendermaen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht
frh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglckliche Engel,
tragen Unterrcke aus irischen Spitzen; die Mnner, verkannte
Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflchlichkeit, reiten
aus bermut ihre Vollblter zuschanden, die Sommersaison
verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt
geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die
dritte Welt, von der Emma trumte, war das bunte Leben und Treiben
der Knstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in
den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach
Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese
Menschen sind die Verschwender des Lebens, Knige in ihrer Art,
voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verluft hoch ber
dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.

Alles andre in der Welt war fr Emma verloren, wesenslos, so gut
wie nicht vorhanden. Je nher ihr die Dinge brigens standen, um
so weniger berhrten sie ihr Innenleben. Alles, was sie
unmittelbar umgab: die eintnige Landschaft, die kleinlichen
armseligen Spiebrger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie
ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufllig, und
sie war in ihn verbannt. Aber drauen vor seinen Toren, da begann
das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der
Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den
Freuden des Herzens, erlesene Lebensfhrung mit Gefhlsfeinheiten
ineinander. Bedarf die Liebe, hnlich wie die Pflanzen der Tropen,
nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei
Mondenschein, innige Ksse, Trnen, vergossen auf hingebungsvolle
Hnde, Fleischeslust und schmachtende Zrtlichkeit, alles das war
ihr unzertrennlich von stolzen Schlssern voll migen Lebens, von
Boudoiren mit seidnen Vorhngen und dicken Teppichen, von
blumengefllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten
und goldstrotzender Dienerschaft.

Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
Stalljacke, die bloen Fe in Holzpantoffeln, kam, um die Stute
zu fttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur.
Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mute sie zufrieden sein.
Wenn er fertig war, lie er sich den ganzen Tag ber nicht wieder
blicken. Karl pflegte nmlich sein Pferd, wenn er es geritten
hatte, selbst einzustellen. Whrend er Sattel und Zumung aufhing,
warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.

Nachdem Anastasia unter tausend Trnen wirklich das Haus verlassen
hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mdchen in Dienst,
eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmtiges Wesen. Sie zog
sie nett an, brachte ihr hfliche Manieren bei, lehrte sie, ein
Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein
Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pltten und Bgeln der
Wsche und lie sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem
Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hie
das neue Mdchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im
Hause. Die Hausfrau pflegte den Bfettschlssel stecken zu lassen.
Felicie nahm sich alle Abende einige Stcke Zucker und verzehrte
sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet
gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewhnlich
oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die
Nachbarschaft klatschen.

Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschlge und
einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie htte
schreiben knnen. Hufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm
sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Trumereien
und lie das Buch in den Scho sinken. Am liebsten htte sie eine
groe Reise gemacht oder wre wieder in das Kloster gegangen. Der
Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in
der gleichen Minute.

Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraen hin. Er
frhstckte in den Gehften, griff in feuchte Krankenbetten, lie
sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hrte dem
Rcheln Sterbender zu, prfte den Inhalt von Nachttpfen und zog
so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer
ein gemtliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den
zurechtgesetzten Grovaterstuhl und eine allerliebst angezogene
Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer wei, was das
war, ein Odeur, ihre Wsche oder ihre Haut?

Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzcken. Sie
erfand neue Papiermanschetten fr die Leuchter, oder sie besetzte
ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
gewhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
hatte, obgleich es dem Mdchen greulich miraten war. Einmal sah
sie in Rouen, da die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhngsel
trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr
Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei groe Vasen aus blauem
Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nhkstchen aus
Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese
eleganten Neigungen begriff, so sehr bten sie doch auch auf ihn
eine verfhrerische Wirkung aus. Sie erhhten die Freuden seiner
Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen sen Reiz mehr. Es
war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.

Er sah gesund und wrdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
lngst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz
war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und
flte jedermann durch seine Soliditt Vertrauen ein. Er war
Spezialist fr Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rhrten
seine Erfolge daher, da er Angst hatte, die Leute zu Tode zu
kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien
verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abfhrmittel, ein Fubad
oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings
ein Stmper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und
Zhne zog er wie der Satan.

Um sich in seinem Handwerk auf dem laufenden zu halten, war er
auf die Medizinische Wochenschrift abonniert, von der ihm einmal
ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er
sie gewhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die
Verdauungsmdigkeit brachten ihn regelmig nach fnf Minuten zum
Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar
fiel wie eine Lwenmhne vornber nach dem Fue der Tischlampe zu.
Emma sah sich dieses Bild verchtlich an. Wenn ihr Mann nur
wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
wre, die nachts ber ihren Bchern hocken und mit sechzig Jahren,
wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das
Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehngt
bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, htte
Bedeutung haben mssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
aus Yvetot, mit dem er unlngst gemeinsam konsultiert worden war,
hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten
blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzhlte, war Emma
malos emprt ber den Kollegen. Karl kte ihr gerhrt die Stirn.
Die Trnen standen ihm in den Augen. Sie war auer sich vor Scham
ob der Demtigung ihres Mannes und htte ihn am liebsten
verprgelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus,
ffnete das Fenster und sog die khle Nachtluft ein.

Ach, was habe ich fr einen erbrmlichen Mann! klagte sie leise
vor sich hin und bi sich auf die Lippen.

Er wurde ihr auch sonst immer widerwrtiger. Mit der Zeit nahm er
allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
leckte er sich die Zhne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
lffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
beleibter, und seine an und fr sich schon winzigen Augen drohten
allmhlich gnzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden.

Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder
beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch
lnger angezogen htte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
whnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervser
Reizbarkeit und egoistischem Schnheitsdrang. Mitunter erzhlte
sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder
aus einem neuen Stcke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen
Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
Schlielich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter
Zuhrer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das
Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
Vertrauten machen!

Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
groen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
sphte in die dunstigen Fernen nach einem weien Segel. Dabei
hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zufhren solle, nach
welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern wrde,
welcher Art dieses Schiff berhaupt sein solle, ob ein schwaches
Boot oder ein groer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
fahre, mit tausend ngsten oder mit Glckseligkeiten beladen bis
hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte,
rechnete sie bestimmt darauf, heute msse es sich ereignen. Bei
jedem Gerusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann
betroffen, da es immer noch nicht kam, das groe Erlebnis. Wenn
die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von
neuem auf den nchsten Tag.

Der Frhling zog wieder in das Land. Als die Tage wrmer wurden
und die Birnbume zu blhen begannen, litt Emma an Beklemmungen.
Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zhlte sie sich an den
Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien.
Vielleicht gbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball.
Aber der ganze September verstrich, ohne da ein Brief oder ein
Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttuschung war ihr Herz
wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an.

Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach
auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die
Mglichkeit eines auergewhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer
zieht hufig die unglaublichsten Umwlzungen nach sich und
verndert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles
beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein
langer stockfinsterer Gang, und die Tr ganz am Ende war fest
verriegelt.

Sie vernachlssigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hrte ihr
denn zu? Es war ihr doch niemals vergnnt, in einem
Gesellschaftskleid mit kurzen rmeln auf einem Konzertflgel vor
einer groen Zuhrerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger ber
die Elfenbeintasten hinstrmen zu lassen und das Murmeln der
Verzckung um sich zu hren wie das Rauschen des Zephirs. Wozu
also das mhevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr
Zeichengert und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles?
Wem zuliebe? Auch das Nhen ward ihr widerlich, und selbst das
Lesen lie sie. Es ist immer wieder dasselbe! sagte sie sich.

Und so trumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
oder sah zu, wie drauen der Regen herniederfiel.

Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur
Vesper lutete, hrte sie, vor sich hinbrtend, den dumpfen
Glockenschlgen zu. Eine Katze schlich ber die Dcher, gemchlich
und langsam, und wo ein bichen Sonne war, machte sie einen
Buckel. Auf der Landstrae blies der Wind Staubwirbel auf. In der
Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in
gleichen Zeitrumen, der monotone Glockenklang, der ber den
Feldern verhallte.

Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in
Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her
laufenden Kinder in bloen Kpfen. Alles ging heimwrts. Nur fnf
bis sechs Mnner, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
Gasthofes beim Stpselspiel, bis es dunkel wurde.

Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben
mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
ber trb. Von nachmittags vier Uhr an muten die Lampen brennen.

An schnen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
hatte ber die Grser ein silbernes Netz gewoben, dessen
glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh
umwickelt, und die Weinstcke hingen an der Mauer wie vereiste
Schlangen. Der lesende Mnch unter den Fichten an der Hecke hatte
den rechten Fu verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.

Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo
die Tr ab und schrte das Feuer im Kamine. In der Wrme des
Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf
ihr. Gern wre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmdchen zu
plaudern, aber dazu war sie zu stolz.

Alle Morgen um die nmliche Stunde ffnete drben der
Schulmeister, sein schwarzseidnes Kppchen auf dem Kopfe, die
Fensterlden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
mit seinem Sbel vorber. Morgens und abends wurden die
Postpferde, immer drei auf einmal, zur Trnke nach dem Dorfteiche
vorbeigefhrt. Von Zeit zu Zeit schellte die Trklingel
irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hrte man die
Messingbecken, die als Aushngeschilder vor dem Barbiergeschfte
hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmckten ein
altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche
Wachsbste mit einer gelben Percke. Der Friseur pflegte ber
seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu
lamentieren; sein hchster Traum war ein Laden in einer groen
Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nhe des Theaters. Mrrisch
wanderte er den ganzen Tag ber zwischen dem Gemeindeamt und der
Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary
durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen
Rock, die Zipfelmtze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin
und her patrouillieren.

Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Ezimmers ein
sonnengebrunter Mnnerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und
einem trgen Lcheln um den Mund, in dem die Zhne leuchteten.
Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf
dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen
Figuren darin: Frauen in roten Kopftchern, Tiroler in
Lodenjacken, Affen in schwarzen Rcken, Herren in Kniehosen; alle
tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnsthlen und Tischen, wobei
sie sich in Spiegelstcken vervielfltigten, die mit Goldpapier
aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und
sphte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und
wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen
die Prellsteine oder stie mit dem Knie seinen Kasten in die Hhe,
dessen Gurt ihm die Schultern drckte. In einem fort, bald
schwermtig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die
Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnrkelhaft
ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es
waren Melodien, die gerade Mode waren und die man berall hrte,
in den Theatern, Salons und Tanzslen, Klnge aus der fernen Welt,
die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klnge im
Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
Wie die Bajadere ber den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
Traum und von Trbsal zu Trbsal. Wenn der Mann die milden Gaben
in seiner Mtze gesammelt hatte, umhllte er seinen Kasten mit
einem blauwollnen berzug, nahm ihn auf den Rcken und verlie das
Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach.

Am unertrglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Ezimmer unten im
Erdgescho. Der Ofen rauchte, die Tre knarrte, die Wnde waren
feucht und der Fuboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins
schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des
ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres
ihr so widerwrtig gewordenen Lebens entgegen. Karl a und a,
whrend sie ein paar Nsse knackte oder, auf die Ellenbogen
gesttzt, sich damit vergngte, mit der Messerspitze allerlei
Linien in das Wachstuch zu kritzeln.

In der Wirtschaft lie sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in
ihrem ueren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
Strmpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
msse sich einschrnken, da sie nicht reich seien, fgte aber
hinzu, sie sei hchst zufrieden und beraus glcklich, und in
Tostes gefalle es ihr ber alle Maen. Mit solch wunderlichen
Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im brigen zeigte
sie sich fr die guten Lehren der Schwiegermutter nicht
empfnglicher denn frher. Als diese gelegentlich die Bemerkung
machte, die Herrschaft sei fr die Gottesfurcht der Dienstboten
verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und
einem so eiskalten Lcheln begleitet, da die gute Frau ihr nicht
wieder zu nahe kam.

Emma wurde unzugnglich und launisch. Sie lie sich besondre
Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrhrte; an dem
einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend
Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald
war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie
das Dienstmdchen angefahren hatte, machte sie ihr im nchsten
Augenblicke Geschenke oder lie sie in die Nachbarschaft ausgehen.
Aus hnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles
Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar
nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die
auf dem Lande gro geworden sind und lebenslang etwas von der
Hrte der vterlichen Hnde in ihrem Herzen behalten.

Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an
seine Heilung persnlich eine prchtige Truthenne und blieb drei
Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Whrend Karl auf Praxis war,
leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
Klbern, Khen, Hhnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er
wieder hinausgegangen war, schlo sie ihre Tr mit einem Gefhl
der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam.

Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwrdigsten
Ansichten zu uern. Sie tadelte, was andre fr gut hielten, und
billigte Dinge, die fr unnatrlich oder unmoralisch erklrt
wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu.

Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glcklich waren! In
Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs
waren als sie und ein gewhnlicheres Benehmen hatten. Sie
verwnschte die Ungerechtigkeit ihres Schpfers und drckte ihr
Haupt weinend an die Wnde vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult
der Welt, ihren nchtlichen Maskeraden und frechen Freuden und
allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab.

Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
ihr Baldriantropfen und Kampferbder. Das machte sie nur noch
reizsamer.

An manchen Tagen redete sie ohne Unterla wie eine Fieberkranke.
Dieser Aufgeregtheit folgte ein pltzlicher Umschlag in einen
Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich
zu rhren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das
bergieen mit Klnischem Wasser.

Dieweil sie sich fortwhrend ber Tostes beklagte, bildete sich
Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen rtlichen
Einflu verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken,
sich in einer andren Gegend niederzulassen.

Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
jegliche Elust.

Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt,
nach vierjhriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
mute sein! Er lie Emma in Rouen von seinem ehemaligen
Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervses Leiden;
Luftvernderung wre vonnten.

Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
Erfahrung, da im Bezirk von Neufchtel in einem greren
Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein
polnischer Refgi, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht
hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich,
wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nchsten Kollegen
entfernt sen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen
gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen
entschlo sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frhjahres nach
Abtei Yonville berzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht
gebessert habe.

Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
Schubfache. Da ri sie sich in den Finger und zwar an einem der
Drhte ihres Hochzeitsstraues. Die Orangenknospen waren grau vor
Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst.
Sie warf den Strau in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes
Stroh. Eine Weile glhte er noch wie ein feuriger Busch ber der
Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah
Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drhte
krmmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte
Papiermanschette zerfiel, und die Stcke flatterten im Kamine hin
und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang
hinaufflogen ...

Bei dem Weggange von Tostes, im Mrz, ging Frau Bovary einer guten
Hoffnung entgegen.




Zweites Buch




Erstes Kapitel


Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
Marktflecken, acht Wegstunden stlich von Rouen, zwischen der
Strae von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale
der Rieule, eines Nebenflchens der Andelle. Nahe seiner
Einmndung treibt der Bach drei Mhlen. Er hat Forellen, nach
denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
Belustigung angeln.

Man verlt die Heeresstrae bei La Boissire und geht auf der
Hochebene bis zur Hhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor
sich liegen sieht. Der Flu teilt es in zwei deutlich
unterscheidbare Hlften: zur Linken Weideland, rechts ist alles
bebaut. Diese Prrie, die sich bis zu den Triften der Landschaft
Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hgelkette begrenzt,
whrend die Ebene gegen Osten allmhlich ansteigt und sich im
Unermelichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es ber
meilenweite Kornfelder. Das Gewsser sondert wie mit einem langen
weien Strich das Grn der Wiesen von dem Blond der cker, und so
liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber
Mantel mit einem grnen silberngesumten Samtkragen.

Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
und die steilen Abhnge von Sankt Johann mit ihren eigentmlichen,
senkrechten, ungleichmigen roten Strichen. Das sind die Wege,
die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem
Grau der Berge rhren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen
im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land
schicken.

Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmtterlich
behandelten Gelndes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in
seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier
kommen die allerschlechtesten Kse des ganzen Bezirks von
Neufchtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend
kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dnger
verlangt.

Bis zum Jahre 1835 fhrte keine brauchbare Strae nach Yonville.
Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter Hauptvizinalweg
angelegt, der die beiden groen Heeresstraen von Abbeville und
von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den
Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber
trotz dieser neuen Verbindungen gelangte Yonville zu keiner
rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu
legen, blieb man hartnckig immer noch bei der
Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die
trge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem
Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den
Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der
sich faulenzend am Bache hingeworfen hat.

Von der Brcke, die ber die Rieule fhrt, geht der mit Pappeln
besumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehften
des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
Hauptgebuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
Nebenhuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen
buschige Bume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gert
hngen oder lehnen. Die Strohdcher sehen wie bis an die Augen ins
Gesicht hereingezogene Pelzmtzen aus; sie verdecken ein Drittel
der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich drres
Spalierobst an den weien, von schwarzem Geblk durchquerten
Kalkwnden der Huser empor. Die Eingnge im Erdgescho haben
drehbare Halbtren, damit die Hhner nicht eindringen, die auf den
Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.

Allmhlich werden die Hfe enger, die Gebude rcken nher
aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Huser
hngt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
Bndel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
drei neue Karren stehen davor und versperren die Strae. Weiterhin
leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weies
Landhaus, eine runde Rasenflche davor mit einem Amor in der
Mitte, der sich den Finger vor den Mund hlt. Die Freitreppe
flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glnzt
am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schnste der ganzen
Gegend.

Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Strae, beginnt
der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhhe umschliet, liegt
Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein
Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschieendes Gras grne
Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der
letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hlzerne Dach
beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der
Decke ber dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken.
ber dem Eingang befindet sich da, wo gewhnlich sonst in der
Kirche die Orgel ist, eine Empore fr die Mnner, zu der eine
Wendeltreppe hinauffhrt, die laut drhnt, wenn man sie betritt.

Das Tageslicht flutet in schrgen Strahlen durch die farblosen
Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Lngswand zu
Lngswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten
befestigt, und Namensschilder verknden weithin sichtbar: Platz
des Herrn Soundso. Wo sich das Schiff verengert, steht der
Beichtstuhl und ihm gegenber ein Standbild der Madonna, die ein
Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen
best, trgt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die
eines Gtzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor ber dem
Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer
Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung.
Die Chorsthle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich.

Fast die Hlfte des Marktplatzes von Yonville nehmen die Hallen
ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsulen. Das Rathaus,
nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil
erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der
Apotheke. Das Erdgescho hat eine dorische Sulenhalle, der erste
Stock eine offene Galerie, und darber im Giebelfelde haust ein
gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt
und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hlt.

Das Augenmerk des Fremden fllt immer zuerst auf die Apotheke des
Herrn Homais, schrg gegenber vom Gasthof zum goldnen Lwen.
Zumal am Abend, wenn die groe Lampe im Laden brennt und ihr
helles, durch die bunten Flssigkeiten in den dickbauchigen
Flaschen, die das Schaufenster schmcken sollen, rot und grn
gefrbtes Licht weit hinaus ber das Straenpflaster fllt, dann
sieht man den Schattenri des ber sein Pult gebeugten Apothekers
wie in bengalischer Beleuchtung. Auen ist sein Haus von oben bis
unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen mglichen
Schriftarten ausschreien: Mineralwasser von Vichy,
Sauerbrunnen, Selterswasser, Kamillentee, Kruterlikr,
Kraftmehl, Hustenpastillen, Zahnpulver, Mundwasser,
Bandagen, Badesalz, Gesundheitsschokolade usw. usw. Auf der
Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mchtigen
goldnen Buchstaben: Homais, Apotheker. Drinnen, hinter den
hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man ber
einer Glastre das Wort Laboratorium und auf der Tr selbst noch
einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen Homais.

Weitere Sehenswrdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
Hauptstrae (die einzige) reicht einen Bchsenschu weit und hat
zu beiden Seiten ein paar Kramlden. An der Straenbiegung ist der
Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange
folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.

Zur Zeit der Cholera wurde ein Stck der Kirchhofsmauer
niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
vergrert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
unbenutzt geblieben. Wie vordem drngen sich die Grabhgel nach
dem Eingangstor zu zusammen. Der Pfrtner, der zugleich auch
Totengrber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der
Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte
Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu
Jahr vermindert sich sein bichen Boden, und es brauchte blo
wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wte er nicht, ob er
sich ber die vielen Toten freuen oder ber ihre neuen Grber
rgern solle.

Lestiboudois, Sie leben von den Toten! sagte eines Tages der
Pfarrer zu ihm.

Diese gruselige Bemerkung stimmte den Kster nachdenklich. Eine
Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
auf den heutigen Tag zog er seine Erdpfel weiter. Ja, er
versichert sogar mit Nachdruck, sie wchsen ganz von selber.

Seit den Ereignissen, die hier erzhlt werden, hat sich in
Yonville wirklich nichts verndert. Noch immer dreht sich auf der
Kirchturmspitze die wei-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer
flattern vor dem Laden des Modewarenhndlers zwei Kattunwimpel im
Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke hliche
Prparate in Glasbchsen voll trbgewordnem Alkohol, und ganz wie
einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Lwe
ber dem Tore des Gasthofes den Vorbergehenden seine Pudelmhne.

An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte,
war die Lwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschftigt, da
ihr beim Hantieren mit ihren Tpfen der Schwei von der Stirne
perlte. Am folgenden Tag war nmlich Markttag im Stdtchen. Da
mute Fleisch zurechtgehackt, Geflgel ausgenommen, Bouillon
gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmigen
Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau
Gemahlin und Dienstmdchen! Am Billard lachten Gste, und in der
kleinen Gaststube riefen drei Mllerburschen nach Schnaps. Im
Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Kchentische
paradierten neben einer rohen Hammelkeule Ste von Tellern, die
nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Kchin Spinat
zerkleinerte. Vom Hofe aus ertnte das ngstliche Gegacker der
Hhner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
Kpfe abschneiden wollte.

Ein Herr in grnledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem
schwarzsamtnen Kppchen, wrmte sich am Kamin des Gastzimmers den
Rcken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes
Wesen strahlte frmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte
er genau so gleichmtig dahin wie der Stieglitz, der oben an der
Decke in seinem Weidenbauer herumhpfte. Dieser Herr war der
Apotheker.

Artemisia! rief die Wirtin. Leg noch ein bichen Reisig ins
Feuer! Flle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und
mach schnell! Ach, wenn ich nur wte, was ich den Herrschaften,
die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger
Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hren mit ihrem
Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Mbelwagen
steht drauen immer noch mitten auf der Strae, gerade vor der
Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben.
Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was
ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den
ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fnfzehnten Partie und
beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins
Tuch stoen!

Sie war auf einen Augenblick, den Kochlffel in der Hand, ins
Gastzimmer gelaufen.

Das wr auch weiter kein Malheur! meinte Homais. Dann schaffen
Sie gleich ein neues Billard an!

Ein neues Billard! jammerte die Witwe.

Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel!
Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden!
Und ein groer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler
groe Blle und schwere Queues. Mit solchen Bllchen spielt man
nicht mehr. Die Zeiten ndern sich! Man mu modern sein! Sehen Sie
sich mal bei Tellier im Caf Franais ...

Die Wirtin wurde rot vor rger, aber der Apotheker fuhr fort:

Sie knnen sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als
Ihrs. Und wenn es heit, eine patriotische Poule zu entrieren,
sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder fr die
berschwemmten von Lyon ...

Ach was! unterbrach ihn die Lwenwirtin verchtlich. Vor dem
Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur
gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Lwe bestehen wird,
sitzen auch Gste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes
Caf Franais, das wird eines schnen Tages die Bude zumachen!
Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres
Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wschefalten! Und
wenn Jagdgste da sind, knnen gleich sechse drauf bernachten!
Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
Hivert!

Sollen denn Ihre Tischgste mit dem Essen warten, bis die Post
gekommen ist? fragte Homais ungeduldig.

Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs,
einen wie alle Tage! So ein Muster von Pnktlichkeit gibts auf der
ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen
Stammplatz in der kleinen Stube. Er liee sich eher totschlagen,
als da er wo anders e. Was Schlechtes darf man dem nicht
vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er
ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb
acht erscheint und alles it, was man ihm vorsetzt! brigens ein
feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
gehrt.

Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Krassier und
jetzigen Steuereinnehmer!

Es schlug sechs. Binet trat ein.

Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
Krper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermtze blickte
ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrckt von dem
langjhrigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste
aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos
blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren,
weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder
Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange
bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine
Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und
ein guter Jger, hatte eine hbsche Handschrift und besa zu Hause
eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergngen Serviettenringe
drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der
Eifersucht eines Knstlers und dem Geiz des Spieers htete.

Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst muten dort aber die
drei Mllerburschen hinauskomplimentiert werden. Whrend man drin
fr ihn deckte, blieb er in der groen Gaststube stumm in der Nhe
des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Tre ein und
nahm seine Mtze ab. Das hatte alles so seine Ordnung.

An bermiger Hflichkeit wird der mal nicht sterben! bemerkte
der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war.

Er redet nie viel, entgegnete diese. Vergangene Woche waren
zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
Schnurren erzhlt haben. Ich wre beinahe umgekommen vor Lachen.
Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
verzogen.

Ja, ja, sagte der Apotheker, der Mensch hat keine Phantasie,
keinen Witz, keinen geselligen Sinn!

Er soll aber wohlhabend sein, warf die Wirtin ein.

Wohlhabend? echote Homais. Der und wohlhabend! Und gelassen
fgte er hinzu: Gott ja, so fr seine Verhltnisse. Das ist schon
mglich!

Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: Hm! Wenn ein Kaufmann, der
ein groes Geschft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein
Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da er zum Griesgram
oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele
und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie
oft ists mir nicht selber passiert, da ich meinen Federhalter auf
meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufllen
oder so was, -- und wei der Kuckuck, schlielich hatte ich ihn
hinterm rechten Ohre stecken!

Frau Franz ging indessen an die Haustr, um nachzusehen, ob die
Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat
ein schwarz gekleideter Mann in die Kche. Das Dmmerlicht
beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umflo seine herkulischen
Linien.

Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten? fragte die Wirtin und
nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weien
Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. Haben Ehrwrden
einen Wunsch? Ein Glschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?

Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen
lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich
holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um
nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria gelutet ward.

Als die Tritte des Geistlichen drauen verklungen waren, machte
der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr
ungebhrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen,
sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die
Pfaffen sffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten mchten sie
den Zehnten wieder einfhren.

Die Lwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.

Na, brigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
zugleich auf! meinte sie. Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim
Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schtten auf einmal
getragen. So stark ist er!

Natrlich! rief Homais aus. Schickt nur Eure Mdels solchen
Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen htte,
dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel
angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen
ordentlichen Aderla zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im
Lande!

Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!

Homais erwiderte:

Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als
die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich
verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine hhere
Macht, an einen Schpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage.
Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als
Staatsbrger und Familienvter erfllen. Aber ich habe kein
Bedrfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gert zu kssen und
eine Bande von Possenreiern aus meiner Tasche zu msten, die sich
besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel
schner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach
antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott
ist der Gott der Philosophen und Knstler. Ich bin fr Rousseaus
Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Fr die unsterblichen
Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten
lieben Gott, der mit einem Spazierstckchen in der Hand gemtlich
durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem
Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und
fr sich Bldsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es
beweist aber nebenbei, da sich die Pfaffen in der schmachvollen
Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen mchten, mir
Wollust selber herumsielen.

Er schwieg und berschaute seine Zuhrerschaft. Er hatte sich ins
Zeug gelegt, als sprche er vor versammeltem Gemeinderat. Die
Wirtin war lngst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte drauen
und vernahm ein fernes rollendes Gerusch. Bald hrte sie deutlich
das Rasseln der Rder und das Klappern eines lockeren Eisens auf
dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustre.

Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrdern, die bis an
das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche
Aussicht und bespritzten ihn fortwhrend. Die winzigen Scheiben in
den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie
heraufzog, sah man, da sie vor Staub und Straenschmutz starrten.
Der strkste Platzregen htte sie nicht rein gewaschen. Das
Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem
Vorderpferde.

Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wute gar nicht, wem er
zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nmlich allerlei Auftrge
fr die Landleute in der Stadt zu bernehmen. Er machte Einkufe,
brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er
besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der
Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rckwege
verteilte er dann die Pakete lngs seiner Fahrstrae. Wenn er am
Gehft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle
und warf das Paket ber den Zaun in das Grundstck, wobei er sich
von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne
Zgel laufen lie.

Heute kam er mit Versptung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel
querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach
ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurck; aller
Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlielich
aber mute weitergefahren werden.

Emma weinte und war ganz auer sich. Karl sei an diesem Unglck
schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhndler, der mit in der Post
fuhr, versuchte sie zu trsten, indem er ein Schock Geschichten
von Hunden erzhlte, die entlaufen waren und sich nach langen
Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
anderem wute er von einem Dackel zu berichten, der von
Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurckgefunden haben sollte.
Ein andrer Hund war hinter einander dreiig Meilen gelaufen und
hatte dabei vier Flsse durchschwommen. Und sein eigner Vater
hatte einen Pudel besessen; der war volle zwlf Jahre weg. Eines
Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus
ging, sprang der Hund an ihm hoch.




Zweites Kapitel


Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
eine Amme. Karl mute man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.

Homais stellte sich vor. Er erschpfte sich der gndigen Frau
und dem Herrn Doktor gegenber in Galanterien und Hflichkeiten.
Er sei entzckt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben,
ihnen gefllig sein zu drfen. Und in herzlichem Tone fgte er
hinzu, er lde sich fr heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei
Strohwitwer.

Frau Bovary begab sich in die Kche und an den Herd. Mit den
Fingerspitzen fate sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu
den Kncheln herauf und wrmte ihre mit schwarzledernen
Stiefeletten bekleideten Fe an der Glut, in der die Hammelkeule
am Spie gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt
und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre
porse weie Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von
Zeit zu Zeit schlssen. Der Luftzug strich durch die halboffene
Tr und rtete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am
Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem
Haar, der sie stumm betrachtete.

Es war Leo Dpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der
Stammgste im Goldnen Lwen. Er langweilte sich gehrig in
Yonville, und deshalb kam er zu Tisch fters absichtlich zu spt,
in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause
verplaudern zu knnen. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar
nichts zu tun hatte, mute er aus Langeweile wohl oder bel
pnktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Kse Binets
Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht,
heute mit den neuen Gsten zusammen zu essen; er war mit Vergngen
darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal fr vier
Personen gedeckt worden.

Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
Kppchen aufbehalten zu drfen. Er erklte sich leicht.

Frau Bovary sa ihm beim Essen zur Rechten.

Gndige Frau sind zweifellos ein wenig mde? begann er. In
unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerttelt.

Freilich! gab Emma zur Antwort. Aber dieses Drber und Drunter
macht mir gerade Spa. Ich liebe die Abwechselung.

Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist grlich! seufzte
der Adjunkt.

Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen mten ...,
warf Karl ein.

Leo wandte sich an Emma:

Grade das denke ich mir kstlich. Natrlich mu man ein guter
Reiter sein.

Ein praktizierender Arzt hats brigens in hiesiger Gegend
ziemlich bequem, meinte der Apotheker. Die Wege sind nmlich
soweit imstand, da man ein Kabriolett verwenden kann. Im
allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
abgesehen von den gewhnlichen Diarrhen, Rachenkatarrhen und
Magenbeschwerden, hin und wieder whrend der Erntezeit wohl Flle
von Wechselfieber, aber im groen und ganzen selten schwere
Krankheiten. Besonders zu erwhnen sind die zahlreichen
skrofulsen Leiden, die zweifellos von den klglichen hygienischen
Verhltnissen in den Bauernhusern herrhren. Ja, ja, Herr Bovary,
Sie werden fters mit altmodischen Ansichten zu kmpfen haben, und
vielfach werden Dickkpfigkeit und alter Schlendrian alle
Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute
hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit
Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt da sie von
vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im brigen ist
das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche
Neunzigjhrige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die
Maximalklte im Winter 4 Celsius, whrend wir im Hochsommer auf
25, hchstens 30 kommen. Das wre ein Maximum von 24 Reaumur.
Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, da wir einerseits vor
den Nordwinden durch die Wlder von Argueil, andrerseits vor den
Westwinden durch die Hhe von Sankt Johann geschtzt sind. Diese
Wrme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses
und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten
hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also
Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff
und Sauerstoff!), -- diese Wrme, die den Humus aussaugt und alle
Dnste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke
zusammenballt und sich mit der Elektrizitt der Atmosphre
verbindet, die knnte schlielich (wie in den Tropenlndern)
gesundheitsschdliche Miasmen erzeugen --, diese Wrme, sag ich,
wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen
knnte, das heit im Sden, durch die Sdostwinde abgekhlt, die
ihre Khle ber der Seine erlangen und bei uns bisweilen pltzlich
als sanftes Mailfterl wehen ...

Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?
fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gesprches mit dem jungen Manne.

Leider nur sehr wenige, entgegnete er. Einen hbschen Ort gibt
es auf der Hhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort
sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh
mir den Sonnenuntergang an.

Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang, schwrmte
Emma, zumal am Gestade des Meeres!

Ach, ich bete das Meer an! stimmte Leo bei.

Haben Sie nicht auch die Empfindung, fuhr Frau Bovary fort, da
die Seele beim Anblicke dieser unermelichen Weite Flgel bekommt,
die Flgel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben,
in die Sphre der Ideen, der Ideale?

Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso, meinte Leo. Ich habe
einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht
hat. Der hat mir erzhlt: ohne sie selber zu sehen, knne man sich
den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber
der Wasserflle und den groartigen Eindruck der Gletscher. ber
Giebchen hngen riesige Fichten, und am Rande von tiefen
Abgrnden kleben Alpenhtten; und wenn die Wolken einmal
zerreien, erblickt man tausend Fu unten in der Tiefe die langen
Tler. Wer das schaut, mu in Begeisterung geraten, in
Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen
berhmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften
arbeiten konnte.

Treiben Sie Musik? fragte Emma.

Nein, aber ich liebe die Musik! antwortete er.

Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor! mischte sich Homais ein.
Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewi, mein
Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das
Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem
Laboratorium aus gehrt. Sie haben eine Stimme wie ein
Opernsnger!

Leo Dpuis bewohnte nmlich im Hause des Apothekers im zweiten
Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem
Komplimente seines Hauswirtes wurde er ber und ber rot.

Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzhlte. Er wute
tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur ber das Vermgen des
Notars knne er nichts Genaues sagen. Auch ber die Familie
Tvache munkele man so allerlei.

Emma fuhr fort:

Das ist ja entzckend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?

Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...

Kennen Sie die Italiener?

Noch nicht. Aber ich werde sie nchstes Jahr hren. Ich habe die
Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu
vollenden.

Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,
sagte wiederum der Apotheker, als ich ihm von dem armen
Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den
Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der
komfortabelsten Huser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre
Bequemlichkeit gerade fr einen Arzt ist das Vorhandensein einer
Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch
unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle
denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein groes Ezimmer, eine
Kche mit Speisekammer, eine Waschkche, einen Obstkeller usw. Ihr
Vorgnger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht
ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flchen,
da hat er sich ein Lusthuschen bauen lassen, lediglich, um an
Sommerabenden sein Bier drin zu sffeln. Wenn die gndige Frau die
Blumenzucht liebt ...

Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab, unterbrach ihn Karl.
Obgleich ihr krperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie
lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.

Ganz wie ich! fiel Leo ein. Was wre wohl auch gemtlicher, als
abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen,
whrend drauen der Wind gegen die Fensterscheiben schlgt?

So ist es! stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren groen
schwarzen Augen voll an.

Er fuhr fort:

Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne da man
sich bewegt, wandert man mit dem Erzhler durch ferne Lande. Man
whnt sie vor Augen zu haben. Man trumt sich in die fremden
Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich
in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der
Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlge das eigne
Herz in ihnen.

Wie wahr! Wie wahr! rief Emma aus.

Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
lngst in sich selbst trgt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit
einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem,
als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...

Das hab ich schon erlebt! flsterte sie.

Und darum, fuhr er fort, liebe ich die Dichter ber alles. Ich
finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rhren so schn zu
Trnen!

Aber sie ermden auf die Dauer, wandte Emma ein, und daher
ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie mssen spannend und
aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
Gefhle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.

Gewi, bemerkte der Adjunkt, die naturalistischen Romane haben
dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner
Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so s, sich
aus den Hlichkeiten des Daseins herauszuzchten, wenigstens in
Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu
glckseligen Zustnden. Fr mich, der ich hier fern der groen
Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville
wenig Gelegenheit ...

Jedenfalls genau so wie in Tostes! bemerkte Emma. Drum war ich
stndig in einer Leihbibliothek abonniert.

Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehrt. Wenn gndige Frau
mir die Ehre erweisen wollen, sagte er, meine Bibliothek zu
benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfgung. Sie enthlt die besten
Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, auerdem ein
paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den Leuchtturm von
Rouen, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent fr Buchy, Forges,
Neufchtel, Yonville und Umgegend ich bin.

Man sa bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne
Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen
saumselig ber die Dielen schlrfte, jeden Teller einzeln
hereinbrachte, allerlei verga, jeden Auftrag berhrte und immer
wieder die Tre zum Billardzimmer offen lie, die dann krachend
von selber zuklappte.

Ohne es zu bemerken, hatte Leo, whrend er so eifrig plauderte,
einen Fu auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem
Frau Bovary sa. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen
und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie
mit ihrem Kopfe machte, berhrte ihr Kinn den Batist oder
entfernte sich grazis davon. So kamen Leo und Emma, whrend sich
Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen
Gesprche, die um tausend oberflchliche Dinge kreisen und keinen
andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu
bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tnze,
die ihnen fremde groe Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte,
und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berhrten sie in
ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war.

Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen
Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die
kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war lngst am erloschenen
Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben.
Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau
Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Hcksel, und auf einem
Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch
hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran.

Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Sulen der Hallen auf dem
Markte warfen lange Schatten ber das Pflaster. Der Boden war
hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur
fnfzig Schritte vom Goldnen Lwen entfernt lag, wnschte man sich
alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander.

Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die
Empfindung, als lege sich ihr die Khle der Wnde wie feuchte
Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drauen
Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
Nebelmeer darber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden
Dmpfe.

Im Zimmer standen Kommodenksten, Flaschen, Gardinenstangen,
Mbelstcke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer
hatten alles so stehen und liegen lassen.

Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das
erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das
zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schlo
Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein
neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da
sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen
knnten; und da ihr bisheriges Stck Leben hlich gewesen war, so
msse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schner sein.




Drittes Kapitel


Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
Adjunkt ber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
zu ihr herauf und grte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
schlo das Fenster.

Den ganzen Tag ber konnte es Leo Dpuis kaum erwarten, da es
sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Lwen kam, fand
er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische
sa.

Das gestrige Mahl war fr Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis
dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer Dame
geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche
Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem
unmglich gewesen. Er war von Natur schchtern und wahrte eine
gewisse Zurckhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei
zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er
hrte still zu, wenn ltere Herren disputierten, und zeigte sich
in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen
Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa er allerlei Talent: er
aquarellierte, er war musikalisch, er beschftigte sich in seinen
Muestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten
spielte. Der Apotheker schtzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und
Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er hflich und gefllig war;
fters widmete er sich nmlich im Garten ihren Kindern, kleinem
Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und
dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmdchen und dann noch
besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens
Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von
diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art
Mann fr alles geworden war.

Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary
die besten Adressen fr ihre Einkufe, lie seinen
Apfelweinlieferanten eigens fr sie herkommen, beteiligte sich an
der Weinprobe und gab persnlich acht, da das bestellte Fa einen
geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und
billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den
Kirchendiener, als Grtner; neben seinen mtern in Kirche und
Gottesacker hielt dieser nmlich die Grten der Honoratioren von
Yonville instand; man engagierte ihn stundenweise oder aufs
Jahr, ganz wie es gewnscht wurde.

Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem
Herzensbedrfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nmlich
frher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventse des Jahres XI
verstoen, wonach die rztliche Praxis jedem verboten ist, der
sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines
Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor
den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte
ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf
dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
Gerichtssitzung gewesen. Von drauen, vom Gange her, waren dem
Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es
war ihm, als hrte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlsser.
Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag wrde ihn rhren.
Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Trnen, die
Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier
Winde verstreut. Hinterher mute er seine Lebensgeister in einem
Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine
bringen.

Allmhlich verblate die Erinnerung an diese Vermahnung, und
Homais hielt von neuem in seinem Hinterstbchen rztliche
Sprechstunden ab. Da aber der Brgermeister nicht sein Freund war
und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
durch kleine Geflligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar wrden.
Er brachte dem Arzt alle Morgen den Leuchtturm, und oft verlie
er nachmittags auf ein Viertelstndchen sein Geschft, um ein
wenig mit ihm zu schwatzen.

Karl war migestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang
sa er vor sich hinbrtend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er
machte in seinem Sprechzimmer ein Schlfchen oder sah seiner Frau
beim Nhen zu. Um sich ein wenig Beschftigung zu machen,
verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die
Bodentre mit dem Rest von lfarbe anzupinseln, den die
Anstreicher dagelassen hatten.

Am meisten drckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes
eine betrchtliche Summe ausgegeben fr neue Anschaffungen im
Hause, fr die Kleider seiner Frau und neuerdings fr den Umzug.
Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren
daraufgegangen. Bei der bersiedelung von Tostes nach Yonville war
vieles beschdigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
tnerne Mnch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in
tausend Stcke zerschellt war.

Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
Frau. Je nher diese ihrer Erfllung entgegengingen, um so
liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knpfenden neuen Bande
von Fleisch und Blut machten das Gefhl der ewigen
Zusammengehrigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trgen
Gange zusah, wenn er das allmhliche Vollerwerden ihrer
miederlosen Hften bemerkte, wenn sie mde ihm gegenber auf dem
Sofa sa, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
seinem Glcke nicht fassen. Er sprang auf, kte sie, streichelte
ihr Gesicht, nannte sie Mammchen, wollte mit ihr im Zimmer
herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend
zrtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der
Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Kstliches. Jetzt fehlte
ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was
Menschen erleben knnen, und er durfte zufrieden und vergngt
sein.

In der ersten Zeit war Emma ber sich selbst arg verwundert. Dann
kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
wollte wissen, wie es sein wrde, wenn das Kind da war. Aber als
sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhngen
und gestickte Kinderhubchen zu kaufen, da berkam sie eine
pltzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung
selber sorglich auszuwhlen, und berlie die Herstellung in
Bausch und Bogen einer Nherin. So lernte sie die stillen Freuden
dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mtter so zrtlich
stimmen, und vielleicht war dies der Grund, da ihre Mutterliebe
von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei
allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch
Emma mehr daran zu denken.

Sie wnschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
sollte er werden, und Georg mte er heien! Der Gedanke, einem
mnnlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
Entschdigung fr alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein
nicht erfllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier
Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf
gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten
Glckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten.
Tatenlos und doch genufreudig, steht sie zwischen den
Verfhrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hlt, so gibt
es fr die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen
mchte, und immer irgendwelche herkmmliche Moral, die sie nicht
loslt.

An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, frh gegen sechs Uhr, als
die Sonne aufging.

Es ist ein Mdchen! verkndete Karl.

Emma fiel im Bett zurck und ward ohnmchtig. Schon stellten sich
auch Frau Homais und die Lwenwirtin ein, um die Wchnerin zu
umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorlufige
Glckwnsche durch die Trspalte zu. Er wollte die neue
Erdenbrgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.

Whrend der Genesung grbelte Emma nach, welchen Namen das Kind
bekommen sollte. Zunchst dachte sie an einen italienisch
klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl uerte
den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber
davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch
und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.

Herr Leo, berichtete der Apotheker, mit dem ich neulich darber
gesprochen habe, wundert sich darber, da Sie nicht den Namen
Magdalena whlen. Der sei jetzt sehr in Mode. Aber gegen die
Patenschaft einer solchen Snderin strubte sich die alte Frau
Bovary gewaltig. Homais fr seine Person hegte eine Vorliebe fr
Namen, die an groe Mnner, berhmte Taten und hohe Werke
erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen
Sprlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
Freiheit!), Irma (ein Zugestndnis an die Romantik!) und Athalia
(zu Ehren des Meisterstcks des franzsischen Dramas!). Seine
philosophische berzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der
Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den
Gefhlsmenschen. Er verstnde sich darauf, das eine vom andern zu
scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.

Zu guter Letzt fiel Emma ein, da sie im Schlo Vaubyessard gehrt
hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit Berta-Luise
angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die
Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde
Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk
allerlei Gegenstnde aus seinem Geschft, als wie: sechs
Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Bchsen Marmelade
und sechs Pckchen Malzbonbons.

Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likr gab der Apotheker ein
patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Dpuis eine Barkarole
vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze
aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand
darauf, da das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine
Berta, indem er ihr ein Glas Sekt von oben ber den Kopf go.
Den Abb Bournisien rgerte diese Profanation einer kirchlichen
Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spttisches
Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen
baten ihn instndig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich
ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen.
Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten
Kaffeetasse.

Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
verblffte die Yonviller durch das prchtige Stabsarztskppi mit
Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf
dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmiger starker
Schnapstrinker schickte er das Dienstmdchen hufig in den Goldnen
Lwen, um seine Feldflasche fllen zu lassen, was
selbstverstndlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine
Halstcher zu parfmieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an
Klnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besa.

Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in
der Welt herumgekommen. Er erzhlte von Berlin, Wien, Straburg,
von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten,
die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte
Schwerenter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, fate
er Emma um die Taille und rief aus: Karl, nimm dich in acht!

Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglck
ihres Sohnes. Sie frchtete, ihr Mann knne am Ende einen
unsittlichen Einflu auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausben,
und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch
schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen.

Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in
die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie pltzlich Sehnsucht,
das kleine Mdchen zu sehen. Unverzglich machte sie sich auf den
Weg zu diesen Leuten, deren Huschen ganz am Ende des Ortes,
zwischen der Landstrae und den Wiesen, in der Tiefe lag.

Es war Mittag. Die Fensterlden der Huser waren alle geschlossen.
Die sengende Sonne brtete ber den Schieferdchern, deren
Giebellinien richtige Funken sprhten. Ein schwler Wind wehte.
Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Fen
weh. Sie ward sich unschlssig, ob sie umkehren oder irgendwo
eintreten und sich ausruhen sollte.

In diesem Augenblick trat Leo aus dem nchsten Hause heraus, eine
Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrte sie und
stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem
Lheureuxschen Modewarenladen.

Frau Bovary erzhlte ihm, da sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
aber mde zu werden beginne.

Wenn ..., fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.

Haben Sie etwas vor? fragte Emma. Auf die Verneinung des
Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tvache, die
Brgermeistersgattin, erklrte in Gegenwart ihres Dienstmdchens,
Frau Bovary habe sich kompromittiert.)

Um zu der Amme zu gelangen, muten die beiden am Ende der
Hauptstrae links abgehen und einen kleinen Fuweg einschlagen,
der zwischen einzelnen kleinen Husern und Gehften in der
Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den
Pfad umsumten, blhten, und es blhten die Veroniken, die wilden
Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstrucher. Durch Lcken
in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der
kleinen Gehfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre
Hrner an den Stmmen der Bume wetzte.

Seite an Seite wandelten sie gemchlich weiter. Emma sttzte sich
auf Leos Arm, und er verkrzte seine Schritte nach den ihren. Vor
ihnen her tanzte ein Mckenschwarm und erfllte die warme Luft mit
ganz leisem Summen.

Emma erkannte das Haus an einem alten Nubaum wieder, der es
umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache.
Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine
Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Grtlein mit Salat,
Lavendel und blhenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An
der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trbes Wsserchen
rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch
verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote
baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und ber der Hecke
flatterte ein groes Stck Leinwand.

Beim Knarren der Gartentre erschien die Tischlersfrau, ein Kind
an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwchlich
aussehendes, skrofulses Jngelchen. Es war das Kind eines
Mtzenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschft zu sehr in
Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten.

Kommen Sie nur herein! sagte die Frau. Ihre Kleine schlft
drinnen.

In der einzigen Stube im Erdgescho stand an der hinteren Wand ein
groes Bett ohne Vorhnge. Die Seite am Fenster, in dem eine der
Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In
der Ecke hinter der Tre standen unter der Gosse Stiefel mit
blanken Ngeln, daneben eine Flasche l, aus deren Hals eine Feder
herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein
Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstmpfe und ein paar Fetzen
Zndschwamm. Ein weiteres Schmuckstck dieses Gemachs war eine
trompetende Fama, offenbar das Reklameplakat einer Parfmfabrik,
das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war.

Emmas Tchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie
nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann
es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang.

Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schne Frau in ihrem hellen
Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
vor. Sie ward pltzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind
wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am
Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke
abzuwischen. Sie beteuerte, man she nichts mehr davon.

Mir kommt sie noch ganz anders! meinte die Frau. Ich habe
weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu subern. Wenn Sie
doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, da
ich mir bei ihm ein bichen Seife holen kann, wenn ich welche
brauche. Das wre auch fr Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann
nicht immer zu stren.

Meinetwegen! sagte Emma. Auf Wiedersehn, Frau Rollet!

Beim Hinausgehen schttelte sie sich.

Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie
in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so
hufig aufstehen zu mssen. Manchmal bin ich frh so zerschlagen,
da ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfndchen
gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn frh mit Milch
trinke, reiche ich damit vier Wochen.

Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau ber sich
hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
mit ihrem Begleiter ein Stck auf dem Fuwege gegangen, als sie
das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte
sich um. Es war die Amme.

Was wollen Sie noch?

Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von
ihrem Manne zu erzhlen. Bei seinem Handwerke und seinen sechs
Franken Pension im Jahre ...

Machen Sie rasch! unterbrach Emma ihren Wortschwall.

Ach, liebste Frau Doktor, fuhr die Frau fort, indem sie zwischen
jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, ich habe Angst, er wird
bse, wenn er sieht, da ich allein fr mich Kaffee trinke. Sie
wissen, wie die Mnner sind ...

Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
Sie langweilen mich.

Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja blo fr die
schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...

Na, was wollen Sie denn noch? fragte Emma.

Wenn es also, fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte,
wenn es also nicht zuviel verlangt ist ... Sie machte abermals
einen tiefen Knicks. Wenn Sie so gut sein wollen ...

Ihre Augen bettelten gottsjmmerlich. Endlich bekam sie es heraus:

Ein Bullchen Branntwein! Ich knnte damit auch die Fe Ihrer
Kleinen ein bichen einreiben. Sie sind so riesig zart ...

Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie
Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwrts. Dann wurde
sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war,
glitt ber die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen
Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes
wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Ngel an seiner Hand
fielen ihr auf; sie waren lnger, als man sie in Yonville sonst
trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschftigungen des Adjunkten;
er besa dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
aufbewahrte.

Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Stdtchen zurck. Jetzt in
der heien Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, da man
drben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von
den Gartenpforten fhrten kleine Treppen in das Wasser. Es flo
lautlos und rasch dahin, Khle verbreitend. Hohe, dnne Grser
neigten sich zur klaren Flut und lieen sich von der Strmung
treiben; das sah aus wie ausgelstes, langes, grnes Haar. Hin und
wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen
und auf den Blttern der Wasserrosen. In den kleinen blauen
Wellen, im Zerflieen schon wieder neugeboren, glitzerte die
Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen
Stmme auf dem Wasser. Und hben die weiten Wiesen lagen so
verlassen ...

Es war die Stunde, da man in den Gutshfen zu Mittag it. Die
junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang
ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie
redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.

Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
nach berschreitung eines Stegs hingingen, glhten wie die
Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
Mauerblumen. Im Vorbergehen stie Frau Bovary mit dem Rande ihres
Sonnenschirmes an die welken Blten; gelber Staub rieselte herab.
Ab und zu streifte eine berhngende Jelnger-jelieber- oder
Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick
in den Spitzen hngen.

Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tnzer, die demnchst
im Rouener Theater gastieren sollte.

Werden Sie hinfahren? fragte Emma.

Wenn ich kann, ja!

Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
sprachen eine viel ernstere Sprache, und whrend sie sich mit so
banalen Redensarten abqulten, fhlten sie sich alle beide im
Banne der nmlichen schwlen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
Unterton dominierte heimlich ohne Unterla in ihrem
oberflchlichen Gesprch. Betroffen von diesem ungewohnten sen
Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
Knftiges Glck ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit
ber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch
herber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen lt, ohne
den Horizont nach dem Woher zu fragen.

An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen
und Hufspuren; man mute ein paar groe moosbewachsene Steine, die
Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma
eine Weile stehen, um zu ersphen, wohin sie den nchsten Schritt
zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen
hoch und beugte sich vornber. Aber bei aller Hilflosigkeit und
Angst, in den Tmpel zu treten, lachte sie doch.

Vor ihrem Garten angelangt, stie Frau Bovary die kleine Pforte
auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bltterte in
einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlielich
ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Hhe von
Argueil ein Stck hinauf, nach dem Futterplatz am Waldrande.
Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
Himmelsblau, die Hnde locker ber den Augen.

Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig! seufzte er.

Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als
Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem grlichen
Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten
Backenbart, seiner ewigen weien Krawatte, dem mangelte auch der
geringste Sinn fr hhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit
gewesen, da er dem Adjunkten mit seinen formellen
Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville?
Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin,
sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter,
Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in
der Wirtschaft lie sie alles drunter und drber gehn. Sie war
eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewhnlich aus und war in
ihrer Unterhaltung hchst beschrnkt. Alles in allem war sie eine
ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreiig Jahre
alt war und er zwanzig, obwohl er Tr an Tr mit ihr schlief und
obgleich er tglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in
den Sinn gekommen, da sie irgendjemandes Frau sein knne und mit
ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Rcke.

Und wen gab es auerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar
Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
Brgermeister Tvache und seine beiden Shne, groprotzige,
mrrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre cker selber pflgten,
unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmuser, mit
denen zu verkehren glatt unmglich war.

Von dieser Masse alltglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lgen
tiefe Abgrnde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er
Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte
die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn
bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht,
fr aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem
vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmglich schien.




Viertes Kapitel


Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem
Zimmer in die Groe Stube ber, einem lnglichen niedrigen Raume
im Erdgeschosse. Gewhnlich sa sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle
und betrachtete die Leute, die drauen vorbergingen.

Leo kam tglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
Lwen und zurck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie
neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an
der Scheibengardine vorber, immer tadellos gekleidet und ohne den
Kopf zu wenden. Oft aber in der Dmmerung, wenn sie, auf dem
Schoe die begonnene Stickerei, vertrumt dasa, berlief sie ein
Schauer beim pltzlichen Vorbergleiten seines Schattens. Dann
fuhr sie auf und befahl das Essen.

Der Apotheker kam mitunter whrend der Tischzeit. Sein Kppchen in
der Hand, trat er geruschlos ein, um ja niemanden zu stren,
jedesmal mit derselben Redensart: Guten Abend, die Herrschaften!
Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den
Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits
erkundigte, ob diese auch zahlungsfhig seien. Sodann unterhielten
sich die beiden ber das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um
diese Stunde wute Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
darin berichteten merkwrdigen Vorgnge des In- und Auslands. Wenn
auch dieser Gesprchsstoff erschpft war, konnte er ein paar
Bemerkungen ber die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrcken.
Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary
artig auf das zarteste Stck Fleisch aufmerksam, oder er wandte
sich an das Dienstmdchen und gab ihr Ratschlge ber die
Zubereitung eines Ragouts oder ber die richtige Verwendung der
Gewrze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis ber
aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Sfte zu
sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen
in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitren, Weinessig
und sen Likren war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle
neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Kchenkonomie, nicht minder
das beste Verfahren, Kse zu konservieren und verdorbne Weine
wieder verwendbar zu machen.

Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
Schlieen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen
Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufllig im Zimmer war. Er
kannte nmlich die Vorliebe seines Famulusses fr das Haus des
Arztes.

Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf! meinte er. Der
Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmdel
verguckt!

brigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche
auf alles, was in seinem Hause gesprochen wrde. Beispielsweise
sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn
er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu
schaffen.

An diesen Sonntagsabenden erschienen brigens nur wenige Gste.
Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
Hauptpersnlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und
seiner politischen Ansichten berworfen. Aber der Adjunkt stellte
sich regelmig ein. Sobald er die Haustrklingel hrte, eilte er
Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die
berschuhe, die sie bei Schnee trug.

Zunchst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
Emma und der Apotheker Ecart. Leo stand hinter ihr und half ihr.
Die Hnde auf die Rckenlehne ihres Stuhles gesttzt, betrachtete
er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei
jeder ihrer Bewegungen whrend des Kartenspiels raschelte ihr
Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte
ihre Haut einen brunlichen Farbenton, der sich nach dem Rcken zu
aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock
bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine
Menge Falten und bedeckte ein Stck des Bodens. Wenn Leo hin und
wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
zog er den Fu rasch zurck, als habe er einen Menschen getreten.

Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und
sah sich, die Ellbogen aufgesttzt, die Illustrierte Zeitung an.
Oft hatte sie auch ihren Bazar mitgebracht. Leo nahm neben ihr
Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit
dem Umblttern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte
vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten
Stellen flsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine strte ihn.
Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch
unverschmtes Glck. Wenn die dreihundert Points erreicht waren,
setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange,
da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
Erlschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hrte ihm
zu, wobei sie halb unbewut in einem fort den Lampenschirm
herumdrehte, auf dessen dnnen Kattun Pierrots in einer Kutsche
und Seiltnzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit
einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die
eingeschlafene Zuhrerschaft, und nun sprachen sie lispelnd
miteinander. Diese leise Plauderei dnkte beide um so ser, als
niemand ihrer lauschte.

So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
fortwhrender Austausch von Romanen und Gedichtbchern. Karl, der
keine Neigung zur Eifersucht besa, hatte nichts dagegen. Zu
seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schdel, der
ber und ber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine
Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach
Rouen, um dort Besorgungen fr das Ehepaar zu machen. Als infolge
eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein
Exemplar, das er whrend der Fahrt in der Post vor sich auf den
Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger.

Emma lie vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett fr ihre
Blumentpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim
Begieen ihrer Blumen sahen sich die beiden.

Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine
Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle
Blumen und Bltter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem
Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Kchin; sogar seinem
Chef erzhlte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber
warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare
Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es
unumstlich fest: sie war seine gute Freundin.

Leo verstrkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
unaufhrlich und vor jedermann von Emmas Schnheit und Klugheit
schwrmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehrig grob:

Was geht mich denn das an? Ich gehre nicht zu der Clique!

Der Verliebte marterte sich mit Grbeleien ab, wie er sich Emma
erklren knne. Er schwankte fortwhrend zwischen der Furcht, sich
ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham ber seine Feigheit. Er
vergo Trnen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft
genug entschlo er sich zu khner Entscheidung. Er schrieb Briefe,
die er wieder zerri; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch
verstreichen lie. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr,
alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut,
und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart
zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen,
war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der gndigen Frau adieu
und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stck von ihr?

Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war
ihr Glaube, da die Liebe mit einem Male dasein msse, unter
Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
Menschen packt und erschttert, ihnen den freien Willen entreit,
wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund
schwemmt. Sie wute nicht, da der Regen auf den flachen Dchern
der Huser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so
wre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit
einem Male den Ri in der Mauer bemerkt htten.




Fnftes Kapitel


Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.

Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
halbe Stunde talabwrts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und
Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten;
und auch Justin war dabei, ein Bndel Regenschirme auf der
Schulter.

Die neue Sehenswrdigkeit war eigentlich nichts weniger als
sehenswert. Um einen groen den Platz, auf dem zwischen Sand- und
Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenrder lagen, zog
sich im Viereck ein Gebude mit einer Menge kleiner Fenster hin.
Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl
erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein
Hebefestkranz aus Stroh und hren mit einem im Winde flatternden
wei-rot-blauen Wimpel.

Homais machte den Fhrer. Er erklrte der Gesellschaft die
knftige Bedeutung des Etablissements und schtzte die Strke der
Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein
Meterma bei sich zu haben.

Emma hatte sich bei ihm eingehngt. Sie sttzte sich ein wenig auf
seinen Arm und schaute trumerisch in die Ferne nach der
Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kmpfte.
Pltzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine
Mtze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine
dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blden Zug
verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behbiger Rcken rgerte
sie. Sie fand, die breite Flche seines Mantels kennzeichne die
ganze Plattheit von Karls Persnlichkeit.

Whrend sie ihn so verchtlich musterte, geno sie eine gewisse
perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Klte machte ihn
bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte.
Sein vorn offener Kragen lie zwischen Krawatte und Hals ein Stck
Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den
Strhnen seines Haars hervor, und seine groen blauen Augen, die
zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schner vor
als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel
spiegelt.

Rabenkind! schrie pltzlich der Apotheker und scho auf seinen
Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schne
weie Schuhe zu bekommen. Als er tchtig ausgescholten wurde,
begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen
mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht.
Karl bot ihm seins an.

Unerhrt! dachte Emma bei sich. Er trgt ein Messer in der
Tasche wie ein Bauer!

Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
Heimweg nach Yonville.

An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinber.
Als ihr Mann fort war und sie sich allein wute, begann sie die
beiden Mnner von neuem zu vergleichen, und der andere stand in
geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentmlichen
Linienvernderung, die das menschliche Gedchtnis vornimmt. Von
ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben --
ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da,
in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und
fhrte an der andern Athalia, die bedchtig an einem Eiszapfen
saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem
Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an
andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem
Tone. Wie sein Wesen berhaupt sei ...

Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flsterte sie immer wieder vor
sich hin: Ach, s, s! Und dann fragte sie sich: Ob er eine
liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!

Mit einem Male sprach alles dafr. Das Herz schlug ihr vor Freude.
Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke frhliche Lichter. Emma
legte sich auf den Rcken und breitete ihre Arme weit aus.

Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: Ach, warum hat es der
Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?

Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache
sie auf; und als er sich etwas geruschvoll auszog, klagte sie
ber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend
verlaufen sei.

Leo ist heute zeitig gegangen, erzhlte Karl.

Sie mute lcheln, und mit dem Gefhl einer ungeahnten
Glckseligkeit schlummerte sie ein.

Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
Lheureux, des Modewarenhndlers. Der war, wie man zu sagen pflegt,
mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er
doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die
lebhafte Redseligkeit des Sdlnders und die nchterne
Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes,
aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit
Sholztinktur gefrbt, und sein weies Haar brachte den scharfen
Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was
er frher getrieben, wute man nicht. Manche munkelten, er sei
Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas
aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
ausfhren. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er
kriechend hflich; er lief in immer halb gebckter Haltung herum,
als ob er jemanden gren oder einladen wollte.

Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Tre
ab, stellte einen grnen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, da er
ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei
eine armselige Butike wie die seine nicht gerade verlockend fr
eine elegante Dame. Diese beiden Worte betonte er ganz
besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich
anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wsche,
Strmpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmig viermal
im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in
Verbindung. Sie knne sich berall nach ihm erkundigen. Heute
komme er nur ganz im Vorbergehen, um der gndigen Frau ein paar
feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders
gnstigen Gelegenheitskauf erworben htte. Dabei packte er aus dem
Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen.

Frau Bovary besah sie sich.

Ich brauche nichts, bemerkte sie.

Nunmehr kramte der Hndler behutsam drei algerische Seidentcher
aus, mehrere Pakete englischer Nhnadeln, ein paar strohgeflochtne
Pantoffeln und schlielich vier Eierbecher aus Kokosnuschale,
filigranartige Schnitzarbeiten von Strflingen. Sich mit beiden
Hnden auf den Tisch sttzend, mit langem Hals und offnem Mund,
beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen
Gegenstnden herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem
Fingernagel ber die lang hingebreiteten Tcher, als wolle er ein
Stubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grnliche
Dmmerlicht glitzerte auf den Goldfden des Gewebes in sternigen
Funken.

Was kostet so ein Tuch? fragte Emma.

Ein paar Groschen! antwortete er. Ein paar Groschen! Aber das
eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen pat! Unsereiner ist ja kein
Jude!

Sie dachte einen Augenblick nach, schlielich dankte sie dem
Hndler, der gelassen erwiderte:

Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen
vertragen, mit meiner nur nicht.

Emma lchelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes
fort:

Ich wollte damit nur gesagt haben, da Geld Nebensache ist. Wenn
Sie mal welches brauchten, knnten Sie es von mir haben.

Sie machte eine erstaunte Miene.

Schnell flsterte er:

Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf knnen Sie
sich verlassen!

Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
Tellier, dem Wirt vom Caf Franais, den Bovary gerade in
Behandlung hatte.

Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, da
sein ganzes Haus wackelt. Ich frchte, ich frchte, er lt sich
eher zu einem berzieher aus Fichtenholz Ma nehmen als zu einem
aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schne
Zicken gemacht! Die Sorte, gndige Frau, die wird nie vernnftig!
Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer
betrbend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu
Ende geht.

Whrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
schwatzte er so von allen mglichen Patienten des Arztes.

Das liegt am Wetter, ganz zweifellos! erhrte er, indem er
verdrielich durch die Fensterscheiben sah. Das bringt alle diese
Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fhle mich gar nicht
recht au fait. Werde wohl demnchst auch mal zu Ihrem Herrn
Gemahl in die Sprechstunde kommen mssen. Meiner Kreuzschmerzen
wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer
Verfgung! Gehorsamster Diener!

Und er schlo die Tre sacht hinter sich.

Emma lie sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
schmeckte ihr alles vorzglich.

Wie vernnftig ich doch war! sagte sie bei sich und dachte an
die Seidentcher.

Da hrte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell
auf und nahm von der Kommode von einem Sto Wischtcher, die
gesumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann
eintrat, tat sie sehr beschftigt.

Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
schwieg immer wieder, und Leo war aus Schchternheit einsilbig. Er
sa nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem
elfenbeinernen Nadelbchschen.

Emma nhte oder glttete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den
umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil
ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer wei
was gesprochen htte.

Armer Junge! dachte sie.

Warum bin ich bei ihr in Ungnade? fragte er sich.

Schlielich fing er an zu reden. Er msse in den nchsten Tagen
nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.

Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?

Nein, entgegnete sie.

Warum nicht?

Weil ...

Emma bi sich auf die Lippen. Umstndlich zog sie den grauen Zwirn
hoch. Leo rgerte sich ber ihre Emsigkeit. Warum zersticht sie
sich die Finger? dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch
den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen.

So wollen Sie es also aufgeben?

Was? fragte sie nervs. Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe
soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und
tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!

Sie blickte nach der Uhr. Karl htte schon lngst heim sein
mssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie
im Gesprche:

Mein Mann ist so gut!

Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
Zrtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
stimmte er in ihr Lob ein.

Darber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!
erklrte er.

Ja, ja, er ist ein prchtiger Mensch! wiederholte sie.

Gewi! besttigte der Adjunkt.

Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, ber deren sehr
nachlssige Kleidung sich die beiden sonst hufig amsierten.

So schlimm ist es gar nicht! behauptete Emma heute. Eine gute
Hausfrau kann sich nicht blo um ihre Toilette kmmern.

Dann versank sie in ihr frheres Stillschweigen.

So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kmmerte sich
um ihr Haus, ging wieder regelmig in die Kirche und hielt ihr
Dienstmdchen strenger.

Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurckgeholt. Wenn Besuch
kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was
fr stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder htte sie
ber alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glck.
Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwrmerischen
Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren
keine! -- an die Sachette in Viktor Hgos Notre-Dame erinnert
htten.

Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewrmt am Kamine
stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an
seinen Hemden waren die Knpfe immer vollzhlig. Er hatte sogar
das Vergngen, seine Hte und Mtzen wohlgeordnet im Schranke
hngen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn
zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit
jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst
wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fgte sie sich ohne Murren.
Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hnde
ber dem Bauche gefaltet, die Fe behaglich gegen die Glut
gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die uglein in eitel
Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich
herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie
sich ber die Lehne seines Grovaterstuhls beugte und ihm einen
Ku auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich:

Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!

Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
sie zu vergttern. Allmhlich verlor sie in seinen Augen ihre
Krperlichkeit, die nun einmal doch fr ihn nicht da war. Vor
seiner Phantasie schwebte sie immer hher, umstrahlt von einer
Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
Verlust mehr Schmerz bereitet, als der krperliche Besitz der
Geliebten Genu gewhrt.

Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
schmchtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren groen
Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer
jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne
den Erdboden zu berhren, und es war, als trge sie auf der Stirne
das geheimnisvolle Mal einer hheren Bestimmung. Sie war so
traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, da man ihre
Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in
den Kirchen in den Duft der Rosen die Klte des Marmors, so da
man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem
niemand entrann.

Sie ist eine Frau groen Stils, sagte der Apotheker einmal, sie
mte einen Minister zum Manne haben!

Die Spiebrger rhmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
hfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.

Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha.
Hinter ihrem klsterlichen Kleid strmte ein weltverlangendes
Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
um in der Vorstellung ungestrt zu schwelgen. Diese Wollust der
Trume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur
gestrt. Beim Hren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber
eintrat, verflog diese Erregung, und sie fhlte nichts als
namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.

Leo ahnte nicht, da Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen,
wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete
sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand
einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer
einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil
sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken
lieen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die
Tauben vom Goldnen Lwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten
Stelzen und weien Flgel in der Dachrinne zu netzen.

Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewut ward, um so mehr
drngte sie sie zurck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, da Leo die Wahrheit bemerke; sie
ertrumte sich Zuflle und Katastrophen, die dies herbeifhrten.
Aber ihre Passivitt, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr
Schamgefhl hielten sie zurck. Sie bildete sich ein, sie htte
sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wre nun zu spt und
alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude:
Ich bin eine anstndige Frau geblieben! Sie stellte sich vor den
Spiegel in der Pose der Resignation. Das trstete sie ein wenig ob
des Opfers, das sie zu bringen whnte.

Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lsternheit nach Reichtum
und Luxus und ihre schwermtige Liebe ergaben alles in allem ein
einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden,
verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und
trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt
serviertes Gericht, eine offengelassene Tre brachte sie in
Aufregung. Ein hbsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein
Vergngen, auf das sie verzichten mute, machte sie unglcklich.
Weil sich ihre khnen Trume nicht erfllten, ward ihr das Haus zu
eng.

Da Karl keine Dulderin in ihr sah, das emprte sie am
allermeisten. Seine felsenfeste berzeugung, da er seine Frau
glcklich mache, dnkte sie Beschrnktheit, Beleidigung,
Undankbarkeit. Fr wen war sie denn so vernnftig? War es nicht
gerade Karl, der sie von jedwedem Glck trennte? War nicht er der
Anla all ihres Elends, das Schlo an der Tr ihres qualvollen
Kfigs?

So hufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
Versuch, diese Verstimmungen zu bekmpfen, verschlimmerten sie
nur. Denn die vergebliche Mhe machte sie noch mutloser und
entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmtigkeit
reizte sie zur Rebellion. Die Spieerlichkeit ihrer Wohnung
verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die
ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelsten. Sie bedauerte es,
da Karl sie nicht schlecht behandelte; dann htte sie gerechten
Anla gehabt, sich an ihm zu rchen. Zuweilen freilich erschrak
sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer
mute sie lcheln, wenn sie in einem fort hrte, da sie glcklich
sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mhe gab, so zu tun und
die Leute in ihrem Glauben zu lassen.

Manchmal hatte sie diese Komdie satt. Sie fhlte sich versucht,
mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgrnde.

Er liebt mich ja gar nicht mehr! sagte sie sich. Was soll da
aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
Erleichterung bleibt mir noch?

Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
unter endlosen Trnen.

Warum sagt es die gndige Frau nicht dem Herrn Doktor? fragte
das Dienstmdchen, als es einmal whrend eines solchen Anfalles
ins Zimmer kam.

Ach was! Ich bin nervs! erklrte Emma. Da du ihm ja nichts
davon erzhlst! Du wrdest ihn nur beunruhigen.

Ach Gott, meinte Felicie. Der Tochter des alten Fischers Gurin
aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher
gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trbsinnig!
Schrecklich trbsinnig! Und leichenbla sah sie immer aus. Ihr
Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die rzte und sogar
der Pfarrer wuten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam,
dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie
auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und
auf den Steinen weinen. Spter, als sie einen Mann hatte, soll
sichs gegeben haben ...

Bei mir aber, erwiderte Emma, ist es erst nach der Hochzeit so
gekommen.




Sechstes Kapitel


Eines Abends sa Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch
Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten
den Buchsbaum zugestutzt hatte. Pltzlich drang ihr das
Ave-Maria-Luten ins Ohr.

Es war Anfang April. Die Primeln blhten, und ein lauer Wind
hpfte ber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich fr die
Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin
leuchtete der Bach, der sich in schnrkeligen Windungen in den
flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen
Pappeln und lste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf,
duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brllen verklangen.
Nur die Abendglocke lutete immerfort und fllte die Luft mit
wehmtigem Frieden.

Bei diesen gleichfrmigen Tnen verloren sich die Gedanken der
jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich ber die
blumenreichen Vasen und ber das Tabernakel mit seinen Sulchen
emporgereckt hatten. Wie einst htte sie wieder knien mgen in der
langen Reihe der weien Schleier, die sich grell abhoben von den
schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betsthlen hingesunkenen
Schwestern. Sonntags whrend der Messe, wenn sie aufschaute und in
das von blulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna
blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt
gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der
Sturmwind wegweht ...

Mit einem Male, ohne da sie sich ber den Vorgang klar ward, fand
sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie
ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles
Irdische zu vergessen.

Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder
aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
zurckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Luten
der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade pate. brigens war das
Luten ein Zeichen fr die Kinder im Dorfe, da es Zeit zur
Katechismusstunde war.

Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
Friedhofssteinen. Andre saen rittlings auf der Mauer, baumelten
mit den Beinen und kpften mit ihren Schuhspitzen die hohen
Brennesseln, die zwischen der letzten Grberreihe und der
niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige
bichen Grn, denn die Grabmler standen ganz dicht aneinander,
und ber ihnen lag bestndig feiner Staub, der dem reinigenden
Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strmpfen darber wie ber
einen eigens fr sie hingebreiteten Teppich, und ihre
aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der
Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der groen Glocke,
der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin
und her geschleift war, beruhigte sich allmhlich. Schwalben
schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoend,
und flogen zurck in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im
Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht
unter einer hngenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie
ein ber dem l schwimmender zittriger weier Fleck aus. Ein
langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem
Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen.

Wo ist der Pfarrer? fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte
vllig abzuwrgen.

Der wird gleich kommen! war die Antwort.

Wirklich knarrte die Tr des Pfarrhauses, und der Abb Bournisien
erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein.

Rasselbande! murmelte der Priester. Einen wie alle Tage! Er
hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fu gestoen
war. Nichts wird respektiert! Da bemerkte er Frau Bovary.

Verzeihung! sagte er. Ich hatte Sie nicht erkannt.

Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem
er den schweren Sakristeischlssel auf zwei Fingern balancierte.

Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
seiner Soutane alle Farbe. Sie glnzte brigens an den Ellenbogen
bereits, und in den Sumen war sie ausgefasert. Fett- und
Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knpfe die Brust
entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts,
wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen best, die sich
in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom
Essen und atmete geruschvoll.

Wie geht es Ihnen? erkundigte er sich.

Schlecht! antwortete Emma.

Ja, ja! Ganz wie mir, erwiderte der Priester. Die ersten warmen
Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun
einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und
wie denkt Herr Bovary darber?

Ach der! Sie machte eine verchtliche Gebrde.

Was? erwiderte der ehrwrdige Mann ganz erstaunt. Verordnet er
Ihnen denn nichts?

Ach, meinte sie, irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.

Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da sie
reihenweise wie die Kegel umpurzelten.

Ich mchte gern wissen ..., fuhr Emma fort.

Warte nur, Boudet, warte du nur! unterbrach sie der Priester in
zornigem Tone. Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
Schlingel, du! Zu Emma gewandt, fgte er hinzu: Das ist der
Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie
lassen dem Jungen die grten Narrenpossen durch. Der Bengel
knnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar
nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?

Emma tat, als ob sie die Frage berhrt htte. Der Geistliche fuhr
fort:

Immer tchtig beschftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ... Er
lachte behbig, ... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.

Emma schaute ihn flehentlich an.

Sie! Ja! sagte sie. Sie heilen alle Wunden!

Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
wasserschtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
Merkwrdig! Alle Khe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und
Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein! Mit einem groen
Satze war er drinnen in der Kirche.

Da flohen die Knaben hinter das Mepult oder kletterten auf den
Sitz des Vorsngers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl.
Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von
Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn
in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit
aller Gewalt in die Steinfliese hineindrcken wollte.

So! sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, whrend
er sein groes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schwei
von der Stirn wischte. Die Landleute sind recht zu bedauern ...

Andre Leute auch, meinte sie.

Gewi! Die Arbeiter in den Stdten zum Beispiel.

Die meine ich nicht.

Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmtter kennen
lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
hatten nicht einmal das tgliche Brot.

Ich meine solche, fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten,
whrend sie sprach, solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr tglich
Brot haben, aber kein ...

Kein Holz im Winter ..., ergnzte der Priester.

Ach, was liegt daran?

Was daran liegt? Mich dnkt, wer gut zu essen hat und eine warme
Stube ... denn schlielich ...

O du mein Gott! seufzte Emma.

Ist Ihnen nicht wohl? fragte er, indem er sich ihr besorgt
nherte. Gewi Magenbeschwerden? Sie mssen heimgehen, Frau
Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie krftigen. Oder
vielleicht lieber eine Limonade?

Wozu?

Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.

Sie faten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es
sei Ihnen schwindlig. Er besann sich. Aber wollten Sie mich
nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?

Ich? Nichts ... oh, nichts! stammelte Emma.

Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel md auf den alten
Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas
zu sagen.

Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary, sagte er nach einer Weile.
Die Pflicht ruft mich. Ich mu zu meinen Taugenichtsen da. Die
erste Kommunion rckt heran. Ich frchte, sie berrumpelt uns.
Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde
lnger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht frh genug auf
den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat
... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte,
Ihrem Herrn Gemahl!

Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie
gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bnken
verschwand. Er ging schwerfllig, den Kopf ein wenig eingezogen,
die beiden Hnde in segnender Haltung.

Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
Weile hrte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen
und die hellen Antworten der Knaben ...

Bist du ein Christ?

Ja, ich bin ein Christ.

Wer ist ein Christ?

Wer getauft ist und ...

Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Gelnder
festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
Lehnstuhl.

Das Licht des hellen Abends drauen flutete weich durch die
Scheiben herein. Die Mbel schlummerten still auf ihren Pltzen,
halb versunken in den Schatten der Dmmerung wie in einen
schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintnig
tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum
empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm
in ihrem Innern ...

Vom Nhtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten
Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte
nach den Bndern ihrer Schrze.

La mich! sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.

Aber die Kleine kam noch nher und schmiegte sich an ihre Knie.
Sie umfate sie mit ihren rmchen und schaute mit ihren groen
blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schrze.

La mich! wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.

Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien.

Aber so la mich doch! sagte Emma barsch und stie ihr Kind mit
dem Ellenbogen zurck.

Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
ihr die Wange ritzte, so da sie blutete. Frau Bovary strzte auf
das Kind zu und hob es auf. Dann ri sie heftig am Klingelzug und
rief das Dienstmdchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwrfe
zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von
seiner Praxis heim.

Sieh, mein Lieber, sagte sie ruhigen Tones, die Kleine ist beim
Spielen gefallen und hat sich ein bichen geschunden.

Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.

Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
verging ihr bichen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
tricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfgigkeit
gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr.
Ihre Atemzge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum
merkbar. Ein paar dicke Trnen hingen ihr in den halbgeschlossenen
Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne
schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut.

Merkwrdig! dachte Emma bei sich. Wie hlich das Kind ist!

Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.

Aber ich habe dir doch gesagt, da es nichts ist! versicherte er
ihr, indem er ihr einen Ku auf die Stirn gab. ngstige dich
nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!

Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais fr
verpflichtet gefhlt, ihn aufzurappeln. Dann hatte man von den
tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind,
und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mute ein
Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein
Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Kchin einmal die
Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais
ber die Maen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht
geschliffen und der Fuboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren
eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstbe angebracht.
Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im brigen waren, konnten
keinen Schritt tun, ohne da jemand dabei sein mute. Bei der
geringsten Erkltung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll,
und als sie bereits ber vier Jahre alt waren, muten sie ohne
Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Kpfe tragen. Das war
lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim
sehr betrbt darber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen
knne dem Gehirn schdlich sein. Einmal entfuhr es ihm:

Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?

Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:

Ich wollte Sie noch etwas fragen!

Sollte er etwas gemerkt haben? fragte sich der Adjunkt. Er bekam
Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.

Als die Tre hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich
doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hbsches Lichtbild
koste. Er hegte nmlich schon lange den sentimentalen Plan, seine
Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu berraschen. Er gedachte
sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher
wissen, wieviel die Geschichte so ungefhr zu stehen kme. Dem
Adjunkt mache das wohl keine besondre Mhe, da er doch beinahe
aller acht Tage nach der Stadt fhre.

Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da tuschte er
sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
Wertherstimmung. Die Lwenwirtin merkte es daran, da er seine
Portionen nicht mehr aufa. Um hinter die Ursache zu kommen,
fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er
sei kein Polizeibttel.

Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor.
Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurck, packte sich mit den
Hnden hinten am Kopfe und lie sich in unbestimmten Klagen ber
das menschliche Dasein aus.

Sie sollten sich ein bichen mehr zerstreuen, meinte der
Steuereinnehmer.

Womit denn?

Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.

Aber ich kann doch nicht drechseln, erwiderte der Adjunkt.

Ach ja, freilich!

Binet strich sich selbstzufrieden-verchtlich das Kinn.

Leo war es mde, erfolglos zu lieben. Das eintnige Leben begann
ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfllten,
keine Hoffnungen, die ihn strkten. Yonville und die Yonviller
deten ihn dermaen an, da er gewisse Leute und bestimmte Huser
nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders
unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker.
Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf vllig neue Verhltnisse
genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefhl
wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris,
das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und
dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein
Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt
ihn zurck?

In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
machte heimliche Plne. Er trumte sich sein Pariser Zimmer aus.
Dort wollte er das Leben eines Bohmien fhren. Gitarre wollte er
spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und
Hausschuhe aus blauem Plsch. Und ber dem Kamin sollten zwei
gekreuzte Floretts hngen, ein Totenschdel darber und die
Gitarre darunter. Wundervoll!

Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
allervernnftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunchst
zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in
Rouen. Als ihm dies milang, schrieb er schlielich seiner Mutter
einen langen Brief, in dem er ihr ausfhrlich auseinandersetzte,
warum er ohne weiteres nach Paris bersiedeln wollte. Sie war
damit einverstanden.

Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang
gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer,
Ruckscke und Pakete fr ihn hin und her. Er vervollstndigte
seine Garderobe, lie seine drei Lehnsthle aufpolstern, schaffte
sich einen Vorrat von seidnen Halstchern an, kurz und gut, er
traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten.
So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mtterlicher Brief
seine Abreise beschleunigte. Er htte doch die Absicht, ein Examen
nach einem Semester zu machen.

Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau
Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rhrung, wie sich
das fr einen ernsten Mann schickt. Er lie es sich jedoch nicht
nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhndig bis zur
Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche
wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte.

Im letzten Viertelstndchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im
Hause des Arztes.

Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu
schpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
entgegen.

Da bin ich noch einmal! sagte Leo.

Ich hab es erwartet!

Emma bi sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho unter der
Haut ihres Gesichts hin und frbte es ber und ber rot, vom
Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und
lehnte die Schulter gegen die Holztfelung.

Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?

Er ist fort.

Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
aneinander wie zwei klopfende Herzen.

Ich mchte Berta gern einen Abschiedsku geben, sagte Leo.

Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo
warf schnell einen heien Blick auf die Wnde, die Mbel, den
Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber
da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mdchen brachte die
kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand
hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.

Leo kte die Kleine ein paarmal auf die Stirn.

Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!

Er gab das Kind der Mutter zurck.

Bring sie weg! befahl Emma.

Sie waren wiederum allein.

Frau Bovary wandte Leo den Rcken zu und prete ihr Gesicht gegen
eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemtze in der Hand und
schlug damit leise gegen seinen Schenkel.

Es wird wohl regnen, bemerkte Emma.

Ich habe einen Mantel, antwortete er.

So!

Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt ber
ihre vorgebeugte Stirn wie ber glatten Marmor bis hinab in die
Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.

Also adieu! seufzte Leo.

Sie hob den Kopf mit einer jhen Bewegung.

Ja, adieu! Sie mssen gehen!

Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zgerte.

Sozusagen ein franzsischer Abschied! meinte sie, indem sie ihm
die Hand berlie. Dabei lchelte sie gezwungen.

Leo fhlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als strme
ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder ffnete,
begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er.

Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter
einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weies Haus
mit seinen vier grnen Fensterlden sehen. Da vermeinte er, ihren
Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der
Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder
langsam in seine langen senkrechten Falten zurck, in denen er
dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte
von dannen.

Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Strae
halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das
Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man
wartete auf ihn.

Lassen Sie sich noch einmal umarmen! sagte Homais, Trnen in den
Augen. Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erklten Sie sich
unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich
ordentlich in acht!

Einsteigen, Herr Dpuis! mahnte der Notar.

Der Apotheker beugte sich ber das Spritzleder und stammelte mit
trnenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmtigen Worte:

Glckliche Reise!

Guten Abend, Herr Apotheker! rief Guillaumin. Los!

Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwrts.

       *       *       *       *       *

Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
Zimmers geffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach
Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres
finsteres Gewlk zog von daher im raschen Fluge heran,
durchleuchtet von schrgen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen
Strahlenbndel einer aufgehngten Trophe hervorschossen. Der
brige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war wei wie Porzellan.
Ruckweise Windste beugten die Hupter der Pappeln; pltzlich
rauschte Regen herab und prasselte durch das grnschimmernde
Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten.
Die Spatzen schttelten ihre Flgel auf dem nassen Gezweig, und in
den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
Akazienblten.

Wie weit mag er nun schon sein! dachte sie.

Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.

Na, sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, unsern jungen
Freund htten wir glcklich verfrachtet!

Wie man mir berichtet hat, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: Und was gibts bei
Ihnen Neues?

Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bichen
aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem
Huschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus
keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als
unsre.

Der arme Leo, bemerkte Karl, wie wirds ihm in Paris ergehen?
Wird er sich dort einleben?

Frau Bovary seufzte.

Natrlich! meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
Feine Soupers! Maskenblle! Sekt! Daran gewhnt man sich schon,
versichre ich Ihnen.

Ich glaube nicht, da er unsolid werden wird, warf Bovary
ein.

Gott bewahre! entgegnete Homais lebhaft. Aber mit den Wlfen
wird er halt heulen mssen. Sonst wird er als Duckmuser
verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im
Studentenviertel fr ein flottes Leben fhren! Mit ihren kleinen
Mdchen! brigens sind die Studenten in Paris berall gern
gesehen. Wenn einer nur ein bichen gesellige Talente hat, stehen
ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der
Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten
nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich
zu verheiraten.

Das mag schon sein, sagte der Arzt, ich habe nur Angst,
er ... wird ... dort ...

Sehr richtig, unterbrach ihn der Apotheker, das ist die
Kehrseite der Medaille! In Paris, da mu man sich fortwhrend die
Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer ffentlichen
Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anstndig angezogen,
womglich ein Ordensbndchen im Knopfloch. Man knnte ihn fr
einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins
Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut
auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Caf, ladet Sie in
sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und
Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder
verstrickt Sie in gefhrliche Abenteuer.

So ist es! gab Karl zu. Aber ich dachte vor allem an die
Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Grostadt
drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.

Emma zuckte zusammen.

Der kommt von der gnzlich vernderten Lebensweise, fuhr der
Apotheker fort, und der dadurch hervorgebrachten Umwlzung des
ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An
das Essen in den Restaurants! Diese starkgewrzten Speisen
verderben schlielich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit
einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich fr
meinen Teil, ich schtze von jeher die brgerliche Kche. Die ist
am gesndesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe
ich deshalb regelmig in einer Pension gegessen. Die Herren
Professoren aen auch da ...

In dieser Weise fuhr er fort, sich ber seine Ansichten im
allgemeinen und seinen persnlichen Geschmack im besondern
auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten
Arznei holte.

Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe! schimpfte er.
Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen mu. Das ist ein
Hundedasein!

In der Tr sagte er noch:

brigens, wissen Sie schon das Neueste?

Was denn?

Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.

Es ist sehr wahrscheinlich, da die Versammlung der Landwirte
unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt
wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine
Andeutung. Das wre fr die hiesige Gegend von groer Bedeutung!
Aber darber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin
hat die Laterne mit ...




Siebentes Kapitel


Der nchste Tag war fr Emma ein Tag der Betrbnis. Alles um sie
herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, verschwommen,
zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit leisen Klagen
wie der Winterwind um ein einsames Schlo. Sie verfiel in die
Trumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er etwas auf immerdar
verloren hat. Sie empfand die Mdigkeit, die ihn der vollendeten
Tatsache gegenber bermannt, den Schmerz, der ihn berkommt, wenn
eine ihm zur Gewohnheit gewordne Bewegung pltzlich stockt, wenn
Schwingungen jh aufhren, die lange in ihm vibriert haben.

Wie damals nach der Rckkehr vom Schlosse Vaubyessard, als die
wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, war sie
voll dsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo stand vor
ihrer Phantasie immer grer, schner, verfhrerischer. Wie ein
Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so hatte er sie doch nicht
verlassen. Er war da, und an den Wnden ihres Hauses schien sein
Schatten noch zu haften. Immer wieder schaute sie auf den Teppich,
ber den er so oft gegangen, auf die leeren Sthle, wo er
gesessen. Drauen kroch das Fllein noch immer vorbei mit seinen
niedlichen Wellen, zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem
Gestade waren sie so oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um
die moosigen Steine. Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie
traulich waren die Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im
schattigen Garten allein gesessen hatten! Er hatte laut
vorgelesen, bloen Kopfes, in einem Korbstuhl sitzend. Der frische
Wind, der drben von den Wiesen her wehte, hatte die Bltter des
Buches bewegt und die violetten Blten der Glycinen an der Laube
... Ach, nun war er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die
einzige Hoffnung, da sich ihr das ertrumte Glck noch erflle!
Warum hatte sie dieses Glck nicht mit beiden Hnden festgehalten,
in den Scho genommen, es nicht in die Ferne gelassen? Sie
verwnschte sich, Leos Geliebte nicht geworden zu sein. Sie
drstete nach seinen Lippen. Am liebsten wre sie ihm
nachgelaufen, htte sich in seine Arme geworfen und ihm gesagt:
Hier bin ich! Nimm mich! Aber vor den Hindernissen, die sich der
Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt htten, verzagte
Emma von vornherein, und der Schmerz darber schrte ihre
Sehnsucht zu noch heierer Glut.

Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt ihrer
Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein einsames
Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen Steppe inmitten des
Schnees angezndet haben. Zu diesem Feuer flchtete sie, kauerte
sich daneben nieder und fachte es sorgfltig wieder an, wenn es zu
verlschen drohte. Im Umkreise um sich herum suchte sie alles
mgliche herbei, um diese Flammen zu nhren. Die fernsten
Erinnerungen und die frischesten Ereignisse, Erlebtes und
Ertrumtes, die wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre
Sehnsucht nach Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre
nutzlose Tugend, ihre getuschten Illusionen, die Armseligkeit
ihres Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es zusammen und
warf es in die Glut, um ihre Trbsal daran zu wrmen.

Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm die
Nahrung fehlte, sei es, weil die berflle von Brennstoff es
erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam allmhlich
ihre Liebe. Das Ineinemfort ttete den Schmerz, und am Himmel
ihrer Gefhle verblate der erst grellrote Feuerschein und wich
nach und nach schwarzem Dunkel. Whrend ihres phantastischen
Zustandes hatte sich ihr Widerwille gegen den Gatten in
Schwrmerei fr den Geliebten verwandelt, und die Glut ihres
Hasses hatte ihre zrtliche Sehnsucht gewrmt. Aber nunmehr, da
ihre strmische unbefriedigte Leidenschaft zu Asche gebrannt war,
das keine Hilfe kam und keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht
um sie herum. In eisiger Klte stand sie einsam da und erstarrte.

Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur
bildete sie sich ein, noch unglcklicher denn damals zu sein, weil
sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wute, da es
nie anders werden knne.

Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich --
wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gnnen.
Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
vier Wochen fr vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer Hnde.
Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues
Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schnsten Schal
aus und trug ihn ber ihrem Hauskleid. Sie schlo die Lden, nahm
ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem Sofa liegen.

Hufig nderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zpfen, bald einen
Scheitel.

Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
kaufte sie sich ein Wrterbuch, eine Grammatik und eine Menge
Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektre, las
Geschichtswerke und philosophische Schriften.

Nachts fuhr Karl mitunter in die Hhe, im Glauben, man hole ihn zu
einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:

Ich bin gleich fertig!

Aber es war nur das Knistern des Streichholzes gewesen, mit dem
sich Emma die Lampe angezndet hatte. Sie wollte lesen. Aber es
ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen ein ganzer Sto
angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie anzufangen, dann
liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.

Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
Manne gegenber, sie knne ein Weinglas voll Schnaps mit einem
Zuge leeren, und da Karl so tricht war, es zu bezweifeln, tat sie
es wirklich.

Bei allen ihren Extravaganzen (die Spiebrger von Yonville
nannten das so!) sah Emma keineswegs unternehmungslustig aus. Im
Gegenteil. Um ihre Mundwinkel lagerten sich jene gewissen starren
Falten, die alte Jungfern und verbissene Streber zu haben pflegen.
Sie war vllig bla, wei wie Leinwand; die Haut ihrer Nase
bildete nach den Flgeln zu Fltchen, und ihre Augen blickten wie
ins Leere. Seitdem sie an den Schlfen ein paar graue Haare
entdeckt hatte, nannte sie sich gesprchsweise eine alte Frau.

Oft hatte sie Schwindelanflle, und eines Tages spuckte sie sogar
Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemhte und seine Besorgnis
verriet, meinte sie:

La mich! Es ist mir alles gleich!

Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurck. Er sank in seinen
Schreibsessel, sttzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
weinte -- unter dem phrenologischen Schdel.

Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz Emmas
wegen statt. Welche Manahmen sollten getroffen werden? Was
sollte geschehen? Wo sie jedwede rztliche Behandlung ablehnte!

Weit du, was deiner Frau fehlt? meinte Frau Bovary schlielich.
Eine ordentliche Beschftigung! Krperliche Arbeit! Wenn sie wie
so manch andre ihr tgliches Brot selber verdienen mte, dann
htte sie keine Nerven und Launen. Die kommen blo von den
berspannten Ideen, die sie sich aus purer Langweile in den Kopf
setzt.

Beschftigung hat sie doch aber! erwiderte Karl.

So! Sie hat Beschftigung? Was fr welche denn? Romane schmkert
sie, schlechte Bcher, Schriften gegen die Religion, in denen die
Geistlichen verhhnt werden mit Redensarten aus dem Voltaire!
Armer Junge, das fhrt zu nichts Gutem, und wer kein guter Christ
ist, mit dem nimmt es mal ein schlechtes Ende!

Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das schien
nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf sich. Auf
ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persnlich zum
Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn der
Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man da nicht
das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?

Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie,
abgesehen von den huslichen Anordnungen und den hflichen Formeln
bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei Worte
gewechselt.

Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
von Yonville. Vom frhen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
Marktplatz, gleichlaufend mit den Husern von der Kirche bis zum
Goldnen Lwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespieten Deichseln. Auf der
andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen
Baumwollenwaren, Decken und Strmpfe feilgeboten wurden, daneben
Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bndern, deren Enden im
Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Ksekrben, aus denen
klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand Eisenwaren auf dem
Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergert gackerten Hhner in
flachen Krben und steckten ihre Hlse durch die Luftlcher. Die
Menge schob sich, ohne zu weichen, gerade nach den Stellen, wo das
Gedrnge schon am dichtesten war. So geriet bisweilen das
Schaufenster der Apotheke wirklich in Gefahr. An den Markttagen
ward diese nie leer. Es standen immer eine Menge Leute darin,
weniger um Arzneien zu kaufen als vielmehr um den Apotheker zu
konsultieren. Herr Homais war in den benachbarten Ortschaften ein
berhmter Mann. Seine rcksichtslose Sicherheit fing die Bauern.
Sie hielten ihn fr einen besseren Arzt als alle Doktoren im
ganzen Lande.

Emma sa an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in der
Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich ber das
wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in einem Rock von
grnem Samt, mit gelben Handschuhen; sonderbarerweise trug er dazu
derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht mit gesenktem Kopf und recht
trbseliger Miene folgte ihm. Beide gingen auf das Bovarysche Haus
zu.

Ist der Herr Doktor zu sprechen? fragte der Herr den
Apothekergehilfen, der an der Haustre mit Felicie plauderte. Er
hielt ihn fr den Diener des Arztes. Melden Sie Herrn Rudolf
Boulanger von der Hchette.

Es war keineswegs Eitelkeit, da der Ankmmling sein Gut zu seinem
Namen fgte. Er wollte nur genau angeben, wer er war. Die Hchette
war nmlich ein Rittergut in der Nhe von Yonville, das er samt
zwei Meiereien unlngst gekauft hatte. Er bewirtschaftete es
selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei anzustrengen. Er war
Junggeselle und hatte so mindestens seine fnfzehntausend
Franken im Jahr zu verzehren.

Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger berwies
ihm seinen Knecht, der einen Aderla wnsche, weil er am ganzen
Krper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.

Das wird mich erleichtern, wiederholte der Bursche auf alle
Einwnde. Bovary lie sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
Schssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.

Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla geworden
war.

Nur keine Angst, mein Lieber!

Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los! erwiderte er.

Dabei hielt er mit prahlerischer Gebrde seinen dicken Arm hin.
Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und spritzte
bis zum Spiegel hin.

Die Schssel! rief Karl.

Donnerwetter! meinte der Knecht. Das ist ja der reine
Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein gutes
Zeichen, nicht wahr?

Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
zurck, da die Lehne krachte.

Das hab ich mir gleich gedacht! bemerkte Bovary, indem er mit
den Fingern die angestochne Ader zudrckte. Erst gehts ganz gut,
dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten Kerlen wie
dem da!

Die Schssel in Justins Hnden geriet ins Schwanken. Die Knie
schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.

Emma! Emma! rief der Arzt.

Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.

Essig! rief ihr Karl zu. Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
einmal!

In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.

's ist weiter nichts! meinte Boulanger gelassen, der Justin
aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und lehnte
ihn mit dem Rcken gegen die Wand.

Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmchtigen das Halstuch
aufzuknpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich lsen, und so
berhrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren Fingern den
Hals des jungen Burschen. Dann go sie Essig auf ihr
Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die Schlfen
und blies dann ein wenig darauf.

Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht
dauerte an. Seine Augpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
wie blaue Blumen in Milch.

Er darf das da nicht sehen! ordnete Karl an.

Frau Bovary ergriff die Schssel und setzte sie unter den Tisch.
Bei diesem Sichbcken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die Arme
ausstreckte und sich dabei in den Hften ein wenig hin und her
drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
Wasserflasche und lste ein paar Stck Zucker in einem Glase.

In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mdchen hatte
ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen wieder bei
Bewutsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn herum und
betrachtete sich ihn von oben bis unten.

Dummkopf! brummte er. Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! Als
obs wer wei was wre! Ein bichen Aderla! Weiter nichts! Und das
will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn es gilt, von den hchsten
Bumen die Nsse herunterzuholen, da klettert er wie ein
Eichhrnchen ... Na, tu deinen Mund auf und zeig dich mal in
deiner Gloria! Das sind ja nette Eigenschaften fr einen, der mal
Apotheker werden will! Ich sage dir: als Apotheker kommt man in
die schwierigsten Lagen. So zum Beispiel vor Gericht als
Sachverstndiger. Da heit es kaltbltig sein, hbsch ruhig
berlegen und ein ganzer Mann sein! Sonst gilt man als
Schwachmatikus ...

Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:

Wer hat dir denn brigens gesagt, da du hierher gehen sollst? In
einem fort belstigst du Herrn und Frau Doktor! Noch dazu an den
Markttagen, wo du drben so notwendig gebraucht wirst! Es warten
zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen habe ich alles stehn
und liegen lassen. Marsch! Hinber! Trab! Gib auf die Arzneien
acht! Ich komme gleich nach!

Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
fort war, plauderte man noch ein wenig ber Ohnmachtanflle. Frau
Bovary sagte, sie htte noch nie einen gehabt.

Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor! behauptete
Boulanger. Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich sind. Da
hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, da ein Zeuge ohnmchtig
wurde, als die Pistolen beim Laden knackten.

Was mich anbelangt, erklrte der Apotheker, mich strt der
Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloe Gedanke,
ich selber knne bluten, der macht mich schwindlig, wenn ich nicht
schnell an was andres denke.

Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.

Nun ists aber alle mit der Einbildung! sagte er ihm. Die hat
mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft, fgte er hinzu. Bei
dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen Taler auf
die Tischecke, grte flchtig und verschwand.

Bald darauf erschien er drben auf dem andern Ufer des Baches. Das
war sein Weg nach der Hchette. Emma sah ihm von einem der
Hinterfenster nach, wie er ber die Wiesen ging, die Pappeln
entlang, langsam wie einer, der ber etwas nachdenkt.

Allerliebst! sagte er bei sich. Wirklich allerliebst, diese
Doktorsfrau. Schne Zhne, schwarze Augen, niedliche Fe und
schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo mag
sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?

Rudolf Boulanger war vierunddreiig Jahre alt von roher Gemtsart
und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit Weibern abgegeben
und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel ihm. Somit
beschftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.

Ich glaube, er ist mordsblde. Sie hat ihn satt, zweifelsohne. Er
hat dreckige Fingerngel und rasiert sich nur aller drei Tage.
Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie daheim und
stopft Strmpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach der groen
Stadt und mchte am liebsten alle Abende auf den Ball. Arme kleine
Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein Karpfen auf dem
Kchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und sie ist futsch!
Sicherlich! Das wr was frs Herze! Scharmant! Aber wie kriegt man
sie hinterher wieder los?

Diese Einschrnkung des in der Ferne stehenden Genusses erinnerte
ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine Schauspielerin in
Rouen, die er aushielt. Er vergegenwrtigte sich ihren Krper,
dessen er sogar in der Vorstellung berdrssig war.

Ja, diese Frau Bovary, dachte er bei sich, die ist viel
hbscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft fr
Krebse!

Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hrte nichts als das
taktmige Rascheln der Halme, die er beim Gehen streifte, und das
ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er schaute Emma vor sich, in
ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie gesehen hatte. Und in der
Phantasie entkleidete er sie.

Oh, ich werde sie haben! rief er aus und zerschlug mit einem
Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im Wege lag.

Sodann berlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
fragte sich:

Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das zustande?
Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das Dienstmdel,
die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche Klatsch! Ach was!
Unntze Zeitvergeudung!

Nach einer Weile begann er von neuem:

Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und wie
bla sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwrmerei!

Auf der Hhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig.

Ich brauche blo noch gnstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde ein
paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
Geflgel. Ntigenfalls lasse ich mich ein bichen schrpfen. Wir
mssen gute Freunde werden. Dann lade ich die beiden zu mir ein
... Teufel noch mal, nchstens ist doch der Landwirtschaftliche
Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie sehen! Dann heits:
Attacke! Und feste drauf! Das ist immer das Beste.




Achtes Kapitel


Endlich war sie da, die berhmte Jahresversammlung der Landwirte!
Vom frhen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren
Haustren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die
Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmckt. Drben
auf einer Wiese war ein groes Zelt fr das Festmahl aufgeschlagen
worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Bller,
der die Ankunft des Landrats und die Preiskrnung donnernd
verknden sollte. Die Brgergarde von Bchy -- in Yonville gab es
keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch hheren Kragen
als gewhnlich. In die Litewka eingezwngt, war sein Oberkrper
so steif und starr, da es aussah, als sei alles Leben in ihm in
seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmig bewegten.
Da der Oberst der Brgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr
eiferschtig aufeinander waren, wollte jeder den andern
ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft fr sich.
Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen
Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging
immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende!

Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
gesehen. Verschiedene Brger hatten tags zuvor ihre Huser
abwaschen lassen. Wei-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen
Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schnes Wetter
war, sahen die gestrkten Hubchen weier wie Schnee aus, die
Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die
bunten Tcher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der
schwarzen Rcke und blauen Blusen hervor. Die Pchtersfrauen kamen
aus den umliegenden Drfern geritten; beim Absitzen zogen sie die
langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Rcke hochgesteckt
hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die
Mnner andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hte die Sacktcher
darber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zhnen festhielten.

Die Menge strmte von beiden Enden des Orts auf der Landstrae
heran und ergo sich in alle Gassen, Alleen und Huser. berall
klingelten die Tren, um die Brgerinnen herauszulassen, die in
Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten.

Zwei mit Lampions behngte hohe Taxusbume, zu beiden Seiten der
vor dem Rathause errichteten Estrade fr die Ehrengste, erregten
ganz besonders die allgemeine Bewunderung. brigens hatte man an
den vier Sulen am Rathause so etwas wie vier Stangen
aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grner Leinwand.
Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der
dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.

Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz,
der Lwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes
stehend, rsonierte sie vor sich hin:

So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
Glaubt diese Bagage wirklich, da der Herr Landrat besonders
ergtzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
wie ein Seiltnzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mhe wert, extra einen
Koch aus Neufchtel herkommen zu lassen? Fr wen brigens? Fr
Kuhjungen und Lumpenpack!

Der Apotheker ging vorber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Kppchens)
-- einem Hut von niedriger Form.

Ihr Diener! sagte er. Ich habs eilig!

Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:

Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den
ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Kse
...

In was fr Kse? unterbrach ihn die Wirtin.

Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint, entgegnete Homais.
Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da es im allgemeinen
meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich mu ich
in Anbetracht ...

Ah! Sie gehen auch hin? fragte sie in geringschtzigem Tone.

Gewi gehe ich hin! sagte der Apotheker erstaunt. Ich gehre ja
zu den Preisrichtern!

Die Lwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlielich meinte
sie lchelnd:

Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?

Selbstverstndlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschftigt
sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhltnissen aller
Krper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehrt auch die
Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die
Zusammensetzung der Dngemittel, die Grungen der Sfte, die
Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie,
was ist das weiter als pure bare Chemie?

Die Lwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:

Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, msse man selber in der
Erde gebuddelt oder Gnse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
die mu man unbedingt studiert haben, die geologischen
Gruppierungen, die atmosphrischen Vorkommnisse, die
Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die
Dichtigkeit der verschiedenen Krper und ihre Kapillaritt! Und
tausend andre Dinge! Dazu mu man mit den Grundstzen der Hygiene
vllig vertraut sein, um den Bau von Gebuden, die Unterhaltung
der Haus- und Arbeitstiere und die Ernhrung der Dienstboten
leiten und kontrollieren zu knnen. Fernerhin, Frau Franz, mu man
die Botanik intus haben. Man mu die Pflanzen unterscheiden
knnen, verstehen Sie, die ntzlichen von den schdlichen, die
nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und
welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen
mu. Kurz und gut, man mu sich in der Wissenschaft auf dem
Laufenden halten, indem man die Broschren und die ffentlichen
Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem
Fortschritte zu gehen ...

Die Wirtin lie unterdessen den Eingang des Caf Franais nicht
aus den Augen. Der Apotheker redete weiter:

Wollte Gott, unsre Agrarier wren zugleich Chemiker, oder sie
hrten wenigstens besser auf die Ratschlge der Wissenschaft! Da
habe ich krzlich selbst eine groe Abhandlung verfat, eine
Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: Der Apfelwein.
Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
Betrachtungen hierber. Ich habe sie der Rouener Agronomischen
Gesellschaft bersandt, die mich daraufhin unter ihre
Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung fr Pomologie)
aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...

Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da Frau Franz von etwas ganz
andrem in Anspruch genommen war.

Sehr richtig! unterbrach er sich selber. Eine unglaubliche
Spelunke!

Die Lwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da sich die Maschen
ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Hnden
deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wster Gesang
herberhallte.

Na! Lange wird die Herrlichkeit da drben nicht mehr dauern!
bemerkte sie. In acht Tagen ist der Rummel alle!

Homais trat erschrocken einen Schritt zurck. Die Wirtin kam die
drei Stufen herunter und flsterte ihm ins Ohr:

Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
ausgepfndet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
abgeschnitten. Mit Wechseln!

Eine frchterliche Katastrophe! rief der Apotheker aus, der fr
alle mglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand
hatte.

Die Lwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzhlen.
Sie wute sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie
Tellier, den Besitzer des Caf Franais, nicht ausstehen konnte,
mibilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn
einen Gauner, einen Halsabschneider.

Da! Sehen Sie! fgte sie hinzu. Da geht er! Unter den Hallen!
Jetzt begrt er Frau Bovary. Sie hat einen grnen Hut auf und
geht am Arm von Herrn Boulanger.

Frau Bovary! echote Homais. Ich mu ihr schnell guten Tag
sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribne
vor dem Rathause erwnscht.

Ohne auf die Lwenwirtin zu hren, die ihm ihre lange Geschichte
weitererzhlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
lchelnder Miene grte er nach links und rechts, wobei ihn die
langen Sche seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, da
er wer wei wieviel Raum einnahm.

Rudolf hatte ihn lngst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.

Da aber Emma auer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und
in brutalem Tone sagte er zu ihr:

Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!

Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.

Was soll das heien? fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im
Weitergehen von der Seite an.

Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken.
Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft,
unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blafarbene
Bindebnder wie Schilfbltter aussahen. Ihre Augen blickten
geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern.
Obgleich sie vllig geffnet waren, erschienen sie doch ein wenig
zugedrckt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die
feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und
zwischen den Lippen glnzte das Perlmutter ihrer spitzen Zhne.
Den Kopf neigte sie zur einen Schulter.

Mokiert sie sich ber mich? fragte sich Rudolf.

In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
ein Zeichen sein sollen, da Lheureux neben ihnen herlief. Von
Zeit zu Zeit redete der Hndler die beiden an, um mit ihnen ins
Gesprch zu kommen.

Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir
haben Ostwind!

Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, whrend Lheureux
bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem
ewigen Wie meinen? dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut
lftete.

Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstrae ab
in einen Fuweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:

Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergngen!

Den haben Sie aber fein abgeschttelt! lachte Emma.

Warum sollen wir uns von fremden Leuten belstigen lassen?
meinte Rudolf. Noch dazu heute, wo ich das Glck habe, mit
Ihnen ...

Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
schnen Wetter und wie hbsch es sei, so durch die Fluren
spazieren zu gehen.

Ein paar Gnseblmchen standen am Raine.

Die niedlichen Dinger da! sagte er. Und so viele! Genug Orakel
fr die verliebten Mdels des ganzen Landes! Ein paar Augenblicke
spter setzte er hinzu: Soll ich welche pflcken? Was denken Sie
darber?

Sind Sie denn verliebt? fragte Emma und hustete ein wenig.

Wer wei? meinte Rudolf.

Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedrnge immer mehr
zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen
und einen Sugling im andern Arme, rempelten sie an. Hufig muten
sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender
Dorfschnen in blauen Strmpfen, derben Schuhen und silbernen
Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.

Die Preisverteilung fand statt. Die Zchter traten, einer nach dem
andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfhlen
gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die
Tiere, mit den Schnauzen nach auen, die ungleich hohen Kruppen in
einer unordentlichen Richtungslinie. Schlfrige Schweine whlten
mit ihren Rsseln in der Erde. Klber brllten, Schafe blkten.
Khe lagen hingestreckt, die Buche im Grase, die Beine
eingezogen, kauten gemchlich wieder und zuckten mit ihren
schwerflligen Lidern, wenn die sie umschwrmenden Bremsen
stachen. Pferdeknechte, die Arme entblt, hielten an
Trensenzgeln steigende Zuchthengste, die mit geblhten Nstern
nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese
verhielten sich friedlich und lieen die Kpfe und Mhnen hngen,
whrend ihre Fllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an
ihnen saugten. ber der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man
von weitem hie und da das Wei einer Mhne wie eine Springflut im
Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und berall
dazwischen die Hupter wimmelnder Menschen. Auerhalb der
Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand --
unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein groer schwarzer Stier
mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein
zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke.

Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
jedesmal hinterher in flsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar
der Einflureichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das
war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer
des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er
lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm:

Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?

Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch
auer Hrweite des Vorsitzenden war, meinte er:

Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber
bei Ihnen!

Er machte seine Witze ber das Preisrichterkollegium, was ihn aber
nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des
Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo
durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor
dem oder jenem Prachtstck stehen. Frau Bovary bewunderte nichts
mit. Das beobachtete er, und nun begann er spttische Bemerkungen
ber die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei
entschuldigte er sich, da er selber auch nicht elegant gehe.
Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltglichkeit und
Ausgesuchtheit. Der oberflchliche Menschenkenner hlt derlei
meist fr das uere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die
bizarr in ihrem Gefhlsleben, knstlerisch beanlagt und allem
Herkmmlichen abhold ist, und empfindet rgernis oder Bewunderung
davor. Rudolfs weies Batisthemd mit geflteten Manschetten
bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem
Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis
an die Knchel und lieen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf
deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat
unbekmmert in die Pferdepfel. Eine Hand hatte er in der
Rocktasche, und der Hut sa ihm schief auf dem Kopfe.

Ein Bauer wie ich ..., meinte er.

Bei dem ist Hopfen und Malz verloren, scherzte Emma.

Sehr richtig! brigens ist kein einziger von all diesen
Biedermnnern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.

Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.

Darum verfalle ich der Melancholie ..., sagte er.

Sie? erwiderte Emma erstaunt. Ich halte Sie gerade fr sehr
lebenslustig.

Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des
Sptters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines
Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten
wre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...

Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!

Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kmmert sich
niemand.

Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.

Sie muten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
ein Mann zwischen sie drngte, der einen Turm von Sthlen
schleppte. Er war derartig berladen, da man nichts von ihm sah
als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois,
der Totengrber, der ein Dutzend Kirchensthle herbeischaffte.
Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf
den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu
schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wute gar
nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es hei
war, rissen sich frmlich um diese Sthle, deren Strohsitze nach
Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung
gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrcken.

Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als sprche
er mit sich selbst.

Ja, ja! Ich habe vieles entbehren mssen! Immer einsam! Ach, wenn
mein Dasein einen Zweck gehabt htte, wenn ich einer groen
Leidenschaft begegnet wre, wenn ich ein Herz gefunden htte ...
Oh, alle meine Lebenskraft htte ich daran gesetzt, ich wre ber
alle Hindernisse hinweggestrmt, htte alles berwunden ...

Mich dnkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert, wandte
Emma ein.

So, finden Sie?

Zum mindesten sind Sie frei ... Sie zgerte. ... und reich!

Spotten Sie doch nicht ber mich! bat er.

Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Bllerschu.
Alsbald wlzte und drngte sich alles der Ortschaft zu. Aber es
war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da.
Der Festausschu war nun in der grten Verlegenheit. Sollte der
feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten?

Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche
auf, von zwei mageren Gulen gezogen, auf die ein Kutscher im
Zylinderhut aus Leibeskrften mit der Peitsche loshieb.

Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:

An die Gewehre!

Und der Oberst der Brgergarde brllte das Echo dazu.

Hals ber Kopf strzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der
Brgergardisten vergaen in der Eile, sich den Kragen zuzuknpfen.
Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum
Glck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe
gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich
Feuerwehr und Brgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag
davor aufgestellt hatten.

Stillgestanden! Prsentiert das Gewehr! kommandierte Binet.

Stillgestanden! Prsentiert das Gewehr! der Oberst auf der
andern Seite.

Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.

Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine groe Glatze, ein
Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla im Gesicht aus und war
offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
seinen eingefallenen Mund zum Lcheln verschob. Er erkannte den
Brgermeister an seiner Schrpe und teilte ihm mit, da der
Landrat verhindert sei, persnlich zu kommen. Er selber sei
Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten.

Tvache, der Brgermeister, begrte ihn ehrerbietig. Der Rat
erklrte, er fhle sich beschmt. Die beiden standen sich dicht
gegenber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschu,
der Gemeinderat, die Honoratioren, die Brgergarde und das
Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen
Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrungsworte.
Whrenddem klappte Tvache in einem fort wie ein Taschenmesser
zusammen, lchelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf
beteuerte er die Knigstreue der Yonviller und dankte fr die
ihnen widerfahrene groe Ehre.

Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Lwen, nahm die Pferde
der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefhrt humpelnd nach dem
Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten
stand. Die Trommeln wirbelten, der Bller krachte.

Die Herren vom Festausschu begaben sich nun auf die vor dem
Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
Plschsessel, die von der Frau Brgermeisterin zur Verfgung
gestellt worden waren.

Alle die Mnner glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose
blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas
gebrunt waren, buschige Backenbrte, die sich unter hohen steifen
Halskragen verloren, und weie, sorglich gebundene Krawatten. Die
Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale
Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die
Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam
zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glnzte
mehr als das Leder ihrer derben Stiefel.

Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
unter der Vorhalle zwischen den Sulen, whrend die groe Menge
dem Rathause gegenber stand oder teilweise auf Sthlen sa. Der
Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Sthle
rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der
Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
Gedrnge, da man nur mit Mhe und Not zu der kleinen Treppe der
Estrade dringen konnte.

Ich finde, sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
Estrade durchdrngelte und gerade an ihm vorberkam, man htte
zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem
schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveaut.
Das wrde sehr hbsch ausgesehen haben!

Gewi! meinte Homais. Aber Sie wissen ja! Der Brgermeister
macht alles blo nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel
Geschmack, der gute Tvache, und knstlerischen Sinn nun gleich
gar nicht!

Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war,
erklrte Boulanger, das wre so recht der Ort, das Schauspiel
bequem zu genieen. Er nahm zwei Sthle von dem ovalen Tisch, der
unter der Bste von Majestt stand, und trug sie an eins der
Fenster.

Die beiden setzten sich nebeneinander hin.

Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und
tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man
hatte inzwischen erfahren, da er Lieuvain hie, und nun lief sein
Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel
geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er:

Meine Herren!

Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
eingehe, sei es mir zunchst gestattet, -- und ich bin berzeugt,
Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet,
sage ich, der Behrden und der Regierung zu gedenken, vor allem,
meine Herren, Seiner Majestt, unsers allergndigsten und
allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der ffentlichen und
privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger
Hand das Staatsschiff durch die unaufhrlichen Gefahren eines
strmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht lt, dem
Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der
Landwirtschaft, den Knsten und Wissenschaften ...

Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurck, sagte Rudolf.

Warum? fragte Emma.

In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates
besonderen Schwung. Er deklamierte:

Die Zeiten sind vorber, meine Herren, wo die Zwietracht der
Brger unsre ffentlichen Pltze mit Blut besudelte, wo der
Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
abends friedlich schlafen ging, befrchten mute, durch das
Strmen der Brandglocken jh wieder aufgeschreckt zu werden, wo
Umsturzideen frech an den Grundfesten rttelten ...

Nur weil man mich von unten bemerken knnte, gab Rudolf zur
Antwort. Dann mte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
Und bei meinem schlechten Rufe ...

Sie verleumden sich, warf Emma ein.

I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwr ich Ihnen.

Meine Herren! fuhr der Redner fort. Wenn wir unsre Blicke von
diesen dstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
gegenwrtigen Zustand unsers schnen Vaterlandes richten: was
sehen wir da? berall stehen Handel, Wissenschaften und Knste in
Blte, berall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam
wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue
Beziehungen, neues Leben. Unsre groen Industriezentren sind von
neuem in vollster Ttigkeit. Die Religion ist gekrftigt und wrmt
wieder aller Herzen. Unsre Hfen strotzen, der Staatskredit ist
fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...

Das heit, sagte Rudolf, vom gesellschaftlichen Standpunkt hat
man vielleicht recht.

Wie meinen Sie das? fragte sie.

Wissen Sie denn nicht, erluterte er, da es problematische
Naturen gibt? Halb Trumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie
den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genssen. Nichts ist
ihnen zu toll, zu phantastisch ...

Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
sie:

Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste
verboten!

Schne Freuden! entgegnete er bitter. Das Glck liegt wo ganz
anders!

Ach, so findet mans nirgends?

Doch! Eines Tages begegnet man dem Glck! flsterte er.

Und das wissen Sie alle gerade am besten, fuhr der Regierungsrat
fort, Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche
Vorkmpfer eines Kulturideals, Mnner des Fortschrittes und der
Ordnung! Sie wissen das, sage ich, da politische Strme weit
furchtbarer sind denn Strme in der Natur ...

Ja, eines Tages begegnet man ihm! wiederholte Rudolf, ganz
unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann
ffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme:
'Hier ist das Glck!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben,
dem mssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm
alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles
ist nur Ahnung, Gefhl! Man hat sich ja lngst im Traumland
gesehen ...

Er blickte Emma an.

Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
leibhaftig da! Er glnzt und strahlt! Noch immer hlt man ihn fr
ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
geblendet, als kme man pltzlich aus der Nacht in die Sonne ...

Rudolf begleitete seine Worte mit Gebrden. Er prete die Rechte
auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann lie er sie
auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.

Der Rat sprach immer weiter:

Wen knnte das auch verwundern, meine Herren? Hchstens Leute,
die so blind wren, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses
Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner
Zeiten, da sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen.
Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo
mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte:
wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natrlich nicht jene
oberflchliche Intelligenz, mit der sich mige Geister brsten,
nein, ich meine die grndliche und mavolle Intelligenz, die sich
nur mit ersprielichen Absichten bettigt und damit dem Vorteile
des Einzelnen wie der Frderung der Allgemeinheit dient und eine
Sttze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den
Gesetzen und dem Gefhle der Pflichterfllung ...

Pflichterfllung! wiederholte Rudolf. Immer und berall die
Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
Schafskpfen in Schlafrcken und von Betschwestern mit Wrmbullen
und Gesangbchern krchzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die
Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht
ist es, alles Groe in der Welt mitzufhlen, das Schne anzubeten
und sich nicht immer gleich unter alle mglichen
gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven
herabwrdigen zu lassen ...

Indessen ... indessen ..., wandte Emma ein.

Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kmpfen? Sind
sie nicht vielmehr das Allerschnste, was es auf Erden gibt, der
Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik,
aller Knste, alles Lebens im wahren Sinne?

Aber man mu sich doch ein wenig nach den Leuten richten
und sich ihrer Moral fgen, meinte Emma.

So! Das ist dann eben die doppelte Moral, eiferte er. Die eine:
die kleinliche, herkmmliche, die der Leute, die in einem fort ein
andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trben fischt
und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten
Troddel da unten. Und die andre: die gttliche, die um uns ist und
ber uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue
Himmel, der ber uns leuchtet ...

Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
er weiter:

Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt fr unser tglich Brot? Wer
schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er
und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner
schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen st,
verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu
Mehl gemahlen, in die Stdte zu den Bckern kommt, die Brot daraus
backen fr arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den
Weiden die Schafherden htet, damit wir Kleider haben? Wie sollten
wir uns anziehen, wie uns nhren, ohne die Landwirtschaft? Aber,
meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht
jeder von uns schon manchmal ber die Bedeutung jenes bescheidenen
Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhfe ist und
uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten fr
unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich kme nicht zu Ende, wenn
ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lckenlos aufzhlen
mte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine gromtige Mutter
ihre Kinder berschttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum,
der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den
Kse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht!
Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden
Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz
besonders hinlenken mchte ...

Dieser Appell war eigentlich unntig, denn die Menge lauschte
offenen Mundes und lie sich kein Wrtchen entgehen. Der
Brgermeister, der zur Seite des Redners sa, horchte mit
aufgerissenen Augen. Derozerays schlo die seinen hin und wieder
voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter
weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe fr Silbe
ordentlich zu verstehen. Die brigen Preisrichter nickten
bedchtig mit den gesenkten Huptern, um ihre Zustimmung zu
erkennen zu geben. Die Feuerwehr sttzte sich auf ihre Gewehre,
und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit
vorschriftsmiger Sbelhaltung. Hren konnte er vielleicht, aber
sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis ber die Nase
reichte. Sein Leutnant, der jngste Sohn des Brgermeisters, hatte
einen noch greren auf. Dieses Ungetm wackelte ihm fortwhrend
auf dem Kopfe hin und her. berdies sah der Zipfel eines seidnen
Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lchelte wie ein
artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses
Gesicht, ber das Schweitropfen rannen, verriet zugleich helle
Freude und mde Abspannung.

Der Marktplatz war bis an die Huser heran voller Menschen. In
allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Trschwellen.
Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in
das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum
Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger
Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen
weiter, von denen das Gerusch hin- und hergerckter Sthle auch
noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht
hinter sich langgedehntes Rindergebrll oder das Blken der
Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten
hatten nmlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben,
wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.

Rudolf war dicht an Emma herangerckt und flsterte ihr hastig zu:

Mu einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen
machen? Gibt es ein einziges Gefhl, das sie nicht verdammt? Die
edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt
und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem
finden, so verbndet sich alles, damit sie einander nicht gehren
knnen. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre
Flgel, und sie rufen sich. Frher oder spter, in sieben Monaten
oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil
es das Schicksal so will und weil sie freinander geschaffen sind
...

Er hatte die Arme verschrnkt und sttzte sie auf seine Knie, und
so schaute er Emma an, ganz aus der Nhe, mit starrem Blicke. Sie
konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um
die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfm
in seinem Haar. Wollstige Mdigkeit berfiel sie. Der Vicomte,
mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den
Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach
Vanille und Zitronen. Unwillkrlich schlo sie die Augenlider, um
den Geruch strker zu spren. Aber als sie sich in ihren Stuhl
zurcklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern
am Horizonte, die langsam die Hhe von Leux herabfuhr und eine
lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war
Leo so oft zu ihr zurckgekommen, und auf dieser Strae da war er
von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu
sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
zogen vorber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im
Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und
Leo wre nicht weit weg, sondern kme wieder ... Dabei sprte sie
in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die se Empfindung
seiner Nhe vermhlte sich mit den alten Gelsten; und wie
Staubkrner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefhle
zusammen mit dem leisen Dufte und betubten ihr die Seele. Ein
paarmal ffnete sie weit die Nasenflgel, um -- stoweise -- den
frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Sulen
geschlungen waren.

Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
feuchtgewordnen Hnde; dann fchelte sie ihren Wangen mit dem
Taschentuche Khlung zu, wobei sie mitten durch das Hmmern des
Blutes in ihren Schlfen das Gesumme der Menge und die immer noch
Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm.

Er predigte:

Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
nicht beirren, weder durch Hngenbleiben an veralteten
berlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von khnen
Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die
Verbesserung des Bodens, auf eine gute Dngung, auf die Veredelung
der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Mge diese
Versammlung fr Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drckt
wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg fr die Zukunft
wnscht! Und Ihr, Ihr wrdigen Dienstboten, bescheidenes
Hofgesinde, um deren mhevolle Arbeit sich bisher noch keine
Regierung gekmmert hat, kommt her und empfangt den Lohn fr Eure
stille Tchtigkeit und seid berzeugt, da die Frsorge des
Staates fortan auch Euch gelten wird, da er Euch ermutigt und
beschtzt, da er Euch auf begrndete Beschwerden hin recht geben
wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Brde Eurer
opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!

Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
schwungvoll wie die Lieuvains, dafr war sie sachlicher, das
heit: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war krzer gefat;
die Rede beschftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der
Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
beleuchtet. Beide htten zu allen Zeiten die Zivilisation
gefrdert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary ber Trume,
Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfnge der
menschlichen Gesellschaft zurck und schilderte die barbarischen
Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genhrt hatte.
Spter htte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
bekleidet, htte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun
ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschftigungen ungleich
mehr Mhen denn Nutzen? ber dieses Problem stellte Derozerays
allerhand Betrachtungen an.

Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmhlich auf die
Wahlverwandtschaft gekommen, und whrend der Redner unten vom
Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
eigenhndig sen, setzte der junge Mann der jungen Frau
auseinander, da die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
gegenseitigen Anziehung in einer frheren Existenz zu suchen sei.

Nehmen Sie beispielsweise uns beide! sagte er. Warum haben wir
uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefgt? War es
nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig
einander zufhrte, wie zwei Strme ineinander flieen, jeder von
weiter Ferne her?

Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.

Preis fr gute Bewirtschaftung ..., rief unten der Redner.

Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
kam ...

Herrn Bizet aus Quincampoix!

Wute ich damals, da wir so bald gute Freunde werden sollten?

Siebzig Franken ...

Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
Ihnen gekommen und hier geblieben ...

Fr Erfolge im Dngen.

... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...

Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!

... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so vllig
bezaubert ...

Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...

... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...

... fr einen Merino-Schafbock ...

Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorbergewandelt
wie ein Schatten!

Herrn Belot aus Notre-Dame ...

Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
erinnern?

Fr Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
Herren Lehriss und Cllembourg!

Rudolf drckte Emmas Hand. Sie fhlte sich ganz hei an und
zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen mchte. Sei es
nun, da Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da sie
Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren
Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:

Ach, ich danke Ihnen! Sie stoen mich nicht zurck! Sie sind so
gut! Sie fhlen, da ich Ihnen gehre! Ich will Sie ja nur sehen,
nur anschauen!

Ein Windsto, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
mchtigen Haubenschleifen der Buerinnen wie weie
Schmetterlingsflgel auf.

Fr die Herstellung von lkuchen ...

Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.

Fr Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
Feldbewsserung ... langjhrigen Pacht ... treue Dienste ...

Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne
Lippen bebten in heiestem Begehren. Weich und ganz von selbst
verschlangen sich ihre Hnde.

Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrire fr
vierundfnfzigjhrigen Dienst auf ein und demselben Gute eine
silberne Medaille im Werte von fnfundzwanzig Franken!

Nach einer Weile hrt man: Wo ist Katharine Leroux?

Sie erschien nicht, aber man vernahm flsternde Stimmen.

Geh doch!

Ach nein!

Brauchst keine Angst zu haben!

Nee, ist die dumm!

Hier! Hier steckt sie!

So mag sie doch vorkommen! rief der Brgermeister dazwischen.

Da begann eine kleine alte Frau mit ngstlicher Gebrde zur
Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
aus. Sie hatte die Fe in derben Holzschuhen und um die Hften
eine groe blaue Schrze. Ihr mageres Gesicht, von einer
schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter
Apfel, und aus den rmeln ihrer roten Jacke langten zwei drre
Hnde mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der
Lauge der Wsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig,
hart und rissig, da sie wie schmutzig aussahen, und doch waren
sie in reinem Wasser tchtig gewaschen worden. Da sie unzhlige
Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an
ihrer demtigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig
Dienste zu empfangen. Etwas wie klsterliche Strenge sprach aus
den Zgen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von
Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
nichts Trauriges oder Rhrseliges. Im steten Umgang mit Tieren war
ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum
ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen,
der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Rcken, das
Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das
erschttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wute
nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie
begriff nicht, warum man sie nach vorn drngte und warum ihr die
Preisrichter freundlich zulchelten. Sie stand vor diesen
behbigen Brgern als ein verkrpertes halbes Skulum der
Knechtschaft.

Treten Sie nher, verehrungswrdige Katharine Nikasia Elisabeth
Leroux! sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrnten
aus den Hnden des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er
abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte
er in vterlichem Tone:

Nher, immer nher!

Sind Sie denn taub? rief Tvache heftig und sprang von seinem
Sitze auf.

Fr vierundfnfzigjhrige Dienstzeit eine silberne Medaille im
Werte von fnfundzwanzig Franken! Die ist fr Sie! wurde ihr laut
gesagt.

Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lcheln
des Glckes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hrte man sie vor
sich hinmurmeln:

Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er
mir dermaleinst eine Messe liest.

Selig die Geistesarmen! meinte der Apotheker, zum Notar gewandt.

Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
nachdem nun die Preisverteilung vorber war, nahm jeder wieder
seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prgelten das Vieh,
das mit grnen Krnzen um die Hrner in seine Stlle
zurcktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.

Die Brgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte
einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spiete sich die
spendierten Butterbrote auf die Bajonette.

Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Tre nahmen sie
Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein
durch die Wiesen spazieren.

Der Schmaus dauerte lange. Es war lrmig, die Bedienung schlecht.
Man sa so eng aneinander, da man fr die Ellenbogen gar keine
Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bnke dienten,
drohten unter der Last der Gste zusammenzubrechen. Man a
unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen
perlte der Schwei von der Stirne. Zwischen der Tafel und den
Hngelampen schwebte weilicher Dunst, wie der Nebel ber dem
Flusse an einem Herbstmorgen.

Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich vllig
in Trumereien an Emma, so da er nichts sah und hrte. Hinter
ihm, drauen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die
gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab
er ihm keine Antwort. Man fllte ihm das Glas, ohne da er es
wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer strker werdenden Lrmes war
es in ihm ganz still. Er sann ber das nach, was Emma gesagt
hatte, und ber die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte
ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glnzte, sogar
aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in
der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter
Tage.

Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der
letztere beunruhigte sich sehr ber die Mglichkeit, da einmal
eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen knnte. Aller
Augenblicke verlie er seine Freunde, um Binet zur grten
Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskrper waren vorher aus
bertriebener ngstlichkeit im Hause des Brgermeisters aufbewahrt
worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzndete
sich nun schwer, und das Hauptstck, eine Schlange, die sich in
den Schwanz beit, versagte vollstndig. Ab und zu zischte ein
drftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergngen
laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der
Weiber, die im Dunkeln von dreisten Hnden angefat wurden.

Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und
nach verlschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein
paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch ber das
unbedeckte Haar.

In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom
Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf
seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines
Krpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach
den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster.

Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen,
bemerkte der Apotheker. Mein Vorschlag geht dahin, allwchentlich
am Rathause die Namen derer auszuhngen, die sich in der Woche
vorher sinnlos betrunken haben. Das ergbe nebenbei eine
Statistik, die man in gewissen Fllen ... Aber entschuldigen Sie!

Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
seiner Drehbank.

Vielleicht tten Sie gut, mahnte ihn Homais, wenn Sie einen von
Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen
...

Lassen Sie mich doch in Ruhe! murrte der Steuereinnehmer. Das
htte ja gar keinen Sinn!

Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.

Wir knnen vllig beruhigt sein, sagte er zu ihnen. Herr Binet
hat mir soeben versichert, da alle Vorsichtsmaregeln getroffen
sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen
stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!

Ach ja! Ich habs sehr ntig! erwiderte Frau Homais, die schon
immer tchtig geghnt hatte. Aber schn wars doch!

Rudolf wiederholte leise mit einem zrtlichen Blicke:

Wunderschn!

Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.

Zwei Tage darauf stand im Leuchtturm von Rouen ein langer
Bericht ber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfat.

Was knden diese Girlanden, diese Blumen und Krnze? Wohin wlzt
sich die Menge, gleichwie die Wogen des strmischen Weltmeeres
unter den Strahlenbscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren
sengt?

Sodann sprach er von der Lage der Landbevlkerung. Gewi, die
Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
Reformen sind unerllich. Man gehe an sie heran! Bei der
Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er das
martialische Aussehen unsrer Miliz, die behenden Dorfschnen,
die kahlkpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der
unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der
Trommeln hher schlagen. Seinen eigenen Namen zhlte er unter den
Preisrichtern als ersten auf und erwhnte in einer Anmerkung
sogar, da Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlngst eine
Denkschrift ber den Apfelwein an die Rouener Agronomische
Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt,
schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer
Begeisterung. Vter fielen ihren Shnen um den Hals, Brder ihren
Brdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
Kmmerlein, mag sie so mancher, Trnen in den Augen, an die Wand
gehngt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl
in dem auf der Herrn Ligeard gehrenden Wiese errichteten groen
Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende
herrschte die grte Gemtlichkeit. Mehrere Toaste wurden
ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestt,
Herr Brgermeister Tvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr
Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft,
Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die
Knste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den
Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prchtiges Feuerwerk
pltzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
entrckt whnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da
auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestrt
hat. Zu bemerken wre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit.
Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und
Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jnger Loyolas!




Neuntes Kapitel


Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
Sptnachmittags, erschien er.

Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wre ein
Fehler!

Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
hatte er sich gesagt, nun sei es zu spt zu einem Besuche. Sein
Gedankengang war folgender:

Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten
wir also noch eine Weile!

Als er Emma in der Groen Stube entgegentrat, sah er, wie sie bla
wurde. Da wute er, da er sich nicht verrechnet hatte.

Sie war allein. Es dmmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall
des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der
Flche des Spiegels ber dem Kamin wider wie flammendes Feuer.

Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mhe auf seine
ersten Hflichkeitsworte.

Ich war stark beschftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.

Ernstlich? fragte sie erregt.

Na, erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
niedrigen Sessel setzte, eigentlich wollte ich nicht
wiederkommen.

Warum?

Erraten Sie es nicht?

Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, da sie rot
wurde und die Augen senkte.

Er begann von neuem:

Emma!

Herr Boulanger! rief sie und rckte ein wenig von ihm ab.

Ah! sagte er in wehmtigem Tone. Sehen Sie, wie recht ich
hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser
Name, der mein ganzes Herz erfllt ..., er ist mir entschlpft,
und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt
nennt Sie so! So heien Sie! Und doch ist das der Name -- eines
andern! Nach einer Weile wiederholte er: Eines andern! Er hielt
sich die Hnde vor sein Gesicht. Ach, ich denke fortwhrend an
Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen
Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg
... so weit gehen, da Sie nichts mehr von mir hren werden! Aber
heute ... heute ... ach, ich wei nicht, was mich mit aller Gewalt
hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner
kmpfen! Und wo Engel lcheln, wer knnte da widerstehen? Man lt
sich hinreien von der, die so schn, so s, so anbetenswert
ist!

Es war das erstemal, da Emma solche Dinge hrte, und als ob sie
sich im Bade wollstig dehnte, so fhlte sie sich in ihrem
Selbstbewutsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.

Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen, fuhr er fort,
wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht fr
Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu
schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bume in Ihrem
Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das
Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben
hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, da
da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein
Unglcklicher stand ...

Sie schluchzte auf und sah ihn an.

Sie sind ein guter Mensch! flsterte sie.

Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen
Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!

Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Kche
her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Tre nicht
geschlossen. Er erinnerte sich daran.

Es wre barmherzig von Ihnen, sagte er, sich wieder erhebend,
wenn Sie mir einen Wunsch erfllten.

Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen.
Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Tre, da
trat Karl ein.

Guten Tag, Doktor! begrte ihn Rudolf.

Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Whrenddessen
wurde der andre wieder vllig Herr der Situation.

Die gndige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzhlt ...,
begann er.

Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat uerst besorgt. Seine Frau
habe bereits einmal an hnlichen Zustnden gelitten.

Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wre.

Gewi! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein
guter Rat! Den solltest du tatschlich befolgen, Emma!

Sie wandte ein, da sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins
an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in
sie. Dann erzhlte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein
Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide
immer noch an Schwindelanfllen.

Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen, sagte Bovary.

Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
zusammen. Das ist bequemer fr Sie!

Sehr gtig! Ganz wie Sie wnschen!

Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:

Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
abgelehnt? Es war doch sehr liebenswrdig!

Emma tat, als ob sie schmollte; sie wute nicht gleich, was sie
sagen sollte, und schlielich erklrte sie, die Leute knnten es
komisch finden.

Ich pfeif auf die Leute! sagte Karl und machte eine verchtliche
Gebrde. Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht
richtig von dir!

Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!

Dann mut du dir eins bestellen!

Das Reitkleid gab den Ausschlag.

Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe
ihm zur Verfgung. Sie nhme sein gtiges Anerbieten an.

Andern Tags um zwlf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem
Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder
und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus
feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da Emma solche gewi noch
nie gesehen hatte; und in der Tat war sie ber sein Aussehen
entzckt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und
den weien Breeches an der Tre erblickte. Sie hatte auf ihn
gewartet und war bereit.

Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mute sie sehen. Auch den
Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei
gute Ratschlge.

Es passiert so leicht ein Malheur! sagte er. Reiten Sie
vorsichtig! Sind die Tiere fromm?

Emma vernahm ber sich ein Gerusch. Es war Felicie, die mit der
Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
einen Spa zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kuhndchen
zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.

Viel Vergngen! rief Homais. Ja recht vorsichtig! Recht
vorsichtig!

Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grend mit
seiner Zeitung.

Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fhlte, fing es von
selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an.
Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zgeln nach dem
Widerrist zu vorhaltend, so berlie sie sich der wiegenden
Galoppade.

Es ging die Anhhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
Gule pltzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.

Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag ber den Fluren. In
langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und lieen die
Hgel nur in Umrilinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel
auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann
erblickte man durch die Lcken in der Ferne die Dcher von
Yonville im Sonnenscheine, die Grten am Bachufer, die Gehfte und
Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mhe, ihr Haus
herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie
da lebte, so klein vorgekommen. Von der Hhe, auf der sie hielten,
glich die ganze Niederung einem ungeheuer groen, fahlen,
verdunstenden See. Die buschigen Bume, die hie und da aus ihm
herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der
hohen Pappeln wie lange Wellenzge, die der Wind kruselt.

ber dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die
laue Luft. Der Boden, rtlich wie zerbltterter Tabak, dmpfte die
Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten ber den Weg, von den
Hufen berhrt.

Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stmme der
Bume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorber, da die
unaufhrliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
keuchten.

Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.

Gott ist mit uns! sagte Rudolf.

Glauben Sie denn an ihn? fragte sie.

Galopp! Galopp! rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
Beide Tiere gehorchten.

Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen
sich in Emmas Steigbgel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt,
bckte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein
paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um berhngende
Zweige von ihr abzuwehren; dann fhlte sie, wie sein rechtes Knie
ihr linkes Bein berhrte.

Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rhrte
sich. Sie kamen ber weite Felder, ganz voll blhenden
Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben
und goldbraunen Bltterwerk der Bume Flecke von wilden Veilchen
auf. Im Gebsch regte sich fters leiser Flgelschlag. Leise
krchzend flogen Raben um die Eichen.

Sie saen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus,
den Weg weiter, ber Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes
Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen
Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem
schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Wei ihres
Strumpfes, das er wie ein Stck Nacktheit empfand.

Emma blieb stehen.

Ich bin mde! sagte sie.

Gehen wir weiter! Versuchen Sie es! bat er. Mut!

Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hften
herabwallte, bergo ihr Gesicht mit blulichem Licht. Es sah aus,
wie in das Blau des Himmels getaucht.

Wohin gehen wir denn?

Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
bi sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der
gefllte Baumstmme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.

Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
durch berschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
schwermtig. Sie hrte ihm gesenkten Hauptes zu, whrend sie mit
der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem
Satze:

Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
zusammengelaufen? unterbrach sie ihn:

Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmglich!

Sie stand auf und wollte gehen. Er umfate ihr Handgelenk, und so
blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:

Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurck zu unsern
Pferden!

Rudolf machte eine Bewegung zornigen rgers. Sie wiederholte:

Gehen wir zu unsern Pferden!

Da lchelte er seltsam und nherte sich ihr mit vorgestreckten
Hnden, zusammengebissenen Zhnen und starrem Blicke. Sie wich
zitternd zurck und stammelte:

Ich frchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurck!

Wenn es sein mu! gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck
wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zrtlich, schchtern
aus.

Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rckweg an.

Was hatten Sie denn vorhin? fragte er. Was war es? Ich habe Sie
nicht begriffen. Gewi haben Sie mich miverstanden. Sie thronen
in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar!
Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu Ihre Augen sehen, Ihre
Stimme hren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin,
meine Schwester, mein Schutzengel!

Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
sanft zu entwinden, aber er lie sie nicht los. So gingen sie
nebeneinander hin. Da hrten sie ihre Pferde, die Bltter von den
Bumen rupften.

Noch nicht! bat Rudolf. Reiten wir noch nicht zurck! Bleiben
Sie!

Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nhe eines kleinen Weihers,
dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf
trumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Gerusch ihrer Schritte im
Gras hpften die Frsche davon und verschwanden.

Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich
bin toll, da ich auf Sie hre!

Warum? Emma! Emma!

Ach, Rudolf! flsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
anschmiegte.

Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog
ihren weien Hals zurck, den ein Seufzer schwellte. Halb
ohnmchtig und trnenberstrmt, die Hnde auf ihr Gesicht
pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ...

Die Dmmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und
flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub
und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als htten Kolibris im
Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes
Schweigen. Die Bume atmeten se Melancholie.

Emma fhlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch
den Krper kreiste.

In der Ferne, hinter dem Walde, ber der Hhe ertnte ein
langgezogener seltsamer Schrei, unaufhrlich. Dem lauschte sie
schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ...

Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines
Taschenmessers einen zerrissenen Zgel wieder her.

Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurck. Sie sahen im
weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider
Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Bsche wieder und
einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verndert,
und doch kam es Emma vor, als sei etwas hchst Bedeutsames
geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von
Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herber, um ihre rechte
Hand zu erfassen und zu kssen. Er fand Emma im Sattel entzckend
aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der
schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft
gerteten Wangen, -- alles im Abendrot.

Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.

Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma she vorzglich aus.
Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen
sei, tat sie, als htte sie die Frage berhrt. Sie sttzte sich
auf die Ellenbogen und starrte ber ihren Teller weg in die
flackernden Kerzen.

Emma!

Was denn?

Weit du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehndler gewesen. Er
hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die
Knie sind nur ein bichen durch. Ich bin berzeugt, fr hundert
Taler ... Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar
Augenblicken fort: Ich habe gedacht, es sei dir erwnscht, und da
habe ich mir den Gaul zurckstellen lassen ... nein, gleich
gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!

Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.

Eine Viertelstunde spter fragte sie:

Gehst du heute abend aus?

Ja. Warum denn?

Ach, ich wollt es blo wissen, Bester!

Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
schlo sich ein.

Sie war zunchst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
Bume, die Wege, die Grben, den Geliebten und fhlte seine
Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte.
Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte ber ihr
Aussehen. So groe schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und
wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umflo ihre Gestalt. Sie kam
sich wie verklrt vor.

Immer wieder sagte sie sich: Ich habe einen Geliebten! Einen
Geliebten!

Der Gedanke entzckte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib
geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch fr sie da, die
fiebernde Glckseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr
gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles
Leidenschaft, Verzckung und Rausch war. Blaue Unermelichkeit
breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glnzte das
Hochland der Gefhle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg
von diesen Hhen, lag der Alltag.

Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedchtnisse mit den
Stimmen der Klosterschwestern. Entzckende Klnge! Jene
Phantasiegeschpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
Mdchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefhl
befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
triumphierte sie, und ihre so lange unterdrckte Sinnlichkeit
wallte nun auf und schumte lebensfreudig ber. Sie geno ihre
Liebe ohne Gewissenskmpfe, ohne Nervositt, ohne Wirrungen.

Der Tag darauf verging in neuem sen Glck. Sie schworen sich
ewige Treue. Emma erzhlte ihm von ihren Leiden und Trbsalen. Er
unterbrach sie mit Kssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen
an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und
ihr noch einmal zu sagen, da er sie liebe. Es war wiederum im
Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhtte. Die Wnde waren
von Strohmatten und das Dach so niedrig, da man drin nicht
aufrecht stehen konnte. Sie saen dicht beieinander auf einer
Streu von trocknem Laub.

Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmig alle Abende.
Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen
lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach fhrte, verbarg.
Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine
Briefe waren sehr kurz, worber sie sich alle Tage beklagte.

Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war,
geriet sie pltzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu
wollen. Ehe die Yonviller aufstnden, konnte sie nach der Hchette
gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurckkommen. Dieser
Plan lie sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar
Augenblicke spter war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich
umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs.

Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut
des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
hchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.

ber den Hof weg stand ein groes Gebude. Das mute das
Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als ffnete sich
ihr alles von selbst. Eine breite Treppe fhrte auf einen Gang.
Emma drckte auf die Klinke einer Tr, und da erblickte sie im
Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie
frohlockte laut.

Du? Du! rief er aus. Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid
ist feucht ...

Ich liebe dich! war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den
Hals schlang.

Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglckt war, kleidete
sich Emma jedesmal, wenn Karl frhzeitig fort mute, rasch an und
schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf
dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache fhrte, aus dem Hause.
Aber wenn die Planke, die als Steg ber das Wasser diente,
zufllig weggenommen war, mute sie ein Stck bis zum nchsten
Steg an den Gartenmauern lngs des Baches hingehen. Die bewachsene
Bschung war steil und glitschig, und so mute sie sich mit der
einen Hand an Bscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten,
um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein ber die
cker, ungeachtet, da ihre zierlichen Schuhe einsanken, da sie
oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um
Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor
den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glhenden
Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Sfte, ihres Grns
und der freien Luft durchtrnkt, kam sie an. Rudolf schlief dann
meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
leibhaftgewordene Frhlingsmorgen.

Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende
goldene Morgenlicht traulich und dmmerig. Mit blinzelnden Augen
fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewndern
leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf
zog sie lachend zu sich und drckte sie an sein Herz.

Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fcher auf,
kmmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine groe Tabakspfeife in den
Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
Zuckerstcken, neben der Wasserflasche.

Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
vergo Trnen. Am liebsten wre sie gar nicht wieder von ihm
weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
neuem in seine Arme.

Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein
bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wre.

Was hast du denn? fragte sie. Hast du Schmerzen? Sprich!

Schlielich erklrte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begnnen
unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.




Zehntes Kapitel


Allmhlich machten Rudolfs Befrchtungen auf Emma Eindruck. Zuerst
hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an nichts andres
gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu einer Lebensbedingung
geworden war, erwachte die Furcht in ihr, es knne ihr etwas davon
verloren gehen oder man knne sie ihr gar stren. Wenn sie von dem
Geliebten wieder heimging, hielt sie mit rastlosen Blicken
Umschau; sie sphte nach allem, was sich im Gesichtskreise regte,
sie suchte die Huser des Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob
jemand sie beobachte. Sie lauschte auf jedes Gerusch, jeden
Tritt, jedes Rdergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
zittriger als das Laub der Pappeln, die sich ber ihrem Haupte
wiegten.

Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem Male den
Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte schrg ber den
oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hlfte in einem Graben
stand und vom Gebsch verdeckt wurde. Vor Schreck halb ohnmchtig
ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann aus der Tonne wie
ein Springteufel aus seinem Kasten. Er trug Wickelgamaschen bis
an die Knie, und die Mtze hatte er tief ins Gesicht
hereingezogen, so da man nur eine rote Nase und bebende Lippen
sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, der auf dem Anstand lag,
um Wildenten zu schieen.

Sie htten schon von weitem rufen sollen! schrie er ihr zu.
Wenn man ein Gewehr sieht, mu man sich bemerkbar machen!

Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
zu bemnteln. Es bestand nmlich eine landrtliche Verordnung,
nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne aus betreiben
durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte sich also Binet
einer bertretung schuldig. Deshalb schwebte er in steter Furcht,
der Landgendarm knne ihn erwischen, und doch fgte die Aufregung
seinem Vergngen einen Reiz mehr zu. Wenn er so einsam in seiner
Tonne sa, war er stolz auf sein Jagdglck und seine Schlauheit.

Als er erkannte, da es Frau Bovary war, fiel ihm ein groer Stein
vom Herzen. Er begann sofort ein Gesprch mit ihr.

Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!

Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:

Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?

Jawohl! stotterte sie. Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
ist...

So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, da man
auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...

Adieu, Herr Binet! unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
ihm ab.

Ihr Diener, Frau Bovary! sagte er trocken und kroch wieder in
seine Tonne.

Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige
Vermutungen. Auf eine dmmere Ausrede htte sie auch wirklich
nicht verfallen knnen, denn in ganz Yonville wute man, da das
Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und sonst
wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg fhrte einzig und
allein nach der Hchette. Somit mute Binet erraten, wo Emma
gewesen war. Sicherlich wrde er nicht schweigen, sondern es
ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle mglichen
Lgen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit seiner
Jagdtasche vor Augen.

Als Karl nach dem Essen merkte, da Emma bekmmert war, schlug er
ihr vor, zur Zerstreuung mit zu Apothekers zu gehen.

Die erste Person, die sie schon von drauen in der Apotheke im
roten Lichte erblickte, war -- ausgerechnet -- der
Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:

Ich mchte ein Lot Vitriol.

Justin, schrie der Apotheker, bring mir mal die Schwefelsure
her! Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte.

Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
Augenblick herunter. Wrmen Sie sich inzwischen am Ofen ...
Entschuldigen Sie! Und zu Bovary sagte er: Guten Abend, Doktor!
Der Apotheker pflegte nmlich diesen Titel mit einer gewissen
Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der darauf
ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen wrfe. Justin, nimm dich
aber in acht und wirf mir die Mrser nicht um! So! Und nun holst
du ein paar Sthle aus dem kleinen Zimmer! Aber nicht etwa die
Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?

Homais wollte selber zu seinen Fauteuils strzen, aber Binet bat
noch um ein Lot Zuckersure.

Zuckersure? fragte der Apotheker eingebildet. Kenne ich nicht!
Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsure? Also
Oxalsure, nicht wahr?

Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, da er nach einem
selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
Reinigung von verrostetem Jagdgert.

Bei dem Wort Jagd schrak Emma zusammen.

Der Apotheker versetzte:

Gewi! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!

Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht! meinte Binet
bissig.

Emma bekam keine Luft.

Und dann mcht ich noch ...

Will er denn ewig hier bleiben! seufzte sie bei sich.

... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes Wachs
und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren meines
Lederzeugs.

Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als seine Frau
erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, und Athalia
hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plsch berzogene
Fensterbank. Der Junge lmmelte sich auf einen niedrigen Sessel,
whrend sich seine ltere Schwester am Kasten mit den Malzbonbons
zu schaffen machte, in nchster Nhe von Papachen, der mit dem
Trichter hantierte, die Flschchen verkorkte, Etiketten darauf
klebte und dann alles zu einem Paket verpackte. Um ihn herrschte
Schweigen. Man hrte nichts, als von Zeit zu Zeit das Klappern der
Gewichte auf der Wage und ein paar leise anordnende Worte, die der
Apotheker dem Lehrling erteilte.

Wie gehts Ihrem Tchterchen? fragte pltzlich Frau Homais.

Ruhe! rief ihr Gatte, der den Betrag in das Geschftsbuch
eintrug.

Warum haben Sies nicht mitgebracht? fragte sie weiter.

Sst! Sst! machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem
Apotheker.

Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
darauf gehrt zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie Emma
einen lauten Seufzer aus.

Bichen asthmatisch? bemerkte Frau Homais.

Ach nein, es ist nur recht hei hier! entgegnete Frau Bovary.

Alles das hatte zur Folge, da die Liebenden tags darauf
beschlossen, ihre Zusammenknfte anders einzurichten. Emma schlug
vor, ihr Hausmdchen ins Vertrauen zu ziehen und durch ein
Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es fr besser, in
Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig zu machen. Er
versprach, sich darnach umzusehen.

Den ganzen Winter ber kam er drei- oder viermal in der Woche bei
Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlssel zur
Hinterpforte gegeben, whrend Karl glaubte, er sei verloren
gegangen. Zum Zeichen, da er da war, warf Rudolf jedesmal eine
Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, aber
oft mute sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, am
Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma verging
beinahe vor Ungeduld und wnschte ihren Mann wer wei wohin.
Schlielich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann nahm sie
ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch ber alle Maen
fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief ihr zu, sie solle
auch schlafen gehn.

Komm doch, Emma! rief er. Es ist schon spt!

Gleich! Gleich! erwiderte sie.

Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
schlief ein. Sie schlpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, lchelnd,
zitternd, halbnackt.

Rudolf hllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, schlang
die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den Garten, in die
Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie dereinst so oft mit
Leo gesessen hatte. Das war an Sommerabenden gewesen. Wie verliebt
hatten seine Augen geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr
an ihn.

Durch die kahlen Zweige der Jasminbsche funkelten die Sterne.
Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich im
Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben bekam,
sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein schwarzes Ungetm
auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu erdrcken.

In der Klte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
ihr Liebesgestammel um so inbrnstiger. Ihre Augen, die sie
gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen grer, und in
der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflsterten Worte
einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und zitterten
in ihnen tausendfach wider.

Wenn die Nacht regnerisch war, flchteten sie in Karls
Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem Pferdestall
gelegen war. Emma zndete eine Kchenlampe an, die sie hinter den
Bchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte sichs bequem, als sei
er zu Hause. Der Anblick der Bibliothek, des Schreibtisches, der
ganzen Einrichtung erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht
umhin, ber Karl allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hrte.
Sie htte ihn viel lieber ernst sehen mgen, ihretwegen
theatralischer, wie er es einmal gewesen war, als sie in der
Pappelallee das Gerusch von nherkommenden Tritten hinter sich zu
vernehmen whnten.

Es kommt jemand! sagte sie einmal.

Er blies das Licht aus.

Hast du eine Pistole bei dir?

Wozu?

Damit du ... dich ... verteidigen kannst!

Gegen deinen Mann? Der arme Junge! Dazu machte er eine Gebrde,
die etwa sagen sollte: Der mag mir nur kommen!

Dieser Mut entzckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
urwchsige Roheit heraushrte und darber entsetzt war.

Rudolf dachte viel ber diese kleine Szene nach.

Wenn das ihr Ernst war, sagte er sich, so war das recht
lcherlich, sogar hlich. Er hatte doch wahrlich keinen Anla,
ihren gutmtigen Mann zu hassen. Sozusagen von Eifersucht
verzehrt, das war er nicht. berdies hatte ihm Emma ihre
krperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, der ihm
ziemlich abgeschmackt erschienen war. berhaupt fing sie an, recht
sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit ihr tauschen
mssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze Handvoll Haare
fr einander abgeschnitten, und jetzt wnschte sie sich sogar
einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen ewiger
Zusammengehrigkeit. Hufig schwrmte sie ihm von den Abendglocken
vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie erzhlte von ihrer
seligen Mutter und wollte von der seinigen etwas wissen. Rudolfs
Mutter war schon zwanzig Jahre tot. Trotzdem trstete ihn Emma mit
allerlei Koseworten der Klein-Kindersprache, als ob es glte, ein
Wickelkind zu beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen
aufblickend, ausgerufen:

Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mtter segnen unsre
Liebe!

Aber sie war so hbsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzchtigkeiten war
ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, das seinen
Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verfhrerisch umschmeichelte.
Selbst Emmas berschwenglichkeiten, so zuwider sie einem
Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei nherer Betrachtung
reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so sicher war, da
er geliebt wurde, lie er sich gehen, und allmhlich nderte sich
sein Benehmen.

Nicht mehr wie einst hatte er fr sie jene sen Worte, die Emma
zu Trnen rhrten, nicht mehr die strmischen Liebkosungen, die
sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr vor, als ob der Strom
ihrer eignen groen Liebe, in der sie vllig untergetaucht war,
niedriger wrde; sie sah gleichsam auf den schlammigen Grund. Vor
dieser Erkenntnis schauderte sie, und darum verdoppelte sie ihre
Zrtlichkeiten. Rudolf indessen verriet seine Gleichgltigkeit
immer mehr.

Emma war sich selber nicht klar darber, ob sie es bereuen msse,
sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser fr sie sei,
wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann sie ihre
Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll darber
beeintrchtigte ihr den sinnlichen Genu. Sie gab sich ihm nicht
mehr hin, sie lie sich jedesmal von neuem verfhren. Aber er
meisterte sie, und sie frchtete sich beinahe vor ihm.

Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach auen ein harmloses
Geprge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs Wunsch. So
war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, als der
Frhling ins Land kam, waren sie fast wie zwei Eheleute
zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemtlichen Flamme des
huslichen Herdes bringen.

Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljhrlich eine
Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe kam,
wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem er an
den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen:

Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
und is si so gut wi di freren. Mir komt sie nmlig ein bissel
zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nchste mal schik ich
euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt r liber ein par junge
un schikt mir den Korb zerk, bite un auch di vorgen, ich hab
Unglk mit der rmise gehabt der ihr Dach ist mir neulig nachts
bei dem grosen Sturm in die Bume geflogen, die ernte ist diesmal
nich besonders bermt. Kurz und gut ich weis nicht wan ich zu euch
zu besuch kome, das ist jez so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe
weg seit ich allein bin meine arme Emma.

Hier war ein groer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder
hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu trumen.

Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den Schnuppen den
ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo ich war,
einen neuen Schfer zu mieten. Den alten hab ich nmlig
nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig schrecklig
mit diesen Gesindel, mausen tat er brigens auch.

Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend gekomen
is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich vernomen das
Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich kar nich und den Zan
hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase Kafee dabehalten. Ich
fragt in ob er dich auch gesehen hat, da sagte er Nein aber im
Stale hte er zwei Gule stehn sehn woraus ich schlise das der
kurkenhandel bei euch gut geht. Das freut mich sehr meine liben
Kinder der libe got mg euch ales mglige Glk schenken. Es tut
mir sr leid das ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer
nich kene. Ich habe fr si unter deiner Stube ein Flaumenbumgen
geflanzt. Das sol nich angerrt werden auser spter um die Flaumen
fr Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen
si komt krigt si imer welge. Adi libe Kinder. Ig kse dich libe
Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
Baken un verbleibe mit tausen Grsen euer euch

libender vater
Theodor Rouault.

Ein paar Minuten hielt sie das Stck grobes Papier noch nach dem
Lesen in den Hnden. Die Verste gegen die Rechtschreibung jagten
sich in den vterlichen Zeilen nur so, aber Emma ging einzig und
allein dem lieben Geist darin nach, der wie eine Henne aus einer
dicken Dornenhecke allenthalben hervorgackerte. Rouault hatte die
noch nassen Schriftzge offenbar mit Herdasche getrocknet, denn
aus dem Briefe rieselte eine Menge grauen Staubes auf das Kleid
der Leserin. Sie glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich
zu sehen, wie er sich nach dem Aschekasten bckte. Ach, wie lange
war es schon her, da sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah
sie sich wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende
eines Steckens an der groen Flamme des Funken sprhenden
Ginsterreisigs anbrennen lie. Und dann dachte sie zurck an
gewisse sonnendurchglhte Sommerabende, wo die Fllen so hell
aufwieherten, wenn man in ihre Nhe kam, und dann weggaloppierten.
Diese drolligen Galoppsprnge! Im Vaterhause, unter ihrem Fenster,
da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren die Bienen, wenn sie
in der Sonne ausschwrmten, gegen die Scheiben geflogen wie
fliegende Goldkugeln. Das war doch eigentlich eine glckliche Zeit
gewesen! Voller Freiheit! Voller Erwartung und voller Illusionen!
Nun waren sie alle zerronnen! Bei dem, was sie erlebt, hatte sie
ihre Seele verbraucht, in allen den verschiedenen Abschnitten
ihres Daseins, als junges Mdchen, dann als Gattin, zuletzt als
Geliebte. Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie
jemand, der auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stck von
seinen Habseligkeiten liegen lt.

Aber warum war sie denn so unglcklich? Was war Bedeutsames
geschehen, da sie mit einem Male aus allen Himmeln gestrzt war?
Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche sie den
Anla ihres Herzeleids.

Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des
Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe hindurch
sprte sie den weichen Teppich. Es war ein heller Frhlingstag,
und die Luft war lau.

Da hrte sie, wie ihr Kind drauen laut aufjauchzte.

Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermdchen wollte
sie am Kleide wieder in die Hhe ziehen. Lestiboudois war dabei,
den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nhe des Kindes
kam, streckte es ihm beide rmchen entgegen.

Bring sie mir mal herein! rief sie dem Mdchen zu und ri ihr
Tchterchen hastig an sich, um es zu kssen. Wie ich dich liebe,
mein armes Kind! Wie ich dich liebe!

Als sie bemerkte, da es am Ohre etwas schmutzig war, klingelte
sie rasch und lie sich warmes Wasser bringen. Sie wusch die
Kleine, zog ihr frische Wsche und reine Strmpfe an. Dabei tat
sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der Kleinen stehe,
just als sei sie von einer Reise zurckgekehrt. Schlielich kte
sie sie noch einmal und gab sie trnenden Auges dem Mdchen
wieder. Felicie war ganz verdutzt ber diesen Zrtlichkeitsanfall
der Mutter.

Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.

Eine vorbergehende Laune! trstete er sich.

Dreimal hintereinander versumte er das Stelldichein. Als
er wieder erschien, behandelte sie ihn khl, fast geringschtzig.

Schade um die Zeit, mein Liebchen! meinte er. Und er tat so, als
merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch,
das sie herauszog.

Jetzt kam wirklich die Reue ber sie. Sie fragte sich, aus welchem
Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser
gewesen wre, wenn sie ihm treu htte bleiben knnen. Aber Karl
bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefhlswandel zu
offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufllig eine solche
heraufbeschworen htte, wre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung
tatenlos geblieben.




Elftes Kapitel


Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
Klumpfe zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war,
verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
Yonville msse es strephopodische Operationen geben, damit es auf
der Hhe der Kultur bleibe.

Was ist denn dabei zu riskieren? fragte er Frau Bovary. Er
zhlte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern
auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken.
Befreiung von einem Schnheitsfehler. Bedeutende Reklame fr den
Operateur. Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den
armen Hippolyt vom Goldnen Lwen kurieren? Bedenken Sie, da er
seine Heilung allen Reisenden erzhlen wrde. Und dann ... Der
Apotheker begann zu flstern und blickte scheu um sich, ... was
sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darber in die
Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird berall
gelesen ... man spricht davon ... schlielich wei es die ganze
Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer wei? Wer
wei?

Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
keinen Anla, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln,
und was fr eine Befriedigung wre es fr sie, die geistige
Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine
Einnahmen steigern mute. Sie verlangte mehr als blo die Liebe
dieses Mannes.

Vom Apotheker und von seiner Frau bestrmt, lie sich Karl
berreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Dval,
und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den
Hnden, in diese Lektre. Whrend er sich ber Pferdefubildungen,
Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie,
Strephexopodie (d.h. ber die verschiedenartigen inneren und
uerlichen Verkrppelungen des menschlichen Fues),
Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fuleiden, die
oberhalb oder unterhalb der Verkrppelung um sich greifen)
unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Lwen mit
allen Mitteln der berredungskunst zur Operation zu bewegen.

Du wirst hchstens einen ganz leichten Schmerz spren, sagte er
zu ihm. Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim
Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hhnerauge
schneiden lt.

Hippolyts blde Augen blickten unschlssig um sich.

Im brigen, fuhr der Apotheker fort, kann mirs natrlich ganz
egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer
Nchstenliebe. Mein lieber Freund, ich mchte dich gar zu gern von
deinem scheulichen Hinkfu befreit sehen, von diesem ewigen Hin-
und Herwackeln mit den Hften. Du kannst dagegen sagen, was du
willst: es strt dich in der Ausbung deines Berufs doch
erheblich!

Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer
Operation werde bewegen knnen. Auch gab er ihm zu verstehen, da
er dann mehr Glck bei den Weibern haben wrde, worber der
Bursche albern grinste.

Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du httest doch
auch nicht kneifen knnen, wenn man dich zu den Soldaten
ausgehoben und in den Krieg geschickt htte! Also Hippolyt!

Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm
noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
Wohltaten der Wissenschaft derartig strrisch entziehen knne.

Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine
Verschwrung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die
Angelegenheiten anderer kmmerte, die Lwenwirtin, Artemisia, die
Nachbarn und selbst der Brgermeister, alle drangen sie in ihn,
redeten ihm zu und machten ihn lcherlich. Und was vollends den
Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller
kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst
zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generositt. Karl
pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: Meine Frau ist doch
wirklich ein Engel!

Beraten vom Apotheker, lie Karl nach drei fehlgeschlagenen
Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine
Art Gehuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz,
Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden.

Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mute
zunchst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu
hier vorlag. Hippolyts Fu setzte sich an sein Schienbein nahezu
geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war
also Pferdefu, verbunden mit etwas Varus oder, anders
ausgedrckt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem
Pferdefu.

Trotz dieses Klumpfues, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf
war und runzelige Haut, ausgedrrte Sehnen und dicke Zehen mit
schwarzen wie eisern aussehenden Ngeln hatte, war der Krppel von
frh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhrlich im
Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als
sei sein miratenes Bein krftiger denn das gesunde. Offenbar
hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel
Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht.

An einem Pferdefu mu zunchst die Achillessehne durchschnitten
werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus
nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf
einmal zu machen. Auch hatte er groe Angst, einen wichtigen Teil
zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft.

Ambrosius Par, der fnfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste
unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Dpuytren, der es
unternahm, einen Absze am Gehirn zu ffnen, Gensoul, der als
erster eine Oberkiefer-Abtragung ausfhrte, -- allen diesen hat
sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und
sie waren gewi nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt
unter sein Messer nahm.

Im Stbchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf
dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fden, Binden,
alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrtig gewesen war.
Homais hatte das alles eigenhndig vorbereitet, sowohl um die
Leute zu verblffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.

Karl fhrte den Einschnitt aus. Ein platzendes Gerusch. Die Sehne
war zerschnitten, die Operation beendet.

Hippolyt war vor Erstaunen auer aller Fassung. Er nahm Bovarys
Hnde und bedeckte sie mit Kssen.

Erst mal Ruhe! gebot der Apotheker. Die Dankbarkeit fr deinen
Wohltter kannst du ja spter bezeigen!

Er ging hinunter, um das Ereignis den fnf oder sechs Neugierigen
mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten,
Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder
andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehuse an und begab
sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Tre
erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.

Sie setzten sich zu Tisch. Er a viel und verlangte zum Nachtisch
sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur
Sonntags, wenn ein Gast da war.

Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprchen und
gemeinsamem Plneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glcke,
von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen rztlichen Ruf
wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau
immerdar whren. Und sie, sie fhlte sich beglckt und verjngt,
gesnder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung
fr diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flchtig scho ihr
der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten
alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, da
seine Zhne eigentlich gar nicht hlich waren.

Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des
Mdchens pltzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch
beschriebenes Stck Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er fr
den Leuchtturm von Rouen verfat hatte. Er brachte ihn, um ihn
dem Arzte zum Lesen zu geben.

Lesen Sie ihn vor! bat Bovary.

Der Apotheker tat es:

Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europer
noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer
Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Stdtchen
Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich
ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary,
einer unserer angesehensten praktischen rzte, ...

Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel! unterbrach ihn Karl, vor
Erregung tief atmend.

Aber durchaus nicht! Wieso denn?

Er las weiter:

... hat den verkrppelten Fu ...

Er unterbrach sich selbst:

Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden,
wissen Sie! In einer Tageszeitung mu alles gemeinverstndlich
sein ... die groe Masse ...

Sehr richtig! meinte Bovary. Bitte fahren Sie fort!

Ich wiederhole:

Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen rzte,
hat den verkrppelten Fu eines gewissen Hippolyt Tautain
operiert, des langjhrigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Lwen
der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das
allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig groe
Volksmenge angezogen, da der Zugang zu dem Etablissement gesperrt
werden mute. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell.
Blutergu trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen
verrieten, da ein hartnckiges Leiden endlich der Macht der
Wissenschaft wich. Der Kranke versprte dabei erstaunlicherweise
-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf --
nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand lt bis jetzt
nichts zu wnschen brig. Allem Dafrhalten nach wird die
vollstndige Heilung rasch erfolgen, und wer wei, ob der brave
Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern
um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere
Sprnge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre
den unermdlichen Geistern, die ihre Nchte der Menschheit zum
Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!

Der Tag wird noch kommen, wo verkndet werden wird, da die
Blinden sehen, die Tauben hren und die Lahmen gehen! Was der
kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwhlten versprach,
schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
unsere verehrten Leser ber den weiteren Verlauf dieser so
ungemein merkwrdigen Kur auf dem laufenden erhalten.

Trotz alledem kam fnf Tage darauf die Lwenwirtin ganz verstrt
gelaufen und rief:

Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei nicht, was ich machen soll!

Karl rannte Hals ber Kopf nach dem Goldnen Lwen, und der
Apotheker, der den Arzt so ber den Markt strmen sah, verlie
sofort im bloen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit
rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er
auf der Treppe begegnete:

Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?

Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da das
Gehuse, in das sein Bein eingezwngt war, gegen die Wand
geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.

Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fues nicht zu
verschieben, entfernte man das Holzgehuse. Und nun bot sich ein
grlicher Anblick dar. Die Form des Fues war unter einer
derartigen Schwellung verschwunden, da es aussah, als platze
demnchst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von
Druckflecken bedeckt, die das famose Gehuse verursacht hatte.
Hippolyt hatte von Anfang an ber Schmerzen geklagt, aber man
hatte ihn nicht angehrt. Nachdem man nunmehr einsah, da er im
Rechte gewesen war, gnnte man ihm ein paar Stunden Befreiung.
Aber sowie die Schwellung ein wenig zurckgegangen war, hielten es
die beiden Heilknstler fr angebracht, das Bein wieder
einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die
Wiederherstellung zu beschleunigen.

Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten.
Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war hchst ber das
verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwrzlichblau
gewordene Schwellung erstreckte sich ber das ganze Bein, das ganz
voller Blasen war; eine dunkle Flssigkeit sonderte sich ab. Man
wurde bedenklich.

Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie ihn in die
kleine Gaststube bringen neben der Kche, damit er wenigstens
etwas Zerstreuung htte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen
Stammplatz hatte, beschwerte sich ber diese Nachbarschaft.
Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag
er wimmernd unter seinen schweren Decken, bla, unrasiert, mit
eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schwei
gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn
die Fliegen qulten.

Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
Umschlgen, trstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte
es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die
Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.

Wie geht dirs denn? fragten sie ihn und klopften ihm auf die
Schulter. So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber
selber schuld daran! Er htte dies oder jenes machen sollen. Sie
erzhlten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel
wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten
sie:

Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du lt dich wie ein
Frst verhtscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und
besonders gut riechst du auch nicht!

Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
Hippolyt sah ihn mit angsterfllten Augen an. Schluchzend
stammelte er:

Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen
Sie mir! Ich bin so unglcklich, so unglcklich!

Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verlie
er ihn.

Hr nur gar nicht auf ihn, mein Junge! meinte die Lwenwirtin.
Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich blo
immer noch schwcher! Da, trink!

Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrhe, ein Stck Hammelkeule,
Speck und manchmal ein Glschen Schnaps, den er kaum an seine
Lippen zu bringen wagte.

Abb Bournisien, der gehrt hatte, da es Hippolyt schlechter
ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklrte
er, in gewisser Beziehung msse sich der Kranke freuen, denn es
sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gbe, sich mit dem Himmel
zu vershnen.

Siehst du, sagte der Priester in vterlichem Tone, du hast
deine Pflichten recht vernachlssigt! Man hat dich selten in der
Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl
nicht genommen? Ich gebe zu, da deine Beschftigung und der
Trubel der Welt dich abgehalten haben, fr dein Seelenheil zu
sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, da du dich darum kmmerst.
Verzweifle indessen nicht! Ich habe groe Snder gekannt, die,
kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit,
das wei ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne
Verdammnis gestorben! Hoffen wir, da auch du uns gleich ihnen ein
gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir,
morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue
das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das
versprechen?

Der arme Teufel gelobte es. Tag fr Tag kam der Seelsorger wieder.
Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzhlte er den
beiden sogar Anekdoten, Spe und faule Witze, die Hippolyt
allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf
religise Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle
Miene annahm.

Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht
lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund wrde,
worauf der Priester entgegnete, das sei nicht bel. Doppelt genht
halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.

Der Apotheker war emprt ber diese Pfaffenschliche, wie er sich
ausdrckte. Er behauptete, das verzgre die Genesung des
Hausknechts nur.

Lat ihn doch nur in Ruhe! sagte er zur Lwenwirtin. Mit euren
Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!

Aber die gute Frau wollte davon nichts hren. Er und kein anderer
sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus
Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Hupten einen
Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.

Allerdings ntzten offenbar weder der kirchliche noch der
chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
Beine weiter in den Krper hinauf. Man versuchte immer neue Salben
und Pflaster, aber der Fu wurde immer brandiger, und schlielich
antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter
Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage
nicht den Doktor Canivet aus Neufchtel kommen lassen solle, der
doch weitberhmt sei.

Canivet war Doktor der Medizin, fnfzig Jahre alt, ebenso
wohlhabend wie selbstbewut. Er kam und entbldete sich nicht,
ber den Kollegen geringschtzig zu lcheln, als er das bis an das
Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklrte er, das
Glied msse amputiert werden.

Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen die Esel, die das
arme Luder so zugerichtet htten. Er fate Homais am Rockknopf
und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:

Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit
ihren Schieloperationen, Chloroform-Betubungen, Blaseneingriffen!
Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen
sollte! Diese Scharlatane wollen blo immer was zu tun haben. Sie
erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken
sie nicht. Wir andern aber, wir sind rckstndig. Wir sind keine
Gelehrten, keine Zauberknstler, keine Salonhelden. Wir haben
unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fllt uns
nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen!
Klumpfe gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso knnte man auch
einem Buckligen seinen Hcker abhobeln wollen!

Homais war bei diesem Ergu gar nicht besonders wohl zumute, aber
er verbarg sein Mibehagen hinter einem verbindlichen Lcheln. Er
mute mit Canivet auf gutem Fue bleiben, dieweil dieser in der
Yonviller Gegend fters konsultiert wurde und ihm dabei durch
Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde htete er sich, fr
Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, lie Grundstze
Grundstze sein und opferte seine Wrde den ihm wichtigeren
Interessen seines Geschfts.

Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausfhrte, war
fr den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frhzeitig waren die
Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstrae war voller
Menschen, die allesamt etwas Trbseliges an sich hatten, als solle
eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krmers stritt man sich
ber Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
Tvache, die Gattin des Brgermeisters, lag vom frhen Morgen in
ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur
ankme.

Er kam in seinem Wgelchen angefahren, das er selber kutschierte.
Durch die Last seines Krpers war die rechte Feder des Gefhrts
derartig niedergedrckt, da der Wagenkasten schief stand. Neben
dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne
Reisetasche, deren Messingschlsser prchtig funkelten. In starkem
Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen
Lwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er
ging mit in den Stall und berzeugte sich, da der Gaul ordentlich
Hafer geschttet bekam. Es war seine Gewohnheit, da er sich immer
zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
Munde der Leute fr einen Pferdejockel. Aber gerade weil er sich
darin unabbringbar gleichblieb, schtzte man ihn um so mehr. Und
wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten
Zgen gelegen htte: Doktor Canivet wre zunchst seiner
kavalleristischen Pflicht nachgekommen.

Homais stellte sich ein.

Ich rechne auf Ihre Untersttzung! sagte der Chirurg. Ist alles
bereit? Na, dann kanns losgehen!

Der Apotheker gestand errtend ein, da er zu empfindlich sei, um
einer solchen Operation assistieren zu knnen. Als passiver
Zuschauer, sagte er, greift einen so was doppelt an. Meine
Nerven sind so herunter ...

Quatsch! unterbrach ihn Canivet. Mir machen Sie vielmehr den
Eindruck, als solle Sie demnchst der Schlag rhren. brigens kein
Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von frh bis abends in Eurer
Giftbude. Das mu sich ja schlielich auf die Nerven legen! Gucken
Sie mich mal an! Tag fr Tag stehe ich vier Uhr morgens auf,
wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht,
Flanellhemden gibts fr mich nicht, das Zipperlein kriege ich
nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und
morgen so, wie mirs gerade einfllt, aber immer als
Lebensknstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie
Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem
christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich
mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es
ist alles blo Gewohnheit ...

Ohne irgendwelche Rcksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
Lager vor Angst schwitzte, fhrten die beiden ihre Unterhaltung in
diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbltigkeit
eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich
geschmeichelt, lie sich Canivet des lngeren ber die
Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein
Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines
Handwerk ausbe, der sei ein Heiligtumschnder.

Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais
gelieferte Verbandszeug zu prfen. Es war dasselbe, das bereits
bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er
sich jemanden, der das Bein festhalten knne. Lestiboudois ward
geholt.

Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsrmel hoch und
begab sich in das Billardzimmer, whrend der Apotheker in die
Kche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ngstlich
warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weier als ihre
Schrzen.

Whrenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus.
Er sa unten in der Groen Stube, zusammengeduckt und die Hnde
gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte,
und starrte vor sich hin. Welch ein Migeschick! seufzte er.
Was fr eine groe Enttuschung! Er hatte doch alle denkbaren
Vorsichtsmaregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner
Hand dazwischengekommen! Nicht zu ndern! Wenn Hippolyt noch
strbe, dann wre er schuld daran! Und was sollte er antworten,
wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe
einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wute doch selber keinen,
so sehr er auch darber nachsann. Die berhmtesten Chirurgen
versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie
werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache
wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchtel, bis Rouen und noch
weiter! Vielleicht wrde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn
verffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwnge, in
den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt knnte auf
Schadenersatz klagen.

Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
tausend Befrchtungen bestrmte Phantasie schwankte hin und her
wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.

Emma sa ihm gegenber und beobachtete ihn. An seine Demtigung
dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
hatte sie sich nur einbilden knnen, da sich ein Mann seines
Schlages zu einer Leistung aufschwnge, wo sich seine Unfhigkeit
doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!

Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.

Setz dich doch! sagte sie. Du machst mich noch ganz verrckt!

Er tat es.

Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war!
--, da sie sich abermals so getuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer
Lebenspfad war doch fortwhrend durch das traurige Tal der
Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich
alles einzeln ins Gedchtnis zurck: ihren unbefriedigten Hang zum
Lebensgenu, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer
Ehe, ihres Hausstandes, ihre Trume und Illusionen, die in den
Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich
gewiesen, an alles, was sie htte haben knnen! Sie begriff den
geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?

Das Stdtchen lag in tiefer Ruhe. Pltzlich erscholl ein
herzzerreiender Schrei. Bovary ward bla und beinahe ohnmchtig.
Emma zuckte nervs mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts
mehr anzusehen.

Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
ohne Feingefhl! Da sa er, stumpfsinnig und ohne Verstndnis
dafr, da er nicht nur seinen Namen lcherlich und ehrlos gemacht
hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und
sie, sie hatte sich solche Mhe gegeben, ihn zu lieben! Hatte
unter Trnen bereut, da sie ihm untreu geworden war!

Vielleicht war es ein Valgus? rief Karl pltzlich laut aus. Das
war das Ergebnis seines Nachsinnens.

Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas
versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte
--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen,
fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt,
sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch
himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines
Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden
Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tnen, die
ab und zu von grellem Gebrll unterbrochen wurden. Alles das klang
wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma bi
sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt
einer Blume, die sie zerpflckt hatte, und ihre heien Blicke
trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
seine Existenz. Wie ber ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
da sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
Anhnglichkeit brig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude geno sie den
Siegesjubel ber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des
Geliebten und fhlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild
entzckte und verfhrte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre
ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben
herausgerissen, fr immer entfremdet, unmglich geworden,
ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den
Todeskampf gekmpft hatte. Vom Trottoir her drang das Gerusch von
Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die
niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der
vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem
Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die groe rote
Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.

In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedrfnis nherte sich
Karl seiner Frau:

Gib mir einen Ku, Geliebte!

La mich! wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.

Was hast du denn? Was ist dir? fragte er betroffen. Sei doch
ruhig! rgere dich nicht! Du weit ja, wie sehr ich dich liebe!
Komm!

Weg! rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie strzte aus dem
Zimmer, wobei sie die Tr so heftig hinter sich zuschlug, da das
Barometer von der Wand fiel und in Stcke ging.

Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darber nach,
was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefhl von
etwas Unheilvollem, Unfabarem.

Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine
Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen
und auf ihn warten. Sie kten sich, und all ihr rger schmolz in
der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.




Zwlftes Kapitel


Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
seine Arbeitsschrze ab und trabte nach der Hchette. Rudolf kam
alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als da sie sich
langweile, da ihr Mann grlich sei und ihr Dasein schrecklich.

Kann ich das ndern? rief er einmal ungeduldig aus.

Ja, wenn du wolltest!

Sie sa auf dem Fuboden zwischen seinen Knien, mit aufgelstem
Haar und traumverlorenem Blick.

Wieso? fragte er.

Sie seufzte.

Wir mssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg
von hier ...

Ein toller Einfall! lachte er. Unmglich!

Sie kam immer wieder darauf zurck. Er tat so, als sei ihm das
unverstndlich, und begann von etwas anderm zu sprechen.

Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie
msse dazu doch Anla haben, Motive. Sie klammere sich doch an
ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.

Wirklich wuchs ihre Zrtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag
im gleichen Mae, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertrglich vor,
seine Hnde nie so vierschrtig, sein Geist nie so schwerfllig,
seine Manieren nie so gewhnlich, als wenn sie nach einem
Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete
sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwhrend
trumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen
Stirn, seiner krftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen
so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen
Menschen. Nur fr ihn pflegte sie ihre Ngel mit der Sorgfalt
eines Ziseleurs, fr ihn verschwendete sie eine Unmenge von
Coldcream fr ihre Haut und von Peau d'Espagne fr ihre Wsche.
Sie berlud sich mit Armbndern, Ringen und Halsketten. Wenn sie
ihn erwartete, fllte sie ihre groen blauen Glasvasen mit Rosen
und schmckte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die
einen Frsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit
Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Kche.

Justin leistete ihr hufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bgelbrett gesttzt, auf
dem sie plttete, betrachtete er lstern alle die um ihn herum
aufgeschichtete Damenwsche, die Pikee-Unterrcke, die
Spitzentcher, die Halskragen, die breithftigen Unterhosen.

Wozu hat man das alles? fragte der Bursche, indem er mit der
Hand ber einen der Reifrcke strich.

Hast du sowas noch niegesehen? Felicie lachte. Deine Herrin,
Frau Homais, hat das doch auch!

So? Die Frau Homais! Er sann nach. Ist sie denn eine Dame wie
die Frau Doktor?

Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnffelte. Sie war
drei Jahre lter als er, und brigens machte ihr Theodor, der
Diener des Notars, neuerdings den Hof.

La mich in Ruhe! sagte sie und stellte den Strketopf beiseite.
Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Sto deine Mandeln!
Immer mut du an irgendeiner Schrze hngen! Eh du dich damit
befat, la dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du
Knirps, du nichtsntziger!

Ach, seien Sie doch nicht gleich bs! Ich putze Ihnen auch die
Schuhe fr die Frau Doktor!

Alsobald machte er sich ber ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
her, die in der Kche standen. Sie waren ber und ber mit
eingetrocknetem Straenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein
her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die
Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie
sich.

Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei! sagte Felicie,
die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
anwandte, weil die Herrin sie ihr berlie, sobald sie nicht mehr
tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem
Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl
wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.

So gab er auch dreihundert Franken fr ein hlzernes Bein aus, das
Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen msse. Die Flche,
mit der es anlag, war mit Kork berzogen. Es hatte Kugelgelenke
und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es
vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den
Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein
anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder bel mute der Arzt
auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem
seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den
Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des
Stelzfues auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen
anderen Weg ein.

Lheureux, der Modewarenhndler, hatte das Holzbein besorgt. Das
gab ihm Gelegenheit, Emma hufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr
ber die neuesten Pariser Moden und ber tausend Dinge, die Frauen
interessieren. Dabei war er immer uerst gefllig und forderte
niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einflle Emmas wurden im
Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr
schnen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem
Schirmgeschft gesehen hatte. Eine Woche spter legte Lheureux ihn
ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber berreichte er ihr eine
Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so
und soviel Centimes. Emma war in der grbsten Verlegenheit. Die
Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn fr vierzehn Tage zu
bekommen, Felicie fr acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des
Honorars von Herrn Derozerays, das alljhrlich gegen Ende Oktober
einzugehen pflegte.

Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrsten. Dann verlor
er aber die Geduld. Man drnge auch ihn, er brauche Geld, und wenn
er nicht alsbald welches von ihr bekme, msse er ihr alles wieder
abnehmen, was er ihr geliefert habe.

Gut! meinte Emma. Holen Sie sichs!

Ach was! Das hab ich nur so gesagt! entgegnete er. Indessen um
den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir
vom Herrn Doktor zurckgeben lassen!

Um Gottes willen! rief sie aus.

Warte nur! Dich hab ich! dachte Lheureux bei sich.

Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
lispelte er in seinem gewohnten Flstertone vor sich hin:

Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!

Frau Bovary grbelte gerade darber nach, wie sie diese Geschichte
in Ordnung bringen knne, da kam das Mdchen und legte eine kleine
in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
schuldige Honorar. Karls Tritte wurden drauen auf der Treppe
hrbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den
Schlssel ein.

Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.

Ich mchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen, sagte er. Wollen
Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...

Hier haben Sie Ihr Geld! unterbrach sie ihn und zhlte ihm
vierzehn Goldstcke in die Hand.

Der Kaufmann war verblfft. Um seine Enttuschung zu verbergen,
brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
mglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.

Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche
ihrer Schrze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tchtig zu
sparen, damit sie recht bald ...

Was ist da weiter dabei? beruhigte sie sich. Er wird nicht
gleich dran denken!

Auer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit
dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein
seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster
die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstrae
gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren.
Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke
erst nach langem Struben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma
drang in ihn, und so mute er sich schlielich fgen. Er fand
das aufdringlich und hchst rcksichtslos.

Sie hatte wunderliche Einflle.

Wenn es Mitternacht schlgt, bat sie ihn einmal, mut du an
mich denken!

Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose
Vorwrfe zu hren, die alle in die Worte ausklangen:

Du liebst mich nicht mehr!

Ich dich nicht mehr lieben?

ber alles?

Natrlich!

Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?

Glaubst du, ich htte meine Unschuld bei dir verloren? brach er
lachend aus.

Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mhe
zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
mildern suchte.

Ach, du weit gar nicht, wie ich dich liebe! begann sie von
neuem. Ich liebe dich so sehr, da ich nicht von dir lassen kann!
Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu
sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich
frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen?
Sie lcheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht
wahr, es gefllt dir keine? Es gibt ja schnere als ich, aber
keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine
Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So
schn! So klug und stark!

Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehrt, da es
ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht
anders als alle seine frheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit
fiel Stck um Stck von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige
Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer
dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein
vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da unter den nmlichen
Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefhlsarten
existieren knnen. Weil ihm die Lippen liederlicher oder
kuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflstert
hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie
dieser nur schwach.

Man darf die berschwenglichen Worte nicht gelten lassen, sagte
er sich, sie sind nur ein Mntelchen fr Alltagsempfindungen.

Aber ist es nicht oft so, da ein bervolles Herz mit den
banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau
zu sagen, wie gro sein Wnschen und Wollen, seine Innenwelt,
seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene
Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein
Br tanzt, whrend wir die Sterne bewegen mchten.

Aber mit der berlegenheit, die kritischen Naturen eigentmlich
ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
dieser Liebschaft neue Gensse. Er nahm keine ihm unbequeme
Rcksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar
jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fgsam und verdarb sie
grndlich. Sie hegte eine geradezu hndische Anhnglichkeit zu
ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollstig empfand sie
Glckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank
in diesem Rausche.

Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
uerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden khner, ihre
Rede freimtiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs,
eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, um die Spieer zu
rgern, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gnzlich
geschehen, als man sie eines schnen Tages in einem regelrechten
Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte
Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder
einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich
nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre
mifiel ihr. Zunchst hatte Karl ihrem Rate entgegen das
Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war berhaupt die
ganze Wirtschaft nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich
Bemerkungen darber gestattete, kam es zu einem rgerlichen
Auftritt. Felicie war die nhere Veranlassung dazu.

Die alte Frau Bovary hatte das Mdchen eines Abends, als sie durch
den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders
jungen Mannes berrascht. Der Betreffende trug ein braunes
Halstuch und verschwand bei der Annherung der alten Dame. Emma
lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die
Schwiegermutter ereiferte sich und erklrte, wer bei seinen
Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert
darauf.

Sie sind wohl aus Hinterpommern? fragte die junge Frau so
impertinent, da sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.

Verlassen Sie mein Haus! schrie Emma und sprang auf.

Emma! Mutter! rief Karl beschwichtigend.

In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestrzt. Emma
stampfte mit dem Fue auf, als er ihr zuredete.

So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib! rief sie.

Er eilte zur Mutter. Sie war ganz auer sich und stammelte:

So eine Unverschmtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres
vielleicht noch!

Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
Verzeihung gebeten wrde.

Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien,
doch nachzugeben. Schlielich sagte sie:

Meinetwegen!

In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
der Wrde einer Frstin.

Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!

Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
vergraben.

Fr den Fall, da sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte,
hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weien
Zettel zu stecken. Wenn er zufllig in Yonville wre, solle er
daraufhin sofort durch das Gchen an die hintere Gartenpforte
eilen.

Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa sie wartend am
Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
der Hallen. Beinahe htte sie das Fenster aufgerissen und ihn
hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
berkam sie.

Bald darauf vernahm sie unten auf dem Brgersteige Tritte. Das war
er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und ber den Hof.
Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.

Sei doch ein bichen vorsichtiger! mahnte er.

Ach, wenn du wtest! Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu
erzhlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
bertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine
solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da er nicht das
mindeste von der ganzen Geschichte begriff.

So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!

Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide! erwiderte
sie. Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu
scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette
mich!

Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Trnen,
glnzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestm.

Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
khle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:

Was soll ich tun? Was willst du?

Flieh mit mir! rief sie. Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich
um alles in der Welt!

Sie prete sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse
das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.

Aber ...

Kein Aber, Rudolf!

... und dein Kind?

Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:

Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!

Ein Teufelsweib! dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie
mute ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.

Whrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary ber das
vernderte Wesen ihrer Schwiegertochter hchst verwundert.
Wirklich, sie zeigte sich auerordentlich fgsam, ja ehrerbietig,
und das ging so weit, da Emma sie um ihr Rezept, Gurken
einzulegen, bat.

Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
tuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im
Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne.
Der Gegenwart entrckt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden
Glckes. Davon schwrmte sie dem Geliebten immer und immer wieder
vor. An seine Schulter gelehnt, flsterte sie:

Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie
ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spre, da sich
der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefhl haben, in einem
Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weit
du, ich zhle die Tage ... Und du?

Frau Bovary hatte nie so schn ausgesehen wie jetzt. Sie besa
eine unbeschreibliche Art von Schnheit, die aus Lebensfreude,
Schwrmerei und Siegesgefhl zusammenstrmt und das Symbol
seelischer und krperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lste,
ihre Trbsal, ihre erweiterten Liebesknste und ihre ewig jungen
Trume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dnger, Regen, Wind
und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblhte
ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu
geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie
verschleierten ihre Augpfel, whrend ihr Atem die feinlinigen
Nasenflgel weitete und es leise um die Hgel der Mundwinkel
zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum
beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verfhrer und Knstler
habe den Knoten ihres Haares ber dem Nacken geordnet. Er sah aus
wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lssig
geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag fr Tag
aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziser
geworden, hnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
Bezauberndes strmte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem
Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem
Manne entzckend und ganz unwiderstehlich.

Wenn er nachts spt nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken.
Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende
Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein
weies Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhngen.
Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzge seines Kindes
zu hren. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es
vorwrts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule
heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die
Schultasche am Arm. Dann mute das Mdel in eine Pension kommen.
Das wrde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er
sann nach. Wie wre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut
pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, wrde er
hinreiten und das Ntige anordnen. Der Ertrag kme auf die
Sparkasse, spter knnten ja irgendwelche Papiere dafr gekauft
werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit
rechnete er, denn sein Tchterchen sollte gut erzogen werden, sie
sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hbsch
wrde sie sein, die dann Fnfzehnjhrige! Ein Ebenbild ihrer
Mutter! Ganz wie sie mte sie im Sommer einen groen runden
Strohhut tragen. Dann wrden die beiden von weitem fr zwei
Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Tchterchen in Gedanken
vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und
Mutter, Pantoffeln fr ihn stickend. Und in der Wirtschaft wrde
sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfllen.
Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es wrde sich schon
irgendein braver junger Mann in guten Verhltnissen finden und sie
glcklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ...

Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
whrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
Trumereien nach.

Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entfhrt,
auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
zurckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
pltzlich von Bergeshh auf irgendwelche mchtige Stadt hinab, mit
ihrem Dom, ihren Brcken, Schiffen, Limonenhainen und weien
Marmorkirchen mit spitzen Trmen. Zu Fu wanderten sie dann durch
die Straen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumenstrue an.
Glocken luteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten
Gitarren und rauschten Fontnen, deren khler Wasserstaub auf
Haufen von Frchten herabsprhte. Sie lagen zu Pyramiden
aufgeschichtet da, zu Fen bleicher Bildsulen, die unter dem
Sprhregen lchelten. Und eines Abends erreichten sie ein
Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und
zwischen den Htten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen,
in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher
Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und
trumten in Hngematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit
wie ihre seidenen Gewnder, und so warm und sternbest wie die
sen Nchte, die sie schauernd genossen ... Das war ein
unermelicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte
sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge
der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung,
stahlblau und sonnenbeglnzt ...

Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weie
Dmmerlicht an den Scheiben stand und Justin drben die Lden der
Apotheke ffnete.

Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:

Ich brauche einen Mantel, einen groen geftterten Reisemantel
mit einem breiten Kragen.

Sie wollen verreisen? fragte der Hndler.

Nein, aber ... das ist ja gleichgltig! Ich kann mich auf Sie
verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!

Lheureux machte einen Kratzfu.

Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ...
einen handlichen ...

Schn! Schn! Ich wei schon: zweiundneunzig zu fnfzig! Wie man
sie jetzt meist hat!

Und eine Handtasche fr das Nachtzeug!

Aha, dachte der Hndler, sie hat sicher Krakeel gehabt!

Da! sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Grtel
nestelte. Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!

Aber Lheureux strubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wre
doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was
solle denn das? Doch sie bestand darauf, da er wenigstens die
Kette nhme.

Er hatte sie bereits eingesackt und war schon drauen, da rief ihn
Emma zurck.

Behalten Sie das Bestellte vorlufig bei sich! Und den Mantel
..., sie tat so, als ob sie sichs berlegte ... den bringen Sie
auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse
des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum
Abholen bereitliegen.

Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pltze in der Post
bestellen, Psse besorgen und nach Paris schreiben, damit das
Gepck gleich direkt bis Marseille befrdert wrde. In Marseille
wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise
ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepck sollte
Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da irgendwer Verdacht
schpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde
niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. Sie denkt
vielleicht nicht mehr daran, sagte er sich.

Er erbat sich zunchst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mute er
eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen
diesen Verzgerungen schlielich unwiderruflich auf Montag den
4. September einigten.

Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewhnlich
ein.

Ist alles bereit? fragte sie ihn.

Ja.

Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
den Rand der Gartenmauer.

Du bist verstimmt? fragte Emma.

Nein. Warum auch?

Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zrtlichen Blick an.

Vielleicht weil es nun fortgeht? fragte sie. Weil du Dinge, die
dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich
verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt
habe. Du bist mein alles! Und ebenso mchte ich dir alles sein,
Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich
lieben!

Wie lieb du bist! sagte er und zog sie an sein Herz.

Wirklich? fragte sie in lachender Wollust. Du liebst mich?
Schwre mirs!

Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!

Der Vollmond ging purpurrot auf, drben ber der Linie des flachen
Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und
schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre
Zweige, versteckt wie hinter einem lchrigen, schwarzen Vorhang.
Und bald erschien er glnzend-wei im klaren Raume des weiten
Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut
auch unten im Bache ber den Wellen in zahllosen funkelnden
Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete
die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle
Schatten.

Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zgen den khlen
Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und
verloren in ihre Gedanken. Die Zrtlichkeit vergangener Tage
ergriff von neuem ihre Herzen, unerschpflich und schweigsam wie
der dahinflieende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
verschwommener und wehmtiger waren als die der unbeweglichen
Weiden, deren Umrisse aus den Grsern wuchsen. Zuweilen raschelte
auf seiner nchtlichen Jagd ein Tier durchs Gestruch, ein Igel
oder ein Wiesel, oder man hrte, wie ein reifer Pfirsich von
selber zur Erde fiel.

Was fr eine wunderbare Nacht! sagte Rudolf.

Wir werden noch schnere erleben! erwiderte Emma. Und wie zu
sich selbst fuhr sie fort: Ach, wie herrlich wird unsere Reise
werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist
es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte
zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das berma von Glck!
Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!

Noch ist es Zeit! rief er aus. berleg dirs! Wird es dich auch
niemals reuen?

Niemals! beteuerte sie leidenschaftlich.

Sie schmiegte sich an ihn.

Was knnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wste,
kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren wrde!
Je lnger wir zusammen leben werden, um so inniger und
vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis
wird uns mehr qulen! Wir werden allein sein und eins immerdar ...
Sprich doch! Antworte mir!

Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenrumen:

Ja ... ja ... ja!

Sie strich mit den Hnden durch sein Haar und flsterte wie ein
kleines Kind unter groen rollenden Trnen immer wieder:

Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...

Es schlug Mitternacht.

Mitternacht! sagte sie. Nun heit es: morgen! Nur noch ein
Tag!

Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
Gebrde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
frhlich.

Hast du die Psse? fragte sie.

Ja.

Hast du nichts vergessen?

Nein.

Weit du das genau?

Ganz genau!

Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?

Er nickte.

Also morgen auf Wiedersehen! sagte Emma mit einem letzten Kusse.

Er ging, und sie sah ihm nach.

Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand
und rief durch die Weiden hindurch:

Auf morgen!

Er war schon drben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie
ihr weies Kleid allmhlich im Schatten verschwand wie eine
Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, da er sich gegen
einen Baum lehnen mute, um nicht umzusinken.

Ich bin kein Mann! rief er aus. Hol mich der Teufel! Ein
hbsches Weib wars doch!

Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn
noch einmal. Er ward weich. Dann aber emprte er sich gegen diese
Rhrung.

Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!

Er gestikulierte heftig.

Und dann das lstige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!

Er zhlte sich das alles auf, um sich stark zu machen.

Nein, nein! Tausendmal nein! Es wre eine Riesentorheit!




Dreizehntes Kapitel


Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
Schreibtisch, ber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
Jagdtrophe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
wute er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide
Hnde gesttzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite
Ferne entrckt. Der bloe Entschlu, mit ihr zu brechen, hatte sie
ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.

Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke,
der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel
hervor, in der ursprnglich einmal Kakes drin gewesen waren und in
der er seine Weiberbriefe aufbewahrte. Geruch von Moder und
vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein
Taschentuch, verblate Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf
einem ihrer gemeinsamen Spaziergnge hatte sie einmal Nasenbluten
bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von
ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren
abgestoen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm
theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jmmerlich. Wie er sich
ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie
zurckzurufen suchte, verschwammen Emmas Zge in seinem
Gedchtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung
und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
vernichtete.

Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschftsbriefe. Er
suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
mute er den ganzen Kasten durchwhlen. Aus dem Wust von Papieren
und kleinen Gegenstnden zog er mechanisch welke Blumen, ein
Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus.
Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins
Scharnier gezwngt und rissen nun beim Herausnehmen ...

Mit allen diesen Andenken vertrdelte er eine Weile. Er stellte
seine Betrachtungen ber die verschiedenen Handschriften an, ber
den Stil in den einzelnen Briefbndeln, ber die nicht minder
variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zrtlich
geschrieben, andre lustig, witzig oder rhrselig. Die wollten
Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
Erinnerung herauf.

Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie
allesamt auf ein und dasselbe Niveau.

Wahllos nahm er einen Sto Briefe in die Finger, bildete eine Art
Fcher daraus und spielte damit. Schlielich aber warf er sie,
halb gelangweilt, halb vertrumt, wieder in den Kasten und stellte
diesen in den Schrank zurck.

Lauter Bldsinn!

Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein
Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt
waren, da kein grner Halm mehr spro. Die Freuden des Daseins
hatten noch grndlicher gewirtschaftet. Die Schler kritzeln ihre
Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen.

Nun aber los! rief er sich zu.

Er begann zu schreiben:

Liebe Emma!
Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrmmern ...

Eigentlich sehr richtig! dachte er bei sich. Das ist nur in
ihrem Interesse. Also durchaus anstndig von mir ...

... Hast Du Dir Deinen Entschlu wirklich reiflich berlegt? Hast
Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich
beinahe schon gefhrt htte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkhn
und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glck, an die
Zukunft! Ach, wie unglcklich sind wir! Und wie verblendet waren
wir!

Rudolf hrte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflchten.
Wenn ich ihr nun sagte, ich htte mein Vermgen verloren? Ach,
nein, lieber nicht! brigens ntzte das nichts. Die Geschichte
ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, wei Gott, verdammt
schwer, so eine Frau wieder vernnftig zu machen!

Er sann nach, dann schrieb er weiter:

Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes
Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So
aber htte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das
Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, frher oder spter,
doch verflchtet. Zweifellos! Wir wren ihrer mde geworden, und
wer wei, ob mir nicht der grliche Schmerz beschieden gewesen
wre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als
Veranlasser der Deinigen? Die bloe Vorstellung, Dir dieses Leid
verursachen zu knnen, martert mich. Liebste Emma, vergi mich!
Wir htten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schn!
Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir mssen das
Schicksal anklagen ...

Dieses Wort machte immer Eindruck, sagte er zu sich.

Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wrst, wie es ihrer so viele
gibt, ja dann htte ich den Versuch wagen knnen, aus Egoismus,
ohne Gefahr fr Dich. Aber bei Deiner kstlichen schwrmerischen
Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers,
bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite
unsrer zuknftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich
habe zunchst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm
Hhenglcke behaglich gesonnt, mich in ein Mrchenland getrumt
und mich um keine Folgen gekmmert ...

Vielleicht glaubt sie, ich zge mich aus Geiz zurck ... Auch
egal! Desto besser! Wenns nur Schlu wird!

... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man htte uns berall,
wohin wir gekommen wren, Schwierigkeiten bereitet. Du httest
unverschmte Fragen, Verleumdungen, Schmhungen und vielleicht
Beleidigungen ber Dich ergehen lassen mssen. Beleidigungen, Du!
Und ich wollte Dich zu meiner Knigin erheben. Du solltest mein
Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil
ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach,
ich wei es nicht, ich bin wahnsinnig!

Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi den Unglcklichen nicht ganz,
der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie
mich in ihre Gebete einschliet!

Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
Schreibtisch auf und schlo das Fenster.

So! Ich denke, das gengt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine
Aussprache!

Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:

Wenn Du diese betrbten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
weg, denn ich mu eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen,
Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn
ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer
verlorenen Liebe reden, khl und vernnftig. Adieu!

Er setzte noch ein A dieu! darunter, in zwei Worten geschrieben.
Das hielt er fr sehr geschmackvoll.

Wie soll ich nun unterzeichnen? fragte er sich. Dein
ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!

Und er schrieb:

Dein treuer Freund
R.

Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.

Armes Frauchen! dachte er in einem Anflug von Rhrseligkeit.
Sie wird denken, ich sei gefhllos wie Stein. Eigentlich fehlen
ein paar Trnenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein
Fehler.

Er go etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen
Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie einen groen Tropfen
auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift frbte ihn
blablau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem
Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die
Hand.

Pat eigentlich nicht gerade! dachte er. Ach was! Tut nichts!

Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.

Es war spt geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei
Uhr auf. Alsbald lie er ein Krbchen Aprikosen pflcken, legte
den Brief unter die Weinbltter am Boden und befahl Gerhard,
seinem Kutscher, den Korb unverzglich Frau Bovary zu bringen. Auf
diese Art hatte er Emma hufig Nachrichten zukommen lassen, je
nach der Jahreszeit, zusammen mit Frchten oder Wild.

Wenn sie sich nach mir erkundigt, instruierte er, dann
antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persnlich
in die Hnde! Verstanden? So! Ab!

Gerhard zog seine neue Bluse an, knpfte sein Taschentuch ber die
Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
schwerflligen Schritten voller Gemtsruhe gen Yonville.

Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
beschftigt, auf dem Kchentische zusammen mit Felicie Wsche zu
falten.

Eine schne Empfehlung von meinem Herrn, vermeldete er, und das
schickt er hier!

Emma berkam eine bange Ahnung, und whrend sie in ihrer
Schrzentasche nach einem Geldstcke zum Trinkgeld suchte, sah sie
den Mann mit verstrtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert;
er begriff nicht, da ein solches Geschenk jemanden so sehr
aufregen knne. Dann ging er.

Felicie war noch da. Emma hielt es nicht lnger aus, sie eilte in
das Ezimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin
tragen. Dort schttete sie den Korb aus, nahm die Weinbltter
heraus und fand den Brief. Sie ffnete ihn und floh hinauf nach
ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor
Angst.

Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe hher,
auer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrckt, immer den
unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
Bodentre stehen.

Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn.
Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends
war sie ungestrt.

Ja, hier gehts! sagte sie sich. Sie klinkte die Tr auf und trat
in die Bodenkammer.

Unter den Schieferplatten des Daches brtete dumpfe Schwle, die
ihr auf die Schlfen drckte und den Atem benahm. Sie schleppte
sich bis zu dem groen Bodenfenster und stie den Holzladen auf.
Grelles Licht flutete ihr entgegen.

Vor ihr, ber den Dchern, breitete sich das Land bis in die
Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des
Fusteigs glnzten. Die Wetterfahnen der Huser standen
unbeweglich. Aus dem Eckhause schrg gegenber, aus einem der
Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Gerusch herauf.
Binet sa an seiner Drehbank.

Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je grndlicher
sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah
sie den Geliebten, hrte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an
sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen
Hammerschlgen, die immer rascher und unregelmiger wurden.
Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fhlte den Wunsch in sich, da
die ganze Welt zusammenstrze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie,
ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie?

Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das
Straenpflaster.

Mut! Mut! rief sie sich zu.

Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Krpers
frmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich
die Flche des Marktplatzes und hebe sich an den Husermauern
empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu
schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch
weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume.
Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den
wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr
festzuhalten, nur noch die Hnde loszulassen ... Ohne Unterla
summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bsen
Geistes ...

In diesem Moment rief Karl:

Emma! Emma!

Da kam sie wieder zur Besinnung.

Wo steckst du denn? Komm doch!

Der Gedanke, da sie soeben dem Tode entronnen war, erfllte sie
mit Schrecken und Grauen. Sie schlo die Augen. Zusammenfahrend
fhlte sie sich von jemandem am Arm gefat: es war Felicie.

Gndige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.

Sie mute hinunter, mute sich mit zu Tisch setzen.

Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich
die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat
sie das und begann die Fden des Gewebes zu zhlen ... Pltzlich
fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen?
Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als da sie imstande
gewesen wre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu
knnen. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl.
Sicherlich wute er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da
sagte er mit eigentmlicher Betonung:

Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?

Wer hat dir das gesagt? fragte sie zitternd.

Wer mir das gesagt hat? wiederholte er, ein wenig betroffen von
dem harten Klang ihrer Frage. Na, sein Kutscher, dem ich vorhin
vor dem Cafe Franais begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder
er steht im Begriff zu verreisen ...

Emma schluchzte laut auf.

Wundert dich das? fuhr er fort. Er verdrckt sich doch immer
mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht
verdenken. Wenn man das ntige Geld dazu hat und Junggeselle ist
... brigens ist unser Freund ein Lebensknstler! Ein alter
Schker! Langlois hat mir erzhlt ...

Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmdchen gerade
hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
Krbchen, das auf der Kredenz stand. Karl lie es sich auf den
Tisch bringen, ohne zu bemerken, da seine Frau rot wurde. Er nahm
eine der Frchte und bi hinein.

Ah! machte er. Vorzglich! Koste mal!

Er schob ihr das Krbchen zu. Sie wehrte leicht ab.

So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!

Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.

Ich bekomm keine Luft! rief sie und sprang auf. Aber schnell
beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. Es
war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder
hin und i!

Sie frchtete, er knne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie
dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich
wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und
legte sie dann auf seinen Teller.

Da fuhr drauen ein blauer Dogcart im flotten Trabe ber den
Markt. Emma stie einen Schrei aus und fiel rcklings langhin zu
Boden.

Rudolf hatte sich nach langer berlegung entschlossen, nach Rouen
zu fahren. Da nun aber von der Hchette nach dorthin kein anderer
Weg als der ber Yonville fhrte, mute er diesen Ort wohl oder
bel berhren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die
drauen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.

Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da im Hause des Arztes
was los sei, strzte herbei. Der Etisch war mit allem, was
darauf gestanden, umgestrzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce,
die Bestecke, Salz und l, alles lag auf dem Fuboden umher. Karl
hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und
Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit
bebenden Hnden die Kleider auf.

Ich werde schnell Kruteressig aus meinem Laboratorium holen!
sagte Homais.

Als man Emma das Flschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend
die Augen wieder auf.

Natrlich! meinte der Apotheker. Damit kann man Tote erwecken!

Sprich! bat Karl. Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl,
der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr
einen Ku!

Das Kind streckte die rmchen nach der Mutter aus und wollte sie
um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte:

Nicht doch! Niemanden!

Sie wurde abermals ohnmchtig. Man trug sie in ihr Bett.

Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
geschlossen, die Hnde schlaff herabhngend, regungslos und bla
wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Trnen, die in zwei
Ketten langsam auf das Kissen rannen.

Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfllen so herkmmlich ist.

Beruhigen Sie sich! sagte Homais und zupfte den Arzt. Ich
glaube, der Paroxysmus ist vorber.

Ja, erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. Jetzt scheint
sie ein wenig zu schlafen, die rmste! Ein Rckfall in das alte
Leiden!

Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur
Antwort:

Ganz pltzlich! Whrend sie eine Aprikose a.

Hchst merkwrdig! meinte der Apotheker. Es ist indessen
mglich, da die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt
gewisse Naturen, die fr bestimmte Gerche stark empfnglich sind.
Es wre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen
wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie
nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher
gewut, wie wertvoll das fr sie ist. Die Verwendung von Weihrauch
beim Gottesdienst ist uralt. Damit schlfert man den Verstand ein
und versetzt Andchtige in Ekstase, am leichtesten brigens
weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Mnner. Ich habe
von Fllen gelesen, wo Frauen ohnmchtig geworden sind beim Geruch
von verbranntem Horn, frischem Brot ...

Geben Sie acht, da sie nicht aufgeweckt wird! mahnte Bovary mit
flsternder Stimme.

Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,
fuhr der Apotheker fort, sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
ist Ihnen nicht unbekannt, da Nepeta cataria, vulgr Katzenminze,
sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum
wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung
anfhren. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt
in der Malpalu-Strae -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
Krmpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
Nase hlt. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte
mans fr mglich halten, da ein so harmloses Niesemittel in den
Organismus eines Vierflers derartig eingreifen kann? Das ist
hchst merkwrdig, nicht wahr?

Gewi! sagte Karl, der gar nicht darauf gehrt hatte.

Das beweist uns, fuhr der andre fort, gutmtig-selbstgefllig
lchelnd, da im Nervensystem zahllose Unregelmigkeiten mglich
sind. Ich mu gestehen, da mir Ihre Frau Gemahlin immer
auerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum mchte ich Ihnen,
verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien
zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit
beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit
schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unntz! Dit! Weiter
nichts! Beruhigende, milde, krftigende Kost! Und dann, knnte man
bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken
versuchen?

Wieso? Womit?

Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That
is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen
habe.

Emma erwachte und rief:

Der Brief? Der Brief?

Die beiden Mnner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzndung.

In den nchsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er
vernachlssigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
unermdlich ma er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
erneute die Kaltwasser-Umschlge. Er schickte Justin nach
Neufchtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mute
nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor
Larivire, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl
war der vlligen Verzweiflung nahe. Am meisten ngstigte ihn Emmas
Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich fr nichts, ja, sie
schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als htten
Krper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt.

Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gesttzt, wieder
aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brtchen mit
eingemachten Frchten verzehrte, da weinte Karl. Allmhlich
kehrten ihre Krfte zurck. Sie durfte nachmittags ein paar
Stunden aufstehen, und eines Tages fhlte sie sich soweit wohl,
da sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten
versuchte.

Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam,
in Hausschuhen, ohne die Fe zu heben. An Karl angeschmiegt,
lchelte sie in einem fort vor sich hin.

So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
ber die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab
in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hgeln groe Feuer, in
denen man landwirtschaftliche berbleibsel verbrannte.

Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste! warnte Karl und
geleitete sie behutsam zur Laube hin. Setz dich hier ein wenig
auf die Bank! Das wird dir gut tun!

Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht! stie sie mit ersterbender
Stimme hervor.

Sie wurde ohnmchtig, und abends war die Krankheit von neuem da,
und zwar in erhhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald
hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe,
bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an
dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen
whnte.

Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.




Vierzehntes Kapitel


Zunchst wute er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien
vergten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte
er sie nicht zu bezahlen, aber das wre ihm peinlich gewesen. Dann
war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mdchen fhrte, schrecklich
teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die
Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte
Lheureux in lstiger Weise. Er hatte den Hhepunkt von Emmas
Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung hher auszuschreiben, als
sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
Gegenstnde, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
ntzte Bovary gar nichts, da er erklrte, er brauche die Sachen
nicht; der Hndler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese
Waren seien bei ihm bestellt und er nhme sie nicht zurck. Herr
Bovary mge sichs berlegen; er werde ihn eher verklagen als sich
selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mdchen, die
Gegenstnde im Geschft abzugeben, aber Felicie verga es. Er
selbst hatte sich um andre Dinge zu kmmern und dachte nicht mehr
daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen
Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, da
ihm Bovary schlielich einen Wechsel ausstellte, der in sechs
Monaten fllig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der
khne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen
fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem
Zinsfu verschaffen knne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen
Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch
den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld
von zwlfhundertundfnfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein
ganz hbsches Geschft; im brigen wute er im voraus genau, da
es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, da der Arzt die
Wechsel am Flligkeitstage nicht einlsen knne und sie
prolongieren msse. Auf diese Weise sollte das erst armselige
Smmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine
ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu
ihm zurckkehren.

Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmigen
Apfelweinlieferungen fr das Neufchteler Krankenhaus. Der Notar
Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grmesnil zu.
Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine
neue Postverbindung zu erffnen, die den alten Rumpelkasten des
Goldnen Lwen unbedingt auer Konkurrenz stellen sollte, indem sie
schneller fhre, billiger wre und Eilgut bestelle. Damit wollte
er den ganzen Handel von Yonville in seine Hnde bringen.

Karl grbelte oftmals darber nach, wie er die betrchtliche
Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen knne. Er kam dabei auf
allerhand Mglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen
Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch
ausdenken, was er wollte: berall drohten die grten
Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere
unerfreuliche berlegungen. Er redete sich ein, er vernachlssige
seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme.
Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein
Abbruch geschhe.

Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
vorwrts. Als das Wetter wrmer wurde, schob man sie in ihrem
Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu
gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt
verleidet; deshalb mute seine Jalousie bestndig heruntergelassen
bleiben. Sie bestimmte, da ihr Reitpferd verkauft werden solle.
Alles, was ihr frher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie
kmmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die
kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte
sie dem Mdchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit
ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen
hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen
Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage
wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen,
die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Lwen. Dann redete die
Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lrmten dazwischen, und die
Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
ihre Bouillon. Um fnf Uhr, wenn es zu dmmern begann, kamen die
Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen ber
das Trottoir, und im Vorbergehen schlug eins wie das andere mit
dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterlden.

Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
sich nach ihrem Befinden, erzhlte ihr Neuigkeiten und ermahnte
sie zur Frmmigkeit in geflligem Plaudertone. Schon der Anblick
der Soutane hatte fr Emma etwas Beruhigendes.

Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach
dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stndlein sei
gekommen. Whrend man im Gemach die ntigen Vorbereitungen zu
dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in
einen Altar wandelte und den Fuboden mit Blumen bestreute, da war
es ihr, als berkme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre
Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie
krperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues
Leben begann ihr. Sie hatte das Gefhl, als schwebe ihre Seele gen
Himmel, als verlsche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden
wie eine Opferflamme ber verglimmendem Rucherwerk. Man
besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weie
Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmchtig vor
berirdischer Lust, ffnete Emma die Lippen, um den Leib des
Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhnge um sie
herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden
Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
Gloriolen herber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurcksank,
glaubte sie aus himmlischen Hhen seraphische Harfenklnge zu
hren und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit
grnen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen
Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflgeln
wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ...

Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedchtnisse. Es
war der allerschnste Traum, den sie je getrumt. Sie gab sich
Mhe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus
der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in ser
Verklrung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher
Demut. Das Gefhl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein
kstlicher Genu. Sie sah frmlich, wie aus ihrem Herzen der
eigene Wille wich und der hereindringenden gttlichen Gnade Tr
und Tor weit ffnete. Es gab also auer dem Erdenglck eine hhere
Glckseligkeit und ber aller Liebe hienieden eine andre
erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brcke in das
Ewige! In neuen Illusionen ertrumte sie sich ber der Erde ein
Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre
Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich
Rosenkrnze und trug Amulette. Ihr grter Wunsch war, in ihrem
Zimmer, zu Hupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit
Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende kssen.

Der Pfarrer wunderte sich ber Emmas Wandlung, verhehlte sich
jedoch nicht, da diese allzu inbrnstige Frmmigkeit sehr leicht
in berschwenglichkeit und Ketzerei ausarten knne. Aber er war
kein Seelenkenner, zumal auergewhnlichen Erscheinungen
gegenber. Deshalb wandte er sich an den Buchhndler des
Erzbischofs und bat ihn, ihm ein passendes Erbauungsbuch fr eine
gebildete Frauensperson zu schicken. Mit der grten
Gleichgltigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
Buchhndler alle mglichen gerade vorrtigen frommen Schriften in
ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frmmelnde Romane in
rosa Einbndchen und slichem Stil, verbrochen von dichtenden
Schulmeistern oder blaustrmpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
Die Herzpostille, Der Weltmann zu Fen Mari. Von Herrn von
***, Ritter mehrerer Orden, Voltaires Ketzereien zum Gebrauch
fr die Jugend, usw. usw.

Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
Dingen ernstlich befassen zu knnen. berdies strzte sie sich auf
diese Bcher mit allzu groem Bedrfnis nach wirklicher Erbauung.
Die Starrheit der kirchlichen Lehren emprte sie, die Anmaungen
der Polemik stieen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr
unbekannte Menschen verfolgt wurden, mifiel ihr. Die Romane, in
denen profane Dinge durch religise Ideen aufgeputzt waren,
entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie
verschleierten die Realitten des Lebens, fr deren Brutalitt sie
viel lieber literarische Beweise gefunden htte. Trotzdem las sie
weiter, und wenn ihr eins der Bcher aus den Hnden glitt, dann
whnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
empfinden, wie ihn nur die bersinnlichsten Seelen zu verspren
imstande sind.

Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens
begraben; darin ruhte es unberhrter und stiller denn eine
gyptische Knigsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser groen
eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchstrmender Duft
von Zrtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma fhren wollte.
Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren
Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten
zugeflstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie
der gttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam
ihr keine Trstung, und sie erhob sich mit mden Gliedern und dem
leeren Gefhl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den groen Damen
der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie ber den Szenen
aus dem Leben des Fruleins von Lavallire trumte, aufgegangen
war, jenen Damen in ihren mit kniglicher Anmut getragenen langen
kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Fen
Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten.

Nun wurde sie ber die Maen mildttig. Sie nhte Kleider fr die
Armen, schickte Wchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages
heimkam, fand er in der Kche drei Gassenjungen, die Suppe aen.
Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie
whrend der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben.
Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte,
regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation ber
sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache
ward voll gewhlter Ausdrcke, selbst Alltglichkeiten gegenber.

Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
abgesehen von ihrer Manie, fr Waisenkinder Jacken zu stricken und
ihre eigenen Wischtcher unausgebessert zu lassen. Aber die gute
Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaen mde, da ihr
der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, da sie bis nach
Ostern dablieb, um den Brbeiigkeiten des alten Bovary zu
entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine
Bratwurst auf dem Tische sehen wollte.

Auer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
Rechtlichkeit und ihr wrdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit
ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dbreuil, Frau Tvache, sowie
die treffliche Frau Homais, die sich regelmig zwischen drei und
fnf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der ber ihre
Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen.
Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er
brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nhe der Tre stehen,
ohne sich zu rhren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn
Frau Bovary gar nicht und lie sich in ihrem Toilettemachen nicht
stren. Sie kmmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentmlichen heftigen
Bewegung zurckwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese
volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den
Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er pltzlich ganz
Neues, Auergewhnliches, und er starrte wie geblendet hin.

Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzcken noch seine
schchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da die aus ihrem
Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt
wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem
jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschnheit weit
ffnete. Im brigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos
gleichgltig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die
zrtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll,
da man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden
konnte. Man wute nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar.

Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten ber ihr
Dienstmdchen. Es bat, ausgehen zu drfen, und stotterte
irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:

Du liebst ihn also? und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fgte
sie in traurigem Tone hinzu: Geh! Lauf! Vergnge dich!

In den ersten Frhlingstagen lie sie den Garten vollstndig
umndern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
darber, da sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
uerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, da sie sich
wieder erholt hatte. Zunchst brachte sie es zuwege, da Frau
Rollet, die Amme, die sichs angewhnt hatte, Tag fr Tag mit ihren
Suglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der
Kche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schttelte
sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die
andern regelmigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie
seltener, zur groen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin
freundschaftlichst erklrte:

Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!

Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde.
Am liebsten blieb er im Freien, im Hain, wie er die Laube
scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl
meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Mnner eine
Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie auf die vllige Genesung
der gndigen Frau tranken.

fters fand sich auch Binet ein, das heit: er sa etwas tiefer,
vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer
kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von
Sektflaschen.

Zunchst mu man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,
dozierte er, indem er selbstbewut um sich blickte, dann
zerschneidet man die Bindfden, und dann lt man dem Pfropfen
ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!

Aber bei dieser Vorfhrung spritzte der Sekt fters der ganzen
Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie es
niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:

Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstblich in die Augen!

Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner
Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im
Theater den berhmten Tenor Lagardy anhren. Homais wunderte sich
ber diese Duldsamkeit und fhlte ihm deshalb etwas auf den Zahn.
Der Priester erklrte, er halte die Musik fr weniger
sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die
letztere. Er behauptete, das Theater kmpfe unter dem leichten
Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und fr die wahre Moral.

Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer! zitierte
er. Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragdien Voltaires an! Die
meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt,
die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit fr das Volk
sind.

Ich habe einmal ein Stck gesehen, sagte Binet, es hie: 'Der
Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich
ein hahnebchner Kerl. Er verstt seinen Sohn, der eine
Arbeiterin verfhrt hat; zu guter Letzt aber ...

Gewi߫, unterbrach ihn Homais, gibt es schlechte Literatur,
genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller
Knste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das
dnkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, wrdig der
abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten
lieen.

Der Pfarrer ergriff das Wort:

Ich wei sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stcke, in denen
Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemchern, vollgepfropft
von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen
Bhnenmtzchen, dieser Kostmluxus, diese Lichtvergeudung, dieser
Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als da es
leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schndliche Gedanken und
unzchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die
Ansicht der kirchlichen Autoritten.

Er nahm einen salbungsvollen Ton an, whrend er zwischen seinen
Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. Und wenn die Kirche
das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem
vollen Rechte. Wir mssen uns ihrem Gebote fgen.

Jawohl, eiferte der Apotheker, man exkommuniziert die
Schauspieler. In frheren Jahrhunderten nahmen sie an den
kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
possenhafte Stcke, die sogenannten Mysterien, in denen es hufig
nichts weniger als dezent zuging ...

Der Geistliche begngte sich, einen Seufzer auszustoen. Der
Apotheker redete immer weiter:

Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja
am besten -- von Unanstndigkeiten und -- man kann nicht anders
sagen -- groben Schweinereien ... Bournisien machte eine
unwillige Gebrde. Aber Sie mssen mir doch zugeben, da das kein
Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde
es nie zulassen, da meine Athalie ...

Das sind ja die Protestanten, nicht wir, rief der Pfarrer
ungeduldig, die den Leuten die Bibel berlassen!

Das kommt hier nicht in Frage, erklrte Homais. Ich wundre mich
nur, da man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
wissenschaftlichen Aufklrung, eine geistige Erholung zu verdammen
sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in
hygienischer Beziehung die Menschheit frdert! Das ist doch so,
nicht, Doktor?

Zweifellos! erwiderte der Arzt nachlssig. Entweder wollte er
niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder
er hatte hierber berhaupt keine Meinung.

Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
es fr angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.

Ich habe Geistliche gekannt, behauptete er, die in Zivil ins
Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu
sehen.

Ach was! wehrte der Pfarrer ab.

Doch! Ich kenne welche! Und nochmals sagte er, Silbe fr Silbe
einzeln betonend: Ich -- ken -- ne -- wel -- che!

Na ja, meinte Bournisien nachgiebig, die Betreffenden haben da
aber etwas Unrechtes getan.

Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz
andre Dinge!

Herr -- Apo -- the -- ker! rief der Geistliche mit einem so
zornigen Blicke, da Homais eingeschchtert wurde und einlenkte:

Ich wollte damit ja nur sagen, da die Toleranz die beste
Frsprecherin der Kirche ist.

Sehr wahr! Sehr wahr! gab der gutmtige Pfarrer zu, indem er
sich wieder in seinen Stuhl zurcklehnte. Er blieb aber nur noch
ein paar Minuten.

Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:

Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie
habens ja mit angehrt! Um darauf zurckzukommen: tun Sie das ja,
fhren Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns blo deshalb wre,
um diesen schwarzen Raben damit zu rgern. Sapperlot! Wenn ich
einen Vertreter htte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie
sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
Engagement nach England fr ein Riesenhonorar! brigens soll er
ein toller Schwerenter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte
bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese groen Knstler
knnen nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein,
es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie
in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete
Mahlzeit! Auf Wiedersehn!

Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe
schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte
sie nichts davon wissen und meinte, sie fhle sich zu schwach, es
sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl
nicht nach, zumal er sich einbildete, da ihr diese Zerstreuung
sehr dienlich wre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor.
Seine Mutter hatte ihm jngst ganz unvermutet dreihundert Franken
geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht gro, und die
Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fllig, so da er
daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma strube sich nur
aus Rcksicht auf ihn. Deshalb bestrmte er sie immer mehr, bis
sie seinen Bitten schlielich nachgab. Am andern Morgen um acht
Uhr fuhren sie mit der Post ab.

Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurck, aber er
hielt sich fr unabkmmlich. Als er die beiden einsteigen sah,
jammerte er.

Glckliche Reise! sagte er. Habt ihrs gut! Und zu Emma
gewandt, fgte er hinzu: Sie sehen zum Anbeien hbsch aus! Sie
werden in Rouen Furore machen!

Die Post spannte in Rouen im Roten Kreuz am Beauvoisine-Platz
aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit gerumigen
Stllen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine
Schar Hhner herum, die unter den verschmutzten Einspnnern der
Geschftsreisenden ihre Haferkrner aufpickten. Es war eine der
Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone,
die in den Winternchten im Winde knarren; die Gste, der Lrm
und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen
Tischplatten sind voller groer Kaffeeflecke, die trben dicken
Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten
voller Rotweinspuren. Auf der Straenseite gibt es ein Caf und
hinten nach dem Freien zu einen Gemsegarten. Alles trgt einen
lndlichen Anstrich.

Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wute
er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie
war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klger. Der
Kassierer wies ihn in die Direktion. Schlielich rannte er noch
einmal in den Gasthof zurck, dann wieder an die Kasse. Auf diese
Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt.

Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
Karl war fortwhrend in Angst, den Beginn der Oper zu versumen.
Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Tren noch
geschlossen.




Fnfzehntes Kapitel


Eine Menge Menschen umlagerte die Eingnge. berall an den Ecken
der in der Nhe gelegenen Straen prangten riesige Plakate, die in
aufflligen Lettern ausschrien:

LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...

Es war ein schner, aber heier Tag. Der Schwei rann den Leuten
ber die Stirn, und sie fchelten ihren erhitzten Gesichtern mit
den Taschentchern Khlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom
Strome her und blhte ein wenig die Leinwandmarkisen der
Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen
eisigen Luftzug abgekhlt, in den sich Gerche von Talg, Leder und
l aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der groen Fsser
lrmigen Gewlben der Karren-Gasse mischten.

Aus Furcht, sich lcherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang
durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die
Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit
seinen Fingern fest und drckte sie gegen die Bauchwand, so da er
sie in einem fort fhlte.

In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, da sich
der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
hinaufschob, whrend sie selbst die breite Treppe zum ersten Range
emporschreiten durfte, lchelte sie unwillkrlich vor Eitelkeit.
Es gewhrte ihr ein kindliches Vergngen, die breiten vergoldeten
Tren mit der Hand aufzustoen. In vollen Zgen atmete sie den
Staubgeruch der Gnge ein, und als sie in ihrer Loge sa, machte
sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem.

Das Haus fllte sich allmhlich. Die Opernglser kamen aus ihren
Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung
zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres
Krmerlebens erholen, doch sie vergaen die Geschfte nicht,
sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das
waren Graukpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; wei in der
Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene
Silbermnzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit
knallroten und grasgrnen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie
von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Hnden auf die
goldenen Knufe ihrer Stcke sttzten. Jetzt wurden die
Orchesterlampen angezndet, und der Kronleuchter ward von der
Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getse
an von brummenden Kontrabssen, kratzenden Violinen, fauchenden
Klarinetten und winselnden Flten. Endlich drei kurze Schlge mit
dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hrnerklang. Der
Vorhang hob sich.

Auf der Bhne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
Mntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
Edelmann auf, der die Geister der Hlle mit gen Himmel gereckten
Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
ab. Der Chor singt von neuem.

Emma sah sich in die Atmosphre ihrer Mdchenlektre
zurckversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als hre
sie den Klang schottischer Dudelscke ber die nebelige Heide
hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr
das Verstndnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten
Handlung, whrend eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um
alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verflieen. Sie gab
sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fhlte, wie ihr die
Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die
Violinenbogen ber ihre Nerven. Sie htte hundert Augen haben
mgen, um sich satt sehen zu knnen an den Dekorationen, Kostmen,
Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bumen, an den
Samtbaretten, Rittermnteln und Degen, an allen diesen
Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer
ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem
Reitknecht in grnem Rocke eine Brse zuwarf. Dann blieb sie
allein, und nun kam ein Fltensolo, zart wie Quellengeflster und
Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
von unglcklicher Liebe und wnschte sich Flgel. Ach, auch Emma
htte aus diesem Leben fliehen mgen, weit weg in Liebesarmen!

Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
schimmernden blassen Teint, der dem Sdlnder etwas von der
grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine mnnliche Gestalt
war in ein braunes Wams gezwngt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem
Gehnge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende
Blicke und zeigte seine blendend weien Zhne. Man hatte Emma
erzhlt, eine polnische Frstin habe ihn am Strand von Biarritz
singen hren, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn
verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann
einer andern zuliebe sitzen lassen.

Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
berhmten Knstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar
fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln ber
den bezaubernden Eindruck seiner Persnlichkeit und die leichte
Empfnglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besa eine schne
Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz,
mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich,
und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem
Toreador.

Sobald er nur auf der Bhne erschien, begeisterte er Emma. Er
schlo Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha wild auf, bald klagte
er in den zartesten Elegien, und die Tne perlten ihm aus der
Kehle, zwischen Trnen und Kssen. Emma beugte sich weit vor, um
ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingerngel in den Plsch der
Logenbrstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmtigen
Melodien, die, von den Kontrabssen dumpf begleitet, nicht
aufhrten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrchigen im
Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzcktheiten und
Herzensngste, die sie unlngst dem Tode so nahe gebracht hatten.
Die Stimme der Primadonna erschtterte sie wie eine laute
Verkndung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst
beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war
sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte
nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im
Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ...

Beifall durchstrmte das Haus. Die ganze Stretta mute wiederholt
werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren
Grbern, von Treue, Trennung, Verhngnis und Hoffnungen; und als
sie sich den letzten Scheidegru zuriefen, stie Emma einen lauten
Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte.

Warum lt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?
fragte Bovary.

Aber nein! antwortete sie. Das ist doch ihr Geliebter!

Er schwrt doch, er wolle sich an ihrer Familie rchen. Und der
andre, der dann kam, hat doch gesagt:

'Nimm, Teure, meine Schwre an
Der reinsten, wrmsten Liebe!'

Und sie sagt:

'So sei es denn!'

brigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
Hliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater,
nicht wahr?

Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert miverstanden hatte,
bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er
gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben.
Die Musik stre, sie beeintrchtige den Text.

Was schadet das? wandte Emma ein. Nun sei aber still!

Er lehnte sich an ihren Arm. Ich mchte gern im Bilde sein. Weit
du?

Sei doch endlich still! sagte sie unwillig. Schweig!

Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gesttzt, einen Myrtenkranz im
Haar, bleicher als der weie Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte
ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den
Kornfeldern, auf dem schmalen Fuweg auf dem Gange zur Kirche.
Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter
leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so frhlich gewesen,
ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ...
Ach, htte sie, jung und frisch und schn, noch nicht besudelt
durch die Ehe, noch nicht enttuscht in ihrem Ehebruch, auf ein
festes edles Herz bauen und Tugend, Zrtlichkeit, Sinnenlust und
Pflichttreue zusammen fhlen drfen! Niemals wre sie von der Hhe
solcher Glckseligkeit herabgesunken! Nein, nein! rief sie
schmerzlich bei sich aus. All das groe Glck da unten ist doch
nur Lug und Trug, erdichtet von sehnschtigen oder verzweifelten
Phantasten! Jetzt erkannte sie, da die Leidenschaften in der
Wirklichkeit armselig sind und nur in der berschwenglichkeit der
Kunst etwas Groes. Sie versuchte sich zur nchternen Anschauung
zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen
Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde,
nichts mehr und nichts weniger als eine amsante Augenweide. Und
so lchelte sie in Gedanken berlegen-nachsichtig, als im
Hintergrunde der Bhne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem
schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger groer Hut bei
einer Krperbewegung vom Kopfe fiel.

Das Sextett begann. Snger und Orchester entfalten sich. Edgard
rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
schleudert ihm in wuchtigen Tnen seine Todesdrohungen entgegen,
Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Mae der
Nebenrolle, und Raimunds Ba brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen
des Chors wiederholen die Worte, ein kstliches Echo.
Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier,
Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entstrmen gleichzeitig
ihren aufgerissenen Mndern. Der wtende Liebhaber schwingt seinen
blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden
Brust auf und nieder, whrend er mchtigen Schritts in seinen
sporenklirrenden Stulpenstiefeln ber die Bhne schreitet.

Er mu eine unerschpfliche Liebe in sich tragen, dachte Emma,
da er sie an die Menge so verschwenden kann. Ihre Anwandlung
von Geringschtzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie
fhlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser
Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen,
sein bewegtes, ungewhnliches, glnzendes Leben, an dem sie htte
teilnehmen knnen, wenn es der Zufall gefgt htte. Warum hatten
sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie
wre mit ihm durch alle Lnder Europas gereist, von Hauptstadt zu
Hauptstadt, htte mit ihm Mhen und Erfolge geteilt, die Blumen
aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bhnenkostme
eigenhndig gestickt. Alle Abende htte sie, im Dunkel einer Loge,
hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sngen seiner Seele
gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wren. Von der
Szene, beim Singen, htte er zu ihr geschaut ...

Sie erschrak und ward verwirrt. Der Snger sah zu ihr hinauf. Kein
Zweifel! Sie htte zu ihm hinstrzen mgen, in seine Arme, in
seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkrperung der Liebe, und
ihm laut zurufen:

Nimm mich, entfhre mich! Komm! Ich gehre dir, nur dir! Dir
gelten alle meine Trume, mein ganzes heies Herz!

Der Vorhang fiel.

Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fcheln der Fcher machte
die Luft noch unertrglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber
die Gnge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in
ihren Sessel zurck. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl
frchtete, sie knne ohnmchtig werden, eilte er nach dem Bfett,
um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen.

Er hatte groe Mhe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in
beiden Hnden, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden
mit den Ellenbogen an. Schlielich go er dreiviertel des Inhalts
einer Dame in ausgeschnittener Toilette ber die Schulter. Als sie
das khle Na, das ihr den Rcken hinabrann, sprte, schrie sie
laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
Seifenfabrikant, ereiferte sich ber diese Ungeschicktheit.
Whrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
schnen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wtend etwas von
Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glcklich bei
Emma wieder an. Gnzlich auer Atem berichtete er ihr:

Wei Gott, beinahe htt ich mich nicht durchgewrgt! Nein, diese
Menschheit! Diese Menschheit! Nach einigem Verschnaufen fgte er
hinzu: Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!

Leo?

Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!

Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch
schon in der Loge erschien. Mit weltmnnischer Ungezwungenheit
reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die
ihrige aus, wie im Banne eines strkeren Willens. Diesen fremden
Einflu hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem
Frhlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied
genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und drauen war leiser
Regen auf die Bltter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf
das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten.
Mit aller Kraft schttelte sie den alten Bann und die alten
Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten
zu stammeln:

Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?

Ruhe! ertnte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nmlich
der dritte Akt begonnen.

So sind Sie also in Rouen?

Ja, gndige Frau!

Und seit wann?

Hinaus! Hinaus!

Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.

Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der
Chor der Hochzeitsgste, die Szene zwischen Ashton und seinem
Diener, das groe Duett in D-Dur, alles das spielte sich fr sie
wie in groer Entfernung ab. Es war ihr, als klnge das Orchester
nur noch gedmpft, als sngen die Personen ihr weit entrckt. Sie
dachte zurck an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den
Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an
die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
und die sie lngst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
Welches Zusammentreffen von besonderen Umstnden lie ihn von
neuem ihren Lebenspfad kreuzen?

Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
seiner Atemzge auf ihrem Haar sprte.

Macht Ihnen denn das Spa? fragte er sie, indem er sich ber sie
beugte, so da die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte.

Nein, nicht besonders! entgegnete sie leichthin.

Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
irgendwo eine Portion Eis zu essen.

Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir! sagte Bovary. Sie hat
aufgelstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!

Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel
der Sngerin schien ihr bertrieben.

Sie schreit zu sehr! meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam
zuhrte.

Mglich! Jawohl! Ein wenig! gab er zur Antwort. Eigentlich
gefiel ihm die Sngerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlssig.

Leo sthnte:

Ist das eine Hitze!

Tatschlich! Nicht zum Aushalten! sagte Emma.

Vertrgst dus nicht mehr? fragte Bovary.

Ich ersticke! Wir wollen gehen!

Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
Kaffeehause im Freien Platz nahmen.

Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte
mehrfach, dem Gesprch eine andere Wendung zu geben, indem sie die
Bemerkung machte, sie frchte, Herrn Leo knne das langweilen.
Darauf erzhlte dieser, er msse sich in Rouen zwei Jahre tchtig
auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege
einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in
Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der
Familie Homais, nach der Lwenwirtin. Mehr konnten sie sich in
Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung.

Aus der Oper kommende Leute gingen vorber, laut pfeifend und
trllernd:

'O Engel reiner Liebe!'

Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann ber Musik zu
sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehrt. Im
Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner groen Erfolge gar
nichts.

Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
unterbrach ihn:

Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure,
da ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an
zu gefallen!

Demnchst gibts ja eine Wiederholung! trstete ihn Leo.

Karl erwiderte, da sie am nchsten Tage wieder nach Hause mten.
Es sei denn, meinte er, zu Emma gewandt, du bliebst allein
hier, mein Herzchen?

Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit
bot, nderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale
des Sngers. Er sei da kstlich, groartig!

Von neuem redete Karl seiner Frau zu:

Du kannst ja am Sonntag zurckfahren. Entschliee dich nur! Es
wre unrecht von dir, wenn du es nicht ttest, sofern du dir auch
nur ein wenig Vergngen davon versprichst!

Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
stand fortwhrend in ihrer nchsten Nhe herum. Karl begriff und
zog seine Brse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
Silberstcke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren lie.

Es ist mir wirklich nicht recht, murmelte Bovary, da Sie fr
uns Geld ...

Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
Nebenschlichkeit und ergriff seinen Hut.

Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!

Karl beteuerte nochmals, da er unmglich so lange bleiben knne.
Emma indessen sei durch nichts gehindert.

Es ist nur ..., stotterte sie, verlegen lchelnd, ... ich wei
nicht recht ...

Na, berleg dirs noch! Wir knnen ja noch mal darber reden, wenn
dus beschlafen hast! Und zu Leo gewandt, der sie begleitete,
sagte er: Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich,
da Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!

Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
demnchst in Yonville beruflich zu tun habe.

Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwlf.




Drittes Buch




Erstes Kapitel


Leo hatte whrend seiner Pariser Studienzeit die Ballsle fleiig
besucht und daselbst recht hbsche Erfolge bei den Grisetten
gehabt. Sie hatten gefunden, er she sehr schick aus. brigens war
er der migste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu
lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes
Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von
wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten,
aus ngstlichkeit und weil ihm das wste Leben zu grob war.

Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden
des Luxemburggartens sa, glitt ihm sein Code-Napolon aus den
Hnden. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmhlich verblate
diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien berwucherten sie, ohne
sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle
Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der
Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume.

Als er sie jetzt nach dreijhriger Trennung wiedersah, erwachte
seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt glte es,
sich fest zu entschlieen, wenn er sie besitzen wollte. Seine
ehemalige Schchternheit hatte er brigens im Verkehr mit
leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz
zurckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht
schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Grostadt abgetreten
hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berhmten
Professors mit Orden und Equipage, htte der arme Adjunkt
sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen,
vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fhlte er sich
berlegen und eines leichten Sieges gewi. Sicheres Auftreten
hngt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als
im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer
reichen Frau ihr Tugendwchter. Sie trgt sie alle mit sich wie
ein Panzerhemd unter ihrem Korsett.

Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straen
gefolgt, bis er sie im Roten Kreuz verschwinden sah. Dann machte
er kehrt und grbelte die ganze Nacht hindurch ber einen
Kriegsplan.

Am andern Tag nachmittags gegen fnf Uhr betrat er den Gasthof mit
beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu, vor
nichts zurckzuscheuen.

Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist! vermeldete ihm ein
Kellner.

Leo fate das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.

Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn
khl um Entschuldigung, da sie gestern vergessen habe, ihm
mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.

O, das habe ich erraten, sagte Leo.

Wieso?

Er behauptete, das gute Glck, eine innere Stimme habe ihn hierher
geleitet.

Sie lchelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er
nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
Gasthfen nach ihnen zu fragen.

Sie haben sich also entschlossen zu bleiben? fgte er hinzu.

Ja, gab sie zur Antwort, aber ich htte es lieber nicht tun
sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergngungen gewhnen,
wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...

Ja, das kann ich mir denken ...

Nein, das knnen Sie nicht. Das kann nur eine Frau.

Er meinte, die Mnner htten auch ihr Kreuz, und nach einer
philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.

Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkrlicher
Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
der junge Mann, er htte sich whrend seiner ganzen Studienzeit
ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm grlich
zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter
qule ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie
sich die Grnde ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so
strker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen
waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie
die nackte Wahrheit umschreiben knnten. Emma verheimlichte es,
da sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, da
er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht
mehr an die Soupers nach den Maskenbllen, und sie erinnerte sich
nicht ihrer Morgengnge, wie sie durch die Wiesen nach dem
Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straenlrm hallte
nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr
Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid
aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rcken des
alten Lehnstuhls, in dem sie sa. Hinter ihr die gelbe Tapete
umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloer Kopf mit dem
schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
wiederholte sich wie ein Gemlde im Spiegel.

Ach, verzeihen Sie! sagte sie. Es ist unrecht von mir, Sie mit
meinen ewigen Klagen zu langweilen.

Keineswegs!

Wenn Sie wten, fuhr sie fort und schlug ihre schnen Augen,
aus denen Trnen rollten, zur Decke empor, was ich mir alles
ertrumt habe!

Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
ausgegangen, still fr mich hin, und hab mich die Kais entlang
geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und
die trben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort
verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthndlers auf dem
Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen,
der eine Muse darstellt. Sie trgt eine Tunika, einen
Vergimeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor.
Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich
stundenlang davor gestanden ... Und mit zitternder Stimme fgte
er hinzu: Sie sah Ihnen ein wenig hnlich.

Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lcheln um ihre Lippen
nicht bemerke, das sie nicht unterdrcken konnte.

Und wie oft, fuhr er fort, habe ich an Sie Briefe geschrieben
und hinterher wieder zerrissen.

Sie antwortete nicht.

Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall msse Sie mir
wieder in den Weg fhren. Oft war es mir, als ob ich Sie an der
nchsten Straenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken
hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie
Sie welche zu tragen pflegen ...

Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen
Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen
machte.

Endlich sagte sie mit einem Seufzer:

Ist es nicht das Allertraurigste, ein unntzes Leben so wie ich
fhren zu mssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem
ntzlich wren, dann knnte man sich doch in dem Bewutsein
trsten, sich fr etwas zu opfern.

Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er
selbst verspre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas
aufzugehen, die er nicht befriedigen knne.

Ich mchte am liebsten Krankenschwester sein, behauptete sie.

Ach ja! erwiderte er. Aber fr uns Mnner gibt es keinen
solchen barmherzigen Beruf. Ich wte keine Beschftigung ... es
sei denn vielleicht die des Arztes ...

Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wre. Wie
schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden.
Sofort schwrmte Leo fr die Ruhe im Grabe. Ja, er htte sogar
eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt,
da man ihm in den Sarg die schne Decke mit der Seidenstickerei
legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem,
wie alles htte sein knnen, also nach einem imaginren Zustand,
nderten sie jetzt in der Erzhlung ihre Vergangenheit. Ist doch
die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefhle breitdrckt.

Bei dem Mrchen von der Reisedecke fragte sie:

Warum denn?

Warum? Er zgerte. Weil ich Sie so zrtlich geliebt habe!

Froh, die grte Schwierigkeit berwunden zu haben, beobachtete
Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn
der Wind pltzlich eine Wolkenschicht, die darber war, zerreit.
Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus
ihren Augen wie weggeweht.

Er wartete. Endlich sagte sie:

Ich hab es immer geahnt ...

Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
einander zu erzhlen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in
ein einziges Wort zusammengefat hatten. Er erinnerte sich der
Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Mbel in ihrem Zimmer,
ihres ganzen Hauses.

Und unsere armen Kakteen, was machen die?

Sie sind letzten Winter alle erfroren!

Ach, wie oft hab ich an sie zurckgedacht. Das glauben Sie mir
gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im
Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie
mit bloen Armen Ihre Blumen begossen ...

Armer Freund! sagte sie und reichte ihm ihre Hand.

Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
tief auf und sagte:

Damals bten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich
war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ...
aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?

Doch, fahren Sie nur fort!

Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhrt, gerade
im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen
Blumen auf. Ohne da Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete
ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es
mir klarer ins Bewutsein, wie ungezogen das von mir war.
ngstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es
doch nicht ber mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen
Laden traten, wartete ich drauen auf der Strae und sah Ihnen
durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und
das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei
Frau Tvache; man ffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener
Pudel vor der mchtigen Haustre, die hinter Ihnen ins Schlo
gefallen war.

Frau Bovary hrte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon
her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen,
erweckten in ihr das Gefhl, eine alte Frau zu sein. Unendlich
viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit
leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:

Ja ... So war es ... So war es ... So war es!

Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den
Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Palste. Sie sprachen
nicht mehr, aber sie sahen einander an und sprten dabei ein
Brausen in ihren Kpfen, und jeder hatte das Gefhl, dieses
Rauschen strme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre
Hnde hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft,
Erinnerung und Trume, alles ward eins mir der zrtlichen Wonne
des Augenblicks. Die Dmmerung dichtete sich an den Wnden, und
halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen
Farbenflecke von vier dahngenden Buntdrucken. Durch das oben
offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein
Stck des schwarzen Himmels.

Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
Kommode anzuznden. Dann setzte sie sich wieder.

Was ich sagen wollte ..., begann Leo von neuem.

Was war es?

Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
anzuknpfen, da fragte sie ihn:

Wie kommt es, da mir noch niemand solche innere Erlebnisse
anvertraut hat?

Leo erwiderte, ideale Naturen fnden selten Wahlverwandte. Er habe
sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn
zur Verzweiflung, da sie miteinander fr immerdar verbunden
worden wren, wenn ein guter Stern sie frher zusammengefhrt
htte.

Ich habe manchmal dasselbe gedacht, sagte sie.

Welch ein schner Traum! murmelte Leo. Und whrend er mit der
Hand ber den blauen Saum der Schleife ihres weien Grtels
hinstrich, fgte er hinzu: Aber was hindert uns denn, von vorn
anzufangen?

Nein, mein Freund, erwiderte sie. Dazu bin ich zu alt ... und
Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ...
und Sie werden sie wieder lieben!

Nicht so, wie ich Sie liebe!

Sie sind ein Kind! Seien Sie vernnftig. Ich will es!

Sie setzte ihm auseinander, da Liebe zwischen ihnen ein Ding der
Unmglichkeit sei und da sie sich nur wie Schwester und Bruder
lieben knnten, wie ehemals.

Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wute sie selbst nicht.
Sie fhlte nur, wie sie der Verfhrung zu unterliegen drohte und
da sie dagegen ankmpfen msse. Sie sah Leo zrtlich an und stie
sanft seine zitternden Hnde zurck, die sie schchtern zu
liebkosen versuchten.

Seien Sie mir nicht bs! sagte er und wich zurck.

Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
ihr viel gefhrlicher war als die Khnheit Rudolfs, wenn er mit
ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein
Mann so schn erschienen. In seinem Wesen lag eine kstliche
Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig
aufwrtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut
seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie
glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit
ihren Lippen zu berhren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.

Mein Gott, wie spt es schon ist! rief sie aus. Wir haben uns
verplaudert!

Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.

Das Theater habe ich ganz vergessen, fuhr Emma fort. Und mein
armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau
Lormeaux aus der Groenbrckenstrae wollten mich begleiten ...

Schade! Denn morgen msse sie wieder zu Hause sein.

So? fragte Leo.

Gewi!

Aber ich mu Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu
sagen!

Was denn?

Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie drfen noch nicht
heimfahren! Nein! Das ist unmglich! Wenn Sie wten ... Hren Sie
mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn
nicht ...

Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!

Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid
mit mir! Ich mchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein
einziges ...

Es sei! Sie hielt inne. Dann aber, als besnne sie sich anders,
sagte sie: Aber nicht hier!

Wo Sie wollen!

Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:

Morgen um elf in der Kathedrale!

Ich werde dort sein, rief er aus und griff hastig nach ihren
Hnden. Sie entzog sie ihm.

Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
ihm, da beugte er sich ber sie und drckte einen langen Ku auf
ihren Nacken.

Sie sind toll! Ach, Sie sind toll! rief sie und lachte mit einem
eigentmlichen tiefen Klange leise auf, whrend er ihren Hals
immer noch mehr mit Kssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf ber
ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen.
Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.

Er trat drei Schritte zurck, der Tre zu. Auf der Schwelle blieb
er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:

Auf Wiedersehn morgen!

Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.

Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
Verabredung zurcknahm. Es sei alles aus, und es wre zum Wohle
beider, wenn sie sich nicht wiedershen. Aber als der Brief fertig
war, fiel ihr ein, da sie doch seine Adresse gar nicht wute. Was
sollte sie tun?

Ich werde ihm den Brief selbst geben, sagte sie sich, morgen,
wenn er kommt.

Am andern Morgen stand Leo schon frh in der offnen Balkontre,
reinigte sich eigenhndig seine Schuhe und sang leise vor sich
hin. Er machte es sehr sorgfltig. Dann zog er ein weies
Beinkleid an, elegante Strmpfe, einen grnen Rock, und schttete
seinen ganzen Vorrat von Parfm in sein Taschentuch. Er ging zum
Coiffeur, zerstrte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil
sein Haar nicht unnatrlich aussehen sollte.

Es ist noch zu zeitig, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des
Friseurs sah, da es noch nicht neun Uhr war.

Er bltterte in einem alten Modejournal, dann verlie er den
Laden, zndete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
Straen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum
Notre-Dame-Platze.

Es war ein prchtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schrg
auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflchen der grauen
Quadersteine. Ein Schwarm Vgel flatterte im Blau des Himmels um
die Kreuzblumen der Trme. ber den lrmigen Platz wehte
Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und
Tuberosen blhten, von saftigen Grasflchen umrahmt und von Beeren
tragenden Bschen fr die Vgel. In der Mitte pltscherte ein
Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saen
Hkerinnen, barhuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden
kleine Veilchenstrue.

Leo kaufte einen. Es war das erstemal, da er Blumen fr eine Frau
kaufte; und das Herz schlug ihm hher, wie er den Duft der
Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen
wollte, ihm selber glte. Er frchtete, beobachtet zu werden, und
rasch trat er in die Kirche.

Auf der Schwelle der linken Tre des Hauptportals unter der
'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf,
den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, wrdevoller als
ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo
in den Weg und fragte mit jenem slich-gtigen Lcheln, das
Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:

Der Herr ist gewi nicht von hier? Will der Herr die
Sehenswrdigkeiten der Kathedrale besichtigen?

Nein!

Leo machte zunchst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
und kam zum Hauptportal zurck. Emma war noch nicht da. Er ging
abermals bis zum Chor.

Teile des Mawerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den
gefllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende
Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte
Teppichstcke ber die Fliesen. Durch die drei geffneten Tren
des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mchtigen
Lichtstrmen in die Innenrume. Dann und wann ging ein Sakristan
hinten am Hochaltar vorber und machte vor dem Heiligtum die
bliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen
Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine
silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel
gehllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder
das Klirren einer zugeschlagenen Gittertr, Gerusche, die in den
hohen Gewlben widerhallten.

Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so
schn erschienen. Nun mute sie bald kommen, reizend, erregt und
stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten
Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten,
in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem
unbeschreiblich Verfhrerischen einer unterliegenden Tugend. Und
um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler
neigten sich, um die im Dunkel geflsterte Beichte ihrer Liebe
entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schnes
Gesicht zu verklren, und aus den Weihrauchgefen wirbelten die
Dmpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerchen
erscheine.

Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Sthle, und
seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit
Krben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zhlte
die Schuppen der Fische und die Knopflcher an den Wmsen, whrend
seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ...

Der Schweizer rgerte sich im stillen ber den Menschen, der sich
erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
Benehmen unerhrt. Man bestahl ihn gewissermaen und beging
geradezu eine Tempelschndung.

Da raschelte Seide ber die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte
auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.

Sie war bla und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.

Lesen Sie das! sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. Nicht
doch!

Sie ri ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der
Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.

Leo war ber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emprt, dann fand
er einen eigentmlichen Reiz darin, sie whrend eines
Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
Marquise, schlielich aber, als sie gar nicht aufhren wollte,
langweilte er sich.

Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
Hoffnung, da der Himmel sie mit einer pltzlichen Eingebung
begnaden wrde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwren,
starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der
weien Blumen in den groen Vasen, lauschte sie auf die tiefe
Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.

Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
Schweizer rasch auf sie zu:

Gndige Frau sind gewi hier fremd? Wollen Sie sich die
Sehenswrdigkeiten der Kirche ansehen?

Aber nein! rief der Adjunkt aus.

Warum nicht? erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich
an die Madonna, an die Bildsulen, die Grabmler, an jeden
Vorwand.

Programmgem fhrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurck
und zeigte ihnen mit seinem Stock einen groen Kreis von schwarzen
Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.

Das hier, sagte er salbungsvoll, ist der Umfang der berhmten
Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte
ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist
vor Freude gestorben ...

Weiter! drngte Leo.

Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten
zeigt, auf eine Grabplatte.

Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brz, Edler Herr
von Varenne und Brissac, Groseneschall von Poitou und Verweser
der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhry am 16. Juli
1465.

Leo bi sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fue
auf den andern.

Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brz, Edler Herr von Breval und
Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des
Knigs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie,
gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift
besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen
will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unbertreffliche Darstellung der
irdischen Vergnglichkeit!

Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwtz auf der
einen und die Gleichgltigkeit auf der andern Seite.

Der unermdliche Cicerone fuhr fort:

Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
Diana von Poitiers, Grfin von Brz, Herzogin von Valentinois,
geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche
Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt
bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die
Grabmler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinle und
Erzbischfe von Rouen. Dieser hier war Minister Knig Ludwigs des
Zwlften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem
Testament vermachte er den Armen dreiigtausend Taler in Gold.

Ohne stehen zu bleiben und fortwhrend redend, drngte er die
beiden in eine Kapelle, die durch ein Gelnder abgesperrt war. Er
ffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
eine schlechte Statue gewesen sein konnte.

Dieser Stein zierte dereinst, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
das Grab von Richard Lwenherz, Knig von England und Herzog von
der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine
Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier
sehen Sie auch die Tr, durch die sich Seine Eminenz in die
Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berhmten Kirchenfenstern
von Lagargouille!

Da drckte ihm Leo hastig ein groes Silberstck in die Hand und
nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblfft ber die
Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
Sehenswrdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:

Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!

Danke! erwiderte Leo.

Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mit
vierhundertvierzig Fu, nur neun weniger als die grte gyptische
Pyramide, und ist vollstndig aus Eisen ...

Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
durch den grotesken kfigartigen Schornstein zwngen zu lassen,
den ein berspannter Eisengieer keck auf die Kirche gesetzt
hatte. Das wre ihr Tod gewesen.

Wohin gehen wir nun? fragte Emma.

Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie
pltzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmige Aufklopfen
eines Stockes hrten. Leo wandte sich um.

Meine Herrschaften!

Was gibts?

Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
ungebundene Bcher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
gedrckt, trug. Es war die Literatur ber die Kathedrale.

Troddel! murmelte Leo und strzte aus der Kirche.

Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.

Hol uns eine Droschke!

Der Knabe rannte ber den Platz, whrend sie ein paar Minuten
allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
verlegen.

Leo ... wirklich ... ich wei nicht ... ob ich darf! Es klang
wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: Es ist sehr
unschicklich, wissen Sie das?

Wieso? erwiderte der Adjunkt. In _Paris_ macht mans so!

Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstliches Argument.
Aber der Wagen kam nicht. Leo frchtete schon, sie knne wieder in
die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.

Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal! rief ihnen der
Schweizer nach. Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das
'Jngste Gericht', den 'Knig David' und 'Die Verdammten in der
Hlle' an!

Wohin wollen die Herrschaften? fragte der Kutscher.

Fahren Sie irgendwohin! befahl Leo und schob Emma in den Wagen.

Das schwerfllige Gefhrt setzte sich in Bewegung.

Der Kutscher fuhr durch die Groebrckenstrae, ber den Platz der
Knste, den Kai Napoleon hinunter, ber die Neue Brcke und machte
vor dem Denkmal Corneilles Halt.

Weiter fahren! rief eine Stimme aus dem Inneren.

Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.

Nein, geradeaus! rief dieselbe Stimme.

Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
gemchlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
trocknete sich den Schwei von der Stirn, nahm seinen Lederhut
zwischen die Beine und lenkte sein Gefhrt durch eine Seitenallee
dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg
hin, am Strom entlang, ber schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu,
ber die Inseln hinaus.

Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville,
die groe Chaussee hin, durch die Elbeuferstrae und machte zum
drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.

So fahren Sie doch weiter! rief die Stimme, diesmal wtend.
Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt
Sever ber das Bleicher-Ufer und Mhlstein-Ufer, wiederum ber die
Brcke, ber den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum,
wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen
berwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann fhrte
die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer
Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller
Hhe.

Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straen und Gassen, ber
die Pltze und Mrkte, an den Kirchen und ffentlichen Gebuden
und am Hauptfriedhof vorber.

Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut
in seinen Fahrgsten steckte, so da sie nirgends Halt machen
wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich
hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine
warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekmmert, ob
er hier und dort anrannte, ganz auer Fassung und dem Weinen nahe
vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.

Am Hafen, zwischen den Karren und Fssern, in den Strassen und an
den Ecken machten die Brger groe Augen ob dieses in der Provinz
ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhngen, der
immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen
wie ein Grab.

Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am
heiesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine
bloe Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine
Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weie
Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.

Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gchen der
Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus
und ging, ohne sich umzusehen, weiter.




Zweites Kapitel


Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfnfzig Minuten auf Emma
gewartet, schlielich aber war er abgefahren.

Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, da sie wieder zu Hause
sein mute. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
zurckzukehren. Karl erwartete sie also, und so fhlte sie jene
feige Untertnigkeit im Herzen, die fr viele Frauen die Strafe
und zugleich der Preis fr den Ehebruch ist.

Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
einen der zweirdrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs
trieb sie den Kutscher zu grter Eile an, fragte aller
Augenblicke nach der Zeit und nach der zurckgelegten
Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Husern
von Quincampoix ein.

Kaum sa sie drin, so schlo sie auch schon die Augen. Als sie
erwachte, waren sie schon ber den Berg, und von weitem sah sie
Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert
hielt seine Pferde an, und das Mdchen, das sich bis zum Fenster
hinaufreckte, flsterte ihr geheimnisvoll zu:

Gndige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
handelt sich um etwas sehr Dringliches!

Das Dorf war still wie immer. Vor den Husern lagen kleine
dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
Frchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
besonders groen Haufen dieser ausgekochten berreste. Man sah,
da hier mit fr die Allgemeinheit gesorgt wurde.

Emma trat in die Apotheke. Der groe Lehnstuhl war umgeworfen, und
sogar der Leuchtturm von Rouen lag am Boden zwischen zwei
Mrserkeulen. Sie stie die Tr zur Flur auf und erblickte in der
Kche -- inmitten von groen braunen Einmachetpfen voll
abgebeerter Johannisbeeren und Schsseln mit geriebenem und
zerstckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
ber dem Feuer -- die ganze Familie Homais, gro und klein, alle
in Schrzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Hnden. Der
Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes
dastand, und schrie ihn eben an:

Wer hat dir geheien, was aus dem Kapernaum zu holen?

Was ist denn los? Was gibts? fragte die Eintretende.

Was los ist? antwortete der Apotheker. Ich mache hier
Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu
dick ist, droht er mir berzukochen. Ich schicke nach einem andern
Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin
und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel
aufgehngten Schlssel zu meinem Kapernaum!

Kapernaum nannte er nmlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen
gewhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus
dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten
von Pillen, Pasten, Sften, Salben und Arzneien hervorgingen, die
ihn in der ganzen Gegend berhmt machten. Niemand durfte das
Kapernaum betreten. Das ging soweit, da er es selbst ausfegte.
Die Apotheke stand fr jedermann offen. Sie war die Sttte, wo er
wrdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo
sich Homais selbst gehrte, wo er sich seinen Liebhabereien und
Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dnkte ihn deshalb eine
unerhrte Respektlosigkeit, und rter als seine Johannisbeeren,
wetterte er:

Natrlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
Schlssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
genommen htte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
auch der geringste Umstand die grte Wichtigkeit! Zum Teufel,
daran mu man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
nicht zu Kchenzwecken verwenden! Das wre gradeso, als wenn man
sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...

Aber so beruhige dich doch! mahnte Frau Homais.

Und Athalia zupfte ihn am Rock.

Papachen, Papachen!

Lat mich! erwiderte der Apotheker. Zum Donnerwetter, lat
mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen erffnen!
Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! La die
Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
Gurken in den Arzneibchsen ein! Zerrei die Bandagen!

Sie hatten mir doch ..., begann Emma.

Einen Augenblick! -- Weit du, mein Junge, was dir htte
passieren knnen? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton
von dir!

Ich ... wei ... nicht, stammelte der Lehrling.

Ah, du weit nicht! Freilich! Aber ich wei es! Du hast da eine
Bchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefllt
mit weiem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhndig
draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weit du, was da drin
ist? Ar -- se -- nik! Und so was rhrst du an? Nimmst einen
Kessel, der daneben steht!

Daneben! rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hnde ber
dem Kopfe zusammen. Arsenik! Du httest uns alle miteinander
vergiften knnen!

Die Kinder fingen an zu schreien, als sprten sie bereits die
schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.

Oder du httest einen Kranken vergiften knnen, fuhr der
Apotheker fort. Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen,
vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen?
Weit du denn nicht, da ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in
acht nehmen mu, trotz meiner groen Routine darin? Oft wird mir
selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die
Regierung sieht uns tchtig auf die Finger, und die albernen
Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie
ein Damoklesschwert fortwhrend ber dem Haupte!

Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Stzen fort:

So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind?
So dankst du mir die geradezu vterliche Mhe und Sorgfalt, die
ich an dich verschwendet habe! Wo wrst du denn ohne mich? Wie
ginge dirs heute? Wer hat dich ernhrt, erzogen, gekleidet? Wer
ermglicht es dir, da du eines Tages mit Ehren in die
Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mut du
noch feste zugreifen, mut, wie man sagt, Blut schwitzen!
Fabricando sit faber, age, quod agis!

Er war dermaen aufgeregt, da er Lateinisch sprach. Er htte
Chinesisch oder Grnlndisch gesprochen, wenn er das gekonnt
htte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthllt, wie das
Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und
Boden ffnet.

Er predigte immer weiter:

Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, da ich dich in mein Haus
genommen habe. Ich htte besser getan, dich in dem Elend Und dem
Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst
niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum
Rindviehhten. Zur Wissenschaft hast du kein bichen Talent! Du
kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und lt
dirs ber die Maen wohl gehn!

Emma wandte sich an Frau Homais:

Man hat mich hierher gerufen ...

Ach, du lieber Gott! unterbrach die gute Frau sie mit trauriger
Miene. Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nmlich ein
Unglck passiert ...

Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker berschrie sie:

Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!

Er packte Justin beim Kragen und schttelte ihn ab. Dabei entfiel
Justins Tasche ein Buch.

Der Junge bckte sich, aber Homais war schneller als er, hob den
Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und
offenem Mund.

Liebe und Ehe, las er vor. Aha! Groartig! Groartig! Wirklich
nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bichen starker
Tobak!

Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.

Nein, das ist nichts fr dich! wehrte er sie ab.

Die Kinder wollten die Bilder sehn.

Geht hinaus! befahl er gebieterisch.

Und sie gingen hinaus.

Eine Weile schritt er zunchst mit groen Schritten auf und ab,
das Buch halb geffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
auer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rhren sollte.
Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
verschrnkten Armen vor ihn hin:

Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglckswurm? Nimm
dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast
du denn nicht bedacht, da dieses schndliche Buch meinen Kindern
in die Hnde fallen konnte, den Samen der Snde in ihre Sinne
streuen, die Unschuld Athaliens trben und Napoleon verderben? Er
ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwren, da die
beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwren?

Aber so sagen Sie mir doch endlich, unterbrach ihn Emma, was
Sie mir mitzuteilen haben!

Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!

In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
einem Schlaganfall verschieden. Aus bertriebener Rcksichtnahme
hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche
Nachricht schonend mitzuteilen.

Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
berlegt und ausgeklgelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
Zartgefhl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte ber seine
Sprachkunst triumphiert.

Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie die Apotheke, da
Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, whrend er
sich mit seinem Kppchen Luft zufchelte. Allmhlich beruhigte er
sich jedoch und ging in einen vterlicheren Ton ber:

Ich will nicht sagen, da ich dieses Buch gnzlich ablehne. Der
Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen
darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er
vielleicht kennen mu. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!

Als Emma an ihrem Hause klingelte, ffnete Karl, der sie erwartet
hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.

Meine liebe Emma!

Er neigte sich zrtlich zu ihr hernieder, um sie zu kssen. Aber
bei der Berhrung ihrer Lippen mute sie an den andern denken. Da
fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand ber das Gesicht:

Ja ... ich wei ... ich wei ...

Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne
jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, da
ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte
ihn in Doudeville auf der Strae, an der Schwelle eines
Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
einem Liebesmahl teilgenommen hatte.

Emma reichte Karl den Brief zurck. Bei Tisch tat sie aus
konventionellem Taktgefhl so, als htte sie keinen Appetit. Als
er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, whrend Karl
unbeweglich und mit betrbter Miene ihr gegenber dasa.

Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
traurigen Blick an. Einmal seufzte er:

Ich wollt, ich htte ihn noch einmal gesehen!

Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da sie etwas entgegnen
msse, fragte sie:

Wie alt war dein Vater eigentlich?

Achtundfnfzig!

So!

Das war alles.

Eine Viertelstunde spter fing er wieder an:

Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?

Emma machte eine Gebrde, da sie es nicht wisse.

Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da sie sehr betrbt sei,
und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um
ihren rhrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
zusammenraffend, fragte er sie:

Hast du dich gestern gut amsiert?

Ja!

Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
gleichfalls. Je lnger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah,
um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den
letzten Rest. Karl kam ihr erbrmlich, jammervoll, wie eine Null
vor. Er war wirklich in jeder Beziehung ein trauriger Kerl. Wie
konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas
Betubendes ergriff sie, wie Opium.

In der Hausflur ward ein schlrfendes Gerusch vernehmbar. Es war
Hippolyt, der Emmas Gepck brachte. Es machte ihm viel Mhe, es
abzulegen.

Karl denkt schon gar nicht mehr daran, dachte Emma, als sie den
armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweitriefende Stirn
herabhing.

Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
Gefhl fr die Demtigung, die fr ihn in der bloen Anwesenheit
dieses Krppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf
der heillosen Unfhigkeit des Arztes herum?

Ein hbscher Strau! sagte er, als er auf dem Kamin Leos
Veilchen bemerkte.

Ja! erwiderte sie gleichgltig. Ich habe ihn einer armen Frau
abgekauft.

Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Khlung vor seine von
Trnen gerteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri sie ihm aus
der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.

Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
Wirtschaft zu tun.

Am Tage nachher beschftigten sich die beiden Frauen mit den
Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nhzeug in die Laube
hinten im Garten am Bachrande.

Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich ber seine groe
Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
Bewutsein gekommen war. Auch Frau Bovary grbelte ber den Toten
nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert.
Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, da sie nun
Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Trne ber
ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hngen. Dabei nhte sie
ununterbrochen weiter.

Emma dachte, da kaum achtundvierzig Stunden vorber waren, seit
sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrckt, ganz
trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
kleinsten und allerkleinsten Zge dieses entschwundenen Tages ins
Gedchtnis zurckzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und
ihrer Schwiegermutter strte sie. Sie htte nichts hren und
nichts sehn mgen, um nicht in ihren Liebestrumereien gestrt zu
werden, die gegen ihren Willen unter den ueren Eindrcken zu
verwehen drohten.

Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich
ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und
Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hnde in den
Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
berrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch
kein Wort. Berta, die ein weies Schrzchen umhatte, spielte mit
ihrer Schaufel im Sande.

Pltzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhndler, kommen.

Er bot in Anbetracht des betrblichen Ereignisses seine Dienste
an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu knnen, aber
der Hndler wich nicht so leicht.

Ich bitte tausendmal um Verzeihung, sagte er, aber ich mu
Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten. Und flsternd
fgte er hinzu: Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon
...

Karl wurde rot bis ber die Ohren.

Gewi ... freilich ... natrlich!

In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:

Knntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?

Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
Mutter:

Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die
den Haushalt betrifft.

Er frchtete ihre Vorwrfe und wollte nicht, da sie die Vorgeschichte des Wechsels erfhre.

Sobald sie allein waren, beglckwnschte Lheureux Emma in ziemlich
eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
gleichgltigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
seiner Gesundheit, die immer so lala sei. Er mte sich wirklich
hllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch
die Butter zum Brote.

Emma lie ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
entsetzlich.

Und sind Sie vllig wiederhergestellt? fuhr er fort. Ich sag
Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schnen Verfassung
gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
ordentlich einander in die Haare gefahren sind.

Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nmlich die
Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.

Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...

Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hnde auf
den Rcken genommen und sah ihr, lchelnd und leise redend, mit
einem unertrglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma
verlor sich in allerlei Befrchtungen. Inzwischen fuhr er fort:

Aber wir haben uns schlielich geeinigt, und ich bin gekommen,
ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...

Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte,
zu erneuern. brigens knne der Herr Doktor die Sache ganz nach
seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ngstigen,
noch dazu jetzt, wo er gewi mit Sorgen berhuft sei.

Das beste wre ja, wenn die Schuld jemand anders bernhme. Sie
zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wre das Bequemste.
Wir knnten dann unsere kleinen Geschfte miteinander abmachen.

Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er
auf sein Geschft zu sprechen und erklrte ihr, sie msse
unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwlf Meter Barege schicken,
zu einem neuen schwarzen Kleide.

Das, was Sie da haben, ist gut frs Haus. Sie brauchen noch noch
ein andres fr die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das
bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!

Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
er nochmals, um Ma zu nehmen, und dann unter allen mglichen
anderen Vorwnden wieder und wieder, wobei er sich so gefllig und
dienstbeflissen wie nur mglich stellte. Er stand gehorsamst zur
Verfgung, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flsterte er Emma
immer wieder irgendwelche Ratschlge wegen der Generalvollmacht
zu. Den Wechsel erwhnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht
daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darber
gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf
gegangen, da sie das vergessen hatte. Sie htete sich berhaupt,
Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich
darber, aber sie schrieb das der Frmmigkeit zu, die zur Zeit der
Krankheit in ihr erstanden sei.

Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
Gatten durch ihren Geschftssinn in Erstaunen. Man msse
Erkundigungen einholen, die Hypotheken prfen und feststellen, ob
nicht vielleicht ein Nachlakonkurs ntig sei. Sie gebrauchte auf
gut Glck allerhand juristische Ausdrcke, sprach von Ordnung des
Nachlasses, Nachlaverbindlichkeiten, Haftung usw., und bertrieb
immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages
zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr
das Recht bertrug, das Vermgen zu verwalten, Darlehen
aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei
Zahlung zu leisten und zu empfangen usw.

Lheureux war ihr Lehrmeister.

Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.

Notar Guillaumin. Und mit der grten Kaltbltigkeit fgte sie
hinzu: Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die
Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht mte man noch einen
Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ...
keinen.

Hchstens Leo, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig,
sich brieflich zu verstndigen.

Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
nachstehen. Schlielich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus:

Ich will aber! Ich bitte dich, la michs machen!

Wie gut du bist! sagte er und kte sie auf die Stirn.

Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.




Drittes Kapitel


Es waren drei erlebnisvolle, kstliche, wunderbare wahre
Flitterwochentage.

Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
verschlossenen Tren und herabgelassenen Fensterlden, unter
berallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle
Morgen in der Frhe brachte.

Abends mieteten sie einen berdeckten Kahn und aen auf einer der
Inseln.

Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hmmer gegen die
Schiffswnde schlagen hrte. Der Dampf von siedendem Teer stieg
zwischen den Bumen empor, und auf dem Strome sah man breite
lige, ungleich groe Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie
schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glnzten.

Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flukhnen
hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue.
Das Gerusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr,
das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner.
Emma knpfte ihre Hutbnder auf.

Sie landeten an ihrer Insel. Sie setzten sich in eine Herberge,
vor deren Tr schwarze Netze hingen, und aen gebackene Fische,
Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, kten
einander im Schatten der hohen Pappeln und htten am liebsten wie
zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mgen, der ihnen
in ihrer Glckseligkeit als das schnste Fleckchen der ganzen Welt
erschien. Sie sahn die Bume, den blauen Himmel und das Gras nicht
zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pltschern
der Wellen und dem Wind, der durch die Bltter rauschte, aber es
war ihnen, als htten sie das alles niemals so genossen, als wre
die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wre sie erst schn,
seitdem ihr Begehren gestillt war.

Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
von Inseln entlang. Die beiden saen im Dunkeln auf der Bank unter
dem hlzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen
Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln,
taktmig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise
um das herrenlose Steuer.

Einmal erschien der Mond. Da schwrmten sie natrlich vom stillen
Nebelglanz ber Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann
sogar zu singen:

Weit du, eines Abends
Fuhren wir dahin ...

Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte ber der Flut,
vom Wind entfhrt. Wie sanfter Flgelschlag streifte der Sang Leos
Ohr.

Emma sa an die Rckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
Fcher ausbreitete, lie sie schlanker und grer erscheinen. Die
Hnde gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von
Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der
Kahn vorberglitt, und dann tauchte sie pltzlich wieder auf, im
Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung.

Leo, der sich ihr zu Fen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte,
hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte:

Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhrner. Das war ein
Rummel! Da war einer dabei, ein groer hbscher Mann mit einem
schwarzen Schnurrbrtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
immer: 'Du, erzhl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!'
Oder hie er Rudolf? Ich wei nicht mehr ...

Emma fuhr zusammen.

Ist dir nicht wohl? fragte Leo und legte ihr die Hand um den
Nacken.

Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bichen khl.

Er mochte auch viel Glck bei den Frauen haben, redete der
Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar eine
Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hnde und begann
von neuem zu rudern.

Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig.
Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
Umschlge verwenden. Er wunderte sich ber ihre Schlauheit in
Liebesdingen.

Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht wahr? fragte
sie nach dem letzten Kusse.

Aber gewi!

Als er dann allein durch die Straen heimging, dachte er bei sich:

Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer
Generalvollmacht?




Viertes Kapitel


Leo begann vor seinen Kameraden den berlegenen zu spielen. Er
mied ihre Gesellschaft und vernachlssigte seine Akten. Er wartete
nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in ihnen und
schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in der
Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heies Begehren
khlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im Gegenteil, sein
Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaen, da er an einem
Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.

Als er von der Hhe herab unten im Tale den Kirchturm mit seiner
sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
durchschauerte ihn ein sonderbares Gefhl von Eitelkeit und
Rhrung, wie es vielleicht ein Milliardr empfindet, der sein
Heimatdorf wieder aufsucht.

Er ging um Emmas Haus. In der Kche war Licht. Er wartete, ob
nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar wrde. Es erschien
nichts.

Als Mutter Franz ihn gewahrte, stie sie Freudenschreie aus. Sie
fand ihn grer und schlanker geworden, whrend Artemisia im
Gegensatze dazu meinte, er she strker und brauner aus.

Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nmlich
satt bekommen, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
seine Tischzeit ein fr allemal auf Punkt fnf Uhr verlegt, was
ihn indessen nicht hinderte, darber zu rsonieren, da der alte
Klapperkasten egal zu spt kme.

Endlich fate Leo Mut und klingelte an der Haustre des Arztes.
Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer Viertelstunde kam
sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn wiederzusehen; aber
weder am Abend noch andern Tags wich er von Emmas Seite. Erst
nachts kam sie allein mit Leo zusammen, auf dem Wege hinter dem
Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, wie einst mit dem andern.

Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
Regenschirm, bei Donner und Blitz.

Die Trennung war ihnen unertrglich.

Lieber sterben! sagte Emma.

Sie entwand sich seinen Armen und weinte.

Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?

Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
versprach ihm Emma, sie wolle demnchst Mittel und Wege finden,
damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen knnten. Emma
zweifelte nicht an der Mglichkeit. Sie war berhaupt voller
Zuversicht. Lheureux hatte ihr fr die nchste Zeit Geld in
Aussicht gestellt.

Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores fr ihr Zimmer an.
Lheureux rhmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen Teppich,
den der Hndler bereitwillig zu besorgen versprach, wobei er
versicherte, er werde die Welt nicht kosten. Lheureux war ihr
unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie nach ihm,
und immer lie er alles stehen und liegen und kam, ohne auch nur
zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte Frau Rollet
tglich zum Frhstck und auch auerdem noch hufig kam.

Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma pltzlich einen ungemein
regen Eifer im Musizieren.

Eines Abends spielte sie dasselbe Stck viermal hintereinander,
ohne ber eine bestimmte schwierige Stelle glatt hinwegzukommen.
Karl, der ihr zuhrte, bemerkte den Fehler nicht und rief:

Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!

Nein, nein! Ich stmpere. Meine Finger sind zu steif geworden.

Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen.

Meinetwegen! Wenn es dir Spa macht.

Karl gab zu, da sie ein wenig aus der bung sei. Sie griff
daneben, blieb stecken, und pltzlich hrte sie auf zu spielen.

Ach, es geht nicht, ich mte wieder Stunden nehmen, aber ...
Sie bi sich in die Lippen und fgte hinzu: Zwanzig Franken fr
die Stunde, das ist zu teuer.

Allerdings ... ja ..., sagte Karl und lchelte einfltig, aber
es gibt doch auch unbekannte Knstler, die billiger und manchmal
besser sind als die Berhmtheiten.

Such mir einen! sagte Emma.

Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene an
und sagte schlielich:

Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
Barfeuchres, und da hat mir Frau Ligeard erzhlt, da ihre drei
Tchter fr zwlf Groschen die Stunde bei einer ganz
vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.

Emma zuckte mit den Achseln und ffnete fortan nicht mehr das
Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging,
seufzte sie allemal:

Ach, mein armes Klavier!

Wenn Besuch da war, erzhlte sie jedermann, da sie die Musik
aufgegeben und hheren Rcksichten geopfert habe. Dann beklagte
man sie. Es sei schade. Sie htte soviel Talent. Man machte ihrem
Manne geradezu Vorwrfe, und der Apotheker sagte ihm eines Tages:

Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem die
Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Auerdem sparen Sie,
wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, spter bei der
musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mtter
sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon
Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber das
wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernhrung der Suglinge
durch die eigenen Mtter und wie die Schutzpockenimpfung! Davon
bin ich berzeugt!

Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprchsweise auf diese
Angelegenheit zurck. Emma erwiderte rgerlich, da es besser
wre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte sich Bovary.
Das kam ihm wie die Preisgabe eines Stckes von sich selbst vor.
Das brave Klavier hatte ihm so oft Vergngen bereitet und ihn
einst so stolz und eitel gemacht!

Wie wre es denn, schlug er vor, wenn du hin und wieder eine
Stunde nhmst? Das wird uns wohl nicht gleich ruinieren!

Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmig erfolgt, entgegnete
sie.

Und so kam es schlielich dahin, da sie von ihrem Gatten die
Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
habe bedeutende Fortschritte gemacht.




Fnftes Kapitel


An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geruschlos
an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwrfe wegen ihres zu
frhen Aufstehens gemacht htte. Dann lief sie in ihrem Zimmer
herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus.
Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die
Apotheke, deren Fensterlden noch geschlossen waren. Die groen
Buchstaben des Ladenschildes lieen sich durch das fahle
Dmmerlicht erkennen.

Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
Goldnen Lwen. Artemisia ffnete ihr ghnend die Tr und fachte
der gndigen Frau wegen im Herde die glhenden Kohlen an. Ganz
allein sa Emma dann in der Kche.

Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte hchst gemchlich
die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhrte, die in der
Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm
tausend Auftrge und Verhaltungsmaregeln erteilte, die jeden
andern Kutscher verrckt gemacht htten. Die Abstze von Emmas
Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes.

Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
angezogen, die Tabakspfeife angezndet und die Peitsche in die
Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.

Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts
Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Strae vor den Hoftoren
standen und warteten. Leute, die sich Pltze vorbestellt hatten,
lieen meist auf sich warten; ja es kam vor, da sie noch in ihren
Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von
seinem Sitz herunter und pochte mit den Fusten laut gegen die
Fensterlden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht
schlieenden Wagenfenster.

Allmhlich fllten sich die vier Bnke. Der Wagen rollte jetzt
schneller hin. Die Apfelbume an den Straenrndern folgten sich
rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefllten
Grben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den
Horizont.

Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wute genau, wann eine
Wiese oder eine Wegsule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das
Huschen eines Straenwrters. Manchmal schlo sie die Augen eine
Weile, um sich berraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das
Gefhl fr Zeit und Ort.

Endlich erschienen die ersten Backsteinhuser. Der Boden drhnte
unter den Rdern, rechts und links lagen Grten, durch deren
Gitter man Bildsulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und
Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.

Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
erfllten Tiefe. Jenseits der Brcken verlief das Husermeer in
undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in
eintnigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des
Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft
leblos wie ein Gemlde aus. Die vor Anker liegenden Zillen
drngten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im
Bogen um grne Hgel, und die lnglichen Inseln in seinen Fluten
glichen groen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen
Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in
der Luft auflsten. In das Drhnen der Dampfhmmer mischte sich
das helle Glockengelut der Kirchen, die aus dem Dunste
hervorragten. Die bltterlosen Bume auf den Boulevards wuchsen
aus den Husermassen heraus wie violette Gewchse, und die vom
Regen nassen Dcher glitzerten strker oder schwcher, je nach der
hheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein
frischer Windsto das dunstige Gewlk nach der Sankt
Katharinen-Hhe hin, an deren steilen Hngen sich die luftige Flut
geruschlos brach.

Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut strmte
ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend
Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die
in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten.
Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das
dumpfe Rauschen des Straenlrms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre
Stimmung. Die Pltze, die Straen, die Promenaden erweiterten und
vergrerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt.

Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische
Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
schmutzigen Landstrae knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Brger,
die aus ihren Landhusern im Wilhelmswalde zurckkehrten, wo sie
die Nacht ber geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen
gemchlich aus.

Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
berschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
und stieg aus.

In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die
Schaufenster der Lden. Marktweiber mit Krben schrien an den
Straenecken ihre Waren aus. Emma drckte sich mit
niedergeschlagenen Augen an den Husermauern entlang. Unter ihrem
herabgezogenen schwarzen Schleier lchelte sie vergngt. Um nicht
beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch dstre Gassen
hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende
der Rue Nationale. Wegen der Nhe des Theaters gibt es dort die
meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren
Karren mit Bhnendekorationen an Emma vorber. Beschrzte Kellner
streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Ksten mit grnen
Gewchsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern.

Emma bog in die verabredete Strae ein. Da stand Leo. Sie erkannte
ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem
Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem
Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, ffnete die Tr
und trat ein ...

Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Ksse ohne Ende!
Sie erzhlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem
Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war
das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem
Lcheln der Wollust und unter dem Geflster der Zrtlichkeit.

Das Bett war aus Mahagoni und sehr gro. Zu beiden Seiten des
Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhnge herab. Wenn
sich Emmas braunes Haar und ihre weie Haut von diesem Purpurrot
abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschmt hob und ihr
Gesicht in den Hnden verbarg: was htte Leo Schnres schauen
knnen?

Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschlge an
der Tr, an den Gardinenhaltern und am Kamin.

Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor,
wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf
dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen
gelassen hatte.

Das Frhstck pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten
Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht
und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend
sen Torheiten. Wenn der Sekt ihr ber den Rand des dnnen
Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren
beide in den gegenseitigen Genu versunken und vergaen vllig,
da sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wren sie
Jungvermhlte und htten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder
zu verlassen brauchten. Sie sagten unser Zimmer, unser Teppich,
unsre Sthle, wie sie unsre Pantoffeln sagten, wobei sie die
meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas
mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie ber den nackten Fen. Wenn
sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen
und balancierte die zierlichen Schuhe mit den groen Zehen.

Zum ersten Male in seinem Leben geno er den unbeschreiblichen
Reiz einer mondnen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese
entzckende Art zu plaudern, dieses verschmte Sichentblen,
dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzckte
Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte
eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
verheiratete Frau ... Was htte er mehr haben wollen?

Durch den fortwhrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald
schweigsam, bald berschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
Emma in ihm tausend Lste, Gefhle und Reminiszenzen. Die
Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der Badenden
Odaliske, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen
der Minnesnger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die
spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das:
sie war sein Engel.

Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergsse sich seine
Seele ber sie und fliee wie eine Welle ber ihr Antlitz und von
da herab wie ein Strom auf ihre weie Brust. Er sank ihr zu Fen
auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor
und schaute sie lchelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und
flsterte wie im Rausche:

O rhr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas
Liebes, Ses in deinen Augen, das ich so gern habe!

Sie nannte ihn mein Junge.

Mein Junge, liebst du mich?

Er bestrmte sie mit Kssen. Eine andre Antwort begehrte sie
nicht.

Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze,
der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er
machte ihnen viel Spa. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam
ihnen alles ernsthaft vor.

Unbeweglich standen sie einander gegenber, und immer wiederholten
sie:

Auf Wiedersehn! Nchsten Donnerstag!

Pltzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hnde, kte
ihn rasch auf die Stirn, und mit einem Adieu! strmte sie die
Treppe hinunter.

Zunchst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstrae und
lie sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spt. Im Laden
brannten bereits die Gasflammen. Sie hrte das Klingeln drben im
Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte.
Durch die Scheiben sah sie, wie Mnner mit bleichen Gesichtern und
Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des
Theatergebudes verschwanden.

Der sehr niedrige Raum war berheizt. Mitten unter den Percken
und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heien Brennscheren
und der fettigen Hnde, die sich mit ihrem Haar zu schaffen
machten, betubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wre sie
unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.

Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.

Dann ging sie fort, die Straen wieder hinan, zurck ins Rote
Kreuz. Sie suchte ihre berschuhe hervor, die sie am Vormittag
unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren
Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die
steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im
Wagen zurck.

Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites
Lichtermeer, in dem die Huser verschwanden. Auf dem Sitzpolster
kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
flsterte sie den Namen Leos vor sich hin, kte ihn in Gedanken
und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang.

Oben auf der Hhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
ablauerte. Er war in Lumpen gehllt, und ein alter verwetterter
Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
abnahm, sah man in seinen Augenhhlen zwei blutige Augpfel mit
Lchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schlte sich in roten
Fetzen ab, und eine grnliche Flssigkeit lief heraus, die an der
Nase gerann, deren schwarze Flgel nervs zuckten. Wenn man ihn
ansprach, grinste er einen bld an. Dann rollten seine blulichen
Augpfel fortwhrend in ihrem wunden Lager.

Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:

Wenns Sommer worden weit und breit,
Wird hei das Herze mancher Maid ...

Manchmal erschien der Unglckliche ohne Hut ganz pltzlich hinter
Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.

Hivert pflegte den Bettler zu verhhnen. Er riet ihm, sich auf dem
nchsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte
ihn, wie es seiner Liebsten ginge.

Einmal streckte der Bettler seinen Hut whrend der Fahrt durch das
Wagenfenster herein. Er war drauen auf das kotbespritzte
Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein
erst schwacher und klglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch
die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengelut
der Pferde, das Rauschen der Bume und das Rasseln des Wagens
tnten in diese Jammerlaute hinein, so da sie wie aus der Ferne
zu kommen schienen. Emma war tieferschttert. Empfindungen
brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine
Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie.

Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da eine fremde Last seinen Wagen
beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den
Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
Straenkot und stie ein Schmerzensgeheul aus.

Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen
schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust
gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars,
und jener hatte den Arm in dem Hngeriemen, der je nach den
Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der
Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhnge und
bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen.
Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern.
Ihre Fe wurden ihr klter und klter. Sie fhlte sich
sterbensunglcklich.

Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer
Versptung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber
was kmmerte sie das? Das Dienstmdchen konnte jetzt machen, was
es wollte.

Es geschah oft, da Karl, dem Emmas Blsse auffiel, sie fragte, ob
ihr etwas fehle.

Nein! antwortete sie.

Aber du bist so sonderbar heute abend?

Ach nein, nicht im geringsten!

Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als
eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhlzer
zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das
Bett auf.

Gut! sagte sie. Du kannst gehn.

Er blieb nmlich immer noch eine Weile an der Tre stehen und
blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.

Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer grlich, und noch
qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
der sie nach ihrem Glcke lechzte. Sie verging fast vor
Lsternheit, unter wollstigen Erinnerungen, bis alle ihre
Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zrtlichen Armen befriedigt
wurde. Seine eigne, heie Sinnlichkeit verbarg sich unter
leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine
anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzcken. Sie hegte und
pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu
verlieren.

Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:

Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst
es machen wie alle andern!

Welche andern?

Wie alle Mnner, meine ich.

Ihn sanft zurckstoend, fgte sie hinzu:

Ihr seid alle gemein!

Eines Tages fhrten sie ein philosophisches Gesprch ber die
menschlichen Enttuschungen, als sie pltzlich, um seine
Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem
Mitteilungsbedrfnis, das Gestndnis machte, da sie vor ihm einen
andern geliebt habe.

Nicht wie dich! fgte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
ihres Kindes, da es zu nichts gekommen sei.

Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
Betreffende jetzt sei.

Er war Schiffskapitn, mein Lieber!

Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein
gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewi
vielumworbener Mann zu ihren Fen gelegen haben sollte?

In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewutsein der
Inferioritt. Am liebsten htte er gleichfalls Epauletten, Orden
und Titel getragen. Alle diese Dinge muten ihr gefallen, das sah
er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.

Dabei verschwieg ihm Emma noch einen groen Teil ihrer ins
Groartige gehenden Wnsche; zum Beispiel, da sie gern einen
blauen Tilbury mit einem englischen Vollblter und einem Groom in
schicker Livree gehabt htte, um in Rouen spazieren zu fahren.
Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die
Nichterfllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns
nicht weiter trbte, so verschrfte sie doch zweifellos die
Bitterkeit der Trennung.

Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:

Ach, wenn wir dort leben knnten!

Sind wir denn nicht glcklich? erwiderte Leo zrtlich und strich
mit der Hand liebkosend ber ihr Haar.

Doch! Du hast recht! Ich bin tricht. Ksse mich!

Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswrdiger denn je. Sie
bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch
Walzer vor. Er hielt sich fr den glcklichsten Mann der Welt.
Emma lebte in vlliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er
pltzlich:

Nicht wahr, du hast doch bei Frulein Lempereur Stunden?

Ja!

Merkwrdig! Ich habe sie heute bei Frau Ligeard getroffen und
sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.

Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen:

Mein Name wird ihr entfallen sein.

Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die
Klavierstunden geben, meinte Karl.

Das ist auch mglich!

Pltzlich sagte Emma:

Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
eine bringen.

Sie ging an ihren Schreibtisch, ri alle Schubfcher auf, whlte
in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da Karl sie bat,
sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mhe zu machen.

Ich werde sie schon finden! beharrte sie.

In der Tat fhlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel
anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela zu stehen
pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stck Papier. Er
zog es hervor und las:

Quittung.

Honorar fr drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen fr
verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn.

Dankend erhalten
Friederike Lempereur,
Musiklehrerin.

Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?

Wahrscheinlich, erwiderte Emma, ist es aus dem Karton mit den
alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.

Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lgen.
Sie hllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand
sie she. Aber auch sonst wurde ihr das Lgen geradezu zu einem
Bedrfnis. Sie log zu ihrem Vergngen. Wenn sie erzhlte, da sie
auf der rechten Seite der Strae gegangen sei, konnte man wetten,
da es auf der linken gewesen war.

Eines Donnerstags war sie frh, wie gewhnlich ziemlich leicht
gekleidet, abgefahren, als es pltzlich zu schneien begann. Karl
hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche
des Brgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging
hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der
Bitte, ihn seiner Frau einzuhndigen, sobald er im Roten Kreuz
angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau
Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, da sie das Rote
Kreuz sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche
und erzhlte ihr von seinem Mierfolge, dem er brigens keine
sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald
eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale
so wunderbar predige, da die Frauen in Scharen hingingen.

Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte,
so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und
so hielt es Emma fr besser, fortan im Roten Kreuz abzusteigen,
damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der
Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwhnten.

Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den
Boulogner Hof verlie. Sie frchtete, er knne schwatzen; aber er
war nicht so tricht. Dafr trat er drei Tage spter in ihr Zimmer
und erklrte, da er Geld brauche.

Sie erwiderte ihm, sie knne ihm nichts geben. Lheureux fing zu
jammern an und zhlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.

In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel
bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlngert
und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine
Anzahl unbezahlter Rechnungen fr die Stores, den Teppich, fr
Mbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstcke, im
Gesamtbetrag von ungefhr zweitausend Franken.

Sie lie den Kopf hngen, und er fuhr fort:

Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.

Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in
Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht
viel ein. Es hatte ursprnglich zu einem kleinen Pachtgute gehrt,
das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wute
genau Bescheid ber das Grundstck; er kannte sogar die Anzahl der
Hektare und die Namen der Nachbarn.

An Ihrer Stelle, sagte er, versuchte ich, es loszuwerden. Sie
bekmen dann sogar noch bar Geld heraus!

Sie entgegnete, es sei schwer, einen Kufer zu finden, aber
Lheureux meinte, das liee sich schon machen. Da fragte sie, was
sie tun msse, um das Haus zu verkaufen.

Sie haben doch die Vollmacht, antwortete er.

Dieses Wort belebte sie.

Lassen Sie mir die Rechnung hier! sagte sie.

O, das eilt ja nicht! erwiderte Lheureux.

In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und
berichtete, es sei ihm mit vieler Mhe gelungen, einen gewissen
Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
Grundstck geworfen habe und wissen mchte, was es koste.

Der Preis ist mir gleichgltig! rief Emma aus.

Lheureux erklrte, man msse den Kufer eine Weile zappeln lassen.
Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst
nicht gut verreisen knne, bot er sich dazu an, um das Geschft
mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurck, der
Kufer habe viertausend Franken geboten.

Emma war hocherfreut.

Offen gestanden, fgte der Hndler hinzu, das ist anstndig
bezahlt!

Die erste Hlfte der Summe zhlte er ihr sofort auf. Als Emma
sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
Lheureux:

Auf Ehre, es ist doch schade, da Sie ein so schnes Smmchen
gleich wieder aus der Hand geben wollen!

Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.

Wie? Wie meinen Sie? stammelte sie.

O, erwiderte er mit gutmtigem Lcheln, man kann ja was ganz
Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich wei ja, wie das in einem
Haushalte so ist.

Er sah sie scharf an, whrend er die beiden Tausendfrankenscheine
langsam durch die Finger hin und her gleiten lie. Endlich machte
er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
tausend Franken auf den Tisch.

Unterschreiben Sie! sagte er, und behalten Sie die ganze
Summe!

Sie fuhr erschrocken zurck.

Na, wenn ich Ihnen den berschu bar auszahle, sagte Lheureux
frech, erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?

Er schrieb unter die Rechnung:

Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
bescheinigt
Lheureux.

So! Sie knnen unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die
weiteren zweitausend Franken fr Ihre alte Bude! Eher ist auch der
letzte Wechsel nicht fllig.

Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
Ohren klang es ihr, als wrden Scke voll Goldstcke vor ihr
ausgeschttet, die nur so ber die Diele kollerten. Lheureux sagte
noch, er habe einen Freund Vinard, Bankier in Rouen, der die vier
Wechsel diskontieren wolle. Die berschssige Summe werde er der
gndigen Frau persnlich bringen.

Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
Freund Vinard habe wie blich zweihundert Franken fr Provision
und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlssig eine
Empfangsbesttigung.

Sie verstehen! Geschft ist Geschft! Und das Datum! Bitte! Das
Datum!

Tausend nun erfllbare Wnsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.

Der Flligkeitstag des vierten Papieres fiel zufllig auf einen
Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf
Emmas Rckkehr. Die Sache wrde sich schon aufklren.

Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
ihm husliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zhlte ihm tausend
unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg htte anschaffen
mssen.

Nicht wahr, du mut doch zugeben: fr so viele Dinge ist tausend
Franken nicht zuviel?

In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
schrieb Bovary seiner Mutter einen klglichen Brief. Statt einer
Antwort kam sie persnlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas
herausrcke, gab er ihr zur Antwort:

Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!

Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst kme die ganze
Geschichte und auch die Veruerung des Grundstcks heraus.
Letztere hatte der Hndler so geschickt betrieben, da sie erst
viel spter bekannt wurde.

Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhrt zu finden.

Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu muten die
Lehnsthle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Grovaterstuhl!
Die jungen Leute hatten keine ntig. So war es wenigstens bei
meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir
versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und
Verschwendung ruiniert jeden! Ich wrde mich zu Tode schmen, wenn
ich mich so verwhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte
Frau, die wahrlich ein bichen der Pflege ntig htte ... Da schau
mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter,
das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schnen Futterstoff fr
vier Groschen, ja schon fr dreie bekommt, der seinen Zweck
vollkommen erfllt!

Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:

Ich finde, es ist nun gut!

Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
wrden alle beide im Armenhause enden. brigens sei Karl der
Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glck, da er ihr versprochen
habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ...

Was? unterbrach Emma ihre Rede.

Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!

Emma ffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglcksmensch
mute zugeben, da ihm die Mutter das Ehrenwort abgentigt hatte.
Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und hndigte
ihrer Schwiegermutter mit der Gebrde einer Frstin ein groes
Schriftstck ein.

Ich danke dir! sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
den Ofen.

Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte
einen Nervenchok bekommen.

Ach du mein Gott! rief Karl aus. Siehst du, Mutter, es war doch
nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!

Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles blo Tuerei!

Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
und vertrat Emma so nachdrcklich, da die alte Frau erklrte, sie
werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie
noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben berreden wollte,
erwiderte sie:

Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in
der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ...
La dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder --
sozusagen -- zusetzen!

Nicht weniger als armer Snder stand er dann vor Emma, die ihm
erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mute
erst lange bitten, ehe sie sich herablie, eine neue
Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
sie ausstellen sollte.

Sehr begreiflich! meinte der Notar. Ein Mann der Wissenschaft
darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.

Karl fhlte sich durch diese im vterlichen Tone vorgebrachte
Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemntelte seine Schwachheit mit
der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit hheren Dingen
beschftigt.

Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos
Armen war sie ber die Maen ausgelassen. Sie lachte, weinte,
sang, tanzte, lie sich Sorbett heraufbringen und rauchte
Zigaretten. So berschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
doch kstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da es in ihrem
Innern grte und da sie sich aus diesem Motiv kopfber in den
Strudel des Lebens strzte. Sie war reizbar, unersttlich,
wollstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die
Straen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, da sie ins
Gerede kommen knnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim
erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf knne
ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden
war, so fhlte sie sich doch noch immer in seinem Banne.

Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurck. Karl war auer
sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre Mama nicht
ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreiend. Justin wurde auf
der Poststrae entgegengesandt, und selbst Homais verlie seine
Apotheke.

Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte
seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und
langte gegen zwei Uhr morgens im Roten Kreuz an. Emma war nicht
da. Er dachte, vielleicht knne der Adjunkt sie gesehen haben,
aber wo wohnte er? Glcklicherweise fiel ihm die Adresse des
Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.

Es begann zu dmmern. Er erkannte das Wappenschild ber der Tr
und klopfte an. Ohne da ihm geffnet ward, erteilte ihm jemand
die gewnschte Auskunft, nicht ohne auf den nchtlichen Ruhestrer
zu schimpfen.

Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besa weder einen Trklopfer
noch eine Klingel noch einen Pfrtner. Karl schlug mit der Faust
gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorber. Karl bekam
Angst und ging davon.

Ich bin ein Narr! sagte er zu sich. Wahrscheinlich haben
Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!

Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.

Vielleicht ist sie bei Frau Dbreuil. Die ist vielleicht krank
... Ach nein, Frau Dbreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?

Pltzlich fiel ihm etwas ein. Er lie sich in einem Caf das
Adrebuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Frulein
Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74.

Als er in diese Strae einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er
strzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.

Was hat dich denn gestern hier zurckgehalten? rief er.

Ich war krank.

Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?

Sie fuhr mit der Hand ber die Stirn und antwortete:

Bei Frulein Lempereur.

Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.

Die Mhe kannst du dir nun ersparen. Sie ist brigens schon
ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
kannst dir denken, da ich mich nicht gar frei fhle, wenn ich
wei, da dich die geringste Versptung dermaen aus dem
Gleichgewicht bringt!

Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft
mit aller Ruhe ber den Strang hauen zu knnen, wie man zu sagen
pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch
davon. Sobald sie Lust versprte, Leo zu sehen, fuhr sie unter
irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen
nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf.

Die ersten Male war ihm das eine groe Freude, aber allmhlich
verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese
Strungen durchaus nicht angenehm.

Ach was, komm nur mit! sagte sie.

Und er verlie ihretwegen seine Arbeit.

Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden
und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er ausshe
wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mute ihr
seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schmte
sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhnge zu
kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer,
sagte sie lachend:

Ach, hngst du an deinen paar Groschen!

Jedesmal mute ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten
Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um
ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht,
und er schrieb schlielich ein Sonett aus einem alten Almanach ab.

Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres
Bedrfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer
Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem
Worte: sie tauschten allmhlich ihre Rollen. Leo wurde der
feminine Teil in diesem Liebesverhltnisse. Sie verstand auf eine
Art zu kosen und zu kssen, da er die Empfindung hatte, als sauge
sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens
verborgen, eine eigentmliche, geradezu unkrperliche Verderbnis
in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft.




Sechstes Kapitel


Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a er hufig bei
dem Apotheker zu Mittag. Aus Hflichkeit lud er ihn ein, ihn nun
auch einmal in Rouen zu besuchen.

Gern! gab Homais zur Antwort. Ich mu sowieso einmal
ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen
zusammen ins Theater gehen, ein bichen kneipen und ein paar
Dummheiten loslassen!

Aber Mann! mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
Gefahren, denen er entgegenlief, ngstigten sie im voraus.

Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
genug ruiniert in den fortwhrenden Ausdnstungen der Drogen? Ja,
ja, so sind die Frauen! Vergrbt man sich in die Wissenschaften,
so sind sie eiferschtig; und will man sich gelegentlich in
harmlosester Weise ein bichen erholen, dann ists ihnen auch
wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf
mich! In allernchster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann
wollen wir mal zusammen eine Kiste ffnen!

Frher htte sich Homais gehtet, einen derartigen Ausdruck zu
gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin,
den jovialen Grostdter zu spielen. hnlich wie seine Nachbarin,
Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den
Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner
Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu
imponieren.

Eines Donnerstags frh traf ihn Emma zu ihrer berraschung in der
Kche des Goldnen Lwen im Reiseanzug, das heit, in einen alten
Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine
Reisetasche in der einen Hand, einen Fusack in der andern. Er
hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die
Kundschaft knne an seiner Abwesenheit Ansto nehmen.

Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn whrend der ganzen
Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
so strzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half
kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das Grand Caf zur
Normandie, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Frst eintrat.
Er hielt es nmlich fr hchst provinzlerhaft, in einem
ffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.

Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlielich eilte
sie in seine Kanzlei. Unter allen mglichen Mutmaungen, wobei sie
ihm den Vorwurf der Gleichgltigkeit und sich selber den der
Schwche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
gegen die Scheiben gepret, im Boulogner Hofe.

Um zwei Uhr saen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der groe
Saal des Restaurants leerte sich. Sie saen am Ofen, der die Form
eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete
Fcher sich unter der weien Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im
hellen Sonnenlichte, hinter Glaswnden, sprudelte ein kleiner
Springbrunnen ber einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten
zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schlfrige Hummern;
daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet.

Der Apotheker tat sich sozusagen eine Gte. Wenngleich ihn die
Pracht noch mehr entzckte als das vortreffliche Mahl, so tat der
Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum
aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien ber die
Weiber. Am meisten rege ihn eine schicke Frau auf, und nichts
ginge ber eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten
Raume. Was die krperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch
nicht ohne.

Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a und
schmatzte weiter.

Sie mssen sich brigens ziemlich einsam fhlen hier in Rouen,
sagte er pltzlich. Aber schlielich wohnt ja Ihr Liebchen nicht
allzuweit. Da Leo errtete, setzte er hinzu: Na, gestehen Sie
nur! Wollen Sie leugnen, da Sie in Yonville ...

Der junge Mann stammelte etwas Unverstndliches.

... im Hause Bovary jemanden poussieren ...

Aber wen denn?

Na, das Dienstmdel!

Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war strker als alle
Vorsicht. Ohne sichs zu berlegen, widersprach er. Er liebe nur
brnette Frauen.

Da haben Sie nicht unrecht, meinte der Apotheker. Die haben
mehr Temperament!

Homais begann zu flstern und verriet seinem Freunde die Symptome,
an denen man erkennen knne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet
sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien
schwrmerisch, die Franzsinnen wollstig, die Italienerinnen
leidenschaftlich.

Und die Negerinnen? fragte der Adjunkt.

Das ist etwas fr Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!

Gehen wir? fragte Leo ungeduldig.

Yes!

Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm
seine Zufriedenheit aussprechen.

Des weiteren schtzte der junge Mann einen geschftlichen Gang
vor. Er wollte nun endlich allein sein.

Ich begleite Sie natrlich! sagte Homais.

Unterwegs erzhlte er unaufhrlich von seiner Frau, von seinen
Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten
Zustand, in dem er sie bernommen, und wie er sie in die Hhe
gebracht habe.

Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der grten
Erregung. Bei der Erwhnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo
versuchte, sie durch allerlei vernnftige Grnde zu beruhigen. Es
sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch.
Wie habe sie nur glauben knnen, da er lieber mit ihm statt mit
ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hren und schickte
sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurck, sank vor ihr auf die
Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem
rhrenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwrfigkeit an.

Sie stand aufrecht vor ihm. Mit groen flammenden Augen sah sie
ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck
in Trnen. Ihre gerteten Lider schlossen sich, sie berlie ihm
ihre Hnde, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
Hausdiener. Ein Herr wnsche ihn dringend zu sprechen.

Du kommst doch wieder? fragte Emma.

Gewi!

Aber wann?

Sofort!

Es war der Apotheker.

Ein feiner Trick, nicht? schmunzelte er, als er Leo erblickte.

Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkrzen. Sie war Ihnen doch
offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
Bridoux, einen Bittern genehmigen!

Leo beteuerte, er msse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
lachte ihn aus und machte seine Witze ber die Juristerei.

Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
Seinen Terrier mssen Sie mal sehen! Der ist zu spaig! Und da
der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: Na, da
begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
lesen oder in irgendeinem alten Schmker blttern.

Leo war wie betubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers
Geschwtz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des
reichlichen Frhstcks. Unentschlossen stand er da, whrend Homais
immer wieder in ihn drang:

Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
Schritte von hier! Rue Malpalu!

Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder
Narrheit oder aus jenem merkwrdigen Drange, der den Menschen
mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen
zuwiderlaufen, lie sich Leo zu Bridoux fhren. Sie fanden ihn in
dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen
beaufsichtigte, die das groe Rad einer
Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen
Begrung gab Homais seinem Kollegen Ratschlge. Dann trank man
den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen,
aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte:

Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache
Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.

Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den
Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im hchsten Grade
aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt hate sie Leo. Das
Stelldichein zu versumen, das fate sie als Beschimpfung auf! Nun
suchte sie nach noch andern Grnden, mit ihm zu brechen. Er sei
eines hheren Aufschwungs unfhig, schwach, banal, feminin, dazu
knickerig und kleinmtig.

Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da sie ihn schlechter
machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten
hinterlt immer gewisse Spuren. Man darf ein Gtzenbild nicht
berhren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.

Fortan unterhielten sie sich immer hufiger von Dingen, die nichts
mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma
schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nchsten
Beieinandersein die alte Glckseligkeit, aber hinterher gestand
sie sich jedesmal, da sie nichts davon gesprt hatte. Diese
Enttuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam
immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie
warf die Kleider ab und ri das Korsett herunter, dessen Schnuren
ihr um die Hften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten
Fen lief sie an die Tr und berzeugte sich, da sie verriegelt
war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des
Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchstrmt,
warf sie sich in seine Arme.

Aber auf ihrer von kaltem Schwei beperlten Stirn, auf ihren
sthnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fhlte
es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen.

Ohne da er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
Erkenntnis, da die Geliebte alle Prfungen der Lust und des Leids
schon einmal an sich selber erfahren haben mute. Was ihn dereinst
entzckt hatte, das flte ihm jetzt Grauen ein.

Dazu kam, da er gegen die tglich zunehmende Vergewaltigung
seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
Absinthtrinker, den das grne Gift immer wieder verfhrt.

Allerdings wandte sie alle Liebesknste an: von ausgesuchten
Genssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den
schmachtendsten Zrtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen
mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie
sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschlge, wie
er leben solle. Aberglubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit
einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie
sich nach seinen Freunden und Bekannten.

La sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!

Am liebsten htte sie ihn berwacht oder gar berwachen lassen.
Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nhe
des Boulogner Hofes regelmig ein Tagedieb herum, der dies wohl
bernommen htte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab.

Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts?
Ich halte ihn nicht!

Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewhnlich. Als sie
allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres
Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den
Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht
nach den jungfrulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich
damals aus Bchern ertrumt hatte ...

Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorber
... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre.

Aber ich liebe ihn doch! flsterte sie.

Sie war dennoch nicht glcklich, und nie war sie das gewesen!
Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer
gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?

Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schn und
tapfer, begeisterungsfhig und liebeserfahren zugleich, mit einem
Dichterherzen und einem Engelskrper, ein Schwrmer und Snger,
warum war sie ihm nicht zufllig begegnet? Ach, weil das eine
Unmglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil
alles Lug und Trug ist! Jedes Lcheln verbirgt immer nur das
Ghnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genu den
Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heiesten Ksse
hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach
der Wollust der Gtter!

Eherne Klnge drhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
viermal. Vier Uhr! Es dnkte Emma, sie se schon eine Ewigkeit
auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer
Minute zusammendrngen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen
Raume ...

Emma lebte nur noch fr sich selbst. Die Geldangelegenheiten
kmmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von
schbigem Aussehen und erklrte, Herr Vinard in Rouen schicke ihn
her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine
Seitentasche seines langen grnen Rockes verschlossen hatte,
steckte sie im rmelaufschlag fest und berreichte ihr hflich ein
Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie
ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen
an Vinard weitergegeben.

Sie schickte Felicie zu dem Hndler. Er knne nicht abkommen, lie
er zurcksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei
hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf
Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfltig:

Was soll ich Herrn Vinard ausrichten?

Sagen Sie ihm nur, gab Emma zur Antwort, ... ich htte kein
Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
acht Tagen!

Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt
sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde
starrten ihr mehrfach die Worte Hareng, Gerichtsvollzieher in
Bchy entgegen. Darber erschrak sie dermaen, da sie
spornstreichs zu Lheureux lief.

Er stand in seinem Laden und schnrte gerade ein Paket zu.

Ihr Diener! begrte er sie. Ich stehe Ihnen sogleich zur
Verfgung!

Im brigen lie er sich in seiner Beschftigung nicht stren, bei
der ihm ein etwa dreizehnjhriges Mdchen half. Es war ein wenig
verwachsen und versah bei dem Hndler zugleich die Stelle des
Ladenmdchens und der Kchin.

Als er fertig war, fhrte er Frau Bovary hinauf in den ersten
Stock. Er ging ihr in seinen schlrfenden Holzschuhen auf der
Treppe voran. Oben ffnete er die Tr zu einem engen Gemach, in
dem ein groer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
Rechnungsbcher stand, die durch eine eiserne, mit einem
Vorhngeschlo versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand
ein Geldschrank von solcher Gre, da er sichtlich noch andre
Dinge als blo Geld und Banknoten enthalten mute. In der Tat lieh
Lheureux Geld auf Pfnder aus. In diesem Schrank lagen unter
anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten
Tellier. Der ehemalige Besitzer des Caf Franais hatte inzwischen
sein Grundstck verkaufen mssen und in Quincampoix einen kleinen
Kramladen erffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam
zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als
sein Gesicht.

Lheureux setzte sich in seinen groen Rohrstuhl und fragte:

Na, was gibts Neues?

Emma hielt ihm die Vorladung hin.

Hier, lesen Sie!

Ja, was geht denn mich das an?

Diese Antwort emprte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.

Aber notgedrungen hab ichs doch tun mssen! Mir sa selber das
Messer an der Kehle!

Und was wird jetzt geschehn?

Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!

Emma konnte sich nur mit Mhe beherrschen. Sie htte ihm beinahe
ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel
gebe, Herrn Vinard zu vertrsten.

Den und vertrsten! Da kennen Sie Vinard schlecht! Das ist ein
Bluthund!

Dann msse eben Lheureux einspringen.

Hren Sie mal, entgegnete er, mir scheint, da ich schon genug
fr Sie eingesprungen bin! Sehen Sie! Er schlug seine Bcher auf:
Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni
hundertundfnfzig Franken ... am 23. Mrz sechsundvierzig Franken
... am 10. April ...

Er hielt inne, als frchte er eine Dummheit zu sagen.

Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat,
einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren
ewigen kleinen Rechnungen und den rckstndigen Zinsen gar nicht
zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr
hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!

Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter diesen
Schweinehund, den Vinard. brigens verfge er selber ber keinen
roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zge ihm das
Fell ber die Ohren. Ein armer Hndler, wie er, knne nichts
borgen.

Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlielich:

Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...

Sie unterbrach ihn:

Wenn ich die letzte Rate fr das Grundstck in Barneville bekomme
...

Wieso?

Er tat so, als sei er sehr berrascht, da Langlois noch nicht
gezahlt habe. Mit honigser Stimme sagte er:

Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!

Ach, den mssen Sie machen!

Er schlo die Augen, als ob er sich etwas berlegte. Hierauf
schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklrte er, er kme sehr
schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich
in sein eignes Fleisch. Schlielich fllte er vier Wechsel aus,
jeden zu zweihundertundfnfzig Franken, mit Flligkeitstagen, die
je vier Wochen auseinanderlagen.

Vorausgesetzt natrlich, da Vinard darauf eingeht! sagte er.
Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht
alles wie geschmiert!

Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.

Es ist aber nichts fr Sie darunter, gndige Frau! meinte er.
Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und
angeblich sogar waschecht! Die Leute reien sich drum! Man sagt
ihnen natrlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie knnens sich
ja denken!

Durch derlei Gestndnisse seiner Unreellitt andern gegenber
sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war
bereits an der Tr, als er sie zurckrief und ihr drei Meter
Brokatstickerei zeigte, einen Gelegenheitskauf, wie er sagte.

Prachtvoll! Nicht? sagte er. Man nimmt es jetzt vielfach zu
Sofabehngen. Das ist hochmodern!

Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den
Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in
die Hnde gedrckt.

Ich mu doch aber wenigstens wissen, was ...

Ach, das eilt ja nicht! unterbrach er sie und wandte sich einem
andern Kunden zu.

Noch an dem nmlichen Abend bestrmte sie Karl, er solle doch
seiner Mutter schreiben, da sie den Rest der Erbschaft schicke.
Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller
Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstck
in Barneville -- jhrlich sechshundert Franken, die ihm pnktlich
zugehen wrden.

Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten
Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das hufiger.
Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: Ich bitte, es meinem
Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung
ist. Verzeihen Sie gtigst. Ihre sehr ergebene ... Hie und da
liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug.

Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
ihre abgelegten Hte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein
Jude. Hier kam ihr gewinnschtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf
ihren Ausflgen nach Rouen erstand sie allerhand Trdel, den
Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte
Strauenfedern, chinesisches Porzellan, altertmliche Truhen. Sie
lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
Roten Kreuz, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem
Geld, das sie noch fr das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie
zwei von den vier Wechseln. Die brigen fnfzehnhundert Franken
waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und
immer wieder welche.

Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei
herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie sie es und dachte gar nicht
mehr daran.

Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit
wtenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wsche. Und
die kleine Berta lief zum grten Entsetzen von Frau Homais in
zerrissenen Strmpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine
bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei
nicht ihre Schuld.

Warum ist sie so reizbar? fragte er sich und suchte die
Erklrung dafr in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
Vorwrfe, da er nicht gengend Rcksicht auf ihr krperliches
Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wre am
liebsten zu ihr gelaufen und htte sie gekt.

Lieber nicht! sagte er sich. Es knnte ihr lstig sein!

Und er ging nicht zu ihr.

Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische
Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen.
Es war noch gnzlich unwissend. Sehr bald machte es groe,
traurige Augen und begann zu weinen. Da trstete er es. Er holte
Wasser in der Giekanne und legte ein Bchlein im Kies an, oder er
brach Zweige von den Jasminstruchern und pflanze sie als Bumchen
in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon
lngst von Unkraut berwuchert. Lestiboudois hatte schon wer wei
wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es
verlangte nach der Mutter.

Ruf Felicie! sagte Karl. Du weit, mein Herzchen, Mama will
nicht gestrt werden!

Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bltter. Jetzt war es
genau zwei Jahre her, da Emma krank war! Wann wrde das endlich
wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hnde auf
dem Rcken.

Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stren.
Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
bekleidet. Von Zeit zu Zeit zndete sie eins der Rucherkerzchen
an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in
der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu
haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, da er
sich in den zweiten Stock zurckzog. Nun las sie bis zum Morgen
berspannte Bcher, die von Orgien und von Mord und Totschlag
erzhlten. Oft bekam sie davon Angstanflle. Dann schrie sie auf,
und Karl kam eiligst herunter.

Ach, geh nur wieder! sagte sie.

Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs
durchglht, schwer atmend und in heier sinnlicher Erregung ans
Fenster, sog die khle Nachtluft ein und lie sich den Wind um das
schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wnschte sie
sich die Liebe eines Frsten ...

Leo trat ihr vor die Phantasie. Was htte sie in diesem Augenblick
darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattkssen
zu lassen.

Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der
Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu
bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe
jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu berzeugen, da sie
ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen knnten.
Sie wollte jedoch nichts davon hren.

Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend
vergoldete Teelffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie
bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm
dieser Gang sehr peinlich war. Er frchtete, sich blozustellen.
Als er hinterher noch einmal darber nachdachte, fand er, da
seine Geliebte berhaupt recht seltsam geworden sei und da es
vielleicht ratsam wre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte
brigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von
irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn ruiniere sich mit einer
verheirateten Frau. Der guten alten Dame stand sofort der
konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene,
die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie
wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dbocage, dem
die Geschichte lngst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, ffnete ihm die
Augen, wie er sich ausdrckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er
zusteuere. Wenn es zum ffentlichen Skandal kme, sei seine
weitere Karriere gefhrdet! Er bat ihn dringend, das Verhltnis
abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem,
des Notars.

Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
indem er sich klar ward, in welche Mihelligkeiten und in was fr
Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den
Anzglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich loslieen, wenn
sie sich am Kamine wrmten. Er sollte demnchst in die erste
Adjunktenstelle rcken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu
werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Fltespielen auf. Die
Tage der Schwrmereien und Phantastereien waren fr ihn vorber!
Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und
wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde whrt. Einmal ist
jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstrmender
Plne fhig. Den spieerlichsten Mann gelstet es einmal nach
einer groen Kurtisane, und selbst im nchternen Juristen hat sich
irgendwann einmal der Dichter geregt.

Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an
seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in
gewissen Grenzen vertragen, so hatte er fr die
berschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefhl mehr. Die wilde
Schnheit dieser Herzensstrme begriff er nicht.

Sie kannten einander zu gut, als da der gegenseitige Besitz sie
noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
Entwicklungsfhigkeit verloren. Sie waren beide einander
berdrssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitten der Ehe
wieder.

Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verchtlich ihr die
Verflachung ihres Glckes auch vorkam: aus Gewohnheit oder
Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenu ward
ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach hheren
Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen.
Sie wnschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur
Folge htte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stcken
von ihm zu trennen.

Sie hrte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu berschtten.
Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten
alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer
Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein
Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zrtlichsten Erinnerungen, eine
Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne
Idol ihrer heiesten Gelste. Allmhlich ward ihr dieser imaginre
Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie
empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte,
obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er
war ihr ein Gott, in der Flle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er
wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer
Abenteuer, unter Rosendften und Mondenschein. Sie fhlte, er war
ihr nahe. Er umarmte und kte sie ...

Nach solchen Traumzustnden war sie kraftlos und gebrochen. Die
Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste
Ausschweifung.

Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmglich, sie zu
lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten htte sie immerdar
geschlafen.

Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurck. Sie nahm am
Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strmpfen, eine
Rokokopercke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken
Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich
eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der
Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken,
Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo
soupieren. Die Restaurants in der Nhe waren alle berfllt.
Schlielich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie
im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen.

Die mnnlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
einigten sie sich ber die Kosten. Es waren zwei Studenten der
medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkufer. Was fr
eine Gesellschaft fr eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An
ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, da sie fast alle der
untersten Volksschicht angehren muten. Nun begann sie sich zu
ngstigen. Sie rckte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die
Augen nieder.

Die andern begannen zu tafeln. Emma a nichts. Ihre Stirn glhte,
ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr ber
die Haut. In ihrem Hirn drhnte noch der Lrm des Tanzsaals; es
war ihr, als stampften tausend Fe im Takte um sie herum. Dazu
betubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie
wurde ohnmchtig. Man trug sie ans Fenster.

Der Morgen dmmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Hhe stand ein
breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
Brcken. Die Laternenlichter verblichen.

Sie erholte sich allmhlich und dachte an ihre Berta, die fern in
Yonville schlief, im Zimmer des Mdchens. Ein Wagen voll langer
Eisenstangen fuhr unten vorber; das Metall vibrierte in
eigentmlichen Tnen ...

Da stahl sie sich in pltzlichem Entschlusse fort. Sie lie Leo
und kam allein zurck in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr
eigner Krper war ihr unertrglich. Sie htte fliegen mgen, sich
wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
kristallklaren ther.

Nachdem sie sich ihres Kostms entledigt hatte, verlie sie den
Gasthof und ging ber den Boulevard, den Causer Platz, durch die
Vorstadt, bis zu einer freien Strae mit Grten. Sie ging rasch.
Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach verga sie die
lrmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das
Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im
Roten Kreuz angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in
demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen
ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von
Hivert geweckt.

Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstck, das hinter der Uhr
steckte. Emma las:

Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ... Sie hielt inne.
Was fr ein Urteil? Sie besann sich.

Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstck abgegeben worden,
das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie
weiter:

Im Namen des Knigs! ... Sie bersprang einige Zeilen.
... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend
Franken ... Und unten: Vorstehende Ausfertigung wird ... zum
Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...

Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!

Die sind morgen abgelaufen! sagte sie sich. Unsinn! Lheureux
will mir nur angst machen!

Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
den Endzweck aller seiner Geflligkeiten. Das einzige, was sie
etwas beruhigte, war gerade die enorme Hhe der Schuldsumme. Durch
ihre fortwhrenden Kufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das
Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen,
Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Hhe
angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er
brauchte es zu neuen Geschften.

Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.

Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein
Scherz!

Bewahre!

Wieso aber?

Er wandte sich ihr langsam zu, verschrnkte die Arme und sagte:

Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da ich
bis zum Jngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Fr
nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die hchste Zeit, da
ich mein Geld zurckkriege! Das werden Sie doch einsehen!

Sie bestritt die Hhe der Schuldsumme.

Ja, das tut mir leid! erwiderte der Hndler. Das Gericht hat
die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu
machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! brigens bin ich
nicht der Klger, sondern Vinard.

Knnten Sie denn nicht ...

Ich kann gar nichts!

Aber ... sagen Sie ... berlegen wir uns einmal ...

Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewut, sie sei berrascht
worden ...

Ist das denn meine Schuld? fragte Lheureux mit einer hhnischen
Geste. Whrend ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in
Freuden gelebt!

Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?

Das knnte nichts schaden!

Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit,
da sie den Hndler mit ihrer schmalen weien Hand berhrte.

Lassen Sie mich zufrieden! wehrte er ab. Am Ende wollen Sie
mich gar noch verfhren!

Sie sind ein gemeiner Mensch! rief sie aus.

Na, na! lachte er. Werden Sie nur nicht gleich ungndig!

Ich werde allen Leuten erzhlen, was fr ein Mensch Sie sind! Ich
werde meinem Manne sagen ...

Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...

Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbesttigung der Summe
fr das verkaufte Grundstck.

Glauben Sie, da er das nicht fr einen kleinen Diebstahl halten
wird, der arme gute Mann?

Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux
lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und
sagte immer wieder:

Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...

Pltzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
Tone:

's ist grade kein Vergngen -- das wei ich wohl! -- aber es ist
noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der
Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...

Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen? jammerte Emma
und rang die Hnde.

Na, wenn man Freunde hat wie Sie!

Er sah sie scharf und so tckisch an, da ihr dieser Blick durch
Mark und Bein ging.

Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...

Danke! Habe genug von den alten!

Knnte ich nicht was verkaufen?

Was denn? fragte er achselzuckend. Sie besitzen doch gar
nichts! Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen
Laden hinein: Anna, vergi nicht die drei Stck Tuch Nummer
vierzehn!

Das Mdchen trat ein. Emma begriff, was das heien sollte. Sie
machte einen letzten Versuch.

Wieviel Geld wre dazu ntig, die Zwangsvollstreckung
aufzuhalten?

Es ist schon zu spt! antwortete Lheureux.

Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brchte? Ein Viertel
der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?

Das htte alles keinen Zweck!

Er drngte sie sanft dem Ausgange zu.

Ich beschwre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!

Sie schluchzte.

Donnerwetter! Gar noch Trnen!

Sie bringen mich zur Verzweiflung! jammerte sie.

Mir auch egal!

Er machte die Tre zu.




Siebentes Kapitel


Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich
einstellten, um das Pfndungsprotokoll aufzusetzen.

Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schdel
schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie
erklrten ihn als zur Berufsausbung ntig. Aber in der Kche
zhlten sie die Schsseln, Tpfe, Sthle und Leuchter, und in
ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
durchstberten ihren Kleidervorrat, ihre Wsche. Sogar der
Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in
die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie
-- den Blicken der drei Mnner preisgegeben. Der
Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine
weie Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
wiederholte immer wieder:

Sie erlauben, gndige Frau! Sie erlauben!

Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:

Wunderhbsch! Sehr nett!

Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,
wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa aus Horn
tauchte, das er in der linken Hand hielt.

Als man in den Wohnrumen fertig war, ging es hinauf in die
Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte,
in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, da es
geffnet werde.

Ah! Briefe! meinte er, geheimnisvoll lchelnd. Sie erlauben
wohl! Ich mu mich nmlich berzeugen, ob nicht sonst noch was
drinnen steckt!

Er bltterte die Bndel flchtig durch, als sollten Goldstcke
herausfallen. Emma war emprt, als sie sah, wie seine plumpe rote
Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Bltter anfate,
bei deren Empfang ihr Herz einst hher geschlagen hatte.

Endlich gingen sie. Felicie kam zurck. Sie hatte den Auftrag
gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfndeten Gegenstnde
zurckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.

Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
beobachtete ihn ngstlich. Es kam ihr vor, als stnden in den
Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
sich die Armseligkeit ihres Lebens verschnt hatte, fhlte sie
kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich
selber, das ihre Wnsche eher noch anfachte als unterdrckte.

Karl sa friedlich am Kamin und fhlte sich hchst behaglich.
Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Kfige
langweilte.

Ging da nicht oben einer? fragte Karl.

Nein! beschwichtigte sie ihn. Da war wahrscheinlich ein
Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.

Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie frh nach Rouen, wo sie
alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie sich
nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
beteuerte, sie brauche es und wolle es pnktlich zurckzahlen.
Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab.

Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Tre. Es ffnete
niemand. Endlich kam er von der Strae her.

Was fhrt dich her?

Stre ich dich?

Nein ... aber ...

Er gestand, sein Wirt she es nicht gern, wenn man Damen bei
sich empfinge.

Ich mu dich sprechen! sagte sie.

Da nahm er den Schlssel, aber sie hinderte ihn am Aufschlieen.

Nein! Nicht hier! Bei uns!

Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.

Emma trank zunchst ein groes Glas Wasser. Sie war ganz bleich.
Dann sagte sie:

Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!

Sie fate seine Hnde, drckte sie fest und fgte hinzu:

Hr mal: ich brauche achttausend Franken!

Du bist verrckt!

Noch nicht!

Nun erzhlte sie ihm rasch die Geschichte der Pfndung und klagte
ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter
stehe sie auf gespanntem Fue, und ihr Vater knne ihr wirklich
nicht helfen. Doch er, Leo, msse ihr diese unbedingt ntige Summe
schleunigst verschaffen.

Wie soll ich das?

Du willst blo nicht! sagte sie aufgeregt.

Er stellte sich dumm:

Es wird nicht so gefhrlich sein! Mit tausend Talern wird der
Biedermann schon zufrieden sein!

Vielleicht. Schaff sie mir nur! sagte sie. Dreitausend Franken
seien allemal aufzutreiben! Leo mge sie doch einstweilen auf
seinen Namen aufnehmen.

Geh! Versuchs! Es mu sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafr
auch recht liebhaben!

Er ging und kam nach einer Stunde zurck. Mit einem Gesicht, als
ob er wer wei was zu verknden htte, sagte er:

Ich war bei drei Personen ... umsonst!

Darauf saen sie einander gegenber am Kamin, regungslos, ohne zu
sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld
mit den Fen. Er hrte, wie sie ganz leise sagte:

Wenn ich an deiner Stelle wre, ich wte, wo ich das Geld
auftriebe!

Wo denn?

In eurer Kanzlei!

Sie sah ihn starr an.

Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dmon. Zwischen ihren
sich berhrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Snde so stark,
da der junge Mann unter der stummen Verfhrungskraft dieses
Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu
erliegen. Er fhlte seine Schwachheit. Jhe Furcht ergriff ihn,
und um jeder weiteren Errterung zu entgehen, schlug er sich vor
die Stirn und rief aus:

Morel kommt ja heute nacht zurck! Morel war ein Freund von ihm,
der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. Der schlgts mir
nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.

Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine
Lge?

Errtend fuhr er fort:

Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
warte nicht lnger auf mich, Schatz! Jetzt mu ich aber wirklich
fort! Entschuldige mich! Lebwohl!

Er drckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte
alle Kraft verloren ...

Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
zurckzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.

Das Wetter war prchtig. Ein klarer kalter Mrztag. Die Sonne
strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntglich gekleidete
Brger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den
Notre-Dame-Platz berschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die
Menge strmte aus den drei Tren des Hauptportals wie ein Strom
aus einer dreibogigen Brcke.

Emma dachte zurck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das
Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wlbte und
ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen
Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strmten die
Trnen ber ihre Wangen. Sie war wie betubt, sie schwankte und
war einer Ohnmacht nahe.

Vorsehen! rief eine Stimme aus einem Torwege.

Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein
Herr in einem Zobelpelz kutschierte ...

Wer war das doch? fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das
Gefhrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.

Aber das war doch der Vicomte!

Emma wandte sich um, aber die Strae war leer. Sie fhlte sich so
niedergeschlagen, so traurig, da sie sich an die Wand eines
Hauses lehnen mute, um nicht umzusinken. Sie grbelte darber
nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht,
vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor
sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen
die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe
Freude, als sie, am Roten Kreuz angelangt, den trefflichen
Homais traf, der das Aufladen einer groen Kiste voll
Apothekerwaren in die Post berwachte. In der Hand hielt er, in
ein Halstuch eingewickelt, sechs Stck Pumpernickel, die er seiner
Frau mitbringen wollte.

Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der
Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und
in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk
sie bereits zur Zeit der Kreuzzge. Die wetterfesten alten
Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim
gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen
riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden,
Sarazenenkpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit
nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nmlich abscheulich
schlechte Zhne.

Bin entzckt, Sie zu sehen! rief Homais, bot Emma die Hand und
half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.

Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepcknetz, nahm
seinen Hut ab und setzte sich mit verschrnkten Armen und einer
napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer
der Blinde am Straengraben auftauchte, bemerkte er:

Es ist mir unverstndlich, da die Behrde nach wie vor dieses
schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren
und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im
Schneckengange vorwrts! Wir waten noch in Barbarei!

Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, da er wie
eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.

Er hat eine skrofulse Affektion, dozierte der Apotheker.

Obgleich er den armen Schelm schon lngst kannte, tat er doch, als
she er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star,
Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in
salbungsvollem Tone:

Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du
solltest vor allem Dit halten, statt dich in der Kneipe zu
betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.

Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
beschrnkt.

Schlielich zog Homais seine Brse.

Hier hast du einen Fnfer, gib mir einen Dreier wieder raus und
vergi nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut
bekommen!

Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu
bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine
antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats knne ihn heilen. Er
gab ihm seine Adresse:

Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!

So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schnes
kannst! rief ihm Hivert zu.

Der Blinde lie sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurck,
rollte mit seinen grnlichen Augen und streckte die Zunge heraus.
Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Hnden und stie ein
dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.

Emma ward bel. Sie warf ihm ber die Schulter ein
Fnffrankenstck zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor,
es so wegzuwerfen.

Der Wagen war schon ein ziemliches Stck weiter, als sich Homais
pltzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:

Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
tragen! Und Wacholderdmpfe auf die kranken Teile!

Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorberzog,
lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
Mdigkeit berkam sie. Ganz erschpft, lebensmde und verschlafen
langte sie in Yonville an.

Mag nun kommen, was will! dachte sie beim Aussteigen. Zu guter
Letzt, wer wei? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes
Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...

Am andern Morgen wurde sie durch ein Gerusch auf dem Markt wach.
Es war ein Gedrnge um ein groes Plakat entstanden, das an einem
der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf
einen Prellstein stieg und es abri. Aber im selben Moment fate
ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus
seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in
der Volksmenge auf.

Gndige Frau! Gndige Frau! rief Felicie, die ins Zimmer
strzte.

Das arme Ding war auer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der
Hand, den sie von der Haustre abgerissen hatte. Emma berflog
ihn. Es war die Versteigerungsankndigung.

Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
lngst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
nach einer Weile:

An der Stelle der gndigen Frau ging ich mal zum Notar
Guillaumin.

Meinst du?

Diese Frage bedeutete: Durch dein Verhltnis mit dem Diener
dieses Hauses weit du doch Bescheid. Interessiert sich dieser
Junggeselle fr mich?

Ja, gehn Sie nur, gndige Frau! Es wird Ihnen ntzen!

Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte
einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht she -- es
standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie
zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.

Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war
grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor
in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und ffnete
ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob
sie ins Haus gehrte, und fhrte sie in das Ezimmer.

Emmas Blick fiel flchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem
ein mchtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wnden hingen
in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollstige
Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schsselwrmer,
der Kristallgriff der Trklinke, der Parkettboden, die Mbel,
alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit.

So ein Ezimmer mte ich haben! dachte Emma.

Der Notar trat ein. Er drckte seinen mit Palmenblattstickerei
verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskppchen zum Grue ab
und setzte es rasch wieder auf. Es sa ihm kokett etwas auf der
rechten Seite seines kahlen Schdels, ber den drei lange blonde
Haarstrhnen liefen.

Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
Tisch, um zu frhstcken. Er entschuldigte sich ob dieser
Unhflichkeit.

Herr Notar, sagte sie, ich mchte Sie bitten ...

Um was denn, gndige Frau? Ich bin ganz Ohr!

Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.

Guillaumin wute bereits alles, da er in geheimer
Geschftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma --
die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt
hatte sie der Hndler allesamt protestieren lassen und auf seinen
Freund Vinard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem
Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbrgern nicht in
den Ruf eines Halsabschneiders gerate.

Sie unterbrach ihre Erzhlung hufig durch Beschuldigungen gegen
Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden
Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen
Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer
Brillantnadel geschmckte Krawatte einzog. Ein sonderbares,
sliches und zweideutiges Lcheln spielte um seine Lippen. Als er
sah, da Emma nasse Schuhe hatte, sagte er:

Kommen Sie doch nher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
doch an die Kacheln ... hher!

Sie befrchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
Notar sagte galant:

Schne Sachen verderben nie etwas!

Sie machte einen Versuch, ihn zu rhren. Das brachte sie aber nur
selbst in Rhrung. Sie erzhlte ihm von der Enge ihres huslichen
Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedrfnissen. Der
Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen
abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er
berhrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heien Ofen
zu dampfen begann.

Als sie ihn aber um tausend Taler anging, bi er sich auf die
Lippen und erklrte, es tue ihm ungemein leid, da er die
Verwaltung ihres Vermgens nicht rechtzeitig in die Hnde bekommen
habe. Es gbe tausend Mglichkeiten, selbst fr eine Dame, ihr
Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wren die Torfgruben
von Grmesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen.
Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die
sie zweifellos dabei gewonnen htte.

Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?

Das wei ich selber nicht, erwiderte sie.

Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
sollte Ihnen wirklich deshalb bse sein! Wir htten uns schon
lngst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!

Er fate nach ihrer Hand, drckte einen gierigen Ku darauf und
behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
spiegelnden Brillenglser; whrend seine Hnde in die rmelffnung
von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fhlte
seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.

Sie sprang auf und sagte:

Herr Guillaumin, ich warte ...

Worauf? sagte der Notar, pltzlich ganz bleich geworden.

Auf das Geld!

Aber ... In seiner Lsternheit lie er sich bewegen zu sagen:
Na ja ...

Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
keuchte:

Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!

Er umschlang ihre Taille.

Ein Blutstrom scho Emma in die Wangen. Emprt machte sie sich von
dem Manne los und rief:

Sie ntzen mein Unglck aus! Das ist schamlos! Ich bin
beklagenswert, aber nicht kuflich!

Damit eilte sie hinaus.

Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
schnen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
Hand. Dieser Anblick trstete ihn schlielich. berdies fiel ihm
ein, da ihn ein derartiges Abenteuer zu wer wei was htte
verleiten knnen.

Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl! sagte Emma bei
sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre
Enttuschung ber den Mierfolg verstrkte die Emprung ihres
Schamgefhls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick,
und dieses Gefhl erfllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem
Leben war sie hochmtiger und selbstbewuter gewesen und noch nie
so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie
htte alle Mnner schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie
niedertreten mgen. Whrend sie weitereilte, bleich, zitternd,
verbittert, irrten ihre trnenreichen Augen den grauen Horizont
hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Ha hinein.

Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine
versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mute sein!
Wohin htte sie fliehen knnen?

Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.

Gndige Frau?

Es war umsonst!

Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
die vielleicht ihr zu helfen geneigt wren. Aber bei jedem Namen,
den Felicie nannte, wandte Emma ein:

Unmglich! Die tun es nicht!

Der Herr Doktor mu jeden Augenblick nach Hause kommen!

Ich wei es! La mich allein!

Sie hatte alles versucht. Nun mute sie den Dingen ihren Lauf
lassen. Karl wrde heimkommen. Sie mute ihm sagen:

Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser.
In diesem Haus gehrt uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm
Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!

Dann wrde es eine groe Szene geben, sie wrde malos weinen, und
wenn sich die erste Bestrzung gelegt htte, wrde er ihr
verzeihen!

Ja! Er wird mir verzeihen! murmelte sie in verhaltener Wut. Er!
Er, dem ich nicht fr eine Million verzeihen kann, da ich die
Seine geworden bin! Niemals! Niemals!

Der Gedanke, Bovary knnte die berlegenheit ber sie erringen,
emprte sie. Ob sie ihm ein Gestndnis machte oder nicht, jetzt
sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mute doch alles
erfahren. Und dann war die grliche Szene da, und sie hatte die
Zentnerlast seiner Gromut zu tragen!

Wiederum berlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen
solle? Aber das ntzte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu
war es zu spt! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefgig
gewesen zu sein, -- da hrte sie den Hufschlag eines Pferdes in
der Allee. Es war Karl. Er ffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war
weier als Kalk.

Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustr hinaus
nach dem Markt. Die Frau Brgermeister stand vor der Kirchentr
und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem
Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie
zu Frau Caron, die ihm gegenber in der Ecke des Marktes wohnte,
und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen
zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehngte
Wsche, so aufstellten, da sie bequem in Binets Dachstbchen
sehen konnten.

Er war allein und sa an seiner Drehbank, gerade dabei
beschftigt, eine vllig zwecklose Spielerei aus Holz
fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprhte der helle
Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbschel unter den
Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Rder schnurrten
und kreisten. Binet lchelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf
etwas vorgebeugt. Er war sichtlich vllig versunken in sein
Schpferglck. Gerade das Handwerksmige, das der Intelligenz nur
leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein,
wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales
Darberhinaus, das man ersehnen knnte.

Ah, da ist sie! sagte Frau Tvache.

Infolge des Gerusches der Drehbank vermochten sie nicht zu
verstehen, was drben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie,
das Wort Taler zu hren, worauf Frau Caron flsterte:

Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.

Es scheint so, meinte die andre.

Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
ausgelegten Krimskram besichtigte, whrend sich der
Steuereinnehmer wohlgefllig den Bart strich.

Will sie bei ihm etwas bestellen? fragte Frau Tvache.

Er verkauft doch nie etwas!

Dann sah man, da Binet ihr aufmerksam zuhrte. Er ri die Augen
weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
eindringlich, flehend. Sie nherte sich ihm. Sie war sichtlich
erregt. Jetzt schwiegen sie beide.

Macht sie ihm gar einen Antrag? flsterte Frau Tvache. Binet
bekam einen roten Kopf. Emma erfate seine Hnde.

Nein, das ist doch stark! zischelte Frau Caron.

In der Tat mute Emma etwas Schndliches von Binet gefordert
haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig
mitgekmpft hatte und dekoriert worden war, wich pltzlich vor ihr
zurck, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus:

Frau Bovary, was muten Sie mir zu!

Solche Frauenzimmer sollte man ffentlich auspeitschen! eiferte
Frau Tvache.

Wo ist sie denn mit einem Male hin? erwiderte die andre.

Wenige Augenblicke spter sahen sie Emma die Hauptstrae
hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof
abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschpften sich in allerhand
Vermutungen.

Emma lief zur alten Frau Rollet.

Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!

Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett
und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu
und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
antwortete, ging sie schlielich hinaus, holte ihr Spinnrad und
begann zu spinnen.

Ach, hren Sie auf! sagte Emma leise. Es war ihr, als hre sie
noch Binets Drehbank.

Was mag sie nur haben? fragte sich Frau Rollet. Warum ist sie
hergekommen?

Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
gejagt hatte?

Emma lag auf dem Rcken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen
Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
Beharrlichkeit bemhte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
brchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bichen Holz, das
im Kamine qualmte, auf eine groe Spinne, die gerade ber ihr an
einem rissigen Deckenbalken hinkroch ...

Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
lag das zurck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
Klematisranken hatten sie im Vorbergehen gestreift ... Tausend
andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt,
und mit einem Male war sie wieder bei ihren jngsten Erlebnissen.

Wieviel Uhr ist es? fragte sie.

Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle
des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemchlich
wieder herein.

Bald drei Uhr! sagte sie.

Schn! Ich danke!

Jetzt mute Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld
aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da sie hier
war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet,
sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.

Machen Sie recht schnell!

Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!

Emma verwunderte sich, da ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
gewi nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
zhlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch.
Nun brauchte sie nur noch ein Mrchen zu ersinnen, um ihrem Manne
die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter
schlimm!

Frau Rollet htte lngst wieder zurck sein mssen. Es schien der
Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte,
redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das
Grtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein
Stck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber pltzlich wieder
um, weil sie sich sagte, die Frau knne auch auf einem andern Wege
nach Hause kommen. Schlielich war sie des Wartens mde. Bange
Ahnungen qulten sie. Sie hatte kein Zeitgefhl mehr. Wartete sie
seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert?

Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo die Augen und hielt sich
die Ohren zu. Die Zauntre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
Frage tat, vermeldete Frau Rollet:

Es war niemand da!

Niemand?

Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er lt Sie suchen. Alles
ist auf den Beinen!

Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkrlich
lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden.

Pltzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
Schrei. Rudolf war ihr ins Gedchtnis gekommen, wie ein heller
Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmtig,
rcksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zgerte,
ihr diesen Dienst zu leisten, mute ihn nicht ein einziger voller
Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu
zwingen!

So ging sie denn nach der Hchette, ohne das Bewutsein zu haben,
da sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so
verchtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
daran, da sie sich prostituierte.




Achtes Kapitel


Auf dem Wege fragte sie sich:

Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?

Je nher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Bsche und
Bume, der Ginster am Hange und schlielich das Herrenhaus vor
ihr. Die zrtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,
und ihr armes gequltes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen
Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr bers Gesicht. Schmelzender
Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bumen
hernieder ins Gras.

Wie einst schlpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
ber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
Herrenhof. Die Bume wiegten suselnd ihre langen Zweige.
Smtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells
erschien niemand.

Sie stieg die breite, mit einem hlzernen Gelnder versehene
Treppe hinauf. Die fhrte zu einem mit Steinfliesen belegten
staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
mndete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer
lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Trklinke legte,
verlieen sie pltzlich die Krfte. Sie frchtete, er mchte nicht
zu Haus sein, ja, sie wnschte es beinah, und doch war es ihre
einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen
Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, fate Mut
und trat ein.

Er sa vor dem Feuer, beide Fe gegen den Kaminsims gestemmt, und
rauchte eine Pfeife.

Mein Gott, Sie! rief er aus und sprang rasch auf.

Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!

Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.

Sie haben sich nicht verndert! Sie sind noch immer reizend.

So, wehrte sie voll Bitternis ab, das mssen traurige Reize
sein, mein Freund, da Sie sie verschmht haben!

Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklren. Er
entschuldigte sich in halbschrigen Ausdrcken, da er etwas
Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma lie sich durch seine
Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch
seine Gegenwart. Dies war so mchtig, da sie sich stellte, als
schenke sie seinen Ausflchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm
auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und
das Leben eines dritten Menschen abgehangen htte.

Das ist ja nun gleichgltig, sagte sie und sah ihn traurig an.
Ich habe schwer gelitten!

Rudolf meinte philosophisch:

So ist das Leben!

Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?
fragte sie.

Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!

Dann wre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht
voneinander gegangen wren?

Ja! Vielleicht!

Glaubst du das? fragte sie, indem sie aufseufzend ihm nher
trat. Ach Rudolf! Wenn du wtest! Ich habe dich sehr lieb
gehabt!

Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saen sie
mit verschlungenen Hnden da wie damals, am Bundestage der
Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kmpfte er
gegen seine eigene Rhrung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust
und sagte:

Wie hast du nur glauben knnen, da ich ohne dich leben sollte!
Ein Glck, das man besessen, vergit man nie! Ich war ganz
verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzhlen, du sollst
alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mgen!

In der Tat war er ihr seit drei Jahren ngstlich aus dem Wege
gegangen, in jener natrlichen Feigheit, die fr das starke
Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine
verliebte Katze.

Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und
entschuldige diese anderen! Du hast sie verfhrt, wie du mich
verfhrt hast. Du bist der geborene Verfhrer! Hast alles, was uns
Frauen verrckt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen?
Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glcklich! ... So rede doch!

Sie sah entzckend aus. Eine Trne zitterte in ihrem Auge, wie
eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume.

Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
Haar, ber das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
hinwegflog, funkelnd im Dmmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
kte sie leise und sanft auf die Augenlider.

Du hast geweint? fragte er. Warum?

Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das fr einen Ausbruch
ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen fr
eine letzte Scham und rief aus:

O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefllt. Ich war ein
Tor, ein Schwchling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich
immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!

Er sank ihr zu Fen.

So hre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mut mir
dreitausend Franken leihen.

Ja ... aber ...

Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
Ausdruck an.

Du mut nmlich wissen, fuhr sie schnell fort, da mein Mann
sein ganzes Vermgen einem Notar anvertraut hatte. Der ist
flchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten
bezahlten nicht. brigens ist der Nachlakonkurs meines
Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld
haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen
wir gepfndet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue
auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!

Aha! dachte Rudolf und ward pltzlich bla. Also darum ist sie
gekommen! Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
Verehrteste, soviel habe ich nicht!

Er log nicht. Er wrde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
sie da gehabt htte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen
unangenehm gewesen wre, sich gromtig zeigen zu mssen. Von
allen Feinden, die ber die Liebe herfallen knnen, ist eine Bitte
um Geld der hartherzigste und gefhrlichste.

Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:

Du hast sie nicht! Und mehrere Male wiederholte sie: Du hast
sie nicht! ... Ich htte mir diese letzte Schmach also ersparen
knnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die
andern!

Sie verriet sich und ihre Frauenehre.

Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit.

Ach! Du tust mir sehr leid ..., sagte Emma. Ja, ungemein!

Ihre Augen blieben an einer damaszierten Bchse hngen, die im
Gewehrschrank blinkte.

Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
Schildpatteinlagen, keine Reitstcke mit goldnen Griffen! Sie
berhrte einen, der auf dem Tische lag. Und trgt keine solche
Berlocken an der Uhrkette! Ach, er lie sich sichtlich nichts
abgehen. Das bewies allein das Likrschrnkchen im Zimmer. Ja,
dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein
Schlo, Pachthfe, Wlder! Du reitest die Jagden mit, machst
Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben
httest! Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten
geschmckten Manschettenknpfe vom Kamin. Diesen und andern
entbehrlichen Tand! Geld lt sich schnell schaffen! Aber nun
nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles! Sie
schleuderte die beiden Knpfe weit von sich. Sie schlugen gegen
die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach.

Ich, ach, ich htte dir alles gegeben, htte alles verkauft. Mit
meinen Hnden htte ich fr dich gearbeitet, auf der Strae htte
ich gebettelt, nur um von dir ein Lcheln, einen Blick, ein
einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemtlich in
deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid
zugefgt httest! Ohne dich -- das weit du sehr wohl! -- htte
ich glcklich sein knnen! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine
Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, da du
mich liebtest! Ach, httest du mich doch lieber davongejagt! Meine
Hnde sind noch warm von deinen Kssen, und hier auf dem Teppich,
hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe
geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei
Jahre lang in dem sen Wahn des herrlichsten Gefhls gelassen!
Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An
deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und
heute, wo ich zu diesem Manne zurckkehre, zu ihm, der reich,
glcklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste
beste gewhren wrde, wo ich ihn unter Trnen bitte und ihm meine
ganze Liebe wiederbringe, da stt er mich zurck, -- weils ihn
dreitausend Franken kosten knnte!

Ich habe sie nicht, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
pflegen.

Sie ging.

Die Wnde schwankten, die Decke drohte sie zu erdrcken. Wieder
nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, ber Haufen welken
Laubs, das der Wind aufwhlte. Endlich stand sie vor dem
Gittertor. Sie zerbrach sich die Ngel an seinem Schlo, so hastig
wollte sie es ffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie vllig
auer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie
sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende
Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Hfe
und die Grten.

Wie in einer Betubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas
andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das
ihr aus dem Krper zu springen und wie laute Musik das ganze Land
rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Fen
kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken
sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk.
Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr
Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas
andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie
ihre letzten Krfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in
ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres
schrecklichen Zustandes, das heit an die Geldfrage. Sie litt
einzig an ihrer Liebe, und sie fhlte, wie ihr durch die alten
Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr
Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinstrmen fhlen.

Die Nacht brach herein. Raben flogen.

Es schien ihr pltzlich, als sausten feurige Kugeln durch die
Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlielich im Schnee zwischen
den kahlen sten der Bume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs
Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer nher; sie
bedrohten sie. Da, pltzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt
erkannte sie die Lichter der Huser, die von ferne durch den Nebel
schimmerten.

Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewut, ihres tiefen
Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu
wollen ... Aber mit einem Male fllte sich ihre Seele mit einem
beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie
den Abhang hinunter, berschritt die Planke ber dem Bach, eilte
durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke
stand.

Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Gerusch
der Klingel htte sie verraten knnen. Deshalb ging sie durch die
Haustre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin
bis zur Kchentre. Drinnen brannte eine Kerze ber dem Herd.
Justin, in Hemdsrmeln, trug gerade eine Schssel durch die andere
Tr hinaus.

So! Man ist bei Tisch. Ich will warten, sagte sie sich.

Als er zurckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Kchentre.

Er kam heraus.

Den Schlssel! Den von oben, wo die ...

Er sah sie an und erschrak ber ihr blasses Gesicht, das sich vom
Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm berirdisch schn vor
und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte,
ahnte er doch etwas Schreckliches.

Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das
Herz rhrte:

Ich will ihn haben! Gib ihn mir!

Durch die dnne Wand hrte man das Klappern der Gabeln auf den
Tellern im Ezimmer.

Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu tten, die sie nicht
schlafen lieen.

Ich mte den Herrn Apotheker rufen.

Nein! Nicht! Und in gleichgltigem Tone setzte sie hinzu: Das
ist nicht ntig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir
nur! Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium
gelangte. An der Wand hing ein Schlssel mit einem Schildchen:
Kapernaum.

Justin! rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
wegblieb.

Gehn wir hinauf! befahl Emma.

Er folgte ihr.

Der Schlssel drehte sich im Schlo. Sie strzte nach links, griff
nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedchtnis fhrte sie richtig
--, hob den Deckel der blauen Glasbchse, fate mit der Hand
hinein und zog die Faust voll weien Pulvers heraus, das sie sich
schnell in den Mund schttete.

Halten Sie ein! schrie Justin, ihr in die Arme fallend.

Still! Man knnte kommen!

Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.

Sag nichts davon! Man knnte deinen Herrn zur Verantwortung
ziehen!

Dann ging sie hinaus, pltzlich voller Frieden, im seligen
Gefhle, eine Pflicht erfllt zu haben.




Neuntes Kapitel


Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die
Nachricht von der Pfndung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was
ntzte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu Homais,
zu Tvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Lwen, berallhin. Und
mitten in seiner Angst um Emma qulte ihn der Gedanke, da sein
guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames Vermgen verloren und die
Zukunft Bertas zerstrt sei. Und warum? Keine Erklrung! Er
wartete bis sechs Uhr abends. Endlich hielt ers nicht mehr aus,
und da er vermutete, sie sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf
der Landstrae eine halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er
wartete noch eine Weile und kehrte dann zurck.

Sie war zu Haus.

Was ist das fr eine Geschichte? Wie ist das gekommen? Erklr es
mir!

Sie sa an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, den
sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:

Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine
einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!

Aber ...

Ach, la mich!

Sie legte sich lang auf ihr Bett.

Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
verschwommen ... und schlo die Augen wieder.

Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein,
sie fhlte noch keine! Sie hrte den Pendelschlag der Uhr, das
Knistern des Feuers und Karls Atemzge, der neben ihrem Bett
stand.

Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes! dachte sie. Ich werde
einschlafen, und dann ist alles vorber!

Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.

Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.

Ich habe Durst! Groen Durst! seufzte sie.

Was fehlt dir denn? fragte Karl und reichte ihr ein Glas.

Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich ersticke!

Ein Brechreiz berkam sie jetzt so pltzlich, da sie kaum noch
Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.

Nimms weg! sagte sie nervs. Wirfs weg!

Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag unbeweglich
da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu
mssen. Inzwischen fhlte sie eine eisige Klte von den Fen zum
Herzen hinaufsteigen.

Ach, murmelte sie, jetzt fngt es wohl an?

Was sagst du?

Sie warf den Kopf in unterdrckter Unruhe hin und her. Fortwhrend
ffnete sie den Mund, als lge etwas Schweres auf ihrer Zunge. Um
acht Uhr fing das Erbrechen wieder an.

Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weien Niederschlag,
der sich am Porzellan ansetzte.

Sonderbar! Sonderbar! wiederholte er.

Aber sie sagte mit fester Stimme:

Nein, du irrst dich!

Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die
Magengegend und drckte da. Sie stie einen schrillen Schrei aus.
Er wich erschrocken zurck.

Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schttelfrost
berfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das sich ihre
Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmiger Pulsschlag war
kaum noch fhlbar. Kalte Schweitropfen rannen ber ihr blulich
gewordnes Gesicht; etwas wie ein metallischer Ausschlag lag ber
ihren erstarrten Zgen. Die Zhne schlugen ihr klappernd
aufeinander. Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher.
Alle Fragen, die man an sie richtete, beantwortete sie nur mit
Kopfnicken. Zwei- oder dreimal lchelte sie freilich. Allmhlich
wurde das Sthnen heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr.
Dabei behauptete sie, da es ihr besser gehe und da sie sofort
aufstehen wrde.

Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:

Mein Gott, ist das grlich!

Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.

Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte mir!

Er sah sie an mit Augen voller Zrtlichkeit, wie Emma keine je
geschaut hatte.

Ja ... da ... da ... lies! stammelte sie mit versagender Stimme.

Er strzte zum Schreibtisch, ri den Brief auf und las laut:

Man klage niemanden an ... Er hielt inne, fuhr sich mit der Hand
ber die Augen und las stumm weiter ...

Vergiftet!

Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen:

Vergiftet! Vergiftet!

Dann rief er um Hilfe.

Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. Frau Franz
im Goldenen Lwen erfuhr es. Manche standen aus ihren Betten auf,
um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze Nacht hindurch war der
halbe Ort wach.

Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
im Zimmer umher, wobei er an die Mbel anrannte und sich Haare
ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so frchterliches
Schauspiel gesehen.

Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
Larivire zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
brachte keinen vernnftigen Brief zustande. Schlielich mute sich
Hippolyt nach Neufchtel aufmachen, und Justin ritt auf Bovarys
Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde lie er den Gaul lahm und
halbtot zurck.

Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
Augen.

Ruhe! sagte der Apotheker. Es handelt sich einzig und allein
darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war es fr ein
Gift?

Karl zeigte den Brief. Es wre Arsenik gewesen.

Gut! versetzte Homais. Wir mssen eine Analyse machen!

Er hatte nmlich gelernt, da man bei allen Vergiftungen eine
Analyse machen msse. Bovary hatte in seiner Angst alle
Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:

Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!

Dann kehrte er in ihr Zimmer zurck, warf sich auf die Diele,
lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte.

Weine nicht! flsterte sie. Bald werde ich dich nicht mehr
qulen!

Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?

Es mute sein, mein Lieber!

Warst du denn nicht glcklich? Bin ich schuld? Ich habe dir doch
alles zuliebe getan, was ich konnte!

Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!

Sie strich ihm langsam mit der Hand ber das Haar. Die se
Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fhlte sich bis in den
tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschttert, da er sie
verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies denn je. Er
fand keinen Ausweg; er wute keinen Zusammenhang; er wagte keine
Frage. Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn
vollends wirr.

Sie dachte bei sich: Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen
Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzhligen,
qualvollen Sehnschten! Nun hate sie keinen mehr. Ihre Gedanken
verschwammen wie in Dmmerung, und von allen Geruschen der Erde
hrte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens, matt
und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie.

Bring mir die Kleine, sagte sie und sttzte sich leicht auf.

Es ist nicht schlimmer, nicht wahr? fragte Karl.

Nein, nein!

Das Dienstmdchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es hatte ein
langes Nachthemd an, aus dem die nackten Fe hervorsahen. Es war
ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt betrachtete es die groe
Unordnung im Zimmer. Geblendet vom Licht der Kerzen, die da und
dort brannten, zwinkerte es mit den Augen. Offenbar dachte es, es
sei Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so frh wie heute geweckt
wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um Geschenke
zu bekommen. Und so fragte es:

Wo ist es denn, Mama? Und da niemand antwortete, redete es
weiter: Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!

Felicie hielt die Kleine bers Bett, die immer noch nach dem Kamin
hinsah.

Hat Frau Rollet sie mir genommen?

Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrche und all ihr Migeschick
erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fhle sie den
ekelhaften Geschmack eines noch viel strkeren Giftes auf der
Zunge. Berta sa noch auf ihrem Bette.

Was fr groe Augen du hast, Mama! Wie bla du bist! Wie du
schwitzest!

Die Mutter sah sie an.

Ich frchte mich! sagte die Kleine und wollte fort.

Emma wollte die Hand des Kindes kssen, aber es strubte sich.

Genug! Bringt sie weg! rief Karl, der im Alkoven schluchzte.

Dann lieen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
etwas ruhigeren Atemzug schpfte er neue Hoffnung. Als Canivet
endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.

Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gtig von Ihnen! Es
geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...

Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er sich
ausdrckte, immer aufs Ganze ging, verordnete er Emma ein
ordentliches Brechmittel, um den Magen zunchst einmal vllig zu
entleeren.

Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preten sich krampfhaft
aufeinander. Sie zog die Gliedmaen ein. Ihr Krper war bedeckt
mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin
wie ein dnnes Fdchen, das jeden Augenblick zu zerreien droht.

Dann begann sie, grlich zu schreien. Sie verfluchte und schmhte
das Gift, flehte, es mge sich beeilen, und stie mit ihren steif
gewordnen Armen alles zurck, was Karl ihr zu trinken reichte. Er
war der vlligen Auflsung noch nher als sie. Sein Taschentuch an
die Lippen gepret, stand er vor ihr, sthnend, weinend, von
ruckweisem Schluchzen erschttert und am ganzen Leib durchrttelt.
Felicie lief im Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da
und seufzte tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm
zur Gewohnheit gewordnen selbstbewuten Haltung, unbehaglich zu
fhlen.

Zum Teufel! murmelte er. Der Magen ist nun doch leer! Und wenn
die Ursache beseitigt ist, so ...

... mu die Wirkung aufhren! ergnzte Homais. Das ist klar!

Rettet sie mir nur! rief Bovary.

Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein
heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte
ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drauen eine Peitsche.
Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei bis an die
Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen.
Es war Professor Larivire.

Die Erscheinung eines Gottes htte keine grere Erregung
hervorrufen knnen. Bovary streckte ihm die Hnde entgegen,
Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein Kppchen ab,
noch ehe der Arzt eingetreten war.

Larivire gehrte der berhmten Chirurgenschule Bichats an, das
heit, einer Generation philosophischer Praktiker, die heute
ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und scharfsichtiger
Jnger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte in der ganzen
Klinik niemand zu atmen. Seine Schler verehrten ihn so, da sie
ihn, spter in ihrer eigenen Praxis, mit mglichster Genauigkeit
kopierten. So kam es, da man bei den rzten in der Umgegend von
Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten
schwarzen Gehrock wiederfand. Die offenen rmelaufschlge daran
reichten ein Stck ber seine fleischigen Hnde, sehr schne
Hnde, die niemals in Handschuhen steckten, als wollten sie immer
schnell bereit sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er
war ein Verchter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
freidenkend, den Armen ein vterlicher Freund, Pessimist, selbst
aber edel in Wort und Tat. Man htte ihn als einen Heiligen
gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes
gefrchtet htte wie den Teufel. Sein Blick war schrfer als sein
Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle
Heucheleien, Lgen und Ausflchte hindurch. So ging er seines
Weges in der schlichten Wrde, die ihm das Bewutsein seiner
groen Tchtigkeit, seines materiellen Vermgens und seiner
vierzigjhrigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit
verlieh.

Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon von weitem
die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem Rcken
ausgestreckt da. Whrend er Canivets Bericht scheinbar aufmerksam
anhrte, strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflgel und
sagte ein paarmal:

Gut! ... Gut!

Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
ihn ngstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
der an den Anblick menschlichen Elends so gewhnt war, konnte eine
Trne nicht zurckhalten, die ihm auf die Krawatte herablief.

Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.

Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wr es, wenn man ihr
ein Senfpflaster auflegte? Ich wei nichts. Finden Sie doch etwas!
Sie haben ja schon so viele gerettet!

Karl legte beide Arme auf Larivires Schultern und starrte ihn
verstrt und flehend an. Beinahe wre er ihm ohnmchtig an die
Brust gesunken.

Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen! Larivire
wandte sich ab.

Sie gehn?

Ich komme wieder.

Larivire ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine Anweisung
zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge des
Todeskampfes sein.

Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts fiel
ihm von jeher schwerer, als sich von berhmten Menschen zu
trennen. So beschwor er denn Larivire, er mge ihm die hohe Ehre
erweisen, zum Frhstck sein Gast zu sein.

Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Lwen nach Tauben, zu
Tvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer
nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen
zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre Jacke
zurechtzupfend, sagte:

Sie mssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...

Die Weinglser! flsterte Homais.

Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
Wurst und ...

Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!

Er hielt es fr angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
Einzelheiten ber die Katastrophe zum besten zu geben:

Zuerst uerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf unertrgliche
gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, Schlafsucht ...

Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?

Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei nicht einmal recht,
wo sie das acidum arsenicum herbekommen hat.

Justin, der einen Sto Teller hereinbrachte, begann am ganzen
Krper zu zittern.

Was hast du? fuhr ihn der Apotheker an.

Bei dieser Frage lie der Bursche alles, was er trug, fallen. Es
gab ein groes Gekrache.

Tolpatsch! schrie Homais. Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
Alberner Esel!

Dann aber beherrschte er sich pltzlich:

Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
Professor, und deshalb primo ganz vorsichtig in ein
Reagenzglschen ...

Dienlicher wre es gewesen, sagte der Chirurg, wenn Sie ihr
Ihre Finger in den Hals gesteckt htten.

Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter
vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels
eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des Klumpfues so
hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt sich jetzt
muschenstill. Er lchelte nur unausgesetzt, um seine Zustimmung
zu markieren.

Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrbliche
Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung --
unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berhmten
Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit
aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden,
Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.

Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da mehrere
Personen nach dem Genusse von zu stark gerucherter Wurst erkrankt
und pltzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens ein
hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten
Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein
Aufsatz des berhmten Cadet de Gassicourt!

Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte sich
nmlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte ihn
auch eigenhndig gemischt, gebrannt und gemahlen.

Saccharum gefllig, Herr Professor? fragte er, indem er
ihm den Zucker anbot.

Dann lie er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
war, die Ansicht des Chirurgen ber ihre Konstitution zu hren.

Als Larivire im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau Homais
noch um einen rztlichen Rat in betreff ihres Mannes. Er schlief
nmlich allabendlich nach Tisch ein. Davon bekme er dickes Blut.

Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
nicht verstand, dann ging er zur Tre. Aber die Apotheke war
voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm nur
schwer, sie loszuwerden. Da war Tvache, der seine Frau fr
schwindschtig hielt, weil sie fters in die Asche spuckte; Binet,
der bisweilen an Heihunger litt; Frau Caron, die es am ganzen
Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanflle hatte; Lestiboudois,
der rheumatisch war; Frau Franz, die ber Magenbeschwerden klagte.
Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen. Man fand aber
allgemein, da er sich nicht besonders liebenswrdig gezeigt habe.

Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.

Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit
den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines
Pfaffen war ihm ein Greuel. Er mute bei einer Soutane immer an
ein Leichentuch denken, und so verwnschte er jene schon deshalb,
weil er dieses frchtete.

Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfllung
seiner Mission, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, dem
dies von Larivire dringend ans Herz gelegt worden war, in das
Bovarysche Haus zurck. Wenn seine Frau nicht vllig dagegen
gewesen wre, htte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen,
damit sie das groe Ereignis, das der Tod eines Menschen ist,
kennen lernten. Es sollte ihnen eine Lehre, ein Beispiel, ein
ernster Eindruck sein, eine Erinnerung fr ihr ganzes weiteres
Leben.

Sie fanden das Zimmer voll dstrer Feierlichkeit. Auf dem mit
einem weien Tischtuch bedeckten Nhtische stand zwischen zwei
brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine silberne
Schssel und fnf oder sechs Stck Watte. Emmas Kinn war ihr auf
die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen unnatrlich weit
offen, und ihre armen Hnde tasteten ber den Bettberzug hin, mit
einer jener rhrend-schrecklichen Gebrden, die Sterbenden eigen
sind. Man hat die Empfindung, als bereiteten sie sich selber ihr
Totenbett. Karl stand am Fuende des Lagers, ihrem Antlitz
gegenber, bleich wie eine Bildsule, trnenlos, aber mit Augen,
die rot waren wie glhende Kohlen. Der Priester kniete und
murmelte leise Worte.

Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fhlte sie einen
seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von
himmlischer Glckseligkeit betubte ihre letzten Leiden.

Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie
den Kopf in die Hhe, wie ein Durstiger, und prete auf das
Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
innigsten Liebesku, den sie jemals gegeben hatte. Dann sprach
der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam, tauchte seinen
rechten Daumen in das l und nahm die letzte lung vor. Zuerst
salbte er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so
hei gelstet; dann die Nasenflgel, die so gern die lauen Lfte
und die Dfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
Lgen sich aufgetan, oft hoffrtig gezuckt und in sndigem
Girren geseufzt hatte; dann die Hnde, die sich an vergnglichen
Berhrungen ergtzt hatten; und endlich die Sohlen der Fe, die
einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.

Der Priester trocknete sich die Hnde, warf das lgetrnkte Stck
Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden. Er
sagte ihr, da ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu Christi eins
seien. Sie solle der gttlichen Barmherzigkeit vertrauen.

Als er mit seiner Trstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
geweihte Kerze in die Hand zu drcken, das Symbol der himmlischen
Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. Aber Emma war
zu schwach, um die Finger zu schlieen, und wenn Bournisien nicht
rasch wieder zugegriffen htte, wre die Kerze zu Boden gefallen.

Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
Ausdruck heiterer Glckseligkeit angenommen, als ob das Sakrament
sie wieder gesund gemacht htte.

Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
ja er gemahnte Bovary daran, da der Herr zuweilen das Leben
Sterbender wieder verlngere, wenn er es zum Heil ihrer Seele fr
notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurck, an dem sie schon
einmal, dem Tode nahe, die letzte lung empfangen hatte.

Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln! dachte er.

Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem Traum
erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren Spiegel
und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die Trnen aus
den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf zurck, stie einen
Seufzer aus und sank in das Kissen.

Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat weit
aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht zu
verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
verlschen. Man htte glauben knnen, sie sei schon tot, wenn ihre
Atmungsorgane nicht so frchterlich heftig gearbeitet htten. Es
war, als schttle sie ein wilder innerer Sturm, als ringe das
Leben gewaltig mit dem Tode.

Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
ein wenig die Beine, whrend Canivet gleichgltig auf den Markt
hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich die
lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes kniete Karl
und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff ihre Hnde und
drckte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses zuckte er zusammen, als
strze eine Ruine auf ihn.

Je strker das Rcheln wurde, um so mehr beschleunigte der
Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als das dumpfe
Murmeln der lateinischen Worte, das wie Totengelut klang.

Pltzlich klapperten drauen auf der Strae Holzschuhe. Ein Stock
schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine rauhe
Stimme, und sang:

'Wenns Sommer worden weit und breit,
Wird hei das Herze mancher Maid ...'

Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelst, ihre
Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.

'Nanette ging hinaus ins Feld,
Zu sammeln, was die Sense fllt.
Als sie sich in der Stoppel bckt,
Da ist passiert, was sich nicht schickt ...'

Der Blinde! schrie sie.

Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges,
verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das scheuliche
Gesicht des Unglcklichen sah, wie ein Schreckgespenst aus der
ewigen Nacht des Jenseits ...

'Der Wind, der war so stark ... O weh!
Hob ihr die Rckchen in die Hh.'

Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurck. Alle traten hinzu.
Sie war nicht mehr.




Zehntes Kapitel


Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie
betubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen Nichts zu
begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl aber, als er
sah, da Emma unbeweglich dalag, warf sich ber sie und schrie:

Lebwohl! Lebwohl!

Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer.

Fassen Sie sich!

Ja! rief er und machte sich von ihnen los. Ich will vernnftig
sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich mu sie sehen!
Es ist meine Frau!

Er weinte.

Weinen Sie nur! sagte der Apotheker. Lassen Sie der Natur
freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!

Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie sich in die Groe
Stube im Erdgescho hinunterfhren. Homais ging bald darnach in
sein Haus zurck.

Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich bis
Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
Vorbergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.

Groartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu tun
htte! Bedaure! Komm ein andermal!

Er verschwand schnell in seinem Hause.

Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank fr
Bovary zu brauen und ein Mrchen zu ersinnen, um Frau Bovarys
Vergiftung auf eine mglichst harmlose Weise zu erklren. Er
wollte einen Artikel fr den Leuchtturm von Rouen daraus machen.
Auerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. Alle
wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals wiederholt hatte,
Frau Bovary habe bei der Zubereitung von Vanillecreme aus Versehen
Arsenik statt Zucker genommen, begab er sich abermals zu Bovary.

Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa im
Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bldem Blick auf die Dielen.

Wir mssen die Stunde fr die Feierlichkeit festsetzen! sagte
der Apotheker.

Wozu? Fr was fr eine Feierlichkeit? Stammelnd und voll Grauen
fgte er hinzu: Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
dabehalten?

Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom
Tisch und bego die Geranien.

O, ich danke Ihnen! sagte Karl. Sie sind sehr gtig ...

Er wollte noch mehr sagen, aber die Flle von Erinnerungen, die
des Apothekers Tun in ihm wachrief, berwltigte ihn. Es waren
Emmas Blumen!

Homais gab sich Mhe, ihn zu zerstreuen, und begann ber die
Grtnerei zu plaudern. Die Pflanzen htten die Feuchtigkeit sehr
ntig. Karl nickte zustimmend.

Jetzt werden auch bald schne Tage kommen ...

Bovary seufzte.

Der Apotheker wute nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
behutsam eine Scheibengardine beiseite.

Sehn Sie, da drben geht der Brgermeister!

Karl wiederholte mechanisch:

Da drben geht der Brgermeister!

Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begrbnis
zurckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
Entschlusse hierber.

Karl schlo sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:

Ich bestimme, da man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid
begrabe, in weien Schuhen, einen Kranz auf dem
Haupte. Das Haar soll man ihr ber die Schultern legen.
Drei Srge: einen aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen
von Blei. Man soll mich nicht trsten wollen! Ich werde
stark sein. Und ber den Sarg soll man ein groes Stck grnen
Samt breiten. So will ich es! Tut es!

Man war ber Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker ging
sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:

Das mit dem Samt scheint mir bertrieben. Allein die Kosten ...

Was geht Sie das an! schrie Karl. Lassen Sie mich! Sie haben
sie nicht geliebt! Gehn Sie!

Der Priester fate Karl unter den Arm und fhrte ihn in den
Garten. Er sprach von der Vergnglichkeit alles Irdischen. Gott
sei gut und weise. Man msse sich ohne Murren seinem Ratschlu
unterwerfen. Man msse ihm sogar dafr danken.

Aber Karl brach in Gotteslsterungen aus.

Ich verfluche ihn, euren Gott!

Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen! seufzte der
Priester.

Bovary lie ihn stehen. Mit groen Schritten ging er die
Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
Zhnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwnschungen waren.
Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.

Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer Weile
fror ihn. Er ging ins Haus zurck und setzte sich an den Herd in
der Kche.

Um sechs Uhr hrte er Wagengerassel drauen auf dem Markte. Es war
die Post, die von Rouen zurckkehrte. Er prete die Stirn gegen
die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden nacheinander
ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in das Wohnzimmer, er
warf sich darauf und schlief ein.

Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um Totenwache zu
halten. Er brachte drei Bcher und ein Notizbuch mit. Er pflegte
sich Auszge zu machen.

Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen
brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem Alkoven
hervorgerckt hatte.

Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
Jeremiaden ber die unglckliche junge Frau. Der Priester
unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als fr sie zu beten.

Immerhin, versetzte Homais, sind nur zwei Flle mglich.
Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrckt, selig
verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie ist als
Snderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier der
kirchliche Ausdruck? Dann ...

Bournisien unterbrach ihn und erklrte in mrrischem Tone, man
msse in jedem Falle beten.

Aber sagen Sie mir, wandte der Apotheker ein, da Gott stets
wei, was uns not tut, wozu dann erst das Gebet?

Wozu das Gebet? wiederholte der Priester. Ja, sind Sie denn
kein Christ?

Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die
Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt,
die ...

Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...

Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
Man wei, da sie von den Jesuiten geflscht ist ...

Karl trat ein, nherte sich dem Totenbette und zog langsam die
Vorhnge beiseite.

Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr
Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil
ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die
Handballen gedrckt. Etwas wie weier Staub lag in ihren Wimpern,
und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein
dnnes Gewebe war, als htten Spinnen ihr Netz darber gesponnen.
Das Bettuch senkte sich von ihren Brsten bis zu den Knien und hob
sich von da an nach ihren Fuspitzen. Karl hatte die Empfindung,
ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.

Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das
dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strmte. Von
Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geruschvoll, und Homais
kritzelte Notizen auf das Papier.

Lieber Freund, sagte er, gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreit
Ihnen das Herz!

Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre
Errterung von neuem.

Lesen Sie Voltaire! sagte der eine. Lesen Sie Holbach! Die
Enzyklopdisten!

Lesen Sie die 'Briefe einiger portugiesischen Juden', sagte der
andre, lesen Sie die 'Grundlagen des Christentums' von Nicolas!

Sie regten sich auf, bekamen rote Kpfe und sprachen gleichzeitig
ineinander hinein. Bournisien war entrstet ber die Vermessenheit
des Apothekers, Homais erstaunt ber die Beschrnktheit des
Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen zu
sagen, da kam pltzlich Karl abermals herein. Eine
unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mute immer wieder die
Treppe hinauf.

Er setzte sich der Toten gegenber, so da er ihr voll ins Antlitz
sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.

Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er knne sie wieder
aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft konzentriere. Einmal
beugte er sich sogar ber sie und rief ganz leise: Emma, Emma!

Er atmete so heftig, da die Flammen der Kerzen flackerten ...

Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte sie
und brach von neuem in Trnen aus. Ebenso wie der Apotheker
versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim Begrbnisse
Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da sie schwieg.
Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die Stadt zu
fahren und das Ntige zu besorgen.

Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
Homais. Felicie sa mit Frau Franz bei der Toten.

Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drckte dem
Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, die
nach und nach einen groen Halbkreis um den Kamin bildeten. Alle
hatten die Kpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, schaukelten sie
mit den Beinen und stieen von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer
aus. Alle langweilten sich malos, aber keinem fiel es ein, wieder
zu gehen.

Um neun Uhr kam Homais zurck, beladen mit einer Menge Kampfer,
Benzoe und aromatischen Krutern. Auch ein Gef voll Chlor
brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, die
Lwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma herum,
damit beschftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu legen. Sie
zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis hinab an die
Atlasschuhe reichte.

Felicie wehklagte:

Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!

Sehn Sie nur! sagte die Witwe Franz seufzend, wie reizend sie
noch immer ausschaut! Man mchte drauf schwren, da sie gleich
wieder aufstnde!

Dann beugten sie sich ber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
muten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze Flssigkeit
aus dem Munde hervor, als erbrche sie sich.

Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht! schrie Frau Franz. Und zum
Apotheker gewandt: Helfen Sie uns doch! Oder frchten Sie sich
vielleicht?

Ich mich frchten? erwiderte er achselzuckend. Nein, so was!
Ich habe in den Spitlern noch ganz andres gesehen und erlebt, als
ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns unsern Punsch im
Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen nicht. Ich habe
sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe --, meinen
Krper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst der
Wissenschaft noch etwas ntzt.

Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des
Apothekers erwiderte er:

Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.

Darauf pries Homais ihn glcklich, weil er nicht darauf gefat zu
sein brauche, eine teure Gefhrtin zu verlieren, worauf sich ein
Disput ber das Zlibat entspann.

Es ist unnatrlich, sagte der Apotheker, da sich ein Mann des
Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...

Aber, zum Kuckuck! rief der Priester. Kann denn ein
verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?

Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
zhlte ihre guten Wirkungen auf. Er wute Geschichten von Dieben,
die auf einmal ehrliche Menschen geworden wren. Sogar Soldaten
seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Snden ledig gesprochen,
fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein Diener ...

Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwle Luft im Zimmer
immer unertrglicher wurde, ffnete der Pfarrer das Fenster. Da
ward der Apotheker wieder wach.

Wie wrs mit einer Prise? fragte er ihn. Hier! Das hlt
munter!

In der Ferne bellte irgendwo fortwhrend ein Hund.

Hren Sie, wie der Hund heult? fragte der Apotheker.

Man sagt, da sie die Toten wittern, sagte der Priester.
hnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, wenn im
Haus ein Mensch stirbt.

Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er war
bereits wieder eingeschlafen.

Bournisien, der widerstandsfhiger war, bewegte noch eine Zeitlang
leise die Lippen. Dann senkte sich allmhlich sein Kinn, sein
dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu schnarchen.

So saen sie einander gegenber, mit vorgestreckten Buchen, mit
ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all ihrem
Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwche. Sie regten
sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu schlummern
schien.

Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
Abschied von ihr zu nehmen.

Das Rucherwerk qualmte noch. Die bluliche Wolke vermhlte sich
am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drauen blinkten
einige Sterne. Die Nacht war mild.

Das Wachs der Kerzen trufelte in langen Trnen herab auf das
Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. Der
Lichtschimmer machte ihm die Augen mde.

ber das Atlaskleid huschten Reflexe; es war wei wie
Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, als
gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher ber, als lebe sie nun
in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem wirbelnden
Kruterdufte ...

Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der Gartenbank
unter dem blhenden Weidornbusch ... dann in Rouen auf dem Gange
durch die Strae ... und dann auf der Schwelle ihres Vaterhauses,
im Gutshofe, in Bertaux ... Es war ihm, als hre er das Jodeln der
lustigen Burschen, die unter den Apfelbumen tanzten bei seiner
Hochzeitsfeier. Wie hatte das Brautgemach nach ihrem Haar
geduftet! Wie hatte ihr Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie
sprhende Funken! Dasselbe Kleid! Damals und heute!

Langsam zog sein ganzes einstiges Glck noch einmal an ihm
vorber. Er sah sie vor sich in ihren eigentmlichen Bewegungen,
ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hrte den Klang ihrer Stimme. Immer
wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhrlich,
unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande.

Eine grliche Neugier berkam ihn. Langsam und klopfenden Herzens
hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da schrie er vor
Schrecken laut auf, und die beiden andern Mnner erwachten. Sie
zogen ihn fort und fhrten ihn hinunter in die Groe Stube.

Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar
der Toten haben.

Schneiden Sie ihr welches ab! befahl der Apotheker.

Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere heran.
Er zitterte so stark, da er die Haut an der Schlfe an mehreren
Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und schnitt
blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein paar kahle
Stellen mitten in dem schnen schwarzen Haar der Toten.

Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
Bcher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, wenn
sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. Der
Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais schttete
ein wenig Chlor auf die Dielen.

Felicie hatte fr sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
Branntwein, Kse und ein langes Weibrot bereitgestellt. Gegen
vier Uhr frh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. Er seufzte:

Wahrhaftig. Eine Strkung wre nicht bel!

Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber erst die
Messe lesen. Als er wieder zurckkam, aen und tranken beide,
wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen warum, verfhrt
von der sonderbaren Frhlichkeit, die den Menschen nach
berstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten Glschen klopfte
der Priester dem Apotheker auf die Schulter und sagte:

Wir werden uns am Ende noch verstehen!

In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg brachten.
Zwei Stunden lang mute sich Karl von den Hammerschlgen martern
lassen, die von den Brettern zu ihm hallten. Dann legte man die
Tote in den Sarg aus Eichenholz und diesen in die beiden andern.
Aber da der letzte zu breit war, fllte man die Hohlrume mit Werg
aus einer Matratze. Als der letzte Deckel zurechtgehobelt und
vernagelt war, stellte man den Sarg vor die Tr. Das Haus ward
weit geffnet, und die Leute von Yonville begannen
herbeizustrmen.

Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er mitten
auf dem Markte ohnmchtig.




Elftes Kapitel


Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreiig Stunden
nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so
geschrieben, da er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich
geschehen war.

Der gute Mann war zunchst wie vom Schlag gerhrt umgesunken. Dann
sagte er sich, sie knne wohl tot sein, aber sie knne auch noch
leben ... Schlielich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut
aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
weggeritten. Den ganzen Weg ber verging er beinahe vor Angst.
Einmal mute er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hrte
Stimmen ringsum und glaubte, er verlre den Verstand.

Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
schliefen. Er erbebte vor Schreck ber diese bse Vorbedeutung.
Schnell gelobte er der Madonna drei neue Megewnder fr ihre
Kirche und eine Wallfahrt in bloen Fen vom heimatlichen
Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.

In Maromme, wo er rastete, brllte er die Leute im Gasthof munter,
rannte mit der Schulter die Haustr ein, strzte sich auf einen
Hafersack, go in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich
wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, da die Funken
stoben.

Immer wieder sagte er sich, da man sie sicher retten wrde. Die
rzte htten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
Heilungen, die man ihm je erzhlt hatte. Dann aber sah er sie tot.
Sie lag auf dem Rcken vor ihm, mitten auf der Strae. Er ri in
die Zgel. Da schwand die Erscheinung.

In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
Tassen Kaffee.

Es wre auch mglich, sagte er sich, da sich der Absender in der
Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe,
fhlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
Schlielich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein
schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wre, dann mte er
es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle
Tage, der Himmel war blau, die Bume wiegten ihre Wipfel. Eine
Herde Schafe trottete friedlich vorber.

Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
noch im Sattel hngend. Er hatte das Pferd mit Schlgen vorwrts
gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte
Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in
Bovarys Arme.

Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...

Der andre antwortete schluchzend:

Ich wei nicht! Ich wei nicht! Es ist so schrecklich!

Der Apotheker zog sie auseinander.

Die grlichen Einzelheiten sind unntz! Ich werde dem Herrn
schon alles erzhlen. Da kommen Leute! Wrde! Fassung! Man mu
Philosoph sein!

Der arme Karl gab sich alle Mhe, stark zu sein. Mehrere Male
wiederholte er:

Ja, ja ... Mut! Mut!

Na, wenns sein mu! sagte Rouault. Ich hab welchen!
Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und
wenns noch so weit wre!

Die Glocke begann zu luten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
in Bewegung.

Rouault und Bovary saen nebeneinander in den Chorsthlen. Die
drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hnde empor
und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.

Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen wrde.
Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg
und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, da sie
dort unter dem Leichentuche lag, da alles zu Ende war, da man
sie nun in die Erde scharrte, da fate ihn wilde Wut und schwarze
Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfnde er berhaupt
nichts mehr. Er fhlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber
alsbald warf er sich vor, eine erbrmliche Kreatur zu sein.

Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitrumen etwas wie
ein Eisenstab auf. Dieses harte Gerusch drang aus dem
Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes
aufhrte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mhsam
nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Lwen. Heute hatte
er sein Bein erster Garnitur angeschnallt.

Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
einzusammeln. Die groen Kupferstcke klirrten eins nach dem
andern in der silbernen Schale.

Schnell weg! Ich leide! rief Bovary und warf zornig ein
Fnffrankenstck hinein.

Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.

Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das
nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da er mit Emma in der ersten
Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten
rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu
luten. Ein allgemeines Sthlercken fing an. Die Sargtrger hoben
die drei Stangen der Bahre in die Hhe. Man verlie die Kirche.

Justin stand an der Tr der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
bla und taumelnd.

Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug
eine tapfre Miene zur Schau und grte kopfnickend jeden, der aus
den Gassen oder den Husern trat, um sich dem Zuge anzuschlieen.

Die sechs Trger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
vorwrts. Sie keuchten. Die Priester, die Snger und die
Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald
leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte,
verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz
schimmerte immer zwischen den Bumen.

Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mnteln mit
zurckgeschlagenen Kapuzen, in den Hnden dicke brennende
Wachskerzen. Karl fhlte, wie ihn seine Krfte verlieen unter der
ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden
Geruchs von Wachs und Megewndern. Ein frischer Wind wehte
herber. Roggen und Raps grnten, und Tautropfen zitterten auf den
Dornenhecken am Wege. Allerlei frhliche Laute erfllten die Luft:
das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener
Strae, das wiederholte Krhen eines Hahnes oder der Galopp eines
Fllens, das sich unter den Apfelbumen austobte. Der klare Himmel
war mit rosigen Wlkchen betupft. Bluliche Lichter spielten um
die Schwertlilien vor den Husern und Htten. Karl erkannte im
Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten
Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier
vorbergekommen war, erst hin und dann auf dem Rckwege zu ihr.

Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Trnen bestickte
Leichentuch auf und lie den Sarg sehen. Die ermdeten Trger
verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwhrend wie
eine Schaluppe auf bewegter See.

Endlich war man da.

Die Trger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen,
wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf.
Whrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten
aufgehufte Erde ber die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und
ununterbrochen.

Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.

Endlich hrte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geruschvoll
wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
reichte. Und whrend er mit der rechten Hand den Weihwedel
schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und
das Gerusch drhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein
Widerhall aus der Ewigkeit.

Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
Homais. Wrdevoll fllte und leerte er sie und reichte sie dann
Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Hnden Erde hinabwarf und
Lebe wohl! rief. Er sandte ihr Ksse und beugte sich ber das
Grab, als ob er sich hinabstrzen wollte.

Man fhrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand
er gleich den andern eine merkwrdige Befriedigung, da alles
berstanden war.

Auf dem Heimwege zndete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an,
was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er
berichtete, da Binet nicht zugegen gewesen war, da sich Tvache
nach der Messe gedrckt hatte und da Theodor, der Diener des
Notars, einen blauen Rock getragen hatte, als ob nicht ein
schwarzer aufzutreiben gewesen wre, da es nun einmal so blich
ist, zum Teufel! So hechelte er alles durch, was er beobachtet
hatte.

Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht
verfehlt hatte, zum Begrbnis zu erscheinen.

Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag fr ihren Mann!

Der Apotheker antwortete:

Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wre, htte er aus
Verzweiflung Selbstmord begangen.

Sie war immer so liebenswrdig! Wenn ich bedenke, da sie vorigen
Sonnabend noch in meinem Laden war!

Ich hatte nur keine Zeit, sagte der Apotheker, sonst htte ich
mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab
nachgerufen htte!

Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs
fters die Augen mit dem rmel gewischt hatte, hatte sie
Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man
sah, wo die Trnen herabgerollt waren.

Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:

Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals
trstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ... Er
sthnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. Ach, nun ist
es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen
Sohn ... und heute meine Tochter!

Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
zurckzureiten. In diesem Hause knne er nicht schlafen. Auch
seine Enkelin wollte er nicht sehen.

Nein! Nein! Das wrde mich zu traurig machen! Aber ksse sie mir
ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier, er
schlug auf sein Bein, das werde ich dir nie vergessen. Hab keine
Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!

Aber als er auf der Hhe angelangt war, wandte er sich um, ganz
wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf
der Landstrae bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter
umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glhten wie im Feuer unter
den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete
die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein
Mauerviereck und Bume darinnen, die wie schwarze Bschel zwischen
weien Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...

Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
geworden war.

Karl und seine Mutter blieben bis in die spte Nacht auf und
plauderten, obwohl sie beide sehr mde waren. Sie sprachen von
vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
Frau wollte nach Yonville bersiedeln, ihm die Wirtschaft fhren
und fr immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und
Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
zurckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.

Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie
immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an sie.

Rudolf, der zu seinem Vergngen den Tag ber durch den Wald
geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo. Ebenso schlummerte
Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.

Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
Seine vom Schluchzen wunde Brust sthnte im Dunkel unter dem Druck
einer unermelichen Sehnsucht, die s war wie der Mond und
geheimnisvoll wie die Nacht.

Pltzlich knarrte die Gittertr. Lestiboudois hatte seine Schaufel
vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich
ber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer
Kartoffeln stahl.




Letztes Kapitel


Am Tage darauf lie Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen.
Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist
und werde ihr hbsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch
ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie
nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary
Schmerzen. Ganz unertrglich aber waren ihm die Trostreden des
Apothekers.

Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie seinen
Strohmann Vinard abermals vorgehen, und Karl bernahm
betrchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen
wollte, da von den Mbeln, die ihr gehrt hatten, auch nur das
geringste verkauft wrde. Seine Mutter war auer sich darber. Das
emprte ihn wiederum malos. Er war berhaupt ein ganz andrer
geworden. So verlie sie das Haus.

Nun fingen alle mglichen Leute an, ihr Schnittchen zu machen.
Frulein Lempereur forderte fr sechs Monate Stundengeld, obgleich
Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die
quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war
nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar
verlangte Abonnementsgebhren auf eine Zeit von drei Jahren und
Frau Rollet Botenlohn fr zwanzig Briefe. Als Karl Nheres wissen
wollte, war sie wenigstens so rcksichtsvoll, zu antworten:

Ach, ich wei von nichts! Es waren wohl Rechnungen.

Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun
zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Glubiger.

Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
ihm die Briefe seiner Frau, und so mute er sich noch
entschuldigen.

Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
Karl hatte einige davon zurckbehalten. Manchmal schlo er sich in
ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefhr Emmas
Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den
Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr
nachzurufen: Emma, bleib, bleib!

Aber zu Pfingsten verlie sie Yonville, zusammen mit dem Diener
des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch
brig war.

Um diese Zeit gab sich die Witwe Dpuis die Ehre, ihm die
Vermhlung ihres Sohnes Leo Dpuis, Notars zu Yvetot, mit Frulein
Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In
Karls Glckwunschbrief kam die Stelle vor:

Wie htte sich meine arme Frau darber gefreut!

Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte,
kam er in die Dachkammer und sprte pltzlich unter einem seiner
Pantoffel ein zusammengeknlltes Stck Papier. Er entfaltete es
und las: Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz
nicht zertrmmern ... Es war Rudolfs Brief, der zwischen die
Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs
Dachfenster wehende Luftzug an die Tre getrieben hatte. Karl
stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz,
wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den
Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift
ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines pltzlichen
Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er
ihnen spter -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war.
Aber der achtungsvolle Ton des Briefes tuschte ihn.

Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!
sagte er sich.

brigens gehrte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis
auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem malosen
Schmerze.

Man mute sie anbeten! sagte er bei sich. Es ist ganz
natrlich, da alle Mnner sie begehrt haben! Nunmehr erschien
sie ihm noch schner, und es berkam ihn ein bestndiges heies
Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen
kannte, weil es nicht mehr zu stillen war.

Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
ihrem Grabe heraus.

Karl sah sich gentigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stck
nach dem andern, dann die Mbel des Salons. Alle Zimmer wurden
kahl, nur ihr Zimmer blieb wie frher. Nach dem Essen pflegte
Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und
rckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenber. Eine
Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm,
tuschte Bilderbogen aus.

Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnre, die Nhte des Kleidchens
aufgerissen, denn darum kmmerte sich die Aufwartefrau nicht.
Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Kpfchen grazis
neigte und ihr die blonden Locken ber die rosigen Wangen fielen,
dann sah sie so reizend aus, da ihn unendliche Zrtlichkeit
ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter
Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr
Hampelmnner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Buche ihrer
Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskstchen fielen,
auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel,
die noch in einer Ritze des Nhtisches steckte, dann verfiel er in
Trumereien und sah so traurig aus, da das Kind auch mit traurig
wurde.

Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
wo er Krmerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers
lieen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der
jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhltnisse auf
eine Fortsetzung des nheren Verkehrs keinen Wert legte.

Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen knnen,
war auf die Hhe am Wilhelmswalde zurckgekehrt und erzhlte allen
Reisenden den Mierfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt
fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhngen der
Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er hate ihn,
und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilknstler um jeden
Preis aus dem Wege rumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt.
Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthllte ebenso
seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende
Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im Leuchtturm
von Rouen Nachrichten wie die folgenden lesen:

Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
Zweifel auf der Hhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
belstigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
gewissermaen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen
Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf
den ffentlichen Pltzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu
stellen, die sie von einem der Kreuzzge mitgebracht hatten?

Oder:

Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
Zugnge unsrer Grostdte noch unausgesetzt von Bettlerscharen
heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind
vielleicht nicht die ungefhrlichsten. Aus welchem Grunde duldet
das eigentlich die Obrigkeit?

Daneben erfand Homais auch Anekdoten:

Gestern ist auf der Hhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen
...

Es folgte der Bericht eines durch das pltzliche Auftauchen des
Blinden verursachten Unfalls.

Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, da der Unglckliche
in Haft genommen wurde. Aber man lie ihn wieder frei. Er trieb es
wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker
blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslnglichem Aufenthalt in
ein Krankenhaus gesteckt.

Dieser Erfolg machte ihn immer khner. Fortan konnte kein Hund
berfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prgel
bekommen, ohne da er den Vorfall sofort verffentlicht htte --,
geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Ha gegen die
Priester.

Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den
Ignorantinern geleiteten, die natrlich zum Nachteil der
letzteren ausfielen. Anllich einer staatlichen Bewilligung von
hundert Franken fr kirchliche Zwecke erinnerte er an die
Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
Mibruche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei
wurde er ein gefhrlicher Intrigant.

Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
Schreiben, ein Werk. So verfate er eine Allgemeine Statistik
von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen.
Die damit verbundenen Studien fhrten ihn ins volkswirtschaftliche
Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien
ber die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun
begann er sich seiner kleinbrgerlichen Obskuritt zu schmen; er
bekam genialische Anwandlungen.

Seinen Beruf vernachlssigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er
verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise
interessierte ihn der groe Aufschwung in der Schokoladenindustrie.
Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von
Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einfhrte. Er
begeisterte sich fr die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers
und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd
wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn
umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe fr diesen Mann,
der wie ein Magier glnzte.

Fr Emmas Grabmal hatte er sehr schne Ideen. Zuerst schlug er
einen Sulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
knstliche Ruine. Keinesfalls aber drfe die Trauerweide fehlen,
die er fr das traditionelle Symbol der Trauer hielt.

Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler
begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers
Bridoux. Er ri die ganze Zeit ber schlechte Witze. Man
besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die
Zusendung von Kostenanschlgen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein
nach Rouen und entschlo sich zu einem Grabstein, ber dem ein
Genius mit gesenkter Fackel trauert.

Als Inschrift fand Homais nichts schner als: STA VIATOR!
Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in
sie. Bestndig flsterte er vor sich hin: Sta viator!
Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde
angenommen.

Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre uere
Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fhlte er, wie ihr Bild seinem
Gedchtnis entwich, whrend er sich so viel Mhe gab, es zu
bewahren. Dabei trumte er jede Nacht von ihr. Es war immer
derselbe Traum: er sah sie und nherte sich ihr, aber sobald er
sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.

Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
auf. Bournisien war neuerdings berhaupt unduldsam, ja fanatisch,
wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des
Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt
vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzhlen, der im Todeskampfe
seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse.

Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so
stand die Pfndung abermals bevor. Da wandte er sich an seine
Mutter. Sie schickte ihm eine Brgschaftserklrung. Aber im
Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als
Entgelt fr ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies
Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darber
entzweiten sie sich.

Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vershnung.
Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
nehmen; sie knne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber
als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm
zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgltiger, vlliger Bruch.

Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war,
und er schlo sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies
machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken
auf den Wangen.

Ihm gegenber machte sich in Gesundheit, Glck und Frohsinn die
Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm.
Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein
neues Kppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel fr die
Einmacheglser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den
pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glcklichste Vater
und der glcklichste Mensch.

Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient htte
er es zur Genge, meinte er. Erstens hatte er sich whrend der
Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte
er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene
gemeinntzige Werke verffentlicht, beispielsweise die Schrift
Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung, sodann seine
Abhandlung ber die Reblaus, die er dem Ministerium unterbreitet
hatte, ferner seine statistische Verffentlichung, ganz abgesehen
von seiner ehemaligen Prfungsarbeit. Er zhlte sich das alles
auf. Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
Gesellschaften. In Wirklichkeit war es nur eine einzige.

Eigentlich mte es schon gengen, rief er und warf sich
selbstbewusst in die Brust, da ich mich bei den Feuersbrnsten
hervorgetan habe!

Er begann Fhlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen
erwies er dem Landrat heimlich groe Dienste. Schlielich
verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein
Immediatgesuch an Seine Majestt ein, worin er ihn
alleruntertnigst bat, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Er nannte ihn unsern guten Knig und verglich ihn mit Heinrich
dem Vierten.

Jeden Morgen strzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so
weit, da er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der
Ehrenlegion anlegen lie, auf der einen Seite von Geranien
umsumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses
bunte Beet und dachte ber die Schwerflligkeit der Regierung und
ber den Undank der Menschen nach.

Aus Achtung fr seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art
Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte
Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den
Emma benutzt hatte, noch nicht geffnet. Eines Tages setzte er
sich endlich davor, drehte den Schlssel um und zog den Kasten
heraus. Da lagen smtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
mglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile.
Dann stberte er noch in allen Winkeln, allen Mbeln, allen
Schiebfchern, hinter den Tapeten, schluchzend, sthnend,
halbverrckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie sie mit einem
Futritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstblich ins Gesicht.
Es lag neben einem ganzen Bndel von Liebesbriefen.

Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er
ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar,
seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gercht, da er
sich einschliee, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und
nieder den Kopf ber die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer
berraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in
schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte.

An Sommerabenden nahm er sein Tchterchen mit sich hinaus auf den
Friedhof. Erst spt in der Nacht kamen die beiden zurck, wenn auf
dem Marktpltze kein Licht mehr schimmerte, auer aus dem Stbchen
Binets.

Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes
nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte.
Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von ihr sprechen
zu knnen. Aber die Wirtin hrte nur mit halbem Ohre zu, da auch
sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nmlich seine Postverbindung
zwischen Yonville und Rouen erffnet, und Hivert, der ob seiner
Zuverlssigkeit in Kommissionen allenthalben groes Vertrauen
geno, verlangte Lohnerhhung und drohte, zur Konkurrenz
berzugehen.

Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein
Pferd, sein letztes Stck Besitz, zu verkaufen, begegnete er
Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide bla. Rudolf, der
bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt
hatte, murmelte zunchst einige Worte der Entschuldigung, dann
aber fate er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein
heier Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nchsten Kneipe
einzuladen.

Er lmmelte sich Karl gegenber auf der Tischplatte auf, plauderte
und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Trumen
vor diesem Gesicht, das sie geliebt hatte. Es war ihm, als she
er ein Stck von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er
htte der andre sein mgen.

Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
Vieh, vom Dngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hrte ihm gar
nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, da hinter diesem
zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen rteten
sich mehr und mehr, seine Nasenflgel blhten sich, seine Lippen
bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so dsterem
Groll auf Rudolf, da dieser erschrak und mitten im Satz
steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frhere
Lebensmdigkeit auf Karls Gesicht.

Ich bin Ihnen nicht bse! sagte er.

Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Hnden und
wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
Schmerzen:

Nein, ich bin Ihnen nicht mehr bse!

Er fgte ein groes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem
Leben sprach:

Das Schicksal ist schuld!

Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, fr
einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmtig,
eigentlich sogar komisch und verchtlich.

Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinbltter zeichneten
ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete s, der Himmel
war blau, Insekten summten um die blhenden Lilien. Karl atmete
schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer
Liebessehnsucht.

Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.

Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
zugefallen, sein Mund stand offen. In den Hnden hielt er eine
lange schwarze Haarlocke.

Papa, komm doch! rief die Kleine.

Sie glaubte, er wolle mit ihr spaen, und stie ihn sacht an. Da
fiel er zu Boden. Er war tot.

Sechsunddreiig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
Apothekers Doktor Canivet herbei. Er ffnete die Leiche, fand aber
nichts.

Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwlf und dreiviertel
Franken brig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta
Bovary zu ihrer Gromutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb
aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelhmt war,
nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta,
damit sie sich das tgliche Brot verdient, in eine
Baumwollspinnerei.

Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei rzte nacheinander in
Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten knnen.
Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei
hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behrde duldet ihn,
und die ffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.

Krzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.

       *       *       *       *       *

Die bertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig.

Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.





End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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