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+The Project Gutenberg eBook, Von der Seele, by Carl Ludwig Schleich
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+
+Title: Von der Seele
+
+Author: Carl Ludwig Schleich
+
+Release Date: February 15, 2005 [eBook #15070]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***
+
+
+E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed
+Proofreading Team
+
+
+
+VON DER SEELE
+
+Essays
+
+CARL LUDWIG SCHLEICH
+
+1922
+
+
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+ Der Rhythmus
+
+ Humor
+
+ Schlaf und Traum
+
+ Unterbewußtsein
+
+ Seelische Hemmungen und Schmerzen
+
+ Der Sitz der Seele
+
+ Instinkt und Spiel
+
+ Temperament
+
+ Tierseele und Menschenseele
+
+ Glaube und Wissenschaft
+
+ Rausch
+
+ Die Musik als Erzieherin
+
+ Mutter Erde
+
+ Über Grübchen und Falten
+
+ Das Wunder der Wundheilung
+
+ Das Mysterium der Ernährung
+
+ Die Haut als ein Organ der Seele
+
+
+
+
+DER RHYTHMUS
+
+
+Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller
+Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es
+gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht
+die Furcht vor dem gewohnheitsmäßigen Überschäumen, eines
+wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich
+zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse für das
+Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu überwindende
+Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche,
+mich seinem letzten Sinn zu nähern, zurückgeworfen hat. Ist doch das
+Feld des Rhythmischen für jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller
+Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, daß seinen dunklen
+Hainen die Quellen entrauschen müssen, die allen Erscheinens, allen
+Bewegens, allen Lebens unermessene Ströme speisen! Statt trocken
+aufzuzählen, was alles für unser letztes Streben und für unsere letzten
+aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmäßigkeiten dem Rhythmus
+unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein,
+von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbäumen und Verlöschen
+tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen
+Beziehungen trocken aufzuzählen, kann man kühn fragen: was ist denn
+eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine
+Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt,
+da ist es schon in Gefahr, vom Räderwerk des Weltallgetriebes
+zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht
+schleunigst wieder sich einfügt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je
+weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen
+sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage
+offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so
+mehr erkennen wir, daß wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten
+Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von göttlichen Gesetzen
+trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und
+grundumfassendste Gedanke, den wir der schöpferischen Natur nachzudenken
+vermögen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der
+gigantischen Weltkörper nicht weniger am Werke sehen, als in den
+wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflöckchen,
+dürfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern
+Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verständlichen Sein
+des Weltganzen erschreckend nahe fühlen. Wir atmen gerade hier im
+Rhythmischen gleichsam mit den Atemzügen des Weltganzen; das Rhythmische
+ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles
+Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige
+gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein
+letztes unbekanntes Ewiges bindet. Können wir uns doch das Chaos nur
+vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nämlich
+durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans
+v. Bülows Paraphrase auf Faust «im Anfang war der Rhythmus» ein
+verblüffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Möglichkeit,
+wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewißheit zu
+nähern. Würde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen
+aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstürzen lassen. Der Rhythmus
+ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles
+mit Bewegung weckendem Odem durchströmt. Und, wie unser persönliches
+Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhören, so müßte auch die
+Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstände! Wie sollte nicht eine
+ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen
+Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das
+Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche
+unserer technischen Klassizität greifbar vor Augen gerücktes, daß es an
+der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu
+dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden,
+rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich großen
+oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die
+Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den
+schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu
+unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht
+so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer
+solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im
+wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen,
+unser Fühlen und Denken, unsere Ethik und Ästhetik, unser Handeln und
+Schaffen, unsere Liebe und unser Haß, Sympathie und Reaktion vom
+Grundgesetz des Rhythmischen beeinflußt und beherrscht werden, um daran
+die psychophysischen Möglichkeiten zu erwägen, welcher Mechanismen wohl
+die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden
+Ringen des Ganzen einzufügen. Daß bei der unendlichen Reihe der
+Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht
+erschöpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine
+Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begründung.
+
+Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen
+Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die
+treibende Kraft des Weltganzen ist für den Menschengeist ewig
+unerkennbar, undefinierbar, unverständlich, kann niemals der Gegenstand
+wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben,
+ist nur ihr Verhältnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren
+Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst künstlich
+einschalten, um dann ihre von den Widerständen erzwungenen Äußerungen zu
+studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, überall
+und unvergänglich, allgegenwärtig und allmächtig, wird zu einem sich nur
+scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus,
+nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der
+Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art
+der Widerstände bestimmt die Art der Äußerung der an sich
+unveränderlichen Urkraft_.
+
+Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerständen. Die
+Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilität der
+Körpereigenschaften unter der Variabilität der Bedingungen, unter denen
+sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der
+Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den
+fallenden Kräften die verschiedenartig abgeänderte Luft entgegensetzt.
+Wir wüßten nichts von der Elektrizität, wenn wir nicht gelernt hätten,
+der Gesamtkraft spezifische Widerstände einzuschalten, welche sie
+zwingen in einer Form sich zu äußern, welche wir elektrisch nennen. Die
+Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie
+herumzukommen sucht, ist entscheidend für die neuen Eigenschaften,
+welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befähigt ist. Die Faust
+der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und
+Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der
+variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstände des Milieus ihre
+universelle Macht täglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig
+umsonst bemühen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt
+keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein fühlbares
+Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben,
+die Kraft und ihr religiöser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand
+wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der
+menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar
+unserer experimentellen, künstlichen Abänderung der Weltbedingungen
+unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerständen: das ist
+eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der
+Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die
+Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn
+sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den
+Müttern des Wissens vordringen will.
+
+_Der Rhythmus ist nämlich eine Art Kompromiß zwischen Kraft und
+Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen,
+Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung
+und Hemmungsbetätigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie
+ganz vereinbarer Gegensätze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe
+zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein ständiges
+wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der
+Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem
+Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und
+herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und
+abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und
+seine eigentliche Ursache? _Die Aktivität der Kraft auf der einen Seite
+und die Elastizität der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen
+Seiten gleichmäßig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus
+dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese
+Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefüge, wodurch wiederum der
+Widerstand erhöht wird, den er der Kraft bietet, so daß diese nicht wie
+eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom
+starren Felsen schäumend zurückgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser
+Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rückstoßgebenden
+Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und
+Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in
+alle Adern, die ihm die Widerstände lassen, und alle Ströme rinnen,
+abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurück in ihre
+anfängliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist
+der Puls der Welt, der Rhythmus!
+
+War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom
+Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe
+und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Störungen des
+Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und
+Wetter, von Haß und Liebe--kurz von jeder Form der Polarität her
+bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man
+zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen
+der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens,
+dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfällig beobachtet, so ist doch
+erst den neuesten Forschungen über Elektrizität, nämlich der Lehre von
+den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, daß auch die
+festesten Körper der Erde nur scheinbar fest sind, daß wir annehmen
+müssen, im inneren Gefüge des starren Steins eines Felsens kreisen
+Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und
+einer so vollkommen harmonischen Gleichmäßigkeit, daß unseren Sinnen so
+ein innerlich von rasender Bewegung durchströmter Körper eben fest nur
+_erscheint_, ähnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt,
+die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und
+der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen
+Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in
+die mikroskopischen Skelettgefüge hinein, mehr oder weniger in
+schwingender Bewegung, so daß der Unterschied der Aggregatzustände der
+Körper, fest, flüssig, luftförmig, sich als ein ganz ärmlicher
+Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen
+statt des Brotes der Wahrheit den Stein gröbster Sinnentäuschung
+hinzureichen. Es müßte für einen phantasiebegabten Mathematiker eine
+seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen
+Gedankens sein, für jeden sogenannten festen Körper die Idealformel
+finden zu wollen, gewissermaßen die unendlich schnell rotierende lineare
+Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht
+minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Körperlichen hervorruft.
+Nach _Graßmann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall,
+aber auch jede amorphe Gestalt eines Körpers gewissermaßen ihr ideelles
+Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden
+kann durch einen Komplex unzähliger konzentrischer Kreise, welche alle
+in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Hätte
+Graßmann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt,
+die uns zwingend gelehrt hat, daß tatsächlich alle Eigenschaften der
+Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer
+Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der
+aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, daß
+durch diese gleichmäßige, bis in das feinste Körpernetz ausgedehnte,
+symmetrische Atombewegung Farbe, Gefüge, Aussehen und das ganze Heer der
+physischen und chemischen Eigenschaften der Körper bedingt ist. Wir
+Modernen wissen also auch, daß der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren
+oder auch nur Erschließbaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht
+entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Düne
+verrinnen läßt, nur um im mikroskopischen Gefüge des Sandes, der Luft,
+der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie
+durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als
+Elektrizität und Wärme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies
+Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "Äther", von dem
+Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Körperchen
+zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar
+zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatsächlich
+nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend,
+rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es
+sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautröpfchen des Alls, die nach
+ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und
+zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schöpfende Eimer ist der
+Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizitätslehre
+ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden Äther, aus dessen
+unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Körperlichen
+alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es könnte dem Denker
+schwindeln bei der Vorstellung, daß das Sandkorn mit seinen Milliarden
+schwingender Ätherklümpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein
+Weltall für sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich
+umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich
+Befreiendes hätte. Es gibt eben kein Groß und Klein in der Welt, die
+Sorgfalt des Gesetzmäßigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv
+beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des
+Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Größten noch im
+Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue
+Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins
+Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen,
+denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen
+Leid und Glück dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind
+auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch
+das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine
+grandiose Pietät nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das
+Mitunbelebte?
+
+Da es nun also feststeht, daß aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren
+(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich
+komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren
+läßt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches
+geben kann, so muß auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in
+gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der
+Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhängigkeit auch
+alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir
+Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der
+Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des äußeren zusammentrifft.
+
+Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden
+Bedingungen angepaßt, so kann man das bis in die gleichsam
+mikroskopische Denkweise auch so ausdrücken, daß der Rhythmus der
+organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfähig zu sein, stets dem
+Rhythmus der Gesamtheit einfügen mußte. Leben konnte also nur bestehen
+in gleichsam konzentrischer Einfügung des Einzelrhythmus in den
+kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte,
+so mußte also auch der Sonderrhythmus folgen, und so löst sich für uns
+die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als
+eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche
+stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht
+unweigerlich folgen mußten und noch müssen. Solche Hemmungsfortfälle und
+rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken
+und Erlöschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich
+in diesem Sinne ohne Zögern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das
+Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen
+verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer
+Arten vielmehr buchstäblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem
+winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns
+einzig und allein verständlich mit dem Bilde der rhythmischen
+Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den
+Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer
+Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrühren einer Mayonaise.
+Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und Äquator zu und
+gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefügt, das
+stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehört, was
+meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun
+gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen
+läßt als in direkter Abhängigkeit von der Rhythmik der Atome.
+
+Die gesamte Morphologie wird sich einst auflösen lassen in eine ideelle
+Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns überhaupt die Rhythmik des
+Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der
+Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens
+loslösen?
+
+Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz,
+die Chemie der Eiweißvorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen
+prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon
+lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem
+Kristalleben sprechen, wie von Haß und Lieben der Elemente. Die
+Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist längst ein chemischer
+Begriff, und schon lange hat man das Lächeln verlernt über den alten
+_Fechner_, welcher kühn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien
+lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben
+deutlich ein Sonderrhythmus übrig, der mit der vielleicht nur
+scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine
+Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen
+sichert. Möglich, daß keine anderen Gesetze im Organischen walten als im
+Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des
+Kräftekreises muß doch stattgefunden haben, damit die Materie zum
+Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schließlich zum
+Denken gelangte.
+
+Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Märchen der
+Schöpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der
+Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen
+des Entwicklungsgedankens, anmaßlich anzureihen--um ein Märchen mit dem
+Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schöpfungsphantasien nie
+herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen können: "wir waren
+selbst dabei"--: ich will nur auf die Möglichkeit hinweisen, daß ein
+Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann für eine bis
+dahin neue, aber doch im Wesen der allmächtigen Kräfte liegende Variante
+kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.
+
+Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefüge des
+Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter
+Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepreßt, gleichsam zu
+einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert
+worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte
+Hemmung der aufgespeicherten latenten Kräfte fortfiel: gleichsam wie
+lebendiges Gewürm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor
+dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlüssel, ein Funke,
+ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten
+Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen
+Veranlassung gibt. Schließt nicht die befruchtende Samenzelle, das
+Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlüssel die Hemmungen auf, so daß sich
+die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblühen zu
+königlichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schläft nicht alles
+Leben im Mutterschoß wie Dornröschen in den Hecken, bis ein einziger
+Ritterkuß den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich
+geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen
+die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen
+Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung
+aufschließt und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und
+Ernährung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster
+rhythmischer Spannkräfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen
+zusammengepreßt, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher
+Rhythmenträger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders,
+als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter
+Spannkräfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine
+Außenkraft dem inneren Gefüge anders nützen, als indem sie Schwungkraft
+den ermattenden Rhythmen hinzufügt? Das Leben wird nur vom Leben
+gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der
+Flüssigkeiten, in die ein Tröpfchen Säure fällt. Auch in chemischen
+Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kräfte zu
+neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild,
+wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen,
+nicht weiter ausspinnen, es genügt mir, die Möglichkeit betont zu haben,
+daß das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall
+ermöglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kräfte. In
+diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des
+Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt
+von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen
+Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die
+Hemmung fiel, und die junge Majestät des Organischen stieg auf den Thron
+der Erde.
+
+Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fühlen, so muß
+natürlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des
+menschlichen Betriebes, körperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist
+längst bekannt, welche Rolle die Periodizität im Körperlichen und
+Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen
+Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhängigkeit
+vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als
+daß er in Harmonie mit dem Welttakte sein muß, um nicht einfach
+hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein
+Sonnenstäubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der
+Aufzählung aller physiologischen und pathologischen Periodizitäten, den
+Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen
+Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertät und Adynamie, Ein- und
+Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanfälle,
+der Krämpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur
+verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im
+menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergründen suchen, auf dem
+sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel
+zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik,
+aufbauen läßt. Ich muß hier bemerken, daß ich alles seelische Geschehen
+in Abhängigkeit setze von einer Aktion der Nervenströme und einem
+Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die
+Neuroglia, bzw. von dem sie durchströmenden Blutsafte, welcher ja nach
+_Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende,
+Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich
+vorzustellen, daß das mit dem Herzpulse einströmende Blut periodisch die
+Ganglien außer Kontakt setzt und daß die Pause der Herzbewegung
+diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlußfreiheit
+besitzen. Die Ärzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien für die
+Art der Anschlüsse im Gehirn spielen, wie ein verdünntes, hemmungsarmes
+Blut naturgemäß zu Erregungen und Unruhen, Ängsten und Wahnvorstellungen
+und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, veränderte
+innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstörungen hervorrufen
+kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrüse unter
+Überladung des Blutes mit Hemmungssäften, wie bekannt, auch den
+geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, daß
+die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren
+Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den
+Irrenärzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus
+für den Bestand der Seele ist.
+
+Es kann keine Frage sein, daß, wenn der Blutsaft die ihm von mir
+vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche
+Wesen der Persönlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen
+größeren oder geringeren Reaktionsfähigkeit der Nervenzentren sein muß,
+daß die Zahl der aufgenommenen Eindrücke and ihre Verarbeitung zu
+Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhängigkeit von
+rhythmischen Individualitäten sein muß, die wiederum in Abhängigkeit von
+der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfüllung des Gehirns steht.
+Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier
+also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begründung; das
+Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe für
+Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch für das
+Nerven- und Gemütsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig
+gewürdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die
+Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des
+Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v.
+Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen
+sich anders gestalten würden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer
+Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fähig wären, in
+einem Zeitraum, der durchschnittlich genau übereinstimmt mit dem Ablauf
+eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, daß schon die Fähigkeit,
+innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu können, uns
+zwingen würde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir würden die
+Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskörper als leuchtende Kreise
+wahrnehmen können, und würden von jedem Sinne her der Welt als total
+anders erkennende Wesen gegenüberstehen. Wir können jetzt hinzufügen,
+daß wir schon mit bloßem Auge die festen Gegenstände nicht mehr als fest
+bezeichnen könnten, sondern daß wir etwas von ihrer innerlichen,
+rasenden Bewegung wahrzunehmen vermöchten. Wir sind also mit unserm
+rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und
+Sinneseindrücken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt,
+daß unser Harmoniegefühl direkt abhängig ist von diesem rhythmischen Maß
+unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natürlich erklärt sich auf diese Weise
+am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist
+eben die mit dem Maß unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene
+und empfundene Bewegung des Alls._ Das führt uns direkt zu einem
+Verständnis des _Ästhetischen_.
+
+Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Außenwelt den Eindruck des
+Lebenfördernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus
+unserer inneren Aktionen harmonisch einfügen, richtiger, sofern wir sie
+in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im
+ästhetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm
+persönlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne
+Widerstand und Disharmonie zu erhöhen imstande sind.
+
+Das schließt nicht aus, daß auch der Konflikt der Rhythmen außer uns mit
+denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich
+lusterhöhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu
+einer ästhetischen Freude die Einfügung der lusterweckenden Rhythmen in
+den Rhythmus unserer Nervenströme unerläßlich. Insofern hat alles
+deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden,
+freudewirkenden Einfluß, überall besteht ein geheimes Verhältnis seiner
+Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun
+an einer schöngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer
+Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefühl sich
+betätigen. Die Rhythmen der schönen Dinge müssen einfügbar sein in die
+Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um ästhetisch zu wirken, das ist
+das Grundgesetz der Kunst, so variabel für den einzelnen, weil eben
+diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persönliche Gleichung
+ist. Ist in diesem Verhältnis doch auch der eminente Einfluß alles
+Rhythmischen, seine suggestive Übertragbarkeit begründet. Der Redner,
+der Dichter, der Schauspieler reißt mich darum in seinen Bann, weil dem
+Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenräder sich im geheimen
+Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen
+seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die
+ganze Macht der Imitation, ja der Ähnlichkeiten, beruht auf diesem
+Einstellungsverhältnis zwischen Außenwirkung und Innenbewegung. Und
+fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt,
+so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen
+Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus
+Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einfluß auf
+Herzbewegungen und Gefäßspannungen die Ärzte lange kennen. Hat aber die
+Herzbewegung Einfluß auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen
+Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische
+Außenweltrhythmus erhält seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die
+Vorgänge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen
+geneigt ist. Ein zündendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende
+Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen,
+weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele
+mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schön gefügten
+Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus
+zugrunde, und es wäre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus
+den möglichen Atmungsvarianten sich die Versmaße herleiten lassen. Ist
+doch nicht, wie _Bücher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und
+der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem
+typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim
+Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des
+Atmungsrhythmus, so daß dieser selbst für Melodie und Rhythmus des
+Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur
+Funktionäre unserer Atmungsmechanik, die Cäsuren einer Melodie sind
+ursprünglich die naturgemäßen Pausen zum Atemholen.
+
+Wir wissen, daß es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer
+solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, daß wir sie mit dem Ohre allein
+nicht wahrnehmen können. Wir hören nicht mehr das Geigenspiel gewisser
+Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar
+ist, ähnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein,
+so daß schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten läßt, der
+Rhythmus unserer Nervenschwingungen übermittelt uns nur einen Teil der
+Weltallsrhythmen, und dieses Verhältnis läßt uns die Möglichkeit nicht
+von der Hand weisen, daß es Menschen mit einer Feinheit der
+Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der
+Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen
+betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen,
+die die Außenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem,
+vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch übrig, dem
+rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd
+geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War
+schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen
+als ein System rhythmischer Durchflutungen für sich, abgetrennt vom
+Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele
+eine für sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene
+Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise
+befähigt, mit den Eindrücken der Außenwelt innen frei zu schalten und zu
+walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen
+Tätigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht
+eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den
+Rhythmus des Andern außer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein
+Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wäre der
+Künstler, der einen Gegenstand voll und überzeugend darzustellen
+vermöchte, wenn er nicht zuvor völlig eins geworden wäre mit dem
+Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte,
+wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des
+persönlichen Ichs verschmelzen fühlt mit dem erschauten Objekt? Das ist
+aber nur möglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fühlt, in dem
+der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik
+verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heißt doch nichts anderes, als sich
+das Gefühl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit
+Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen
+Lebens betrachtend zu erfüllen. Wehe dem Künstler, der nicht rhythmisch
+verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er muß ein Stein
+sein können, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches
+Schönheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie
+Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern
+lassen will. Der echte Künstler steckt in Woge und Wald, die er malt,
+ist König und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren
+Hunger, trägt ihren Szepter und ihren Bettelstab.
+
+Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel
+über unsere Seele legt, so daß schlechterdings nichts unerreichbar wird!
+Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird
+niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensität
+seines Einfühlens in die Materie ihn befähigt, den Rhythmus des zu
+Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen
+und das Geschaute auch anderen, weniger Einfühlungsfähigen zu
+übermitteln. Wo wäre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken
+könnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die
+Fähigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen
+Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstückchen in den
+gurgelnden Schlund! Wie wäre eine Ethik denkbar, die sich nicht den
+Rhythmus des höherstehenden, anbetungswürdigen Ideals zu eigen machte,
+das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines königlichen Gefühls der
+inneren Harmonie vorhält?
+
+Wie könnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden
+Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom
+entfesselter Leidenschaften hineinrisse?
+
+Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wollte ich alle Beziehungen des
+Rhythmischen zur Seele auch nur aufzählen, so würde wohl kaum ein Gebiet
+seelischer Aktionen unerwähnt bleiben. Ich muß mich mit diesen kurzen
+Andeutungen begnügen.
+
+Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen
+Geschehens. Der Puls des Universums schlägt in allem, was ist und lebt.
+Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem
+Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und
+Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen
+Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem
+Strahlenbüschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All
+zurücksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so
+ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter,
+organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der
+Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der
+Menschengeist,--sondern die eigentümliche Hemmung, die die Weltkraft
+zwingt, sich in uns so rätselhaft zu spalten, ist der Gegenstand
+wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzündet an der
+atomistischen Reibefläche des Organischen, da blitzt das Leben auf und
+erlischt wie der Meteorstein, der aufglüht, wenn sein Sturz ins Chaos
+hineingerät in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphäre.
+
+
+
+
+HUMOR
+
+
+Die Menschheit hat stets um so mehr Worte über eine Angelegenheit
+gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese
+bedächtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein säuberlich zu
+Millionen Aktenbündeln geordnet, in den Schubfächern der öffentlichen
+Bureaus einer königlichen Logik aufbewahren läßt, um nur hier und da die
+Aktenstöße anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln,
+bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange weiß: je dunkler ein
+Prozeß ist, desto höher türmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So
+kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf
+über die drolligste Sache der Welt, über das Lachen, zerbrochen haben,
+um ein Exemplar vermehren, natürlich ohne jeden Anspruch, damit den
+Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige
+Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur
+versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor
+und die humoristischen Zustände von einer Seite beleuchten kann, die
+vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die
+schon über diese Dinge nachgedacht haben, vorübergehend festzuhalten.
+Dabei muß ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange
+Reihe der geistigen Väter von vor und nach Christi Geburt, die einmal
+über dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzählen, um endlich zu einem
+eigenen Körnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen
+Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.
+
+Die meisten bisherigen Arbeiten über den Humor, diese "lachende Träne",
+über das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), über die "realästhetische
+Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), über die "Kontrastempfindung"
+(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das
+Psychische bei dieser Form der Gemütsverfassung vor dem rein physischen
+Akt der Humorsäußerung, in Summa dem Lachen in allen Formen,
+unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben
+zu haben. Was uns zunächst nottut, ist eine genügende, rein
+physiologisch-funktionelle Definition der Vorgänge im Gehirn und im
+Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und
+begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen
+Vorgänge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaßen sichere Basis, von
+der aus auch das rein Seelische im Humor überschaut werden kann. Ich
+will daher mit einer Analyse der allgemein üblichen Ausdrucksform
+humoristischer Zustände beginnen, dem Gelächter. Erst nach einer
+Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und
+versteckten Arten kann es möglich sein, auf das in der Seele einen
+Rückschluß zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden
+Atmungs- und Zwerchfellstätigkeit veranlaßt.
+
+Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist
+das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende,
+rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungstätigkeit, begleitet von
+gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen
+Gemütszuständen. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelächter
+ist durchaus unwillkürlich und nur schwer durch Willenstätigkeit zu
+hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu
+lachen ist am schönsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz
+explosiven, gewaltsamen Ausbrüchen des Vulkanes über unserm Zwerchfell,
+deren Unwillkürlichkeit etwas Verblüffendes, Elementares, Unhemmbares an
+sich trägt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhängige, von
+dem jeweiligen Gemütszustande erzwungene, rhythmisch-muskuläre Handlung,
+wie sie ähnliche unter weniger erfreulichen Umständen die Ohrfeige, der
+Dolchstoß, der Faustschlag, oder aber das Gähnen, das Niesen, das Husten
+sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in
+einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in
+unhemmbare Muskeltätigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise
+in der Nasenschleimhaut zu einer allmählich zentral ausgelösten
+Reizhöhe führt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkanstoß der
+Ausatmung unwillkürlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lästigen
+Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist
+gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest
+werden muß. Gute Erziehung und große Energie vermögen zwar hier und da
+diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrücken, aber die Seele ist
+verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich
+auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewöhnlichste Form
+des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen
+kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden,
+provozierenden Charakter, wie im höhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten
+wir zunächst eine Person, die _unwillkürlich_ lachen muß. Was tut sie?
+
+Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geöffneten Nüstern, breiter
+Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme sämtlicher
+Atmungsmuskeln, auch der auxillären, der sogenannten Reservemuskeln für
+besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell
+hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkürliche
+sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf
+der Höhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hält der
+Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt für eine Sekunde aus (wobei
+weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Sänger, der vor dem
+Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom
+durch den Kehlkopf passieren läßt. Hat dieser Zustand der
+Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewährt, so
+schließen sich die Stimmbänder krampfhaft zu, und nun folgen unter
+rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der
+Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbänder durch
+die Blasebalgstöße, die das Zwerchfell auf die gefüllten Lungen
+ausübt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der
+Stimmbandverschluß, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft
+schließend, bringen wiederholte Zwerchfellerschütterungen sie zu immer
+neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes,
+also der Rachen, die Mundhöhle, der Zungengrund, in sogenannter größter
+Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu
+sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens ==
+a vorhanden, und der Hauch der ausgepreßten Luftstöße macht daraus ha,
+ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persönliche
+Rachen- und Gaumenbildung, ist abhängig von der Resonanz eines
+kleinen oder großen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So
+nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das
+Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen,
+zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe
+Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen
+ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das
+Silberlachen der Soprane, das süß wie Zauberglöckchen klingen kann, und
+die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der
+individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich
+Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung,
+Verharren auf der Atmungshöhe, stoßweise Ausatmen unter Glottissprengung
+und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion:
+Mundöffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grübchenbildung der
+Wangen, Nüsternspiel, Augenschluß und Tätigkeit aller auch bei der
+Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge
+mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der
+malträtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hören Sie auf, ich kann
+nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, daß Tränenstrom nicht
+allzu selten diesen die höchste Lebenslust betätigenden Akt begleitet.
+Wie merkwürdig: höchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in
+einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brüderschaft von Freud und
+Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verständnis des ganzen Vorganges
+werden kann. Es ist nicht Zufall, daß man weint, während man lacht. Hier
+steckt einer der Schlüssel zum Verständnis des Humors.
+
+Halten wir zunächst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine
+affektive Handlung rhythmisch-muskulärer Atmungstätigkeit. Welche
+Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?
+
+Um diese Frage zu beantworten, muß ich erstens Analogien herbeiziehen
+und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse
+begeben. Daß auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder
+weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, daß auch
+bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die
+explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenzündung, den
+Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung
+überhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf
+das Muskelgebiet?
+
+Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der
+Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der
+Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie
+oder Willensaktion aufzulösen; eine ungemütliche Spannung entsteht, bei
+gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll
+ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verblüfftheit, Abwehr und
+Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele
+aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft muß auch jeder
+psychische Reiz seinen logischen oder muskulären Ausgleich finden, denn
+es _gibt gewiß ebenso ein psychisches Äquivalent, wie es ein physisches
+gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den
+Lippen, dreht den Schnurrbart, durchwühlt die Haare, trommelt an den
+Fensterscheiben, stampft mit den Füßen, läuft unruhig auf und ab, hin
+und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gemüt durch Umsetzung
+in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft
+auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein jähes Wort,
+eine rasche Tat löst plötzlich ohne Kontrolle der mahnenden und
+hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungemütliche, meist gefährliche
+Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast
+du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gefühl, der
+Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen,
+vermögen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und
+das köstliche Öl friedlichen Verzichtes über die hohen Wogen der
+psychischen Ekstase zu breiten.
+
+Was geschieht beim Gähnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen
+Hirnhemmung und Hirnaktion, der Überschuß geistiger Spannung, der unter
+der aufgestülpten Tarnkappe der Müdigkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich
+mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkrämpfe (Gähnkrampf) nach
+außen abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die
+Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entlädt. Beim
+Gähnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im
+Gehirn gewohnheitsmäßig auf eine bestimmte Bahn der automatischen
+Muskeltätigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor
+Müdigkeit abends und morgens gehört. Wir haben hier also eine Analogie
+mit dem Lachen, die so weit geht, daß auch beim Gähnen die
+Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen,
+ihre Entladung findet. Da auch das Gähnen, wie jede Affekthandlung,
+unwillkürlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen
+gehemmt werden kann, und da beide, Gähnen und Affekthandlungen, auf
+einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden müssen,
+so können wir einen zwingenden Rückschluß auf das Lachen wagen, d.h. wir
+sind genötigt, anzunehmen, daß auch das Lachen einen muskulären
+Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind
+diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition
+des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans,
+gelangen. Dazu bedürfen wir aber noch eines Ausblickes auf die
+Entwickelungsgeschichte.
+
+Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit
+all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem
+Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--übrigens
+gottgläubigem--Sinne an, daß der Schöpfer eine allmähliche Entwicklung
+zugelassen und gewollt hat, so wäre es denkbar, daß das Lachen eine
+Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener
+Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter
+Festhaltung der ursprünglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung
+zustande kommt. Mir will es scheinen, daß, wie es rudimentäre Organe
+gibt, Organe, die in früheren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert
+im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese
+Tätigkeit überflüssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es
+so auch _rudimentäre Funktionen_ geben könnte. Es ist denkbar und sogar
+beweisbar, daß gewisse Funktionen, die früher einen sehr zweckgemäßen
+Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch
+vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben.
+Dafür einige Beispiele. Die Bewegung unserer Nüstern im Liebes- oder
+Lebenskampf hatte augenscheinlich ursprünglich den ganz ausgesprochenen
+Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl,
+wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr
+seiner Nase die Entscheidung überläßt, ob sich ein Herz zum Herzen
+findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gefährlich
+werden können, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die
+Paukanten mit zuckenden Nüstern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem
+Ausstoßen einer tödlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer
+die Nasenflügel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen
+im Feuer seiner Überredungskunst die bebenden Nüstern. Das ist
+rudimentär! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst
+einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und für
+die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von
+_Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze über
+die Höflichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der militärische
+Gruß zurückgeführt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier
+Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag
+war nach _Gildemeister_ gewiß früher, wie noch jetzt etwa bei den
+Logenbrüdern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit
+feindlicher Bestrebungen. Auch hier ursprünglicher Sinn im Daseinskampf
+und jetzt eine rudimentäre Höflichkeitsform. Wer ist sich heute noch
+beim Adieusagen völlig bewußt, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen
+sich doch auch Atheisten à dieu. Die höchsten Liebeszeichen selbst, der
+Kuß, die Umarmung, mögen im Bedürfnis einer vorsichtig tastenden
+Diagnose entstanden sein: drum prüfe, wer sich ewig bindet! Liebkosen
+sich doch manche asiatischen Völker noch heute, indem sie direkt
+Riechorgan an Riechorgan reiben.
+
+Es gibt also rudimentäre Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil
+in einer solchen rudimentären Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es
+vielleicht ursprünglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei
+oberflächlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind?
+
+Stellen wir uns einmal vor, es sei ein Höhlenmensch, ein Urwaldbewohner,
+in stetem Kampf mit Ungetümen, Schiebegeröll und erratischen Blöcken
+plötzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine große Gefahr gestellt:
+ein Ungetüm, wie er solches noch nie gesehen, streckt plötzlich, einen
+fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Gebüsch.
+Was wird unser Urmensch tun? In jähem Schreck reißt auch er den Mund
+auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr
+erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem
+sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fährt. Das ist auch
+ganz verständlich. Denn wenn sich ein Mensch überhaupt wehren will,
+braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder
+Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse nötig. Er lädt also mit
+dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht
+näher erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen
+blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das
+launische Ungetüm hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein
+Löwe, ein Riesenbär trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr
+vorbei. Ein jäher Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und
+plötzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast
+gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen
+entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender
+Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgefühl. Unter freudigster
+Gemütsverfassung entlädt er, gleichsam spottend der Gefahr, stoßweise
+seinen nun überflüssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter
+Jubelempfindungen entweicht stoßweise die überschüssige Lebenskraft.
+Noch heute wird jeder bemerken, daß nach plötzlich überstandener
+Lebensgefahr oder Gemütsbedrückung eine Neigung zu fast hysterischen
+Heiterkeitsausbrüchen eintritt. Das Gefühl, einem Unglück entronnen zu
+sein, sein Leben bejaht zu fühlen, wo es eben noch auf das Dringlichste
+verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr
+verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte
+man die Tatsache, daß Tränen leicht fließen können, wo eben noch im
+Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die
+Tränendrüse unabweislich strotzend füllen mußte, und daß ihr Gebrauch
+sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe
+kam, falls man Zeit genug gehabt hätte, noch über den jähen
+Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was
+der Kummer vorbereitet hat. Auch die Träne, dieser tauende Reif aus
+Edens Blütenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und
+physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die
+Schleusenwächter am Strom der Tränen, und in der Begleiterscheinung des
+Tränenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis für
+den Ursprung des Lachens in einem plötzlichen Kontrast von
+Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher
+Weise diese beiden Salpetermischungen für die Explosionswirkungen des
+Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zunächst
+soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die außer dem
+plötzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorgänge zur
+Erregung von Heiterkeitausbrüchen haben. Bei der plötzlichen Bedrohung
+und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgemäß
+auf der Hand, daß dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen,
+muskulär-rhythmischen Lebensbetätigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein
+spielendes Reh, hüpft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens
+streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, trällernd,
+tänzelnd finden. Wenn beim Übergießen mit kaltem Wasser, bei kalten
+Duschen, eine plötzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich
+bei mir stets unmittelbar danach eine fast unüberwindliche Neigung zum
+Lachen bemerken können und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewiß ein
+trefflicher Beweis für die Verwandtschaft von physischem Schreck,
+seelischem Wohlgefühl und Lachen, für die Verwandtschaft tiefer,
+lebenfördernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das
+Zwerchfell.
+
+Wer die ängstlichen Börsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade
+beobachtet hat, sah auch gewiß, wie ich, ihre Ausbrüche zappelnder,
+hüpfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein
+unwillkürlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration
+und exspiratorischen Atemstößen zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man
+nicht kitzeln, dazu gehört schon eine gewisse Ausbildung des
+Bewußtseins, das erkennen läßt, daß die lebensfreundliche, mehr
+zärtliche, neckende Berührung im Kontrast zu der starken, das
+Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, daß man das
+Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam
+unterdrückt. Daraus geht hervor, daß das Atmungszentrum, also das
+eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren
+kann, daß es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen
+und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt
+werden kann_. Für unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus
+einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es
+interessant, zu erfahren, daß der scharf umschriebene Punkt am
+Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt,
+von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und
+daß wir hier auch die Fäden finden, die zur Erregung des muskulären
+Ausgleiches für die Zwerchfellerschütterung die elektrischen Ströme
+senden. Hier finden wir eine anatomische Bestätigung der Beziehung des
+Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung.
+
+Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgefühl ganz und
+gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachstöße, die im Bellen und
+Brüllen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine
+_willkürliche_ Tätigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das
+höhnische, kränkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das
+Lächeln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den
+besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie,
+Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei
+vielen dieser Lacharten ist ein Überlegenheitsgefühl maßgebend, d.h. die
+Lebensverneinung oder -minderung gilt für andere, für den Lacher nur das
+Gefühl eines höheren, überlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen
+ist eine Kombination von Ohnmachtsgefühl und Feindseligkeit und das
+schadenfrohe Lachen die Wirkung der Überzeugung eigener Unversehrtheit
+bei fremdem Unglück, von dem wir aber die unbestimmte sympathische
+Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir
+identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den
+Kontrast von unserem realen Unberührtheitsgefühl her.
+
+Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der
+Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung
+unterziehen.
+
+Daß das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck
+verwandtschaftliche, koordinierte Berührungen hat, ist eine allbekannte
+Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des
+Gesichtes ein so typischer, daß man diesen Krankheitszustand erkennen
+kann, ohne die Atmungstätigkeit direkt zu beobachten. Wichtig für die
+Theorie des Lachens ist auch, _daß bei der Atemnot, also wieder einer
+Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion
+sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim
+Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erklärlich. Alle
+rhythmisch muskulären, d.h. gleichmäßig und oft wiederholten
+Muskeltätigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das
+Gähnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die
+Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur
+Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus
+eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist
+brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen
+nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der Rückenmärker, die
+Epilepsie können Formen annehmen, die manche unwillkürlich zu
+schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt
+ansteckend wirken können. Die rhythmische Muskelaktion ist am
+zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der
+Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige
+Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an,
+daß der springende Fisch, die hüpfende Bachstelze, der tänzelnde
+Araberhengst in heiterer Gemütsverfassung sich befinden, obwohl wir es
+nicht beweisen können; es stimmt uns aber gleichmäßige Rhythmik auf
+starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst
+ist Rhythmus: Rhythmus die schönen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl
+der Töne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede
+bleibende Disharmonie, weil ohne Maß und Regelmäßigkeit. Darum ist auch
+in der Musik vor allem etwas der Lebensbetätigung, der Lust, dem Humor
+Verwandtes, und zwar ist nur bei schärfster Ausprägung schnellerer
+Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo,
+Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer
+denkbar. Darum ist bei den größten musikalischen Rhythmikern, Haydn,
+Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude
+zu Hause, während bei den großen Reflektierern, den Grüblern in der
+Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strauß, das affektive
+Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus
+bezweckt den Nachweis, daß auch die rhythmischen Zwerchfellstöße innig
+anderen rhythmischen Heiterkeitsbetätigungen verwandt sind und daß die
+Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen
+bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche
+_Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen.
+
+Nun sind wir so weit gelangt, etwas näher zu betrachten, was in einem
+Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine
+komische Bewegung zur Wirkung kommt, für materielle Alterationen
+vorgehen mögen, dergestalt, daß ohne Zutun des Willens jener rudimentäre
+Atmungsrhythmus ausgelöst wird, den wir "Gelächter" nennen.
+
+Wir haben gesehen, daß die ursprüngliche Bedeutung der rhythmischen
+Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen
+Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom
+Leben zurückzuführen sein dürfte: auf einen Strom der Lebensangst und
+auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des
+Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt
+entgegengesetzter Art, daß sie, für den Augenblick unvereinbar, eine
+Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen
+geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele
+keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie
+wird überrumpelt, verblüfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und
+gewohnheitsmäßig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes
+Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewiß nicht mehr der Fall,
+wenn wir heutzutage einen Kitzel verspüren, zu lachen. Unser Leben
+erscheint weder bedroht noch besonders unterstützt, wenn ein
+Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt,
+die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen ließ, oder wenn
+einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestäten
+durchaus sich in die erste Reihe drängen mußte, gerade im entscheidenden
+Moment der Zylinder über Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder
+wenn der kleine, ganz preußische Hauptmannssohn die heikle Frage
+aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie"
+stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch
+fühlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit,
+wenn wir bei Fritz Reuter lesen, daß ein unruhiger Schläfer die große
+Zehe seines Mitschläfers für eine feine Havannazigarre hält,--und doch
+liegt allen diesen unaufzählbaren Formen komischer Wirkungen eine
+Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen
+solchen Konflikt mit verblüffender Unlogik enthält, wie er in
+deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung
+auftritt. Schon Kant hatte gefunden, daß der Humor im Kontrast wurzelt.
+Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, daß schwarz und weiß, klein
+und groß, trocken und naß an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und
+doch: unter Umständen kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken.
+_Aber zum Kontrast muß noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in
+der Revue des deux mondes _Mélinand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?"
+hier für das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden,
+der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen
+umfaßt. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite
+betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von
+der anderen Seite lange gewohnt, ganz natürlich, "familiär", alltäglich
+sich präsentiere. Man kann diesen glücklichen Gedanken dahin
+vervollständigen und ins Psychophysikalische übersetzen, daß erst dann
+Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realität so in
+plötzlichen Widerspruch gerät, daß sich beide an Reizstärke ihrer
+psychischen Spannung ungefähr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der
+Beschauer einer komischen Situation und der Hörer einer komischen
+Schilderung muß beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was
+er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein
+zweites Wesen repräsentiert oder zu repräsentieren sich bemüht, zweitens
+muß er diese Idee plötzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fühlen.
+Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal
+in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene
+Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder
+überhebende Gedankengang, außer uns oder in uns erzeugt, schlägt in
+verblüffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso
+plötzlich überzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen
+ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft
+erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber
+unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasietätigkeit des Gehirns,
+die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen
+unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemäßer Reflexion.
+Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der
+Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar
+unlogisch, daß die plötzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und
+vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa
+logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu
+lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefühl hilfloser Erregung, die
+gewohnheitsmäßig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich
+eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellstöße entladen wird. Diese
+Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten,
+und zwar deshalb, weil ursprünglich das Zusammenprallen von Nein und Ja
+des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen
+Herbeischaffen und Auslassen wehrkräftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das
+tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgemäß und das stoßweise
+Entladen der Lungen eine natürliche Konsequenz, wenn die Gefahr
+plötzlich entwich. Bei der überrumpelnden Logiklosigkeit und bei der
+plötzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die
+Gehirnfunktion in dynamisch ähnliche, wenn auch für die Erhaltung des
+Individuums gleichgültige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr.
+Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der
+Hirnmechanismus für seine Stellungnahme gegenüber einer Bedrohung fand,
+auch für die funktionell verwandten Zustände, Schütteln beim Frost und
+Duschen und Kitzeln, beim Gähnen und Lachen beibehalten ist. Der
+Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt
+realen Vorstellung, die das Gehirn unmöglich zugleich verarbeiten kann,
+diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-möglichen Seiten des Lebens
+gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich
+von der harten Nuß, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht
+verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lastträger Zwerchfell
+ablädt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Während dieser geduldige
+Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein
+unbeschreiblich wohliges Gefühl der erleichterten Klarheit und
+Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische
+Dickhäutergefühl. So kann schwarz und weiß als Kontrast komisch wirken,
+wenn zwischen eine Schar die Idee der Würde aufnötigender schwarzer
+Priester plötzlich ein feister, weißer Kuchenbäcker in gleichem Tritt
+sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und groß
+humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, daß wir im
+Trocknen sind!" jemand in einen Waschkübel stolpert oder wenn mit einer
+Riesenbulldogge ein winziges Schoßhündchen trippelnd Schritt zu halten
+sich vergeblich bemüht.
+
+So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere
+Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer
+Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fähigkeit,
+überraschend schnell und überraschend suggestiv die zwei Seiten jedes
+Dinges aufzuspüren und die Janusköpfigkeit alles Irdischen vor aller
+Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand
+elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der
+Zuschauer oder Zuhörer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden
+Gelächters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine
+Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos,
+durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne
+Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung,
+die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realität
+zugedeckt werden könnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den
+nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden
+und in reinlichen Asbest hüllen könnte. Darum ist vom Erhabenen zum
+Lächerlichen der Schritt so klein, weil, je höher der Kothurn steigt, um
+so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im
+Lächerlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.
+
+Darum gehört zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese
+Himmelsgöttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt
+wie auf der Heerstraße der Trivialitäten. An einer absolut realen Sache,
+an einer allgemein gültigen Wahrheit schnell ihre Unzulänglichkeit in
+kühner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehört ebenso Phantasie wie
+dazu, eine gespreizte Idealität im Handumdrehen vor den verzerrenden
+Spiegel der Realität zu stellen. Der Humor wirft der Idealität einen
+Knüppel von realem Holz zwischen die Beine, sie muß stolpern und damit
+die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das
+Ideal steht auf einem Faß mit dünnem Deckel: ein leiser Fußtritt der
+Realität, und der Götze liegt im Waschfaß. Die Idee ist eine
+Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit läßt sie platzen. Warum tat sie auch
+so schön und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das
+noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Füßen gegenüber
+der Kühnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die
+unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere
+Diesseitsgültigkeit in Jenseitsnebel aufzulösen vermögen. Der echte
+Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann
+Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht
+gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen
+mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch
+Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur
+vernünftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist
+langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein
+muß, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehört. Die phantasievolle
+Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getränkt.
+Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und
+Leben pulst der Humor erst in ihre starren Züge. Der geistvolle Narr und
+der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt
+gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch
+nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das
+Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie
+lassen sie das Leben wägen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche
+Quelle rein physischen Gesundheitsgefühles liegt in der Freude aus
+Herzensgrund! Ich halte die Komödie direkt für hygienischer als die
+Tragödie. Jene entlädt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese
+fügt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes.
+Gerade in diesem herrlichen Gefühl erhöhter Lebenslust beim Lachen liegt
+übrigens ein Hinweis auf die atavistische, früher um Lebensbejahung und
+-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen,
+auf denen sich das Gelächter auslöst, assoziiert mit dem positiven
+Gefühl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.
+
+Für das Verständnis der einzelnen Formen des Humors ist zu
+bemerken, daß der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne
+humoristischer Lebensbeleuchtung ergießt, in gar verschiedenen
+Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr
+auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei
+Phantasie- und Wirklichkeitsströmen, dieser _Assoziationsknick im
+Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die Säge der Logik
+aufkreischt, sich überall nachweisen lassen muß, wenn anders
+unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender
+Doppelvorstellungen Überzeugungskraft haben soll. Allerdings muß
+dabei festgehalten werden, daß jede humoristische Spannung der Seele
+entwicklungsgeschichtlich im Gefühl der eigenen Lebensbejahung
+wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer
+Stimmung nichts als die Äußerungen des Gefühles einer Überlegenheit
+über andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil
+mein eigenes Unversehrtheitsgefühl im stärksten Kontrast zu der
+unbestimmt sympathischen Ahnung steht, daß auch ich unter gleichen
+Bedingungen hätte meinen Rock mir zerreißen, meinen Hut aufbeulen
+lassen, meinen Heller verlieren müssen. Allerdings wirkt auch
+hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit
+erregend, wenn die besondere vom Geschädigten prätendierte Form seiner
+künstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche
+Gegenstimmung von vornherein aufkommen läßt. Dann gönnt man dem
+Prätendenten eines angemaßten Thrones so recht von Herzen den
+Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein
+Gefühl für humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist
+eben Schadenfreude direkt durch prätentiöse, egoistische Aufgeblasenheit
+und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier führt der Humorist zur
+Zertrümmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die
+Idee: der Stahl der Realität trifft die helle Glasglocke, daß die
+Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den
+ursprünglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur
+noch das _überraschend Unlogische_ übrig geblieben: so sehr hat sich die
+Funktion des Lachens von ihrem ursprünglichen Vollwert entfernt. So
+losgelöst, gibt es natürlich tausend Varianten desselben Themas. Ich
+will versuchen, diese Variationen des überraschend Unlogischen zu
+formulieren.
+
+Zunächst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_
+erregt werden. Die roheste Form dieses vorzüglich auf überraschende
+Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist
+die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das
+Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske
+eingeführt und plötzlich die Maske rückwärtsgedreht, dann ist die
+Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natürlich Synonyma und
+erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Träger
+besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhüller
+scheußlicher Trivialitäten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen
+Kalauern beweist, daß bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung,
+eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern
+Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht näher auseinanderzusetzen
+nötig hat. Übrigens ist es geradezu verhängnisvoll, wenn jemand sein
+Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen
+Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann förmlich zu einer
+Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit,
+ausarten.
+
+Wird der _Kontrast durch ganze Sätze_ ausgedrückt, so erhalten wir die
+Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperçu. Auch hier werden
+logisch unvereinbare Dinge mit verblüffender Sicherheit in gegenseitigen
+Kontrast gestellt. Die Fliegenden Blätter enthalten eine Fundgrube
+solcher Weisheitssprüche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie
+sammelte, könnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste
+entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als
+er in unser aller Bewußtsein ursprünglich lautete: "Lerne zu! Leyden!"
+(Lerne zu leiden!) Hierher gehören auch die fürchterlichen Imperative:
+"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber
+doch ein Beweis für die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, daß
+man solches Zeug nicht hören kann, ohne wenigstens zu lächeln. Der
+Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade
+so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die
+Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch
+_raffiniertere und behutsamere Irreführung der Logik_, so wird, wie in
+der Anekdote, der humoristischen Erzählung, künstlich die Phantasie in
+eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und
+plötzlich gelangt der Zuhörer an den Assoziationsknick, an die
+Gedankengabelung, weil der Erzähler mit plötzlichem Ruck der
+elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote
+sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch
+einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung
+bedingt sein.
+
+Es ist nur natürlich, daß die obszönen Witze hier eine hervorragende
+Stellung haben. Ich gebe gern zu, daß diese Witze manchmal von
+besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, daß die prüde
+Verhüllung aller, auch der natürlichen und an sich nicht obszönen
+Realitäten es dem Spötter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_
+und das _Bedürfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch
+überrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natürlich
+die Zote, bei der es nur auf obszöne Kontrastierung von
+Einzelvorstellungen ankommt, während ein fein sexualistischer Kontrast
+auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung
+Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da
+gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge
+müssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu können, doch einen dezenten
+und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. Übrigens gibt es
+durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von
+Prüderie und Naturbestimmung, wie der französische Sexualismus (Zola,
+Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter
+Zorn gegen die kulturelle Verkümmerung und Verschnürung menschlicher
+Natürlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des
+Naturrechtes aufflammt.
+
+Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem
+Humoristen festgehalten und dauernd dem Hörer oder Leser aufsuggeriert,
+so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman,
+zum Lustspiel. Unbedingt gehört auch hier zur Humorwirkung immer das
+Überraschende, Plötzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu
+erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik
+oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der
+Behandlung ergibt die Variante: die Tragik erörtert langsam und
+unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden
+Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und läßt die eine oder die
+andere Weltanschauung scheitern; das Problemstück kommt überhaupt zu
+keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die
+Humoreske läßt plötzlich in überraschender Weise das Ideale am Felsen
+alltäglicher Vernünftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im
+Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der
+Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen muß wie die Butter
+an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche
+Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des
+Teufels zerzaust wird. Für den künstlerischen Humor, d.h. für die aktive
+Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses
+unerläßlich. Jeder große Humorist ist auch ein großer Dichter. Die
+dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer großen, frei
+schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut
+zu Hause ist wie auf den Gletscherhöhen des Idealen. "Wurzelnd mit
+festen, markigen Knochen auf der wohlgegründeten, dauernden Erde", darf
+nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in
+die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, daß auch
+jenseits von Gut und Böse nur mit Wasser gekocht wird. Der die
+humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem
+Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden
+Suggestionsfähigkeit: er muß sein können, was er scheint. Versagt dem
+Dichter oder dem Mimen die Fähigkeit, ihre innere Anschaung zu
+suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten
+hat. Ihm verfällt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prätentiösen Anlauf
+die Unzulänglichkeit des Menschlichen unvermutet und plötzlich ein Bein
+stellt ... Ich muß leider darauf verzichten, an dieser Stelle näher
+auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem
+Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die
+_Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der
+Bühne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewiß leicht, in jedem
+Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische
+Stimmungen erzeugt, warum ein Lächeln mit prasselnden Lachsalven von oft
+lawinenähnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schärfer und
+plötzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen
+herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene
+Phantasietätigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die
+Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigeführt und um so
+energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrähte
+zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung,
+Täuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon
+farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu
+leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor,
+dem graziösen Schäferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die
+gewagtesten Situationen erlauben dürfen, bis hinauf zum echten
+_Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen
+Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu
+stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen
+wie im Ganzen Bewußtsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu
+fortwährenden gegenseitigen Bocksprüngen zu zwingen vermögen. Eine
+richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der
+wechselndsten, plötzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu,
+so daß uns die kontrastierenden Ideen im Schädel herumfliegen wie die
+Erbsen in einem geschüttelten Topf. Übrigens will ich nicht vergessen,
+zu erwähnen, daß im gewöhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten
+Gemütsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen
+der Humor, dieser Dieb aller Würde, einen wahren Einbruch in das
+Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich
+komisch, als meine Großtante am Sarge einer Verwandten bei einem
+Rührungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der
+Eile eingesteckte Nachtmütze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich
+damit die Tränen zu trocknen. Es war von rührender Komik, als ein
+treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett
+der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose
+Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen
+so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das
+ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_
+streift. Sicher ist, daß Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht
+umspringende, humoristische, spöttische, komische Gegenströme
+freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter
+Kontrastierung erhalten können. Es ist nicht schön, aber wahr, daß die
+Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer
+großen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen
+Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbetätigungstrieb selbst
+angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.
+
+Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch
+Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die
+der Humor erfährt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen
+Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma
+des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, daß vom Wesen des
+Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realität
+wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik,
+Possierlichkeit, Hohn, Geißelung, Ironie, Satire, Spott, Witz,
+Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische
+Exzentrizität, direkt abhängig sind. Je nachdem ein Individuum von
+sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem,
+resigniertem, pedantischem, nervösem, phantastischem Grundtemperament
+ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament
+vorherrscht: in zwingend paralleler Weise äußert sich auch sein Humor in
+besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natürlich, wie bei den
+Temperamenten, die Übergänge und verwandte Dispositionen eine
+Kombinationen-und Variationenreihe völlig unbegrenzter Buntscheckigkeit
+zuläßt. Auch muß bemerkt werden, daß auch bei derselben Person die
+Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges
+Prisma, nicht immer eine gleichmäßige Grunddisposition in unserem Gemüt;
+wir können eben noch phlegmatisch sein: im nächsten Augenblick macht uns
+ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und
+unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Täßchen Kaffe, ein Gläschen Kognak
+zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die
+Komplementärfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz,
+Phlegma und Resignation.
+
+Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des
+Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen
+Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive
+_Gemütsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives
+_Mittel_, diese Gemütsspannung herbeizuführen. Mir will scheinen, daß
+zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus
+der Aktionen gehört, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausübt.
+Der gewissermaßen verhaltene, scheinbar unbekümmerte, unengagierte,
+trockene Humor ist um so komischer, je gleichmäßiger und verhaltener
+seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist.
+Er verzieht keine Miene, der Träger des trockenen Humors; eine beinahe
+apathische Typizität seines Gesichtsausdruckes trägt dazu bei, den
+Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem,
+Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstärken. Man
+betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery,
+Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter
+typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte
+Gleichförmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lässigkeit ihres
+Gesichtsausdruckes: hängende Mundwinkel, pedantische, schläfrige oder
+närrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlürfender, ziehender Gang,
+schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im
+Indifferenzton, dazu womöglich refrainartige, immer wiederkehrende
+Gesten und sprichwortähnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist
+der besonders kontrastierende, gleichmäßige, scheinbar träge,
+_pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des Bären,
+bei den Bewegungen der Dickhäuter, bei denen wir eben wie beim passiv
+oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere
+närrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel
+des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die
+Mäuse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer
+Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen
+Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast
+sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und färben. Entscheidender
+aber ist für die Äußerungsweise der empfundenen oder dargestellten
+Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus
+geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der
+Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen,
+wie auch der geistreiche Witz, das Aperçu, fast das ausschließliche
+Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem
+Choleriker ist der Hohn, die Geißelung, die Ironie, die Satire das
+Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den
+wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem
+unverwüstlich ehernen Monument humoristisch-wehmütiger Weltanschauung.
+Die sanfte Melancholie der Germanen äußert sich in dem einzigen,
+herzenstiefen, gemütvoll sentimentalen Humor, dem wir die
+überquellenden Labetränke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter,
+Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt
+cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen
+Blütensträuße, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind,
+darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner,
+dessen Seele nach großen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen
+phantastischen, großdimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar
+Poë, Mark Twain, Bret Harte die schöpferischen Organe erhalten hat.
+Endlich führt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form
+der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer
+bewußt ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_,
+dessen Typus jener Verbrecher verkörpert, der, auf dem Karren zum
+Schaffot geführt, der herbeiströmenden Menge zurief: "Kinder, lauft
+nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der
+Kontrast geradezu umgekehrt. Während sonst der Humorist tief innerlich
+sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet,
+fühlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur
+in der Idee. Das ist typisch für jede Form von Galgenhumor.
+
+In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen
+Betrachtungsfähigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der
+Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber
+Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit
+über alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten
+Schachte des Gemütes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit
+ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter,
+er ist eine Majestät, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte
+freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrügern den
+Lügenflitter und die Maske vom Antlitz reißt, ein Evangelist, der es
+versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem
+Himmelslächeln zu lösen, und ein Tröster, der über alle Not Goldkörner
+des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persönlichkeit
+streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge
+kreuzt; und für manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort
+zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel
+heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des
+Volkes, ein Dokument seines Gemütslebens, eine Schatzkammer des
+Reichtumes seiner Seele.
+
+
+
+
+SCHLAF UND TRAUM
+
+
+I.
+
+
+Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurückzublicken das Glück
+hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel
+von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht
+es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, daß es mindestens
+fünfundzwanzig Jahre waren, die er buchstäblich verschlafen hat,--selbst
+wenn er die kummervollen Nächte, in denen die Sorge oder der Schmerz
+neben ihm am Bettrand saß, oder auch die Nächte abrechnet, die er
+weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.
+
+Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie
+weiland Friedrich dem Großen, daß sie auf die freilich unhygienische
+Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewöhnen; scheinen doch auch
+unsere Ministerien der Meinung zu sein, daß für festangestellte Beamte
+der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von
+Sicherheitsbeamten, Nachtwächtern, Telegraphisten, Lokomotivführern usw.
+sogar, daß sie gefälligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nächte
+zählen und die Tage aus ihrem Bewußtsein streichen, sich also gleichsam
+zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden
+versuchen. Das wäre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der
+Gesellschaft und ein sträflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu
+leben, durch Abzüge am Schlaf zu verlängern sinnt, wenn es nicht
+tatsächlich sogar recht wohlgenährte Individuen in der Natur gäbe, die,
+wie Raubvögel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit
+heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: für die
+erdrückende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der
+Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz für
+den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im
+allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er
+währt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit
+ihrem ersten östlichen Gruß, der schon vor unserem Erwachen die Hähne
+veranlaßt, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die
+Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mörderin der Elfen und Waldgötter
+schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch
+Tranfunzel, Docht, Steinöl und Gas und jetzt durch das starre,
+geisterhafte Licht der Glühbirnen und leuchtenden Strümpfe, deren Strahl
+auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenärzte
+späterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin
+gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlängern,--wie man
+eine kräftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natürlichen,
+die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen,
+würden von dem Lärm der auf künstliches Licht eingestellten Mitwelt
+unsanft aufgerüttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhöben,
+in ihrem Hause wie des Begräbnisses unwürdige Bewohner von Vineta oder
+Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und
+Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Möglich,
+daß dieser Rhythmus sich ändern läßt, daß wir uns allmählich anzupassen
+vermögen an die künstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich
+nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von
+Hypersensibilität und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosität ist
+vielleicht nur die Übergangsform--im Sinne Darwins--zu einer
+künftigen Norm von bleichsüchtig-ätherischer, hypersensitiver
+Weiße-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch
+erleuchtete Höhlen verlegt hat; vielleicht sogar läßt sie sich vor
+lauter Produktion überfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal
+am eigenen Lichte genügen, wie die entzückenden Glühwürmchen im Moose
+oder die großen Laternenträger der Tropen. Man sollte meinen, daß die
+Menschheit keinen Grund hätte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren
+schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst
+abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gräben und
+Sümpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog,
+wie Nachtinsekten, Käfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch
+scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen,
+den Eulen und Raubvögeln, die auf den Gedanken kamen, daß die Finsternis
+ein trefflicher Mantel für lichtscheue Taten sei. Vorläufig aber bleibt
+es hoffentlich dabei: für unser Planetensystem ist es die Sonne, die als
+die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte
+Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die
+Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen
+von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder
+der Rückprall der Sonnenmacht. Tatsächlich ist der Schlaf an ihr
+Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen,
+und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint
+und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte
+organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und
+her. Denn daß auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht
+gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches
+Leben erst nachts beginnen. Die Ärmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr
+sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen können,
+sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft
+wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt,
+hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der
+Ermüdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives
+Zurückfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch
+zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole
+und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven
+Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der
+Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natürlicher,
+rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der
+Nervenspannungen. Ja, noch kühner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen;
+man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein
+physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Küche des
+Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermüdung jeder sich selbst bereite,
+das sich allmählich ins Blut mische und schließlich uns einschläfre.
+Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische
+Narkose! Dann hätte also das Sonnenlicht nur ganz zufällig mit Schlaf
+und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen
+und damit das Fleischmilchsäuregift während des Sonnenlichtes
+produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einfluß auf den Rhythmus
+von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses
+Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen
+Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem
+Schlaf ganz unähnlichen Zustände fast mit dem Extrakte jedes anderen
+Organes, ja, sogar aus dem ganz untätigen Muskel des neugeborenen Tieres
+herauspressen; sie beweisen eben nur, daß auch Muskelsäfte fremde
+Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur
+dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengründe gegen die
+Möglichkeit einer solchen periodischen Ermüdungsvergiftung. Wie sollte
+ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von
+ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne daß für
+diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu
+finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwürdige Narkose des
+Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem
+Wissen vom künstlichen Schlaf wäre und nur in der periodischen
+Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiestützpunkt
+gewinnen könnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu
+verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der
+eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder
+während der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der
+ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsäure in keinem
+Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die
+doch noch herzlich wenig mit Muskelkünsten zu paradieren pflegen, das
+Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich für unbefangene
+Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern süßen Himmelsfriedens, aus
+dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zäher Kater,
+der auf einen Sturm durchwachter Prügelnächte folgte, worauf allerdings
+das Antlitz des eben einpassierten Mitbürgers mitunter hinzudeuten
+scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindämmern des werdenden Menschleins
+das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her
+hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes?
+Läßt sich ernstlich behaupten, daß man, je mehr Muskelaktion man ausübt,
+desto besser schlafe? Ist nicht gerade Überanstrengung das beste Mittel,
+um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde
+geistige Arbeiter eines ungestörten, tiefen Schlummers? Will man
+behaupten, daß auch sie alle Gift produzieren? Die ganze
+Ermüdungstheorie, die das Leben auffaßt wie ein Kautschukband, das man
+hier und da abspannen muß, um es funktionstüchtig zu erhalten (wobei
+noch nicht bewiesen ist, daß es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist
+meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und
+festgegründetesten und wahrlich "beschäftigten" Organe, das Herz, die
+Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres körperlichen und
+seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes gänzlich. Sie hämmern,
+blasen und wühlen unbekümmert um Nacht und Tag und ermüden erst, wenn
+das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich
+vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines
+Traumes, die Möglichkeit eines Bewußtseins im Traum spricht gegen die
+absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermüdungsgefühl nennen,
+kann sehr wohl das Gefühl gestörten Gleichgewichtes der wechselnden
+Lebensbetätigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel
+nach langen Märschen die so lange untätigen, den Muskelzentren nahe
+benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschäftigung verlangen. Sie
+wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und
+in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein
+System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es könnte also
+ebensogut das Gefühl der Ermüdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der
+uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie
+ja so oft Schmerz und Unlustgefühle die Rolle der Signalwächter für
+Störung und Gefahr übernehmen. Wo diese Wächter schweigen, wie bei
+eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten
+(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermüdung als etwas
+Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten körperlich oft
+physiologisch Unfaßbares an Muskelaktion, und vor der Ära der vier Tage
+lang radelnden Dauerfahrer hätte man die Sache nach den Gesetzen der
+Ermüdung für Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts
+von besonders produktiven Köpfen, die auf solchen Athletenschultern
+säßen, gehört.
+
+Ganz und gar keine Anwendung läßt aber die Hypothese von der Ermüdung
+oder der Selbstvergiftung auf die Formen künstlichen Schlafes zu, die
+uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es müßte schon eine
+sonderbare Ermüdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln
+oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die
+Hirnganglien überfielen und ertränkten. Einer Mutter, der sorgsamsten
+Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, daß ihr
+summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermüdendes Gift
+hinter die geschlossenen Lider schüttet. Wie nun, wenn man diese ganze
+Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die
+Wissenschaft noch heute definiert, über Bord würfe? Sehen wir zunächst
+zu, was die Physiologie über den Schlaf aussagt. Landois, wohl der
+geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich über den Schlaf
+in den folgenden Sätzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizität
+des tätigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf
+eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden."
+"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln."
+Auffallend ist, daß man bei diesen Grundsätzen über die Physiologie des
+Schlafes so völlig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des
+Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die
+psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewöhnlichsten
+Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen sämtlich auf. Der Schlaf kann
+nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt
+werden, denn es gibt Träume; Träume sind aber "Tätigkeiten" des
+Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhöhte Erregbarkeit
+des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus
+unter unruhigen Träumen beweist. Außerdem ist die vorhandene
+Erregbarkeit sämtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar.
+Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase,
+bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die
+Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und
+braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so
+wäre damit bewiesen, daß sein Nervensystem erregbar war, auch während er
+schlief,--und es wäre doch schwer festzustellen, ob stärker oder
+schwächer als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch
+keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir
+leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf
+Erfolg diese Frage vorlegen könnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus
+der Funktion des Traumes, die Ichbewußtsein, Seh-, Hörwahrnehmungen usw.
+nicht ausschließt, daß die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die
+Ganglien der Hirnkugeln, in voller Tätigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln,
+einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewußte und durch die
+Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmäßigkeitshandlungen,
+die nur durch die Tätigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen"
+Hirnkugeln vermittelt sein können. Im Widerspruch mit diesen
+Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas
+durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit
+der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen
+elastischer Spannung könnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach
+der Schlaf einträte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe über
+die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der
+Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich über die
+Äolsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen
+hinüberzieht wie ein vielgestaltiger Dämpfer, der die Töne erstickt, die
+Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heißt und die Welt
+und ihre Umgebung zeitweise versinken läßt. _In Wirklichkeit ist der
+Schlaf eine Form der aktiven Bewußtseinshemmung_. Wir wissen aber--und
+das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, daß Hemmungen,
+Isolation, Ausschaltungen im Bewußtsein durchaus aktive Vorgänge, den
+Nerventätigkeiten völlig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir
+können sogar mit einigem Recht behaupten, daß ganz allgemein, biologisch
+gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven
+Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende für die
+Formierung des überall vorhandenen und zur Betätigung drängenden Lebens
+sein dürfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben
+hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstärkung der ihm
+gegenübergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem
+gegebenen Strom rätselhafter, jeder Anschmiegung fähiger Materie, es
+quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lücke, und die
+Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie
+erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die
+Widerstände lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte
+System der seelischen Nerventätigkeit läßt es erkennen. Jeder
+hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die
+Abhängigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen
+Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom
+Meere ruft, und das Glöcklein, das vom Kirchturm tönt und "Bleib
+daheim!" läutet. Gott und Teufel, Weiß und Schwarz, Ich und Du, der
+andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so näher beieinander, je höher
+die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzureißen. Wie
+ein Pendel seine Schwingungsweite innehält und um so höheren Ausschlag
+gibt, je höher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der
+Erregung ins Tal zu reißen. Kein Wunder, daß es so ist! Denn, rein
+mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des
+Gehirnes muß in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit können nur
+wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur
+eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die übrigen aber
+abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung müßten
+ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander
+schwingen. Wir finden also, daß wir in zeitlich nacheinander geordneten
+Systemen nur deshalb denken können, weil uns im Augenblick immer nur
+eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die
+Aufmerksamkeit konzentrieren" heißt, ist nichts als das Gefühl und
+Bewußtsein davon, daß von der ewig schwankenden, Anschlüsse bald hier
+erzwingenden, bald dort abdämpfenden Hemmung nur eine--die
+Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also
+der eigentliche Spiritus rector, _die Seele über der Seele_, nicht in
+den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in
+dem Mechanismus dieser Hemmung wäre das Prinzip zu erforschen, das
+gleich immer wechselnden Registerzügen in der großen Hirnorgel bald
+diesem, bald jenem System die Ventile öffnet, so daß der einströmende
+Hauch des Lebens die fünfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in
+unfaßbar reicher Kombinationsmöglichkeit zu seelischen Akkorden
+erklingen läßt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glühlämpchen
+angebracht, deren Drähte alle in eine stille Klause unter dem Dache
+auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den
+Händen hält. Er läßt Millionen Flämmchen erlöschen, und ein kleiner Rest
+leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme
+werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gruß, ein Willkommen, ein
+ganzer Satz erstrahlt,--und so könnte der Ingenieur der Hemmungen unter
+dem Dach gewiß jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls
+er den Strom seiner Batterien, der in alle Lämpchen zu fließen strebt,
+zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die
+anderen verschließt. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich
+kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkörper ausgespannt, viel
+zahlreicher als die Sterne am Himmel, die für uns auch nur aufflammen,
+wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren
+spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre
+Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun
+keineswegs gleiche, scheinbar willkürliche Macht über alle Formen
+zentraler Hirn- und Seelentätigkeit; ihr wechselnder Einfluß nimmt mit
+dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven,
+dem Bewußtsein ganz entzogenen Seelentätigkeiten, namentlich in
+denen der Regulation von Herz- und Atmungstätigkeit, schwankt
+die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenwärtig, sie hat sich
+selbsterhaltungsgemäß[1] herausgeprüft, welche koordinierten Bahnen das
+Beste, Unabänderlichste für den Haushalt des Ganzen darstellen. So
+werden auch unsere, heute nicht mehr bewußten Seelenhandlungen in
+festen, definitiv und stets gleichmäßig gehemmten Bahnen reguliert, und
+nur in den jüngsten Phasen des Bewußtseins tastet die Hemmung, gleichsam
+nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgemäße Lösung sei.
+Die jüngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam
+stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h.
+instinktiver Lösung ringt.
+
+ Fußnote 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingeführter
+ Begriff.
+
+In uns geht sehr vieles unbewußt seinen nicht mehr abzuändernden
+psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das
+unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien
+z.B. können wir nicht mehr ohne Rest im Bewußtsein begründen; wir tun
+vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem
+Wort: es gibt in uns Verständigeres als den Verstand, Bewußteres als das
+Bewußtsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewußten,
+schon definitiv vom schwankenden Bewußtsein des Ichs und der Situation
+abgelösten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht
+mit der tastenden Orientierung der höchsten Ganglienschichten assoziiert
+werden können. Die jüngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre
+Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstülpungen nach außen, sie horchen,
+fühlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im
+Weltganzen. Das Gefühl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize,
+die die Widerstände auf meine Sinne ausüben, wirkt das, was mein
+Empfinden von mir selbst und mein Bewußtsein von meiner Stellung in der
+Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch
+ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem
+Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament
+der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen
+Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen.
+Manchmal fühlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit
+uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner
+Macht inne und fühlt doch nur einen Widerschein von seinem
+Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die
+der Schlaf dem Bewußtsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes
+bezieht sich nur auf jene krönenden Funktionen geistigen Geschehens, die
+im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwärtigen Phase der
+Hirnentwicklung zugehören.
+
+ Fußnote 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, daß
+ wir von einer Erkrankung träumen können, deren Herannahen im Wachen
+ noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwür kann im
+ Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen
+ zu veranlassen. (Moll.)
+
+Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes
+erzwingt, vermittelt?
+
+ Fußnote 1: Über das mutmaßliche Wesen dieser selbst siehe
+ Ausführlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der
+ schlafähnlichen Zustände". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen
+ Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin.
+
+Wir stellen uns vor, daß um die Ganglienzellen des Gehirnes ein
+Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet,
+und daß dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die
+Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die
+bisher als eine einfache Stützsubstanz aufgefaßt wurde. Wir denken uns
+diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch
+erfüllbar und entleerbar, so daß je ihre Füllung oder Entleerung
+imstande ist, Anschlüsse (Assoziationen) unter den Zellen zu
+unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den
+Ganglienkörpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den
+überspringenden Funken oder induzierten Strömen größeren und geringeren
+Widerstand entgegensetzt. So geschähe auch das Denken in der Richtung
+des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere
+Bewegungsform. _Die Tätigkeit der Ganglien ist die der spezifischen
+Transformation (Umbildung) der Außenweltreize, ihre prismatische
+Strahlenzersplitterung, und die Tätigkeit der Hemmung ist die der
+Widerstandserzeugung für die Assoziation dieser transformierten Reize._
+Sicherlich gibt es auch ein psychisches Äquivalent, d.h. jeder Reiz, der
+das Zentralorgan trifft, verlangt seinen völligen Umsatz in Spannkräfte
+der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind
+gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbündel zu weißem Licht,
+die Rückgabe der unveräußerten Pfunde an die Außenwelt. Die Hemmung gibt
+die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.
+
+Diese, wie ich gern gestehe, für eine Plauderei schwerfälligen
+Deduktionen waren nötig, um den Mechanismus des Schlafes völlig
+verständlich zu machen. Sie ermöglichen eine hypothetische Einheit des
+Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu
+betrachten. Daß die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung,
+die über den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurückzuziehen,
+vermöge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso
+begreiflich, wie daß ihr Loslassen von der Gefäßspannung dieser am Abend
+gestattet, die Tarnkappe über das Bewußtsein zu ziehen. Man beobachte
+nur einen Müden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes
+gegen seine Bewußtseinszentren anbranden, fühlt er eine Neigung, nicht
+mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend
+festzuhalten, er vergißt sich und sie, seine Muskelaktionen werden
+schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Gähnen gibt
+kund, daß der Reizüberschuß, den das Leben in seiner Hirnrinde
+zurückgelassen hat, eine gewohnheitsmäßige Ablenkung auf ein gewisses
+Gebiet der Atmungstätigkeit erfährt. Gähnen heißt, das Gehirn von
+Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu
+gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der Überführung
+geistiger Spannkräfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung
+spült immer weiter über den lichten Strand des Bewußtseins, in dessen
+Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfläche wird
+immer trüber, und schließlich versinkt wie mit einem Schlage die
+Außenwelt vor seinen inneren und äußeren Blicken: er ist in ihr und hat
+doch kein Gefühl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der
+Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen
+eines eben noch strahlenden Glühkörpers, daß der Begriff des
+"Erlöschens" des Bewußtseins zu dem Treffendsten gehört, was unsere
+Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstäblich nehmen. _Die
+Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus)
+vermittelter Reflex_, den die Periodizität des täglichen Lichtwechsels
+durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich für
+die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einflüsse
+nervöser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete
+Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja
+eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, daß Schlaf
+durch Reizung der Hemmungsvorgänge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man
+hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese
+Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus
+des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslösbar durch die Maßnahmen der
+Hypnose: Streicheln über die Stirn und Augenlider, starres Fixieren,
+Kämmen, Wiegen, das gleichmäßige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen,
+die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften,
+suggestiven Abblendung des Bewußtseins auf einen einzigen Punkt, wodurch
+es natürlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird,
+rings um diese letzte Stelle des Bewußtseins ihr Zeltdach des Schlummers
+zusammenzuziehen. Eindämmung des Bewußtseins auf einen Punkt und
+Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, daß zum
+Einschlafen auch der feste Wille dazu gehört und daß Gewohnheit und
+Erziehung einen so erheblichen Einfluß haben. Man zwinge sich bei
+erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle
+den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der Überlegung, der
+Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er
+will rechts und links über die Zäune setzen--: dann wird es der Hemmung
+schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das
+süße Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschließlich
+der Mittel der Narkose--betäuben in gleicher Weise, sie lähmen die
+Gefäßnerven aktiv; und die Folge ist die Füllung der hemmenden Gespinste
+um die Ganglien und die Erzwingung der Unmöglichkeit ihrer gegenseitigen
+Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenuß. Der
+anfangs die Gefäße treffende Giftreiz verengt zunächst das Stromgebiet
+der hemmenden Zwischenschicht; der Anschluß der geistigen Verknüpfung
+der Ideen erfolgt zunächst mit deutlicher, gern gefühlter, die
+Lebenslust erhebender Leichtigkeit; über alle Höhen und Tiefen der
+Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der
+Gedanken; der Dümmste dünkt sich ungeheuer geistreich und traut sich
+Fähigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, daß er sie sein eigen nennt,
+wobei er oft sogar Kundige zu täuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber
+um so mehr Gewalt, je höher die Dosis steigt, sie engt wie beim
+Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewußtsein immer mehr ein,
+der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzählt
+dieselbe Geschichte fünfmal, zehnmal, murmelt schließlich immerfort
+dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen
+Schwärmers blutgefülltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltönende
+Harfe läßt dem Sägegeräusch des Schnarchens das Feld. Während aber bei
+diesen künstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht
+nur die obersten Schichten des Bewußtseins umfaßt, sondern auch ihre
+eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie
+um die anderer Formen von Bewußtsein schlägt, scheint uns für den
+physiologischen Schlaf charakteristisch, _daß eigentlich nur das
+Bewußtsein für Zeit und Ort, für Orientierung in der Umgebung
+und der betreffenden zeitlichen und örtlichen Situation fehlt_.
+Da der Schlafende im Traum sein Bewußtsein von sich selbst, den
+Begriff der Persönlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur
+orientierungsunfähig für das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so
+kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des
+Situationsbewußtseins; er ist die periodische Ausschaltung der
+Orientierung für die Umgebung, die Zurück- und Einziehung aller
+Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung
+wurzelt_. Alles übrige, sein Ich-Bewußtsein, seine Bewegungsfähigkeit,
+seine Phantasietätigkeit, seine Vorstellungssphäre, unterbewußtes
+Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert,
+als diese Funktionen ihren verstärkten Anstoß eben aus jenem
+Situationsbewußtsein zu ziehen gewöhnt sind. Wir verlassen für
+gewöhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar
+nichts wissen, wir greifen nach nichts über und um uns, weil wir nichts
+von dem "über und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle
+Muskeltätigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung
+beziehen, irgend etwas auf diese Bezügliches zu unternehmen. So weit
+aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden
+Bewußtsein des Traumes erregt werden können, bleibt ihre
+Beeinflußbarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der
+Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben,
+in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den
+verschiedenen Formen des gestörten, pathologischen Schlafes erkennen
+lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade
+die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkstätten besitzen,
+in mehr oder weniger großer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die
+feinere Art der Bewußtseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum
+etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der
+natürlich sehr erheblich durch Außenwelteinflüsse zu verändern ist. Der
+Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums,
+und seine größte Intensität fällt zusammen mit der Vollreife, was
+wiederum stark für meine Auffassung von der Aktivität des
+Schlafmechanismus sprechen dürfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist
+deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so
+ungeheuer die Ansätze von Ganglienzellen überwiegt; denken lernen, heißt
+eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgemäße Hemmung hineinwachsen und
+ihre Anschlüsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund,
+warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie
+in die Köpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas
+Selbstverständliches erfaßt werden; deshalb ist es auch für originelle
+Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen,
+wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunächst dreißig Jahre
+ins Grab zu legen. Es ist überall das Verhältnis von Ganglienaktion zur
+Aktivität der Hemmung, das Originalität, Intelligenz, Charakter, Genie,
+Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des
+Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige
+Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie Überanstrengung, Sorge,
+Überlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht,
+Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fällen die
+Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrückenden Hemmung widerstehen.
+
+Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone
+der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht müde zu sein, die
+glücklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine
+Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgeübten Kabel der
+Bewußtseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelmäßigkeit des
+Ein-und Ausschaltens von Bewußtsein und Schlaf selbst ohne jedes
+Ermüdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen,
+die Sinn für Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen
+freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflügler nicht einmal
+andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen
+die Ermüdungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine
+alte Weisheit, daß der Vormitternachtsschlaf der stärkendste ist. Weil
+wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist
+der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je näher der
+Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht
+liegt dem Scheiden der Sonne am nächsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und
+jede Stunde nach Mitternacht führt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz
+des Bewußtseins näher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder
+Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem
+Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glättung der
+erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er
+vermag Rätsel der Lösung nahe zu führen in wenigen Stunden, und oft
+steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette,
+wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrauß. Weinend legt der Knabe sich
+nieder, weil er die Lektion nicht bewältigen konnte, und morgens sagt er
+sie her, erstaunt und verblüfft ob der Heinzelmännchenarbeit, die über
+Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist,
+der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner
+inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Schönheit dem
+heißen Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden
+Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein
+weißes, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben
+die jüngsten Entwicklungsphasen des Bewußtseins sind, in denen das
+Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der
+Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme
+an alte Bahnen anschließt, so sind hier auch gleichsam die leicht
+verletzlichen, zartesten Blüten des Seelenlebens ausgebreitet. Das
+stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere
+Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel.
+Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und
+Kabelstation fertigbauen, den Schlußstein setzen, einen sammelnden
+Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mühsam
+vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so
+nötige Bewußtseinsverhüllung versagt! Was gibt es Fürchterlicheres als
+die Schlaflosigkeit, in der das geistige und körperliche Auge in die
+Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dämons annimmt? Dabei
+die Gedankenflucht hinter dem Schädel, diese springenden, jagenden und
+nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgültig sind und uns so gar
+nichts angehen, die sich aber unaufhörlich durcheinanderschieben,--diese
+grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat:
+Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die
+gereizten und zur Überfunktion gepeitschten Ganglienzellen schließlich
+alle Widerstände durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprünge
+im Geist, die geistigen Veitstänze beginnen.
+
+In der schonenden Hülle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der
+sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die
+der überwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime
+entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei
+Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und
+Haschischvertilger verschaffen sich künstlich diese Verschleierung des
+Bewußtseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewährt, nicht nur, weil
+es angenehm ist, die quälende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen,
+sondern auch, weil sie instinktiv fühlen, daß eine erhaltungsgemäße
+Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.
+
+Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und
+Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die
+atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der
+Ermüdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf
+gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vögel, die
+pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen
+mögliche Verschiebung des natürlichen Schlaftypus (alle Sorten
+Nachtwächter einbegriffen), sie alle werden verständlich, wenn wir sie
+betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die
+Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervöser Bahn
+nur zeitlich verstellt, soweit überhaupt noch ein Rhythmus erkennbar
+ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein
+herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz
+natürlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen
+wäre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt
+sein können.
+
+So ist der Schlaf also die Tätigkeit eines besonderen Organsystemes, der
+Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und
+Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der
+Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der
+Narkotika, gehorcht diese rätselhafte Funktion so lange, bis schließlich
+die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich
+einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint
+der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen läßt, wie unsere
+definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage
+wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier
+wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana für immer. Heute
+versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stückchen unter die
+Oberfläche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die
+kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt
+auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen
+und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir
+Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine
+Sphäre gleichsam früherer Daseinsepochen zurückgezogen, sowohl unseres
+persönlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben
+minus Situationsbewußtsein und ohne die Fähigkeit, die Umgebung logisch
+mit unserem Geiste zu verknüpfen. Das gibt unserer Phantasie die
+Möglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewußten Tierlebens
+vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der
+Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in späteren Geschlechtern
+vielleicht zu noch höheren, wundervollen Bewußtseinsformen weiter
+sprengen werden.
+
+
+II.
+
+Wenn es richtig ist, daß im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres
+Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Außenwelt
+greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos,
+schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewußtsein der Stellung des Ichs
+in der umgebenden Welt der Realitäten ist, das aus der Reihe psychischer
+Bewegungen im Schlafe entfällt, so ist es begreiflich, daß alle noch in
+der übrigen Sphäre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der
+Phantasie ihren Reigen führen müssen. Schon wenn im Wachen jemand die
+Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach
+innen kehrt und sich nicht entschließen kann, Rinnsteine, Laternenpfähle
+und Mitmenschen für Realitäten zu halten, wenn Dichter und Denker uns
+begegnen, das Auge für den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze
+Energie gleichsam zum Wachedienst für das ewige Feuer der Vestalin nach
+innen gepreßt, so sagen wir ja wie Josephs Brüder: "Seht, da kommt der
+Träumer!" Die Seele hat eben zwei große Orgelregisterzüge: "Real" und
+"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander
+Harmonien geben, so schön sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des
+Daseins färben. Wenn die mehr oder minder ausgeprägte Schnelligkeit der
+Leitungsanschlüsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die
+unwillkürliche Zähigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von
+Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register
+"Gemüt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener
+andern Fähigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen
+Orientierungs-und Anpassungskraft für die Umgebung. Hat doch unstreitig
+die halb unbewußte Tätigkeit des Künstlers, das Versinken der Welt um
+ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf
+den echten Künstler die Realitäten des Lebens erst recht intensiv
+wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang
+sieht, gleichsam durchglüht von dem Lichte seiner inneren
+Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dünkt ihn ein
+Beweisstück für die Idee einer Schönheit, die durch ihn Gestalt gewann.
+Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert
+lebhaften Kinderaugen betrachtete Bestätigungen seines inneren Traumes.
+Wenn aber auch die von Musen nie geküßte Stirn eines Bankiers im Wachen
+keine anderen Bestätigungen seiner Idee sucht, als daß gerade seine
+Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht
+ihn dennoch zum Dichter, er löst ihn sanft von seinen begehrlichen
+Sinnen, und wenn er nun dennoch träumt von Dividenden, Giro und Diskont,
+so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines
+Bangens auf eine Bühne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist.
+Wie aber ist es überhaupt möglich, daß vor unserem Traumesblick ein
+Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch
+die Sinne, die diese Realitäten übermitteln, in Hemmung sind? Nun, die
+Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wären nicht
+denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen sämtlich auch in umgekehrter
+Richtung schwingen könnten, wie das die Physiologie unwiderleglich
+festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer
+Schwingungsfigur übermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem
+Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslöst, so kann
+umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis
+rückwärts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir
+"Pferd" zu nennen übereingekommen sind, unserer Phantasie in voller
+Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst
+bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realität der Umgebung ungestört
+zum Gehirne geleitet werden, so daß wir schwören können, wir sind im
+Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gestörte und verwirkte
+Traummechanik von rückwärts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor
+meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen
+halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trüben und
+erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren
+Wahrnehmungen für wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber
+natürlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder
+immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere
+Stütze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der
+kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fähigkeit habe, die
+rückwärts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der
+Wirklichkeit am Maßstab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine
+Logik in den Lüften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln
+gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die
+Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der
+uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tür und vom Bellen
+des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen
+Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu öffnen, die
+Hemmung zu überwinden, wodurch wir wach würden, so springt er nach dem
+Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten
+Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewußtseins ab, wie eine
+Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen
+Ganglienschicht in andere Empfindungskräfte umgesetzt (transformiert)
+werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmännchen
+über die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der
+Phantasie. So wird ein Geräusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug,
+ja ein überfüllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in
+irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von
+allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten
+Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergrößerung der wahrgenommenen
+Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schuß, das Rücken eines Stuhles
+zum Donner. Da das Gefühl meiner Persönlichkeit, mein "Ich"-Bewußtsein
+gar nicht mehr direkt abhängt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito,
+ergo sum), sondern bis tief in die unterbewußten Schichten hinabreicht,
+bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch für
+mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so
+ist verständlich, daß der Persönlichkeitsbegriff mit allen möglichen
+halluzinatorischen Traumbildern verknüpft werden kann: man fühlt sich
+und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt,
+als Leiche aufgebahrt, als König oder Bettler, als Engel oder Teufel.
+Das doppelte Bewußtsein erklärt sich leicht aus dieser wechselnden
+Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemäßer Seelenerregungen. Man hat
+im Traum durch phantasiegemäße Assoziationen vom Ich mit Muskelgefühlen
+und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fähigkeiten, die uns fliegen lassen,
+schwebend durch den Äther und die Luft, die uns Probleme spielend lösen
+lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein
+Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, löst sich die neue Kunst, die
+Problemlösung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne
+die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene
+Barriere der Schlafhemmung in die Höhe steigt.
+
+Man kann aber doch die Möglichkeit nicht ganz bestreiten, daß manche
+Menschen Verse, Lösungen von Rätseln, Pläne usw. unmittelbar so
+niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben
+glaubten; denn es ist ja keine Frage, daß der Traum Erinnerungen
+hinterläßt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir träumte
+einst, ich sei ein großer König", gelegentlich wohl ein wenig flunkern.
+Übrigens ist es wegen der Abschließung der Gegenwart, die uns zeitlich
+und räumlich umflutet, charakteristisch, daß wir den Schauplatz unserer
+Träume so oft in die Vergangenheit verlegen müssen, wenn wir überhaupt
+Spuren eines Gefühles für Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten;
+wir sehen uns daher fast stets jünger, als wir sind, oft direkt als
+Kinder, Angehörige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als
+Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten
+und Räumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch,
+ob jemand sagen könnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher
+geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen
+Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der
+Gegenwartsempfindung untrennbar gehört. Sich zeitlich oder örtlich
+orientieren, heißt eben, rückwärts tasten aus der kontrollierbaren
+Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit
+oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht nötig, mit Zeit und Raum sich
+abzuquälen; darum hat sie auch etwas Göttliches an sich. Unstreitig
+haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand
+genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen
+anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlägt
+uns meistens die ergänzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen,
+denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende
+Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und
+namentlich bei Traumerzählungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine
+Künstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Träume werden
+oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch,
+seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfräulein
+von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. Übrigens hat man
+beim Traumerzählen auch ein Gefühl der heiligen Scheu; man sieht
+Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit
+der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit
+etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne
+außer dem inneren Sehvermögen betrifft, im Traume ziemlich geräuschlos
+zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls über
+Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume
+deutlicher, als wir hören, riechen, schmecken, fühlen. Ja "die Stimme,
+die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen häufiger als im
+wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen
+phantastischer Gebilde sind häufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen
+vieler Träume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehörs- oder
+Gefühlswahrnehmung stattfinden müßte. Sehr viele Träume schließen wie
+das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit
+einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft
+sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt
+gerade müßte der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und
+transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, daß im Schlafe tatsächlich
+eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der
+Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzüngelt,
+zerreißt er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das
+Gefühl davon, daß auch der Phantasie eine Fesselung nach rückwärts
+geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft
+etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision
+von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal
+betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten,
+womöglich vor der Französischen Akademie, einer feierlichen Versammlung,
+und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir können ja
+nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten
+Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die
+man von der Sache behält, erblicke ich den stärksten psychologischen
+Beweis für die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphäre des
+Situationsbewußtseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, daß im
+erneuten Traume das Bewußtsein früherer Traumphantasien, ja
+schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne
+logische Assoziation hat eben ihr Bewußtsein für sich. So erklärt es
+sich, daß Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedächtnis gerufen
+werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber
+emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewußtsein des Gegenwärtigen, des
+sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewußtseins
+sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fähigkeit, morgens zu
+einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehört zu den verbreitetsten Formen
+eines doppelten Bewußtseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den
+Sphären unseres Zeitbewußtseins langt pünktlich zur Sekunde an die
+Einschaltung des Bewußtseins: so weit geht die Automatie, der
+Selbstwille unserer Ganglien, daß sie ohne Zutun des Gesamtbewußtseins
+Zeitbegriffe übermitteln.
+
+Beim Suchen der näheren Ursache des Träumens finden wir, daß durchaus
+nicht gerade die Dinge, die den Tag über den stärksten Eindruck auf uns
+gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so
+verbreitet auch diese Ansicht sein dürfte. Denn das, was uns tiefsten
+Schmerz oder höchstes Glück für die Seele gebracht hat, wird nicht
+direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden
+ebensowenig wie Worte oder Lieder Träume. Es kann im Gegenteil ein
+jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen,
+daß dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flüchtig gestreift
+hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehört im
+Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit
+fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafür gibt es eine
+sehr plausible Erklärung. Die tiefgreifenden, erschütternden
+Sensationen, die uns das Schicksal sendet, während wir wachen, verlangen
+mit starkem psychischem Äquivalent fast augenblicklich einen seelischen
+Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange
+nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust
+im Sturm und rüttelt an den Säulen und Gewölben unseres ganzen Wesens.
+Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grübeln vorbereitet, oft
+ungestüm, wie mit explosiver Gewalt ausgelöst, gibt den psychischem
+Insult an die Außenwelt zurück, oder, wo mit lähmender Gewalt das
+schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die
+Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewühlter Wellen
+gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze,
+abgerissene Träume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid
+sah. Es ist keine Möglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der
+Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken
+und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft
+übernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu
+sehr mitten in der Welt der Realität, als daß die Seele unter Hemmung
+der Realität im Schlafe sich mit ihm befassen könnte. Mich fragte einst
+ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint
+mir Mutter nie im Traum?" Und Väter, die ihre ganze Hoffnung begruben,
+sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt
+des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer wühlende Schmerz
+verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie
+mild von der Natur, daß nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den
+kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gönnt, bis der Tag zum
+Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mörder träumt nicht von seiner Tat; und
+das liegt nicht nur an seiner Gemütsroheit, sondern hat allgemein
+psychomechanische Gründe. Was im Brausen des Tages aber an flüchtigen
+Eindrücken vorüberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das
+verfängt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des
+Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und läßt uns erkennen, wie
+bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur
+weder Klein noch Groß, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch für
+unsere Seele, und was das Bewußtsein nicht registriert, das ist deshalb
+doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum
+einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des
+Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der
+Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst
+empor und beginnt mit dem Wind nächtlichen Reigen. Das Traummotiv ist
+wie eine vergessene Goldmünze im Portemonnaie des Studenten; so lange es
+gefüllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte,
+nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude über ihren
+ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekräftigen,
+dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, daß sie
+"immer", die "ganze" Nacht, davon träumen müßten, so ist das meist eine
+sentimentale Lüge: man träumt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon,
+was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der
+Straße der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas
+Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich.
+Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedächtnis, plötzlich,
+unvermutet, verblüffend ein. So taucht plötzlich beim Kartenspiel unsere
+liebe Großmutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten
+Dendron" begießt, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie
+stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die
+gleichen willkürlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien
+zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und
+in beiden Fällen sind es Nebenströme, induzierte elektrische Ströme, wie
+die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen
+gruppierenden Funken springen da über, wo sie den geringsten Widerstand
+finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewußt
+gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schläft, abhängig ist.
+Ich war einst in einer Versammlung von Ärzten, und wir sprachen vom
+Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten
+Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, daß alle schon
+davon geträumt haben würden, nur die nicht, die einmal durchgefallen
+seien, und zur großen Verblüffung aller waren zwei, die nie jenen Traum
+gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklärung ist
+einfach. Das vielgequälte Primanergehirn erhält eine Examensfurche von
+Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der
+Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange
+Spannung. Ist man aber regulär durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr
+da; die Lösung war betrübend zwar, aber logisch, den psychischen
+Ausgleich hat das Leben selbst übernommen. Daraus können wir entnehmen,
+daß erstens psychische Erwartungsspannungen länger haften als gehabte
+Freude oder Schmerz und daß zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung
+hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur
+Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche
+Gemütserregungen, wenn überhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem
+Eintritt als Traummotive wieder: sie müssen erst abklingen, erst
+untersinken auf den Grund des Bewußtseins und gleichen dann eben den
+übertönten Motiven, über die das tägliche Leben rücksichtslos
+dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertönen
+in der Musik, man hört sie über dem Pianoton deutlicher als im Forte.
+Auch der erwähnte Examenstraum taucht erst lange nach überstandenem
+Examen auf. Sonderbar ist, daß manche Menschen periodische
+Wiederholungen bestimmter Arten von Träumen erleben; sie träumen eine
+Zeitlang immer dasselbe. Das hängt wohl mit periodischen Störungen der
+Körperorgane, die nächtlich gleiche oder ähnliche Stromschwankungen in
+der Seele auslösen, zusammen.
+
+Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in
+der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen
+Geschehens hält. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestörtem
+Schlafe leicht auch die unterbewußte Spannung im Bestreben, restlose
+Äquivalente zu schaffen, auf das muskuläre Gebiet überzuzucken,
+eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewußten
+Muskeltätigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaßen
+Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung
+der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphäre der Phantasie
+Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser
+ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und
+Erregbarkeit des Außenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter
+vermögen auch Funken auf Muskeldrähte überzuspringen. So sehen wir
+Träumende lächeln, ja, wir hören sie lachen; sie weinen, sie stöhnen,
+sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst
+Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur
+die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf über eine ideelle Wand,
+die senkrecht zur Erdoberfläche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber
+erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fühlbaren Ruck aller,
+namentlich der Rückenmuskeln,--dem Schluß irgendeines geträumten
+Absturzes aus großer Höhe. Ist es nicht sonderbar, daß dieses
+Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und
+logisch konsequent der natürliche Schluß eines bestimmten Traumes ist?
+Die schlagartige Muskelzuckung paßt ganz genau in das Traumesereignis.
+Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner
+Meinung nach eine interessante psychische Täuschung vor, die für viele
+Träume charakteristisch sein dürfte. In Wirklichkeit liegen nämlich die
+Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit
+zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewußtseinswahrnehmung liegt
+die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich
+vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden
+Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der
+Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische
+Vorgang, der beide auslöst. In dem Augenblick, in dem die Überladung der
+psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreißt,
+wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der
+Seele zurückgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von
+jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbüschel kann über
+den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das
+Wetterleuchten über den Abendhimmel. Wie viel Bilder können da entstehen
+in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstürzende
+in den wenigen Sekunden des Falles, während dessen in einer Art
+hypnotischer Lähmung des Hemmungsapparates alle Drähte unbesetzt sind,
+ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu
+denen die Bergkraxelei, diese bewußten Selbstexperimente über Absturz
+und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger
+bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in
+Gletscherspalten bemühen. Man kann als sicher annehmen, daß auf diesem
+Mechanismus des "Traumblitzes" während der Sekunde des halbbewußten
+Erwachens gut die Hälfte aller Träume beruhe. Ich erinnere mich eines
+langen Schülertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weißgekleidete
+Jungfrauen und weiße Thronhimmel eine große Rolle spielten; und als ich,
+von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstürzte und
+aufwachte, sah ich am Fenster eine Krähe den dichten Schnee verstäuben.
+Damals hielt ich das für ein merkwürdiges Problem--den Raben, das Weiß
+im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, daß die
+Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen
+Schnee und die Krähe, und beide wurden das Motiv eines Traummärchens.
+
+Wird der Außenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten
+Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die
+Willensimpulse und ihre Muskelanschlüsse unter Überspringen der
+Bewußtsein vermittelnden Zonen übergeleitet, so entsteht jene
+eigentümliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der
+Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und
+lockt und trügt die besonders empfängliche Seele des Schläfers. Der Mond
+suggeriert ihm gewissermaßen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die
+Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der
+Umgebung, ist völlig übersprungen von den betrügerischen Mondstrahlen
+und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfähigkeit das
+Bewußtsein für Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen während des
+Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln
+fühlt, das heißt: die Orientierung allein dem Muskelgefühl überläßt. In
+gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer über gefährdete
+Stellen; aber sie können nicht mehr als andere, weder an Wänden
+hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei
+ihnen mit der Orientierung für den Moment auch das Bewußtsein der Gefahr
+ausgeschaltet, und es mag schon sein, daß ein Somnambuler, der im
+Fenster sitzt, angerufen und plötzlich die Situation wahrnehmend, im
+ersten lähmenden Schreck herabstürzt; meist aber kriechen sie mit einem
+charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schämten sie sich, so
+monddumm gewesen zu sein, zurück in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach
+kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die größere Sicherheit der
+unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der
+Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosität der
+Künstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung
+verwirrt werden. Der produzierende Künstler gleicht in etwas den
+Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die
+Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.
+
+Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in
+seiner Selbstbiographie über sein Erwachen aus somnambulischen
+Promenaden, zu denen ihn zeitweilige Überarbeitung disponierte, in dem
+Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den
+Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife
+neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hübsches Beispiel dafür, daß
+im unruhigen Schlaf Sinneseindrücke geleitet werden können, ohne dem
+Bewußtsein assoziiert zu werden. Daß geistige Arbeit aber den Schlaf
+unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie überreizt die
+Ganglienaktion gegenüber der Hemmung, daher ist bei Nervösen oft kurz
+vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der
+Entladung des Gehirnes von überschüssiger Spannkraft, die die sich
+zusammenziehende Hemmung auspreßt: ein Analogon zum Gähnen und Strecken
+vor dem Einschlafen. Halten wir die Fähigkeit, uns an Träume zu
+erinnern, zusammen mit der Tatsache, daß im Traum so leicht etwas vor
+dem ungestörten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen
+wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung für die Zukunft
+kam. Wir haben ein Gefühl dafür, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen
+der Phantasietätigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften
+Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des
+Erlebten übermitteln das Gefühl des schon Vergangenen. Wie ja
+perspektivisch unser Auge sich auch gewöhnt hat, das Kleine fern, das
+Große nah zu deuten, so verknüpfen wir mit dem Gefühl leichten,
+ungehinderten Anschlußrhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene;
+mit der Empfindung des Anschlußwiderstandes aber das Problematische,
+Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund,
+warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen"
+erscheinen: der durchlebte Moment schließt frühere Traumesbilder in
+leichtem, flüssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an,
+und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel
+vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen
+um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehören.
+
+Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefühlte Traumbild legt
+uns aber das Gefühl einer Lösung in der Zukunft nahe. So sind wir alle
+mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei für
+möglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen
+Charakter an sich, und wenn die Ähnlichkeit, die der Vergleich eines
+Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur äußerlich
+ist, so ist das Unterbewußtsein, d.h. die Form des Bewußtseins unterhalb
+der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst
+entdecktes Gebiet, als daß sich hier gewisse wunderbare psychische
+Tatsachen so ganz von der Hand weisen ließen. Der Spiritismus und
+Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug,
+Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, daß aus dem Chaos der
+Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie
+herauskristallisiert hat; möglich doch, daß aus dem Nebel des
+Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen.
+Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung für wunderbare
+Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens für unwert
+halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der
+Kathederdogmatismus wäre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die
+X-Strahlenwahrheit _Röntgens_ zuerst in spiritistischen Händen gewesen
+wäre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder
+Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam
+gewesen sein könnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht
+der Beobachtung zu rücken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder
+Zeit die Unbegreiflichkeiten größer sein werden als die Summe dessen,
+was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem
+Bannfluch der Verachtung und Lächerlichkeit. Man braucht nicht an das
+Traumbüchlein für zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und
+kann doch meinen, daß in der Seele Mechanismen tätig sind, von denen
+wir vorläufig gar nichts aussagen können, weil hier vielleicht ganz
+unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht
+der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Könnte
+man die Zahl der nicht erfüllten Träume mit in Anschlag bringen,
+so würde vielleicht die Zahl der "Erfüllungen" in ein mit den
+Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhältnis
+zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen
+Vorbedeutungen, von der leisesten Ähnlichkeit ein großes Geschrei
+gemacht, während von den Millionen Träumen ohne jede Erfüllung in der
+Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein
+scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung
+haben für das Problematische und Wunderbare selbst des Alltäglichen; für
+die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollständig die Erklärung.
+
+So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die
+Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare
+Gesetzmäßigkeiten, wenn sie auch vorläufig nur der logischen Hypothese
+und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewußt, daß die von mir
+versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der
+Probleme aufzulösen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden
+und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Möglich sogar,
+daß dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurückführung
+auf einfachere, erfahrungsgemäße Mechanismen durch Analogieschlüsse, es
+ist sogar denkbar, daß der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie über
+rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als
+Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch:
+er weiß, daß mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht
+erklärt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten
+hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt
+umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese
+Feststellung einfachster Gesetzmäßigkeiten keinen Abbruch tun. Die
+Schönheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch
+Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Wir bestreiten niemand
+das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen
+Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede
+Behandlungsweise zu vertragen.
+
+Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die
+Anerkennung der menschlichen Unzulänglichkeit gegenüber den letzten,
+entscheidenden Rätseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach
+dem Maß der Ehrfurcht, deren er fähig ist, im Angesicht der Erhabenheit
+und der rings vorhandenen Wunder der Welt.
+
+
+
+
+UNTERBEWUSSTSEIN
+
+
+Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dämmernde Ahnung von Dingen
+in uns, für die wir noch keinen Namen haben, ein Gefühl für
+geheimnisvoll schwebende Schatten, für etwas dämonisch in uns
+Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen können! Ein Sammelwort für
+alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht
+Zugängliche, für etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!
+
+Denn wie sollte mit bewußten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen
+und deuten können, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewußtseins
+liegt? Woher nähme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes
+hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen
+Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen
+Vorgänge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz
+unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: daß unser
+seelischer Apparat, während seine Millionen kleinster Spulen, Räder und
+Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein
+Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und
+über sich aussagen kann! Könnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt
+werden, während den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen
+vor uns ausgespannten Schmetterling, so wäre jeder Versuch zur
+Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgänge, auch der
+einfachsten, ein vergebliches Bemühen, denn ich kann meinem Nachbarn
+nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines
+seelischen Geschehens, und könnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen
+Nervensträngen zu empfinden, so vermöchte ich nicht das wirre Bild der
+Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele,
+das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender
+Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in
+mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flüchtigen Spiel der Sinne
+etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmäßiges, Rhythmisches
+abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewußtsein:
+diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbäumende
+Macht, die uns schwanken läßt auf dem geraden Pfad unseres gewollten
+Wegs, die plötzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer
+Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet
+in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrückt, wieder und
+wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den
+aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend,
+lauernd, bedrängend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos
+rätselhafter Ziele, unerhörter Torheiten, nie gefühlter Versuchungen!
+Das ist der sinnlose Drang, hinabzustürzen von den hohen Zinnen eines
+Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfüber zu versinken in den
+grünen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Füßen, dieser
+Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung
+und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schönsten Balladen, "Der
+Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen
+Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen
+gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die
+Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe
+dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der
+Zeit, nicht zu übersehen, daß es auch einen Selbstvernichtungstrieb
+gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten
+instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mücke ins Licht, was
+den Mörder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vögel an die
+Leuchttürme, an deren Kuppel die zarten Schädel zerschellen? Was sind
+die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelüste
+anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung
+mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer
+hätte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen
+und Nicht-Dürfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gespürt und
+sich deshalb schon nicht selbst gehaßt und sich gefürchtet vor dem
+Anderen, dem feindlich tückischen, zum Untergang lockenden Gesellen in
+uns?
+
+Woher stammt dieses Zweiheitsgefühl in unserem einheitlichen Organismus?
+_Ich meine, es ist der psychische Gefühlsausdruck für eine ganz
+offenbare anatomische und physiologische Tatsache._
+
+Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren
+im Prinzip gegensätzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann
+ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgängen der Ein- und
+Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestände
+nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die
+Assoziationen (Ideenverknüpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so
+müßte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden
+kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewußtseins hin- und
+herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als
+Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium
+ohnmächtiger Bewußtlosigkeit den Ärzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch
+das räumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald
+dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_
+freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden
+Saftdruck der Blutflüssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und
+Rückenmarks, können wir zu einem Gefühl der intensiven Einstellung der
+Objekte kommen, einem Gefühl, welches wir Konzentration unserer Gedanken
+auf einen Punkt, bewußte Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich
+schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen
+und handeln, in Wirklichkeit schaffen Außenwelt und Innenreize die
+Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelöst
+werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefühl, er ist
+nichts als eine Gefühlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit,
+objektiv ist das "Außer uns" stets bestimmend für das "In uns", denn
+selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die konträre Reaktion auf
+eine Einwirkung ist doch immer von außen erzwungen. Der Gedanke gehorcht
+also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem
+durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente
+solche Hemmungslücken, welche den elektroiden Anschluß erst ermöglichen,
+entstehen. Je schwächer nämlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto
+leichter findet ein Schluß im Sinne der Elektrizität statt. Diese
+Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindämmende (isolierende)
+Blutflüssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders für diese
+Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem
+entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventätigkeit, dem
+sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde,
+d.h. befähigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom
+Automaten) zu antworten vermöge innerer Molekularbewegung, da empfing
+sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig
+rätselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Höhen
+organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervöser Differenzierung in
+der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt
+hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd,
+war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher später mit seinen
+Ranken alle Blutgefäße, alle Organzellen, alle Kanäle umspinnt und
+durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslösend, die Welle des Blutes
+durch ringförmige Zusammenziehung der Äderchen fortschiebend in
+rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhüllen mit
+Hemmungssäften umspült, das Durchlassen von elektroiden Funken
+gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstärkung des Hemmungssaftes
+vom Blutadersystem aus absperrend.
+
+Alle Außenweltsreize wirken zunächst auf diesen Herrn des Lebens, von
+dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag
+uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventätigkeit
+sind es allein Ernährungs-, bzw. Stoffwechselvorgänge, welche dem
+Problem der Seelentätigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration
+zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der
+Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stückchens Papier,
+das ihn überführt, ohnmächtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel,
+wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen,
+den er vielleicht liebte, im Affekt erwürgt oder erschlägt? Wo ist der
+Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das
+blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren muß (ein rührender Versuch des
+Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schützen)? Das alles sind
+Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgänge Analogien finden,
+und deren Übermittler, ursprünglich der Ahne allen Gefühls, von den
+Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe
+aber nicht direkt Nervenströme ein- und ausschalten kann, weil er
+anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so
+ist im Blutgefäßsystem des Gehirns und Rückenmarks ein äußerst labiler,
+saftförmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im
+Anschluß an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend,
+wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenstätigkeiten frei
+macht oder hemmt.
+
+
+Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weißliche Gebilde mit
+der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser
+zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine,
+in welchem noch vor kurzem das zarteste Flügelwesen, Psyche, ihren
+Wohnsitz gehabt haben soll, so überkommt uns ein ehrfurchtsvoller
+Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen
+letztes Geheimnis, die Persönlichkeit. Und doch kündet seine träge,
+kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drängt sich der unabweisbare
+Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchfloß, war es Seele, tot ist es
+Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem
+Spiel gespenstiger, huschender Flüstergeister in seinen Gewölben, Höhlen
+und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele
+war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Faßbares, Zuständliches,
+Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend
+und unwiederbringlich aufsteigend in die Lüfte, ein Spiel der Kräfte,
+ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich
+hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstücken oder
+zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns
+in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem
+wir keine Antwort entreißen. Das geistige Band für ihre tausend Teile
+ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefühlten
+Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu
+Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das
+Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rückenmark. Wir
+bezweifeln auch, daß es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der
+Herdfunktionen einzelner Seelentätigkeiten an ganz bestimmten Stellen
+des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile
+bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so
+beweist das noch nicht, daß an den getroffenen Stellen allein die
+spezifische Fähigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist überall
+in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn seßhaft. Beispielsweise
+kann die Entfernung der Schilddrüse mit konstanter Sicherheit den
+Getroffenen seelenlos machen. Andererseits können beträchtliche Mengen
+von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne daß der Persönlichkeit, dem
+Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen
+Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun
+gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ für den Sitz der gesamten
+seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele,
+und die Pflanzen beweisen, daß es nervöse Funktionen gibt, bei denen es
+seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspüren. Eins aber ist das
+Gehirn ganz gewiß: es ist der Träger alles dessen, was wir Bewußtsein
+nennen, in seiner Wölbung hat die ganze Außen- und Innenwelt ihre
+symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und außer
+uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei
+besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wärme wird, so bildet
+es den großen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen
+Reize in psychische. Hier entspricht jedem körperlichen Dinge sein
+psychisches Korrelat, jedes physische Äquivalent hat auch ein
+psychisches! So ist von der Welt außer uns gleichsam in uns ein hin- und
+herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine
+Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht
+ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt
+an, daß sich diese Fähigkeit, die Welt in uns in einem Symbole
+aufleuchten zu lassen, erst allmählich entwickelt hat und immer noch in
+Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen
+Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkörnchen
+zusammenzuziehen, lernen müssen, sich zu bewegen, in besonders dazu
+entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen
+neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hören, sich zu
+orientieren in der Umgebung usw. Was früher den alleinigen Inhalt des
+Bewußtseins ausmachte, wird dann später immer automatisch, unbewußt, und
+die höchsten Staffeln des Bewußtseins sind danach jedesmal auf dem Wege
+zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprünglich tastenden,
+gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jüngsten
+Keime des Gehirns sind allmählich als fixierte, unverrückbare, nur von
+den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fähigkeiten dem Bestand
+des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerückt,
+unbewußt, instinktiv, erhaltungsgemäß, unabänderlich eingestellt,
+und der Kreis des Bewußtseins ist jedesmal diejenige Sphäre
+unseres Orientierungsvermögens gewesen, welche zugleich auch die
+entwicklungsgeschichtlich jüngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.
+
+So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefühls
+des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklüfteten, Zusammengesetzten in
+unserer Seele.
+
+Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgänge,
+hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfähige,
+ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung
+wechselnde Tätigkeit, die eng verknüpft ist mit der sogenannten bewußten
+Willenssphäre, und zweitens eine festgefügte, nicht mehr wechselnd in
+willkürlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete,
+definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also
+überkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes
+peripheres Nervensystem, der nach außen gestülpte Teil des Gehirns,
+fähig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur
+Ortsveränderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, daß wir
+vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervösen Ausbreitungen im
+Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden
+Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil
+bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.
+
+_Bewußtsein nenne ich somit den Gefühlskomplex, welchen die Summe aller
+Außen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervösen Registrier- und
+Orientierungsapparate ausübt._ Wie es kommt, daß ein Außen- oder
+Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefühl auslöst, bzw. sich
+in Gefühl transformiert--diese Frage enthält freilich das letzte,
+vielleicht unlösbare Mysterium der Seele. Wir müssen uns damit begnügen,
+es als Tatsache hinzunehmen, daß bei der Berührung das Eis kalt und das
+Feuer heiß ist. Gefühl ist eben die Fähigkeit, zu differenzieren,
+Unterschiede von der allergrößten Feinheit zu registrieren. Unsere
+gegenseitige Verständigung wird nur durch die Konvention der Sprache,
+durch immer gleiche Symbolverwendung für gleiche Empfindungen
+gewohnheits- und nachahmungsgemäß ermöglicht. Wir setzen also das
+Lautsymbol für ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch
+mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten.
+So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgemäß mit einem
+Symbol registrieren können: _bewußt_. Das Bewußtsein ist darum in
+demjenigen Teile unserer Nerventätigkeit enthalten, der sich in
+dauerndem Kontrollzustand gegenüber allen das Nervensystem treffenden
+Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mögen sie
+von außen oder innen stammen, löst in uns ein Allgemeingefühl der
+Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervösen
+Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefähigkeit
+gegenüber allen Strahlungen, in welche unser Ich gerät, nennen wir
+gewohnheitsgemäß _Bewußtsein_, nicht anders als wie wir den blauen
+Lichtreflex über uns Himmelsgewölbe, den Rand unseres Sehkreises
+Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und
+ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden
+Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kräfte den Strom
+der Seele um die Widerstände dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um
+seine Felsenwiderstände windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern
+aufsprühend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben
+sich: Reize, die von außerhalb, und Reize, die von innerhalb des
+Organismus stammen.
+
+Es stehen sich also in unserer Seele zwei große Gebiete verschiedener
+Nervenaktionen gegenüber: die eine, welche in völliger Automatie ohne
+unsern bewußten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen
+atmen, die Därme sich bewegen, die Drüsen arbeiten, die Saftströme
+fließen und den intimen Stoffwechsel an ungezählten Arbeitsstellen sich
+vollziehen heißt, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend,
+orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die
+eine in definitiv gehemmten, ein für allemal regulierten Bahnen ohne
+Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich
+vergreifend, irrend, tastend, das Gefühl des Gewollten und Bewußten
+auslösend. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung
+entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres
+dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewußt._
+
+
+Was wohl für Träume kommen mögen--aus diesen dunklen Wäldern, Schluchten
+und Höhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die
+Bildung ihrer typischen Formation unzähligen Geschlechtern, einer
+endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvätern und Keimgebilden
+verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die
+Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie
+auch zugeben sollte, daß durch dieses Jahrmillionen alte Weben und
+Werden des Lebens ihm nichts von seiner Übersinnlichkeit und
+Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen,
+die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und
+sterben mußten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine
+instinktiven Fähigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf
+mich und mein Keimplasma ausmündender Vorübungen und Vorbildungen waren,
+so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles
+dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns
+geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jüngsten Sprossen an
+einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus
+der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am
+Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus
+fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner,
+fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es
+grade unser Säkulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit
+rätselhaftem Gefühl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhängnisses!
+Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schädels,
+meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in
+meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein
+so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht
+bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht
+sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die
+Ähnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso großen Gehalt an
+funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung
+in sich verbergen. Werden doch Menschen ähnlich im Gesichtsausdruck, die
+lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur
+funktionell entstanden sein!
+
+So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den
+festen Knollen, Strängen und Hügeln auf der Tiefe des Gehirns, in der
+Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende
+Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden
+hüllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester,
+wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und während
+der Griffel des Anatomen sich vergeblich müht, die Rinde mit ihrem,
+einem System aneinandergepreßter Schläuche mit Furchen und Windungen
+vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die
+Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefügte Architektur zu
+finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabänderlichen Überkommenen der
+hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulären
+Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fähigkeiten. Und nun
+ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die
+geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphären des Gehirns gegenüber den
+geformten Wülsten der Basis! Dort ein weichlicher, weißlich-grauer Brei
+ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und
+Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszöne Vergleichungen mit allen
+möglichen, präzisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der
+Wölbung der Kuppe waltet Willkür, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach
+Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefügt das
+Unabänderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den
+anatomischen Ausdruck für das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele!
+Ein Teil, der des bewußten Seins, strebt vorwärts, kühn bis zur
+Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhörten, der genialen Assoziation
+entgegen, und ein anderer konservativer Teil reißt uns stets zurück in
+die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns
+steckt ein Neuerer und ein Reaktionär, beide miteinander oft in wütendem
+Kampf. Hier reißt das Genie sich los von seiner Neugeburt nie
+dagewesener Assoziationen, denen ganz gewiß neue Hirnsprossen in der
+typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden
+Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und stürmt
+dahin ohne Rücksicht auf den Bestand des Überlieferten; ihn kümmert
+nicht das Fundament, mit Füßen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen
+danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte
+Kraft seines wohlgegründeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft
+gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betäubung.
+Der Bauer in ihnen lockt mit der Möglichkeit, auch einmal künstlich ein
+Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenfülle zu
+entrinnen, wenn auch nur für kurze Zeit. Das Behagen, mit süßem Gift die
+vorwärts drängenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu
+oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender
+Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in
+seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene
+Faust, losgelöst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph
+des aufwärts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine
+krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen
+die Herrschaft über den Bestand des geistigen Erbes von Generationen
+erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist
+wirklich die Persönlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und
+Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wünschen
+muß--das ist der kräftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder,
+meinethalb direkt bäuerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine
+lebenerhaltende Faust dämpfend und mäßigend auf die zarten, jungen
+Triebe neuer, nie geahnter Gedankenübermittler legt, damit sie ruhig
+gedeihen und blühen und eine ganze Menschheit beglücken! Wie konnte man
+je daran denken, Genie und Wahnsinn Brüder zu nennen! wie jemals das
+erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch
+die alle Nachkommenden hindurch müssen, wie durch ein neues Kanaan, das
+ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung,
+welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der
+Lebensunfähigkeit in sich trägt! Nur, weil das unterbewußte System auch
+im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim
+Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.
+
+Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig für den
+Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis für alle
+Scheinneuerungen und genialen Irrtümer. Nicht umsonst war der Philister
+einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten
+das einfache Verhältnis bewußter und unterbewußter Seelenfunktionen. Am
+dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide
+Systeme einander zu beeinflussen vermögen. In ihren Funktionen
+gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Möglichkeit
+einer unvorhergesehenen, plötzlichen Entladung von einem Gebiet in das
+andere, können beide Systeme getrennt ungestört ihren Dienst tun, bis
+die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß
+gerade Störungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des
+unterbewußten Gangliensystems Beziehungen haben zu plötzlichen,
+reflexähnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, daß erbliche
+Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwäche der
+eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen
+Ganglienapparate haben kann, dergestalt, daß Kurzschlüsse elektroider
+Spannungen hier plötzliches Überfüllen von fern liegenden
+Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an
+Reizen dem Gehirn übermittelt wird, direkt das System der bewüßten
+Denksphäre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen
+nicht immer von bewußten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob
+manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten
+Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewußtseinsschwelle
+abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen
+Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst später bewußten
+Handlung werden. Dafür einige Beispiele.
+
+Ich stand an der Ausgangstür einer elektrischen Bahn, die nächste
+Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf
+dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbäume,
+Wälder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn
+vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefähr in das Wageninnere, das ich
+soeben passiert habe, zurück. Wahrhaftig, welche Ähnlichkeit--der gute,
+alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist
+gewiß, daß seine Züge, im Unterbewußtsein, als ich durch den Wagen ging,
+abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.
+
+Ich gehe eine ziemlich lange Straße hinauf. Mir kommt ein befreundeter
+Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht
+er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewiß vorher schon unterbewußt gesehen.
+(Ich glaube, bei ähnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke
+kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)
+
+Solche Vorkommnisse beweisen direkt, daß es ein Filtriersystem für
+Wahrnehmungen, vielleicht in den großen Hirnknollen, gibt, welches
+verhindert, daß alle Beobachtungen bewußt werden. Wenn man sich genau
+kontrolliert, können Farben, Formen, Gerüche usw. ganze Gedankenketten
+auslösen, ohne daß man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst
+macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag
+ferner tatsächlich plötzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen
+unterbewußten Assoziationen beruhen, wie oft mögen schnelle Entschlüsse
+solchen unterbewußten Einflüssen ihren Anstoß verdanken! Auffallend ist,
+wie selten unsere entscheidenden Entschlüsse direkt logischer Analyse
+entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab
+den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von
+der Erhaltung der Kraft muß es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das
+meiste unserer Willensaktion unterbewußt ausgelöst werden. Wie viel mehr
+nun aber bei pathologischen, gewissermaßen schadhaften Einbettungen und
+Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme.
+Der triebhafte Verbrecher mag bei allen möglichen Innenreizen stets dem
+Zwange eines plötzlich ihn überrumpelnden Affektes erliegen
+(Kleptomanie). Ströme, welche normalerweise sonst im Sinne der
+koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die
+Aktionszentren und lösen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial
+sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende
+Bewußtsein nicht zurückgedämmt werden. Da auch bei den Epileptikern die
+Hemmungsfortfälle die Ursachen der Krämpfe sind, kann es nicht wunder
+nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berührungspunkte haben.
+
+Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden
+Anfall durch Abblendung seines Bewußtseins geradezu in eine
+entwicklungsgeschichtlich frühere Daseinsperiode zurückgeworfen wird, in
+welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim
+Raubtier, herrschten, so daß die schauerliche Bestialität mancher
+Verbrechen allein durch diesen Rückschlag in seelische Gebiete, die
+einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklärbar wird. Der Somnambule
+und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung
+des Bewußtseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie
+herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dämpfer über dem Bewußtsein,
+so daß Raum und Zeit und ihre kausale Verknüpfung doch wie aus
+Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sphäre
+wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns),
+so daß ein Träumender daherwandelt, friedlich im schlürfenden Gange
+seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher
+tritt aber die Abblendung des Bewußtseins plötzlich ihn selbst
+überrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden
+Bewußtseinsstörung auf, und zwar bis in die Region der zurückgelegensten
+Instinkte, so daß jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen
+resultieren.
+
+Dem widerspricht nicht, daß solche Verbrechen lange vorbereitet, oft
+versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausführung kam. Der in seinen
+Hemmungen eben defekte, unterbewußte Apparat lockt durch aufleuchtenden
+Kurzschluß in die bewußte Sphäre übergreifender Entladungen den
+Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gelüste.
+Es sind ja hauptsächlich die beiden Systeme der Ernährung und der
+Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer
+unterbewußten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in
+krankhaftem Anschluß regellos einbrechen in die Willenssphäre. Während
+der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch ständige
+Bewußtseinskontrolle ihren dämmenden Wall sichert, bricht die ganze
+Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdrückter Gelüste
+plötzlich wie eine reißende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie
+beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet
+begleitet ist von der Bewußtlosigkeit, d.h. von der Unfähigkeit, sich in
+Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch
+nicht fähig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht
+ihr oft ebenso hilflos gegenüber, wie der nach Motiven suchende
+Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den
+Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat näher zu
+begreifen, sie sinnen selbst nach Aufklärung und hoffen vom Orte, an dem
+das Fürchterliche geschah, irgend ein erlösendes Verständnis. Das ist
+der Magnetismus des Entsetzlichen, den übrigens auch geistig Gesunde
+andeutungsweise sehr wohl verspüren. Das Grauen vor einer entsetzlichen
+Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier ausübt, lassen
+sich wohl nur erklären durch eine Tätigkeit der Phantasie, welche im
+geheimen sich selbst als den Verüber der Tat unwillkürlich setzt und
+damit jene Sphären des Unterbewußtseins in leises Erzittern bringt,
+welches Disponierten schon so oft gefährlich geworden ist. Das ist die
+Gefahr der Berichte über Straftaten und der oft gewiß verderbliche
+Einfluß schlechter Kriminallektüre auf nicht völlig taktfeste Instinkte,
+daß sie oft das labile Gleichgewicht gestörter und nicht ganz
+schlußfähiger Hemmungen des unterbewußten Systems ins Wanken und
+Erzittern bringen.
+
+Pathologische, durch Hemmungsdefekte übermittelte Anschlüsse aus dem
+Gebiet der automatischen Instinkte in die Sphäre bewußter Aktionen
+scheinen die einzige befriedigende Erklärungsformel für das dunkle
+Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der
+Trieb auf die Vernichtung oder Beschädigung des anderen zu gehen, diese
+Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Beschädigung der
+eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier
+zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversitäten
+der Nahrungsaufnahme und der Erfüllung sexueller Funktionen. Aber auch
+alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fläche, schauerliche Tiefe,
+der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische,
+bewußtseintrübende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre
+dämonische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick
+der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der
+Gefahr gegenüber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz
+hypnotisieren ja nicht nur Motten und Mücken, sondern auch den Homo
+sapiens.
+
+
+Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht über die Seele gegeben. Ganz
+allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu
+unseren Trieben, Neigungen und direkt bewußten Handlungen. Unter der
+inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung
+des Nervus sympathicus geleistete Säftebildung in verschiedenen
+Organsystemen, welchen sämtlich spezifische Funktionen zufallen: so
+dienen Galle und Magensäfte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind
+also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere
+zielen auf die Vorgänge der Neubildung eines Individuums ab, und
+drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft für die
+Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von
+allergrößter Wichtigkeit sind. Die Schilddrüse und ihr Sekret haben
+bekanntlich einen großen Einfluß auf den Zustand des Gemütes. Ein
+erhöhter Zuschuß ihrer Produkte ins Blut--und eine große Erregbarkeit,
+Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem
+Bilde der Basedowschen Krankheit), während andererseits ein Zuwenig der
+Beimischung eines für die Hirnfunktion unbedingt nötigen Saftes der
+Drüse, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach
+sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des
+Sympathicus bei diesen Funktionen, sind übrigens nur zu erklären mit
+Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als
+Hemmungsregulator. Ähnlich wie bei der Schilddrüse, müssen wir auch für
+alle anderen inneren Sekretionen annehmen, daß ihre Produkte zum Teil
+für die Konstitution der Gesamtkörpersäfte von allergrößter Wichtigkeit
+sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen
+Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuhäufige
+Folge. Säftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des
+Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem
+Zusammenhang. Es ist keine Frage, daß ein großer Teil zunächst dunkler
+und unklarer Impulse, welche wir im Bewußtsein erhalten, Meldungen aus
+diesen unterbewußten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen,
+wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden großen Richtungen der
+Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher
+hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewußtseinssphäre
+umdunkelt, verhüllt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines
+Edelsteins, eines Goldstückes, wie überhaupt die Hypnose die
+reflexartige Abblendung des Bewußtseins darstellt, und zwar von der
+Umgebung her, so können auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung
+des Bewußtseins führen. Ebenso wie etwas von außen suggeriert werden
+kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine
+Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige Überspannung eines
+überladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem
+Unterbewußtsein her die ganze geistige Sphäre sexuell färben, so daß der
+Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und
+jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile,
+nicht fest eingedämmte Hemmungsverhältnisse im Unterbewußten bestehen:
+es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. Ähnlich kann auch
+bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschlüsse und Reflexe
+ausgelöst werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie
+haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer
+Theorie beschädigt werden und damit die Beziehungen zwischen
+Bewußt und Unterbewußt sich verschieben. Auch in diesen Fällen
+neurasthenisch-hysterischer Bewußtseinsbeeinflussungen spielt eine
+Blendung des realen Erkennens, der Gegenwärtigkeit der Seele und ihrer
+Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen
+Menschen ist ein Gefühl der Andersartung, des Deplacements eigen,
+gleichsam als gehörten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und
+könnten sich nie hineinfinden in die Bedürfnisse ihrer Zeit. Es ist gar
+nicht so selten, daß schwere Hysterie zur völligen Teilung des
+Persönlichkeitsgefühls führt und daß dieser unerträgliche Zustand, dem
+ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir
+erscheint der so häufige Selbstmord bei gedoppelter Persönlichkeit stets
+wie die Erfüllung einer Sehnsucht in eine frühere Gemeinschaft
+Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf frühere Entwicklungsstufen
+zurück. Viele Menschen mit nicht vorwärts strebendem Intellekt haben oft
+das Gefühl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam rückwärts
+tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben
+in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die
+Testamente der Vergangenheit, sie sind Repräsentanten funktioneller
+Rückschläge (Atavismen) in frühere Entwicklungsstufen. Bei dieser
+Sachlage ist es nur ein Glück, daß nicht nur die Sünden, sondern auch
+die Tugenden unserer Väter in unser drittes und viertes Glied
+hineinfluten.
+
+
+Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns
+aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der
+Hemmungslehre auch diesen gewiß gleichfalls unterbewußten Vorgang einer
+inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den dämonischen Gewalten
+mit unheimlichem, zerstörendem Charakter entgegen zu stellen. Ich muß
+mich hier mit Andeutungen begnügen, weil eine eingehendere Behandlung
+der unterbewußten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die
+vollständige Analyse der Ethik überhaupt erforderte. Obwohl nun gerade
+aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf
+physiologischer Basis unschwer entwickeln läßt, so muß ich doch hier
+darauf verzichten und kann für die Frage nach unserem Gewissen, nach der
+Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich
+schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam
+machen, daß das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas
+Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal
+funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven
+Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit
+vorbildlich Beziehendes und besonders lebensfähig sich Erweisendes an
+sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den
+egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Persönlichkeit
+Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, daß unsere
+arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande
+förderlichen Triebe in Konflikt geraten können mit den egoistischen
+Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig
+exzessive Inanspruchnahme bewußter Willenshandlungen aus egoistischem
+Zwecke die unterbewußte Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten,
+schon überkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensfähig erwiesenen
+Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist
+wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu
+repräsentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der
+Richtungslinie der naturgemäßen Fortentwicklung befand. Von Milliarden
+Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu lösen, wird nur das Beste
+eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste Lösung vorbildlich
+und dauernd jedem neuen Sproß des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns
+jetzt als Problem beschäftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach
+vielen Millionen von unzulänglichen Versuchen zur definitiven Lösung
+geführt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes
+sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob
+der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden
+muß, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem
+Wege der Instinkte gelöst sind. So ist unser Bewußtsein stets auf dem
+Wege der Neubildung und Umbildung von willkürlichen Handlungen zu
+Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen
+Hirnschichten war die jedesmal jüngste willkürlich und ließ hinter sich
+den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann
+nicht mehr abgeändert werden, ohne den ganzen Bau zu gefährden. Darum,
+wo der bewußt wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische
+Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen
+des Lebens solche heraufbeschwören) eindringt mit Umbildungstendenzen in
+die Automatie der unterbewußten Funktionen, da entsteht eine
+Erschütterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins
+Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das
+Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles
+Gewesenen verschwunden sind, fühlen wir ähnlich dem physischen Schmerz
+bei Störung des organischen Gefüges der Nervenenden als eine Mahnung,
+als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann dürften
+wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen
+entsprechen, die der Hemmung im Unterbewußten geschlagene Lücke durch
+neue heilende Gewebssprossen zu verschließen, und je mehr ein fester,
+freier, ehrlicher Entschluß im Bewußtsein die Ströme und Zuckungen von
+defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichmäßiger kann der
+Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich,
+daß hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der Läuterung nicht
+ausbleibt, selbst wenn es dem Bewußtsein klar ist, daß die Reue, etwa
+ein mannhaftes Geständnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich
+zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, daß
+es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Blüten, sondern daß
+über der einen Persönlichkeit die rein erhaltene Art siegend
+hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewußte, der fertig
+erworbene Besitz, an dem die Natur nicht rütteln läßt, und dessen
+Erhaltung ihr über den Wert auch der erhabensten Persönlichkeit geht.
+Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt
+es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und
+durchaus lebensfähig durchgeführt werden soll zu Höhen, die,
+unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als Möglichkeit beigegeben
+wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung
+der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der
+Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen müssen. Daher die
+schier unbegreiflich dünkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und
+die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt
+zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in
+der Liebe und dem Haß, den beiden tyrannischen Herren des Lebens?
+
+
+Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, daß der Intellekt mit
+seinem absichtlichen Wahlvermögen ganz und gar gegenüber der Masse der
+gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekundäre Rolle spielt,
+wie er überhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer
+unterbewußten Konstitution herabsinkt überall da, wo es sich um
+Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung,
+vorgefaßte Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorgänge,
+die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und
+gebildetste Mensch müßte genau genommen für jede logische Angelegenheit
+genau so viel Gründe wie dagegen beibringen können, und ehrliche Leute
+gestehen für die meisten Veranlassungen zu, daß es durchaus nicht immer
+Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich für oder gegen eine
+Maßnahme entscheiden. Gegenüber den sicheren, verläßlichen Funktionen
+des Unterbewußten ist eben der Verstand ein Stümper, tastend, immer im
+Versuchsstadium, nachgiebig und immer übertölpelbar. Selbst der
+Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des
+Bewußtseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und
+Intelligenzmangel. Ist so bei gewöhnlichen Emotionen schon der Intellekt
+fesselbar durch die Jongleurkunststücke des Wortschwalles und der
+überrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die
+vitalsten Spannungen von innen her ihn überrennen und verwirren.
+Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum
+Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten
+Liebesverhältnis nicht stets etwas für die Unbeteiligten Unbegreifbares,
+warum gerade diese zwei Menschen der verhängnisgleichen Fesselung der
+Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares
+Müssen empfinden? Wahllos fühlen gerade diese beiden die verschmelzende
+Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft länger
+geschürt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam
+erreichbaren, höheren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der
+Natur, zur Erfüllung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen
+Seele, zur Hingabe eines neuen Blütensprossen vom eigenen Stamm. Wer
+Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf.
+Hier vor allem, beim Durchglühtwerden der Seele in wahllosem Verlangen,
+zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewußtseins in
+vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer
+Anschauung für Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit
+unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so daß geheiligte Wesen
+aus den Erkürten werden, daß sich unscheinbare, leblose Gegenstände der
+Erinnerung, wie Taschentücher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem
+Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das
+alles ohne jedes Zutun des Bewußten, ja oft direkt gegen jede Vernunft,
+Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, daß die Wahl der Entflammten
+rein nach dunkel gefühlten, der Bewußtseinskontrolle ganz entzogenen,
+innerlichen Ergänzungsgesetzen sich vollzieht, und daß die
+Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so häufig begegnet, oft erst durch
+den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachträglich
+sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewußten Kalkulatoren
+unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets
+überhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was für
+Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien nötig sind, um einen
+möglichst leistungsfähigen Repräsentanten der Art aufkeimen zu lassen in
+dem mütterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die
+geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht
+auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche überall andeutungsweise
+zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewußten diese Schichten als den
+Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen
+zutage treten läßt: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in
+den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es
+ruhig ein, da wir das rätselhafte Getriebe unbekannter Kräfte im
+Labyrinth des Unterbewußtseins nicht kontrollieren können, daß wir die
+Existenz von Kräften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten
+gar nichts gemein haben, nicht ableugnen können; daß es durchaus möglich
+ist, daß solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen,
+unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher
+je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres
+Bewußtseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem
+unerforschten Gebiet oft auf lächerlichen Umwegen nahe zu kommen
+(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren
+Brutstätten in der Hand betrogener Betrüger zwar nicht direkt das
+gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie,
+ihre Geburtsstätte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei
+der die sogenannte reale Exaktheit ihre höchsten Triumphe schließlich
+nicht zuletzt in der Umgestaltung in preußisch Kurant gefeiert hat. So
+hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die
+Psychologie die allerwertvollsten Anstöße erfahren; lassen wir also das
+Völkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und
+klopfen wir nur den überbewußten Schwindlern ernstlich auf die Finger,
+welche raffiniert den völlig berechtigten inneren Glauben der
+Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel"
+teils aus Ulk und Fastnachtsgelüst, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit
+gehörig auszunutzen stets am Werke sind.
+
+
+Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Haß Mysterien zugestehen,
+denn sie sind ja die Funktionäre der Aushebung zum großen Marsch der
+Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die
+Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht.
+Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die
+Ergänzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium,
+welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine
+Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht
+berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die
+eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der
+Beimischung notwendigsten, befähigtsten Elemente herauszuwittern, sie
+macht uns zu Geführten und Geschobenen trotz dem Gefühl subjektivsten
+Willens; vielleicht aber ist das Gefühl des freien Willens nichts als
+eine gnädige Illusion, eine fromme Lüge der Natur. Die Natur mischt
+immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt,
+zerstampft, löst auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die
+sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anfängen der
+Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige
+Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst
+später die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des
+Mutterbodens durch das männliche Saatkorn auftritt, kann es nicht
+wundernehmen, daß dieser Trennung des keimfähigen Lebensplasmas in zwei
+Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der
+Geschlechtsrepräsentanten entspricht. Kein Emanzipationsgelüst der Frau
+kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der
+Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen
+und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des
+Bewußten und Unbewußten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder
+gleichsetzen wollen. Die unterbewußten Funktionen der Frau, ausmündend
+alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des
+Menschensprossen, des neuen Repräsentanten der Unsterblichkeit, der
+Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches
+Glied der Kette, welche uns hinüberbindet in die Ewigkeit--haben ganz
+sicher einen überragenden Anteil am Seelenleben gegenüber dem Manne. Die
+überraschende Ursprünglichkeit der Frau wurzelt eben in der Fähigkeit
+unterbewußter, schneller und zwingender Kurzschlüsse. Während des Mannes
+Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des
+Intellektuellen, des Bewußten, des zur Automatie erst sich
+Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewußt Lösenden zuneigt, hat die
+Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven,
+Automatischen dem Nachgeborenen einzuprägen (zu vererben). So ist es
+naturgewollt, daß die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist,
+wenigstens ganz gewiß vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es
+hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen
+Geburtenüberschuß weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als
+das durchgreifendste Leitmotiv überall führend und lebendig finden. Wenn
+jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den
+unterbewußt dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den
+bewußten und zwar ökonomischen Nöten der Erhaltung und Ernährung des
+Individuums, so glaube ich, muß man die Frage aufwerfen, ob diese
+Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht
+doch etwas rüttelt an den Grundbedingungen der natürlichen Ordnung, und
+ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, daß eben es der
+Natur überall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf
+das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungestörte Fortentwicklung
+des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich,
+vergänglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewiß, daß von
+dem Gewühl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, nämlich nur der
+auslösende Anstoß zur Willenshandlung, in unser Bewußtsein ausstrahlt,
+so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, daß
+sie doppelt angeschlossen sind: teils münden sie in automatische
+Sphären, und zum anderen Teil im Bewußtsein, wo sie gleicherweise
+Kontakte d.h. Anstöße zur Regulation der bewußten und unbewußten
+Mechanismen auslösen, wie das auch vollständig nachweisbaren
+anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was
+als Licht oder Schall oder Gefühl auf unsere Sinnestasten wirkt, als
+Lichtempfindung übertragen, sondern es mögen ultraviolette Strahlen
+ebenso wie Töne über und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem
+unterbewußten Getriebe zugeführt werden zur dynamischen Auslösung
+verschiedener Automatien, ohne daß auch nur ein leise wehender Hauch von
+den Tiefen der Unterseele über die Tasten unserer Bewußtseinsklaviatur
+dahinfährt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft natürlich auf alle
+Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es äußere oder innere, vom
+vegetativen Organsystem gegebene. So lösen Störungen der Bauchorgane zum
+Teil Gefühlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das
+von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, daß ein
+Mensch sich schon leidend fühlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem
+Ablauf seiner seelischen Registrierung verspürt, lange ehe sein
+Bewußtsein oder der Arzt von dem Herd der Störung etwas aussagen kann.
+So erklären sich die allgemeinen Unlustgefühle der Neurastheniker,
+Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der träge, adynamische,
+schleichende Ablauf der ernährenden Funktionen ohne jede organische
+Veränderung genügt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen
+dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu vergällen. Wie im Traume
+bei der Abblendung des Bewußtseins von Raum und Zeit durch die
+rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive auslösen zu
+Ideenverknüpfungen ganz bezüglichen Inhaltes, so kann bei
+Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen
+Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Außenreize immer wieder
+hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr,
+einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Unglück der
+Hypochondrischen, daß sie recht haben, wenn sie behaupten, daß doch auch
+alle schweren Zustände von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das heißt
+mit dem dunklen Gefühl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine
+schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens
+annagenden Sensationen zu gewöhnen und sie im Bewußtsein ganz
+auszuschalten: immer wieder kündet die grämliche Miene, daß die gequälte
+Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren
+und Nagen des bösen Wurmes tief in geheimen Gewölben. Umgekehrt wirken
+die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer
+Auslösungen im Organsystem befruchtend und lebensgefühlerhöhend auf
+unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enthält
+eine Unzahl solcher uns unbewußt einverleibten Impulse, die wie kleine
+Peitschenhiebe auf die Zugkräfte unserer inneren Bewegungen wirken,
+wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen
+Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die
+Atmosphäre reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer
+auf unser Unterbewußtsein, je mehr der störende Einfluß der Kontrolle
+durch das Bewußtsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der
+hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im
+Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der
+symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer
+unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich
+haben, so oft schon als Beweisvorgänge übernatürlicher Gewalten, als das
+Wirken dämonischer Kräfte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr
+Dinge, die natürlicher sind als viele andere Erscheinungen des
+Seelenlebens, über die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr
+wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte Fähigkeiten der
+Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem
+immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewußtsein für
+gewöhnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben
+direkt nach Ausschaltung des Bewußtseins, über dem solange ein hüllender
+Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen,
+altüberkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit,
+Zweckmäßigkeit, Unmittelbarkeit, Zielgefühl und Innenklarheit bei
+deutlichen Anzeichen von psychischer Bewußtlosigkeit auftreten oft in
+einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese
+Aktionen unter Beihilfe des oft nur störenden Bewußtseins zu vollbringen
+imstande wäre. "Ja, wie ist das möglich, er ging doch ganz sicher", "er
+schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne
+klares Denken!"--Das sind die gewöhnlichen, staunenden Fragen, auf die
+es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher,
+eben weil er nicht bewußt war.
+
+Wir wissen jetzt, daß die Automatie eben dem Problematischen des
+Bewußtseins in vielen Punkten überlegen ist. Das Unterbewußtsein hat
+also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. Für die beiden
+ersten Fähigkeiten, denen durch Abblendung des Bewußtseins unter
+Umständen gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzustände aller Art
+beweiskräftig, und für den Zeitsinn des Unterbewußtseins sei bemerkt,
+daß für mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein
+Problem mehr ist, seit ich weiß, daß Helligkeit und Morgengrauen,
+Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie über den Umweg durch
+mein Bewußtsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens
+und daß man daher nicht zu glauben braucht, daß die in uns stetig
+pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch
+imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer
+aus Menschenhand.
+
+Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, daß
+es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die
+scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust
+aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da
+erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen flüchtigen
+Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so
+unbekanntes Gebild, daß man sich erschaudernd davon abwenden oder
+erzittern müßte vor dem Ding da, welches, ein Wesen für sich, nirgends
+in der Erfahrung eine Analogie hat. Für viele Menschen hat das
+Unterbewußte Ähnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den
+Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages
+erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der
+Mystizität seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, können
+hier und da nachweisen, daß das gefürchtete Ungeheuer weder eine
+Schlange noch ein Ungetüm ist, sondern eine auf realen Vorgängen
+natürliche Spiegelung von Gesetzmäßigkeiten, die sich im Grunde der See
+ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele.
+
+
+
+
+SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN
+
+
+Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und
+da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen
+hörten, die Ankündigung dieser Essays über Kapitel aus der Seelenlehre
+vernommen haben. Aber es scheint bei näherer Betrachtung doch auch
+gerade der Chirurg unter den Ärzten alle Veranlassung zu haben, sich mit
+dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen.
+Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch
+ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben
+vertrauensvoll für Augenblicke höchster Gefahr in die Hände legt, in
+Hände, an deren Können und Vollbringen sich oft genug das Schicksal
+hängt! Wer müßte wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele
+zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft
+gefährlichen Macht der Persönlichkeit Gebrauch zu machen, als der
+menschlich fühlende Operateur? Wer sähe öfter die Menschenseele in ihrer
+echten Heldengröße und in ihrer zitternden Unzulänglichkeit frei von
+aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und
+lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns
+Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern
+wir nur wollen, _das ist das psychologische Experiment im großen Stil_,
+welches wir täglich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die
+Narkose, die gewaltsame Betäubung der Seele. Ja, ein psychologisches
+Experiment allergrößten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung
+von flüchtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre fühlenden Polypenarme
+Schritt für Schritt zurückzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines
+selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewußt verharre im schwankenden
+Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es
+dem Operateur gefällt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu
+Betäubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat,
+der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen können vom Labyrinth
+der Brust und von den Träumen, die der Seele auf dem Wege in die
+Ewigkeit kommen mögen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvertüre zur
+Tragödie des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das Stück bis zu
+Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich möchte sagen,
+brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das
+Zauberwerk eines Präzisionsinstrumentes aus Menschenhand ein
+jämmerliches Stümperding ist, so leicht der filigranene Schleier
+nervöser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerreißt und
+zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer
+wieder der Gedanke sich aufdrängt, daß hier ein _Mechanismus_ vorliegt
+in dem Vorgange des künstlichen Einschläferns in wenigen Minuten, oft in
+Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes,
+einer Hemmung in sehr wesentlichen Zügen gleicht.
+
+Es ist mir natürlich nicht fremd, daß es unter den Psychologen eine
+mächtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher
+Gehirntätigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser
+Auseinandersetzungen einmal das Geständnis ablegen, daß ich nicht der
+Meinung bin, daß jemals die Physiologie uns den letzten Aufschluß über
+das Wesen der Seele und des menschlichen Bewußtseins geben könne. Das
+vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu
+enträtseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und
+der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen _beschreiben_,
+unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder
+muß. Durch diese Einschränkung will ich mich ein für alle Male gegen den
+Vorwurf eines anmaßlichen Materialismus verwahren. Ich möchte um keinen
+Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie
+eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines
+Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung
+verbunden. Für mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus
+überhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine _ideale_ Betrachtungsweise.
+Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius
+eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger
+erhaben, wenn man nach Gesetzen spürt, unter denen sie sich offenbaren.
+Bei dem Wunderwerk der Seele kann unmöglich eine Betrachtungsweise
+erschöpfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte
+neue Zauber kundgibt, so verträgt es wahrlich das Geheimnis der
+"fünfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder
+jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt.
+Frei über die Seele reden kann ja schließlich doch nur der Künstler, der
+in der glücklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bedürfen oder doch nur
+von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem
+Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen
+Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bemühen, den
+Leser möglichst ohne Fachlupe gleichsam mit bloßem Auge heranzuführen an
+das Tatsächliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter
+einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren.
+
+Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem
+Spiel der Kräfte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz könnte man
+daraus formulieren; zu einem philosophischen System könnte man ihr
+Walten, die Idee von ihr ausgestalten!
+
+Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen
+Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und
+Widerstand auf das vorwärtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders,
+als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die
+durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie
+anders wäre Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch
+künstliche und bewußte Einschaltung von spezifischen Widerständen!
+Vielleicht können wir überhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der
+Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerstände und
+die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in
+Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizität in die Erscheinung,
+wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerstände (Isolation)? Würde
+das Licht ohne Existenz eines Äthers übertragbar, ohne das brechende
+Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer
+Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als daß die
+rätselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Abstoßung in
+bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre
+"_vorgeschriebene_ Reise"? Wohin wir sehen: Kräfte, Eigenschaften,
+Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen können, und
+Hemmungen, Widerstände, die wir erforschen, ja willkürlich verändern
+können. Nur das Studium der Hemmungen enthüllt die Gesetzmäßigkeiten.
+Erst die Herrschaft über die Widerstände gibt dem Menschen die
+scheinbare Gewalt über die Kräfte oder übermittelt die Ahnung von ihrer
+Gesetzmäßigkeit.
+
+So hat sich denn auch bei der rätselhaften Natur der seelischen Kraft
+für die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der
+Hemmung in der Seele als überaus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser
+Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschränkung. Ich möchte
+sagen, daß erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein
+neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder
+Richtung miteinander verhandeln können, ohne sofort bei der Frage nach
+der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu
+werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft äußert,
+studiert, präjudiziert ja nichts über das Wesen, über Göttlichkeit und
+Unsterblichkeit der Seele, nichts über Geisterwesen und Transzendenz,
+sondern, da er das Bild nicht zu entblößen vermag, begnügt er sich an
+dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft
+vielleicht durch leises Betasten der dunklen Hüllen ihre Formenschönheit
+zu ahnen. Freilich würde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach
+die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet würden gleichsam durch
+Kontreströme wiederum nervöser Natur, nicht viel Terrain gewinnen
+lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nervöser
+Kraft, die wir eben nicht enträtseln können. Wenn wir uns das Gehirn des
+Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen
+Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenstäubchen,
+die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden Fädchen, den
+Ganglien und ihren Fortsätzen, miteinander verbunden sind (wobei wir
+denken müssen, daß dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Schädels
+wunderbar zusammengefügt ist), und wenn wir annehmen, daß es Ströme und
+Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe,
+Handlungen auslösen--so ist es klar, daß niemals alle diese kleinen
+Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate sämtlich
+zu gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer
+reichen, sondern wir müssen annehmen, daß immer nur eine oder sehr
+wenige Bahnen frei sein können; alle anderen müssen im Augenblicke
+des Erklingens einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein.
+Das ist genau so, als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem
+andern Teilnehmer sprechen kann, wenn alle übrigen tausend Nummern des
+Anschlusses für mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich
+frei, die Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere
+Wahrnehmungen, Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich
+aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen
+Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die Tätigkeit
+eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir
+die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der
+Hemmungslehre übersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe.
+Es leuchtet ein, daß also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der
+Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der
+eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein
+gültigen Lehre an, daß auch dieser Maschinenmeister nervöser Natur ist,
+so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, daß
+Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner
+Ansicht nach in die Brüche. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das
+Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche
+Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der
+Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Präsident unserer Seele in
+den übrigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch
+rätselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen
+Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende Überlegenheit
+beziehen. Solche Seelenquartiere über der Seele, solche Oberseelen
+vermehren also meiner Meinung nach nur die Rätsel, statt sie zu
+vereinfachen. Das wäre ein Spiel von Seelentätigkeiten, bei welchem man
+niemals klar wird, wer nun eigentlich die Trümpfe in der Hand hält, wer
+einschaltet und wer ausschaltet, dann gäbe es nur eine gänzlich
+verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der
+Seelentätigkeit würde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich muß es
+mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der
+Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und
+muß mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begnügen, auch auf den
+Mangel aller Analogie aus der Elektrizitätslehre hinzuweisen: erklärt
+man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen für das Wesen der
+seelischen Vorgänge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen
+Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele über der Seele zu
+fordern, und ohne zu behaupten, daß der in das Gehirn eindringende Reiz
+gleichzeitig zur Erregung und Ertötung der Nervenströme dient. Dann
+müßte also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen.
+Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen
+Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich
+nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom
+den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine
+andere Betrachtungsweise, welche die hemmende Tätigkeit einem ganz
+anderen System _nicht_ nervöser Natur überweist, nämlich dem an den
+Ganglien vorüberkreisenden Blute.
+
+Daß das Blutwasser tatsächlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie
+wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es muß nur aufgezeigt
+werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu
+bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das
+Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt.
+Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle
+isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter
+Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und Rückenmarks, die
+_Neuroglia_. Bisher war man der Meinung, daß dieses feine Maschennetz
+bindegewebiger Fasern, in welchem die nervösen Apparate im Gehirn und
+Rückenmark aufgehängt sind, eben ein Stützapparat sei, um welchen sich
+die Ganglienketten wie Schlinggewächse, wie etwa Winden um
+Drahtschlingen, stützend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die
+Bahnen der ernährenden Blutgefäßchen trägt. Die Neuroglia sei, wie die
+Wissenschaft sich ausdrückt: Stütz- und Nährgewebe. Dagegen spricht
+mancherlei: vor allem die höchst komplizierte und differenzierte Form
+dieses Abkömmlings des Bindegewebes. Stütz- und Nährgewebe finden wir
+überall im Körper: es gibt ebenso, wie es ein knöchernes Skelett gibt,
+ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie
+hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln
+und Weichteile sind aufgehängt gleichsam in fasergewebigen,
+zähsträhnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange
+hängt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. Überall in jedem
+Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: _nur_ im Gehirn
+und Rückenmark ist dieses Stützgewebe von unerhört kompliziertem Bau.
+Die Hirngefäße, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage
+und Röhrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gefäßen
+durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen
+Gefäßräumen gehen unzählige Kanälchen an alle Gangliensysteme und liegen
+in sternförmigen Umhüllungen, genau den Formen der vielgestaltigen
+Ganglienzellen angepaßt, um die kleinen elektrischen Zentralkörper, etwa
+wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen
+und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind
+füllbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden
+kleiner Schwämme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun
+darin, daß diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizität das
+umhüllende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die
+Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, daß ihr funktioneller
+Füllungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und daß
+ihr wechselndes Leersein das Überspringen der Seelenfunken begünstigt,
+Mittels des Blutgefäßsystemes also vollzieht sich das, was wir vorher
+Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben.
+
+
+Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der
+Möglichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes
+Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche
+"Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise genügend Raum gegeben, hier
+will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, nämlich die
+Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewußtseinsformen
+prüfen.
+
+Wäre also der gewissermaßen gefilterte Blutsaft von einer solchen
+Beschaffenheit, daß seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre
+Kontakte aufhebt, so müßten, wenn meine Anschauung richtig wäre, die
+Vorgänge, welche Blutwasser im Gehirn plötzlich und ohne
+Ausgleichsmöglichkeit anstauten, unweigerlich Bewußtlosigkeit zur Folge
+haben. Denn denken wir uns überall um die Ganglien eine
+Flüssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so müssen ja
+die Assoziationen unmöglich werden, weil nirgends Erregungsströme
+kommunizieren können. In der Tat: das ist der Fall. Dr. _Jordan_ hat in
+einer Arbeit über ein auf der Insel Java von den Eingeborenen geübtes
+Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, daß von rückwärts her
+dem Kranken am Halse beide großen Drosseladern fest zugedrückt werden.
+Dann ist der Abfluß des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es
+entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschnürung mit einem
+Gummiring sich bildet: ein Übertritt von Blutwasser in die
+Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn,
+es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser,
+es verliert die Fähigkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewußt zu
+sein: der Betroffene liegt fühllos und bewußtlos, wie narkotisiert. Aber
+es gibt noch andere Möglichkeiten zur Überstauung des Gehirns.
+
+Stürzt jemand so unglücklich, daß ein erheblicher Bluterguß sich
+zwischen Schädelkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich
+bildende feste Gerinnsel in ähnlicher Weise den Abfluß des Gehirnblutes
+aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder
+Überschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des
+Ganglienkontaktes, Bewußtlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngefäß,
+verkalkt und brüchig, unter einer plötzlichen Wallung beim sogenannten
+Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher
+Weise von innen her den Abfluß hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und
+langdauernde Bewußtlosigkeit, die so lange währt, bis der Abfluß
+reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung
+anschlußfähig geworden sind, wobei die entstehenden Lähmungen auf
+Rechnung der direkten Aufwühlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner
+werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewußtlosigkeiten ohne
+gehemmten Blutabfluß! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von
+Bewußtlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund
+dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den
+erwähnten Fällen das Bewußtsein schwindet, weil eine komplette
+Überschwemmung mit hemmender Blutflüssigkeit die Ganglien festbannt und
+ruhigstellt, so ist es klar, daß auch noch auf eine andere Weise gerade
+unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewußtlosigkeit denkbar ist,
+nämlich die, bei der sämtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig
+miteinander in Kontakt stehen. Das wäre so, als wenn plötzlich in einer
+Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erklängen; auch dann
+würde die Seele der Station, das Meldefräulein, wahrscheinlich jegliche
+Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese
+Form der Bewußtlosigkeit, welche sich also unter einer vollständigen
+Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem
+Anprall des Schädels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der
+Gehirnerschütterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns,
+ein nervöser Chok der Blutgefäße, sie erblassen, werden krampfartig
+ausgepreßt, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gefäße,
+völlige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller
+sich nahe berührenden Ganglien. Bewußtsein ist nicht möglich, weil alle
+Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern
+und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese
+Harmonielosigkeit ist eben Bewußtlossein unter Neurogliakrampf und
+völliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns
+nun das ganze Gebiet der Bewußtlosigkeiten, vom Schwindel bis zur
+Ohnmacht, die bei Hirnerschütterung, beim Chok und bei allen
+erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei
+denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen
+der Bewußtlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. Während bei den
+Formen der Bewußtlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht
+durch Schreck und Schmerz) Krämpfe und Herzflattern, flache Atmung und
+Gesichtsblässe, weite Pupille und Muskelzittern das Bild
+vervollständigen, sehen wir bei der Bewußtlosigkeit durch
+Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe,
+schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung
+treten. Mangelndes Bewußtsein aber in beiden Fällen: einmal, weil alle
+Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie
+wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes!
+_Albert_, einer der bedeutendsten österreichischen Chirurgen, hat in
+seinen berühmten Hämmerungsversuchen am Schädel trepanierter Tiere nicht
+eher Bewußtlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgefäße in Krampf
+und Entleerung durch Reflex gerieten. Und _Deutsch_ in Wien sah bei
+einem Kinde mit traumatischem Schädeldefekt und freiliegendem Gehirn bei
+jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele
+Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung während der
+Operation, daß das Gehirn in der Narkose blutüberfüllt sei, andere
+behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch
+meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt
+eben zwei Formen der Bewußtlosigkeit: eine hyperämische mit komplettem
+Blutüberschuß und eine anämische mit komplettem Blutmangel.
+
+So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des
+Schlafes und der schlafähnlichen Zustände gegeben werden, welche
+befriedigen dürfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der
+Neurogliatätigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia,
+ursprünglich ausgelöst durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen
+durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewußtseins für
+Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsvermögens für unsere
+Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutfüllung der Hirngefäße und
+der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des
+Gefäßherzens, durch einen Akt der Gefäßmuskeln, welche sich erweitern
+und damit buchstäblich die hemmende Tarnkappe über die Gangliensysteme
+stülpen.
+
+Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der
+Schlaf keine völlige Aufhebung des Bewußtseins erzwingen kann. Da nur
+die jüngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen
+Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett füllbaren
+Neurogliamaschen umhüllt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf
+die tiefen, unterbewußten und automatischen Gebiete unseres
+Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind,
+erstrecken. Mein Ichbewußtsein ist im Traum völlig wach, meine
+Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in völlig von der Logik
+ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle
+Arten von Außenweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende Tür, ein
+Schuß, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise
+und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem
+Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer
+von neuem zu schütteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch
+unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gemächer unserer Seele.
+Ströme, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der
+Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich
+erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht
+Gegenstände unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten
+Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht für den Augenblick
+übertönen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei
+Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des
+Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein
+Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen läßt, ist gewöhnlich
+kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die
+verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der
+Bildnerin Phantasie die bunten Fädchen in die Hände spielen.
+
+Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen
+Bewußtseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung wühlenden,
+umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses
+Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen
+mit Flügeln und Flossen, Schuppen und Höckern entstehen, bis gespiegelte
+Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer
+ganz tief schläft, träumt nicht, natürlich: weil die Hemmung zu fest die
+Tasten niederdrückt, als daß ein Nachtelfchen der Idee über die
+Klaviatur dahinhuschen könnte.
+
+Während also im Wachzustande die Registerzüge und Stimmentaster unserer
+Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener
+Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei
+der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen
+Spiel der Gefäßverengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des
+Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da
+ein leiser Akkord unter dem Dämpfer der Hemmung auf. Während dem wachen
+Gehirn die Reize von außen in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen
+der Ganglien zugeführt werden und sich in elektroiden Anhäufungen zu
+Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden
+Reiz sein seelisches Äquivalent entspricht, entstehen im Schlafe die
+Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen
+ohne Ausgleich, wie gefangene weiße Mäuschen, im Gehege und Gitterwerk
+der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine Lücke, ein Spalt von der Hemmung
+freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Träume immer vor und
+zurück stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede
+Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden
+Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, daß der Hemmungsfortfall in der
+zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem
+psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, daß wir unsere
+Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert
+dieses Etwas uns. Das was wir "bewußt aufmerken" nennen, ist das Gefühl
+von dem Zug und Zügel, welches die Dinge an unseren Nervenfädchen
+ausüben.
+
+Auf den feinsten Nervensaiten
+Prüft ein Spielmann sein Gedicht,
+Wohl fühlst du die Finger gleiten,
+Doch den Spielmann siehst du nicht!
+
+Dieser große Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein,
+wie die unfaßbare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge
+auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob
+ohne Draht und Nervenfädchen. Die Seele des Menschen gleicht einem
+Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die
+Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht,
+Ätherwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt
+wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen,
+welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie
+in den Saiten einer Äolsharfe entgegengespannt sind, und können nur in
+uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem
+ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die
+Frühgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den
+höchsten seelischen Funktionen, die Widerstände aufzufinden, unter
+welchen die Seele dieses tut und jenes läßt: das ist einzig, ohne
+vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand
+naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit
+zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und
+Schöpfer dieses Weltsystemes ist.
+
+
+Für mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen
+Außerbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir
+Ganglien nennen. Ein Dämpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel
+gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der
+Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr.
+Die diesen Reiz übermittelnden Nervenfasern gehören nicht zum
+Zentralnervensystem, sondern sie gehören zu dem Sonnengeflecht des
+Sympathikus und zu seinen Abkömmlingen, welche überall die Gefäße vom
+Herzen bis in die feinen Ästchen des Lebens umranken. In den Ausläufern
+des Hirngefäßsystemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders
+dazu gebildetes Gewebe durchtränkend die Ganglien an gegenseitigem
+Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der,
+entwicklungsgeschichtlich gedacht, früheste Nerv, die erste in der
+Tierreihe auftauchende Andeutung eines nervösen Apparates, der
+Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu
+einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des
+Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und
+erhabensten Gedanken eines schöpferischen Gehirns werden in Schranken
+gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden
+und schützenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus!
+Hier liegt die einzige, anatomisch begründete Grenzscheide zwischen
+Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit
+die Hemmungen fortfallen, welche der lebenfördernden Harmonie der
+seelischen Erregungen übergeordnet sind. Die Psychiatrie weiß genug zu
+berichten von der Entgötterung der menschlichen Seele, die Platz greift,
+wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese
+Anschauung auch Aufschluß gegeben über die Natur des Temperamentes,
+indem danach sehr wohl eine geringere oder stärkere Hemmungsfähigkeit
+des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache für die
+größere oder geringere Schnelligkeit der Auslösungen seelischer Kontakte
+sein kann. Ja diese Anschauung versöhnt einigermaßen die Wissenschaft
+mit der tief in allen Völkern lebenden Vorstellung vom "guten und
+schlechten Herzen" als einem Teil seelischer Tätigkeit. _Das Herz ist
+danach nicht so unbeteiligt am Gemüts- und Seelenleben, als man
+gemeinhin denkt._ Nicht nur, daß seelische Erregungen sich nachweislich
+dem Herzen mitteilen, sondern auch die Tätigkeit des Herzens und die
+Beschaffenheit des Blutes hat danach verständlichen Einfluß auf unsere
+Allgemeingefühle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist
+also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie überhaupt die Sprache ja oft
+für den Hellhörigen die alleinige Verräterin tiefster, geheimnisvoller
+Vorgänge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da
+sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer groß
+ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zustände mit der krankhaften
+Veränderung der Blutsäfte! Schritt für Schritt können wir in der
+Pathologie verfolgen, wie der Gemütszustand direkt in Abhängigkeit steht
+von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das
+Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverhältnisses der
+einzelnen Komponenten! Die Vorgänge dabei sind viel zu plötzlich und
+reflexähnlich, als daß sie allein durch eine chemische Alteration
+erklärt werden könnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine
+Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine große Freude
+reißt mit der Erhöhung des Blutdruckes im Gefäßsystem und der
+Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom
+Antlitz unseres vergrämten Gemütes. Der Gefäßnerv (Sympathikus) und die
+durch ihn erzwungene wechselnde Fülle der Neurogliazotten läßt eben die
+Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination
+vor sich gehen.
+
+Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliafüllung in
+Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen
+Schlüssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur
+gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches
+Grundgefühl für Rhythmus und Gegensätzlichkeit, für Dualismus, für die
+Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen
+Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien,
+gegeben, da sie ursprünglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn
+pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster
+Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend
+zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim
+Nachlaß und Abströmen des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder
+bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird
+dabei reguliert vom Spiel der Gefäßnerven, welche, das muß immer wieder
+direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus
+angehören, der einen gleichsam zwischen Hirn- und Rückenmark
+eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den
+Millionen Pfaden der Sinnesstraßen strömen unaufhaltsam und
+ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den
+unzähligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den
+Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia
+stromdurchlässig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System
+zu System, immer die Lücken erhaschend, welche die geschwächte Hemmung
+offen läßt. Das ist die Bahnung, die Übung, die Einschleifung in meiner
+Auffassung. Darin, daß die Öffnung und Schließung dieser Bahnen
+rhythmisch erfolgt, liegt der Grund für die Rhythmik unseres Tuns und
+Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung
+unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur schönen Linie, zur
+Architektur, genug zur Gesamtästhetik. Denn im Grunde ist alles das
+meinen Sinnen wohlgefällig, was ihrem natürlichen Rhythmus von
+seelischer Ein- und Ausschaltung sich einfügt, und unlustgebend
+dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, daß der
+ästhetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus
+etwas durchaus Persönliches, an mein Temperament, an meine
+Apperzeptionsfähigkeit in einer gewissen Zeiteinheit, nämlich der
+zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich
+kann hier natürlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit
+von 60 Schlägen in der Minute der Mensch sein Zeitbewußtsein hergeleitet
+hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr
+Ticktack schlug, genau so, wie er den Fuß und das Fingerglied zum
+Raummaß und die fünffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem
+ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus
+unter den allerverschiedensten Einflüssen schwankt, wie die Wirkung von
+Mensch auf Mensch direkt am Pulse meßbar wird, so versteht man besser
+als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung
+eines persönlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuhörer oder
+Beschauer völlig in den Bann des Schöpfers schöner Rhythmen zwingt. Das
+Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein mächtiges fremdes, die
+Seele neu erfüllendes Durchwogen und Durchglühen ist eben die Quelle
+jedes echten ästhetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz
+dauernd sehnt.
+
+Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist
+von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein
+Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen
+Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer
+rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen,
+naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewußtseins abgibt, so
+muß es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyperämie im Gehirn möglich
+sein, Schlaf und schlafähnliche Zustände zu erzeugen. Nun, das
+Streicheln, das Wiegen, das Kämmen, das Fixieren, das Zählen, das Ticken
+der Uhr--das alles sind deshalb schlaffördernde Mittel, weil vermöge der
+gleichmäßig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter
+Übergewicht über die Zellaktion erhält, je mehr durch Konzentration auf
+einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch
+der nächtliche Schwärmer schließlich immer dieselbe Geschichte erzählt,
+ehe sein müdes Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so läßt
+der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverstärkung das
+Bewußtsein seitlich ringsumstellen und von den Häschern flüchtiger
+Gedanken umgeben. Alle Vorgänge eben, welche geeignet sind, dauernd die
+Neurogliazotten in Erweiterung und Füllung zu halten, bringen
+Kontakthemmung und bei längerer Dauer den Schlafzustand, also auch die
+_reflektorische_ Gefäßweite. Alle schlafähnlichen Zustände können auf
+_mechanische_ Weise einheitlich erklärt werden, selbst Morphium und
+Chloroform wirken zunächst nur als Entfalter einer durchaus
+physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol
+im Beginn Gefäßverengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte
+Anschlüsse, spielende Gedankenflucht über alle Problemhöhen und -tiefen,
+und mit der Leichtigkeit der Auslösung von Ganglienfunktionen eine hohe
+Steigerung des Ichgefühls hervorbringen, erst dann mit der allmählichen
+lähmenden Erschlaffung der Gefäße, in welchen das Gift kreist, die
+Einengung und Abblendung des Bewußtseins zuwege bringen, so daß der
+künstliche Schlaf so auf ein Haar dem natürlichen gleicht. Man hat eine
+allzu übertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten
+Hirnstruktur, wenn man meint, daß z.B. eine Auslaugung des Fettes aus
+den Hirnzellen durch das strömende Chloroform der eigentliche Grund der
+Narkose sei, wonach also das Bewußtsein ausgewischt würde, etwa wie ein
+Fettfleck durch Benzin. Träte wirklich das Gift ohne diesen segensvollen
+Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch
+aktive Substanz heran, so wäre stets eine direkte Verleimung des
+Gehirns, die Zertrümmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die
+Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr
+Gift im Körper kreisen zu lassen braucht, als gerade genügt, damit das
+Spiel des auch im natürlichen Schlaf tätigen Mechanismus ausgelöst
+werde.
+
+_Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erwähnen, welche allen
+Schlaftheoretikern große Mühe gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim
+Erfrieren. Soll hier, während ein vor Frost erstarrender Organismus
+langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden
+Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so
+frisch und wach machende Abkühlung der Haut hier ausnahmsweise höchste
+Müdigkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im schönsten Einklang mit
+unseren Vorstellungen, daß durch allseitige extremste Verengerung der
+Blutgefäße in Haut und Gliedern die inneren Organe blutüberfüllt und
+damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein muß?
+So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder
+Abkühlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch
+Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, daß die der Abkühlung schnell
+nachfolgende Blutfülle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert
+und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir,
+warum man im dauernd kühlen Zimmer besser schläft als im überhitzten, ja
+sogar, warum wir beim Umwälzen der Bettdecke von der Kühlung der Haut
+die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch
+erklärt es sich, daß die Inanspruchnahme großer Blutmengen zur Verdauung
+bei überfülltem Magen das Gehirn blutärmer und darum aufgeregter und
+ruheloser macht und daß irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen
+aus dem Gehirn unruhiges Träumen zur Folge hat.
+
+So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der
+Giftwirkungen immer zwischen Erregung und Lähmung hin und her schwankt,
+weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die Tätigkeit
+der Neuroglia, welche wie ein schützendes Filter vor den feinsten Teilen
+des eigentlichen Räderwerkes ausgespannt ist. Wäre die pathologische
+Anatomie nicht allzusehr im Banne von der Stütznatur der Neuroglia, sie
+hätte schon längst vielleicht näheren Aufschluß über die
+Funktionsstörungen als Folge primärer Neurogliaerkrankungen geben
+können. Wenn Füllung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung
+usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen geprüft sein
+werden, dürfte auch für die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer
+vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden
+können. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die Möglichkeit
+der direkten Durchspülung der Neuroglia vom Blutgefäßsystem, die Wirkung
+des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirnödems,
+der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die Möglichkeit, daß man
+durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzlösungen in das
+Venensystem, mit der Schaffung einer künstlichen Plethora zusammen mit
+dem nachfolgenden energischen Aderlaß überall im Körper, also auch im
+Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorgänge anregen kann, steht für mich
+schon heute außer allem Zweifel.
+
+
+Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen
+bedurfte es, um einigermaßen im Rahmen dieser locker gesammelten
+Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter Rücksichtnahme auf
+diejenigen Leser, welche nicht genügend Physiologen sind, wodurch meine
+Definitionen leider schwerfällig und unbeholfen werden mußten. Ich kann
+mich dafür aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden.
+
+Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes muß meiner Meinung nach jede
+Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie
+die körperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine
+Definition wirklich erschöpfend sein dürfte, und weil beide Formen der
+schmerzhaften Bewegungen in unserem Körper eine große Fülle von rein
+physischen Berührungsflächen darbieten; ich erinnere nur an die
+mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und
+körperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an
+die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an
+Pupillenvergrößerung in seelischer _und_ körperlicher Angst und an
+andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzustände, um die
+Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begründung zu betonen. Was
+nützt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele
+Neurologen, mit der Ansicht uns begnügen wollten, daß der Schmerz eine
+ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, daß also in unseren seelischen
+Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam
+Wächterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art
+übernehmen? Abgesehen davon, daß man auf diese Weise notwendig zu dem
+tief pessimistischen Prinzip einer Schöpfungstheorie kommt, die den
+Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt,
+wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch
+des Erzengels einige Berechtigung gäbe, abgesehen von dieser kühnen und
+gefährlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz
+ausgeliefert und vorbestimmt, läßt die Lehre von der Spezifität der
+Schmerznerven eben den psychischen Schmerz völlig in der Luft schweben.
+Aber auch sonst läßt sich vieles gegen eine solche Anschauung
+vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur
+Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z.
+B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung
+anführen, welche ich als erster bei Operationen unter meiner örtlichen
+Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche später häufig, so namentlich
+von _Lenander_ in Stockholm, bestätigt ist. Als ich am Bauchfell
+operierte ohne Narkose bei vollem Bewußtsein des Patienten unter
+Anwendung nur örtlicher Betäubung, bemerkte ich, daß das normale,
+blasse, nichtentzündliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne
+Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, daß aber nach wenigen
+Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger
+Rötung Schmerz auch gegen leiseste Berührung auftritt. Ist der Schmerz
+ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgefühl, wie ihn die
+moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so müssen in einer Spanne
+Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen können, denn Körperzonen,
+die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den
+Händen. Hier ist mit der Annahme, daß der Schmerz nur auf vorgebildeten
+Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im
+Bauchfell gänzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch
+gewinnt es bald die Fähigkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen
+annimmt, muß sich vorstellen, daß diese Leitungsdrähte des Wehgefühls
+innerhalb der Bündel der hinteren Rückenmarksnerven zusammen mit den
+anderen Strängen für das Tast-, Wärme- und Muskelgefühl verlaufen, und
+müßte unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen Bündel
+auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber
+gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines
+Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die
+Neurologen so ausschließlich als den Sitz der allgemeinen seelischen
+Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch
+eigenen Beobachtungen, daß das Gehirn selbst absolut ohne
+Schmerzempfindung ist. Der berühmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der
+Hirnhäute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht
+mehr dem eigentlichen Gehirn angehört. Es würde also bei diesen
+gewichtigen Einwänden gegen die Theorie von der Spezifität der
+Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifität nicht bedürfte und
+doch alle bekannten Phänomene des Schmerzes verständlich zu machen
+vermöchte, entschieden den Vorzug verdienen.
+
+Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem
+Hemmungsmechanismus geben zu können.
+
+Der Schmerz ist ein Allgemeingefühl der Unlust. Ist der gleichmäßige und
+harmonische Ablauf der gesamten Körperfunktionen die Quelle vom Gefühl
+der Gesundheit und der Lust, so muß bei den Unlustempfindungen dieser im
+naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftströmungen im
+Organismus gestört sein. Schon das besondere rein funktionelle
+Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gefühlte
+Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, daß er die
+seelische Orientierungsspannung von der Außenwelt weg auf eine Lokalität
+des Körpers zurückzulenken zwingt, Störungen des Allgemeingefühls im
+Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gefühl der Fülle im
+Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken,
+kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung
+hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr,
+Kribbeln in der Haut, kann bei längerer Dauer mit dem Gefühl der
+Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder
+Funktionsstörung ist der Gedanke an eine nahende oder doch mögliche
+Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur für Licht
+empfänglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder
+Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die
+auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen
+seelischen Stoß, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen
+Sinnesorgane können wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im
+Gehirn und Rückenmark auslösen. _Schmerz aber vermögen nur die
+Nervenbahnen zu leiten, deren Berührung an sich normaler_weise
+_Tast_gefühle auslöst. Das sind die sensiblen Nerven und der
+Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen
+nervösen Häuten und der Körperhülle Platz gefunden hat. Wann entsteht
+nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch
+die abnorme, gehäufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist,
+Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen
+nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation
+gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Annäherungen und
+Sprengungen, durch seitliches Überspringen und Defektwerden der
+Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgelöst werden. _Der
+Schmerz ist ein Kurzschluß elektroider Spannungen im Nervensystem._
+Drücke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unzählige
+Tastkörperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zunächst Kribbeln und
+Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der
+Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck
+und in ganz gleicher Weise bei Ätzung und Brand ein Defektwerden
+der Bindegewebshüllen der Nervenapparate, welche hier genau der
+Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich störe den
+Isolationsmechanismus, so daß seitlich elektroide Funken überspringen.
+Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h.
+gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form
+und Intensität, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt
+ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und
+Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden Läsion der peripheren
+Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgefühl durch irre geleitete
+Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser
+Kurzschluß der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist
+um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig lädiert sind oder je
+dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenhülle defekt wird ganz
+gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also plötzlich in der Zentrale
+turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ertönen, entsteht eine
+Unfähigkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust,
+welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den
+Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in gänzlich ungewöhnlicher Richtung
+ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu
+Affekthandlungen, oder wenn diese selbst übertönt werden, zur Ohnmacht
+und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal völlig
+jungfräulichen Boden, und es spricht gewiß für meine Auffassung, wenn
+seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum
+zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert über das, was nun kommen
+wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen könnte, ist oft größer,
+als die Klage über den Augenblicksschmerz allein ausfallen würde. Wäre
+der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so wäre nicht abzusehen,
+warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden
+Schmerzes relative Gewöhnung bei Wiederkehr auch nach längerer Zeitpause
+beobachten läßt, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen
+spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, daß man von zwei
+Schmerzen stets nur den stärkeren wahrnimmt, spricht gegen die
+Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer
+Farbe alle Nüancen gleichzeitig wahrnehmen. Die große Summe der
+entwicklungsgeschichtlich eingeübten und koordinierten Reflexe einer
+schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung,
+zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der
+Schließmuskeln aller Art beweist, daß die plötzliche Überladung gewisser
+Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso plötzlichen
+Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn drängt: ein
+Schrei, ein Stoß, ein starrer Blick, die fahle Blässe des Gesichts, sie
+alle sind der Beweis für das Bestehen einer blitzschnellen,
+kurzschlußartigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der
+Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung
+zum Atmungszentrum, schon plötzliche Abkühlung, durch die Dusche etwa,
+bringt tiefe Atemzüge und Neigung zu Stimmbandschluß und stoßartiger
+Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der
+Atmung, einschließlich der Mund- und Nasenöffner, womit der mimische
+Anteil an der Schmerzwirkung erklärt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja
+jede Erregung läßt die Pupille weit werden, um dem vielleicht
+hilfreichen Licht die ganze Fläche frei zu geben, und ein schnell
+pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion
+gleichsam sprungbereit durch Heranwälzen der Ionen des Sauerstoffes
+auszurüsten.
+
+Ich würde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gestörten
+Hemmungsmechanismus für die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen,
+wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute
+Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir täglich aufs neue zu beweisen
+geeignet ist.
+
+
+Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die
+Infiltrationsanästhesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser
+Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr
+überall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige
+Berücksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die Lösung,
+mit welcher ich örtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine
+Flüssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation,
+die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu
+verstärken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunfähig zu
+machen. Ein anästhetischer Mückenstich, wie ich ihn mit meinen
+ungiftigen Lösungen in der Haut anlege, läßt die einzelnen Nerven
+durchaus tastleitungsfähig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in
+jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den
+Schmerz macht, den seitlichen Kurzschluß der Nerven, durch
+Hemmungsverstärkung unmöglich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven
+einen Dämpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am
+Rückenmark direkt mit bewunderungswürdiger Kühnheit wiederholt hat, ohne
+daß wir die Nervensaiten selbst irgendwie lädieren oder gefährden. Es
+wird für mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, daß ich
+diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der
+Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines
+Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens.
+Professor Bier hat auch den Nachweis geführt, daß in der Tat das Blut
+den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einfluß auf die peripheren
+Nerven hat, und ich selbst habe schon früher angegeben, daß Übertritt
+von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. ödem) unter Umständen genügt, um
+die Nerven sämtlich für Schmerz leitungsunfähig zu machen. Alle diese
+gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene
+Deutung zu, und wir haben nur nötig, diese an der Peripherie des Körpers
+gewonnenen Erfahrungen auf das Gefüge der Zentrale im Nervensystem zu
+übertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim
+psychischen Schmerze zu gewinnen.
+
+_Auch in der Seele gibt es einen Kurzschluß elektroider Spannungen._
+Auch hier enthält die unsere Seele brutal überfallende maximale
+Anspannung, die nach dem Äquivalenzgesetz der Kräfte ebenso materiell
+wirksam sein kann wie eine äußere Gewalt am Leibe, übergroße Ladungen im
+Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den
+Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen
+explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel für
+solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist für mich diejenige
+Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im
+Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen
+von nicht auflösbaren Spannungen statt, nicht auflösbar, weil die narbig
+verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nervöser Kraft die
+Hemmung entgegenhält. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu
+einer Höhe, daß sie den Wall durchbricht, so brausen in die
+unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der
+elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall löst sich aus,
+verstärkt durch den Chok der Gefäße, der seinerseits allein, wie wir
+sahen, das Bewußtsein schwer zu alterieren vermag.
+
+Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzauslösung, wenn wir eine
+Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere
+Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Glück greifendes Moment erleben.
+Die Spannungen in der Phantasie, welche schließlich stärker sind als
+jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie
+einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und
+brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gefühl des
+Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen
+Obstruktion des körperlichen Schmerzes findet die Entladung in
+Schluchzen und Tränenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und
+Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen
+aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektströmen einen Damm
+entgegenwölbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden
+Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung
+resultieren.
+
+Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchstäblich erröten
+und erblassen.
+
+Ich bin am Ende meiner Ausführungen und schließe mit Zagen, daß ich es
+gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen
+Hemmungen umfaßt, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen.
+Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptzüge
+dieser, wie ich zugebe, kühnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese
+zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des
+Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu führen.
+
+
+
+
+DER SITZ DER SEELE
+
+
+Als der Zeitgenosse Friedrichs des Großen _La Mettrie_ seinen berühmten
+Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, daß dieser
+kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich
+verbreiteten, aber ganz unsäglich öden Weltanschauung werden sollte: des
+jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das heißt: der Lehre
+von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer
+Probleme. Ähnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der
+Persönlichkeit Christi aufzulösen meinten in platt-alltägliche, nur
+durch die Phantasie der Gläubigen verzerrte Begebenheiten, so war für
+die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist,
+Seele, Gemüt, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der
+nervösen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie
+Niere, Leber und andere Drüsen die Abfallstoffe des Heizmaterials
+unserer menschlichen Maschine abstoßen (sezernieren), so sezerniert der
+Wunderball in unserer Schädelkapsel einfach ein luftiges Etwas und
+dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens!
+
+Nicht drastischer läßt sich die Kümmerlichkeit dieser Weltanschauung,
+die man besser eine _Weltblindheit_ nennen könnte, darstellen, als mit
+dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein
+Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele
+Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie nämlich
+rundweg diese Fragen für der Wissenschaft nicht zugänglich und für
+keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erklärten, womit dann die
+Exaktheit gerade da aufhören müßte, wo das Interesse für jeden
+Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht
+nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage:
+"woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort.
+
+Ich will versuchen nachzuweisen, daß es auf diese Frage eine leidlich
+befriedigende Antwort gibt. Nämlich aus der unumstößlichen Wahrheit
+heraus, daß die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich
+antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus
+vorangegangenen Irrtümern entsprungenen Frage gegenüber ist sie, die
+Gütige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verblüfften und
+verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett
+gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die
+sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten mögen. Fragt
+man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding
+ist, das aber trotzdem vielleicht überall und ewig ist, so muß die
+Antwort eine kindliche, närrische und törichte sein. Und doch ist es ein
+Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache für Unzählige: die Seele
+sitze im Gehirn! Prüfen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich
+halten läßt.
+
+Es ist Tatsache, daß viele unserer seelischen Fähigkeiten, z.B. die
+Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten
+Bezirkes des Gehirns; daß Geruch, Geschmack, Gesichtssinn,
+Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind
+durch Verletzung oder organische Zerstörung ganz umschriebener, oft nur
+pfenniggroßer Teile unseres Gehirns.
+
+Es kann nimmermehr bestritten werden, daß diese Teile den Mechanismus
+bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch
+unzählige, untrügliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am
+Krankenbett, ist festgestellt, daß ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine
+Seele einfach nicht vorhanden ist.
+
+Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre
+geschlossen, daß Gehirn- und Rückenmark der Sitz aller seelischen
+Funktionen sein müsse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der
+Beobachtung ständige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer
+Funktionen. Es wäre eine Torheit, an diesen Tatsachen zu rütteln, aber
+die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung
+vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer
+zugehörigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, daß
+diese Stelle des Gehirns allein diese Fähigkeit produziert. Es kann
+vergleichsweise die Durchschneidung eines Bündels von Telephondrähten
+einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch
+bleibt die Zentrale unberührt. So könnte auch das Sehen, das Sprechen,
+das Hören und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion
+scheinbar verletzenden Läsionen der sogenannten Zentren könnten nur
+zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nervöser Tätigkeiten
+treffen, welche ihre unzähligen letzten Ursprungsquellen weit über das
+Gehirn verstreut haben könnten. Diese Überlegung ist von großer
+Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erklärt wird, warum solch
+Verlust des Sehens, Hörens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht
+immer ein dauernder ist. Denn es ist unumstößlich wahr, daß Hunde, denen
+man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder
+sehen "lernten", und es muß ein schlechter Beobachter sein, dem nicht
+auffiele, daß Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche
+Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch
+die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln,
+verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl
+gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus
+diesen und zahlreichen anderen Gründen hat man die Theorie der
+Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der
+Universalität der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede
+Ganglienzelle durch Übung schließlich zu jeder Funktion wesentlich und
+stellvertretend herangebildet werden kann, so daß also nach dieser
+Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen
+Funktionen anzusprechen wäre. Mir scheint es, als wenn in der
+Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die
+diese auf das Schädeldach klebten, allzu kühn nunmehr auf das Gehirn
+selbst aufgedrückt würden, daß also keineswegs der Nachweis
+lokalisierter Seelentätigkeiten irgend etwas über den Sitz dessen, was
+wir Seele nennen, aussagen könnte. Sagt man aber nun: so ist eben das
+Gehirn und Rückenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann
+gehört zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und
+nervösen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem
+kleinen Finger, wie in der Nase.
+
+Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, für welche man Herde im
+Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was
+wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu gehört vor allem die ganze Skala der
+Allgemeingefühle, Lust, Schmerz, Gemüt, Phantasie, Logik, Willenskraft
+usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises
+dafür erbracht, daß auch diese, wesentlich seelischen Funktionen
+irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder
+Rückenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das
+Gehirn, das doch der Herr der Gefühle sein soll, in sklavischer
+Abhängigkeit von jeder Verdauungsstörung, vom Stoffwechsel des übrigen
+Leibes, von Störungen und rein vitalen Veränderungen aller Art. Wenn man
+nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge faßt, daß z.B. das
+Herausschneiden der gesamten Schilddrüse, welche um die Luftröhre
+gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen
+wäre, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall
+sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allmählich die
+Hirnfunktion erlischt, so erfährt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele
+im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Stoß. Ebenso wie also
+irgendein Zentrum nötig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch
+dringend der Schilddrüsensaft vonnöten. Also auch hier, in einer Drüse,
+sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner:
+
+Wenn wirklich alle Eindrücke, die man empfängt, zu den Gehirnganglien
+geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und
+Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die fünfzehn
+Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch
+Tausende von Außenweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr
+durcheinander brausen, als würden die Tasten einer Orgel alle
+gleichzeitig niedergedrückt? Das ist nur möglich durch Hemmungsvorgänge,
+welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so daß, wenn eine
+Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist
+im Innern des Schädels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich
+auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind.
+Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also
+unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die
+Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellentätigkeit ist, so wäre das
+Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nervöse
+Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes
+oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden
+wird.
+
+Ich selbst bin der Begründer einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und
+Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem
+Blutsaft und dem Herzen, so daß ich hier zum Bekenner eines alten
+Volksbewußtseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche
+menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher
+Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur
+höhnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollgültigsten Beweise
+dafür erbracht, daß das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert
+und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was für den
+elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als grüne Seidenhülle um
+den Kupferdraht bekannt, darstellt.
+
+Es würde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis
+erbringen, daß ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenfäden und
+Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein Stützgerüst, an dem
+die Nervenzellen ranken. Es ist für mich unumstößlich, daß die mit
+Blutsaft gefüllte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abhängigen
+Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erwähne
+ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, daß unmöglich das
+Gehirn und Rückenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele
+bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der
+Traum, die Narkose als aktive Tätigkeit der Seele verständlich, wie ich
+das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bemüht habe, erst mit ihr
+wird die Phantasie, das Unterbewußtsein, die Lehre von den Affekten und
+Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann
+wird es ganz und gar hinfällig, der Seele einen bestimmten Wohnort im
+Leibe zuzusprechen, dann ist sie überall bei uns zu Haus, in den Nerven,
+in dem Blute, in den Drüsen, in dem Sonnengeflecht, und wird von
+unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit
+des Gehirns.
+
+Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele für sich; in der Republik, dem
+Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe
+bilden, hat jeder winzige, mikroskopische Bürger einen Hauch der
+belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die
+Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat für sich
+zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur
+ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als
+Thronsessel der Königin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer
+Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines
+Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser
+ebenso zugeteilt werden müssen, wie diesen Prätendenten einer angemaßten
+Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der
+Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die
+Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die
+Künstler formulieren, fällt die Frage nach seiner Seele von selbst
+zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle
+Probleme, und hier mündet eben die Frage nach der Seele ein in das große
+Rätsel des Lebens überhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel
+wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke über die Seele ist eins
+mit dem Gedanken über das Leben.
+
+
+
+
+INSTINKT UND SPIEL
+
+
+Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen
+Spürsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der
+schöpferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein
+armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines
+dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des
+Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl
+der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Krönung des
+Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine
+beantwortet den Reiz, den auslösenden Anstoß stets in derselben Weise,
+zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der
+lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willkür, eine Freiheit. Aus
+einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an
+solche Zellen ist das höchste, wie das niedrigste Leben geknüpft; denn
+geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtkäfers nicht
+minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies!
+Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis
+zur Feinfühligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der
+menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus
+Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der
+Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation
+chaotischer Bewegungsmöglichkeiten. Nach ihm kam Rückenmark und
+Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein
+Geringerer als Goethe sah, daß das Schädeldach ein entwickelter Wirbel
+sei, und die Hülle mußte sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der
+Rückenmarksäule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte.
+Dessen jüngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres
+Bewußtseins. Ein jeder von uns trägt also in sich die organischen
+Niederschläge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe für Stufe
+aufsteigend alles das bewußt, was jetzt unbewußt, automatisch gleichsam
+"von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische
+Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien
+unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewußten Gehirnteilen
+muß also ein sich selbst überlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester
+Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gefühle stammen, die wie
+dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele.
+Diese fernen, unterbewußten Triebkräfte, das Resultat der Daseinskämpfe
+aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit
+dem Namen "Instinkt" belegen.
+
+Wahl also, das bewußte Gefühl, so oder so zu handeln, steht dem "Muß"
+gegenüber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewußtsein
+entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das
+Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorwärts
+gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, daß
+wir entwicklungsfähig ("vorbildlich" Kant) werden können, andernfalls
+wir als lebens- und entwicklungsunfähig abzutreten haben vom Schauplatz
+des immer spielenden Dramas: Leben.
+
+Wir vermögen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen
+Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein
+organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewußt
+denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens
+anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist.
+
+Um ein Bild aus der Elektrizität zu geben,--wir denken und sinnen mit
+willkürlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte
+aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und
+Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu nötigen
+Anschlüsse sind ein für allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie
+sind in den Händen einer abgeschlossenen Hemmung.
+
+Wenn wir dem ebengeborenen Säugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust
+erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen;
+wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich
+seine Pupille: das Getriebe der nervösen Reize hat keine andere Wahl, es
+muß die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise
+auslösen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angewöhnten Reize stets
+dieselben Bahnen entlang durchlaufen müssen, weil alle anderen
+Möglichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die
+Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer
+Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die
+zweckmäßigste und immer wiederkehrende für uns erlernt haben. Die
+automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als
+die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgemäßesten herausgestellt, und
+sie gehören zu dem definitiven Bestande unseres nervösen
+Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer
+dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nervöse
+Nebenleitungen unmöglich machte. Daß wir niesen, erbrechen, lachen
+müssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind
+zwingende Beweise für die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus
+definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten
+Wasserstrahl, das Verschluckenmüssen selbst gefährlicher Gegenstände
+(Münzen, Gebisse, Gräten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben,
+der Lidschluß bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit höchster
+Willenskraft nicht hemmen können, weil das Spiel der Kräfte eben für
+diese Aktionen unabänderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter,
+aber irrtümlicher Glaube, daß man unser ganzes Seelenleben in dieser
+Weise meint auflösen zu können in die eine Frage nach den
+Reflexbewegungen. Für weniger elementare und kompliziertere Handlungen,
+für unser Gedankenspiel und für unsere Empfindungen kommt eben noch ein
+anderes, uns die Freiheit des Willens aufnötigendes Etwas hinzu. Liegt
+vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es
+unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen
+lassen und habe dabei stets das Gefühl ganz freier Wahl, zu tun, was mir
+beliebt. Gegenüber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das
+Gefühl der Freiheit, mich für dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu
+entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize
+nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb.
+
+Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei
+Quellen: Aus einer bewußten, kontrollierbaren und aus einer nicht
+kontrollierbaren, unter- oder unbewußten Auslösung von Reizen. Antriebe,
+deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns
+beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei große Gruppen, denke ich,
+sollte man die Instinkte, die unterbewußten Antriebe zur Handlung
+einteilen: In solche, welche uns überkommen sind, aus früheren Stufen
+der Entwicklung, welche also gewissermaßen Rückschlagtriebe aus einer
+früheren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der
+unaufhaltsamen Vorwärtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen.
+
+Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden
+(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus,
+d.h. sie können die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener
+Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese
+ausgelösten Willensaktionen können uns persönlich nützlich oder
+schädlich sein, sie können aber auch für die Entwicklung der Menschheit
+als Ganzes fördernd oder hindernd, also erhaltungsgemäß oder
+entwicklungshemmend sein.
+
+Wo könnte der Seelenforscher für das Überkommene und Eingeborene tiefere
+Züge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen,
+dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber
+ist des Kindes tiefste Betätigung? Das Spiel, dieses für die
+Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig,
+so muß ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das
+oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch
+Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen
+Worten: Die Geschichte der Menschheit muß sich gedrängt, konzentriert,
+im Wesensabdruck wiederholen in den Lebensäußerungen des jungen Bürgen
+für die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es muß also am Geborenen
+funktionell das frühere Geschehen in großen Zügen bemerkbar sein! Und
+ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem heißen Triebe
+Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser
+umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverständlichen
+Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, Kühen, Schafen und
+Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim
+Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem muß sich der Gedanke
+aufdrängen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein
+sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen längst in ihm schlummernder
+Gefühle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja
+selbst den Hang zu Lüge und Betrug, so fällt es uns wie Schuppen von den
+Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von
+unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer
+Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewiß: hier prägte die formende Hand der
+Entwicklung Fähigkeiten und Gelüste vor, die nun wie eine
+Zwangsvorstellung, wie ein stetes Müssen die Willensaktion wie zugeboren
+zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Zählt man nun die
+dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie,
+ein Talent der letzte markante Ausläufer in Generationen vorgeübter
+Fähigkeiten war, so muß man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als
+das Kind und seine Seele, daß es Triebe und Instinkte gibt, welche wie
+Reproduktionen, Rückschläge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der
+Stammesvorfahren sich geradezu aufdrängen. Der daseinkämpfende Urmensch
+_mußte_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, Kämpfer sein, er
+mußte List, Lüge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung
+gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur
+wahrlich näher, als ein Großstadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und
+zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld,
+Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit
+eifergeröteten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Blümlein
+pflücken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern,
+seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die Händchen
+heben--man muß es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen
+des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses
+Wiedererkennen, dieses Zugehörigkeitsgefühl zu der umgebenden Natur und
+zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verläßt nun auch den
+aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende
+Leben neue, erst zu bewältigende Aufgaben an uns stellt und ganz
+allmählich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken
+läßt in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber
+doch die Wärme, Licht und Glanz strahlenden Quaderzüge im abgelagerten
+Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines
+Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung
+längst entzogenen Urgefühle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm
+Haß und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, bösen und guten Lüsten mag
+ferner in der Tiefe des Unterbewußten seine unverschüttbaren Quellen
+haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gefühl der
+Disharmonie gegen allen Bestand des Überlieferten, in welche uns eine
+Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns
+mahnt uns, daß wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen
+rütteln können, was alle Väter vor uns aufgebaut!
+
+Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie drängt unaufhaltsam an
+gegen die hemmenden Mächte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser
+Vorwärtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder
+vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen für die
+nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte
+nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel dafür,
+wie mächtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und
+um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Geschöpfe, Maschinen,
+Werkzeuge, Kräfte nach einem in sich selbst gefühlten Ebenbilde! Er
+spinnt ein Netz gleichsam nervöser, elektrischer Verbindung von
+Menschengehirn zu Menschengehirn über die ganze Erde, er durchfliegt
+Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht
+und Wärme und neue Kräfte liefern, und hält im bewegten Bilde
+(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt späteren Generationen die
+Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem
+klassischen Zeitalter, Zeugen unerhörten Gestaltens, und unser Trieb
+ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden
+Ansturm der aufsteigenden, aufwärtsführenden Instinkte die Probleme des
+Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosität, der Ehrfurcht, der
+Behaglichkeit, des sich Genügeseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr
+schnell vorwärts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine
+Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte
+sind im Kampf mit den erworbenen. Möglich, daß an diesem Konflikt die
+moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, daß auch
+diese Triebe eben einrücken können in den definitiven Bestand des zu
+Überliefernden. Wäre das nicht der Fall, so wäre der Weg der Kultur ein
+einziger großer Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen
+Probleme fähig sind, zu dauernden Instinkten sich einzufügen in den
+Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als
+eines auf der Erde dauernd lebensfähigen Organismus garantiert.
+
+
+
+
+TEMPERAMENT
+
+
+Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige
+Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrtümer sind, welche
+leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so
+gibt es auch überkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch
+haften, je irrtümlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung
+verdanken. Ja für viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit
+schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen
+sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn
+verbinden. Und doch muß man erstaunen, wie oft bei weiterer
+Fortentwickelung unserer Kenntnisse schließlich solchen alten
+Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von
+derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Schönheit man
+oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von
+ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die
+"Elemente", der "Äther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der
+physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizität geworden
+sind. Man sieht daraus, daß die Wissenschaft die überlebten Worte
+gebrauchen kann wie alte Häuser, die man nur modern einzurichten
+braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament"
+verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der
+Saftmischungslehre war man der Ansicht, daß die Temperatur des Körpers
+abhängig sei von dem Übertritt gewisser Säfte ins Blut. Rotes
+Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier
+Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung
+ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebräuche erinnern
+noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen
+Lehre, d.h. der Lehre von der Erklärbarkeit aller Krankheitszustände aus
+Blutveränderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten Hämorrhoiden",
+der "zurückgetretene Salzfluß", der "nach innen geschlagene Ausschlag",
+die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht
+ausgestorbenen, ein bißchen Wahrheit bergenden Schlagworte.
+
+So haben des alten _Galen_ vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, schwarze
+und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger
+spezifischer Blutwärme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des
+melancholischen, cholerischen, noch heute ihren dünnen,
+wissenschaftlichen Schimmer von tatsächlichem Verhalten, nicht weil sie
+einen Tatbestand ausdrücken, sondern weil dem Kenner der menschlichen
+Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den
+offenen Blick fürs Wesen des Menschenherzens nicht zu trüben vermochte.
+Nicht allzu selten ist derjenige ja der stärkste Wissenschaftler, dem
+der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand
+nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der zündenden Suggestivkraft
+eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in
+der Psychologie.
+
+Ist es also ganz sicher falsch, daß das Überwiegen des roten Blutes, des
+Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist
+es doch unstreitig richtig, daß die Zustände der wechselnden
+Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen
+Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der
+Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerblütigkeit, seine Einteilung
+der Menschen in Warm- und Kaltblütige, kommt der Wahrheit schon recht
+nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der
+größeren oder geringeren Schnelligkeit der Auslösung unserer Grund- und
+Stimmungsgefühle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache
+des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig"
+und "schwerfällig", "gutmütig", "schwermütig", "hitzköpfig",
+"Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zustände der
+Gesamtstimmung einer Seele.
+
+Dieser Widerspruch würde schwer zu überbrücken sein, wenn nicht die in
+diesen Blättern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des
+Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als
+eines Stromregulators, hier klärend eingriffe. Wir wollen sie an dieser
+Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein
+Orientierungsorgan für die Außen- und Innenwelt. Diese Orientierung
+geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewußte
+oder unterbewußte Vorstellungen, Empfindungen, Impulse auslösen. Dem
+Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Maß gesetzt,
+vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den
+Ganglienapparat bestürmen, sondern hintereinander ausgelöst werden.
+Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen
+vermittels eines ständig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem
+Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. Wäre in unseren
+wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am
+Werke, so müßten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen
+Organen der Sensibilität auftreten, und statt einer tastenden
+Orientierung würde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie
+entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie quälend es sein müßte, zwei
+Gedanken von gleicher Stärke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr
+würde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur möglichen
+Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitmaß unser Bewußtsein völlig
+aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht,
+Orientierungsunfähigkeit mit absoluter Sicherheit überall da auftreten,
+wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgefäße ihre
+rhythmische Überflutung über das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, daß
+eine fahle Blässe des Gesichts solche Zustände anzeigt, weil die
+Gefäßnerven alle solche Betriebsstörungen mit Krampf und folgender
+Blutentleerung beantworten. Daß das Gehirn an diesen Blutleerezuständen
+tatsächlich teilnimmt, kann man bei Operationen an eröffnetem Schädel
+direkt beobachten. Da sieht man auch, daß im Schlafe das Gehirn ganz
+entgegengesetzt der bisher landläufigen Meinung blutvoll ist und daß
+diese Blutfülle umschlägt in Blässe, sowie der Betreffende erwacht. Das
+konnte man bei einem Kinde mit entblößtem Gehirn viele Male beobachten,
+d.h. Blutfülle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. Hält
+man dazu die Tatsache, daß alle Zustände des erhöhten Blutgehaltes des
+Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewußtseinsstörungen im Sinne
+der Schlafhemmung begleitet sind, so drängt sich ein Gedanke auf, der
+für die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergrößter
+Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und
+Schwerblütigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande
+ist. Nämlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einfluß
+auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist nämlich die
+Nerventätigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen ähnliche
+Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar,
+ableitungs- und zuleitungsfähig, d.h. beeinflußbar im höchsten Maße
+durch die Natur der eingeschalteten Widerstände. Nun wissen wir,
+daß um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein
+Flüssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und
+zwar in dazu vorgebildeten Räumen. Wir wissen ferner aus direkten
+Beobachtungen am Widerstandsmesser für elektrische Ströme, daß das
+Blut und die Blutsäfte hemmende Kraft besitzen. Darum muß das mit
+dem Blute in Verbindung stehende Hüllgewebe der Nervenzellen ein
+Nervenstromeindämmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden
+also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle
+ein- und ausgeschaltet, und Anschlüsse sind nur da möglich, wo im Spiel
+der Gefäßmuskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den
+Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschlüsse dann unmöglich,
+wenn die Lücken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gefüllt sind. Das
+dieses Entleerungs- und Füllungssystem beherrschende Organ ist die
+Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner
+Neurogliatheorie.
+
+An der Hand dieser Überlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einfluß
+des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der
+Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der
+Nervenelemente von Natur starke Widerstände einschaltet, weil eben ein
+solcher Saft eine Flüssigkeitssäule darstellt, durch welche nur
+schwerfällig elektrische Entladungen stattfinden können, so hat der
+Träger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam
+aufnehmendes, schwerblütiges, erst nach vielfachem Anprall zündendes
+Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchstäblich eine ein
+bißchen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter
+Durchschlagbarkeit für die elektroiden Spannungszustände im
+Nervensystem, so würde sein Träger leicht empfänglich, schnell
+auslösend, schnell kombinierend, leichtblütig, sanguinisch sein.
+
+Da hätten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir
+Temperament nennen: Temperament ist ein Maß für die größere oder
+geringere Schnelligkeit der Auslösbarkeit und der Anschlußfähigkeit der
+Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedrückt: Temperament ist
+Sache der Widerstandsfähigkeit gegen Eindrücke. Man kann also als gewiß
+annehmen, daß jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels
+dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger
+schnell Reize, Impressionen, Eindrücke, seelische Attacken aller Art
+verarbeitet, und daß dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in
+gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine
+andere Nüance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses
+Widerspiel zwischen Erregung von Nervenströmen und dem Widerstand,
+welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also,
+was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, daß dieser
+Zustand nur ein im großen und ganzen konstanter sein kann, weil ja der
+Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man
+begreift sofort, daß es ein absolutes Gleichmaß des Temperamentes nicht
+zu geben vermag, daß wir heute morgen melancholisch und nachmittags
+sanguinisch sein können, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung
+unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein muß, und daß hier der
+Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an
+Sauerstoff oder Kohlensäure, die Beimengung fremder Substanzen, alles
+Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln können, auch von Einfluß auf
+das Dynamometer unseres Temperamentes sein müssen. Wir begreifen nun
+auch leicht, warum ein bißchen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen,
+schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen
+Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten
+Strömen eminent erleichtert ist, und es ist verständlich, daß man die
+Gifte alle einteilen könnte nach dem psychologischen Prinzip der
+größeren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im
+Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen
+Bestandteile zum Gehirn trägt und hier die Änderungen der
+Nervenanschlüsse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Außengifte
+(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte
+(Harnsäure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber)
+geliefert sein. Man sieht gerade durch geschärften Blick für das
+Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im
+Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.
+
+Nur muß man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen.
+Kompliziert wird die Sache dadurch, daß das Spiel der größeren oder
+geringeren Zufuhr von hemmungsfähigen Säften außer von dem Pulse auch
+vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht
+wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird
+von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen
+und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat
+eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als
+den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung
+aufzufassen. In ihm, in seinen überall ausgedehnten Geflechten, welche
+den ganzen Körper durchsetzen, wie ein Urgehirn für sich, das schon
+alles in sich trägt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren
+erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch
+unserer Allgemeingefühle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder
+Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden
+durch die Strahlenaktivität der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes
+in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso beschäftigt ist,
+wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormoleküle oder an der
+Geburtsstätte der Saatkörner für die unzähligen, vielleicht nie
+geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob
+lebensfroh zur Entwicklung und zur Schönheit drängend, oder düster auf
+Vernichtung, Haß oder Verneinung grübelnd, das ist natürlich dafür
+entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser
+Kräfte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und
+ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt.
+Das ist auch die Erklärung, warum man schließlich ganzen Familien,
+Sippen und Völkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben
+kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser
+Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und
+Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt,
+bestimmend ist für die größere oder geringere Fülle, mit der eben der
+eindämmende Blutsaft die Hirnzellen umspült.
+
+
+
+
+TIERSEELE UND MENSCHENSEELE
+
+
+Für die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig
+gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte
+Sache, daß der Mensch ein höher organisiertes Tier, daß er gewissermaßen
+nur die letzte, erhabene Krönung des Lebens sei, hervorgegangen aus den
+unendlich mannigfaltigen Formungen und Abänderungen, welche die
+Widerstände des Daseins auf die vorwärtstreibende, dem Leben nun einmal
+anhaftende Gestaltungskraft ausgeübt haben. Die hohen Geistesgaben, so
+meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft
+in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen überall auch im
+Tierleben tätiger Seelenkräfte; die Seele des Menschen sei also nur dem
+Maß nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur
+quantitativ, nicht qualitativ). Daß die Naturforscher dieser Entthronung
+des bisher souveränen, völlig unbestritten als Zentrum der Welt
+aufgefaßten Menschengeistes die Feindschaft aller Männer des Glaubens an
+Gott und den göttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht
+wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur
+die Schöpfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn
+behalten könnte, sondern es stürzte auch rettungslos die jedem Einzelnen
+instinktiv innewohnende, übrigens uralte und noch lange nicht
+ausgestorbene Überzeugung, daß der Mensch doch das Maß aller Dinge sei.
+_Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines Körnchen
+Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden
+Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den
+zweiten Stoß: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung.
+
+Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem
+Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist längst ins Land der
+naturwissenschaftlichen Märchen gewandert: denn auch die Naturbibeln
+haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der
+Religionsbücher.)
+
+Eine Schöpfung aus dem Erdenkloß zwar auch, aber nicht mit einem Schlage
+aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch
+Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der
+Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas
+Selbstverständliches ohne Erklärung gelassen wird.
+
+Es ist schlechterdings unmöglich, den Entwicklungsgedanken in den
+Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendfältigen Gesetzmäßigkeiten,
+Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden
+muß, daß der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den
+Schöpfungsbegriff umstößt. Bekanntlich war Darwin gottesgläubig und muß
+wohl angenommen haben, daß der schaffende Gott eben die langsame
+Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch
+das Schöpfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich
+erschiene. Was dem gläubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das
+Wunder der unendlichen Entwicklungs_möglichkeit_ des Lebens, der
+Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unerschöpflichkeit der
+Mittel zum Anpassen an unzählige Widerstände und geheime
+Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewußtsein_ der sich
+vorwärts entwickelnden lebendigen Masse. Die Schöpfung, die der
+Gottesmann im Herzen trägt als _einmalige_ für ihn denkbare Möglichkeit
+der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben für den Naturforscher
+ständig für einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist
+eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden
+Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar unüberbrückbar,
+uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der
+Menschengeist als eine höhere Stufe Tiergeist definiert werden? Es möge
+mir erlaubt sein, einige Gründe beizubringen, welche gegen eine solche
+Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die
+Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nervösen Apparaten,
+welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine große Anzahl
+Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche völlig identisch
+arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle
+Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewußten
+oder unbewußten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die
+Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und
+funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und
+Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und
+höher entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in
+entschieden höherer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der
+Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die
+Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und
+Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen
+Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, daß von einem
+Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, daß es
+offenkundig genug ist, daß solche essentiellen (wesentlichen)
+Unterschiede in Hülle und Fülle bestehen, welche alle auf ein
+einheitliches Prinzip zurückzuführen sind. Der Unterschied wird
+bemerkbar zunächst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte
+beweisen, daß der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine
+Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitläufe gründlich
+verändert, daß er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen
+aktiv vorrückt, während das Tier von Anbeginn seines Auftretens
+auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel
+war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste geändert hat.
+Nicht einmal Ortsveränderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben,
+Wohnungsverhältnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten,
+aktiven Variationen erfahren.
+
+ Fußnote 1: Ein Beispiel dafür war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit
+ zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile
+ getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert.
+ Während die Herren der Schöpfung sehr bald abgeschleudert wurden,
+ vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung
+ "auf dem Platz" mühelos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe
+ galloppierend zu halten.
+
+Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in
+historischen Zeiten konstant, während ein überirdischer Historiograph
+den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich
+für zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen würde. Ebenso
+stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug
+auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, während der Mensch
+sein Verhältnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung
+unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu geführt hat, Herr von
+Tieren und von Naturkräften zu werden, wovon bei Tieren in beiden
+Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. Fügen wir hinzu,
+daß bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewußten Kunst und bewußten
+Ethik (alle darauf bezüglichen Beispiele gehören in das Gebiet
+automatischer, reflektorischer Nerventätigkeiten, sind also Handlungen
+aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die
+hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und
+Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf
+beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede?
+
+Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so muß mit dem Menschen eine
+durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es muß mit ihm ein
+Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner
+Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil
+alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip
+möglich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß wirklich das, was wir
+Menschenseele nennen, ein Ding für sich ist, ein metaphysisches,
+unerhörtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine
+Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein dürfte als die eine denkbare
+Möglichkeit--so müssen wir zum Erfassen einer anderen Möglichkeit eine
+Hypothese einführen, welche vielleicht wahrscheinlicher und einfügbarer
+in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens
+einer übernatürlichen Macht in den Ablauf der Dinge.
+
+Machen wir uns zuvörderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum
+Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verblüffendste an dem
+Verhältnis einer schöpferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: daß
+sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele)
+geschaffen hat, die fähig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch
+Entwicklungen seelischer Kraft dazu geführt haben, _daß die entwickelte
+Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu
+gebrauchen: Die Sonne wäre der Quell aller Dinge, so bestünde das Wunder
+darin, daß die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer
+eigenen Schönheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So
+schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst
+und ihrer Gesetze allmählich ganz bewußt zu werden. Es könnte fraglich
+sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen
+Gestirn geschehen ist, so daß die kleine Erde doch der geistige
+Mittelpunkt des Universums sein könnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn
+unstreitig ist der Mensch fähig, sich von der Gesamtnatur, von den
+letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus
+seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, daß jeder unserer
+Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein muß wie eine
+vorbeifliegende Bleikugel, daß er sekundäre Wirkungen haben kann, welche
+die größesten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen
+usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen
+die Natur in der Hinzufügung der seelischen Kraft zur Entwicklung
+gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, daß eben diese Kraft der
+sich selbst bewußte Geist des Schöpfers ist, womit alle Forschung
+aufhören würde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger
+übernatürlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen
+Fähigkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu
+erklären.
+
+Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen Tätigkeiten nicht
+ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser
+Ausübungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer
+metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts übrig, _als der
+Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht
+beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die
+Fähigkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung
+von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in
+umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu
+werden. Auf dieser Funktion beruht unsere Fähigkeit, z.B. ein Pferd mit
+Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht
+nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im
+Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche
+Form und Bewegung eines tatsächlichen Bildes entsteht, so ist der
+Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem
+funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem,
+was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen.
+
+Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der
+menschlichen Nervensubstanz erfaßt, ist es was den Menschen aus dem
+Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, daß man wohl sagen darf:
+gewiß ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist
+Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das höchste
+Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu höheren Wesen. Das letzte Tier
+der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch!
+
+
+
+
+GLAUBE UND WISSENSCHAFT
+
+
+Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zugänglichen im
+Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame
+Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende
+Königinnen im Geisterreiche stehen sie sich gegenüber und sind
+doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der
+Kausalität--geboren, Glaube und Wissenschaft. Daß bisher nie ein
+ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren
+Vertretern möglich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja
+bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um
+die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige
+Überzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die
+widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte
+Gesetzmäßigkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben
+Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen
+Falle zu einer unverrückbaren Einstellung unserer logischen Tätigkeiten
+auf einen bestimmten Zentralpunkt führen, der in der Art zwingender
+Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlußfolgerungen darstellt?
+Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie reißt den einzelnen in
+unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat
+infektiöse Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise
+unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer
+Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erlösenden
+Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden
+Begriffes sein?
+
+Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so
+gehört ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und
+Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so
+und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer nötige
+Resonanzfläche zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist,
+wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des
+organischen Saatfeldes vorbereitet ist für den neuen Keim.
+
+Das Aufdämmern neuer Kombinationen von Ganglientätigkeiten in einem
+Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlußbereiter,
+bisher nicht durchleuchteter Gebiete würde verlöschen wie eine
+Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewußtseins der Mitlebenden, wenn
+nicht im Stillen gleichmäßig eine Zündfläche in mitgeborenen Gehirnen
+geschaffen wäre; wie es ja oft genug geschehen ist, daß
+entwicklungsgemäße Gedanken erst Jahrhunderte später ein tragfähiges
+Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese
+Zündkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die
+Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichmäßig
+herangediehen ist an die letzte, entscheidende Auslösung, die nur Einem,
+manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen überraschend durch ihre
+Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet
+sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst
+Goethe gesagt hat: das Auge muß sonnenähnlich sein, wenn es die Sonne zu
+sehen vermag, so fällt dieser Funke auch in nervöse Systeme, welche
+spezifisch empfänglich sind für das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann
+in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist,
+weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des
+Ansteckungsstoffes vorangehen muß. Formeln also, welche in der
+Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind
+deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen
+Anschlußreiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von
+dem buchstäblichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben
+richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu stützen, so
+kann man sagen, daß alles Objektive, alles sogenannte Allgemeingültige
+naturgemäß einem Wandel unterworfen ist und daß das Objektive bei seinem
+erstmaligen Auftreten zunächst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h.
+etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende
+Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis
+eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit"
+ablöst. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die
+Wissenschaft. In großen Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die
+Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das Rätsel der Welt zu lösen,
+in jedem Gläubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache
+der Annahme dieser oder jener ihn ganz erfüllenden Überzeugungen ist, so
+kann es nicht wundernehmen, daß eine große Reihe von Parallelen sich
+aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und
+der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in
+beiden Fällen handelt, so kann die Berufsfärbung, welche unabänderliche
+Vorgänge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um
+diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen.
+Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen
+Wissenschaftlern und Glaubensmännern bis ins Einzelne durchführen, es
+möge genügen, auf einige naheliegende Ähnlichkeiten hinzuweisen, um
+wieder einmal daran zu erinnern, wie müßig es eigentlich im Grunde ist,
+wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern
+gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten eröffnet
+werden.
+
+Ich würde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft
+eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn
+nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spieß
+mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische
+Schärfe nehmen könnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete:
+"Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du
+nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese
+niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen würde, es bisher auch nicht
+möglich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so muß man zugeben:
+auf beiden Seiten ist ein großer Unbekannter, und je nach Temperament
+und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und
+symbolisiert und auf der anderen Seite mit kühler Logik analysiert, was
+übrigens die Ehrfurcht nicht ausschließt. In beiden Fällen aber ist
+eine gedachte, substituierte, der äußeren Erfahrung nicht zugängliche,
+nicht beschreibbare, faßbare und erkennbare Grundmacht der Urgrund
+aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit
+dem Äther, seine Erfüllung des Weltraumes an jeder Stelle etwas
+anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher
+Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte
+Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung?
+
+Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft
+nähert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser Möglichkeit, so ist
+die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr außer dem
+Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit
+der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte Ähnlichkeit mit dem
+Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem
+Monismus eine auf viele Einzelkräfte aufgebaute Kraftlehre? Und
+weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die
+Gegenüberstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie
+und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen für funktionelle
+Vorgänge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt
+bleiben, mag Zufall und Wahl seine Träger nun zur Gemeinschaft von
+Priestern oder von Naturwissenschaftlern geführt haben? Es ist eine
+nicht mehr zu bestreitende Tatsache, daß die Naturwissenschaft ebenso
+dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an
+Voreingenommenheiten, Überlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben
+ein allgemein menschliches Hindernis für den Fortschritt, ganz gleich,
+ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben
+Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die Päpste der
+Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche
+und sind es noch.
+
+Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die
+konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbrüder der
+Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am
+Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei,
+die Verketzerung anders Gläubiger und tausend andere Menschlichkeiten
+hier wie dort.
+
+Alle diese Beispiele beweisen schlagend, daß die allgemein menschlichen
+Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger
+Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert
+werden können, daß die menschliche Seele als Funktion eine Einheit
+bedeutet, daß alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen müssen
+und daß im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda
+seiner Lehren nicht anders verfährt als der Wissenschaftler. Nirgends
+wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich
+zwischen Priestern und Ärzten, die beide als die praktischen
+Verwirklicher religiöser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben.
+Es möge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet
+sein.
+
+Weniger die Priester als die Ärzte dürften erstaunt sein, wenn man den
+Nachweis versucht, daß diese beiden Tätigkeiten tief im Wesen verwandt
+und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame Fürsorge um den
+Einzelnen, dort in seelischer, hier in körperlicher Beziehung; ein
+Vergleich, der sich geradezu aufdrängt und nicht nur in der Forderung
+wurzelt, daß in jedem Arzt etwas Priesterliches sein müsse, sondern viel
+mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und körperlich
+Notleidenden bei näherem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt
+in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers,
+der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tröstet die Seele und
+hypnotisiert sie, reißt sie hinweg mit den befreienden Ideen des
+Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im
+Reiche höherer als irdischer Mächte, psychologisch gesprochen, er erhebt
+die Seele über die Gegenwart mit der Suggestion einer großen Hoffnung,
+gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht
+mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit
+Morphium, Narkose und Anästheticis eine funktionell der Hypnose ganz
+nahe stehende Bewußtseinstäuschung über den Zustand der Gegenwart. In
+dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch
+Gedankenübertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen
+Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht
+verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben möchte. Verfasser
+hat den Versuch unternommen, für die Narkose, für die Schmerzlosigkeit
+Prinzipien aufzustellen, welche auch für die Giftwirkungen die Auslösung
+physikalischer Vorgänge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der
+Bewußtseinseinschläferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der
+physikalischen Hirnhemmung zurückgeführt zu haben, so daß einem Menschen
+auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, für den
+Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser
+beruhigender Medikamente: in beiden Fällen geschieht ein Appell an
+denselben Mechanismus: Eindämmung, Einengung, Blendung, Hemmung des
+Bewußtseins. Was Priester und Arzt groß und mächtig macht, ist dasselbe:
+die starke, suggestive Kraft ihrer Persönlichkeit, welche in beiden
+Fällen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde
+nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion,
+der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht
+allein im religiösen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich
+begründet, sondern bedarf in beiden Fällen der Zutat tiefgreifender
+Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele öffnet für den
+Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung muß
+von beiden gleichermaßen belebend in das Dunkel der verzagten Seele
+ausstrahlen. Wie oft ist die fromme Lüge, die Heiligung der Mittel durch
+den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen Ärzten
+vorgeworfen worden, und welchen Arzt gäbe es, der um ein Stück "frommer"
+Lüge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumkäme? Nein, ganz
+gewiß ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu
+nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewußt
+und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensmänner in gerechter
+Würdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich
+die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von
+dem "Lourdes" der Gläubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein
+Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines
+Ablaßzettels für Sünden des Genußes, hat nicht die Medizin immer noch
+den alten, psychologisch auch tief begründeten Brauch, hier und da
+Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gläubige
+pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung,
+die hier vergebene Sünde im folgenden Winter reichlich nachholen zu
+können!
+
+Die Medizin kennt Päpste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so
+stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten
+sind dagewesen, wo wissenschaftliche Überzeugungen die Herrschergewalt
+von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und
+Andersgläubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An
+die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts
+ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott,
+das Abrücken, das Verfehmen, das in modernen Zeitläufen, nur scheinbar
+schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die
+Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik,
+Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf
+gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.--
+
+Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer
+Anwendung Wissenschaft und Glaube berühren, so ist ihre Verkettung in
+ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die
+Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme
+genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in
+psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden dürfte von dem Gefühl
+der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch
+mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets
+ein Staunen über den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand
+gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die
+durchforschte Außenwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die
+tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der spürende Spaten auch reicht,
+überall wird er auf Granit des Unergründlichen im letzten Sinne stoßen
+und wird, falls er gerecht ist und fähig, die Probleme psychologisch zu
+begreifen, in höchster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich über
+undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er
+weiß, daß Dinge des Gemütes und der Phantasie weder zu stützen noch zu
+widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des
+wissenschaftlichen und des religiösen Denkens, die sie beide der Kunst
+nähert: die Phantasie. Ohne sie gäbe es keinen neuen, fruchtbaren
+Gedanken, ohne sie wäre aber auch kein Glaube möglich. Dieser schöpft
+aus den Tiefen des Gemütes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird
+eine Wissenschaft das religiöse Empfinden auslöschen können, nie aber
+auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich
+entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein
+fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der kühnsten Gedanken der
+Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggläubiger Kirchengänger sein.
+
+
+
+
+RAUSCH
+
+
+Rausch--welch ein wunderbares, eine Fülle tonmalerischer Anklänge in
+sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkwürdigster und
+tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans
+Ohr, die an ein schäumendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein
+im Sturme zitterndes Blättermeer gemahnen, ähnlich wie ein diskretes
+Parfüm von Veilchen die dazu gehörige Wiese und den Wald, Himmelsblau
+und Freiheitsgefühl der Seele aufzunötigen vermag. Wie treffend, ja
+erschöpfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand,
+der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden,
+direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die
+kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun vermöchten. Woher
+stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgründige Weisheit,
+daß sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche
+die grübelnde Wissenschaft auf mühsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu
+entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, daß unsere
+Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische
+Projektion psychologischer Vorgänge im inneren Räderwerk der Seele nach
+außen. Fürwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer
+Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre
+Schätze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel
+der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter
+kleinster Teilchen, mögen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des
+Grases, schwingende Saiten der Äolsharfe oder die zitternden
+Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns,
+sein.
+
+Wer doch einen Blick hinein tun könnte in den feinmaschinellen
+Präzisionsbetrieb der fünfzehn Millionen schwingender, webender,
+gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da
+hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines
+vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines
+_Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenbürtig wäre! Wer nur, wie der
+denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in
+seine Träume sehen könnte--dem wäre alles, alles klar! Denn, was nutzt
+es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in
+feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender
+Arbeit, im Rausch des Lebens müßten wir es schauen, wollten wir den
+ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gefäß erhabenster
+Gedanken überblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift
+zu einer Werkstatt gar für Menschenflügel durch das Reich der Luft, an
+ihrer Spitze die Elektrizität, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial
+und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten
+Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang
+durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da hängen
+die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem
+Maschennetz, so zart, daß Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder
+Ankerketten sind; wie feinste Träubchen im Spalier, wie Windenblüten am
+Drahtgitter sind sie ausgesät und senden aufleuchtend ihre
+Feuerstrählchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene
+Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Außenweltreizen
+oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufhängeschnürchen rührt, dann
+blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die
+gibt's jetzt nämlich auch), zittern und machen es wie die Sender und
+Empfänger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen,
+irgendeine Form der Milliarden Möglichkeiten von Bewegungswellen, von
+Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen
+Vorgängen außerhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der
+Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher
+Sandkörnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann weiß es die Seele: der
+Menschenfinger hat eben etwas glühend Heißes gefaßt, 5000
+Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die
+Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend für blitzschnelles
+Rückwärtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet
+der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter
+liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle
+in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: heiße
+Ofentür, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, öl aufstreichen, zum
+Doktor gehen!
+
+Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so
+und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des
+Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die Königin der Seele,
+die Phantasie, aus den Himmelsräumen herniedersteigt, denn nur vom Geist
+der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberfüllhorns in
+die Menschenseele träufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von
+Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen
+und Verlöschen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz
+ähnlich wie eben geschildert, nur daß hier das Spiel innerlich vom
+Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder
+lösender Erinnerungen erregt wird.
+
+Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier
+geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd
+durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, während 1000 Zellen
+"Stiefel" leuchten, künden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis
+dur"; die Finger- und Armkräne zucken, die Beinregister wirbeln
+durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die
+Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals,
+ohne die fliehenden Dinge fassen zu können--das Struwwelpeterbild eines
+berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, ähnlich wie an
+einer plötzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem brüllenden,
+zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die
+Hemmungen, die in der Elektrizitätszentrale wie im Gehirn die Ordnung
+garantieren, sind kaput. So würde der Bescheid eines kundigen
+Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion)
+hat nämlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material
+(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches
+Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der großen Pumpstation
+aller Säfte und Kräfte, dem Herzen, her. Je nach Füllung und Entleerung
+dieser Berieselungshüllen der Nervenknötchen in Gehirn und Rückenmark
+sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder
+Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, daß man immer so
+weit ausholen muß, wenn man Fachgelehrsamkeit populär machen will; die
+dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen,
+bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der
+Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer
+Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln,
+-plätschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Blättchen
+im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere
+Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam
+anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen
+her mit dem Alkohol. Die kleinen, anfänglich vom Willen des ganz
+vernünftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend
+solid zu sein, noch gut beschränkbaren Dosen des mehr Leiden- als
+Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen
+Gezweigen des Blutgefäßsystemes auch die letzten, kleinen,
+feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme
+Beimengung läßt die Gefäßnerven ihre Fühler einziehen, die
+Gefäßröhrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter,
+anschluß(assoziations-)lüsterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser
+eben noch ganz in seiner Würde eingekapselter Tischgenoß wird merkwürdig
+lebhaft, spricht flüssiger als sonst, ihm fällt auch wohl gar eine
+hübsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, über die er beinahe
+selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude röter wird als
+sonst; das gibt ihm ein Gefühl von Huttenscher Lust, zu leben,
+obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser
+Lebensfreudenüberschuß gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht
+so zimperlich zu sein, dem schönen Stoff mal kraftvoll auf den
+Leib zu rücken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher
+wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht über Höh'n und
+Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender
+Schönheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen"
+steigende Anschlußfähigkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind
+durchlässiger geworden, sie sprühen sich Welle um Welle zu, in lustig
+hüpfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden
+Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von
+Kontaktmöglichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort
+heißt) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht
+unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender;
+Selbstüberschätzung, Renommiersucht, Größenwahn verderben die geistige
+Atmosphäre.
+
+Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gefäßnerven,
+welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil,
+in Lähmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainageröhrchen um,
+und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser lächelnder, jauchzender
+Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum täppischen Müllersknecht
+mit trägster, langsamster, blödester Telephonleitung. Die Äuglein
+blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und kündet nur noch
+die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt
+sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht
+mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die
+Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende
+Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgelöscht,
+Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit
+fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut
+des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewußtseins verwiesen.
+
+Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen
+Exzentrizitäten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das
+Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. heißt. Ja, die Herkunft
+des Alkohols schon färbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch
+gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen
+Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist
+übrigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch
+etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte,
+anhaften bleibt, so daß in der berauschten Seele des Menschen sich etwas
+von der Heimat der Tränke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So
+haben Haschisch und Morphiumträume immer etwas Orientalisches in ihren
+Motiven, und der Kartoffelspiritus verrät pommersche Derbheit und Kraft
+nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs
+Schaumwein seinen perlenden Geist.
+
+Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserhöhung,
+Anschlußleichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich
+ganz ähnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes,
+als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die
+brausenden, rauschenden Wellen einer vollaustönenden, übermenschlich
+schönen Sprache, in das gleißende Spiel einer geistsprühenden
+Gedankenkunst, in das süße Wogen und Wiegen einer hinreißenden Melodik
+und Harmonie? Im Mittelmaß schwingt meine Seele, aber die extremen
+Rhythmen reißen sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn
+jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Alltäglichen von meiner Seele
+reißt, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur
+Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Blätter meiner
+schönen Möglichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich
+durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie
+auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir glühende Nebel von Sonnen der
+Kleopatra, die ohne des Künstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir
+ihren mystischen Spiegel erhalten hätten, sie gibt mir Farbensymphonien,
+die mit mir vielleicht hätten sterben müssen, wenn nicht eines
+Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall
+gemacht hätte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen,
+exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen
+meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den schönen, von
+weicher Hand gespendeten Berührungen und Streichelungen bis zu dem des
+Auges, das schöne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen
+des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe
+daseinfördernde Lustgefühl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen,
+schmelzender Erstarrung. Da tönt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft
+schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt
+Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus
+goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert,
+der sonnenwärts gerichteten Seele gereicht werden können.
+
+Seid von der Schönheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste
+Lehre eines Kämpfers gegen den Teufel Alkohol!
+
+ Treibt mein Blut ein Himmelswirbel?
+ Zukunft steigt aus Völkerschmerz,
+ Ewiges aus Lebensglut,
+ Menschheit, dir gehört mein Herz!
+ (Franz Evers)
+
+
+
+
+DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN
+
+
+Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, daß der ganze
+große Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die
+alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer
+Nervenfäden und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen,
+kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist
+zweifellos der Träger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange
+bleiben. Ist doch die ganze große, geistig-humane Idee der sozialen
+Fürsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres
+Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz
+des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle
+umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem glücklich überwundenen
+Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem
+Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen drängte, sie,
+welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so
+scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit
+längst überstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene,
+die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und längst in
+ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese Königin des
+Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der großen
+Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst,
+diesem einst so mächtigen Wärmfeuer menschlicher Gemüter und
+Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, daß ihre schön gewirkten
+Fahnen schlaff am Maste hängen, während ein frischer Wind dem stolzen
+Schiff der Technik alle Segel füllt? Wohl ist es eine Zeit der fast
+göttlichen Verehrung großer Künstler, die nicht einmal immer den
+Vergleich mit ihren größeren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der
+Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten
+als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflußte, unserem Willen und
+Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und überstrahlt alles.
+Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, daß auch in der
+modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends
+offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele
+am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten
+werden, daß wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer verträumten,
+gefühlsinnigen und grübelnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das
+musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit
+uns bisher konkurrieren um den Preis der größten Leistungen, der
+ewigsten Werke der tönenden Kunst, dieser Fähigkeit, von Seele zu Seele
+zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die
+wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem
+geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Schönheit des wirkenden
+Götterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen könnten. Die
+Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des
+Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten.
+In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Fluß, der Friede
+der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer
+ihrer schwebenden Akkorde.
+
+Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles
+Naturerscheinen ist ihr ausdrückbar. Jedem Menschenschicksal, jedem
+Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist
+wie ein allen Fühlenden gemeinsamer, dem Höchsten und dem Geringsten
+offener Tempel, in dem ein Glaube verkündet wird, vor dem ohne
+Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer
+himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist
+wie eine unbewußte, stille friedliche Einigung über alles Zwiespältige
+von Menschenbrust zu Menschenbrust.
+
+Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher
+Besitz von etwas Überirdischem, wie ein verstecktes Stückchen
+Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines göttlichen Wanderers über
+irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein
+Köstlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, daß die Art, wie
+man heutzutage die Musik zu etwas unerhört Kühnem, künstlich
+Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem
+emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu
+entfremden!
+
+Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen,
+so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache
+des Gefühls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst
+schließlich ein Bildungsvorrecht der Begüterten, einer kleineren
+Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der
+Seele der großen Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem
+Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere
+ursprünglichsten, innigsten Empfindens, muß sie auch Eigentum des Volkes
+bleiben.
+
+Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der Künste und Wissenschaften
+ist die Siegeslaufbahn der Musik. Während alle anderen Zweige geistiger
+Kultur, alle anderen Künste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel
+der Klassicität aufzusteigen, durchmaß sie, diese empfindsame
+Interpretin einer Logik des schönen Gefühls, den Zeitraum ihres
+Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die
+erhabensten Menschheitshöhen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine
+Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von
+Bach bis Wagner und welches Überschäumen in unseren Tagen! Und das alles
+im schnellsten Tempo überreichen Wachstums, so daß gleichsam im Umsehen
+die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen
+Domen und Palästen emporwölbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur
+pflegt auch den edelsten Gewächsen die Entartung zu drohen! War die
+Musik der alten Meister eine unpersönliche Anbetung eines
+selbstgeschaffenen, nackten, schönen Weibes, so scheint man in der Zeit
+der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser Göttin mit
+eitel Schmuck und bunten Gewändern zu überschütten. Den Kultus des
+Leibes löste ein Kultus der Trachten ab. Statt des schönen Gemäldes ein
+Chaos bunter, gleißender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in
+vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln
+ingeniöser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung
+frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundriß ist der
+Träger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken
+verdeckt die reinen Linien des innersten Gefüges. Dieses Überwuchern des
+Technischen in der Musik hat, so verblüffend die Resultate in bezug auf
+die Freiheit aller selbständig geführten Stimmen (Polyphonie und
+Kontrapunktik) sein mögen, eine große Gefahr: die des Ausweichens der
+Musik auf das Gebiet tonmalerischer Geräusche! Das Exzentrische der
+verblüffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die
+Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets
+langsam nachrückenden Verständnis der breiten Massen vorläufig viele
+Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage
+aufgeworfen werden, ob die moderne Musik überhaupt Anwartschaft hat, bis
+zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verblüffen und
+hypnotisieren, fanatische Anhänger und unerbittliche Gegnerschaft
+erwecken--erwärmen, vertiefen, rühren, erschüttern und das Heiligste in
+uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand,
+zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gemüt
+des Hörers, diese Könige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit
+unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende,
+erhebende Kraft für das Volk hat.
+
+Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturströmungen unserer
+Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches
+Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die müden Verfolgten
+jederzeit fliehen können und wo ihnen keine Macht der Erde kraft
+himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir
+keine Möglichkeit, den Stürmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen
+entgegenzusetzen, als die, dem nervösen Impuls unserer Zeit durch
+gesunde musikalische Genüsse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht
+nur, daß die Irrenärzte wissen, daß einfache Musik beruhigt und sanft
+stimmt, Illusionen zerstört und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat
+an sich schon dies innerliche Aufatmen der geängstigten Seele, dies
+Stillewerden der Dämonen vor den heiligen Klängen verspürt. Wahrlich,
+gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen,
+beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen
+auf das Gemüt des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue
+einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden,
+die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es
+ist, als gäbe es in unserer Riesenstadt plötzlich Tausende, die der
+Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die
+Militärmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man
+wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein
+Rattenfängerlied an den Herzen reißt und lockt zur willenlosen Nachfolge
+ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefaßt, ist die Musik eine
+Kulturmacht ersten Ranges, sie ist fähig, dem Gemütsleben unserer Zeit
+eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie
+ist die gefühlvolle, sänftigende Schwester der vorwärtsstürmenden
+Technik.
+
+Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begrüßt werden,
+als die Absicht, den breitesten Volksmassen die Möglichkeit zu geben,
+gute Musikaufführungen zu genießen. Man mag darüber streiten, ob die
+Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann
+nicht zweifelhaft sein, daß der Erziehungswert gerade der Oper für das
+Volk ungemein hoch einzuschätzen ist. Gewiß, es mag dem scharfen Denker
+unnatürlich erscheinen, daß die dramatische Handlung durch Gesang, Chöre
+und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verzögert wird, aber liegt
+nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer
+eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen
+Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuhörer die
+Seelenspannungen der Handelnden einzuprägen? Ist es nicht die beste Art,
+auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verständnis für alle
+Menschlichkeiten, für jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und
+dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper
+sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung übertroffene
+Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor
+des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche Fülle von
+Volkstümlichkeit sprießt uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen!
+Wie unmittelbar verständlich aber auch repräsentiert sich der fremde
+Volkscharakter in der italienischen und französischen Oper! Für die
+breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell überaus wichtige
+Möglichkeit, auf die angenehmste Art ein Stück Völkerpsychologie und
+Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen,
+phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unerschöpfliche Fülle
+von fruchtbaren Bildungsanstößen erhält. Mit der ganzen Zauberlockung,
+die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor
+dem Genießenden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das
+universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem
+Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena
+aller Künste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten
+erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkstümlich blieb: im Lohengrin,
+Tannhäuser, Fliegenden Holländer und dem deutsch-nationalsten Werke
+neben dem Faust: den Meistersingern?
+
+Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in Fülle, um ihr Amt als
+Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erfüllen. Gerade unsere
+deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen
+Kulturfaktoren unserer großen Zeit zu erringen.
+
+Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verrückenden
+Einfluß der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die
+Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen
+Verblüffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines
+Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die große Oper noch viel
+mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle
+eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der Töne
+zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des
+Besitzstandes der Musik von ihrer Heimstätte, der Volksseele. Wo sind
+die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm
+volkstümlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon
+mit gleicher Selbstverständlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt
+wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, daß die schwerste
+Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen züchtend,
+von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und
+Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend nötig, eine
+heilsame Rückkehr zur erprobten, altväterlichen Klassizität dringend
+geboten. Wieviel Heil könnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich
+trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes müßte sie
+bieten können, wenn sie den zirzensischen Vergnügungen der Menge, den
+Variétés, den Ausstattungsstücken, den Ringkämpfen und anderen
+sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man müßte ein schlechter
+Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, daß die Volksseele zwar leicht
+auf Irrwege zu führen, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten
+Sinne vom geraden Wege der Aufwärtsentwicklung abzubringen ist. So kann
+sie sich lange von verblüffenden Äußerlichkeiten blenden lassen, aber
+schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern.
+Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast überfüllt, die
+Seele, das Gemüt in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in
+Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber könnte
+die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, geläutert,
+gerührt und auf menschliche Güte gestimmt werden, als vor dem Altar der
+Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Schönheit
+verkündet haben!
+
+
+
+
+MUTTER ERDE
+
+
+Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich
+hinauszogen vor die Tore, über die junggrünende Heide hinweg, am
+Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub,
+haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das
+Frühlingsgrün! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren
+oder die Nase, nicht bloß durch die Augen dringt, und so das Mark mit
+jauchzendem Optimismus füllt! Etwas "Betrinkliches" muß
+dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem
+Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie
+entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der
+Natur, als dem täglichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war
+sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit
+ihrer bebrillten Detektivnase herausgetüftelt: es gibt im Chlorophyll
+(grünes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns übergehen und
+sonderbar schwellende, prickelnde, süße Unruh schaffende Wellenkreise an
+unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten
+ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits
+vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf
+diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie
+aufgebaut, so daß man von nun an vorsichtig sein muß mit Leutchen, die
+es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die
+Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzplätzchen. Leuchtendes Dunkel,
+dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz,
+Reibungsleuchten, Röntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und
+wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen
+Leuchtkäferchen der Natur alle benamst sein mögen. Sie alle kann das
+arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der große
+_Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen,
+und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten
+Glasröhren, in welchen elektrische Flammengarben sprühen, von denen sich
+das unsichtbare Licht abstößt wie Ruß von der Kohlenflamme (im
+Röntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen
+weniger durchlässig sind als die menschliche Netzhaut, und rückwärts
+sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend
+andere haben nun gelehrt, daß eigentlich alles, was ist, auf
+Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und daß die Reihe der Strahlen
+mit den sichtbaren Strömen von Glanz, welche die Sonne über unsern
+finstern Planeten ausgießt, lange nicht abgetan ist, sondern daß eben
+auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht
+mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte
+Wellenbewegungen des Äthers alles, was ist, auch das Leben, mit
+hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser
+Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unzähligen
+Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse
+anpeitscht, wie ein Wasserfall des Müllers Rad. Das Leben des Kosmos,
+der leuchtende Odem der Welt, überträgt sich auf die Materie in Gestalt
+rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in
+kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das
+Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuhäufen, um auch nachts und im
+Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im
+Grün der Pflanzen, im Rot des Blutes.
+
+Der größte medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar
+Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularströme bis
+ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die
+Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar
+vorausgesagt. "Die reichlich fließenden, unsichtbaren, feinsten Ströme
+der Außenwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch
+somatischen Energieformen!" Da haben wir des Rätsels Lösung: Das Grün
+des Frühlings, der Glanz der Blätter und Blüten, das Himmelsblau, das
+Spiel des Lichtes, sie alle haben überall gleichsam hinter sich
+unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in
+die geheimen Werkstätten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und
+Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der
+Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die
+Triebkraft die im Meere gelösten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff,
+Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall
+all ihrer Kräfte zusammengeschweißt hatte, da gab die in erster
+Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft
+in der gleichen Form zurück. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen
+die Kiellinie seines Schiffes aufglühen im Fluoreszenzlicht des
+leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die
+Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle
+der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So
+glüht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von
+bestellender Hand aufgelockerten Erde im Frühling das Licht der Welt
+zurück. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim
+und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales
+Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen
+Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht
+Luna, die kalte, kraterstrotzende Schönheit ist die Gattin der Sonne,
+nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (übrigens schwerlich
+in Einehe lebenden) Königsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere
+nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und
+Kreislauf der Gewässer zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer
+Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren
+atmosphärischen Nebelschleiern überall Wiegen und Brutstätten für
+ungezählte Geschöpfe trägt, von denen die kleinsten nicht weniger
+Wunderträger sind als die größten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen
+Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges
+Grab deiner Geschöpfe, die vorgeschriebenen Kreise, hüllst dich ins
+hochzeitliche Grün und schläfst unter dem Linnen des hüllenden Schnees.
+Du reckst die Kuppen deiner Berge und die schäumenden Arme der See empor
+zu den Feuerströmen deines Gebieters, und in deinen Tiefen und Höhen, in
+deinen Schlünden, deinen Hüllen glüht es allüberall von den
+Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott täglich aufs neue
+überstrahlt.
+
+Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die
+wir dich niemals ganz in voller Schönheit sehen--denn eine Weltreise
+selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du
+an jeder Stelle die hüllende, liebende, prägende Mutter! Denn unsere
+Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie
+erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns
+prägt die Scholle, uns fesselt die Scholle und läßt uns nie mehr los mit
+tausend und abertausend Fäden, die aus dem Boden stammen. Welch eine
+geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres
+Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gemütes.
+Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle
+den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein
+Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und
+Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine
+Lieder, seine Sehnsuchten abhängig sind von dem Boden, der ihn geboren?
+Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und
+Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schließlich abstimmt
+auf eine biologische oder ästhetische Einheit, die so klar hervortritt
+an den autochthonen Poeten der Heimat.
+
+
+
+
+ÜBER GRÜBCHEN UND FALTEN
+
+
+Wer aufmerksam einem Porträtmaler bei der ersten Skizzierung eines
+menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig
+Linien eine "schauende Hand" nötig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt
+einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig
+armselige Kohlenstrichelchen genügen, um die Wunder der Persönlichkeit
+auf das schärfste und zwingendste zu umschreiben.
+
+Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen über
+dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der Künstler tastend
+nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern
+rechnende Ausweichung, Verlängerung oder Verkürzung eine schon
+vollendete Ähnlichkeit gänzlich über den Haufen werfen. Sonderbar: es
+sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien,
+Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen über den starren
+Wölbungen des Kopfskeletts, die die Persönlichkeit für das Auge
+blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer
+individualisierbaren Linien der knöchernen Grundlage des Kopfes. Es ist
+ein eigentümlicher, aber doch richtiger Gedanke: man würde ein geliebtes
+Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer
+Schar von Totenköpfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin
+herauszufinden imstande wäre. Auch wird zur Rekognoszierung der
+Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten
+Schädelmaße eines die knöchernen Verhältnisse berücksichtigenden
+Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte,
+mystische Trägerin der Persönlichkeit, hat keine Gewalt über ihr aus
+Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit
+feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden
+Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare,
+stumpfleuchtende, hüllende Mantel des Körpers, dies schmiegsamste
+natürliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner
+Muskelsträhnen, die auf das feinste und vielfältigste die zarte Decke
+der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz
+des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie
+eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht
+unaufhörlich spielt, oder der Spiegelfläche eines Sees, über den Wind,
+Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende,
+nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen
+Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen können,
+die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz
+ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in
+Qualen verzerrtes Antlitz erhält, ist wohl nicht der Abglanz einer zum
+ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so
+wäre!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger
+Muskelspannungen, das sanfte Zurückgleiten aufgewühlter Muskelwellen in
+die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es
+gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten
+Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel
+laufenden Bögen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln
+aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel
+treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das
+Charakteristische, das Verräterische, das Sänftigende oder das
+Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch
+Abstoßende oder den überirdischen Liebreiz, das Dämonische oder das
+Göttliche geben.
+
+Vor die starrenden Höhlen des grinsenden Schädels breitete uns Natur
+eine weiche, zart getönte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und
+Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und hängend ihr
+Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Weiß des
+sehnigen Gewebes erhält. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch
+dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche
+Modelleur ist das Fett, die Füllsubstanz, die Abrundung gebende Masse,
+die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus
+feinen, gelben Träubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische
+Substanz in der Hand der größten Bildnerin Natur. Die unendlich
+wandlungsfähige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als
+Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, daß das Gesicht
+oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion,
+allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und
+entleerungsfähigsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten
+Züge der Wangen und der Gesamthaut beim plötzlichen Absinken der Kräfte
+im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im höchsten Schmerz! Ohne daß ein
+Muskel zuckt, fällt der Tonus der Haut, das mittlere Maß gesunder
+Spannkräfte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im
+psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die
+strotzende Füllung der Fett-Träubchen, und das hohle Polster entzieht
+der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich
+sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen über die
+physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen
+Ringe der Venus". Die Lagerung der Augäpfel ist vom Gehalt der
+Augenhöhlen an Fett abhängig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei
+Gram und Grübeln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett
+die beiden Augäpfel abwärts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich
+Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenhöhle, die das
+dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des
+Zurücksinkens der Augäpfel kann so momentan vor sich gehen, daß eine
+schwere Anstrengung, ein vorübergehendes Ermatten des Herzens, ein
+Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die höchste Wonne
+der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz
+plötzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein
+Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der
+Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge
+erkennbar machen. Wir verstehen also, daß ein Schwinden des Fettes z.B.
+im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen
+Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der
+nutzlose Kampf gegen Runzeln und Krähenfüße würde nicht so verbreitet
+sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des
+Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilität, nicht
+so verräterisch für die Zahl der Jahre wäre, die über ein Antlitz ihre
+Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt
+des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren
+Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Daß hier ein feinerer
+seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall
+besteht, beweist, daß es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe
+ist, die Faltung und Runzelung verhütet, weil das Alter ja im
+allgemeinen fett macht, sondern daß es eine gewisse Schwellbarkeit des
+Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die
+jung erhält, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende
+Intensität den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische
+Potenz nimmt.
+
+Und nun zu den Grübchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der
+Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der
+kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein können, so weich
+wie die von dem Flaum einer Möwen- oder Schwalbenbrust im Seesand
+eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Träubchen zu tun; sie
+sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem
+Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug
+Hauteinziehungen über Schmelzlücken des inneren Fettgusses. Wo
+Muskelgruppen gegenseitig Lücken lassen, die nicht wie sonst durch die
+plastische Füllmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese
+kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum
+seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil
+diese Polsterlücken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren
+unaufhörliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben.
+Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches
+mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten
+Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist
+ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des
+mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten,
+huschenden Beschattungen des Gemüts dem Seelenforscher verräterische
+Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und
+Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelbündel
+erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so
+komplizierte Mechanismen, daß es denkbar ist, daß zwei Menschen der
+Sprache entraten könnten, um sich über alles Wesentliche zu
+verständigen, und daß die Möglichkeit besteht, daß viele Tiere nur durch
+eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden
+Meinungsaustausch und Verständigung erzielen. Man denke an die mimische
+Nachahmbarkeit der Gesichtszüge bei Schauspielern, um sich ein Bild von
+der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird
+es doch immer wahrscheinlicher, daß die oft zu beobachtende Ähnlichkeit
+miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen
+des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht.
+Und auch die Ähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag häufig mehr
+funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten
+der Eltern lassen die Kinder ähnlicher erscheinen, als sie es in
+meßbaren Formverhältnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich
+sind.
+
+Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung
+verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne
+übertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdrücke nach,
+auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So
+schreibt die Seele mit flüchtigem Griffel ihre Neigungen, Wünsche und
+geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unschöne
+Züge durch heißen Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus
+der Hand des Göttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr
+in Gesichtern als in Büchern lesen lernen!
+
+
+
+
+DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG
+
+
+Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die
+Gewohnheit. Sie versteht es, Rätsel, Merkwürdigkeiten und Probleme des
+Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so daß
+nur wenige von uns hinter ihren Kunststückchen die Möglichkeit eines
+noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung
+vollkommen die Erklärung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu
+begreifen, und Phänomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon
+und Biograph, den Enkeln als die selbstverständlichsten Dinge von der
+Welt erscheinen. Dem großen Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht
+anders: Gewohnheit und Routine nötigen uns eine Brille auf, die in dem
+Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten
+Mächten, allen Märchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns
+vorbeisehen läßt. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewiß so
+sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das
+träumerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergründung sehnsüchtige
+Gemüt in den Bann der "Bedürfnisse des praktischen Lebens"
+zurückbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von
+merkwürdigen Dingen, über die er anders zu denken, als es die Tyrannei
+"allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl
+einen tief verborgenen Trieb verspürt.
+
+So ist für die meisten die Tatsache, daß Wunden heilen, eine
+naturgegebene und selbstverständliche Eigenschaft des Lebendigen, über
+die es für die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als
+die Forschung Mittel und Wege verheißt, den Ausgleich einer
+Gewebsdurchtrennung sich möglichst schnell und gründlich vollziehen zu
+lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgemäß viel mehr, als das
+Problem der dabei ausgelösten Kräfte: die geheime Spinnstube des
+Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren
+Zustand prüfend abwägt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins
+Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem
+Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein
+bißchen Künstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von
+der Ehrfurcht berühren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen
+Türen naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist
+doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle
+vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das
+allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung,
+einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer
+aufs neue, auch ohne daß es äußerer Gewalt zum Opfer fällt: unsere
+Fingernägel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollständig neu
+erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4
+Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner Körperoberfläche sein, die
+heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses
+klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere
+Seele fällt, wird immer neu gefügt vom Rand her und immer neu geputzt
+vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen Körper durchstreifen Millionen
+wandernder Säemänner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte
+aller organischen Gebilde mit neuen Keimen überschütten. So ist das
+Wunder des Säens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des
+Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am
+Werk. Die winzigen Handlanger dieser ständigen Arbeit bei Tag und bei
+Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abkömmlinge jener
+Wunderzellen, die eine rätselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das
+Dasein eines jeden von uns sprang: die Träger der erhabenen Idee der
+Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare
+Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis für die
+Unvernichtbarkeit des Lebendigen, für die kontinuierliche Erhaltung auch
+der kompliziertesten Kräfte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als
+der Nestor der Anatomen, der greise _Kölliker_ in Würzburg, als direkte
+Überbleibsel des befruchteten Eies auffaßte, die sich zu Millionen
+Individuen, zu weißen Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm Körper
+vermehrt haben, springen nun überall ein, wo es eine Neuarbeit, eine
+Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie kämpfen
+mit Bakterien, produzieren Heilkörper, sie stillen die Blutungen durch
+Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten
+Geweben aus den großen Drüsenarsenalen der Verdauungshäfen zu, sie sind
+die Lastträger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und
+fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Gerüste aufbauen und
+Ruinen abtragen, überall gegenwärtig und immer bereit, aus den tausend
+Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen läßt,
+hinauszuschlüpfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner
+Hygieniker, Krieger und Friedensförderer zugleich. Wo organisches Leben
+sich erhält und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese
+direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der
+Ergänzung des Verbrauchten. Diese Fähigkeit ist merkwürdigerweise für
+die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine höchst wechselnde, d.h.
+der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann,
+scheint in umgekehrtem Verhältnis zur Ausprägung eines erhöhten,
+individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder
+Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle
+Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur
+Artrepräsentant ist, desto weiter geht die Ersatzfähigkeit des
+Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen
+zugehörigen Teilen abgeschnittene Fühler, Beine und Scheren; Schnecken
+erhalten ganze Teile des Kopfes mit Fühlern und Augen wieder; Fische
+vermögen die verlorene Schwanzflosse völlig wieder auszubilden. Bei
+Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen
+verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des
+Rückenmarks, ja bei jungen Eidechsen führt seitliches Einkerben des
+Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen
+Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung
+über den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt.
+
+Es ist beinahe, als hätte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und
+Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr
+als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach schönere Augen
+einsetzen zu lassen.
+
+Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstquälerischem Grübeln
+über die eigene unzulängliche Schönheit, kann mit diesen hohen Gaben der
+Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mißbrauch treiben.
+
+Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir
+erfahren, daß man den Schirm der gelatinösen Meerqualle (Meduse) in
+beliebig viele Stückchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes,
+neues Quallenindividuum hervorwächst, sofern nur an dem Torso ein Stück
+des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, Süßwasserpolypen,
+Ringelwürmer die Fähigkeit zeigen, aus zerstückelten Trümmern eines
+Individuums ebenso viele Söhne und Töchter zu bilden? Man denke an das
+in diesem Fall glückliche Opfer des berühmten Schwert- und
+Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene
+Türkenhälfte hätte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar
+erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied
+einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt wären! Für uns Warmblüter
+ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltblüter können sich also im
+Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enthält in
+sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte
+Mensch so arm: die Narbe, diese rötliche, später grauweiße Marke,
+dieses Kainszeichen eines Unglücks, einer von außen wirkenden
+Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer
+Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige,
+womit im günstigsten Falle die Krone der Schöpfung zum Ausgleich
+beschädigter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser
+Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerstörten, in diesem
+scheinbar so unvollkommenen Surrogat höher organisierten Gewebes stecken
+so viele merkwürdige, abgelaufene Prozesse, eine solche Fülle
+bildnerischer und zum Teil problematischer Vorgänge, daß es sich wohl
+auch für den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre
+Entstehung zu werfen. Wohl jeder trägt irgendeine Narbe an sich, deren
+Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf.
+
+Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder reißender
+Gegenstand in unsere Körpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung
+oder Durchtrennung die Oberfläche oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte
+edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt
+lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen Rückenmarks,
+durch deren Läsion das Leben wie an einem geöffneten Ventil ausströmt,
+stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden
+Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die überall sind: Lymph-,
+Blutgefäße und das stützende Gerüst, die Bindesubstanz, in die sämtliche
+höheren Organe, Drüsen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn
+neben dem knöchernen Skelett durchsetzt, hält und stützt unsern Körper
+ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich
+funktionierenden Substanzen aufgehängt sind. Dieses Maschennetz stellt
+zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgefäße und Nerven ihre Ströme zu
+den Zentralorganen hin- und zurückleiten. Diese drei Faktoren werden
+also überall getroffen, wo die Kontinuität des Gewebes gewaltsam
+durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher
+schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und
+sprungbereite Wächter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht
+seinerseits das herausströmende Blut die eingedrungenen Schädlichkeiten
+abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gelöste
+Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte
+produzieren würden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes
+mit der Luft, beim Aufhören der gewohnten Berührung mit der inneren
+Glasur der Gefäßröhren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert
+den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage für die
+Organisation der späteren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den
+vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde
+klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die weißen Blutkörperchen aus,
+die dem zerrissenen und aufgewühlten Mutterboden die neuen Saatkörnchen
+zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufhörlich, Zelle um Zelle des
+Mutterbodens, die Gefäßhäutchen, die Saftlückenauskleidungen, die
+Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des
+Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den
+Fühlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos
+vorwärtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten
+berühren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt
+trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis
+cellula e cellula, auf deutsch: Art schlägt sich zu Art, wie hier bei
+der Wundheilung. Allmählich entwirrt sich das Chaos; was zu Gefäßen
+gehört, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon
+angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gefüllt ist mit den
+roten und weißen Ernährungszwischenhändlern, den Blutkörperchen; das
+Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkräftigen
+Spinngewebe zusammen, dessen Elastizität gleichsam wie mit eingelassenen
+Stricken die Wundränder ständig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie
+einander nähert; die Nerven senden ihre Fühler kontinuierlich aus und
+finden sich sicher in dem Wirrwarr übereinandergehäufter Mauersteine
+zurecht.
+
+Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die Hände und
+bilden die Strebepfeiler des neugefügten Lebens. Es legt sich
+Gefäßkolben an Gefäßkolben, Nervenbündel gegen Nervenbündel, und das
+immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene Lücken und
+Kanäle, so daß schon in weniger als zehn Tagen, bei ungestörter Heilung,
+Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung
+ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des
+provisorischen Gerinnsels herüber und hinüber rollen. Darüber deckt
+sich schließlich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem
+Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und
+Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht früher und nicht später,
+wie auf ein bewußtes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und über
+die noch etwas erhaben rötliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Anstoß zu
+all diesen mit dem Mikroskop mühsam durch die Arbeiten eines _Virchow_,
+eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und
+Reparaturvorgängen? Ist es nicht merkwürdig, zu denken, daß der
+plötzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Riß
+bedingt, gleichsam ungezählte Spaltlücken hervorquellenden Lebens öffnet
+und daß von den reich ausströmenden Saatkörnern auch dem winzigsten
+etwas anhaftet, das wie ein Bewußtsein einer Pflicht, einer Berufstreue,
+einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser
+unmittelbar sich äußernde, regulierende, maßhaltende, sich in Reih und
+Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan
+nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel
+des scheinbar Wahllosen und Zufälligen höchste Organisationen,
+wundersamste Funktionen herausbildet? Da drängt sich dem dazu
+disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen
+wie im Großen Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne
+innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren
+geht, obwohl gerade er so vielen Anlässen zu ihr begegnet. So ist auch
+dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern
+dienlicher, als ein gleichgültiges "Das muß so sein!" Beim allzu kühnen
+Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den
+gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so natürliche
+Dankgefühl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um
+Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister,
+es sind alles Seine hohen Werke!
+
+Daß unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen
+Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkräfte zu machen, ist der
+Schlüssel zum Verständnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat
+sie es gelernt, die Hemmungen eines ungestörten, natürlichen
+Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis,
+Asepsis), indem sie die überall drohende Wundsaftzersetzung verhüten
+lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran
+ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v.
+Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der natürlichen Hilfsquellen
+wahrhaft erstaunlich gefördert. Hier hat sich der Fleiß und das Genie
+des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt.
+Gleichsam als hätte eine bewußte Arbeitsteilung Talent und Energie je
+nach der Individualität vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat
+jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst
+mit besonderem Glück auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte
+zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ,
+am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie,
+Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des
+Unterleibs technisch zu erschließen, Thiersch, Reverdin und Gluck waren
+Begründer der künstlichen Gewebsüberpflanzung, und noch neuerdings haben
+Rehn in Frankfurt und Kümmel in Hamburg gelehrt, daß man selbst Wunden
+des Herzens und der größten Gefäße zur Heilung zu bringen vermag. So ist
+denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch
+die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast für
+jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die glückliche operative
+Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch
+größerer Teile von Darm- und Magenstücken, die zweckmäßige
+Wiedervereinigung und Umschaltung der röhren- und sackförmigen Gebilde
+des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen
+ebenso zugänglich, wie das Herz, die Lunge, die größten Gefäße, in denen
+das Leben an seiner Wurzel strömt und atmet. Das alles wäre nicht
+möglich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der
+Wundheilung, zu denen das bloße Auge nicht ausreichte, sondern sich mit
+den schärferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mußte. So wurden denn von
+den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkstätten die
+Geheimnisse enthüllt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung
+so ungeheure Erfolge brachten.
+
+
+
+
+DAS MYSTERIUM DER ERNÄHRUNG
+
+
+Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden
+Weltanschauung muß es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nüchtern
+klar zu machen, daß das Leben nur bestehen kann, indem es Leben
+vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und
+Pflanzenvernichtung! Dieses mörderische Gesetz vom Werden durch Sterben
+ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fühllos
+von Mutter Natur gedacht, wie es unästhetisch ist. Eine Art Lebewesen
+scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und
+gefressen zu werden: das wäre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes
+ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe
+Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es
+sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem
+unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine
+versöhnlichere, dem menschlichen Fühlen weniger schmerzliche und
+peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden können?
+
+Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur,
+aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schönheitleuchtende,
+schöpferische Göttin, die Möglichkeit, uns Menschen von diesem
+Bannfluche alles Lebendigen--der übrigens schon im Paradiese am Werke
+gewesen sein muß--zu befreien durch künstlich hergestellte
+Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiweiß? durch Synthese
+von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles
+dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein muß,
+um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie
+vom Standpunkte der Eiweißchemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem
+Eiweiß sehr ähnliche Verbindungsreihe von Körpern, nämlich die
+Peptonoide, eigentlich Eiweiße, wie sie im Magen zur Verdauung
+umgearbeitet werden, tatsächlich herzustellen und damit Tiere zu
+füttern.
+
+Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich
+vor dieser Tatsache erschüttert gefühlt wie vor einem gedanklichen
+Elementarereignis! Es müßte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe,
+wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen,
+wenn diese Tatsachen wirklich bestätigt würden. Die Mehrzahl der
+Naturwissenschaftler steht selbstverständlich auf dem Standpunkte, daß,
+wenn es gelänge, das Eiweiß chemisch rein aus seinen Elementen
+aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelöst wäre. Dann
+reißt man Schlachthäuser nieder und baut den küchen-chemischen
+Großbetrieb!
+
+Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit künstlichem Eiweiß nach
+meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten können, was schon die
+scheinbar gänzlich mißlungenen Versuche der Hundefütterung mit
+peptonähnlichen Körpern beweisen dürften; was aber erst würde für eine
+Verblüffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiweiß künstlich
+durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel wäre? Hier
+ist ein Rhodus für unser naturwissenschaftliches Denken, das wir
+überspringen oder überwinden müssen. Hier ist eine Probe auf die
+Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen Überzeugung!
+
+Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium
+in der Ernährung_ vergessen! So muß eines Tages die Lehre von den
+Wärmeeinheiten (Kalorien), die der Körper zu seinem Betriebe aus der
+Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der
+Ernährungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil über
+seinem chemischen Mechanismus noch ein Rätsel, ein Wunder, ein
+Sonderbares schwebt, das erst erklärt, warum Leben nur durch Leben sich
+erhalten kann.
+
+Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darüber auszusprechen,
+nicht allein weil ich sie für interessant genug auch für ein breites
+Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung für
+durchaus neu und wichtig halte.
+
+Meine Ansicht ist, daß die Ernährung eigentlich eine stetige
+Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen
+uns ständig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich
+neu, nachdem sie abgestoßen und verbraucht sind. Wir werden immer von
+neuem geboren, täglich, stündlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr
+dieselben, welche wir waren. (Welch Trost für veredlungs- und
+besserungsbedürftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen
+Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen,
+sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und
+Schöpfungsweben das Bewußtsein unseres Ichs zuflüstert, dieser ganze
+Zellstaat des Individuums stirbt fortwährend ein bißchen und wird
+fortwährend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand
+geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach
+der Herkunft aller der Saatkörner, die nun einmal für eine Zeugung
+unerläßlich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben,
+so daß der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule
+vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von außen
+irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes
+wirksame Saat?
+
+Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle nötig. Aber sie
+selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle
+scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine
+merkwürdige chemisch-physiologische Zähigkeit. Er besteht aus
+Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier
+unzerstörbar. Keine Säure, keine Lauge, keine Verdauung kann es
+vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der
+Kerne steckt das Mysterium der Ernährung._ Dieses ist in jeder
+Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne
+Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es
+ist aber auch der Träger aller Befruchtungsvorgänge.
+
+Durch einen Zufall sah ich einst ein Stückchen Schleimhaut von einem
+Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff
+war, zu verdauen. Ich war aufs höchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut
+nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weißen
+Blutkörperchen, dieser Armee von Heinzelmännchen und Liliputanerpolizei
+in unserem Leibe, in so auffallender Weise, daß ich das für eine
+Entzündung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei
+einem völlig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer
+Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schüttelte den
+Kopf und meinte, das müßte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich weiß
+jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, daß jede Magenwand im Zustand
+der Verdauung prall gefüllt mit diesen weißen Ameisen des Lebens ist und
+daß sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen
+Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie
+überall mit dem Blutstrom und treten durch die Gefäßlücken ins Gewebe
+und streuen, die echten Säemänner des Geheimen, die Samen aus, die sie
+aus der Nahrung nahmen, überall wo es nottut, wo der wallende, wogende,
+rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lücke, einen Defekt erhalten
+hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der
+Maschinenheizung und nach dem Äquivalent von Wärme und Arbeit, die
+Millionen Nukleinkörnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung
+und ewigen Gebarens, würden ganz verloren sein und nur die Äcker
+düngen, wenn diese kleinen Wächter des Zellbestandes sie, die sonst
+Unverdaulichen, nicht abfangen würden, als die eigentlichen Träger des
+Wunders der Ernährung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen
+Wiesen und Zellrasenflächen, denen im kleinen Maßstabe das menschliche
+und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens
+sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschlüsselein,
+die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der
+Zeugung aufschließen, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen
+lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengroßen Lebens. Nuklein
+ist sogar der Träger der Persönlichkeit, der Artcharaktere, der
+Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es
+auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepräge,
+von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen
+fortwirkenden Konstanz.
+
+Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene Überzeugung, daß die
+Ernährung nicht erschöpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wärme
+und Umsatz in Arbeit, sondern daß neben diesen betriebstechnischen
+Vorgängen noch ein Prozeß einherläuft, welcher das Rätsel des Lebens in
+sich schließt und darum mysteriös und wundervoll ist. So aufgefaßt ist
+die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf
+aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines
+allmächtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genüge finden
+konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablässig am Werke ist zu
+variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des
+bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein
+Wesen, für das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die
+Staubflüge des Sonnenstäubchens und das Lieben und Zeugen der
+allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von
+Mensch, Tier und Pflanze.
+
+
+
+
+DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE
+
+
+Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie
+läßt nichts hüllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom
+niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten
+Prachtexemplaren: an Körperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem
+Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natürliches
+Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, über die schillernde Schuppen,
+leuchtende Farbenglut, Blütenschmelz und schmückende Zier
+verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder
+ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender
+Abwehrpanzer, ein schützender Wall von Höckern, Stacheln, Borken und
+Horngerüsten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des
+eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der
+Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schließt die
+Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun könnte. Wir
+sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und
+Körperhüllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige
+Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la
+nature der eingeborenen Hülle hinzugefügt, wiederum in analoger
+Verquickung von Schutz und Schmuck--nämlich unsere Kleidung, bei welcher
+die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft
+am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur
+selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges
+Trikot, in dem wir immer herum gehen müssen und das wir niemals ablegen
+können! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und
+reichem Glanz, das hinreißend schön sein kann, solange der Jugend
+Blütenschmuck über ihm gebreitet liegt, und das im Alter die
+Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die
+Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die
+Körperwärme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht,
+Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte
+und sondert schützende Öle ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich
+aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander
+unterscheiden läßt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin weiß, der
+Träger eines gut Teils unserer Persönlichkeit ist, sie hat eine
+Farbenskala von großem Reichtum und trägt ein mikroskopisches,
+Wiesendecken gleiches Feld feinster Härchen, das sich zu Busch und Wald
+verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrätsel sich verbergen,
+das unser Göttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser
+Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervösestes Organ!
+Nicht allein, daß sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des
+Gefühls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am
+Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich
+einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mühe lohnen dürfte. Die Haut
+erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefühlen der Lust und des
+Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglühen vor
+Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens,
+der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins,
+und der Rückschlüsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befühlen auf
+unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen
+kann, sind unzählige. Und nun dies Befühlen selbst. Welche Fülle
+seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung
+einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite
+übermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknäuel, die als
+sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkörperchen ausgesät
+sind und von Mensch zu Mensch ihre Ströme senden! Welche Wunder der
+Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das
+wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstäblich
+nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das
+Nervensystem nach außen in die Welt ausgestülpt hat. In der Haut schuf
+sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen,
+hier wogen und wallen die feinsten Nervenströme hin und her, die uns
+orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von
+hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis
+ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende
+Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den
+ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum
+einschlürft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine
+Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie
+übermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel übersät
+mit Nervenflitter und Glühlämpchen von ebenso geheimnisvoller wie
+schönheitdurchleuchteter Zweckmäßigkeit. Es ist meines Wissens
+noch niemals genügend betont, daß die Haut, diese Hülle und diese
+Offenbarung unserer Persönlichkeit, nachweisbar anatomisch und
+entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist.
+
+
+Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mütterliche Eizelle
+befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlüssel des werdenden Menschen erste
+Blüte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in
+drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen übereinander: den
+sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerüst des Leibes, das
+Skelett mit seinen Säulen, Röhren und Kapseln, Schädel und Rückgrat, aus
+dem anderen Herz, Gefäße, große Drüsen und der Ernährungsweg, und aus
+dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da
+haben wir des Rätsels Lösung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches
+Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem
+tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und
+physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich kühn den Satz: unsere
+Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von
+unserer Seele ebensoviel zu künden, wie von der des anderen zu empfangen
+vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie
+ist nach außen gestülptes Gehirn, sie enthält, entladet und empfängt
+einen beträchtlichen Teil des seelischen Geschehens überhaupt. Jetzt
+erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen
+Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige
+Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus möglich
+sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens
+sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die
+Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schönheit ist, warum
+Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine
+sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann
+gemessen werden an dem Maß von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der
+Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehört untrennbar die Kultur der
+Haut. Die Zeiten sind für immer vorüber, in denen struppiger Bart,
+ungepflegte Hände, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht für das
+Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs
+Äußere", pflegte man früher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer
+entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen,
+wobei man eben vergaß, daß das "Äußere" unseres Leibes, die Haut,
+durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewiß können wir es durch keine
+Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Blütenschmelz
+zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder
+der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schöner
+gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den
+Höhepunkt ihrer Elastizität, Leuchtkraft, Frische und dynamischen
+Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-,
+Y-oder Z-Strahlen--abzwingen.
+
+Ein Blick auf eines Menschen Haut--übrigens instinktiv zur Abschätzung
+der Persönlichkeit ebensooft geübt wie der forschende Blick in die viel
+weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als
+viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen
+Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der
+Kampf ums Dasein aufnötigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner
+Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut
+verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine
+schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trägers
+Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen:
+seht! wie mein Herr mich hält, so ist sein ganzes Wesen! Welch
+armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lüge zu zwingen, durch Puder,
+Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt muß uns Männer für
+lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann,
+es gäbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier
+kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel
+gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer
+nicht täglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad,
+Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versäumt ja nicht
+nur, den natürlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu
+halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die
+unerläßlichsten Kraftquellen zu erschließen. Es ist wissenschaftlich
+noch nicht völlig geklärt, warum die täglichen kalten und wechselnden
+Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube
+an eine Art Turnübung der kleinsten Gefäßmuskeln der Haut und sekundär
+des Gehirns, welche unsere Willenskräfte zu beeinflussen imstande
+sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat
+Mühlenwind für die Flügel unserer Seele, es hat die Fähigkeit,
+Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen
+Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens
+zunächst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel
+am Automobil, es sind direkte physische Kräftespannungen, welche von der
+Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer
+Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim
+Abreiben ausgelöst werden und die direkt von der Haut in die Seele
+einströmen wie unzählige Bäche in den brausenden Strom, der unsere
+Persönlichkeit in den Ozean des Lebens trägt.
+
+Wie hübsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der
+Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvölker
+hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmücken mit Farben, Perlen,
+Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des
+Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in
+konzentriertestem Maße zum Bewußtsein bringen wollte: da ist die Perle
+obenan ein Symbol für den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden
+Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol für die funkelnde schillernde
+Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol
+ihrer Durchströmung mit der flüssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist
+vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die
+Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schönere Haut
+besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmücken, die,
+was Schönheit der Hülle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos
+dastehen, mit den Pflanzen und Blüten! Auch hier symbolisiert die
+Weichheit des Flaums im Blütenkelch und Blütenblatt einen Reiz, der der
+menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Blütenschmuck ist ja eine Art
+Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schöner Umhüllung darbringt;
+denn, wenn Großvater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Träger
+aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Blütenhaut in ihrem
+Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild
+auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen,
+denken wir daran, daß sie von Blüten stammt und ihr Ebenbild ist, daß
+sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden,
+das ganze Leben verschönenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***
+
+
+******* This file should be named 15070-8.txt or 15070-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/0/7/15070
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
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+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Von der Seele, by Carl Ludwig Schleich</title>
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+</head>
+<body>
+<h1>The Project Gutenberg eBook, Von der Seele, by Carl Ludwig Schleich</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Von der Seele</p>
+<p>Author: Carl Ludwig Schleich</p>
+<p>Release Date: February 15, 2005 [eBook #15070]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***</p>
+<br><br><h3>E-text prepared by Inka Weide<br>
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h3><br><br>
+<hr class="full" />
+<br>
+<br>
+<h1>CARL LUDWIG SCHLEICH<br>
+Von der Seele<br>
+Essays<br>
+1922</h1><br>
+<br>
+<br>
+<br>
+
+<h2>INHALT</h2><br>
+ <a href="#DER_RHYTHMUS"><b>DER RHYTHMUS</b></a><br>
+ <a href="#HUMOR"><b>HUMOR</b></a><br>
+ <a href="#SCHLAF_UND_TRAUM"><b>SCHLAF UND TRAUM</b></a><br>
+ <a href="#UNTERBEWUSSTSEIN"><b>UNTERBEWUSSTSEIN</b></a><br>
+ <a href="#SEELISCHE_HEMMUNGEN_UND_SCHMERZEN"><b>SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN</b></a><br>
+ <a href="#DER_SITZ_DER_SEELE"><b>DER SITZ DER SEELE</b></a><br>
+ <a href="#INSTINKT_UND_SPIEL"><b>INSTINKT UND SPIEL</b></a><br>
+ <a href="#TEMPERAMENT"><b>TEMPERAMENT</b></a><br>
+ <a href="#TIERSEELE_UND_MENSCHENSEELE"><b>TIERSEELE UND MENSCHENSEELE</b></a><br>
+ <a href="#GLAUBE_UND_WISSENSCHAFT"><b>GLAUBE UND WISSENSCHAFT</b></a><br>
+ <a href="#RAUSCH"><b>RAUSCH</b></a><br>
+ <a href="#DIE_MUSIK_ALS_ERZIEHERIN"><b>DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN</b></a><br>
+ <a href="#MUTTER_ERDE"><b>MUTTER ERDE</b></a><br>
+ <a href="#UBER_GRUBCHEN_UND_FALTEN"><b>&Uuml;BER GR&Uuml;BCHEN UND FALTEN</b></a><br>
+ <a href="#DAS_WUNDER_DER_WUNDHEILUNG"><b>DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG</b></a><br>
+ <a href="#DAS_MYSTERIUM_DER_ERNAHRUNG"><b>DAS MYSTERIUM DER ERN&Auml;HRUNG</b></a><br>
+ <a href="#DIE_HAUT_ALS_EIN_ORGAN_DER_SEELE"><b>DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE</b></a><br>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="DER_RHYTHMUS"></a><h2>DER RHYTHMUS</h2>
+<br>
+
+<p>Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller
+Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es
+gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht
+die Furcht vor dem gewohnheitsm&auml;&szlig;igen &Uuml;bersch&auml;umen, eines
+wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich
+zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse f&uuml;r das
+Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu &uuml;berwindende
+Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche,
+mich seinem letzten Sinn zu n&auml;hern, zur&uuml;ckgeworfen hat. Ist doch das
+Feld des Rhythmischen f&uuml;r jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller
+Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, da&szlig; seinen dunklen
+Hainen die Quellen entrauschen m&uuml;ssen, die allen Erscheinens, allen
+Bewegens, allen Lebens unermessene Str&ouml;me speisen! Statt trocken
+aufzuz&auml;hlen, was alles f&uuml;r unser letztes Streben und f&uuml;r unsere letzten
+aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten dem Rhythmus
+unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein,
+von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufb&auml;umen und Verl&ouml;schen
+tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen
+Beziehungen trocken aufzuz&auml;hlen, kann man k&uuml;hn fragen: was ist denn
+eigentlich nicht rhythmisch?&mdash;und es gibt auf diese Frage nur eine
+Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt,
+da ist es schon in Gefahr, vom R&auml;derwerk des Weltallgetriebes
+zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht
+schleunigst wieder sich einf&uuml;gt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je
+weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen
+sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage
+offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so
+mehr erkennen wir, da&szlig; wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten
+Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von g&ouml;ttlichen Gesetzen
+trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und
+grundumfassendste Gedanke, den wir der sch&ouml;pferischen Natur nachzudenken
+verm&ouml;gen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der
+gigantischen Weltk&ouml;rper nicht weniger am Werke sehen, als in den
+wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneefl&ouml;ckchen,
+d&uuml;rfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern
+Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verst&auml;ndlichen Sein
+des Weltganzen erschreckend nahe f&uuml;hlen. Wir atmen gerade hier im
+Rhythmischen gleichsam mit den Atemz&uuml;gen des Weltganzen; das Rhythmische
+ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles
+Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige
+gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein
+letztes unbekanntes Ewiges bindet. K&ouml;nnen wir uns doch das Chaos nur
+vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, n&auml;mlich
+durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans
+v. B&uuml;lows Paraphrase auf Faust &laquo;im Anfang war der Rhythmus&raquo; ein
+verbl&uuml;ffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine M&ouml;glichkeit,
+wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewi&szlig;heit zu
+n&auml;hern. W&uuml;rde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen
+aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenst&uuml;rzen lassen. Der Rhythmus
+ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles
+mit Bewegung weckendem Odem durchstr&ouml;mt. Und, wie unser pers&ouml;nliches
+Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufh&ouml;ren, so m&uuml;&szlig;te auch die
+Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillst&auml;nde! Wie sollte nicht eine
+ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen
+Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das
+Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche
+unserer technischen Klassizit&auml;t greifbar vor Augen ger&uuml;cktes, da&szlig; es an
+der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu
+dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden,
+rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich gro&szlig;en
+oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die
+Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den
+schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu
+unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht
+so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer
+solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im
+wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen,
+unser F&uuml;hlen und Denken, unsere Ethik und &Auml;sthetik, unser Handeln und
+Schaffen, unsere Liebe und unser Ha&szlig;, Sympathie und Reaktion vom
+Grundgesetz des Rhythmischen beeinflu&szlig;t und beherrscht werden, um daran
+die psychophysischen M&ouml;glichkeiten zu erw&auml;gen, welcher Mechanismen wohl
+die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden
+Ringen des Ganzen einzuf&uuml;gen. Da&szlig; bei der unendlichen Reihe der
+Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht
+ersch&ouml;pfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine
+Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begr&uuml;ndung.</p>
+
+<p>Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen
+Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: <i>Die
+treibende Kraft des Weltganzen ist f&uuml;r den Menschengeist ewig
+unerkennbar, undefinierbar, unverst&auml;ndlich, kann niemals der Gegenstand
+wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben,
+ist nur ihr Verh&auml;ltnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren
+Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst k&uuml;nstlich
+einschalten, um dann ihre von den Widerst&auml;nden erzwungenen &Auml;u&szlig;erungen zu
+studieren</i>. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, &uuml;berall
+und unverg&auml;nglich, allgegenw&auml;rtig und allm&auml;chtig, wird zu einem sich nur
+scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus,
+nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der
+Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. <i>Die Art
+der Widerst&auml;nde bestimmt die Art der &Auml;u&szlig;erung der an sich
+unver&auml;nderlichen Urkraft</i>.</p>
+
+<p>Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerst&auml;nden. Die
+Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilit&auml;t der
+K&ouml;rpereigenschaften unter der Variabilit&auml;t der Bedingungen, unter denen
+sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der
+Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den
+fallenden Kr&auml;ften die verschiedenartig abge&auml;nderte Luft entgegensetzt.
+Wir w&uuml;&szlig;ten nichts von der Elektrizit&auml;t, wenn wir nicht gelernt h&auml;tten,
+der Gesamtkraft spezifische Widerst&auml;nde einzuschalten, welche sie
+zwingen in einer Form sich zu &auml;u&szlig;ern, welche wir elektrisch nennen. Die
+Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie
+herumzukommen sucht, ist entscheidend f&uuml;r die neuen Eigenschaften,
+welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen bef&auml;higt ist. Die Faust
+der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und
+Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der
+variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerst&auml;nde des Milieus ihre
+universelle Macht t&auml;glich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig
+umsonst bem&uuml;hen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt
+keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt&mdash;sein f&uuml;hlbares
+Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben,
+die Kraft und ihr religi&ouml;ser Name &quot;Gott&quot; ist darum kein Gegenstand
+wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der
+menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar
+unserer experimentellen, k&uuml;nstlichen Ab&auml;nderung der Weltbedingungen
+unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerst&auml;nden: das ist
+eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der
+Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die
+Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn
+sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den
+M&uuml;ttern des Wissens vordringen will.</p>
+
+<p><i>Der Rhythmus ist n&auml;mlich eine Art Kompromi&szlig; zwischen Kraft und
+Widerstand</i>, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen,
+Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung
+und Hemmungsbet&auml;tigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie
+ganz vereinbarer Gegens&auml;tze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe
+zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein st&auml;ndiges
+wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der
+Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem
+Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und
+herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und
+abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und
+seine eigentliche Ursache? <i>Die Aktivit&auml;t der Kraft auf der einen Seite
+ und die Elastizit&auml;t der Materie auf der andern</i>. Die Kraft, nach allen
+Seiten gleichm&auml;&szlig;ig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus
+dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese
+Verdichtung komprimiert sein innerstes Gef&uuml;ge, wodurch wiederum der
+Widerstand erh&ouml;ht wird, den er der Kraft bietet, so da&szlig; diese nicht wie
+eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom
+starren Felsen sch&auml;umend zur&uuml;ckgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser
+Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres r&uuml;cksto&szlig;gebenden
+Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und
+Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in
+alle Adern, die ihm die Widerst&auml;nde lassen, und alle Str&ouml;me rinnen,
+abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zur&uuml;ck in ihre
+anf&auml;ngliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist
+der Puls der Welt, der Rhythmus!</p>
+
+<p>War das Gesetz des Rhythmischen, der &quot;ewigen Wiederkehr&quot; aller Dinge vom
+Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe
+und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und St&ouml;rungen des
+Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und
+Wetter, von Ha&szlig; und Liebe&mdash;kurz von jeder Form der Polarit&auml;t her
+bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man
+zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen
+der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens,
+dieses Pendelns der Erscheinungen sinnf&auml;llig beobachtet, so ist doch
+erst den neuesten Forschungen &uuml;ber Elektrizit&auml;t, n&auml;mlich der Lehre von
+den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, da&szlig; auch die
+festesten K&ouml;rper der Erde nur scheinbar fest sind, da&szlig; wir annehmen
+m&uuml;ssen, im inneren Gef&uuml;ge des starren Steins eines Felsens kreisen
+Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und
+einer so vollkommen harmonischen Gleichm&auml;&szlig;igkeit, da&szlig; unseren Sinnen so
+ein innerlich von rasender Bewegung durchstr&ouml;mter K&ouml;rper eben fest nur
+<i>erscheint</i>, &auml;hnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt,
+die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und
+der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen
+Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in
+die mikroskopischen Skelettgef&uuml;ge hinein, mehr oder weniger in
+schwingender Bewegung, so da&szlig; der Unterschied der Aggregatzust&auml;nde der
+K&ouml;rper, fest, fl&uuml;ssig, luftf&ouml;rmig, sich als ein ganz &auml;rmlicher
+Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen
+statt des Brotes der Wahrheit den Stein gr&ouml;bster Sinnent&auml;uschung
+hinzureichen. Es m&uuml;&szlig;te f&uuml;r einen phantasiebegabten Mathematiker eine
+seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen
+Gedankens sein, f&uuml;r jeden sogenannten festen K&ouml;rper die Idealformel
+finden zu wollen, gewisserma&szlig;en die unendlich schnell rotierende lineare
+Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht
+minder wie der tastenden Hand den Eindruck des K&ouml;rperlichen hervorruft.
+Nach <i>Gra&szlig;mann</i> hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall,
+aber auch jede amorphe Gestalt eines K&ouml;rpers gewisserma&szlig;en ihr ideelles
+Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden
+kann durch einen Komplex unz&auml;hliger konzentrischer Kreise, welche alle
+in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. H&auml;tte
+Gra&szlig;mann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt,
+die uns zwingend gelehrt hat, da&szlig; tats&auml;chlich alle Eigenschaften der
+Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer
+Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der
+aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, da&szlig;
+durch diese gleichm&auml;&szlig;ige, bis in das feinste K&ouml;rpernetz ausgedehnte,
+symmetrische Atombewegung Farbe, Gef&uuml;ge, Aussehen und das ganze Heer der
+physischen und chemischen Eigenschaften der K&ouml;rper bedingt ist. Wir
+Modernen wissen also auch, da&szlig; der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren
+oder auch nur Erschlie&szlig;baren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht
+entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der D&uuml;ne
+verrinnen l&auml;&szlig;t, nur um im mikroskopischen Gef&uuml;ge des Sandes, der Luft,
+der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie
+durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als
+Elektrizit&auml;t und W&auml;rme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies
+Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft &quot;&Auml;ther&quot;, von dem
+Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten K&ouml;rperchen
+zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar
+zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tats&auml;chlich
+nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend,
+rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es
+sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautr&ouml;pfchen des Alls, die nach
+ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und
+zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der sch&ouml;pfende Eimer ist der
+Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizit&auml;tslehre
+ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden &Auml;ther, aus dessen
+unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des K&ouml;rperlichen
+alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es k&ouml;nnte dem Denker
+schwindeln bei der Vorstellung, da&szlig; das Sandkorn mit seinen Milliarden
+schwingender &Auml;therkl&uuml;mpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein
+Weltall f&uuml;r sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich
+umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich
+Befreiendes h&auml;tte. Es gibt eben kein Gro&szlig; und Klein in der Welt, die
+Sorgfalt des Gesetzm&auml;&szlig;igen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv
+beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des
+Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Gr&ouml;&szlig;ten noch im
+Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue
+Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins
+Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen,
+denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen
+Leid und Gl&uuml;ck dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind
+auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch
+das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine
+grandiose Piet&auml;t nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das
+Mitunbelebte?</p>
+
+<p>Da es nun also feststeht, da&szlig; aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren
+(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich
+komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren
+l&auml;&szlig;t, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches
+geben kann, so mu&szlig; auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in
+gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der
+Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abh&auml;ngigkeit auch
+alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir
+Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der
+Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des &auml;u&szlig;eren zusammentrifft.</p>
+
+<p>Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden
+Bedingungen angepa&szlig;t, so kann man das bis in die gleichsam
+mikroskopische Denkweise auch so ausdr&uuml;cken, da&szlig; der Rhythmus der
+organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensf&auml;hig zu sein, stets dem
+Rhythmus der Gesamtheit einf&uuml;gen mu&szlig;te. Leben konnte also nur bestehen
+in gleichsam konzentrischer Einf&uuml;gung des Einzelrhythmus in den
+kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte,
+so mu&szlig;te also auch der Sonderrhythmus folgen, und so l&ouml;st sich f&uuml;r uns
+die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als
+eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche
+stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht
+unweigerlich folgen mu&szlig;ten und noch m&uuml;ssen. Solche Hemmungsfortf&auml;lle und
+rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken
+und Erl&ouml;schen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich
+in diesem Sinne ohne Z&ouml;gern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das
+Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen
+verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer
+Arten vielmehr buchst&auml;blich im Himmel beschlossen wird als auf unserem
+winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns
+einzig und allein verst&auml;ndlich mit dem Bilde der rhythmischen
+Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den
+Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer
+Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenr&uuml;hren einer Mayonaise.
+Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und &Auml;quator zu und
+gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingef&uuml;gt, das
+stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht geh&ouml;rt, was
+meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun
+gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen
+l&auml;&szlig;t als in direkter Abh&auml;ngigkeit von der Rhythmik der Atome.</p>
+
+<p>Die gesamte Morphologie wird sich einst aufl&ouml;sen lassen in eine ideelle
+Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns &uuml;berhaupt die Rhythmik des
+Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der
+Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens
+losl&ouml;sen?</p>
+
+<p>Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz,
+die Chemie der Eiwei&szlig;vorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen
+prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon
+lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem
+Kristalleben sprechen, wie von Ha&szlig; und Lieben der Elemente. Die
+Wahlverwandtschaft im <i>Goethe</i>schen Sinne ist l&auml;ngst ein chemischer
+Begriff, und schon lange hat man das L&auml;cheln verlernt &uuml;ber den alten
+<i>Fechner</i>, welcher k&uuml;hn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien
+lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben
+deutlich ein Sonderrhythmus &uuml;brig, der mit der vielleicht nur
+scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine
+Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen
+sichert. M&ouml;glich, da&szlig; keine anderen Gesetze im Organischen walten als im
+Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des
+Kr&auml;ftekreises mu&szlig; doch stattgefunden haben, damit die Materie zum
+Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schlie&szlig;lich zum
+Denken gelangte.</p>
+
+<p>Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues M&auml;rchen der
+Sch&ouml;pfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der
+Bibel und dem Traum <i>Goethes</i> und <i>Darwins</i>, dieser beiden Patriarchen
+des Entwicklungsgedankens, anma&szlig;lich anzureihen&mdash;um ein M&auml;rchen mit dem
+Beginn &quot;es war einmal!&quot; kommen wir ja bei den Sch&ouml;pfungsphantasien nie
+herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen k&ouml;nnen: &quot;wir waren
+selbst dabei&quot;&mdash;: ich will nur auf die M&ouml;glichkeit hinweisen, da&szlig; ein
+Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann f&uuml;r eine bis
+dahin neue, aber doch im Wesen der allm&auml;chtigen Kr&auml;fte liegende Variante
+kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.</p>
+
+<p>Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gef&uuml;ge des
+Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter
+Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepre&szlig;t, gleichsam zu
+einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert
+worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte
+Hemmung der aufgespeicherten latenten Kr&auml;fte fortfiel: gleichsam wie
+lebendiges Gew&uuml;rm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor
+dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schl&uuml;ssel, ein Funke,
+ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten
+Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen
+Veranlassung gibt. Schlie&szlig;t nicht die befruchtende Samenzelle, das
+Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schl&uuml;ssel die Hemmungen auf, so da&szlig; sich
+die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporbl&uuml;hen zu
+k&ouml;niglichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schl&auml;ft nicht alles
+Leben im Mutterscho&szlig; wie Dornr&ouml;schen in den Hecken, bis ein einziger
+Ritterku&szlig; den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich
+geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen
+die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen
+Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung
+aufschlie&szlig;t und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und
+Ern&auml;hrung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster
+rhythmischer Spannkr&auml;fte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen
+zusammengepre&szlig;t, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher
+Rhythmentr&auml;ger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders,
+als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter
+Spannkr&auml;fte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine
+Au&szlig;enkraft dem inneren Gef&uuml;ge anders n&uuml;tzen, als indem sie Schwungkraft
+den ermattenden Rhythmen hinzuf&uuml;gt? Das Leben wird nur vom Leben
+gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der
+Fl&uuml;ssigkeiten, in die ein Tr&ouml;pfchen S&auml;ure f&auml;llt. Auch in chemischen
+Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kr&auml;fte zu
+neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild,
+wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen,
+nicht weiter ausspinnen, es gen&uuml;gt mir, die M&ouml;glichkeit betont zu haben,
+da&szlig; das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall
+erm&ouml;glichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kr&auml;fte. In
+diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des
+Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt
+von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen
+Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die
+Hemmung fiel, und die junge Majest&auml;t des Organischen stieg auf den Thron
+der Erde.</p>
+
+<p>Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden f&uuml;hlen, so mu&szlig;
+nat&uuml;rlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des
+menschlichen Betriebes, k&ouml;rperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist
+l&auml;ngst bekannt, welche Rolle die Periodizit&auml;t im K&ouml;rperlichen und
+Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen
+Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abh&auml;ngigkeit
+vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als
+da&szlig; er in Harmonie mit dem Welttakte sein mu&szlig;, um nicht einfach
+hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein
+Sonnenst&auml;ubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der
+Aufz&auml;hlung aller physiologischen und pathologischen Periodizit&auml;ten, den
+Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen
+Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubert&auml;t und Adynamie, Ein- und
+Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanf&auml;lle,
+der Kr&auml;mpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur
+verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im
+menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergr&uuml;nden suchen, auf dem
+sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel
+zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik,
+aufbauen l&auml;&szlig;t. Ich mu&szlig; hier bemerken, da&szlig; ich alles seelische Geschehen
+in Abh&auml;ngigkeit setze von einer Aktion der Nervenstr&ouml;me und einem
+Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die
+Neuroglia, bzw. von dem sie durchstr&ouml;menden Blutsafte, welcher ja nach
+<i>Ritters</i> Untersuchungen aus <i>Biers</i> Schule in der Tat stromhemmende,
+Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich
+vorzustellen, da&szlig; das mit dem Herzpulse einstr&ouml;mende Blut periodisch die
+Ganglien au&szlig;er Kontakt setzt und da&szlig; die Pause der Herzbewegung
+diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlu&szlig;freiheit
+besitzen. Die &Auml;rzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien f&uuml;r die
+Art der Anschl&uuml;sse im Gehirn spielen, wie ein verd&uuml;nntes, hemmungsarmes
+Blut naturgem&auml;&szlig; zu Erregungen und Unruhen, &Auml;ngsten und Wahnvorstellungen
+und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, ver&auml;nderte
+innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenst&ouml;rungen hervorrufen
+kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddr&uuml;se unter
+&Uuml;berladung des Blutes mit Hemmungss&auml;ften, wie bekannt, auch den
+geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, da&szlig;
+die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren
+Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den
+Irren&auml;rzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus
+f&uuml;r den Bestand der Seele ist.</p>
+
+<p>Es kann keine Frage sein, da&szlig;, wenn der Blutsaft die ihm von mir
+vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche
+Wesen der Pers&ouml;nlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen
+gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren Reaktionsf&auml;higkeit der Nervenzentren sein mu&szlig;,
+da&szlig; die Zahl der aufgenommenen Eindr&uuml;cke and ihre Verarbeitung zu
+Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abh&auml;ngigkeit von
+rhythmischen Individualit&auml;ten sein mu&szlig;, die wiederum in Abh&auml;ngigkeit von
+der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftf&uuml;llung des Gehirns steht.
+Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier
+also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begr&uuml;ndung; das
+Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe f&uuml;r
+Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch f&uuml;r das
+Nerven- und Gem&uuml;tsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig
+gew&uuml;rdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die
+Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des
+Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon <i>Ernst v.
+Baer</i> hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen
+sich anders gestalten w&uuml;rden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer
+Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren f&auml;hig w&auml;ren, in
+einem Zeitraum, der durchschnittlich genau &uuml;bereinstimmt mit dem Ablauf
+eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, da&szlig; schon die F&auml;higkeit,
+innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu k&ouml;nnen, uns
+zwingen w&uuml;rde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir w&uuml;rden die
+Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelsk&ouml;rper als leuchtende Kreise
+wahrnehmen k&ouml;nnen, und w&uuml;rden von jedem Sinne her der Welt als total
+anders erkennende Wesen gegen&uuml;berstehen. Wir k&ouml;nnen jetzt hinzuf&uuml;gen,
+da&szlig; wir schon mit blo&szlig;em Auge die festen Gegenst&auml;nde nicht mehr als fest
+bezeichnen k&ouml;nnten, sondern da&szlig; wir etwas von ihrer innerlichen,
+rasenden Bewegung wahrzunehmen verm&ouml;chten. Wir sind also mit unserm
+rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und
+Sinneseindr&uuml;cken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt,
+da&szlig; unser Harmoniegef&uuml;hl direkt abh&auml;ngig ist von diesem rhythmischen Ma&szlig;
+unserer Wahrnehmung in Sekunden. Nat&uuml;rlich erkl&auml;rt sich auf diese Weise
+am einfachsten das &quot;Zeitliche&quot; im Begriff alles Rhythmischen. <i>Zeit ist
+eben die mit dem Ma&szlig; unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene
+und empfundene Bewegung des Alls.</i> Das f&uuml;hrt uns direkt zu einem
+Verst&auml;ndnis des <i>&Auml;sthetischen</i>.</p>
+
+<p>Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Au&szlig;enwelt den Eindruck des
+Lebenf&ouml;rdernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus
+unserer inneren Aktionen harmonisch einf&uuml;gen, richtiger, sofern wir sie
+in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im
+&auml;sthetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm
+pers&ouml;nlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne
+Widerstand und Disharmonie zu erh&ouml;hen imstande sind.</p>
+
+<p>Das schlie&szlig;t nicht aus, da&szlig; auch der Konflikt der Rhythmen au&szlig;er uns mit
+denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich
+lusterh&ouml;hend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu
+einer &auml;sthetischen Freude die Einf&uuml;gung der lusterweckenden Rhythmen in
+den Rhythmus unserer Nervenstr&ouml;me unerl&auml;&szlig;lich. Insofern hat alles
+deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden,
+freudewirkenden Einflu&szlig;, &uuml;berall besteht ein geheimes Verh&auml;ltnis seiner
+Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun
+an einer sch&ouml;ngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer
+Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgef&uuml;hl sich
+bet&auml;tigen. Die Rhythmen der sch&ouml;nen Dinge m&uuml;ssen einf&uuml;gbar sein in die
+Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um &auml;sthetisch zu wirken, das ist
+das Grundgesetz der Kunst, so variabel f&uuml;r den einzelnen, weil eben
+diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus pers&ouml;nliche Gleichung
+ist. Ist in diesem Verh&auml;ltnis doch auch der eminente Einflu&szlig; alles
+Rhythmischen, seine suggestive &Uuml;bertragbarkeit begr&uuml;ndet. Der Redner,
+der Dichter, der Schauspieler rei&szlig;t mich darum in seinen Bann, weil dem
+Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenr&auml;der sich im geheimen
+Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen
+seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die
+ganze Macht der Imitation, ja der &Auml;hnlichkeiten, beruht auf diesem
+Einstellungsverh&auml;ltnis zwischen Au&szlig;enwirkung und Innenbewegung. Und
+fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt,
+so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen
+Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus
+Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einflu&szlig; auf
+Herzbewegungen und Gef&auml;&szlig;spannungen die &Auml;rzte lange kennen. Hat aber die
+Herzbewegung Einflu&szlig; auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen
+Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische
+Au&szlig;enweltrhythmus erh&auml;lt seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die
+Vorg&auml;nge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen
+geneigt ist. Ein z&uuml;ndendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende
+Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen,
+weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele
+mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, sch&ouml;n gef&uuml;gten
+Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus
+zugrunde, und es w&auml;re eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus
+den m&ouml;glichen Atmungsvarianten sich die Versma&szlig;e herleiten lassen. Ist
+doch nicht, wie <i>B&uuml;cher</i> meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und
+der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem
+typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim
+Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des
+Atmungsrhythmus, so da&szlig; dieser selbst f&uuml;r Melodie und Rhythmus des
+Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur
+Funktion&auml;re unserer Atmungsmechanik, die C&auml;suren einer Melodie sind
+urspr&uuml;nglich die naturgem&auml;&szlig;en Pausen zum Atemholen.</p>
+
+<p>Wir wissen, da&szlig; es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer
+solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, da&szlig; wir sie mit dem Ohre allein
+nicht wahrnehmen k&ouml;nnen. Wir h&ouml;ren nicht mehr das Geigenspiel gewisser
+Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar
+ist, &auml;hnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein,
+so da&szlig; schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten l&auml;&szlig;t, der
+Rhythmus unserer Nervenschwingungen &uuml;bermittelt uns nur einen Teil der
+Weltallsrhythmen, und dieses Verh&auml;ltnis l&auml;&szlig;t uns die M&ouml;glichkeit nicht
+von der Hand weisen, da&szlig; es Menschen mit einer Feinheit der
+Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der
+Durchschnitt.&mdash;Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen
+betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen,
+die die Au&szlig;enwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem,
+vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch &uuml;brig, dem
+rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd
+geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War
+schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen
+als ein System rhythmischer Durchflutungen f&uuml;r sich, abgetrennt vom
+Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele
+eine f&uuml;r sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene
+Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise
+bef&auml;higt, mit den Eindr&uuml;cken der Au&szlig;enwelt innen frei zu schalten und zu
+walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen
+T&auml;tigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht
+eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den
+Rhythmus des Andern au&szlig;er uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein
+Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo w&auml;re der
+K&uuml;nstler, der einen Gegenstand voll und &uuml;berzeugend darzustellen
+verm&ouml;chte, wenn er nicht zuvor v&ouml;llig eins geworden w&auml;re mit dem
+Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte,
+wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des
+pers&ouml;nlichen Ichs verschmelzen f&uuml;hlt mit dem erschauten Objekt? Das ist
+aber nur m&ouml;glich, wenn er gleichschwingend den Einklang f&uuml;hlt, in dem
+der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik
+verschmilzt. Sich &quot;hineinversetzen&quot; hei&szlig;t doch nichts anderes, als sich
+das Gef&uuml;hl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit
+Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen
+Lebens betrachtend zu erf&uuml;llen. Wehe dem K&uuml;nstler, der nicht rhythmisch
+verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er mu&szlig; ein Stein
+sein k&ouml;nnen, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches
+Sch&ouml;nheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie
+Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern
+lassen will. Der echte K&uuml;nstler steckt in Woge und Wald, die er malt,
+ist K&ouml;nig und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren
+Hunger, tr&auml;gt ihren Szepter und ihren Bettelstab.</p>
+
+<p>Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel
+&uuml;ber unsere Seele legt, so da&szlig; schlechterdings nichts unerreichbar wird!
+Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird
+niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensit&auml;t
+seines Einf&uuml;hlens in die Materie ihn bef&auml;higt, den Rhythmus des zu
+Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen
+und das Geschaute auch anderen, weniger Einf&uuml;hlungsf&auml;higen zu
+&uuml;bermitteln. Wo w&auml;re der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken
+k&ouml;nnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die
+F&auml;higkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen
+Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzst&uuml;ckchen in den
+gurgelnden Schlund! Wie w&auml;re eine Ethik denkbar, die sich nicht den
+Rhythmus des h&ouml;herstehenden, anbetungsw&uuml;rdigen Ideals zu eigen machte,
+das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines k&ouml;niglichen Gef&uuml;hls der
+inneren Harmonie vorh&auml;lt?</p>
+
+<p>Wie k&ouml;nnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden
+Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom
+entfesselter Leidenschaften hineinrisse?</p>
+
+<p>Ich bin am Ende meiner Ausf&uuml;hrungen. Wollte ich alle Beziehungen des
+Rhythmischen zur Seele auch nur aufz&auml;hlen, so w&uuml;rde wohl kaum ein Gebiet
+seelischer Aktionen unerw&auml;hnt bleiben. Ich mu&szlig; mich mit diesen kurzen
+Andeutungen begn&uuml;gen.</p>
+
+<p>Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen
+Geschehens. Der Puls des Universums schl&auml;gt in allem, was ist und lebt.
+Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem
+Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und
+Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen
+Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem
+Strahlenb&uuml;schel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All
+zur&uuml;cksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so
+ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter,
+organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der
+Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der
+Menschengeist,&mdash;sondern die eigent&uuml;mliche Hemmung, die die Weltkraft
+zwingt, sich in uns so r&auml;tselhaft zu spalten, ist der Gegenstand
+wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entz&uuml;ndet an der
+atomistischen Reibefl&auml;che des Organischen, da blitzt das Leben auf und
+erlischt wie der Meteorstein, der aufgl&uuml;ht, wenn sein Sturz ins Chaos
+hineinger&auml;t in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosph&auml;re.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="HUMOR"></a><h2>HUMOR</h2>
+<br>
+
+<p>Die Menschheit hat stets um so mehr Worte &uuml;ber eine Angelegenheit
+gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese
+bed&auml;chtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein s&auml;uberlich zu
+Millionen Aktenb&uuml;ndeln geordnet, in den Schubf&auml;chern der &ouml;ffentlichen
+Bureaus einer k&ouml;niglichen Logik aufbewahren l&auml;&szlig;t, um nur hier und da die
+Aktenst&ouml;&szlig;e anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln,
+bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange wei&szlig;: je dunkler ein
+Proze&szlig; ist, desto h&ouml;her t&uuml;rmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So
+kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf
+&uuml;ber die drolligste Sache der Welt, &uuml;ber das Lachen, zerbrochen haben,
+um ein Exemplar vermehren, nat&uuml;rlich ohne jeden Anspruch, damit den
+Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige
+Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur
+versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor
+und die humoristischen Zust&auml;nde von einer Seite beleuchten kann, die
+vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die
+schon &uuml;ber diese Dinge nachgedacht haben, vor&uuml;bergehend festzuhalten.
+Dabei mu&szlig; ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange
+Reihe der geistigen V&auml;ter von vor und nach Christi Geburt, die einmal
+&uuml;ber dasselbe Thema gestolpert sind, herzuz&auml;hlen, um endlich zu einem
+eigenen K&ouml;rnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen
+Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.</p>
+
+<p>Die meisten bisherigen Arbeiten &uuml;ber den Humor, diese &quot;lachende Tr&auml;ne&quot;,
+&uuml;ber das &quot;umgekehrt Erhabene&quot; (Jean Paul), &uuml;ber die &quot;real&auml;sthetische
+Gestalt des Metaphysischen&quot; (Bahnsen), &uuml;ber die &quot;Kontrastempfindung&quot;
+(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das
+Psychische bei dieser Form der Gem&uuml;tsverfassung vor dem rein physischen
+Akt der Humors&auml;u&szlig;erung, in Summa dem Lachen in allen Formen,
+unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben zu haben.
+Was uns zun&auml;chst nottut, ist eine gen&uuml;gende, rein
+physiologisch-funktionelle Definition der Vorg&auml;nge im Gehirn und im
+Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und
+begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen
+Vorg&auml;nge im Seelenorgan gibt erst eine einigerma&szlig;en sichere Basis, von
+der aus auch das rein Seelische im Humor &uuml;berschaut werden kann. Ich
+will daher mit einer Analyse der allgemein &uuml;blichen Ausdrucksform
+humoristischer Zust&auml;nde beginnen, dem Gel&auml;chter. Erst nach einer
+Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und
+versteckten Arten kann es m&ouml;glich sein, auf das in der Seele einen
+R&uuml;ckschlu&szlig; zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden
+Atmungs- und Zwerchfellst&auml;tigkeit veranla&szlig;t.</p>
+
+<p>Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist
+das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende,
+rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungst&auml;tigkeit, begleitet von
+gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen
+Gem&uuml;tszust&auml;nden. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gel&auml;chter
+ist durchaus unwillk&uuml;rlich und nur schwer durch Willenst&auml;tigkeit zu
+hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: &quot;Zu
+lachen ist am sch&ouml;nsten, wenn man es nicht darf.&quot; Da kommt es zu ganz
+explosiven, gewaltsamen Ausbr&uuml;chen des Vulkanes &uuml;ber unserm Zwerchfell,
+deren Unwillk&uuml;rlichkeit etwas Verbl&uuml;ffendes, Elementares, Unhemmbares an
+sich tr&auml;gt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabh&auml;ngige, von
+dem jeweiligen Gem&uuml;tszustande erzwungene, rhythmisch-muskul&auml;re Handlung,
+wie sie &auml;hnliche unter weniger erfreulichen Umst&auml;nden die Ohrfeige, der
+Dolchsto&szlig;, der Faustschlag, oder aber das G&auml;hnen, das Niesen, das Husten
+sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in
+einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in
+unhemmbare Muskelt&auml;tigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise in
+der Nasenschleimhaut zu einer allm&auml;hlich zentral ausgel&ouml;sten Reizh&ouml;he
+f&uuml;hrt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkansto&szlig; der Ausatmung
+unwillk&uuml;rlich sich erhebt, mit dem Zweck, die l&auml;stigen
+Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist
+gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest
+werden mu&szlig;. Gute Erziehung und gro&szlig;e Energie verm&ouml;gen zwar hier und da
+diesen psychischen Nieseffekt zu unterdr&uuml;cken, aber die Seele ist
+verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich
+auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gew&ouml;hnlichste Form
+des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen
+kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden,
+provozierenden Charakter, wie im h&ouml;hnischen Angriff, gewinnt. Betrachten
+wir zun&auml;chst eine Person, die <i>unwillk&uuml;rlich</i> lachen mu&szlig;. Was tut sie?</p>
+
+<p>Unter Nackenstellung des Kopfes, bei ge&ouml;ffneten N&uuml;stern, breiter
+Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme s&auml;mtlicher
+Atmungsmuskeln, auch der auxill&auml;ren, der sogenannten Reservemuskeln f&uuml;r
+besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell
+hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillk&uuml;rliche
+sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf
+der H&ouml;he dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll h&auml;lt der
+Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt f&uuml;r eine Sekunde aus (wobei
+weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der S&auml;nger, der vor dem
+Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom
+durch den Kehlkopf passieren l&auml;&szlig;t. Hat dieser Zustand der
+Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gew&auml;hrt, so
+schlie&szlig;en sich die Stimmb&auml;nder krampfhaft zu, und nun folgen unter
+rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der
+Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmb&auml;nder durch die
+Blasebalgst&ouml;&szlig;e, die das Zwerchfell auf die gef&uuml;llten Lungen aus&uuml;bt, Zug
+um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der
+Stimmbandverschlu&szlig;, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft
+schlie&szlig;end, bringen wiederholte Zwerchfellersch&uuml;tterungen sie zu immer
+neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes,
+also der Rachen, die Mundh&ouml;hle, der Zungengrund, in sogenannter gr&ouml;&szlig;ter
+Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu
+sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens ==
+a vorhanden, und der Hauch der ausgepre&szlig;ten Luftst&ouml;&szlig;e macht daraus ha,
+ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch pers&ouml;nliche
+Rachen- und Gaumenbildung, ist abh&auml;ngig von der Resonanz eines kleinen
+oder gro&szlig;en Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So nuanciert
+ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das
+Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen,
+zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe
+Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen
+ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das
+Silberlachen der Soprane, das s&uuml;&szlig; wie Zaubergl&ouml;ckchen klingen kann, und
+die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der
+individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich
+Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung,
+Verharren auf der Atmungsh&ouml;he, sto&szlig;weise Ausatmen unter Glottissprengung
+und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion:
+Mund&ouml;ffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Gr&uuml;bchenbildung der
+Wangen, N&uuml;sternspiel, Augenschlu&szlig; und T&auml;tigkeit aller auch bei der
+Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge
+mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der
+maltr&auml;tierten Leibespresse Einhalt gebietet: &quot;H&ouml;ren Sie auf, ich kann
+nicht mehr, ich platze.&quot; Dabei ist zu bemerken, da&szlig; Tr&auml;nenstrom nicht
+allzu selten diesen die h&ouml;chste Lebenslust bet&auml;tigenden Akt begleitet.
+Wie merkw&uuml;rdig: h&ouml;chste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in
+einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Br&uuml;derschaft von Freud und
+Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verst&auml;ndnis des ganzen Vorganges
+werden kann. Es ist nicht Zufall, da&szlig; man weint, w&auml;hrend man lacht. Hier
+steckt einer der Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis des Humors.</p>
+
+<p>Halten wir zun&auml;chst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine
+affektive Handlung rhythmisch-muskul&auml;rer Atmungst&auml;tigkeit. Welche
+Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?</p>
+
+<p>Um diese Frage zu beantworten, mu&szlig; ich erstens Analogien herbeiziehen
+und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse
+begeben. Da&szlig; auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder
+weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, da&szlig; auch
+bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die
+explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenz&uuml;ndung, den
+Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung
+&uuml;berhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf
+das Muskelgebiet?</p>
+
+<p>Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der
+Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der
+Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie
+oder Willensaktion aufzul&ouml;sen; eine ungem&uuml;tliche Spannung entsteht, bei
+gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: &quot;Was soll
+ich tun, was lassen?&quot; Unorientiertheit, Verbl&uuml;fftheit, Abwehr und
+Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele
+aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft mu&szlig; auch jeder
+psychische Reiz seinen logischen oder muskul&auml;ren Ausgleich finden, denn
+es <i>gibt gewi&szlig; ebenso ein psychisches &Auml;quivalent, wie es ein physisches
+gibt</i>. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den
+Lippen, dreht den Schnurrbart, durchw&uuml;hlt die Haare, trommelt an den
+Fensterscheiben, stampft mit den F&uuml;&szlig;en, l&auml;uft unruhig auf und ab, hin
+und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gem&uuml;t durch Umsetzung
+in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft
+auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein j&auml;hes Wort,
+eine rasche Tat l&ouml;st pl&ouml;tzlich ohne Kontrolle der mahnenden und
+hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungem&uuml;tliche, meist gef&auml;hrliche
+Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: &quot;Herr Gott, was hast
+du getan!&quot; und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gef&uuml;hl, der
+Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen,
+verm&ouml;gen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und
+das k&ouml;stliche &Ouml;l friedlichen Verzichtes &uuml;ber die hohen Wogen der
+psychischen Ekstase zu breiten.</p>
+
+<p>Was geschieht beim G&auml;hnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen
+Hirnhemmung und Hirnaktion, der &Uuml;berschu&szlig; geistiger Spannung, der unter
+der aufgest&uuml;lpten Tarnkappe der M&uuml;digkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich
+mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkr&auml;mpfe (G&auml;hnkrampf) nach
+au&szlig;en abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die
+Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entl&auml;dt. Beim
+G&auml;hnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im
+Gehirn gewohnheitsm&auml;&szlig;ig auf eine bestimmte Bahn der automatischen
+Muskelt&auml;tigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor
+M&uuml;digkeit abends und morgens geh&ouml;rt. Wir haben hier also eine Analogie
+mit dem Lachen, die so weit geht, da&szlig; auch beim G&auml;hnen die
+Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen,
+ihre Entladung findet. Da auch das G&auml;hnen, wie jede Affekthandlung,
+unwillk&uuml;rlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen
+gehemmt werden kann, und da beide, G&auml;hnen und Affekthandlungen, auf
+einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden m&uuml;ssen,
+so k&ouml;nnen wir einen zwingenden R&uuml;ckschlu&szlig; auf das Lachen wagen, d.h. wir
+sind gen&ouml;tigt, anzunehmen, da&szlig; auch das Lachen einen muskul&auml;ren
+Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind
+diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition
+des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans,
+gelangen. Dazu bed&uuml;rfen wir aber noch eines Ausblickes auf die
+Entwickelungsgeschichte.</p>
+
+<p>Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit
+all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem
+Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in <i>Darwins</i>&mdash;&uuml;brigens
+gottgl&auml;ubigem&mdash;Sinne an, da&szlig; der Sch&ouml;pfer eine allm&auml;hliche Entwicklung
+zugelassen und gewollt hat, so w&auml;re es denkbar, da&szlig; das Lachen eine
+Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener
+Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter
+Festhaltung der urspr&uuml;nglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung
+zustande kommt. Mir will es scheinen, da&szlig;, wie es rudiment&auml;re Organe
+gibt, Organe, die in fr&uuml;heren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert
+im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese
+T&auml;tigkeit &uuml;berfl&uuml;ssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es
+so auch <i>rudiment&auml;re Funktionen</i> geben k&ouml;nnte. Es ist denkbar und sogar
+beweisbar, da&szlig; gewisse Funktionen, die fr&uuml;her einen sehr zweckgem&auml;&szlig;en
+Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch
+vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben.
+Daf&uuml;r einige Beispiele. Die Bewegung unserer N&uuml;stern im Liebes- oder
+Lebenskampf hatte augenscheinlich urspr&uuml;nglich den ganz ausgesprochenen
+Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl,
+wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr
+seiner Nase die Entscheidung &uuml;berl&auml;&szlig;t, ob sich ein Herz zum Herzen
+findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gef&auml;hrlich
+werden k&ouml;nnen, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die
+Paukanten mit zuckenden N&uuml;stern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem
+Aussto&szlig;en einer t&ouml;dlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer
+die Nasenfl&uuml;gel zittern,&mdash;und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen
+im Feuer seiner &Uuml;berredungskunst die bebenden N&uuml;stern. Das ist
+rudiment&auml;r! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst
+einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und f&uuml;r
+die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von
+<i>Gildemeister</i>, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze &uuml;ber
+die H&ouml;flichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der milit&auml;rische
+Gru&szlig; zur&uuml;ckgef&uuml;hrt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier
+Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag
+war nach <i>Gildemeister</i> gewi&szlig; fr&uuml;her, wie noch jetzt etwa bei den
+Logenbr&uuml;dern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit
+feindlicher Bestrebungen. Auch hier urspr&uuml;nglicher Sinn im Daseinskampf
+und jetzt eine rudiment&auml;re H&ouml;flichkeitsform. Wer ist sich heute noch
+beim Adieusagen v&ouml;llig bewu&szlig;t, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen
+sich doch auch Atheisten &agrave; dieu. Die h&ouml;chsten Liebeszeichen selbst, der
+Ku&szlig;, die Umarmung, m&ouml;gen im Bed&uuml;rfnis einer vorsichtig tastenden
+Diagnose entstanden sein: drum pr&uuml;fe, wer sich ewig bindet! Liebkosen
+sich doch manche asiatischen V&ouml;lker noch heute, indem sie direkt
+Riechorgan an Riechorgan reiben.</p>
+
+<p>Es gibt also rudiment&auml;re Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil
+in einer solchen rudiment&auml;ren Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es
+vielleicht urspr&uuml;nglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei
+oberfl&auml;chlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind?</p>
+
+<p>Stellen wir uns einmal vor, es sei ein H&ouml;hlenmensch, ein Urwaldbewohner,
+in stetem Kampf mit Unget&uuml;men, Schiebeger&ouml;ll und erratischen Bl&ouml;cken
+pl&ouml;tzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine gro&szlig;e Gefahr gestellt:
+ein Unget&uuml;m, wie er solches noch nie gesehen, streckt pl&ouml;tzlich, einen
+fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Geb&uuml;sch.
+Was wird unser Urmensch tun? In j&auml;hem Schreck rei&szlig;t auch er den Mund
+auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr
+erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem
+sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder f&auml;hrt. Das ist auch
+ganz verst&auml;ndlich. Denn wenn sich ein Mensch &uuml;berhaupt wehren will,
+braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder
+Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse n&ouml;tig. Er l&auml;dt also mit
+dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht
+n&auml;her erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen
+blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das
+launische Unget&uuml;m hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein
+L&ouml;we, ein Riesenb&auml;r trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr
+vorbei. Ein j&auml;her Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und
+pl&ouml;tzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast
+gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen
+entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender
+Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgef&uuml;hl. Unter freudigster
+Gem&uuml;tsverfassung entl&auml;dt er, gleichsam spottend der Gefahr, sto&szlig;weise
+seinen nun &uuml;berfl&uuml;ssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter
+Jubelempfindungen entweicht sto&szlig;weise die &uuml;bersch&uuml;ssige Lebenskraft.
+Noch heute wird jeder bemerken, da&szlig; nach pl&ouml;tzlich &uuml;berstandener
+Lebensgefahr oder Gem&uuml;tsbedr&uuml;ckung eine Neigung zu fast hysterischen
+Heiterkeitsausbr&uuml;chen eintritt. Das Gef&uuml;hl, einem Ungl&uuml;ck entronnen zu
+sein, sein Leben bejaht zu f&uuml;hlen, wo es eben noch auf das Dringlichste
+verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr
+verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte
+man die Tatsache, da&szlig; Tr&auml;nen leicht flie&szlig;en k&ouml;nnen, wo eben noch im
+Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die
+Tr&auml;nendr&uuml;se unabweislich strotzend f&uuml;llen mu&szlig;te, und da&szlig; ihr Gebrauch
+sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe
+kam, falls man Zeit genug gehabt h&auml;tte, noch &uuml;ber den j&auml;hen
+Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was
+der Kummer vorbereitet hat. Auch die Tr&auml;ne, dieser tauende Reif aus
+Edens Bl&uuml;tenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und
+physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die
+Schleusenw&auml;chter am Strom der Tr&auml;nen, und in der Begleiterscheinung des
+Tr&auml;nenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis f&uuml;r
+den Ursprung des Lachens in einem pl&ouml;tzlichen Kontrast von
+Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher
+Weise diese beiden Salpetermischungen f&uuml;r die Explosionswirkungen des
+Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zun&auml;chst
+soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die au&szlig;er dem
+pl&ouml;tzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorg&auml;nge zur
+Erregung von Heiterkeitausbr&uuml;chen haben. Bei der pl&ouml;tzlichen Bedrohung
+und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgem&auml;&szlig;
+auf der Hand, da&szlig; dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen,
+muskul&auml;r-rhythmischen Lebensbet&auml;tigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein
+spielendes Reh, h&uuml;pft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens
+streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, tr&auml;llernd,
+t&auml;nzelnd finden. Wenn beim &Uuml;bergie&szlig;en mit kaltem Wasser, bei kalten
+Duschen, eine pl&ouml;tzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich
+bei mir stets unmittelbar danach eine fast un&uuml;berwindliche Neigung zum
+Lachen bemerken k&ouml;nnen und habe dem Triebe nie gewehrt,&mdash;gewi&szlig; ein
+trefflicher Beweis f&uuml;r die Verwandtschaft von physischem Schreck,
+seelischem Wohlgef&uuml;hl und Lachen, f&uuml;r die Verwandtschaft tiefer,
+lebenf&ouml;rdernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das
+Zwerchfell.</p>
+
+<p>Wer die &auml;ngstlichen B&ouml;rsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade
+beobachtet hat, sah auch gewi&szlig;, wie ich, ihre Ausbr&uuml;che zappelnder,
+h&uuml;pfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein
+unwillk&uuml;rlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration
+und exspiratorischen Atemst&ouml;&szlig;en zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man
+nicht kitzeln, dazu geh&ouml;rt schon eine gewisse Ausbildung des
+Bewu&szlig;tseins, das erkennen l&auml;&szlig;t, da&szlig; die lebensfreundliche, mehr
+z&auml;rtliche, neckende Ber&uuml;hrung im Kontrast zu der starken, das
+Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, da&szlig; man das
+Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam
+unterdr&uuml;ckt. Daraus geht hervor, da&szlig; das Atmungszentrum, also das
+eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren
+kann, da&szlig; es also <i>sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen
+und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt
+werden kann</i>. F&uuml;r unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus
+einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es
+interessant, zu erfahren, da&szlig; der scharf umschriebene Punkt am
+Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt,
+von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und
+da&szlig; wir hier auch die F&auml;den finden, die zur Erregung des muskul&auml;ren
+Ausgleiches f&uuml;r die Zwerchfellersch&uuml;tterung die elektrischen Str&ouml;me
+senden. Hier finden wir eine anatomische Best&auml;tigung der Beziehung des
+Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung.</p>
+
+<p>Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgef&uuml;hl ganz und
+gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachst&ouml;&szlig;e, die im Bellen und
+Br&uuml;llen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine
+<i>willk&uuml;rliche</i> T&auml;tigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das
+h&ouml;hnische, kr&auml;nkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das
+L&auml;cheln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den
+besonderen Formen des Humors definieren: <i>denn Satire, Witz, Ironie,
+Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors</i>. Bei
+vielen dieser Lacharten ist ein &Uuml;berlegenheitsgef&uuml;hl ma&szlig;gebend, d.h. die
+Lebensverneinung oder -minderung gilt f&uuml;r andere, f&uuml;r den Lacher nur das
+Gef&uuml;hl eines h&ouml;heren, &uuml;berlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen
+ist eine Kombination von Ohnmachtsgef&uuml;hl und Feindseligkeit und das
+schadenfrohe Lachen die Wirkung der &Uuml;berzeugung eigener Unversehrtheit
+bei fremdem Ungl&uuml;ck, von dem wir aber die unbestimmte sympathische
+Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir
+identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den
+Kontrast von unserem realen Unber&uuml;hrtheitsgef&uuml;hl her.</p>
+
+<p>Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der
+Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung
+unterziehen.</p>
+
+<p>Da&szlig; das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck
+verwandtschaftliche, koordinierte Ber&uuml;hrungen hat, ist eine allbekannte
+Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des
+Gesichtes ein so typischer, da&szlig; man diesen Krankheitszustand erkennen
+kann, ohne die Atmungst&auml;tigkeit direkt zu beobachten. Wichtig f&uuml;r die
+Theorie des Lachens ist auch, <i>da&szlig; bei der Atemnot, also wieder einer
+Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion
+sind wie beim Lachen.</i> Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim
+Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erkl&auml;rlich. Alle
+rhythmisch muskul&auml;ren, d.h. gleichm&auml;&szlig;ig und oft wiederholten
+Muskelt&auml;tigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das
+G&auml;hnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die
+Kampfbewegungen,&mdash;sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur
+Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus
+eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist
+brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen
+nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der R&uuml;ckenm&auml;rker, die
+Epilepsie k&ouml;nnen Formen annehmen, die manche unwillk&uuml;rlich zu
+schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt
+ansteckend wirken k&ouml;nnen. Die rhythmische Muskelaktion ist am
+zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der
+Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige
+Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an,
+da&szlig; der springende Fisch, die h&uuml;pfende Bachstelze, der t&auml;nzelnde
+Araberhengst in heiterer Gem&uuml;tsverfassung sich befinden, obwohl wir es
+nicht beweisen k&ouml;nnen; es stimmt uns aber gleichm&auml;&szlig;ige Rhythmik auf
+starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst
+ist Rhythmus: Rhythmus die sch&ouml;nen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl
+der T&ouml;ne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede
+bleibende Disharmonie, weil ohne Ma&szlig; und Regelm&auml;&szlig;igkeit. Darum ist auch
+in der Musik vor allem etwas der Lebensbet&auml;tigung, der Lust, dem Humor
+Verwandtes, und zwar ist nur bei sch&auml;rfster Auspr&auml;gung schnellerer
+Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo,
+Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer
+denkbar. Darum ist bei den gr&ouml;&szlig;ten musikalischen Rhythmikern, Haydn,
+Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude
+zu Hause, w&auml;hrend bei den gro&szlig;en Reflektierern, den Gr&uuml;blern in der
+Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strau&szlig;, das affektive
+Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus
+bezweckt den Nachweis, da&szlig; auch die rhythmischen Zwerchfellst&ouml;&szlig;e innig
+anderen rhythmischen Heiterkeitsbet&auml;tigungen verwandt sind und da&szlig; die
+Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen
+bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche
+<i>Quelle der Musik</i>, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen.</p>
+
+<p>Nun sind wir so weit gelangt, etwas n&auml;her zu betrachten, was in einem
+Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine
+komische Bewegung zur Wirkung kommt, f&uuml;r materielle Alterationen
+vorgehen m&ouml;gen, dergestalt, da&szlig; ohne Zutun des Willens jener rudiment&auml;re
+Atmungsrhythmus ausgel&ouml;st wird, den wir &quot;Gel&auml;chter&quot; nennen.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, da&szlig; die urspr&uuml;ngliche Bedeutung der rhythmischen
+Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen
+Anprall zweier direkt <i>entgegengesetzter Formen der Vorstellungen</i> vom
+Leben zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein d&uuml;rfte: auf einen Strom der Lebensangst und
+auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das &quot;Nein&quot; und &quot;Ja&quot; des
+Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt
+entgegengesetzter Art, da&szlig; sie, f&uuml;r den Augenblick unvereinbar, eine
+Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen
+geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele
+keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie
+wird &uuml;berrumpelt, verbl&uuml;fft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und
+gewohnheitsm&auml;&szlig;ig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes
+Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewi&szlig; nicht mehr der Fall,
+wenn wir heutzutage einen Kitzel versp&uuml;ren, zu lachen. Unser Leben
+erscheint weder bedroht noch besonders unterst&uuml;tzt, wenn ein
+Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt,
+die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen lie&szlig;, oder wenn
+einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majest&auml;ten
+durchaus sich in die erste Reihe dr&auml;ngen mu&szlig;te, gerade im entscheidenden
+Moment der Zylinder &uuml;ber Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder
+wenn der kleine, ganz preu&szlig;ische Hauptmannssohn die heikle Frage
+aufwirft, &quot;ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie&quot;
+stehe oder ob er nur ein &quot;einfacher&quot; Mann (d.h. Zivilist) sei; auch
+f&uuml;hlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit,
+wenn wir bei Fritz Reuter lesen, da&szlig; ein unruhiger Schl&auml;fer die gro&szlig;e
+Zehe seines Mitschl&auml;fers f&uuml;r eine feine Havannazigarre h&auml;lt,&mdash;und doch
+liegt allen diesen unaufz&auml;hlbaren Formen komischer Wirkungen eine
+Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen
+solchen Konflikt mit verbl&uuml;ffender Unlogik enth&auml;lt, wie er in
+deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung
+auftritt. Schon Kant hatte gefunden, da&szlig; der Humor im Kontrast wurzelt.
+Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, da&szlig; schwarz und wei&szlig;, klein
+und gro&szlig;, trocken und na&szlig; an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und
+doch: unter Umst&auml;nden kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken.
+<i>Aber zum Kontrast mu&szlig; noch etwas hinzukommen</i>. Vor zehn Jahren hat in
+der Revue des deux mondes <i>M&eacute;linand</i> in einem Artikel &quot;Pourquoi rit-on?&quot;
+hier f&uuml;r das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden,
+der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen
+umfa&szlig;t. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite
+betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von
+der anderen Seite lange gewohnt, ganz nat&uuml;rlich, &quot;famili&auml;r&quot;, allt&auml;glich
+sich pr&auml;sentiere. Man kann diesen gl&uuml;cklichen Gedanken dahin
+vervollst&auml;ndigen und ins Psychophysikalische &uuml;bersetzen, da&szlig; erst dann
+Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realit&auml;t so in
+pl&ouml;tzlichen Widerspruch ger&auml;t, da&szlig; sich beide an Reizst&auml;rke ihrer
+psychischen Spannung ungef&auml;hr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der
+Beschauer einer komischen Situation und der H&ouml;rer einer komischen
+Schilderung mu&szlig; beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was
+er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein
+zweites Wesen repr&auml;sentiert oder zu repr&auml;sentieren sich bem&uuml;ht, zweitens
+mu&szlig; er diese Idee pl&ouml;tzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen f&uuml;hlen.
+Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal
+in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene
+Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder
+&uuml;berhebende Gedankengang, au&szlig;er uns oder in uns erzeugt, schl&auml;gt in
+verbl&uuml;ffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso
+pl&ouml;tzlich &uuml;berzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen
+ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft
+erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber
+unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasiet&auml;tigkeit des Gehirns,
+die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen
+unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgem&auml;&szlig;er Reflexion.
+Beides trifft zusammen: es findet <i>eine Knickung, eine Kreuzung der
+Assoziation statt</i>, beide Spannungen kontrastieren so elementar
+unlogisch, da&szlig; die pl&ouml;tzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und
+vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa
+logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu
+lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gef&uuml;hl hilfloser Erregung, die
+gewohnheitsm&auml;&szlig;ig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich
+eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellst&ouml;&szlig;e entladen wird. Diese
+Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten,
+und zwar deshalb, weil urspr&uuml;nglich das Zusammenprallen von Nein und Ja
+des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen
+Herbeischaffen und Auslassen wehrkr&auml;ftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das
+tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgem&auml;&szlig; und das sto&szlig;weise
+Entladen der Lungen eine nat&uuml;rliche Konsequenz, wenn die Gefahr
+pl&ouml;tzlich entwich. Bei der &uuml;berrumpelnden Logiklosigkeit und bei der
+pl&ouml;tzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die
+Gehirnfunktion in dynamisch &auml;hnliche, wenn auch f&uuml;r die Erhaltung des
+Individuums gleichg&uuml;ltige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr.
+Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der
+Hirnmechanismus f&uuml;r seine Stellungnahme gegen&uuml;ber einer Bedrohung fand,
+auch f&uuml;r die funktionell verwandten Zust&auml;nde, Sch&uuml;tteln beim Frost und
+Duschen und Kitzeln, beim G&auml;hnen und Lachen beibehalten ist. Der
+Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt
+realen Vorstellung, die das Gehirn unm&ouml;glich zugleich verarbeiten kann,
+diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-m&ouml;glichen Seiten des Lebens
+gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich
+von der harten Nu&szlig;, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht
+verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lasttr&auml;ger Zwerchfell
+abl&auml;dt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. W&auml;hrend dieser geduldige
+Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein
+unbeschreiblich wohliges Gef&uuml;hl der erleichterten Klarheit und
+Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische
+Dickh&auml;utergef&uuml;hl. So kann schwarz und wei&szlig; als Kontrast komisch wirken,
+wenn zwischen eine Schar die Idee der W&uuml;rde aufn&ouml;tigender schwarzer
+Priester pl&ouml;tzlich ein feister, wei&szlig;er Kuchenb&auml;cker in gleichem Tritt
+sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und gro&szlig;
+humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf &quot;Gott sei Dank, da&szlig; wir im
+Trocknen sind!&quot; jemand in einen Waschk&uuml;bel stolpert oder wenn mit einer
+Riesenbulldogge ein winziges Scho&szlig;h&uuml;ndchen trippelnd Schritt zu halten
+sich vergeblich bem&uuml;ht.</p>
+
+<p>So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere
+Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer
+Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die F&auml;higkeit,
+&uuml;berraschend schnell und &uuml;berraschend suggestiv die zwei Seiten jedes
+Dinges aufzusp&uuml;ren und die Janusk&ouml;pfigkeit alles Irdischen vor aller
+Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand
+elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der
+Zuschauer oder Zuh&ouml;rer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden
+Gel&auml;chters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine
+Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos,
+durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne
+Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung,
+die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realit&auml;t
+zugedeckt werden k&ouml;nnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den
+nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden
+und in reinlichen Asbest h&uuml;llen k&ouml;nnte. Darum ist vom Erhabenen zum
+L&auml;cherlichen der Schritt so klein, weil, je h&ouml;her der Kothurn steigt, um
+so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im
+L&auml;cherlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.</p>
+
+<p>Darum geh&ouml;rt zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese
+Himmelsg&ouml;ttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt
+wie auf der Heerstra&szlig;e der Trivialit&auml;ten. An einer absolut realen Sache,
+an einer allgemein g&uuml;ltigen Wahrheit schnell ihre Unzul&auml;nglichkeit in
+k&uuml;hner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu geh&ouml;rt ebenso Phantasie wie
+dazu, eine gespreizte Idealit&auml;t im Handumdrehen vor den verzerrenden
+Spiegel der Realit&auml;t zu stellen. Der Humor wirft der Idealit&auml;t einen
+Kn&uuml;ppel von realem Holz zwischen die Beine, sie mu&szlig; stolpern und damit
+die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das
+Ideal steht auf einem Fa&szlig; mit d&uuml;nnem Deckel: ein leiser Fu&szlig;tritt der
+Realit&auml;t, und der G&ouml;tze liegt im Waschfa&szlig;. Die Idee ist eine
+Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit l&auml;&szlig;t sie platzen. Warum tat sie auch
+so sch&ouml;n und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das
+noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen F&uuml;&szlig;en gegen&uuml;ber der
+K&uuml;hnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die unsere
+Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere
+Diesseitsg&uuml;ltigkeit in Jenseitsnebel aufzul&ouml;sen verm&ouml;gen. Der echte
+Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann
+Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht
+gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen
+mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch
+Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur
+vern&uuml;nftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist
+langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein
+mu&szlig;, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugeh&ouml;rt. Die phantasievolle
+Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getr&auml;nkt.
+Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und
+Leben pulst der Humor erst in ihre starren Z&uuml;ge. Der geistvolle Narr und
+der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt
+gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch
+nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das
+Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie
+lassen sie das Leben w&auml;gen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche
+Quelle rein physischen Gesundheitsgef&uuml;hles liegt in der Freude aus
+Herzensgrund! Ich halte die Kom&ouml;die direkt f&uuml;r hygienischer als die
+Trag&ouml;die. Jene entl&auml;dt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese
+f&uuml;gt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes.
+Gerade in diesem herrlichen Gef&uuml;hl erh&ouml;hter Lebenslust beim Lachen liegt
+&uuml;brigens ein Hinweis auf die atavistische, fr&uuml;her um Lebensbejahung und
+-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen,
+auf denen sich das Gel&auml;chter ausl&ouml;st, assoziiert mit dem positiven
+Gef&uuml;hl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.</p>
+
+<p>F&uuml;r das Verst&auml;ndnis der einzelnen Formen des Humors ist zu bemerken, da&szlig;
+der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne humoristischer
+Lebensbeleuchtung ergie&szlig;t, in gar verschiedenen Medien seelischer
+Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr auch im einzelnen die
+Tatsache der Kontrastierung von zwei Phantasie- und
+Wirklichkeitsstr&ouml;men, dieser <i>Assoziationsknick im Gehirn</i>, dieser
+knorrige Ast, gegen den die S&auml;ge der Logik aufkreischt, sich &uuml;berall
+nachweisen lassen mu&szlig;, wenn anders unsere Definition von dem
+gleichzeitigen Anprall kontrastierender Doppelvorstellungen
+&Uuml;berzeugungskraft haben soll. Allerdings mu&szlig; dabei festgehalten werden,
+da&szlig; jede humoristische Spannung der Seele entwicklungsgeschichtlich im
+Gef&uuml;hl der eigenen Lebensbejahung wurzelt. So sind denn in der Tat
+manche Formen humoristischer Stimmung nichts als die &Auml;u&szlig;erungen des
+Gef&uuml;hles einer &Uuml;berlegenheit &uuml;ber andere. Die Schadenfreude ist deshalb
+die reinste Freude, weil mein eigenes Unversehrtheitsgef&uuml;hl im st&auml;rksten
+Kontrast zu der unbestimmt sympathischen Ahnung steht, da&szlig; auch ich
+unter gleichen Bedingungen h&auml;tte meinen Rock mir zerrei&szlig;en, meinen Hut
+aufbeulen lassen, meinen Heller verlieren m&uuml;ssen. Allerdings wirkt auch
+hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit
+erregend, wenn die besondere vom Gesch&auml;digten pr&auml;tendierte Form seiner
+k&uuml;nstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche
+Gegenstimmung von vornherein aufkommen l&auml;&szlig;t. Dann g&ouml;nnt man dem
+Pr&auml;tendenten eines angema&szlig;ten Thrones so recht von Herzen den
+Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein
+Gef&uuml;hl f&uuml;r humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist
+eben Schadenfreude direkt durch pr&auml;tenti&ouml;se, egoistische Aufgeblasenheit
+und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier f&uuml;hrt der Humorist zur
+Zertr&uuml;mmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die
+Idee: der Stahl der Realit&auml;t trifft die helle Glasglocke, da&szlig; die
+Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den
+urspr&uuml;nglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur
+noch das <i>&uuml;berraschend Unlogische</i> &uuml;brig geblieben: so sehr hat sich die
+Funktion des Lachens von ihrem urspr&uuml;nglichen Vollwert entfernt. So
+losgel&ouml;st, gibt es nat&uuml;rlich tausend Varianten desselben Themas. Ich
+will versuchen, diese Variationen des &uuml;berraschend Unlogischen zu
+formulieren.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst kann der <i>Assoziationsknick</i> einzig und allein <i>durch ein Wort</i>
+erregt werden. Die roheste Form dieses vorz&uuml;glich auf &uuml;berraschende
+Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist die
+Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das Bonmot.
+Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske eingef&uuml;hrt
+und pl&ouml;tzlich die Maske r&uuml;ckw&auml;rtsgedreht, dann ist die
+Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind nat&uuml;rlich Synonyma und
+erzwungener Gleichlaut, wie &quot;Heils- und Heulsarmee&quot;, die Tr&auml;ger
+besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verh&uuml;ller
+scheu&szlig;licher Trivialit&auml;ten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen
+Kalauern beweist, da&szlig; bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung,
+eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern
+Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht n&auml;her auseinanderzusetzen
+n&ouml;tig hat. &Uuml;brigens ist es geradezu verh&auml;ngnisvoll, wenn jemand sein
+Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen
+Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann f&ouml;rmlich zu einer
+Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit,
+ausarten.</p>
+
+<p>Wird der <i>Kontrast durch ganze S&auml;tze</i> ausgedr&uuml;ckt, so erhalten wir die
+Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aper&ccedil;u. Auch hier werden
+logisch unvereinbare Dinge mit verbl&uuml;ffender Sicherheit in gegenseitigen
+Kontrast gestellt. Die Fliegenden Bl&auml;tter enthalten eine Fundgrube
+solcher Weisheitsspr&uuml;che in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie
+sammelte, k&ouml;nnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste
+entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als
+er in unser aller Bewu&szlig;tsein urspr&uuml;nglich lautete: &quot;Lerne zu! Leyden!&quot;
+(Lerne zu leiden!) Hierher geh&ouml;ren auch die f&uuml;rchterlichen Imperative:
+&quot;Kaiser Wilhelm! Denk' mal!&quot; &quot;Platz! Vor dem Opernhause!&quot; Es ist aber
+doch ein Beweis f&uuml;r die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, da&szlig;
+man solches Zeug nicht h&ouml;ren kann, ohne wenigstens zu l&auml;cheln. Der
+Kontrast ist erzwungen im Gehirn,&mdash;man kann ihn nicht abwehren, gerade
+so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die
+Netzhaut getroffen hat. Wird die <i>Kontraststimmung</i> erzwungen durch
+<i>raffiniertere und behutsamere Irref&uuml;hrung der Logik</i>, so wird, wie in
+der Anekdote, der humoristischen Erz&auml;hlung, k&uuml;nstlich die Phantasie in
+eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,&mdash;und
+pl&ouml;tzlich gelangt der Zuh&ouml;rer an den Assoziationsknick, an die
+Gedankengabelung, weil der Erz&auml;hler mit pl&ouml;tzlichem Ruck der
+elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote
+sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch
+einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung
+bedingt sein.</p>
+
+<p>Es ist nur nat&uuml;rlich, da&szlig; die obsz&ouml;nen Witze hier eine hervorragende
+Stellung haben. Ich gebe gern zu, da&szlig; diese Witze manchmal von
+besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, da&szlig; die pr&uuml;de
+Verh&uuml;llung aller, auch der nat&uuml;rlichen und an sich nicht obsz&ouml;nen
+Realit&auml;ten es dem Sp&ouml;tter so leicht macht, die <i>Idee der guten Sitte</i>
+und das <i>Bed&uuml;rfnis der Natur</i> in eine Art sensationeller, rasch
+&uuml;berrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist nat&uuml;rlich
+die Zote, bei der es nur auf obsz&ouml;ne Kontrastierung von
+Einzelvorstellungen ankommt, w&auml;hrend ein fein sexualistischer Kontrast
+auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung
+Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da
+gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge
+m&uuml;ssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu k&ouml;nnen, doch einen dezenten
+und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. &Uuml;brigens gibt es
+durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von
+Pr&uuml;derie und Naturbestimmung, wie der franz&ouml;sische Sexualismus (Zola,
+Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter
+Zorn gegen die kulturelle Verk&uuml;mmerung und Verschn&uuml;rung menschlicher
+Nat&uuml;rlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des
+Naturrechtes aufflammt.</p>
+
+<p>Wird nun der <i>Kontrast zweier Weltanschauungen</i> dauernd von dem
+Humoristen festgehalten und dauernd dem H&ouml;rer oder Leser aufsuggeriert,
+so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman,
+zum Lustspiel. Unbedingt geh&ouml;rt auch hier zur Humorwirkung immer das
+&Uuml;berraschende, Pl&ouml;tzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu
+erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik
+oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der
+Behandlung ergibt die Variante: die Tragik er&ouml;rtert langsam und
+unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden
+Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und l&auml;&szlig;t die eine oder die
+andere Weltanschauung scheitern; das Problemst&uuml;ck kommt &uuml;berhaupt zu
+keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die
+Humoreske l&auml;&szlig;t pl&ouml;tzlich in &uuml;berraschender Weise das Ideale am Felsen
+allt&auml;glicher Vern&uuml;nftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im
+Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der
+Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen mu&szlig; wie die Butter
+an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche
+Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des
+Teufels zerzaust wird. F&uuml;r den k&uuml;nstlerischen Humor, d.h. f&uuml;r die aktive
+Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses
+unerl&auml;&szlig;lich. Jeder gro&szlig;e Humorist ist auch ein gro&szlig;er Dichter. Die
+dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer gro&szlig;en, frei
+schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut
+zu Hause ist wie auf den Gletscherh&ouml;hen des Idealen. &quot;Wurzelnd mit
+festen, markigen Knochen auf der wohlgegr&uuml;ndeten, dauernden Erde&quot;, darf
+nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in
+die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, da&szlig; auch
+jenseits von Gut und B&ouml;se nur mit Wasser gekocht wird. Der die
+humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem
+Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden
+Suggestionsf&auml;higkeit: er mu&szlig; sein k&ouml;nnen, was er scheint. Versagt dem
+Dichter oder dem Mimen die F&auml;higkeit, ihre innere Anschaung zu
+suggerieren, so verfallen sie dem <i>passiven Humor</i>, der tragische Seiten
+hat. Ihm verf&auml;llt auch jedes ernste Wollen, wenn dem pr&auml;tenti&ouml;sen Anlauf
+die Unzul&auml;nglichkeit des Menschlichen unvermutet und pl&ouml;tzlich ein Bein
+stellt ... Ich mu&szlig; leider darauf verzichten, an dieser Stelle n&auml;her
+auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem
+Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die
+<i>Situationskomik</i> nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der
+B&uuml;hne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewi&szlig; leicht, in jedem
+Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische
+Stimmungen erzeugt, warum ein L&auml;cheln mit prasselnden Lachsalven von oft
+lawinen&auml;hnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je sch&auml;rfer und
+pl&ouml;tzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen
+herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene
+Phantasiet&auml;tigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die
+Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigef&uuml;hrt und um so
+energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendr&auml;hte
+zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung,
+T&auml;uschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon
+farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu
+leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor,
+dem grazi&ouml;sen Sch&auml;ferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die
+gewagtesten Situationen erlauben d&uuml;rfen, bis hinauf zum echten
+<i>Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen
+Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu
+stellen versucht</i>: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen
+wie im Ganzen Bewu&szlig;tsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu
+fortw&auml;hrenden gegenseitigen Bockspr&uuml;ngen zu zwingen verm&ouml;gen. Eine
+richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der
+wechselndsten, pl&ouml;tzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu,
+so da&szlig; uns die kontrastierenden Ideen im Sch&auml;del herumfliegen wie die
+Erbsen in einem gesch&uuml;ttelten Topf. &Uuml;brigens will ich nicht vergessen,
+zu erw&auml;hnen, da&szlig; im gew&ouml;hnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten
+Gem&uuml;tsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen
+der Humor, dieser Dieb aller W&uuml;rde, einen wahren Einbruch in das
+Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich
+komisch, als meine Gro&szlig;tante am Sarge einer Verwandten bei einem
+R&uuml;hrungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der
+Eile eingesteckte Nachtm&uuml;tze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich
+damit die Tr&auml;nen zu trocknen. Es war von r&uuml;hrender Komik, als ein
+treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett
+der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose
+Handlung also motivierte: &quot;Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen
+so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!&quot; Das
+ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder <i>Galgenhumor</i>
+streift. Sicher ist, da&szlig; Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht
+umspringende, humoristische, sp&ouml;ttische, komische Gegenstr&ouml;me
+freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter
+Kontrastierung erhalten k&ouml;nnen. Es ist nicht sch&ouml;n, aber wahr, da&szlig; die
+Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer
+gro&szlig;en Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen
+Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbet&auml;tigungstrieb selbst
+angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.</p>
+
+<p>Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch
+Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die
+der Humor erf&auml;hrt durch die vielstrahlige <i>Brechung an der psychischen
+ Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse</i>, durch das Prisma
+des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, da&szlig; vom Wesen des
+Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realit&auml;t
+wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik,
+Possierlichkeit, Hohn, Gei&szlig;elung, Ironie, Satire, Spott, Witz,
+Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische
+Exzentrizit&auml;t, direkt abh&auml;ngig sind. Je nachdem ein Individuum von
+sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem,
+resigniertem, pedantischem, nerv&ouml;sem, phantastischem Grundtemperament
+ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament
+vorherrscht: in zwingend paralleler Weise &auml;u&szlig;ert sich auch sein Humor in
+besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei nat&uuml;rlich, wie bei den
+Temperamenten, die &Uuml;berg&auml;nge und verwandte Dispositionen eine
+Kombinationen- und Variationenreihe v&ouml;llig unbegrenzter Buntscheckigkeit
+zul&auml;&szlig;t. Auch mu&szlig; bemerkt werden, da&szlig; auch bei derselben Person die
+Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges
+Prisma, nicht immer eine gleichm&auml;&szlig;ige Grunddisposition in unserem Gem&uuml;t;
+wir k&ouml;nnen eben noch phlegmatisch sein: im n&auml;chsten Augenblick macht uns
+ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und
+unsern Aufstehpessimismus stimmt ein T&auml;&szlig;chen Kaffe, ein Gl&auml;schen Kognak
+zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die
+Komplement&auml;rfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz,
+Phlegma und Resignation.</p>
+
+<p>Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des
+Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen
+Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive
+<i>Gem&uuml;tsverfassung</i>, die Komik ist ein subjektives oder objektives
+<i>Mittel</i>, diese Gem&uuml;tsspannung herbeizuf&uuml;hren. Mir will scheinen, da&szlig;
+zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus
+der Aktionen geh&ouml;rt, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung aus&uuml;bt.
+Der gewisserma&szlig;en verhaltene, scheinbar unbek&uuml;mmerte, unengagierte,
+trockene Humor ist um so komischer, je gleichm&auml;&szlig;iger und verhaltener
+seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist.
+Er verzieht keine Miene, der Tr&auml;ger des trockenen Humors; eine beinahe
+apathische Typizit&auml;t seines Gesichtsausdruckes tr&auml;gt dazu bei, den
+Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem,
+Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verst&auml;rken. Man
+betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery,
+Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter
+typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte
+Gleichf&ouml;rmigkeit und schalkhafte, absichtliche L&auml;ssigkeit ihres
+Gesichtsausdruckes: h&auml;ngende Mundwinkel, pedantische, schl&auml;frige oder
+n&auml;rrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schl&uuml;rfender, ziehender Gang,
+schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im
+Indifferenzton, dazu wom&ouml;glich refrainartige, immer wiederkehrende
+Gesten und sprichwort&auml;hnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist
+der besonders kontrastierende, gleichm&auml;&szlig;ige, scheinbar tr&auml;ge,
+<i>pedantische Rhythmus, der die Komik macht</i>, auch beim Tappen des B&auml;ren,
+bei den Bewegungen der Dickh&auml;uter, bei denen wir eben wie beim passiv
+oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere
+n&auml;rrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel
+des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die
+M&auml;use, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer
+Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen
+Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast
+sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und f&auml;rben. Entscheidender
+aber ist f&uuml;r die &Auml;u&szlig;erungsweise der empfundenen oder dargestellten
+Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus
+geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der
+Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen,
+wie auch der geistreiche Witz, das Aper&ccedil;u, fast das ausschlie&szlig;liche
+Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem
+Choleriker ist der Hohn, die Gei&szlig;elung, die Ironie, die Satire das
+Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den
+wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem
+unverw&uuml;stlich ehernen Monument humoristisch-wehm&uuml;tiger Weltanschauung.
+Die sanfte Melancholie der Germanen &auml;u&szlig;ert sich in dem einzigen,
+herzenstiefen, gem&uuml;tvoll sentimentalen Humor, dem wir die &uuml;berquellenden
+Labetr&auml;nke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter, Gottfried
+Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt
+cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen
+Bl&uuml;tenstr&auml;u&szlig;e, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind, darin
+wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner, dessen
+Seele nach gro&szlig;en Dimensionen hastet, erzeugte auch einen
+phantastischen, gro&szlig;dimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar
+Po&euml;, Mark Twain, Bret Harte die sch&ouml;pferischen Organe erhalten hat.
+Endlich f&uuml;hrt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form
+der <i>Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer
+bewu&szlig;t ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung</i>, zum <i>Galgenhumor</i>,
+dessen Typus jener Verbrecher verk&ouml;rpert, der, auf dem Karren zum
+Schaffot gef&uuml;hrt, der herbeistr&ouml;menden Menge zurief: &quot;Kinder, lauft
+nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!&quot; Hier ist der
+Kontrast geradezu umgekehrt. W&auml;hrend sonst der Humorist tief innerlich
+sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet,
+f&uuml;hlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur
+in der Idee. Das ist typisch f&uuml;r jede Form von Galgenhumor.</p>
+
+<p>In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen
+Betrachtungsf&auml;higkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der
+Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber
+Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit
+&uuml;ber alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten
+Schachte des Gem&uuml;tes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit
+ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter,
+er ist eine Majest&auml;t, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte
+freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betr&uuml;gern den
+L&uuml;genflitter und die Maske vom Antlitz rei&szlig;t, ein Evangelist, der es
+versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem
+Himmelsl&auml;cheln zu l&ouml;sen, und ein Tr&ouml;ster, der &uuml;ber alle Not Goldk&ouml;rner
+des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Pers&ouml;nlichkeit
+streut. &quot;Blankes Schwert erstarrt im Hiebe&quot;, wenn der Witz die Klinge
+kreuzt; und f&uuml;r manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort
+zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel
+heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des
+Volkes, ein Dokument seines Gem&uuml;tslebens, eine Schatzkammer des
+Reichtumes seiner Seele.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="SCHLAF_UND_TRAUM"></a><h2>SCHLAF UND TRAUM</h2>
+<br>
+
+<h3>I.</h3>
+
+
+<p>Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zur&uuml;ckzublicken das Gl&uuml;ck
+hat&mdash;das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel
+von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins&mdash;, der macht
+es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, da&szlig; es mindestens
+f&uuml;nfundzwanzig Jahre waren, die er buchst&auml;blich verschlafen hat,&mdash;selbst
+wenn er die kummervollen N&auml;chte, in denen die Sorge oder der Schmerz
+neben ihm am Bettrand sa&szlig;, oder auch die N&auml;chte abrechnet, die er
+weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.</p>
+
+<p>Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie
+weiland Friedrich dem Gro&szlig;en, da&szlig; sie auf die freilich unhygienische
+Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugew&ouml;hnen; scheinen doch auch
+unsere Ministerien der Meinung zu sein, da&szlig; f&uuml;r festangestellte Beamte
+der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von
+Sicherheitsbeamten, Nachtw&auml;chtern, Telegraphisten, Lokomotivf&uuml;hrern usw.
+sogar, da&szlig; sie gef&auml;lligst ihren eigenen Kalender umstellen, die N&auml;chte
+z&auml;hlen und die Tage aus ihrem Bewu&szlig;tsein streichen, sich also gleichsam
+zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden
+versuchen. Das w&auml;re eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der
+Gesellschaft und ein str&auml;flicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu
+leben, durch Abz&uuml;ge am Schlaf zu verl&auml;ngern sinnt, wenn es nicht
+tats&auml;chlich sogar recht wohlgen&auml;hrte Individuen in der Natur g&auml;be, die,
+wie Raubv&ouml;gel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit
+heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: f&uuml;r die
+erdr&uuml;ckende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der
+Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz f&uuml;r
+den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im
+allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er
+w&auml;hrt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit
+ihrem ersten &ouml;stlichen Gru&szlig;, der schon vor unserem Erwachen die H&auml;hne
+veranla&szlig;t, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die
+Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine M&ouml;rderin der Elfen und Waldg&ouml;tter
+schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch
+Tranfunzel, Docht, Stein&ouml;l und Gas und jetzt durch das starre,
+geisterhafte Licht der Gl&uuml;hbirnen und leuchtenden Str&uuml;mpfe, deren Strahl
+auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augen&auml;rzte
+sp&auml;terer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin
+gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verl&auml;ngern,&mdash;wie man
+eine kr&auml;ftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Nat&uuml;rlichen,
+die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen,
+w&uuml;rden von dem L&auml;rm der auf k&uuml;nstliches Licht eingestellten Mitwelt
+unsanft aufger&uuml;ttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erh&ouml;ben,
+in ihrem Hause wie des Begr&auml;bnisses unw&uuml;rdige Bewohner von Vineta oder
+Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und
+Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. M&ouml;glich,
+da&szlig; dieser Rhythmus sich &auml;ndern l&auml;&szlig;t, da&szlig; wir uns allm&auml;hlich anzupassen
+verm&ouml;gen an die k&uuml;nstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich nicht
+verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von
+Hypersensibilit&auml;t und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosit&auml;t ist
+vielleicht nur die &Uuml;bergangsform&mdash;im Sinne Darwins&mdash;zu einer k&uuml;nftigen
+Norm von bleichs&uuml;chtig-&auml;therischer, hypersensitiver
+Wei&szlig;e-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch
+erleuchtete H&ouml;hlen verlegt hat; vielleicht sogar l&auml;&szlig;t sie sich vor
+lauter Produktion &uuml;berfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal
+am eigenen Lichte gen&uuml;gen, wie die entz&uuml;ckenden Gl&uuml;hw&uuml;rmchen im Moose
+oder die gro&szlig;en Laternentr&auml;ger der Tropen. Man sollte meinen, da&szlig; die
+Menschheit keinen Grund h&auml;tte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren
+schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst
+abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gr&auml;ben und
+S&uuml;mpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog,
+wie Nachtinsekten, K&auml;fer und Schmetterlinge; man sollte sich auch
+scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen,
+den Eulen und Raubv&ouml;geln, die auf den Gedanken kamen, da&szlig; die Finsternis
+ein trefflicher Mantel f&uuml;r lichtscheue Taten sei. Vorl&auml;ufig aber bleibt
+es hoffentlich dabei: f&uuml;r unser Planetensystem ist es die Sonne, die als
+die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte
+Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die
+Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen
+von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder
+der R&uuml;ckprall der Sonnenmacht. Tats&auml;chlich ist der Schlaf an ihr
+Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen,
+und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint
+und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte
+organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und
+her. Denn da&szlig; auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht
+gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches
+Leben erst nachts beginnen. Die &Auml;rmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr
+sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen k&ouml;nnen,
+sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen&mdash;und die Wissenschaft
+wiederholt es zuweilen noch heute&mdash;: dasjenige, was uns Schlaf bringt,
+hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der
+Erm&uuml;dung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives
+Zur&uuml;ckfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch
+zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole
+und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven
+Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der
+Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein nat&uuml;rlicher,
+rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der
+Nervenspannungen. Ja, noch k&uuml;hner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen;
+man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein
+physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der K&uuml;che des
+Muskelhaushaltes gerade infolge der Erm&uuml;dung jeder sich selbst bereite,
+das sich allm&auml;hlich ins Blut mische und schlie&szlig;lich uns einschl&auml;fre.
+Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische
+Narkose! Dann h&auml;tte also das Sonnenlicht nur ganz zuf&auml;llig mit Schlaf
+und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen
+und damit das Fleischmilchs&auml;uregift w&auml;hrend des Sonnenlichtes
+produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einflu&szlig; auf den Rhythmus
+von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses
+Muskelopiums&mdash;die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen
+Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem
+Schlaf ganz un&auml;hnlichen Zust&auml;nde fast mit dem Extrakte jedes anderen
+Organes, ja, sogar aus dem ganz unt&auml;tigen Muskel des neugeborenen Tieres
+herauspressen; sie beweisen eben nur, da&szlig; auch Muskels&auml;fte fremde
+Beimengungen zum Blut sind,&mdash;abgesehen also von der hypothetischen Natur
+dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengr&uuml;nde gegen die
+M&ouml;glichkeit einer solchen periodischen Erm&uuml;dungsvergiftung. Wie sollte
+ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von
+ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne da&szlig; f&uuml;r
+diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu
+finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkw&uuml;rdige Narkose des
+Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem
+Wissen vom k&uuml;nstlichen Schlaf w&auml;re und nur in der periodischen
+Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiest&uuml;tzpunkt
+gewinnen k&ouml;nnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu
+verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der
+eine&mdash;dann doch notwendige&mdash;besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder
+w&auml;hrend der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der
+ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchs&auml;ure in keinem
+Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die
+doch noch herzlich wenig mit Muskelk&uuml;nsten zu paradieren pflegen, das
+Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich f&uuml;r unbefangene
+Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern s&uuml;&szlig;en Himmelsfriedens, aus
+dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und z&auml;her Kater,
+der auf einen Sturm durchwachter Pr&uuml;geln&auml;chte folgte, worauf allerdings
+das Antlitz des eben einpassierten Mitb&uuml;rgers mitunter hinzudeuten
+scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hind&auml;mmern des werdenden Menschleins
+das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her
+hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes?
+L&auml;&szlig;t sich ernstlich behaupten, da&szlig; man, je mehr Muskelaktion man aus&uuml;bt,
+desto besser schlafe? Ist nicht gerade &Uuml;beranstrengung das beste Mittel,
+um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde
+geistige Arbeiter eines ungest&ouml;rten, tiefen Schlummers? Will man
+behaupten, da&szlig; auch sie alle Gift produzieren? Die ganze
+Erm&uuml;dungstheorie, die das Leben auffa&szlig;t wie ein Kautschukband, das man
+hier und da abspannen mu&szlig;, um es funktionst&uuml;chtig zu erhalten (wobei
+noch nicht bewiesen ist, da&szlig; es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist
+meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und
+festgegr&uuml;ndetesten und wahrlich &quot;besch&auml;ftigten&quot; Organe, das Herz, die
+Lungen, der Magen&mdash;diese eigentlichen Motoren unseres k&ouml;rperlichen und
+seelischen Betriebes&mdash;entbehren des Schlafes g&auml;nzlich. Sie h&auml;mmern,
+blasen und w&uuml;hlen unbek&uuml;mmert um Nacht und Tag und erm&uuml;den erst, wenn
+das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich
+vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines
+Traumes, die M&ouml;glichkeit eines Bewu&szlig;tseins im Traum spricht gegen die
+absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Erm&uuml;dungsgef&uuml;hl nennen,
+kann sehr wohl das Gef&uuml;hl gest&ouml;rten Gleichgewichtes der wechselnden
+Lebensbet&auml;tigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel
+nach langen M&auml;rschen die so lange unt&auml;tigen, den Muskelzentren nahe
+benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbesch&auml;ftigung verlangen. Sie
+wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und
+in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein
+System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es k&ouml;nnte also
+ebensogut das Gef&uuml;hl der Erm&uuml;dung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der
+uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie
+ja so oft Schmerz und Unlustgef&uuml;hle die Rolle der Signalw&auml;chter f&uuml;r
+St&ouml;rung und Gefahr &uuml;bernehmen. Wo diese W&auml;chter schweigen, wie bei
+eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten
+(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Erm&uuml;dung als etwas
+Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten k&ouml;rperlich oft
+physiologisch Unfa&szlig;bares an Muskelaktion, und vor der &Auml;ra der vier Tage
+lang radelnden Dauerfahrer h&auml;tte man die Sache nach den Gesetzen der
+Erm&uuml;dung f&uuml;r Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts
+von besonders produktiven K&ouml;pfen, die auf solchen Athletenschultern
+s&auml;&szlig;en, geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Ganz und gar keine Anwendung l&auml;&szlig;t aber die Hypothese von der Erm&uuml;dung
+oder der Selbstvergiftung auf die Formen k&uuml;nstlichen Schlafes zu, die
+uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es m&uuml;&szlig;te schon eine
+sonderbare Erm&uuml;dung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln
+oder Anglotzen, mit mehr oder weniger &quot;freundlichem&quot; Zureden, die
+Hirnganglien &uuml;berfielen und ertr&auml;nkten. Einer Mutter, der sorgsamsten
+Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, da&szlig; ihr
+summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein erm&uuml;dendes Gift
+hinter die geschlossenen Lider sch&uuml;ttet. Wie nun, wenn man diese ganze
+Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die
+Wissenschaft noch heute definiert, &uuml;ber Bord w&uuml;rfe? Sehen wir zun&auml;chst
+zu, was die Physiologie &uuml;ber den Schlaf aussagt. Landois, wohl der
+geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich &uuml;ber den Schlaf
+in den folgenden S&auml;tzen aus: &quot;Der Schlaf ist eine Phase der Periodizit&auml;t
+des t&auml;tigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes.&quot; &quot;Es ist im Schlaf
+eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden.&quot;
+&quot;Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln.&quot;
+Auffallend ist, da&szlig; man bei diesen Grunds&auml;tzen &uuml;ber die Physiologie des
+Schlafes so v&ouml;llig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des
+Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die
+psychologische Tatsache des Traumes und seiner gew&ouml;hnlichsten
+Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen s&auml;mtlich auf. Der Schlaf kann
+nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt
+werden, denn es gibt Tr&auml;ume; Tr&auml;ume sind aber &quot;T&auml;tigkeiten&quot; des
+Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erh&ouml;hte Erregbarkeit
+des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus
+unter unruhigen Tr&auml;umen beweist. Au&szlig;erdem ist die vorhandene
+Erregbarkeit s&auml;mtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar.
+Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase,
+bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die
+Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und
+braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so
+w&auml;re damit bewiesen, da&szlig; sein Nervensystem erregbar war, auch w&auml;hrend er
+schlief,&mdash;und es w&auml;re doch schwer festzustellen, ob st&auml;rker oder
+schw&auml;cher als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch
+keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir
+leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf
+Erfolg diese Frage vorlegen k&ouml;nnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus
+der Funktion des Traumes, die Ichbewu&szlig;tsein, Seh-, H&ouml;rwahrnehmungen usw.
+nicht ausschlie&szlig;t, da&szlig; die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die
+Ganglien der Hirnkugeln, in voller T&auml;tigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln,
+einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewu&szlig;te und durch die
+Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckm&auml;&szlig;igkeitshandlungen,
+die nur durch die T&auml;tigkeit der &quot;gleichsam herausgeschnittenen&quot;
+Hirnkugeln vermittelt sein k&ouml;nnen. Im Widerspruch mit diesen
+Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas
+durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit
+der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen
+elastischer Spannung k&ouml;nnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach
+der Schlaf eintr&auml;te, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe &uuml;ber
+die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der
+Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich &uuml;ber die
+&Auml;olsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen
+hin&uuml;berzieht wie ein vielgestaltiger D&auml;mpfer, der die T&ouml;ne erstickt, die
+Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen hei&szlig;t und die Welt
+und ihre Umgebung zeitweise versinken l&auml;&szlig;t. <i>In Wirklichkeit ist der
+Schlaf eine Form der aktiven Bewu&szlig;tseinshemmung</i>. Wir wissen aber&mdash;und
+das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise&mdash;, da&szlig; Hemmungen,
+Isolation, Ausschaltungen im Bewu&szlig;tsein durchaus aktive Vorg&auml;nge, den
+Nervent&auml;tigkeiten v&ouml;llig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir
+k&ouml;nnen sogar mit einigem Recht behaupten, da&szlig; ganz allgemein, biologisch
+gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven
+Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende f&uuml;r die
+Formierung des &uuml;berall vorhandenen und zur Bet&auml;tigung dr&auml;ngenden Lebens
+sein d&uuml;rfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben hat,
+gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verst&auml;rkung der ihm
+gegen&uuml;bergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem
+gegebenen Strom r&auml;tselhafter, jeder Anschmiegung f&auml;higer Materie, es
+quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser L&uuml;cke, und die
+Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie
+erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die
+Widerst&auml;nde lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte
+System der seelischen Nervent&auml;tigkeit l&auml;&szlig;t es erkennen. Jeder hat schon
+an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die Abh&auml;ngigkeit
+seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen
+Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom
+Meere ruft, und das Gl&ouml;cklein, das vom Kirchturm t&ouml;nt und &quot;Bleib
+daheim!&quot; l&auml;utet. Gott und Teufel, Wei&szlig; und Schwarz, Ich und Du, der
+andere in mir, Lust und Abscheu&mdash;immer um so n&auml;her beieinander, je h&ouml;her
+die Wogen des Empfindens gehen&mdash;sie sind nicht auseinanderzurei&szlig;en. Wie
+ein Pendel seine Schwingungsweite inneh&auml;lt und um so h&ouml;heren Ausschlag
+gibt, je h&ouml;her der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der
+Erregung ins Tal zu rei&szlig;en. Kein Wunder, da&szlig; es so ist! Denn, rein
+mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des
+Gehirnes mu&szlig; in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit k&ouml;nnen nur
+wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur
+eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die &uuml;brigen aber
+abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung m&uuml;&szlig;ten
+ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander
+schwingen. Wir finden also, da&szlig; wir in zeitlich nacheinander geordneten
+Systemen nur deshalb denken k&ouml;nnen, weil uns im Augenblick immer nur
+eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was &quot;die
+Aufmerksamkeit konzentrieren&quot; hei&szlig;t, ist nichts als das Gef&uuml;hl und
+Bewu&szlig;tsein davon, da&szlig; von der ewig schwankenden, Anschl&uuml;sse bald hier
+erzwingenden, bald dort abd&auml;mpfenden Hemmung nur eine&mdash;die
+Augenblicksempfindung vermittelnde&mdash;Bahn freigelassen ist. So ist also
+der eigentliche Spiritus rector, <i>die Seele &uuml;ber der Seele</i>, nicht in
+den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in
+dem Mechanismus dieser Hemmung w&auml;re das Prinzip zu erforschen, das
+gleich immer wechselnden Registerz&uuml;gen in der gro&szlig;en Hirnorgel bald
+diesem, bald jenem System die Ventile &ouml;ffnet, so da&szlig; der einstr&ouml;mende
+Hauch des Lebens die f&uuml;nfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in
+unfa&szlig;bar reicher Kombinationsm&ouml;glichkeit zu seelischen Akkorden
+erklingen l&auml;&szlig;t. An einem Hause seien Millionen kleiner Gl&uuml;hl&auml;mpchen
+angebracht, deren Dr&auml;hte alle in eine stille Klause unter dem Dache
+auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den
+H&auml;nden h&auml;lt. Er l&auml;&szlig;t Millionen Fl&auml;mmchen erl&ouml;schen, und ein kleiner Rest
+leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme
+werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gru&szlig;, ein Willkommen, ein
+ganzer Satz erstrahlt,&mdash;und so k&ouml;nnte der Ingenieur der Hemmungen unter
+dem Dach gewi&szlig; jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls
+er den Strom seiner Batterien, der in alle L&auml;mpchen zu flie&szlig;en strebt,
+zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die
+anderen verschlie&szlig;t. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich
+kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtk&ouml;rper ausgespannt, viel
+zahlreicher als die Sterne am Himmel, die f&uuml;r uns auch nur aufflammen,
+wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren
+spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre
+Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun
+keineswegs gleiche, scheinbar willk&uuml;rliche Macht &uuml;ber alle Formen
+zentraler Hirn- und Seelent&auml;tigkeit; ihr wechselnder Einflu&szlig; nimmt mit
+dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven,
+dem Bewu&szlig;tsein ganz entzogenen Seelent&auml;tigkeiten, namentlich in denen
+der Regulation von Herz- und Atmungst&auml;tigkeit, schwankt die Hemmung
+nicht mehr; sie ist immer gegenw&auml;rtig, sie hat sich
+selbsterhaltungsgem&auml;&szlig;<a name="F1BACK"></a><a href="#F1">[1]</a> herausgepr&uuml;ft, welche koordinierten Bahnen das
+Beste, Unab&auml;nderlichste f&uuml;r den Haushalt des Ganzen darstellen. So
+werden auch unsere, heute nicht mehr bewu&szlig;ten Seelenhandlungen in
+festen, definitiv und stets gleichm&auml;&szlig;ig gehemmten Bahnen reguliert, und
+nur in den j&uuml;ngsten Phasen des Bewu&szlig;tseins tastet die Hemmung, gleichsam
+nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgem&auml;&szlig;e L&ouml;sung sei.
+Die j&uuml;ngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam
+stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h.
+instinktiver L&ouml;sung ringt.</p>
+
+<p class="note"><a name="F1"></a><a href="#F1BACK">Fu&szlig;note 1</a>: Von Hauptmann treffend statt &quot;instinktiv&quot; eingef&uuml;hrter
+Begriff.</p>
+
+<p>In uns geht sehr vieles unbewu&szlig;t seinen nicht mehr abzu&auml;ndernden
+psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das
+unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien
+z.B. k&ouml;nnen wir nicht mehr ohne Rest im Bewu&szlig;tsein begr&uuml;nden; wir tun
+vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,&mdash;mit einem
+Wort: es gibt in uns Verst&auml;ndigeres als den Verstand, Bewu&szlig;teres als das
+Bewu&szlig;tsein, Besseres als das Beste!<a name="F2BACK"></a><a href="#F2">[1]</a> Das sind jene unterbewu&szlig;ten,
+schon definitiv vom schwankenden Bewu&szlig;tsein des Ichs und der Situation
+abgel&ouml;sten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht
+mit der tastenden Orientierung der h&ouml;chsten Ganglienschichten assoziiert
+werden k&ouml;nnen. Die j&uuml;ngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre
+Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausst&uuml;lpungen nach au&szlig;en, sie horchen,
+f&uuml;hlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im
+Weltganzen. Das Gef&uuml;hl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize,
+die die Widerst&auml;nde auf meine Sinne aus&uuml;ben, wirkt das, was mein
+Empfinden von mir selbst und mein Bewu&szlig;tsein von meiner Stellung in der
+Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch
+ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem
+Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament
+der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen
+Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen.
+Manchmal f&uuml;hlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit
+uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner
+Macht inne und f&uuml;hlt doch nur einen Widerschein von seinem
+Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die
+der Schlaf dem Bewu&szlig;tsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes
+bezieht sich nur auf jene kr&ouml;nenden Funktionen geistigen Geschehens, die
+im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenw&auml;rtigen Phase der
+Hirnentwicklung zugeh&ouml;ren.</p>
+
+<p class="note"><a name="F2"></a><a href="#F2BACK">Fu&szlig;note 1</a>: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, da&szlig;
+wir von einer Erkrankung tr&auml;umen k&ouml;nnen, deren Herannahen im Wachen noch
+nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschw&uuml;r kann im Entstehen
+schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen zu
+veranlassen. (Moll.)</p>
+
+<p>Was ist es nun, das diese Hirnhemmung<a name="F3BACK"></a><a href="#F3">[1]</a>, die das Dunkel des Schlafes
+erzwingt, vermittelt?</p>
+
+<p class="note"><a name="F3"></a><a href="#F3BACK">Fu&szlig;note 1</a>: &Uuml;ber das mutma&szlig;liche Wesen dieser selbst siehe
+Ausf&uuml;hrlicheres in des Verf. &quot;Psychophysik des Schlafes und der
+schlaf&auml;hnlichen Zust&auml;nde&quot;. Zweiter Teil seiner &quot;Schmerzlosen
+Operationen&quot;. 5. Aufl. bei Springer, Berlin.</p>
+
+<p>Wir stellen uns vor, da&szlig; um die Ganglienzellen des Gehirnes ein
+Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet,
+und da&szlig; dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die
+Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die
+bisher als eine einfache St&uuml;tzsubstanz aufgefa&szlig;t wurde. Wir denken uns
+diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch
+erf&uuml;llbar und entleerbar, so da&szlig; je ihre F&uuml;llung oder Entleerung
+imstande ist, Anschl&uuml;sse (Assoziationen) unter den Zellen zu
+unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den
+Ganglienk&ouml;rpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den
+&uuml;berspringenden Funken oder induzierten Str&ouml;men gr&ouml;&szlig;eren und geringeren
+Widerstand entgegensetzt. So gesch&auml;he auch das Denken in der Richtung
+des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere
+Bewegungsform. <i>Die T&auml;tigkeit der Ganglien ist die der spezifischen
+Transformation (Umbildung) der Au&szlig;enweltreize, ihre prismatische
+Strahlenzersplitterung, und die T&auml;tigkeit der Hemmung ist die der
+Widerstandserzeugung f&uuml;r die Assoziation dieser transformierten Reize</i>.
+Sicherlich gibt es auch ein psychisches &Auml;quivalent, d.h. jeder Reiz, der
+das Zentralorgan trifft, verlangt seinen v&ouml;lligen Umsatz in Spannkr&auml;fte
+der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind
+gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenb&uuml;ndel zu wei&szlig;em Licht,
+die R&uuml;ckgabe der unver&auml;u&szlig;erten Pfunde an die Au&szlig;enwelt. Die Hemmung gibt
+die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.</p>
+
+<p>Diese, wie ich gern gestehe, f&uuml;r eine Plauderei schwerf&auml;lligen
+Deduktionen waren n&ouml;tig, um den Mechanismus des Schlafes v&ouml;llig
+verst&auml;ndlich zu machen. Sie erm&ouml;glichen eine hypothetische Einheit des
+Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu
+betrachten. Da&szlig; die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung,
+die &uuml;ber den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zur&uuml;ckzuziehen,
+verm&ouml;ge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso
+begreiflich, wie da&szlig; ihr Loslassen von der Gef&auml;&szlig;spannung dieser am Abend
+gestattet, die Tarnkappe &uuml;ber das Bewu&szlig;tsein zu ziehen. Man beobachte
+nur einen M&uuml;den. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes
+gegen seine Bewu&szlig;tseinszentren anbranden, f&uuml;hlt er eine Neigung, nicht
+mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend
+festzuhalten, er vergi&szlig;t sich und sie, seine Muskelaktionen werden
+schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes G&auml;hnen gibt
+kund, da&szlig; der Reiz&uuml;berschu&szlig;, den das Leben in seiner Hirnrinde
+zur&uuml;ckgelassen hat, eine gewohnheitsm&auml;&szlig;ige Ablenkung auf ein gewisses
+Gebiet der Atmungst&auml;tigkeit erf&auml;hrt. G&auml;hnen hei&szlig;t, das Gehirn von
+Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu
+gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der &Uuml;berf&uuml;hrung
+geistiger Spannkr&auml;fte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung
+sp&uuml;lt immer weiter &uuml;ber den lichten Strand des Bewu&szlig;tseins, in dessen
+Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfl&auml;che wird
+immer tr&uuml;ber, und schlie&szlig;lich versinkt wie mit einem Schlage die
+Au&szlig;enwelt vor seinen inneren und &auml;u&szlig;eren Blicken: er ist in ihr und hat
+doch kein Gef&uuml;hl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der
+Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen
+eines eben noch strahlenden Gl&uuml;hk&ouml;rpers, da&szlig; der Begriff des
+&quot;Erl&ouml;schens&quot; des Bewu&szlig;tseins zu dem Treffendsten geh&ouml;rt, was unsere
+Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchst&auml;blich nehmen. <i>Die
+Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus)
+vermittelter Reflex</i>, den die Periodizit&auml;t des t&auml;glichen Lichtwechsels
+durch Anpassung erzwungen hat, der aber&mdash;und das spricht deutlich f&uuml;r
+die hier vorgetragene Auffassung&mdash;ebenso gut durch andere Einfl&uuml;sse
+nerv&ouml;ser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete
+Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht&mdash;und sie ist ja
+eine Hypothese, wie andere auch&mdash;: Niemand kann leugnen, da&szlig; Schlaf
+durch Reizung der Hemmungsvorg&auml;nge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man
+hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese
+Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus
+des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, ausl&ouml;sbar durch die Ma&szlig;nahmen der
+Hypnose: Streicheln &uuml;ber die Stirn und Augenlider, starres Fixieren,
+K&auml;mmen, Wiegen, das gleichm&auml;&szlig;ige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen,
+die Monotonie des Schlafliedes,&mdash;das alles sind Reizformen der sanften,
+suggestiven Abblendung des Bewu&szlig;tseins auf einen einzigen Punkt, wodurch
+es nat&uuml;rlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird,
+rings um diese letzte Stelle des Bewu&szlig;tseins ihr Zeltdach des Schlummers
+zusammenzuziehen. Eind&auml;mmung des Bewu&szlig;tseins auf einen Punkt und
+Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, da&szlig; zum
+Einschlafen auch der feste Wille dazu geh&ouml;rt und da&szlig; Gewohnheit und
+Erziehung einen so erheblichen Einflu&szlig; haben. Man zwinge sich bei
+erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle
+den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der &Uuml;berlegung, der
+Vorstellung und halte ihn ja fest&mdash;der Gedanke ist ein Springinsfeld, er
+will rechts und links &uuml;ber die Z&auml;une setzen&mdash;: dann wird es der Hemmung
+schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das
+s&uuml;&szlig;e Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel&mdash;einschlie&szlig;lich
+der Mittel der Narkose&mdash;bet&auml;uben in gleicher Weise, sie l&auml;hmen die
+Gef&auml;&szlig;nerven aktiv; und die Folge ist die F&uuml;llung der hemmenden Gespinste
+um die Ganglien und die Erzwingung der Unm&ouml;glichkeit ihrer gegenseitigen
+Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenu&szlig;. Der
+anfangs die Gef&auml;&szlig;e treffende Giftreiz verengt zun&auml;chst das Stromgebiet
+der hemmenden Zwischenschicht; der Anschlu&szlig; der geistigen Verkn&uuml;pfung
+der Ideen erfolgt zun&auml;chst mit deutlicher, gern gef&uuml;hlter, die
+Lebenslust erhebender Leichtigkeit; &uuml;ber alle H&ouml;hen und Tiefen der
+Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der
+Gedanken; der D&uuml;mmste d&uuml;nkt sich ungeheuer geistreich und traut sich
+F&auml;higkeiten zu, von denen er nie geglaubt, da&szlig; er sie sein eigen nennt,
+wobei er oft sogar Kundige zu t&auml;uschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber
+um so mehr Gewalt, je h&ouml;her die Dosis steigt, sie engt wie beim
+Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewu&szlig;tsein immer mehr ein,
+der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erz&auml;hlt
+dieselbe Geschichte f&uuml;nfmal, zehnmal, murmelt schlie&szlig;lich immerfort
+dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen
+Schw&auml;rmers blutgef&uuml;lltes Haupt schwer auf den Tisch, und die vollt&ouml;nende
+Harfe l&auml;&szlig;t dem S&auml;geger&auml;usch des Schnarchens das Feld. W&auml;hrend aber bei
+diesen k&uuml;nstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht
+nur die obersten Schichten des Bewu&szlig;tseins umfa&szlig;t, sondern auch ihre
+eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie um die
+anderer Formen von Bewu&szlig;tsein schl&auml;gt, scheint uns f&uuml;r den
+physiologischen Schlaf charakteristisch, <i>da&szlig; eigentlich nur das
+Bewu&szlig;tsein f&uuml;r Zeit und Ort, f&uuml;r Orientierung in der Umgebung und der
+betreffenden zeitlichen und &ouml;rtlichen Situation fehlt</i>. Da der
+Schlafende im Traum sein Bewu&szlig;tsein von sich selbst, den Begriff der
+Pers&ouml;nlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur
+orientierungsunf&auml;hig f&uuml;r das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so
+kann man sagen: <i>Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des
+Situationsbewu&szlig;tseins; er ist die periodische Ausschaltung der
+Orientierung f&uuml;r die Umgebung, die Zur&uuml;ck- und Einziehung aller
+Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung
+wurzelt</i>. Alles &uuml;brige, sein Ich-Bewu&szlig;tsein, seine Bewegungsf&auml;higkeit,
+seine Phantasiet&auml;tigkeit, seine Vorstellungssph&auml;re, unterbewu&szlig;tes
+Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert, als
+diese Funktionen ihren verst&auml;rkten Ansto&szlig; eben aus jenem
+Situationsbewu&szlig;tsein zu ziehen gew&ouml;hnt sind. Wir verlassen f&uuml;r
+gew&ouml;hnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar
+nichts wissen, wir greifen nach nichts &uuml;ber und um uns, weil wir nichts
+von dem &quot;&uuml;ber und um uns&quot; wahrnehmen, und wir lassen alle
+Muskelt&auml;tigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung
+beziehen, irgend etwas auf diese Bez&uuml;gliches zu unternehmen. So weit
+aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden
+Bewu&szlig;tsein des Traumes erregt werden k&ouml;nnen, bleibt ihre
+Beeinflu&szlig;barkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der
+Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben,
+in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den
+verschiedenen Formen des gest&ouml;rten, pathologischen Schlafes erkennen
+lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade
+die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkst&auml;tten besitzen,
+in mehr oder weniger gro&szlig;er Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die
+feinere Art der Bewu&szlig;tseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum
+etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der
+nat&uuml;rlich sehr erheblich durch Au&szlig;enwelteinfl&uuml;sse zu ver&auml;ndern ist. Der
+Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums,
+und seine gr&ouml;&szlig;te Intensit&auml;t f&auml;llt zusammen mit der Vollreife, was
+wiederum stark f&uuml;r meine Auffassung von der Aktivit&auml;t des
+Schlafmechanismus sprechen d&uuml;rfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist
+deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so
+ungeheuer die Ans&auml;tze von Ganglienzellen &uuml;berwiegt; denken lernen, hei&szlig;t
+eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgem&auml;&szlig;e Hemmung hineinwachsen und
+ihre Anschl&uuml;sse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund,
+warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie
+in die K&ouml;pfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas
+Selbstverst&auml;ndliches erfa&szlig;t werden; deshalb ist es auch f&uuml;r originelle
+Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen,
+wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zun&auml;chst drei&szlig;ig Jahre
+ins Grab zu legen. Es ist &uuml;berall das Verh&auml;ltnis von Ganglienaktion zur
+Aktivit&auml;t der Hemmung, das Originalit&auml;t, Intelligenz, Charakter, Genie,
+Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des
+Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige
+Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie &Uuml;beranstrengung, Sorge,
+&Uuml;berlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht,
+Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen F&auml;llen die
+Gangliensysteme der zur Nachtzeit anr&uuml;ckenden Hemmung widerstehen.</p>
+
+<p>Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone
+der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht m&uuml;de zu sein, die
+gl&uuml;cklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine
+Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlge&uuml;bten Kabel der
+Bewu&szlig;tseinsleitungen,&mdash;und der Schlaf beginnt. Diese Regelm&auml;&szlig;igkeit des
+Ein- und Ausschaltens von Bewu&szlig;tsein und Schlaf selbst ohne jedes
+Erm&uuml;dungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen,
+die Sinn f&uuml;r Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen
+freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausfl&uuml;gler nicht einmal
+andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen
+die Erm&uuml;dungs- und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine
+alte Weisheit, da&szlig; der Vormitternachtsschlaf der st&auml;rkendste ist. Weil
+wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist
+der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je n&auml;her der
+Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht
+liegt dem Scheiden der Sonne am n&auml;chsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und
+jede Stunde nach Mitternacht f&uuml;hrt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz
+des Bewu&szlig;tseins n&auml;her. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder
+Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem
+Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Gl&auml;ttung der
+erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er
+vermag R&auml;tsel der L&ouml;sung nahe zu f&uuml;hren in wenigen Stunden, und oft
+steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette,
+wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrau&szlig;. Weinend legt der Knabe sich
+nieder, weil er die Lektion nicht bew&auml;ltigen konnte, und morgens sagt er
+sie her, erstaunt und verbl&uuml;fft ob der Heinzelm&auml;nnchenarbeit, die &uuml;ber
+Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist,
+der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner
+inneren Gestaltungskraft&mdash;vergeblich, denn es wollte keine Sch&ouml;nheit dem
+hei&szlig;en Nebel entsteigen&mdash;: eine stille Nacht tiefen, erquickenden
+Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein
+wei&szlig;es, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben
+die j&uuml;ngsten Entwicklungsphasen des Bewu&szlig;tseins sind, in denen das
+Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken&mdash;der
+Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht&mdash;immer neue Systeme
+an alte Bahnen anschlie&szlig;t, so sind hier auch gleichsam die leicht
+verletzlichen, zartesten Bl&uuml;ten des Seelenlebens ausgebreitet. Das
+stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere
+Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel.
+Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und
+Kabelstation fertigbauen, den Schlu&szlig;stein setzen, einen sammelnden
+Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes m&uuml;hsam
+vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so
+n&ouml;tige Bewu&szlig;tseinsverh&uuml;llung versagt! Was gibt es F&uuml;rchterlicheres als
+die Schlaflosigkeit, in der das geistige und k&ouml;rperliche Auge in die
+Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines D&auml;mons annimmt? Dabei
+die Gedankenflucht hinter dem Sch&auml;del, diese springenden, jagenden und
+nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichg&uuml;ltig sind und uns so gar
+nichts angehen, die sich aber unaufh&ouml;rlich durcheinanderschieben,&mdash;diese
+grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat:
+Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die
+gereizten und zur &Uuml;berfunktion gepeitschten Ganglienzellen schlie&szlig;lich
+alle Widerst&auml;nde durchbrechen, die blinden Affekte und die Bockspr&uuml;nge
+im Geist, die geistigen Veitst&auml;nze beginnen.</p>
+
+<p>In der schonenden H&uuml;lle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der
+sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die
+der &uuml;berwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime
+entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei
+Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und
+Haschischvertilger verschaffen sich k&uuml;nstlich diese Verschleierung des
+Bewu&szlig;tseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gew&auml;hrt, nicht nur, weil
+es angenehm ist, die qu&auml;lende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen,
+sondern auch, weil sie instinktiv f&uuml;hlen, da&szlig; eine erhaltungsgem&auml;&szlig;e
+Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.</p>
+
+<p>Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und
+Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die
+atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der
+Erm&uuml;dungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf
+gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und V&ouml;gel, die
+pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen
+m&ouml;gliche Verschiebung des nat&uuml;rlichen Schlaftypus (alle Sorten
+Nachtw&auml;chter einbegriffen), sie alle werden verst&auml;ndlich, wenn wir sie
+betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die
+Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nerv&ouml;ser Bahn
+nur zeitlich verstellt, soweit &uuml;berhaupt noch ein Rhythmus erkennbar
+ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein
+herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz
+nat&uuml;rlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen
+w&auml;re, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt
+sein k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>So ist der Schlaf also die T&auml;tigkeit eines besonderen Organsystemes, der
+Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und
+Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der
+Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der
+Narkotika, gehorcht diese r&auml;tselhafte Funktion so lange, bis schlie&szlig;lich
+die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich
+einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint
+der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen l&auml;&szlig;t, wie unsere
+definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage
+wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier
+wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana f&uuml;r immer. Heute
+versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines St&uuml;ckchen unter die
+Oberfl&auml;che; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die
+kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt
+auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen
+und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir
+Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine
+Sph&auml;re gleichsam fr&uuml;herer Daseinsepochen zur&uuml;ckgezogen, sowohl unseres
+pers&ouml;nlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben
+minus Situationsbewu&szlig;tsein und ohne die F&auml;higkeit, die Umgebung logisch
+mit unserem Geiste zu verkn&uuml;pfen. Das gibt unserer Phantasie die
+M&ouml;glichkeit, uns einen Teil des nur halb bewu&szlig;ten Tierlebens
+vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der
+Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in sp&auml;teren Geschlechtern
+vielleicht zu noch h&ouml;heren, wundervollen Bewu&szlig;tseinsformen weiter
+sprengen werden.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<h3>II.</h3>
+
+
+<p>Wenn es richtig ist, da&szlig; im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres
+Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Au&szlig;enwelt
+greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos,
+schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewu&szlig;tsein der Stellung des Ichs
+in der umgebenden Welt der Realit&auml;ten ist, das aus der Reihe psychischer
+Bewegungen im Schlafe entf&auml;llt, so ist es begreiflich, da&szlig; alle noch in
+der &uuml;brigen Sph&auml;re der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der
+Phantasie ihren Reigen f&uuml;hren m&uuml;ssen. Schon wenn im Wachen jemand die
+Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach
+innen kehrt und sich nicht entschlie&szlig;en kann, Rinnsteine, Laternenpf&auml;hle
+und Mitmenschen f&uuml;r Realit&auml;ten zu halten, wenn Dichter und Denker uns
+begegnen, das Auge f&uuml;r den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze
+Energie gleichsam zum Wachedienst f&uuml;r das ewige Feuer der Vestalin nach
+innen gepre&szlig;t, so sagen wir ja wie Josephs Br&uuml;der: &quot;Seht, da kommt der
+Tr&auml;umer!&quot; Die Seele hat eben zwei gro&szlig;e Orgelregisterz&uuml;ge: &quot;Real&quot; und
+&quot;Ideal&quot;, die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander
+Harmonien geben, so sch&ouml;n sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des
+Daseins f&auml;rben. Wenn die mehr oder minder ausgepr&auml;gte Schnelligkeit der
+Leitungsanschl&uuml;sse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die
+unwillk&uuml;rliche Z&auml;higkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von
+Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register
+&quot;Gem&uuml;t und Phantasie&quot; unser Innenleben noch viel deutlicher von jener
+andern F&auml;higkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen
+Orientierungs- und Anpassungskraft f&uuml;r die Umgebung. Hat doch unstreitig
+die halb unbewu&szlig;te T&auml;tigkeit des K&uuml;nstlers, das Versinken der Welt um
+ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf
+den echten K&uuml;nstler die Realit&auml;ten des Lebens erst recht intensiv
+wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang
+sieht, gleichsam durchgl&uuml;ht von dem Lichte seiner inneren
+Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, d&uuml;nkt ihn ein
+Beweisst&uuml;ck f&uuml;r die Idee einer Sch&ouml;nheit, die durch ihn Gestalt gewann.
+Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert
+lebhaften Kinderaugen betrachtete Best&auml;tigungen seines inneren Traumes.
+Wenn aber auch die von Musen nie gek&uuml;&szlig;te Stirn eines Bankiers im Wachen
+keine anderen Best&auml;tigungen seiner Idee sucht, als da&szlig; gerade seine
+Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht
+ihn dennoch zum Dichter, er l&ouml;st ihn sanft von seinen begehrlichen
+Sinnen, und wenn er nun dennoch tr&auml;umt von Dividenden, Giro und Diskont,
+so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines
+Bangens auf eine B&uuml;hne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist.
+Wie aber ist es &uuml;berhaupt m&ouml;glich, da&szlig; vor unserem Traumesblick ein
+Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch
+die Sinne, die diese Realit&auml;ten &uuml;bermitteln, in Hemmung sind? Nun, die
+Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum w&auml;ren nicht
+denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen s&auml;mtlich auch in umgekehrter
+Richtung schwingen k&ouml;nnten, wie das die Physiologie unwiderleglich
+festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer
+Schwingungsfigur &uuml;bermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem
+Sprachzentrum den konventionellen Begriff &quot;Pferd&quot; ausl&ouml;st, so kann
+umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis
+r&uuml;ckw&auml;rts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir
+&quot;Pferd&quot; zu nennen &uuml;bereingekommen sind, unserer Phantasie in voller
+Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst
+bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realit&auml;t der Umgebung ungest&ouml;rt
+zum Gehirne geleitet werden, so da&szlig; wir schw&ouml;ren k&ouml;nnen, wir sind im
+Bett; wir wachen,&mdash;und dennoch erregt die gest&ouml;rte und verwirkte
+Traummechanik von r&uuml;ckw&auml;rts her erzitternd den Alp, &quot;den Mann da vor
+meinem Bette&quot;, mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen
+halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur tr&uuml;ben und
+erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren
+Wahrnehmungen f&uuml;r wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber
+nat&uuml;rlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder
+immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere
+St&uuml;tze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der
+kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die F&auml;higkeit habe, die
+r&uuml;ckw&auml;rts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der
+Wirklichkeit am Ma&szlig;stab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine
+Logik in den L&uuml;ften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln
+gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die
+Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der
+uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der T&uuml;r und vom Bellen
+des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen
+Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu &ouml;ffnen, die
+Hemmung zu &uuml;berwinden, wodurch wir wach w&uuml;rden, so springt er nach dem
+Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten
+Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewu&szlig;tseins ab, wie eine
+Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen
+Ganglienschicht in andere Empfindungskr&auml;fte umgesetzt (transformiert)
+werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelm&auml;nnchen
+&uuml;ber die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der
+Phantasie. So wird ein Ger&auml;usch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug,
+ja ein &uuml;berf&uuml;llter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in
+irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von
+allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten
+Seelengebiet,&mdash;oft unter phantastischer Vergr&ouml;&szlig;erung der wahrgenommenen
+Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schu&szlig;, das R&uuml;cken eines Stuhles
+zum Donner. Da das Gef&uuml;hl meiner Pers&ouml;nlichkeit, mein &quot;Ich&quot;-Bewu&szlig;tsein
+gar nicht mehr direkt abh&auml;ngt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito,
+ergo sum), sondern bis tief in die unterbewu&szlig;ten Schichten hinabreicht,
+bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch f&uuml;r
+mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so
+ist verst&auml;ndlich, da&szlig; der Pers&ouml;nlichkeitsbegriff mit allen m&ouml;glichen
+halluzinatorischen Traumbildern verkn&uuml;pft werden kann: man f&uuml;hlt sich
+und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt,
+als Leiche aufgebahrt, als K&ouml;nig oder Bettler, als Engel oder Teufel.
+Das doppelte Bewu&szlig;tsein erkl&auml;rt sich leicht aus dieser wechselnden
+Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegem&auml;&szlig;er Seelenerregungen. Man hat
+im Traum durch phantasiegem&auml;&szlig;e Assoziationen vom Ich mit Muskelgef&uuml;hlen
+und dunklen Sehnsuchtsrichtungen F&auml;higkeiten, die uns fliegen lassen,
+schwebend durch den &Auml;ther und die Luft, die uns Probleme spielend l&ouml;sen
+lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein
+Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, l&ouml;st sich die neue Kunst, die
+Probleml&ouml;sung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne
+die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene
+Barriere der Schlafhemmung in die H&ouml;he steigt.</p>
+
+<p>Man kann aber doch die M&ouml;glichkeit nicht ganz bestreiten, da&szlig; manche
+Menschen Verse, L&ouml;sungen von R&auml;tseln, Pl&auml;ne usw. unmittelbar so
+niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben
+glaubten; denn es ist ja keine Frage, da&szlig; der Traum Erinnerungen
+hinterl&auml;&szlig;t, wenn auch die Dichter, die also beginnen: &quot;Mir tr&auml;umte
+einst, ich sei ein gro&szlig;er K&ouml;nig&quot;, gelegentlich wohl ein wenig flunkern.
+&Uuml;brigens ist es wegen der Abschlie&szlig;ung der Gegenwart, die uns zeitlich
+und r&auml;umlich umflutet, charakteristisch, da&szlig; wir den Schauplatz unserer
+Tr&auml;ume so oft in die Vergangenheit verlegen m&uuml;ssen, wenn wir &uuml;berhaupt
+Spuren eines Gef&uuml;hles f&uuml;r Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten;
+wir sehen uns daher fast stets j&uuml;nger, als wir sind, oft direkt als
+Kinder, Angeh&ouml;rige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als Tote
+und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten und
+R&auml;umlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch, ob jemand
+sagen k&ouml;nnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher geographischen Zone
+sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen Raum- und
+Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der
+Gegenwartsempfindung untrennbar geh&ouml;rt. Sich zeitlich oder &ouml;rtlich
+orientieren, hei&szlig;t eben, r&uuml;ckw&auml;rts tasten aus der kontrollierbaren
+Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit oder
+Ferne. Die Phantasie hat es nicht n&ouml;tig, mit Zeit und Raum sich
+abzuqu&auml;len; darum hat sie auch etwas G&ouml;ttliches an sich. Unstreitig
+haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand
+genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen
+anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schl&auml;gt
+uns meistens die erg&auml;nzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen,
+denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende
+Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und
+namentlich bei Traumerz&auml;hlungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine
+K&uuml;nstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Tr&auml;ume werden
+oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch,
+seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfr&auml;ulein
+von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. &Uuml;brigens hat man
+beim Traumerz&auml;hlen auch ein Gef&uuml;hl der heiligen Scheu; man sieht
+Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit
+der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit
+etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne
+au&szlig;er dem inneren Sehverm&ouml;gen betrifft, im Traume ziemlich ger&auml;uschlos
+zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls &uuml;ber
+Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume
+deutlicher, als wir h&ouml;ren, riechen, schmecken, f&uuml;hlen. Ja &quot;die Stimme,
+die da ruft&quot;, ist in lyrischen Gedichtsammlungen h&auml;ufiger als im
+wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen
+phantastischer Gebilde sind h&auml;ufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen
+vieler Tr&auml;ume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Geh&ouml;rs- oder
+Gef&uuml;hlswahrnehmung stattfinden m&uuml;&szlig;te. Sehr viele Tr&auml;ume schlie&szlig;en wie
+das wundervolle Goethesche Balladenfragment &quot;Der untreue Knabe&quot; mit
+einem einfachen &quot;die wend't sich&quot; der verlassenen Geliebten. Sehr oft
+sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt
+gerade m&uuml;&szlig;te der Schmerz eintreten,&mdash;da sind wir schon wach, bebend und
+transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, da&szlig; im Schlafe tats&auml;chlich
+eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der
+Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufz&uuml;ngelt,
+zerrei&szlig;t er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das
+Gef&uuml;hl davon, da&szlig; auch der Phantasie eine Fesselung nach r&uuml;ckw&auml;rts
+geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft
+etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision
+von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal
+betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten,
+wom&ouml;glich vor der Franz&ouml;sischen Akademie, einer feierlichen Versammlung,
+und wir stehen schon mitten auf dem Podium,&mdash;was ist das? Wir k&ouml;nnen ja
+nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten
+Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die
+man von der Sache beh&auml;lt, erblicke ich den st&auml;rksten psychologischen
+Beweis f&uuml;r die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sph&auml;re des
+Situationsbewu&szlig;tseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, da&szlig; im
+erneuten Traume das Bewu&szlig;tsein fr&uuml;herer Traumphantasien, ja
+schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne
+logische Assoziation hat eben ihr Bewu&szlig;tsein f&uuml;r sich. So erkl&auml;rt es
+sich, da&szlig; Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Ged&auml;chtnis gerufen
+werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber
+emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewu&szlig;tsein des Gegenw&auml;rtigen, des
+sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewu&szlig;tseins
+sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere F&auml;higkeit, morgens zu
+einer bestimmten Zeit zu erwachen, geh&ouml;rt zu den verbreitetsten Formen
+eines doppelten Bewu&szlig;tseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den
+Sph&auml;ren unseres Zeitbewu&szlig;tseins langt p&uuml;nktlich zur Sekunde an die
+Einschaltung des Bewu&szlig;tseins: so weit geht die Automatie, der
+Selbstwille unserer Ganglien, da&szlig; sie ohne Zutun des Gesamtbewu&szlig;tseins
+Zeitbegriffe &uuml;bermitteln.</p>
+
+<p>Beim Suchen der n&auml;heren Ursache des Tr&auml;umens finden wir, da&szlig; durchaus
+nicht gerade die Dinge, die den Tag &uuml;ber den st&auml;rksten Eindruck auf uns
+gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so
+verbreitet auch diese Ansicht sein d&uuml;rfte. Denn das, was uns tiefsten
+Schmerz oder h&ouml;chstes Gl&uuml;ck f&uuml;r die Seele gebracht hat, wird nicht
+direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden
+ebensowenig wie Worte oder Lieder Tr&auml;ume. Es kann im Gegenteil ein
+jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen,
+da&szlig; dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage fl&uuml;chtig gestreift
+hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder geh&ouml;rt im
+Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit
+fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Daf&uuml;r gibt es eine
+sehr plausible Erkl&auml;rung. Die tiefgreifenden, ersch&uuml;tternden
+Sensationen, die uns das Schicksal sendet, w&auml;hrend wir wachen, verlangen
+mit starkem psychischem &Auml;quivalent fast augenblicklich einen seelischen
+Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange
+nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust
+im Sturm und r&uuml;ttelt an den S&auml;ulen und Gew&ouml;lben unseres ganzen Wesens.
+Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Gr&uuml;beln vorbereitet, oft
+ungest&uuml;m, wie mit explosiver Gewalt ausgel&ouml;st, gibt den psychischem
+Insult an die Au&szlig;enwelt zur&uuml;ck, oder, wo mit l&auml;hmender Gewalt das
+schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die
+Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgew&uuml;hlter Wellen
+gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze,
+abgerissene Tr&auml;ume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid
+sah. Es ist keine M&ouml;glichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der
+Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken
+und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft
+&uuml;bernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu
+sehr mitten in der Welt der Realit&auml;t, als da&szlig; die Seele unter Hemmung
+der Realit&auml;t im Schlafe sich mit ihm befassen k&ouml;nnte. Mich fragte einst
+ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: &quot;Warum erscheint
+mir Mutter nie im Traum?&quot; Und V&auml;ter, die ihre ganze Hoffnung begruben,
+sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt
+des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer w&uuml;hlende Schmerz
+verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie
+mild von der Natur, da&szlig; nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den
+kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns g&ouml;nnt, bis der Tag zum
+Kampfe mit den Leiden ruft! Der M&ouml;rder tr&auml;umt nicht von seiner Tat; und
+das liegt nicht nur an seiner Gem&uuml;tsroheit, sondern hat allgemein
+psychomechanische Gr&uuml;nde. Was im Brausen des Tages aber an fl&uuml;chtigen
+Eindr&uuml;cken vor&uuml;berschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das
+verf&auml;ngt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des
+Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und l&auml;&szlig;t uns erkennen, wie
+bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur
+weder Klein noch Gro&szlig;, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch f&uuml;r
+unsere Seele, und was das Bewu&szlig;tsein nicht registriert, das ist deshalb
+doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum
+einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des
+Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der
+Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst
+empor und beginnt mit dem Wind n&auml;chtlichen Reigen. Das Traummotiv ist
+wie eine vergessene Goldm&uuml;nze im Portemonnaie des Studenten; so lange es
+gef&uuml;llt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte,
+nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude &uuml;ber ihren
+ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekr&auml;ftigen,
+dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, da&szlig; sie
+&quot;immer&quot;, die &quot;ganze&quot; Nacht, davon tr&auml;umen m&uuml;&szlig;ten, so ist das meist eine
+sentimentale L&uuml;ge: man tr&auml;umt nicht vom Geliebtesten,&mdash;auch nicht davon,
+was uns so &quot;furchtbar nahe&quot; geht. Die Erinnerung als Bild, neben der
+Stra&szlig;e der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas
+Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich.
+Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Ged&auml;chtnis, pl&ouml;tzlich,
+unvermutet, verbl&uuml;ffend ein. So taucht pl&ouml;tzlich beim Kartenspiel unsere
+liebe Gro&szlig;mutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren &quot;roten
+Dendron&quot; begie&szlig;t, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie
+stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die
+gleichen willk&uuml;rlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien
+zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und
+in beiden F&auml;llen sind es Nebenstr&ouml;me, induzierte elektrische Str&ouml;me, wie
+die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen
+gruppierenden Funken springen da &uuml;ber, wo sie den geringsten Widerstand
+finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewu&szlig;t
+gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schl&auml;ft, abh&auml;ngig ist.
+Ich war einst in einer Versammlung von &Auml;rzten, und wir sprachen vom
+Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten
+Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, da&szlig; alle schon
+davon getr&auml;umt haben w&uuml;rden, nur die nicht, die einmal durchgefallen
+seien, und zur gro&szlig;en Verbl&uuml;ffung aller waren zwei, die nie jenen Traum
+gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erkl&auml;rung ist
+einfach. Das vielgequ&auml;lte Primanergehirn erh&auml;lt eine Examensfurche von
+Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der
+Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange
+Spannung. Ist man aber regul&auml;r durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr
+da; die L&ouml;sung war betr&uuml;bend zwar, aber logisch, den psychischen
+Ausgleich hat das Leben selbst &uuml;bernommen. Daraus k&ouml;nnen wir entnehmen,
+da&szlig; erstens psychische Erwartungsspannungen l&auml;nger haften als gehabte
+Freude oder Schmerz und da&szlig; zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung
+hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur
+Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche
+Gem&uuml;tserregungen, wenn &uuml;berhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem
+Eintritt als Traummotive wieder: sie m&uuml;ssen erst abklingen, erst
+untersinken auf den Grund des Bewu&szlig;tseins und gleichen dann eben den
+&uuml;bert&ouml;nten Motiven, &uuml;ber die das t&auml;gliche Leben r&uuml;cksichtslos
+dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obert&ouml;nen
+in der Musik, man h&ouml;rt sie &uuml;ber dem Pianoton deutlicher als im Forte.
+Auch der erw&auml;hnte Examenstraum taucht erst lange nach &uuml;berstandenem
+Examen auf. Sonderbar ist, da&szlig; manche Menschen periodische
+Wiederholungen bestimmter Arten von Tr&auml;umen erleben; sie tr&auml;umen eine
+Zeitlang immer dasselbe. Das h&auml;ngt wohl mit periodischen St&ouml;rungen der
+K&ouml;rperorgane, die n&auml;chtlich gleiche oder &auml;hnliche Stromschwankungen in
+der Seele ausl&ouml;sen, zusammen.</p>
+
+<p>Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in
+der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen
+Geschehens h&auml;lt. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gest&ouml;rtem
+Schlafe leicht auch die unterbewu&szlig;te Spannung im Bestreben, restlose
+&Auml;quivalente zu schaffen, auf das muskul&auml;re Gebiet &uuml;berzuzucken,
+eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewu&szlig;ten
+Muskelt&auml;tigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewisserma&szlig;en
+Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung
+der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sph&auml;re der Phantasie
+Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser
+ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und
+Erregbarkeit des Au&szlig;enweltsinnes eingestellt ist, desto leichter
+verm&ouml;gen auch Funken auf Muskeldr&auml;hte &uuml;berzuspringen. So sehen wir
+Tr&auml;umende l&auml;cheln, ja, wir h&ouml;ren sie lachen; sie weinen, sie st&ouml;hnen,
+sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst
+Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur
+die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf &uuml;ber eine ideelle Wand,
+die senkrecht zur Erdoberfl&auml;che zu stehen scheint. Ganz allgemein aber
+erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich f&uuml;hlbaren Ruck aller,
+namentlich der R&uuml;ckenmuskeln,&mdash;dem Schlu&szlig; irgendeines getr&auml;umten
+Absturzes aus gro&szlig;er H&ouml;he. Ist es nicht sonderbar, da&szlig; dieses
+Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und
+logisch konsequent der nat&uuml;rliche Schlu&szlig; eines bestimmten Traumes ist?
+Die schlagartige Muskelzuckung pa&szlig;t ganz genau in das Traumesereignis.
+Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner
+Meinung nach eine interessante psychische T&auml;uschung vor, die f&uuml;r viele
+Tr&auml;ume charakteristisch sein d&uuml;rfte. In Wirklichkeit liegen n&auml;mlich die
+Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit
+zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewu&szlig;tseinswahrnehmung liegt
+die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich
+vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden
+Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der
+Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische
+Vorgang, der beide ausl&ouml;st. In dem Augenblick, in dem die &Uuml;berladung der
+psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einrei&szlig;t,
+wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der
+Seele zur&uuml;ckgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von
+jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenb&uuml;schel kann &uuml;ber
+den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das
+Wetterleuchten &uuml;ber den Abendhimmel. Wie viel Bilder k&ouml;nnen da entstehen
+in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abst&uuml;rzende
+in den wenigen Sekunden des Falles, w&auml;hrend dessen in einer Art
+hypnotischer L&auml;hmung des Hemmungsapparates alle Dr&auml;hte unbesetzt sind,
+ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu
+denen die Bergkraxelei, diese bewu&szlig;ten Selbstexperimente &uuml;ber Absturz
+und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger
+bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in
+Gletscherspalten bem&uuml;hen. Man kann als sicher annehmen, da&szlig; auf diesem
+Mechanismus des &quot;Traumblitzes&quot; w&auml;hrend der Sekunde des halbbewu&szlig;ten
+Erwachens gut die H&auml;lfte aller Tr&auml;ume beruhe. Ich erinnere mich eines
+langen Sch&uuml;lertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, wei&szlig;gekleidete
+Jungfrauen und wei&szlig;e Thronhimmel eine gro&szlig;e Rolle spielten; und als ich,
+von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abst&uuml;rzte und
+aufwachte, sah ich am Fenster eine Kr&auml;he den dichten Schnee verst&auml;uben.
+Damals hielt ich das f&uuml;r ein merkw&uuml;rdiges Problem&mdash;den Raben, das Wei&szlig;
+im Traum und in der Wirklichkeit&mdash;; jetzt glaube ich zu wissen, da&szlig; die
+Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen
+Schnee und die Kr&auml;he, und beide wurden das Motiv eines Traumm&auml;rchens.</p>
+
+<p>Wird der Au&szlig;enweltreiz, der die zentral verbarrikadierten
+Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die
+Willensimpulse und ihre Muskelanschl&uuml;sse unter &Uuml;berspringen der
+Bewu&szlig;tsein vermittelnden Zonen &uuml;bergeleitet, so entsteht jene
+eigent&uuml;mliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der
+Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und
+lockt und tr&uuml;gt die besonders empf&auml;ngliche Seele des Schl&auml;fers. Der Mond
+suggeriert ihm gewisserma&szlig;en den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die
+Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der
+Umgebung, ist v&ouml;llig &uuml;bersprungen von den betr&uuml;gerischen Mondstrahlen
+und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsf&auml;higkeit das
+Bewu&szlig;tsein f&uuml;r Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen w&auml;hrend des
+Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln
+f&uuml;hlt, das hei&szlig;t: die Orientierung allein dem Muskelgef&uuml;hl &uuml;berl&auml;&szlig;t. In
+gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer &uuml;ber gef&auml;hrdete
+Stellen; aber sie k&ouml;nnen nicht mehr als andere, weder an W&auml;nden
+hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei
+ihnen mit der Orientierung f&uuml;r den Moment auch das Bewu&szlig;tsein der Gefahr
+ausgeschaltet, und es mag schon sein, da&szlig; ein Somnambuler, der im
+Fenster sitzt, angerufen und pl&ouml;tzlich die Situation wahrnehmend, im
+ersten l&auml;hmenden Schreck herabst&uuml;rzt; meist aber kriechen sie mit einem
+charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als sch&auml;mten sie sich, so
+monddumm gewesen zu sein, zur&uuml;ck in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach
+kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die gr&ouml;&szlig;ere Sicherheit der
+unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der
+Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosit&auml;t der
+K&uuml;nstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung
+verwirrt werden. Der produzierende K&uuml;nstler gleicht in etwas den
+Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die
+Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.</p>
+
+<p>Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in
+seiner Selbstbiographie &uuml;ber sein Erwachen aus somnambulischen
+Promenaden, zu denen ihn zeitweilige &Uuml;berarbeitung disponierte, in dem
+Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den
+Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife
+neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein h&uuml;bsches Beispiel daf&uuml;r, da&szlig;
+im unruhigen Schlaf Sinneseindr&uuml;cke geleitet werden k&ouml;nnen, ohne dem
+Bewu&szlig;tsein assoziiert zu werden. Da&szlig; geistige Arbeit aber den Schlaf
+unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie &uuml;berreizt die
+Ganglienaktion gegen&uuml;ber der Hemmung, daher ist bei Nerv&ouml;sen oft kurz
+vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,&mdash;der Ausdruck der
+Entladung des Gehirnes von &uuml;bersch&uuml;ssiger Spannkraft, die die sich
+zusammenziehende Hemmung auspre&szlig;t: ein Analogon zum G&auml;hnen und Strecken
+vor dem Einschlafen. Halten wir die F&auml;higkeit, uns an Tr&auml;ume zu
+erinnern, zusammen mit der Tatsache, da&szlig; im Traum so leicht etwas vor
+dem ungest&ouml;rten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen
+wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung f&uuml;r die Zukunft
+kam. Wir haben ein Gef&uuml;hl daf&uuml;r, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen
+der Phantasiet&auml;tigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften
+Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des
+Erlebten &uuml;bermitteln das Gef&uuml;hl des schon Vergangenen. Wie ja
+perspektivisch unser Auge sich auch gew&ouml;hnt hat, das Kleine fern, das
+Gro&szlig;e nah zu deuten, so verkn&uuml;pfen wir mit dem Gef&uuml;hl leichten,
+ungehinderten Anschlu&szlig;rhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene;
+mit der Empfindung des Anschlu&szlig;widerstandes aber das Problematische,
+Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund,
+warum uns eben vorhandene Situationen &quot;schon einmal dagewesen&quot;
+erscheinen: der durchlebte Moment schlie&szlig;t fr&uuml;here Traumesbilder in
+leichtem, fl&uuml;ssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an,
+und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel
+vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen
+um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugeh&ouml;ren.</p>
+
+<p>Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gef&uuml;hlte Traumbild legt
+uns aber das Gef&uuml;hl einer L&ouml;sung in der Zukunft nahe. So sind wir alle
+mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei f&uuml;r
+m&ouml;glich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen
+Charakter an sich, und wenn die &Auml;hnlichkeit, die der Vergleich eines
+Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur &auml;u&szlig;erlich
+ist, so ist das Unterbewu&szlig;tsein, d.h. die Form des Bewu&szlig;tseins unterhalb
+der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst
+entdecktes Gebiet, als da&szlig; sich hier gewisse wunderbare psychische
+Tatsachen so ganz von der Hand weisen lie&szlig;en. Der Spiritismus und
+Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug,
+Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, da&szlig; aus dem Chaos der
+Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie
+herauskristallisiert hat; m&ouml;glich doch, da&szlig; aus dem Nebel des
+Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen.
+Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung f&uuml;r wunderbare
+Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens f&uuml;r unwert
+halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der
+Kathederdogmatismus w&auml;re doch in arge Verwirrung geraten, wenn die
+X-Strahlenwahrheit <i>R&ouml;ntgens</i> zuerst in spiritistischen H&auml;nden gewesen
+w&auml;re. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder
+Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam
+gewesen sein k&ouml;nnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht
+der Beobachtung zu r&uuml;cken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder
+Zeit die Unbegreiflichkeiten gr&ouml;&szlig;er sein werden als die Summe dessen,
+was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem
+Bannfluch der Verachtung und L&auml;cherlichkeit. Man braucht nicht an das
+Traumb&uuml;chlein f&uuml;r zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und
+kann doch meinen, da&szlig; in der Seele Mechanismen t&auml;tig sind, von denen wir
+vorl&auml;ufig gar nichts aussagen k&ouml;nnen, weil hier vielleicht ganz
+unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht
+der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. K&ouml;nnte man die
+Zahl der nicht erf&uuml;llten Tr&auml;ume mit in Anschlag bringen, so w&uuml;rde
+vielleicht die Zahl der &quot;Erf&uuml;llungen&quot; in ein mit den
+Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verh&auml;ltnis
+zusammenschrumpfen. Beim &quot;Traumeintreffen&quot; wird aber, wie bei allen
+Vorbedeutungen, von der leisesten &Auml;hnlichkeit ein gro&szlig;es Geschrei
+gemacht, w&auml;hrend von den Millionen Tr&auml;umen ohne jede Erf&uuml;llung in der
+Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein
+scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung
+haben f&uuml;r das Problematische und Wunderbare selbst des Allt&auml;glichen; f&uuml;r
+die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollst&auml;ndig die Erkl&auml;rung.</p>
+
+<p>So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die
+Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare
+Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten, wenn sie auch vorl&auml;ufig nur der logischen Hypothese
+und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewu&szlig;t, da&szlig; die von mir
+versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der
+Probleme aufzul&ouml;sen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden
+und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. M&ouml;glich sogar,
+da&szlig; dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zur&uuml;ckf&uuml;hrung
+auf einfachere, erfahrungsgem&auml;&szlig;e Mechanismen durch Analogieschl&uuml;sse, es
+ist sogar denkbar, da&szlig; der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie &uuml;ber
+rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als
+Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch:
+er wei&szlig;, da&szlig; mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht
+erkl&auml;rt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten
+hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt
+umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese
+Feststellung einfachster Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten keinen Abbruch tun. Die
+Sch&ouml;nheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch
+Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten. Wir bestreiten niemand
+das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen
+Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede
+Behandlungsweise zu vertragen.</p>
+
+<p>Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die
+Anerkennung der menschlichen Unzul&auml;nglichkeit gegen&uuml;ber den letzten,
+entscheidenden R&auml;tseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach
+dem Ma&szlig; der Ehrfurcht, deren er f&auml;hig ist, im Angesicht der Erhabenheit
+und der rings vorhandenen Wunder der Welt.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="UNTERBEWUSSTSEIN"></a><h2>UNTERBEWUSSTSEIN</h2>
+<br>
+
+<p>Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine d&auml;mmernde Ahnung von Dingen
+in uns, f&uuml;r die wir noch keinen Namen haben, ein Gef&uuml;hl f&uuml;r
+geheimnisvoll schwebende Schatten, f&uuml;r etwas d&auml;monisch in uns
+Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen k&ouml;nnen! Ein Sammelwort f&uuml;r
+alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht
+Zug&auml;ngliche, f&uuml;r etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!</p>
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+<p>Denn wie sollte mit bewu&szlig;ten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen
+und deuten k&ouml;nnen, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewu&szlig;tseins
+liegt? Woher n&auml;hme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes
+hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen
+Flut im Sonnenglanz?&mdash;Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen
+Vorg&auml;nge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz
+unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: da&szlig; unser
+seelischer Apparat, w&auml;hrend seine Millionen kleinster Spulen, R&auml;der und
+Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein
+Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und
+&uuml;ber sich aussagen kann! K&ouml;nnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt
+werden, w&auml;hrend den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen
+vor uns ausgespannten Schmetterling, so w&auml;re jeder Versuch zur
+Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorg&auml;nge, auch der
+einfachsten, ein vergebliches Bem&uuml;hen, denn ich kann meinem Nachbarn
+nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines
+seelischen Geschehens, und k&ouml;nnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen
+Nervenstr&auml;ngen zu empfinden, so verm&ouml;chte ich nicht das wirre Bild der
+Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele,
+das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender
+Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in
+mich selbst hineinblickend, vermag ich dem fl&uuml;chtigen Spiel der Sinne
+etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzm&auml;&szlig;iges, Rhythmisches
+abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewu&szlig;tsein:
+diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufb&auml;umende
+Macht, die uns schwanken l&auml;&szlig;t auf dem geraden Pfad unseres gewollten
+Wegs, die pl&ouml;tzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer
+Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet
+in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdr&uuml;ckt, wieder und
+wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den
+aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend,
+lauernd, bedr&auml;ngend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos
+r&auml;tselhafter Ziele, unerh&ouml;rter Torheiten, nie gef&uuml;hlter Versuchungen!
+Das ist der sinnlose Drang, hinabzust&uuml;rzen von den hohen Zinnen eines
+Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopf&uuml;ber zu versinken in den
+gr&uuml;nen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren F&uuml;&szlig;en, dieser
+Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung
+und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner sch&ouml;nsten Balladen, &quot;Der
+Fischer&quot;, verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen
+Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen
+gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: &quot;Was habe ich getan!&quot; Die
+Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe
+dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der
+Zeit, nicht zu &uuml;bersehen, da&szlig; es auch einen Selbstvernichtungstrieb
+gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten
+instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die M&uuml;cke ins Licht, was
+den M&ouml;rder gegen die Stelle seiner Tat, was die V&ouml;gel an die
+Leuchtt&uuml;rme, an deren Kuppel die zarten Sch&auml;del zerschellen? Was sind
+die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgel&uuml;ste
+anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung
+mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer
+h&auml;tte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen
+und Nicht-D&uuml;rfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gesp&uuml;rt und
+sich deshalb schon nicht selbst geha&szlig;t und sich gef&uuml;rchtet vor dem
+Anderen, dem feindlich t&uuml;ckischen, zum Untergang lockenden Gesellen in
+uns?</p>
+
+<p>Woher stammt dieses Zweiheitsgef&uuml;hl in unserem einheitlichen Organismus?
+<i>Ich meine, es ist der psychische Gef&uuml;hlsausdruck f&uuml;r eine ganz
+offenbare anatomische und physiologische Tatsache.</i></p>
+
+<p>Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren
+im Prinzip gegens&auml;tzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann
+ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorg&auml;ngen der Ein- und
+Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Best&auml;nde
+nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die
+Assoziationen (Ideenverkn&uuml;pfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so
+m&uuml;&szlig;te in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden
+kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewu&szlig;tseins hin- und
+herrasen&mdash;ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als
+Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium
+ohnm&auml;chtiger Bewu&szlig;tlosigkeit den &Auml;rzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch
+das r&auml;umlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald
+dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf <i>eine</i>
+freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden
+Saftdruck der Blutfl&uuml;ssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und
+R&uuml;ckenmarks, k&ouml;nnen wir zu einem Gef&uuml;hl der intensiven Einstellung der
+Objekte kommen, einem Gef&uuml;hl, welches wir Konzentration unserer Gedanken
+auf einen Punkt, bewu&szlig;te Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich
+schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen
+und handeln, in Wirklichkeit schaffen Au&szlig;enwelt und Innenreize die
+Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgel&ouml;st
+werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gef&uuml;hl, er ist
+nichts als eine Gef&uuml;hlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit,
+objektiv ist das &quot;Au&szlig;er uns&quot; stets bestimmend f&uuml;r das &quot;In uns&quot;, denn
+selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die kontr&auml;re Reaktion auf
+eine Einwirkung ist doch immer von au&szlig;en erzwungen. Der Gedanke gehorcht
+also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem
+durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente
+solche Hemmungsl&uuml;cken, welche den elektroiden Anschlu&szlig; erst erm&ouml;glichen,
+entstehen. Je schw&auml;cher n&auml;mlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto
+leichter findet ein Schlu&szlig; im Sinne der Elektrizit&auml;t statt. Diese
+Hemmung besorgt die den Nervenstrom eind&auml;mmende (isolierende)
+Blutfl&uuml;ssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders f&uuml;r diese Funktion
+eingestellten Apparates, der seinerseits von dem
+entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nervent&auml;tigkeit, dem
+sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde,
+d.h. bef&auml;higt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom
+Automaten) zu antworten verm&ouml;ge innerer Molekularbewegung, da empfing
+sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig
+r&auml;tselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren H&ouml;hen
+organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nerv&ouml;ser Differenzierung in
+der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt
+hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd,
+war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher sp&auml;ter mit seinen
+Ranken alle Blutgef&auml;&szlig;e, alle Organzellen, alle Kan&auml;le umspinnt und
+durchdringt, des Herzens Pulsschlag ausl&ouml;send, die Welle des Blutes
+durch ringf&ouml;rmige Zusammenziehung der &Auml;derchen fortschiebend in
+rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienh&uuml;llen mit
+Hemmungss&auml;ften umsp&uuml;lt, das Durchlassen von elektroiden Funken
+gestattend oder den Kontaktstrom durch Verst&auml;rkung des Hemmungssaftes
+vom Blutadersystem aus absperrend.</p>
+
+<p>Alle Au&szlig;enweltsreize wirken zun&auml;chst auf diesen Herrn des Lebens, von
+dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag
+uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nervent&auml;tigkeit
+sind es allein Ern&auml;hrungs-, bzw. Stoffwechselvorg&auml;nge, welche dem
+Problem der Seelent&auml;tigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration
+zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der
+Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen St&uuml;ckchens Papier,
+das ihn &uuml;berf&uuml;hrt, ohnm&auml;chtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel,
+wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen,
+den er vielleicht liebte, im Affekt erw&uuml;rgt oder erschl&auml;gt? Wo ist der
+Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das
+blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren mu&szlig; (ein r&uuml;hrender Versuch des
+Lebens, das zarteste Wunderorgan zu sch&uuml;tzen)? Das alles sind
+Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorg&auml;nge Analogien finden,
+und deren &Uuml;bermittler, urspr&uuml;nglich der Ahne allen Gef&uuml;hls, von den
+Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe
+aber nicht direkt Nervenstr&ouml;me ein- und ausschalten kann, weil er
+anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so
+ist im Blutgef&auml;&szlig;system des Gehirns und R&uuml;ckenmarks ein &auml;u&szlig;erst labiler,
+saftf&ouml;rmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im
+Anschlu&szlig; an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend,
+wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenst&auml;tigkeiten frei
+macht oder hemmt.</p>
+<br>
+
+<p>Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-wei&szlig;liche Gebilde mit
+der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser
+zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine,
+in welchem noch vor kurzem das zarteste Fl&uuml;gelwesen, Psyche, ihren
+Wohnsitz gehabt haben soll, so &uuml;berkommt uns ein ehrfurchtsvoller
+Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen
+letztes Geheimnis, die Pers&ouml;nlichkeit. Und doch k&uuml;ndet seine tr&auml;ge,
+kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da dr&auml;ngt sich der unabweisbare
+Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchflo&szlig;, war es Seele, tot ist es
+Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem
+Spiel gespenstiger, huschender Fl&uuml;stergeister in seinen Gew&ouml;lben, H&ouml;hlen
+und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele
+war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Fa&szlig;bares, Zust&auml;ndliches,
+Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend
+und unwiederbringlich aufsteigend in die L&uuml;fte, ein Spiel der Kr&auml;fte,
+ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich
+hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerst&uuml;cken oder
+zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns
+in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem
+wir keine Antwort entrei&szlig;en. Das geistige Band f&uuml;r ihre tausend Teile
+ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gef&uuml;hlten
+Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu
+Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das
+Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder R&uuml;ckenmark. Wir
+bezweifeln auch, da&szlig; es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der
+Herdfunktionen einzelner Seelent&auml;tigkeiten an ganz bestimmten Stellen
+des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile
+bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so
+beweist das noch nicht, da&szlig; an den getroffenen Stellen allein die
+spezifische F&auml;higkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist &uuml;berall
+in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn se&szlig;haft. Beispielsweise
+kann die Entfernung der Schilddr&uuml;se mit konstanter Sicherheit den
+Getroffenen seelenlos machen. Andererseits k&ouml;nnen betr&auml;chtliche Mengen
+von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne da&szlig; der Pers&ouml;nlichkeit, dem
+Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen
+Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun
+gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ f&uuml;r den Sitz der gesamten
+seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele,
+und die Pflanzen beweisen, da&szlig; es nerv&ouml;se Funktionen gibt, bei denen es
+seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzusp&uuml;ren. Eins aber ist das
+Gehirn ganz gewi&szlig;: es ist der Tr&auml;ger alles dessen, was wir Bewu&szlig;tsein
+nennen, in seiner W&ouml;lbung hat die ganze Au&szlig;en- und Innenwelt ihre
+symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und au&szlig;er
+uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei
+besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit W&auml;rme wird, so bildet
+es den gro&szlig;en Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen
+Reize in psychische. Hier entspricht jedem k&ouml;rperlichen Dinge sein
+psychisches Korrelat, jedes physische &Auml;quivalent hat auch ein
+psychisches! So ist von der Welt au&szlig;er uns gleichsam in uns ein hin- und
+herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine
+Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht
+ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt
+an, da&szlig; sich diese F&auml;higkeit, die Welt in uns in einem Symbole
+aufleuchten zu lassen, erst allm&auml;hlich entwickelt hat und immer noch in
+Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen
+Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandk&ouml;rnchen
+zusammenzuziehen, lernen m&uuml;ssen, sich zu bewegen, in besonders dazu
+entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen
+neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu h&ouml;ren, sich zu
+orientieren in der Umgebung usw. Was fr&uuml;her den alleinigen Inhalt des
+Bewu&szlig;tseins ausmachte, wird dann sp&auml;ter immer automatisch, unbewu&szlig;t, und
+die h&ouml;chsten Staffeln des Bewu&szlig;tseins sind danach jedesmal auf dem Wege
+zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die urspr&uuml;nglich tastenden,
+gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal j&uuml;ngsten
+Keime des Gehirns sind allm&auml;hlich als fixierte, unverr&uuml;ckbare, nur von
+den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile F&auml;higkeiten dem Bestand des
+Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer ger&uuml;ckt, unbewu&szlig;t,
+instinktiv, erhaltungsgem&auml;&szlig;, unab&auml;nderlich eingestellt, und der Kreis
+des Bewu&szlig;tseins ist jedesmal diejenige Sph&auml;re unseres
+Orientierungsverm&ouml;gens gewesen, welche zugleich auch die
+entwicklungsgeschichtlich j&uuml;ngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.</p>
+
+<p>So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gef&uuml;hls
+des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerkl&uuml;fteten, Zusammengesetzten in
+unserer Seele.</p>
+
+<p>Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorg&auml;nge,
+hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsf&auml;hige,
+ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung
+wechselnde T&auml;tigkeit, die eng verkn&uuml;pft ist mit der sogenannten bewu&szlig;ten
+Willenssph&auml;re, und zweitens eine festgef&uuml;gte, nicht mehr wechselnd in
+willk&uuml;rlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete,
+definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also
+&uuml;berkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes
+peripheres Nervensystem, der nach au&szlig;en gest&uuml;lpte Teil des Gehirns,
+f&auml;hig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur
+Ortsver&auml;nderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, da&szlig; wir
+vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nerv&ouml;sen Ausbreitungen im
+Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden
+Einzelzellen)&mdash;als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil
+bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.</p>
+
+<p><i>Bewu&szlig;tsein nenne ich somit den Gef&uuml;hlskomplex, welchen die Summe aller
+Au&szlig;en- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nerv&ouml;sen Registrier- und
+Orientierungsapparate aus&uuml;bt.</i> Wie es kommt, da&szlig; ein Au&szlig;en- oder
+Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gef&uuml;hl ausl&ouml;st, bzw. sich
+in Gef&uuml;hl transformiert&mdash;diese Frage enth&auml;lt freilich das letzte,
+vielleicht unl&ouml;sbare Mysterium der Seele. Wir m&uuml;ssen uns damit begn&uuml;gen,
+es als Tatsache hinzunehmen, da&szlig; bei der Ber&uuml;hrung das Eis kalt und das
+Feuer hei&szlig; ist. Gef&uuml;hl ist eben die F&auml;higkeit, zu differenzieren,
+Unterschiede von der allergr&ouml;&szlig;ten Feinheit zu registrieren. Unsere
+gegenseitige Verst&auml;ndigung wird nur durch die Konvention der Sprache,
+durch immer gleiche Symbolverwendung f&uuml;r gleiche Empfindungen
+gewohnheits- und nachahmungsgem&auml;&szlig; erm&ouml;glicht. Wir setzen also das
+Lautsymbol f&uuml;r ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch
+mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten.
+So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgem&auml;&szlig; mit einem
+Symbol registrieren k&ouml;nnen: <i>bewu&szlig;t</i>. Das Bewu&szlig;tsein ist darum in
+demjenigen Teile unserer Nervent&auml;tigkeit enthalten, der sich in
+dauerndem Kontrollzustand gegen&uuml;ber allen das Nervensystem treffenden
+Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, m&ouml;gen sie
+von au&szlig;en oder innen stammen, l&ouml;st in uns ein Allgemeingef&uuml;hl der
+Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nerv&ouml;sen
+Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmef&auml;higkeit
+gegen&uuml;ber allen Strahlungen, in welche unser Ich ger&auml;t, nennen wir
+gewohnheitsgem&auml;&szlig; <i>Bewu&szlig;tsein</i>, nicht anders als wie wir den blauen
+Lichtreflex &uuml;ber uns Himmelsgew&ouml;lbe, den Rand unseres Sehkreises
+Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und
+ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden
+Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kr&auml;fte den Strom
+der Seele um die Widerst&auml;nde dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um
+seine Felsenwiderst&auml;nde windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern
+aufspr&uuml;hend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben
+sich: Reize, die von au&szlig;erhalb, und Reize, die von innerhalb des
+Organismus stammen.</p>
+
+<p>Es stehen sich also in unserer Seele zwei gro&szlig;e Gebiete verschiedener
+Nervenaktionen gegen&uuml;ber: die eine, welche in v&ouml;lliger Automatie ohne
+unsern bewu&szlig;ten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen
+atmen, die D&auml;rme sich bewegen, die Dr&uuml;sen arbeiten, die Saftstr&ouml;me
+flie&szlig;en und den intimen Stoffwechsel an ungez&auml;hlten Arbeitsstellen sich
+vollziehen hei&szlig;t, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend,
+orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die
+eine in definitiv gehemmten, ein f&uuml;r allemal regulierten Bahnen ohne
+Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich
+vergreifend, irrend, tastend, das Gef&uuml;hl des Gewollten und Bewu&szlig;ten
+ausl&ouml;send. <i>Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung
+entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres
+dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewu&szlig;t.</i></p>
+<br>
+
+<p>Was wohl f&uuml;r Tr&auml;ume kommen m&ouml;gen&mdash;aus diesen dunklen W&auml;ldern, Schluchten
+und H&ouml;hlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die
+Bildung ihrer typischen Formation unz&auml;hligen Geschlechtern, einer
+endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammv&auml;tern und Keimgebilden
+verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die
+Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie
+auch zugeben sollte, da&szlig; durch dieses Jahrmillionen alte Weben und
+Werden des Lebens ihm nichts von seiner &Uuml;bersinnlichkeit und
+Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen,
+die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und
+sterben mu&szlig;ten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine
+instinktiven F&auml;higkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf
+mich und mein Keimplasma ausm&uuml;ndender Vor&uuml;bungen und Vorbildungen waren,
+so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles
+dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns
+geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal j&uuml;ngsten Sprossen an
+einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus
+der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am
+Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus
+fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner,
+fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es
+grade unser S&auml;kulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit
+r&auml;tselhaftem Gef&uuml;hl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verh&auml;ngnisses!
+Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Sch&auml;dels,
+meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in
+meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein
+so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht
+bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht
+sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die
+&Auml;hnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso gro&szlig;en Gehalt an
+funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung
+in sich verbergen. Werden doch Menschen &auml;hnlich im Gesichtsausdruck, die
+lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur
+funktionell entstanden sein!</p>
+
+<p>So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den
+festen Knollen, Str&auml;ngen und H&uuml;geln auf der Tiefe des Gehirns, in der
+Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende
+Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden
+h&uuml;llenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester,
+wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und w&auml;hrend
+der Griffel des Anatomen sich vergeblich m&uuml;ht, die Rinde mit ihrem,
+einem System aneinandergepre&szlig;ter Schl&auml;uche mit Furchen und Windungen
+vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die
+Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgef&uuml;gte Architektur zu
+finden. Das entspricht dem Gewordenen, unab&auml;nderlichen &Uuml;berkommenen der
+hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regul&auml;ren
+Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen F&auml;higkeiten. Und nun
+ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die
+geheimnisvolle Zeichnung der Hemisph&auml;ren des Gehirns gegen&uuml;ber den
+geformten W&uuml;lsten der Basis! Dort ein weichlicher, wei&szlig;lich-grauer Brei
+ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und
+Gebilde, die bestimmte, bisweilen obsz&ouml;ne Vergleichungen mit allen
+m&ouml;glichen, pr&auml;zisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der
+W&ouml;lbung der Kuppe waltet Willk&uuml;r, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach
+Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gef&uuml;gt das
+Unab&auml;nderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den
+anatomischen Ausdruck f&uuml;r das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele!
+Ein Teil, der des bewu&szlig;ten Seins, strebt vorw&auml;rts, k&uuml;hn bis zur
+Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerh&ouml;rten, der genialen Assoziation
+entgegen, und ein anderer konservativer Teil rei&szlig;t uns stets zur&uuml;ck in
+die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns
+steckt ein Neuerer und ein Reaktion&auml;r, beide miteinander oft in w&uuml;tendem
+Kampf. Hier rei&szlig;t das Genie sich los von seiner Neugeburt nie
+dagewesener Assoziationen, denen ganz gewi&szlig; neue Hirnsprossen in der
+typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden
+Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und st&uuml;rmt
+dahin ohne R&uuml;cksicht auf den Bestand des &Uuml;berlieferten; ihn k&uuml;mmert
+nicht das Fundament, mit F&uuml;&szlig;en tritt er seine vitalsten Eigeninteressen
+danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte
+Kraft seines wohlgegr&uuml;ndeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft
+gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Bet&auml;ubung.
+Der Bauer in ihnen lockt mit der M&ouml;glichkeit, auch einmal k&uuml;nstlich ein
+Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenf&uuml;lle zu
+entrinnen, wenn auch nur f&uuml;r kurze Zeit. Das Behagen, mit s&uuml;&szlig;em Gift die
+vorw&auml;rts dr&auml;ngenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu
+oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender
+Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in
+seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene
+Faust, losgel&ouml;st aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph
+des aufw&auml;rts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine
+krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen
+die Herrschaft &uuml;ber den Bestand des geistigen Erbes von Generationen
+erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist
+wirklich die Pers&ouml;nlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und
+Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie w&uuml;nschen
+mu&szlig;&mdash;das ist der kr&auml;ftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder,
+meinethalb direkt b&auml;uerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine
+lebenerhaltende Faust d&auml;mpfend und m&auml;&szlig;igend auf die zarten, jungen
+Triebe neuer, nie geahnter Gedanken&uuml;bermittler legt, damit sie ruhig
+gedeihen und bl&uuml;hen und eine ganze Menschheit begl&uuml;cken! Wie konnte man
+je daran denken, Genie und Wahnsinn Br&uuml;der zu nennen! wie jemals das
+erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch
+die alle Nachkommenden hindurch m&uuml;ssen, wie durch ein neues Kanaan, das
+ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung,
+welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der
+Lebensunf&auml;higkeit in sich tr&auml;gt! Nur, weil das unterbewu&szlig;te System auch
+im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim
+Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.</p>
+
+<p>Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig f&uuml;r den
+Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis f&uuml;r alle
+Scheinneuerungen und genialen Irrt&uuml;mer. Nicht umsonst war der Philister
+einem <i>Nietzsche</i> so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten
+das einfache Verh&auml;ltnis bewu&szlig;ter und unterbewu&szlig;ter Seelenfunktionen. Am
+dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide
+Systeme einander zu beeinflussen verm&ouml;gen. In ihren Funktionen
+gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine M&ouml;glichkeit
+einer unvorhergesehenen, pl&ouml;tzlichen Entladung von einem Gebiet in das
+andere, k&ouml;nnen beide Systeme getrennt ungest&ouml;rt ihren Dienst tun, bis
+die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, da&szlig;
+gerade St&ouml;rungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des
+unterbewu&szlig;ten Gangliensystems Beziehungen haben zu pl&ouml;tzlichen,
+reflex&auml;hnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, da&szlig; erbliche
+Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schw&auml;che der
+eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen
+Ganglienapparate haben kann, dergestalt, da&szlig; Kurzschl&uuml;sse elektroider
+Spannungen hier pl&ouml;tzliches &Uuml;berf&uuml;llen von fern liegenden
+Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an
+Reizen dem Gehirn &uuml;bermittelt wird, direkt das System der bew&uuml;&szlig;ten
+Denksph&auml;re. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen
+nicht immer von bewu&szlig;ten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob
+manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten
+Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewu&szlig;tseinsschwelle
+abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen
+Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst sp&auml;ter bewu&szlig;ten
+Handlung werden. Daf&uuml;r einige Beispiele.</p>
+
+<p>Ich stand an der Ausgangst&uuml;r einer elektrischen Bahn, die n&auml;chste
+Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf
+dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschb&auml;ume,
+W&auml;lder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel&mdash;wie lebhaft ich ihn
+vor mir sah. Da drehe ich mich von ungef&auml;hr in das Wageninnere, das ich
+soeben passiert habe, zur&uuml;ck. Wahrhaftig, welche &Auml;hnlichkeit&mdash;der gute,
+alte Onkel&mdash;da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist
+gewi&szlig;, da&szlig; seine Z&uuml;ge, im Unterbewu&szlig;tsein, als ich durch den Wagen ging,
+abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.</p>
+
+<p>Ich gehe eine ziemlich lange Stra&szlig;e hinauf. Mir kommt ein befreundeter
+Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht
+er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewi&szlig; vorher schon unterbewu&szlig;t gesehen.
+(Ich glaube, bei &auml;hnlichen Gelegenheiten wird oft ein &quot;um die Ecke
+kommen&quot; hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)</p>
+
+<p>Solche Vorkommnisse beweisen direkt, da&szlig; es ein Filtriersystem f&uuml;r
+Wahrnehmungen, vielleicht in den gro&szlig;en Hirnknollen, gibt, welches
+verhindert, da&szlig; alle Beobachtungen bewu&szlig;t werden. Wenn man sich genau
+kontrolliert, k&ouml;nnen Farben, Formen, Ger&uuml;che usw. ganze Gedankenketten
+ausl&ouml;sen, ohne da&szlig; man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst
+macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag
+ferner tats&auml;chlich pl&ouml;tzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen
+unterbewu&szlig;ten Assoziationen beruhen, wie oft m&ouml;gen schnelle Entschl&uuml;sse
+solchen unterbewu&szlig;ten Einfl&uuml;ssen ihren Ansto&szlig; verdanken! Auffallend ist,
+wie selten unsere entscheidenden Entschl&uuml;sse direkt logischer Analyse
+entsprechen: &quot;es war mir so&quot;, &quot;es lag mir so&quot;, &quot;ein gewisses etwas gab
+den Ausschlag&quot; usw. Wenn alles auf alles wirkt&mdash;und nach dem Gesetz von
+der Erhaltung der Kraft mu&szlig; es ja wohl so sein&mdash;so kann sehr wohl das
+meiste unserer Willensaktion unterbewu&szlig;t ausgel&ouml;st werden. Wie viel mehr
+nun aber bei pathologischen, gewisserma&szlig;en schadhaften Einbettungen und
+Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme.
+Der triebhafte Verbrecher mag bei allen m&ouml;glichen Innenreizen stets dem
+Zwange eines pl&ouml;tzlich ihn &uuml;berrumpelnden Affektes erliegen
+(Kleptomanie). Str&ouml;me, welche normalerweise sonst im Sinne der
+koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die
+Aktionszentren und l&ouml;sen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial
+sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende
+Bewu&szlig;tsein nicht zur&uuml;ckged&auml;mmt werden. Da auch bei den Epileptikern die
+Hemmungsfortf&auml;lle die Ursachen der Kr&auml;mpfe sind, kann es nicht wunder
+nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Ber&uuml;hrungspunkte haben.</p>
+
+<p>Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden
+Anfall durch Abblendung seines Bewu&szlig;tseins geradezu in eine
+entwicklungsgeschichtlich fr&uuml;here Daseinsperiode zur&uuml;ckgeworfen wird, in
+welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim
+Raubtier, herrschten, so da&szlig; die schauerliche Bestialit&auml;t mancher
+Verbrechen allein durch diesen R&uuml;ckschlag in seelische Gebiete, die
+einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erkl&auml;rbar wird. Der Somnambule
+und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung
+des Bewu&szlig;tseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie
+herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein D&auml;mpfer &uuml;ber dem Bewu&szlig;tsein,
+so da&szlig; Raum und Zeit und ihre kausale Verkn&uuml;pfung doch wie aus
+Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sph&auml;re
+wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns),
+so da&szlig; ein Tr&auml;umender daherwandelt, friedlich im schl&uuml;rfenden Gange
+seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher
+tritt aber die Abblendung des Bewu&szlig;tseins pl&ouml;tzlich ihn selbst
+&uuml;berrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden
+Bewu&szlig;tseinsst&ouml;rung auf, und zwar bis in die Region der zur&uuml;ckgelegensten
+Instinkte, so da&szlig; jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen
+resultieren.</p>
+
+<p>Dem widerspricht nicht, da&szlig; solche Verbrechen lange vorbereitet, oft
+versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausf&uuml;hrung kam. Der in seinen
+Hemmungen eben defekte, unterbewu&szlig;te Apparat lockt durch aufleuchtenden
+Kurzschlu&szlig; in die bewu&szlig;te Sph&auml;re &uuml;bergreifender Entladungen den
+Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gel&uuml;ste.
+Es sind ja haupts&auml;chlich die beiden Systeme der Ern&auml;hrung und der
+Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer
+unterbewu&szlig;ten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in
+krankhaftem Anschlu&szlig; regellos einbrechen in die Willenssph&auml;re. W&auml;hrend
+der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch st&auml;ndige
+Bewu&szlig;tseinskontrolle ihren d&auml;mmenden Wall sichert, bricht die ganze
+Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdr&uuml;ckter Gel&uuml;ste
+pl&ouml;tzlich wie eine rei&szlig;ende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie
+beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet
+begleitet ist von der Bewu&szlig;tlosigkeit, d.h. von der Unf&auml;higkeit, sich in
+Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher &quot;im Anfall&quot; auch
+nicht f&auml;hig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht
+ihr oft ebenso hilflos gegen&uuml;ber, wie der nach Motiven suchende
+Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den
+Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat n&auml;her zu
+begreifen, sie sinnen selbst nach Aufkl&auml;rung und hoffen vom Orte, an dem
+das F&uuml;rchterliche geschah, irgend ein erl&ouml;sendes Verst&auml;ndnis. Das ist
+der Magnetismus des Entsetzlichen, den &uuml;brigens auch geistig Gesunde
+andeutungsweise sehr wohl versp&uuml;ren. Das Grauen vor einer entsetzlichen
+Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier aus&uuml;bt, lassen
+sich wohl nur erkl&auml;ren durch eine T&auml;tigkeit der Phantasie, welche im
+geheimen sich selbst als den Ver&uuml;ber der Tat unwillk&uuml;rlich setzt und
+damit jene Sph&auml;ren des Unterbewu&szlig;tseins in leises Erzittern bringt,
+welches Disponierten schon so oft gef&auml;hrlich geworden ist. Das ist die
+Gefahr der Berichte &uuml;ber Straftaten und der oft gewi&szlig; verderbliche
+Einflu&szlig; schlechter Kriminallekt&uuml;re auf nicht v&ouml;llig taktfeste Instinkte,
+da&szlig; sie oft das labile Gleichgewicht gest&ouml;rter und nicht ganz
+schlu&szlig;f&auml;higer Hemmungen des unterbewu&szlig;ten Systems ins Wanken und
+Erzittern bringen.</p>
+
+<p>Pathologische, durch Hemmungsdefekte &uuml;bermittelte Anschl&uuml;sse aus dem
+Gebiet der automatischen Instinkte in die Sph&auml;re bewu&szlig;ter Aktionen
+scheinen die einzige befriedigende Erkl&auml;rungsformel f&uuml;r das dunkle
+Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der
+Trieb auf die Vernichtung oder Besch&auml;digung des anderen zu gehen, diese
+Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Besch&auml;digung der
+eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier
+zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversit&auml;ten
+der Nahrungsaufnahme und der Erf&uuml;llung sexueller Funktionen. Aber auch
+alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fl&auml;che, schauerliche Tiefe,
+der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische,
+bewu&szlig;tseintr&uuml;bende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre
+d&auml;monische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick
+der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der
+Gefahr gegen&uuml;ber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz
+hypnotisieren ja nicht nur Motten und M&uuml;cken, sondern auch den Homo
+sapiens.</p>
+<br>
+
+<p>Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht &uuml;ber die Seele gegeben. Ganz
+allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu
+unseren Trieben, Neigungen und direkt bewu&szlig;ten Handlungen. Unter der
+inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung
+des Nervus sympathicus geleistete S&auml;ftebildung in verschiedenen
+Organsystemen, welchen s&auml;mtlich spezifische Funktionen zufallen: so
+dienen Galle und Magens&auml;fte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind
+also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere
+zielen auf die Vorg&auml;nge der Neubildung eines Individuums ab, und
+drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft f&uuml;r die
+Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von
+allergr&ouml;&szlig;ter Wichtigkeit sind. Die Schilddr&uuml;se und ihr Sekret haben
+bekanntlich einen gro&szlig;en Einflu&szlig; auf den Zustand des Gem&uuml;tes. Ein
+erh&ouml;hter Zuschu&szlig; ihrer Produkte ins Blut&mdash;und eine gro&szlig;e Erregbarkeit,
+Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem
+Bilde der Basedowschen Krankheit), w&auml;hrend andererseits ein Zuwenig der
+Beimischung eines f&uuml;r die Hirnfunktion unbedingt n&ouml;tigen Saftes der
+Dr&uuml;se, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach
+sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des
+Sympathicus bei diesen Funktionen, sind &uuml;brigens nur zu erkl&auml;ren mit
+Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als
+Hemmungsregulator. &Auml;hnlich wie bei der Schilddr&uuml;se, m&uuml;ssen wir auch f&uuml;r
+alle anderen inneren Sekretionen annehmen, da&szlig; ihre Produkte zum Teil
+f&uuml;r die Konstitution der Gesamtk&ouml;rpers&auml;fte von allergr&ouml;&szlig;ter Wichtigkeit
+sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen
+Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuh&auml;ufige
+Folge. S&auml;ftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des
+Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem
+Zusammenhang. Es ist keine Frage, da&szlig; ein gro&szlig;er Teil zun&auml;chst dunkler
+und unklarer Impulse, welche wir im Bewu&szlig;tsein erhalten, Meldungen aus
+diesen unterbewu&szlig;ten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen,
+wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden gro&szlig;en Richtungen der
+Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher
+hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewu&szlig;tseinssph&auml;re
+umdunkelt, verh&uuml;llt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines
+Edelsteins, eines Goldst&uuml;ckes, wie &uuml;berhaupt die Hypnose die
+reflexartige Abblendung des Bewu&szlig;tseins darstellt, und zwar von der
+Umgebung her, so k&ouml;nnen auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung
+des Bewu&szlig;tseins f&uuml;hren. Ebenso wie etwas von au&szlig;en suggeriert werden
+kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine
+Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige &Uuml;berspannung eines
+&uuml;berladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem
+Unterbewu&szlig;tsein her die ganze geistige Sph&auml;re sexuell f&auml;rben, so da&szlig; der
+Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und
+jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile,
+nicht fest einged&auml;mmte Hemmungsverh&auml;ltnisse im Unterbewu&szlig;ten bestehen:
+es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. &Auml;hnlich kann auch
+bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschl&uuml;sse und Reflexe
+ausgel&ouml;st werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie
+haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer Theorie
+besch&auml;digt werden und damit die Beziehungen zwischen Bewu&szlig;t und
+Unterbewu&szlig;t sich verschieben. Auch in diesen F&auml;llen
+neurasthenisch-hysterischer Bewu&szlig;tseinsbeeinflussungen spielt eine
+Blendung des realen Erkennens, der Gegenw&auml;rtigkeit der Seele und ihrer
+Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen
+Menschen ist ein Gef&uuml;hl der Andersartung, des Deplacements eigen,
+gleichsam als geh&ouml;rten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und
+k&ouml;nnten sich nie hineinfinden in die Bed&uuml;rfnisse ihrer Zeit. Es ist gar
+nicht so selten, da&szlig; schwere Hysterie zur v&ouml;lligen Teilung des
+Pers&ouml;nlichkeitsgef&uuml;hls f&uuml;hrt und da&szlig; dieser unertr&auml;gliche Zustand, dem
+ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir
+erscheint der so h&auml;ufige Selbstmord bei gedoppelter Pers&ouml;nlichkeit stets
+wie die Erf&uuml;llung einer Sehnsucht in eine fr&uuml;here Gemeinschaft
+Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf fr&uuml;here Entwicklungsstufen
+zur&uuml;ck. Viele Menschen mit nicht vorw&auml;rts strebendem Intellekt haben oft
+das Gef&uuml;hl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam r&uuml;ckw&auml;rts
+tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben
+in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die
+Testamente der Vergangenheit, sie sind Repr&auml;sentanten funktioneller
+R&uuml;ckschl&auml;ge (Atavismen) in fr&uuml;here Entwicklungsstufen. Bei dieser
+Sachlage ist es nur ein Gl&uuml;ck, da&szlig; nicht nur die S&uuml;nden, sondern auch
+die Tugenden unserer V&auml;ter in unser drittes und viertes Glied
+hineinfluten.</p>
+<br>
+
+<p>Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns
+aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der
+Hemmungslehre auch diesen gewi&szlig; gleichfalls unterbewu&szlig;ten Vorgang einer
+inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den d&auml;monischen Gewalten
+mit unheimlichem, zerst&ouml;rendem Charakter entgegen zu stellen. Ich mu&szlig;
+mich hier mit Andeutungen begn&uuml;gen, weil eine eingehendere Behandlung
+der unterbewu&szlig;ten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die
+vollst&auml;ndige Analyse der Ethik &uuml;berhaupt erforderte. Obwohl nun gerade
+aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf
+physiologischer Basis unschwer entwickeln l&auml;&szlig;t, so mu&szlig; ich doch hier
+darauf verzichten und kann f&uuml;r die Frage nach unserem Gewissen, nach der
+Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich
+schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam
+machen, da&szlig; das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas
+Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal
+funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven
+Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit
+vorbildlich Beziehendes und besonders lebensf&auml;hig sich Erweisendes an
+sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den
+egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Pers&ouml;nlichkeit
+Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, da&szlig; unsere
+arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande
+f&ouml;rderlichen Triebe in Konflikt geraten k&ouml;nnen mit den egoistischen
+Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig
+exzessive Inanspruchnahme bewu&szlig;ter Willenshandlungen aus egoistischem
+Zwecke die unterbewu&szlig;te Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten,
+schon &uuml;berkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensf&auml;hig erwiesenen
+Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist
+wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu
+repr&auml;sentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der
+Richtungslinie der naturgem&auml;&szlig;en Fortentwicklung befand. Von Milliarden
+Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu l&ouml;sen, wird nur das Beste
+eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste L&ouml;sung vorbildlich
+und dauernd jedem neuen Spro&szlig; des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns
+jetzt als Problem besch&auml;ftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach
+vielen Millionen von unzul&auml;nglichen Versuchen zur definitiven L&ouml;sung
+gef&uuml;hrt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes
+sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob
+der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden
+mu&szlig;, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem
+Wege der Instinkte gel&ouml;st sind. So ist unser Bewu&szlig;tsein stets auf dem
+Wege der Neubildung und Umbildung von willk&uuml;rlichen Handlungen zu
+Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen
+Hirnschichten war die jedesmal j&uuml;ngste willk&uuml;rlich und lie&szlig; hinter sich
+den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann
+nicht mehr abge&auml;ndert werden, ohne den ganzen Bau zu gef&auml;hrden. Darum,
+wo der bewu&szlig;t wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische
+Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen
+des Lebens solche heraufbeschw&ouml;ren) eindringt mit Umbildungstendenzen in
+die Automatie der unterbewu&szlig;ten Funktionen, da entsteht eine
+Ersch&uuml;tterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins
+Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das
+Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles
+Gewesenen verschwunden sind, f&uuml;hlen wir &auml;hnlich dem physischen Schmerz
+bei St&ouml;rung des organischen Gef&uuml;ges der Nervenenden als eine Mahnung,
+als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann d&uuml;rften
+wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen
+entsprechen, die der Hemmung im Unterbewu&szlig;ten geschlagene L&uuml;cke durch
+neue heilende Gewebssprossen zu verschlie&szlig;en, und je mehr ein fester,
+freier, ehrlicher Entschlu&szlig; im Bewu&szlig;tsein die Str&ouml;me und Zuckungen von
+defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichm&auml;&szlig;iger kann der
+Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich,
+da&szlig; hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der L&auml;uterung nicht
+ausbleibt, selbst wenn es dem Bewu&szlig;tsein klar ist, da&szlig; die Reue, etwa
+ein mannhaftes Gest&auml;ndnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich
+zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, da&szlig;
+es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Bl&uuml;ten, sondern da&szlig;
+&uuml;ber der einen Pers&ouml;nlichkeit die rein erhaltene Art siegend
+hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewu&szlig;te, der fertig
+erworbene Besitz, an dem die Natur nicht r&uuml;tteln l&auml;&szlig;t, und dessen
+Erhaltung ihr &uuml;ber den Wert auch der erhabensten Pers&ouml;nlichkeit geht.
+Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt
+es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und
+durchaus lebensf&auml;hig durchgef&uuml;hrt werden soll zu H&ouml;hen, die,
+unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als M&ouml;glichkeit beigegeben
+wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung
+der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der
+Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen m&uuml;ssen. Daher die
+schier unbegreiflich d&uuml;nkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und
+die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt
+zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in
+der Liebe und dem Ha&szlig;, den beiden tyrannischen Herren des Lebens?</p>
+<br>
+
+<p>Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, da&szlig; der Intellekt mit
+seinem absichtlichen Wahlverm&ouml;gen ganz und gar gegen&uuml;ber der Masse der
+gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekund&auml;re Rolle spielt,
+wie er &uuml;berhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer
+unterbewu&szlig;ten Konstitution herabsinkt &uuml;berall da, wo es sich um
+Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung,
+vorgefa&szlig;te Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorg&auml;nge,
+die vor dem Urteil liegen: <i>Vor</i>urteile! Der absolut gescheiteste und
+gebildetste Mensch m&uuml;&szlig;te genau genommen f&uuml;r jede logische Angelegenheit
+genau so viel Gr&uuml;nde wie dagegen beibringen k&ouml;nnen, und ehrliche Leute
+gestehen f&uuml;r die meisten Veranlassungen zu, da&szlig; es durchaus nicht immer
+Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich f&uuml;r oder gegen eine
+Ma&szlig;nahme entscheiden. Gegen&uuml;ber den sicheren, verl&auml;&szlig;lichen Funktionen
+des Unterbewu&szlig;ten ist eben der Verstand ein St&uuml;mper, tastend, immer im
+Versuchsstadium, nachgiebig und immer &uuml;bert&ouml;lpelbar. Selbst der
+Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des
+Bewu&szlig;tseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und
+Intelligenzmangel. Ist so bei gew&ouml;hnlichen Emotionen schon der Intellekt
+fesselbar durch die Jongleurkunstst&uuml;cke des Wortschwalles und der
+&uuml;berrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die
+vitalsten Spannungen von innen her ihn &uuml;berrennen und verwirren.
+Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum
+Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten
+Liebesverh&auml;ltnis nicht stets etwas f&uuml;r die Unbeteiligten Unbegreifbares,
+warum gerade diese zwei Menschen der verh&auml;ngnisgleichen Fesselung der
+Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares
+M&uuml;ssen empfinden? Wahllos f&uuml;hlen gerade diese beiden die verschmelzende
+Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft l&auml;nger
+gesch&uuml;rt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam
+erreichbaren, h&ouml;heren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der
+Natur, zur Erf&uuml;llung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen
+Seele, zur Hingabe eines neuen Bl&uuml;tensprossen vom eigenen Stamm. Wer
+Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf.
+Hier vor allem, beim Durchgl&uuml;htwerden der Seele in wahllosem Verlangen,
+zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewu&szlig;tseins in
+vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer
+Anschauung f&uuml;r Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit
+unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so da&szlig; geheiligte Wesen
+aus den Erk&uuml;rten werden, da&szlig; sich unscheinbare, leblose Gegenst&auml;nde der
+Erinnerung, wie Taschent&uuml;cher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem
+Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das
+alles ohne jedes Zutun des Bewu&szlig;ten, ja oft direkt gegen jede Vernunft,
+Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, da&szlig; die Wahl der Entflammten
+rein nach dunkel gef&uuml;hlten, der Bewu&szlig;tseinskontrolle ganz entzogenen,
+innerlichen Erg&auml;nzungsgesetzen sich vollzieht, und da&szlig; die
+Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so h&auml;ufig begegnet, oft erst durch
+den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachtr&auml;glich
+sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewu&szlig;ten Kalkulatoren
+unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets
+&uuml;berhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was f&uuml;r
+Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien n&ouml;tig sind, um einen
+m&ouml;glichst leistungsf&auml;higen Repr&auml;sentanten der Art aufkeimen zu lassen in
+dem m&uuml;tterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die
+geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht
+auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche &uuml;berall andeutungsweise
+zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewu&szlig;ten diese Schichten als den
+Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen
+zutage treten l&auml;&szlig;t: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in
+den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es
+ruhig ein, da wir das r&auml;tselhafte Getriebe unbekannter Kr&auml;fte im
+Labyrinth des Unterbewu&szlig;tseins nicht kontrollieren k&ouml;nnen, da&szlig; wir die
+Existenz von Kr&auml;ften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten
+gar nichts gemein haben, nicht ableugnen k&ouml;nnen; da&szlig; es durchaus m&ouml;glich
+ist, da&szlig; solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen,
+unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher
+je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres
+Bewu&szlig;tseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem
+unerforschten Gebiet oft auf l&auml;cherlichen Umwegen nahe zu kommen
+(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren
+Brutst&auml;tten in der Hand betrogener Betr&uuml;ger zwar nicht direkt das
+gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie,
+ihre Geburtsst&auml;tte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei
+der die sogenannte reale Exaktheit ihre h&ouml;chsten Triumphe schlie&szlig;lich
+nicht zuletzt in der Umgestaltung in preu&szlig;isch Kurant gefeiert hat. So
+hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die
+Psychologie die allerwertvollsten Anst&ouml;&szlig;e erfahren; lassen wir also das
+V&ouml;lkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und
+klopfen wir nur den &uuml;berbewu&szlig;ten Schwindlern ernstlich auf die Finger,
+welche raffiniert den v&ouml;llig berechtigten inneren Glauben der
+Mitmenschen an die oft zitierten &quot;Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel&quot;
+teils aus Ulk und Fastnachtsgel&uuml;st, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit
+geh&ouml;rig auszunutzen stets am Werke sind.</p>
+<br>
+
+<p>Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Ha&szlig; Mysterien zugestehen,
+denn sie sind ja die Funktion&auml;re der Aushebung zum gro&szlig;en Marsch der
+Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die
+Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht.
+Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die
+Erg&auml;nzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium,
+welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine
+Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht
+berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die
+eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der
+Beimischung notwendigsten, bef&auml;higtsten Elemente herauszuwittern, sie
+macht uns zu Gef&uuml;hrten und Geschobenen trotz dem Gef&uuml;hl subjektivsten
+Willens; vielleicht aber ist das Gef&uuml;hl des freien Willens nichts als
+eine gn&auml;dige Illusion, eine fromme L&uuml;ge der Natur. Die Natur mischt
+immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt,
+zerstampft, l&ouml;st auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die
+sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anf&auml;ngen der
+Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige
+Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst
+sp&auml;ter die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des
+Mutterbodens durch das m&auml;nnliche Saatkorn auftritt, kann es nicht
+wundernehmen, da&szlig; dieser Trennung des keimf&auml;higen Lebensplasmas in zwei
+Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der
+Geschlechtsrepr&auml;sentanten entspricht. Kein Emanzipationsgel&uuml;st der Frau
+kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der
+Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen
+und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des
+Bewu&szlig;ten und Unbewu&szlig;ten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder
+gleichsetzen wollen. Die unterbewu&szlig;ten Funktionen der Frau, ausm&uuml;ndend
+alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des
+Menschensprossen, des neuen Repr&auml;sentanten der Unsterblichkeit, der
+Menschheitsidee,&mdash;denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches
+Glied der Kette, welche uns hin&uuml;berbindet in die Ewigkeit&mdash;haben ganz
+sicher einen &uuml;berragenden Anteil am Seelenleben gegen&uuml;ber dem Manne. Die
+&uuml;berraschende Urspr&uuml;nglichkeit der Frau wurzelt eben in der F&auml;higkeit
+unterbewu&szlig;ter, schneller und zwingender Kurzschl&uuml;sse. W&auml;hrend des Mannes
+Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des
+Intellektuellen, des Bewu&szlig;ten, des zur Automatie erst sich
+Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewu&szlig;t L&ouml;senden zuneigt, hat die
+Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven,
+Automatischen dem Nachgeborenen einzupr&auml;gen (zu vererben). So ist es
+naturgewollt, da&szlig; die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist,
+wenigstens ganz gewi&szlig; vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir&mdash;es
+hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen
+Geburten&uuml;berschu&szlig; weiblicher Wesen klingt&mdash;nun einmal in der Natur als
+das durchgreifendste Leitmotiv &uuml;berall f&uuml;hrend und lebendig finden. Wenn
+jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den
+unterbewu&szlig;t dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den
+bewu&szlig;ten und zwar &ouml;konomischen N&ouml;ten der Erhaltung und Ern&auml;hrung des
+Individuums, so glaube ich, mu&szlig; man die Frage aufwerfen, ob diese
+Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht
+doch etwas r&uuml;ttelt an den Grundbedingungen der nat&uuml;rlichen Ordnung, und
+ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, da&szlig; eben es der
+Natur &uuml;berall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf
+das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungest&ouml;rte Fortentwicklung
+des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich,
+verg&auml;nglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewi&szlig;, da&szlig; von
+dem Gew&uuml;hl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, n&auml;mlich nur der
+ausl&ouml;sende Ansto&szlig; zur Willenshandlung, in unser Bewu&szlig;tsein ausstrahlt,
+so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, da&szlig;
+sie doppelt angeschlossen sind: teils m&uuml;nden sie in automatische
+Sph&auml;ren, und zum anderen Teil im Bewu&szlig;tsein, wo sie gleicherweise
+Kontakte d.h. Anst&ouml;&szlig;e zur Regulation der bewu&szlig;ten und unbewu&szlig;ten
+Mechanismen ausl&ouml;sen, wie das auch vollst&auml;ndig nachweisbaren
+anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was
+als Licht oder Schall oder Gef&uuml;hl auf unsere Sinnestasten wirkt, als
+Lichtempfindung &uuml;bertragen, sondern es m&ouml;gen ultraviolette Strahlen
+ebenso wie T&ouml;ne &uuml;ber und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem
+unterbewu&szlig;ten Getriebe zugef&uuml;hrt werden zur dynamischen Ausl&ouml;sung
+verschiedener Automatien, ohne da&szlig; auch nur ein leise wehender Hauch von
+den Tiefen der Unterseele &uuml;ber die Tasten unserer Bewu&szlig;tseinsklaviatur
+dahinf&auml;hrt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft nat&uuml;rlich auf alle
+Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es &auml;u&szlig;ere oder innere, vom
+vegetativen Organsystem gegebene. So l&ouml;sen St&ouml;rungen der Bauchorgane zum
+Teil Gef&uuml;hlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das
+von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, da&szlig; ein
+Mensch sich schon leidend f&uuml;hlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem
+Ablauf seiner seelischen Registrierung versp&uuml;rt, lange ehe sein
+Bewu&szlig;tsein oder der Arzt von dem Herd der St&ouml;rung etwas aussagen kann.
+So erkl&auml;ren sich die allgemeinen Unlustgef&uuml;hle der Neurastheniker,
+Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der tr&auml;ge, adynamische,
+schleichende Ablauf der ern&auml;hrenden Funktionen ohne jede organische
+Ver&auml;nderung gen&uuml;gt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen
+dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu verg&auml;llen. Wie im Traume
+bei der Abblendung des Bewu&szlig;tseins von Raum und Zeit durch die
+rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive ausl&ouml;sen zu
+Ideenverkn&uuml;pfungen ganz bez&uuml;glichen Inhaltes, so kann bei
+Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen
+Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Au&szlig;enreize immer wieder
+hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr,
+einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Ungl&uuml;ck der
+Hypochondrischen, da&szlig; sie recht haben, wenn sie behaupten, da&szlig; doch auch
+alle schweren Zust&auml;nde von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das hei&szlig;t
+mit dem dunklen Gef&uuml;hl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine
+schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens
+annagenden Sensationen zu gew&ouml;hnen und sie im Bewu&szlig;tsein ganz
+auszuschalten: immer wieder k&uuml;ndet die gr&auml;mliche Miene, da&szlig; die gequ&auml;lte
+Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren
+und Nagen des b&ouml;sen Wurmes tief in geheimen Gew&ouml;lben. Umgekehrt wirken
+die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer
+Ausl&ouml;sungen im Organsystem befruchtend und lebensgef&uuml;hlerh&ouml;hend auf
+unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enth&auml;lt
+eine Unzahl solcher uns unbewu&szlig;t einverleibten Impulse, die wie kleine
+Peitschenhiebe auf die Zugkr&auml;fte unserer inneren Bewegungen wirken,
+wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen
+Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die
+Atmosph&auml;re reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer
+auf unser Unterbewu&szlig;tsein, je mehr der st&ouml;rende Einflu&szlig; der Kontrolle
+durch das Bewu&szlig;tsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der
+hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im
+Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der
+symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer
+unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich
+haben, so oft schon als Beweisvorg&auml;nge &uuml;bernat&uuml;rlicher Gewalten, als das
+Wirken d&auml;monischer Kr&auml;fte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr
+Dinge, die nat&uuml;rlicher sind als viele andere Erscheinungen des
+Seelenlebens, &uuml;ber die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr
+wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte F&auml;higkeiten der
+Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem
+immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewu&szlig;tsein f&uuml;r
+gew&ouml;hnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben
+direkt nach Ausschaltung des Bewu&szlig;tseins, &uuml;ber dem solange ein h&uuml;llender
+Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen,
+alt&uuml;berkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit,
+Zweckm&auml;&szlig;igkeit, Unmittelbarkeit, Zielgef&uuml;hl und Innenklarheit bei
+deutlichen Anzeichen von psychischer Bewu&szlig;tlosigkeit auftreten oft in
+einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese
+Aktionen unter Beihilfe des oft nur st&ouml;renden Bewu&szlig;tseins zu vollbringen
+imstande w&auml;re. &quot;Ja, wie ist das m&ouml;glich, er ging doch ganz sicher&quot;, &quot;er
+schwankte nicht einen Augenblick&quot; &quot;und war doch augenscheinlich ohne
+klares Denken!&quot;&mdash;Das sind die gew&ouml;hnlichen, staunenden Fragen, auf die
+es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher,
+eben weil er nicht bewu&szlig;t war.</p>
+
+<p>Wir wissen jetzt, da&szlig; die Automatie eben dem Problematischen des
+Bewu&szlig;tseins in vielen Punkten &uuml;berlegen ist. Das Unterbewu&szlig;tsein hat
+also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. F&uuml;r die beiden
+ersten F&auml;higkeiten, denen durch Abblendung des Bewu&szlig;tseins unter
+Umst&auml;nden gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzust&auml;nde aller Art
+beweiskr&auml;ftig, und f&uuml;r den Zeitsinn des Unterbewu&szlig;tseins sei bemerkt,
+da&szlig; f&uuml;r mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein
+Problem mehr ist, seit ich wei&szlig;, da&szlig; Helligkeit und Morgengrauen,
+Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie &uuml;ber den Umweg durch
+mein Bewu&szlig;tsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens
+und da&szlig; man daher nicht zu glauben braucht, da&szlig; die in uns stetig
+pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch
+imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer
+aus Menschenhand.</p>
+
+<p>Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, da&szlig;
+es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die
+scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust
+aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da
+erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen fl&uuml;chtigen
+Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so
+unbekanntes Gebild, da&szlig; man sich erschaudernd davon abwenden oder
+erzittern m&uuml;&szlig;te vor dem Ding da, welches, ein Wesen f&uuml;r sich, nirgends
+in der Erfahrung eine Analogie hat. F&uuml;r viele Menschen hat das
+Unterbewu&szlig;te &Auml;hnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den
+Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages
+erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der
+Mystizit&auml;t seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, k&ouml;nnen
+hier und da nachweisen, da&szlig; das gef&uuml;rchtete Ungeheuer weder eine
+Schlange noch ein Unget&uuml;m ist, sondern eine auf realen Vorg&auml;ngen
+nat&uuml;rliche Spiegelung von Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten, die sich im Grunde der See
+ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="SEELISCHE_HEMMUNGEN_UND_SCHMERZEN"></a><h2>SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN</h2>
+<br>
+
+<p>Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und
+da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen
+h&ouml;rten, die Ank&uuml;ndigung dieser Essays &uuml;ber Kapitel aus der Seelenlehre
+vernommen haben. Aber es scheint bei n&auml;herer Betrachtung doch auch
+gerade der Chirurg unter den &Auml;rzten alle Veranlassung zu haben, sich mit
+dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen.
+Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch
+ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben
+vertrauensvoll f&uuml;r Augenblicke h&ouml;chster Gefahr in die H&auml;nde legt, in
+H&auml;nde, an deren K&ouml;nnen und Vollbringen sich oft genug das Schicksal
+h&auml;ngt! Wer m&uuml;&szlig;te wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele
+zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft
+gef&auml;hrlichen Macht der Pers&ouml;nlichkeit Gebrauch zu machen, als der
+menschlich f&uuml;hlende Operateur? Wer s&auml;he &ouml;fter die Menschenseele in ihrer
+echten Heldengr&ouml;&szlig;e und in ihrer zitternden Unzul&auml;nglichkeit frei von
+aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und
+lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns
+Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern
+wir nur wollen, <i>das ist das psychologische Experiment im gro&szlig;en Stil</i>,
+welches wir t&auml;glich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die
+Narkose, die gewaltsame Bet&auml;ubung der Seele. Ja, ein psychologisches
+Experiment allergr&ouml;&szlig;ten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung
+von fl&uuml;chtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre f&uuml;hlenden Polypenarme
+Schritt f&uuml;r Schritt zur&uuml;ckzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines
+selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewu&szlig;t verharre im schwankenden
+Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es
+dem Operateur gef&auml;llt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu
+Bet&auml;ubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat,
+der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen k&ouml;nnen vom Labyrinth
+der Brust und von den Tr&auml;umen, die der Seele auf dem Wege in die
+Ewigkeit kommen m&ouml;gen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvert&uuml;re zur
+Trag&ouml;die des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das St&uuml;ck bis zu
+Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich m&ouml;chte sagen,
+brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das
+Zauberwerk eines Pr&auml;zisionsinstrumentes aus Menschenhand ein
+j&auml;mmerliches St&uuml;mperding ist, so leicht der filigranene Schleier
+nerv&ouml;ser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerrei&szlig;t und
+zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer
+wieder der Gedanke sich aufdr&auml;ngt, da&szlig; hier ein <i>Mechanismus</i> vorliegt
+in dem Vorgange des k&uuml;nstlichen Einschl&auml;ferns in wenigen Minuten, oft in
+Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes,
+einer Hemmung in sehr wesentlichen Z&uuml;gen gleicht.</p>
+
+<p>Es ist mir nat&uuml;rlich nicht fremd, da&szlig; es unter den Psychologen eine
+m&auml;chtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher
+Gehirnt&auml;tigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser
+Auseinandersetzungen einmal das Gest&auml;ndnis ablegen, da&szlig; ich nicht der
+Meinung bin, da&szlig; jemals die Physiologie uns den letzten Aufschlu&szlig; &uuml;ber
+das Wesen der Seele und des menschlichen Bewu&szlig;tseins geben k&ouml;nne. Das
+vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu
+entr&auml;tseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und
+der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen <i>beschreiben</i>,
+unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder
+mu&szlig;. Durch diese Einschr&auml;nkung will ich mich ein f&uuml;r alle Male gegen den
+Vorwurf eines anma&szlig;lichen Materialismus verwahren. Ich m&ouml;chte um keinen
+Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie
+eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines
+Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung
+verbunden. F&uuml;r mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus
+&uuml;berhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine <i>ideale</i> Betrachtungsweise.
+Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius
+eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger
+erhaben, wenn man nach Gesetzen sp&uuml;rt, unter denen sie sich offenbaren.
+Bei dem Wunderwerk der Seele kann unm&ouml;glich eine Betrachtungsweise
+ersch&ouml;pfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte
+neue Zauber kundgibt, so vertr&auml;gt es wahrlich das Geheimnis der
+&quot;f&uuml;nfzehnhundert Millionen Ganglien&quot; geduldig, ob man von dieser oder
+jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt.
+Frei &uuml;ber die Seele reden kann ja schlie&szlig;lich doch nur der K&uuml;nstler, der
+in der gl&uuml;cklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bed&uuml;rfen oder doch nur
+von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem
+Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen
+Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bem&uuml;hen, den
+Leser m&ouml;glichst ohne Fachlupe gleichsam mit blo&szlig;em Auge heranzuf&uuml;hren an
+das Tats&auml;chliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter
+einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren.</p>
+
+<p>Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem
+Spiel der Kr&auml;fte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz k&ouml;nnte man
+daraus formulieren; zu einem philosophischen System k&ouml;nnte man ihr
+Walten, die Idee von ihr ausgestalten!</p>
+
+<p>Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen
+Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und
+Widerstand auf das vorw&auml;rtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders,
+als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die
+durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie
+anders w&auml;re Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch
+k&uuml;nstliche und bewu&szlig;te Einschaltung von spezifischen Widerst&auml;nden!
+Vielleicht k&ouml;nnen wir &uuml;berhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der
+Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerst&auml;nde und
+die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in
+Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizit&auml;t in die Erscheinung,
+wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerst&auml;nde (Isolation)? W&uuml;rde
+das Licht ohne Existenz eines &Auml;thers &uuml;bertragbar, ohne das brechende
+Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer
+Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als da&szlig; die
+r&auml;tselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Absto&szlig;ung in
+bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre
+&quot;<i>vorgeschriebene</i> Reise&quot;? Wohin wir sehen: Kr&auml;fte, Eigenschaften,
+Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen k&ouml;nnen, und
+Hemmungen, Widerst&auml;nde, die wir erforschen, ja willk&uuml;rlich ver&auml;ndern
+k&ouml;nnen. Nur das Studium der Hemmungen enth&uuml;llt die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten.
+Erst die Herrschaft &uuml;ber die Widerst&auml;nde gibt dem Menschen die
+scheinbare Gewalt &uuml;ber die Kr&auml;fte oder &uuml;bermittelt die Ahnung von ihrer
+Gesetzm&auml;&szlig;igkeit.</p>
+
+<p>So hat sich denn auch bei der r&auml;tselhaften Natur der seelischen Kraft
+f&uuml;r die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der
+Hemmung in der Seele als &uuml;beraus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser
+Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschr&auml;nkung. Ich m&ouml;chte
+sagen, da&szlig; erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein
+neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder
+Richtung miteinander verhandeln k&ouml;nnen, ohne sofort bei der Frage nach
+der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu
+werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft &auml;u&szlig;ert,
+studiert, pr&auml;judiziert ja nichts &uuml;ber das Wesen, &uuml;ber G&ouml;ttlichkeit und
+Unsterblichkeit der Seele, nichts &uuml;ber Geisterwesen und Transzendenz,
+sondern, da er das Bild nicht zu entbl&ouml;&szlig;en vermag, begn&uuml;gt er sich an
+dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft
+vielleicht durch leises Betasten der dunklen H&uuml;llen ihre Formensch&ouml;nheit
+zu ahnen. Freilich w&uuml;rde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach
+die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet w&uuml;rden gleichsam durch
+Kontrestr&ouml;me wiederum nerv&ouml;ser Natur, nicht viel Terrain gewinnen
+lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nerv&ouml;ser
+Kraft, die wir eben nicht entr&auml;tseln k&ouml;nnen. Wenn wir uns das Gehirn des
+Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen
+Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenst&auml;ubchen,
+die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden F&auml;dchen, den
+Ganglien und ihren Forts&auml;tzen, miteinander verbunden sind (wobei wir
+denken m&uuml;ssen, da&szlig; dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Sch&auml;dels
+wunderbar zusammengef&uuml;gt ist), und wenn wir annehmen, da&szlig; es Str&ouml;me und
+Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe,
+Handlungen ausl&ouml;sen&mdash;so ist es klar, da&szlig; niemals alle diese kleinen
+Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate s&auml;mtlich zu
+gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer reichen,
+sondern wir m&uuml;ssen annehmen, da&szlig; immer nur eine oder sehr wenige Bahnen
+frei sein k&ouml;nnen; alle anderen m&uuml;ssen im Augenblicke des Erklingens
+einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein. Das ist genau so,
+als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem andern Teilnehmer
+sprechen kann, wenn alle &uuml;brigen tausend Nummern des Anschlusses f&uuml;r
+mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich frei, die
+Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere Wahrnehmungen,
+Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich
+aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen
+Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die T&auml;tigkeit
+eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir
+die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der
+Hemmungslehre &uuml;bersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe.
+Es leuchtet ein, da&szlig; also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der
+Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der
+eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein
+g&uuml;ltigen Lehre an, da&szlig; auch dieser Maschinenmeister nerv&ouml;ser Natur ist,
+so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, da&szlig;
+Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner
+Ansicht nach in die Br&uuml;che. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das
+Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche
+Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der
+Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Pr&auml;sident unserer Seele in
+den &uuml;brigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch
+r&auml;tselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen
+Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende &Uuml;berlegenheit
+beziehen. Solche Seelenquartiere &uuml;ber der Seele, solche Oberseelen
+vermehren also meiner Meinung nach nur die R&auml;tsel, statt sie zu
+vereinfachen. Das w&auml;re ein Spiel von Seelent&auml;tigkeiten, bei welchem man
+niemals klar wird, wer nun eigentlich die Tr&uuml;mpfe in der Hand h&auml;lt, wer
+einschaltet und wer ausschaltet, dann g&auml;be es nur eine g&auml;nzlich
+verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der
+Seelent&auml;tigkeit w&uuml;rde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich mu&szlig; es
+mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der
+Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und
+mu&szlig; mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begn&uuml;gen, auch auf den
+Mangel aller Analogie aus der Elektrizit&auml;tslehre hinzuweisen: erkl&auml;rt
+man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen f&uuml;r das Wesen der
+seelischen Vorg&auml;nge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen
+Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele &uuml;ber der Seele zu
+fordern, und ohne zu behaupten, da&szlig; der in das Gehirn eindringende Reiz
+gleichzeitig zur Erregung und Ert&ouml;tung der Nervenstr&ouml;me dient. Dann
+m&uuml;&szlig;te also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen.
+Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen
+Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich
+nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom
+den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine
+andere Betrachtungsweise, welche die hemmende T&auml;tigkeit einem ganz
+anderen System <i>nicht</i> nerv&ouml;ser Natur &uuml;berweist, n&auml;mlich dem an den
+Ganglien vor&uuml;berkreisenden Blute.</p>
+
+<p>Da&szlig; das Blutwasser tats&auml;chlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie
+wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es mu&szlig; nur aufgezeigt
+werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu
+bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das
+Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt.
+Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle
+isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter
+Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und R&uuml;ckenmarks, die
+<i>Neuroglia</i>. Bisher war man der Meinung, da&szlig; dieses feine Maschennetz
+bindegewebiger Fasern, in welchem die nerv&ouml;sen Apparate im Gehirn und
+R&uuml;ckenmark aufgeh&auml;ngt sind, eben ein St&uuml;tzapparat sei, um welchen sich
+die Ganglienketten wie Schlinggew&auml;chse, wie etwa Winden um
+Drahtschlingen, st&uuml;tzend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die
+Bahnen der ern&auml;hrenden Blutgef&auml;&szlig;chen tr&auml;gt. Die Neuroglia sei, wie die
+Wissenschaft sich ausdr&uuml;ckt: St&uuml;tz- und N&auml;hrgewebe. Dagegen spricht
+mancherlei: vor allem die h&ouml;chst komplizierte und differenzierte Form
+dieses Abk&ouml;mmlings des Bindegewebes. St&uuml;tz- und N&auml;hrgewebe finden wir
+&uuml;berall im K&ouml;rper: es gibt ebenso, wie es ein kn&ouml;chernes Skelett gibt,
+ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie
+hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln
+und Weichteile sind aufgeh&auml;ngt gleichsam in fasergewebigen,
+z&auml;hstr&auml;hnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange
+h&auml;ngt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. &Uuml;berall in jedem
+Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: <i>nur</i> im Gehirn
+und R&uuml;ckenmark ist dieses St&uuml;tzgewebe von unerh&ouml;rt kompliziertem Bau.
+Die Hirngef&auml;&szlig;e, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage
+und R&ouml;hrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gef&auml;&szlig;en
+durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen
+Gef&auml;&szlig;r&auml;umen gehen unz&auml;hlige Kan&auml;lchen an alle Gangliensysteme und liegen
+in sternf&ouml;rmigen Umh&uuml;llungen, genau den Formen der vielgestaltigen
+Ganglienzellen angepa&szlig;t, um die kleinen elektrischen Zentralk&ouml;rper, etwa
+wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen
+und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind
+f&uuml;llbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden
+kleiner Schw&auml;mme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun
+darin, da&szlig; diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizit&auml;t das
+umh&uuml;llende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die
+Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, da&szlig; ihr funktioneller
+F&uuml;llungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und da&szlig;
+ihr wechselndes Leersein das &Uuml;berspringen der Seelenfunken beg&uuml;nstigt,
+Mittels des Blutgef&auml;&szlig;systemes also vollzieht sich das, was wir vorher
+Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben.</p>
+<br>
+
+<p>Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der
+M&ouml;glichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes
+Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche
+&quot;Schmerzlose Operationen&quot; diesem Nachweise gen&uuml;gend Raum gegeben, hier
+will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, n&auml;mlich die
+Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewu&szlig;tseinsformen
+pr&uuml;fen.</p>
+
+<p>W&auml;re also der gewisserma&szlig;en gefilterte Blutsaft von einer solchen
+Beschaffenheit, da&szlig; seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre
+Kontakte aufhebt, so m&uuml;&szlig;ten, wenn meine Anschauung richtig w&auml;re, die
+Vorg&auml;nge, welche Blutwasser im Gehirn pl&ouml;tzlich und ohne
+Ausgleichsm&ouml;glichkeit anstauten, unweigerlich Bewu&szlig;tlosigkeit zur Folge
+haben. Denn denken wir uns &uuml;berall um die Ganglien eine
+Fl&uuml;ssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so m&uuml;ssen ja
+die Assoziationen unm&ouml;glich werden, weil nirgends Erregungsstr&ouml;me
+kommunizieren k&ouml;nnen. In der Tat: das ist der Fall. Dr. <i>Jordan</i> hat in
+einer Arbeit &uuml;ber ein auf der Insel Java von den Eingeborenen ge&uuml;btes
+Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, da&szlig; von r&uuml;ckw&auml;rts her
+dem Kranken am Halse beide gro&szlig;en Drosseladern fest zugedr&uuml;ckt werden.
+Dann ist der Abflu&szlig; des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es
+entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschn&uuml;rung mit einem
+Gummiring sich bildet: ein &Uuml;bertritt von Blutwasser in die
+Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn,
+es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser,
+es verliert die F&auml;higkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewu&szlig;t zu
+sein: der Betroffene liegt f&uuml;hllos und bewu&szlig;tlos, wie narkotisiert. Aber
+es gibt noch andere M&ouml;glichkeiten zur &Uuml;berstauung des Gehirns.</p>
+
+<p>St&uuml;rzt jemand so ungl&uuml;cklich, da&szlig; ein erheblicher Blutergu&szlig; sich
+zwischen Sch&auml;delkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich
+bildende feste Gerinnsel in &auml;hnlicher Weise den Abflu&szlig; des Gehirnblutes
+aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder
+&Uuml;berschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des
+Ganglienkontaktes, Bewu&szlig;tlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngef&auml;&szlig;,
+verkalkt und br&uuml;chig, unter einer pl&ouml;tzlichen Wallung beim sogenannten
+Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher
+Weise von innen her den Abflu&szlig; hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und
+langdauernde Bewu&szlig;tlosigkeit, die so lange w&auml;hrt, bis der Abflu&szlig;
+reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung
+anschlu&szlig;f&auml;hig geworden sind, wobei die entstehenden L&auml;hmungen auf
+Rechnung der direkten Aufw&uuml;hlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner
+werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewu&szlig;tlosigkeiten ohne
+gehemmten Blutabflu&szlig;! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von
+Bewu&szlig;tlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund
+dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den
+erw&auml;hnten F&auml;llen das Bewu&szlig;tsein schwindet, weil eine komplette
+&Uuml;berschwemmung mit hemmender Blutfl&uuml;ssigkeit die Ganglien festbannt und
+ruhigstellt, so ist es klar, da&szlig; auch noch auf eine andere Weise gerade
+unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewu&szlig;tlosigkeit denkbar ist,
+n&auml;mlich die, bei der s&auml;mtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig
+miteinander in Kontakt stehen. Das w&auml;re so, als wenn pl&ouml;tzlich in einer
+Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erkl&auml;ngen; auch dann
+w&uuml;rde die Seele der Station, das Meldefr&auml;ulein, wahrscheinlich jegliche
+Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese
+Form der Bewu&szlig;tlosigkeit, welche sich also unter einer vollst&auml;ndigen
+Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem
+Anprall des Sch&auml;dels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der
+Gehirnersch&uuml;tterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns,
+ein nerv&ouml;ser Chok der Blutgef&auml;&szlig;e, sie erblassen, werden krampfartig
+ausgepre&szlig;t, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gef&auml;&szlig;e,
+v&ouml;llige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller
+sich nahe ber&uuml;hrenden Ganglien. Bewu&szlig;tsein ist nicht m&ouml;glich, weil alle
+Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern
+und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese
+Harmonielosigkeit ist eben Bewu&szlig;tlossein unter Neurogliakrampf und
+v&ouml;lliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns
+nun das ganze Gebiet der Bewu&szlig;tlosigkeiten, vom Schwindel bis zur
+Ohnmacht, die bei Hirnersch&uuml;tterung, beim Chok und bei allen
+erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei
+denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen
+der Bewu&szlig;tlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. W&auml;hrend bei den
+Formen der Bewu&szlig;tlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht
+durch Schreck und Schmerz) Kr&auml;mpfe und Herzflattern, flache Atmung und
+Gesichtsbl&auml;sse, weite Pupille und Muskelzittern das Bild
+vervollst&auml;ndigen, sehen wir bei der Bewu&szlig;tlosigkeit durch
+Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe,
+schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung
+treten. Mangelndes Bewu&szlig;tsein aber in beiden F&auml;llen: einmal, weil alle
+Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie
+wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes!
+<i>Albert</i>, einer der bedeutendsten &ouml;sterreichischen Chirurgen, hat in
+seinen ber&uuml;hmten H&auml;mmerungsversuchen am Sch&auml;del trepanierter Tiere nicht
+eher Bewu&szlig;tlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgef&auml;&szlig;e in Krampf
+und Entleerung durch Reflex gerieten. Und <i>Deutsch</i> in Wien sah bei
+einem Kinde mit traumatischem Sch&auml;deldefekt und freiliegendem Gehirn bei
+jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele
+Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung w&auml;hrend der
+Operation, da&szlig; das Gehirn in der Narkose blut&uuml;berf&uuml;llt sei, andere
+behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch
+meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt
+eben zwei Formen der Bewu&szlig;tlosigkeit: eine hyper&auml;mische mit komplettem
+Blut&uuml;berschu&szlig; und eine an&auml;mische mit komplettem Blutmangel.</p>
+
+<p>So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des
+Schlafes und der schlaf&auml;hnlichen Zust&auml;nde gegeben werden, welche
+befriedigen d&uuml;rfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der
+Neurogliat&auml;tigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia,
+urspr&uuml;nglich ausgel&ouml;st durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen
+durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewu&szlig;tseins f&uuml;r
+Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsverm&ouml;gens f&uuml;r unsere
+Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutf&uuml;llung der Hirngef&auml;&szlig;e und
+der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des
+Gef&auml;&szlig;herzens, durch einen Akt der Gef&auml;&szlig;muskeln, welche sich erweitern
+und damit buchst&auml;blich die hemmende Tarnkappe &uuml;ber die Gangliensysteme
+st&uuml;lpen.</p>
+
+<p>Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der
+Schlaf keine v&ouml;llige Aufhebung des Bewu&szlig;tseins erzwingen kann. Da nur
+die j&uuml;ngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen
+Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett f&uuml;llbaren
+Neurogliamaschen umh&uuml;llt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf
+die tiefen, unterbewu&szlig;ten und automatischen Gebiete unseres
+Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind,
+erstrecken. Mein Ichbewu&szlig;tsein ist im Traum v&ouml;llig wach, meine
+Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in v&ouml;llig von der Logik
+ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle
+Arten von Au&szlig;enweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende T&uuml;r, ein
+Schu&szlig;, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise
+und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem
+Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer
+von neuem zu sch&uuml;tteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch
+unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gem&auml;cher unserer Seele.
+Str&ouml;me, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der
+Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich
+erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht
+Gegenst&auml;nde unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten
+Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht f&uuml;r den Augenblick
+&uuml;bert&ouml;nen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei
+Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des
+Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein
+Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen l&auml;&szlig;t, ist gew&ouml;hnlich
+kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die
+verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der
+Bildnerin Phantasie die bunten F&auml;dchen in die H&auml;nde spielen.</p>
+
+<p>Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen
+Bewu&szlig;tseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung w&uuml;hlenden,
+umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses
+Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen
+mit Fl&uuml;geln und Flossen, Schuppen und H&ouml;ckern entstehen, bis gespiegelte
+Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer
+ganz tief schl&auml;ft, tr&auml;umt nicht, nat&uuml;rlich: weil die Hemmung zu fest die
+Tasten niederdr&uuml;ckt, als da&szlig; ein Nachtelfchen der Idee &uuml;ber die
+Klaviatur dahinhuschen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend also im Wachzustande die Registerz&uuml;ge und Stimmentaster unserer
+Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener
+Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei
+der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen
+Spiel der Gef&auml;&szlig;verengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des
+Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da
+ein leiser Akkord unter dem D&auml;mpfer der Hemmung auf. W&auml;hrend dem wachen
+Gehirn die Reize von au&szlig;en in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen
+der Ganglien zugef&uuml;hrt werden und sich in elektroiden Anh&auml;ufungen zu
+Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden
+Reiz sein seelisches &Auml;quivalent entspricht, entstehen im Schlafe die
+Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen
+ohne Ausgleich, wie gefangene wei&szlig;e M&auml;uschen, im Gehege und Gitterwerk
+der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine L&uuml;cke, ein Spalt von der Hemmung
+freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Tr&auml;ume immer vor und
+zur&uuml;ck stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede
+Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden
+Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, da&szlig; der Hemmungsfortfall in der
+zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem
+psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, da&szlig; wir unsere
+Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert
+dieses Etwas uns. Das was wir &quot;bewu&szlig;t aufmerken&quot; nennen, ist das Gef&uuml;hl
+von dem Zug und Z&uuml;gel, welches die Dinge an unseren Nervenf&auml;dchen
+aus&uuml;ben.</p>
+
+<p class="poem">Auf den feinsten Nervensaiten<br>
+Pr&uuml;ft ein Spielmann sein Gedicht,<br>
+Wohl f&uuml;hlst du die Finger gleiten,<br>
+Doch den Spielmann siehst du nicht!</p>
+
+<p>Dieser gro&szlig;e Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein,
+wie die unfa&szlig;bare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge
+auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob
+ohne Draht und Nervenf&auml;dchen. Die Seele des Menschen gleicht einem
+Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die
+Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht,
+&Auml;therwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt
+wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen,
+welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie
+in den Saiten einer &Auml;olsharfe entgegengespannt sind, und k&ouml;nnen nur in
+uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem
+ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die
+Fr&uuml;hgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den
+h&ouml;chsten seelischen Funktionen, die Widerst&auml;nde aufzufinden, unter
+welchen die Seele dieses tut und jenes l&auml;&szlig;t: das ist einzig, ohne
+vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand
+naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit
+zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und
+Sch&ouml;pfer dieses Weltsystemes ist.</p>
+<br>
+
+<p>F&uuml;r mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen
+Au&szlig;erbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir
+Ganglien nennen. Ein D&auml;mpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel
+gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der
+Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr.
+Die diesen Reiz &uuml;bermittelnden Nervenfasern geh&ouml;ren nicht zum
+Zentralnervensystem, sondern sie geh&ouml;ren zu dem Sonnengeflecht des
+Sympathikus und zu seinen Abk&ouml;mmlingen, welche &uuml;berall die Gef&auml;&szlig;e vom
+Herzen bis in die feinen &Auml;stchen des Lebens umranken. In den Ausl&auml;ufern
+des Hirngef&auml;&szlig;systemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders dazu
+gebildetes Gewebe durchtr&auml;nkend die Ganglien an gegenseitigem Kontakt
+verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der,
+entwicklungsgeschichtlich gedacht, fr&uuml;heste Nerv, die erste in der
+Tierreihe auftauchende Andeutung eines nerv&ouml;sen Apparates, der
+Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu
+einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des
+Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und
+erhabensten Gedanken eines sch&ouml;pferischen Gehirns werden in Schranken
+gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden
+und sch&uuml;tzenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus!
+Hier liegt die einzige, anatomisch begr&uuml;ndete Grenzscheide zwischen
+Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit
+die Hemmungen fortfallen, welche der lebenf&ouml;rdernden Harmonie der
+seelischen Erregungen &uuml;bergeordnet sind. Die Psychiatrie wei&szlig; genug zu
+berichten von der Entg&ouml;tterung der menschlichen Seele, die Platz greift,
+wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese
+Anschauung auch Aufschlu&szlig; gegeben &uuml;ber die Natur des Temperamentes,
+indem danach sehr wohl eine geringere oder st&auml;rkere Hemmungsf&auml;higkeit
+des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache f&uuml;r die
+gr&ouml;&szlig;ere oder geringere Schnelligkeit der Ausl&ouml;sungen seelischer Kontakte
+sein kann. Ja diese Anschauung vers&ouml;hnt einigerma&szlig;en die Wissenschaft
+mit der tief in allen V&ouml;lkern lebenden Vorstellung vom &quot;guten und
+schlechten Herzen&quot; als einem Teil seelischer T&auml;tigkeit. <i>Das Herz ist
+danach nicht so unbeteiligt am Gem&uuml;ts- und Seelenleben, als man
+gemeinhin denkt.</i> Nicht nur, da&szlig; seelische Erregungen sich nachweislich
+dem Herzen mitteilen, sondern auch die T&auml;tigkeit des Herzens und die
+Beschaffenheit des Blutes hat danach verst&auml;ndlichen Einflu&szlig; auf unsere
+Allgemeingef&uuml;hle. Die sprachliche Wendung: &quot;das liegt ihm im Blute&quot; ist
+also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie &uuml;berhaupt die Sprache ja oft
+f&uuml;r den Hellh&ouml;rigen die alleinige Verr&auml;terin tiefster, geheimnisvoller
+Vorg&auml;nge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da
+sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer gro&szlig;
+ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zust&auml;nde mit der krankhaften
+Ver&auml;nderung der Bluts&auml;fte! Schritt f&uuml;r Schritt k&ouml;nnen wir in der
+Pathologie verfolgen, wie der Gem&uuml;tszustand direkt in Abh&auml;ngigkeit steht
+von der Beschaffenheit der <i>Blutmischung</i>. Wie fein reagiert das
+Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverh&auml;ltnisses der
+einzelnen Komponenten! Die Vorg&auml;nge dabei sind viel zu pl&ouml;tzlich und
+reflex&auml;hnlich, als da&szlig; sie allein durch eine chemische Alteration
+erkl&auml;rt werden k&ouml;nnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine
+Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine gro&szlig;e Freude
+rei&szlig;t mit der Erh&ouml;hung des Blutdruckes im Gef&auml;&szlig;system und der
+Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom
+Antlitz unseres vergr&auml;mten Gem&uuml;tes. Der Gef&auml;&szlig;nerv (Sympathikus) und die
+durch ihn erzwungene wechselnde F&uuml;lle der Neurogliazotten l&auml;&szlig;t eben die
+Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination
+vor sich gehen.</p>
+
+<p>Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliaf&uuml;llung in
+Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen
+Schl&uuml;ssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur
+gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches
+Grundgef&uuml;hl f&uuml;r Rhythmus und Gegens&auml;tzlichkeit, f&uuml;r Dualismus, f&uuml;r die
+Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen
+Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien,
+gegeben, da sie urspr&uuml;nglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn
+pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster
+Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend
+zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim
+Nachla&szlig; und Abstr&ouml;men des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder
+bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird
+dabei reguliert vom Spiel der Gef&auml;&szlig;nerven, welche, das mu&szlig; immer wieder
+direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus
+angeh&ouml;ren, der einen gleichsam zwischen Hirn- und R&uuml;ckenmark
+eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den
+Millionen Pfaden der Sinnesstra&szlig;en str&ouml;men unaufhaltsam und
+ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den
+unz&auml;hligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den
+Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia
+stromdurchl&auml;ssig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System
+zu System, immer die L&uuml;cken erhaschend, welche die geschw&auml;chte Hemmung
+offen l&auml;&szlig;t. Das ist die Bahnung, die &Uuml;bung, die Einschleifung in meiner
+Auffassung. Darin, da&szlig; die &Ouml;ffnung und Schlie&szlig;ung dieser Bahnen
+rhythmisch erfolgt, liegt der Grund f&uuml;r die Rhythmik unseres Tuns und
+Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung
+unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur sch&ouml;nen Linie, zur
+Architektur, genug zur Gesamt&auml;sthetik. Denn im Grunde ist alles das
+meinen Sinnen wohlgef&auml;llig, was ihrem nat&uuml;rlichen Rhythmus von
+seelischer Ein- und Ausschaltung sich einf&uuml;gt, und unlustgebend
+dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, da&szlig; der
+&auml;sthetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus etwas
+durchaus Pers&ouml;nliches, an mein Temperament, an meine
+Apperzeptionsf&auml;higkeit in einer gewissen Zeiteinheit, n&auml;mlich der
+zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich
+kann hier nat&uuml;rlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit
+von 60 Schl&auml;gen in der Minute der Mensch sein Zeitbewu&szlig;tsein hergeleitet
+hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr
+Ticktack schlug, genau so, wie er den Fu&szlig; und das Fingerglied zum
+Raumma&szlig; und die f&uuml;nffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem
+ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus
+unter den allerverschiedensten Einfl&uuml;ssen schwankt, wie die Wirkung von
+Mensch auf Mensch direkt am Pulse me&szlig;bar wird, so versteht man besser
+als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung
+eines pers&ouml;nlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuh&ouml;rer oder
+Beschauer v&ouml;llig in den Bann des Sch&ouml;pfers sch&ouml;ner Rhythmen zwingt. Das
+Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein m&auml;chtiges fremdes, die
+Seele neu erf&uuml;llendes Durchwogen und Durchgl&uuml;hen ist eben die Quelle
+jedes echten &auml;sthetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz
+dauernd sehnt.</p>
+
+<p>Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist
+von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein
+Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen
+Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer
+rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen,
+naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewu&szlig;tseins abgibt, so
+mu&szlig; es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyper&auml;mie im Gehirn m&ouml;glich
+sein, Schlaf und schlaf&auml;hnliche Zust&auml;nde zu erzeugen. Nun, das
+Streicheln, das Wiegen, das K&auml;mmen, das Fixieren, das Z&auml;hlen, das Ticken
+der Uhr&mdash;das alles sind deshalb schlaff&ouml;rdernde Mittel, weil verm&ouml;ge der
+gleichm&auml;&szlig;ig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter
+&Uuml;bergewicht &uuml;ber die Zellaktion erh&auml;lt, je mehr durch Konzentration auf
+einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch
+der n&auml;chtliche Schw&auml;rmer schlie&szlig;lich immer dieselbe Geschichte erz&auml;hlt,
+ehe sein m&uuml;des Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so l&auml;&szlig;t
+der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverst&auml;rkung das
+Bewu&szlig;tsein seitlich ringsumstellen und von den H&auml;schern fl&uuml;chtiger
+Gedanken umgeben. Alle Vorg&auml;nge eben, welche geeignet sind, dauernd die
+Neurogliazotten in Erweiterung und F&uuml;llung zu halten, bringen
+Kontakthemmung und bei l&auml;ngerer Dauer den Schlafzustand, also auch die
+<i>reflektorische</i> Gef&auml;&szlig;weite. Alle schlaf&auml;hnlichen Zust&auml;nde k&ouml;nnen auf
+<i>mechanische</i> Weise einheitlich erkl&auml;rt werden, selbst Morphium und
+Chloroform wirken zun&auml;chst nur als Entfalter einer durchaus
+physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol
+im Beginn Gef&auml;&szlig;verengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte
+Anschl&uuml;sse, spielende Gedankenflucht &uuml;ber alle Problemh&ouml;hen und -tiefen,
+und mit der Leichtigkeit der Ausl&ouml;sung von Ganglienfunktionen eine hohe
+Steigerung des Ichgef&uuml;hls hervorbringen, erst dann mit der allm&auml;hlichen
+l&auml;hmenden Erschlaffung der Gef&auml;&szlig;e, in welchen das Gift kreist, die
+Einengung und Abblendung des Bewu&szlig;tseins zuwege bringen, so da&szlig; der
+k&uuml;nstliche Schlaf so auf ein Haar dem nat&uuml;rlichen gleicht. Man hat eine
+allzu &uuml;bertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten
+Hirnstruktur, wenn man meint, da&szlig; z.B. eine Auslaugung des Fettes aus
+den Hirnzellen durch das str&ouml;mende Chloroform der eigentliche Grund der
+Narkose sei, wonach also das Bewu&szlig;tsein ausgewischt w&uuml;rde, etwa wie ein
+Fettfleck durch Benzin. Tr&auml;te wirklich das Gift ohne diesen segensvollen
+Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch
+aktive Substanz heran, so w&auml;re stets eine direkte Verleimung des
+Gehirns, die Zertr&uuml;mmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die
+Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr
+Gift im K&ouml;rper kreisen zu lassen braucht, als gerade gen&uuml;gt, damit das
+Spiel des auch im nat&uuml;rlichen Schlaf t&auml;tigen Mechanismus ausgel&ouml;st
+werde.</p>
+
+<p><i>Eine</i> schlafbringende Ursache will ich noch erw&auml;hnen, welche allen
+Schlaftheoretikern gro&szlig;e M&uuml;he gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim
+Erfrieren. Soll hier, w&auml;hrend ein vor Frost erstarrender Organismus
+langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden
+Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so
+frisch und wach machende Abk&uuml;hlung der Haut hier ausnahmsweise h&ouml;chste
+M&uuml;digkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im sch&ouml;nsten Einklang mit
+unseren Vorstellungen, da&szlig; durch allseitige extremste Verengerung der
+Blutgef&auml;&szlig;e in Haut und Gliedern die inneren Organe blut&uuml;berf&uuml;llt und
+damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein mu&szlig;?
+So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder
+Abk&uuml;hlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch
+Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, da&szlig; die der Abk&uuml;hlung schnell
+nachfolgende Blutf&uuml;lle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert
+und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir,
+warum man im dauernd k&uuml;hlen Zimmer besser schl&auml;ft als im &uuml;berhitzten, ja
+sogar, warum wir beim Umw&auml;lzen der Bettdecke von der K&uuml;hlung der Haut
+die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch
+erkl&auml;rt es sich, da&szlig; die Inanspruchnahme gro&szlig;er Blutmengen zur Verdauung
+bei &uuml;berf&uuml;lltem Magen das Gehirn blut&auml;rmer und darum aufgeregter und
+ruheloser macht und da&szlig; irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen
+aus dem Gehirn unruhiges Tr&auml;umen zur Folge hat.</p>
+
+<p>So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der
+Giftwirkungen immer zwischen Erregung und L&auml;hmung hin und her schwankt,
+weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die T&auml;tigkeit
+der Neuroglia, welche wie ein sch&uuml;tzendes Filter vor den feinsten Teilen
+des eigentlichen R&auml;derwerkes ausgespannt ist. W&auml;re die pathologische
+Anatomie nicht allzusehr im Banne von der St&uuml;tznatur der Neuroglia, sie
+h&auml;tte schon l&auml;ngst vielleicht n&auml;heren Aufschlu&szlig; &uuml;ber die
+Funktionsst&ouml;rungen als Folge prim&auml;rer Neurogliaerkrankungen geben
+k&ouml;nnen. Wenn F&uuml;llung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung
+usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen gepr&uuml;ft sein
+werden, d&uuml;rfte auch f&uuml;r die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer
+vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden
+k&ouml;nnen. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die M&ouml;glichkeit
+der direkten Durchsp&uuml;lung der Neuroglia vom Blutgef&auml;&szlig;system, die Wirkung
+des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirn&ouml;dems,
+der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die M&ouml;glichkeit, da&szlig; man
+durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzl&ouml;sungen in das
+Venensystem, mit der Schaffung einer k&uuml;nstlichen Plethora zusammen mit
+dem nachfolgenden energischen Aderla&szlig; &uuml;berall im K&ouml;rper, also auch im
+Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorg&auml;nge anregen kann, steht f&uuml;r mich
+schon heute au&szlig;er allem Zweifel.</p>
+<br>
+
+<p>Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen
+bedurfte es, um einigerma&szlig;en im Rahmen dieser locker gesammelten
+Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter R&uuml;cksichtnahme auf
+diejenigen Leser, welche nicht gen&uuml;gend Physiologen sind, wodurch meine
+Definitionen leider schwerf&auml;llig und unbeholfen werden mu&szlig;ten. Ich kann
+mich daf&uuml;r aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden.</p>
+
+<p>Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes mu&szlig; meiner Meinung nach jede
+Beantwortung <i>beide</i> Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie
+die k&ouml;rperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine
+Definition wirklich ersch&ouml;pfend sein d&uuml;rfte, und weil beide Formen der
+schmerzhaften Bewegungen in unserem K&ouml;rper eine gro&szlig;e F&uuml;lle von rein
+physischen Ber&uuml;hrungsfl&auml;chen darbieten; ich erinnere nur an die
+mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und
+k&ouml;rperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an
+die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an
+Pupillenvergr&ouml;&szlig;erung in seelischer <i>und</i> k&ouml;rperlicher Angst und an
+andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzust&auml;nde, um die
+Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begr&uuml;ndung zu betonen. Was
+n&uuml;tzt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele
+Neurologen, mit der Ansicht uns begn&uuml;gen wollten, da&szlig; der Schmerz eine
+ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, da&szlig; also in unseren seelischen
+Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam
+W&auml;chterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art
+&uuml;bernehmen? Abgesehen davon, da&szlig; man auf diese Weise notwendig zu dem
+tief pessimistischen Prinzip einer Sch&ouml;pfungstheorie kommt, die den
+Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt,
+wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch
+des Erzengels einige Berechtigung g&auml;be, abgesehen von dieser k&uuml;hnen und
+gef&auml;hrlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz
+ausgeliefert und vorbestimmt, l&auml;&szlig;t die Lehre von der Spezifit&auml;t der
+Schmerznerven eben den psychischen Schmerz v&ouml;llig in der Luft schweben.
+Aber auch sonst l&auml;&szlig;t sich vieles gegen eine solche Anschauung
+vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur
+Schmerz leitender Nerven&mdash;spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z.
+B. der Sehnerv nur Licht leiten kann&mdash;will ich eine Beobachtung
+anf&uuml;hren, welche ich als erster bei Operationen unter meiner &ouml;rtlichen
+Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche sp&auml;ter h&auml;ufig, so namentlich
+von <i>Lenander</i> in Stockholm, best&auml;tigt ist. Als ich am Bauchfell
+operierte ohne Narkose bei vollem Bewu&szlig;tsein des Patienten unter
+Anwendung nur &ouml;rtlicher Bet&auml;ubung, bemerkte ich, da&szlig; das normale,
+blasse, nichtentz&uuml;ndliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne
+Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, da&szlig; aber nach wenigen
+Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger
+R&ouml;tung Schmerz auch gegen leiseste Ber&uuml;hrung auftritt. Ist der Schmerz
+ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgef&uuml;hl, wie ihn die
+moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so m&uuml;ssen in einer Spanne
+Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen k&ouml;nnen, denn K&ouml;rperzonen,
+die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den
+H&auml;nden. Hier ist mit der Annahme, da&szlig; der Schmerz nur auf vorgebildeten
+Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im
+Bauchfell g&auml;nzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch
+gewinnt es bald die F&auml;higkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen
+annimmt, mu&szlig; sich vorstellen, da&szlig; diese Leitungsdr&auml;hte des Wehgef&uuml;hls
+innerhalb der B&uuml;ndel der hinteren R&uuml;ckenmarksnerven zusammen mit den
+anderen Str&auml;ngen f&uuml;r das Tast-, W&auml;rme- und Muskelgef&uuml;hl verlaufen, und
+m&uuml;&szlig;te unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen B&uuml;ndel
+auch als eigentliche <i>Schmerzzentren</i> im Gehirn nachweisen. Hier aber
+gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines
+Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die
+Neurologen so ausschlie&szlig;lich als den Sitz der allgemeinen seelischen
+Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch
+eigenen Beobachtungen, da&szlig; das Gehirn selbst absolut ohne
+Schmerzempfindung ist. Der ber&uuml;hmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der
+Hirnh&auml;ute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht
+mehr dem eigentlichen Gehirn angeh&ouml;rt. Es w&uuml;rde also bei diesen
+gewichtigen Einw&auml;nden gegen die Theorie von der Spezifit&auml;t der
+Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifit&auml;t nicht bed&uuml;rfte und
+doch alle bekannten Ph&auml;nomene des Schmerzes verst&auml;ndlich zu machen
+verm&ouml;chte, entschieden den Vorzug verdienen.</p>
+
+<p>Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem
+Hemmungsmechanismus geben zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Schmerz ist ein Allgemeingef&uuml;hl der Unlust. Ist der gleichm&auml;&szlig;ige und
+harmonische Ablauf der gesamten K&ouml;rperfunktionen die Quelle vom Gef&uuml;hl
+der Gesundheit und der Lust, so mu&szlig; bei den Unlustempfindungen dieser im
+naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftstr&ouml;mungen im
+Organismus gest&ouml;rt sein. Schon das besondere rein funktionelle
+Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gef&uuml;hlte
+Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, da&szlig; er die
+seelische Orientierungsspannung von der Au&szlig;enwelt weg auf eine Lokalit&auml;t
+des K&ouml;rpers zur&uuml;ckzulenken zwingt, St&ouml;rungen des Allgemeingef&uuml;hls im
+Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gef&uuml;hl der F&uuml;lle im
+Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken,
+kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung
+hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr,
+Kribbeln in der Haut, kann bei l&auml;ngerer Dauer mit dem Gef&uuml;hl der
+Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. <i>jeder
+Funktionsst&ouml;rung ist der Gedanke an eine nahende oder doch m&ouml;gliche
+Gefahr assoziiert</i>. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur f&uuml;r Licht
+empf&auml;nglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder
+Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die
+auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen
+seelischen Sto&szlig;, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen
+Sinnesorgane k&ouml;nnen wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im
+Gehirn und R&uuml;ckenmark ausl&ouml;sen. <i>Schmerz aber verm&ouml;gen nur die
+Nervenbahnen zu leiten, deren Ber&uuml;hrung an sich normaler</i>weise
+<i>Tast</i>gef&uuml;hle ausl&ouml;st. Das sind die sensiblen Nerven und der
+Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen
+nerv&ouml;sen H&auml;uten und der K&ouml;rperh&uuml;lle Platz gefunden hat. Wann entsteht
+nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch
+die abnorme, geh&auml;ufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist,
+Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen
+nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation
+gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Ann&auml;herungen und
+Sprengungen, durch seitliches &Uuml;berspringen und Defektwerden der
+Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgel&ouml;st werden. <i>Der
+Schmerz ist ein Kurzschlu&szlig; elektroider Spannungen im Nervensystem</i>.
+Dr&uuml;cke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unz&auml;hlige
+Tastk&ouml;rperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zun&auml;chst Kribbeln und
+Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der
+Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck
+und in ganz gleicher Weise bei &Auml;tzung und Brand ein Defektwerden der
+Bindegewebsh&uuml;llen der Nervenapparate, welche hier genau der Funktion der
+Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich st&ouml;re den
+Isolationsmechanismus, so da&szlig; seitlich elektroide Funken &uuml;berspringen.
+Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h.
+gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form
+und Intensit&auml;t, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt
+ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und Gefahr,
+dieses Anzeichen der beginnenden L&auml;sion der peripheren
+Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgef&uuml;hl durch irre geleitete Reize
+im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir &quot;Schmerz&quot;. Dieser
+Kurzschlu&szlig; der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist
+um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig l&auml;diert sind oder je
+dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenh&uuml;lle defekt wird ganz
+gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also pl&ouml;tzlich in der Zentrale
+turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ert&ouml;nen, entsteht eine
+Unf&auml;higkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust,
+welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den
+Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in g&auml;nzlich ungew&ouml;hnlicher Richtung
+ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu
+Affekthandlungen, oder wenn diese selbst &uuml;bert&ouml;nt werden, zur Ohnmacht
+und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal v&ouml;llig
+jungfr&auml;ulichen Boden, und es spricht gewi&szlig; f&uuml;r meine Auffassung, wenn
+seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum
+zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert &uuml;ber das, was nun kommen
+wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen k&ouml;nnte, ist oft gr&ouml;&szlig;er,
+als die Klage &uuml;ber den Augenblicksschmerz allein ausfallen w&uuml;rde. W&auml;re
+der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so w&auml;re nicht abzusehen,
+warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden
+Schmerzes relative Gew&ouml;hnung bei Wiederkehr auch nach l&auml;ngerer Zeitpause
+beobachten l&auml;&szlig;t, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen
+spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, da&szlig; man von zwei
+Schmerzen stets nur den st&auml;rkeren wahrnimmt, spricht gegen die Theorie
+der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer Farbe alle
+N&uuml;ancen gleichzeitig wahrnehmen. Die gro&szlig;e Summe der
+entwicklungsgeschichtlich einge&uuml;bten und koordinierten Reflexe einer
+schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung,
+zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der
+Schlie&szlig;muskeln aller Art beweist, da&szlig; die pl&ouml;tzliche &Uuml;berladung gewisser
+Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso pl&ouml;tzlichen
+Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn dr&auml;ngt: ein
+Schrei, ein Sto&szlig;, ein starrer Blick, die fahle Bl&auml;sse des Gesichts, sie
+alle sind der Beweis f&uuml;r das Bestehen einer blitzschnellen,
+kurzschlu&szlig;artigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der
+Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung
+zum Atmungszentrum, schon pl&ouml;tzliche Abk&uuml;hlung, durch die Dusche etwa,
+bringt tiefe Atemz&uuml;ge und Neigung zu Stimmbandschlu&szlig; und sto&szlig;artiger
+Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der
+Atmung, einschlie&szlig;lich der Mund- und Nasen&ouml;ffner, womit der mimische
+Anteil an der Schmerzwirkung erkl&auml;rt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja
+jede Erregung l&auml;&szlig;t die Pupille weit werden, um dem vielleicht
+hilfreichen Licht die ganze Fl&auml;che frei zu geben, und ein schnell
+pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion
+gleichsam sprungbereit durch Heranw&auml;lzen der Ionen des Sauerstoffes
+auszur&uuml;sten.</p>
+
+<p>Ich w&uuml;rde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gest&ouml;rten
+Hemmungsmechanismus f&uuml;r die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen,
+wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute
+Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir t&auml;glich aufs neue zu beweisen
+geeignet ist.</p>
+<br>
+
+<p>Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die
+Infiltrationsan&auml;sthesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser
+Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr
+&uuml;berall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige
+Ber&uuml;cksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die L&ouml;sung,
+mit welcher ich &ouml;rtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine
+Fl&uuml;ssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation,
+die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu
+verst&auml;rken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunf&auml;hig zu
+machen. Ein an&auml;sthetischer M&uuml;ckenstich, wie ich ihn mit meinen
+ungiftigen L&ouml;sungen in der Haut anlege, l&auml;&szlig;t die einzelnen Nerven
+durchaus tastleitungsf&auml;hig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in
+jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den
+Schmerz macht, den seitlichen Kurzschlu&szlig; der Nerven, durch
+Hemmungsverst&auml;rkung unm&ouml;glich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven
+einen D&auml;mpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am
+R&uuml;ckenmark direkt mit bewunderungsw&uuml;rdiger K&uuml;hnheit wiederholt hat, ohne
+da&szlig; wir die Nervensaiten selbst irgendwie l&auml;dieren oder gef&auml;hrden. Es
+wird f&uuml;r mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, da&szlig; ich
+diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der
+Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines
+Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens.
+Professor Bier hat auch den Nachweis gef&uuml;hrt, da&szlig; in der Tat das Blut
+den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einflu&szlig; auf die peripheren
+Nerven hat, und ich selbst habe schon fr&uuml;her angegeben, da&szlig; &Uuml;bertritt
+von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. &ouml;dem) unter Umst&auml;nden gen&uuml;gt, um
+die Nerven s&auml;mtlich f&uuml;r Schmerz leitungsunf&auml;hig zu machen. Alle diese
+gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene
+Deutung zu, und wir haben nur n&ouml;tig, diese an der Peripherie des K&ouml;rpers
+gewonnenen Erfahrungen auf das Gef&uuml;ge der Zentrale im Nervensystem zu
+&uuml;bertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim
+psychischen Schmerze zu gewinnen.</p>
+
+<p><i>Auch in der Seele gibt es einen Kurzschlu&szlig; elektroider Spannungen.</i>
+Auch hier enth&auml;lt die unsere Seele brutal &uuml;berfallende maximale
+Anspannung, die nach dem &Auml;quivalenzgesetz der Kr&auml;fte ebenso materiell
+wirksam sein kann wie eine &auml;u&szlig;ere Gewalt am Leibe, &uuml;bergro&szlig;e Ladungen im
+Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den
+Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen
+explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel f&uuml;r
+solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist f&uuml;r mich diejenige
+Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im
+Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen
+von nicht aufl&ouml;sbaren Spannungen statt, nicht aufl&ouml;sbar, weil die narbig
+verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nerv&ouml;ser Kraft die
+Hemmung entgegenh&auml;lt. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu
+einer H&ouml;he, da&szlig; sie den Wall durchbricht, so brausen in die
+unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der
+elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall l&ouml;st sich aus,
+verst&auml;rkt durch den Chok der Gef&auml;&szlig;e, der seinerseits allein, wie wir
+sahen, das Bewu&szlig;tsein schwer zu alterieren vermag.</p>
+
+<p>Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzausl&ouml;sung, wenn wir eine
+Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere
+Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Gl&uuml;ck greifendes Moment erleben.
+Die Spannungen in der Phantasie, welche schlie&szlig;lich st&auml;rker sind als
+jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie
+einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und
+brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gef&uuml;hl des
+Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen
+Obstruktion des k&ouml;rperlichen Schmerzes findet die Entladung in
+Schluchzen und Tr&auml;nenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und
+Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen
+aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektstr&ouml;men einen Damm
+entgegenw&ouml;lbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden
+Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung
+resultieren.</p>
+
+<p>Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchst&auml;blich err&ouml;ten
+und erblassen.</p>
+
+<p>Ich bin am Ende meiner Ausf&uuml;hrungen und schlie&szlig;e mit Zagen, da&szlig; ich es
+gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen
+Hemmungen umfa&szlig;t, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen.
+Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptz&uuml;ge
+dieser, wie ich zugebe, k&uuml;hnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese
+zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des
+Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu f&uuml;hren.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="DER_SITZ_DER_SEELE"></a><h2>DER SITZ DER SEELE</h2>
+<br>
+
+<p>Als der Zeitgenosse Friedrichs des Gro&szlig;en <i>La Mettrie</i> seinen ber&uuml;hmten
+Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, da&szlig; dieser
+kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich
+verbreiteten, aber ganz uns&auml;glich &ouml;den Weltanschauung werden sollte: des
+jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das hei&szlig;t: der Lehre
+von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer
+Probleme. &Auml;hnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der
+Pers&ouml;nlichkeit Christi aufzul&ouml;sen meinten in platt-allt&auml;gliche, nur
+durch die Phantasie der Gl&auml;ubigen verzerrte Begebenheiten, so war f&uuml;r
+die Ritter von &quot;Kraft und Stoff&quot; es eine ausgemachte Sache: Geist,
+Seele, Gem&uuml;t, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der
+nerv&ouml;sen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie
+Niere, Leber und andere Dr&uuml;sen die Abfallstoffe des Heizmaterials
+unserer menschlichen Maschine absto&szlig;en (sezernieren), so sezerniert der
+Wunderball in unserer Sch&auml;delkapsel einfach ein luftiges Etwas und
+dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens!</p>
+
+<p>Nicht drastischer l&auml;&szlig;t sich die K&uuml;mmerlichkeit dieser Weltanschauung,
+die man besser eine <i>Weltblindheit</i> nennen k&ouml;nnte, darstellen, als mit
+dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein
+Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele
+Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie n&auml;mlich
+rundweg diese Fragen f&uuml;r der Wissenschaft nicht zug&auml;nglich und f&uuml;r
+keinen Gegenstand der &quot;exakten&quot; Forschung erkl&auml;rten, womit dann die
+Exaktheit gerade da aufh&ouml;ren m&uuml;&szlig;te, wo das Interesse f&uuml;r jeden
+Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht
+nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage:
+&quot;woher? wohin?&quot; Und nicht nur Narren warten auf Antwort.</p>
+
+<p>Ich will versuchen nachzuweisen, da&szlig; es auf diese Frage eine leidlich
+befriedigende Antwort gibt. N&auml;mlich aus der unumst&ouml;&szlig;lichen Wahrheit
+heraus, da&szlig; die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich
+antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus
+vorangegangenen Irrt&uuml;mern entsprungenen Frage gegen&uuml;ber ist sie, die
+G&uuml;tige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verbl&uuml;fften und
+verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett
+gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die
+sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten m&ouml;gen. Fragt
+man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding
+ist, das aber trotzdem vielleicht &uuml;berall und ewig ist, so mu&szlig; die
+Antwort eine kindliche, n&auml;rrische und t&ouml;richte sein. Und doch ist es ein
+Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache f&uuml;r Unz&auml;hlige: die Seele
+sitze im Gehirn! Pr&uuml;fen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich
+halten l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Es ist Tatsache, da&szlig; viele unserer seelischen F&auml;higkeiten, z.B. die
+Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten
+Bezirkes des Gehirns; da&szlig; Geruch, Geschmack, Gesichtssinn,
+Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind
+durch Verletzung oder organische Zerst&ouml;rung ganz umschriebener, oft nur
+pfenniggro&szlig;er Teile unseres Gehirns.</p>
+
+<p>Es kann nimmermehr bestritten werden, da&szlig; diese Teile den Mechanismus
+bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch
+unz&auml;hlige, untr&uuml;gliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am
+Krankenbett, ist festgestellt, da&szlig; ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine
+Seele einfach nicht vorhanden ist.</p>
+
+<p>Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre
+geschlossen, da&szlig; Gehirn- und R&uuml;ckenmark der Sitz aller seelischen
+Funktionen sein m&uuml;sse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der
+Beobachtung st&auml;ndige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer
+Funktionen. Es w&auml;re eine Torheit, an diesen Tatsachen zu r&uuml;tteln, aber
+die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung
+vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer
+zugeh&ouml;rigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, da&szlig;
+diese Stelle des Gehirns allein diese F&auml;higkeit produziert. Es kann
+vergleichsweise die Durchschneidung eines B&uuml;ndels von Telephondr&auml;hten
+einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch
+bleibt die Zentrale unber&uuml;hrt. So k&ouml;nnte auch das Sehen, das Sprechen,
+das H&ouml;ren und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion
+scheinbar verletzenden L&auml;sionen der sogenannten Zentren k&ouml;nnten nur
+zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nerv&ouml;ser T&auml;tigkeiten
+treffen, welche ihre unz&auml;hligen letzten Ursprungsquellen weit &uuml;ber das
+Gehirn verstreut haben k&ouml;nnten. Diese &Uuml;berlegung ist von gro&szlig;er
+Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erkl&auml;rt wird, warum solch
+Verlust des Sehens, H&ouml;rens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht
+immer ein dauernder ist. Denn es ist unumst&ouml;&szlig;lich wahr, da&szlig; Hunde, denen
+man das &quot;Sehzentrum&quot; herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder
+sehen &quot;lernten&quot;, und es mu&szlig; ein schlechter Beobachter sein, dem nicht
+auffiele, da&szlig; Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche
+Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch
+die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln,
+verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation&mdash;die Leitungen (wohl
+gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus
+diesen und zahlreichen anderen Gr&uuml;nden hat man die Theorie der
+Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der
+Universalit&auml;t der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede
+Ganglienzelle durch &Uuml;bung schlie&szlig;lich zu jeder Funktion wesentlich und
+stellvertretend herangebildet werden kann, so da&szlig; also nach dieser
+Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen
+Funktionen anzusprechen w&auml;re. Mir scheint es, als wenn in der
+Lokalisationslehre nur die Zettelchen von <i>Lavater</i> und <i>Gall</i>, die
+diese auf das Sch&auml;deldach klebten, allzu k&uuml;hn nunmehr auf das Gehirn
+selbst aufgedr&uuml;ckt w&uuml;rden, da&szlig; also keineswegs der Nachweis
+lokalisierter Seelent&auml;tigkeiten irgend etwas &uuml;ber den Sitz dessen, was
+wir Seele nennen, aussagen k&ouml;nnte. Sagt man aber nun: so ist eben das
+Gehirn und R&uuml;ckenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann
+geh&ouml;rt zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und
+nerv&ouml;sen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem
+kleinen Finger, wie in der Nase.</p>
+
+<p>Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, f&uuml;r welche man Herde im
+Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was
+wir gemeinhin &quot;Seele&quot; nennen. Dazu geh&ouml;rt vor allem die ganze Skala der
+Allgemeingef&uuml;hle, Lust, Schmerz, Gem&uuml;t, Phantasie, Logik, Willenskraft
+usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises
+daf&uuml;r erbracht, da&szlig; auch diese, wesentlich seelischen Funktionen
+irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder
+R&uuml;ckenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das
+Gehirn, das doch der Herr der Gef&uuml;hle sein soll, in sklavischer
+Abh&auml;ngigkeit von jeder Verdauungsst&ouml;rung, vom Stoffwechsel des &uuml;brigen
+Leibes, von St&ouml;rungen und rein vitalen Ver&auml;nderungen aller Art. Wenn man
+nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge fa&szlig;t, da&szlig; z.B. das
+Herausschneiden der gesamten Schilddr&uuml;se, welche um die Luftr&ouml;hre
+gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen
+w&auml;re, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall
+sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allm&auml;hlich die
+Hirnfunktion erlischt, so erf&auml;hrt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele
+im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Sto&szlig;. Ebenso wie also
+irgendein Zentrum n&ouml;tig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch
+dringend der Schilddr&uuml;sensaft vonn&ouml;ten. Also auch hier, in einer Dr&uuml;se,
+sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.&mdash;Ferner:</p>
+
+<p>Wenn wirklich alle Eindr&uuml;cke, die man empf&auml;ngt, zu den Gehirnganglien
+geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und
+Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die f&uuml;nfzehn
+Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch
+Tausende von Au&szlig;enweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr
+durcheinander brausen, als w&uuml;rden die Tasten einer Orgel alle
+gleichzeitig niedergedr&uuml;ckt? Das ist nur m&ouml;glich durch Hemmungsvorg&auml;nge,
+welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so da&szlig;, wenn eine
+Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist
+im Innern des Sch&auml;dels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich
+auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind.
+Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also
+unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die
+Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellent&auml;tigkeit ist, so w&auml;re das
+Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nerv&ouml;se
+Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes
+oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden
+wird.</p>
+
+<p>Ich selbst bin der Begr&uuml;nder einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und
+Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem
+Blutsaft und dem Herzen, so da&szlig; ich hier zum Bekenner eines alten
+Volksbewu&szlig;tseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche
+menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher
+Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur
+h&ouml;hnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollg&uuml;ltigsten Beweise
+daf&uuml;r erbracht, da&szlig; das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert
+und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was f&uuml;r den
+elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als gr&uuml;ne Seidenh&uuml;lle um
+den Kupferdraht bekannt, darstellt.</p>
+
+<p>Es w&uuml;rde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis
+erbringen, da&szlig; ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenf&auml;den und
+Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein St&uuml;tzger&uuml;st, an dem
+die Nervenzellen ranken. Es ist f&uuml;r mich unumst&ouml;&szlig;lich, da&szlig; die mit
+Blutsaft gef&uuml;llte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abh&auml;ngigen
+Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erw&auml;hne
+ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, da&szlig; unm&ouml;glich das
+Gehirn und R&uuml;ckenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele
+bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der
+Traum, die Narkose als aktive T&auml;tigkeit der Seele verst&auml;ndlich, wie ich
+das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bem&uuml;ht habe, erst mit ihr
+wird die Phantasie, das Unterbewu&szlig;tsein, die Lehre von den Affekten und
+Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann
+wird es ganz und gar hinf&auml;llig, der Seele einen bestimmten Wohnort im
+Leibe zuzusprechen, dann ist sie &uuml;berall bei uns zu Haus, in den Nerven,
+in dem Blute, in den Dr&uuml;sen, in dem Sonnengeflecht, und wird von
+unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit
+des Gehirns.</p>
+
+<p>Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele f&uuml;r sich; in der Republik, dem
+Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe
+bilden, hat jeder winzige, mikroskopische B&uuml;rger einen Hauch der
+belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die
+Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat f&uuml;r sich
+zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur
+ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als
+Thronsessel der K&ouml;nigin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer
+Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines
+Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser
+ebenso zugeteilt werden m&uuml;ssen, wie diesen Pr&auml;tendenten einer angema&szlig;ten
+Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der
+Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die
+Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die
+K&uuml;nstler formulieren, f&auml;llt die Frage nach seiner Seele von selbst
+zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle
+Probleme, und hier m&uuml;ndet eben die Frage nach der Seele ein in das gro&szlig;e
+R&auml;tsel des Lebens &uuml;berhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel
+wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke &uuml;ber die Seele ist eins
+mit dem Gedanken &uuml;ber das Leben.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="INSTINKT_UND_SPIEL"></a><h2>INSTINKT UND SPIEL</h2>
+<br>
+
+<p>Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen
+Sp&uuml;rsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der
+sch&ouml;pferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein
+armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines
+dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des
+Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl
+der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Kr&ouml;nung des
+Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine
+beantwortet den Reiz, den ausl&ouml;senden Ansto&szlig; stets in derselben Weise,
+zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der
+lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willk&uuml;r, eine Freiheit. Aus
+einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an
+solche Zellen ist das h&ouml;chste, wie das niedrigste Leben gekn&uuml;pft; denn
+geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtk&auml;fers nicht
+minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies!
+Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis
+zur Feinf&uuml;hligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der
+menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der <i>Nervus
+Sympathicus</i>, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der
+Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation
+chaotischer Bewegungsm&ouml;glichkeiten. Nach ihm kam R&uuml;ckenmark und
+Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein
+Geringerer als Goethe sah, da&szlig; das Sch&auml;deldach ein entwickelter Wirbel
+sei, und die H&uuml;lle mu&szlig;te sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der
+R&uuml;ckenmarks&auml;ule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte.
+Dessen j&uuml;ngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres
+Bewu&szlig;tseins. Ein jeder von uns tr&auml;gt also in sich die organischen
+Niederschl&auml;ge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe f&uuml;r Stufe
+aufsteigend alles das bewu&szlig;t, was jetzt unbewu&szlig;t, automatisch gleichsam
+&quot;von selbst&quot; sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische
+Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien
+unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewu&szlig;ten Gehirnteilen
+mu&szlig; also ein sich selbst &uuml;berlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester
+Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gef&uuml;hle stammen, die wie
+dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele.
+Diese fernen, unterbewu&szlig;ten Triebkr&auml;fte, das Resultat der Daseinsk&auml;mpfe
+aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit
+dem Namen &quot;Instinkt&quot; belegen.</p>
+
+<p>Wahl also, das bewu&szlig;te Gef&uuml;hl, so oder so zu handeln, steht dem &quot;Mu&szlig;&quot;
+gegen&uuml;ber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewu&szlig;tsein
+entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ <i>Kants</i>, das
+Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorw&auml;rts
+gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, da&szlig;
+wir entwicklungsf&auml;hig (&quot;vorbildlich&quot; Kant) werden k&ouml;nnen, andernfalls
+wir als lebens- und entwicklungsunf&auml;hig abzutreten haben vom Schauplatz
+des immer spielenden Dramas: Leben.</p>
+
+<p>Wir verm&ouml;gen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen
+Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein
+organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewu&szlig;t
+denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens
+anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist.</p>
+
+<p>Um ein Bild aus der Elektrizit&auml;t zu geben,&mdash;wir denken und sinnen mit
+willk&uuml;rlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte
+aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und
+Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu n&ouml;tigen
+Anschl&uuml;sse sind ein f&uuml;r allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie
+sind in den H&auml;nden einer abgeschlossenen Hemmung.</p>
+
+<p>Wenn wir dem ebengeborenen S&auml;ugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust
+erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen;
+wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich
+seine Pupille: das Getriebe der nerv&ouml;sen Reize hat keine andere Wahl, es
+mu&szlig; die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise
+ausl&ouml;sen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angew&ouml;hnten Reize stets
+dieselben Bahnen entlang durchlaufen m&uuml;ssen, weil alle anderen
+M&ouml;glichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die
+Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer
+Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die
+zweckm&auml;&szlig;igste und immer wiederkehrende f&uuml;r uns erlernt haben. Die
+automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als
+die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgem&auml;&szlig;esten herausgestellt, und
+sie geh&ouml;ren zu dem definitiven Bestande unseres nerv&ouml;sen
+Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer
+dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nerv&ouml;se
+Nebenleitungen unm&ouml;glich machte. Da&szlig; wir niesen, erbrechen, lachen
+m&uuml;ssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind
+zwingende Beweise f&uuml;r die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus
+definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten
+Wasserstrahl, das Verschluckenm&uuml;ssen selbst gef&auml;hrlicher Gegenst&auml;nde
+(M&uuml;nzen, Gebisse, Gr&auml;ten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben,
+der Lidschlu&szlig; bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit h&ouml;chster
+Willenskraft nicht hemmen k&ouml;nnen, weil das Spiel der Kr&auml;fte eben f&uuml;r
+diese Aktionen unab&auml;nderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter,
+aber irrt&uuml;mlicher Glaube, da&szlig; man unser ganzes Seelenleben in dieser
+Weise meint aufl&ouml;sen zu k&ouml;nnen in die eine Frage nach den
+Reflexbewegungen. F&uuml;r weniger elementare und kompliziertere Handlungen,
+f&uuml;r unser Gedankenspiel und f&uuml;r unsere Empfindungen kommt eben noch ein
+anderes, uns die Freiheit des Willens aufn&ouml;tigendes Etwas hinzu. Liegt
+vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es
+unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen
+lassen und habe dabei stets das Gef&uuml;hl ganz freier Wahl, zu tun, was mir
+beliebt. Gegen&uuml;ber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das
+Gef&uuml;hl der Freiheit, mich f&uuml;r dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu
+entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize
+nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb.</p>
+
+<p>Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei
+Quellen: Aus einer bewu&szlig;ten, kontrollierbaren und aus einer nicht
+kontrollierbaren, unter- oder unbewu&szlig;ten Ausl&ouml;sung von Reizen. Antriebe,
+deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns
+beherrschen, nennen wir &quot;Instinkte&quot;. In zwei gro&szlig;e Gruppen, denke ich,
+sollte man die Instinkte, die unterbewu&szlig;ten Antriebe zur Handlung
+einteilen: In solche, welche uns &uuml;berkommen sind, aus fr&uuml;heren Stufen
+der Entwicklung, welche also gewisserma&szlig;en R&uuml;ckschlagtriebe aus einer
+fr&uuml;heren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der
+unaufhaltsamen Vorw&auml;rtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen.</p>
+
+<p>Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden
+(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus,
+d.h. sie k&ouml;nnen die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener
+Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese
+ausgel&ouml;sten Willensaktionen k&ouml;nnen uns pers&ouml;nlich n&uuml;tzlich oder
+sch&auml;dlich sein, sie k&ouml;nnen aber auch f&uuml;r die Entwicklung der Menschheit
+als Ganzes f&ouml;rdernd oder hindernd, also erhaltungsgem&auml;&szlig; oder
+entwicklungshemmend sein.</p>
+
+<p>Wo k&ouml;nnte der Seelenforscher f&uuml;r das &Uuml;berkommene und Eingeborene tiefere
+Z&uuml;ge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen,
+dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber
+ist des Kindes tiefste Bet&auml;tigung? Das Spiel, dieses f&uuml;r die
+Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig,
+so mu&szlig; ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das
+oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch
+Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen
+Worten: Die Geschichte der Menschheit mu&szlig; sich gedr&auml;ngt, konzentriert,
+im Wesensabdruck wiederholen in den Lebens&auml;u&szlig;erungen des jungen B&uuml;rgen
+f&uuml;r die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es mu&szlig; also am Geborenen
+funktionell das fr&uuml;here Geschehen in gro&szlig;en Z&uuml;gen bemerkbar sein! Und
+ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem hei&szlig;en Triebe
+Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser
+umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverst&auml;ndlichen
+Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, K&uuml;hen, Schafen und
+Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim
+Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem mu&szlig; sich der Gedanke
+aufdr&auml;ngen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein
+sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen l&auml;ngst in ihm schlummernder
+Gef&uuml;hle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja
+selbst den Hang zu L&uuml;ge und Betrug, so f&auml;llt es uns wie Schuppen von den
+Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von
+unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer
+Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewi&szlig;: hier pr&auml;gte die formende Hand der
+Entwicklung F&auml;higkeiten und Gel&uuml;ste vor, die nun wie eine
+Zwangsvorstellung, wie ein stetes M&uuml;ssen die Willensaktion wie zugeboren
+zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Z&auml;hlt man nun die
+dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie,
+ein Talent der letzte markante Ausl&auml;ufer in Generationen vorge&uuml;bter
+F&auml;higkeiten war, so mu&szlig; man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als
+das Kind und seine Seele, da&szlig; es Triebe und Instinkte gibt, welche wie
+Reproduktionen, R&uuml;ckschl&auml;ge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der
+Stammesvorfahren sich geradezu aufdr&auml;ngen. Der daseink&auml;mpfende Urmensch
+<i>mu&szlig;te</i> Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, K&auml;mpfer sein, er
+mu&szlig;te List, L&uuml;ge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung
+gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur
+wahrlich n&auml;her, als ein Gro&szlig;stadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und
+zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld,
+Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit
+eiferger&ouml;teten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Bl&uuml;mlein
+pfl&uuml;cken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern,
+seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die H&auml;ndchen
+heben&mdash;man mu&szlig; es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen
+des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses
+Wiedererkennen, dieses Zugeh&ouml;rigkeitsgef&uuml;hl zu der umgebenden Natur und
+zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verl&auml;&szlig;t nun auch den
+aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende
+Leben neue, erst zu bew&auml;ltigende Aufgaben an uns stellt und ganz
+allm&auml;hlich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken
+l&auml;&szlig;t in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber
+doch die W&auml;rme, Licht und Glanz strahlenden Quaderz&uuml;ge im abgelagerten
+Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines
+Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung
+l&auml;ngst entzogenen Urgef&uuml;hle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm
+Ha&szlig; und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, b&ouml;sen und guten L&uuml;sten mag
+ferner in der Tiefe des Unterbewu&szlig;ten seine unversch&uuml;ttbaren Quellen
+haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gef&uuml;hl der
+Disharmonie gegen allen Bestand des &Uuml;berlieferten, in welche uns eine
+Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns
+mahnt uns, da&szlig; wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen
+r&uuml;tteln k&ouml;nnen, was alle V&auml;ter vor uns aufgebaut!</p>
+
+<p>Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie dr&auml;ngt unaufhaltsam an
+gegen die hemmenden M&auml;chte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser
+Vorw&auml;rtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder
+vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen f&uuml;r die
+nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte
+nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel daf&uuml;r,
+wie m&auml;chtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und
+um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Gesch&ouml;pfe, Maschinen,
+Werkzeuge, Kr&auml;fte nach einem in sich selbst gef&uuml;hlten Ebenbilde! Er
+spinnt ein Netz gleichsam nerv&ouml;ser, elektrischer Verbindung von
+Menschengehirn zu Menschengehirn &uuml;ber die ganze Erde, er durchfliegt
+Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht
+und W&auml;rme und neue Kr&auml;fte liefern, und h&auml;lt im bewegten Bilde
+(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt sp&auml;teren Generationen die
+Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem
+klassischen Zeitalter, Zeugen unerh&ouml;rten Gestaltens, und unser Trieb
+ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden
+Ansturm der aufsteigenden, aufw&auml;rtsf&uuml;hrenden Instinkte die Probleme des
+Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosit&auml;t, der Ehrfurcht, der
+Behaglichkeit, des sich Gen&uuml;geseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr
+schnell vorw&auml;rts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine
+Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte
+sind im Kampf mit den erworbenen. M&ouml;glich, da&szlig; an diesem Konflikt die
+moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, da&szlig; auch
+diese Triebe eben einr&uuml;cken k&ouml;nnen in den definitiven Bestand des zu
+&Uuml;berliefernden. W&auml;re das nicht der Fall, so w&auml;re der Weg der Kultur ein
+einziger gro&szlig;er Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen
+Probleme f&auml;hig sind, zu dauernden Instinkten sich einzuf&uuml;gen in den
+Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als
+eines auf der Erde dauernd lebensf&auml;higen Organismus garantiert.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="TEMPERAMENT"></a><h2>TEMPERAMENT</h2>
+<br>
+
+<p>Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige
+Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrt&uuml;mer sind, welche
+leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so
+gibt es auch &uuml;berkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch
+haften, je irrt&uuml;mlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung
+verdanken. Ja f&uuml;r viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit
+schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen
+sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn
+verbinden. Und doch mu&szlig; man erstaunen, wie oft bei weiterer
+Fortentwickelung unserer Kenntnisse schlie&szlig;lich solchen alten
+Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von
+derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Sch&ouml;nheit man
+oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von
+ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die
+&quot;Elemente&quot;, der &quot;&Auml;ther&quot; der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der
+physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizit&auml;t geworden
+sind. Man sieht daraus, da&szlig; die Wissenschaft die &uuml;berlebten Worte
+gebrauchen kann wie alte H&auml;user, die man nur modern einzurichten
+braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort &quot;Temperament&quot;
+verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der
+Saftmischungslehre war man der Ansicht, da&szlig; die Temperatur des K&ouml;rpers
+abh&auml;ngig sei von dem &Uuml;bertritt gewisser S&auml;fte ins Blut. Rotes
+Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier
+Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung
+ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebr&auml;uche erinnern
+noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen
+Lehre, d.h. der Lehre von der Erkl&auml;rbarkeit aller Krankheitszust&auml;nde aus
+Blutver&auml;nderungen. Das &quot;gallige Blut&quot;, die &quot;versetzten H&auml;morrhoiden&quot;,
+der &quot;zur&uuml;ckgetretene Salzflu&szlig;&quot;, der &quot;nach innen geschlagene Ausschlag&quot;,
+die &quot;nicht herausgekommenen Masern&quot; usw. sind solche noch lange nicht
+ausgestorbenen, ein bi&szlig;chen Wahrheit bergenden Schlagworte.</p>
+
+<p>So haben des alten <i>Galen</i> vier Kardinals&auml;fte (Blut, Schleim, schwarze
+und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger
+spezifischer Blutw&auml;rme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des
+melancholischen, cholerischen, noch heute ihren d&uuml;nnen,
+wissenschaftlichen Schimmer von tats&auml;chlichem Verhalten, nicht weil sie
+einen Tatbestand ausdr&uuml;cken, sondern weil dem Kenner der menschlichen
+Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den
+offenen Blick f&uuml;rs Wesen des Menschenherzens nicht zu tr&uuml;ben vermochte.
+Nicht allzu selten ist derjenige ja der st&auml;rkste Wissenschaftler, dem
+der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand
+nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der z&uuml;ndenden Suggestivkraft
+eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in
+der Psychologie.</p>
+
+<p>Ist es also ganz sicher falsch, da&szlig; das &Uuml;berwiegen des roten Blutes, des
+Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist
+es doch unstreitig richtig, da&szlig; die Zust&auml;nde der wechselnden
+Erregbarkeit unseres &quot;Blutes&quot; ganz gut sich in diese vier kardinalen
+Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der
+Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerbl&uuml;tigkeit, seine Einteilung
+der Menschen in Warm- und Kaltbl&uuml;tige, kommt der Wahrheit schon recht
+nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der
+gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren Schnelligkeit der Ausl&ouml;sung unserer Grund- und
+Stimmungsgef&uuml;hle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache
+des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf &quot;leichtsinnig&quot;
+und &quot;schwerf&auml;llig&quot;, &quot;gutm&uuml;tig&quot;, &quot;schwerm&uuml;tig&quot;, &quot;hitzk&ouml;pfig&quot;,
+&quot;Feuergeist&quot; und verschieben den Vorgang richtiger auf Zust&auml;nde der
+Gesamtstimmung einer Seele.</p>
+
+<p>Dieser Widerspruch w&uuml;rde schwer zu &uuml;berbr&uuml;cken sein, wenn nicht die in
+diesen Bl&auml;ttern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des
+Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als
+eines Stromregulators, hier kl&auml;rend eingriffe. Wir wollen sie an dieser
+Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein
+Orientierungsorgan f&uuml;r die Au&szlig;en- und Innenwelt. Diese Orientierung
+geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewu&szlig;te
+oder unterbewu&szlig;te Vorstellungen, Empfindungen, Impulse ausl&ouml;sen. Dem
+Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Ma&szlig; gesetzt,
+vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den
+Ganglienapparat best&uuml;rmen, sondern hintereinander ausgel&ouml;st werden.
+Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen
+vermittels eines st&auml;ndig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem
+Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. W&auml;re in unseren
+wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am
+Werke, so m&uuml;&szlig;ten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen
+Organen der Sensibilit&auml;t auftreten, und statt einer tastenden
+Orientierung w&uuml;rde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie
+entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie qu&auml;lend es sein m&uuml;&szlig;te, zwei
+Gedanken von gleicher St&auml;rke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr
+w&uuml;rde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur m&ouml;glichen
+Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitma&szlig; unser Bewu&szlig;tsein v&ouml;llig
+aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht,
+Orientierungsunf&auml;higkeit mit absoluter Sicherheit &uuml;berall da auftreten,
+wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgef&auml;&szlig;e ihre
+rhythmische &Uuml;berflutung &uuml;ber das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, da&szlig;
+eine fahle Bl&auml;sse des Gesichts solche Zust&auml;nde anzeigt, weil die
+Gef&auml;&szlig;nerven alle solche Betriebsst&ouml;rungen mit Krampf und folgender
+Blutentleerung beantworten. Da&szlig; das Gehirn an diesen Blutleerezust&auml;nden
+tats&auml;chlich teilnimmt, kann man bei Operationen an er&ouml;ffnetem Sch&auml;del
+direkt beobachten. Da sieht man auch, da&szlig; im Schlafe das Gehirn ganz
+entgegengesetzt der bisher landl&auml;ufigen Meinung blutvoll ist und da&szlig;
+diese Blutf&uuml;lle umschl&auml;gt in Bl&auml;sse, sowie der Betreffende erwacht. Das
+konnte man bei einem Kinde mit entbl&ouml;&szlig;tem Gehirn viele Male beobachten,
+d.h. Blutf&uuml;lle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. H&auml;lt
+man dazu die Tatsache, da&szlig; alle Zust&auml;nde des erh&ouml;hten Blutgehaltes des
+Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewu&szlig;tseinsst&ouml;rungen im Sinne
+der Schlafhemmung begleitet sind, so dr&auml;ngt sich ein Gedanke auf, der
+f&uuml;r die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergr&ouml;&szlig;ter
+Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und
+Schwerbl&uuml;tigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande
+ist. N&auml;mlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einflu&szlig;
+auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist n&auml;mlich die
+Nervent&auml;tigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen &auml;hnliche
+Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar,
+ableitungs- und zuleitungsf&auml;hig, d.h. beeinflu&szlig;bar im h&ouml;chsten Ma&szlig;e durch
+die Natur der eingeschalteten Widerst&auml;nde. Nun wissen wir, da&szlig; um die
+Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein
+Fl&uuml;ssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und zwar
+in dazu vorgebildeten R&auml;umen. Wir wissen ferner aus direkten
+Beobachtungen am Widerstandsmesser f&uuml;r elektrische Str&ouml;me, da&szlig; das Blut
+und die Bluts&auml;fte hemmende Kraft besitzen. Darum mu&szlig; das mit dem Blute
+in Verbindung stehende H&uuml;llgewebe der Nervenzellen ein
+Nervenstromeind&auml;mmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden
+also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle
+ein- und ausgeschaltet, und Anschl&uuml;sse sind nur da m&ouml;glich, wo im Spiel
+der Gef&auml;&szlig;muskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den
+Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschl&uuml;sse dann unm&ouml;glich,
+wenn die L&uuml;cken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gef&uuml;llt sind. Das
+dieses Entleerungs- und F&uuml;llungssystem beherrschende Organ ist die
+Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner
+Neurogliatheorie.</p>
+
+<p>An der Hand dieser &Uuml;berlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einflu&szlig;
+des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der
+Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der
+Nervenelemente von Natur starke Widerst&auml;nde einschaltet, weil eben ein
+solcher Saft eine Fl&uuml;ssigkeitss&auml;ule darstellt, durch welche nur
+schwerf&auml;llig elektrische Entladungen stattfinden k&ouml;nnen, so hat der
+Tr&auml;ger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam
+aufnehmendes, schwerbl&uuml;tiges, erst nach vielfachem Anprall z&uuml;ndendes
+Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchst&auml;blich eine ein
+bi&szlig;chen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter
+Durchschlagbarkeit f&uuml;r die elektroiden Spannungszust&auml;nde im
+Nervensystem, so w&uuml;rde sein Tr&auml;ger leicht empf&auml;nglich, schnell
+ausl&ouml;send, schnell kombinierend, leichtbl&uuml;tig, sanguinisch sein.</p>
+
+<p>Da h&auml;tten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir
+Temperament nennen: Temperament ist ein Ma&szlig; f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ere oder
+geringere Schnelligkeit der Ausl&ouml;sbarkeit und der Anschlu&szlig;f&auml;higkeit der
+Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedr&uuml;ckt: Temperament ist
+Sache der Widerstandsf&auml;higkeit gegen Eindr&uuml;cke. Man kann also als gewi&szlig;
+annehmen, da&szlig; jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels
+dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger
+schnell Reize, Impressionen, Eindr&uuml;cke, seelische Attacken aller Art
+verarbeitet, und da&szlig; dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in
+gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine
+andere N&uuml;ance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses
+Widerspiel zwischen Erregung von Nervenstr&ouml;men und dem Widerstand,
+welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also,
+was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, da&szlig; dieser
+Zustand nur ein im gro&szlig;en und ganzen konstanter sein kann, weil ja der
+Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man
+begreift sofort, da&szlig; es ein absolutes Gleichma&szlig; des Temperamentes nicht
+zu geben vermag, da&szlig; wir heute morgen melancholisch und nachmittags
+sanguinisch sein k&ouml;nnen, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung
+unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein mu&szlig;, und da&szlig; hier der
+Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an
+Sauerstoff oder Kohlens&auml;ure, die Beimengung fremder Substanzen, alles
+Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln k&ouml;nnen, auch von Einflu&szlig; auf
+das Dynamometer unseres Temperamentes sein m&uuml;ssen. Wir begreifen nun
+auch leicht, warum ein bi&szlig;chen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen,
+schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen
+Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten
+Str&ouml;men eminent erleichtert ist, und es ist verst&auml;ndlich, da&szlig; man die
+Gifte alle einteilen k&ouml;nnte nach dem psychologischen Prinzip der
+gr&ouml;&szlig;eren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im
+Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen
+Bestandteile zum Gehirn tr&auml;gt und hier die &Auml;nderungen der
+Nervenanschl&uuml;sse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Au&szlig;engifte
+(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte
+(Harns&auml;ure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber)
+geliefert sein. Man sieht gerade durch gesch&auml;rften Blick f&uuml;r das
+Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im
+Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis zueinander stehen.</p>
+
+<p>Nur mu&szlig; man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen.
+Kompliziert wird die Sache dadurch, da&szlig; das Spiel der gr&ouml;&szlig;eren oder
+geringeren Zufuhr von hemmungsf&auml;higen S&auml;ften au&szlig;er von dem Pulse auch
+vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht
+wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird
+von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen
+und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat
+eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als
+den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung
+aufzufassen. In ihm, in seinen &uuml;berall ausgedehnten Geflechten, welche
+den ganzen K&ouml;rper durchsetzen, wie ein Urgehirn f&uuml;r sich, das schon
+alles in sich tr&auml;gt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren
+erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch
+unserer Allgemeingef&uuml;hle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder
+Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden
+durch die Strahlenaktivit&auml;t der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes
+in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso besch&auml;ftigt ist,
+wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormolek&uuml;le oder an der
+Geburtsst&auml;tte der Saatk&ouml;rner f&uuml;r die unz&auml;hligen, vielleicht nie
+geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob
+lebensfroh zur Entwicklung und zur Sch&ouml;nheit dr&auml;ngend, oder d&uuml;ster auf
+Vernichtung, Ha&szlig; oder Verneinung gr&uuml;belnd, das ist nat&uuml;rlich daf&uuml;r
+entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser
+Kr&auml;fte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und
+ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt.
+Das ist auch die Erkl&auml;rung, warum man schlie&szlig;lich ganzen Familien,
+Sippen und V&ouml;lkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben
+kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser
+Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und
+Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt,
+bestimmend ist f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ere oder geringere F&uuml;lle, mit der eben der
+eind&auml;mmende Blutsaft die Hirnzellen umsp&uuml;lt.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="TIERSEELE_UND_MENSCHENSEELE"></a><h2>TIERSEELE UND MENSCHENSEELE</h2>
+<br>
+
+<p>F&uuml;r die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig
+gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte
+Sache, da&szlig; der Mensch ein h&ouml;her organisiertes Tier, da&szlig; er gewisserma&szlig;en
+nur die letzte, erhabene Kr&ouml;nung des Lebens sei, hervorgegangen aus den
+unendlich mannigfaltigen Formungen und Ab&auml;nderungen, welche die
+Widerst&auml;nde des Daseins auf die vorw&auml;rtstreibende, dem Leben nun einmal
+anhaftende Gestaltungskraft ausge&uuml;bt haben. Die hohen Geistesgaben, so
+meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft
+in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen &uuml;berall auch im
+Tierleben t&auml;tiger Seelenkr&auml;fte; die Seele des Menschen sei also nur dem
+Ma&szlig; nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur
+quantitativ, nicht qualitativ). Da&szlig; die Naturforscher dieser Entthronung
+des bisher souver&auml;nen, v&ouml;llig unbestritten als Zentrum der Welt
+aufgefa&szlig;ten Menschengeistes die Feindschaft aller M&auml;nner des Glaubens an
+Gott und den g&ouml;ttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht
+wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur
+die Sch&ouml;pfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn
+behalten k&ouml;nnte, sondern es st&uuml;rzte auch rettungslos die jedem Einzelnen
+instinktiv innewohnende, &uuml;brigens uralte und noch lange nicht
+ausgestorbene &Uuml;berzeugung, da&szlig; der Mensch doch das Ma&szlig; aller Dinge sei.
+<i>Copernikus</i> gab mit seiner Einreihung der Erde als eines K&ouml;rnchen
+Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden
+Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, <i>Darwin</i> den
+zweiten Sto&szlig;: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung.</p>
+
+<p>Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem
+Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist l&auml;ngst ins Land der
+naturwissenschaftlichen M&auml;rchen gewandert: denn auch die Naturbibeln
+haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der
+Religionsb&uuml;cher.)</p>
+
+<p>Eine Sch&ouml;pfung aus dem Erdenklo&szlig; zwar auch, aber nicht mit einem Schlage
+aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch
+Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der
+Trieb zur Vermehrung, das &quot;Seid fruchtbar!&quot; immer als etwas
+Selbstverst&auml;ndliches ohne Erkl&auml;rung gelassen wird.</p>
+
+<p>Es ist schlechterdings unm&ouml;glich, den Entwicklungsgedanken in den
+Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendf&auml;ltigen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten,
+Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden
+mu&szlig;, da&szlig; der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den
+Sch&ouml;pfungsbegriff umst&ouml;&szlig;t. Bekanntlich war Darwin gottesgl&auml;ubig und mu&szlig;
+wohl angenommen haben, da&szlig; der schaffende Gott eben die langsame
+Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch
+das Sch&ouml;pfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich
+erschiene. Was dem gl&auml;ubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das
+Wunder der unendlichen Entwicklungs<i>m&ouml;glichkeit</i> des Lebens, der
+Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unersch&ouml;pflichkeit der
+Mittel zum Anpassen an unz&auml;hlige Widerst&auml;nde und geheime
+Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck<i>bewu&szlig;tsein</i> der sich
+vorw&auml;rts entwickelnden lebendigen Masse. Die Sch&ouml;pfung, die der
+Gottesmann im Herzen tr&auml;gt als <i>einmalige</i> f&uuml;r ihn denkbare M&ouml;glichkeit
+der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben f&uuml;r den Naturforscher
+st&auml;ndig f&uuml;r einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist
+eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden
+Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar un&uuml;berbr&uuml;ckbar,
+uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der
+Menschengeist als eine h&ouml;here Stufe Tiergeist definiert werden? Es m&ouml;ge
+mir erlaubt sein, einige Gr&uuml;nde beizubringen, welche gegen eine solche
+Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die
+Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nerv&ouml;sen Apparaten,
+welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine gro&szlig;e Anzahl
+Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche v&ouml;llig identisch
+arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle
+Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewu&szlig;ten
+oder unbewu&szlig;ten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die
+Mechanismen der Liebe und des Hungers&mdash;alle diese anatomischen und
+funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und
+Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und
+h&ouml;her entwickelt, manchmal&mdash;und das ist sehr bemerkenswert&mdash;auch in
+entschieden h&ouml;herer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der
+Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die
+Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und
+Pferdi<a name="F4BACK"></a><a href="#F4">[1]</a>. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen
+Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, da&szlig; von einem
+Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, da&szlig; es
+offenkundig genug ist, da&szlig; solche essentiellen (wesentlichen)
+Unterschiede in H&uuml;lle und F&uuml;lle bestehen, welche alle auf ein
+einheitliches Prinzip zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind. Der Unterschied wird
+bemerkbar zun&auml;chst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte
+beweisen, da&szlig; der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine
+Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitl&auml;ufe gr&uuml;ndlich
+ver&auml;ndert, da&szlig; er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen
+aktiv vorr&uuml;ckt, w&auml;hrend das Tier von Anbeginn seines Auftretens auf der
+Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel war, aktiv an
+seiner Lebensart nicht das geringste ge&auml;ndert hat. Nicht einmal
+Ortsver&auml;nderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben,
+Wohnungsverh&auml;ltnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten, aktiven
+Variationen erfahren.</p>
+
+<p class="note"><a name="F4"></a><a href="#F4BACK">Fu&szlig;note 1</a>: Ein Beispiel daf&uuml;r war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit
+zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile
+getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert.
+W&auml;hrend die Herren der Sch&ouml;pfung sehr bald abgeschleudert wurden,
+vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung
+&quot;auf dem Platz&quot; m&uuml;helos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe
+galloppierend zu halten.</p>
+
+<p>Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in
+historischen Zeiten konstant, w&auml;hrend ein &uuml;berirdischer Historiograph
+den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich
+f&uuml;r zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen w&uuml;rde. Ebenso
+stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug
+auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, w&auml;hrend der Mensch
+sein Verh&auml;ltnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung
+unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu gef&uuml;hrt hat, Herr von
+Tieren und von Naturkr&auml;ften zu werden, wovon bei Tieren in beiden
+Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. F&uuml;gen wir hinzu,
+da&szlig; bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewu&szlig;ten Kunst und bewu&szlig;ten
+Ethik (alle darauf bez&uuml;glichen Beispiele geh&ouml;ren in das Gebiet
+automatischer, reflektorischer Nervent&auml;tigkeiten, sind also Handlungen
+aus <i>Mechanismen</i>, nicht aus <i>Motiven</i> heraus), so meinen wir die
+hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und
+Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf
+beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede?</p>
+
+<p>Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so mu&szlig; mit dem Menschen eine
+durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es mu&szlig; mit ihm ein
+Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner
+Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil
+alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip
+m&ouml;glich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, da&szlig; wirklich das, was wir
+Menschenseele nennen, ein Ding f&uuml;r sich ist, ein metaphysisches,
+unerh&ouml;rtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat&mdash;eine
+Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein d&uuml;rfte als die eine denkbare
+M&ouml;glichkeit&mdash;so m&uuml;ssen wir zum Erfassen einer anderen M&ouml;glichkeit eine
+Hypothese einf&uuml;hren, welche vielleicht wahrscheinlicher und einf&uuml;gbarer
+in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens
+einer &uuml;bernat&uuml;rlichen Macht in den Ablauf der Dinge.</p>
+
+<p>Machen wir uns zuv&ouml;rderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum
+Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verbl&uuml;ffendste an dem
+Verh&auml;ltnis einer sch&ouml;pferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: da&szlig;
+sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele)
+geschaffen hat, die f&auml;hig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch
+Entwicklungen seelischer Kraft dazu gef&uuml;hrt haben, <i>da&szlig; die entwickelte
+Materie sich selbst begreift</i>. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu
+gebrauchen: Die Sonne w&auml;re der Quell aller Dinge, so best&uuml;nde das Wunder
+darin, da&szlig; die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer
+eigenen Sch&ouml;nheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So
+schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst
+und ihrer Gesetze allm&auml;hlich ganz bewu&szlig;t zu werden. Es k&ouml;nnte fraglich
+sein, ob dieses Wunder nicht <i>nur</i> auf der Erde und keinem anderen
+Gestirn geschehen ist, so da&szlig; die kleine Erde doch der geistige
+Mittelpunkt des Universums sein k&ouml;nnte, sein <i>einziger</i> Spiegel. Denn
+unstreitig ist der Mensch f&auml;hig, sich von der Gesamtnatur, von den
+letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus
+seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, da&szlig; jeder unserer
+Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein mu&szlig; wie eine
+vorbeifliegende Bleikugel, da&szlig; er sekund&auml;re Wirkungen haben kann, welche
+die gr&ouml;&szlig;esten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen
+usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen
+die Natur in der Hinzuf&uuml;gung der seelischen Kraft zur Entwicklung
+gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, da&szlig; eben diese Kraft der
+sich selbst bewu&szlig;te Geist des Sch&ouml;pfers ist, womit alle Forschung
+aufh&ouml;ren w&uuml;rde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger
+&uuml;bernat&uuml;rlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen
+F&auml;higkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu
+erkl&auml;ren.</p>
+
+<p>Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen T&auml;tigkeiten nicht
+ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser
+Aus&uuml;bungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer
+metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts &uuml;brig, <i>als der
+Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht
+beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben</i>. Diese neue Funktion ist die
+F&auml;higkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung
+von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in
+umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu
+werden. Auf dieser Funktion beruht unsere F&auml;higkeit, z.B. ein Pferd mit
+Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht
+nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im
+Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche
+Form und Bewegung eines tats&auml;chlichen Bildes entsteht, so ist der
+Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem
+funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem,
+was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen.</p>
+
+<p>Mit einem Worte: die <i>Phantasie</i>, als eine besondere Funktion der
+menschlichen Nervensubstanz erfa&szlig;t, ist es was den Menschen aus dem
+Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, da&szlig; man wohl sagen darf:
+gewi&szlig; ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist
+Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das h&ouml;chste
+Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu h&ouml;heren Wesen. Das letzte Tier
+der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch!</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="GLAUBE_UND_WISSENSCHAFT"></a><h2>GLAUBE UND WISSENSCHAFT</h2>
+<br>
+
+<p>Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zug&auml;nglichen im
+Weltganzen zu begreifen&mdash;diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame Quell
+alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende
+K&ouml;niginnen im Geisterreiche stehen sie sich gegen&uuml;ber und sind doch
+Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis&mdash;der
+Kausalit&auml;t&mdash;geboren, Glaube und Wissenschaft. Da&szlig; bisher nie ein
+ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren
+Vertretern m&ouml;glich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja
+bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um
+die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige
+&Uuml;berzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die
+widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte
+Gesetzm&auml;&szlig;igkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben
+Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen
+Falle zu einer unverr&uuml;ckbaren Einstellung unserer logischen T&auml;tigkeiten
+auf einen bestimmten Zentralpunkt f&uuml;hren, der in der Art zwingender
+Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlu&szlig;folgerungen darstellt?
+Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie rei&szlig;t den einzelnen in
+unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat
+infekti&ouml;se Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise
+unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer
+Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erl&ouml;senden
+Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden
+Begriffes sein?</p>
+
+<p>Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so
+geh&ouml;rt ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und
+Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so
+und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer n&ouml;tige
+Resonanzfl&auml;che zu schaffen. Das geschieht, &quot;wenn die Zeit gekommen&quot; ist,
+wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des
+organischen Saatfeldes vorbereitet ist f&uuml;r den neuen Keim.</p>
+
+<p>Das Aufd&auml;mmern neuer Kombinationen von Ganglient&auml;tigkeiten in einem
+Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlu&szlig;bereiter,
+bisher nicht durchleuchteter Gebiete w&uuml;rde verl&ouml;schen wie eine
+Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewu&szlig;tseins der Mitlebenden, wenn
+nicht im Stillen gleichm&auml;&szlig;ig eine Z&uuml;ndfl&auml;che in mitgeborenen Gehirnen
+geschaffen w&auml;re; wie es ja oft genug geschehen ist, da&szlig;
+entwicklungsgem&auml;&szlig;e Gedanken erst Jahrhunderte sp&auml;ter ein tragf&auml;higes
+Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese
+Z&uuml;ndkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die
+Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichm&auml;&szlig;ig
+herangediehen ist an die letzte, entscheidende Ausl&ouml;sung, die nur Einem,
+manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen &uuml;berraschend durch ihre
+Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet
+sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst
+Goethe gesagt hat: das Auge mu&szlig; sonnen&auml;hnlich sein, wenn es die Sonne zu
+sehen vermag, so f&auml;llt dieser Funke auch in nerv&ouml;se Systeme, welche
+spezifisch empf&auml;nglich sind f&uuml;r das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann
+in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist,
+weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des
+Ansteckungsstoffes vorangehen mu&szlig;. Formeln also, welche in der
+Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind
+deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen
+Anschlu&szlig;reiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von
+dem buchst&auml;blichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben
+richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu st&uuml;tzen, so
+kann man sagen, da&szlig; alles Objektive, alles sogenannte Allgemeing&uuml;ltige
+naturgem&auml;&szlig; einem Wandel unterworfen ist und da&szlig; das Objektive bei seinem
+erstmaligen Auftreten zun&auml;chst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h.
+etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende
+Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis
+eine noch zwingendere subjektive Kombination diese &quot;Wahrheit auf Zeit&quot;
+abl&ouml;st. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die
+Wissenschaft. In gro&szlig;en Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die
+Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das R&auml;tsel der Welt zu l&ouml;sen,
+in jedem Gl&auml;ubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache
+der Annahme dieser oder jener ihn ganz erf&uuml;llenden &Uuml;berzeugungen ist, so
+kann es nicht wundernehmen, da&szlig; eine gro&szlig;e Reihe von Parallelen sich
+aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und
+der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in
+beiden F&auml;llen handelt, so kann die Berufsf&auml;rbung, welche unab&auml;nderliche
+Vorg&auml;nge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um
+diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen.
+Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen
+Wissenschaftlern und Glaubensm&auml;nnern bis ins Einzelne durchf&uuml;hren, es
+m&ouml;ge gen&uuml;gen, auf einige naheliegende &Auml;hnlichkeiten hinzuweisen, um
+wieder einmal daran zu erinnern, wie m&uuml;&szlig;ig es eigentlich im Grunde ist,
+wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern
+gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten er&ouml;ffnet
+werden.</p>
+
+<p>Ich w&uuml;rde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft
+eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn
+nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spie&szlig;
+mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische
+Sch&auml;rfe nehmen k&ouml;nnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete:
+&quot;Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du
+nur den Gottesgedanken.&quot; Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese
+niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen w&uuml;rde, es bisher auch nicht
+m&ouml;glich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so mu&szlig; man zugeben:
+auf beiden Seiten ist ein gro&szlig;er Unbekannter, und je nach Temperament
+und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und
+symbolisiert und auf der anderen Seite mit k&uuml;hler Logik analysiert, was
+&uuml;brigens die Ehrfurcht nicht ausschlie&szlig;t. In beiden F&auml;llen aber ist eine
+gedachte, substituierte, der &auml;u&szlig;eren Erfahrung nicht zug&auml;ngliche, nicht
+beschreibbare, fa&szlig;bare und erkennbare Grundmacht der Urgrund aller
+Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit dem &Auml;ther,
+seine Erf&uuml;llung des Weltraumes an jeder Stelle etwas anderes als die
+Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher Formel? Ist das
+Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte
+Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung?</p>
+
+<p>Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft
+n&auml;hert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser M&ouml;glichkeit, so ist
+die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr au&szlig;er dem
+Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit
+der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte &Auml;hnlichkeit mit dem
+Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem
+Monismus eine auf viele Einzelkr&auml;fte aufgebaute Kraftlehre? Und
+weiter&mdash;der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die
+Gegen&uuml;berstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie
+und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen f&uuml;r funktionelle
+Vorg&auml;nge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt
+bleiben, mag Zufall und Wahl seine Tr&auml;ger nun zur Gemeinschaft von
+Priestern oder von Naturwissenschaftlern gef&uuml;hrt haben? Es ist eine
+nicht mehr zu bestreitende Tatsache, da&szlig; die Naturwissenschaft ebenso
+dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an
+Voreingenommenheiten, &Uuml;berlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben
+ein allgemein menschliches Hindernis f&uuml;r den Fortschritt, ganz gleich,
+ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben
+Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die P&auml;pste der
+Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche
+und sind es noch.</p>
+
+<p>Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die
+konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbr&uuml;der der
+Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am
+Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei,
+die Verketzerung anders Gl&auml;ubiger und tausend andere Menschlichkeiten
+hier wie dort.</p>
+
+<p>Alle diese Beispiele beweisen schlagend, da&szlig; die allgemein menschlichen
+Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger
+Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert
+werden k&ouml;nnen, da&szlig; die menschliche Seele als Funktion eine Einheit
+bedeutet, da&szlig; alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen m&uuml;ssen
+und da&szlig; im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda
+seiner Lehren nicht anders verf&auml;hrt als der Wissenschaftler. Nirgends
+wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich
+zwischen Priestern und &Auml;rzten, die beide als die praktischen
+Verwirklicher religi&ouml;ser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben.
+Es m&ouml;ge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet
+sein.</p>
+
+<p>Weniger die Priester als die &Auml;rzte d&uuml;rften erstaunt sein, wenn man den
+Nachweis versucht, da&szlig; diese beiden T&auml;tigkeiten tief im Wesen verwandt
+und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame F&uuml;rsorge um den
+Einzelnen, dort in seelischer, hier in k&ouml;rperlicher Beziehung; ein
+Vergleich, der sich geradezu aufdr&auml;ngt und nicht nur in der Forderung
+wurzelt, da&szlig; in jedem Arzt etwas Priesterliches sein m&uuml;sse, sondern viel
+mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und k&ouml;rperlich
+Notleidenden bei n&auml;herem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt
+in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers,
+der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tr&ouml;stet die Seele und
+hypnotisiert sie, rei&szlig;t sie hinweg mit den befreienden Ideen des
+Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im
+Reiche h&ouml;herer als irdischer M&auml;chte, psychologisch gesprochen, er erhebt
+die Seele &uuml;ber die Gegenwart mit der Suggestion einer gro&szlig;en Hoffnung,
+gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht
+mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit
+Morphium, Narkose und An&auml;stheticis eine funktionell der Hypnose ganz
+nahe stehende Bewu&szlig;tseinst&auml;uschung &uuml;ber den Zustand der Gegenwart. In
+dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch
+Gedanken&uuml;bertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen
+Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht
+verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben m&ouml;chte. Verfasser
+hat den Versuch unternommen, f&uuml;r die Narkose, f&uuml;r die Schmerzlosigkeit
+Prinzipien aufzustellen, welche auch f&uuml;r die Giftwirkungen die Ausl&ouml;sung
+physikalischer Vorg&auml;nge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der
+Bewu&szlig;tseinseinschl&auml;ferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der
+physikalischen Hirnhemmung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt zu haben, so da&szlig; einem Menschen
+auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, f&uuml;r den
+Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser
+beruhigender Medikamente: in beiden F&auml;llen geschieht ein Appell an
+denselben Mechanismus: Eind&auml;mmung, Einengung, Blendung, Hemmung des
+Bewu&szlig;tseins. Was Priester und Arzt gro&szlig; und m&auml;chtig macht, ist dasselbe:
+die starke, suggestive Kraft ihrer Pers&ouml;nlichkeit, welche in beiden
+F&auml;llen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde
+nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion,
+der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht
+allein im religi&ouml;sen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich
+begr&uuml;ndet, sondern bedarf in beiden F&auml;llen der Zutat tiefgreifender
+Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele &ouml;ffnet f&uuml;r den
+Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung mu&szlig;
+von beiden gleicherma&szlig;en belebend in das Dunkel der verzagten Seele
+ausstrahlen. Wie oft ist die fromme L&uuml;ge, die Heiligung der Mittel durch
+den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen &Auml;rzten
+vorgeworfen worden, und welchen Arzt g&auml;be es, der um ein St&uuml;ck &quot;frommer&quot;
+L&uuml;ge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumk&auml;me? Nein, ganz
+gewi&szlig; ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu
+nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewu&szlig;t
+und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensm&auml;nner in gerechter
+W&uuml;rdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich
+die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von
+dem &quot;Lourdes&quot; der Gl&auml;ubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein
+Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines
+Abla&szlig;zettels f&uuml;r S&uuml;nden des Genu&szlig;es, hat nicht die Medizin immer noch
+den alten, psychologisch auch tief begr&uuml;ndeten Brauch, hier und da
+Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gl&auml;ubige
+pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung,
+die hier vergebene S&uuml;nde im folgenden Winter reichlich nachholen zu
+k&ouml;nnen!</p>
+
+<p>Die Medizin kennt P&auml;pste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so
+stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten
+sind dagewesen, wo wissenschaftliche &Uuml;berzeugungen die Herrschergewalt
+von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und
+Andersgl&auml;ubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An
+die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts
+ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott,
+das Abr&uuml;cken, das Verfehmen, das in modernen Zeitl&auml;ufen, nur scheinbar
+schonender, dem &quot;Protestanten&quot; den Strick oft genug gedreht hat. Die
+Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik,
+Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf
+gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.&mdash;</p>
+
+<p>Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer
+Anwendung Wissenschaft und Glaube ber&uuml;hren, so ist ihre Verkettung in
+ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die
+Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme
+genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in
+psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden d&uuml;rfte von dem Gef&uuml;hl
+der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch
+mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets
+ein Staunen &uuml;ber den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand
+gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die
+durchforschte Au&szlig;enwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die
+tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der sp&uuml;rende Spaten auch reicht,
+&uuml;berall wird er auf Granit des Unergr&uuml;ndlichen im letzten Sinne sto&szlig;en
+und wird, falls er gerecht ist und f&auml;hig, die Probleme psychologisch zu
+begreifen, in h&ouml;chster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich &uuml;ber
+undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er
+wei&szlig;, da&szlig; Dinge des Gem&uuml;tes und der Phantasie weder zu st&uuml;tzen noch zu
+widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des
+wissenschaftlichen und des religi&ouml;sen Denkens, die sie beide der Kunst
+n&auml;hert: die Phantasie. Ohne sie g&auml;be es keinen neuen, fruchtbaren
+Gedanken, ohne sie w&auml;re aber auch kein Glaube m&ouml;glich. Dieser sch&ouml;pft
+aus den Tiefen des Gem&uuml;tes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird
+eine Wissenschaft das religi&ouml;se Empfinden ausl&ouml;schen k&ouml;nnen, nie aber
+auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich
+entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein
+fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der k&uuml;hnsten Gedanken der
+Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggl&auml;ubiger Kircheng&auml;nger sein.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="RAUSCH"></a><h2>RAUSCH</h2>
+<br>
+
+<p>Rausch&mdash;welch ein wunderbares, eine F&uuml;lle tonmalerischer Ankl&auml;nge in
+sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkw&uuml;rdigster und
+tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans
+Ohr, die an ein sch&auml;umendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein
+im Sturme zitterndes Bl&auml;ttermeer gemahnen, &auml;hnlich wie ein diskretes
+Parf&uuml;m von Veilchen die dazu geh&ouml;rige Wiese und den Wald, Himmelsblau
+und Freiheitsgef&uuml;hl der Seele aufzun&ouml;tigen vermag. Wie treffend, ja
+ersch&ouml;pfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand,
+der den &quot;Rausch&quot; bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden,
+direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die
+kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun verm&ouml;chten. Woher
+stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgr&uuml;ndige Weisheit,
+da&szlig; sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche
+die gr&uuml;belnde Wissenschaft auf m&uuml;hsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu
+entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, da&szlig; unsere
+Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische
+Projektion psychologischer Vorg&auml;nge im inneren R&auml;derwerk der Seele nach
+au&szlig;en. F&uuml;rwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer
+Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre
+Sch&auml;tze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel
+der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter
+kleinster Teilchen, m&ouml;gen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des
+Grases, schwingende Saiten der &Auml;olsharfe oder die zitternden
+Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns,
+sein.</p>
+
+<p>Wer doch einen Blick hinein tun k&ouml;nnte in den feinmaschinellen
+Pr&auml;zisionsbetrieb der f&uuml;nfzehn Millionen schwingender, webender,
+gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da
+hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines
+vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines <i>Goethe</i>, eines
+<i>Helmholtz</i>, eines <i>Beethoven</i> ebenb&uuml;rtig w&auml;re! Wer nur, wie der
+denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in
+seine Tr&auml;ume sehen k&ouml;nnte&mdash;dem w&auml;re alles, alles klar! Denn, was nutzt
+es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in
+feinste Scheibchen zu zerschneiden&mdash;im lebendigen Spiel, in jauchzender
+Arbeit, im Rausch des Lebens m&uuml;&szlig;ten wir es schauen, wollten wir den
+ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gef&auml;&szlig; erhabenster
+Gedanken &uuml;berblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift
+zu einer Werkstatt gar f&uuml;r Menschenfl&uuml;gel durch das Reich der Luft, an
+ihrer Spitze die Elektrizit&auml;t, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial
+und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten
+Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang
+durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.&mdash;Da h&auml;ngen
+die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem
+Maschennetz, so zart, da&szlig; Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder
+Ankerketten sind; wie feinste Tr&auml;ubchen im Spalier, wie Windenbl&uuml;ten am
+Drahtgitter sind sie ausges&auml;t und senden aufleuchtend ihre
+Feuerstr&auml;hlchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene
+Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Au&szlig;enweltreizen
+oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufh&auml;ngeschn&uuml;rchen r&uuml;hrt, dann
+blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die
+gibt's jetzt n&auml;mlich auch), zittern und machen es wie die Sender und
+Empf&auml;nger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen,
+irgendeine Form der Milliarden M&ouml;glichkeiten von Bewegungswellen, von
+Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen
+Vorg&auml;ngen au&szlig;erhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der
+Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher
+Sandk&ouml;rnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann wei&szlig; es die Seele: der
+Menschenfinger hat eben etwas gl&uuml;hend Hei&szlig;es gefa&szlig;t, 5000
+Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die
+Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend f&uuml;r blitzschnelles
+R&uuml;ckw&auml;rtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet
+der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter
+liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle
+in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: hei&szlig;e
+Ofent&uuml;r, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, &ouml;l aufstreichen, zum
+Doktor gehen!</p>
+
+<p>Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so
+und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des
+Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die K&ouml;nigin der Seele,
+die Phantasie, aus den Himmelsr&auml;umen herniedersteigt, denn nur vom Geist
+der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberf&uuml;llhorns in
+die Menschenseele tr&auml;ufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von
+Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen
+und Verl&ouml;schen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz
+&auml;hnlich wie eben geschildert, nur da&szlig; hier das Spiel innerlich vom
+Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder
+l&ouml;sender Erinnerungen erregt wird.</p>
+
+<p>Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier
+geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd
+durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, w&auml;hrend 1000 Zellen
+&quot;Stiefel&quot; leuchten, k&uuml;nden andere &quot;Mondkalb&quot;, &quot;Schweinebraten&quot;, &quot;Fis
+dur&quot;; die Finger- und Armkr&auml;ne zucken, die Beinregister wirbeln
+durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die
+Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals,
+ohne die fliehenden Dinge fassen zu k&ouml;nnen&mdash;das Struwwelpeterbild eines
+berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, &auml;hnlich wie an
+einer pl&ouml;tzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem br&uuml;llenden,
+zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die
+Hemmungen, die in der Elektrizit&auml;tszentrale wie im Gehirn die Ordnung
+garantieren, sind kaput. So w&uuml;rde der Bescheid eines kundigen
+Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion) hat
+n&auml;mlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material
+(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches
+Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der gro&szlig;en Pumpstation
+aller S&auml;fte und Kr&auml;fte, dem Herzen, her. Je nach F&uuml;llung und Entleerung
+dieser Berieselungsh&uuml;llen der Nervenkn&ouml;tchen in Gehirn und R&uuml;ckenmark
+sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder
+Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, da&szlig; man immer so
+weit ausholen mu&szlig;, wenn man Fachgelehrsamkeit popul&auml;r machen will; die
+dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen,
+bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der
+Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer
+Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln,
+-pl&auml;tschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Bl&auml;ttchen
+im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere
+Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam
+anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen
+her mit dem Alkohol. Die kleinen, anf&auml;nglich vom Willen des ganz
+vern&uuml;nftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend
+solid zu sein, noch gut beschr&auml;nkbaren Dosen des mehr Leiden- als
+Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen
+Gezweigen des Blutgef&auml;&szlig;systemes auch die letzten, kleinen, feinen
+Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme Beimengung l&auml;&szlig;t
+die Gef&auml;&szlig;nerven ihre F&uuml;hler einziehen, die Gef&auml;&szlig;r&ouml;hrchen werden enger
+und damit die Ganglien austauschbereiter,
+anschlu&szlig;(assoziations-)l&uuml;sterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser
+eben noch ganz in seiner W&uuml;rde eingekapselter Tischgeno&szlig; wird merkw&uuml;rdig
+lebhaft, spricht fl&uuml;ssiger als sonst, ihm f&auml;llt auch wohl gar eine
+h&uuml;bsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, &uuml;ber die er beinahe
+selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude r&ouml;ter wird als
+sonst; das gibt ihm ein Gef&uuml;hl von Huttenscher Lust, zu leben, obwohl
+ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser
+Lebensfreuden&uuml;berschu&szlig; gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht so
+zimperlich zu sein, dem sch&ouml;nen Stoff mal kraftvoll auf den Leib zu
+r&uuml;cken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher wird, sein
+&quot;ungehemmter&quot; Geist schwebend leicht &uuml;ber H&ouml;h'n und Tiefen aller
+Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender
+Sch&ouml;nheitsinnigkeit; das alles macht die mit den &quot;Einzeldosen&quot; steigende
+Anschlu&szlig;f&auml;higkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind durchl&auml;ssiger
+geworden, sie spr&uuml;hen sich Welle um Welle zu, in lustig h&uuml;pfendem Tanz,
+indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden Schwanz der
+munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von
+Kontaktm&ouml;glichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort hei&szlig;t)
+gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht unseren
+Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender;
+Selbst&uuml;bersch&auml;tzung, Renommiersucht, Gr&ouml;&szlig;enwahn verderben die geistige
+Atmosph&auml;re.</p>
+
+<p>Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gef&auml;&szlig;nerven,
+welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil,
+in L&auml;hmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainager&ouml;hrchen um,
+und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser l&auml;chelnder, jauchzender
+Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum t&auml;ppischen M&uuml;llersknecht
+mit tr&auml;gster, langsamster, bl&ouml;dester Telephonleitung. Die &Auml;uglein
+blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und k&uuml;ndet nur noch die
+bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt sinkt und
+endlich&mdash;ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht mit jenem
+unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die
+Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende
+Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgel&ouml;scht,
+Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit
+fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut
+des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewu&szlig;tseins verwiesen.</p>
+
+<p>Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen
+Exzentrizit&auml;ten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das
+Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. hei&szlig;t. Ja, die Herkunft
+des Alkohols schon f&auml;rbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch
+gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen
+Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist
+&uuml;brigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch
+etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte,
+anhaften bleibt, so da&szlig; in der berauschten Seele des Menschen sich etwas
+von der Heimat der Tr&auml;nke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So
+haben Haschisch und Morphiumtr&auml;ume immer etwas Orientalisches in ihren
+Motiven, und der Kartoffelspiritus verr&auml;t pommersche Derbheit und Kraft
+nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs
+Schaumwein seinen perlenden Geist.</p>
+
+<p>Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserh&ouml;hung,
+Anschlu&szlig;leichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich
+ganz &auml;hnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes,
+als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die
+brausenden, rauschenden Wellen einer vollaust&ouml;nenden, &uuml;bermenschlich
+sch&ouml;nen Sprache, in das glei&szlig;ende Spiel einer geistspr&uuml;henden
+Gedankenkunst, in das s&uuml;&szlig;e Wogen und Wiegen einer hinrei&szlig;enden Melodik
+und Harmonie? Im Mittelma&szlig; schwingt meine Seele, aber die extremen
+Rhythmen rei&szlig;en sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn
+jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Allt&auml;glichen von meiner Seele
+rei&szlig;t, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur
+Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Bl&auml;tter meiner
+sch&ouml;nen M&ouml;glichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich
+durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie
+auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir gl&uuml;hende Nebel von Sonnen der
+Kleopatra, die ohne des K&uuml;nstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir
+ihren mystischen Spiegel erhalten h&auml;tten, sie gibt mir Farbensymphonien,
+die mit mir vielleicht h&auml;tten sterben m&uuml;ssen, wenn nicht eines
+Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall
+gemacht h&auml;tte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen,
+exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen
+meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den sch&ouml;nen, von
+weicher Hand gespendeten Ber&uuml;hrungen und Streichelungen bis zu dem des
+Auges, das sch&ouml;ne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen
+des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt&mdash;immer dasselbe
+daseinf&ouml;rdernde Lustgef&uuml;hl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen,
+schmelzender Erstarrung. Da t&ouml;nt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft
+schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt
+Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus
+goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert,
+der sonnenw&auml;rts gerichteten Seele gereicht werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Seid von der Sch&ouml;nheit dieser Welt berauscht&mdash;das ist wohl die beste
+Lehre eines K&auml;mpfers gegen den Teufel Alkohol!</p>
+
+<p class="poem">Treibt mein Blut ein Himmelswirbel?<br>
+Zukunft steigt aus V&ouml;lkerschmerz,<br>
+Ewiges aus Lebensglut,<br>
+Menschheit, dir geh&ouml;rt mein Herz!<br>
+(Franz Evers)</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="DIE_MUSIK_ALS_ERZIEHERIN"></a><h2>DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN</h2>
+<br>
+
+<p>Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, da&szlig; der ganze
+gro&szlig;e Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die
+alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer
+Nervenf&auml;den und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen,
+kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist
+zweifellos der Tr&auml;ger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange
+bleiben. Ist doch die ganze gro&szlig;e, geistig-humane Idee der sozialen
+F&uuml;rsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres
+Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz
+des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle
+umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem gl&uuml;cklich &uuml;berwundenen
+Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem
+Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen dr&auml;ngte, sie,
+welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so
+scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit
+l&auml;ngst &uuml;berstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene,
+die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und l&auml;ngst in
+ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese K&ouml;nigin des
+Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der gro&szlig;en
+Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst, diesem
+einst so m&auml;chtigen W&auml;rmfeuer menschlicher Gem&uuml;ter und
+Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, da&szlig; ihre sch&ouml;n gewirkten
+Fahnen schlaff am Maste h&auml;ngen, w&auml;hrend ein frischer Wind dem stolzen
+Schiff der Technik alle Segel f&uuml;llt? Wohl ist es eine Zeit der fast
+g&ouml;ttlichen Verehrung gro&szlig;er K&uuml;nstler, die nicht einmal immer den
+Vergleich mit ihren gr&ouml;&szlig;eren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der
+Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten
+als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflu&szlig;te, unserem Willen und
+Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und &uuml;berstrahlt alles.
+Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, da&szlig; auch in der
+modernen Kunst das technische &quot;Wie?&quot; fast alles ist. Das ist nirgends
+offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele
+am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten
+werden, da&szlig; wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer vertr&auml;umten,
+gef&uuml;hlsinnigen und gr&uuml;belnden Seele&mdash;vielleicht gerade deshalb&mdash;das
+musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit
+uns bisher konkurrieren um den Preis der gr&ouml;&szlig;ten Leistungen, der
+ewigsten Werke der t&ouml;nenden Kunst, dieser F&auml;higkeit, von Seele zu Seele
+zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die
+wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem
+geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Sch&ouml;nheit des wirkenden
+G&ouml;tterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen k&ouml;nnten. Die
+Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des
+Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten.
+In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Flu&szlig;, der Friede
+der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer
+ihrer schwebenden Akkorde.</p>
+
+<p>Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles
+Naturerscheinen ist ihr ausdr&uuml;ckbar. Jedem Menschenschicksal, jedem
+Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist
+wie ein allen F&uuml;hlenden gemeinsamer, dem H&ouml;chsten und dem Geringsten
+offener Tempel, in dem ein Glaube verk&uuml;ndet wird, vor dem ohne
+Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer
+himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist
+wie eine unbewu&szlig;te, stille friedliche Einigung &uuml;ber alles Zwiesp&auml;ltige
+von Menschenbrust zu Menschenbrust.</p>
+
+<p>Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher
+Besitz von etwas &Uuml;berirdischem, wie ein verstecktes St&uuml;ckchen
+Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines g&ouml;ttlichen Wanderers &uuml;ber
+irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein
+K&ouml;stlichstes bewahrt&mdash;wie sollte man nicht bedauern, da&szlig; die Art, wie
+man heutzutage die Musik zu etwas unerh&ouml;rt K&uuml;hnem, k&uuml;nstlich
+Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem
+emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu
+entfremden!</p>
+
+<p>Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen,
+so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache
+des Gef&uuml;hls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst
+schlie&szlig;lich ein Bildungsvorrecht der Beg&uuml;terten, einer kleineren
+Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der
+Seele der gro&szlig;en Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem
+Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere
+urspr&uuml;nglichsten, innigsten Empfindens, mu&szlig; sie auch Eigentum des Volkes
+bleiben.</p>
+
+<p>Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der K&uuml;nste und Wissenschaften
+ist die Siegeslaufbahn der Musik. W&auml;hrend alle anderen Zweige geistiger
+Kultur, alle anderen K&uuml;nste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel
+der Klassicit&auml;t aufzusteigen, durchma&szlig; sie, diese empfindsame
+Interpretin einer Logik des sch&ouml;nen Gef&uuml;hls, den Zeitraum ihres
+Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die
+erhabensten Menschheitsh&ouml;hen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine
+Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von
+Bach bis Wagner und welches &Uuml;bersch&auml;umen in unseren Tagen! Und das alles
+im schnellsten Tempo &uuml;berreichen Wachstums, so da&szlig; gleichsam im Umsehen
+die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen
+Domen und Pal&auml;sten emporw&ouml;lbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur
+pflegt auch den edelsten Gew&auml;chsen die Entartung zu drohen! War die
+Musik der alten Meister eine unpers&ouml;nliche Anbetung eines
+selbstgeschaffenen, nackten, sch&ouml;nen Weibes, so scheint man in der Zeit
+der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser G&ouml;ttin mit
+eitel Schmuck und bunten Gew&auml;ndern zu &uuml;bersch&uuml;tten. Den Kultus des
+Leibes l&ouml;ste ein Kultus der Trachten ab. Statt des sch&ouml;nen Gem&auml;ldes ein
+Chaos bunter, glei&szlig;ender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in
+vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln
+ingeni&ouml;ser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung
+frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundri&szlig; ist der
+Tr&auml;ger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken
+verdeckt die reinen Linien des innersten Gef&uuml;ges. Dieses &Uuml;berwuchern des
+Technischen in der Musik hat, so verbl&uuml;ffend die Resultate in bezug auf
+die Freiheit aller selbst&auml;ndig gef&uuml;hrten Stimmen (Polyphonie und
+Kontrapunktik) sein m&ouml;gen, eine gro&szlig;e Gefahr: die des Ausweichens der
+Musik auf das Gebiet tonmalerischer Ger&auml;usche! Das Exzentrische der
+verbl&uuml;ffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die
+Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets
+langsam nachr&uuml;ckenden Verst&auml;ndnis der breiten Massen vorl&auml;ufig viele
+Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage
+aufgeworfen werden, ob die moderne Musik &uuml;berhaupt Anwartschaft hat, bis
+zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verbl&uuml;ffen und
+hypnotisieren, fanatische Anh&auml;nger und unerbittliche Gegnerschaft
+erwecken&mdash;erw&auml;rmen, vertiefen, r&uuml;hren, ersch&uuml;ttern und das Heiligste in
+uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand,
+zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gem&uuml;t
+des H&ouml;rers, diese K&ouml;nige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit
+unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende,
+erhebende Kraft f&uuml;r das Volk hat.</p>
+
+<p>Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturstr&ouml;mungen unserer
+Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches
+Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die m&uuml;den Verfolgten
+jederzeit fliehen k&ouml;nnen und wo ihnen keine Macht der Erde kraft
+himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir
+keine M&ouml;glichkeit, den St&uuml;rmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen
+entgegenzusetzen, als die, dem nerv&ouml;sen Impuls unserer Zeit durch
+gesunde musikalische Gen&uuml;sse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht
+nur, da&szlig; die Irren&auml;rzte wissen, da&szlig; einfache Musik beruhigt und sanft
+stimmt, Illusionen zerst&ouml;rt und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat
+an sich schon dies innerliche Aufatmen der ge&auml;ngstigten Seele, dies
+Stillewerden der D&auml;monen vor den heiligen Kl&auml;ngen versp&uuml;rt. Wahrlich,
+gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen,
+beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen
+auf das Gem&uuml;t des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue
+einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden,
+die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es
+ist, als g&auml;be es in unserer Riesenstadt pl&ouml;tzlich Tausende, die der
+Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die
+Milit&auml;rmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man
+wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein
+Rattenf&auml;ngerlied an den Herzen rei&szlig;t und lockt zur willenlosen Nachfolge
+ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefa&szlig;t, ist die Musik eine
+Kulturmacht ersten Ranges, sie ist f&auml;hig, dem Gem&uuml;tsleben unserer Zeit
+eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie
+ist die gef&uuml;hlvolle, s&auml;nftigende Schwester der vorw&auml;rtsst&uuml;rmenden
+Technik.</p>
+
+<p>Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begr&uuml;&szlig;t werden,
+als die Absicht, den breitesten Volksmassen die M&ouml;glichkeit zu geben,
+gute Musikauff&uuml;hrungen zu genie&szlig;en. Man mag dar&uuml;ber streiten, ob die
+Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann
+nicht zweifelhaft sein, da&szlig; der Erziehungswert gerade der Oper f&uuml;r das
+Volk ungemein hoch einzusch&auml;tzen ist. Gewi&szlig;, es mag dem scharfen Denker
+unnat&uuml;rlich erscheinen, da&szlig; die dramatische Handlung durch Gesang, Ch&ouml;re
+und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verz&ouml;gert wird, aber liegt
+nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer
+eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen
+Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuh&ouml;rer die
+Seelenspannungen der Handelnden einzupr&auml;gen? Ist es nicht die beste Art,
+auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verst&auml;ndnis f&uuml;r alle
+Menschlichkeiten, f&uuml;r jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und
+dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper
+sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung &uuml;bertroffene
+Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor
+des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche F&uuml;lle von
+Volkst&uuml;mlichkeit sprie&szlig;t uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen!
+Wie unmittelbar verst&auml;ndlich aber auch repr&auml;sentiert sich der fremde
+Volkscharakter in der italienischen und franz&ouml;sischen Oper! F&uuml;r die
+breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell &uuml;beraus wichtige
+M&ouml;glichkeit, auf die angenehmste Art ein St&uuml;ck V&ouml;lkerpsychologie und
+Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen,
+phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unersch&ouml;pfliche F&uuml;lle
+von fruchtbaren Bildungsanst&ouml;&szlig;en erh&auml;lt. Mit der ganzen Zauberlockung,
+die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor
+dem Genie&szlig;enden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das
+universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem
+Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena
+aller K&uuml;nste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten
+erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkst&uuml;mlich blieb: im Lohengrin,
+Tannh&auml;user, Fliegenden Holl&auml;nder und dem deutsch-nationalsten Werke
+neben dem Faust: den Meistersingern?</p>
+
+<p>Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in F&uuml;lle, um ihr Amt als
+Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erf&uuml;llen. Gerade unsere
+deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen
+Kulturfaktoren unserer gro&szlig;en Zeit zu erringen.</p>
+
+<p>Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verr&uuml;ckenden
+Einflu&szlig; der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die
+Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen
+Verbl&uuml;ffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines
+Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die gro&szlig;e Oper noch viel
+mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle
+eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der T&ouml;ne
+zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des
+Besitzstandes der Musik von ihrer Heimst&auml;tte, der Volksseele. Wo sind
+die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm
+volkst&uuml;mlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon
+mit gleicher Selbstverst&auml;ndlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt
+wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, da&szlig; die schwerste
+Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen z&uuml;chtend,
+von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und
+Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend n&ouml;tig, eine
+heilsame R&uuml;ckkehr zur erprobten, altv&auml;terlichen Klassizit&auml;t dringend
+geboten. Wieviel Heil k&ouml;nnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich
+trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes m&uuml;&szlig;te sie
+bieten k&ouml;nnen, wenn sie den zirzensischen Vergn&uuml;gungen der Menge, den
+Vari&eacute;t&eacute;s, den Ausstattungsst&uuml;cken, den Ringk&auml;mpfen und anderen
+sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man m&uuml;&szlig;te ein schlechter
+Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, da&szlig; die Volksseele zwar leicht
+auf Irrwege zu f&uuml;hren, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten
+Sinne vom geraden Wege der Aufw&auml;rtsentwicklung abzubringen ist. So kann
+sie sich lange von verbl&uuml;ffenden &Auml;u&szlig;erlichkeiten blenden lassen, aber
+schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern.
+Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast &uuml;berf&uuml;llt, die
+Seele, das Gem&uuml;t in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in
+Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber k&ouml;nnte
+die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, gel&auml;utert,
+ger&uuml;hrt und auf menschliche G&uuml;te gestimmt werden, als vor dem Altar der
+Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Sch&ouml;nheit
+verk&uuml;ndet haben!</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="MUTTER_ERDE"></a><h2>MUTTER ERDE</h2>
+<br>
+
+<p>Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich
+hinauszogen vor die Tore, &uuml;ber die junggr&uuml;nende Heide hinweg, am
+Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub,
+haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das
+Fr&uuml;hlingsgr&uuml;n! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren
+oder die Nase, nicht blo&szlig; durch die Augen dringt, und so das Mark mit
+jauchzendem Optimismus f&uuml;llt! Etwas &quot;Betrinkliches&quot; mu&szlig;
+dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem
+Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie
+entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der
+Natur, als dem t&auml;glichen Umgang mit &quot;stofflichen&quot; Dingen. Dennoch war
+sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit
+ihrer bebrillten Detektivnase herausget&uuml;ftelt: es gibt im Chlorophyll
+(gr&uuml;nes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns &uuml;bergehen und
+sonderbar schwellende, prickelnde, s&uuml;&szlig;e Unruh schaffende Wellenkreise an
+unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten
+ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits
+vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf
+diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie
+aufgebaut, so da&szlig; man von nun an vorsichtig sein mu&szlig; mit Leutchen, die
+es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die
+Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzpl&auml;tzchen. Leuchtendes Dunkel,
+dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz,
+Reibungsleuchten, R&ouml;ntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und
+wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen
+Leuchtk&auml;ferchen der Natur alle benamst sein m&ouml;gen. Sie alle kann das
+arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der gro&szlig;e
+<i>Helmholtz</i> einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen,
+und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten
+Glasr&ouml;hren, in welchen elektrische Flammengarben spr&uuml;hen, von denen sich
+das unsichtbare Licht abst&ouml;&szlig;t wie Ru&szlig; von der Kohlenflamme (im
+R&ouml;ntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen
+weniger durchl&auml;ssig sind als die menschliche Netzhaut, und r&uuml;ckw&auml;rts
+sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend
+andere haben nun gelehrt, da&szlig; eigentlich alles, was ist, auf
+Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und da&szlig; die Reihe der Strahlen
+mit den sichtbaren Str&ouml;men von Glanz, welche die Sonne &uuml;ber unsern
+finstern Planeten ausgie&szlig;t, lange nicht abgetan ist, sondern da&szlig; eben
+auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht
+mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte
+Wellenbewegungen des &Auml;thers alles, was ist, auch das Leben, mit
+hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser
+Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unz&auml;hligen
+Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse
+anpeitscht, wie ein Wasserfall des M&uuml;llers Rad. Das Leben des Kosmos,
+der leuchtende Odem der Welt, &uuml;bertr&auml;gt sich auf die Materie in Gestalt
+rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in
+kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das
+Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuh&auml;ufen, um auch nachts und im
+Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im
+Gr&uuml;n der Pflanzen, im Rot des Blutes.</p>
+
+<p>Der gr&ouml;&szlig;te medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, <i>Ottomar
+Rosenbach</i>, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularstr&ouml;me bis
+ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die
+Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar
+vorausgesagt. &quot;Die reichlich flie&szlig;enden, unsichtbaren, feinsten Str&ouml;me
+der Au&szlig;enwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch
+somatischen Energieformen!&quot; Da haben wir des R&auml;tsels L&ouml;sung: Das Gr&uuml;n
+des Fr&uuml;hlings, der Glanz der Bl&auml;tter und Bl&uuml;ten, das Himmelsblau, das
+Spiel des Lichtes, sie alle haben &uuml;berall gleichsam hinter sich
+unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in
+die geheimen Werkst&auml;tten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und
+Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der
+Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die
+Triebkraft die im Meere gel&ouml;sten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff,
+Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall
+all ihrer Kr&auml;fte zusammengeschwei&szlig;t hatte, da gab die in erster
+Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft
+in der gleichen Form zur&uuml;ck. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen
+die Kiellinie seines Schiffes aufgl&uuml;hen im Fluoreszenzlicht des
+leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die
+Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle
+der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So
+gl&uuml;ht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von
+bestellender Hand aufgelockerten Erde im Fr&uuml;hling das Licht der Welt
+zur&uuml;ck. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim
+und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales
+Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen
+Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht
+Luna, die kalte, kraterstrotzende Sch&ouml;nheit ist die Gattin der Sonne,
+nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (&uuml;brigens schwerlich
+in Einehe lebenden) K&ouml;nigsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere
+nach <i>Fechner</i> durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und
+Kreislauf der Gew&auml;sser zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer
+Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren
+atmosph&auml;rischen Nebelschleiern &uuml;berall Wiegen und Brutst&auml;tten f&uuml;r
+ungez&auml;hlte Gesch&ouml;pfe tr&auml;gt, von denen die kleinsten nicht weniger
+Wundertr&auml;ger sind als die gr&ouml;&szlig;ten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen
+Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges
+Grab deiner Gesch&ouml;pfe, die vorgeschriebenen Kreise, h&uuml;llst dich ins
+hochzeitliche Gr&uuml;n und schl&auml;fst unter dem Linnen des h&uuml;llenden Schnees.
+Du reckst die Kuppen deiner Berge und die sch&auml;umenden Arme der See empor
+zu den Feuerstr&ouml;men deines Gebieters, und in deinen Tiefen und H&ouml;hen, in
+deinen Schl&uuml;nden, deinen H&uuml;llen gl&uuml;ht es all&uuml;berall von den
+Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott t&auml;glich aufs neue
+&uuml;berstrahlt.</p>
+
+<p>Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die
+wir dich niemals ganz in voller Sch&ouml;nheit sehen&mdash;denn eine Weltreise
+selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib&mdash;bist du
+an jeder Stelle die h&uuml;llende, liebende, pr&auml;gende Mutter! Denn unsere
+Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie
+erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns
+pr&auml;gt die Scholle, uns fesselt die Scholle und l&auml;&szlig;t uns nie mehr los mit
+tausend und abertausend F&auml;den, die aus dem Boden stammen. Welch eine
+geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres
+Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gem&uuml;tes.
+Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle
+den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein
+Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und
+Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine
+Lieder, seine Sehnsuchten abh&auml;ngig sind von dem Boden, der ihn geboren?
+Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und
+Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schlie&szlig;lich abstimmt
+auf eine biologische oder &auml;sthetische Einheit, die so klar hervortritt
+an den autochthonen Poeten der Heimat.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="UBER_GRUBCHEN_UND_FALTEN"></a><h2>&Uuml;BER GR&Uuml;BCHEN UND FALTEN</h2>
+<br>
+
+<p>Wer aufmerksam einem Portr&auml;tmaler bei der ersten Skizzierung eines
+menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig
+Linien eine &quot;schauende Hand&quot; n&ouml;tig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt
+einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig
+armselige Kohlenstrichelchen gen&uuml;gen, um die Wunder der Pers&ouml;nlichkeit
+auf das sch&auml;rfste und zwingendste zu umschreiben.</p>
+
+<p>Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen &uuml;ber
+dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der K&uuml;nstler tastend
+nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern
+rechnende Ausweichung, Verl&auml;ngerung oder Verk&uuml;rzung eine schon
+vollendete &Auml;hnlichkeit g&auml;nzlich &uuml;ber den Haufen werfen. Sonderbar: es
+sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien,
+Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen &uuml;ber den starren
+W&ouml;lbungen des Kopfskeletts, die die Pers&ouml;nlichkeit f&uuml;r das Auge
+blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer
+individualisierbaren Linien der kn&ouml;chernen Grundlage des Kopfes. Es ist
+ein eigent&uuml;mlicher, aber doch richtiger Gedanke: man w&uuml;rde ein geliebtes
+Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer
+Schar von Totenk&ouml;pfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin
+herauszufinden imstande w&auml;re. Auch wird zur Rekognoszierung der
+Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten
+Sch&auml;delma&szlig;e eines die kn&ouml;chernen Verh&auml;ltnisse ber&uuml;cksichtigenden
+Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte,
+mystische Tr&auml;gerin der Pers&ouml;nlichkeit, hat keine Gewalt &uuml;ber ihr aus
+Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit
+feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden
+Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare,
+stumpfleuchtende, h&uuml;llende Mantel des K&ouml;rpers, dies schmiegsamste
+nat&uuml;rliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner
+Muskelstr&auml;hnen, die auf das feinste und vielf&auml;ltigste die zarte Decke
+der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz
+des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie
+eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht
+unaufh&ouml;rlich spielt, oder der Spiegelfl&auml;che eines Sees, &uuml;ber den Wind,
+Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende,
+nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen
+Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen k&ouml;nnen,
+die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz
+ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in
+Qualen verzerrtes Antlitz erh&auml;lt, ist wohl nicht der Abglanz einer zum
+ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits&mdash;ach! wenn es doch so
+w&auml;re!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger
+Muskelspannungen, das sanfte Zur&uuml;ckgleiten aufgew&uuml;hlter Muskelwellen in
+die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es
+gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten
+Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel
+laufenden B&ouml;gen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln
+aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel
+treiben,&mdash;die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das
+Charakteristische, das Verr&auml;terische, das S&auml;nftigende oder das
+Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch
+Absto&szlig;ende oder den &uuml;berirdischen Liebreiz, das D&auml;monische oder das
+G&ouml;ttliche geben.</p>
+
+<p>Vor die starrenden H&ouml;hlen des grinsenden Sch&auml;dels breitete uns Natur
+eine weiche, zart get&ouml;nte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und
+Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und h&auml;ngend ihr
+Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Wei&szlig; des
+sehnigen Gewebes erh&auml;lt. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch
+dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche
+Modelleur ist das Fett, die F&uuml;llsubstanz, die Abrundung gebende Masse,
+die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus
+feinen, gelben Tr&auml;ubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische
+Substanz in der Hand der gr&ouml;&szlig;ten Bildnerin Natur. Die unendlich
+wandlungsf&auml;hige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als
+Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, da&szlig; das Gesicht
+oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion,
+allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und
+entleerungsf&auml;higsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten
+Z&uuml;ge der Wangen und der Gesamthaut beim pl&ouml;tzlichen Absinken der Kr&auml;fte
+im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im h&ouml;chsten Schmerz! Ohne da&szlig; ein
+Muskel zuckt, f&auml;llt der Tonus der Haut, das mittlere Ma&szlig; gesunder
+Spannkr&auml;fte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im
+psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die
+strotzende F&uuml;llung der Fett-Tr&auml;ubchen, und das hohle Polster entzieht
+der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich
+sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen &uuml;ber die
+physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser &quot;blauen
+Ringe der Venus&quot;. Die Lagerung der Aug&auml;pfel ist vom Gehalt der
+Augenh&ouml;hlen an Fett abh&auml;ngig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei
+Gram und Gr&uuml;beln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett
+die beiden Aug&auml;pfel abw&auml;rts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich
+Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenh&ouml;hle, die das
+dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des
+Zur&uuml;cksinkens der Aug&auml;pfel kann so momentan vor sich gehen, da&szlig; eine
+schwere Anstrengung, ein vor&uuml;bergehendes Ermatten des Herzens, ein
+Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die h&ouml;chste Wonne
+der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz
+pl&ouml;tzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein
+Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der
+Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge
+erkennbar machen. Wir verstehen also, da&szlig; ein Schwinden des Fettes z.B.
+im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen
+Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der
+nutzlose Kampf gegen Runzeln und Kr&auml;henf&uuml;&szlig;e w&uuml;rde nicht so verbreitet
+sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des
+Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilit&auml;t, nicht
+so verr&auml;terisch f&uuml;r die Zahl der Jahre w&auml;re, die &uuml;ber ein Antlitz ihre
+Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt
+des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren
+Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Da&szlig; hier ein feinerer
+seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall
+besteht, beweist, da&szlig; es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe
+ist, die Faltung und Runzelung verh&uuml;tet, weil das Alter ja im
+allgemeinen fett macht, sondern da&szlig; es eine gewisse Schwellbarkeit des
+Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die
+jung erh&auml;lt, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende
+Intensit&auml;t den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische
+Potenz nimmt.</p>
+
+<p>Und nun zu den Gr&uuml;bchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der
+Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der
+kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein k&ouml;nnen, so weich
+wie die von dem Flaum einer M&ouml;wen- oder Schwalbenbrust im Seesand
+eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Tr&auml;ubchen zu tun; sie
+sind nicht, wie ein Poet sagt, &quot;die frohen Tippstellen einer mit ihrem
+Werk zufriedenen Gotteshand&quot;, sondern sie sind an sich prosaisch genug
+Hauteinziehungen &uuml;ber Schmelzl&uuml;cken des inneren Fettgusses. Wo
+Muskelgruppen gegenseitig L&uuml;cken lassen, die nicht wie sonst durch die
+plastische F&uuml;llmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese
+kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum
+seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil
+diese Polsterl&uuml;cken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren
+unaufh&ouml;rliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben.
+Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches
+mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten
+Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist
+ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des
+mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten,
+huschenden Beschattungen des Gem&uuml;ts dem Seelenforscher verr&auml;terische
+Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und
+Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelb&uuml;ndel
+erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so
+komplizierte Mechanismen, da&szlig; es denkbar ist, da&szlig; zwei Menschen der
+Sprache entraten k&ouml;nnten, um sich &uuml;ber alles Wesentliche zu
+verst&auml;ndigen, und da&szlig; die M&ouml;glichkeit besteht, da&szlig; viele Tiere nur durch
+eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden
+Meinungsaustausch und Verst&auml;ndigung erzielen. Man denke an die mimische
+Nachahmbarkeit der Gesichtsz&uuml;ge bei Schauspielern, um sich ein Bild von
+der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird
+es doch immer wahrscheinlicher, da&szlig; die oft zu beobachtende &Auml;hnlichkeit
+miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen
+des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht.
+Und auch die &Auml;hnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag h&auml;ufig mehr
+funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten
+der Eltern lassen die Kinder &auml;hnlicher erscheinen, als sie es in
+me&szlig;baren Formverh&auml;ltnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich
+sind.</p>
+
+<p>Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung
+verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne
+&uuml;bertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdr&uuml;cke nach,
+auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So
+schreibt die Seele mit fl&uuml;chtigem Griffel ihre Neigungen, W&uuml;nsche und
+geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unsch&ouml;ne
+Z&uuml;ge durch hei&szlig;en Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus
+der Hand des G&ouml;ttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr
+in Gesichtern als in B&uuml;chern lesen lernen!</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="DAS_WUNDER_DER_WUNDHEILUNG"></a><h2>DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG</h2>
+<br>
+
+<p>Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die
+Gewohnheit. Sie versteht es, R&auml;tsel, Merkw&uuml;rdigkeiten und Probleme des
+Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so da&szlig;
+nur wenige von uns hinter ihren Kunstst&uuml;ckchen die M&ouml;glichkeit eines
+noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung
+vollkommen die Erkl&auml;rung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu
+begreifen, und Ph&auml;nomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon
+und Biograph, den Enkeln als die selbstverst&auml;ndlichsten Dinge von der
+Welt erscheinen. Dem gro&szlig;en Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht
+anders: Gewohnheit und Routine n&ouml;tigen uns eine Brille auf, die in dem
+Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten
+M&auml;chten, allen M&auml;rchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns
+vorbeisehen l&auml;&szlig;t. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewi&szlig; so
+sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das
+tr&auml;umerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergr&uuml;ndung sehns&uuml;chtige
+Gem&uuml;t in den Bann der &quot;Bed&uuml;rfnisse des praktischen Lebens&quot;
+zur&uuml;ckbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von
+merkw&uuml;rdigen Dingen, &uuml;ber die er anders zu denken, als es die Tyrannei
+&quot;allgemeine Ansicht&quot; mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl
+einen tief verborgenen Trieb versp&uuml;rt.</p>
+
+<p>So ist f&uuml;r die meisten die Tatsache, da&szlig; Wunden heilen, eine
+naturgegebene und selbstverst&auml;ndliche Eigenschaft des Lebendigen, &uuml;ber
+die es f&uuml;r die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als
+die Forschung Mittel und Wege verhei&szlig;t, den Ausgleich einer
+Gewebsdurchtrennung sich m&ouml;glichst schnell und gr&uuml;ndlich vollziehen zu
+lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgem&auml;&szlig; viel mehr, als das
+Problem der dabei ausgel&ouml;sten Kr&auml;fte: die geheime Spinnstube des
+Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren
+Zustand pr&uuml;fend abw&auml;gt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins
+Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem
+Ersatz des Verlorenen, <i>einem Versuch zur Unsterblichkeit</i>. Wenn er ein
+bi&szlig;chen K&uuml;nstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von
+der Ehrfurcht ber&uuml;hren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen
+T&uuml;ren naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist
+doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle
+vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das
+allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung,
+einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer
+aufs neue, auch ohne da&szlig; es &auml;u&szlig;erer Gewalt zum Opfer f&auml;llt: unsere
+Fingern&auml;gel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollst&auml;ndig neu
+erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4
+Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner K&ouml;rperoberfl&auml;che sein, die
+heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses
+klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere
+Seele f&auml;llt, wird immer neu gef&uuml;gt vom Rand her und immer neu geputzt
+vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen K&ouml;rper durchstreifen Millionen
+wandernder S&auml;em&auml;nner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte
+aller organischen Gebilde mit neuen Keimen &uuml;bersch&uuml;tten. So ist das
+Wunder des S&auml;ens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des
+Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am
+Werk. Die winzigen Handlanger dieser st&auml;ndigen Arbeit bei Tag und bei
+Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abk&ouml;mmlinge jener
+Wunderzellen, die eine r&auml;tselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das
+Dasein eines jeden von uns sprang: die Tr&auml;ger der erhabenen Idee der
+Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare
+Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis f&uuml;r die
+Unvernichtbarkeit des Lebendigen, f&uuml;r die kontinuierliche Erhaltung auch
+der kompliziertesten Kr&auml;fte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als
+der Nestor der Anatomen, der greise <i>K&ouml;lliker</i> in W&uuml;rzburg, als direkte
+&Uuml;berbleibsel des befruchteten Eies auffa&szlig;te, die sich zu Millionen
+Individuen, zu wei&szlig;en Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm K&ouml;rper
+vermehrt haben, springen nun &uuml;berall ein, wo es eine Neuarbeit, eine
+Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie k&auml;mpfen
+mit Bakterien, produzieren Heilk&ouml;rper, sie stillen die Blutungen durch
+Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten
+Geweben aus den gro&szlig;en Dr&uuml;senarsenalen der Verdauungsh&auml;fen zu, sie sind
+die Lasttr&auml;ger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und
+fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Ger&uuml;ste aufbauen und
+Ruinen abtragen, &uuml;berall gegenw&auml;rtig und immer bereit, aus den tausend
+Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen l&auml;&szlig;t,
+hinauszuschl&uuml;pfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner
+Hygieniker, Krieger und Friedensf&ouml;rderer zugleich. Wo organisches Leben
+sich erh&auml;lt und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese
+direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der
+Erg&auml;nzung des Verbrauchten. Diese F&auml;higkeit ist merkw&uuml;rdigerweise f&uuml;r
+die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine h&ouml;chst wechselnde, d.h.
+der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann,
+scheint in umgekehrtem Verh&auml;ltnis zur Auspr&auml;gung eines erh&ouml;hten,
+individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder
+Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle
+Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur
+Artrepr&auml;sentant ist, desto weiter geht die Ersatzf&auml;higkeit des
+Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen
+zugeh&ouml;rigen Teilen abgeschnittene F&uuml;hler, Beine und Scheren; Schnecken
+erhalten ganze Teile des Kopfes mit F&uuml;hlern und Augen wieder; Fische
+verm&ouml;gen die verlorene Schwanzflosse v&ouml;llig wieder auszubilden. Bei
+Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen
+verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des
+R&uuml;ckenmarks, ja bei jungen Eidechsen f&uuml;hrt seitliches Einkerben des
+Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen
+Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung
+&uuml;ber den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt.</p>
+
+<p>Es ist beinahe, als h&auml;tte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und
+Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr
+als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach sch&ouml;nere Augen
+einsetzen zu lassen.</p>
+
+<p>Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstqu&auml;lerischem Gr&uuml;beln
+&uuml;ber die eigene unzul&auml;ngliche Sch&ouml;nheit, kann mit diesen hohen Gaben der
+Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mi&szlig;brauch treiben.</p>
+
+<p>Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir
+erfahren, da&szlig; man den Schirm der gelatin&ouml;sen Meerqualle (Meduse) in
+beliebig viele St&uuml;ckchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes,
+neues Quallenindividuum hervorw&auml;chst, sofern nur an dem Torso ein St&uuml;ck
+des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, S&uuml;&szlig;wasserpolypen,
+Ringelw&uuml;rmer die F&auml;higkeit zeigen, aus zerst&uuml;ckelten Tr&uuml;mmern eines
+Individuums ebenso viele S&ouml;hne und T&ouml;chter zu bilden? Man denke an das
+in diesem Fall gl&uuml;ckliche Opfer des ber&uuml;hmten Schwert- und
+Schwabenstreichs&mdash;die zur rechten und zur linken herabgesunkene
+T&uuml;rkenh&auml;lfte h&auml;tte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar
+erhoben&mdash;wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied
+einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt w&auml;ren! F&uuml;r uns Warmbl&uuml;ter
+ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltbl&uuml;ter k&ouml;nnen sich also im
+Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enth&auml;lt in sich
+alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte Mensch
+so arm: die Narbe, diese r&ouml;tliche, sp&auml;ter grauwei&szlig;e Marke, dieses
+Kainszeichen eines Ungl&uuml;cks, einer von au&szlig;en wirkenden Gewalt, bei
+Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer
+Heldenhaftigkeit&mdash;dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige,
+womit im g&uuml;nstigsten Falle die Krone der Sch&ouml;pfung zum Ausgleich
+besch&auml;digter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser
+Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerst&ouml;rten, in diesem
+scheinbar so unvollkommenen Surrogat h&ouml;her organisierten Gewebes stecken
+so viele merkw&uuml;rdige, abgelaufene Prozesse, eine solche F&uuml;lle
+bildnerischer und zum Teil problematischer Vorg&auml;nge, da&szlig; es sich wohl
+auch f&uuml;r den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre
+Entstehung zu werfen. Wohl jeder tr&auml;gt irgendeine Narbe an sich, deren
+Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf.</p>
+
+<p>Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder rei&szlig;ender
+Gegenstand in unsere K&ouml;rpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung
+oder Durchtrennung die Oberfl&auml;che oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte
+edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt
+lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen R&uuml;ckenmarks,
+durch deren L&auml;sion das Leben wie an einem ge&ouml;ffneten Ventil ausstr&ouml;mt,
+stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden
+Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die &uuml;berall sind: Lymph-,
+Blutgef&auml;&szlig;e und das st&uuml;tzende Ger&uuml;st, die Bindesubstanz, in die s&auml;mtliche
+h&ouml;heren Organe, Dr&uuml;sen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn
+neben dem kn&ouml;chernen Skelett durchsetzt, h&auml;lt und st&uuml;tzt unsern K&ouml;rper
+ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich
+funktionierenden Substanzen aufgeh&auml;ngt sind. Dieses Maschennetz stellt
+zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgef&auml;&szlig;e und Nerven ihre Str&ouml;me zu
+den Zentralorganen hin- und zur&uuml;ckleiten. Diese drei Faktoren werden
+also &uuml;berall getroffen, wo die Kontinuit&auml;t des Gewebes gewaltsam
+durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher
+schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und
+sprungbereite W&auml;chter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht
+seinerseits das herausstr&ouml;mende Blut die eingedrungenen Sch&auml;dlichkeiten
+abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gel&ouml;ste
+Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte
+produzieren w&uuml;rden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes
+mit der Luft, beim Aufh&ouml;ren der gewohnten Ber&uuml;hrung mit der inneren
+Glasur der Gef&auml;&szlig;r&ouml;hren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert
+den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage f&uuml;r die
+Organisation der sp&auml;teren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den
+vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde
+klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die wei&szlig;en Blutk&ouml;rperchen aus,
+die dem zerrissenen und aufgew&uuml;hlten Mutterboden die neuen Saatk&ouml;rnchen
+zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufh&ouml;rlich, Zelle um Zelle des
+Mutterbodens, die Gef&auml;&szlig;h&auml;utchen, die Saftl&uuml;ckenauskleidungen, die
+Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des
+Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den
+F&uuml;hlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos
+vorw&auml;rtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten
+ber&uuml;hren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt
+trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis
+cellula e cellula, auf deutsch: Art schl&auml;gt sich zu Art, wie hier bei
+der Wundheilung. Allm&auml;hlich entwirrt sich das Chaos; was zu Gef&auml;&szlig;en
+geh&ouml;rt, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon
+angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gef&uuml;llt ist mit den
+roten und wei&szlig;en Ern&auml;hrungszwischenh&auml;ndlern, den Blutk&ouml;rperchen; das
+Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkr&auml;ftigen
+Spinngewebe zusammen, dessen Elastizit&auml;t gleichsam wie mit eingelassenen
+Stricken die Wundr&auml;nder st&auml;ndig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie
+einander n&auml;hert; die Nerven senden ihre F&uuml;hler kontinuierlich aus und
+finden sich sicher in dem Wirrwarr &uuml;bereinandergeh&auml;ufter Mauersteine
+zurecht.</p>
+
+<p>Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die H&auml;nde und
+bilden die Strebepfeiler des neugef&uuml;gten Lebens. Es legt sich
+Gef&auml;&szlig;kolben an Gef&auml;&szlig;kolben, Nervenb&uuml;ndel gegen Nervenb&uuml;ndel, und das
+immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene L&uuml;cken und
+Kan&auml;le, so da&szlig; schon in weniger als zehn Tagen, bei ungest&ouml;rter Heilung,
+Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung
+ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des
+provisorischen Gerinnsels her&uuml;ber und hin&uuml;ber rollen. Dar&uuml;ber deckt sich
+schlie&szlig;lich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem Muttergewebe
+aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und
+Kanalisierungssystems&mdash;wunderbar genug&mdash;nicht fr&uuml;her und nicht sp&auml;ter,
+wie auf ein bewu&szlig;tes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und &uuml;ber
+die noch etwas erhaben r&ouml;tliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Ansto&szlig; zu
+all diesen mit dem Mikroskop m&uuml;hsam durch die Arbeiten eines <i>Virchow</i>,
+eines <i>Thiersch</i>, eines <i>Billroth</i> erforschten Keimungs-, Sprossungs- und
+Reparaturvorg&auml;ngen? Ist es nicht merkw&uuml;rdig, zu denken, da&szlig; der
+pl&ouml;tzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Ri&szlig;
+bedingt, gleichsam ungez&auml;hlte Spaltl&uuml;cken hervorquellenden Lebens &ouml;ffnet
+und da&szlig; von den reich ausstr&ouml;menden Saatk&ouml;rnern auch dem winzigsten
+etwas anhaftet, das wie ein Bewu&szlig;tsein einer Pflicht, einer Berufstreue,
+einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser
+unmittelbar sich &auml;u&szlig;ernde, regulierende, ma&szlig;haltende, sich in Reih und
+Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan
+nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel
+des scheinbar Wahllosen und Zuf&auml;lligen h&ouml;chste Organisationen,
+wundersamste Funktionen herausbildet? Da dr&auml;ngt sich dem dazu
+disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen
+wie im Gro&szlig;en Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne
+innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren
+geht, obwohl gerade er so vielen Anl&auml;ssen zu ihr begegnet. So ist auch
+dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern
+dienlicher, als ein gleichg&uuml;ltiges &quot;Das mu&szlig; so sein!&quot; Beim allzu k&uuml;hnen
+Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den
+gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so nat&uuml;rliche
+Dankgef&uuml;hl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um
+Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister,
+es sind alles Seine hohen Werke!</p>
+
+<p>Da&szlig; unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen
+Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkr&auml;fte zu machen, ist der
+Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat
+sie es gelernt, die Hemmungen eines ungest&ouml;rten, nat&uuml;rlichen
+Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis,
+Asepsis), indem sie die &uuml;berall drohende Wundsaftzersetzung verh&uuml;ten
+lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran
+ein <i>v. Langenbeck</i>, <i>Billroth</i>, <i>Thiersch</i>, <i>Mikulicz</i>, <i>Czerny</i>, <i>v.
+Bergmann</i>, haben die Technik der Benutzung der nat&uuml;rlichen Hilfsquellen
+wahrhaft erstaunlich gef&ouml;rdert. Hier hat sich der Flei&szlig; und das Genie
+des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt.
+Gleichsam als h&auml;tte eine bewu&szlig;te Arbeitsteilung Talent und Energie je
+nach der Individualit&auml;t vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat
+jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst
+mit besonderem Gl&uuml;ck auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte
+zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ,
+am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie,
+Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des
+Unterleibs technisch zu erschlie&szlig;en, Thiersch, Reverdin und Gluck waren
+Begr&uuml;nder der k&uuml;nstlichen Gewebs&uuml;berpflanzung, und noch neuerdings haben
+Rehn in Frankfurt und K&uuml;mmel in Hamburg gelehrt, da&szlig; man selbst Wunden
+des Herzens und der gr&ouml;&szlig;ten Gef&auml;&szlig;e zur Heilung zu bringen vermag. So ist
+denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch
+die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast f&uuml;r
+jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die gl&uuml;ckliche operative
+Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch
+gr&ouml;&szlig;erer Teile von Darm- und Magenst&uuml;cken, die zweckm&auml;&szlig;ige
+Wiedervereinigung und Umschaltung der r&ouml;hren- und sackf&ouml;rmigen Gebilde
+des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen
+ebenso zug&auml;nglich, wie das Herz, die Lunge, die gr&ouml;&szlig;ten Gef&auml;&szlig;e, in denen
+das Leben an seiner Wurzel str&ouml;mt und atmet. Das alles w&auml;re nicht
+m&ouml;glich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der
+Wundheilung, zu denen das blo&szlig;e Auge nicht ausreichte, sondern sich mit
+den sch&auml;rferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mu&szlig;te. So wurden denn von
+den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkst&auml;tten die
+Geheimnisse enth&uuml;llt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung
+so ungeheure Erfolge brachten.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="DAS_MYSTERIUM_DER_ERNAHRUNG"></a><h2>DAS MYSTERIUM DER ERN&Auml;HRUNG</h2>
+<br>
+
+<p>Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden
+Weltanschauung mu&szlig; es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz n&uuml;chtern
+klar zu machen, da&szlig; das Leben nur bestehen kann, indem es Leben
+vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und
+Pflanzenvernichtung! Dieses m&ouml;rderische Gesetz vom Werden durch Sterben
+ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und f&uuml;hllos
+von Mutter Natur gedacht, wie es un&auml;sthetisch ist. Eine Art Lebewesen
+scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und
+gefressen zu werden: das w&auml;re so eigentlich die Quintessenz des Kampfes
+ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe
+Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es
+sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem
+unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine
+vers&ouml;hnlichere, dem menschlichen F&uuml;hlen weniger schmerzliche und
+peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur,
+aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine sch&ouml;nheitleuchtende,
+sch&ouml;pferische G&ouml;ttin, die M&ouml;glichkeit, uns Menschen von diesem
+Bannfluche alles Lebendigen&mdash;der &uuml;brigens schon im Paradiese am Werke
+gewesen sein mu&szlig;&mdash;zu befreien durch k&uuml;nstlich hergestellte
+Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiwei&szlig;? durch Synthese
+von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles
+dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein mu&szlig;,
+um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie
+vom Standpunkte der Eiwei&szlig;chemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem
+Eiwei&szlig; sehr &auml;hnliche Verbindungsreihe von K&ouml;rpern, n&auml;mlich die
+Peptonoide, eigentlich Eiwei&szlig;e, wie sie im Magen zur Verdauung
+umgearbeitet werden, tats&auml;chlich herzustellen und damit Tiere zu
+f&uuml;ttern.</p>
+
+<p>Mit welchem Effekt? <i>Mit dem des langsamen Verhungerns!</i> Ich habe mich
+vor dieser Tatsache ersch&uuml;ttert gef&uuml;hlt wie vor einem gedanklichen
+Elementarereignis! Es m&uuml;&szlig;te etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe,
+wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen,
+wenn diese Tatsachen wirklich best&auml;tigt w&uuml;rden. Die Mehrzahl der
+Naturwissenschaftler steht selbstverst&auml;ndlich auf dem Standpunkte, da&szlig;,
+wenn es gel&auml;nge, das Eiwei&szlig; chemisch rein aus seinen Elementen
+aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gel&ouml;st w&auml;re. Dann
+rei&szlig;t man Schlachth&auml;user nieder und baut den k&uuml;chen-chemischen
+Gro&szlig;betrieb!</p>
+
+<p>Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit k&uuml;nstlichem Eiwei&szlig; nach
+meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten k&ouml;nnen, was schon die
+scheinbar g&auml;nzlich mi&szlig;lungenen Versuche der Hundef&uuml;tterung mit
+pepton&auml;hnlichen K&ouml;rpern beweisen d&uuml;rften; was aber erst w&uuml;rde f&uuml;r eine
+Verbl&uuml;ffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiwei&szlig; k&uuml;nstlich
+durch Aufbau im Laboratorium gewonnen&mdash;kein Nahrungsmittel w&auml;re? Hier
+ist ein Rhodus f&uuml;r unser naturwissenschaftliches Denken, das wir
+&uuml;berspringen oder &uuml;berwinden m&uuml;ssen. Hier ist eine Probe auf die
+Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen &Uuml;berzeugung!</p>
+
+<p>Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, <i>das Mysterium
+in der Ern&auml;hrung</i> vergessen! So mu&szlig; eines Tages die Lehre von den
+W&auml;rmeeinheiten (Kalorien), die der K&ouml;rper zu seinem Betriebe aus der
+Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der
+Ern&auml;hrungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil &uuml;ber
+seinem chemischen Mechanismus noch ein R&auml;tsel, ein Wunder, ein
+Sonderbares schwebt, das erst erkl&auml;rt, warum Leben nur durch Leben sich
+erhalten kann.</p>
+
+<p>Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken dar&uuml;ber auszusprechen,
+nicht allein weil ich sie f&uuml;r interessant genug auch f&uuml;r ein breites
+Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung f&uuml;r
+durchaus neu und wichtig halte.</p>
+
+<p>Meine Ansicht ist, da&szlig; die Ern&auml;hrung eigentlich eine stetige
+Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen
+uns st&auml;ndig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich
+neu, nachdem sie abgesto&szlig;en und verbraucht sind. Wir werden immer von
+neuem geboren, t&auml;glich, st&uuml;ndlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr
+dieselben, welche wir waren. (Welch Trost f&uuml;r veredlungs- und
+besserungsbed&uuml;rftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen
+Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen,
+sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und
+Sch&ouml;pfungsweben das Bewu&szlig;tsein unseres Ichs zufl&uuml;stert, dieser ganze
+Zellstaat des Individuums stirbt fortw&auml;hrend ein bi&szlig;chen und wird
+fortw&auml;hrend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand
+geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach
+der Herkunft aller der Saatk&ouml;rner, die nun einmal f&uuml;r eine Zeugung
+unerl&auml;&szlig;lich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben,
+so da&szlig; der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule
+vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von au&szlig;en
+irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes
+wirksame Saat?</p>
+
+<p>Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle n&ouml;tig. Aber sie
+selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle
+scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine
+merkw&uuml;rdige chemisch-physiologische Z&auml;higkeit. Er besteht aus
+Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier
+unzerst&ouml;rbar. Keine S&auml;ure, keine Lauge, keine Verdauung kann es
+vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. <i>Hier im Nuklein der
+ Kerne steckt das Mysterium der Ern&auml;hrung.</i> Dieses ist in jeder
+Pflanze&mdash;in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne
+Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es
+ist aber auch der Tr&auml;ger aller Befruchtungsvorg&auml;nge.</p>
+
+<p>Durch einen Zufall sah ich einst ein St&uuml;ckchen Schleimhaut von einem
+Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff
+war, zu verdauen. Ich war aufs h&ouml;chste erstaunt. Die ganze Schleimhaut
+nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit wei&szlig;en
+Blutk&ouml;rperchen, dieser Armee von Heinzelm&auml;nnchen und Liliputanerpolizei
+in unserem Leibe, in so auffallender Weise, da&szlig; ich das f&uuml;r eine
+Entz&uuml;ndung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei
+einem v&ouml;llig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer
+Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er sch&uuml;ttelte den
+Kopf und meinte, das m&uuml;&szlig;te ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich wei&szlig;
+jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, da&szlig; jede Magenwand im Zustand
+der Verdauung prall gef&uuml;llt mit diesen wei&szlig;en Ameisen des Lebens ist und
+da&szlig; sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen
+Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie
+&uuml;berall mit dem Blutstrom und treten durch die Gef&auml;&szlig;l&uuml;cken ins Gewebe
+und streuen, die echten S&auml;em&auml;nner des Geheimen, die Samen aus, die sie
+aus der Nahrung nahmen, &uuml;berall wo es nottut, wo der wallende, wogende,
+rollende Teppich des kleinsten Lebens eine L&uuml;cke, einen Defekt erhalten
+hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der
+Maschinenheizung und nach dem &Auml;quivalent von W&auml;rme und Arbeit, die
+Millionen Nukleink&ouml;rnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung und
+ewigen Gebarens, w&uuml;rden ganz verloren sein und nur die &Auml;cker d&uuml;ngen,
+wenn diese kleinen W&auml;chter des Zellbestandes sie, die sonst
+Unverdaulichen, nicht abfangen w&uuml;rden, als die eigentlichen Tr&auml;ger des
+Wunders der Ern&auml;hrung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen
+Wiesen und Zellrasenfl&auml;chen, denen im kleinen Ma&szlig;stabe das menschliche
+und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des
+Lebens sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die
+Himmelsschl&uuml;sselein, die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das
+ganze Wunderwerk der Zeugung aufschlie&szlig;en, die die Wunderfedern und
+Zaubermotoren anspringen lassen zum Ablauf alles kleinen und
+riesengro&szlig;en Lebens. Nuklein ist sogar der Tr&auml;ger der Pers&ouml;nlichkeit,
+der Artcharaktere, der Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das
+Individuellste, was es auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein
+ureigenes Gepr&auml;ge, von einer beispiellosen, durch alle Generationen,
+alle Wandlungen fortwirkenden Konstanz.</p>
+
+<p>Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene &Uuml;berzeugung, da&szlig; die
+Ern&auml;hrung nicht ersch&ouml;pft ist durch die Bilanz von Aufnahme von W&auml;rme
+und Umsatz in Arbeit, sondern da&szlig; neben diesen betriebstechnischen
+Vorg&auml;ngen noch ein Proze&szlig; einherl&auml;uft, welcher das R&auml;tsel des Lebens in
+sich schlie&szlig;t und darum mysteri&ouml;s und wundervoll ist. So aufgefa&szlig;t ist
+die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf
+aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines
+allm&auml;chtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Gen&uuml;ge finden
+konnte an dem schon Erreichten, sondern das unabl&auml;ssig am Werke ist zu
+variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des
+bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein
+Wesen, f&uuml;r das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die
+Staubfl&uuml;ge des Sonnenst&auml;ubchens und das Lieben und Zeugen der
+allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von
+Mensch, Tier und Pflanze.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="DIE_HAUT_ALS_EIN_ORGAN_DER_SEELE"></a><h2>DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE</h2>
+<br>
+
+<p>Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie
+l&auml;&szlig;t nichts h&uuml;llenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom
+niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten
+Prachtexemplaren: an K&ouml;rperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem
+Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein nat&uuml;rliches
+Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, &uuml;ber die schillernde Schuppen,
+leuchtende Farbenglut, Bl&uuml;tenschmelz und schm&uuml;ckende Zier
+verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder
+ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender
+Abwehrpanzer, ein sch&uuml;tzender Wall von H&ouml;ckern, Stacheln, Borken und
+Hornger&uuml;sten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des
+eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der
+Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schlie&szlig;t die
+Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun k&ouml;nnte. Wir
+sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und
+K&ouml;rperh&uuml;llen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige
+Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la
+nature der eingeborenen H&uuml;lle hinzugef&uuml;gt, wiederum in analoger
+Verquickung von Schutz und Schmuck&mdash;n&auml;mlich unsere Kleidung, bei welcher
+die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft
+am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur
+selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges
+Trikot, in dem wir immer herum gehen m&uuml;ssen und das wir niemals ablegen
+k&ouml;nnen! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und
+reichem Glanz, das hinrei&szlig;end sch&ouml;n sein kann, solange der Jugend
+Bl&uuml;tenschmuck &uuml;ber ihm gebreitet liegt, und das im Alter die
+Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die
+Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die
+K&ouml;rperw&auml;rme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht,
+Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte
+und sondert sch&uuml;tzende &Ouml;le ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich
+aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander
+unterscheiden l&auml;&szlig;t, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin wei&szlig;, der
+Tr&auml;ger eines gut Teils unserer Pers&ouml;nlichkeit ist, sie hat eine
+Farbenskala von gro&szlig;em Reichtum und tr&auml;gt ein mikroskopisches,
+Wiesendecken gleiches Feld feinster H&auml;rchen, das sich zu Busch und Wald
+verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensr&auml;tsel sich verbergen,
+das unser G&ouml;ttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser
+Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nerv&ouml;sestes Organ!
+Nicht allein, da&szlig; sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des
+Gef&uuml;hls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am
+Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich
+einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der M&uuml;he lohnen d&uuml;rfte. Die Haut
+erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gef&uuml;hlen der Lust und des
+Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann ergl&uuml;hen vor
+Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens,
+der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins,
+und der R&uuml;ckschl&uuml;sse, welche der Kundige allein aus ihrem Bef&uuml;hlen auf
+unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen
+kann, sind unz&auml;hlige. Und nun dies Bef&uuml;hlen selbst. Welche F&uuml;lle
+seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung
+einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite
+&uuml;bermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungskn&auml;uel, die als
+sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastk&ouml;rperchen ausges&auml;t
+sind und von Mensch zu Mensch ihre Str&ouml;me senden! Welche Wunder der
+Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das
+wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchst&auml;blich
+nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das
+Nervensystem nach au&szlig;en in die Welt ausgest&uuml;lpt hat. In der Haut schuf
+sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen,
+hier wogen und wallen die feinsten Nervenstr&ouml;me hin und her, die uns
+orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von
+hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis
+ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende
+Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den
+ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum
+einschl&uuml;rft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine
+Dusche,&mdash;welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie
+&uuml;bermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel &uuml;bers&auml;t mit
+Nervenflitter und Gl&uuml;hl&auml;mpchen von ebenso geheimnisvoller wie
+sch&ouml;nheitdurchleuchteter Zweckm&auml;&szlig;igkeit. Es ist meines Wissens noch
+niemals gen&uuml;gend betont, da&szlig; die Haut, diese H&uuml;lle und diese Offenbarung
+unserer Pers&ouml;nlichkeit, nachweisbar anatomisch und
+entwicklungsgeschichtlich ein echtes <i>Seelenorgan</i> ist.</p>
+<br>
+
+<p>Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die m&uuml;tterliche Eizelle
+befruchtet ist, wenn mit goldenem Schl&uuml;ssel des werdenden Menschen erste
+Bl&uuml;te aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in
+drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen &uuml;bereinander: den
+sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Bauger&uuml;st des Leibes, das
+Skelett mit seinen S&auml;ulen, R&ouml;hren und Kapseln, Sch&auml;del und R&uuml;ckgrat, aus
+dem anderen Herz, Gef&auml;&szlig;e, gro&szlig;e Dr&uuml;sen und der Ern&auml;hrungsweg, und aus
+dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und&mdash;Haut! Da
+haben wir des R&auml;tsels L&ouml;sung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches
+Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem
+tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und
+physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich k&uuml;hn den Satz: unsere
+Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von
+unserer Seele ebensoviel zu k&uuml;nden, wie von der des anderen zu empfangen
+vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie
+ist nach au&szlig;en gest&uuml;lptes Gehirn, sie enth&auml;lt, entladet und empf&auml;ngt
+einen betr&auml;chtlichen Teil des seelischen Geschehens &uuml;berhaupt. Jetzt
+erkennen wir deutlich&mdash;und das ist das Wichtigste dieser ganzen
+Betrachtung&mdash;warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige
+Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus m&ouml;glich
+sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens
+sein&mdash;eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die
+Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Sch&ouml;nheit ist, warum
+Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine
+sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann
+gemessen werden an dem Ma&szlig; von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der
+Haut verwenden. Zur Kultur der Seele geh&ouml;rt untrennbar die Kultur der
+Haut. Die Zeiten sind f&uuml;r immer vor&uuml;ber, in denen struppiger Bart,
+ungepflegte H&auml;nde, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht f&uuml;r das
+Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: &quot;er gibt nichts aufs
+&Auml;u&szlig;ere&quot;, pflegte man fr&uuml;her von einem solchen teutonischen Kraftmeyer
+entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen,
+wobei man eben verga&szlig;, da&szlig; das &quot;&Auml;u&szlig;ere&quot; unseres Leibes, die Haut,
+durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewi&szlig; k&ouml;nnen wir es durch keine
+Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Bl&uuml;tenschmelz
+zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder
+der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht sch&ouml;ner
+gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den
+H&ouml;hepunkt ihrer Elastizit&auml;t, Leuchtkraft, Frische und dynamischen
+Strahlenwirkung&mdash;denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-,
+Y-oder Z-Strahlen&mdash;abzwingen.</p>
+
+<p>Ein Blick auf eines Menschen Haut&mdash;&uuml;brigens instinktiv zur Absch&auml;tzung
+der Pers&ouml;nlichkeit ebensooft ge&uuml;bt wie der forschende Blick in die viel
+weniger durchschaubaren Augen&mdash;kann uns von der Seele mehr verraten, als
+viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen
+Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der
+Kampf ums Dasein aufn&ouml;tigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner
+Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht &quot;verstellen&quot;, die Haut
+verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine
+schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Tr&auml;gers
+Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen:
+seht! wie mein Herr mich h&auml;lt, so ist sein ganzes Wesen! Welch
+armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur L&uuml;ge zu zwingen, durch Puder,
+Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt mu&szlig; uns M&auml;nner f&uuml;r
+lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann,
+es g&auml;be jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier
+kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel
+gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer
+nicht t&auml;glich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad,
+Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, vers&auml;umt ja nicht
+nur, den nat&uuml;rlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu
+halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die
+unerl&auml;&szlig;lichsten Kraftquellen zu erschlie&szlig;en. Es ist wissenschaftlich
+noch nicht v&ouml;llig gekl&auml;rt, warum die t&auml;glichen kalten und wechselnden
+Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern&mdash;ich glaube
+an eine Art Turn&uuml;bung der kleinsten Gef&auml;&szlig;muskeln der Haut und sekund&auml;r
+des Gehirns, welche unsere Willenskr&auml;fte zu beeinflussen imstande
+sind&mdash;aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat
+M&uuml;hlenwind f&uuml;r die Fl&uuml;gel unserer Seele, es hat die F&auml;higkeit,
+Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen
+Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens
+zun&auml;chst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel
+am Automobil, es sind direkte physische Kr&auml;ftespannungen, welche von der
+Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer
+Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim
+Abreiben ausgel&ouml;st werden und die direkt von der Haut in die Seele
+einstr&ouml;men wie unz&auml;hlige B&auml;che in den brausenden Strom, der unsere
+Pers&ouml;nlichkeit in den Ozean des Lebens tr&auml;gt.</p>
+
+<p>Wie h&uuml;bsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der
+Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturv&ouml;lker
+hindurchgehende Sitte, die Haut zu schm&uuml;cken mit Farben, Perlen,
+Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des
+Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in
+konzentriertestem Ma&szlig;e zum Bewu&szlig;tsein bringen wollte: da ist die Perle
+obenan ein Symbol f&uuml;r den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden
+Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol f&uuml;r die funkelnde schillernde
+Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol
+ihrer Durchstr&ouml;mung mit der fl&uuml;ssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist
+vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die
+Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel sch&ouml;nere Haut
+besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schm&uuml;cken, die,
+was Sch&ouml;nheit der H&uuml;lle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos
+dastehen, mit den Pflanzen und Bl&uuml;ten! Auch hier symbolisiert die
+Weichheit des Flaums im Bl&uuml;tenkelch und Bl&uuml;tenblatt einen Reiz, der der
+menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Bl&uuml;tenschmuck ist ja eine Art
+Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken sch&ouml;ner Umh&uuml;llung darbringt;
+denn, wenn Gro&szlig;vater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Tr&auml;ger
+aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Bl&uuml;tenhaut in ihrem
+Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild
+auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen,
+denken wir daran, da&szlig; sie von Bl&uuml;ten stammt und ihr Ebenbild ist, da&szlig;
+sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden,
+das ganze Leben versch&ouml;nenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.</p>
+
+<br>
+<br>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***</p>
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+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+redistribution.</p>
+
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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