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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/15070-8.txt b/15070-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0128ac4 --- /dev/null +++ b/15070-8.txt @@ -0,0 +1,7268 @@ +The Project Gutenberg eBook, Von der Seele, by Carl Ludwig Schleich + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Von der Seele + +Author: Carl Ludwig Schleich + +Release Date: February 15, 2005 [eBook #15070] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE*** + + +E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed +Proofreading Team + + + +VON DER SEELE + +Essays + +CARL LUDWIG SCHLEICH + +1922 + + + + + + + +INHALT + + Der Rhythmus + + Humor + + Schlaf und Traum + + Unterbewußtsein + + Seelische Hemmungen und Schmerzen + + Der Sitz der Seele + + Instinkt und Spiel + + Temperament + + Tierseele und Menschenseele + + Glaube und Wissenschaft + + Rausch + + Die Musik als Erzieherin + + Mutter Erde + + Über Grübchen und Falten + + Das Wunder der Wundheilung + + Das Mysterium der Ernährung + + Die Haut als ein Organ der Seele + + + + +DER RHYTHMUS + + +Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller +Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es +gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht +die Furcht vor dem gewohnheitsmäßigen Überschäumen, eines +wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich +zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse für das +Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu überwindende +Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche, +mich seinem letzten Sinn zu nähern, zurückgeworfen hat. Ist doch das +Feld des Rhythmischen für jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller +Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, daß seinen dunklen +Hainen die Quellen entrauschen müssen, die allen Erscheinens, allen +Bewegens, allen Lebens unermessene Ströme speisen! Statt trocken +aufzuzählen, was alles für unser letztes Streben und für unsere letzten +aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmäßigkeiten dem Rhythmus +unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein, +von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbäumen und Verlöschen +tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen +Beziehungen trocken aufzuzählen, kann man kühn fragen: was ist denn +eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine +Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt, +da ist es schon in Gefahr, vom Räderwerk des Weltallgetriebes +zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht +schleunigst wieder sich einfügt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je +weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen +sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage +offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so +mehr erkennen wir, daß wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten +Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von göttlichen Gesetzen +trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und +grundumfassendste Gedanke, den wir der schöpferischen Natur nachzudenken +vermögen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der +gigantischen Weltkörper nicht weniger am Werke sehen, als in den +wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflöckchen, +dürfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern +Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verständlichen Sein +des Weltganzen erschreckend nahe fühlen. Wir atmen gerade hier im +Rhythmischen gleichsam mit den Atemzügen des Weltganzen; das Rhythmische +ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles +Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige +gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein +letztes unbekanntes Ewiges bindet. Können wir uns doch das Chaos nur +vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nämlich +durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans +v. Bülows Paraphrase auf Faust «im Anfang war der Rhythmus» ein +verblüffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Möglichkeit, +wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewißheit zu +nähern. Würde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen +aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstürzen lassen. Der Rhythmus +ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles +mit Bewegung weckendem Odem durchströmt. Und, wie unser persönliches +Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhören, so müßte auch die +Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstände! Wie sollte nicht eine +ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen +Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das +Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche +unserer technischen Klassizität greifbar vor Augen gerücktes, daß es an +der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu +dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden, +rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich großen +oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die +Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den +schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu +unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht +so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer +solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im +wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen, +unser Fühlen und Denken, unsere Ethik und Ästhetik, unser Handeln und +Schaffen, unsere Liebe und unser Haß, Sympathie und Reaktion vom +Grundgesetz des Rhythmischen beeinflußt und beherrscht werden, um daran +die psychophysischen Möglichkeiten zu erwägen, welcher Mechanismen wohl +die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden +Ringen des Ganzen einzufügen. Daß bei der unendlichen Reihe der +Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht +erschöpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine +Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begründung. + +Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen +Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die +treibende Kraft des Weltganzen ist für den Menschengeist ewig +unerkennbar, undefinierbar, unverständlich, kann niemals der Gegenstand +wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben, +ist nur ihr Verhältnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren +Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst künstlich +einschalten, um dann ihre von den Widerständen erzwungenen Äußerungen zu +studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, überall +und unvergänglich, allgegenwärtig und allmächtig, wird zu einem sich nur +scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus, +nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der +Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art +der Widerstände bestimmt die Art der Äußerung der an sich +unveränderlichen Urkraft_. + +Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerständen. Die +Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilität der +Körpereigenschaften unter der Variabilität der Bedingungen, unter denen +sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der +Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den +fallenden Kräften die verschiedenartig abgeänderte Luft entgegensetzt. +Wir wüßten nichts von der Elektrizität, wenn wir nicht gelernt hätten, +der Gesamtkraft spezifische Widerstände einzuschalten, welche sie +zwingen in einer Form sich zu äußern, welche wir elektrisch nennen. Die +Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie +herumzukommen sucht, ist entscheidend für die neuen Eigenschaften, +welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befähigt ist. Die Faust +der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und +Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der +variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstände des Milieus ihre +universelle Macht täglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig +umsonst bemühen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt +keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein fühlbares +Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben, +die Kraft und ihr religiöser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand +wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der +menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar +unserer experimentellen, künstlichen Abänderung der Weltbedingungen +unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerständen: das ist +eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der +Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die +Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn +sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den +Müttern des Wissens vordringen will. + +_Der Rhythmus ist nämlich eine Art Kompromiß zwischen Kraft und +Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen, +Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung +und Hemmungsbetätigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie +ganz vereinbarer Gegensätze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe +zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein ständiges +wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der +Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem +Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und +herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und +abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und +seine eigentliche Ursache? _Die Aktivität der Kraft auf der einen Seite +und die Elastizität der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen +Seiten gleichmäßig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus +dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese +Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefüge, wodurch wiederum der +Widerstand erhöht wird, den er der Kraft bietet, so daß diese nicht wie +eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom +starren Felsen schäumend zurückgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser +Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rückstoßgebenden +Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und +Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in +alle Adern, die ihm die Widerstände lassen, und alle Ströme rinnen, +abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurück in ihre +anfängliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist +der Puls der Welt, der Rhythmus! + +War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom +Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe +und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Störungen des +Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und +Wetter, von Haß und Liebe--kurz von jeder Form der Polarität her +bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man +zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen +der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens, +dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfällig beobachtet, so ist doch +erst den neuesten Forschungen über Elektrizität, nämlich der Lehre von +den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, daß auch die +festesten Körper der Erde nur scheinbar fest sind, daß wir annehmen +müssen, im inneren Gefüge des starren Steins eines Felsens kreisen +Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und +einer so vollkommen harmonischen Gleichmäßigkeit, daß unseren Sinnen so +ein innerlich von rasender Bewegung durchströmter Körper eben fest nur +_erscheint_, ähnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt, +die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und +der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen +Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in +die mikroskopischen Skelettgefüge hinein, mehr oder weniger in +schwingender Bewegung, so daß der Unterschied der Aggregatzustände der +Körper, fest, flüssig, luftförmig, sich als ein ganz ärmlicher +Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen +statt des Brotes der Wahrheit den Stein gröbster Sinnentäuschung +hinzureichen. Es müßte für einen phantasiebegabten Mathematiker eine +seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen +Gedankens sein, für jeden sogenannten festen Körper die Idealformel +finden zu wollen, gewissermaßen die unendlich schnell rotierende lineare +Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht +minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Körperlichen hervorruft. +Nach _Graßmann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall, +aber auch jede amorphe Gestalt eines Körpers gewissermaßen ihr ideelles +Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden +kann durch einen Komplex unzähliger konzentrischer Kreise, welche alle +in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Hätte +Graßmann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt, +die uns zwingend gelehrt hat, daß tatsächlich alle Eigenschaften der +Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer +Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der +aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, daß +durch diese gleichmäßige, bis in das feinste Körpernetz ausgedehnte, +symmetrische Atombewegung Farbe, Gefüge, Aussehen und das ganze Heer der +physischen und chemischen Eigenschaften der Körper bedingt ist. Wir +Modernen wissen also auch, daß der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren +oder auch nur Erschließbaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht +entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Düne +verrinnen läßt, nur um im mikroskopischen Gefüge des Sandes, der Luft, +der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie +durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als +Elektrizität und Wärme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies +Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "Äther", von dem +Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Körperchen +zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar +zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatsächlich +nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend, +rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es +sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautröpfchen des Alls, die nach +ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und +zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schöpfende Eimer ist der +Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizitätslehre +ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden Äther, aus dessen +unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Körperlichen +alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es könnte dem Denker +schwindeln bei der Vorstellung, daß das Sandkorn mit seinen Milliarden +schwingender Ätherklümpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein +Weltall für sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich +umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich +Befreiendes hätte. Es gibt eben kein Groß und Klein in der Welt, die +Sorgfalt des Gesetzmäßigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv +beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des +Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Größten noch im +Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue +Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins +Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen, +denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen +Leid und Glück dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind +auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch +das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine +grandiose Pietät nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das +Mitunbelebte? + +Da es nun also feststeht, daß aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren +(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich +komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren +läßt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches +geben kann, so muß auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in +gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der +Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhängigkeit auch +alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir +Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der +Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des äußeren zusammentrifft. + +Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden +Bedingungen angepaßt, so kann man das bis in die gleichsam +mikroskopische Denkweise auch so ausdrücken, daß der Rhythmus der +organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfähig zu sein, stets dem +Rhythmus der Gesamtheit einfügen mußte. Leben konnte also nur bestehen +in gleichsam konzentrischer Einfügung des Einzelrhythmus in den +kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte, +so mußte also auch der Sonderrhythmus folgen, und so löst sich für uns +die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als +eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche +stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht +unweigerlich folgen mußten und noch müssen. Solche Hemmungsfortfälle und +rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken +und Erlöschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich +in diesem Sinne ohne Zögern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das +Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen +verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer +Arten vielmehr buchstäblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem +winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns +einzig und allein verständlich mit dem Bilde der rhythmischen +Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den +Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer +Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrühren einer Mayonaise. +Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und Äquator zu und +gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefügt, das +stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehört, was +meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun +gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen +läßt als in direkter Abhängigkeit von der Rhythmik der Atome. + +Die gesamte Morphologie wird sich einst auflösen lassen in eine ideelle +Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns überhaupt die Rhythmik des +Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der +Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens +loslösen? + +Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz, +die Chemie der Eiweißvorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen +prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon +lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem +Kristalleben sprechen, wie von Haß und Lieben der Elemente. Die +Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist längst ein chemischer +Begriff, und schon lange hat man das Lächeln verlernt über den alten +_Fechner_, welcher kühn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien +lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben +deutlich ein Sonderrhythmus übrig, der mit der vielleicht nur +scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine +Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen +sichert. Möglich, daß keine anderen Gesetze im Organischen walten als im +Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des +Kräftekreises muß doch stattgefunden haben, damit die Materie zum +Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schließlich zum +Denken gelangte. + +Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Märchen der +Schöpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der +Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen +des Entwicklungsgedankens, anmaßlich anzureihen--um ein Märchen mit dem +Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schöpfungsphantasien nie +herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen können: "wir waren +selbst dabei"--: ich will nur auf die Möglichkeit hinweisen, daß ein +Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann für eine bis +dahin neue, aber doch im Wesen der allmächtigen Kräfte liegende Variante +kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen. + +Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefüge des +Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter +Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepreßt, gleichsam zu +einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert +worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte +Hemmung der aufgespeicherten latenten Kräfte fortfiel: gleichsam wie +lebendiges Gewürm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor +dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlüssel, ein Funke, +ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten +Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen +Veranlassung gibt. Schließt nicht die befruchtende Samenzelle, das +Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlüssel die Hemmungen auf, so daß sich +die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblühen zu +königlichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schläft nicht alles +Leben im Mutterschoß wie Dornröschen in den Hecken, bis ein einziger +Ritterkuß den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich +geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen +die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen +Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung +aufschließt und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und +Ernährung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster +rhythmischer Spannkräfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen +zusammengepreßt, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher +Rhythmenträger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders, +als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter +Spannkräfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine +Außenkraft dem inneren Gefüge anders nützen, als indem sie Schwungkraft +den ermattenden Rhythmen hinzufügt? Das Leben wird nur vom Leben +gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der +Flüssigkeiten, in die ein Tröpfchen Säure fällt. Auch in chemischen +Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kräfte zu +neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild, +wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen, +nicht weiter ausspinnen, es genügt mir, die Möglichkeit betont zu haben, +daß das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall +ermöglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kräfte. In +diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des +Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt +von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen +Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die +Hemmung fiel, und die junge Majestät des Organischen stieg auf den Thron +der Erde. + +Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fühlen, so muß +natürlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des +menschlichen Betriebes, körperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist +längst bekannt, welche Rolle die Periodizität im Körperlichen und +Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen +Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhängigkeit +vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als +daß er in Harmonie mit dem Welttakte sein muß, um nicht einfach +hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein +Sonnenstäubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der +Aufzählung aller physiologischen und pathologischen Periodizitäten, den +Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen +Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertät und Adynamie, Ein- und +Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanfälle, +der Krämpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur +verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im +menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergründen suchen, auf dem +sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel +zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik, +aufbauen läßt. Ich muß hier bemerken, daß ich alles seelische Geschehen +in Abhängigkeit setze von einer Aktion der Nervenströme und einem +Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die +Neuroglia, bzw. von dem sie durchströmenden Blutsafte, welcher ja nach +_Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende, +Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich +vorzustellen, daß das mit dem Herzpulse einströmende Blut periodisch die +Ganglien außer Kontakt setzt und daß die Pause der Herzbewegung +diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlußfreiheit +besitzen. Die Ärzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien für die +Art der Anschlüsse im Gehirn spielen, wie ein verdünntes, hemmungsarmes +Blut naturgemäß zu Erregungen und Unruhen, Ängsten und Wahnvorstellungen +und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, veränderte +innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstörungen hervorrufen +kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrüse unter +Überladung des Blutes mit Hemmungssäften, wie bekannt, auch den +geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, daß +die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren +Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den +Irrenärzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus +für den Bestand der Seele ist. + +Es kann keine Frage sein, daß, wenn der Blutsaft die ihm von mir +vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche +Wesen der Persönlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen +größeren oder geringeren Reaktionsfähigkeit der Nervenzentren sein muß, +daß die Zahl der aufgenommenen Eindrücke and ihre Verarbeitung zu +Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhängigkeit von +rhythmischen Individualitäten sein muß, die wiederum in Abhängigkeit von +der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfüllung des Gehirns steht. +Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier +also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begründung; das +Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe für +Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch für das +Nerven- und Gemütsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig +gewürdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die +Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des +Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v. +Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen +sich anders gestalten würden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer +Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fähig wären, in +einem Zeitraum, der durchschnittlich genau übereinstimmt mit dem Ablauf +eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, daß schon die Fähigkeit, +innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu können, uns +zwingen würde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir würden die +Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskörper als leuchtende Kreise +wahrnehmen können, und würden von jedem Sinne her der Welt als total +anders erkennende Wesen gegenüberstehen. Wir können jetzt hinzufügen, +daß wir schon mit bloßem Auge die festen Gegenstände nicht mehr als fest +bezeichnen könnten, sondern daß wir etwas von ihrer innerlichen, +rasenden Bewegung wahrzunehmen vermöchten. Wir sind also mit unserm +rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und +Sinneseindrücken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt, +daß unser Harmoniegefühl direkt abhängig ist von diesem rhythmischen Maß +unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natürlich erklärt sich auf diese Weise +am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist +eben die mit dem Maß unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene +und empfundene Bewegung des Alls._ Das führt uns direkt zu einem +Verständnis des _Ästhetischen_. + +Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Außenwelt den Eindruck des +Lebenfördernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus +unserer inneren Aktionen harmonisch einfügen, richtiger, sofern wir sie +in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im +ästhetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm +persönlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne +Widerstand und Disharmonie zu erhöhen imstande sind. + +Das schließt nicht aus, daß auch der Konflikt der Rhythmen außer uns mit +denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich +lusterhöhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu +einer ästhetischen Freude die Einfügung der lusterweckenden Rhythmen in +den Rhythmus unserer Nervenströme unerläßlich. Insofern hat alles +deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden, +freudewirkenden Einfluß, überall besteht ein geheimes Verhältnis seiner +Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun +an einer schöngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer +Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefühl sich +betätigen. Die Rhythmen der schönen Dinge müssen einfügbar sein in die +Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um ästhetisch zu wirken, das ist +das Grundgesetz der Kunst, so variabel für den einzelnen, weil eben +diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persönliche Gleichung +ist. Ist in diesem Verhältnis doch auch der eminente Einfluß alles +Rhythmischen, seine suggestive Übertragbarkeit begründet. Der Redner, +der Dichter, der Schauspieler reißt mich darum in seinen Bann, weil dem +Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenräder sich im geheimen +Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen +seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die +ganze Macht der Imitation, ja der Ähnlichkeiten, beruht auf diesem +Einstellungsverhältnis zwischen Außenwirkung und Innenbewegung. Und +fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt, +so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen +Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus +Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einfluß auf +Herzbewegungen und Gefäßspannungen die Ärzte lange kennen. Hat aber die +Herzbewegung Einfluß auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen +Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische +Außenweltrhythmus erhält seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die +Vorgänge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen +geneigt ist. Ein zündendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende +Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen, +weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele +mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schön gefügten +Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus +zugrunde, und es wäre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus +den möglichen Atmungsvarianten sich die Versmaße herleiten lassen. Ist +doch nicht, wie _Bücher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und +der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem +typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim +Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des +Atmungsrhythmus, so daß dieser selbst für Melodie und Rhythmus des +Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur +Funktionäre unserer Atmungsmechanik, die Cäsuren einer Melodie sind +ursprünglich die naturgemäßen Pausen zum Atemholen. + +Wir wissen, daß es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer +solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, daß wir sie mit dem Ohre allein +nicht wahrnehmen können. Wir hören nicht mehr das Geigenspiel gewisser +Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar +ist, ähnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein, +so daß schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten läßt, der +Rhythmus unserer Nervenschwingungen übermittelt uns nur einen Teil der +Weltallsrhythmen, und dieses Verhältnis läßt uns die Möglichkeit nicht +von der Hand weisen, daß es Menschen mit einer Feinheit der +Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der +Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen +betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen, +die die Außenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem, +vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch übrig, dem +rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd +geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War +schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen +als ein System rhythmischer Durchflutungen für sich, abgetrennt vom +Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele +eine für sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene +Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise +befähigt, mit den Eindrücken der Außenwelt innen frei zu schalten und zu +walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen +Tätigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht +eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den +Rhythmus des Andern außer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein +Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wäre der +Künstler, der einen Gegenstand voll und überzeugend darzustellen +vermöchte, wenn er nicht zuvor völlig eins geworden wäre mit dem +Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte, +wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des +persönlichen Ichs verschmelzen fühlt mit dem erschauten Objekt? Das ist +aber nur möglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fühlt, in dem +der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik +verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heißt doch nichts anderes, als sich +das Gefühl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit +Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen +Lebens betrachtend zu erfüllen. Wehe dem Künstler, der nicht rhythmisch +verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er muß ein Stein +sein können, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches +Schönheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie +Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern +lassen will. Der echte Künstler steckt in Woge und Wald, die er malt, +ist König und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren +Hunger, trägt ihren Szepter und ihren Bettelstab. + +Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel +über unsere Seele legt, so daß schlechterdings nichts unerreichbar wird! +Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird +niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensität +seines Einfühlens in die Materie ihn befähigt, den Rhythmus des zu +Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen +und das Geschaute auch anderen, weniger Einfühlungsfähigen zu +übermitteln. Wo wäre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken +könnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die +Fähigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen +Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstückchen in den +gurgelnden Schlund! Wie wäre eine Ethik denkbar, die sich nicht den +Rhythmus des höherstehenden, anbetungswürdigen Ideals zu eigen machte, +das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines königlichen Gefühls der +inneren Harmonie vorhält? + +Wie könnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden +Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom +entfesselter Leidenschaften hineinrisse? + +Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wollte ich alle Beziehungen des +Rhythmischen zur Seele auch nur aufzählen, so würde wohl kaum ein Gebiet +seelischer Aktionen unerwähnt bleiben. Ich muß mich mit diesen kurzen +Andeutungen begnügen. + +Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen +Geschehens. Der Puls des Universums schlägt in allem, was ist und lebt. +Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem +Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und +Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen +Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem +Strahlenbüschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All +zurücksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so +ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter, +organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der +Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der +Menschengeist,--sondern die eigentümliche Hemmung, die die Weltkraft +zwingt, sich in uns so rätselhaft zu spalten, ist der Gegenstand +wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzündet an der +atomistischen Reibefläche des Organischen, da blitzt das Leben auf und +erlischt wie der Meteorstein, der aufglüht, wenn sein Sturz ins Chaos +hineingerät in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphäre. + + + + +HUMOR + + +Die Menschheit hat stets um so mehr Worte über eine Angelegenheit +gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese +bedächtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein säuberlich zu +Millionen Aktenbündeln geordnet, in den Schubfächern der öffentlichen +Bureaus einer königlichen Logik aufbewahren läßt, um nur hier und da die +Aktenstöße anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln, +bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange weiß: je dunkler ein +Prozeß ist, desto höher türmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So +kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf +über die drolligste Sache der Welt, über das Lachen, zerbrochen haben, +um ein Exemplar vermehren, natürlich ohne jeden Anspruch, damit den +Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige +Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur +versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor +und die humoristischen Zustände von einer Seite beleuchten kann, die +vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die +schon über diese Dinge nachgedacht haben, vorübergehend festzuhalten. +Dabei muß ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange +Reihe der geistigen Väter von vor und nach Christi Geburt, die einmal +über dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzählen, um endlich zu einem +eigenen Körnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen +Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin. + +Die meisten bisherigen Arbeiten über den Humor, diese "lachende Träne", +über das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), über die "realästhetische +Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), über die "Kontrastempfindung" +(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das +Psychische bei dieser Form der Gemütsverfassung vor dem rein physischen +Akt der Humorsäußerung, in Summa dem Lachen in allen Formen, +unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben +zu haben. Was uns zunächst nottut, ist eine genügende, rein +physiologisch-funktionelle Definition der Vorgänge im Gehirn und im +Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und +begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen +Vorgänge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaßen sichere Basis, von +der aus auch das rein Seelische im Humor überschaut werden kann. Ich +will daher mit einer Analyse der allgemein üblichen Ausdrucksform +humoristischer Zustände beginnen, dem Gelächter. Erst nach einer +Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und +versteckten Arten kann es möglich sein, auf das in der Seele einen +Rückschluß zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden +Atmungs- und Zwerchfellstätigkeit veranlaßt. + +Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist +das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende, +rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungstätigkeit, begleitet von +gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen +Gemütszuständen. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelächter +ist durchaus unwillkürlich und nur schwer durch Willenstätigkeit zu +hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu +lachen ist am schönsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz +explosiven, gewaltsamen Ausbrüchen des Vulkanes über unserm Zwerchfell, +deren Unwillkürlichkeit etwas Verblüffendes, Elementares, Unhemmbares an +sich trägt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhängige, von +dem jeweiligen Gemütszustande erzwungene, rhythmisch-muskuläre Handlung, +wie sie ähnliche unter weniger erfreulichen Umständen die Ohrfeige, der +Dolchstoß, der Faustschlag, oder aber das Gähnen, das Niesen, das Husten +sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in +einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in +unhemmbare Muskeltätigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise +in der Nasenschleimhaut zu einer allmählich zentral ausgelösten +Reizhöhe führt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkanstoß der +Ausatmung unwillkürlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lästigen +Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist +gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest +werden muß. Gute Erziehung und große Energie vermögen zwar hier und da +diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrücken, aber die Seele ist +verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich +auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewöhnlichste Form +des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen +kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden, +provozierenden Charakter, wie im höhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten +wir zunächst eine Person, die _unwillkürlich_ lachen muß. Was tut sie? + +Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geöffneten Nüstern, breiter +Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme sämtlicher +Atmungsmuskeln, auch der auxillären, der sogenannten Reservemuskeln für +besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell +hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkürliche +sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf +der Höhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hält der +Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt für eine Sekunde aus (wobei +weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Sänger, der vor dem +Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom +durch den Kehlkopf passieren läßt. Hat dieser Zustand der +Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewährt, so +schließen sich die Stimmbänder krampfhaft zu, und nun folgen unter +rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der +Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbänder durch +die Blasebalgstöße, die das Zwerchfell auf die gefüllten Lungen +ausübt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der +Stimmbandverschluß, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft +schließend, bringen wiederholte Zwerchfellerschütterungen sie zu immer +neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes, +also der Rachen, die Mundhöhle, der Zungengrund, in sogenannter größter +Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu +sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens == +a vorhanden, und der Hauch der ausgepreßten Luftstöße macht daraus ha, +ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persönliche +Rachen- und Gaumenbildung, ist abhängig von der Resonanz eines +kleinen oder großen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So +nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das +Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen, +zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe +Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen +ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das +Silberlachen der Soprane, das süß wie Zauberglöckchen klingen kann, und +die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der +individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich +Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung, +Verharren auf der Atmungshöhe, stoßweise Ausatmen unter Glottissprengung +und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion: +Mundöffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grübchenbildung der +Wangen, Nüsternspiel, Augenschluß und Tätigkeit aller auch bei der +Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge +mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der +malträtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hören Sie auf, ich kann +nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, daß Tränenstrom nicht +allzu selten diesen die höchste Lebenslust betätigenden Akt begleitet. +Wie merkwürdig: höchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in +einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brüderschaft von Freud und +Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verständnis des ganzen Vorganges +werden kann. Es ist nicht Zufall, daß man weint, während man lacht. Hier +steckt einer der Schlüssel zum Verständnis des Humors. + +Halten wir zunächst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine +affektive Handlung rhythmisch-muskulärer Atmungstätigkeit. Welche +Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit? + +Um diese Frage zu beantworten, muß ich erstens Analogien herbeiziehen +und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse +begeben. Daß auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder +weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, daß auch +bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die +explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenzündung, den +Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung +überhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf +das Muskelgebiet? + +Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der +Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der +Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie +oder Willensaktion aufzulösen; eine ungemütliche Spannung entsteht, bei +gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll +ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verblüfftheit, Abwehr und +Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele +aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft muß auch jeder +psychische Reiz seinen logischen oder muskulären Ausgleich finden, denn +es _gibt gewiß ebenso ein psychisches Äquivalent, wie es ein physisches +gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den +Lippen, dreht den Schnurrbart, durchwühlt die Haare, trommelt an den +Fensterscheiben, stampft mit den Füßen, läuft unruhig auf und ab, hin +und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gemüt durch Umsetzung +in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft +auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein jähes Wort, +eine rasche Tat löst plötzlich ohne Kontrolle der mahnenden und +hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungemütliche, meist gefährliche +Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast +du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gefühl, der +Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen, +vermögen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und +das köstliche Öl friedlichen Verzichtes über die hohen Wogen der +psychischen Ekstase zu breiten. + +Was geschieht beim Gähnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen +Hirnhemmung und Hirnaktion, der Überschuß geistiger Spannung, der unter +der aufgestülpten Tarnkappe der Müdigkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich +mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkrämpfe (Gähnkrampf) nach +außen abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die +Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entlädt. Beim +Gähnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im +Gehirn gewohnheitsmäßig auf eine bestimmte Bahn der automatischen +Muskeltätigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor +Müdigkeit abends und morgens gehört. Wir haben hier also eine Analogie +mit dem Lachen, die so weit geht, daß auch beim Gähnen die +Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen, +ihre Entladung findet. Da auch das Gähnen, wie jede Affekthandlung, +unwillkürlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen +gehemmt werden kann, und da beide, Gähnen und Affekthandlungen, auf +einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden müssen, +so können wir einen zwingenden Rückschluß auf das Lachen wagen, d.h. wir +sind genötigt, anzunehmen, daß auch das Lachen einen muskulären +Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind +diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition +des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans, +gelangen. Dazu bedürfen wir aber noch eines Ausblickes auf die +Entwickelungsgeschichte. + +Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit +all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem +Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--übrigens +gottgläubigem--Sinne an, daß der Schöpfer eine allmähliche Entwicklung +zugelassen und gewollt hat, so wäre es denkbar, daß das Lachen eine +Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener +Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter +Festhaltung der ursprünglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung +zustande kommt. Mir will es scheinen, daß, wie es rudimentäre Organe +gibt, Organe, die in früheren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert +im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese +Tätigkeit überflüssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es +so auch _rudimentäre Funktionen_ geben könnte. Es ist denkbar und sogar +beweisbar, daß gewisse Funktionen, die früher einen sehr zweckgemäßen +Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch +vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben. +Dafür einige Beispiele. Die Bewegung unserer Nüstern im Liebes- oder +Lebenskampf hatte augenscheinlich ursprünglich den ganz ausgesprochenen +Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl, +wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr +seiner Nase die Entscheidung überläßt, ob sich ein Herz zum Herzen +findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gefährlich +werden können, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die +Paukanten mit zuckenden Nüstern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem +Ausstoßen einer tödlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer +die Nasenflügel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen +im Feuer seiner Überredungskunst die bebenden Nüstern. Das ist +rudimentär! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst +einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und für +die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von +_Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze über +die Höflichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der militärische +Gruß zurückgeführt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier +Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag +war nach _Gildemeister_ gewiß früher, wie noch jetzt etwa bei den +Logenbrüdern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit +feindlicher Bestrebungen. Auch hier ursprünglicher Sinn im Daseinskampf +und jetzt eine rudimentäre Höflichkeitsform. Wer ist sich heute noch +beim Adieusagen völlig bewußt, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen +sich doch auch Atheisten à dieu. Die höchsten Liebeszeichen selbst, der +Kuß, die Umarmung, mögen im Bedürfnis einer vorsichtig tastenden +Diagnose entstanden sein: drum prüfe, wer sich ewig bindet! Liebkosen +sich doch manche asiatischen Völker noch heute, indem sie direkt +Riechorgan an Riechorgan reiben. + +Es gibt also rudimentäre Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil +in einer solchen rudimentären Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es +vielleicht ursprünglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei +oberflächlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind? + +Stellen wir uns einmal vor, es sei ein Höhlenmensch, ein Urwaldbewohner, +in stetem Kampf mit Ungetümen, Schiebegeröll und erratischen Blöcken +plötzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine große Gefahr gestellt: +ein Ungetüm, wie er solches noch nie gesehen, streckt plötzlich, einen +fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Gebüsch. +Was wird unser Urmensch tun? In jähem Schreck reißt auch er den Mund +auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr +erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem +sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fährt. Das ist auch +ganz verständlich. Denn wenn sich ein Mensch überhaupt wehren will, +braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder +Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse nötig. Er lädt also mit +dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht +näher erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen +blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das +launische Ungetüm hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein +Löwe, ein Riesenbär trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr +vorbei. Ein jäher Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und +plötzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast +gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen +entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender +Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgefühl. Unter freudigster +Gemütsverfassung entlädt er, gleichsam spottend der Gefahr, stoßweise +seinen nun überflüssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter +Jubelempfindungen entweicht stoßweise die überschüssige Lebenskraft. +Noch heute wird jeder bemerken, daß nach plötzlich überstandener +Lebensgefahr oder Gemütsbedrückung eine Neigung zu fast hysterischen +Heiterkeitsausbrüchen eintritt. Das Gefühl, einem Unglück entronnen zu +sein, sein Leben bejaht zu fühlen, wo es eben noch auf das Dringlichste +verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr +verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte +man die Tatsache, daß Tränen leicht fließen können, wo eben noch im +Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die +Tränendrüse unabweislich strotzend füllen mußte, und daß ihr Gebrauch +sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe +kam, falls man Zeit genug gehabt hätte, noch über den jähen +Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was +der Kummer vorbereitet hat. Auch die Träne, dieser tauende Reif aus +Edens Blütenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und +physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die +Schleusenwächter am Strom der Tränen, und in der Begleiterscheinung des +Tränenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis für +den Ursprung des Lachens in einem plötzlichen Kontrast von +Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher +Weise diese beiden Salpetermischungen für die Explosionswirkungen des +Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zunächst +soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die außer dem +plötzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorgänge zur +Erregung von Heiterkeitausbrüchen haben. Bei der plötzlichen Bedrohung +und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgemäß +auf der Hand, daß dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen, +muskulär-rhythmischen Lebensbetätigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein +spielendes Reh, hüpft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens +streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, trällernd, +tänzelnd finden. Wenn beim Übergießen mit kaltem Wasser, bei kalten +Duschen, eine plötzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich +bei mir stets unmittelbar danach eine fast unüberwindliche Neigung zum +Lachen bemerken können und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewiß ein +trefflicher Beweis für die Verwandtschaft von physischem Schreck, +seelischem Wohlgefühl und Lachen, für die Verwandtschaft tiefer, +lebenfördernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das +Zwerchfell. + +Wer die ängstlichen Börsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade +beobachtet hat, sah auch gewiß, wie ich, ihre Ausbrüche zappelnder, +hüpfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein +unwillkürlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration +und exspiratorischen Atemstößen zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man +nicht kitzeln, dazu gehört schon eine gewisse Ausbildung des +Bewußtseins, das erkennen läßt, daß die lebensfreundliche, mehr +zärtliche, neckende Berührung im Kontrast zu der starken, das +Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, daß man das +Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam +unterdrückt. Daraus geht hervor, daß das Atmungszentrum, also das +eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren +kann, daß es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen +und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt +werden kann_. Für unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus +einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es +interessant, zu erfahren, daß der scharf umschriebene Punkt am +Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt, +von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und +daß wir hier auch die Fäden finden, die zur Erregung des muskulären +Ausgleiches für die Zwerchfellerschütterung die elektrischen Ströme +senden. Hier finden wir eine anatomische Bestätigung der Beziehung des +Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung. + +Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgefühl ganz und +gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachstöße, die im Bellen und +Brüllen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine +_willkürliche_ Tätigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das +höhnische, kränkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das +Lächeln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den +besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie, +Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei +vielen dieser Lacharten ist ein Überlegenheitsgefühl maßgebend, d.h. die +Lebensverneinung oder -minderung gilt für andere, für den Lacher nur das +Gefühl eines höheren, überlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen +ist eine Kombination von Ohnmachtsgefühl und Feindseligkeit und das +schadenfrohe Lachen die Wirkung der Überzeugung eigener Unversehrtheit +bei fremdem Unglück, von dem wir aber die unbestimmte sympathische +Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir +identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den +Kontrast von unserem realen Unberührtheitsgefühl her. + +Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der +Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung +unterziehen. + +Daß das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck +verwandtschaftliche, koordinierte Berührungen hat, ist eine allbekannte +Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des +Gesichtes ein so typischer, daß man diesen Krankheitszustand erkennen +kann, ohne die Atmungstätigkeit direkt zu beobachten. Wichtig für die +Theorie des Lachens ist auch, _daß bei der Atemnot, also wieder einer +Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion +sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim +Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erklärlich. Alle +rhythmisch muskulären, d.h. gleichmäßig und oft wiederholten +Muskeltätigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das +Gähnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die +Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur +Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus +eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist +brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen +nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der Rückenmärker, die +Epilepsie können Formen annehmen, die manche unwillkürlich zu +schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt +ansteckend wirken können. Die rhythmische Muskelaktion ist am +zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der +Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige +Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an, +daß der springende Fisch, die hüpfende Bachstelze, der tänzelnde +Araberhengst in heiterer Gemütsverfassung sich befinden, obwohl wir es +nicht beweisen können; es stimmt uns aber gleichmäßige Rhythmik auf +starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst +ist Rhythmus: Rhythmus die schönen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl +der Töne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede +bleibende Disharmonie, weil ohne Maß und Regelmäßigkeit. Darum ist auch +in der Musik vor allem etwas der Lebensbetätigung, der Lust, dem Humor +Verwandtes, und zwar ist nur bei schärfster Ausprägung schnellerer +Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo, +Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer +denkbar. Darum ist bei den größten musikalischen Rhythmikern, Haydn, +Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude +zu Hause, während bei den großen Reflektierern, den Grüblern in der +Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strauß, das affektive +Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus +bezweckt den Nachweis, daß auch die rhythmischen Zwerchfellstöße innig +anderen rhythmischen Heiterkeitsbetätigungen verwandt sind und daß die +Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen +bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche +_Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen. + +Nun sind wir so weit gelangt, etwas näher zu betrachten, was in einem +Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine +komische Bewegung zur Wirkung kommt, für materielle Alterationen +vorgehen mögen, dergestalt, daß ohne Zutun des Willens jener rudimentäre +Atmungsrhythmus ausgelöst wird, den wir "Gelächter" nennen. + +Wir haben gesehen, daß die ursprüngliche Bedeutung der rhythmischen +Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen +Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom +Leben zurückzuführen sein dürfte: auf einen Strom der Lebensangst und +auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des +Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt +entgegengesetzter Art, daß sie, für den Augenblick unvereinbar, eine +Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen +geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele +keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie +wird überrumpelt, verblüfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und +gewohnheitsmäßig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes +Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewiß nicht mehr der Fall, +wenn wir heutzutage einen Kitzel verspüren, zu lachen. Unser Leben +erscheint weder bedroht noch besonders unterstützt, wenn ein +Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt, +die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen ließ, oder wenn +einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestäten +durchaus sich in die erste Reihe drängen mußte, gerade im entscheidenden +Moment der Zylinder über Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder +wenn der kleine, ganz preußische Hauptmannssohn die heikle Frage +aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie" +stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch +fühlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit, +wenn wir bei Fritz Reuter lesen, daß ein unruhiger Schläfer die große +Zehe seines Mitschläfers für eine feine Havannazigarre hält,--und doch +liegt allen diesen unaufzählbaren Formen komischer Wirkungen eine +Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen +solchen Konflikt mit verblüffender Unlogik enthält, wie er in +deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung +auftritt. Schon Kant hatte gefunden, daß der Humor im Kontrast wurzelt. +Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, daß schwarz und weiß, klein +und groß, trocken und naß an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und +doch: unter Umständen kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken. +_Aber zum Kontrast muß noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in +der Revue des deux mondes _Mélinand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?" +hier für das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden, +der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen +umfaßt. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite +betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von +der anderen Seite lange gewohnt, ganz natürlich, "familiär", alltäglich +sich präsentiere. Man kann diesen glücklichen Gedanken dahin +vervollständigen und ins Psychophysikalische übersetzen, daß erst dann +Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realität so in +plötzlichen Widerspruch gerät, daß sich beide an Reizstärke ihrer +psychischen Spannung ungefähr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der +Beschauer einer komischen Situation und der Hörer einer komischen +Schilderung muß beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was +er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein +zweites Wesen repräsentiert oder zu repräsentieren sich bemüht, zweitens +muß er diese Idee plötzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fühlen. +Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal +in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene +Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder +überhebende Gedankengang, außer uns oder in uns erzeugt, schlägt in +verblüffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso +plötzlich überzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen +ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft +erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber +unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasietätigkeit des Gehirns, +die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen +unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemäßer Reflexion. +Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der +Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar +unlogisch, daß die plötzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und +vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa +logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu +lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefühl hilfloser Erregung, die +gewohnheitsmäßig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich +eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellstöße entladen wird. Diese +Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten, +und zwar deshalb, weil ursprünglich das Zusammenprallen von Nein und Ja +des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen +Herbeischaffen und Auslassen wehrkräftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das +tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgemäß und das stoßweise +Entladen der Lungen eine natürliche Konsequenz, wenn die Gefahr +plötzlich entwich. Bei der überrumpelnden Logiklosigkeit und bei der +plötzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die +Gehirnfunktion in dynamisch ähnliche, wenn auch für die Erhaltung des +Individuums gleichgültige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr. +Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der +Hirnmechanismus für seine Stellungnahme gegenüber einer Bedrohung fand, +auch für die funktionell verwandten Zustände, Schütteln beim Frost und +Duschen und Kitzeln, beim Gähnen und Lachen beibehalten ist. Der +Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt +realen Vorstellung, die das Gehirn unmöglich zugleich verarbeiten kann, +diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-möglichen Seiten des Lebens +gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich +von der harten Nuß, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht +verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lastträger Zwerchfell +ablädt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Während dieser geduldige +Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein +unbeschreiblich wohliges Gefühl der erleichterten Klarheit und +Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische +Dickhäutergefühl. So kann schwarz und weiß als Kontrast komisch wirken, +wenn zwischen eine Schar die Idee der Würde aufnötigender schwarzer +Priester plötzlich ein feister, weißer Kuchenbäcker in gleichem Tritt +sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und groß +humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, daß wir im +Trocknen sind!" jemand in einen Waschkübel stolpert oder wenn mit einer +Riesenbulldogge ein winziges Schoßhündchen trippelnd Schritt zu halten +sich vergeblich bemüht. + +So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere +Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer +Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fähigkeit, +überraschend schnell und überraschend suggestiv die zwei Seiten jedes +Dinges aufzuspüren und die Janusköpfigkeit alles Irdischen vor aller +Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand +elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der +Zuschauer oder Zuhörer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden +Gelächters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine +Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos, +durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne +Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung, +die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realität +zugedeckt werden könnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den +nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden +und in reinlichen Asbest hüllen könnte. Darum ist vom Erhabenen zum +Lächerlichen der Schritt so klein, weil, je höher der Kothurn steigt, um +so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im +Lächerlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden. + +Darum gehört zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese +Himmelsgöttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt +wie auf der Heerstraße der Trivialitäten. An einer absolut realen Sache, +an einer allgemein gültigen Wahrheit schnell ihre Unzulänglichkeit in +kühner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehört ebenso Phantasie wie +dazu, eine gespreizte Idealität im Handumdrehen vor den verzerrenden +Spiegel der Realität zu stellen. Der Humor wirft der Idealität einen +Knüppel von realem Holz zwischen die Beine, sie muß stolpern und damit +die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das +Ideal steht auf einem Faß mit dünnem Deckel: ein leiser Fußtritt der +Realität, und der Götze liegt im Waschfaß. Die Idee ist eine +Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit läßt sie platzen. Warum tat sie auch +so schön und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das +noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Füßen gegenüber +der Kühnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die +unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere +Diesseitsgültigkeit in Jenseitsnebel aufzulösen vermögen. Der echte +Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann +Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht +gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen +mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch +Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur +vernünftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist +langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein +muß, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehört. Die phantasievolle +Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getränkt. +Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und +Leben pulst der Humor erst in ihre starren Züge. Der geistvolle Narr und +der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt +gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch +nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das +Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie +lassen sie das Leben wägen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche +Quelle rein physischen Gesundheitsgefühles liegt in der Freude aus +Herzensgrund! Ich halte die Komödie direkt für hygienischer als die +Tragödie. Jene entlädt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese +fügt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes. +Gerade in diesem herrlichen Gefühl erhöhter Lebenslust beim Lachen liegt +übrigens ein Hinweis auf die atavistische, früher um Lebensbejahung und +-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen, +auf denen sich das Gelächter auslöst, assoziiert mit dem positiven +Gefühl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude. + +Für das Verständnis der einzelnen Formen des Humors ist zu +bemerken, daß der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne +humoristischer Lebensbeleuchtung ergießt, in gar verschiedenen +Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr +auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei +Phantasie- und Wirklichkeitsströmen, dieser _Assoziationsknick im +Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die Säge der Logik +aufkreischt, sich überall nachweisen lassen muß, wenn anders +unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender +Doppelvorstellungen Überzeugungskraft haben soll. Allerdings muß +dabei festgehalten werden, daß jede humoristische Spannung der Seele +entwicklungsgeschichtlich im Gefühl der eigenen Lebensbejahung +wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer +Stimmung nichts als die Äußerungen des Gefühles einer Überlegenheit +über andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil +mein eigenes Unversehrtheitsgefühl im stärksten Kontrast zu der +unbestimmt sympathischen Ahnung steht, daß auch ich unter gleichen +Bedingungen hätte meinen Rock mir zerreißen, meinen Hut aufbeulen +lassen, meinen Heller verlieren müssen. Allerdings wirkt auch +hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit +erregend, wenn die besondere vom Geschädigten prätendierte Form seiner +künstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche +Gegenstimmung von vornherein aufkommen läßt. Dann gönnt man dem +Prätendenten eines angemaßten Thrones so recht von Herzen den +Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein +Gefühl für humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist +eben Schadenfreude direkt durch prätentiöse, egoistische Aufgeblasenheit +und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier führt der Humorist zur +Zertrümmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die +Idee: der Stahl der Realität trifft die helle Glasglocke, daß die +Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den +ursprünglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur +noch das _überraschend Unlogische_ übrig geblieben: so sehr hat sich die +Funktion des Lachens von ihrem ursprünglichen Vollwert entfernt. So +losgelöst, gibt es natürlich tausend Varianten desselben Themas. Ich +will versuchen, diese Variationen des überraschend Unlogischen zu +formulieren. + +Zunächst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_ +erregt werden. Die roheste Form dieses vorzüglich auf überraschende +Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist +die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das +Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske +eingeführt und plötzlich die Maske rückwärtsgedreht, dann ist die +Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natürlich Synonyma und +erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Träger +besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhüller +scheußlicher Trivialitäten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen +Kalauern beweist, daß bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung, +eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern +Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht näher auseinanderzusetzen +nötig hat. Übrigens ist es geradezu verhängnisvoll, wenn jemand sein +Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen +Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann förmlich zu einer +Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit, +ausarten. + +Wird der _Kontrast durch ganze Sätze_ ausgedrückt, so erhalten wir die +Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperçu. Auch hier werden +logisch unvereinbare Dinge mit verblüffender Sicherheit in gegenseitigen +Kontrast gestellt. Die Fliegenden Blätter enthalten eine Fundgrube +solcher Weisheitssprüche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie +sammelte, könnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste +entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als +er in unser aller Bewußtsein ursprünglich lautete: "Lerne zu! Leyden!" +(Lerne zu leiden!) Hierher gehören auch die fürchterlichen Imperative: +"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber +doch ein Beweis für die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, daß +man solches Zeug nicht hören kann, ohne wenigstens zu lächeln. Der +Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade +so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die +Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch +_raffiniertere und behutsamere Irreführung der Logik_, so wird, wie in +der Anekdote, der humoristischen Erzählung, künstlich die Phantasie in +eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und +plötzlich gelangt der Zuhörer an den Assoziationsknick, an die +Gedankengabelung, weil der Erzähler mit plötzlichem Ruck der +elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote +sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch +einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung +bedingt sein. + +Es ist nur natürlich, daß die obszönen Witze hier eine hervorragende +Stellung haben. Ich gebe gern zu, daß diese Witze manchmal von +besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, daß die prüde +Verhüllung aller, auch der natürlichen und an sich nicht obszönen +Realitäten es dem Spötter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_ +und das _Bedürfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch +überrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natürlich +die Zote, bei der es nur auf obszöne Kontrastierung von +Einzelvorstellungen ankommt, während ein fein sexualistischer Kontrast +auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung +Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da +gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge +müssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu können, doch einen dezenten +und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. Übrigens gibt es +durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von +Prüderie und Naturbestimmung, wie der französische Sexualismus (Zola, +Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter +Zorn gegen die kulturelle Verkümmerung und Verschnürung menschlicher +Natürlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des +Naturrechtes aufflammt. + +Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem +Humoristen festgehalten und dauernd dem Hörer oder Leser aufsuggeriert, +so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman, +zum Lustspiel. Unbedingt gehört auch hier zur Humorwirkung immer das +Überraschende, Plötzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu +erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik +oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der +Behandlung ergibt die Variante: die Tragik erörtert langsam und +unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden +Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und läßt die eine oder die +andere Weltanschauung scheitern; das Problemstück kommt überhaupt zu +keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die +Humoreske läßt plötzlich in überraschender Weise das Ideale am Felsen +alltäglicher Vernünftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im +Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der +Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen muß wie die Butter +an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche +Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des +Teufels zerzaust wird. Für den künstlerischen Humor, d.h. für die aktive +Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses +unerläßlich. Jeder große Humorist ist auch ein großer Dichter. Die +dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer großen, frei +schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut +zu Hause ist wie auf den Gletscherhöhen des Idealen. "Wurzelnd mit +festen, markigen Knochen auf der wohlgegründeten, dauernden Erde", darf +nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in +die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, daß auch +jenseits von Gut und Böse nur mit Wasser gekocht wird. Der die +humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem +Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden +Suggestionsfähigkeit: er muß sein können, was er scheint. Versagt dem +Dichter oder dem Mimen die Fähigkeit, ihre innere Anschaung zu +suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten +hat. Ihm verfällt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prätentiösen Anlauf +die Unzulänglichkeit des Menschlichen unvermutet und plötzlich ein Bein +stellt ... Ich muß leider darauf verzichten, an dieser Stelle näher +auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem +Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die +_Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der +Bühne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewiß leicht, in jedem +Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische +Stimmungen erzeugt, warum ein Lächeln mit prasselnden Lachsalven von oft +lawinenähnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schärfer und +plötzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen +herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene +Phantasietätigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die +Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigeführt und um so +energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrähte +zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung, +Täuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon +farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu +leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor, +dem graziösen Schäferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die +gewagtesten Situationen erlauben dürfen, bis hinauf zum echten +_Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen +Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu +stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen +wie im Ganzen Bewußtsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu +fortwährenden gegenseitigen Bocksprüngen zu zwingen vermögen. Eine +richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der +wechselndsten, plötzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu, +so daß uns die kontrastierenden Ideen im Schädel herumfliegen wie die +Erbsen in einem geschüttelten Topf. Übrigens will ich nicht vergessen, +zu erwähnen, daß im gewöhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten +Gemütsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen +der Humor, dieser Dieb aller Würde, einen wahren Einbruch in das +Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich +komisch, als meine Großtante am Sarge einer Verwandten bei einem +Rührungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der +Eile eingesteckte Nachtmütze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich +damit die Tränen zu trocknen. Es war von rührender Komik, als ein +treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett +der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose +Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen +so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das +ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_ +streift. Sicher ist, daß Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht +umspringende, humoristische, spöttische, komische Gegenströme +freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter +Kontrastierung erhalten können. Es ist nicht schön, aber wahr, daß die +Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer +großen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen +Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbetätigungstrieb selbst +angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt. + +Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch +Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die +der Humor erfährt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen +Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma +des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, daß vom Wesen des +Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realität +wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik, +Possierlichkeit, Hohn, Geißelung, Ironie, Satire, Spott, Witz, +Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische +Exzentrizität, direkt abhängig sind. Je nachdem ein Individuum von +sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem, +resigniertem, pedantischem, nervösem, phantastischem Grundtemperament +ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament +vorherrscht: in zwingend paralleler Weise äußert sich auch sein Humor in +besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natürlich, wie bei den +Temperamenten, die Übergänge und verwandte Dispositionen eine +Kombinationen-und Variationenreihe völlig unbegrenzter Buntscheckigkeit +zuläßt. Auch muß bemerkt werden, daß auch bei derselben Person die +Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges +Prisma, nicht immer eine gleichmäßige Grunddisposition in unserem Gemüt; +wir können eben noch phlegmatisch sein: im nächsten Augenblick macht uns +ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und +unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Täßchen Kaffe, ein Gläschen Kognak +zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die +Komplementärfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz, +Phlegma und Resignation. + +Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des +Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen +Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive +_Gemütsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives +_Mittel_, diese Gemütsspannung herbeizuführen. Mir will scheinen, daß +zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus +der Aktionen gehört, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausübt. +Der gewissermaßen verhaltene, scheinbar unbekümmerte, unengagierte, +trockene Humor ist um so komischer, je gleichmäßiger und verhaltener +seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist. +Er verzieht keine Miene, der Träger des trockenen Humors; eine beinahe +apathische Typizität seines Gesichtsausdruckes trägt dazu bei, den +Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem, +Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstärken. Man +betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery, +Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter +typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte +Gleichförmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lässigkeit ihres +Gesichtsausdruckes: hängende Mundwinkel, pedantische, schläfrige oder +närrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlürfender, ziehender Gang, +schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im +Indifferenzton, dazu womöglich refrainartige, immer wiederkehrende +Gesten und sprichwortähnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist +der besonders kontrastierende, gleichmäßige, scheinbar träge, +_pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des Bären, +bei den Bewegungen der Dickhäuter, bei denen wir eben wie beim passiv +oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere +närrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel +des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die +Mäuse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer +Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen +Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast +sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und färben. Entscheidender +aber ist für die Äußerungsweise der empfundenen oder dargestellten +Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus +geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der +Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen, +wie auch der geistreiche Witz, das Aperçu, fast das ausschließliche +Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem +Choleriker ist der Hohn, die Geißelung, die Ironie, die Satire das +Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den +wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem +unverwüstlich ehernen Monument humoristisch-wehmütiger Weltanschauung. +Die sanfte Melancholie der Germanen äußert sich in dem einzigen, +herzenstiefen, gemütvoll sentimentalen Humor, dem wir die +überquellenden Labetränke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter, +Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt +cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen +Blütensträuße, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind, +darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner, +dessen Seele nach großen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen +phantastischen, großdimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar +Poë, Mark Twain, Bret Harte die schöpferischen Organe erhalten hat. +Endlich führt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form +der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer +bewußt ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_, +dessen Typus jener Verbrecher verkörpert, der, auf dem Karren zum +Schaffot geführt, der herbeiströmenden Menge zurief: "Kinder, lauft +nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der +Kontrast geradezu umgekehrt. Während sonst der Humorist tief innerlich +sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet, +fühlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur +in der Idee. Das ist typisch für jede Form von Galgenhumor. + +In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen +Betrachtungsfähigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der +Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber +Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit +über alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten +Schachte des Gemütes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit +ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter, +er ist eine Majestät, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte +freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrügern den +Lügenflitter und die Maske vom Antlitz reißt, ein Evangelist, der es +versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem +Himmelslächeln zu lösen, und ein Tröster, der über alle Not Goldkörner +des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persönlichkeit +streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge +kreuzt; und für manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort +zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel +heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des +Volkes, ein Dokument seines Gemütslebens, eine Schatzkammer des +Reichtumes seiner Seele. + + + + +SCHLAF UND TRAUM + + +I. + + +Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurückzublicken das Glück +hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel +von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht +es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, daß es mindestens +fünfundzwanzig Jahre waren, die er buchstäblich verschlafen hat,--selbst +wenn er die kummervollen Nächte, in denen die Sorge oder der Schmerz +neben ihm am Bettrand saß, oder auch die Nächte abrechnet, die er +weniger kummervoll als deutscher Student verlebte. + +Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie +weiland Friedrich dem Großen, daß sie auf die freilich unhygienische +Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewöhnen; scheinen doch auch +unsere Ministerien der Meinung zu sein, daß für festangestellte Beamte +der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von +Sicherheitsbeamten, Nachtwächtern, Telegraphisten, Lokomotivführern usw. +sogar, daß sie gefälligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nächte +zählen und die Tage aus ihrem Bewußtsein streichen, sich also gleichsam +zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden +versuchen. Das wäre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der +Gesellschaft und ein sträflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu +leben, durch Abzüge am Schlaf zu verlängern sinnt, wenn es nicht +tatsächlich sogar recht wohlgenährte Individuen in der Natur gäbe, die, +wie Raubvögel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit +heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: für die +erdrückende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der +Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz für +den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im +allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er +währt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit +ihrem ersten östlichen Gruß, der schon vor unserem Erwachen die Hähne +veranlaßt, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die +Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mörderin der Elfen und Waldgötter +schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch +Tranfunzel, Docht, Steinöl und Gas und jetzt durch das starre, +geisterhafte Licht der Glühbirnen und leuchtenden Strümpfe, deren Strahl +auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenärzte +späterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin +gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlängern,--wie man +eine kräftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natürlichen, +die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen, +würden von dem Lärm der auf künstliches Licht eingestellten Mitwelt +unsanft aufgerüttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhöben, +in ihrem Hause wie des Begräbnisses unwürdige Bewohner von Vineta oder +Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und +Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Möglich, +daß dieser Rhythmus sich ändern läßt, daß wir uns allmählich anzupassen +vermögen an die künstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich +nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von +Hypersensibilität und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosität ist +vielleicht nur die Übergangsform--im Sinne Darwins--zu einer +künftigen Norm von bleichsüchtig-ätherischer, hypersensitiver +Weiße-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch +erleuchtete Höhlen verlegt hat; vielleicht sogar läßt sie sich vor +lauter Produktion überfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal +am eigenen Lichte genügen, wie die entzückenden Glühwürmchen im Moose +oder die großen Laternenträger der Tropen. Man sollte meinen, daß die +Menschheit keinen Grund hätte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren +schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst +abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gräben und +Sümpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog, +wie Nachtinsekten, Käfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch +scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen, +den Eulen und Raubvögeln, die auf den Gedanken kamen, daß die Finsternis +ein trefflicher Mantel für lichtscheue Taten sei. Vorläufig aber bleibt +es hoffentlich dabei: für unser Planetensystem ist es die Sonne, die als +die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte +Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die +Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen +von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder +der Rückprall der Sonnenmacht. Tatsächlich ist der Schlaf an ihr +Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen, +und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint +und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte +organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und +her. Denn daß auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht +gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches +Leben erst nachts beginnen. Die Ärmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr +sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen können, +sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft +wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt, +hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der +Ermüdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives +Zurückfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch +zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole +und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven +Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der +Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natürlicher, +rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der +Nervenspannungen. Ja, noch kühner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen; +man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein +physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Küche des +Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermüdung jeder sich selbst bereite, +das sich allmählich ins Blut mische und schließlich uns einschläfre. +Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische +Narkose! Dann hätte also das Sonnenlicht nur ganz zufällig mit Schlaf +und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen +und damit das Fleischmilchsäuregift während des Sonnenlichtes +produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einfluß auf den Rhythmus +von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses +Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen +Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem +Schlaf ganz unähnlichen Zustände fast mit dem Extrakte jedes anderen +Organes, ja, sogar aus dem ganz untätigen Muskel des neugeborenen Tieres +herauspressen; sie beweisen eben nur, daß auch Muskelsäfte fremde +Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur +dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengründe gegen die +Möglichkeit einer solchen periodischen Ermüdungsvergiftung. Wie sollte +ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von +ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne daß für +diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu +finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwürdige Narkose des +Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem +Wissen vom künstlichen Schlaf wäre und nur in der periodischen +Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiestützpunkt +gewinnen könnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu +verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der +eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder +während der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der +ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsäure in keinem +Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die +doch noch herzlich wenig mit Muskelkünsten zu paradieren pflegen, das +Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich für unbefangene +Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern süßen Himmelsfriedens, aus +dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zäher Kater, +der auf einen Sturm durchwachter Prügelnächte folgte, worauf allerdings +das Antlitz des eben einpassierten Mitbürgers mitunter hinzudeuten +scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindämmern des werdenden Menschleins +das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her +hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes? +Läßt sich ernstlich behaupten, daß man, je mehr Muskelaktion man ausübt, +desto besser schlafe? Ist nicht gerade Überanstrengung das beste Mittel, +um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde +geistige Arbeiter eines ungestörten, tiefen Schlummers? Will man +behaupten, daß auch sie alle Gift produzieren? Die ganze +Ermüdungstheorie, die das Leben auffaßt wie ein Kautschukband, das man +hier und da abspannen muß, um es funktionstüchtig zu erhalten (wobei +noch nicht bewiesen ist, daß es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist +meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und +festgegründetesten und wahrlich "beschäftigten" Organe, das Herz, die +Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres körperlichen und +seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes gänzlich. Sie hämmern, +blasen und wühlen unbekümmert um Nacht und Tag und ermüden erst, wenn +das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich +vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines +Traumes, die Möglichkeit eines Bewußtseins im Traum spricht gegen die +absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermüdungsgefühl nennen, +kann sehr wohl das Gefühl gestörten Gleichgewichtes der wechselnden +Lebensbetätigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel +nach langen Märschen die so lange untätigen, den Muskelzentren nahe +benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschäftigung verlangen. Sie +wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und +in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein +System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es könnte also +ebensogut das Gefühl der Ermüdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der +uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie +ja so oft Schmerz und Unlustgefühle die Rolle der Signalwächter für +Störung und Gefahr übernehmen. Wo diese Wächter schweigen, wie bei +eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten +(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermüdung als etwas +Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten körperlich oft +physiologisch Unfaßbares an Muskelaktion, und vor der Ära der vier Tage +lang radelnden Dauerfahrer hätte man die Sache nach den Gesetzen der +Ermüdung für Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts +von besonders produktiven Köpfen, die auf solchen Athletenschultern +säßen, gehört. + +Ganz und gar keine Anwendung läßt aber die Hypothese von der Ermüdung +oder der Selbstvergiftung auf die Formen künstlichen Schlafes zu, die +uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es müßte schon eine +sonderbare Ermüdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln +oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die +Hirnganglien überfielen und ertränkten. Einer Mutter, der sorgsamsten +Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, daß ihr +summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermüdendes Gift +hinter die geschlossenen Lider schüttet. Wie nun, wenn man diese ganze +Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die +Wissenschaft noch heute definiert, über Bord würfe? Sehen wir zunächst +zu, was die Physiologie über den Schlaf aussagt. Landois, wohl der +geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich über den Schlaf +in den folgenden Sätzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizität +des tätigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf +eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden." +"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln." +Auffallend ist, daß man bei diesen Grundsätzen über die Physiologie des +Schlafes so völlig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des +Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die +psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewöhnlichsten +Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen sämtlich auf. Der Schlaf kann +nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt +werden, denn es gibt Träume; Träume sind aber "Tätigkeiten" des +Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhöhte Erregbarkeit +des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus +unter unruhigen Träumen beweist. Außerdem ist die vorhandene +Erregbarkeit sämtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar. +Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase, +bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die +Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und +braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so +wäre damit bewiesen, daß sein Nervensystem erregbar war, auch während er +schlief,--und es wäre doch schwer festzustellen, ob stärker oder +schwächer als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch +keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir +leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf +Erfolg diese Frage vorlegen könnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus +der Funktion des Traumes, die Ichbewußtsein, Seh-, Hörwahrnehmungen usw. +nicht ausschließt, daß die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die +Ganglien der Hirnkugeln, in voller Tätigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln, +einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewußte und durch die +Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmäßigkeitshandlungen, +die nur durch die Tätigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen" +Hirnkugeln vermittelt sein können. Im Widerspruch mit diesen +Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas +durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit +der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen +elastischer Spannung könnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach +der Schlaf einträte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe über +die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der +Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich über die +Äolsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen +hinüberzieht wie ein vielgestaltiger Dämpfer, der die Töne erstickt, die +Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heißt und die Welt +und ihre Umgebung zeitweise versinken läßt. _In Wirklichkeit ist der +Schlaf eine Form der aktiven Bewußtseinshemmung_. Wir wissen aber--und +das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, daß Hemmungen, +Isolation, Ausschaltungen im Bewußtsein durchaus aktive Vorgänge, den +Nerventätigkeiten völlig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir +können sogar mit einigem Recht behaupten, daß ganz allgemein, biologisch +gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven +Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende für die +Formierung des überall vorhandenen und zur Betätigung drängenden Lebens +sein dürfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben +hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstärkung der ihm +gegenübergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem +gegebenen Strom rätselhafter, jeder Anschmiegung fähiger Materie, es +quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lücke, und die +Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie +erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die +Widerstände lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte +System der seelischen Nerventätigkeit läßt es erkennen. Jeder +hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die +Abhängigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen +Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom +Meere ruft, und das Glöcklein, das vom Kirchturm tönt und "Bleib +daheim!" läutet. Gott und Teufel, Weiß und Schwarz, Ich und Du, der +andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so näher beieinander, je höher +die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzureißen. Wie +ein Pendel seine Schwingungsweite innehält und um so höheren Ausschlag +gibt, je höher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der +Erregung ins Tal zu reißen. Kein Wunder, daß es so ist! Denn, rein +mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des +Gehirnes muß in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit können nur +wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur +eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die übrigen aber +abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung müßten +ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander +schwingen. Wir finden also, daß wir in zeitlich nacheinander geordneten +Systemen nur deshalb denken können, weil uns im Augenblick immer nur +eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die +Aufmerksamkeit konzentrieren" heißt, ist nichts als das Gefühl und +Bewußtsein davon, daß von der ewig schwankenden, Anschlüsse bald hier +erzwingenden, bald dort abdämpfenden Hemmung nur eine--die +Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also +der eigentliche Spiritus rector, _die Seele über der Seele_, nicht in +den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in +dem Mechanismus dieser Hemmung wäre das Prinzip zu erforschen, das +gleich immer wechselnden Registerzügen in der großen Hirnorgel bald +diesem, bald jenem System die Ventile öffnet, so daß der einströmende +Hauch des Lebens die fünfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in +unfaßbar reicher Kombinationsmöglichkeit zu seelischen Akkorden +erklingen läßt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glühlämpchen +angebracht, deren Drähte alle in eine stille Klause unter dem Dache +auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den +Händen hält. Er läßt Millionen Flämmchen erlöschen, und ein kleiner Rest +leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme +werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gruß, ein Willkommen, ein +ganzer Satz erstrahlt,--und so könnte der Ingenieur der Hemmungen unter +dem Dach gewiß jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls +er den Strom seiner Batterien, der in alle Lämpchen zu fließen strebt, +zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die +anderen verschließt. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich +kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkörper ausgespannt, viel +zahlreicher als die Sterne am Himmel, die für uns auch nur aufflammen, +wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren +spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre +Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun +keineswegs gleiche, scheinbar willkürliche Macht über alle Formen +zentraler Hirn- und Seelentätigkeit; ihr wechselnder Einfluß nimmt mit +dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven, +dem Bewußtsein ganz entzogenen Seelentätigkeiten, namentlich in +denen der Regulation von Herz- und Atmungstätigkeit, schwankt +die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenwärtig, sie hat sich +selbsterhaltungsgemäß[1] herausgeprüft, welche koordinierten Bahnen das +Beste, Unabänderlichste für den Haushalt des Ganzen darstellen. So +werden auch unsere, heute nicht mehr bewußten Seelenhandlungen in +festen, definitiv und stets gleichmäßig gehemmten Bahnen reguliert, und +nur in den jüngsten Phasen des Bewußtseins tastet die Hemmung, gleichsam +nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgemäße Lösung sei. +Die jüngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam +stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h. +instinktiver Lösung ringt. + + Fußnote 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingeführter + Begriff. + +In uns geht sehr vieles unbewußt seinen nicht mehr abzuändernden +psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das +unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien +z.B. können wir nicht mehr ohne Rest im Bewußtsein begründen; wir tun +vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem +Wort: es gibt in uns Verständigeres als den Verstand, Bewußteres als das +Bewußtsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewußten, +schon definitiv vom schwankenden Bewußtsein des Ichs und der Situation +abgelösten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht +mit der tastenden Orientierung der höchsten Ganglienschichten assoziiert +werden können. Die jüngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre +Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstülpungen nach außen, sie horchen, +fühlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im +Weltganzen. Das Gefühl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize, +die die Widerstände auf meine Sinne ausüben, wirkt das, was mein +Empfinden von mir selbst und mein Bewußtsein von meiner Stellung in der +Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch +ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem +Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament +der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen +Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen. +Manchmal fühlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit +uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner +Macht inne und fühlt doch nur einen Widerschein von seinem +Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die +der Schlaf dem Bewußtsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes +bezieht sich nur auf jene krönenden Funktionen geistigen Geschehens, die +im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwärtigen Phase der +Hirnentwicklung zugehören. + + Fußnote 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, daß + wir von einer Erkrankung träumen können, deren Herannahen im Wachen + noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwür kann im + Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen + zu veranlassen. (Moll.) + +Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes +erzwingt, vermittelt? + + Fußnote 1: Über das mutmaßliche Wesen dieser selbst siehe + Ausführlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der + schlafähnlichen Zustände". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen + Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin. + +Wir stellen uns vor, daß um die Ganglienzellen des Gehirnes ein +Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet, +und daß dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die +Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die +bisher als eine einfache Stützsubstanz aufgefaßt wurde. Wir denken uns +diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch +erfüllbar und entleerbar, so daß je ihre Füllung oder Entleerung +imstande ist, Anschlüsse (Assoziationen) unter den Zellen zu +unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den +Ganglienkörpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den +überspringenden Funken oder induzierten Strömen größeren und geringeren +Widerstand entgegensetzt. So geschähe auch das Denken in der Richtung +des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere +Bewegungsform. _Die Tätigkeit der Ganglien ist die der spezifischen +Transformation (Umbildung) der Außenweltreize, ihre prismatische +Strahlenzersplitterung, und die Tätigkeit der Hemmung ist die der +Widerstandserzeugung für die Assoziation dieser transformierten Reize._ +Sicherlich gibt es auch ein psychisches Äquivalent, d.h. jeder Reiz, der +das Zentralorgan trifft, verlangt seinen völligen Umsatz in Spannkräfte +der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind +gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbündel zu weißem Licht, +die Rückgabe der unveräußerten Pfunde an die Außenwelt. Die Hemmung gibt +die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht. + +Diese, wie ich gern gestehe, für eine Plauderei schwerfälligen +Deduktionen waren nötig, um den Mechanismus des Schlafes völlig +verständlich zu machen. Sie ermöglichen eine hypothetische Einheit des +Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu +betrachten. Daß die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung, +die über den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurückzuziehen, +vermöge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso +begreiflich, wie daß ihr Loslassen von der Gefäßspannung dieser am Abend +gestattet, die Tarnkappe über das Bewußtsein zu ziehen. Man beobachte +nur einen Müden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes +gegen seine Bewußtseinszentren anbranden, fühlt er eine Neigung, nicht +mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend +festzuhalten, er vergißt sich und sie, seine Muskelaktionen werden +schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Gähnen gibt +kund, daß der Reizüberschuß, den das Leben in seiner Hirnrinde +zurückgelassen hat, eine gewohnheitsmäßige Ablenkung auf ein gewisses +Gebiet der Atmungstätigkeit erfährt. Gähnen heißt, das Gehirn von +Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu +gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der Überführung +geistiger Spannkräfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung +spült immer weiter über den lichten Strand des Bewußtseins, in dessen +Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfläche wird +immer trüber, und schließlich versinkt wie mit einem Schlage die +Außenwelt vor seinen inneren und äußeren Blicken: er ist in ihr und hat +doch kein Gefühl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der +Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen +eines eben noch strahlenden Glühkörpers, daß der Begriff des +"Erlöschens" des Bewußtseins zu dem Treffendsten gehört, was unsere +Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstäblich nehmen. _Die +Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus) +vermittelter Reflex_, den die Periodizität des täglichen Lichtwechsels +durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich für +die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einflüsse +nervöser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete +Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja +eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, daß Schlaf +durch Reizung der Hemmungsvorgänge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man +hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese +Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus +des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslösbar durch die Maßnahmen der +Hypnose: Streicheln über die Stirn und Augenlider, starres Fixieren, +Kämmen, Wiegen, das gleichmäßige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen, +die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften, +suggestiven Abblendung des Bewußtseins auf einen einzigen Punkt, wodurch +es natürlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird, +rings um diese letzte Stelle des Bewußtseins ihr Zeltdach des Schlummers +zusammenzuziehen. Eindämmung des Bewußtseins auf einen Punkt und +Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, daß zum +Einschlafen auch der feste Wille dazu gehört und daß Gewohnheit und +Erziehung einen so erheblichen Einfluß haben. Man zwinge sich bei +erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle +den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der Überlegung, der +Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er +will rechts und links über die Zäune setzen--: dann wird es der Hemmung +schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das +süße Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschließlich +der Mittel der Narkose--betäuben in gleicher Weise, sie lähmen die +Gefäßnerven aktiv; und die Folge ist die Füllung der hemmenden Gespinste +um die Ganglien und die Erzwingung der Unmöglichkeit ihrer gegenseitigen +Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenuß. Der +anfangs die Gefäße treffende Giftreiz verengt zunächst das Stromgebiet +der hemmenden Zwischenschicht; der Anschluß der geistigen Verknüpfung +der Ideen erfolgt zunächst mit deutlicher, gern gefühlter, die +Lebenslust erhebender Leichtigkeit; über alle Höhen und Tiefen der +Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der +Gedanken; der Dümmste dünkt sich ungeheuer geistreich und traut sich +Fähigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, daß er sie sein eigen nennt, +wobei er oft sogar Kundige zu täuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber +um so mehr Gewalt, je höher die Dosis steigt, sie engt wie beim +Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewußtsein immer mehr ein, +der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzählt +dieselbe Geschichte fünfmal, zehnmal, murmelt schließlich immerfort +dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen +Schwärmers blutgefülltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltönende +Harfe läßt dem Sägegeräusch des Schnarchens das Feld. Während aber bei +diesen künstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht +nur die obersten Schichten des Bewußtseins umfaßt, sondern auch ihre +eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie +um die anderer Formen von Bewußtsein schlägt, scheint uns für den +physiologischen Schlaf charakteristisch, _daß eigentlich nur das +Bewußtsein für Zeit und Ort, für Orientierung in der Umgebung +und der betreffenden zeitlichen und örtlichen Situation fehlt_. +Da der Schlafende im Traum sein Bewußtsein von sich selbst, den +Begriff der Persönlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur +orientierungsunfähig für das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so +kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des +Situationsbewußtseins; er ist die periodische Ausschaltung der +Orientierung für die Umgebung, die Zurück- und Einziehung aller +Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung +wurzelt_. Alles übrige, sein Ich-Bewußtsein, seine Bewegungsfähigkeit, +seine Phantasietätigkeit, seine Vorstellungssphäre, unterbewußtes +Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert, +als diese Funktionen ihren verstärkten Anstoß eben aus jenem +Situationsbewußtsein zu ziehen gewöhnt sind. Wir verlassen für +gewöhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar +nichts wissen, wir greifen nach nichts über und um uns, weil wir nichts +von dem "über und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle +Muskeltätigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung +beziehen, irgend etwas auf diese Bezügliches zu unternehmen. So weit +aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden +Bewußtsein des Traumes erregt werden können, bleibt ihre +Beeinflußbarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der +Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben, +in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den +verschiedenen Formen des gestörten, pathologischen Schlafes erkennen +lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade +die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkstätten besitzen, +in mehr oder weniger großer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die +feinere Art der Bewußtseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum +etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der +natürlich sehr erheblich durch Außenwelteinflüsse zu verändern ist. Der +Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums, +und seine größte Intensität fällt zusammen mit der Vollreife, was +wiederum stark für meine Auffassung von der Aktivität des +Schlafmechanismus sprechen dürfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist +deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so +ungeheuer die Ansätze von Ganglienzellen überwiegt; denken lernen, heißt +eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgemäße Hemmung hineinwachsen und +ihre Anschlüsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund, +warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie +in die Köpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas +Selbstverständliches erfaßt werden; deshalb ist es auch für originelle +Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen, +wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunächst dreißig Jahre +ins Grab zu legen. Es ist überall das Verhältnis von Ganglienaktion zur +Aktivität der Hemmung, das Originalität, Intelligenz, Charakter, Genie, +Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des +Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige +Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie Überanstrengung, Sorge, +Überlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht, +Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fällen die +Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrückenden Hemmung widerstehen. + +Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone +der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht müde zu sein, die +glücklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine +Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgeübten Kabel der +Bewußtseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelmäßigkeit des +Ein-und Ausschaltens von Bewußtsein und Schlaf selbst ohne jedes +Ermüdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen, +die Sinn für Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen +freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflügler nicht einmal +andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen +die Ermüdungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine +alte Weisheit, daß der Vormitternachtsschlaf der stärkendste ist. Weil +wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist +der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je näher der +Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht +liegt dem Scheiden der Sonne am nächsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und +jede Stunde nach Mitternacht führt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz +des Bewußtseins näher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder +Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem +Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glättung der +erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er +vermag Rätsel der Lösung nahe zu führen in wenigen Stunden, und oft +steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette, +wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrauß. Weinend legt der Knabe sich +nieder, weil er die Lektion nicht bewältigen konnte, und morgens sagt er +sie her, erstaunt und verblüfft ob der Heinzelmännchenarbeit, die über +Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist, +der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner +inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Schönheit dem +heißen Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden +Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein +weißes, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben +die jüngsten Entwicklungsphasen des Bewußtseins sind, in denen das +Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der +Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme +an alte Bahnen anschließt, so sind hier auch gleichsam die leicht +verletzlichen, zartesten Blüten des Seelenlebens ausgebreitet. Das +stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere +Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel. +Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und +Kabelstation fertigbauen, den Schlußstein setzen, einen sammelnden +Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mühsam +vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so +nötige Bewußtseinsverhüllung versagt! Was gibt es Fürchterlicheres als +die Schlaflosigkeit, in der das geistige und körperliche Auge in die +Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dämons annimmt? Dabei +die Gedankenflucht hinter dem Schädel, diese springenden, jagenden und +nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgültig sind und uns so gar +nichts angehen, die sich aber unaufhörlich durcheinanderschieben,--diese +grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat: +Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die +gereizten und zur Überfunktion gepeitschten Ganglienzellen schließlich +alle Widerstände durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprünge +im Geist, die geistigen Veitstänze beginnen. + +In der schonenden Hülle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der +sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die +der überwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime +entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei +Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und +Haschischvertilger verschaffen sich künstlich diese Verschleierung des +Bewußtseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewährt, nicht nur, weil +es angenehm ist, die quälende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen, +sondern auch, weil sie instinktiv fühlen, daß eine erhaltungsgemäße +Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt. + +Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und +Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die +atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der +Ermüdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf +gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vögel, die +pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen +mögliche Verschiebung des natürlichen Schlaftypus (alle Sorten +Nachtwächter einbegriffen), sie alle werden verständlich, wenn wir sie +betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die +Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervöser Bahn +nur zeitlich verstellt, soweit überhaupt noch ein Rhythmus erkennbar +ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein +herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz +natürlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen +wäre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt +sein können. + +So ist der Schlaf also die Tätigkeit eines besonderen Organsystemes, der +Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und +Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der +Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der +Narkotika, gehorcht diese rätselhafte Funktion so lange, bis schließlich +die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich +einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint +der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen läßt, wie unsere +definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage +wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier +wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana für immer. Heute +versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stückchen unter die +Oberfläche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die +kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt +auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen +und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir +Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine +Sphäre gleichsam früherer Daseinsepochen zurückgezogen, sowohl unseres +persönlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben +minus Situationsbewußtsein und ohne die Fähigkeit, die Umgebung logisch +mit unserem Geiste zu verknüpfen. Das gibt unserer Phantasie die +Möglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewußten Tierlebens +vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der +Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in späteren Geschlechtern +vielleicht zu noch höheren, wundervollen Bewußtseinsformen weiter +sprengen werden. + + +II. + +Wenn es richtig ist, daß im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres +Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Außenwelt +greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos, +schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewußtsein der Stellung des Ichs +in der umgebenden Welt der Realitäten ist, das aus der Reihe psychischer +Bewegungen im Schlafe entfällt, so ist es begreiflich, daß alle noch in +der übrigen Sphäre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der +Phantasie ihren Reigen führen müssen. Schon wenn im Wachen jemand die +Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach +innen kehrt und sich nicht entschließen kann, Rinnsteine, Laternenpfähle +und Mitmenschen für Realitäten zu halten, wenn Dichter und Denker uns +begegnen, das Auge für den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze +Energie gleichsam zum Wachedienst für das ewige Feuer der Vestalin nach +innen gepreßt, so sagen wir ja wie Josephs Brüder: "Seht, da kommt der +Träumer!" Die Seele hat eben zwei große Orgelregisterzüge: "Real" und +"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander +Harmonien geben, so schön sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des +Daseins färben. Wenn die mehr oder minder ausgeprägte Schnelligkeit der +Leitungsanschlüsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die +unwillkürliche Zähigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von +Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register +"Gemüt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener +andern Fähigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen +Orientierungs-und Anpassungskraft für die Umgebung. Hat doch unstreitig +die halb unbewußte Tätigkeit des Künstlers, das Versinken der Welt um +ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf +den echten Künstler die Realitäten des Lebens erst recht intensiv +wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang +sieht, gleichsam durchglüht von dem Lichte seiner inneren +Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dünkt ihn ein +Beweisstück für die Idee einer Schönheit, die durch ihn Gestalt gewann. +Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert +lebhaften Kinderaugen betrachtete Bestätigungen seines inneren Traumes. +Wenn aber auch die von Musen nie geküßte Stirn eines Bankiers im Wachen +keine anderen Bestätigungen seiner Idee sucht, als daß gerade seine +Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht +ihn dennoch zum Dichter, er löst ihn sanft von seinen begehrlichen +Sinnen, und wenn er nun dennoch träumt von Dividenden, Giro und Diskont, +so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines +Bangens auf eine Bühne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist. +Wie aber ist es überhaupt möglich, daß vor unserem Traumesblick ein +Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch +die Sinne, die diese Realitäten übermitteln, in Hemmung sind? Nun, die +Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wären nicht +denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen sämtlich auch in umgekehrter +Richtung schwingen könnten, wie das die Physiologie unwiderleglich +festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer +Schwingungsfigur übermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem +Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslöst, so kann +umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis +rückwärts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir +"Pferd" zu nennen übereingekommen sind, unserer Phantasie in voller +Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst +bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realität der Umgebung ungestört +zum Gehirne geleitet werden, so daß wir schwören können, wir sind im +Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gestörte und verwirkte +Traummechanik von rückwärts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor +meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen +halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trüben und +erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren +Wahrnehmungen für wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber +natürlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder +immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere +Stütze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der +kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fähigkeit habe, die +rückwärts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der +Wirklichkeit am Maßstab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine +Logik in den Lüften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln +gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die +Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der +uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tür und vom Bellen +des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen +Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu öffnen, die +Hemmung zu überwinden, wodurch wir wach würden, so springt er nach dem +Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten +Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewußtseins ab, wie eine +Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen +Ganglienschicht in andere Empfindungskräfte umgesetzt (transformiert) +werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmännchen +über die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der +Phantasie. So wird ein Geräusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug, +ja ein überfüllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in +irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von +allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten +Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergrößerung der wahrgenommenen +Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schuß, das Rücken eines Stuhles +zum Donner. Da das Gefühl meiner Persönlichkeit, mein "Ich"-Bewußtsein +gar nicht mehr direkt abhängt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito, +ergo sum), sondern bis tief in die unterbewußten Schichten hinabreicht, +bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch für +mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so +ist verständlich, daß der Persönlichkeitsbegriff mit allen möglichen +halluzinatorischen Traumbildern verknüpft werden kann: man fühlt sich +und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt, +als Leiche aufgebahrt, als König oder Bettler, als Engel oder Teufel. +Das doppelte Bewußtsein erklärt sich leicht aus dieser wechselnden +Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemäßer Seelenerregungen. Man hat +im Traum durch phantasiegemäße Assoziationen vom Ich mit Muskelgefühlen +und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fähigkeiten, die uns fliegen lassen, +schwebend durch den Äther und die Luft, die uns Probleme spielend lösen +lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein +Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, löst sich die neue Kunst, die +Problemlösung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne +die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene +Barriere der Schlafhemmung in die Höhe steigt. + +Man kann aber doch die Möglichkeit nicht ganz bestreiten, daß manche +Menschen Verse, Lösungen von Rätseln, Pläne usw. unmittelbar so +niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben +glaubten; denn es ist ja keine Frage, daß der Traum Erinnerungen +hinterläßt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir träumte +einst, ich sei ein großer König", gelegentlich wohl ein wenig flunkern. +Übrigens ist es wegen der Abschließung der Gegenwart, die uns zeitlich +und räumlich umflutet, charakteristisch, daß wir den Schauplatz unserer +Träume so oft in die Vergangenheit verlegen müssen, wenn wir überhaupt +Spuren eines Gefühles für Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten; +wir sehen uns daher fast stets jünger, als wir sind, oft direkt als +Kinder, Angehörige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als +Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten +und Räumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch, +ob jemand sagen könnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher +geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen +Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der +Gegenwartsempfindung untrennbar gehört. Sich zeitlich oder örtlich +orientieren, heißt eben, rückwärts tasten aus der kontrollierbaren +Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit +oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht nötig, mit Zeit und Raum sich +abzuquälen; darum hat sie auch etwas Göttliches an sich. Unstreitig +haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand +genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen +anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlägt +uns meistens die ergänzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen, +denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende +Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und +namentlich bei Traumerzählungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine +Künstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Träume werden +oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch, +seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfräulein +von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. Übrigens hat man +beim Traumerzählen auch ein Gefühl der heiligen Scheu; man sieht +Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit +der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit +etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne +außer dem inneren Sehvermögen betrifft, im Traume ziemlich geräuschlos +zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls über +Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume +deutlicher, als wir hören, riechen, schmecken, fühlen. Ja "die Stimme, +die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen häufiger als im +wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen +phantastischer Gebilde sind häufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen +vieler Träume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehörs- oder +Gefühlswahrnehmung stattfinden müßte. Sehr viele Träume schließen wie +das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit +einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft +sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt +gerade müßte der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und +transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, daß im Schlafe tatsächlich +eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der +Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzüngelt, +zerreißt er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das +Gefühl davon, daß auch der Phantasie eine Fesselung nach rückwärts +geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft +etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision +von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal +betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten, +womöglich vor der Französischen Akademie, einer feierlichen Versammlung, +und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir können ja +nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten +Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die +man von der Sache behält, erblicke ich den stärksten psychologischen +Beweis für die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphäre des +Situationsbewußtseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, daß im +erneuten Traume das Bewußtsein früherer Traumphantasien, ja +schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne +logische Assoziation hat eben ihr Bewußtsein für sich. So erklärt es +sich, daß Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedächtnis gerufen +werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber +emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewußtsein des Gegenwärtigen, des +sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewußtseins +sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fähigkeit, morgens zu +einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehört zu den verbreitetsten Formen +eines doppelten Bewußtseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den +Sphären unseres Zeitbewußtseins langt pünktlich zur Sekunde an die +Einschaltung des Bewußtseins: so weit geht die Automatie, der +Selbstwille unserer Ganglien, daß sie ohne Zutun des Gesamtbewußtseins +Zeitbegriffe übermitteln. + +Beim Suchen der näheren Ursache des Träumens finden wir, daß durchaus +nicht gerade die Dinge, die den Tag über den stärksten Eindruck auf uns +gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so +verbreitet auch diese Ansicht sein dürfte. Denn das, was uns tiefsten +Schmerz oder höchstes Glück für die Seele gebracht hat, wird nicht +direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden +ebensowenig wie Worte oder Lieder Träume. Es kann im Gegenteil ein +jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen, +daß dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flüchtig gestreift +hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehört im +Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit +fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafür gibt es eine +sehr plausible Erklärung. Die tiefgreifenden, erschütternden +Sensationen, die uns das Schicksal sendet, während wir wachen, verlangen +mit starkem psychischem Äquivalent fast augenblicklich einen seelischen +Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange +nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust +im Sturm und rüttelt an den Säulen und Gewölben unseres ganzen Wesens. +Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grübeln vorbereitet, oft +ungestüm, wie mit explosiver Gewalt ausgelöst, gibt den psychischem +Insult an die Außenwelt zurück, oder, wo mit lähmender Gewalt das +schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die +Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewühlter Wellen +gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze, +abgerissene Träume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid +sah. Es ist keine Möglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der +Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken +und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft +übernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu +sehr mitten in der Welt der Realität, als daß die Seele unter Hemmung +der Realität im Schlafe sich mit ihm befassen könnte. Mich fragte einst +ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint +mir Mutter nie im Traum?" Und Väter, die ihre ganze Hoffnung begruben, +sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt +des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer wühlende Schmerz +verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie +mild von der Natur, daß nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den +kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gönnt, bis der Tag zum +Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mörder träumt nicht von seiner Tat; und +das liegt nicht nur an seiner Gemütsroheit, sondern hat allgemein +psychomechanische Gründe. Was im Brausen des Tages aber an flüchtigen +Eindrücken vorüberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das +verfängt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des +Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und läßt uns erkennen, wie +bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur +weder Klein noch Groß, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch für +unsere Seele, und was das Bewußtsein nicht registriert, das ist deshalb +doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum +einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des +Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der +Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst +empor und beginnt mit dem Wind nächtlichen Reigen. Das Traummotiv ist +wie eine vergessene Goldmünze im Portemonnaie des Studenten; so lange es +gefüllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte, +nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude über ihren +ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekräftigen, +dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, daß sie +"immer", die "ganze" Nacht, davon träumen müßten, so ist das meist eine +sentimentale Lüge: man träumt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon, +was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der +Straße der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas +Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich. +Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedächtnis, plötzlich, +unvermutet, verblüffend ein. So taucht plötzlich beim Kartenspiel unsere +liebe Großmutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten +Dendron" begießt, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie +stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die +gleichen willkürlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien +zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und +in beiden Fällen sind es Nebenströme, induzierte elektrische Ströme, wie +die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen +gruppierenden Funken springen da über, wo sie den geringsten Widerstand +finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewußt +gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schläft, abhängig ist. +Ich war einst in einer Versammlung von Ärzten, und wir sprachen vom +Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten +Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, daß alle schon +davon geträumt haben würden, nur die nicht, die einmal durchgefallen +seien, und zur großen Verblüffung aller waren zwei, die nie jenen Traum +gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklärung ist +einfach. Das vielgequälte Primanergehirn erhält eine Examensfurche von +Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der +Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange +Spannung. Ist man aber regulär durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr +da; die Lösung war betrübend zwar, aber logisch, den psychischen +Ausgleich hat das Leben selbst übernommen. Daraus können wir entnehmen, +daß erstens psychische Erwartungsspannungen länger haften als gehabte +Freude oder Schmerz und daß zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung +hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur +Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche +Gemütserregungen, wenn überhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem +Eintritt als Traummotive wieder: sie müssen erst abklingen, erst +untersinken auf den Grund des Bewußtseins und gleichen dann eben den +übertönten Motiven, über die das tägliche Leben rücksichtslos +dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertönen +in der Musik, man hört sie über dem Pianoton deutlicher als im Forte. +Auch der erwähnte Examenstraum taucht erst lange nach überstandenem +Examen auf. Sonderbar ist, daß manche Menschen periodische +Wiederholungen bestimmter Arten von Träumen erleben; sie träumen eine +Zeitlang immer dasselbe. Das hängt wohl mit periodischen Störungen der +Körperorgane, die nächtlich gleiche oder ähnliche Stromschwankungen in +der Seele auslösen, zusammen. + +Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in +der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen +Geschehens hält. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestörtem +Schlafe leicht auch die unterbewußte Spannung im Bestreben, restlose +Äquivalente zu schaffen, auf das muskuläre Gebiet überzuzucken, +eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewußten +Muskeltätigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaßen +Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung +der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphäre der Phantasie +Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser +ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und +Erregbarkeit des Außenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter +vermögen auch Funken auf Muskeldrähte überzuspringen. So sehen wir +Träumende lächeln, ja, wir hören sie lachen; sie weinen, sie stöhnen, +sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst +Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur +die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf über eine ideelle Wand, +die senkrecht zur Erdoberfläche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber +erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fühlbaren Ruck aller, +namentlich der Rückenmuskeln,--dem Schluß irgendeines geträumten +Absturzes aus großer Höhe. Ist es nicht sonderbar, daß dieses +Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und +logisch konsequent der natürliche Schluß eines bestimmten Traumes ist? +Die schlagartige Muskelzuckung paßt ganz genau in das Traumesereignis. +Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner +Meinung nach eine interessante psychische Täuschung vor, die für viele +Träume charakteristisch sein dürfte. In Wirklichkeit liegen nämlich die +Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit +zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewußtseinswahrnehmung liegt +die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich +vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden +Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der +Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische +Vorgang, der beide auslöst. In dem Augenblick, in dem die Überladung der +psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreißt, +wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der +Seele zurückgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von +jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbüschel kann über +den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das +Wetterleuchten über den Abendhimmel. Wie viel Bilder können da entstehen +in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstürzende +in den wenigen Sekunden des Falles, während dessen in einer Art +hypnotischer Lähmung des Hemmungsapparates alle Drähte unbesetzt sind, +ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu +denen die Bergkraxelei, diese bewußten Selbstexperimente über Absturz +und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger +bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in +Gletscherspalten bemühen. Man kann als sicher annehmen, daß auf diesem +Mechanismus des "Traumblitzes" während der Sekunde des halbbewußten +Erwachens gut die Hälfte aller Träume beruhe. Ich erinnere mich eines +langen Schülertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weißgekleidete +Jungfrauen und weiße Thronhimmel eine große Rolle spielten; und als ich, +von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstürzte und +aufwachte, sah ich am Fenster eine Krähe den dichten Schnee verstäuben. +Damals hielt ich das für ein merkwürdiges Problem--den Raben, das Weiß +im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, daß die +Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen +Schnee und die Krähe, und beide wurden das Motiv eines Traummärchens. + +Wird der Außenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten +Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die +Willensimpulse und ihre Muskelanschlüsse unter Überspringen der +Bewußtsein vermittelnden Zonen übergeleitet, so entsteht jene +eigentümliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der +Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und +lockt und trügt die besonders empfängliche Seele des Schläfers. Der Mond +suggeriert ihm gewissermaßen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die +Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der +Umgebung, ist völlig übersprungen von den betrügerischen Mondstrahlen +und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfähigkeit das +Bewußtsein für Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen während des +Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln +fühlt, das heißt: die Orientierung allein dem Muskelgefühl überläßt. In +gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer über gefährdete +Stellen; aber sie können nicht mehr als andere, weder an Wänden +hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei +ihnen mit der Orientierung für den Moment auch das Bewußtsein der Gefahr +ausgeschaltet, und es mag schon sein, daß ein Somnambuler, der im +Fenster sitzt, angerufen und plötzlich die Situation wahrnehmend, im +ersten lähmenden Schreck herabstürzt; meist aber kriechen sie mit einem +charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schämten sie sich, so +monddumm gewesen zu sein, zurück in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach +kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die größere Sicherheit der +unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der +Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosität der +Künstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung +verwirrt werden. Der produzierende Künstler gleicht in etwas den +Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die +Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander. + +Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in +seiner Selbstbiographie über sein Erwachen aus somnambulischen +Promenaden, zu denen ihn zeitweilige Überarbeitung disponierte, in dem +Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den +Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife +neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hübsches Beispiel dafür, daß +im unruhigen Schlaf Sinneseindrücke geleitet werden können, ohne dem +Bewußtsein assoziiert zu werden. Daß geistige Arbeit aber den Schlaf +unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie überreizt die +Ganglienaktion gegenüber der Hemmung, daher ist bei Nervösen oft kurz +vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der +Entladung des Gehirnes von überschüssiger Spannkraft, die die sich +zusammenziehende Hemmung auspreßt: ein Analogon zum Gähnen und Strecken +vor dem Einschlafen. Halten wir die Fähigkeit, uns an Träume zu +erinnern, zusammen mit der Tatsache, daß im Traum so leicht etwas vor +dem ungestörten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen +wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung für die Zukunft +kam. Wir haben ein Gefühl dafür, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen +der Phantasietätigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften +Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des +Erlebten übermitteln das Gefühl des schon Vergangenen. Wie ja +perspektivisch unser Auge sich auch gewöhnt hat, das Kleine fern, das +Große nah zu deuten, so verknüpfen wir mit dem Gefühl leichten, +ungehinderten Anschlußrhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene; +mit der Empfindung des Anschlußwiderstandes aber das Problematische, +Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund, +warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen" +erscheinen: der durchlebte Moment schließt frühere Traumesbilder in +leichtem, flüssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an, +und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel +vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen +um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehören. + +Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefühlte Traumbild legt +uns aber das Gefühl einer Lösung in der Zukunft nahe. So sind wir alle +mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei für +möglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen +Charakter an sich, und wenn die Ähnlichkeit, die der Vergleich eines +Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur äußerlich +ist, so ist das Unterbewußtsein, d.h. die Form des Bewußtseins unterhalb +der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst +entdecktes Gebiet, als daß sich hier gewisse wunderbare psychische +Tatsachen so ganz von der Hand weisen ließen. Der Spiritismus und +Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug, +Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, daß aus dem Chaos der +Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie +herauskristallisiert hat; möglich doch, daß aus dem Nebel des +Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen. +Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung für wunderbare +Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens für unwert +halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der +Kathederdogmatismus wäre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die +X-Strahlenwahrheit _Röntgens_ zuerst in spiritistischen Händen gewesen +wäre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder +Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam +gewesen sein könnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht +der Beobachtung zu rücken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder +Zeit die Unbegreiflichkeiten größer sein werden als die Summe dessen, +was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem +Bannfluch der Verachtung und Lächerlichkeit. Man braucht nicht an das +Traumbüchlein für zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und +kann doch meinen, daß in der Seele Mechanismen tätig sind, von denen +wir vorläufig gar nichts aussagen können, weil hier vielleicht ganz +unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht +der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Könnte +man die Zahl der nicht erfüllten Träume mit in Anschlag bringen, +so würde vielleicht die Zahl der "Erfüllungen" in ein mit den +Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhältnis +zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen +Vorbedeutungen, von der leisesten Ähnlichkeit ein großes Geschrei +gemacht, während von den Millionen Träumen ohne jede Erfüllung in der +Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein +scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung +haben für das Problematische und Wunderbare selbst des Alltäglichen; für +die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollständig die Erklärung. + +So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die +Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare +Gesetzmäßigkeiten, wenn sie auch vorläufig nur der logischen Hypothese +und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewußt, daß die von mir +versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der +Probleme aufzulösen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden +und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Möglich sogar, +daß dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurückführung +auf einfachere, erfahrungsgemäße Mechanismen durch Analogieschlüsse, es +ist sogar denkbar, daß der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie über +rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als +Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch: +er weiß, daß mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht +erklärt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten +hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt +umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese +Feststellung einfachster Gesetzmäßigkeiten keinen Abbruch tun. Die +Schönheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch +Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Wir bestreiten niemand +das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen +Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede +Behandlungsweise zu vertragen. + +Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die +Anerkennung der menschlichen Unzulänglichkeit gegenüber den letzten, +entscheidenden Rätseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach +dem Maß der Ehrfurcht, deren er fähig ist, im Angesicht der Erhabenheit +und der rings vorhandenen Wunder der Welt. + + + + +UNTERBEWUSSTSEIN + + +Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dämmernde Ahnung von Dingen +in uns, für die wir noch keinen Namen haben, ein Gefühl für +geheimnisvoll schwebende Schatten, für etwas dämonisch in uns +Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen können! Ein Sammelwort für +alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht +Zugängliche, für etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares! + +Denn wie sollte mit bewußten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen +und deuten können, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewußtseins +liegt? Woher nähme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes +hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen +Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen +Vorgänge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz +unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: daß unser +seelischer Apparat, während seine Millionen kleinster Spulen, Räder und +Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein +Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und +über sich aussagen kann! Könnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt +werden, während den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen +vor uns ausgespannten Schmetterling, so wäre jeder Versuch zur +Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgänge, auch der +einfachsten, ein vergebliches Bemühen, denn ich kann meinem Nachbarn +nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines +seelischen Geschehens, und könnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen +Nervensträngen zu empfinden, so vermöchte ich nicht das wirre Bild der +Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele, +das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender +Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in +mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flüchtigen Spiel der Sinne +etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmäßiges, Rhythmisches +abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewußtsein: +diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbäumende +Macht, die uns schwanken läßt auf dem geraden Pfad unseres gewollten +Wegs, die plötzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer +Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet +in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrückt, wieder und +wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den +aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend, +lauernd, bedrängend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos +rätselhafter Ziele, unerhörter Torheiten, nie gefühlter Versuchungen! +Das ist der sinnlose Drang, hinabzustürzen von den hohen Zinnen eines +Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfüber zu versinken in den +grünen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Füßen, dieser +Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung +und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schönsten Balladen, "Der +Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen +Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen +gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die +Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe +dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der +Zeit, nicht zu übersehen, daß es auch einen Selbstvernichtungstrieb +gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten +instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mücke ins Licht, was +den Mörder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vögel an die +Leuchttürme, an deren Kuppel die zarten Schädel zerschellen? Was sind +die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelüste +anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung +mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer +hätte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen +und Nicht-Dürfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gespürt und +sich deshalb schon nicht selbst gehaßt und sich gefürchtet vor dem +Anderen, dem feindlich tückischen, zum Untergang lockenden Gesellen in +uns? + +Woher stammt dieses Zweiheitsgefühl in unserem einheitlichen Organismus? +_Ich meine, es ist der psychische Gefühlsausdruck für eine ganz +offenbare anatomische und physiologische Tatsache._ + +Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren +im Prinzip gegensätzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann +ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgängen der Ein- und +Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestände +nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die +Assoziationen (Ideenverknüpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so +müßte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden +kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewußtseins hin- und +herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als +Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium +ohnmächtiger Bewußtlosigkeit den Ärzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch +das räumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald +dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_ +freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden +Saftdruck der Blutflüssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und +Rückenmarks, können wir zu einem Gefühl der intensiven Einstellung der +Objekte kommen, einem Gefühl, welches wir Konzentration unserer Gedanken +auf einen Punkt, bewußte Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich +schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen +und handeln, in Wirklichkeit schaffen Außenwelt und Innenreize die +Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelöst +werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefühl, er ist +nichts als eine Gefühlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit, +objektiv ist das "Außer uns" stets bestimmend für das "In uns", denn +selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die konträre Reaktion auf +eine Einwirkung ist doch immer von außen erzwungen. Der Gedanke gehorcht +also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem +durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente +solche Hemmungslücken, welche den elektroiden Anschluß erst ermöglichen, +entstehen. Je schwächer nämlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto +leichter findet ein Schluß im Sinne der Elektrizität statt. Diese +Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindämmende (isolierende) +Blutflüssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders für diese +Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem +entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventätigkeit, dem +sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde, +d.h. befähigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom +Automaten) zu antworten vermöge innerer Molekularbewegung, da empfing +sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig +rätselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Höhen +organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervöser Differenzierung in +der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt +hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd, +war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher später mit seinen +Ranken alle Blutgefäße, alle Organzellen, alle Kanäle umspinnt und +durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslösend, die Welle des Blutes +durch ringförmige Zusammenziehung der Äderchen fortschiebend in +rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhüllen mit +Hemmungssäften umspült, das Durchlassen von elektroiden Funken +gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstärkung des Hemmungssaftes +vom Blutadersystem aus absperrend. + +Alle Außenweltsreize wirken zunächst auf diesen Herrn des Lebens, von +dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag +uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventätigkeit +sind es allein Ernährungs-, bzw. Stoffwechselvorgänge, welche dem +Problem der Seelentätigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration +zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der +Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stückchens Papier, +das ihn überführt, ohnmächtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel, +wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen, +den er vielleicht liebte, im Affekt erwürgt oder erschlägt? Wo ist der +Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das +blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren muß (ein rührender Versuch des +Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schützen)? Das alles sind +Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgänge Analogien finden, +und deren Übermittler, ursprünglich der Ahne allen Gefühls, von den +Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe +aber nicht direkt Nervenströme ein- und ausschalten kann, weil er +anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so +ist im Blutgefäßsystem des Gehirns und Rückenmarks ein äußerst labiler, +saftförmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im +Anschluß an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend, +wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenstätigkeiten frei +macht oder hemmt. + + +Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weißliche Gebilde mit +der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser +zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine, +in welchem noch vor kurzem das zarteste Flügelwesen, Psyche, ihren +Wohnsitz gehabt haben soll, so überkommt uns ein ehrfurchtsvoller +Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen +letztes Geheimnis, die Persönlichkeit. Und doch kündet seine träge, +kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drängt sich der unabweisbare +Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchfloß, war es Seele, tot ist es +Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem +Spiel gespenstiger, huschender Flüstergeister in seinen Gewölben, Höhlen +und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele +war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Faßbares, Zuständliches, +Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend +und unwiederbringlich aufsteigend in die Lüfte, ein Spiel der Kräfte, +ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich +hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstücken oder +zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns +in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem +wir keine Antwort entreißen. Das geistige Band für ihre tausend Teile +ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefühlten +Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu +Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das +Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rückenmark. Wir +bezweifeln auch, daß es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der +Herdfunktionen einzelner Seelentätigkeiten an ganz bestimmten Stellen +des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile +bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so +beweist das noch nicht, daß an den getroffenen Stellen allein die +spezifische Fähigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist überall +in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn seßhaft. Beispielsweise +kann die Entfernung der Schilddrüse mit konstanter Sicherheit den +Getroffenen seelenlos machen. Andererseits können beträchtliche Mengen +von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne daß der Persönlichkeit, dem +Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen +Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun +gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ für den Sitz der gesamten +seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele, +und die Pflanzen beweisen, daß es nervöse Funktionen gibt, bei denen es +seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspüren. Eins aber ist das +Gehirn ganz gewiß: es ist der Träger alles dessen, was wir Bewußtsein +nennen, in seiner Wölbung hat die ganze Außen- und Innenwelt ihre +symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und außer +uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei +besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wärme wird, so bildet +es den großen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen +Reize in psychische. Hier entspricht jedem körperlichen Dinge sein +psychisches Korrelat, jedes physische Äquivalent hat auch ein +psychisches! So ist von der Welt außer uns gleichsam in uns ein hin- und +herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine +Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht +ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt +an, daß sich diese Fähigkeit, die Welt in uns in einem Symbole +aufleuchten zu lassen, erst allmählich entwickelt hat und immer noch in +Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen +Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkörnchen +zusammenzuziehen, lernen müssen, sich zu bewegen, in besonders dazu +entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen +neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hören, sich zu +orientieren in der Umgebung usw. Was früher den alleinigen Inhalt des +Bewußtseins ausmachte, wird dann später immer automatisch, unbewußt, und +die höchsten Staffeln des Bewußtseins sind danach jedesmal auf dem Wege +zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprünglich tastenden, +gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jüngsten +Keime des Gehirns sind allmählich als fixierte, unverrückbare, nur von +den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fähigkeiten dem Bestand +des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerückt, +unbewußt, instinktiv, erhaltungsgemäß, unabänderlich eingestellt, +und der Kreis des Bewußtseins ist jedesmal diejenige Sphäre +unseres Orientierungsvermögens gewesen, welche zugleich auch die +entwicklungsgeschichtlich jüngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war. + +So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefühls +des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklüfteten, Zusammengesetzten in +unserer Seele. + +Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgänge, +hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfähige, +ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung +wechselnde Tätigkeit, die eng verknüpft ist mit der sogenannten bewußten +Willenssphäre, und zweitens eine festgefügte, nicht mehr wechselnd in +willkürlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete, +definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also +überkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes +peripheres Nervensystem, der nach außen gestülpte Teil des Gehirns, +fähig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur +Ortsveränderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, daß wir +vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervösen Ausbreitungen im +Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden +Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil +bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn. + +_Bewußtsein nenne ich somit den Gefühlskomplex, welchen die Summe aller +Außen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervösen Registrier- und +Orientierungsapparate ausübt._ Wie es kommt, daß ein Außen- oder +Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefühl auslöst, bzw. sich +in Gefühl transformiert--diese Frage enthält freilich das letzte, +vielleicht unlösbare Mysterium der Seele. Wir müssen uns damit begnügen, +es als Tatsache hinzunehmen, daß bei der Berührung das Eis kalt und das +Feuer heiß ist. Gefühl ist eben die Fähigkeit, zu differenzieren, +Unterschiede von der allergrößten Feinheit zu registrieren. Unsere +gegenseitige Verständigung wird nur durch die Konvention der Sprache, +durch immer gleiche Symbolverwendung für gleiche Empfindungen +gewohnheits- und nachahmungsgemäß ermöglicht. Wir setzen also das +Lautsymbol für ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch +mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten. +So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgemäß mit einem +Symbol registrieren können: _bewußt_. Das Bewußtsein ist darum in +demjenigen Teile unserer Nerventätigkeit enthalten, der sich in +dauerndem Kontrollzustand gegenüber allen das Nervensystem treffenden +Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mögen sie +von außen oder innen stammen, löst in uns ein Allgemeingefühl der +Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervösen +Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefähigkeit +gegenüber allen Strahlungen, in welche unser Ich gerät, nennen wir +gewohnheitsgemäß _Bewußtsein_, nicht anders als wie wir den blauen +Lichtreflex über uns Himmelsgewölbe, den Rand unseres Sehkreises +Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und +ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden +Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kräfte den Strom +der Seele um die Widerstände dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um +seine Felsenwiderstände windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern +aufsprühend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben +sich: Reize, die von außerhalb, und Reize, die von innerhalb des +Organismus stammen. + +Es stehen sich also in unserer Seele zwei große Gebiete verschiedener +Nervenaktionen gegenüber: die eine, welche in völliger Automatie ohne +unsern bewußten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen +atmen, die Därme sich bewegen, die Drüsen arbeiten, die Saftströme +fließen und den intimen Stoffwechsel an ungezählten Arbeitsstellen sich +vollziehen heißt, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend, +orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die +eine in definitiv gehemmten, ein für allemal regulierten Bahnen ohne +Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich +vergreifend, irrend, tastend, das Gefühl des Gewollten und Bewußten +auslösend. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung +entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres +dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewußt._ + + +Was wohl für Träume kommen mögen--aus diesen dunklen Wäldern, Schluchten +und Höhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die +Bildung ihrer typischen Formation unzähligen Geschlechtern, einer +endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvätern und Keimgebilden +verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die +Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie +auch zugeben sollte, daß durch dieses Jahrmillionen alte Weben und +Werden des Lebens ihm nichts von seiner Übersinnlichkeit und +Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen, +die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und +sterben mußten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine +instinktiven Fähigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf +mich und mein Keimplasma ausmündender Vorübungen und Vorbildungen waren, +so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles +dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns +geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jüngsten Sprossen an +einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus +der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am +Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus +fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner, +fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es +grade unser Säkulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit +rätselhaftem Gefühl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhängnisses! +Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schädels, +meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in +meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein +so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht +bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht +sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die +Ähnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso großen Gehalt an +funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung +in sich verbergen. Werden doch Menschen ähnlich im Gesichtsausdruck, die +lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur +funktionell entstanden sein! + +So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den +festen Knollen, Strängen und Hügeln auf der Tiefe des Gehirns, in der +Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende +Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden +hüllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester, +wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und während +der Griffel des Anatomen sich vergeblich müht, die Rinde mit ihrem, +einem System aneinandergepreßter Schläuche mit Furchen und Windungen +vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die +Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefügte Architektur zu +finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabänderlichen Überkommenen der +hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulären +Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fähigkeiten. Und nun +ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die +geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphären des Gehirns gegenüber den +geformten Wülsten der Basis! Dort ein weichlicher, weißlich-grauer Brei +ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und +Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszöne Vergleichungen mit allen +möglichen, präzisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der +Wölbung der Kuppe waltet Willkür, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach +Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefügt das +Unabänderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den +anatomischen Ausdruck für das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele! +Ein Teil, der des bewußten Seins, strebt vorwärts, kühn bis zur +Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhörten, der genialen Assoziation +entgegen, und ein anderer konservativer Teil reißt uns stets zurück in +die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns +steckt ein Neuerer und ein Reaktionär, beide miteinander oft in wütendem +Kampf. Hier reißt das Genie sich los von seiner Neugeburt nie +dagewesener Assoziationen, denen ganz gewiß neue Hirnsprossen in der +typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden +Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und stürmt +dahin ohne Rücksicht auf den Bestand des Überlieferten; ihn kümmert +nicht das Fundament, mit Füßen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen +danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte +Kraft seines wohlgegründeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft +gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betäubung. +Der Bauer in ihnen lockt mit der Möglichkeit, auch einmal künstlich ein +Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenfülle zu +entrinnen, wenn auch nur für kurze Zeit. Das Behagen, mit süßem Gift die +vorwärts drängenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu +oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender +Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in +seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene +Faust, losgelöst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph +des aufwärts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine +krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen +die Herrschaft über den Bestand des geistigen Erbes von Generationen +erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist +wirklich die Persönlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und +Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wünschen +muß--das ist der kräftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder, +meinethalb direkt bäuerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine +lebenerhaltende Faust dämpfend und mäßigend auf die zarten, jungen +Triebe neuer, nie geahnter Gedankenübermittler legt, damit sie ruhig +gedeihen und blühen und eine ganze Menschheit beglücken! Wie konnte man +je daran denken, Genie und Wahnsinn Brüder zu nennen! wie jemals das +erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch +die alle Nachkommenden hindurch müssen, wie durch ein neues Kanaan, das +ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung, +welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der +Lebensunfähigkeit in sich trägt! Nur, weil das unterbewußte System auch +im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim +Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen. + +Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig für den +Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis für alle +Scheinneuerungen und genialen Irrtümer. Nicht umsonst war der Philister +einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten +das einfache Verhältnis bewußter und unterbewußter Seelenfunktionen. Am +dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide +Systeme einander zu beeinflussen vermögen. In ihren Funktionen +gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Möglichkeit +einer unvorhergesehenen, plötzlichen Entladung von einem Gebiet in das +andere, können beide Systeme getrennt ungestört ihren Dienst tun, bis +die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß +gerade Störungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des +unterbewußten Gangliensystems Beziehungen haben zu plötzlichen, +reflexähnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, daß erbliche +Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwäche der +eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen +Ganglienapparate haben kann, dergestalt, daß Kurzschlüsse elektroider +Spannungen hier plötzliches Überfüllen von fern liegenden +Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an +Reizen dem Gehirn übermittelt wird, direkt das System der bewüßten +Denksphäre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen +nicht immer von bewußten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob +manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten +Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewußtseinsschwelle +abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen +Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst später bewußten +Handlung werden. Dafür einige Beispiele. + +Ich stand an der Ausgangstür einer elektrischen Bahn, die nächste +Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf +dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbäume, +Wälder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn +vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefähr in das Wageninnere, das ich +soeben passiert habe, zurück. Wahrhaftig, welche Ähnlichkeit--der gute, +alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist +gewiß, daß seine Züge, im Unterbewußtsein, als ich durch den Wagen ging, +abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden. + +Ich gehe eine ziemlich lange Straße hinauf. Mir kommt ein befreundeter +Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht +er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewiß vorher schon unterbewußt gesehen. +(Ich glaube, bei ähnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke +kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.) + +Solche Vorkommnisse beweisen direkt, daß es ein Filtriersystem für +Wahrnehmungen, vielleicht in den großen Hirnknollen, gibt, welches +verhindert, daß alle Beobachtungen bewußt werden. Wenn man sich genau +kontrolliert, können Farben, Formen, Gerüche usw. ganze Gedankenketten +auslösen, ohne daß man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst +macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag +ferner tatsächlich plötzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen +unterbewußten Assoziationen beruhen, wie oft mögen schnelle Entschlüsse +solchen unterbewußten Einflüssen ihren Anstoß verdanken! Auffallend ist, +wie selten unsere entscheidenden Entschlüsse direkt logischer Analyse +entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab +den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von +der Erhaltung der Kraft muß es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das +meiste unserer Willensaktion unterbewußt ausgelöst werden. Wie viel mehr +nun aber bei pathologischen, gewissermaßen schadhaften Einbettungen und +Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme. +Der triebhafte Verbrecher mag bei allen möglichen Innenreizen stets dem +Zwange eines plötzlich ihn überrumpelnden Affektes erliegen +(Kleptomanie). Ströme, welche normalerweise sonst im Sinne der +koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die +Aktionszentren und lösen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial +sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende +Bewußtsein nicht zurückgedämmt werden. Da auch bei den Epileptikern die +Hemmungsfortfälle die Ursachen der Krämpfe sind, kann es nicht wunder +nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berührungspunkte haben. + +Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden +Anfall durch Abblendung seines Bewußtseins geradezu in eine +entwicklungsgeschichtlich frühere Daseinsperiode zurückgeworfen wird, in +welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim +Raubtier, herrschten, so daß die schauerliche Bestialität mancher +Verbrechen allein durch diesen Rückschlag in seelische Gebiete, die +einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklärbar wird. Der Somnambule +und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung +des Bewußtseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie +herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dämpfer über dem Bewußtsein, +so daß Raum und Zeit und ihre kausale Verknüpfung doch wie aus +Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sphäre +wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns), +so daß ein Träumender daherwandelt, friedlich im schlürfenden Gange +seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher +tritt aber die Abblendung des Bewußtseins plötzlich ihn selbst +überrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden +Bewußtseinsstörung auf, und zwar bis in die Region der zurückgelegensten +Instinkte, so daß jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen +resultieren. + +Dem widerspricht nicht, daß solche Verbrechen lange vorbereitet, oft +versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausführung kam. Der in seinen +Hemmungen eben defekte, unterbewußte Apparat lockt durch aufleuchtenden +Kurzschluß in die bewußte Sphäre übergreifender Entladungen den +Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gelüste. +Es sind ja hauptsächlich die beiden Systeme der Ernährung und der +Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer +unterbewußten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in +krankhaftem Anschluß regellos einbrechen in die Willenssphäre. Während +der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch ständige +Bewußtseinskontrolle ihren dämmenden Wall sichert, bricht die ganze +Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdrückter Gelüste +plötzlich wie eine reißende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie +beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet +begleitet ist von der Bewußtlosigkeit, d.h. von der Unfähigkeit, sich in +Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch +nicht fähig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht +ihr oft ebenso hilflos gegenüber, wie der nach Motiven suchende +Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den +Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat näher zu +begreifen, sie sinnen selbst nach Aufklärung und hoffen vom Orte, an dem +das Fürchterliche geschah, irgend ein erlösendes Verständnis. Das ist +der Magnetismus des Entsetzlichen, den übrigens auch geistig Gesunde +andeutungsweise sehr wohl verspüren. Das Grauen vor einer entsetzlichen +Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier ausübt, lassen +sich wohl nur erklären durch eine Tätigkeit der Phantasie, welche im +geheimen sich selbst als den Verüber der Tat unwillkürlich setzt und +damit jene Sphären des Unterbewußtseins in leises Erzittern bringt, +welches Disponierten schon so oft gefährlich geworden ist. Das ist die +Gefahr der Berichte über Straftaten und der oft gewiß verderbliche +Einfluß schlechter Kriminallektüre auf nicht völlig taktfeste Instinkte, +daß sie oft das labile Gleichgewicht gestörter und nicht ganz +schlußfähiger Hemmungen des unterbewußten Systems ins Wanken und +Erzittern bringen. + +Pathologische, durch Hemmungsdefekte übermittelte Anschlüsse aus dem +Gebiet der automatischen Instinkte in die Sphäre bewußter Aktionen +scheinen die einzige befriedigende Erklärungsformel für das dunkle +Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der +Trieb auf die Vernichtung oder Beschädigung des anderen zu gehen, diese +Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Beschädigung der +eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier +zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversitäten +der Nahrungsaufnahme und der Erfüllung sexueller Funktionen. Aber auch +alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fläche, schauerliche Tiefe, +der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische, +bewußtseintrübende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre +dämonische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick +der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der +Gefahr gegenüber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz +hypnotisieren ja nicht nur Motten und Mücken, sondern auch den Homo +sapiens. + + +Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht über die Seele gegeben. Ganz +allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu +unseren Trieben, Neigungen und direkt bewußten Handlungen. Unter der +inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung +des Nervus sympathicus geleistete Säftebildung in verschiedenen +Organsystemen, welchen sämtlich spezifische Funktionen zufallen: so +dienen Galle und Magensäfte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind +also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere +zielen auf die Vorgänge der Neubildung eines Individuums ab, und +drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft für die +Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von +allergrößter Wichtigkeit sind. Die Schilddrüse und ihr Sekret haben +bekanntlich einen großen Einfluß auf den Zustand des Gemütes. Ein +erhöhter Zuschuß ihrer Produkte ins Blut--und eine große Erregbarkeit, +Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem +Bilde der Basedowschen Krankheit), während andererseits ein Zuwenig der +Beimischung eines für die Hirnfunktion unbedingt nötigen Saftes der +Drüse, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach +sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des +Sympathicus bei diesen Funktionen, sind übrigens nur zu erklären mit +Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als +Hemmungsregulator. Ähnlich wie bei der Schilddrüse, müssen wir auch für +alle anderen inneren Sekretionen annehmen, daß ihre Produkte zum Teil +für die Konstitution der Gesamtkörpersäfte von allergrößter Wichtigkeit +sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen +Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuhäufige +Folge. Säftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des +Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem +Zusammenhang. Es ist keine Frage, daß ein großer Teil zunächst dunkler +und unklarer Impulse, welche wir im Bewußtsein erhalten, Meldungen aus +diesen unterbewußten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen, +wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden großen Richtungen der +Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher +hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewußtseinssphäre +umdunkelt, verhüllt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines +Edelsteins, eines Goldstückes, wie überhaupt die Hypnose die +reflexartige Abblendung des Bewußtseins darstellt, und zwar von der +Umgebung her, so können auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung +des Bewußtseins führen. Ebenso wie etwas von außen suggeriert werden +kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine +Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige Überspannung eines +überladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem +Unterbewußtsein her die ganze geistige Sphäre sexuell färben, so daß der +Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und +jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile, +nicht fest eingedämmte Hemmungsverhältnisse im Unterbewußten bestehen: +es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. Ähnlich kann auch +bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschlüsse und Reflexe +ausgelöst werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie +haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer +Theorie beschädigt werden und damit die Beziehungen zwischen +Bewußt und Unterbewußt sich verschieben. Auch in diesen Fällen +neurasthenisch-hysterischer Bewußtseinsbeeinflussungen spielt eine +Blendung des realen Erkennens, der Gegenwärtigkeit der Seele und ihrer +Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen +Menschen ist ein Gefühl der Andersartung, des Deplacements eigen, +gleichsam als gehörten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und +könnten sich nie hineinfinden in die Bedürfnisse ihrer Zeit. Es ist gar +nicht so selten, daß schwere Hysterie zur völligen Teilung des +Persönlichkeitsgefühls führt und daß dieser unerträgliche Zustand, dem +ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir +erscheint der so häufige Selbstmord bei gedoppelter Persönlichkeit stets +wie die Erfüllung einer Sehnsucht in eine frühere Gemeinschaft +Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf frühere Entwicklungsstufen +zurück. Viele Menschen mit nicht vorwärts strebendem Intellekt haben oft +das Gefühl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam rückwärts +tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben +in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die +Testamente der Vergangenheit, sie sind Repräsentanten funktioneller +Rückschläge (Atavismen) in frühere Entwicklungsstufen. Bei dieser +Sachlage ist es nur ein Glück, daß nicht nur die Sünden, sondern auch +die Tugenden unserer Väter in unser drittes und viertes Glied +hineinfluten. + + +Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns +aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der +Hemmungslehre auch diesen gewiß gleichfalls unterbewußten Vorgang einer +inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den dämonischen Gewalten +mit unheimlichem, zerstörendem Charakter entgegen zu stellen. Ich muß +mich hier mit Andeutungen begnügen, weil eine eingehendere Behandlung +der unterbewußten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die +vollständige Analyse der Ethik überhaupt erforderte. Obwohl nun gerade +aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf +physiologischer Basis unschwer entwickeln läßt, so muß ich doch hier +darauf verzichten und kann für die Frage nach unserem Gewissen, nach der +Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich +schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam +machen, daß das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas +Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal +funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven +Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit +vorbildlich Beziehendes und besonders lebensfähig sich Erweisendes an +sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den +egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Persönlichkeit +Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, daß unsere +arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande +förderlichen Triebe in Konflikt geraten können mit den egoistischen +Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig +exzessive Inanspruchnahme bewußter Willenshandlungen aus egoistischem +Zwecke die unterbewußte Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten, +schon überkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensfähig erwiesenen +Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist +wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu +repräsentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der +Richtungslinie der naturgemäßen Fortentwicklung befand. Von Milliarden +Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu lösen, wird nur das Beste +eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste Lösung vorbildlich +und dauernd jedem neuen Sproß des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns +jetzt als Problem beschäftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach +vielen Millionen von unzulänglichen Versuchen zur definitiven Lösung +geführt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes +sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob +der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden +muß, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem +Wege der Instinkte gelöst sind. So ist unser Bewußtsein stets auf dem +Wege der Neubildung und Umbildung von willkürlichen Handlungen zu +Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen +Hirnschichten war die jedesmal jüngste willkürlich und ließ hinter sich +den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann +nicht mehr abgeändert werden, ohne den ganzen Bau zu gefährden. Darum, +wo der bewußt wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische +Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen +des Lebens solche heraufbeschwören) eindringt mit Umbildungstendenzen in +die Automatie der unterbewußten Funktionen, da entsteht eine +Erschütterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins +Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das +Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles +Gewesenen verschwunden sind, fühlen wir ähnlich dem physischen Schmerz +bei Störung des organischen Gefüges der Nervenenden als eine Mahnung, +als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann dürften +wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen +entsprechen, die der Hemmung im Unterbewußten geschlagene Lücke durch +neue heilende Gewebssprossen zu verschließen, und je mehr ein fester, +freier, ehrlicher Entschluß im Bewußtsein die Ströme und Zuckungen von +defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichmäßiger kann der +Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich, +daß hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der Läuterung nicht +ausbleibt, selbst wenn es dem Bewußtsein klar ist, daß die Reue, etwa +ein mannhaftes Geständnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich +zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, daß +es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Blüten, sondern daß +über der einen Persönlichkeit die rein erhaltene Art siegend +hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewußte, der fertig +erworbene Besitz, an dem die Natur nicht rütteln läßt, und dessen +Erhaltung ihr über den Wert auch der erhabensten Persönlichkeit geht. +Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt +es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und +durchaus lebensfähig durchgeführt werden soll zu Höhen, die, +unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als Möglichkeit beigegeben +wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung +der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der +Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen müssen. Daher die +schier unbegreiflich dünkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und +die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt +zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in +der Liebe und dem Haß, den beiden tyrannischen Herren des Lebens? + + +Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, daß der Intellekt mit +seinem absichtlichen Wahlvermögen ganz und gar gegenüber der Masse der +gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekundäre Rolle spielt, +wie er überhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer +unterbewußten Konstitution herabsinkt überall da, wo es sich um +Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung, +vorgefaßte Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorgänge, +die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und +gebildetste Mensch müßte genau genommen für jede logische Angelegenheit +genau so viel Gründe wie dagegen beibringen können, und ehrliche Leute +gestehen für die meisten Veranlassungen zu, daß es durchaus nicht immer +Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich für oder gegen eine +Maßnahme entscheiden. Gegenüber den sicheren, verläßlichen Funktionen +des Unterbewußten ist eben der Verstand ein Stümper, tastend, immer im +Versuchsstadium, nachgiebig und immer übertölpelbar. Selbst der +Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des +Bewußtseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und +Intelligenzmangel. Ist so bei gewöhnlichen Emotionen schon der Intellekt +fesselbar durch die Jongleurkunststücke des Wortschwalles und der +überrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die +vitalsten Spannungen von innen her ihn überrennen und verwirren. +Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum +Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten +Liebesverhältnis nicht stets etwas für die Unbeteiligten Unbegreifbares, +warum gerade diese zwei Menschen der verhängnisgleichen Fesselung der +Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares +Müssen empfinden? Wahllos fühlen gerade diese beiden die verschmelzende +Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft länger +geschürt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam +erreichbaren, höheren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der +Natur, zur Erfüllung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen +Seele, zur Hingabe eines neuen Blütensprossen vom eigenen Stamm. Wer +Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf. +Hier vor allem, beim Durchglühtwerden der Seele in wahllosem Verlangen, +zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewußtseins in +vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer +Anschauung für Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit +unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so daß geheiligte Wesen +aus den Erkürten werden, daß sich unscheinbare, leblose Gegenstände der +Erinnerung, wie Taschentücher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem +Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das +alles ohne jedes Zutun des Bewußten, ja oft direkt gegen jede Vernunft, +Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, daß die Wahl der Entflammten +rein nach dunkel gefühlten, der Bewußtseinskontrolle ganz entzogenen, +innerlichen Ergänzungsgesetzen sich vollzieht, und daß die +Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so häufig begegnet, oft erst durch +den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachträglich +sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewußten Kalkulatoren +unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets +überhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was für +Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien nötig sind, um einen +möglichst leistungsfähigen Repräsentanten der Art aufkeimen zu lassen in +dem mütterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die +geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht +auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche überall andeutungsweise +zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewußten diese Schichten als den +Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen +zutage treten läßt: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in +den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es +ruhig ein, da wir das rätselhafte Getriebe unbekannter Kräfte im +Labyrinth des Unterbewußtseins nicht kontrollieren können, daß wir die +Existenz von Kräften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten +gar nichts gemein haben, nicht ableugnen können; daß es durchaus möglich +ist, daß solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen, +unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher +je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres +Bewußtseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem +unerforschten Gebiet oft auf lächerlichen Umwegen nahe zu kommen +(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren +Brutstätten in der Hand betrogener Betrüger zwar nicht direkt das +gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie, +ihre Geburtsstätte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei +der die sogenannte reale Exaktheit ihre höchsten Triumphe schließlich +nicht zuletzt in der Umgestaltung in preußisch Kurant gefeiert hat. So +hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die +Psychologie die allerwertvollsten Anstöße erfahren; lassen wir also das +Völkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und +klopfen wir nur den überbewußten Schwindlern ernstlich auf die Finger, +welche raffiniert den völlig berechtigten inneren Glauben der +Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel" +teils aus Ulk und Fastnachtsgelüst, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit +gehörig auszunutzen stets am Werke sind. + + +Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Haß Mysterien zugestehen, +denn sie sind ja die Funktionäre der Aushebung zum großen Marsch der +Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die +Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht. +Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die +Ergänzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium, +welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine +Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht +berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die +eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der +Beimischung notwendigsten, befähigtsten Elemente herauszuwittern, sie +macht uns zu Geführten und Geschobenen trotz dem Gefühl subjektivsten +Willens; vielleicht aber ist das Gefühl des freien Willens nichts als +eine gnädige Illusion, eine fromme Lüge der Natur. Die Natur mischt +immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt, +zerstampft, löst auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die +sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anfängen der +Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige +Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst +später die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des +Mutterbodens durch das männliche Saatkorn auftritt, kann es nicht +wundernehmen, daß dieser Trennung des keimfähigen Lebensplasmas in zwei +Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der +Geschlechtsrepräsentanten entspricht. Kein Emanzipationsgelüst der Frau +kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der +Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen +und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des +Bewußten und Unbewußten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder +gleichsetzen wollen. Die unterbewußten Funktionen der Frau, ausmündend +alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des +Menschensprossen, des neuen Repräsentanten der Unsterblichkeit, der +Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches +Glied der Kette, welche uns hinüberbindet in die Ewigkeit--haben ganz +sicher einen überragenden Anteil am Seelenleben gegenüber dem Manne. Die +überraschende Ursprünglichkeit der Frau wurzelt eben in der Fähigkeit +unterbewußter, schneller und zwingender Kurzschlüsse. Während des Mannes +Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des +Intellektuellen, des Bewußten, des zur Automatie erst sich +Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewußt Lösenden zuneigt, hat die +Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven, +Automatischen dem Nachgeborenen einzuprägen (zu vererben). So ist es +naturgewollt, daß die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist, +wenigstens ganz gewiß vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es +hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen +Geburtenüberschuß weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als +das durchgreifendste Leitmotiv überall führend und lebendig finden. Wenn +jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den +unterbewußt dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den +bewußten und zwar ökonomischen Nöten der Erhaltung und Ernährung des +Individuums, so glaube ich, muß man die Frage aufwerfen, ob diese +Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht +doch etwas rüttelt an den Grundbedingungen der natürlichen Ordnung, und +ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, daß eben es der +Natur überall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf +das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungestörte Fortentwicklung +des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich, +vergänglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewiß, daß von +dem Gewühl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, nämlich nur der +auslösende Anstoß zur Willenshandlung, in unser Bewußtsein ausstrahlt, +so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, daß +sie doppelt angeschlossen sind: teils münden sie in automatische +Sphären, und zum anderen Teil im Bewußtsein, wo sie gleicherweise +Kontakte d.h. Anstöße zur Regulation der bewußten und unbewußten +Mechanismen auslösen, wie das auch vollständig nachweisbaren +anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was +als Licht oder Schall oder Gefühl auf unsere Sinnestasten wirkt, als +Lichtempfindung übertragen, sondern es mögen ultraviolette Strahlen +ebenso wie Töne über und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem +unterbewußten Getriebe zugeführt werden zur dynamischen Auslösung +verschiedener Automatien, ohne daß auch nur ein leise wehender Hauch von +den Tiefen der Unterseele über die Tasten unserer Bewußtseinsklaviatur +dahinfährt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft natürlich auf alle +Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es äußere oder innere, vom +vegetativen Organsystem gegebene. So lösen Störungen der Bauchorgane zum +Teil Gefühlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das +von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, daß ein +Mensch sich schon leidend fühlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem +Ablauf seiner seelischen Registrierung verspürt, lange ehe sein +Bewußtsein oder der Arzt von dem Herd der Störung etwas aussagen kann. +So erklären sich die allgemeinen Unlustgefühle der Neurastheniker, +Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der träge, adynamische, +schleichende Ablauf der ernährenden Funktionen ohne jede organische +Veränderung genügt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen +dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu vergällen. Wie im Traume +bei der Abblendung des Bewußtseins von Raum und Zeit durch die +rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive auslösen zu +Ideenverknüpfungen ganz bezüglichen Inhaltes, so kann bei +Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen +Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Außenreize immer wieder +hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr, +einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Unglück der +Hypochondrischen, daß sie recht haben, wenn sie behaupten, daß doch auch +alle schweren Zustände von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das heißt +mit dem dunklen Gefühl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine +schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens +annagenden Sensationen zu gewöhnen und sie im Bewußtsein ganz +auszuschalten: immer wieder kündet die grämliche Miene, daß die gequälte +Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren +und Nagen des bösen Wurmes tief in geheimen Gewölben. Umgekehrt wirken +die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer +Auslösungen im Organsystem befruchtend und lebensgefühlerhöhend auf +unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enthält +eine Unzahl solcher uns unbewußt einverleibten Impulse, die wie kleine +Peitschenhiebe auf die Zugkräfte unserer inneren Bewegungen wirken, +wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen +Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die +Atmosphäre reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer +auf unser Unterbewußtsein, je mehr der störende Einfluß der Kontrolle +durch das Bewußtsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der +hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im +Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der +symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer +unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich +haben, so oft schon als Beweisvorgänge übernatürlicher Gewalten, als das +Wirken dämonischer Kräfte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr +Dinge, die natürlicher sind als viele andere Erscheinungen des +Seelenlebens, über die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr +wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte Fähigkeiten der +Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem +immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewußtsein für +gewöhnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben +direkt nach Ausschaltung des Bewußtseins, über dem solange ein hüllender +Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen, +altüberkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit, +Zweckmäßigkeit, Unmittelbarkeit, Zielgefühl und Innenklarheit bei +deutlichen Anzeichen von psychischer Bewußtlosigkeit auftreten oft in +einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese +Aktionen unter Beihilfe des oft nur störenden Bewußtseins zu vollbringen +imstande wäre. "Ja, wie ist das möglich, er ging doch ganz sicher", "er +schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne +klares Denken!"--Das sind die gewöhnlichen, staunenden Fragen, auf die +es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher, +eben weil er nicht bewußt war. + +Wir wissen jetzt, daß die Automatie eben dem Problematischen des +Bewußtseins in vielen Punkten überlegen ist. Das Unterbewußtsein hat +also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. Für die beiden +ersten Fähigkeiten, denen durch Abblendung des Bewußtseins unter +Umständen gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzustände aller Art +beweiskräftig, und für den Zeitsinn des Unterbewußtseins sei bemerkt, +daß für mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein +Problem mehr ist, seit ich weiß, daß Helligkeit und Morgengrauen, +Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie über den Umweg durch +mein Bewußtsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens +und daß man daher nicht zu glauben braucht, daß die in uns stetig +pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch +imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer +aus Menschenhand. + +Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, daß +es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die +scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust +aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da +erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen flüchtigen +Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so +unbekanntes Gebild, daß man sich erschaudernd davon abwenden oder +erzittern müßte vor dem Ding da, welches, ein Wesen für sich, nirgends +in der Erfahrung eine Analogie hat. Für viele Menschen hat das +Unterbewußte Ähnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den +Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages +erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der +Mystizität seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, können +hier und da nachweisen, daß das gefürchtete Ungeheuer weder eine +Schlange noch ein Ungetüm ist, sondern eine auf realen Vorgängen +natürliche Spiegelung von Gesetzmäßigkeiten, die sich im Grunde der See +ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele. + + + + +SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN + + +Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und +da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen +hörten, die Ankündigung dieser Essays über Kapitel aus der Seelenlehre +vernommen haben. Aber es scheint bei näherer Betrachtung doch auch +gerade der Chirurg unter den Ärzten alle Veranlassung zu haben, sich mit +dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen. +Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch +ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben +vertrauensvoll für Augenblicke höchster Gefahr in die Hände legt, in +Hände, an deren Können und Vollbringen sich oft genug das Schicksal +hängt! Wer müßte wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele +zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft +gefährlichen Macht der Persönlichkeit Gebrauch zu machen, als der +menschlich fühlende Operateur? Wer sähe öfter die Menschenseele in ihrer +echten Heldengröße und in ihrer zitternden Unzulänglichkeit frei von +aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und +lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns +Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern +wir nur wollen, _das ist das psychologische Experiment im großen Stil_, +welches wir täglich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die +Narkose, die gewaltsame Betäubung der Seele. Ja, ein psychologisches +Experiment allergrößten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung +von flüchtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre fühlenden Polypenarme +Schritt für Schritt zurückzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines +selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewußt verharre im schwankenden +Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es +dem Operateur gefällt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu +Betäubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat, +der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen können vom Labyrinth +der Brust und von den Träumen, die der Seele auf dem Wege in die +Ewigkeit kommen mögen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvertüre zur +Tragödie des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das Stück bis zu +Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich möchte sagen, +brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das +Zauberwerk eines Präzisionsinstrumentes aus Menschenhand ein +jämmerliches Stümperding ist, so leicht der filigranene Schleier +nervöser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerreißt und +zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer +wieder der Gedanke sich aufdrängt, daß hier ein _Mechanismus_ vorliegt +in dem Vorgange des künstlichen Einschläferns in wenigen Minuten, oft in +Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes, +einer Hemmung in sehr wesentlichen Zügen gleicht. + +Es ist mir natürlich nicht fremd, daß es unter den Psychologen eine +mächtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher +Gehirntätigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser +Auseinandersetzungen einmal das Geständnis ablegen, daß ich nicht der +Meinung bin, daß jemals die Physiologie uns den letzten Aufschluß über +das Wesen der Seele und des menschlichen Bewußtseins geben könne. Das +vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu +enträtseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und +der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen _beschreiben_, +unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder +muß. Durch diese Einschränkung will ich mich ein für alle Male gegen den +Vorwurf eines anmaßlichen Materialismus verwahren. Ich möchte um keinen +Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie +eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines +Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung +verbunden. Für mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus +überhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine _ideale_ Betrachtungsweise. +Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius +eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger +erhaben, wenn man nach Gesetzen spürt, unter denen sie sich offenbaren. +Bei dem Wunderwerk der Seele kann unmöglich eine Betrachtungsweise +erschöpfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte +neue Zauber kundgibt, so verträgt es wahrlich das Geheimnis der +"fünfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder +jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt. +Frei über die Seele reden kann ja schließlich doch nur der Künstler, der +in der glücklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bedürfen oder doch nur +von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem +Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen +Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bemühen, den +Leser möglichst ohne Fachlupe gleichsam mit bloßem Auge heranzuführen an +das Tatsächliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter +einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren. + +Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem +Spiel der Kräfte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz könnte man +daraus formulieren; zu einem philosophischen System könnte man ihr +Walten, die Idee von ihr ausgestalten! + +Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen +Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und +Widerstand auf das vorwärtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders, +als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die +durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie +anders wäre Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch +künstliche und bewußte Einschaltung von spezifischen Widerständen! +Vielleicht können wir überhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der +Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerstände und +die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in +Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizität in die Erscheinung, +wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerstände (Isolation)? Würde +das Licht ohne Existenz eines Äthers übertragbar, ohne das brechende +Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer +Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als daß die +rätselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Abstoßung in +bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre +"_vorgeschriebene_ Reise"? Wohin wir sehen: Kräfte, Eigenschaften, +Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen können, und +Hemmungen, Widerstände, die wir erforschen, ja willkürlich verändern +können. Nur das Studium der Hemmungen enthüllt die Gesetzmäßigkeiten. +Erst die Herrschaft über die Widerstände gibt dem Menschen die +scheinbare Gewalt über die Kräfte oder übermittelt die Ahnung von ihrer +Gesetzmäßigkeit. + +So hat sich denn auch bei der rätselhaften Natur der seelischen Kraft +für die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der +Hemmung in der Seele als überaus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser +Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschränkung. Ich möchte +sagen, daß erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein +neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder +Richtung miteinander verhandeln können, ohne sofort bei der Frage nach +der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu +werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft äußert, +studiert, präjudiziert ja nichts über das Wesen, über Göttlichkeit und +Unsterblichkeit der Seele, nichts über Geisterwesen und Transzendenz, +sondern, da er das Bild nicht zu entblößen vermag, begnügt er sich an +dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft +vielleicht durch leises Betasten der dunklen Hüllen ihre Formenschönheit +zu ahnen. Freilich würde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach +die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet würden gleichsam durch +Kontreströme wiederum nervöser Natur, nicht viel Terrain gewinnen +lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nervöser +Kraft, die wir eben nicht enträtseln können. Wenn wir uns das Gehirn des +Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen +Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenstäubchen, +die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden Fädchen, den +Ganglien und ihren Fortsätzen, miteinander verbunden sind (wobei wir +denken müssen, daß dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Schädels +wunderbar zusammengefügt ist), und wenn wir annehmen, daß es Ströme und +Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe, +Handlungen auslösen--so ist es klar, daß niemals alle diese kleinen +Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate sämtlich +zu gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer +reichen, sondern wir müssen annehmen, daß immer nur eine oder sehr +wenige Bahnen frei sein können; alle anderen müssen im Augenblicke +des Erklingens einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein. +Das ist genau so, als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem +andern Teilnehmer sprechen kann, wenn alle übrigen tausend Nummern des +Anschlusses für mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich +frei, die Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere +Wahrnehmungen, Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich +aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen +Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die Tätigkeit +eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir +die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der +Hemmungslehre übersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe. +Es leuchtet ein, daß also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der +Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der +eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein +gültigen Lehre an, daß auch dieser Maschinenmeister nervöser Natur ist, +so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, daß +Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner +Ansicht nach in die Brüche. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das +Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche +Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der +Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Präsident unserer Seele in +den übrigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch +rätselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen +Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende Überlegenheit +beziehen. Solche Seelenquartiere über der Seele, solche Oberseelen +vermehren also meiner Meinung nach nur die Rätsel, statt sie zu +vereinfachen. Das wäre ein Spiel von Seelentätigkeiten, bei welchem man +niemals klar wird, wer nun eigentlich die Trümpfe in der Hand hält, wer +einschaltet und wer ausschaltet, dann gäbe es nur eine gänzlich +verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der +Seelentätigkeit würde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich muß es +mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der +Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und +muß mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begnügen, auch auf den +Mangel aller Analogie aus der Elektrizitätslehre hinzuweisen: erklärt +man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen für das Wesen der +seelischen Vorgänge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen +Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele über der Seele zu +fordern, und ohne zu behaupten, daß der in das Gehirn eindringende Reiz +gleichzeitig zur Erregung und Ertötung der Nervenströme dient. Dann +müßte also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen. +Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen +Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich +nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom +den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine +andere Betrachtungsweise, welche die hemmende Tätigkeit einem ganz +anderen System _nicht_ nervöser Natur überweist, nämlich dem an den +Ganglien vorüberkreisenden Blute. + +Daß das Blutwasser tatsächlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie +wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es muß nur aufgezeigt +werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu +bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das +Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt. +Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle +isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter +Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und Rückenmarks, die +_Neuroglia_. Bisher war man der Meinung, daß dieses feine Maschennetz +bindegewebiger Fasern, in welchem die nervösen Apparate im Gehirn und +Rückenmark aufgehängt sind, eben ein Stützapparat sei, um welchen sich +die Ganglienketten wie Schlinggewächse, wie etwa Winden um +Drahtschlingen, stützend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die +Bahnen der ernährenden Blutgefäßchen trägt. Die Neuroglia sei, wie die +Wissenschaft sich ausdrückt: Stütz- und Nährgewebe. Dagegen spricht +mancherlei: vor allem die höchst komplizierte und differenzierte Form +dieses Abkömmlings des Bindegewebes. Stütz- und Nährgewebe finden wir +überall im Körper: es gibt ebenso, wie es ein knöchernes Skelett gibt, +ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie +hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln +und Weichteile sind aufgehängt gleichsam in fasergewebigen, +zähsträhnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange +hängt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. Überall in jedem +Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: _nur_ im Gehirn +und Rückenmark ist dieses Stützgewebe von unerhört kompliziertem Bau. +Die Hirngefäße, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage +und Röhrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gefäßen +durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen +Gefäßräumen gehen unzählige Kanälchen an alle Gangliensysteme und liegen +in sternförmigen Umhüllungen, genau den Formen der vielgestaltigen +Ganglienzellen angepaßt, um die kleinen elektrischen Zentralkörper, etwa +wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen +und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind +füllbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden +kleiner Schwämme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun +darin, daß diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizität das +umhüllende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die +Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, daß ihr funktioneller +Füllungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und daß +ihr wechselndes Leersein das Überspringen der Seelenfunken begünstigt, +Mittels des Blutgefäßsystemes also vollzieht sich das, was wir vorher +Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben. + + +Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der +Möglichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes +Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche +"Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise genügend Raum gegeben, hier +will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, nämlich die +Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewußtseinsformen +prüfen. + +Wäre also der gewissermaßen gefilterte Blutsaft von einer solchen +Beschaffenheit, daß seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre +Kontakte aufhebt, so müßten, wenn meine Anschauung richtig wäre, die +Vorgänge, welche Blutwasser im Gehirn plötzlich und ohne +Ausgleichsmöglichkeit anstauten, unweigerlich Bewußtlosigkeit zur Folge +haben. Denn denken wir uns überall um die Ganglien eine +Flüssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so müssen ja +die Assoziationen unmöglich werden, weil nirgends Erregungsströme +kommunizieren können. In der Tat: das ist der Fall. Dr. _Jordan_ hat in +einer Arbeit über ein auf der Insel Java von den Eingeborenen geübtes +Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, daß von rückwärts her +dem Kranken am Halse beide großen Drosseladern fest zugedrückt werden. +Dann ist der Abfluß des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es +entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschnürung mit einem +Gummiring sich bildet: ein Übertritt von Blutwasser in die +Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn, +es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser, +es verliert die Fähigkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewußt zu +sein: der Betroffene liegt fühllos und bewußtlos, wie narkotisiert. Aber +es gibt noch andere Möglichkeiten zur Überstauung des Gehirns. + +Stürzt jemand so unglücklich, daß ein erheblicher Bluterguß sich +zwischen Schädelkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich +bildende feste Gerinnsel in ähnlicher Weise den Abfluß des Gehirnblutes +aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder +Überschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des +Ganglienkontaktes, Bewußtlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngefäß, +verkalkt und brüchig, unter einer plötzlichen Wallung beim sogenannten +Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher +Weise von innen her den Abfluß hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und +langdauernde Bewußtlosigkeit, die so lange währt, bis der Abfluß +reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung +anschlußfähig geworden sind, wobei die entstehenden Lähmungen auf +Rechnung der direkten Aufwühlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner +werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewußtlosigkeiten ohne +gehemmten Blutabfluß! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von +Bewußtlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund +dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den +erwähnten Fällen das Bewußtsein schwindet, weil eine komplette +Überschwemmung mit hemmender Blutflüssigkeit die Ganglien festbannt und +ruhigstellt, so ist es klar, daß auch noch auf eine andere Weise gerade +unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewußtlosigkeit denkbar ist, +nämlich die, bei der sämtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig +miteinander in Kontakt stehen. Das wäre so, als wenn plötzlich in einer +Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erklängen; auch dann +würde die Seele der Station, das Meldefräulein, wahrscheinlich jegliche +Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese +Form der Bewußtlosigkeit, welche sich also unter einer vollständigen +Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem +Anprall des Schädels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der +Gehirnerschütterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns, +ein nervöser Chok der Blutgefäße, sie erblassen, werden krampfartig +ausgepreßt, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gefäße, +völlige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller +sich nahe berührenden Ganglien. Bewußtsein ist nicht möglich, weil alle +Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern +und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese +Harmonielosigkeit ist eben Bewußtlossein unter Neurogliakrampf und +völliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns +nun das ganze Gebiet der Bewußtlosigkeiten, vom Schwindel bis zur +Ohnmacht, die bei Hirnerschütterung, beim Chok und bei allen +erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei +denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen +der Bewußtlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. Während bei den +Formen der Bewußtlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht +durch Schreck und Schmerz) Krämpfe und Herzflattern, flache Atmung und +Gesichtsblässe, weite Pupille und Muskelzittern das Bild +vervollständigen, sehen wir bei der Bewußtlosigkeit durch +Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe, +schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung +treten. Mangelndes Bewußtsein aber in beiden Fällen: einmal, weil alle +Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie +wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes! +_Albert_, einer der bedeutendsten österreichischen Chirurgen, hat in +seinen berühmten Hämmerungsversuchen am Schädel trepanierter Tiere nicht +eher Bewußtlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgefäße in Krampf +und Entleerung durch Reflex gerieten. Und _Deutsch_ in Wien sah bei +einem Kinde mit traumatischem Schädeldefekt und freiliegendem Gehirn bei +jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele +Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung während der +Operation, daß das Gehirn in der Narkose blutüberfüllt sei, andere +behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch +meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt +eben zwei Formen der Bewußtlosigkeit: eine hyperämische mit komplettem +Blutüberschuß und eine anämische mit komplettem Blutmangel. + +So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des +Schlafes und der schlafähnlichen Zustände gegeben werden, welche +befriedigen dürfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der +Neurogliatätigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia, +ursprünglich ausgelöst durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen +durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewußtseins für +Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsvermögens für unsere +Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutfüllung der Hirngefäße und +der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des +Gefäßherzens, durch einen Akt der Gefäßmuskeln, welche sich erweitern +und damit buchstäblich die hemmende Tarnkappe über die Gangliensysteme +stülpen. + +Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der +Schlaf keine völlige Aufhebung des Bewußtseins erzwingen kann. Da nur +die jüngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen +Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett füllbaren +Neurogliamaschen umhüllt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf +die tiefen, unterbewußten und automatischen Gebiete unseres +Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind, +erstrecken. Mein Ichbewußtsein ist im Traum völlig wach, meine +Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in völlig von der Logik +ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle +Arten von Außenweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende Tür, ein +Schuß, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise +und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem +Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer +von neuem zu schütteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch +unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gemächer unserer Seele. +Ströme, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der +Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich +erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht +Gegenstände unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten +Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht für den Augenblick +übertönen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei +Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des +Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein +Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen läßt, ist gewöhnlich +kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die +verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der +Bildnerin Phantasie die bunten Fädchen in die Hände spielen. + +Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen +Bewußtseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung wühlenden, +umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses +Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen +mit Flügeln und Flossen, Schuppen und Höckern entstehen, bis gespiegelte +Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer +ganz tief schläft, träumt nicht, natürlich: weil die Hemmung zu fest die +Tasten niederdrückt, als daß ein Nachtelfchen der Idee über die +Klaviatur dahinhuschen könnte. + +Während also im Wachzustande die Registerzüge und Stimmentaster unserer +Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener +Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei +der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen +Spiel der Gefäßverengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des +Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da +ein leiser Akkord unter dem Dämpfer der Hemmung auf. Während dem wachen +Gehirn die Reize von außen in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen +der Ganglien zugeführt werden und sich in elektroiden Anhäufungen zu +Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden +Reiz sein seelisches Äquivalent entspricht, entstehen im Schlafe die +Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen +ohne Ausgleich, wie gefangene weiße Mäuschen, im Gehege und Gitterwerk +der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine Lücke, ein Spalt von der Hemmung +freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Träume immer vor und +zurück stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede +Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden +Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, daß der Hemmungsfortfall in der +zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem +psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, daß wir unsere +Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert +dieses Etwas uns. Das was wir "bewußt aufmerken" nennen, ist das Gefühl +von dem Zug und Zügel, welches die Dinge an unseren Nervenfädchen +ausüben. + +Auf den feinsten Nervensaiten +Prüft ein Spielmann sein Gedicht, +Wohl fühlst du die Finger gleiten, +Doch den Spielmann siehst du nicht! + +Dieser große Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein, +wie die unfaßbare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge +auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob +ohne Draht und Nervenfädchen. Die Seele des Menschen gleicht einem +Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die +Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht, +Ätherwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt +wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen, +welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie +in den Saiten einer Äolsharfe entgegengespannt sind, und können nur in +uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem +ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die +Frühgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den +höchsten seelischen Funktionen, die Widerstände aufzufinden, unter +welchen die Seele dieses tut und jenes läßt: das ist einzig, ohne +vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand +naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit +zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und +Schöpfer dieses Weltsystemes ist. + + +Für mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen +Außerbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir +Ganglien nennen. Ein Dämpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel +gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der +Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr. +Die diesen Reiz übermittelnden Nervenfasern gehören nicht zum +Zentralnervensystem, sondern sie gehören zu dem Sonnengeflecht des +Sympathikus und zu seinen Abkömmlingen, welche überall die Gefäße vom +Herzen bis in die feinen Ästchen des Lebens umranken. In den Ausläufern +des Hirngefäßsystemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders +dazu gebildetes Gewebe durchtränkend die Ganglien an gegenseitigem +Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der, +entwicklungsgeschichtlich gedacht, früheste Nerv, die erste in der +Tierreihe auftauchende Andeutung eines nervösen Apparates, der +Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu +einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des +Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und +erhabensten Gedanken eines schöpferischen Gehirns werden in Schranken +gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden +und schützenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus! +Hier liegt die einzige, anatomisch begründete Grenzscheide zwischen +Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit +die Hemmungen fortfallen, welche der lebenfördernden Harmonie der +seelischen Erregungen übergeordnet sind. Die Psychiatrie weiß genug zu +berichten von der Entgötterung der menschlichen Seele, die Platz greift, +wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese +Anschauung auch Aufschluß gegeben über die Natur des Temperamentes, +indem danach sehr wohl eine geringere oder stärkere Hemmungsfähigkeit +des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache für die +größere oder geringere Schnelligkeit der Auslösungen seelischer Kontakte +sein kann. Ja diese Anschauung versöhnt einigermaßen die Wissenschaft +mit der tief in allen Völkern lebenden Vorstellung vom "guten und +schlechten Herzen" als einem Teil seelischer Tätigkeit. _Das Herz ist +danach nicht so unbeteiligt am Gemüts- und Seelenleben, als man +gemeinhin denkt._ Nicht nur, daß seelische Erregungen sich nachweislich +dem Herzen mitteilen, sondern auch die Tätigkeit des Herzens und die +Beschaffenheit des Blutes hat danach verständlichen Einfluß auf unsere +Allgemeingefühle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist +also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie überhaupt die Sprache ja oft +für den Hellhörigen die alleinige Verräterin tiefster, geheimnisvoller +Vorgänge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da +sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer groß +ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zustände mit der krankhaften +Veränderung der Blutsäfte! Schritt für Schritt können wir in der +Pathologie verfolgen, wie der Gemütszustand direkt in Abhängigkeit steht +von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das +Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverhältnisses der +einzelnen Komponenten! Die Vorgänge dabei sind viel zu plötzlich und +reflexähnlich, als daß sie allein durch eine chemische Alteration +erklärt werden könnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine +Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine große Freude +reißt mit der Erhöhung des Blutdruckes im Gefäßsystem und der +Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom +Antlitz unseres vergrämten Gemütes. Der Gefäßnerv (Sympathikus) und die +durch ihn erzwungene wechselnde Fülle der Neurogliazotten läßt eben die +Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination +vor sich gehen. + +Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliafüllung in +Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen +Schlüssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur +gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches +Grundgefühl für Rhythmus und Gegensätzlichkeit, für Dualismus, für die +Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen +Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien, +gegeben, da sie ursprünglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn +pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster +Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend +zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim +Nachlaß und Abströmen des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder +bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird +dabei reguliert vom Spiel der Gefäßnerven, welche, das muß immer wieder +direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus +angehören, der einen gleichsam zwischen Hirn- und Rückenmark +eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den +Millionen Pfaden der Sinnesstraßen strömen unaufhaltsam und +ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den +unzähligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den +Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia +stromdurchlässig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System +zu System, immer die Lücken erhaschend, welche die geschwächte Hemmung +offen läßt. Das ist die Bahnung, die Übung, die Einschleifung in meiner +Auffassung. Darin, daß die Öffnung und Schließung dieser Bahnen +rhythmisch erfolgt, liegt der Grund für die Rhythmik unseres Tuns und +Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung +unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur schönen Linie, zur +Architektur, genug zur Gesamtästhetik. Denn im Grunde ist alles das +meinen Sinnen wohlgefällig, was ihrem natürlichen Rhythmus von +seelischer Ein- und Ausschaltung sich einfügt, und unlustgebend +dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, daß der +ästhetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus +etwas durchaus Persönliches, an mein Temperament, an meine +Apperzeptionsfähigkeit in einer gewissen Zeiteinheit, nämlich der +zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich +kann hier natürlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit +von 60 Schlägen in der Minute der Mensch sein Zeitbewußtsein hergeleitet +hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr +Ticktack schlug, genau so, wie er den Fuß und das Fingerglied zum +Raummaß und die fünffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem +ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus +unter den allerverschiedensten Einflüssen schwankt, wie die Wirkung von +Mensch auf Mensch direkt am Pulse meßbar wird, so versteht man besser +als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung +eines persönlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuhörer oder +Beschauer völlig in den Bann des Schöpfers schöner Rhythmen zwingt. Das +Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein mächtiges fremdes, die +Seele neu erfüllendes Durchwogen und Durchglühen ist eben die Quelle +jedes echten ästhetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz +dauernd sehnt. + +Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist +von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein +Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen +Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer +rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen, +naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewußtseins abgibt, so +muß es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyperämie im Gehirn möglich +sein, Schlaf und schlafähnliche Zustände zu erzeugen. Nun, das +Streicheln, das Wiegen, das Kämmen, das Fixieren, das Zählen, das Ticken +der Uhr--das alles sind deshalb schlaffördernde Mittel, weil vermöge der +gleichmäßig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter +Übergewicht über die Zellaktion erhält, je mehr durch Konzentration auf +einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch +der nächtliche Schwärmer schließlich immer dieselbe Geschichte erzählt, +ehe sein müdes Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so läßt +der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverstärkung das +Bewußtsein seitlich ringsumstellen und von den Häschern flüchtiger +Gedanken umgeben. Alle Vorgänge eben, welche geeignet sind, dauernd die +Neurogliazotten in Erweiterung und Füllung zu halten, bringen +Kontakthemmung und bei längerer Dauer den Schlafzustand, also auch die +_reflektorische_ Gefäßweite. Alle schlafähnlichen Zustände können auf +_mechanische_ Weise einheitlich erklärt werden, selbst Morphium und +Chloroform wirken zunächst nur als Entfalter einer durchaus +physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol +im Beginn Gefäßverengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte +Anschlüsse, spielende Gedankenflucht über alle Problemhöhen und -tiefen, +und mit der Leichtigkeit der Auslösung von Ganglienfunktionen eine hohe +Steigerung des Ichgefühls hervorbringen, erst dann mit der allmählichen +lähmenden Erschlaffung der Gefäße, in welchen das Gift kreist, die +Einengung und Abblendung des Bewußtseins zuwege bringen, so daß der +künstliche Schlaf so auf ein Haar dem natürlichen gleicht. Man hat eine +allzu übertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten +Hirnstruktur, wenn man meint, daß z.B. eine Auslaugung des Fettes aus +den Hirnzellen durch das strömende Chloroform der eigentliche Grund der +Narkose sei, wonach also das Bewußtsein ausgewischt würde, etwa wie ein +Fettfleck durch Benzin. Träte wirklich das Gift ohne diesen segensvollen +Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch +aktive Substanz heran, so wäre stets eine direkte Verleimung des +Gehirns, die Zertrümmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die +Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr +Gift im Körper kreisen zu lassen braucht, als gerade genügt, damit das +Spiel des auch im natürlichen Schlaf tätigen Mechanismus ausgelöst +werde. + +_Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erwähnen, welche allen +Schlaftheoretikern große Mühe gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim +Erfrieren. Soll hier, während ein vor Frost erstarrender Organismus +langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden +Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so +frisch und wach machende Abkühlung der Haut hier ausnahmsweise höchste +Müdigkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im schönsten Einklang mit +unseren Vorstellungen, daß durch allseitige extremste Verengerung der +Blutgefäße in Haut und Gliedern die inneren Organe blutüberfüllt und +damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein muß? +So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder +Abkühlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch +Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, daß die der Abkühlung schnell +nachfolgende Blutfülle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert +und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir, +warum man im dauernd kühlen Zimmer besser schläft als im überhitzten, ja +sogar, warum wir beim Umwälzen der Bettdecke von der Kühlung der Haut +die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch +erklärt es sich, daß die Inanspruchnahme großer Blutmengen zur Verdauung +bei überfülltem Magen das Gehirn blutärmer und darum aufgeregter und +ruheloser macht und daß irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen +aus dem Gehirn unruhiges Träumen zur Folge hat. + +So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der +Giftwirkungen immer zwischen Erregung und Lähmung hin und her schwankt, +weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die Tätigkeit +der Neuroglia, welche wie ein schützendes Filter vor den feinsten Teilen +des eigentlichen Räderwerkes ausgespannt ist. Wäre die pathologische +Anatomie nicht allzusehr im Banne von der Stütznatur der Neuroglia, sie +hätte schon längst vielleicht näheren Aufschluß über die +Funktionsstörungen als Folge primärer Neurogliaerkrankungen geben +können. Wenn Füllung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung +usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen geprüft sein +werden, dürfte auch für die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer +vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden +können. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die Möglichkeit +der direkten Durchspülung der Neuroglia vom Blutgefäßsystem, die Wirkung +des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirnödems, +der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die Möglichkeit, daß man +durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzlösungen in das +Venensystem, mit der Schaffung einer künstlichen Plethora zusammen mit +dem nachfolgenden energischen Aderlaß überall im Körper, also auch im +Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorgänge anregen kann, steht für mich +schon heute außer allem Zweifel. + + +Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen +bedurfte es, um einigermaßen im Rahmen dieser locker gesammelten +Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter Rücksichtnahme auf +diejenigen Leser, welche nicht genügend Physiologen sind, wodurch meine +Definitionen leider schwerfällig und unbeholfen werden mußten. Ich kann +mich dafür aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden. + +Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes muß meiner Meinung nach jede +Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie +die körperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine +Definition wirklich erschöpfend sein dürfte, und weil beide Formen der +schmerzhaften Bewegungen in unserem Körper eine große Fülle von rein +physischen Berührungsflächen darbieten; ich erinnere nur an die +mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und +körperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an +die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an +Pupillenvergrößerung in seelischer _und_ körperlicher Angst und an +andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzustände, um die +Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begründung zu betonen. Was +nützt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele +Neurologen, mit der Ansicht uns begnügen wollten, daß der Schmerz eine +ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, daß also in unseren seelischen +Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam +Wächterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art +übernehmen? Abgesehen davon, daß man auf diese Weise notwendig zu dem +tief pessimistischen Prinzip einer Schöpfungstheorie kommt, die den +Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt, +wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch +des Erzengels einige Berechtigung gäbe, abgesehen von dieser kühnen und +gefährlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz +ausgeliefert und vorbestimmt, läßt die Lehre von der Spezifität der +Schmerznerven eben den psychischen Schmerz völlig in der Luft schweben. +Aber auch sonst läßt sich vieles gegen eine solche Anschauung +vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur +Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z. +B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung +anführen, welche ich als erster bei Operationen unter meiner örtlichen +Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche später häufig, so namentlich +von _Lenander_ in Stockholm, bestätigt ist. Als ich am Bauchfell +operierte ohne Narkose bei vollem Bewußtsein des Patienten unter +Anwendung nur örtlicher Betäubung, bemerkte ich, daß das normale, +blasse, nichtentzündliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne +Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, daß aber nach wenigen +Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger +Rötung Schmerz auch gegen leiseste Berührung auftritt. Ist der Schmerz +ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgefühl, wie ihn die +moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so müssen in einer Spanne +Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen können, denn Körperzonen, +die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den +Händen. Hier ist mit der Annahme, daß der Schmerz nur auf vorgebildeten +Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im +Bauchfell gänzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch +gewinnt es bald die Fähigkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen +annimmt, muß sich vorstellen, daß diese Leitungsdrähte des Wehgefühls +innerhalb der Bündel der hinteren Rückenmarksnerven zusammen mit den +anderen Strängen für das Tast-, Wärme- und Muskelgefühl verlaufen, und +müßte unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen Bündel +auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber +gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines +Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die +Neurologen so ausschließlich als den Sitz der allgemeinen seelischen +Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch +eigenen Beobachtungen, daß das Gehirn selbst absolut ohne +Schmerzempfindung ist. Der berühmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der +Hirnhäute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht +mehr dem eigentlichen Gehirn angehört. Es würde also bei diesen +gewichtigen Einwänden gegen die Theorie von der Spezifität der +Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifität nicht bedürfte und +doch alle bekannten Phänomene des Schmerzes verständlich zu machen +vermöchte, entschieden den Vorzug verdienen. + +Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem +Hemmungsmechanismus geben zu können. + +Der Schmerz ist ein Allgemeingefühl der Unlust. Ist der gleichmäßige und +harmonische Ablauf der gesamten Körperfunktionen die Quelle vom Gefühl +der Gesundheit und der Lust, so muß bei den Unlustempfindungen dieser im +naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftströmungen im +Organismus gestört sein. Schon das besondere rein funktionelle +Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gefühlte +Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, daß er die +seelische Orientierungsspannung von der Außenwelt weg auf eine Lokalität +des Körpers zurückzulenken zwingt, Störungen des Allgemeingefühls im +Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gefühl der Fülle im +Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken, +kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung +hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr, +Kribbeln in der Haut, kann bei längerer Dauer mit dem Gefühl der +Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder +Funktionsstörung ist der Gedanke an eine nahende oder doch mögliche +Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur für Licht +empfänglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder +Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die +auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen +seelischen Stoß, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen +Sinnesorgane können wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im +Gehirn und Rückenmark auslösen. _Schmerz aber vermögen nur die +Nervenbahnen zu leiten, deren Berührung an sich normaler_weise +_Tast_gefühle auslöst. Das sind die sensiblen Nerven und der +Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen +nervösen Häuten und der Körperhülle Platz gefunden hat. Wann entsteht +nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch +die abnorme, gehäufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist, +Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen +nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation +gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Annäherungen und +Sprengungen, durch seitliches Überspringen und Defektwerden der +Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgelöst werden. _Der +Schmerz ist ein Kurzschluß elektroider Spannungen im Nervensystem._ +Drücke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unzählige +Tastkörperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zunächst Kribbeln und +Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der +Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck +und in ganz gleicher Weise bei Ätzung und Brand ein Defektwerden +der Bindegewebshüllen der Nervenapparate, welche hier genau der +Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich störe den +Isolationsmechanismus, so daß seitlich elektroide Funken überspringen. +Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h. +gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form +und Intensität, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt +ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und +Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden Läsion der peripheren +Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgefühl durch irre geleitete +Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser +Kurzschluß der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist +um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig lädiert sind oder je +dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenhülle defekt wird ganz +gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also plötzlich in der Zentrale +turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ertönen, entsteht eine +Unfähigkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust, +welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den +Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in gänzlich ungewöhnlicher Richtung +ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu +Affekthandlungen, oder wenn diese selbst übertönt werden, zur Ohnmacht +und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal völlig +jungfräulichen Boden, und es spricht gewiß für meine Auffassung, wenn +seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum +zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert über das, was nun kommen +wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen könnte, ist oft größer, +als die Klage über den Augenblicksschmerz allein ausfallen würde. Wäre +der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so wäre nicht abzusehen, +warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden +Schmerzes relative Gewöhnung bei Wiederkehr auch nach längerer Zeitpause +beobachten läßt, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen +spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, daß man von zwei +Schmerzen stets nur den stärkeren wahrnimmt, spricht gegen die +Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer +Farbe alle Nüancen gleichzeitig wahrnehmen. Die große Summe der +entwicklungsgeschichtlich eingeübten und koordinierten Reflexe einer +schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung, +zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der +Schließmuskeln aller Art beweist, daß die plötzliche Überladung gewisser +Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso plötzlichen +Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn drängt: ein +Schrei, ein Stoß, ein starrer Blick, die fahle Blässe des Gesichts, sie +alle sind der Beweis für das Bestehen einer blitzschnellen, +kurzschlußartigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der +Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung +zum Atmungszentrum, schon plötzliche Abkühlung, durch die Dusche etwa, +bringt tiefe Atemzüge und Neigung zu Stimmbandschluß und stoßartiger +Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der +Atmung, einschließlich der Mund- und Nasenöffner, womit der mimische +Anteil an der Schmerzwirkung erklärt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja +jede Erregung läßt die Pupille weit werden, um dem vielleicht +hilfreichen Licht die ganze Fläche frei zu geben, und ein schnell +pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion +gleichsam sprungbereit durch Heranwälzen der Ionen des Sauerstoffes +auszurüsten. + +Ich würde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gestörten +Hemmungsmechanismus für die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen, +wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute +Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir täglich aufs neue zu beweisen +geeignet ist. + + +Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die +Infiltrationsanästhesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser +Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr +überall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige +Berücksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die Lösung, +mit welcher ich örtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine +Flüssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation, +die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu +verstärken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunfähig zu +machen. Ein anästhetischer Mückenstich, wie ich ihn mit meinen +ungiftigen Lösungen in der Haut anlege, läßt die einzelnen Nerven +durchaus tastleitungsfähig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in +jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den +Schmerz macht, den seitlichen Kurzschluß der Nerven, durch +Hemmungsverstärkung unmöglich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven +einen Dämpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am +Rückenmark direkt mit bewunderungswürdiger Kühnheit wiederholt hat, ohne +daß wir die Nervensaiten selbst irgendwie lädieren oder gefährden. Es +wird für mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, daß ich +diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der +Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines +Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens. +Professor Bier hat auch den Nachweis geführt, daß in der Tat das Blut +den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einfluß auf die peripheren +Nerven hat, und ich selbst habe schon früher angegeben, daß Übertritt +von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. ödem) unter Umständen genügt, um +die Nerven sämtlich für Schmerz leitungsunfähig zu machen. Alle diese +gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene +Deutung zu, und wir haben nur nötig, diese an der Peripherie des Körpers +gewonnenen Erfahrungen auf das Gefüge der Zentrale im Nervensystem zu +übertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim +psychischen Schmerze zu gewinnen. + +_Auch in der Seele gibt es einen Kurzschluß elektroider Spannungen._ +Auch hier enthält die unsere Seele brutal überfallende maximale +Anspannung, die nach dem Äquivalenzgesetz der Kräfte ebenso materiell +wirksam sein kann wie eine äußere Gewalt am Leibe, übergroße Ladungen im +Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den +Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen +explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel für +solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist für mich diejenige +Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im +Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen +von nicht auflösbaren Spannungen statt, nicht auflösbar, weil die narbig +verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nervöser Kraft die +Hemmung entgegenhält. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu +einer Höhe, daß sie den Wall durchbricht, so brausen in die +unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der +elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall löst sich aus, +verstärkt durch den Chok der Gefäße, der seinerseits allein, wie wir +sahen, das Bewußtsein schwer zu alterieren vermag. + +Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzauslösung, wenn wir eine +Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere +Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Glück greifendes Moment erleben. +Die Spannungen in der Phantasie, welche schließlich stärker sind als +jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie +einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und +brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gefühl des +Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen +Obstruktion des körperlichen Schmerzes findet die Entladung in +Schluchzen und Tränenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und +Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen +aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektströmen einen Damm +entgegenwölbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden +Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung +resultieren. + +Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchstäblich erröten +und erblassen. + +Ich bin am Ende meiner Ausführungen und schließe mit Zagen, daß ich es +gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen +Hemmungen umfaßt, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen. +Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptzüge +dieser, wie ich zugebe, kühnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese +zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des +Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu führen. + + + + +DER SITZ DER SEELE + + +Als der Zeitgenosse Friedrichs des Großen _La Mettrie_ seinen berühmten +Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, daß dieser +kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich +verbreiteten, aber ganz unsäglich öden Weltanschauung werden sollte: des +jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das heißt: der Lehre +von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer +Probleme. Ähnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der +Persönlichkeit Christi aufzulösen meinten in platt-alltägliche, nur +durch die Phantasie der Gläubigen verzerrte Begebenheiten, so war für +die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist, +Seele, Gemüt, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der +nervösen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie +Niere, Leber und andere Drüsen die Abfallstoffe des Heizmaterials +unserer menschlichen Maschine abstoßen (sezernieren), so sezerniert der +Wunderball in unserer Schädelkapsel einfach ein luftiges Etwas und +dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens! + +Nicht drastischer läßt sich die Kümmerlichkeit dieser Weltanschauung, +die man besser eine _Weltblindheit_ nennen könnte, darstellen, als mit +dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein +Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele +Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie nämlich +rundweg diese Fragen für der Wissenschaft nicht zugänglich und für +keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erklärten, womit dann die +Exaktheit gerade da aufhören müßte, wo das Interesse für jeden +Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht +nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage: +"woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort. + +Ich will versuchen nachzuweisen, daß es auf diese Frage eine leidlich +befriedigende Antwort gibt. Nämlich aus der unumstößlichen Wahrheit +heraus, daß die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich +antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus +vorangegangenen Irrtümern entsprungenen Frage gegenüber ist sie, die +Gütige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verblüfften und +verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett +gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die +sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten mögen. Fragt +man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding +ist, das aber trotzdem vielleicht überall und ewig ist, so muß die +Antwort eine kindliche, närrische und törichte sein. Und doch ist es ein +Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache für Unzählige: die Seele +sitze im Gehirn! Prüfen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich +halten läßt. + +Es ist Tatsache, daß viele unserer seelischen Fähigkeiten, z.B. die +Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten +Bezirkes des Gehirns; daß Geruch, Geschmack, Gesichtssinn, +Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind +durch Verletzung oder organische Zerstörung ganz umschriebener, oft nur +pfenniggroßer Teile unseres Gehirns. + +Es kann nimmermehr bestritten werden, daß diese Teile den Mechanismus +bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch +unzählige, untrügliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am +Krankenbett, ist festgestellt, daß ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine +Seele einfach nicht vorhanden ist. + +Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre +geschlossen, daß Gehirn- und Rückenmark der Sitz aller seelischen +Funktionen sein müsse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der +Beobachtung ständige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer +Funktionen. Es wäre eine Torheit, an diesen Tatsachen zu rütteln, aber +die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung +vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer +zugehörigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, daß +diese Stelle des Gehirns allein diese Fähigkeit produziert. Es kann +vergleichsweise die Durchschneidung eines Bündels von Telephondrähten +einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch +bleibt die Zentrale unberührt. So könnte auch das Sehen, das Sprechen, +das Hören und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion +scheinbar verletzenden Läsionen der sogenannten Zentren könnten nur +zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nervöser Tätigkeiten +treffen, welche ihre unzähligen letzten Ursprungsquellen weit über das +Gehirn verstreut haben könnten. Diese Überlegung ist von großer +Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erklärt wird, warum solch +Verlust des Sehens, Hörens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht +immer ein dauernder ist. Denn es ist unumstößlich wahr, daß Hunde, denen +man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder +sehen "lernten", und es muß ein schlechter Beobachter sein, dem nicht +auffiele, daß Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche +Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch +die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln, +verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl +gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus +diesen und zahlreichen anderen Gründen hat man die Theorie der +Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der +Universalität der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede +Ganglienzelle durch Übung schließlich zu jeder Funktion wesentlich und +stellvertretend herangebildet werden kann, so daß also nach dieser +Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen +Funktionen anzusprechen wäre. Mir scheint es, als wenn in der +Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die +diese auf das Schädeldach klebten, allzu kühn nunmehr auf das Gehirn +selbst aufgedrückt würden, daß also keineswegs der Nachweis +lokalisierter Seelentätigkeiten irgend etwas über den Sitz dessen, was +wir Seele nennen, aussagen könnte. Sagt man aber nun: so ist eben das +Gehirn und Rückenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann +gehört zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und +nervösen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem +kleinen Finger, wie in der Nase. + +Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, für welche man Herde im +Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was +wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu gehört vor allem die ganze Skala der +Allgemeingefühle, Lust, Schmerz, Gemüt, Phantasie, Logik, Willenskraft +usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises +dafür erbracht, daß auch diese, wesentlich seelischen Funktionen +irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder +Rückenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das +Gehirn, das doch der Herr der Gefühle sein soll, in sklavischer +Abhängigkeit von jeder Verdauungsstörung, vom Stoffwechsel des übrigen +Leibes, von Störungen und rein vitalen Veränderungen aller Art. Wenn man +nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge faßt, daß z.B. das +Herausschneiden der gesamten Schilddrüse, welche um die Luftröhre +gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen +wäre, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall +sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allmählich die +Hirnfunktion erlischt, so erfährt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele +im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Stoß. Ebenso wie also +irgendein Zentrum nötig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch +dringend der Schilddrüsensaft vonnöten. Also auch hier, in einer Drüse, +sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner: + +Wenn wirklich alle Eindrücke, die man empfängt, zu den Gehirnganglien +geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und +Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die fünfzehn +Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch +Tausende von Außenweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr +durcheinander brausen, als würden die Tasten einer Orgel alle +gleichzeitig niedergedrückt? Das ist nur möglich durch Hemmungsvorgänge, +welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so daß, wenn eine +Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist +im Innern des Schädels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich +auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind. +Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also +unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die +Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellentätigkeit ist, so wäre das +Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nervöse +Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes +oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden +wird. + +Ich selbst bin der Begründer einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und +Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem +Blutsaft und dem Herzen, so daß ich hier zum Bekenner eines alten +Volksbewußtseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche +menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher +Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur +höhnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollgültigsten Beweise +dafür erbracht, daß das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert +und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was für den +elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als grüne Seidenhülle um +den Kupferdraht bekannt, darstellt. + +Es würde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis +erbringen, daß ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenfäden und +Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein Stützgerüst, an dem +die Nervenzellen ranken. Es ist für mich unumstößlich, daß die mit +Blutsaft gefüllte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abhängigen +Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erwähne +ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, daß unmöglich das +Gehirn und Rückenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele +bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der +Traum, die Narkose als aktive Tätigkeit der Seele verständlich, wie ich +das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bemüht habe, erst mit ihr +wird die Phantasie, das Unterbewußtsein, die Lehre von den Affekten und +Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann +wird es ganz und gar hinfällig, der Seele einen bestimmten Wohnort im +Leibe zuzusprechen, dann ist sie überall bei uns zu Haus, in den Nerven, +in dem Blute, in den Drüsen, in dem Sonnengeflecht, und wird von +unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit +des Gehirns. + +Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele für sich; in der Republik, dem +Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe +bilden, hat jeder winzige, mikroskopische Bürger einen Hauch der +belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die +Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat für sich +zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur +ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als +Thronsessel der Königin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer +Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines +Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser +ebenso zugeteilt werden müssen, wie diesen Prätendenten einer angemaßten +Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der +Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die +Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die +Künstler formulieren, fällt die Frage nach seiner Seele von selbst +zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle +Probleme, und hier mündet eben die Frage nach der Seele ein in das große +Rätsel des Lebens überhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel +wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke über die Seele ist eins +mit dem Gedanken über das Leben. + + + + +INSTINKT UND SPIEL + + +Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen +Spürsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der +schöpferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein +armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines +dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des +Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl +der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Krönung des +Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine +beantwortet den Reiz, den auslösenden Anstoß stets in derselben Weise, +zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der +lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willkür, eine Freiheit. Aus +einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an +solche Zellen ist das höchste, wie das niedrigste Leben geknüpft; denn +geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtkäfers nicht +minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies! +Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis +zur Feinfühligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der +menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus +Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der +Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation +chaotischer Bewegungsmöglichkeiten. Nach ihm kam Rückenmark und +Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein +Geringerer als Goethe sah, daß das Schädeldach ein entwickelter Wirbel +sei, und die Hülle mußte sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der +Rückenmarksäule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte. +Dessen jüngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres +Bewußtseins. Ein jeder von uns trägt also in sich die organischen +Niederschläge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe für Stufe +aufsteigend alles das bewußt, was jetzt unbewußt, automatisch gleichsam +"von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische +Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien +unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewußten Gehirnteilen +muß also ein sich selbst überlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester +Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gefühle stammen, die wie +dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele. +Diese fernen, unterbewußten Triebkräfte, das Resultat der Daseinskämpfe +aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit +dem Namen "Instinkt" belegen. + +Wahl also, das bewußte Gefühl, so oder so zu handeln, steht dem "Muß" +gegenüber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewußtsein +entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das +Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorwärts +gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, daß +wir entwicklungsfähig ("vorbildlich" Kant) werden können, andernfalls +wir als lebens- und entwicklungsunfähig abzutreten haben vom Schauplatz +des immer spielenden Dramas: Leben. + +Wir vermögen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen +Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein +organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewußt +denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens +anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist. + +Um ein Bild aus der Elektrizität zu geben,--wir denken und sinnen mit +willkürlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte +aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und +Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu nötigen +Anschlüsse sind ein für allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie +sind in den Händen einer abgeschlossenen Hemmung. + +Wenn wir dem ebengeborenen Säugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust +erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen; +wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich +seine Pupille: das Getriebe der nervösen Reize hat keine andere Wahl, es +muß die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise +auslösen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angewöhnten Reize stets +dieselben Bahnen entlang durchlaufen müssen, weil alle anderen +Möglichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die +Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer +Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die +zweckmäßigste und immer wiederkehrende für uns erlernt haben. Die +automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als +die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgemäßesten herausgestellt, und +sie gehören zu dem definitiven Bestande unseres nervösen +Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer +dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nervöse +Nebenleitungen unmöglich machte. Daß wir niesen, erbrechen, lachen +müssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind +zwingende Beweise für die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus +definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten +Wasserstrahl, das Verschluckenmüssen selbst gefährlicher Gegenstände +(Münzen, Gebisse, Gräten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben, +der Lidschluß bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit höchster +Willenskraft nicht hemmen können, weil das Spiel der Kräfte eben für +diese Aktionen unabänderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter, +aber irrtümlicher Glaube, daß man unser ganzes Seelenleben in dieser +Weise meint auflösen zu können in die eine Frage nach den +Reflexbewegungen. Für weniger elementare und kompliziertere Handlungen, +für unser Gedankenspiel und für unsere Empfindungen kommt eben noch ein +anderes, uns die Freiheit des Willens aufnötigendes Etwas hinzu. Liegt +vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es +unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen +lassen und habe dabei stets das Gefühl ganz freier Wahl, zu tun, was mir +beliebt. Gegenüber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das +Gefühl der Freiheit, mich für dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu +entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize +nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb. + +Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei +Quellen: Aus einer bewußten, kontrollierbaren und aus einer nicht +kontrollierbaren, unter- oder unbewußten Auslösung von Reizen. Antriebe, +deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns +beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei große Gruppen, denke ich, +sollte man die Instinkte, die unterbewußten Antriebe zur Handlung +einteilen: In solche, welche uns überkommen sind, aus früheren Stufen +der Entwicklung, welche also gewissermaßen Rückschlagtriebe aus einer +früheren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der +unaufhaltsamen Vorwärtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen. + +Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden +(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus, +d.h. sie können die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener +Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese +ausgelösten Willensaktionen können uns persönlich nützlich oder +schädlich sein, sie können aber auch für die Entwicklung der Menschheit +als Ganzes fördernd oder hindernd, also erhaltungsgemäß oder +entwicklungshemmend sein. + +Wo könnte der Seelenforscher für das Überkommene und Eingeborene tiefere +Züge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen, +dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber +ist des Kindes tiefste Betätigung? Das Spiel, dieses für die +Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig, +so muß ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das +oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch +Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen +Worten: Die Geschichte der Menschheit muß sich gedrängt, konzentriert, +im Wesensabdruck wiederholen in den Lebensäußerungen des jungen Bürgen +für die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es muß also am Geborenen +funktionell das frühere Geschehen in großen Zügen bemerkbar sein! Und +ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem heißen Triebe +Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser +umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverständlichen +Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, Kühen, Schafen und +Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim +Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem muß sich der Gedanke +aufdrängen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein +sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen längst in ihm schlummernder +Gefühle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja +selbst den Hang zu Lüge und Betrug, so fällt es uns wie Schuppen von den +Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von +unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer +Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewiß: hier prägte die formende Hand der +Entwicklung Fähigkeiten und Gelüste vor, die nun wie eine +Zwangsvorstellung, wie ein stetes Müssen die Willensaktion wie zugeboren +zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Zählt man nun die +dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie, +ein Talent der letzte markante Ausläufer in Generationen vorgeübter +Fähigkeiten war, so muß man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als +das Kind und seine Seele, daß es Triebe und Instinkte gibt, welche wie +Reproduktionen, Rückschläge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der +Stammesvorfahren sich geradezu aufdrängen. Der daseinkämpfende Urmensch +_mußte_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, Kämpfer sein, er +mußte List, Lüge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung +gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur +wahrlich näher, als ein Großstadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und +zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld, +Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit +eifergeröteten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Blümlein +pflücken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern, +seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die Händchen +heben--man muß es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen +des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses +Wiedererkennen, dieses Zugehörigkeitsgefühl zu der umgebenden Natur und +zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verläßt nun auch den +aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende +Leben neue, erst zu bewältigende Aufgaben an uns stellt und ganz +allmählich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken +läßt in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber +doch die Wärme, Licht und Glanz strahlenden Quaderzüge im abgelagerten +Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines +Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung +längst entzogenen Urgefühle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm +Haß und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, bösen und guten Lüsten mag +ferner in der Tiefe des Unterbewußten seine unverschüttbaren Quellen +haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gefühl der +Disharmonie gegen allen Bestand des Überlieferten, in welche uns eine +Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns +mahnt uns, daß wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen +rütteln können, was alle Väter vor uns aufgebaut! + +Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie drängt unaufhaltsam an +gegen die hemmenden Mächte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser +Vorwärtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder +vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen für die +nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte +nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel dafür, +wie mächtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und +um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Geschöpfe, Maschinen, +Werkzeuge, Kräfte nach einem in sich selbst gefühlten Ebenbilde! Er +spinnt ein Netz gleichsam nervöser, elektrischer Verbindung von +Menschengehirn zu Menschengehirn über die ganze Erde, er durchfliegt +Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht +und Wärme und neue Kräfte liefern, und hält im bewegten Bilde +(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt späteren Generationen die +Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem +klassischen Zeitalter, Zeugen unerhörten Gestaltens, und unser Trieb +ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden +Ansturm der aufsteigenden, aufwärtsführenden Instinkte die Probleme des +Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosität, der Ehrfurcht, der +Behaglichkeit, des sich Genügeseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr +schnell vorwärts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine +Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte +sind im Kampf mit den erworbenen. Möglich, daß an diesem Konflikt die +moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, daß auch +diese Triebe eben einrücken können in den definitiven Bestand des zu +Überliefernden. Wäre das nicht der Fall, so wäre der Weg der Kultur ein +einziger großer Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen +Probleme fähig sind, zu dauernden Instinkten sich einzufügen in den +Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als +eines auf der Erde dauernd lebensfähigen Organismus garantiert. + + + + +TEMPERAMENT + + +Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige +Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrtümer sind, welche +leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so +gibt es auch überkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch +haften, je irrtümlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung +verdanken. Ja für viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit +schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen +sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn +verbinden. Und doch muß man erstaunen, wie oft bei weiterer +Fortentwickelung unserer Kenntnisse schließlich solchen alten +Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von +derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Schönheit man +oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von +ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die +"Elemente", der "Äther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der +physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizität geworden +sind. Man sieht daraus, daß die Wissenschaft die überlebten Worte +gebrauchen kann wie alte Häuser, die man nur modern einzurichten +braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament" +verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der +Saftmischungslehre war man der Ansicht, daß die Temperatur des Körpers +abhängig sei von dem Übertritt gewisser Säfte ins Blut. Rotes +Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier +Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung +ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebräuche erinnern +noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen +Lehre, d.h. der Lehre von der Erklärbarkeit aller Krankheitszustände aus +Blutveränderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten Hämorrhoiden", +der "zurückgetretene Salzfluß", der "nach innen geschlagene Ausschlag", +die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht +ausgestorbenen, ein bißchen Wahrheit bergenden Schlagworte. + +So haben des alten _Galen_ vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, schwarze +und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger +spezifischer Blutwärme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des +melancholischen, cholerischen, noch heute ihren dünnen, +wissenschaftlichen Schimmer von tatsächlichem Verhalten, nicht weil sie +einen Tatbestand ausdrücken, sondern weil dem Kenner der menschlichen +Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den +offenen Blick fürs Wesen des Menschenherzens nicht zu trüben vermochte. +Nicht allzu selten ist derjenige ja der stärkste Wissenschaftler, dem +der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand +nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der zündenden Suggestivkraft +eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in +der Psychologie. + +Ist es also ganz sicher falsch, daß das Überwiegen des roten Blutes, des +Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist +es doch unstreitig richtig, daß die Zustände der wechselnden +Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen +Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der +Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerblütigkeit, seine Einteilung +der Menschen in Warm- und Kaltblütige, kommt der Wahrheit schon recht +nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der +größeren oder geringeren Schnelligkeit der Auslösung unserer Grund- und +Stimmungsgefühle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache +des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig" +und "schwerfällig", "gutmütig", "schwermütig", "hitzköpfig", +"Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zustände der +Gesamtstimmung einer Seele. + +Dieser Widerspruch würde schwer zu überbrücken sein, wenn nicht die in +diesen Blättern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des +Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als +eines Stromregulators, hier klärend eingriffe. Wir wollen sie an dieser +Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein +Orientierungsorgan für die Außen- und Innenwelt. Diese Orientierung +geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewußte +oder unterbewußte Vorstellungen, Empfindungen, Impulse auslösen. Dem +Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Maß gesetzt, +vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den +Ganglienapparat bestürmen, sondern hintereinander ausgelöst werden. +Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen +vermittels eines ständig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem +Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. Wäre in unseren +wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am +Werke, so müßten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen +Organen der Sensibilität auftreten, und statt einer tastenden +Orientierung würde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie +entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie quälend es sein müßte, zwei +Gedanken von gleicher Stärke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr +würde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur möglichen +Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitmaß unser Bewußtsein völlig +aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht, +Orientierungsunfähigkeit mit absoluter Sicherheit überall da auftreten, +wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgefäße ihre +rhythmische Überflutung über das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, daß +eine fahle Blässe des Gesichts solche Zustände anzeigt, weil die +Gefäßnerven alle solche Betriebsstörungen mit Krampf und folgender +Blutentleerung beantworten. Daß das Gehirn an diesen Blutleerezuständen +tatsächlich teilnimmt, kann man bei Operationen an eröffnetem Schädel +direkt beobachten. Da sieht man auch, daß im Schlafe das Gehirn ganz +entgegengesetzt der bisher landläufigen Meinung blutvoll ist und daß +diese Blutfülle umschlägt in Blässe, sowie der Betreffende erwacht. Das +konnte man bei einem Kinde mit entblößtem Gehirn viele Male beobachten, +d.h. Blutfülle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. Hält +man dazu die Tatsache, daß alle Zustände des erhöhten Blutgehaltes des +Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewußtseinsstörungen im Sinne +der Schlafhemmung begleitet sind, so drängt sich ein Gedanke auf, der +für die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergrößter +Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und +Schwerblütigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande +ist. Nämlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einfluß +auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist nämlich die +Nerventätigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen ähnliche +Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar, +ableitungs- und zuleitungsfähig, d.h. beeinflußbar im höchsten Maße +durch die Natur der eingeschalteten Widerstände. Nun wissen wir, +daß um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein +Flüssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und +zwar in dazu vorgebildeten Räumen. Wir wissen ferner aus direkten +Beobachtungen am Widerstandsmesser für elektrische Ströme, daß das +Blut und die Blutsäfte hemmende Kraft besitzen. Darum muß das mit +dem Blute in Verbindung stehende Hüllgewebe der Nervenzellen ein +Nervenstromeindämmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden +also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle +ein- und ausgeschaltet, und Anschlüsse sind nur da möglich, wo im Spiel +der Gefäßmuskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den +Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschlüsse dann unmöglich, +wenn die Lücken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gefüllt sind. Das +dieses Entleerungs- und Füllungssystem beherrschende Organ ist die +Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner +Neurogliatheorie. + +An der Hand dieser Überlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einfluß +des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der +Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der +Nervenelemente von Natur starke Widerstände einschaltet, weil eben ein +solcher Saft eine Flüssigkeitssäule darstellt, durch welche nur +schwerfällig elektrische Entladungen stattfinden können, so hat der +Träger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam +aufnehmendes, schwerblütiges, erst nach vielfachem Anprall zündendes +Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchstäblich eine ein +bißchen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter +Durchschlagbarkeit für die elektroiden Spannungszustände im +Nervensystem, so würde sein Träger leicht empfänglich, schnell +auslösend, schnell kombinierend, leichtblütig, sanguinisch sein. + +Da hätten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir +Temperament nennen: Temperament ist ein Maß für die größere oder +geringere Schnelligkeit der Auslösbarkeit und der Anschlußfähigkeit der +Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedrückt: Temperament ist +Sache der Widerstandsfähigkeit gegen Eindrücke. Man kann also als gewiß +annehmen, daß jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels +dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger +schnell Reize, Impressionen, Eindrücke, seelische Attacken aller Art +verarbeitet, und daß dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in +gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine +andere Nüance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses +Widerspiel zwischen Erregung von Nervenströmen und dem Widerstand, +welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also, +was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, daß dieser +Zustand nur ein im großen und ganzen konstanter sein kann, weil ja der +Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man +begreift sofort, daß es ein absolutes Gleichmaß des Temperamentes nicht +zu geben vermag, daß wir heute morgen melancholisch und nachmittags +sanguinisch sein können, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung +unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein muß, und daß hier der +Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an +Sauerstoff oder Kohlensäure, die Beimengung fremder Substanzen, alles +Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln können, auch von Einfluß auf +das Dynamometer unseres Temperamentes sein müssen. Wir begreifen nun +auch leicht, warum ein bißchen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen, +schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen +Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten +Strömen eminent erleichtert ist, und es ist verständlich, daß man die +Gifte alle einteilen könnte nach dem psychologischen Prinzip der +größeren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im +Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen +Bestandteile zum Gehirn trägt und hier die Änderungen der +Nervenanschlüsse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Außengifte +(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte +(Harnsäure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber) +geliefert sein. Man sieht gerade durch geschärften Blick für das +Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im +Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. + +Nur muß man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen. +Kompliziert wird die Sache dadurch, daß das Spiel der größeren oder +geringeren Zufuhr von hemmungsfähigen Säften außer von dem Pulse auch +vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht +wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird +von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen +und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat +eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als +den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung +aufzufassen. In ihm, in seinen überall ausgedehnten Geflechten, welche +den ganzen Körper durchsetzen, wie ein Urgehirn für sich, das schon +alles in sich trägt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren +erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch +unserer Allgemeingefühle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder +Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden +durch die Strahlenaktivität der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes +in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso beschäftigt ist, +wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormoleküle oder an der +Geburtsstätte der Saatkörner für die unzähligen, vielleicht nie +geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob +lebensfroh zur Entwicklung und zur Schönheit drängend, oder düster auf +Vernichtung, Haß oder Verneinung grübelnd, das ist natürlich dafür +entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser +Kräfte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und +ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt. +Das ist auch die Erklärung, warum man schließlich ganzen Familien, +Sippen und Völkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben +kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser +Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und +Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt, +bestimmend ist für die größere oder geringere Fülle, mit der eben der +eindämmende Blutsaft die Hirnzellen umspült. + + + + +TIERSEELE UND MENSCHENSEELE + + +Für die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig +gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte +Sache, daß der Mensch ein höher organisiertes Tier, daß er gewissermaßen +nur die letzte, erhabene Krönung des Lebens sei, hervorgegangen aus den +unendlich mannigfaltigen Formungen und Abänderungen, welche die +Widerstände des Daseins auf die vorwärtstreibende, dem Leben nun einmal +anhaftende Gestaltungskraft ausgeübt haben. Die hohen Geistesgaben, so +meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft +in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen überall auch im +Tierleben tätiger Seelenkräfte; die Seele des Menschen sei also nur dem +Maß nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur +quantitativ, nicht qualitativ). Daß die Naturforscher dieser Entthronung +des bisher souveränen, völlig unbestritten als Zentrum der Welt +aufgefaßten Menschengeistes die Feindschaft aller Männer des Glaubens an +Gott und den göttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht +wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur +die Schöpfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn +behalten könnte, sondern es stürzte auch rettungslos die jedem Einzelnen +instinktiv innewohnende, übrigens uralte und noch lange nicht +ausgestorbene Überzeugung, daß der Mensch doch das Maß aller Dinge sei. +_Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines Körnchen +Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden +Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den +zweiten Stoß: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung. + +Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem +Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist längst ins Land der +naturwissenschaftlichen Märchen gewandert: denn auch die Naturbibeln +haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der +Religionsbücher.) + +Eine Schöpfung aus dem Erdenkloß zwar auch, aber nicht mit einem Schlage +aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch +Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der +Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas +Selbstverständliches ohne Erklärung gelassen wird. + +Es ist schlechterdings unmöglich, den Entwicklungsgedanken in den +Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendfältigen Gesetzmäßigkeiten, +Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden +muß, daß der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den +Schöpfungsbegriff umstößt. Bekanntlich war Darwin gottesgläubig und muß +wohl angenommen haben, daß der schaffende Gott eben die langsame +Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch +das Schöpfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich +erschiene. Was dem gläubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das +Wunder der unendlichen Entwicklungs_möglichkeit_ des Lebens, der +Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unerschöpflichkeit der +Mittel zum Anpassen an unzählige Widerstände und geheime +Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewußtsein_ der sich +vorwärts entwickelnden lebendigen Masse. Die Schöpfung, die der +Gottesmann im Herzen trägt als _einmalige_ für ihn denkbare Möglichkeit +der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben für den Naturforscher +ständig für einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist +eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden +Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar unüberbrückbar, +uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der +Menschengeist als eine höhere Stufe Tiergeist definiert werden? Es möge +mir erlaubt sein, einige Gründe beizubringen, welche gegen eine solche +Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die +Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nervösen Apparaten, +welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine große Anzahl +Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche völlig identisch +arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle +Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewußten +oder unbewußten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die +Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und +funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und +Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und +höher entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in +entschieden höherer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der +Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die +Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und +Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen +Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, daß von einem +Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, daß es +offenkundig genug ist, daß solche essentiellen (wesentlichen) +Unterschiede in Hülle und Fülle bestehen, welche alle auf ein +einheitliches Prinzip zurückzuführen sind. Der Unterschied wird +bemerkbar zunächst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte +beweisen, daß der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine +Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitläufe gründlich +verändert, daß er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen +aktiv vorrückt, während das Tier von Anbeginn seines Auftretens +auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel +war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste geändert hat. +Nicht einmal Ortsveränderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben, +Wohnungsverhältnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten, +aktiven Variationen erfahren. + + Fußnote 1: Ein Beispiel dafür war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit + zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile + getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert. + Während die Herren der Schöpfung sehr bald abgeschleudert wurden, + vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung + "auf dem Platz" mühelos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe + galloppierend zu halten. + +Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in +historischen Zeiten konstant, während ein überirdischer Historiograph +den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich +für zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen würde. Ebenso +stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug +auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, während der Mensch +sein Verhältnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung +unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu geführt hat, Herr von +Tieren und von Naturkräften zu werden, wovon bei Tieren in beiden +Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. Fügen wir hinzu, +daß bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewußten Kunst und bewußten +Ethik (alle darauf bezüglichen Beispiele gehören in das Gebiet +automatischer, reflektorischer Nerventätigkeiten, sind also Handlungen +aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die +hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und +Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf +beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede? + +Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so muß mit dem Menschen eine +durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es muß mit ihm ein +Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner +Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil +alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip +möglich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß wirklich das, was wir +Menschenseele nennen, ein Ding für sich ist, ein metaphysisches, +unerhörtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine +Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein dürfte als die eine denkbare +Möglichkeit--so müssen wir zum Erfassen einer anderen Möglichkeit eine +Hypothese einführen, welche vielleicht wahrscheinlicher und einfügbarer +in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens +einer übernatürlichen Macht in den Ablauf der Dinge. + +Machen wir uns zuvörderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum +Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verblüffendste an dem +Verhältnis einer schöpferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: daß +sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele) +geschaffen hat, die fähig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch +Entwicklungen seelischer Kraft dazu geführt haben, _daß die entwickelte +Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu +gebrauchen: Die Sonne wäre der Quell aller Dinge, so bestünde das Wunder +darin, daß die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer +eigenen Schönheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So +schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst +und ihrer Gesetze allmählich ganz bewußt zu werden. Es könnte fraglich +sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen +Gestirn geschehen ist, so daß die kleine Erde doch der geistige +Mittelpunkt des Universums sein könnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn +unstreitig ist der Mensch fähig, sich von der Gesamtnatur, von den +letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus +seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, daß jeder unserer +Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein muß wie eine +vorbeifliegende Bleikugel, daß er sekundäre Wirkungen haben kann, welche +die größesten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen +usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen +die Natur in der Hinzufügung der seelischen Kraft zur Entwicklung +gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, daß eben diese Kraft der +sich selbst bewußte Geist des Schöpfers ist, womit alle Forschung +aufhören würde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger +übernatürlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen +Fähigkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu +erklären. + +Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen Tätigkeiten nicht +ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser +Ausübungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer +metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts übrig, _als der +Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht +beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die +Fähigkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung +von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in +umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu +werden. Auf dieser Funktion beruht unsere Fähigkeit, z.B. ein Pferd mit +Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht +nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im +Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche +Form und Bewegung eines tatsächlichen Bildes entsteht, so ist der +Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem +funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem, +was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen. + +Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der +menschlichen Nervensubstanz erfaßt, ist es was den Menschen aus dem +Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, daß man wohl sagen darf: +gewiß ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist +Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das höchste +Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu höheren Wesen. Das letzte Tier +der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch! + + + + +GLAUBE UND WISSENSCHAFT + + +Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zugänglichen im +Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame +Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende +Königinnen im Geisterreiche stehen sie sich gegenüber und sind +doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der +Kausalität--geboren, Glaube und Wissenschaft. Daß bisher nie ein +ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren +Vertretern möglich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja +bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um +die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige +Überzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die +widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte +Gesetzmäßigkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben +Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen +Falle zu einer unverrückbaren Einstellung unserer logischen Tätigkeiten +auf einen bestimmten Zentralpunkt führen, der in der Art zwingender +Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlußfolgerungen darstellt? +Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie reißt den einzelnen in +unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat +infektiöse Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise +unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer +Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erlösenden +Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden +Begriffes sein? + +Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so +gehört ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und +Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so +und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer nötige +Resonanzfläche zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist, +wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des +organischen Saatfeldes vorbereitet ist für den neuen Keim. + +Das Aufdämmern neuer Kombinationen von Ganglientätigkeiten in einem +Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlußbereiter, +bisher nicht durchleuchteter Gebiete würde verlöschen wie eine +Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewußtseins der Mitlebenden, wenn +nicht im Stillen gleichmäßig eine Zündfläche in mitgeborenen Gehirnen +geschaffen wäre; wie es ja oft genug geschehen ist, daß +entwicklungsgemäße Gedanken erst Jahrhunderte später ein tragfähiges +Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese +Zündkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die +Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichmäßig +herangediehen ist an die letzte, entscheidende Auslösung, die nur Einem, +manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen überraschend durch ihre +Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet +sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst +Goethe gesagt hat: das Auge muß sonnenähnlich sein, wenn es die Sonne zu +sehen vermag, so fällt dieser Funke auch in nervöse Systeme, welche +spezifisch empfänglich sind für das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann +in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist, +weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des +Ansteckungsstoffes vorangehen muß. Formeln also, welche in der +Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind +deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen +Anschlußreiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von +dem buchstäblichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben +richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu stützen, so +kann man sagen, daß alles Objektive, alles sogenannte Allgemeingültige +naturgemäß einem Wandel unterworfen ist und daß das Objektive bei seinem +erstmaligen Auftreten zunächst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h. +etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende +Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis +eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit" +ablöst. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die +Wissenschaft. In großen Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die +Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das Rätsel der Welt zu lösen, +in jedem Gläubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache +der Annahme dieser oder jener ihn ganz erfüllenden Überzeugungen ist, so +kann es nicht wundernehmen, daß eine große Reihe von Parallelen sich +aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und +der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in +beiden Fällen handelt, so kann die Berufsfärbung, welche unabänderliche +Vorgänge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um +diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen. +Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen +Wissenschaftlern und Glaubensmännern bis ins Einzelne durchführen, es +möge genügen, auf einige naheliegende Ähnlichkeiten hinzuweisen, um +wieder einmal daran zu erinnern, wie müßig es eigentlich im Grunde ist, +wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern +gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten eröffnet +werden. + +Ich würde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft +eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn +nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spieß +mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische +Schärfe nehmen könnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete: +"Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du +nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese +niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen würde, es bisher auch nicht +möglich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so muß man zugeben: +auf beiden Seiten ist ein großer Unbekannter, und je nach Temperament +und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und +symbolisiert und auf der anderen Seite mit kühler Logik analysiert, was +übrigens die Ehrfurcht nicht ausschließt. In beiden Fällen aber ist +eine gedachte, substituierte, der äußeren Erfahrung nicht zugängliche, +nicht beschreibbare, faßbare und erkennbare Grundmacht der Urgrund +aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit +dem Äther, seine Erfüllung des Weltraumes an jeder Stelle etwas +anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher +Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte +Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung? + +Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft +nähert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser Möglichkeit, so ist +die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr außer dem +Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit +der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte Ähnlichkeit mit dem +Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem +Monismus eine auf viele Einzelkräfte aufgebaute Kraftlehre? Und +weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die +Gegenüberstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie +und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen für funktionelle +Vorgänge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt +bleiben, mag Zufall und Wahl seine Träger nun zur Gemeinschaft von +Priestern oder von Naturwissenschaftlern geführt haben? Es ist eine +nicht mehr zu bestreitende Tatsache, daß die Naturwissenschaft ebenso +dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an +Voreingenommenheiten, Überlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben +ein allgemein menschliches Hindernis für den Fortschritt, ganz gleich, +ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben +Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die Päpste der +Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche +und sind es noch. + +Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die +konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbrüder der +Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am +Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei, +die Verketzerung anders Gläubiger und tausend andere Menschlichkeiten +hier wie dort. + +Alle diese Beispiele beweisen schlagend, daß die allgemein menschlichen +Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger +Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert +werden können, daß die menschliche Seele als Funktion eine Einheit +bedeutet, daß alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen müssen +und daß im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda +seiner Lehren nicht anders verfährt als der Wissenschaftler. Nirgends +wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich +zwischen Priestern und Ärzten, die beide als die praktischen +Verwirklicher religiöser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben. +Es möge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet +sein. + +Weniger die Priester als die Ärzte dürften erstaunt sein, wenn man den +Nachweis versucht, daß diese beiden Tätigkeiten tief im Wesen verwandt +und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame Fürsorge um den +Einzelnen, dort in seelischer, hier in körperlicher Beziehung; ein +Vergleich, der sich geradezu aufdrängt und nicht nur in der Forderung +wurzelt, daß in jedem Arzt etwas Priesterliches sein müsse, sondern viel +mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und körperlich +Notleidenden bei näherem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt +in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers, +der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tröstet die Seele und +hypnotisiert sie, reißt sie hinweg mit den befreienden Ideen des +Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im +Reiche höherer als irdischer Mächte, psychologisch gesprochen, er erhebt +die Seele über die Gegenwart mit der Suggestion einer großen Hoffnung, +gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht +mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit +Morphium, Narkose und Anästheticis eine funktionell der Hypnose ganz +nahe stehende Bewußtseinstäuschung über den Zustand der Gegenwart. In +dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch +Gedankenübertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen +Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht +verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben möchte. Verfasser +hat den Versuch unternommen, für die Narkose, für die Schmerzlosigkeit +Prinzipien aufzustellen, welche auch für die Giftwirkungen die Auslösung +physikalischer Vorgänge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der +Bewußtseinseinschläferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der +physikalischen Hirnhemmung zurückgeführt zu haben, so daß einem Menschen +auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, für den +Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser +beruhigender Medikamente: in beiden Fällen geschieht ein Appell an +denselben Mechanismus: Eindämmung, Einengung, Blendung, Hemmung des +Bewußtseins. Was Priester und Arzt groß und mächtig macht, ist dasselbe: +die starke, suggestive Kraft ihrer Persönlichkeit, welche in beiden +Fällen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde +nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion, +der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht +allein im religiösen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich +begründet, sondern bedarf in beiden Fällen der Zutat tiefgreifender +Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele öffnet für den +Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung muß +von beiden gleichermaßen belebend in das Dunkel der verzagten Seele +ausstrahlen. Wie oft ist die fromme Lüge, die Heiligung der Mittel durch +den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen Ärzten +vorgeworfen worden, und welchen Arzt gäbe es, der um ein Stück "frommer" +Lüge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumkäme? Nein, ganz +gewiß ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu +nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewußt +und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensmänner in gerechter +Würdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich +die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von +dem "Lourdes" der Gläubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein +Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines +Ablaßzettels für Sünden des Genußes, hat nicht die Medizin immer noch +den alten, psychologisch auch tief begründeten Brauch, hier und da +Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gläubige +pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung, +die hier vergebene Sünde im folgenden Winter reichlich nachholen zu +können! + +Die Medizin kennt Päpste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so +stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten +sind dagewesen, wo wissenschaftliche Überzeugungen die Herrschergewalt +von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und +Andersgläubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An +die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts +ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott, +das Abrücken, das Verfehmen, das in modernen Zeitläufen, nur scheinbar +schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die +Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik, +Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf +gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.-- + +Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer +Anwendung Wissenschaft und Glaube berühren, so ist ihre Verkettung in +ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die +Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme +genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in +psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden dürfte von dem Gefühl +der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch +mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets +ein Staunen über den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand +gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die +durchforschte Außenwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die +tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der spürende Spaten auch reicht, +überall wird er auf Granit des Unergründlichen im letzten Sinne stoßen +und wird, falls er gerecht ist und fähig, die Probleme psychologisch zu +begreifen, in höchster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich über +undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er +weiß, daß Dinge des Gemütes und der Phantasie weder zu stützen noch zu +widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des +wissenschaftlichen und des religiösen Denkens, die sie beide der Kunst +nähert: die Phantasie. Ohne sie gäbe es keinen neuen, fruchtbaren +Gedanken, ohne sie wäre aber auch kein Glaube möglich. Dieser schöpft +aus den Tiefen des Gemütes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird +eine Wissenschaft das religiöse Empfinden auslöschen können, nie aber +auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich +entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein +fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der kühnsten Gedanken der +Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggläubiger Kirchengänger sein. + + + + +RAUSCH + + +Rausch--welch ein wunderbares, eine Fülle tonmalerischer Anklänge in +sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkwürdigster und +tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans +Ohr, die an ein schäumendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein +im Sturme zitterndes Blättermeer gemahnen, ähnlich wie ein diskretes +Parfüm von Veilchen die dazu gehörige Wiese und den Wald, Himmelsblau +und Freiheitsgefühl der Seele aufzunötigen vermag. Wie treffend, ja +erschöpfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand, +der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden, +direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die +kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun vermöchten. Woher +stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgründige Weisheit, +daß sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche +die grübelnde Wissenschaft auf mühsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu +entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, daß unsere +Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische +Projektion psychologischer Vorgänge im inneren Räderwerk der Seele nach +außen. Fürwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer +Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre +Schätze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel +der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter +kleinster Teilchen, mögen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des +Grases, schwingende Saiten der Äolsharfe oder die zitternden +Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns, +sein. + +Wer doch einen Blick hinein tun könnte in den feinmaschinellen +Präzisionsbetrieb der fünfzehn Millionen schwingender, webender, +gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da +hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines +vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines +_Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenbürtig wäre! Wer nur, wie der +denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in +seine Träume sehen könnte--dem wäre alles, alles klar! Denn, was nutzt +es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in +feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender +Arbeit, im Rausch des Lebens müßten wir es schauen, wollten wir den +ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gefäß erhabenster +Gedanken überblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift +zu einer Werkstatt gar für Menschenflügel durch das Reich der Luft, an +ihrer Spitze die Elektrizität, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial +und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten +Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang +durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da hängen +die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem +Maschennetz, so zart, daß Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder +Ankerketten sind; wie feinste Träubchen im Spalier, wie Windenblüten am +Drahtgitter sind sie ausgesät und senden aufleuchtend ihre +Feuerstrählchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene +Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Außenweltreizen +oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufhängeschnürchen rührt, dann +blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die +gibt's jetzt nämlich auch), zittern und machen es wie die Sender und +Empfänger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen, +irgendeine Form der Milliarden Möglichkeiten von Bewegungswellen, von +Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen +Vorgängen außerhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der +Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher +Sandkörnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann weiß es die Seele: der +Menschenfinger hat eben etwas glühend Heißes gefaßt, 5000 +Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die +Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend für blitzschnelles +Rückwärtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet +der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter +liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle +in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: heiße +Ofentür, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, öl aufstreichen, zum +Doktor gehen! + +Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so +und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des +Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die Königin der Seele, +die Phantasie, aus den Himmelsräumen herniedersteigt, denn nur vom Geist +der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberfüllhorns in +die Menschenseele träufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von +Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen +und Verlöschen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz +ähnlich wie eben geschildert, nur daß hier das Spiel innerlich vom +Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder +lösender Erinnerungen erregt wird. + +Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier +geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd +durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, während 1000 Zellen +"Stiefel" leuchten, künden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis +dur"; die Finger- und Armkräne zucken, die Beinregister wirbeln +durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die +Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals, +ohne die fliehenden Dinge fassen zu können--das Struwwelpeterbild eines +berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, ähnlich wie an +einer plötzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem brüllenden, +zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die +Hemmungen, die in der Elektrizitätszentrale wie im Gehirn die Ordnung +garantieren, sind kaput. So würde der Bescheid eines kundigen +Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion) +hat nämlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material +(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches +Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der großen Pumpstation +aller Säfte und Kräfte, dem Herzen, her. Je nach Füllung und Entleerung +dieser Berieselungshüllen der Nervenknötchen in Gehirn und Rückenmark +sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder +Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, daß man immer so +weit ausholen muß, wenn man Fachgelehrsamkeit populär machen will; die +dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen, +bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der +Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer +Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln, +-plätschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Blättchen +im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere +Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam +anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen +her mit dem Alkohol. Die kleinen, anfänglich vom Willen des ganz +vernünftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend +solid zu sein, noch gut beschränkbaren Dosen des mehr Leiden- als +Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen +Gezweigen des Blutgefäßsystemes auch die letzten, kleinen, +feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme +Beimengung läßt die Gefäßnerven ihre Fühler einziehen, die +Gefäßröhrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter, +anschluß(assoziations-)lüsterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser +eben noch ganz in seiner Würde eingekapselter Tischgenoß wird merkwürdig +lebhaft, spricht flüssiger als sonst, ihm fällt auch wohl gar eine +hübsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, über die er beinahe +selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude röter wird als +sonst; das gibt ihm ein Gefühl von Huttenscher Lust, zu leben, +obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser +Lebensfreudenüberschuß gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht +so zimperlich zu sein, dem schönen Stoff mal kraftvoll auf den +Leib zu rücken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher +wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht über Höh'n und +Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender +Schönheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen" +steigende Anschlußfähigkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind +durchlässiger geworden, sie sprühen sich Welle um Welle zu, in lustig +hüpfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden +Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von +Kontaktmöglichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort +heißt) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht +unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender; +Selbstüberschätzung, Renommiersucht, Größenwahn verderben die geistige +Atmosphäre. + +Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gefäßnerven, +welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil, +in Lähmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainageröhrchen um, +und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser lächelnder, jauchzender +Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum täppischen Müllersknecht +mit trägster, langsamster, blödester Telephonleitung. Die Äuglein +blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und kündet nur noch +die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt +sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht +mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die +Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende +Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgelöscht, +Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit +fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut +des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewußtseins verwiesen. + +Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen +Exzentrizitäten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das +Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. heißt. Ja, die Herkunft +des Alkohols schon färbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch +gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen +Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist +übrigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch +etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte, +anhaften bleibt, so daß in der berauschten Seele des Menschen sich etwas +von der Heimat der Tränke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So +haben Haschisch und Morphiumträume immer etwas Orientalisches in ihren +Motiven, und der Kartoffelspiritus verrät pommersche Derbheit und Kraft +nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs +Schaumwein seinen perlenden Geist. + +Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserhöhung, +Anschlußleichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich +ganz ähnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes, +als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die +brausenden, rauschenden Wellen einer vollaustönenden, übermenschlich +schönen Sprache, in das gleißende Spiel einer geistsprühenden +Gedankenkunst, in das süße Wogen und Wiegen einer hinreißenden Melodik +und Harmonie? Im Mittelmaß schwingt meine Seele, aber die extremen +Rhythmen reißen sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn +jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Alltäglichen von meiner Seele +reißt, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur +Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Blätter meiner +schönen Möglichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich +durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie +auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir glühende Nebel von Sonnen der +Kleopatra, die ohne des Künstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir +ihren mystischen Spiegel erhalten hätten, sie gibt mir Farbensymphonien, +die mit mir vielleicht hätten sterben müssen, wenn nicht eines +Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall +gemacht hätte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen, +exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen +meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den schönen, von +weicher Hand gespendeten Berührungen und Streichelungen bis zu dem des +Auges, das schöne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen +des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe +daseinfördernde Lustgefühl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen, +schmelzender Erstarrung. Da tönt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft +schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt +Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus +goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert, +der sonnenwärts gerichteten Seele gereicht werden können. + +Seid von der Schönheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste +Lehre eines Kämpfers gegen den Teufel Alkohol! + + Treibt mein Blut ein Himmelswirbel? + Zukunft steigt aus Völkerschmerz, + Ewiges aus Lebensglut, + Menschheit, dir gehört mein Herz! + (Franz Evers) + + + + +DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN + + +Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, daß der ganze +große Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die +alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer +Nervenfäden und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen, +kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist +zweifellos der Träger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange +bleiben. Ist doch die ganze große, geistig-humane Idee der sozialen +Fürsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres +Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz +des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle +umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem glücklich überwundenen +Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem +Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen drängte, sie, +welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so +scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit +längst überstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene, +die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und längst in +ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese Königin des +Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der großen +Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst, +diesem einst so mächtigen Wärmfeuer menschlicher Gemüter und +Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, daß ihre schön gewirkten +Fahnen schlaff am Maste hängen, während ein frischer Wind dem stolzen +Schiff der Technik alle Segel füllt? Wohl ist es eine Zeit der fast +göttlichen Verehrung großer Künstler, die nicht einmal immer den +Vergleich mit ihren größeren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der +Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten +als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflußte, unserem Willen und +Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und überstrahlt alles. +Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, daß auch in der +modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends +offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele +am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten +werden, daß wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer verträumten, +gefühlsinnigen und grübelnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das +musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit +uns bisher konkurrieren um den Preis der größten Leistungen, der +ewigsten Werke der tönenden Kunst, dieser Fähigkeit, von Seele zu Seele +zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die +wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem +geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Schönheit des wirkenden +Götterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen könnten. Die +Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des +Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten. +In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Fluß, der Friede +der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer +ihrer schwebenden Akkorde. + +Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles +Naturerscheinen ist ihr ausdrückbar. Jedem Menschenschicksal, jedem +Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist +wie ein allen Fühlenden gemeinsamer, dem Höchsten und dem Geringsten +offener Tempel, in dem ein Glaube verkündet wird, vor dem ohne +Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer +himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist +wie eine unbewußte, stille friedliche Einigung über alles Zwiespältige +von Menschenbrust zu Menschenbrust. + +Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher +Besitz von etwas Überirdischem, wie ein verstecktes Stückchen +Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines göttlichen Wanderers über +irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein +Köstlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, daß die Art, wie +man heutzutage die Musik zu etwas unerhört Kühnem, künstlich +Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem +emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu +entfremden! + +Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen, +so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache +des Gefühls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst +schließlich ein Bildungsvorrecht der Begüterten, einer kleineren +Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der +Seele der großen Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem +Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere +ursprünglichsten, innigsten Empfindens, muß sie auch Eigentum des Volkes +bleiben. + +Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der Künste und Wissenschaften +ist die Siegeslaufbahn der Musik. Während alle anderen Zweige geistiger +Kultur, alle anderen Künste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel +der Klassicität aufzusteigen, durchmaß sie, diese empfindsame +Interpretin einer Logik des schönen Gefühls, den Zeitraum ihres +Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die +erhabensten Menschheitshöhen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine +Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von +Bach bis Wagner und welches Überschäumen in unseren Tagen! Und das alles +im schnellsten Tempo überreichen Wachstums, so daß gleichsam im Umsehen +die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen +Domen und Palästen emporwölbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur +pflegt auch den edelsten Gewächsen die Entartung zu drohen! War die +Musik der alten Meister eine unpersönliche Anbetung eines +selbstgeschaffenen, nackten, schönen Weibes, so scheint man in der Zeit +der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser Göttin mit +eitel Schmuck und bunten Gewändern zu überschütten. Den Kultus des +Leibes löste ein Kultus der Trachten ab. Statt des schönen Gemäldes ein +Chaos bunter, gleißender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in +vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln +ingeniöser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung +frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundriß ist der +Träger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken +verdeckt die reinen Linien des innersten Gefüges. Dieses Überwuchern des +Technischen in der Musik hat, so verblüffend die Resultate in bezug auf +die Freiheit aller selbständig geführten Stimmen (Polyphonie und +Kontrapunktik) sein mögen, eine große Gefahr: die des Ausweichens der +Musik auf das Gebiet tonmalerischer Geräusche! Das Exzentrische der +verblüffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die +Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets +langsam nachrückenden Verständnis der breiten Massen vorläufig viele +Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage +aufgeworfen werden, ob die moderne Musik überhaupt Anwartschaft hat, bis +zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verblüffen und +hypnotisieren, fanatische Anhänger und unerbittliche Gegnerschaft +erwecken--erwärmen, vertiefen, rühren, erschüttern und das Heiligste in +uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand, +zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gemüt +des Hörers, diese Könige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit +unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende, +erhebende Kraft für das Volk hat. + +Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturströmungen unserer +Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches +Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die müden Verfolgten +jederzeit fliehen können und wo ihnen keine Macht der Erde kraft +himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir +keine Möglichkeit, den Stürmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen +entgegenzusetzen, als die, dem nervösen Impuls unserer Zeit durch +gesunde musikalische Genüsse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht +nur, daß die Irrenärzte wissen, daß einfache Musik beruhigt und sanft +stimmt, Illusionen zerstört und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat +an sich schon dies innerliche Aufatmen der geängstigten Seele, dies +Stillewerden der Dämonen vor den heiligen Klängen verspürt. Wahrlich, +gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen, +beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen +auf das Gemüt des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue +einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden, +die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es +ist, als gäbe es in unserer Riesenstadt plötzlich Tausende, die der +Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die +Militärmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man +wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein +Rattenfängerlied an den Herzen reißt und lockt zur willenlosen Nachfolge +ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefaßt, ist die Musik eine +Kulturmacht ersten Ranges, sie ist fähig, dem Gemütsleben unserer Zeit +eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie +ist die gefühlvolle, sänftigende Schwester der vorwärtsstürmenden +Technik. + +Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begrüßt werden, +als die Absicht, den breitesten Volksmassen die Möglichkeit zu geben, +gute Musikaufführungen zu genießen. Man mag darüber streiten, ob die +Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann +nicht zweifelhaft sein, daß der Erziehungswert gerade der Oper für das +Volk ungemein hoch einzuschätzen ist. Gewiß, es mag dem scharfen Denker +unnatürlich erscheinen, daß die dramatische Handlung durch Gesang, Chöre +und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verzögert wird, aber liegt +nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer +eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen +Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuhörer die +Seelenspannungen der Handelnden einzuprägen? Ist es nicht die beste Art, +auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verständnis für alle +Menschlichkeiten, für jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und +dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper +sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung übertroffene +Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor +des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche Fülle von +Volkstümlichkeit sprießt uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen! +Wie unmittelbar verständlich aber auch repräsentiert sich der fremde +Volkscharakter in der italienischen und französischen Oper! Für die +breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell überaus wichtige +Möglichkeit, auf die angenehmste Art ein Stück Völkerpsychologie und +Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen, +phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unerschöpfliche Fülle +von fruchtbaren Bildungsanstößen erhält. Mit der ganzen Zauberlockung, +die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor +dem Genießenden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das +universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem +Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena +aller Künste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten +erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkstümlich blieb: im Lohengrin, +Tannhäuser, Fliegenden Holländer und dem deutsch-nationalsten Werke +neben dem Faust: den Meistersingern? + +Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in Fülle, um ihr Amt als +Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erfüllen. Gerade unsere +deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen +Kulturfaktoren unserer großen Zeit zu erringen. + +Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verrückenden +Einfluß der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die +Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen +Verblüffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines +Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die große Oper noch viel +mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle +eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der Töne +zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des +Besitzstandes der Musik von ihrer Heimstätte, der Volksseele. Wo sind +die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm +volkstümlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon +mit gleicher Selbstverständlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt +wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, daß die schwerste +Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen züchtend, +von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und +Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend nötig, eine +heilsame Rückkehr zur erprobten, altväterlichen Klassizität dringend +geboten. Wieviel Heil könnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich +trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes müßte sie +bieten können, wenn sie den zirzensischen Vergnügungen der Menge, den +Variétés, den Ausstattungsstücken, den Ringkämpfen und anderen +sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man müßte ein schlechter +Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, daß die Volksseele zwar leicht +auf Irrwege zu führen, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten +Sinne vom geraden Wege der Aufwärtsentwicklung abzubringen ist. So kann +sie sich lange von verblüffenden Äußerlichkeiten blenden lassen, aber +schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern. +Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast überfüllt, die +Seele, das Gemüt in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in +Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber könnte +die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, geläutert, +gerührt und auf menschliche Güte gestimmt werden, als vor dem Altar der +Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Schönheit +verkündet haben! + + + + +MUTTER ERDE + + +Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich +hinauszogen vor die Tore, über die junggrünende Heide hinweg, am +Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub, +haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das +Frühlingsgrün! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren +oder die Nase, nicht bloß durch die Augen dringt, und so das Mark mit +jauchzendem Optimismus füllt! Etwas "Betrinkliches" muß +dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem +Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie +entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der +Natur, als dem täglichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war +sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit +ihrer bebrillten Detektivnase herausgetüftelt: es gibt im Chlorophyll +(grünes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns übergehen und +sonderbar schwellende, prickelnde, süße Unruh schaffende Wellenkreise an +unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten +ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits +vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf +diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie +aufgebaut, so daß man von nun an vorsichtig sein muß mit Leutchen, die +es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die +Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzplätzchen. Leuchtendes Dunkel, +dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz, +Reibungsleuchten, Röntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und +wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen +Leuchtkäferchen der Natur alle benamst sein mögen. Sie alle kann das +arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der große +_Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen, +und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten +Glasröhren, in welchen elektrische Flammengarben sprühen, von denen sich +das unsichtbare Licht abstößt wie Ruß von der Kohlenflamme (im +Röntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen +weniger durchlässig sind als die menschliche Netzhaut, und rückwärts +sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend +andere haben nun gelehrt, daß eigentlich alles, was ist, auf +Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und daß die Reihe der Strahlen +mit den sichtbaren Strömen von Glanz, welche die Sonne über unsern +finstern Planeten ausgießt, lange nicht abgetan ist, sondern daß eben +auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht +mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte +Wellenbewegungen des Äthers alles, was ist, auch das Leben, mit +hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser +Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unzähligen +Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse +anpeitscht, wie ein Wasserfall des Müllers Rad. Das Leben des Kosmos, +der leuchtende Odem der Welt, überträgt sich auf die Materie in Gestalt +rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in +kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das +Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuhäufen, um auch nachts und im +Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im +Grün der Pflanzen, im Rot des Blutes. + +Der größte medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar +Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularströme bis +ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die +Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar +vorausgesagt. "Die reichlich fließenden, unsichtbaren, feinsten Ströme +der Außenwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch +somatischen Energieformen!" Da haben wir des Rätsels Lösung: Das Grün +des Frühlings, der Glanz der Blätter und Blüten, das Himmelsblau, das +Spiel des Lichtes, sie alle haben überall gleichsam hinter sich +unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in +die geheimen Werkstätten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und +Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der +Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die +Triebkraft die im Meere gelösten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff, +Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall +all ihrer Kräfte zusammengeschweißt hatte, da gab die in erster +Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft +in der gleichen Form zurück. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen +die Kiellinie seines Schiffes aufglühen im Fluoreszenzlicht des +leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die +Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle +der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So +glüht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von +bestellender Hand aufgelockerten Erde im Frühling das Licht der Welt +zurück. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim +und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales +Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen +Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht +Luna, die kalte, kraterstrotzende Schönheit ist die Gattin der Sonne, +nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (übrigens schwerlich +in Einehe lebenden) Königsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere +nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und +Kreislauf der Gewässer zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer +Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren +atmosphärischen Nebelschleiern überall Wiegen und Brutstätten für +ungezählte Geschöpfe trägt, von denen die kleinsten nicht weniger +Wunderträger sind als die größten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen +Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges +Grab deiner Geschöpfe, die vorgeschriebenen Kreise, hüllst dich ins +hochzeitliche Grün und schläfst unter dem Linnen des hüllenden Schnees. +Du reckst die Kuppen deiner Berge und die schäumenden Arme der See empor +zu den Feuerströmen deines Gebieters, und in deinen Tiefen und Höhen, in +deinen Schlünden, deinen Hüllen glüht es allüberall von den +Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott täglich aufs neue +überstrahlt. + +Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die +wir dich niemals ganz in voller Schönheit sehen--denn eine Weltreise +selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du +an jeder Stelle die hüllende, liebende, prägende Mutter! Denn unsere +Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie +erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns +prägt die Scholle, uns fesselt die Scholle und läßt uns nie mehr los mit +tausend und abertausend Fäden, die aus dem Boden stammen. Welch eine +geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres +Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gemütes. +Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle +den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein +Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und +Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine +Lieder, seine Sehnsuchten abhängig sind von dem Boden, der ihn geboren? +Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und +Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schließlich abstimmt +auf eine biologische oder ästhetische Einheit, die so klar hervortritt +an den autochthonen Poeten der Heimat. + + + + +ÜBER GRÜBCHEN UND FALTEN + + +Wer aufmerksam einem Porträtmaler bei der ersten Skizzierung eines +menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig +Linien eine "schauende Hand" nötig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt +einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig +armselige Kohlenstrichelchen genügen, um die Wunder der Persönlichkeit +auf das schärfste und zwingendste zu umschreiben. + +Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen über +dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der Künstler tastend +nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern +rechnende Ausweichung, Verlängerung oder Verkürzung eine schon +vollendete Ähnlichkeit gänzlich über den Haufen werfen. Sonderbar: es +sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien, +Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen über den starren +Wölbungen des Kopfskeletts, die die Persönlichkeit für das Auge +blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer +individualisierbaren Linien der knöchernen Grundlage des Kopfes. Es ist +ein eigentümlicher, aber doch richtiger Gedanke: man würde ein geliebtes +Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer +Schar von Totenköpfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin +herauszufinden imstande wäre. Auch wird zur Rekognoszierung der +Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten +Schädelmaße eines die knöchernen Verhältnisse berücksichtigenden +Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte, +mystische Trägerin der Persönlichkeit, hat keine Gewalt über ihr aus +Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit +feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden +Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare, +stumpfleuchtende, hüllende Mantel des Körpers, dies schmiegsamste +natürliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner +Muskelsträhnen, die auf das feinste und vielfältigste die zarte Decke +der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz +des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie +eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht +unaufhörlich spielt, oder der Spiegelfläche eines Sees, über den Wind, +Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende, +nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen +Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen können, +die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz +ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in +Qualen verzerrtes Antlitz erhält, ist wohl nicht der Abglanz einer zum +ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so +wäre!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger +Muskelspannungen, das sanfte Zurückgleiten aufgewühlter Muskelwellen in +die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es +gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten +Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel +laufenden Bögen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln +aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel +treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das +Charakteristische, das Verräterische, das Sänftigende oder das +Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch +Abstoßende oder den überirdischen Liebreiz, das Dämonische oder das +Göttliche geben. + +Vor die starrenden Höhlen des grinsenden Schädels breitete uns Natur +eine weiche, zart getönte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und +Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und hängend ihr +Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Weiß des +sehnigen Gewebes erhält. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch +dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche +Modelleur ist das Fett, die Füllsubstanz, die Abrundung gebende Masse, +die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus +feinen, gelben Träubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische +Substanz in der Hand der größten Bildnerin Natur. Die unendlich +wandlungsfähige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als +Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, daß das Gesicht +oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion, +allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und +entleerungsfähigsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten +Züge der Wangen und der Gesamthaut beim plötzlichen Absinken der Kräfte +im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im höchsten Schmerz! Ohne daß ein +Muskel zuckt, fällt der Tonus der Haut, das mittlere Maß gesunder +Spannkräfte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im +psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die +strotzende Füllung der Fett-Träubchen, und das hohle Polster entzieht +der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich +sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen über die +physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen +Ringe der Venus". Die Lagerung der Augäpfel ist vom Gehalt der +Augenhöhlen an Fett abhängig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei +Gram und Grübeln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett +die beiden Augäpfel abwärts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich +Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenhöhle, die das +dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des +Zurücksinkens der Augäpfel kann so momentan vor sich gehen, daß eine +schwere Anstrengung, ein vorübergehendes Ermatten des Herzens, ein +Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die höchste Wonne +der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz +plötzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein +Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der +Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge +erkennbar machen. Wir verstehen also, daß ein Schwinden des Fettes z.B. +im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen +Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der +nutzlose Kampf gegen Runzeln und Krähenfüße würde nicht so verbreitet +sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des +Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilität, nicht +so verräterisch für die Zahl der Jahre wäre, die über ein Antlitz ihre +Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt +des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren +Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Daß hier ein feinerer +seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall +besteht, beweist, daß es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe +ist, die Faltung und Runzelung verhütet, weil das Alter ja im +allgemeinen fett macht, sondern daß es eine gewisse Schwellbarkeit des +Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die +jung erhält, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende +Intensität den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische +Potenz nimmt. + +Und nun zu den Grübchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der +Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der +kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein können, so weich +wie die von dem Flaum einer Möwen- oder Schwalbenbrust im Seesand +eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Träubchen zu tun; sie +sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem +Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug +Hauteinziehungen über Schmelzlücken des inneren Fettgusses. Wo +Muskelgruppen gegenseitig Lücken lassen, die nicht wie sonst durch die +plastische Füllmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese +kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum +seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil +diese Polsterlücken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren +unaufhörliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben. +Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches +mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten +Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist +ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des +mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten, +huschenden Beschattungen des Gemüts dem Seelenforscher verräterische +Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und +Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelbündel +erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so +komplizierte Mechanismen, daß es denkbar ist, daß zwei Menschen der +Sprache entraten könnten, um sich über alles Wesentliche zu +verständigen, und daß die Möglichkeit besteht, daß viele Tiere nur durch +eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden +Meinungsaustausch und Verständigung erzielen. Man denke an die mimische +Nachahmbarkeit der Gesichtszüge bei Schauspielern, um sich ein Bild von +der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird +es doch immer wahrscheinlicher, daß die oft zu beobachtende Ähnlichkeit +miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen +des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht. +Und auch die Ähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag häufig mehr +funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten +der Eltern lassen die Kinder ähnlicher erscheinen, als sie es in +meßbaren Formverhältnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich +sind. + +Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung +verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne +übertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdrücke nach, +auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So +schreibt die Seele mit flüchtigem Griffel ihre Neigungen, Wünsche und +geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unschöne +Züge durch heißen Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus +der Hand des Göttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr +in Gesichtern als in Büchern lesen lernen! + + + + +DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG + + +Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die +Gewohnheit. Sie versteht es, Rätsel, Merkwürdigkeiten und Probleme des +Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so daß +nur wenige von uns hinter ihren Kunststückchen die Möglichkeit eines +noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung +vollkommen die Erklärung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu +begreifen, und Phänomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon +und Biograph, den Enkeln als die selbstverständlichsten Dinge von der +Welt erscheinen. Dem großen Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht +anders: Gewohnheit und Routine nötigen uns eine Brille auf, die in dem +Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten +Mächten, allen Märchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns +vorbeisehen läßt. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewiß so +sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das +träumerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergründung sehnsüchtige +Gemüt in den Bann der "Bedürfnisse des praktischen Lebens" +zurückbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von +merkwürdigen Dingen, über die er anders zu denken, als es die Tyrannei +"allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl +einen tief verborgenen Trieb verspürt. + +So ist für die meisten die Tatsache, daß Wunden heilen, eine +naturgegebene und selbstverständliche Eigenschaft des Lebendigen, über +die es für die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als +die Forschung Mittel und Wege verheißt, den Ausgleich einer +Gewebsdurchtrennung sich möglichst schnell und gründlich vollziehen zu +lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgemäß viel mehr, als das +Problem der dabei ausgelösten Kräfte: die geheime Spinnstube des +Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren +Zustand prüfend abwägt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins +Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem +Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein +bißchen Künstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von +der Ehrfurcht berühren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen +Türen naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist +doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle +vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das +allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung, +einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer +aufs neue, auch ohne daß es äußerer Gewalt zum Opfer fällt: unsere +Fingernägel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollständig neu +erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4 +Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner Körperoberfläche sein, die +heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses +klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere +Seele fällt, wird immer neu gefügt vom Rand her und immer neu geputzt +vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen Körper durchstreifen Millionen +wandernder Säemänner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte +aller organischen Gebilde mit neuen Keimen überschütten. So ist das +Wunder des Säens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des +Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am +Werk. Die winzigen Handlanger dieser ständigen Arbeit bei Tag und bei +Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abkömmlinge jener +Wunderzellen, die eine rätselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das +Dasein eines jeden von uns sprang: die Träger der erhabenen Idee der +Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare +Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis für die +Unvernichtbarkeit des Lebendigen, für die kontinuierliche Erhaltung auch +der kompliziertesten Kräfte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als +der Nestor der Anatomen, der greise _Kölliker_ in Würzburg, als direkte +Überbleibsel des befruchteten Eies auffaßte, die sich zu Millionen +Individuen, zu weißen Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm Körper +vermehrt haben, springen nun überall ein, wo es eine Neuarbeit, eine +Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie kämpfen +mit Bakterien, produzieren Heilkörper, sie stillen die Blutungen durch +Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten +Geweben aus den großen Drüsenarsenalen der Verdauungshäfen zu, sie sind +die Lastträger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und +fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Gerüste aufbauen und +Ruinen abtragen, überall gegenwärtig und immer bereit, aus den tausend +Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen läßt, +hinauszuschlüpfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner +Hygieniker, Krieger und Friedensförderer zugleich. Wo organisches Leben +sich erhält und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese +direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der +Ergänzung des Verbrauchten. Diese Fähigkeit ist merkwürdigerweise für +die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine höchst wechselnde, d.h. +der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann, +scheint in umgekehrtem Verhältnis zur Ausprägung eines erhöhten, +individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder +Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle +Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur +Artrepräsentant ist, desto weiter geht die Ersatzfähigkeit des +Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen +zugehörigen Teilen abgeschnittene Fühler, Beine und Scheren; Schnecken +erhalten ganze Teile des Kopfes mit Fühlern und Augen wieder; Fische +vermögen die verlorene Schwanzflosse völlig wieder auszubilden. Bei +Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen +verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des +Rückenmarks, ja bei jungen Eidechsen führt seitliches Einkerben des +Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen +Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung +über den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt. + +Es ist beinahe, als hätte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und +Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr +als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach schönere Augen +einsetzen zu lassen. + +Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstquälerischem Grübeln +über die eigene unzulängliche Schönheit, kann mit diesen hohen Gaben der +Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mißbrauch treiben. + +Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir +erfahren, daß man den Schirm der gelatinösen Meerqualle (Meduse) in +beliebig viele Stückchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes, +neues Quallenindividuum hervorwächst, sofern nur an dem Torso ein Stück +des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, Süßwasserpolypen, +Ringelwürmer die Fähigkeit zeigen, aus zerstückelten Trümmern eines +Individuums ebenso viele Söhne und Töchter zu bilden? Man denke an das +in diesem Fall glückliche Opfer des berühmten Schwert- und +Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene +Türkenhälfte hätte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar +erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied +einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt wären! Für uns Warmblüter +ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltblüter können sich also im +Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enthält in +sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte +Mensch so arm: die Narbe, diese rötliche, später grauweiße Marke, +dieses Kainszeichen eines Unglücks, einer von außen wirkenden +Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer +Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige, +womit im günstigsten Falle die Krone der Schöpfung zum Ausgleich +beschädigter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser +Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerstörten, in diesem +scheinbar so unvollkommenen Surrogat höher organisierten Gewebes stecken +so viele merkwürdige, abgelaufene Prozesse, eine solche Fülle +bildnerischer und zum Teil problematischer Vorgänge, daß es sich wohl +auch für den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre +Entstehung zu werfen. Wohl jeder trägt irgendeine Narbe an sich, deren +Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf. + +Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder reißender +Gegenstand in unsere Körpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung +oder Durchtrennung die Oberfläche oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte +edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt +lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen Rückenmarks, +durch deren Läsion das Leben wie an einem geöffneten Ventil ausströmt, +stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden +Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die überall sind: Lymph-, +Blutgefäße und das stützende Gerüst, die Bindesubstanz, in die sämtliche +höheren Organe, Drüsen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn +neben dem knöchernen Skelett durchsetzt, hält und stützt unsern Körper +ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich +funktionierenden Substanzen aufgehängt sind. Dieses Maschennetz stellt +zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgefäße und Nerven ihre Ströme zu +den Zentralorganen hin- und zurückleiten. Diese drei Faktoren werden +also überall getroffen, wo die Kontinuität des Gewebes gewaltsam +durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher +schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und +sprungbereite Wächter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht +seinerseits das herausströmende Blut die eingedrungenen Schädlichkeiten +abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gelöste +Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte +produzieren würden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes +mit der Luft, beim Aufhören der gewohnten Berührung mit der inneren +Glasur der Gefäßröhren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert +den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage für die +Organisation der späteren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den +vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde +klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die weißen Blutkörperchen aus, +die dem zerrissenen und aufgewühlten Mutterboden die neuen Saatkörnchen +zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufhörlich, Zelle um Zelle des +Mutterbodens, die Gefäßhäutchen, die Saftlückenauskleidungen, die +Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des +Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den +Fühlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos +vorwärtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten +berühren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt +trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis +cellula e cellula, auf deutsch: Art schlägt sich zu Art, wie hier bei +der Wundheilung. Allmählich entwirrt sich das Chaos; was zu Gefäßen +gehört, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon +angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gefüllt ist mit den +roten und weißen Ernährungszwischenhändlern, den Blutkörperchen; das +Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkräftigen +Spinngewebe zusammen, dessen Elastizität gleichsam wie mit eingelassenen +Stricken die Wundränder ständig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie +einander nähert; die Nerven senden ihre Fühler kontinuierlich aus und +finden sich sicher in dem Wirrwarr übereinandergehäufter Mauersteine +zurecht. + +Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die Hände und +bilden die Strebepfeiler des neugefügten Lebens. Es legt sich +Gefäßkolben an Gefäßkolben, Nervenbündel gegen Nervenbündel, und das +immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene Lücken und +Kanäle, so daß schon in weniger als zehn Tagen, bei ungestörter Heilung, +Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung +ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des +provisorischen Gerinnsels herüber und hinüber rollen. Darüber deckt +sich schließlich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem +Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und +Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht früher und nicht später, +wie auf ein bewußtes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und über +die noch etwas erhaben rötliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Anstoß zu +all diesen mit dem Mikroskop mühsam durch die Arbeiten eines _Virchow_, +eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und +Reparaturvorgängen? Ist es nicht merkwürdig, zu denken, daß der +plötzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Riß +bedingt, gleichsam ungezählte Spaltlücken hervorquellenden Lebens öffnet +und daß von den reich ausströmenden Saatkörnern auch dem winzigsten +etwas anhaftet, das wie ein Bewußtsein einer Pflicht, einer Berufstreue, +einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser +unmittelbar sich äußernde, regulierende, maßhaltende, sich in Reih und +Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan +nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel +des scheinbar Wahllosen und Zufälligen höchste Organisationen, +wundersamste Funktionen herausbildet? Da drängt sich dem dazu +disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen +wie im Großen Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne +innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren +geht, obwohl gerade er so vielen Anlässen zu ihr begegnet. So ist auch +dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern +dienlicher, als ein gleichgültiges "Das muß so sein!" Beim allzu kühnen +Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den +gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so natürliche +Dankgefühl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um +Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister, +es sind alles Seine hohen Werke! + +Daß unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen +Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkräfte zu machen, ist der +Schlüssel zum Verständnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat +sie es gelernt, die Hemmungen eines ungestörten, natürlichen +Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis, +Asepsis), indem sie die überall drohende Wundsaftzersetzung verhüten +lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran +ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v. +Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der natürlichen Hilfsquellen +wahrhaft erstaunlich gefördert. Hier hat sich der Fleiß und das Genie +des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt. +Gleichsam als hätte eine bewußte Arbeitsteilung Talent und Energie je +nach der Individualität vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat +jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst +mit besonderem Glück auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte +zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ, +am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie, +Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des +Unterleibs technisch zu erschließen, Thiersch, Reverdin und Gluck waren +Begründer der künstlichen Gewebsüberpflanzung, und noch neuerdings haben +Rehn in Frankfurt und Kümmel in Hamburg gelehrt, daß man selbst Wunden +des Herzens und der größten Gefäße zur Heilung zu bringen vermag. So ist +denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch +die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast für +jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die glückliche operative +Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch +größerer Teile von Darm- und Magenstücken, die zweckmäßige +Wiedervereinigung und Umschaltung der röhren- und sackförmigen Gebilde +des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen +ebenso zugänglich, wie das Herz, die Lunge, die größten Gefäße, in denen +das Leben an seiner Wurzel strömt und atmet. Das alles wäre nicht +möglich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der +Wundheilung, zu denen das bloße Auge nicht ausreichte, sondern sich mit +den schärferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mußte. So wurden denn von +den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkstätten die +Geheimnisse enthüllt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung +so ungeheure Erfolge brachten. + + + + +DAS MYSTERIUM DER ERNÄHRUNG + + +Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden +Weltanschauung muß es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nüchtern +klar zu machen, daß das Leben nur bestehen kann, indem es Leben +vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und +Pflanzenvernichtung! Dieses mörderische Gesetz vom Werden durch Sterben +ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fühllos +von Mutter Natur gedacht, wie es unästhetisch ist. Eine Art Lebewesen +scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und +gefressen zu werden: das wäre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes +ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe +Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es +sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem +unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine +versöhnlichere, dem menschlichen Fühlen weniger schmerzliche und +peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden können? + +Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur, +aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schönheitleuchtende, +schöpferische Göttin, die Möglichkeit, uns Menschen von diesem +Bannfluche alles Lebendigen--der übrigens schon im Paradiese am Werke +gewesen sein muß--zu befreien durch künstlich hergestellte +Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiweiß? durch Synthese +von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles +dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein muß, +um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie +vom Standpunkte der Eiweißchemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem +Eiweiß sehr ähnliche Verbindungsreihe von Körpern, nämlich die +Peptonoide, eigentlich Eiweiße, wie sie im Magen zur Verdauung +umgearbeitet werden, tatsächlich herzustellen und damit Tiere zu +füttern. + +Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich +vor dieser Tatsache erschüttert gefühlt wie vor einem gedanklichen +Elementarereignis! Es müßte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe, +wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen, +wenn diese Tatsachen wirklich bestätigt würden. Die Mehrzahl der +Naturwissenschaftler steht selbstverständlich auf dem Standpunkte, daß, +wenn es gelänge, das Eiweiß chemisch rein aus seinen Elementen +aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelöst wäre. Dann +reißt man Schlachthäuser nieder und baut den küchen-chemischen +Großbetrieb! + +Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit künstlichem Eiweiß nach +meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten können, was schon die +scheinbar gänzlich mißlungenen Versuche der Hundefütterung mit +peptonähnlichen Körpern beweisen dürften; was aber erst würde für eine +Verblüffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiweiß künstlich +durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel wäre? Hier +ist ein Rhodus für unser naturwissenschaftliches Denken, das wir +überspringen oder überwinden müssen. Hier ist eine Probe auf die +Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen Überzeugung! + +Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium +in der Ernährung_ vergessen! So muß eines Tages die Lehre von den +Wärmeeinheiten (Kalorien), die der Körper zu seinem Betriebe aus der +Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der +Ernährungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil über +seinem chemischen Mechanismus noch ein Rätsel, ein Wunder, ein +Sonderbares schwebt, das erst erklärt, warum Leben nur durch Leben sich +erhalten kann. + +Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darüber auszusprechen, +nicht allein weil ich sie für interessant genug auch für ein breites +Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung für +durchaus neu und wichtig halte. + +Meine Ansicht ist, daß die Ernährung eigentlich eine stetige +Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen +uns ständig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich +neu, nachdem sie abgestoßen und verbraucht sind. Wir werden immer von +neuem geboren, täglich, stündlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr +dieselben, welche wir waren. (Welch Trost für veredlungs- und +besserungsbedürftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen +Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen, +sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und +Schöpfungsweben das Bewußtsein unseres Ichs zuflüstert, dieser ganze +Zellstaat des Individuums stirbt fortwährend ein bißchen und wird +fortwährend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand +geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach +der Herkunft aller der Saatkörner, die nun einmal für eine Zeugung +unerläßlich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben, +so daß der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule +vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von außen +irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes +wirksame Saat? + +Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle nötig. Aber sie +selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle +scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine +merkwürdige chemisch-physiologische Zähigkeit. Er besteht aus +Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier +unzerstörbar. Keine Säure, keine Lauge, keine Verdauung kann es +vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der +Kerne steckt das Mysterium der Ernährung._ Dieses ist in jeder +Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne +Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es +ist aber auch der Träger aller Befruchtungsvorgänge. + +Durch einen Zufall sah ich einst ein Stückchen Schleimhaut von einem +Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff +war, zu verdauen. Ich war aufs höchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut +nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weißen +Blutkörperchen, dieser Armee von Heinzelmännchen und Liliputanerpolizei +in unserem Leibe, in so auffallender Weise, daß ich das für eine +Entzündung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei +einem völlig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer +Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schüttelte den +Kopf und meinte, das müßte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich weiß +jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, daß jede Magenwand im Zustand +der Verdauung prall gefüllt mit diesen weißen Ameisen des Lebens ist und +daß sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen +Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie +überall mit dem Blutstrom und treten durch die Gefäßlücken ins Gewebe +und streuen, die echten Säemänner des Geheimen, die Samen aus, die sie +aus der Nahrung nahmen, überall wo es nottut, wo der wallende, wogende, +rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lücke, einen Defekt erhalten +hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der +Maschinenheizung und nach dem Äquivalent von Wärme und Arbeit, die +Millionen Nukleinkörnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung +und ewigen Gebarens, würden ganz verloren sein und nur die Äcker +düngen, wenn diese kleinen Wächter des Zellbestandes sie, die sonst +Unverdaulichen, nicht abfangen würden, als die eigentlichen Träger des +Wunders der Ernährung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen +Wiesen und Zellrasenflächen, denen im kleinen Maßstabe das menschliche +und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens +sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschlüsselein, +die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der +Zeugung aufschließen, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen +lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengroßen Lebens. Nuklein +ist sogar der Träger der Persönlichkeit, der Artcharaktere, der +Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es +auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepräge, +von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen +fortwirkenden Konstanz. + +Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene Überzeugung, daß die +Ernährung nicht erschöpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wärme +und Umsatz in Arbeit, sondern daß neben diesen betriebstechnischen +Vorgängen noch ein Prozeß einherläuft, welcher das Rätsel des Lebens in +sich schließt und darum mysteriös und wundervoll ist. So aufgefaßt ist +die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf +aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines +allmächtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genüge finden +konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablässig am Werke ist zu +variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des +bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein +Wesen, für das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die +Staubflüge des Sonnenstäubchens und das Lieben und Zeugen der +allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von +Mensch, Tier und Pflanze. + + + + +DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE + + +Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie +läßt nichts hüllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom +niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten +Prachtexemplaren: an Körperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem +Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natürliches +Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, über die schillernde Schuppen, +leuchtende Farbenglut, Blütenschmelz und schmückende Zier +verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder +ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender +Abwehrpanzer, ein schützender Wall von Höckern, Stacheln, Borken und +Horngerüsten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des +eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der +Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schließt die +Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun könnte. Wir +sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und +Körperhüllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige +Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la +nature der eingeborenen Hülle hinzugefügt, wiederum in analoger +Verquickung von Schutz und Schmuck--nämlich unsere Kleidung, bei welcher +die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft +am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur +selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges +Trikot, in dem wir immer herum gehen müssen und das wir niemals ablegen +können! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und +reichem Glanz, das hinreißend schön sein kann, solange der Jugend +Blütenschmuck über ihm gebreitet liegt, und das im Alter die +Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die +Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die +Körperwärme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht, +Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte +und sondert schützende Öle ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich +aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander +unterscheiden läßt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin weiß, der +Träger eines gut Teils unserer Persönlichkeit ist, sie hat eine +Farbenskala von großem Reichtum und trägt ein mikroskopisches, +Wiesendecken gleiches Feld feinster Härchen, das sich zu Busch und Wald +verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrätsel sich verbergen, +das unser Göttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser +Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervösestes Organ! +Nicht allein, daß sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des +Gefühls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am +Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich +einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mühe lohnen dürfte. Die Haut +erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefühlen der Lust und des +Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglühen vor +Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens, +der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins, +und der Rückschlüsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befühlen auf +unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen +kann, sind unzählige. Und nun dies Befühlen selbst. Welche Fülle +seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung +einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite +übermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknäuel, die als +sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkörperchen ausgesät +sind und von Mensch zu Mensch ihre Ströme senden! Welche Wunder der +Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das +wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstäblich +nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das +Nervensystem nach außen in die Welt ausgestülpt hat. In der Haut schuf +sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen, +hier wogen und wallen die feinsten Nervenströme hin und her, die uns +orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von +hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis +ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende +Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den +ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum +einschlürft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine +Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie +übermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel übersät +mit Nervenflitter und Glühlämpchen von ebenso geheimnisvoller wie +schönheitdurchleuchteter Zweckmäßigkeit. Es ist meines Wissens +noch niemals genügend betont, daß die Haut, diese Hülle und diese +Offenbarung unserer Persönlichkeit, nachweisbar anatomisch und +entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist. + + +Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mütterliche Eizelle +befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlüssel des werdenden Menschen erste +Blüte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in +drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen übereinander: den +sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerüst des Leibes, das +Skelett mit seinen Säulen, Röhren und Kapseln, Schädel und Rückgrat, aus +dem anderen Herz, Gefäße, große Drüsen und der Ernährungsweg, und aus +dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da +haben wir des Rätsels Lösung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches +Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem +tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und +physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich kühn den Satz: unsere +Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von +unserer Seele ebensoviel zu künden, wie von der des anderen zu empfangen +vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie +ist nach außen gestülptes Gehirn, sie enthält, entladet und empfängt +einen beträchtlichen Teil des seelischen Geschehens überhaupt. Jetzt +erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen +Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige +Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus möglich +sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens +sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die +Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schönheit ist, warum +Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine +sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann +gemessen werden an dem Maß von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der +Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehört untrennbar die Kultur der +Haut. Die Zeiten sind für immer vorüber, in denen struppiger Bart, +ungepflegte Hände, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht für das +Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs +Äußere", pflegte man früher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer +entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen, +wobei man eben vergaß, daß das "Äußere" unseres Leibes, die Haut, +durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewiß können wir es durch keine +Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Blütenschmelz +zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder +der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schöner +gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den +Höhepunkt ihrer Elastizität, Leuchtkraft, Frische und dynamischen +Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-, +Y-oder Z-Strahlen--abzwingen. + +Ein Blick auf eines Menschen Haut--übrigens instinktiv zur Abschätzung +der Persönlichkeit ebensooft geübt wie der forschende Blick in die viel +weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als +viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen +Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der +Kampf ums Dasein aufnötigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner +Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut +verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine +schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trägers +Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen: +seht! wie mein Herr mich hält, so ist sein ganzes Wesen! Welch +armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lüge zu zwingen, durch Puder, +Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt muß uns Männer für +lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann, +es gäbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier +kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel +gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer +nicht täglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad, +Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versäumt ja nicht +nur, den natürlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu +halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die +unerläßlichsten Kraftquellen zu erschließen. Es ist wissenschaftlich +noch nicht völlig geklärt, warum die täglichen kalten und wechselnden +Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube +an eine Art Turnübung der kleinsten Gefäßmuskeln der Haut und sekundär +des Gehirns, welche unsere Willenskräfte zu beeinflussen imstande +sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat +Mühlenwind für die Flügel unserer Seele, es hat die Fähigkeit, +Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen +Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens +zunächst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel +am Automobil, es sind direkte physische Kräftespannungen, welche von der +Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer +Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim +Abreiben ausgelöst werden und die direkt von der Haut in die Seele +einströmen wie unzählige Bäche in den brausenden Strom, der unsere +Persönlichkeit in den Ozean des Lebens trägt. + +Wie hübsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der +Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvölker +hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmücken mit Farben, Perlen, +Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des +Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in +konzentriertestem Maße zum Bewußtsein bringen wollte: da ist die Perle +obenan ein Symbol für den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden +Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol für die funkelnde schillernde +Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol +ihrer Durchströmung mit der flüssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist +vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die +Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schönere Haut +besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmücken, die, +was Schönheit der Hülle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos +dastehen, mit den Pflanzen und Blüten! Auch hier symbolisiert die +Weichheit des Flaums im Blütenkelch und Blütenblatt einen Reiz, der der +menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Blütenschmuck ist ja eine Art +Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schöner Umhüllung darbringt; +denn, wenn Großvater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Träger +aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Blütenhaut in ihrem +Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild +auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen, +denken wir daran, daß sie von Blüten stammt und ihr Ebenbild ist, daß +sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden, +das ganze Leben verschönenden Ahnen aus dem Reich der Blumen. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE*** + + +******* This file should be named 15070-8.txt or 15070-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/0/7/15070 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Von der Seele</p> +<p>Author: Carl Ludwig Schleich</p> +<p>Release Date: February 15, 2005 [eBook #15070]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***</p> +<br><br><h3>E-text prepared by Inka Weide<br> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h3><br><br> +<hr class="full" /> +<br> +<br> +<h1>CARL LUDWIG SCHLEICH<br> +Von der Seele<br> +Essays<br> +1922</h1><br> +<br> +<br> +<br> + +<h2>INHALT</h2><br> + <a href="#DER_RHYTHMUS"><b>DER RHYTHMUS</b></a><br> + <a href="#HUMOR"><b>HUMOR</b></a><br> + <a href="#SCHLAF_UND_TRAUM"><b>SCHLAF UND TRAUM</b></a><br> + <a href="#UNTERBEWUSSTSEIN"><b>UNTERBEWUSSTSEIN</b></a><br> + <a href="#SEELISCHE_HEMMUNGEN_UND_SCHMERZEN"><b>SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN</b></a><br> + <a href="#DER_SITZ_DER_SEELE"><b>DER SITZ DER SEELE</b></a><br> + <a href="#INSTINKT_UND_SPIEL"><b>INSTINKT UND SPIEL</b></a><br> + <a href="#TEMPERAMENT"><b>TEMPERAMENT</b></a><br> + <a href="#TIERSEELE_UND_MENSCHENSEELE"><b>TIERSEELE UND MENSCHENSEELE</b></a><br> + <a href="#GLAUBE_UND_WISSENSCHAFT"><b>GLAUBE UND WISSENSCHAFT</b></a><br> + <a href="#RAUSCH"><b>RAUSCH</b></a><br> + <a href="#DIE_MUSIK_ALS_ERZIEHERIN"><b>DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN</b></a><br> + <a href="#MUTTER_ERDE"><b>MUTTER ERDE</b></a><br> + <a href="#UBER_GRUBCHEN_UND_FALTEN"><b>ÜBER GRÜBCHEN UND FALTEN</b></a><br> + <a href="#DAS_WUNDER_DER_WUNDHEILUNG"><b>DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG</b></a><br> + <a href="#DAS_MYSTERIUM_DER_ERNAHRUNG"><b>DAS MYSTERIUM DER ERNÄHRUNG</b></a><br> + <a href="#DIE_HAUT_ALS_EIN_ORGAN_DER_SEELE"><b>DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE</b></a><br> + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="DER_RHYTHMUS"></a><h2>DER RHYTHMUS</h2> +<br> + +<p>Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller +Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es +gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht +die Furcht vor dem gewohnheitsmäßigen Überschäumen, eines +wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich +zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse für das +Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu überwindende +Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche, +mich seinem letzten Sinn zu nähern, zurückgeworfen hat. Ist doch das +Feld des Rhythmischen für jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller +Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, daß seinen dunklen +Hainen die Quellen entrauschen müssen, die allen Erscheinens, allen +Bewegens, allen Lebens unermessene Ströme speisen! Statt trocken +aufzuzählen, was alles für unser letztes Streben und für unsere letzten +aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmäßigkeiten dem Rhythmus +unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein, +von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbäumen und Verlöschen +tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen +Beziehungen trocken aufzuzählen, kann man kühn fragen: was ist denn +eigentlich nicht rhythmisch?—und es gibt auf diese Frage nur eine +Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt, +da ist es schon in Gefahr, vom Räderwerk des Weltallgetriebes +zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht +schleunigst wieder sich einfügt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je +weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen +sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage +offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so +mehr erkennen wir, daß wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten +Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von göttlichen Gesetzen +trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und +grundumfassendste Gedanke, den wir der schöpferischen Natur nachzudenken +vermögen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der +gigantischen Weltkörper nicht weniger am Werke sehen, als in den +wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflöckchen, +dürfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern +Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verständlichen Sein +des Weltganzen erschreckend nahe fühlen. Wir atmen gerade hier im +Rhythmischen gleichsam mit den Atemzügen des Weltganzen; das Rhythmische +ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles +Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige +gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein +letztes unbekanntes Ewiges bindet. Können wir uns doch das Chaos nur +vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nämlich +durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans +v. Bülows Paraphrase auf Faust «im Anfang war der Rhythmus» ein +verblüffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Möglichkeit, +wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewißheit zu +nähern. Würde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen +aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstürzen lassen. Der Rhythmus +ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles +mit Bewegung weckendem Odem durchströmt. Und, wie unser persönliches +Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhören, so müßte auch die +Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstände! Wie sollte nicht eine +ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen +Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das +Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche +unserer technischen Klassizität greifbar vor Augen gerücktes, daß es an +der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu +dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden, +rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich großen +oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die +Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den +schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu +unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht +so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer +solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im +wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen, +unser Fühlen und Denken, unsere Ethik und Ästhetik, unser Handeln und +Schaffen, unsere Liebe und unser Haß, Sympathie und Reaktion vom +Grundgesetz des Rhythmischen beeinflußt und beherrscht werden, um daran +die psychophysischen Möglichkeiten zu erwägen, welcher Mechanismen wohl +die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden +Ringen des Ganzen einzufügen. Daß bei der unendlichen Reihe der +Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht +erschöpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine +Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begründung.</p> + +<p>Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen +Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: <i>Die +treibende Kraft des Weltganzen ist für den Menschengeist ewig +unerkennbar, undefinierbar, unverständlich, kann niemals der Gegenstand +wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben, +ist nur ihr Verhältnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren +Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst künstlich +einschalten, um dann ihre von den Widerständen erzwungenen Äußerungen zu +studieren</i>. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, überall +und unvergänglich, allgegenwärtig und allmächtig, wird zu einem sich nur +scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus, +nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der +Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. <i>Die Art +der Widerstände bestimmt die Art der Äußerung der an sich +unveränderlichen Urkraft</i>.</p> + +<p>Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerständen. Die +Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilität der +Körpereigenschaften unter der Variabilität der Bedingungen, unter denen +sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der +Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den +fallenden Kräften die verschiedenartig abgeänderte Luft entgegensetzt. +Wir wüßten nichts von der Elektrizität, wenn wir nicht gelernt hätten, +der Gesamtkraft spezifische Widerstände einzuschalten, welche sie +zwingen in einer Form sich zu äußern, welche wir elektrisch nennen. Die +Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie +herumzukommen sucht, ist entscheidend für die neuen Eigenschaften, +welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befähigt ist. Die Faust +der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und +Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der +variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstände des Milieus ihre +universelle Macht täglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig +umsonst bemühen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt +keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt—sein fühlbares +Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben, +die Kraft und ihr religiöser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand +wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der +menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar +unserer experimentellen, künstlichen Abänderung der Weltbedingungen +unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerständen: das ist +eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der +Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die +Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn +sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den +Müttern des Wissens vordringen will.</p> + +<p><i>Der Rhythmus ist nämlich eine Art Kompromiß zwischen Kraft und +Widerstand</i>, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen, +Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung +und Hemmungsbetätigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie +ganz vereinbarer Gegensätze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe +zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein ständiges +wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der +Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem +Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und +herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und +abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und +seine eigentliche Ursache? <i>Die Aktivität der Kraft auf der einen Seite + und die Elastizität der Materie auf der andern</i>. Die Kraft, nach allen +Seiten gleichmäßig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus +dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese +Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefüge, wodurch wiederum der +Widerstand erhöht wird, den er der Kraft bietet, so daß diese nicht wie +eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom +starren Felsen schäumend zurückgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser +Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rückstoßgebenden +Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und +Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in +alle Adern, die ihm die Widerstände lassen, und alle Ströme rinnen, +abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurück in ihre +anfängliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist +der Puls der Welt, der Rhythmus!</p> + +<p>War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom +Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe +und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Störungen des +Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und +Wetter, von Haß und Liebe—kurz von jeder Form der Polarität her +bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man +zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen +der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens, +dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfällig beobachtet, so ist doch +erst den neuesten Forschungen über Elektrizität, nämlich der Lehre von +den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, daß auch die +festesten Körper der Erde nur scheinbar fest sind, daß wir annehmen +müssen, im inneren Gefüge des starren Steins eines Felsens kreisen +Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und +einer so vollkommen harmonischen Gleichmäßigkeit, daß unseren Sinnen so +ein innerlich von rasender Bewegung durchströmter Körper eben fest nur +<i>erscheint</i>, ähnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt, +die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und +der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen +Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in +die mikroskopischen Skelettgefüge hinein, mehr oder weniger in +schwingender Bewegung, so daß der Unterschied der Aggregatzustände der +Körper, fest, flüssig, luftförmig, sich als ein ganz ärmlicher +Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen +statt des Brotes der Wahrheit den Stein gröbster Sinnentäuschung +hinzureichen. Es müßte für einen phantasiebegabten Mathematiker eine +seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen +Gedankens sein, für jeden sogenannten festen Körper die Idealformel +finden zu wollen, gewissermaßen die unendlich schnell rotierende lineare +Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht +minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Körperlichen hervorruft. +Nach <i>Graßmann</i> hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall, +aber auch jede amorphe Gestalt eines Körpers gewissermaßen ihr ideelles +Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden +kann durch einen Komplex unzähliger konzentrischer Kreise, welche alle +in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Hätte +Graßmann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt, +die uns zwingend gelehrt hat, daß tatsächlich alle Eigenschaften der +Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer +Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der +aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, daß +durch diese gleichmäßige, bis in das feinste Körpernetz ausgedehnte, +symmetrische Atombewegung Farbe, Gefüge, Aussehen und das ganze Heer der +physischen und chemischen Eigenschaften der Körper bedingt ist. Wir +Modernen wissen also auch, daß der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren +oder auch nur Erschließbaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht +entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Düne +verrinnen läßt, nur um im mikroskopischen Gefüge des Sandes, der Luft, +der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie +durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als +Elektrizität und Wärme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies +Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "Äther", von dem +Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Körperchen +zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar +zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatsächlich +nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend, +rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es +sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautröpfchen des Alls, die nach +ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und +zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schöpfende Eimer ist der +Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizitätslehre +ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden Äther, aus dessen +unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Körperlichen +alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es könnte dem Denker +schwindeln bei der Vorstellung, daß das Sandkorn mit seinen Milliarden +schwingender Ätherklümpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein +Weltall für sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich +umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich +Befreiendes hätte. Es gibt eben kein Groß und Klein in der Welt, die +Sorgfalt des Gesetzmäßigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv +beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des +Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Größten noch im +Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue +Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins +Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen, +denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen +Leid und Glück dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind +auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch +das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine +grandiose Pietät nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das +Mitunbelebte?</p> + +<p>Da es nun also feststeht, daß aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren +(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich +komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren +läßt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches +geben kann, so muß auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in +gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der +Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhängigkeit auch +alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir +Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der +Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des äußeren zusammentrifft.</p> + +<p>Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden +Bedingungen angepaßt, so kann man das bis in die gleichsam +mikroskopische Denkweise auch so ausdrücken, daß der Rhythmus der +organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfähig zu sein, stets dem +Rhythmus der Gesamtheit einfügen mußte. Leben konnte also nur bestehen +in gleichsam konzentrischer Einfügung des Einzelrhythmus in den +kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte, +so mußte also auch der Sonderrhythmus folgen, und so löst sich für uns +die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als +eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche +stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht +unweigerlich folgen mußten und noch müssen. Solche Hemmungsfortfälle und +rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken +und Erlöschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich +in diesem Sinne ohne Zögern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das +Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen +verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer +Arten vielmehr buchstäblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem +winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns +einzig und allein verständlich mit dem Bilde der rhythmischen +Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den +Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer +Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrühren einer Mayonaise. +Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und Äquator zu und +gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefügt, das +stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehört, was +meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun +gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen +läßt als in direkter Abhängigkeit von der Rhythmik der Atome.</p> + +<p>Die gesamte Morphologie wird sich einst auflösen lassen in eine ideelle +Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns überhaupt die Rhythmik des +Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der +Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens +loslösen?</p> + +<p>Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz, +die Chemie der Eiweißvorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen +prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon +lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem +Kristalleben sprechen, wie von Haß und Lieben der Elemente. Die +Wahlverwandtschaft im <i>Goethe</i>schen Sinne ist längst ein chemischer +Begriff, und schon lange hat man das Lächeln verlernt über den alten +<i>Fechner</i>, welcher kühn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien +lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben +deutlich ein Sonderrhythmus übrig, der mit der vielleicht nur +scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine +Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen +sichert. Möglich, daß keine anderen Gesetze im Organischen walten als im +Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des +Kräftekreises muß doch stattgefunden haben, damit die Materie zum +Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schließlich zum +Denken gelangte.</p> + +<p>Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Märchen der +Schöpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der +Bibel und dem Traum <i>Goethes</i> und <i>Darwins</i>, dieser beiden Patriarchen +des Entwicklungsgedankens, anmaßlich anzureihen—um ein Märchen mit dem +Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schöpfungsphantasien nie +herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen können: "wir waren +selbst dabei"—: ich will nur auf die Möglichkeit hinweisen, daß ein +Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann für eine bis +dahin neue, aber doch im Wesen der allmächtigen Kräfte liegende Variante +kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.</p> + +<p>Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefüge des +Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter +Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepreßt, gleichsam zu +einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert +worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte +Hemmung der aufgespeicherten latenten Kräfte fortfiel: gleichsam wie +lebendiges Gewürm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor +dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlüssel, ein Funke, +ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten +Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen +Veranlassung gibt. Schließt nicht die befruchtende Samenzelle, das +Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlüssel die Hemmungen auf, so daß sich +die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblühen zu +königlichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schläft nicht alles +Leben im Mutterschoß wie Dornröschen in den Hecken, bis ein einziger +Ritterkuß den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich +geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen +die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen +Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung +aufschließt und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und +Ernährung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster +rhythmischer Spannkräfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen +zusammengepreßt, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher +Rhythmenträger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders, +als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter +Spannkräfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine +Außenkraft dem inneren Gefüge anders nützen, als indem sie Schwungkraft +den ermattenden Rhythmen hinzufügt? Das Leben wird nur vom Leben +gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der +Flüssigkeiten, in die ein Tröpfchen Säure fällt. Auch in chemischen +Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kräfte zu +neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild, +wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen, +nicht weiter ausspinnen, es genügt mir, die Möglichkeit betont zu haben, +daß das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall +ermöglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kräfte. In +diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des +Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt +von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen +Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die +Hemmung fiel, und die junge Majestät des Organischen stieg auf den Thron +der Erde.</p> + +<p>Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fühlen, so muß +natürlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des +menschlichen Betriebes, körperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist +längst bekannt, welche Rolle die Periodizität im Körperlichen und +Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen +Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhängigkeit +vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als +daß er in Harmonie mit dem Welttakte sein muß, um nicht einfach +hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein +Sonnenstäubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der +Aufzählung aller physiologischen und pathologischen Periodizitäten, den +Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen +Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertät und Adynamie, Ein- und +Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanfälle, +der Krämpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur +verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im +menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergründen suchen, auf dem +sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel +zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik, +aufbauen läßt. Ich muß hier bemerken, daß ich alles seelische Geschehen +in Abhängigkeit setze von einer Aktion der Nervenströme und einem +Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die +Neuroglia, bzw. von dem sie durchströmenden Blutsafte, welcher ja nach +<i>Ritters</i> Untersuchungen aus <i>Biers</i> Schule in der Tat stromhemmende, +Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich +vorzustellen, daß das mit dem Herzpulse einströmende Blut periodisch die +Ganglien außer Kontakt setzt und daß die Pause der Herzbewegung +diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlußfreiheit +besitzen. Die Ärzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien für die +Art der Anschlüsse im Gehirn spielen, wie ein verdünntes, hemmungsarmes +Blut naturgemäß zu Erregungen und Unruhen, Ängsten und Wahnvorstellungen +und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, veränderte +innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstörungen hervorrufen +kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrüse unter +Überladung des Blutes mit Hemmungssäften, wie bekannt, auch den +geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, daß +die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren +Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den +Irrenärzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus +für den Bestand der Seele ist.</p> + +<p>Es kann keine Frage sein, daß, wenn der Blutsaft die ihm von mir +vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche +Wesen der Persönlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen +größeren oder geringeren Reaktionsfähigkeit der Nervenzentren sein muß, +daß die Zahl der aufgenommenen Eindrücke and ihre Verarbeitung zu +Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhängigkeit von +rhythmischen Individualitäten sein muß, die wiederum in Abhängigkeit von +der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfüllung des Gehirns steht. +Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier +also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begründung; das +Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe für +Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch für das +Nerven- und Gemütsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig +gewürdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die +Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des +Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon <i>Ernst v. +Baer</i> hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen +sich anders gestalten würden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer +Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fähig wären, in +einem Zeitraum, der durchschnittlich genau übereinstimmt mit dem Ablauf +eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, daß schon die Fähigkeit, +innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu können, uns +zwingen würde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir würden die +Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskörper als leuchtende Kreise +wahrnehmen können, und würden von jedem Sinne her der Welt als total +anders erkennende Wesen gegenüberstehen. Wir können jetzt hinzufügen, +daß wir schon mit bloßem Auge die festen Gegenstände nicht mehr als fest +bezeichnen könnten, sondern daß wir etwas von ihrer innerlichen, +rasenden Bewegung wahrzunehmen vermöchten. Wir sind also mit unserm +rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und +Sinneseindrücken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt, +daß unser Harmoniegefühl direkt abhängig ist von diesem rhythmischen Maß +unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natürlich erklärt sich auf diese Weise +am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. <i>Zeit ist +eben die mit dem Maß unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene +und empfundene Bewegung des Alls.</i> Das führt uns direkt zu einem +Verständnis des <i>Ästhetischen</i>.</p> + +<p>Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Außenwelt den Eindruck des +Lebenfördernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus +unserer inneren Aktionen harmonisch einfügen, richtiger, sofern wir sie +in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im +ästhetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm +persönlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne +Widerstand und Disharmonie zu erhöhen imstande sind.</p> + +<p>Das schließt nicht aus, daß auch der Konflikt der Rhythmen außer uns mit +denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich +lusterhöhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu +einer ästhetischen Freude die Einfügung der lusterweckenden Rhythmen in +den Rhythmus unserer Nervenströme unerläßlich. Insofern hat alles +deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden, +freudewirkenden Einfluß, überall besteht ein geheimes Verhältnis seiner +Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun +an einer schöngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer +Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefühl sich +betätigen. Die Rhythmen der schönen Dinge müssen einfügbar sein in die +Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um ästhetisch zu wirken, das ist +das Grundgesetz der Kunst, so variabel für den einzelnen, weil eben +diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persönliche Gleichung +ist. Ist in diesem Verhältnis doch auch der eminente Einfluß alles +Rhythmischen, seine suggestive Übertragbarkeit begründet. Der Redner, +der Dichter, der Schauspieler reißt mich darum in seinen Bann, weil dem +Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenräder sich im geheimen +Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen +seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die +ganze Macht der Imitation, ja der Ähnlichkeiten, beruht auf diesem +Einstellungsverhältnis zwischen Außenwirkung und Innenbewegung. Und +fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt, +so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen +Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus +Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einfluß auf +Herzbewegungen und Gefäßspannungen die Ärzte lange kennen. Hat aber die +Herzbewegung Einfluß auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen +Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische +Außenweltrhythmus erhält seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die +Vorgänge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen +geneigt ist. Ein zündendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende +Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen, +weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele +mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schön gefügten +Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus +zugrunde, und es wäre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus +den möglichen Atmungsvarianten sich die Versmaße herleiten lassen. Ist +doch nicht, wie <i>Bücher</i> meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und +der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem +typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim +Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des +Atmungsrhythmus, so daß dieser selbst für Melodie und Rhythmus des +Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur +Funktionäre unserer Atmungsmechanik, die Cäsuren einer Melodie sind +ursprünglich die naturgemäßen Pausen zum Atemholen.</p> + +<p>Wir wissen, daß es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer +solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, daß wir sie mit dem Ohre allein +nicht wahrnehmen können. Wir hören nicht mehr das Geigenspiel gewisser +Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar +ist, ähnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein, +so daß schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten läßt, der +Rhythmus unserer Nervenschwingungen übermittelt uns nur einen Teil der +Weltallsrhythmen, und dieses Verhältnis läßt uns die Möglichkeit nicht +von der Hand weisen, daß es Menschen mit einer Feinheit der +Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der +Durchschnitt.—Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen +betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen, +die die Außenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem, +vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch übrig, dem +rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd +geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War +schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen +als ein System rhythmischer Durchflutungen für sich, abgetrennt vom +Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele +eine für sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene +Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise +befähigt, mit den Eindrücken der Außenwelt innen frei zu schalten und zu +walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen +Tätigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht +eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den +Rhythmus des Andern außer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein +Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wäre der +Künstler, der einen Gegenstand voll und überzeugend darzustellen +vermöchte, wenn er nicht zuvor völlig eins geworden wäre mit dem +Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte, +wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des +persönlichen Ichs verschmelzen fühlt mit dem erschauten Objekt? Das ist +aber nur möglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fühlt, in dem +der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik +verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heißt doch nichts anderes, als sich +das Gefühl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit +Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen +Lebens betrachtend zu erfüllen. Wehe dem Künstler, der nicht rhythmisch +verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er muß ein Stein +sein können, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches +Schönheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie +Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern +lassen will. Der echte Künstler steckt in Woge und Wald, die er malt, +ist König und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren +Hunger, trägt ihren Szepter und ihren Bettelstab.</p> + +<p>Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel +über unsere Seele legt, so daß schlechterdings nichts unerreichbar wird! +Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird +niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensität +seines Einfühlens in die Materie ihn befähigt, den Rhythmus des zu +Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen +und das Geschaute auch anderen, weniger Einfühlungsfähigen zu +übermitteln. Wo wäre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken +könnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die +Fähigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen +Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstückchen in den +gurgelnden Schlund! Wie wäre eine Ethik denkbar, die sich nicht den +Rhythmus des höherstehenden, anbetungswürdigen Ideals zu eigen machte, +das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines königlichen Gefühls der +inneren Harmonie vorhält?</p> + +<p>Wie könnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden +Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom +entfesselter Leidenschaften hineinrisse?</p> + +<p>Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wollte ich alle Beziehungen des +Rhythmischen zur Seele auch nur aufzählen, so würde wohl kaum ein Gebiet +seelischer Aktionen unerwähnt bleiben. Ich muß mich mit diesen kurzen +Andeutungen begnügen.</p> + +<p>Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen +Geschehens. Der Puls des Universums schlägt in allem, was ist und lebt. +Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem +Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und +Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen +Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem +Strahlenbüschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All +zurücksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so +ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter, +organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der +Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der +Menschengeist,—sondern die eigentümliche Hemmung, die die Weltkraft +zwingt, sich in uns so rätselhaft zu spalten, ist der Gegenstand +wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzündet an der +atomistischen Reibefläche des Organischen, da blitzt das Leben auf und +erlischt wie der Meteorstein, der aufglüht, wenn sein Sturz ins Chaos +hineingerät in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphäre.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="HUMOR"></a><h2>HUMOR</h2> +<br> + +<p>Die Menschheit hat stets um so mehr Worte über eine Angelegenheit +gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese +bedächtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein säuberlich zu +Millionen Aktenbündeln geordnet, in den Schubfächern der öffentlichen +Bureaus einer königlichen Logik aufbewahren läßt, um nur hier und da die +Aktenstöße anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln, +bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange weiß: je dunkler ein +Prozeß ist, desto höher türmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So +kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf +über die drolligste Sache der Welt, über das Lachen, zerbrochen haben, +um ein Exemplar vermehren, natürlich ohne jeden Anspruch, damit den +Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige +Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur +versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor +und die humoristischen Zustände von einer Seite beleuchten kann, die +vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die +schon über diese Dinge nachgedacht haben, vorübergehend festzuhalten. +Dabei muß ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange +Reihe der geistigen Väter von vor und nach Christi Geburt, die einmal +über dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzählen, um endlich zu einem +eigenen Körnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen +Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.</p> + +<p>Die meisten bisherigen Arbeiten über den Humor, diese "lachende Träne", +über das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), über die "realästhetische +Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), über die "Kontrastempfindung" +(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das +Psychische bei dieser Form der Gemütsverfassung vor dem rein physischen +Akt der Humorsäußerung, in Summa dem Lachen in allen Formen, +unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben zu haben. +Was uns zunächst nottut, ist eine genügende, rein +physiologisch-funktionelle Definition der Vorgänge im Gehirn und im +Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und +begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen +Vorgänge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaßen sichere Basis, von +der aus auch das rein Seelische im Humor überschaut werden kann. Ich +will daher mit einer Analyse der allgemein üblichen Ausdrucksform +humoristischer Zustände beginnen, dem Gelächter. Erst nach einer +Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und +versteckten Arten kann es möglich sein, auf das in der Seele einen +Rückschluß zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden +Atmungs- und Zwerchfellstätigkeit veranlaßt.</p> + +<p>Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist +das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende, +rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungstätigkeit, begleitet von +gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen +Gemütszuständen. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelächter +ist durchaus unwillkürlich und nur schwer durch Willenstätigkeit zu +hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu +lachen ist am schönsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz +explosiven, gewaltsamen Ausbrüchen des Vulkanes über unserm Zwerchfell, +deren Unwillkürlichkeit etwas Verblüffendes, Elementares, Unhemmbares an +sich trägt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhängige, von +dem jeweiligen Gemütszustande erzwungene, rhythmisch-muskuläre Handlung, +wie sie ähnliche unter weniger erfreulichen Umständen die Ohrfeige, der +Dolchstoß, der Faustschlag, oder aber das Gähnen, das Niesen, das Husten +sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in +einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in +unhemmbare Muskeltätigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise in +der Nasenschleimhaut zu einer allmählich zentral ausgelösten Reizhöhe +führt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkanstoß der Ausatmung +unwillkürlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lästigen +Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist +gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest +werden muß. Gute Erziehung und große Energie vermögen zwar hier und da +diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrücken, aber die Seele ist +verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich +auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewöhnlichste Form +des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen +kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden, +provozierenden Charakter, wie im höhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten +wir zunächst eine Person, die <i>unwillkürlich</i> lachen muß. Was tut sie?</p> + +<p>Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geöffneten Nüstern, breiter +Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme sämtlicher +Atmungsmuskeln, auch der auxillären, der sogenannten Reservemuskeln für +besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell +hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkürliche +sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf +der Höhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hält der +Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt für eine Sekunde aus (wobei +weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Sänger, der vor dem +Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom +durch den Kehlkopf passieren läßt. Hat dieser Zustand der +Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewährt, so +schließen sich die Stimmbänder krampfhaft zu, und nun folgen unter +rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der +Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbänder durch die +Blasebalgstöße, die das Zwerchfell auf die gefüllten Lungen ausübt, Zug +um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der +Stimmbandverschluß, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft +schließend, bringen wiederholte Zwerchfellerschütterungen sie zu immer +neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes, +also der Rachen, die Mundhöhle, der Zungengrund, in sogenannter größter +Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu +sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens == +a vorhanden, und der Hauch der ausgepreßten Luftstöße macht daraus ha, +ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persönliche +Rachen- und Gaumenbildung, ist abhängig von der Resonanz eines kleinen +oder großen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So nuanciert +ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das +Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen, +zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe +Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen +ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das +Silberlachen der Soprane, das süß wie Zauberglöckchen klingen kann, und +die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der +individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich +Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung, +Verharren auf der Atmungshöhe, stoßweise Ausatmen unter Glottissprengung +und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion: +Mundöffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grübchenbildung der +Wangen, Nüsternspiel, Augenschluß und Tätigkeit aller auch bei der +Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge +mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der +malträtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hören Sie auf, ich kann +nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, daß Tränenstrom nicht +allzu selten diesen die höchste Lebenslust betätigenden Akt begleitet. +Wie merkwürdig: höchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in +einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brüderschaft von Freud und +Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verständnis des ganzen Vorganges +werden kann. Es ist nicht Zufall, daß man weint, während man lacht. Hier +steckt einer der Schlüssel zum Verständnis des Humors.</p> + +<p>Halten wir zunächst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine +affektive Handlung rhythmisch-muskulärer Atmungstätigkeit. Welche +Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?</p> + +<p>Um diese Frage zu beantworten, muß ich erstens Analogien herbeiziehen +und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse +begeben. Daß auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder +weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, daß auch +bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die +explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenzündung, den +Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung +überhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf +das Muskelgebiet?</p> + +<p>Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der +Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der +Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie +oder Willensaktion aufzulösen; eine ungemütliche Spannung entsteht, bei +gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll +ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verblüfftheit, Abwehr und +Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele +aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft muß auch jeder +psychische Reiz seinen logischen oder muskulären Ausgleich finden, denn +es <i>gibt gewiß ebenso ein psychisches Äquivalent, wie es ein physisches +gibt</i>. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den +Lippen, dreht den Schnurrbart, durchwühlt die Haare, trommelt an den +Fensterscheiben, stampft mit den Füßen, läuft unruhig auf und ab, hin +und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gemüt durch Umsetzung +in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft +auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein jähes Wort, +eine rasche Tat löst plötzlich ohne Kontrolle der mahnenden und +hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungemütliche, meist gefährliche +Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast +du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gefühl, der +Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen, +vermögen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und +das köstliche Öl friedlichen Verzichtes über die hohen Wogen der +psychischen Ekstase zu breiten.</p> + +<p>Was geschieht beim Gähnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen +Hirnhemmung und Hirnaktion, der Überschuß geistiger Spannung, der unter +der aufgestülpten Tarnkappe der Müdigkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich +mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkrämpfe (Gähnkrampf) nach +außen abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die +Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entlädt. Beim +Gähnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im +Gehirn gewohnheitsmäßig auf eine bestimmte Bahn der automatischen +Muskeltätigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor +Müdigkeit abends und morgens gehört. Wir haben hier also eine Analogie +mit dem Lachen, die so weit geht, daß auch beim Gähnen die +Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen, +ihre Entladung findet. Da auch das Gähnen, wie jede Affekthandlung, +unwillkürlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen +gehemmt werden kann, und da beide, Gähnen und Affekthandlungen, auf +einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden müssen, +so können wir einen zwingenden Rückschluß auf das Lachen wagen, d.h. wir +sind genötigt, anzunehmen, daß auch das Lachen einen muskulären +Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind +diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition +des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans, +gelangen. Dazu bedürfen wir aber noch eines Ausblickes auf die +Entwickelungsgeschichte.</p> + +<p>Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit +all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem +Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in <i>Darwins</i>—übrigens +gottgläubigem—Sinne an, daß der Schöpfer eine allmähliche Entwicklung +zugelassen und gewollt hat, so wäre es denkbar, daß das Lachen eine +Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener +Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter +Festhaltung der ursprünglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung +zustande kommt. Mir will es scheinen, daß, wie es rudimentäre Organe +gibt, Organe, die in früheren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert +im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese +Tätigkeit überflüssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es +so auch <i>rudimentäre Funktionen</i> geben könnte. Es ist denkbar und sogar +beweisbar, daß gewisse Funktionen, die früher einen sehr zweckgemäßen +Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch +vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben. +Dafür einige Beispiele. Die Bewegung unserer Nüstern im Liebes- oder +Lebenskampf hatte augenscheinlich ursprünglich den ganz ausgesprochenen +Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl, +wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr +seiner Nase die Entscheidung überläßt, ob sich ein Herz zum Herzen +findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gefährlich +werden können, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die +Paukanten mit zuckenden Nüstern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem +Ausstoßen einer tödlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer +die Nasenflügel zittern,—und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen +im Feuer seiner Überredungskunst die bebenden Nüstern. Das ist +rudimentär! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst +einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und für +die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von +<i>Gildemeister</i>, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze über +die Höflichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der militärische +Gruß zurückgeführt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier +Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag +war nach <i>Gildemeister</i> gewiß früher, wie noch jetzt etwa bei den +Logenbrüdern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit +feindlicher Bestrebungen. Auch hier ursprünglicher Sinn im Daseinskampf +und jetzt eine rudimentäre Höflichkeitsform. Wer ist sich heute noch +beim Adieusagen völlig bewußt, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen +sich doch auch Atheisten à dieu. Die höchsten Liebeszeichen selbst, der +Kuß, die Umarmung, mögen im Bedürfnis einer vorsichtig tastenden +Diagnose entstanden sein: drum prüfe, wer sich ewig bindet! Liebkosen +sich doch manche asiatischen Völker noch heute, indem sie direkt +Riechorgan an Riechorgan reiben.</p> + +<p>Es gibt also rudimentäre Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil +in einer solchen rudimentären Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es +vielleicht ursprünglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei +oberflächlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind?</p> + +<p>Stellen wir uns einmal vor, es sei ein Höhlenmensch, ein Urwaldbewohner, +in stetem Kampf mit Ungetümen, Schiebegeröll und erratischen Blöcken +plötzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine große Gefahr gestellt: +ein Ungetüm, wie er solches noch nie gesehen, streckt plötzlich, einen +fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Gebüsch. +Was wird unser Urmensch tun? In jähem Schreck reißt auch er den Mund +auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr +erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem +sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fährt. Das ist auch +ganz verständlich. Denn wenn sich ein Mensch überhaupt wehren will, +braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder +Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse nötig. Er lädt also mit +dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht +näher erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen +blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das +launische Ungetüm hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein +Löwe, ein Riesenbär trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr +vorbei. Ein jäher Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und +plötzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast +gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen +entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender +Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgefühl. Unter freudigster +Gemütsverfassung entlädt er, gleichsam spottend der Gefahr, stoßweise +seinen nun überflüssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter +Jubelempfindungen entweicht stoßweise die überschüssige Lebenskraft. +Noch heute wird jeder bemerken, daß nach plötzlich überstandener +Lebensgefahr oder Gemütsbedrückung eine Neigung zu fast hysterischen +Heiterkeitsausbrüchen eintritt. Das Gefühl, einem Unglück entronnen zu +sein, sein Leben bejaht zu fühlen, wo es eben noch auf das Dringlichste +verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr +verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte +man die Tatsache, daß Tränen leicht fließen können, wo eben noch im +Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die +Tränendrüse unabweislich strotzend füllen mußte, und daß ihr Gebrauch +sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe +kam, falls man Zeit genug gehabt hätte, noch über den jähen +Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was +der Kummer vorbereitet hat. Auch die Träne, dieser tauende Reif aus +Edens Blütenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und +physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die +Schleusenwächter am Strom der Tränen, und in der Begleiterscheinung des +Tränenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis für +den Ursprung des Lachens in einem plötzlichen Kontrast von +Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher +Weise diese beiden Salpetermischungen für die Explosionswirkungen des +Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zunächst +soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die außer dem +plötzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorgänge zur +Erregung von Heiterkeitausbrüchen haben. Bei der plötzlichen Bedrohung +und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgemäß +auf der Hand, daß dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen, +muskulär-rhythmischen Lebensbetätigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein +spielendes Reh, hüpft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens +streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, trällernd, +tänzelnd finden. Wenn beim Übergießen mit kaltem Wasser, bei kalten +Duschen, eine plötzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich +bei mir stets unmittelbar danach eine fast unüberwindliche Neigung zum +Lachen bemerken können und habe dem Triebe nie gewehrt,—gewiß ein +trefflicher Beweis für die Verwandtschaft von physischem Schreck, +seelischem Wohlgefühl und Lachen, für die Verwandtschaft tiefer, +lebenfördernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das +Zwerchfell.</p> + +<p>Wer die ängstlichen Börsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade +beobachtet hat, sah auch gewiß, wie ich, ihre Ausbrüche zappelnder, +hüpfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein +unwillkürlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration +und exspiratorischen Atemstößen zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man +nicht kitzeln, dazu gehört schon eine gewisse Ausbildung des +Bewußtseins, das erkennen läßt, daß die lebensfreundliche, mehr +zärtliche, neckende Berührung im Kontrast zu der starken, das +Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, daß man das +Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam +unterdrückt. Daraus geht hervor, daß das Atmungszentrum, also das +eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren +kann, daß es also <i>sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen +und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt +werden kann</i>. Für unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus +einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es +interessant, zu erfahren, daß der scharf umschriebene Punkt am +Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt, +von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und +daß wir hier auch die Fäden finden, die zur Erregung des muskulären +Ausgleiches für die Zwerchfellerschütterung die elektrischen Ströme +senden. Hier finden wir eine anatomische Bestätigung der Beziehung des +Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung.</p> + +<p>Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgefühl ganz und +gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachstöße, die im Bellen und +Brüllen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine +<i>willkürliche</i> Tätigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das +höhnische, kränkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das +Lächeln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den +besonderen Formen des Humors definieren: <i>denn Satire, Witz, Ironie, +Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors</i>. Bei +vielen dieser Lacharten ist ein Überlegenheitsgefühl maßgebend, d.h. die +Lebensverneinung oder -minderung gilt für andere, für den Lacher nur das +Gefühl eines höheren, überlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen +ist eine Kombination von Ohnmachtsgefühl und Feindseligkeit und das +schadenfrohe Lachen die Wirkung der Überzeugung eigener Unversehrtheit +bei fremdem Unglück, von dem wir aber die unbestimmte sympathische +Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir +identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den +Kontrast von unserem realen Unberührtheitsgefühl her.</p> + +<p>Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der +Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung +unterziehen.</p> + +<p>Daß das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck +verwandtschaftliche, koordinierte Berührungen hat, ist eine allbekannte +Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des +Gesichtes ein so typischer, daß man diesen Krankheitszustand erkennen +kann, ohne die Atmungstätigkeit direkt zu beobachten. Wichtig für die +Theorie des Lachens ist auch, <i>daß bei der Atemnot, also wieder einer +Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion +sind wie beim Lachen.</i> Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim +Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erklärlich. Alle +rhythmisch muskulären, d.h. gleichmäßig und oft wiederholten +Muskeltätigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das +Gähnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die +Kampfbewegungen,—sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur +Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus +eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist +brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen +nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der Rückenmärker, die +Epilepsie können Formen annehmen, die manche unwillkürlich zu +schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt +ansteckend wirken können. Die rhythmische Muskelaktion ist am +zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der +Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige +Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an, +daß der springende Fisch, die hüpfende Bachstelze, der tänzelnde +Araberhengst in heiterer Gemütsverfassung sich befinden, obwohl wir es +nicht beweisen können; es stimmt uns aber gleichmäßige Rhythmik auf +starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst +ist Rhythmus: Rhythmus die schönen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl +der Töne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede +bleibende Disharmonie, weil ohne Maß und Regelmäßigkeit. Darum ist auch +in der Musik vor allem etwas der Lebensbetätigung, der Lust, dem Humor +Verwandtes, und zwar ist nur bei schärfster Ausprägung schnellerer +Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo, +Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer +denkbar. Darum ist bei den größten musikalischen Rhythmikern, Haydn, +Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude +zu Hause, während bei den großen Reflektierern, den Grüblern in der +Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strauß, das affektive +Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus +bezweckt den Nachweis, daß auch die rhythmischen Zwerchfellstöße innig +anderen rhythmischen Heiterkeitsbetätigungen verwandt sind und daß die +Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen +bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche +<i>Quelle der Musik</i>, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen.</p> + +<p>Nun sind wir so weit gelangt, etwas näher zu betrachten, was in einem +Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine +komische Bewegung zur Wirkung kommt, für materielle Alterationen +vorgehen mögen, dergestalt, daß ohne Zutun des Willens jener rudimentäre +Atmungsrhythmus ausgelöst wird, den wir "Gelächter" nennen.</p> + +<p>Wir haben gesehen, daß die ursprüngliche Bedeutung der rhythmischen +Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen +Anprall zweier direkt <i>entgegengesetzter Formen der Vorstellungen</i> vom +Leben zurückzuführen sein dürfte: auf einen Strom der Lebensangst und +auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des +Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt +entgegengesetzter Art, daß sie, für den Augenblick unvereinbar, eine +Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen +geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele +keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie +wird überrumpelt, verblüfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und +gewohnheitsmäßig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes +Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewiß nicht mehr der Fall, +wenn wir heutzutage einen Kitzel verspüren, zu lachen. Unser Leben +erscheint weder bedroht noch besonders unterstützt, wenn ein +Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt, +die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen ließ, oder wenn +einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestäten +durchaus sich in die erste Reihe drängen mußte, gerade im entscheidenden +Moment der Zylinder über Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder +wenn der kleine, ganz preußische Hauptmannssohn die heikle Frage +aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie" +stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch +fühlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit, +wenn wir bei Fritz Reuter lesen, daß ein unruhiger Schläfer die große +Zehe seines Mitschläfers für eine feine Havannazigarre hält,—und doch +liegt allen diesen unaufzählbaren Formen komischer Wirkungen eine +Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen +solchen Konflikt mit verblüffender Unlogik enthält, wie er in +deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung +auftritt. Schon Kant hatte gefunden, daß der Humor im Kontrast wurzelt. +Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, daß schwarz und weiß, klein +und groß, trocken und naß an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und +doch: unter Umständen kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken. +<i>Aber zum Kontrast muß noch etwas hinzukommen</i>. Vor zehn Jahren hat in +der Revue des deux mondes <i>Mélinand</i> in einem Artikel "Pourquoi rit-on?" +hier für das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden, +der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen +umfaßt. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite +betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von +der anderen Seite lange gewohnt, ganz natürlich, "familiär", alltäglich +sich präsentiere. Man kann diesen glücklichen Gedanken dahin +vervollständigen und ins Psychophysikalische übersetzen, daß erst dann +Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realität so in +plötzlichen Widerspruch gerät, daß sich beide an Reizstärke ihrer +psychischen Spannung ungefähr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der +Beschauer einer komischen Situation und der Hörer einer komischen +Schilderung muß beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was +er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein +zweites Wesen repräsentiert oder zu repräsentieren sich bemüht, zweitens +muß er diese Idee plötzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fühlen. +Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal +in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene +Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder +überhebende Gedankengang, außer uns oder in uns erzeugt, schlägt in +verblüffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso +plötzlich überzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen +ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft +erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber +unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasietätigkeit des Gehirns, +die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen +unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemäßer Reflexion. +Beides trifft zusammen: es findet <i>eine Knickung, eine Kreuzung der +Assoziation statt</i>, beide Spannungen kontrastieren so elementar +unlogisch, daß die plötzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und +vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa +logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu +lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefühl hilfloser Erregung, die +gewohnheitsmäßig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich +eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellstöße entladen wird. Diese +Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten, +und zwar deshalb, weil ursprünglich das Zusammenprallen von Nein und Ja +des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen +Herbeischaffen und Auslassen wehrkräftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das +tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgemäß und das stoßweise +Entladen der Lungen eine natürliche Konsequenz, wenn die Gefahr +plötzlich entwich. Bei der überrumpelnden Logiklosigkeit und bei der +plötzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die +Gehirnfunktion in dynamisch ähnliche, wenn auch für die Erhaltung des +Individuums gleichgültige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr. +Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der +Hirnmechanismus für seine Stellungnahme gegenüber einer Bedrohung fand, +auch für die funktionell verwandten Zustände, Schütteln beim Frost und +Duschen und Kitzeln, beim Gähnen und Lachen beibehalten ist. Der +Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt +realen Vorstellung, die das Gehirn unmöglich zugleich verarbeiten kann, +diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-möglichen Seiten des Lebens +gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich +von der harten Nuß, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht +verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lastträger Zwerchfell +ablädt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Während dieser geduldige +Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein +unbeschreiblich wohliges Gefühl der erleichterten Klarheit und +Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische +Dickhäutergefühl. So kann schwarz und weiß als Kontrast komisch wirken, +wenn zwischen eine Schar die Idee der Würde aufnötigender schwarzer +Priester plötzlich ein feister, weißer Kuchenbäcker in gleichem Tritt +sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und groß +humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, daß wir im +Trocknen sind!" jemand in einen Waschkübel stolpert oder wenn mit einer +Riesenbulldogge ein winziges Schoßhündchen trippelnd Schritt zu halten +sich vergeblich bemüht.</p> + +<p>So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere +Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer +Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fähigkeit, +überraschend schnell und überraschend suggestiv die zwei Seiten jedes +Dinges aufzuspüren und die Janusköpfigkeit alles Irdischen vor aller +Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand +elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der +Zuschauer oder Zuhörer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden +Gelächters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine +Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos, +durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne +Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung, +die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realität +zugedeckt werden könnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den +nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden +und in reinlichen Asbest hüllen könnte. Darum ist vom Erhabenen zum +Lächerlichen der Schritt so klein, weil, je höher der Kothurn steigt, um +so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im +Lächerlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.</p> + +<p>Darum gehört zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese +Himmelsgöttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt +wie auf der Heerstraße der Trivialitäten. An einer absolut realen Sache, +an einer allgemein gültigen Wahrheit schnell ihre Unzulänglichkeit in +kühner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehört ebenso Phantasie wie +dazu, eine gespreizte Idealität im Handumdrehen vor den verzerrenden +Spiegel der Realität zu stellen. Der Humor wirft der Idealität einen +Knüppel von realem Holz zwischen die Beine, sie muß stolpern und damit +die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das +Ideal steht auf einem Faß mit dünnem Deckel: ein leiser Fußtritt der +Realität, und der Götze liegt im Waschfaß. Die Idee ist eine +Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit läßt sie platzen. Warum tat sie auch +so schön und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das +noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Füßen gegenüber der +Kühnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die unsere +Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere +Diesseitsgültigkeit in Jenseitsnebel aufzulösen vermögen. Der echte +Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann +Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht +gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen +mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch +Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur +vernünftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist +langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein +muß, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehört. Die phantasievolle +Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getränkt. +Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und +Leben pulst der Humor erst in ihre starren Züge. Der geistvolle Narr und +der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt +gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch +nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das +Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie +lassen sie das Leben wägen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche +Quelle rein physischen Gesundheitsgefühles liegt in der Freude aus +Herzensgrund! Ich halte die Komödie direkt für hygienischer als die +Tragödie. Jene entlädt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese +fügt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes. +Gerade in diesem herrlichen Gefühl erhöhter Lebenslust beim Lachen liegt +übrigens ein Hinweis auf die atavistische, früher um Lebensbejahung und +-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen, +auf denen sich das Gelächter auslöst, assoziiert mit dem positiven +Gefühl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.</p> + +<p>Für das Verständnis der einzelnen Formen des Humors ist zu bemerken, daß +der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne humoristischer +Lebensbeleuchtung ergießt, in gar verschiedenen Medien seelischer +Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr auch im einzelnen die +Tatsache der Kontrastierung von zwei Phantasie- und +Wirklichkeitsströmen, dieser <i>Assoziationsknick im Gehirn</i>, dieser +knorrige Ast, gegen den die Säge der Logik aufkreischt, sich überall +nachweisen lassen muß, wenn anders unsere Definition von dem +gleichzeitigen Anprall kontrastierender Doppelvorstellungen +Überzeugungskraft haben soll. Allerdings muß dabei festgehalten werden, +daß jede humoristische Spannung der Seele entwicklungsgeschichtlich im +Gefühl der eigenen Lebensbejahung wurzelt. So sind denn in der Tat +manche Formen humoristischer Stimmung nichts als die Äußerungen des +Gefühles einer Überlegenheit über andere. Die Schadenfreude ist deshalb +die reinste Freude, weil mein eigenes Unversehrtheitsgefühl im stärksten +Kontrast zu der unbestimmt sympathischen Ahnung steht, daß auch ich +unter gleichen Bedingungen hätte meinen Rock mir zerreißen, meinen Hut +aufbeulen lassen, meinen Heller verlieren müssen. Allerdings wirkt auch +hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit +erregend, wenn die besondere vom Geschädigten prätendierte Form seiner +künstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche +Gegenstimmung von vornherein aufkommen läßt. Dann gönnt man dem +Prätendenten eines angemaßten Thrones so recht von Herzen den +Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein +Gefühl für humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist +eben Schadenfreude direkt durch prätentiöse, egoistische Aufgeblasenheit +und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier führt der Humorist zur +Zertrümmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die +Idee: der Stahl der Realität trifft die helle Glasglocke, daß die +Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den +ursprünglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur +noch das <i>überraschend Unlogische</i> übrig geblieben: so sehr hat sich die +Funktion des Lachens von ihrem ursprünglichen Vollwert entfernt. So +losgelöst, gibt es natürlich tausend Varianten desselben Themas. Ich +will versuchen, diese Variationen des überraschend Unlogischen zu +formulieren.</p> + +<p>Zunächst kann der <i>Assoziationsknick</i> einzig und allein <i>durch ein Wort</i> +erregt werden. Die roheste Form dieses vorzüglich auf überraschende +Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist die +Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das Bonmot. +Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske eingeführt +und plötzlich die Maske rückwärtsgedreht, dann ist die +Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natürlich Synonyma und +erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Träger +besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhüller +scheußlicher Trivialitäten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen +Kalauern beweist, daß bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung, +eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern +Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht näher auseinanderzusetzen +nötig hat. Übrigens ist es geradezu verhängnisvoll, wenn jemand sein +Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen +Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann förmlich zu einer +Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit, +ausarten.</p> + +<p>Wird der <i>Kontrast durch ganze Sätze</i> ausgedrückt, so erhalten wir die +Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperçu. Auch hier werden +logisch unvereinbare Dinge mit verblüffender Sicherheit in gegenseitigen +Kontrast gestellt. Die Fliegenden Blätter enthalten eine Fundgrube +solcher Weisheitssprüche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie +sammelte, könnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste +entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als +er in unser aller Bewußtsein ursprünglich lautete: "Lerne zu! Leyden!" +(Lerne zu leiden!) Hierher gehören auch die fürchterlichen Imperative: +"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber +doch ein Beweis für die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, daß +man solches Zeug nicht hören kann, ohne wenigstens zu lächeln. Der +Kontrast ist erzwungen im Gehirn,—man kann ihn nicht abwehren, gerade +so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die +Netzhaut getroffen hat. Wird die <i>Kontraststimmung</i> erzwungen durch +<i>raffiniertere und behutsamere Irreführung der Logik</i>, so wird, wie in +der Anekdote, der humoristischen Erzählung, künstlich die Phantasie in +eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,—und +plötzlich gelangt der Zuhörer an den Assoziationsknick, an die +Gedankengabelung, weil der Erzähler mit plötzlichem Ruck der +elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote +sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch +einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung +bedingt sein.</p> + +<p>Es ist nur natürlich, daß die obszönen Witze hier eine hervorragende +Stellung haben. Ich gebe gern zu, daß diese Witze manchmal von +besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, daß die prüde +Verhüllung aller, auch der natürlichen und an sich nicht obszönen +Realitäten es dem Spötter so leicht macht, die <i>Idee der guten Sitte</i> +und das <i>Bedürfnis der Natur</i> in eine Art sensationeller, rasch +überrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natürlich +die Zote, bei der es nur auf obszöne Kontrastierung von +Einzelvorstellungen ankommt, während ein fein sexualistischer Kontrast +auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung +Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da +gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge +müssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu können, doch einen dezenten +und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. Übrigens gibt es +durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von +Prüderie und Naturbestimmung, wie der französische Sexualismus (Zola, +Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter +Zorn gegen die kulturelle Verkümmerung und Verschnürung menschlicher +Natürlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des +Naturrechtes aufflammt.</p> + +<p>Wird nun der <i>Kontrast zweier Weltanschauungen</i> dauernd von dem +Humoristen festgehalten und dauernd dem Hörer oder Leser aufsuggeriert, +so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman, +zum Lustspiel. Unbedingt gehört auch hier zur Humorwirkung immer das +Überraschende, Plötzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu +erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik +oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der +Behandlung ergibt die Variante: die Tragik erörtert langsam und +unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden +Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und läßt die eine oder die +andere Weltanschauung scheitern; das Problemstück kommt überhaupt zu +keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die +Humoreske läßt plötzlich in überraschender Weise das Ideale am Felsen +alltäglicher Vernünftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im +Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der +Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen muß wie die Butter +an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche +Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des +Teufels zerzaust wird. Für den künstlerischen Humor, d.h. für die aktive +Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses +unerläßlich. Jeder große Humorist ist auch ein großer Dichter. Die +dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer großen, frei +schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut +zu Hause ist wie auf den Gletscherhöhen des Idealen. "Wurzelnd mit +festen, markigen Knochen auf der wohlgegründeten, dauernden Erde", darf +nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in +die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, daß auch +jenseits von Gut und Böse nur mit Wasser gekocht wird. Der die +humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem +Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden +Suggestionsfähigkeit: er muß sein können, was er scheint. Versagt dem +Dichter oder dem Mimen die Fähigkeit, ihre innere Anschaung zu +suggerieren, so verfallen sie dem <i>passiven Humor</i>, der tragische Seiten +hat. Ihm verfällt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prätentiösen Anlauf +die Unzulänglichkeit des Menschlichen unvermutet und plötzlich ein Bein +stellt ... Ich muß leider darauf verzichten, an dieser Stelle näher +auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem +Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die +<i>Situationskomik</i> nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der +Bühne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewiß leicht, in jedem +Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische +Stimmungen erzeugt, warum ein Lächeln mit prasselnden Lachsalven von oft +lawinenähnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schärfer und +plötzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen +herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene +Phantasietätigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die +Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigeführt und um so +energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrähte +zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung, +Täuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon +farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu +leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor, +dem graziösen Schäferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die +gewagtesten Situationen erlauben dürfen, bis hinauf zum echten +<i>Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen +Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu +stellen versucht</i>: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen +wie im Ganzen Bewußtsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu +fortwährenden gegenseitigen Bocksprüngen zu zwingen vermögen. Eine +richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der +wechselndsten, plötzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu, +so daß uns die kontrastierenden Ideen im Schädel herumfliegen wie die +Erbsen in einem geschüttelten Topf. Übrigens will ich nicht vergessen, +zu erwähnen, daß im gewöhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten +Gemütsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen +der Humor, dieser Dieb aller Würde, einen wahren Einbruch in das +Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich +komisch, als meine Großtante am Sarge einer Verwandten bei einem +Rührungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der +Eile eingesteckte Nachtmütze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich +damit die Tränen zu trocknen. Es war von rührender Komik, als ein +treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett +der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose +Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen +so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das +ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder <i>Galgenhumor</i> +streift. Sicher ist, daß Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht +umspringende, humoristische, spöttische, komische Gegenströme +freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter +Kontrastierung erhalten können. Es ist nicht schön, aber wahr, daß die +Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer +großen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen +Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbetätigungstrieb selbst +angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.</p> + +<p>Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch +Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die +der Humor erfährt durch die vielstrahlige <i>Brechung an der psychischen + Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse</i>, durch das Prisma +des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, daß vom Wesen des +Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realität +wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik, +Possierlichkeit, Hohn, Geißelung, Ironie, Satire, Spott, Witz, +Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische +Exzentrizität, direkt abhängig sind. Je nachdem ein Individuum von +sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem, +resigniertem, pedantischem, nervösem, phantastischem Grundtemperament +ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament +vorherrscht: in zwingend paralleler Weise äußert sich auch sein Humor in +besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natürlich, wie bei den +Temperamenten, die Übergänge und verwandte Dispositionen eine +Kombinationen- und Variationenreihe völlig unbegrenzter Buntscheckigkeit +zuläßt. Auch muß bemerkt werden, daß auch bei derselben Person die +Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges +Prisma, nicht immer eine gleichmäßige Grunddisposition in unserem Gemüt; +wir können eben noch phlegmatisch sein: im nächsten Augenblick macht uns +ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und +unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Täßchen Kaffe, ein Gläschen Kognak +zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die +Komplementärfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz, +Phlegma und Resignation.</p> + +<p>Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des +Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen +Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive +<i>Gemütsverfassung</i>, die Komik ist ein subjektives oder objektives +<i>Mittel</i>, diese Gemütsspannung herbeizuführen. Mir will scheinen, daß +zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus +der Aktionen gehört, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausübt. +Der gewissermaßen verhaltene, scheinbar unbekümmerte, unengagierte, +trockene Humor ist um so komischer, je gleichmäßiger und verhaltener +seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist. +Er verzieht keine Miene, der Träger des trockenen Humors; eine beinahe +apathische Typizität seines Gesichtsausdruckes trägt dazu bei, den +Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem, +Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstärken. Man +betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery, +Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter +typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte +Gleichförmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lässigkeit ihres +Gesichtsausdruckes: hängende Mundwinkel, pedantische, schläfrige oder +närrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlürfender, ziehender Gang, +schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im +Indifferenzton, dazu womöglich refrainartige, immer wiederkehrende +Gesten und sprichwortähnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist +der besonders kontrastierende, gleichmäßige, scheinbar träge, +<i>pedantische Rhythmus, der die Komik macht</i>, auch beim Tappen des Bären, +bei den Bewegungen der Dickhäuter, bei denen wir eben wie beim passiv +oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere +närrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel +des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die +Mäuse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer +Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen +Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast +sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und färben. Entscheidender +aber ist für die Äußerungsweise der empfundenen oder dargestellten +Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus +geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der +Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen, +wie auch der geistreiche Witz, das Aperçu, fast das ausschließliche +Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem +Choleriker ist der Hohn, die Geißelung, die Ironie, die Satire das +Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den +wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem +unverwüstlich ehernen Monument humoristisch-wehmütiger Weltanschauung. +Die sanfte Melancholie der Germanen äußert sich in dem einzigen, +herzenstiefen, gemütvoll sentimentalen Humor, dem wir die überquellenden +Labetränke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter, Gottfried +Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt +cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen +Blütensträuße, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind, darin +wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner, dessen +Seele nach großen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen +phantastischen, großdimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar +Poë, Mark Twain, Bret Harte die schöpferischen Organe erhalten hat. +Endlich führt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form +der <i>Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer +bewußt ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung</i>, zum <i>Galgenhumor</i>, +dessen Typus jener Verbrecher verkörpert, der, auf dem Karren zum +Schaffot geführt, der herbeiströmenden Menge zurief: "Kinder, lauft +nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der +Kontrast geradezu umgekehrt. Während sonst der Humorist tief innerlich +sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet, +fühlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur +in der Idee. Das ist typisch für jede Form von Galgenhumor.</p> + +<p>In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen +Betrachtungsfähigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der +Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber +Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit +über alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten +Schachte des Gemütes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit +ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter, +er ist eine Majestät, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte +freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrügern den +Lügenflitter und die Maske vom Antlitz reißt, ein Evangelist, der es +versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem +Himmelslächeln zu lösen, und ein Tröster, der über alle Not Goldkörner +des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persönlichkeit +streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge +kreuzt; und für manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort +zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel +heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des +Volkes, ein Dokument seines Gemütslebens, eine Schatzkammer des +Reichtumes seiner Seele.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="SCHLAF_UND_TRAUM"></a><h2>SCHLAF UND TRAUM</h2> +<br> + +<h3>I.</h3> + + +<p>Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurückzublicken das Glück +hat—das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel +von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins—, der macht +es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, daß es mindestens +fünfundzwanzig Jahre waren, die er buchstäblich verschlafen hat,—selbst +wenn er die kummervollen Nächte, in denen die Sorge oder der Schmerz +neben ihm am Bettrand saß, oder auch die Nächte abrechnet, die er +weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.</p> + +<p>Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie +weiland Friedrich dem Großen, daß sie auf die freilich unhygienische +Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewöhnen; scheinen doch auch +unsere Ministerien der Meinung zu sein, daß für festangestellte Beamte +der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von +Sicherheitsbeamten, Nachtwächtern, Telegraphisten, Lokomotivführern usw. +sogar, daß sie gefälligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nächte +zählen und die Tage aus ihrem Bewußtsein streichen, sich also gleichsam +zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden +versuchen. Das wäre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der +Gesellschaft und ein sträflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu +leben, durch Abzüge am Schlaf zu verlängern sinnt, wenn es nicht +tatsächlich sogar recht wohlgenährte Individuen in der Natur gäbe, die, +wie Raubvögel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit +heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: für die +erdrückende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der +Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz für +den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im +allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er +währt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit +ihrem ersten östlichen Gruß, der schon vor unserem Erwachen die Hähne +veranlaßt, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die +Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mörderin der Elfen und Waldgötter +schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch +Tranfunzel, Docht, Steinöl und Gas und jetzt durch das starre, +geisterhafte Licht der Glühbirnen und leuchtenden Strümpfe, deren Strahl +auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenärzte +späterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin +gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlängern,—wie man +eine kräftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natürlichen, +die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen, +würden von dem Lärm der auf künstliches Licht eingestellten Mitwelt +unsanft aufgerüttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhöben, +in ihrem Hause wie des Begräbnisses unwürdige Bewohner von Vineta oder +Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und +Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Möglich, +daß dieser Rhythmus sich ändern läßt, daß wir uns allmählich anzupassen +vermögen an die künstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich nicht +verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von +Hypersensibilität und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosität ist +vielleicht nur die Übergangsform—im Sinne Darwins—zu einer künftigen +Norm von bleichsüchtig-ätherischer, hypersensitiver +Weiße-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch +erleuchtete Höhlen verlegt hat; vielleicht sogar läßt sie sich vor +lauter Produktion überfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal +am eigenen Lichte genügen, wie die entzückenden Glühwürmchen im Moose +oder die großen Laternenträger der Tropen. Man sollte meinen, daß die +Menschheit keinen Grund hätte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren +schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst +abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gräben und +Sümpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog, +wie Nachtinsekten, Käfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch +scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen, +den Eulen und Raubvögeln, die auf den Gedanken kamen, daß die Finsternis +ein trefflicher Mantel für lichtscheue Taten sei. Vorläufig aber bleibt +es hoffentlich dabei: für unser Planetensystem ist es die Sonne, die als +die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte +Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die +Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen +von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder +der Rückprall der Sonnenmacht. Tatsächlich ist der Schlaf an ihr +Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen, +und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint +und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte +organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und +her. Denn daß auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht +gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches +Leben erst nachts beginnen. Die Ärmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr +sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen können, +sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen—und die Wissenschaft +wiederholt es zuweilen noch heute—: dasjenige, was uns Schlaf bringt, +hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der +Ermüdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives +Zurückfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch +zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole +und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven +Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der +Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natürlicher, +rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der +Nervenspannungen. Ja, noch kühner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen; +man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein +physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Küche des +Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermüdung jeder sich selbst bereite, +das sich allmählich ins Blut mische und schließlich uns einschläfre. +Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische +Narkose! Dann hätte also das Sonnenlicht nur ganz zufällig mit Schlaf +und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen +und damit das Fleischmilchsäuregift während des Sonnenlichtes +produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einfluß auf den Rhythmus +von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses +Muskelopiums—die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen +Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem +Schlaf ganz unähnlichen Zustände fast mit dem Extrakte jedes anderen +Organes, ja, sogar aus dem ganz untätigen Muskel des neugeborenen Tieres +herauspressen; sie beweisen eben nur, daß auch Muskelsäfte fremde +Beimengungen zum Blut sind,—abgesehen also von der hypothetischen Natur +dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengründe gegen die +Möglichkeit einer solchen periodischen Ermüdungsvergiftung. Wie sollte +ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von +ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne daß für +diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu +finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwürdige Narkose des +Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem +Wissen vom künstlichen Schlaf wäre und nur in der periodischen +Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiestützpunkt +gewinnen könnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu +verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der +eine—dann doch notwendige—besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder +während der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der +ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsäure in keinem +Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die +doch noch herzlich wenig mit Muskelkünsten zu paradieren pflegen, das +Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich für unbefangene +Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern süßen Himmelsfriedens, aus +dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zäher Kater, +der auf einen Sturm durchwachter Prügelnächte folgte, worauf allerdings +das Antlitz des eben einpassierten Mitbürgers mitunter hinzudeuten +scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindämmern des werdenden Menschleins +das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her +hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes? +Läßt sich ernstlich behaupten, daß man, je mehr Muskelaktion man ausübt, +desto besser schlafe? Ist nicht gerade Überanstrengung das beste Mittel, +um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde +geistige Arbeiter eines ungestörten, tiefen Schlummers? Will man +behaupten, daß auch sie alle Gift produzieren? Die ganze +Ermüdungstheorie, die das Leben auffaßt wie ein Kautschukband, das man +hier und da abspannen muß, um es funktionstüchtig zu erhalten (wobei +noch nicht bewiesen ist, daß es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist +meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und +festgegründetesten und wahrlich "beschäftigten" Organe, das Herz, die +Lungen, der Magen—diese eigentlichen Motoren unseres körperlichen und +seelischen Betriebes—entbehren des Schlafes gänzlich. Sie hämmern, +blasen und wühlen unbekümmert um Nacht und Tag und ermüden erst, wenn +das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich +vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines +Traumes, die Möglichkeit eines Bewußtseins im Traum spricht gegen die +absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermüdungsgefühl nennen, +kann sehr wohl das Gefühl gestörten Gleichgewichtes der wechselnden +Lebensbetätigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel +nach langen Märschen die so lange untätigen, den Muskelzentren nahe +benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschäftigung verlangen. Sie +wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und +in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein +System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es könnte also +ebensogut das Gefühl der Ermüdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der +uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie +ja so oft Schmerz und Unlustgefühle die Rolle der Signalwächter für +Störung und Gefahr übernehmen. Wo diese Wächter schweigen, wie bei +eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten +(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermüdung als etwas +Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten körperlich oft +physiologisch Unfaßbares an Muskelaktion, und vor der Ära der vier Tage +lang radelnden Dauerfahrer hätte man die Sache nach den Gesetzen der +Ermüdung für Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts +von besonders produktiven Köpfen, die auf solchen Athletenschultern +säßen, gehört.</p> + +<p>Ganz und gar keine Anwendung läßt aber die Hypothese von der Ermüdung +oder der Selbstvergiftung auf die Formen künstlichen Schlafes zu, die +uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es müßte schon eine +sonderbare Ermüdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln +oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die +Hirnganglien überfielen und ertränkten. Einer Mutter, der sorgsamsten +Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, daß ihr +summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermüdendes Gift +hinter die geschlossenen Lider schüttet. Wie nun, wenn man diese ganze +Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die +Wissenschaft noch heute definiert, über Bord würfe? Sehen wir zunächst +zu, was die Physiologie über den Schlaf aussagt. Landois, wohl der +geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich über den Schlaf +in den folgenden Sätzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizität +des tätigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf +eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden." +"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln." +Auffallend ist, daß man bei diesen Grundsätzen über die Physiologie des +Schlafes so völlig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des +Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die +psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewöhnlichsten +Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen sämtlich auf. Der Schlaf kann +nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt +werden, denn es gibt Träume; Träume sind aber "Tätigkeiten" des +Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhöhte Erregbarkeit +des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus +unter unruhigen Träumen beweist. Außerdem ist die vorhandene +Erregbarkeit sämtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar. +Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase, +bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die +Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und +braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so +wäre damit bewiesen, daß sein Nervensystem erregbar war, auch während er +schlief,—und es wäre doch schwer festzustellen, ob stärker oder +schwächer als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch +keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir +leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf +Erfolg diese Frage vorlegen könnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus +der Funktion des Traumes, die Ichbewußtsein, Seh-, Hörwahrnehmungen usw. +nicht ausschließt, daß die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die +Ganglien der Hirnkugeln, in voller Tätigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln, +einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewußte und durch die +Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmäßigkeitshandlungen, +die nur durch die Tätigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen" +Hirnkugeln vermittelt sein können. Im Widerspruch mit diesen +Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas +durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit +der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen +elastischer Spannung könnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach +der Schlaf einträte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe über +die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der +Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich über die +Äolsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen +hinüberzieht wie ein vielgestaltiger Dämpfer, der die Töne erstickt, die +Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heißt und die Welt +und ihre Umgebung zeitweise versinken läßt. <i>In Wirklichkeit ist der +Schlaf eine Form der aktiven Bewußtseinshemmung</i>. Wir wissen aber—und +das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise—, daß Hemmungen, +Isolation, Ausschaltungen im Bewußtsein durchaus aktive Vorgänge, den +Nerventätigkeiten völlig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir +können sogar mit einigem Recht behaupten, daß ganz allgemein, biologisch +gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven +Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende für die +Formierung des überall vorhandenen und zur Betätigung drängenden Lebens +sein dürfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben hat, +gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstärkung der ihm +gegenübergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem +gegebenen Strom rätselhafter, jeder Anschmiegung fähiger Materie, es +quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lücke, und die +Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie +erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die +Widerstände lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte +System der seelischen Nerventätigkeit läßt es erkennen. Jeder hat schon +an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die Abhängigkeit +seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen +Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom +Meere ruft, und das Glöcklein, das vom Kirchturm tönt und "Bleib +daheim!" läutet. Gott und Teufel, Weiß und Schwarz, Ich und Du, der +andere in mir, Lust und Abscheu—immer um so näher beieinander, je höher +die Wogen des Empfindens gehen—sie sind nicht auseinanderzureißen. Wie +ein Pendel seine Schwingungsweite innehält und um so höheren Ausschlag +gibt, je höher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der +Erregung ins Tal zu reißen. Kein Wunder, daß es so ist! Denn, rein +mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des +Gehirnes muß in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit können nur +wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur +eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die übrigen aber +abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung müßten +ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander +schwingen. Wir finden also, daß wir in zeitlich nacheinander geordneten +Systemen nur deshalb denken können, weil uns im Augenblick immer nur +eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die +Aufmerksamkeit konzentrieren" heißt, ist nichts als das Gefühl und +Bewußtsein davon, daß von der ewig schwankenden, Anschlüsse bald hier +erzwingenden, bald dort abdämpfenden Hemmung nur eine—die +Augenblicksempfindung vermittelnde—Bahn freigelassen ist. So ist also +der eigentliche Spiritus rector, <i>die Seele über der Seele</i>, nicht in +den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in +dem Mechanismus dieser Hemmung wäre das Prinzip zu erforschen, das +gleich immer wechselnden Registerzügen in der großen Hirnorgel bald +diesem, bald jenem System die Ventile öffnet, so daß der einströmende +Hauch des Lebens die fünfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in +unfaßbar reicher Kombinationsmöglichkeit zu seelischen Akkorden +erklingen läßt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glühlämpchen +angebracht, deren Drähte alle in eine stille Klause unter dem Dache +auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den +Händen hält. Er läßt Millionen Flämmchen erlöschen, und ein kleiner Rest +leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme +werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gruß, ein Willkommen, ein +ganzer Satz erstrahlt,—und so könnte der Ingenieur der Hemmungen unter +dem Dach gewiß jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls +er den Strom seiner Batterien, der in alle Lämpchen zu fließen strebt, +zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die +anderen verschließt. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich +kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkörper ausgespannt, viel +zahlreicher als die Sterne am Himmel, die für uns auch nur aufflammen, +wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren +spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre +Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun +keineswegs gleiche, scheinbar willkürliche Macht über alle Formen +zentraler Hirn- und Seelentätigkeit; ihr wechselnder Einfluß nimmt mit +dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven, +dem Bewußtsein ganz entzogenen Seelentätigkeiten, namentlich in denen +der Regulation von Herz- und Atmungstätigkeit, schwankt die Hemmung +nicht mehr; sie ist immer gegenwärtig, sie hat sich +selbsterhaltungsgemäß<a name="F1BACK"></a><a href="#F1">[1]</a> herausgeprüft, welche koordinierten Bahnen das +Beste, Unabänderlichste für den Haushalt des Ganzen darstellen. So +werden auch unsere, heute nicht mehr bewußten Seelenhandlungen in +festen, definitiv und stets gleichmäßig gehemmten Bahnen reguliert, und +nur in den jüngsten Phasen des Bewußtseins tastet die Hemmung, gleichsam +nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgemäße Lösung sei. +Die jüngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam +stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h. +instinktiver Lösung ringt.</p> + +<p class="note"><a name="F1"></a><a href="#F1BACK">Fußnote 1</a>: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingeführter +Begriff.</p> + +<p>In uns geht sehr vieles unbewußt seinen nicht mehr abzuändernden +psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das +unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien +z.B. können wir nicht mehr ohne Rest im Bewußtsein begründen; wir tun +vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,—mit einem +Wort: es gibt in uns Verständigeres als den Verstand, Bewußteres als das +Bewußtsein, Besseres als das Beste!<a name="F2BACK"></a><a href="#F2">[1]</a> Das sind jene unterbewußten, +schon definitiv vom schwankenden Bewußtsein des Ichs und der Situation +abgelösten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht +mit der tastenden Orientierung der höchsten Ganglienschichten assoziiert +werden können. Die jüngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre +Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstülpungen nach außen, sie horchen, +fühlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im +Weltganzen. Das Gefühl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize, +die die Widerstände auf meine Sinne ausüben, wirkt das, was mein +Empfinden von mir selbst und mein Bewußtsein von meiner Stellung in der +Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch +ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem +Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament +der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen +Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen. +Manchmal fühlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit +uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner +Macht inne und fühlt doch nur einen Widerschein von seinem +Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die +der Schlaf dem Bewußtsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes +bezieht sich nur auf jene krönenden Funktionen geistigen Geschehens, die +im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwärtigen Phase der +Hirnentwicklung zugehören.</p> + +<p class="note"><a name="F2"></a><a href="#F2BACK">Fußnote 1</a>: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, daß +wir von einer Erkrankung träumen können, deren Herannahen im Wachen noch +nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwür kann im Entstehen +schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen zu +veranlassen. (Moll.)</p> + +<p>Was ist es nun, das diese Hirnhemmung<a name="F3BACK"></a><a href="#F3">[1]</a>, die das Dunkel des Schlafes +erzwingt, vermittelt?</p> + +<p class="note"><a name="F3"></a><a href="#F3BACK">Fußnote 1</a>: Über das mutmaßliche Wesen dieser selbst siehe +Ausführlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der +schlafähnlichen Zustände". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen +Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin.</p> + +<p>Wir stellen uns vor, daß um die Ganglienzellen des Gehirnes ein +Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet, +und daß dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die +Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die +bisher als eine einfache Stützsubstanz aufgefaßt wurde. Wir denken uns +diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch +erfüllbar und entleerbar, so daß je ihre Füllung oder Entleerung +imstande ist, Anschlüsse (Assoziationen) unter den Zellen zu +unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den +Ganglienkörpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den +überspringenden Funken oder induzierten Strömen größeren und geringeren +Widerstand entgegensetzt. So geschähe auch das Denken in der Richtung +des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere +Bewegungsform. <i>Die Tätigkeit der Ganglien ist die der spezifischen +Transformation (Umbildung) der Außenweltreize, ihre prismatische +Strahlenzersplitterung, und die Tätigkeit der Hemmung ist die der +Widerstandserzeugung für die Assoziation dieser transformierten Reize</i>. +Sicherlich gibt es auch ein psychisches Äquivalent, d.h. jeder Reiz, der +das Zentralorgan trifft, verlangt seinen völligen Umsatz in Spannkräfte +der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind +gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbündel zu weißem Licht, +die Rückgabe der unveräußerten Pfunde an die Außenwelt. Die Hemmung gibt +die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.</p> + +<p>Diese, wie ich gern gestehe, für eine Plauderei schwerfälligen +Deduktionen waren nötig, um den Mechanismus des Schlafes völlig +verständlich zu machen. Sie ermöglichen eine hypothetische Einheit des +Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu +betrachten. Daß die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung, +die über den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurückzuziehen, +vermöge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso +begreiflich, wie daß ihr Loslassen von der Gefäßspannung dieser am Abend +gestattet, die Tarnkappe über das Bewußtsein zu ziehen. Man beobachte +nur einen Müden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes +gegen seine Bewußtseinszentren anbranden, fühlt er eine Neigung, nicht +mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend +festzuhalten, er vergißt sich und sie, seine Muskelaktionen werden +schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Gähnen gibt +kund, daß der Reizüberschuß, den das Leben in seiner Hirnrinde +zurückgelassen hat, eine gewohnheitsmäßige Ablenkung auf ein gewisses +Gebiet der Atmungstätigkeit erfährt. Gähnen heißt, das Gehirn von +Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu +gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der Überführung +geistiger Spannkräfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung +spült immer weiter über den lichten Strand des Bewußtseins, in dessen +Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfläche wird +immer trüber, und schließlich versinkt wie mit einem Schlage die +Außenwelt vor seinen inneren und äußeren Blicken: er ist in ihr und hat +doch kein Gefühl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der +Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen +eines eben noch strahlenden Glühkörpers, daß der Begriff des +"Erlöschens" des Bewußtseins zu dem Treffendsten gehört, was unsere +Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstäblich nehmen. <i>Die +Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus) +vermittelter Reflex</i>, den die Periodizität des täglichen Lichtwechsels +durch Anpassung erzwungen hat, der aber—und das spricht deutlich für +die hier vorgetragene Auffassung—ebenso gut durch andere Einflüsse +nervöser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete +Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht—und sie ist ja +eine Hypothese, wie andere auch—: Niemand kann leugnen, daß Schlaf +durch Reizung der Hemmungsvorgänge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man +hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese +Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus +des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslösbar durch die Maßnahmen der +Hypnose: Streicheln über die Stirn und Augenlider, starres Fixieren, +Kämmen, Wiegen, das gleichmäßige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen, +die Monotonie des Schlafliedes,—das alles sind Reizformen der sanften, +suggestiven Abblendung des Bewußtseins auf einen einzigen Punkt, wodurch +es natürlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird, +rings um diese letzte Stelle des Bewußtseins ihr Zeltdach des Schlummers +zusammenzuziehen. Eindämmung des Bewußtseins auf einen Punkt und +Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, daß zum +Einschlafen auch der feste Wille dazu gehört und daß Gewohnheit und +Erziehung einen so erheblichen Einfluß haben. Man zwinge sich bei +erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle +den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der Überlegung, der +Vorstellung und halte ihn ja fest—der Gedanke ist ein Springinsfeld, er +will rechts und links über die Zäune setzen—: dann wird es der Hemmung +schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das +süße Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel—einschließlich +der Mittel der Narkose—betäuben in gleicher Weise, sie lähmen die +Gefäßnerven aktiv; und die Folge ist die Füllung der hemmenden Gespinste +um die Ganglien und die Erzwingung der Unmöglichkeit ihrer gegenseitigen +Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenuß. Der +anfangs die Gefäße treffende Giftreiz verengt zunächst das Stromgebiet +der hemmenden Zwischenschicht; der Anschluß der geistigen Verknüpfung +der Ideen erfolgt zunächst mit deutlicher, gern gefühlter, die +Lebenslust erhebender Leichtigkeit; über alle Höhen und Tiefen der +Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der +Gedanken; der Dümmste dünkt sich ungeheuer geistreich und traut sich +Fähigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, daß er sie sein eigen nennt, +wobei er oft sogar Kundige zu täuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber +um so mehr Gewalt, je höher die Dosis steigt, sie engt wie beim +Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewußtsein immer mehr ein, +der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzählt +dieselbe Geschichte fünfmal, zehnmal, murmelt schließlich immerfort +dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen +Schwärmers blutgefülltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltönende +Harfe läßt dem Sägegeräusch des Schnarchens das Feld. Während aber bei +diesen künstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht +nur die obersten Schichten des Bewußtseins umfaßt, sondern auch ihre +eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie um die +anderer Formen von Bewußtsein schlägt, scheint uns für den +physiologischen Schlaf charakteristisch, <i>daß eigentlich nur das +Bewußtsein für Zeit und Ort, für Orientierung in der Umgebung und der +betreffenden zeitlichen und örtlichen Situation fehlt</i>. Da der +Schlafende im Traum sein Bewußtsein von sich selbst, den Begriff der +Persönlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur +orientierungsunfähig für das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so +kann man sagen: <i>Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des +Situationsbewußtseins; er ist die periodische Ausschaltung der +Orientierung für die Umgebung, die Zurück- und Einziehung aller +Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung +wurzelt</i>. Alles übrige, sein Ich-Bewußtsein, seine Bewegungsfähigkeit, +seine Phantasietätigkeit, seine Vorstellungssphäre, unterbewußtes +Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert, als +diese Funktionen ihren verstärkten Anstoß eben aus jenem +Situationsbewußtsein zu ziehen gewöhnt sind. Wir verlassen für +gewöhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar +nichts wissen, wir greifen nach nichts über und um uns, weil wir nichts +von dem "über und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle +Muskeltätigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung +beziehen, irgend etwas auf diese Bezügliches zu unternehmen. So weit +aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden +Bewußtsein des Traumes erregt werden können, bleibt ihre +Beeinflußbarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der +Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben, +in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den +verschiedenen Formen des gestörten, pathologischen Schlafes erkennen +lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade +die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkstätten besitzen, +in mehr oder weniger großer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die +feinere Art der Bewußtseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum +etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der +natürlich sehr erheblich durch Außenwelteinflüsse zu verändern ist. Der +Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums, +und seine größte Intensität fällt zusammen mit der Vollreife, was +wiederum stark für meine Auffassung von der Aktivität des +Schlafmechanismus sprechen dürfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist +deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so +ungeheuer die Ansätze von Ganglienzellen überwiegt; denken lernen, heißt +eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgemäße Hemmung hineinwachsen und +ihre Anschlüsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund, +warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie +in die Köpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas +Selbstverständliches erfaßt werden; deshalb ist es auch für originelle +Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen, +wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunächst dreißig Jahre +ins Grab zu legen. Es ist überall das Verhältnis von Ganglienaktion zur +Aktivität der Hemmung, das Originalität, Intelligenz, Charakter, Genie, +Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des +Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige +Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie Überanstrengung, Sorge, +Überlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht, +Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fällen die +Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrückenden Hemmung widerstehen.</p> + +<p>Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone +der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht müde zu sein, die +glücklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine +Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgeübten Kabel der +Bewußtseinsleitungen,—und der Schlaf beginnt. Diese Regelmäßigkeit des +Ein- und Ausschaltens von Bewußtsein und Schlaf selbst ohne jedes +Ermüdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen, +die Sinn für Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen +freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflügler nicht einmal +andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen +die Ermüdungs- und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine +alte Weisheit, daß der Vormitternachtsschlaf der stärkendste ist. Weil +wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist +der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je näher der +Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht +liegt dem Scheiden der Sonne am nächsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und +jede Stunde nach Mitternacht führt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz +des Bewußtseins näher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder +Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem +Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glättung der +erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er +vermag Rätsel der Lösung nahe zu führen in wenigen Stunden, und oft +steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette, +wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrauß. Weinend legt der Knabe sich +nieder, weil er die Lektion nicht bewältigen konnte, und morgens sagt er +sie her, erstaunt und verblüfft ob der Heinzelmännchenarbeit, die über +Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist, +der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner +inneren Gestaltungskraft—vergeblich, denn es wollte keine Schönheit dem +heißen Nebel entsteigen—: eine stille Nacht tiefen, erquickenden +Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein +weißes, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben +die jüngsten Entwicklungsphasen des Bewußtseins sind, in denen das +Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken—der +Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht—immer neue Systeme +an alte Bahnen anschließt, so sind hier auch gleichsam die leicht +verletzlichen, zartesten Blüten des Seelenlebens ausgebreitet. Das +stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere +Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel. +Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und +Kabelstation fertigbauen, den Schlußstein setzen, einen sammelnden +Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mühsam +vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so +nötige Bewußtseinsverhüllung versagt! Was gibt es Fürchterlicheres als +die Schlaflosigkeit, in der das geistige und körperliche Auge in die +Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dämons annimmt? Dabei +die Gedankenflucht hinter dem Schädel, diese springenden, jagenden und +nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgültig sind und uns so gar +nichts angehen, die sich aber unaufhörlich durcheinanderschieben,—diese +grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat: +Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die +gereizten und zur Überfunktion gepeitschten Ganglienzellen schließlich +alle Widerstände durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprünge +im Geist, die geistigen Veitstänze beginnen.</p> + +<p>In der schonenden Hülle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der +sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die +der überwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime +entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei +Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und +Haschischvertilger verschaffen sich künstlich diese Verschleierung des +Bewußtseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewährt, nicht nur, weil +es angenehm ist, die quälende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen, +sondern auch, weil sie instinktiv fühlen, daß eine erhaltungsgemäße +Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.</p> + +<p>Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und +Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die +atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der +Ermüdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf +gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vögel, die +pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen +mögliche Verschiebung des natürlichen Schlaftypus (alle Sorten +Nachtwächter einbegriffen), sie alle werden verständlich, wenn wir sie +betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die +Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervöser Bahn +nur zeitlich verstellt, soweit überhaupt noch ein Rhythmus erkennbar +ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein +herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz +natürlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen +wäre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt +sein können.</p> + +<p>So ist der Schlaf also die Tätigkeit eines besonderen Organsystemes, der +Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und +Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der +Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der +Narkotika, gehorcht diese rätselhafte Funktion so lange, bis schließlich +die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich +einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint +der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen läßt, wie unsere +definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage +wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier +wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana für immer. Heute +versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stückchen unter die +Oberfläche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die +kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt +auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen +und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir +Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine +Sphäre gleichsam früherer Daseinsepochen zurückgezogen, sowohl unseres +persönlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben +minus Situationsbewußtsein und ohne die Fähigkeit, die Umgebung logisch +mit unserem Geiste zu verknüpfen. Das gibt unserer Phantasie die +Möglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewußten Tierlebens +vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der +Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in späteren Geschlechtern +vielleicht zu noch höheren, wundervollen Bewußtseinsformen weiter +sprengen werden.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<h3>II.</h3> + + +<p>Wenn es richtig ist, daß im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres +Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Außenwelt +greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos, +schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewußtsein der Stellung des Ichs +in der umgebenden Welt der Realitäten ist, das aus der Reihe psychischer +Bewegungen im Schlafe entfällt, so ist es begreiflich, daß alle noch in +der übrigen Sphäre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der +Phantasie ihren Reigen führen müssen. Schon wenn im Wachen jemand die +Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach +innen kehrt und sich nicht entschließen kann, Rinnsteine, Laternenpfähle +und Mitmenschen für Realitäten zu halten, wenn Dichter und Denker uns +begegnen, das Auge für den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze +Energie gleichsam zum Wachedienst für das ewige Feuer der Vestalin nach +innen gepreßt, so sagen wir ja wie Josephs Brüder: "Seht, da kommt der +Träumer!" Die Seele hat eben zwei große Orgelregisterzüge: "Real" und +"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander +Harmonien geben, so schön sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des +Daseins färben. Wenn die mehr oder minder ausgeprägte Schnelligkeit der +Leitungsanschlüsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die +unwillkürliche Zähigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von +Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register +"Gemüt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener +andern Fähigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen +Orientierungs- und Anpassungskraft für die Umgebung. Hat doch unstreitig +die halb unbewußte Tätigkeit des Künstlers, das Versinken der Welt um +ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf +den echten Künstler die Realitäten des Lebens erst recht intensiv +wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang +sieht, gleichsam durchglüht von dem Lichte seiner inneren +Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dünkt ihn ein +Beweisstück für die Idee einer Schönheit, die durch ihn Gestalt gewann. +Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert +lebhaften Kinderaugen betrachtete Bestätigungen seines inneren Traumes. +Wenn aber auch die von Musen nie geküßte Stirn eines Bankiers im Wachen +keine anderen Bestätigungen seiner Idee sucht, als daß gerade seine +Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht +ihn dennoch zum Dichter, er löst ihn sanft von seinen begehrlichen +Sinnen, und wenn er nun dennoch träumt von Dividenden, Giro und Diskont, +so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines +Bangens auf eine Bühne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist. +Wie aber ist es überhaupt möglich, daß vor unserem Traumesblick ein +Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch +die Sinne, die diese Realitäten übermitteln, in Hemmung sind? Nun, die +Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wären nicht +denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen sämtlich auch in umgekehrter +Richtung schwingen könnten, wie das die Physiologie unwiderleglich +festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer +Schwingungsfigur übermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem +Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslöst, so kann +umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis +rückwärts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir +"Pferd" zu nennen übereingekommen sind, unserer Phantasie in voller +Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst +bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realität der Umgebung ungestört +zum Gehirne geleitet werden, so daß wir schwören können, wir sind im +Bett; wir wachen,—und dennoch erregt die gestörte und verwirkte +Traummechanik von rückwärts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor +meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen +halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trüben und +erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren +Wahrnehmungen für wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber +natürlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder +immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere +Stütze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der +kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fähigkeit habe, die +rückwärts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der +Wirklichkeit am Maßstab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine +Logik in den Lüften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln +gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die +Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der +uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tür und vom Bellen +des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen +Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu öffnen, die +Hemmung zu überwinden, wodurch wir wach würden, so springt er nach dem +Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten +Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewußtseins ab, wie eine +Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen +Ganglienschicht in andere Empfindungskräfte umgesetzt (transformiert) +werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmännchen +über die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der +Phantasie. So wird ein Geräusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug, +ja ein überfüllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in +irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von +allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten +Seelengebiet,—oft unter phantastischer Vergrößerung der wahrgenommenen +Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schuß, das Rücken eines Stuhles +zum Donner. Da das Gefühl meiner Persönlichkeit, mein "Ich"-Bewußtsein +gar nicht mehr direkt abhängt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito, +ergo sum), sondern bis tief in die unterbewußten Schichten hinabreicht, +bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch für +mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so +ist verständlich, daß der Persönlichkeitsbegriff mit allen möglichen +halluzinatorischen Traumbildern verknüpft werden kann: man fühlt sich +und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt, +als Leiche aufgebahrt, als König oder Bettler, als Engel oder Teufel. +Das doppelte Bewußtsein erklärt sich leicht aus dieser wechselnden +Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemäßer Seelenerregungen. Man hat +im Traum durch phantasiegemäße Assoziationen vom Ich mit Muskelgefühlen +und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fähigkeiten, die uns fliegen lassen, +schwebend durch den Äther und die Luft, die uns Probleme spielend lösen +lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein +Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, löst sich die neue Kunst, die +Problemlösung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne +die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene +Barriere der Schlafhemmung in die Höhe steigt.</p> + +<p>Man kann aber doch die Möglichkeit nicht ganz bestreiten, daß manche +Menschen Verse, Lösungen von Rätseln, Pläne usw. unmittelbar so +niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben +glaubten; denn es ist ja keine Frage, daß der Traum Erinnerungen +hinterläßt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir träumte +einst, ich sei ein großer König", gelegentlich wohl ein wenig flunkern. +Übrigens ist es wegen der Abschließung der Gegenwart, die uns zeitlich +und räumlich umflutet, charakteristisch, daß wir den Schauplatz unserer +Träume so oft in die Vergangenheit verlegen müssen, wenn wir überhaupt +Spuren eines Gefühles für Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten; +wir sehen uns daher fast stets jünger, als wir sind, oft direkt als +Kinder, Angehörige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als Tote +und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten und +Räumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch, ob jemand +sagen könnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher geographischen Zone +sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen Raum- und +Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der +Gegenwartsempfindung untrennbar gehört. Sich zeitlich oder örtlich +orientieren, heißt eben, rückwärts tasten aus der kontrollierbaren +Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit oder +Ferne. Die Phantasie hat es nicht nötig, mit Zeit und Raum sich +abzuquälen; darum hat sie auch etwas Göttliches an sich. Unstreitig +haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand +genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen +anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlägt +uns meistens die ergänzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen, +denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende +Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und +namentlich bei Traumerzählungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine +Künstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Träume werden +oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch, +seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfräulein +von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. Übrigens hat man +beim Traumerzählen auch ein Gefühl der heiligen Scheu; man sieht +Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit +der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit +etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne +außer dem inneren Sehvermögen betrifft, im Traume ziemlich geräuschlos +zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls über +Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume +deutlicher, als wir hören, riechen, schmecken, fühlen. Ja "die Stimme, +die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen häufiger als im +wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen +phantastischer Gebilde sind häufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen +vieler Träume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehörs- oder +Gefühlswahrnehmung stattfinden müßte. Sehr viele Träume schließen wie +das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit +einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft +sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt +gerade müßte der Schmerz eintreten,—da sind wir schon wach, bebend und +transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, daß im Schlafe tatsächlich +eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der +Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzüngelt, +zerreißt er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das +Gefühl davon, daß auch der Phantasie eine Fesselung nach rückwärts +geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft +etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision +von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal +betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten, +womöglich vor der Französischen Akademie, einer feierlichen Versammlung, +und wir stehen schon mitten auf dem Podium,—was ist das? Wir können ja +nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten +Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die +man von der Sache behält, erblicke ich den stärksten psychologischen +Beweis für die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphäre des +Situationsbewußtseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, daß im +erneuten Traume das Bewußtsein früherer Traumphantasien, ja +schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne +logische Assoziation hat eben ihr Bewußtsein für sich. So erklärt es +sich, daß Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedächtnis gerufen +werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber +emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewußtsein des Gegenwärtigen, des +sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewußtseins +sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fähigkeit, morgens zu +einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehört zu den verbreitetsten Formen +eines doppelten Bewußtseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den +Sphären unseres Zeitbewußtseins langt pünktlich zur Sekunde an die +Einschaltung des Bewußtseins: so weit geht die Automatie, der +Selbstwille unserer Ganglien, daß sie ohne Zutun des Gesamtbewußtseins +Zeitbegriffe übermitteln.</p> + +<p>Beim Suchen der näheren Ursache des Träumens finden wir, daß durchaus +nicht gerade die Dinge, die den Tag über den stärksten Eindruck auf uns +gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so +verbreitet auch diese Ansicht sein dürfte. Denn das, was uns tiefsten +Schmerz oder höchstes Glück für die Seele gebracht hat, wird nicht +direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden +ebensowenig wie Worte oder Lieder Träume. Es kann im Gegenteil ein +jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen, +daß dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flüchtig gestreift +hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehört im +Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit +fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafür gibt es eine +sehr plausible Erklärung. Die tiefgreifenden, erschütternden +Sensationen, die uns das Schicksal sendet, während wir wachen, verlangen +mit starkem psychischem Äquivalent fast augenblicklich einen seelischen +Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange +nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust +im Sturm und rüttelt an den Säulen und Gewölben unseres ganzen Wesens. +Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grübeln vorbereitet, oft +ungestüm, wie mit explosiver Gewalt ausgelöst, gibt den psychischem +Insult an die Außenwelt zurück, oder, wo mit lähmender Gewalt das +schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die +Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewühlter Wellen +gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze, +abgerissene Träume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid +sah. Es ist keine Möglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der +Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken +und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft +übernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu +sehr mitten in der Welt der Realität, als daß die Seele unter Hemmung +der Realität im Schlafe sich mit ihm befassen könnte. Mich fragte einst +ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint +mir Mutter nie im Traum?" Und Väter, die ihre ganze Hoffnung begruben, +sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt +des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer wühlende Schmerz +verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie +mild von der Natur, daß nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den +kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gönnt, bis der Tag zum +Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mörder träumt nicht von seiner Tat; und +das liegt nicht nur an seiner Gemütsroheit, sondern hat allgemein +psychomechanische Gründe. Was im Brausen des Tages aber an flüchtigen +Eindrücken vorüberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das +verfängt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des +Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und läßt uns erkennen, wie +bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur +weder Klein noch Groß, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch für +unsere Seele, und was das Bewußtsein nicht registriert, das ist deshalb +doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum +einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des +Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der +Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst +empor und beginnt mit dem Wind nächtlichen Reigen. Das Traummotiv ist +wie eine vergessene Goldmünze im Portemonnaie des Studenten; so lange es +gefüllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte, +nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude über ihren +ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekräftigen, +dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, daß sie +"immer", die "ganze" Nacht, davon träumen müßten, so ist das meist eine +sentimentale Lüge: man träumt nicht vom Geliebtesten,—auch nicht davon, +was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der +Straße der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas +Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich. +Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedächtnis, plötzlich, +unvermutet, verblüffend ein. So taucht plötzlich beim Kartenspiel unsere +liebe Großmutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten +Dendron" begießt, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie +stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die +gleichen willkürlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien +zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und +in beiden Fällen sind es Nebenströme, induzierte elektrische Ströme, wie +die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen +gruppierenden Funken springen da über, wo sie den geringsten Widerstand +finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewußt +gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schläft, abhängig ist. +Ich war einst in einer Versammlung von Ärzten, und wir sprachen vom +Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten +Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, daß alle schon +davon geträumt haben würden, nur die nicht, die einmal durchgefallen +seien, und zur großen Verblüffung aller waren zwei, die nie jenen Traum +gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklärung ist +einfach. Das vielgequälte Primanergehirn erhält eine Examensfurche von +Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der +Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange +Spannung. Ist man aber regulär durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr +da; die Lösung war betrübend zwar, aber logisch, den psychischen +Ausgleich hat das Leben selbst übernommen. Daraus können wir entnehmen, +daß erstens psychische Erwartungsspannungen länger haften als gehabte +Freude oder Schmerz und daß zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung +hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur +Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche +Gemütserregungen, wenn überhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem +Eintritt als Traummotive wieder: sie müssen erst abklingen, erst +untersinken auf den Grund des Bewußtseins und gleichen dann eben den +übertönten Motiven, über die das tägliche Leben rücksichtslos +dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertönen +in der Musik, man hört sie über dem Pianoton deutlicher als im Forte. +Auch der erwähnte Examenstraum taucht erst lange nach überstandenem +Examen auf. Sonderbar ist, daß manche Menschen periodische +Wiederholungen bestimmter Arten von Träumen erleben; sie träumen eine +Zeitlang immer dasselbe. Das hängt wohl mit periodischen Störungen der +Körperorgane, die nächtlich gleiche oder ähnliche Stromschwankungen in +der Seele auslösen, zusammen.</p> + +<p>Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in +der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen +Geschehens hält. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestörtem +Schlafe leicht auch die unterbewußte Spannung im Bestreben, restlose +Äquivalente zu schaffen, auf das muskuläre Gebiet überzuzucken, +eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewußten +Muskeltätigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaßen +Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung +der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphäre der Phantasie +Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser +ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und +Erregbarkeit des Außenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter +vermögen auch Funken auf Muskeldrähte überzuspringen. So sehen wir +Träumende lächeln, ja, wir hören sie lachen; sie weinen, sie stöhnen, +sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst +Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur +die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf über eine ideelle Wand, +die senkrecht zur Erdoberfläche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber +erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fühlbaren Ruck aller, +namentlich der Rückenmuskeln,—dem Schluß irgendeines geträumten +Absturzes aus großer Höhe. Ist es nicht sonderbar, daß dieses +Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und +logisch konsequent der natürliche Schluß eines bestimmten Traumes ist? +Die schlagartige Muskelzuckung paßt ganz genau in das Traumesereignis. +Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner +Meinung nach eine interessante psychische Täuschung vor, die für viele +Träume charakteristisch sein dürfte. In Wirklichkeit liegen nämlich die +Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit +zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewußtseinswahrnehmung liegt +die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich +vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden +Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der +Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische +Vorgang, der beide auslöst. In dem Augenblick, in dem die Überladung der +psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreißt, +wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der +Seele zurückgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von +jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbüschel kann über +den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das +Wetterleuchten über den Abendhimmel. Wie viel Bilder können da entstehen +in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstürzende +in den wenigen Sekunden des Falles, während dessen in einer Art +hypnotischer Lähmung des Hemmungsapparates alle Drähte unbesetzt sind, +ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu +denen die Bergkraxelei, diese bewußten Selbstexperimente über Absturz +und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger +bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in +Gletscherspalten bemühen. Man kann als sicher annehmen, daß auf diesem +Mechanismus des "Traumblitzes" während der Sekunde des halbbewußten +Erwachens gut die Hälfte aller Träume beruhe. Ich erinnere mich eines +langen Schülertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weißgekleidete +Jungfrauen und weiße Thronhimmel eine große Rolle spielten; und als ich, +von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstürzte und +aufwachte, sah ich am Fenster eine Krähe den dichten Schnee verstäuben. +Damals hielt ich das für ein merkwürdiges Problem—den Raben, das Weiß +im Traum und in der Wirklichkeit—; jetzt glaube ich zu wissen, daß die +Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen +Schnee und die Krähe, und beide wurden das Motiv eines Traummärchens.</p> + +<p>Wird der Außenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten +Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die +Willensimpulse und ihre Muskelanschlüsse unter Überspringen der +Bewußtsein vermittelnden Zonen übergeleitet, so entsteht jene +eigentümliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der +Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und +lockt und trügt die besonders empfängliche Seele des Schläfers. Der Mond +suggeriert ihm gewissermaßen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die +Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der +Umgebung, ist völlig übersprungen von den betrügerischen Mondstrahlen +und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfähigkeit das +Bewußtsein für Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen während des +Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln +fühlt, das heißt: die Orientierung allein dem Muskelgefühl überläßt. In +gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer über gefährdete +Stellen; aber sie können nicht mehr als andere, weder an Wänden +hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei +ihnen mit der Orientierung für den Moment auch das Bewußtsein der Gefahr +ausgeschaltet, und es mag schon sein, daß ein Somnambuler, der im +Fenster sitzt, angerufen und plötzlich die Situation wahrnehmend, im +ersten lähmenden Schreck herabstürzt; meist aber kriechen sie mit einem +charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schämten sie sich, so +monddumm gewesen zu sein, zurück in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach +kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die größere Sicherheit der +unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der +Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosität der +Künstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung +verwirrt werden. Der produzierende Künstler gleicht in etwas den +Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die +Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.</p> + +<p>Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in +seiner Selbstbiographie über sein Erwachen aus somnambulischen +Promenaden, zu denen ihn zeitweilige Überarbeitung disponierte, in dem +Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den +Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife +neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hübsches Beispiel dafür, daß +im unruhigen Schlaf Sinneseindrücke geleitet werden können, ohne dem +Bewußtsein assoziiert zu werden. Daß geistige Arbeit aber den Schlaf +unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie überreizt die +Ganglienaktion gegenüber der Hemmung, daher ist bei Nervösen oft kurz +vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,—der Ausdruck der +Entladung des Gehirnes von überschüssiger Spannkraft, die die sich +zusammenziehende Hemmung auspreßt: ein Analogon zum Gähnen und Strecken +vor dem Einschlafen. Halten wir die Fähigkeit, uns an Träume zu +erinnern, zusammen mit der Tatsache, daß im Traum so leicht etwas vor +dem ungestörten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen +wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung für die Zukunft +kam. Wir haben ein Gefühl dafür, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen +der Phantasietätigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften +Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des +Erlebten übermitteln das Gefühl des schon Vergangenen. Wie ja +perspektivisch unser Auge sich auch gewöhnt hat, das Kleine fern, das +Große nah zu deuten, so verknüpfen wir mit dem Gefühl leichten, +ungehinderten Anschlußrhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene; +mit der Empfindung des Anschlußwiderstandes aber das Problematische, +Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund, +warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen" +erscheinen: der durchlebte Moment schließt frühere Traumesbilder in +leichtem, flüssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an, +und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel +vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen +um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehören.</p> + +<p>Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefühlte Traumbild legt +uns aber das Gefühl einer Lösung in der Zukunft nahe. So sind wir alle +mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei für +möglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen +Charakter an sich, und wenn die Ähnlichkeit, die der Vergleich eines +Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur äußerlich +ist, so ist das Unterbewußtsein, d.h. die Form des Bewußtseins unterhalb +der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst +entdecktes Gebiet, als daß sich hier gewisse wunderbare psychische +Tatsachen so ganz von der Hand weisen ließen. Der Spiritismus und +Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug, +Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, daß aus dem Chaos der +Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie +herauskristallisiert hat; möglich doch, daß aus dem Nebel des +Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen. +Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung für wunderbare +Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens für unwert +halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der +Kathederdogmatismus wäre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die +X-Strahlenwahrheit <i>Röntgens</i> zuerst in spiritistischen Händen gewesen +wäre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder +Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam +gewesen sein könnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht +der Beobachtung zu rücken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder +Zeit die Unbegreiflichkeiten größer sein werden als die Summe dessen, +was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem +Bannfluch der Verachtung und Lächerlichkeit. Man braucht nicht an das +Traumbüchlein für zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und +kann doch meinen, daß in der Seele Mechanismen tätig sind, von denen wir +vorläufig gar nichts aussagen können, weil hier vielleicht ganz +unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht +der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Könnte man die +Zahl der nicht erfüllten Träume mit in Anschlag bringen, so würde +vielleicht die Zahl der "Erfüllungen" in ein mit den +Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhältnis +zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen +Vorbedeutungen, von der leisesten Ähnlichkeit ein großes Geschrei +gemacht, während von den Millionen Träumen ohne jede Erfüllung in der +Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein +scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung +haben für das Problematische und Wunderbare selbst des Alltäglichen; für +die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollständig die Erklärung.</p> + +<p>So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die +Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare +Gesetzmäßigkeiten, wenn sie auch vorläufig nur der logischen Hypothese +und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewußt, daß die von mir +versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der +Probleme aufzulösen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden +und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Möglich sogar, +daß dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurückführung +auf einfachere, erfahrungsgemäße Mechanismen durch Analogieschlüsse, es +ist sogar denkbar, daß der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie über +rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als +Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch: +er weiß, daß mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht +erklärt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten +hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt +umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese +Feststellung einfachster Gesetzmäßigkeiten keinen Abbruch tun. Die +Schönheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch +Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Wir bestreiten niemand +das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen +Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede +Behandlungsweise zu vertragen.</p> + +<p>Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die +Anerkennung der menschlichen Unzulänglichkeit gegenüber den letzten, +entscheidenden Rätseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach +dem Maß der Ehrfurcht, deren er fähig ist, im Angesicht der Erhabenheit +und der rings vorhandenen Wunder der Welt.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="UNTERBEWUSSTSEIN"></a><h2>UNTERBEWUSSTSEIN</h2> +<br> + +<p>Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dämmernde Ahnung von Dingen +in uns, für die wir noch keinen Namen haben, ein Gefühl für +geheimnisvoll schwebende Schatten, für etwas dämonisch in uns +Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen können! Ein Sammelwort für +alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht +Zugängliche, für etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!</p> + +<p>Denn wie sollte mit bewußten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen +und deuten können, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewußtseins +liegt? Woher nähme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes +hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen +Flut im Sonnenglanz?—Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen +Vorgänge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz +unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: daß unser +seelischer Apparat, während seine Millionen kleinster Spulen, Räder und +Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein +Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und +über sich aussagen kann! Könnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt +werden, während den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen +vor uns ausgespannten Schmetterling, so wäre jeder Versuch zur +Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgänge, auch der +einfachsten, ein vergebliches Bemühen, denn ich kann meinem Nachbarn +nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines +seelischen Geschehens, und könnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen +Nervensträngen zu empfinden, so vermöchte ich nicht das wirre Bild der +Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele, +das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender +Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in +mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flüchtigen Spiel der Sinne +etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmäßiges, Rhythmisches +abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewußtsein: +diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbäumende +Macht, die uns schwanken läßt auf dem geraden Pfad unseres gewollten +Wegs, die plötzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer +Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet +in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrückt, wieder und +wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den +aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend, +lauernd, bedrängend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos +rätselhafter Ziele, unerhörter Torheiten, nie gefühlter Versuchungen! +Das ist der sinnlose Drang, hinabzustürzen von den hohen Zinnen eines +Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfüber zu versinken in den +grünen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Füßen, dieser +Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung +und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schönsten Balladen, "Der +Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen +Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen +gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die +Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe +dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der +Zeit, nicht zu übersehen, daß es auch einen Selbstvernichtungstrieb +gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten +instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mücke ins Licht, was +den Mörder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vögel an die +Leuchttürme, an deren Kuppel die zarten Schädel zerschellen? Was sind +die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelüste +anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung +mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer +hätte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen +und Nicht-Dürfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gespürt und +sich deshalb schon nicht selbst gehaßt und sich gefürchtet vor dem +Anderen, dem feindlich tückischen, zum Untergang lockenden Gesellen in +uns?</p> + +<p>Woher stammt dieses Zweiheitsgefühl in unserem einheitlichen Organismus? +<i>Ich meine, es ist der psychische Gefühlsausdruck für eine ganz +offenbare anatomische und physiologische Tatsache.</i></p> + +<p>Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren +im Prinzip gegensätzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann +ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgängen der Ein- und +Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestände +nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die +Assoziationen (Ideenverknüpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so +müßte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden +kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewußtseins hin- und +herrasen—ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als +Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium +ohnmächtiger Bewußtlosigkeit den Ärzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch +das räumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald +dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf <i>eine</i> +freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden +Saftdruck der Blutflüssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und +Rückenmarks, können wir zu einem Gefühl der intensiven Einstellung der +Objekte kommen, einem Gefühl, welches wir Konzentration unserer Gedanken +auf einen Punkt, bewußte Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich +schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen +und handeln, in Wirklichkeit schaffen Außenwelt und Innenreize die +Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelöst +werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefühl, er ist +nichts als eine Gefühlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit, +objektiv ist das "Außer uns" stets bestimmend für das "In uns", denn +selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die konträre Reaktion auf +eine Einwirkung ist doch immer von außen erzwungen. Der Gedanke gehorcht +also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem +durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente +solche Hemmungslücken, welche den elektroiden Anschluß erst ermöglichen, +entstehen. Je schwächer nämlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto +leichter findet ein Schluß im Sinne der Elektrizität statt. Diese +Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindämmende (isolierende) +Blutflüssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders für diese Funktion +eingestellten Apparates, der seinerseits von dem +entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventätigkeit, dem +sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde, +d.h. befähigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom +Automaten) zu antworten vermöge innerer Molekularbewegung, da empfing +sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig +rätselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Höhen +organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervöser Differenzierung in +der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt +hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd, +war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher später mit seinen +Ranken alle Blutgefäße, alle Organzellen, alle Kanäle umspinnt und +durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslösend, die Welle des Blutes +durch ringförmige Zusammenziehung der Äderchen fortschiebend in +rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhüllen mit +Hemmungssäften umspült, das Durchlassen von elektroiden Funken +gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstärkung des Hemmungssaftes +vom Blutadersystem aus absperrend.</p> + +<p>Alle Außenweltsreize wirken zunächst auf diesen Herrn des Lebens, von +dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag +uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventätigkeit +sind es allein Ernährungs-, bzw. Stoffwechselvorgänge, welche dem +Problem der Seelentätigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration +zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der +Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stückchens Papier, +das ihn überführt, ohnmächtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel, +wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen, +den er vielleicht liebte, im Affekt erwürgt oder erschlägt? Wo ist der +Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das +blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren muß (ein rührender Versuch des +Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schützen)? Das alles sind +Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgänge Analogien finden, +und deren Übermittler, ursprünglich der Ahne allen Gefühls, von den +Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe +aber nicht direkt Nervenströme ein- und ausschalten kann, weil er +anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so +ist im Blutgefäßsystem des Gehirns und Rückenmarks ein äußerst labiler, +saftförmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im +Anschluß an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend, +wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenstätigkeiten frei +macht oder hemmt.</p> +<br> + +<p>Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weißliche Gebilde mit +der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser +zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine, +in welchem noch vor kurzem das zarteste Flügelwesen, Psyche, ihren +Wohnsitz gehabt haben soll, so überkommt uns ein ehrfurchtsvoller +Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen +letztes Geheimnis, die Persönlichkeit. Und doch kündet seine träge, +kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drängt sich der unabweisbare +Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchfloß, war es Seele, tot ist es +Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem +Spiel gespenstiger, huschender Flüstergeister in seinen Gewölben, Höhlen +und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele +war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Faßbares, Zuständliches, +Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend +und unwiederbringlich aufsteigend in die Lüfte, ein Spiel der Kräfte, +ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich +hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstücken oder +zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns +in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem +wir keine Antwort entreißen. Das geistige Band für ihre tausend Teile +ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefühlten +Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu +Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das +Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rückenmark. Wir +bezweifeln auch, daß es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der +Herdfunktionen einzelner Seelentätigkeiten an ganz bestimmten Stellen +des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile +bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so +beweist das noch nicht, daß an den getroffenen Stellen allein die +spezifische Fähigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist überall +in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn seßhaft. Beispielsweise +kann die Entfernung der Schilddrüse mit konstanter Sicherheit den +Getroffenen seelenlos machen. Andererseits können beträchtliche Mengen +von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne daß der Persönlichkeit, dem +Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen +Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun +gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ für den Sitz der gesamten +seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele, +und die Pflanzen beweisen, daß es nervöse Funktionen gibt, bei denen es +seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspüren. Eins aber ist das +Gehirn ganz gewiß: es ist der Träger alles dessen, was wir Bewußtsein +nennen, in seiner Wölbung hat die ganze Außen- und Innenwelt ihre +symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und außer +uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei +besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wärme wird, so bildet +es den großen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen +Reize in psychische. Hier entspricht jedem körperlichen Dinge sein +psychisches Korrelat, jedes physische Äquivalent hat auch ein +psychisches! So ist von der Welt außer uns gleichsam in uns ein hin- und +herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine +Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht +ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt +an, daß sich diese Fähigkeit, die Welt in uns in einem Symbole +aufleuchten zu lassen, erst allmählich entwickelt hat und immer noch in +Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen +Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkörnchen +zusammenzuziehen, lernen müssen, sich zu bewegen, in besonders dazu +entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen +neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hören, sich zu +orientieren in der Umgebung usw. Was früher den alleinigen Inhalt des +Bewußtseins ausmachte, wird dann später immer automatisch, unbewußt, und +die höchsten Staffeln des Bewußtseins sind danach jedesmal auf dem Wege +zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprünglich tastenden, +gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jüngsten +Keime des Gehirns sind allmählich als fixierte, unverrückbare, nur von +den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fähigkeiten dem Bestand des +Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerückt, unbewußt, +instinktiv, erhaltungsgemäß, unabänderlich eingestellt, und der Kreis +des Bewußtseins ist jedesmal diejenige Sphäre unseres +Orientierungsvermögens gewesen, welche zugleich auch die +entwicklungsgeschichtlich jüngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.</p> + +<p>So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefühls +des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklüfteten, Zusammengesetzten in +unserer Seele.</p> + +<p>Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgänge, +hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfähige, +ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung +wechselnde Tätigkeit, die eng verknüpft ist mit der sogenannten bewußten +Willenssphäre, und zweitens eine festgefügte, nicht mehr wechselnd in +willkürlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete, +definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also +überkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes +peripheres Nervensystem, der nach außen gestülpte Teil des Gehirns, +fähig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur +Ortsveränderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, daß wir +vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervösen Ausbreitungen im +Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden +Einzelzellen)—als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil +bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.</p> + +<p><i>Bewußtsein nenne ich somit den Gefühlskomplex, welchen die Summe aller +Außen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervösen Registrier- und +Orientierungsapparate ausübt.</i> Wie es kommt, daß ein Außen- oder +Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefühl auslöst, bzw. sich +in Gefühl transformiert—diese Frage enthält freilich das letzte, +vielleicht unlösbare Mysterium der Seele. Wir müssen uns damit begnügen, +es als Tatsache hinzunehmen, daß bei der Berührung das Eis kalt und das +Feuer heiß ist. Gefühl ist eben die Fähigkeit, zu differenzieren, +Unterschiede von der allergrößten Feinheit zu registrieren. Unsere +gegenseitige Verständigung wird nur durch die Konvention der Sprache, +durch immer gleiche Symbolverwendung für gleiche Empfindungen +gewohnheits- und nachahmungsgemäß ermöglicht. Wir setzen also das +Lautsymbol für ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch +mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten. +So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgemäß mit einem +Symbol registrieren können: <i>bewußt</i>. Das Bewußtsein ist darum in +demjenigen Teile unserer Nerventätigkeit enthalten, der sich in +dauerndem Kontrollzustand gegenüber allen das Nervensystem treffenden +Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mögen sie +von außen oder innen stammen, löst in uns ein Allgemeingefühl der +Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervösen +Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefähigkeit +gegenüber allen Strahlungen, in welche unser Ich gerät, nennen wir +gewohnheitsgemäß <i>Bewußtsein</i>, nicht anders als wie wir den blauen +Lichtreflex über uns Himmelsgewölbe, den Rand unseres Sehkreises +Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und +ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden +Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kräfte den Strom +der Seele um die Widerstände dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um +seine Felsenwiderstände windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern +aufsprühend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben +sich: Reize, die von außerhalb, und Reize, die von innerhalb des +Organismus stammen.</p> + +<p>Es stehen sich also in unserer Seele zwei große Gebiete verschiedener +Nervenaktionen gegenüber: die eine, welche in völliger Automatie ohne +unsern bewußten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen +atmen, die Därme sich bewegen, die Drüsen arbeiten, die Saftströme +fließen und den intimen Stoffwechsel an ungezählten Arbeitsstellen sich +vollziehen heißt, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend, +orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die +eine in definitiv gehemmten, ein für allemal regulierten Bahnen ohne +Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich +vergreifend, irrend, tastend, das Gefühl des Gewollten und Bewußten +auslösend. <i>Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung +entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres +dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewußt.</i></p> +<br> + +<p>Was wohl für Träume kommen mögen—aus diesen dunklen Wäldern, Schluchten +und Höhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die +Bildung ihrer typischen Formation unzähligen Geschlechtern, einer +endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvätern und Keimgebilden +verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die +Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie +auch zugeben sollte, daß durch dieses Jahrmillionen alte Weben und +Werden des Lebens ihm nichts von seiner Übersinnlichkeit und +Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen, +die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und +sterben mußten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine +instinktiven Fähigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf +mich und mein Keimplasma ausmündender Vorübungen und Vorbildungen waren, +so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles +dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns +geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jüngsten Sprossen an +einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus +der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am +Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus +fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner, +fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es +grade unser Säkulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit +rätselhaftem Gefühl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhängnisses! +Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schädels, +meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in +meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein +so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht +bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht +sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die +Ähnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso großen Gehalt an +funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung +in sich verbergen. Werden doch Menschen ähnlich im Gesichtsausdruck, die +lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur +funktionell entstanden sein!</p> + +<p>So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den +festen Knollen, Strängen und Hügeln auf der Tiefe des Gehirns, in der +Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende +Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden +hüllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester, +wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und während +der Griffel des Anatomen sich vergeblich müht, die Rinde mit ihrem, +einem System aneinandergepreßter Schläuche mit Furchen und Windungen +vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die +Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefügte Architektur zu +finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabänderlichen Überkommenen der +hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulären +Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fähigkeiten. Und nun +ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die +geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphären des Gehirns gegenüber den +geformten Wülsten der Basis! Dort ein weichlicher, weißlich-grauer Brei +ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und +Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszöne Vergleichungen mit allen +möglichen, präzisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der +Wölbung der Kuppe waltet Willkür, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach +Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefügt das +Unabänderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den +anatomischen Ausdruck für das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele! +Ein Teil, der des bewußten Seins, strebt vorwärts, kühn bis zur +Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhörten, der genialen Assoziation +entgegen, und ein anderer konservativer Teil reißt uns stets zurück in +die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns +steckt ein Neuerer und ein Reaktionär, beide miteinander oft in wütendem +Kampf. Hier reißt das Genie sich los von seiner Neugeburt nie +dagewesener Assoziationen, denen ganz gewiß neue Hirnsprossen in der +typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden +Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und stürmt +dahin ohne Rücksicht auf den Bestand des Überlieferten; ihn kümmert +nicht das Fundament, mit Füßen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen +danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte +Kraft seines wohlgegründeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft +gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betäubung. +Der Bauer in ihnen lockt mit der Möglichkeit, auch einmal künstlich ein +Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenfülle zu +entrinnen, wenn auch nur für kurze Zeit. Das Behagen, mit süßem Gift die +vorwärts drängenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu +oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender +Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in +seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene +Faust, losgelöst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph +des aufwärts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine +krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen +die Herrschaft über den Bestand des geistigen Erbes von Generationen +erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist +wirklich die Persönlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und +Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wünschen +muß—das ist der kräftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder, +meinethalb direkt bäuerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine +lebenerhaltende Faust dämpfend und mäßigend auf die zarten, jungen +Triebe neuer, nie geahnter Gedankenübermittler legt, damit sie ruhig +gedeihen und blühen und eine ganze Menschheit beglücken! Wie konnte man +je daran denken, Genie und Wahnsinn Brüder zu nennen! wie jemals das +erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch +die alle Nachkommenden hindurch müssen, wie durch ein neues Kanaan, das +ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung, +welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der +Lebensunfähigkeit in sich trägt! Nur, weil das unterbewußte System auch +im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim +Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.</p> + +<p>Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig für den +Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis für alle +Scheinneuerungen und genialen Irrtümer. Nicht umsonst war der Philister +einem <i>Nietzsche</i> so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten +das einfache Verhältnis bewußter und unterbewußter Seelenfunktionen. Am +dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide +Systeme einander zu beeinflussen vermögen. In ihren Funktionen +gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Möglichkeit +einer unvorhergesehenen, plötzlichen Entladung von einem Gebiet in das +andere, können beide Systeme getrennt ungestört ihren Dienst tun, bis +die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß +gerade Störungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des +unterbewußten Gangliensystems Beziehungen haben zu plötzlichen, +reflexähnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, daß erbliche +Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwäche der +eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen +Ganglienapparate haben kann, dergestalt, daß Kurzschlüsse elektroider +Spannungen hier plötzliches Überfüllen von fern liegenden +Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an +Reizen dem Gehirn übermittelt wird, direkt das System der bewüßten +Denksphäre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen +nicht immer von bewußten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob +manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten +Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewußtseinsschwelle +abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen +Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst später bewußten +Handlung werden. Dafür einige Beispiele.</p> + +<p>Ich stand an der Ausgangstür einer elektrischen Bahn, die nächste +Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf +dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbäume, +Wälder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel—wie lebhaft ich ihn +vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefähr in das Wageninnere, das ich +soeben passiert habe, zurück. Wahrhaftig, welche Ähnlichkeit—der gute, +alte Onkel—da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist +gewiß, daß seine Züge, im Unterbewußtsein, als ich durch den Wagen ging, +abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.</p> + +<p>Ich gehe eine ziemlich lange Straße hinauf. Mir kommt ein befreundeter +Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht +er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewiß vorher schon unterbewußt gesehen. +(Ich glaube, bei ähnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke +kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)</p> + +<p>Solche Vorkommnisse beweisen direkt, daß es ein Filtriersystem für +Wahrnehmungen, vielleicht in den großen Hirnknollen, gibt, welches +verhindert, daß alle Beobachtungen bewußt werden. Wenn man sich genau +kontrolliert, können Farben, Formen, Gerüche usw. ganze Gedankenketten +auslösen, ohne daß man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst +macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag +ferner tatsächlich plötzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen +unterbewußten Assoziationen beruhen, wie oft mögen schnelle Entschlüsse +solchen unterbewußten Einflüssen ihren Anstoß verdanken! Auffallend ist, +wie selten unsere entscheidenden Entschlüsse direkt logischer Analyse +entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab +den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt—und nach dem Gesetz von +der Erhaltung der Kraft muß es ja wohl so sein—so kann sehr wohl das +meiste unserer Willensaktion unterbewußt ausgelöst werden. Wie viel mehr +nun aber bei pathologischen, gewissermaßen schadhaften Einbettungen und +Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme. +Der triebhafte Verbrecher mag bei allen möglichen Innenreizen stets dem +Zwange eines plötzlich ihn überrumpelnden Affektes erliegen +(Kleptomanie). Ströme, welche normalerweise sonst im Sinne der +koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die +Aktionszentren und lösen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial +sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende +Bewußtsein nicht zurückgedämmt werden. Da auch bei den Epileptikern die +Hemmungsfortfälle die Ursachen der Krämpfe sind, kann es nicht wunder +nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berührungspunkte haben.</p> + +<p>Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden +Anfall durch Abblendung seines Bewußtseins geradezu in eine +entwicklungsgeschichtlich frühere Daseinsperiode zurückgeworfen wird, in +welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim +Raubtier, herrschten, so daß die schauerliche Bestialität mancher +Verbrechen allein durch diesen Rückschlag in seelische Gebiete, die +einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklärbar wird. Der Somnambule +und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung +des Bewußtseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie +herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dämpfer über dem Bewußtsein, +so daß Raum und Zeit und ihre kausale Verknüpfung doch wie aus +Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sphäre +wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns), +so daß ein Träumender daherwandelt, friedlich im schlürfenden Gange +seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher +tritt aber die Abblendung des Bewußtseins plötzlich ihn selbst +überrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden +Bewußtseinsstörung auf, und zwar bis in die Region der zurückgelegensten +Instinkte, so daß jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen +resultieren.</p> + +<p>Dem widerspricht nicht, daß solche Verbrechen lange vorbereitet, oft +versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausführung kam. Der in seinen +Hemmungen eben defekte, unterbewußte Apparat lockt durch aufleuchtenden +Kurzschluß in die bewußte Sphäre übergreifender Entladungen den +Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gelüste. +Es sind ja hauptsächlich die beiden Systeme der Ernährung und der +Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer +unterbewußten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in +krankhaftem Anschluß regellos einbrechen in die Willenssphäre. Während +der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch ständige +Bewußtseinskontrolle ihren dämmenden Wall sichert, bricht die ganze +Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdrückter Gelüste +plötzlich wie eine reißende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie +beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet +begleitet ist von der Bewußtlosigkeit, d.h. von der Unfähigkeit, sich in +Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch +nicht fähig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht +ihr oft ebenso hilflos gegenüber, wie der nach Motiven suchende +Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den +Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat näher zu +begreifen, sie sinnen selbst nach Aufklärung und hoffen vom Orte, an dem +das Fürchterliche geschah, irgend ein erlösendes Verständnis. Das ist +der Magnetismus des Entsetzlichen, den übrigens auch geistig Gesunde +andeutungsweise sehr wohl verspüren. Das Grauen vor einer entsetzlichen +Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier ausübt, lassen +sich wohl nur erklären durch eine Tätigkeit der Phantasie, welche im +geheimen sich selbst als den Verüber der Tat unwillkürlich setzt und +damit jene Sphären des Unterbewußtseins in leises Erzittern bringt, +welches Disponierten schon so oft gefährlich geworden ist. Das ist die +Gefahr der Berichte über Straftaten und der oft gewiß verderbliche +Einfluß schlechter Kriminallektüre auf nicht völlig taktfeste Instinkte, +daß sie oft das labile Gleichgewicht gestörter und nicht ganz +schlußfähiger Hemmungen des unterbewußten Systems ins Wanken und +Erzittern bringen.</p> + +<p>Pathologische, durch Hemmungsdefekte übermittelte Anschlüsse aus dem +Gebiet der automatischen Instinkte in die Sphäre bewußter Aktionen +scheinen die einzige befriedigende Erklärungsformel für das dunkle +Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der +Trieb auf die Vernichtung oder Beschädigung des anderen zu gehen, diese +Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Beschädigung der +eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier +zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversitäten +der Nahrungsaufnahme und der Erfüllung sexueller Funktionen. Aber auch +alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fläche, schauerliche Tiefe, +der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische, +bewußtseintrübende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre +dämonische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick +der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der +Gefahr gegenüber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz +hypnotisieren ja nicht nur Motten und Mücken, sondern auch den Homo +sapiens.</p> +<br> + +<p>Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht über die Seele gegeben. Ganz +allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu +unseren Trieben, Neigungen und direkt bewußten Handlungen. Unter der +inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung +des Nervus sympathicus geleistete Säftebildung in verschiedenen +Organsystemen, welchen sämtlich spezifische Funktionen zufallen: so +dienen Galle und Magensäfte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind +also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere +zielen auf die Vorgänge der Neubildung eines Individuums ab, und +drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft für die +Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von +allergrößter Wichtigkeit sind. Die Schilddrüse und ihr Sekret haben +bekanntlich einen großen Einfluß auf den Zustand des Gemütes. Ein +erhöhter Zuschuß ihrer Produkte ins Blut—und eine große Erregbarkeit, +Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem +Bilde der Basedowschen Krankheit), während andererseits ein Zuwenig der +Beimischung eines für die Hirnfunktion unbedingt nötigen Saftes der +Drüse, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach +sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des +Sympathicus bei diesen Funktionen, sind übrigens nur zu erklären mit +Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als +Hemmungsregulator. Ähnlich wie bei der Schilddrüse, müssen wir auch für +alle anderen inneren Sekretionen annehmen, daß ihre Produkte zum Teil +für die Konstitution der Gesamtkörpersäfte von allergrößter Wichtigkeit +sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen +Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuhäufige +Folge. Säftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des +Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem +Zusammenhang. Es ist keine Frage, daß ein großer Teil zunächst dunkler +und unklarer Impulse, welche wir im Bewußtsein erhalten, Meldungen aus +diesen unterbewußten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen, +wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden großen Richtungen der +Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher +hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewußtseinssphäre +umdunkelt, verhüllt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines +Edelsteins, eines Goldstückes, wie überhaupt die Hypnose die +reflexartige Abblendung des Bewußtseins darstellt, und zwar von der +Umgebung her, so können auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung +des Bewußtseins führen. Ebenso wie etwas von außen suggeriert werden +kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine +Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige Überspannung eines +überladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem +Unterbewußtsein her die ganze geistige Sphäre sexuell färben, so daß der +Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und +jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile, +nicht fest eingedämmte Hemmungsverhältnisse im Unterbewußten bestehen: +es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. Ähnlich kann auch +bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschlüsse und Reflexe +ausgelöst werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie +haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer Theorie +beschädigt werden und damit die Beziehungen zwischen Bewußt und +Unterbewußt sich verschieben. Auch in diesen Fällen +neurasthenisch-hysterischer Bewußtseinsbeeinflussungen spielt eine +Blendung des realen Erkennens, der Gegenwärtigkeit der Seele und ihrer +Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen +Menschen ist ein Gefühl der Andersartung, des Deplacements eigen, +gleichsam als gehörten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und +könnten sich nie hineinfinden in die Bedürfnisse ihrer Zeit. Es ist gar +nicht so selten, daß schwere Hysterie zur völligen Teilung des +Persönlichkeitsgefühls führt und daß dieser unerträgliche Zustand, dem +ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir +erscheint der so häufige Selbstmord bei gedoppelter Persönlichkeit stets +wie die Erfüllung einer Sehnsucht in eine frühere Gemeinschaft +Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf frühere Entwicklungsstufen +zurück. Viele Menschen mit nicht vorwärts strebendem Intellekt haben oft +das Gefühl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam rückwärts +tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben +in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die +Testamente der Vergangenheit, sie sind Repräsentanten funktioneller +Rückschläge (Atavismen) in frühere Entwicklungsstufen. Bei dieser +Sachlage ist es nur ein Glück, daß nicht nur die Sünden, sondern auch +die Tugenden unserer Väter in unser drittes und viertes Glied +hineinfluten.</p> +<br> + +<p>Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns +aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der +Hemmungslehre auch diesen gewiß gleichfalls unterbewußten Vorgang einer +inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den dämonischen Gewalten +mit unheimlichem, zerstörendem Charakter entgegen zu stellen. Ich muß +mich hier mit Andeutungen begnügen, weil eine eingehendere Behandlung +der unterbewußten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die +vollständige Analyse der Ethik überhaupt erforderte. Obwohl nun gerade +aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf +physiologischer Basis unschwer entwickeln läßt, so muß ich doch hier +darauf verzichten und kann für die Frage nach unserem Gewissen, nach der +Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich +schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam +machen, daß das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas +Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal +funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven +Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit +vorbildlich Beziehendes und besonders lebensfähig sich Erweisendes an +sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den +egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Persönlichkeit +Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, daß unsere +arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande +förderlichen Triebe in Konflikt geraten können mit den egoistischen +Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig +exzessive Inanspruchnahme bewußter Willenshandlungen aus egoistischem +Zwecke die unterbewußte Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten, +schon überkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensfähig erwiesenen +Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist +wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu +repräsentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der +Richtungslinie der naturgemäßen Fortentwicklung befand. Von Milliarden +Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu lösen, wird nur das Beste +eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste Lösung vorbildlich +und dauernd jedem neuen Sproß des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns +jetzt als Problem beschäftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach +vielen Millionen von unzulänglichen Versuchen zur definitiven Lösung +geführt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes +sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob +der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden +muß, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem +Wege der Instinkte gelöst sind. So ist unser Bewußtsein stets auf dem +Wege der Neubildung und Umbildung von willkürlichen Handlungen zu +Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen +Hirnschichten war die jedesmal jüngste willkürlich und ließ hinter sich +den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann +nicht mehr abgeändert werden, ohne den ganzen Bau zu gefährden. Darum, +wo der bewußt wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische +Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen +des Lebens solche heraufbeschwören) eindringt mit Umbildungstendenzen in +die Automatie der unterbewußten Funktionen, da entsteht eine +Erschütterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins +Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das +Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles +Gewesenen verschwunden sind, fühlen wir ähnlich dem physischen Schmerz +bei Störung des organischen Gefüges der Nervenenden als eine Mahnung, +als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann dürften +wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen +entsprechen, die der Hemmung im Unterbewußten geschlagene Lücke durch +neue heilende Gewebssprossen zu verschließen, und je mehr ein fester, +freier, ehrlicher Entschluß im Bewußtsein die Ströme und Zuckungen von +defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichmäßiger kann der +Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich, +daß hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der Läuterung nicht +ausbleibt, selbst wenn es dem Bewußtsein klar ist, daß die Reue, etwa +ein mannhaftes Geständnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich +zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, daß +es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Blüten, sondern daß +über der einen Persönlichkeit die rein erhaltene Art siegend +hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewußte, der fertig +erworbene Besitz, an dem die Natur nicht rütteln läßt, und dessen +Erhaltung ihr über den Wert auch der erhabensten Persönlichkeit geht. +Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt +es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und +durchaus lebensfähig durchgeführt werden soll zu Höhen, die, +unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als Möglichkeit beigegeben +wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung +der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der +Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen müssen. Daher die +schier unbegreiflich dünkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und +die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt +zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in +der Liebe und dem Haß, den beiden tyrannischen Herren des Lebens?</p> +<br> + +<p>Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, daß der Intellekt mit +seinem absichtlichen Wahlvermögen ganz und gar gegenüber der Masse der +gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekundäre Rolle spielt, +wie er überhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer +unterbewußten Konstitution herabsinkt überall da, wo es sich um +Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung, +vorgefaßte Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorgänge, +die vor dem Urteil liegen: <i>Vor</i>urteile! Der absolut gescheiteste und +gebildetste Mensch müßte genau genommen für jede logische Angelegenheit +genau so viel Gründe wie dagegen beibringen können, und ehrliche Leute +gestehen für die meisten Veranlassungen zu, daß es durchaus nicht immer +Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich für oder gegen eine +Maßnahme entscheiden. Gegenüber den sicheren, verläßlichen Funktionen +des Unterbewußten ist eben der Verstand ein Stümper, tastend, immer im +Versuchsstadium, nachgiebig und immer übertölpelbar. Selbst der +Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des +Bewußtseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und +Intelligenzmangel. Ist so bei gewöhnlichen Emotionen schon der Intellekt +fesselbar durch die Jongleurkunststücke des Wortschwalles und der +überrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die +vitalsten Spannungen von innen her ihn überrennen und verwirren. +Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum +Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten +Liebesverhältnis nicht stets etwas für die Unbeteiligten Unbegreifbares, +warum gerade diese zwei Menschen der verhängnisgleichen Fesselung der +Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares +Müssen empfinden? Wahllos fühlen gerade diese beiden die verschmelzende +Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft länger +geschürt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam +erreichbaren, höheren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der +Natur, zur Erfüllung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen +Seele, zur Hingabe eines neuen Blütensprossen vom eigenen Stamm. Wer +Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf. +Hier vor allem, beim Durchglühtwerden der Seele in wahllosem Verlangen, +zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewußtseins in +vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer +Anschauung für Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit +unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so daß geheiligte Wesen +aus den Erkürten werden, daß sich unscheinbare, leblose Gegenstände der +Erinnerung, wie Taschentücher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem +Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das +alles ohne jedes Zutun des Bewußten, ja oft direkt gegen jede Vernunft, +Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, daß die Wahl der Entflammten +rein nach dunkel gefühlten, der Bewußtseinskontrolle ganz entzogenen, +innerlichen Ergänzungsgesetzen sich vollzieht, und daß die +Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so häufig begegnet, oft erst durch +den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachträglich +sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewußten Kalkulatoren +unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets +überhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was für +Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien nötig sind, um einen +möglichst leistungsfähigen Repräsentanten der Art aufkeimen zu lassen in +dem mütterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die +geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht +auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche überall andeutungsweise +zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewußten diese Schichten als den +Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen +zutage treten läßt: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in +den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es +ruhig ein, da wir das rätselhafte Getriebe unbekannter Kräfte im +Labyrinth des Unterbewußtseins nicht kontrollieren können, daß wir die +Existenz von Kräften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten +gar nichts gemein haben, nicht ableugnen können; daß es durchaus möglich +ist, daß solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen, +unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher +je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres +Bewußtseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem +unerforschten Gebiet oft auf lächerlichen Umwegen nahe zu kommen +(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren +Brutstätten in der Hand betrogener Betrüger zwar nicht direkt das +gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie, +ihre Geburtsstätte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei +der die sogenannte reale Exaktheit ihre höchsten Triumphe schließlich +nicht zuletzt in der Umgestaltung in preußisch Kurant gefeiert hat. So +hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die +Psychologie die allerwertvollsten Anstöße erfahren; lassen wir also das +Völkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und +klopfen wir nur den überbewußten Schwindlern ernstlich auf die Finger, +welche raffiniert den völlig berechtigten inneren Glauben der +Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel" +teils aus Ulk und Fastnachtsgelüst, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit +gehörig auszunutzen stets am Werke sind.</p> +<br> + +<p>Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Haß Mysterien zugestehen, +denn sie sind ja die Funktionäre der Aushebung zum großen Marsch der +Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die +Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht. +Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die +Ergänzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium, +welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine +Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht +berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die +eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der +Beimischung notwendigsten, befähigtsten Elemente herauszuwittern, sie +macht uns zu Geführten und Geschobenen trotz dem Gefühl subjektivsten +Willens; vielleicht aber ist das Gefühl des freien Willens nichts als +eine gnädige Illusion, eine fromme Lüge der Natur. Die Natur mischt +immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt, +zerstampft, löst auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die +sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anfängen der +Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige +Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst +später die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des +Mutterbodens durch das männliche Saatkorn auftritt, kann es nicht +wundernehmen, daß dieser Trennung des keimfähigen Lebensplasmas in zwei +Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der +Geschlechtsrepräsentanten entspricht. Kein Emanzipationsgelüst der Frau +kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der +Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen +und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des +Bewußten und Unbewußten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder +gleichsetzen wollen. Die unterbewußten Funktionen der Frau, ausmündend +alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des +Menschensprossen, des neuen Repräsentanten der Unsterblichkeit, der +Menschheitsidee,—denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches +Glied der Kette, welche uns hinüberbindet in die Ewigkeit—haben ganz +sicher einen überragenden Anteil am Seelenleben gegenüber dem Manne. Die +überraschende Ursprünglichkeit der Frau wurzelt eben in der Fähigkeit +unterbewußter, schneller und zwingender Kurzschlüsse. Während des Mannes +Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des +Intellektuellen, des Bewußten, des zur Automatie erst sich +Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewußt Lösenden zuneigt, hat die +Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven, +Automatischen dem Nachgeborenen einzuprägen (zu vererben). So ist es +naturgewollt, daß die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist, +wenigstens ganz gewiß vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir—es +hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen +Geburtenüberschuß weiblicher Wesen klingt—nun einmal in der Natur als +das durchgreifendste Leitmotiv überall führend und lebendig finden. Wenn +jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den +unterbewußt dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den +bewußten und zwar ökonomischen Nöten der Erhaltung und Ernährung des +Individuums, so glaube ich, muß man die Frage aufwerfen, ob diese +Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht +doch etwas rüttelt an den Grundbedingungen der natürlichen Ordnung, und +ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, daß eben es der +Natur überall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf +das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungestörte Fortentwicklung +des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich, +vergänglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewiß, daß von +dem Gewühl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, nämlich nur der +auslösende Anstoß zur Willenshandlung, in unser Bewußtsein ausstrahlt, +so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, daß +sie doppelt angeschlossen sind: teils münden sie in automatische +Sphären, und zum anderen Teil im Bewußtsein, wo sie gleicherweise +Kontakte d.h. Anstöße zur Regulation der bewußten und unbewußten +Mechanismen auslösen, wie das auch vollständig nachweisbaren +anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was +als Licht oder Schall oder Gefühl auf unsere Sinnestasten wirkt, als +Lichtempfindung übertragen, sondern es mögen ultraviolette Strahlen +ebenso wie Töne über und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem +unterbewußten Getriebe zugeführt werden zur dynamischen Auslösung +verschiedener Automatien, ohne daß auch nur ein leise wehender Hauch von +den Tiefen der Unterseele über die Tasten unserer Bewußtseinsklaviatur +dahinfährt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft natürlich auf alle +Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es äußere oder innere, vom +vegetativen Organsystem gegebene. So lösen Störungen der Bauchorgane zum +Teil Gefühlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das +von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, daß ein +Mensch sich schon leidend fühlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem +Ablauf seiner seelischen Registrierung verspürt, lange ehe sein +Bewußtsein oder der Arzt von dem Herd der Störung etwas aussagen kann. +So erklären sich die allgemeinen Unlustgefühle der Neurastheniker, +Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der träge, adynamische, +schleichende Ablauf der ernährenden Funktionen ohne jede organische +Veränderung genügt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen +dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu vergällen. Wie im Traume +bei der Abblendung des Bewußtseins von Raum und Zeit durch die +rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive auslösen zu +Ideenverknüpfungen ganz bezüglichen Inhaltes, so kann bei +Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen +Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Außenreize immer wieder +hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr, +einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Unglück der +Hypochondrischen, daß sie recht haben, wenn sie behaupten, daß doch auch +alle schweren Zustände von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das heißt +mit dem dunklen Gefühl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine +schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens +annagenden Sensationen zu gewöhnen und sie im Bewußtsein ganz +auszuschalten: immer wieder kündet die grämliche Miene, daß die gequälte +Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren +und Nagen des bösen Wurmes tief in geheimen Gewölben. Umgekehrt wirken +die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer +Auslösungen im Organsystem befruchtend und lebensgefühlerhöhend auf +unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enthält +eine Unzahl solcher uns unbewußt einverleibten Impulse, die wie kleine +Peitschenhiebe auf die Zugkräfte unserer inneren Bewegungen wirken, +wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen +Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die +Atmosphäre reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer +auf unser Unterbewußtsein, je mehr der störende Einfluß der Kontrolle +durch das Bewußtsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der +hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im +Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der +symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer +unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich +haben, so oft schon als Beweisvorgänge übernatürlicher Gewalten, als das +Wirken dämonischer Kräfte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr +Dinge, die natürlicher sind als viele andere Erscheinungen des +Seelenlebens, über die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr +wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte Fähigkeiten der +Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem +immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewußtsein für +gewöhnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben +direkt nach Ausschaltung des Bewußtseins, über dem solange ein hüllender +Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen, +altüberkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit, +Zweckmäßigkeit, Unmittelbarkeit, Zielgefühl und Innenklarheit bei +deutlichen Anzeichen von psychischer Bewußtlosigkeit auftreten oft in +einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese +Aktionen unter Beihilfe des oft nur störenden Bewußtseins zu vollbringen +imstande wäre. "Ja, wie ist das möglich, er ging doch ganz sicher", "er +schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne +klares Denken!"—Das sind die gewöhnlichen, staunenden Fragen, auf die +es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher, +eben weil er nicht bewußt war.</p> + +<p>Wir wissen jetzt, daß die Automatie eben dem Problematischen des +Bewußtseins in vielen Punkten überlegen ist. Das Unterbewußtsein hat +also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. Für die beiden +ersten Fähigkeiten, denen durch Abblendung des Bewußtseins unter +Umständen gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzustände aller Art +beweiskräftig, und für den Zeitsinn des Unterbewußtseins sei bemerkt, +daß für mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein +Problem mehr ist, seit ich weiß, daß Helligkeit und Morgengrauen, +Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie über den Umweg durch +mein Bewußtsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens +und daß man daher nicht zu glauben braucht, daß die in uns stetig +pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch +imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer +aus Menschenhand.</p> + +<p>Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, daß +es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die +scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust +aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da +erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen flüchtigen +Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so +unbekanntes Gebild, daß man sich erschaudernd davon abwenden oder +erzittern müßte vor dem Ding da, welches, ein Wesen für sich, nirgends +in der Erfahrung eine Analogie hat. Für viele Menschen hat das +Unterbewußte Ähnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den +Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages +erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der +Mystizität seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, können +hier und da nachweisen, daß das gefürchtete Ungeheuer weder eine +Schlange noch ein Ungetüm ist, sondern eine auf realen Vorgängen +natürliche Spiegelung von Gesetzmäßigkeiten, die sich im Grunde der See +ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="SEELISCHE_HEMMUNGEN_UND_SCHMERZEN"></a><h2>SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN</h2> +<br> + +<p>Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und +da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen +hörten, die Ankündigung dieser Essays über Kapitel aus der Seelenlehre +vernommen haben. Aber es scheint bei näherer Betrachtung doch auch +gerade der Chirurg unter den Ärzten alle Veranlassung zu haben, sich mit +dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen. +Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch +ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben +vertrauensvoll für Augenblicke höchster Gefahr in die Hände legt, in +Hände, an deren Können und Vollbringen sich oft genug das Schicksal +hängt! Wer müßte wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele +zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft +gefährlichen Macht der Persönlichkeit Gebrauch zu machen, als der +menschlich fühlende Operateur? Wer sähe öfter die Menschenseele in ihrer +echten Heldengröße und in ihrer zitternden Unzulänglichkeit frei von +aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und +lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns +Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern +wir nur wollen, <i>das ist das psychologische Experiment im großen Stil</i>, +welches wir täglich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die +Narkose, die gewaltsame Betäubung der Seele. Ja, ein psychologisches +Experiment allergrößten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung +von flüchtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre fühlenden Polypenarme +Schritt für Schritt zurückzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines +selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewußt verharre im schwankenden +Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es +dem Operateur gefällt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu +Betäubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat, +der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen können vom Labyrinth +der Brust und von den Träumen, die der Seele auf dem Wege in die +Ewigkeit kommen mögen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvertüre zur +Tragödie des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das Stück bis zu +Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich möchte sagen, +brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das +Zauberwerk eines Präzisionsinstrumentes aus Menschenhand ein +jämmerliches Stümperding ist, so leicht der filigranene Schleier +nervöser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerreißt und +zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer +wieder der Gedanke sich aufdrängt, daß hier ein <i>Mechanismus</i> vorliegt +in dem Vorgange des künstlichen Einschläferns in wenigen Minuten, oft in +Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes, +einer Hemmung in sehr wesentlichen Zügen gleicht.</p> + +<p>Es ist mir natürlich nicht fremd, daß es unter den Psychologen eine +mächtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher +Gehirntätigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser +Auseinandersetzungen einmal das Geständnis ablegen, daß ich nicht der +Meinung bin, daß jemals die Physiologie uns den letzten Aufschluß über +das Wesen der Seele und des menschlichen Bewußtseins geben könne. Das +vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu +enträtseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und +der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen <i>beschreiben</i>, +unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder +muß. Durch diese Einschränkung will ich mich ein für alle Male gegen den +Vorwurf eines anmaßlichen Materialismus verwahren. Ich möchte um keinen +Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie +eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines +Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung +verbunden. Für mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus +überhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine <i>ideale</i> Betrachtungsweise. +Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius +eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger +erhaben, wenn man nach Gesetzen spürt, unter denen sie sich offenbaren. +Bei dem Wunderwerk der Seele kann unmöglich eine Betrachtungsweise +erschöpfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte +neue Zauber kundgibt, so verträgt es wahrlich das Geheimnis der +"fünfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder +jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt. +Frei über die Seele reden kann ja schließlich doch nur der Künstler, der +in der glücklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bedürfen oder doch nur +von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem +Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen +Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bemühen, den +Leser möglichst ohne Fachlupe gleichsam mit bloßem Auge heranzuführen an +das Tatsächliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter +einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren.</p> + +<p>Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem +Spiel der Kräfte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz könnte man +daraus formulieren; zu einem philosophischen System könnte man ihr +Walten, die Idee von ihr ausgestalten!</p> + +<p>Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen +Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und +Widerstand auf das vorwärtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders, +als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die +durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie +anders wäre Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch +künstliche und bewußte Einschaltung von spezifischen Widerständen! +Vielleicht können wir überhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der +Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerstände und +die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in +Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizität in die Erscheinung, +wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerstände (Isolation)? Würde +das Licht ohne Existenz eines Äthers übertragbar, ohne das brechende +Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer +Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als daß die +rätselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Abstoßung in +bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre +"<i>vorgeschriebene</i> Reise"? Wohin wir sehen: Kräfte, Eigenschaften, +Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen können, und +Hemmungen, Widerstände, die wir erforschen, ja willkürlich verändern +können. Nur das Studium der Hemmungen enthüllt die Gesetzmäßigkeiten. +Erst die Herrschaft über die Widerstände gibt dem Menschen die +scheinbare Gewalt über die Kräfte oder übermittelt die Ahnung von ihrer +Gesetzmäßigkeit.</p> + +<p>So hat sich denn auch bei der rätselhaften Natur der seelischen Kraft +für die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der +Hemmung in der Seele als überaus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser +Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschränkung. Ich möchte +sagen, daß erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein +neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder +Richtung miteinander verhandeln können, ohne sofort bei der Frage nach +der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu +werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft äußert, +studiert, präjudiziert ja nichts über das Wesen, über Göttlichkeit und +Unsterblichkeit der Seele, nichts über Geisterwesen und Transzendenz, +sondern, da er das Bild nicht zu entblößen vermag, begnügt er sich an +dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft +vielleicht durch leises Betasten der dunklen Hüllen ihre Formenschönheit +zu ahnen. Freilich würde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach +die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet würden gleichsam durch +Kontreströme wiederum nervöser Natur, nicht viel Terrain gewinnen +lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nervöser +Kraft, die wir eben nicht enträtseln können. Wenn wir uns das Gehirn des +Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen +Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenstäubchen, +die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden Fädchen, den +Ganglien und ihren Fortsätzen, miteinander verbunden sind (wobei wir +denken müssen, daß dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Schädels +wunderbar zusammengefügt ist), und wenn wir annehmen, daß es Ströme und +Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe, +Handlungen auslösen—so ist es klar, daß niemals alle diese kleinen +Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate sämtlich zu +gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer reichen, +sondern wir müssen annehmen, daß immer nur eine oder sehr wenige Bahnen +frei sein können; alle anderen müssen im Augenblicke des Erklingens +einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein. Das ist genau so, +als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem andern Teilnehmer +sprechen kann, wenn alle übrigen tausend Nummern des Anschlusses für +mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich frei, die +Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere Wahrnehmungen, +Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich +aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen +Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die Tätigkeit +eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir +die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der +Hemmungslehre übersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe. +Es leuchtet ein, daß also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der +Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der +eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein +gültigen Lehre an, daß auch dieser Maschinenmeister nervöser Natur ist, +so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, daß +Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner +Ansicht nach in die Brüche. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das +Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche +Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der +Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Präsident unserer Seele in +den übrigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch +rätselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen +Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende Überlegenheit +beziehen. Solche Seelenquartiere über der Seele, solche Oberseelen +vermehren also meiner Meinung nach nur die Rätsel, statt sie zu +vereinfachen. Das wäre ein Spiel von Seelentätigkeiten, bei welchem man +niemals klar wird, wer nun eigentlich die Trümpfe in der Hand hält, wer +einschaltet und wer ausschaltet, dann gäbe es nur eine gänzlich +verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der +Seelentätigkeit würde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich muß es +mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der +Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und +muß mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begnügen, auch auf den +Mangel aller Analogie aus der Elektrizitätslehre hinzuweisen: erklärt +man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen für das Wesen der +seelischen Vorgänge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen +Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele über der Seele zu +fordern, und ohne zu behaupten, daß der in das Gehirn eindringende Reiz +gleichzeitig zur Erregung und Ertötung der Nervenströme dient. Dann +müßte also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen. +Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen +Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich +nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom +den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine +andere Betrachtungsweise, welche die hemmende Tätigkeit einem ganz +anderen System <i>nicht</i> nervöser Natur überweist, nämlich dem an den +Ganglien vorüberkreisenden Blute.</p> + +<p>Daß das Blutwasser tatsächlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie +wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es muß nur aufgezeigt +werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu +bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das +Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt. +Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle +isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter +Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und Rückenmarks, die +<i>Neuroglia</i>. Bisher war man der Meinung, daß dieses feine Maschennetz +bindegewebiger Fasern, in welchem die nervösen Apparate im Gehirn und +Rückenmark aufgehängt sind, eben ein Stützapparat sei, um welchen sich +die Ganglienketten wie Schlinggewächse, wie etwa Winden um +Drahtschlingen, stützend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die +Bahnen der ernährenden Blutgefäßchen trägt. Die Neuroglia sei, wie die +Wissenschaft sich ausdrückt: Stütz- und Nährgewebe. Dagegen spricht +mancherlei: vor allem die höchst komplizierte und differenzierte Form +dieses Abkömmlings des Bindegewebes. Stütz- und Nährgewebe finden wir +überall im Körper: es gibt ebenso, wie es ein knöchernes Skelett gibt, +ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie +hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln +und Weichteile sind aufgehängt gleichsam in fasergewebigen, +zähsträhnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange +hängt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. Überall in jedem +Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: <i>nur</i> im Gehirn +und Rückenmark ist dieses Stützgewebe von unerhört kompliziertem Bau. +Die Hirngefäße, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage +und Röhrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gefäßen +durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen +Gefäßräumen gehen unzählige Kanälchen an alle Gangliensysteme und liegen +in sternförmigen Umhüllungen, genau den Formen der vielgestaltigen +Ganglienzellen angepaßt, um die kleinen elektrischen Zentralkörper, etwa +wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen +und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind +füllbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden +kleiner Schwämme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun +darin, daß diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizität das +umhüllende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die +Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, daß ihr funktioneller +Füllungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und daß +ihr wechselndes Leersein das Überspringen der Seelenfunken begünstigt, +Mittels des Blutgefäßsystemes also vollzieht sich das, was wir vorher +Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben.</p> +<br> + +<p>Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der +Möglichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes +Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche +"Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise genügend Raum gegeben, hier +will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, nämlich die +Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewußtseinsformen +prüfen.</p> + +<p>Wäre also der gewissermaßen gefilterte Blutsaft von einer solchen +Beschaffenheit, daß seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre +Kontakte aufhebt, so müßten, wenn meine Anschauung richtig wäre, die +Vorgänge, welche Blutwasser im Gehirn plötzlich und ohne +Ausgleichsmöglichkeit anstauten, unweigerlich Bewußtlosigkeit zur Folge +haben. Denn denken wir uns überall um die Ganglien eine +Flüssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so müssen ja +die Assoziationen unmöglich werden, weil nirgends Erregungsströme +kommunizieren können. In der Tat: das ist der Fall. Dr. <i>Jordan</i> hat in +einer Arbeit über ein auf der Insel Java von den Eingeborenen geübtes +Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, daß von rückwärts her +dem Kranken am Halse beide großen Drosseladern fest zugedrückt werden. +Dann ist der Abfluß des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es +entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschnürung mit einem +Gummiring sich bildet: ein Übertritt von Blutwasser in die +Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn, +es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser, +es verliert die Fähigkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewußt zu +sein: der Betroffene liegt fühllos und bewußtlos, wie narkotisiert. Aber +es gibt noch andere Möglichkeiten zur Überstauung des Gehirns.</p> + +<p>Stürzt jemand so unglücklich, daß ein erheblicher Bluterguß sich +zwischen Schädelkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich +bildende feste Gerinnsel in ähnlicher Weise den Abfluß des Gehirnblutes +aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder +Überschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des +Ganglienkontaktes, Bewußtlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngefäß, +verkalkt und brüchig, unter einer plötzlichen Wallung beim sogenannten +Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher +Weise von innen her den Abfluß hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und +langdauernde Bewußtlosigkeit, die so lange währt, bis der Abfluß +reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung +anschlußfähig geworden sind, wobei die entstehenden Lähmungen auf +Rechnung der direkten Aufwühlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner +werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewußtlosigkeiten ohne +gehemmten Blutabfluß! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von +Bewußtlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund +dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den +erwähnten Fällen das Bewußtsein schwindet, weil eine komplette +Überschwemmung mit hemmender Blutflüssigkeit die Ganglien festbannt und +ruhigstellt, so ist es klar, daß auch noch auf eine andere Weise gerade +unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewußtlosigkeit denkbar ist, +nämlich die, bei der sämtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig +miteinander in Kontakt stehen. Das wäre so, als wenn plötzlich in einer +Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erklängen; auch dann +würde die Seele der Station, das Meldefräulein, wahrscheinlich jegliche +Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese +Form der Bewußtlosigkeit, welche sich also unter einer vollständigen +Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem +Anprall des Schädels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der +Gehirnerschütterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns, +ein nervöser Chok der Blutgefäße, sie erblassen, werden krampfartig +ausgepreßt, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gefäße, +völlige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller +sich nahe berührenden Ganglien. Bewußtsein ist nicht möglich, weil alle +Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern +und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese +Harmonielosigkeit ist eben Bewußtlossein unter Neurogliakrampf und +völliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns +nun das ganze Gebiet der Bewußtlosigkeiten, vom Schwindel bis zur +Ohnmacht, die bei Hirnerschütterung, beim Chok und bei allen +erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei +denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen +der Bewußtlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. Während bei den +Formen der Bewußtlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht +durch Schreck und Schmerz) Krämpfe und Herzflattern, flache Atmung und +Gesichtsblässe, weite Pupille und Muskelzittern das Bild +vervollständigen, sehen wir bei der Bewußtlosigkeit durch +Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe, +schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung +treten. Mangelndes Bewußtsein aber in beiden Fällen: einmal, weil alle +Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie +wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes! +<i>Albert</i>, einer der bedeutendsten österreichischen Chirurgen, hat in +seinen berühmten Hämmerungsversuchen am Schädel trepanierter Tiere nicht +eher Bewußtlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgefäße in Krampf +und Entleerung durch Reflex gerieten. Und <i>Deutsch</i> in Wien sah bei +einem Kinde mit traumatischem Schädeldefekt und freiliegendem Gehirn bei +jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele +Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung während der +Operation, daß das Gehirn in der Narkose blutüberfüllt sei, andere +behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch +meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt +eben zwei Formen der Bewußtlosigkeit: eine hyperämische mit komplettem +Blutüberschuß und eine anämische mit komplettem Blutmangel.</p> + +<p>So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des +Schlafes und der schlafähnlichen Zustände gegeben werden, welche +befriedigen dürfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der +Neurogliatätigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia, +ursprünglich ausgelöst durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen +durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewußtseins für +Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsvermögens für unsere +Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutfüllung der Hirngefäße und +der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des +Gefäßherzens, durch einen Akt der Gefäßmuskeln, welche sich erweitern +und damit buchstäblich die hemmende Tarnkappe über die Gangliensysteme +stülpen.</p> + +<p>Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der +Schlaf keine völlige Aufhebung des Bewußtseins erzwingen kann. Da nur +die jüngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen +Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett füllbaren +Neurogliamaschen umhüllt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf +die tiefen, unterbewußten und automatischen Gebiete unseres +Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind, +erstrecken. Mein Ichbewußtsein ist im Traum völlig wach, meine +Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in völlig von der Logik +ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle +Arten von Außenweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende Tür, ein +Schuß, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise +und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem +Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer +von neuem zu schütteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch +unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gemächer unserer Seele. +Ströme, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der +Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich +erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht +Gegenstände unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten +Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht für den Augenblick +übertönen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei +Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des +Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein +Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen läßt, ist gewöhnlich +kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die +verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der +Bildnerin Phantasie die bunten Fädchen in die Hände spielen.</p> + +<p>Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen +Bewußtseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung wühlenden, +umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses +Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen +mit Flügeln und Flossen, Schuppen und Höckern entstehen, bis gespiegelte +Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer +ganz tief schläft, träumt nicht, natürlich: weil die Hemmung zu fest die +Tasten niederdrückt, als daß ein Nachtelfchen der Idee über die +Klaviatur dahinhuschen könnte.</p> + +<p>Während also im Wachzustande die Registerzüge und Stimmentaster unserer +Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener +Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei +der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen +Spiel der Gefäßverengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des +Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da +ein leiser Akkord unter dem Dämpfer der Hemmung auf. Während dem wachen +Gehirn die Reize von außen in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen +der Ganglien zugeführt werden und sich in elektroiden Anhäufungen zu +Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden +Reiz sein seelisches Äquivalent entspricht, entstehen im Schlafe die +Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen +ohne Ausgleich, wie gefangene weiße Mäuschen, im Gehege und Gitterwerk +der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine Lücke, ein Spalt von der Hemmung +freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Träume immer vor und +zurück stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede +Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden +Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, daß der Hemmungsfortfall in der +zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem +psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, daß wir unsere +Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert +dieses Etwas uns. Das was wir "bewußt aufmerken" nennen, ist das Gefühl +von dem Zug und Zügel, welches die Dinge an unseren Nervenfädchen +ausüben.</p> + +<p class="poem">Auf den feinsten Nervensaiten<br> +Prüft ein Spielmann sein Gedicht,<br> +Wohl fühlst du die Finger gleiten,<br> +Doch den Spielmann siehst du nicht!</p> + +<p>Dieser große Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein, +wie die unfaßbare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge +auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob +ohne Draht und Nervenfädchen. Die Seele des Menschen gleicht einem +Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die +Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht, +Ätherwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt +wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen, +welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie +in den Saiten einer Äolsharfe entgegengespannt sind, und können nur in +uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem +ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die +Frühgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den +höchsten seelischen Funktionen, die Widerstände aufzufinden, unter +welchen die Seele dieses tut und jenes läßt: das ist einzig, ohne +vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand +naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit +zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und +Schöpfer dieses Weltsystemes ist.</p> +<br> + +<p>Für mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen +Außerbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir +Ganglien nennen. Ein Dämpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel +gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der +Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr. +Die diesen Reiz übermittelnden Nervenfasern gehören nicht zum +Zentralnervensystem, sondern sie gehören zu dem Sonnengeflecht des +Sympathikus und zu seinen Abkömmlingen, welche überall die Gefäße vom +Herzen bis in die feinen Ästchen des Lebens umranken. In den Ausläufern +des Hirngefäßsystemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders dazu +gebildetes Gewebe durchtränkend die Ganglien an gegenseitigem Kontakt +verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der, +entwicklungsgeschichtlich gedacht, früheste Nerv, die erste in der +Tierreihe auftauchende Andeutung eines nervösen Apparates, der +Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu +einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des +Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und +erhabensten Gedanken eines schöpferischen Gehirns werden in Schranken +gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden +und schützenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus! +Hier liegt die einzige, anatomisch begründete Grenzscheide zwischen +Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit +die Hemmungen fortfallen, welche der lebenfördernden Harmonie der +seelischen Erregungen übergeordnet sind. Die Psychiatrie weiß genug zu +berichten von der Entgötterung der menschlichen Seele, die Platz greift, +wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese +Anschauung auch Aufschluß gegeben über die Natur des Temperamentes, +indem danach sehr wohl eine geringere oder stärkere Hemmungsfähigkeit +des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache für die +größere oder geringere Schnelligkeit der Auslösungen seelischer Kontakte +sein kann. Ja diese Anschauung versöhnt einigermaßen die Wissenschaft +mit der tief in allen Völkern lebenden Vorstellung vom "guten und +schlechten Herzen" als einem Teil seelischer Tätigkeit. <i>Das Herz ist +danach nicht so unbeteiligt am Gemüts- und Seelenleben, als man +gemeinhin denkt.</i> Nicht nur, daß seelische Erregungen sich nachweislich +dem Herzen mitteilen, sondern auch die Tätigkeit des Herzens und die +Beschaffenheit des Blutes hat danach verständlichen Einfluß auf unsere +Allgemeingefühle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist +also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie überhaupt die Sprache ja oft +für den Hellhörigen die alleinige Verräterin tiefster, geheimnisvoller +Vorgänge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da +sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer groß +ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zustände mit der krankhaften +Veränderung der Blutsäfte! Schritt für Schritt können wir in der +Pathologie verfolgen, wie der Gemütszustand direkt in Abhängigkeit steht +von der Beschaffenheit der <i>Blutmischung</i>. Wie fein reagiert das +Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverhältnisses der +einzelnen Komponenten! Die Vorgänge dabei sind viel zu plötzlich und +reflexähnlich, als daß sie allein durch eine chemische Alteration +erklärt werden könnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine +Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine große Freude +reißt mit der Erhöhung des Blutdruckes im Gefäßsystem und der +Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom +Antlitz unseres vergrämten Gemütes. Der Gefäßnerv (Sympathikus) und die +durch ihn erzwungene wechselnde Fülle der Neurogliazotten läßt eben die +Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination +vor sich gehen.</p> + +<p>Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliafüllung in +Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen +Schlüssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur +gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches +Grundgefühl für Rhythmus und Gegensätzlichkeit, für Dualismus, für die +Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen +Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien, +gegeben, da sie ursprünglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn +pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster +Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend +zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim +Nachlaß und Abströmen des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder +bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird +dabei reguliert vom Spiel der Gefäßnerven, welche, das muß immer wieder +direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus +angehören, der einen gleichsam zwischen Hirn- und Rückenmark +eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den +Millionen Pfaden der Sinnesstraßen strömen unaufhaltsam und +ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den +unzähligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den +Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia +stromdurchlässig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System +zu System, immer die Lücken erhaschend, welche die geschwächte Hemmung +offen läßt. Das ist die Bahnung, die Übung, die Einschleifung in meiner +Auffassung. Darin, daß die Öffnung und Schließung dieser Bahnen +rhythmisch erfolgt, liegt der Grund für die Rhythmik unseres Tuns und +Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung +unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur schönen Linie, zur +Architektur, genug zur Gesamtästhetik. Denn im Grunde ist alles das +meinen Sinnen wohlgefällig, was ihrem natürlichen Rhythmus von +seelischer Ein- und Ausschaltung sich einfügt, und unlustgebend +dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, daß der +ästhetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus etwas +durchaus Persönliches, an mein Temperament, an meine +Apperzeptionsfähigkeit in einer gewissen Zeiteinheit, nämlich der +zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich +kann hier natürlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit +von 60 Schlägen in der Minute der Mensch sein Zeitbewußtsein hergeleitet +hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr +Ticktack schlug, genau so, wie er den Fuß und das Fingerglied zum +Raummaß und die fünffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem +ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus +unter den allerverschiedensten Einflüssen schwankt, wie die Wirkung von +Mensch auf Mensch direkt am Pulse meßbar wird, so versteht man besser +als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung +eines persönlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuhörer oder +Beschauer völlig in den Bann des Schöpfers schöner Rhythmen zwingt. Das +Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein mächtiges fremdes, die +Seele neu erfüllendes Durchwogen und Durchglühen ist eben die Quelle +jedes echten ästhetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz +dauernd sehnt.</p> + +<p>Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist +von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein +Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen +Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer +rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen, +naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewußtseins abgibt, so +muß es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyperämie im Gehirn möglich +sein, Schlaf und schlafähnliche Zustände zu erzeugen. Nun, das +Streicheln, das Wiegen, das Kämmen, das Fixieren, das Zählen, das Ticken +der Uhr—das alles sind deshalb schlaffördernde Mittel, weil vermöge der +gleichmäßig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter +Übergewicht über die Zellaktion erhält, je mehr durch Konzentration auf +einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch +der nächtliche Schwärmer schließlich immer dieselbe Geschichte erzählt, +ehe sein müdes Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so läßt +der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverstärkung das +Bewußtsein seitlich ringsumstellen und von den Häschern flüchtiger +Gedanken umgeben. Alle Vorgänge eben, welche geeignet sind, dauernd die +Neurogliazotten in Erweiterung und Füllung zu halten, bringen +Kontakthemmung und bei längerer Dauer den Schlafzustand, also auch die +<i>reflektorische</i> Gefäßweite. Alle schlafähnlichen Zustände können auf +<i>mechanische</i> Weise einheitlich erklärt werden, selbst Morphium und +Chloroform wirken zunächst nur als Entfalter einer durchaus +physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol +im Beginn Gefäßverengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte +Anschlüsse, spielende Gedankenflucht über alle Problemhöhen und -tiefen, +und mit der Leichtigkeit der Auslösung von Ganglienfunktionen eine hohe +Steigerung des Ichgefühls hervorbringen, erst dann mit der allmählichen +lähmenden Erschlaffung der Gefäße, in welchen das Gift kreist, die +Einengung und Abblendung des Bewußtseins zuwege bringen, so daß der +künstliche Schlaf so auf ein Haar dem natürlichen gleicht. Man hat eine +allzu übertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten +Hirnstruktur, wenn man meint, daß z.B. eine Auslaugung des Fettes aus +den Hirnzellen durch das strömende Chloroform der eigentliche Grund der +Narkose sei, wonach also das Bewußtsein ausgewischt würde, etwa wie ein +Fettfleck durch Benzin. Träte wirklich das Gift ohne diesen segensvollen +Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch +aktive Substanz heran, so wäre stets eine direkte Verleimung des +Gehirns, die Zertrümmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die +Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr +Gift im Körper kreisen zu lassen braucht, als gerade genügt, damit das +Spiel des auch im natürlichen Schlaf tätigen Mechanismus ausgelöst +werde.</p> + +<p><i>Eine</i> schlafbringende Ursache will ich noch erwähnen, welche allen +Schlaftheoretikern große Mühe gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim +Erfrieren. Soll hier, während ein vor Frost erstarrender Organismus +langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden +Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so +frisch und wach machende Abkühlung der Haut hier ausnahmsweise höchste +Müdigkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im schönsten Einklang mit +unseren Vorstellungen, daß durch allseitige extremste Verengerung der +Blutgefäße in Haut und Gliedern die inneren Organe blutüberfüllt und +damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein muß? +So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder +Abkühlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch +Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, daß die der Abkühlung schnell +nachfolgende Blutfülle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert +und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir, +warum man im dauernd kühlen Zimmer besser schläft als im überhitzten, ja +sogar, warum wir beim Umwälzen der Bettdecke von der Kühlung der Haut +die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch +erklärt es sich, daß die Inanspruchnahme großer Blutmengen zur Verdauung +bei überfülltem Magen das Gehirn blutärmer und darum aufgeregter und +ruheloser macht und daß irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen +aus dem Gehirn unruhiges Träumen zur Folge hat.</p> + +<p>So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der +Giftwirkungen immer zwischen Erregung und Lähmung hin und her schwankt, +weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die Tätigkeit +der Neuroglia, welche wie ein schützendes Filter vor den feinsten Teilen +des eigentlichen Räderwerkes ausgespannt ist. Wäre die pathologische +Anatomie nicht allzusehr im Banne von der Stütznatur der Neuroglia, sie +hätte schon längst vielleicht näheren Aufschluß über die +Funktionsstörungen als Folge primärer Neurogliaerkrankungen geben +können. Wenn Füllung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung +usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen geprüft sein +werden, dürfte auch für die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer +vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden +können. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die Möglichkeit +der direkten Durchspülung der Neuroglia vom Blutgefäßsystem, die Wirkung +des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirnödems, +der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die Möglichkeit, daß man +durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzlösungen in das +Venensystem, mit der Schaffung einer künstlichen Plethora zusammen mit +dem nachfolgenden energischen Aderlaß überall im Körper, also auch im +Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorgänge anregen kann, steht für mich +schon heute außer allem Zweifel.</p> +<br> + +<p>Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen +bedurfte es, um einigermaßen im Rahmen dieser locker gesammelten +Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter Rücksichtnahme auf +diejenigen Leser, welche nicht genügend Physiologen sind, wodurch meine +Definitionen leider schwerfällig und unbeholfen werden mußten. Ich kann +mich dafür aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden.</p> + +<p>Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes muß meiner Meinung nach jede +Beantwortung <i>beide</i> Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie +die körperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine +Definition wirklich erschöpfend sein dürfte, und weil beide Formen der +schmerzhaften Bewegungen in unserem Körper eine große Fülle von rein +physischen Berührungsflächen darbieten; ich erinnere nur an die +mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und +körperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an +die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an +Pupillenvergrößerung in seelischer <i>und</i> körperlicher Angst und an +andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzustände, um die +Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begründung zu betonen. Was +nützt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele +Neurologen, mit der Ansicht uns begnügen wollten, daß der Schmerz eine +ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, daß also in unseren seelischen +Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam +Wächterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art +übernehmen? Abgesehen davon, daß man auf diese Weise notwendig zu dem +tief pessimistischen Prinzip einer Schöpfungstheorie kommt, die den +Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt, +wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch +des Erzengels einige Berechtigung gäbe, abgesehen von dieser kühnen und +gefährlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz +ausgeliefert und vorbestimmt, läßt die Lehre von der Spezifität der +Schmerznerven eben den psychischen Schmerz völlig in der Luft schweben. +Aber auch sonst läßt sich vieles gegen eine solche Anschauung +vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur +Schmerz leitender Nerven—spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z. +B. der Sehnerv nur Licht leiten kann—will ich eine Beobachtung +anführen, welche ich als erster bei Operationen unter meiner örtlichen +Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche später häufig, so namentlich +von <i>Lenander</i> in Stockholm, bestätigt ist. Als ich am Bauchfell +operierte ohne Narkose bei vollem Bewußtsein des Patienten unter +Anwendung nur örtlicher Betäubung, bemerkte ich, daß das normale, +blasse, nichtentzündliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne +Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, daß aber nach wenigen +Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger +Rötung Schmerz auch gegen leiseste Berührung auftritt. Ist der Schmerz +ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgefühl, wie ihn die +moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so müssen in einer Spanne +Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen können, denn Körperzonen, +die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den +Händen. Hier ist mit der Annahme, daß der Schmerz nur auf vorgebildeten +Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im +Bauchfell gänzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch +gewinnt es bald die Fähigkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen +annimmt, muß sich vorstellen, daß diese Leitungsdrähte des Wehgefühls +innerhalb der Bündel der hinteren Rückenmarksnerven zusammen mit den +anderen Strängen für das Tast-, Wärme- und Muskelgefühl verlaufen, und +müßte unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen Bündel +auch als eigentliche <i>Schmerzzentren</i> im Gehirn nachweisen. Hier aber +gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines +Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die +Neurologen so ausschließlich als den Sitz der allgemeinen seelischen +Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch +eigenen Beobachtungen, daß das Gehirn selbst absolut ohne +Schmerzempfindung ist. Der berühmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der +Hirnhäute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht +mehr dem eigentlichen Gehirn angehört. Es würde also bei diesen +gewichtigen Einwänden gegen die Theorie von der Spezifität der +Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifität nicht bedürfte und +doch alle bekannten Phänomene des Schmerzes verständlich zu machen +vermöchte, entschieden den Vorzug verdienen.</p> + +<p>Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem +Hemmungsmechanismus geben zu können.</p> + +<p>Der Schmerz ist ein Allgemeingefühl der Unlust. Ist der gleichmäßige und +harmonische Ablauf der gesamten Körperfunktionen die Quelle vom Gefühl +der Gesundheit und der Lust, so muß bei den Unlustempfindungen dieser im +naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftströmungen im +Organismus gestört sein. Schon das besondere rein funktionelle +Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gefühlte +Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, daß er die +seelische Orientierungsspannung von der Außenwelt weg auf eine Lokalität +des Körpers zurückzulenken zwingt, Störungen des Allgemeingefühls im +Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gefühl der Fülle im +Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken, +kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung +hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr, +Kribbeln in der Haut, kann bei längerer Dauer mit dem Gefühl der +Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. <i>jeder +Funktionsstörung ist der Gedanke an eine nahende oder doch mögliche +Gefahr assoziiert</i>. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur für Licht +empfänglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder +Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die +auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen +seelischen Stoß, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen +Sinnesorgane können wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im +Gehirn und Rückenmark auslösen. <i>Schmerz aber vermögen nur die +Nervenbahnen zu leiten, deren Berührung an sich normaler</i>weise +<i>Tast</i>gefühle auslöst. Das sind die sensiblen Nerven und der +Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen +nervösen Häuten und der Körperhülle Platz gefunden hat. Wann entsteht +nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch +die abnorme, gehäufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist, +Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen +nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation +gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Annäherungen und +Sprengungen, durch seitliches Überspringen und Defektwerden der +Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgelöst werden. <i>Der +Schmerz ist ein Kurzschluß elektroider Spannungen im Nervensystem</i>. +Drücke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unzählige +Tastkörperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zunächst Kribbeln und +Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der +Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck +und in ganz gleicher Weise bei Ätzung und Brand ein Defektwerden der +Bindegewebshüllen der Nervenapparate, welche hier genau der Funktion der +Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich störe den +Isolationsmechanismus, so daß seitlich elektroide Funken überspringen. +Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h. +gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form +und Intensität, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt +ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und Gefahr, +dieses Anzeichen der beginnenden Läsion der peripheren +Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgefühl durch irre geleitete Reize +im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser +Kurzschluß der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist +um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig lädiert sind oder je +dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenhülle defekt wird ganz +gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also plötzlich in der Zentrale +turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ertönen, entsteht eine +Unfähigkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust, +welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den +Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in gänzlich ungewöhnlicher Richtung +ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu +Affekthandlungen, oder wenn diese selbst übertönt werden, zur Ohnmacht +und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal völlig +jungfräulichen Boden, und es spricht gewiß für meine Auffassung, wenn +seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum +zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert über das, was nun kommen +wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen könnte, ist oft größer, +als die Klage über den Augenblicksschmerz allein ausfallen würde. Wäre +der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so wäre nicht abzusehen, +warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden +Schmerzes relative Gewöhnung bei Wiederkehr auch nach längerer Zeitpause +beobachten läßt, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen +spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, daß man von zwei +Schmerzen stets nur den stärkeren wahrnimmt, spricht gegen die Theorie +der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer Farbe alle +Nüancen gleichzeitig wahrnehmen. Die große Summe der +entwicklungsgeschichtlich eingeübten und koordinierten Reflexe einer +schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung, +zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der +Schließmuskeln aller Art beweist, daß die plötzliche Überladung gewisser +Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso plötzlichen +Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn drängt: ein +Schrei, ein Stoß, ein starrer Blick, die fahle Blässe des Gesichts, sie +alle sind der Beweis für das Bestehen einer blitzschnellen, +kurzschlußartigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der +Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung +zum Atmungszentrum, schon plötzliche Abkühlung, durch die Dusche etwa, +bringt tiefe Atemzüge und Neigung zu Stimmbandschluß und stoßartiger +Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der +Atmung, einschließlich der Mund- und Nasenöffner, womit der mimische +Anteil an der Schmerzwirkung erklärt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja +jede Erregung läßt die Pupille weit werden, um dem vielleicht +hilfreichen Licht die ganze Fläche frei zu geben, und ein schnell +pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion +gleichsam sprungbereit durch Heranwälzen der Ionen des Sauerstoffes +auszurüsten.</p> + +<p>Ich würde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gestörten +Hemmungsmechanismus für die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen, +wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute +Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir täglich aufs neue zu beweisen +geeignet ist.</p> +<br> + +<p>Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die +Infiltrationsanästhesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser +Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr +überall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige +Berücksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die Lösung, +mit welcher ich örtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine +Flüssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation, +die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu +verstärken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunfähig zu +machen. Ein anästhetischer Mückenstich, wie ich ihn mit meinen +ungiftigen Lösungen in der Haut anlege, läßt die einzelnen Nerven +durchaus tastleitungsfähig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in +jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den +Schmerz macht, den seitlichen Kurzschluß der Nerven, durch +Hemmungsverstärkung unmöglich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven +einen Dämpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am +Rückenmark direkt mit bewunderungswürdiger Kühnheit wiederholt hat, ohne +daß wir die Nervensaiten selbst irgendwie lädieren oder gefährden. Es +wird für mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, daß ich +diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der +Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines +Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens. +Professor Bier hat auch den Nachweis geführt, daß in der Tat das Blut +den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einfluß auf die peripheren +Nerven hat, und ich selbst habe schon früher angegeben, daß Übertritt +von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. ödem) unter Umständen genügt, um +die Nerven sämtlich für Schmerz leitungsunfähig zu machen. Alle diese +gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene +Deutung zu, und wir haben nur nötig, diese an der Peripherie des Körpers +gewonnenen Erfahrungen auf das Gefüge der Zentrale im Nervensystem zu +übertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim +psychischen Schmerze zu gewinnen.</p> + +<p><i>Auch in der Seele gibt es einen Kurzschluß elektroider Spannungen.</i> +Auch hier enthält die unsere Seele brutal überfallende maximale +Anspannung, die nach dem Äquivalenzgesetz der Kräfte ebenso materiell +wirksam sein kann wie eine äußere Gewalt am Leibe, übergroße Ladungen im +Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den +Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen +explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel für +solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist für mich diejenige +Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im +Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen +von nicht auflösbaren Spannungen statt, nicht auflösbar, weil die narbig +verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nervöser Kraft die +Hemmung entgegenhält. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu +einer Höhe, daß sie den Wall durchbricht, so brausen in die +unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der +elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall löst sich aus, +verstärkt durch den Chok der Gefäße, der seinerseits allein, wie wir +sahen, das Bewußtsein schwer zu alterieren vermag.</p> + +<p>Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzauslösung, wenn wir eine +Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere +Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Glück greifendes Moment erleben. +Die Spannungen in der Phantasie, welche schließlich stärker sind als +jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie +einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und +brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gefühl des +Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen +Obstruktion des körperlichen Schmerzes findet die Entladung in +Schluchzen und Tränenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und +Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen +aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektströmen einen Damm +entgegenwölbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden +Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung +resultieren.</p> + +<p>Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchstäblich erröten +und erblassen.</p> + +<p>Ich bin am Ende meiner Ausführungen und schließe mit Zagen, daß ich es +gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen +Hemmungen umfaßt, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen. +Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptzüge +dieser, wie ich zugebe, kühnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese +zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des +Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu führen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="DER_SITZ_DER_SEELE"></a><h2>DER SITZ DER SEELE</h2> +<br> + +<p>Als der Zeitgenosse Friedrichs des Großen <i>La Mettrie</i> seinen berühmten +Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, daß dieser +kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich +verbreiteten, aber ganz unsäglich öden Weltanschauung werden sollte: des +jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das heißt: der Lehre +von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer +Probleme. Ähnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der +Persönlichkeit Christi aufzulösen meinten in platt-alltägliche, nur +durch die Phantasie der Gläubigen verzerrte Begebenheiten, so war für +die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist, +Seele, Gemüt, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der +nervösen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie +Niere, Leber und andere Drüsen die Abfallstoffe des Heizmaterials +unserer menschlichen Maschine abstoßen (sezernieren), so sezerniert der +Wunderball in unserer Schädelkapsel einfach ein luftiges Etwas und +dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens!</p> + +<p>Nicht drastischer läßt sich die Kümmerlichkeit dieser Weltanschauung, +die man besser eine <i>Weltblindheit</i> nennen könnte, darstellen, als mit +dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein +Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele +Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie nämlich +rundweg diese Fragen für der Wissenschaft nicht zugänglich und für +keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erklärten, womit dann die +Exaktheit gerade da aufhören müßte, wo das Interesse für jeden +Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht +nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage: +"woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort.</p> + +<p>Ich will versuchen nachzuweisen, daß es auf diese Frage eine leidlich +befriedigende Antwort gibt. Nämlich aus der unumstößlichen Wahrheit +heraus, daß die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich +antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus +vorangegangenen Irrtümern entsprungenen Frage gegenüber ist sie, die +Gütige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verblüfften und +verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett +gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die +sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten mögen. Fragt +man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding +ist, das aber trotzdem vielleicht überall und ewig ist, so muß die +Antwort eine kindliche, närrische und törichte sein. Und doch ist es ein +Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache für Unzählige: die Seele +sitze im Gehirn! Prüfen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich +halten läßt.</p> + +<p>Es ist Tatsache, daß viele unserer seelischen Fähigkeiten, z.B. die +Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten +Bezirkes des Gehirns; daß Geruch, Geschmack, Gesichtssinn, +Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind +durch Verletzung oder organische Zerstörung ganz umschriebener, oft nur +pfenniggroßer Teile unseres Gehirns.</p> + +<p>Es kann nimmermehr bestritten werden, daß diese Teile den Mechanismus +bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch +unzählige, untrügliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am +Krankenbett, ist festgestellt, daß ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine +Seele einfach nicht vorhanden ist.</p> + +<p>Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre +geschlossen, daß Gehirn- und Rückenmark der Sitz aller seelischen +Funktionen sein müsse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der +Beobachtung ständige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer +Funktionen. Es wäre eine Torheit, an diesen Tatsachen zu rütteln, aber +die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung +vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer +zugehörigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, daß +diese Stelle des Gehirns allein diese Fähigkeit produziert. Es kann +vergleichsweise die Durchschneidung eines Bündels von Telephondrähten +einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch +bleibt die Zentrale unberührt. So könnte auch das Sehen, das Sprechen, +das Hören und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion +scheinbar verletzenden Läsionen der sogenannten Zentren könnten nur +zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nervöser Tätigkeiten +treffen, welche ihre unzähligen letzten Ursprungsquellen weit über das +Gehirn verstreut haben könnten. Diese Überlegung ist von großer +Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erklärt wird, warum solch +Verlust des Sehens, Hörens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht +immer ein dauernder ist. Denn es ist unumstößlich wahr, daß Hunde, denen +man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder +sehen "lernten", und es muß ein schlechter Beobachter sein, dem nicht +auffiele, daß Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche +Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch +die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln, +verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation—die Leitungen (wohl +gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus +diesen und zahlreichen anderen Gründen hat man die Theorie der +Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der +Universalität der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede +Ganglienzelle durch Übung schließlich zu jeder Funktion wesentlich und +stellvertretend herangebildet werden kann, so daß also nach dieser +Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen +Funktionen anzusprechen wäre. Mir scheint es, als wenn in der +Lokalisationslehre nur die Zettelchen von <i>Lavater</i> und <i>Gall</i>, die +diese auf das Schädeldach klebten, allzu kühn nunmehr auf das Gehirn +selbst aufgedrückt würden, daß also keineswegs der Nachweis +lokalisierter Seelentätigkeiten irgend etwas über den Sitz dessen, was +wir Seele nennen, aussagen könnte. Sagt man aber nun: so ist eben das +Gehirn und Rückenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann +gehört zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und +nervösen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem +kleinen Finger, wie in der Nase.</p> + +<p>Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, für welche man Herde im +Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was +wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu gehört vor allem die ganze Skala der +Allgemeingefühle, Lust, Schmerz, Gemüt, Phantasie, Logik, Willenskraft +usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises +dafür erbracht, daß auch diese, wesentlich seelischen Funktionen +irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder +Rückenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das +Gehirn, das doch der Herr der Gefühle sein soll, in sklavischer +Abhängigkeit von jeder Verdauungsstörung, vom Stoffwechsel des übrigen +Leibes, von Störungen und rein vitalen Veränderungen aller Art. Wenn man +nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge faßt, daß z.B. das +Herausschneiden der gesamten Schilddrüse, welche um die Luftröhre +gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen +wäre, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall +sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allmählich die +Hirnfunktion erlischt, so erfährt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele +im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Stoß. Ebenso wie also +irgendein Zentrum nötig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch +dringend der Schilddrüsensaft vonnöten. Also auch hier, in einer Drüse, +sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.—Ferner:</p> + +<p>Wenn wirklich alle Eindrücke, die man empfängt, zu den Gehirnganglien +geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und +Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die fünfzehn +Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch +Tausende von Außenweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr +durcheinander brausen, als würden die Tasten einer Orgel alle +gleichzeitig niedergedrückt? Das ist nur möglich durch Hemmungsvorgänge, +welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so daß, wenn eine +Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist +im Innern des Schädels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich +auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind. +Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also +unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die +Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellentätigkeit ist, so wäre das +Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nervöse +Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes +oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden +wird.</p> + +<p>Ich selbst bin der Begründer einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und +Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem +Blutsaft und dem Herzen, so daß ich hier zum Bekenner eines alten +Volksbewußtseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche +menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher +Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur +höhnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollgültigsten Beweise +dafür erbracht, daß das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert +und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was für den +elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als grüne Seidenhülle um +den Kupferdraht bekannt, darstellt.</p> + +<p>Es würde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis +erbringen, daß ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenfäden und +Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein Stützgerüst, an dem +die Nervenzellen ranken. Es ist für mich unumstößlich, daß die mit +Blutsaft gefüllte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abhängigen +Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erwähne +ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, daß unmöglich das +Gehirn und Rückenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele +bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der +Traum, die Narkose als aktive Tätigkeit der Seele verständlich, wie ich +das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bemüht habe, erst mit ihr +wird die Phantasie, das Unterbewußtsein, die Lehre von den Affekten und +Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann +wird es ganz und gar hinfällig, der Seele einen bestimmten Wohnort im +Leibe zuzusprechen, dann ist sie überall bei uns zu Haus, in den Nerven, +in dem Blute, in den Drüsen, in dem Sonnengeflecht, und wird von +unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit +des Gehirns.</p> + +<p>Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele für sich; in der Republik, dem +Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe +bilden, hat jeder winzige, mikroskopische Bürger einen Hauch der +belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die +Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat für sich +zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur +ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als +Thronsessel der Königin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer +Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines +Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser +ebenso zugeteilt werden müssen, wie diesen Prätendenten einer angemaßten +Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der +Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die +Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die +Künstler formulieren, fällt die Frage nach seiner Seele von selbst +zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle +Probleme, und hier mündet eben die Frage nach der Seele ein in das große +Rätsel des Lebens überhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel +wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke über die Seele ist eins +mit dem Gedanken über das Leben.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="INSTINKT_UND_SPIEL"></a><h2>INSTINKT UND SPIEL</h2> +<br> + +<p>Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen +Spürsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der +schöpferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein +armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines +dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des +Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl +der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Krönung des +Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine +beantwortet den Reiz, den auslösenden Anstoß stets in derselben Weise, +zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der +lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willkür, eine Freiheit. Aus +einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an +solche Zellen ist das höchste, wie das niedrigste Leben geknüpft; denn +geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtkäfers nicht +minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies! +Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis +zur Feinfühligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der +menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der <i>Nervus +Sympathicus</i>, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der +Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation +chaotischer Bewegungsmöglichkeiten. Nach ihm kam Rückenmark und +Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein +Geringerer als Goethe sah, daß das Schädeldach ein entwickelter Wirbel +sei, und die Hülle mußte sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der +Rückenmarksäule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte. +Dessen jüngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres +Bewußtseins. Ein jeder von uns trägt also in sich die organischen +Niederschläge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe für Stufe +aufsteigend alles das bewußt, was jetzt unbewußt, automatisch gleichsam +"von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische +Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien +unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewußten Gehirnteilen +muß also ein sich selbst überlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester +Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gefühle stammen, die wie +dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele. +Diese fernen, unterbewußten Triebkräfte, das Resultat der Daseinskämpfe +aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit +dem Namen "Instinkt" belegen.</p> + +<p>Wahl also, das bewußte Gefühl, so oder so zu handeln, steht dem "Muß" +gegenüber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewußtsein +entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ <i>Kants</i>, das +Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorwärts +gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, daß +wir entwicklungsfähig ("vorbildlich" Kant) werden können, andernfalls +wir als lebens- und entwicklungsunfähig abzutreten haben vom Schauplatz +des immer spielenden Dramas: Leben.</p> + +<p>Wir vermögen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen +Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein +organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewußt +denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens +anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist.</p> + +<p>Um ein Bild aus der Elektrizität zu geben,—wir denken und sinnen mit +willkürlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte +aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und +Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu nötigen +Anschlüsse sind ein für allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie +sind in den Händen einer abgeschlossenen Hemmung.</p> + +<p>Wenn wir dem ebengeborenen Säugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust +erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen; +wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich +seine Pupille: das Getriebe der nervösen Reize hat keine andere Wahl, es +muß die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise +auslösen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angewöhnten Reize stets +dieselben Bahnen entlang durchlaufen müssen, weil alle anderen +Möglichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die +Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer +Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die +zweckmäßigste und immer wiederkehrende für uns erlernt haben. Die +automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als +die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgemäßesten herausgestellt, und +sie gehören zu dem definitiven Bestande unseres nervösen +Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer +dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nervöse +Nebenleitungen unmöglich machte. Daß wir niesen, erbrechen, lachen +müssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind +zwingende Beweise für die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus +definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten +Wasserstrahl, das Verschluckenmüssen selbst gefährlicher Gegenstände +(Münzen, Gebisse, Gräten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben, +der Lidschluß bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit höchster +Willenskraft nicht hemmen können, weil das Spiel der Kräfte eben für +diese Aktionen unabänderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter, +aber irrtümlicher Glaube, daß man unser ganzes Seelenleben in dieser +Weise meint auflösen zu können in die eine Frage nach den +Reflexbewegungen. Für weniger elementare und kompliziertere Handlungen, +für unser Gedankenspiel und für unsere Empfindungen kommt eben noch ein +anderes, uns die Freiheit des Willens aufnötigendes Etwas hinzu. Liegt +vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es +unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen +lassen und habe dabei stets das Gefühl ganz freier Wahl, zu tun, was mir +beliebt. Gegenüber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das +Gefühl der Freiheit, mich für dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu +entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize +nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb.</p> + +<p>Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei +Quellen: Aus einer bewußten, kontrollierbaren und aus einer nicht +kontrollierbaren, unter- oder unbewußten Auslösung von Reizen. Antriebe, +deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns +beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei große Gruppen, denke ich, +sollte man die Instinkte, die unterbewußten Antriebe zur Handlung +einteilen: In solche, welche uns überkommen sind, aus früheren Stufen +der Entwicklung, welche also gewissermaßen Rückschlagtriebe aus einer +früheren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der +unaufhaltsamen Vorwärtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen.</p> + +<p>Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden +(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus, +d.h. sie können die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener +Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese +ausgelösten Willensaktionen können uns persönlich nützlich oder +schädlich sein, sie können aber auch für die Entwicklung der Menschheit +als Ganzes fördernd oder hindernd, also erhaltungsgemäß oder +entwicklungshemmend sein.</p> + +<p>Wo könnte der Seelenforscher für das Überkommene und Eingeborene tiefere +Züge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen, +dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber +ist des Kindes tiefste Betätigung? Das Spiel, dieses für die +Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig, +so muß ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das +oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch +Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen +Worten: Die Geschichte der Menschheit muß sich gedrängt, konzentriert, +im Wesensabdruck wiederholen in den Lebensäußerungen des jungen Bürgen +für die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es muß also am Geborenen +funktionell das frühere Geschehen in großen Zügen bemerkbar sein! Und +ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem heißen Triebe +Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser +umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverständlichen +Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, Kühen, Schafen und +Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim +Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem muß sich der Gedanke +aufdrängen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein +sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen längst in ihm schlummernder +Gefühle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja +selbst den Hang zu Lüge und Betrug, so fällt es uns wie Schuppen von den +Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von +unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer +Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewiß: hier prägte die formende Hand der +Entwicklung Fähigkeiten und Gelüste vor, die nun wie eine +Zwangsvorstellung, wie ein stetes Müssen die Willensaktion wie zugeboren +zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Zählt man nun die +dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie, +ein Talent der letzte markante Ausläufer in Generationen vorgeübter +Fähigkeiten war, so muß man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als +das Kind und seine Seele, daß es Triebe und Instinkte gibt, welche wie +Reproduktionen, Rückschläge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der +Stammesvorfahren sich geradezu aufdrängen. Der daseinkämpfende Urmensch +<i>mußte</i> Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, Kämpfer sein, er +mußte List, Lüge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung +gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur +wahrlich näher, als ein Großstadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und +zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld, +Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit +eifergeröteten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Blümlein +pflücken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern, +seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die Händchen +heben—man muß es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen +des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses +Wiedererkennen, dieses Zugehörigkeitsgefühl zu der umgebenden Natur und +zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verläßt nun auch den +aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende +Leben neue, erst zu bewältigende Aufgaben an uns stellt und ganz +allmählich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken +läßt in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber +doch die Wärme, Licht und Glanz strahlenden Quaderzüge im abgelagerten +Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines +Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung +längst entzogenen Urgefühle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm +Haß und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, bösen und guten Lüsten mag +ferner in der Tiefe des Unterbewußten seine unverschüttbaren Quellen +haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gefühl der +Disharmonie gegen allen Bestand des Überlieferten, in welche uns eine +Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns +mahnt uns, daß wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen +rütteln können, was alle Väter vor uns aufgebaut!</p> + +<p>Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie drängt unaufhaltsam an +gegen die hemmenden Mächte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser +Vorwärtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder +vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen für die +nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte +nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel dafür, +wie mächtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und +um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Geschöpfe, Maschinen, +Werkzeuge, Kräfte nach einem in sich selbst gefühlten Ebenbilde! Er +spinnt ein Netz gleichsam nervöser, elektrischer Verbindung von +Menschengehirn zu Menschengehirn über die ganze Erde, er durchfliegt +Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht +und Wärme und neue Kräfte liefern, und hält im bewegten Bilde +(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt späteren Generationen die +Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem +klassischen Zeitalter, Zeugen unerhörten Gestaltens, und unser Trieb +ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden +Ansturm der aufsteigenden, aufwärtsführenden Instinkte die Probleme des +Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosität, der Ehrfurcht, der +Behaglichkeit, des sich Genügeseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr +schnell vorwärts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine +Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte +sind im Kampf mit den erworbenen. Möglich, daß an diesem Konflikt die +moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, daß auch +diese Triebe eben einrücken können in den definitiven Bestand des zu +Überliefernden. Wäre das nicht der Fall, so wäre der Weg der Kultur ein +einziger großer Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen +Probleme fähig sind, zu dauernden Instinkten sich einzufügen in den +Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als +eines auf der Erde dauernd lebensfähigen Organismus garantiert.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="TEMPERAMENT"></a><h2>TEMPERAMENT</h2> +<br> + +<p>Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige +Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrtümer sind, welche +leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so +gibt es auch überkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch +haften, je irrtümlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung +verdanken. Ja für viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit +schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen +sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn +verbinden. Und doch muß man erstaunen, wie oft bei weiterer +Fortentwickelung unserer Kenntnisse schließlich solchen alten +Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von +derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Schönheit man +oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von +ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die +"Elemente", der "Äther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der +physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizität geworden +sind. Man sieht daraus, daß die Wissenschaft die überlebten Worte +gebrauchen kann wie alte Häuser, die man nur modern einzurichten +braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament" +verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der +Saftmischungslehre war man der Ansicht, daß die Temperatur des Körpers +abhängig sei von dem Übertritt gewisser Säfte ins Blut. Rotes +Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier +Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung +ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebräuche erinnern +noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen +Lehre, d.h. der Lehre von der Erklärbarkeit aller Krankheitszustände aus +Blutveränderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten Hämorrhoiden", +der "zurückgetretene Salzfluß", der "nach innen geschlagene Ausschlag", +die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht +ausgestorbenen, ein bißchen Wahrheit bergenden Schlagworte.</p> + +<p>So haben des alten <i>Galen</i> vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, schwarze +und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger +spezifischer Blutwärme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des +melancholischen, cholerischen, noch heute ihren dünnen, +wissenschaftlichen Schimmer von tatsächlichem Verhalten, nicht weil sie +einen Tatbestand ausdrücken, sondern weil dem Kenner der menschlichen +Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den +offenen Blick fürs Wesen des Menschenherzens nicht zu trüben vermochte. +Nicht allzu selten ist derjenige ja der stärkste Wissenschaftler, dem +der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand +nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der zündenden Suggestivkraft +eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in +der Psychologie.</p> + +<p>Ist es also ganz sicher falsch, daß das Überwiegen des roten Blutes, des +Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist +es doch unstreitig richtig, daß die Zustände der wechselnden +Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen +Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der +Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerblütigkeit, seine Einteilung +der Menschen in Warm- und Kaltblütige, kommt der Wahrheit schon recht +nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der +größeren oder geringeren Schnelligkeit der Auslösung unserer Grund- und +Stimmungsgefühle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache +des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig" +und "schwerfällig", "gutmütig", "schwermütig", "hitzköpfig", +"Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zustände der +Gesamtstimmung einer Seele.</p> + +<p>Dieser Widerspruch würde schwer zu überbrücken sein, wenn nicht die in +diesen Blättern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des +Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als +eines Stromregulators, hier klärend eingriffe. Wir wollen sie an dieser +Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein +Orientierungsorgan für die Außen- und Innenwelt. Diese Orientierung +geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewußte +oder unterbewußte Vorstellungen, Empfindungen, Impulse auslösen. Dem +Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Maß gesetzt, +vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den +Ganglienapparat bestürmen, sondern hintereinander ausgelöst werden. +Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen +vermittels eines ständig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem +Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. Wäre in unseren +wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am +Werke, so müßten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen +Organen der Sensibilität auftreten, und statt einer tastenden +Orientierung würde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie +entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie quälend es sein müßte, zwei +Gedanken von gleicher Stärke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr +würde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur möglichen +Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitmaß unser Bewußtsein völlig +aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht, +Orientierungsunfähigkeit mit absoluter Sicherheit überall da auftreten, +wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgefäße ihre +rhythmische Überflutung über das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, daß +eine fahle Blässe des Gesichts solche Zustände anzeigt, weil die +Gefäßnerven alle solche Betriebsstörungen mit Krampf und folgender +Blutentleerung beantworten. Daß das Gehirn an diesen Blutleerezuständen +tatsächlich teilnimmt, kann man bei Operationen an eröffnetem Schädel +direkt beobachten. Da sieht man auch, daß im Schlafe das Gehirn ganz +entgegengesetzt der bisher landläufigen Meinung blutvoll ist und daß +diese Blutfülle umschlägt in Blässe, sowie der Betreffende erwacht. Das +konnte man bei einem Kinde mit entblößtem Gehirn viele Male beobachten, +d.h. Blutfülle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. Hält +man dazu die Tatsache, daß alle Zustände des erhöhten Blutgehaltes des +Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewußtseinsstörungen im Sinne +der Schlafhemmung begleitet sind, so drängt sich ein Gedanke auf, der +für die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergrößter +Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und +Schwerblütigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande +ist. Nämlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einfluß +auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist nämlich die +Nerventätigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen ähnliche +Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar, +ableitungs- und zuleitungsfähig, d.h. beeinflußbar im höchsten Maße durch +die Natur der eingeschalteten Widerstände. Nun wissen wir, daß um die +Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein +Flüssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und zwar +in dazu vorgebildeten Räumen. Wir wissen ferner aus direkten +Beobachtungen am Widerstandsmesser für elektrische Ströme, daß das Blut +und die Blutsäfte hemmende Kraft besitzen. Darum muß das mit dem Blute +in Verbindung stehende Hüllgewebe der Nervenzellen ein +Nervenstromeindämmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden +also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle +ein- und ausgeschaltet, und Anschlüsse sind nur da möglich, wo im Spiel +der Gefäßmuskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den +Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschlüsse dann unmöglich, +wenn die Lücken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gefüllt sind. Das +dieses Entleerungs- und Füllungssystem beherrschende Organ ist die +Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner +Neurogliatheorie.</p> + +<p>An der Hand dieser Überlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einfluß +des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der +Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der +Nervenelemente von Natur starke Widerstände einschaltet, weil eben ein +solcher Saft eine Flüssigkeitssäule darstellt, durch welche nur +schwerfällig elektrische Entladungen stattfinden können, so hat der +Träger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam +aufnehmendes, schwerblütiges, erst nach vielfachem Anprall zündendes +Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchstäblich eine ein +bißchen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter +Durchschlagbarkeit für die elektroiden Spannungszustände im +Nervensystem, so würde sein Träger leicht empfänglich, schnell +auslösend, schnell kombinierend, leichtblütig, sanguinisch sein.</p> + +<p>Da hätten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir +Temperament nennen: Temperament ist ein Maß für die größere oder +geringere Schnelligkeit der Auslösbarkeit und der Anschlußfähigkeit der +Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedrückt: Temperament ist +Sache der Widerstandsfähigkeit gegen Eindrücke. Man kann also als gewiß +annehmen, daß jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels +dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger +schnell Reize, Impressionen, Eindrücke, seelische Attacken aller Art +verarbeitet, und daß dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in +gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine +andere Nüance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses +Widerspiel zwischen Erregung von Nervenströmen und dem Widerstand, +welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also, +was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, daß dieser +Zustand nur ein im großen und ganzen konstanter sein kann, weil ja der +Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man +begreift sofort, daß es ein absolutes Gleichmaß des Temperamentes nicht +zu geben vermag, daß wir heute morgen melancholisch und nachmittags +sanguinisch sein können, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung +unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein muß, und daß hier der +Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an +Sauerstoff oder Kohlensäure, die Beimengung fremder Substanzen, alles +Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln können, auch von Einfluß auf +das Dynamometer unseres Temperamentes sein müssen. Wir begreifen nun +auch leicht, warum ein bißchen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen, +schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen +Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten +Strömen eminent erleichtert ist, und es ist verständlich, daß man die +Gifte alle einteilen könnte nach dem psychologischen Prinzip der +größeren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im +Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen +Bestandteile zum Gehirn trägt und hier die Änderungen der +Nervenanschlüsse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Außengifte +(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte +(Harnsäure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber) +geliefert sein. Man sieht gerade durch geschärften Blick für das +Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im +Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.</p> + +<p>Nur muß man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen. +Kompliziert wird die Sache dadurch, daß das Spiel der größeren oder +geringeren Zufuhr von hemmungsfähigen Säften außer von dem Pulse auch +vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht +wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird +von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen +und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat +eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als +den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung +aufzufassen. In ihm, in seinen überall ausgedehnten Geflechten, welche +den ganzen Körper durchsetzen, wie ein Urgehirn für sich, das schon +alles in sich trägt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren +erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch +unserer Allgemeingefühle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder +Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden +durch die Strahlenaktivität der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes +in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso beschäftigt ist, +wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormoleküle oder an der +Geburtsstätte der Saatkörner für die unzähligen, vielleicht nie +geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob +lebensfroh zur Entwicklung und zur Schönheit drängend, oder düster auf +Vernichtung, Haß oder Verneinung grübelnd, das ist natürlich dafür +entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser +Kräfte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und +ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt. +Das ist auch die Erklärung, warum man schließlich ganzen Familien, +Sippen und Völkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben +kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser +Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und +Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt, +bestimmend ist für die größere oder geringere Fülle, mit der eben der +eindämmende Blutsaft die Hirnzellen umspült.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="TIERSEELE_UND_MENSCHENSEELE"></a><h2>TIERSEELE UND MENSCHENSEELE</h2> +<br> + +<p>Für die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig +gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte +Sache, daß der Mensch ein höher organisiertes Tier, daß er gewissermaßen +nur die letzte, erhabene Krönung des Lebens sei, hervorgegangen aus den +unendlich mannigfaltigen Formungen und Abänderungen, welche die +Widerstände des Daseins auf die vorwärtstreibende, dem Leben nun einmal +anhaftende Gestaltungskraft ausgeübt haben. Die hohen Geistesgaben, so +meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft +in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen überall auch im +Tierleben tätiger Seelenkräfte; die Seele des Menschen sei also nur dem +Maß nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur +quantitativ, nicht qualitativ). Daß die Naturforscher dieser Entthronung +des bisher souveränen, völlig unbestritten als Zentrum der Welt +aufgefaßten Menschengeistes die Feindschaft aller Männer des Glaubens an +Gott und den göttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht +wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur +die Schöpfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn +behalten könnte, sondern es stürzte auch rettungslos die jedem Einzelnen +instinktiv innewohnende, übrigens uralte und noch lange nicht +ausgestorbene Überzeugung, daß der Mensch doch das Maß aller Dinge sei. +<i>Copernikus</i> gab mit seiner Einreihung der Erde als eines Körnchen +Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden +Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, <i>Darwin</i> den +zweiten Stoß: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung.</p> + +<p>Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem +Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist längst ins Land der +naturwissenschaftlichen Märchen gewandert: denn auch die Naturbibeln +haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der +Religionsbücher.)</p> + +<p>Eine Schöpfung aus dem Erdenkloß zwar auch, aber nicht mit einem Schlage +aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch +Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der +Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas +Selbstverständliches ohne Erklärung gelassen wird.</p> + +<p>Es ist schlechterdings unmöglich, den Entwicklungsgedanken in den +Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendfältigen Gesetzmäßigkeiten, +Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden +muß, daß der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den +Schöpfungsbegriff umstößt. Bekanntlich war Darwin gottesgläubig und muß +wohl angenommen haben, daß der schaffende Gott eben die langsame +Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch +das Schöpfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich +erschiene. Was dem gläubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das +Wunder der unendlichen Entwicklungs<i>möglichkeit</i> des Lebens, der +Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unerschöpflichkeit der +Mittel zum Anpassen an unzählige Widerstände und geheime +Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck<i>bewußtsein</i> der sich +vorwärts entwickelnden lebendigen Masse. Die Schöpfung, die der +Gottesmann im Herzen trägt als <i>einmalige</i> für ihn denkbare Möglichkeit +der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben für den Naturforscher +ständig für einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist +eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden +Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar unüberbrückbar, +uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der +Menschengeist als eine höhere Stufe Tiergeist definiert werden? Es möge +mir erlaubt sein, einige Gründe beizubringen, welche gegen eine solche +Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die +Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nervösen Apparaten, +welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine große Anzahl +Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche völlig identisch +arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle +Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewußten +oder unbewußten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die +Mechanismen der Liebe und des Hungers—alle diese anatomischen und +funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und +Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und +höher entwickelt, manchmal—und das ist sehr bemerkenswert—auch in +entschieden höherer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der +Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die +Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und +Pferdi<a name="F4BACK"></a><a href="#F4">[1]</a>. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen +Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, daß von einem +Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, daß es +offenkundig genug ist, daß solche essentiellen (wesentlichen) +Unterschiede in Hülle und Fülle bestehen, welche alle auf ein +einheitliches Prinzip zurückzuführen sind. Der Unterschied wird +bemerkbar zunächst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte +beweisen, daß der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine +Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitläufe gründlich +verändert, daß er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen +aktiv vorrückt, während das Tier von Anbeginn seines Auftretens auf der +Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel war, aktiv an +seiner Lebensart nicht das geringste geändert hat. Nicht einmal +Ortsveränderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben, +Wohnungsverhältnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten, aktiven +Variationen erfahren.</p> + +<p class="note"><a name="F4"></a><a href="#F4BACK">Fußnote 1</a>: Ein Beispiel dafür war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit +zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile +getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert. +Während die Herren der Schöpfung sehr bald abgeschleudert wurden, +vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung +"auf dem Platz" mühelos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe +galloppierend zu halten.</p> + +<p>Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in +historischen Zeiten konstant, während ein überirdischer Historiograph +den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich +für zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen würde. Ebenso +stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug +auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, während der Mensch +sein Verhältnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung +unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu geführt hat, Herr von +Tieren und von Naturkräften zu werden, wovon bei Tieren in beiden +Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. Fügen wir hinzu, +daß bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewußten Kunst und bewußten +Ethik (alle darauf bezüglichen Beispiele gehören in das Gebiet +automatischer, reflektorischer Nerventätigkeiten, sind also Handlungen +aus <i>Mechanismen</i>, nicht aus <i>Motiven</i> heraus), so meinen wir die +hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und +Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf +beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede?</p> + +<p>Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so muß mit dem Menschen eine +durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es muß mit ihm ein +Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner +Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil +alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip +möglich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß wirklich das, was wir +Menschenseele nennen, ein Ding für sich ist, ein metaphysisches, +unerhörtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat—eine +Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein dürfte als die eine denkbare +Möglichkeit—so müssen wir zum Erfassen einer anderen Möglichkeit eine +Hypothese einführen, welche vielleicht wahrscheinlicher und einfügbarer +in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens +einer übernatürlichen Macht in den Ablauf der Dinge.</p> + +<p>Machen wir uns zuvörderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum +Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verblüffendste an dem +Verhältnis einer schöpferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: daß +sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele) +geschaffen hat, die fähig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch +Entwicklungen seelischer Kraft dazu geführt haben, <i>daß die entwickelte +Materie sich selbst begreift</i>. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu +gebrauchen: Die Sonne wäre der Quell aller Dinge, so bestünde das Wunder +darin, daß die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer +eigenen Schönheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So +schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst +und ihrer Gesetze allmählich ganz bewußt zu werden. Es könnte fraglich +sein, ob dieses Wunder nicht <i>nur</i> auf der Erde und keinem anderen +Gestirn geschehen ist, so daß die kleine Erde doch der geistige +Mittelpunkt des Universums sein könnte, sein <i>einziger</i> Spiegel. Denn +unstreitig ist der Mensch fähig, sich von der Gesamtnatur, von den +letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus +seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, daß jeder unserer +Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein muß wie eine +vorbeifliegende Bleikugel, daß er sekundäre Wirkungen haben kann, welche +die größesten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen +usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen +die Natur in der Hinzufügung der seelischen Kraft zur Entwicklung +gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, daß eben diese Kraft der +sich selbst bewußte Geist des Schöpfers ist, womit alle Forschung +aufhören würde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger +übernatürlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen +Fähigkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu +erklären.</p> + +<p>Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen Tätigkeiten nicht +ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser +Ausübungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer +metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts übrig, <i>als der +Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht +beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben</i>. Diese neue Funktion ist die +Fähigkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung +von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in +umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu +werden. Auf dieser Funktion beruht unsere Fähigkeit, z.B. ein Pferd mit +Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht +nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im +Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche +Form und Bewegung eines tatsächlichen Bildes entsteht, so ist der +Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem +funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem, +was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen.</p> + +<p>Mit einem Worte: die <i>Phantasie</i>, als eine besondere Funktion der +menschlichen Nervensubstanz erfaßt, ist es was den Menschen aus dem +Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, daß man wohl sagen darf: +gewiß ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist +Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das höchste +Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu höheren Wesen. Das letzte Tier +der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch!</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="GLAUBE_UND_WISSENSCHAFT"></a><h2>GLAUBE UND WISSENSCHAFT</h2> +<br> + +<p>Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zugänglichen im +Weltganzen zu begreifen—diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame Quell +alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende +Königinnen im Geisterreiche stehen sie sich gegenüber und sind doch +Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis—der +Kausalität—geboren, Glaube und Wissenschaft. Daß bisher nie ein +ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren +Vertretern möglich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja +bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um +die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige +Überzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die +widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte +Gesetzmäßigkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben +Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen +Falle zu einer unverrückbaren Einstellung unserer logischen Tätigkeiten +auf einen bestimmten Zentralpunkt führen, der in der Art zwingender +Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlußfolgerungen darstellt? +Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie reißt den einzelnen in +unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat +infektiöse Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise +unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer +Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erlösenden +Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden +Begriffes sein?</p> + +<p>Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so +gehört ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und +Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so +und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer nötige +Resonanzfläche zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist, +wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des +organischen Saatfeldes vorbereitet ist für den neuen Keim.</p> + +<p>Das Aufdämmern neuer Kombinationen von Ganglientätigkeiten in einem +Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlußbereiter, +bisher nicht durchleuchteter Gebiete würde verlöschen wie eine +Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewußtseins der Mitlebenden, wenn +nicht im Stillen gleichmäßig eine Zündfläche in mitgeborenen Gehirnen +geschaffen wäre; wie es ja oft genug geschehen ist, daß +entwicklungsgemäße Gedanken erst Jahrhunderte später ein tragfähiges +Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese +Zündkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die +Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichmäßig +herangediehen ist an die letzte, entscheidende Auslösung, die nur Einem, +manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen überraschend durch ihre +Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet +sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst +Goethe gesagt hat: das Auge muß sonnenähnlich sein, wenn es die Sonne zu +sehen vermag, so fällt dieser Funke auch in nervöse Systeme, welche +spezifisch empfänglich sind für das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann +in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist, +weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des +Ansteckungsstoffes vorangehen muß. Formeln also, welche in der +Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind +deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen +Anschlußreiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von +dem buchstäblichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben +richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu stützen, so +kann man sagen, daß alles Objektive, alles sogenannte Allgemeingültige +naturgemäß einem Wandel unterworfen ist und daß das Objektive bei seinem +erstmaligen Auftreten zunächst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h. +etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende +Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis +eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit" +ablöst. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die +Wissenschaft. In großen Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die +Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das Rätsel der Welt zu lösen, +in jedem Gläubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache +der Annahme dieser oder jener ihn ganz erfüllenden Überzeugungen ist, so +kann es nicht wundernehmen, daß eine große Reihe von Parallelen sich +aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und +der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in +beiden Fällen handelt, so kann die Berufsfärbung, welche unabänderliche +Vorgänge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um +diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen. +Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen +Wissenschaftlern und Glaubensmännern bis ins Einzelne durchführen, es +möge genügen, auf einige naheliegende Ähnlichkeiten hinzuweisen, um +wieder einmal daran zu erinnern, wie müßig es eigentlich im Grunde ist, +wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern +gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten eröffnet +werden.</p> + +<p>Ich würde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft +eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn +nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spieß +mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische +Schärfe nehmen könnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete: +"Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du +nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese +niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen würde, es bisher auch nicht +möglich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so muß man zugeben: +auf beiden Seiten ist ein großer Unbekannter, und je nach Temperament +und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und +symbolisiert und auf der anderen Seite mit kühler Logik analysiert, was +übrigens die Ehrfurcht nicht ausschließt. In beiden Fällen aber ist eine +gedachte, substituierte, der äußeren Erfahrung nicht zugängliche, nicht +beschreibbare, faßbare und erkennbare Grundmacht der Urgrund aller +Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit dem Äther, +seine Erfüllung des Weltraumes an jeder Stelle etwas anderes als die +Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher Formel? Ist das +Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte +Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung?</p> + +<p>Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft +nähert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser Möglichkeit, so ist +die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr außer dem +Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit +der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte Ähnlichkeit mit dem +Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem +Monismus eine auf viele Einzelkräfte aufgebaute Kraftlehre? Und +weiter—der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die +Gegenüberstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie +und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen für funktionelle +Vorgänge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt +bleiben, mag Zufall und Wahl seine Träger nun zur Gemeinschaft von +Priestern oder von Naturwissenschaftlern geführt haben? Es ist eine +nicht mehr zu bestreitende Tatsache, daß die Naturwissenschaft ebenso +dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an +Voreingenommenheiten, Überlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben +ein allgemein menschliches Hindernis für den Fortschritt, ganz gleich, +ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben +Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die Päpste der +Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche +und sind es noch.</p> + +<p>Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die +konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbrüder der +Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am +Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei, +die Verketzerung anders Gläubiger und tausend andere Menschlichkeiten +hier wie dort.</p> + +<p>Alle diese Beispiele beweisen schlagend, daß die allgemein menschlichen +Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger +Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert +werden können, daß die menschliche Seele als Funktion eine Einheit +bedeutet, daß alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen müssen +und daß im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda +seiner Lehren nicht anders verfährt als der Wissenschaftler. Nirgends +wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich +zwischen Priestern und Ärzten, die beide als die praktischen +Verwirklicher religiöser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben. +Es möge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet +sein.</p> + +<p>Weniger die Priester als die Ärzte dürften erstaunt sein, wenn man den +Nachweis versucht, daß diese beiden Tätigkeiten tief im Wesen verwandt +und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame Fürsorge um den +Einzelnen, dort in seelischer, hier in körperlicher Beziehung; ein +Vergleich, der sich geradezu aufdrängt und nicht nur in der Forderung +wurzelt, daß in jedem Arzt etwas Priesterliches sein müsse, sondern viel +mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und körperlich +Notleidenden bei näherem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt +in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers, +der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tröstet die Seele und +hypnotisiert sie, reißt sie hinweg mit den befreienden Ideen des +Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im +Reiche höherer als irdischer Mächte, psychologisch gesprochen, er erhebt +die Seele über die Gegenwart mit der Suggestion einer großen Hoffnung, +gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht +mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit +Morphium, Narkose und Anästheticis eine funktionell der Hypnose ganz +nahe stehende Bewußtseinstäuschung über den Zustand der Gegenwart. In +dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch +Gedankenübertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen +Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht +verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben möchte. Verfasser +hat den Versuch unternommen, für die Narkose, für die Schmerzlosigkeit +Prinzipien aufzustellen, welche auch für die Giftwirkungen die Auslösung +physikalischer Vorgänge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der +Bewußtseinseinschläferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der +physikalischen Hirnhemmung zurückgeführt zu haben, so daß einem Menschen +auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, für den +Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser +beruhigender Medikamente: in beiden Fällen geschieht ein Appell an +denselben Mechanismus: Eindämmung, Einengung, Blendung, Hemmung des +Bewußtseins. Was Priester und Arzt groß und mächtig macht, ist dasselbe: +die starke, suggestive Kraft ihrer Persönlichkeit, welche in beiden +Fällen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde +nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion, +der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht +allein im religiösen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich +begründet, sondern bedarf in beiden Fällen der Zutat tiefgreifender +Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele öffnet für den +Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung muß +von beiden gleichermaßen belebend in das Dunkel der verzagten Seele +ausstrahlen. Wie oft ist die fromme Lüge, die Heiligung der Mittel durch +den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen Ärzten +vorgeworfen worden, und welchen Arzt gäbe es, der um ein Stück "frommer" +Lüge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumkäme? Nein, ganz +gewiß ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu +nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewußt +und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensmänner in gerechter +Würdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich +die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von +dem "Lourdes" der Gläubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein +Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines +Ablaßzettels für Sünden des Genußes, hat nicht die Medizin immer noch +den alten, psychologisch auch tief begründeten Brauch, hier und da +Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gläubige +pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung, +die hier vergebene Sünde im folgenden Winter reichlich nachholen zu +können!</p> + +<p>Die Medizin kennt Päpste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so +stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten +sind dagewesen, wo wissenschaftliche Überzeugungen die Herrschergewalt +von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und +Andersgläubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An +die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts +ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott, +das Abrücken, das Verfehmen, das in modernen Zeitläufen, nur scheinbar +schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die +Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik, +Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf +gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.—</p> + +<p>Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer +Anwendung Wissenschaft und Glaube berühren, so ist ihre Verkettung in +ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die +Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme +genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in +psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden dürfte von dem Gefühl +der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch +mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets +ein Staunen über den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand +gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die +durchforschte Außenwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die +tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der spürende Spaten auch reicht, +überall wird er auf Granit des Unergründlichen im letzten Sinne stoßen +und wird, falls er gerecht ist und fähig, die Probleme psychologisch zu +begreifen, in höchster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich über +undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er +weiß, daß Dinge des Gemütes und der Phantasie weder zu stützen noch zu +widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des +wissenschaftlichen und des religiösen Denkens, die sie beide der Kunst +nähert: die Phantasie. Ohne sie gäbe es keinen neuen, fruchtbaren +Gedanken, ohne sie wäre aber auch kein Glaube möglich. Dieser schöpft +aus den Tiefen des Gemütes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird +eine Wissenschaft das religiöse Empfinden auslöschen können, nie aber +auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich +entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein +fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der kühnsten Gedanken der +Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggläubiger Kirchengänger sein.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="RAUSCH"></a><h2>RAUSCH</h2> +<br> + +<p>Rausch—welch ein wunderbares, eine Fülle tonmalerischer Anklänge in +sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkwürdigster und +tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans +Ohr, die an ein schäumendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein +im Sturme zitterndes Blättermeer gemahnen, ähnlich wie ein diskretes +Parfüm von Veilchen die dazu gehörige Wiese und den Wald, Himmelsblau +und Freiheitsgefühl der Seele aufzunötigen vermag. Wie treffend, ja +erschöpfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand, +der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden, +direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die +kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun vermöchten. Woher +stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgründige Weisheit, +daß sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche +die grübelnde Wissenschaft auf mühsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu +entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, daß unsere +Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische +Projektion psychologischer Vorgänge im inneren Räderwerk der Seele nach +außen. Fürwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer +Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre +Schätze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel +der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter +kleinster Teilchen, mögen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des +Grases, schwingende Saiten der Äolsharfe oder die zitternden +Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns, +sein.</p> + +<p>Wer doch einen Blick hinein tun könnte in den feinmaschinellen +Präzisionsbetrieb der fünfzehn Millionen schwingender, webender, +gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da +hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines +vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines <i>Goethe</i>, eines +<i>Helmholtz</i>, eines <i>Beethoven</i> ebenbürtig wäre! Wer nur, wie der +denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in +seine Träume sehen könnte—dem wäre alles, alles klar! Denn, was nutzt +es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in +feinste Scheibchen zu zerschneiden—im lebendigen Spiel, in jauchzender +Arbeit, im Rausch des Lebens müßten wir es schauen, wollten wir den +ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gefäß erhabenster +Gedanken überblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift +zu einer Werkstatt gar für Menschenflügel durch das Reich der Luft, an +ihrer Spitze die Elektrizität, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial +und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten +Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang +durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.—Da hängen +die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem +Maschennetz, so zart, daß Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder +Ankerketten sind; wie feinste Träubchen im Spalier, wie Windenblüten am +Drahtgitter sind sie ausgesät und senden aufleuchtend ihre +Feuerstrählchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene +Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Außenweltreizen +oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufhängeschnürchen rührt, dann +blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die +gibt's jetzt nämlich auch), zittern und machen es wie die Sender und +Empfänger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen, +irgendeine Form der Milliarden Möglichkeiten von Bewegungswellen, von +Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen +Vorgängen außerhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der +Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher +Sandkörnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann weiß es die Seele: der +Menschenfinger hat eben etwas glühend Heißes gefaßt, 5000 +Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die +Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend für blitzschnelles +Rückwärtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet +der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter +liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle +in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: heiße +Ofentür, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, öl aufstreichen, zum +Doktor gehen!</p> + +<p>Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so +und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des +Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die Königin der Seele, +die Phantasie, aus den Himmelsräumen herniedersteigt, denn nur vom Geist +der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberfüllhorns in +die Menschenseele träufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von +Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen +und Verlöschen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz +ähnlich wie eben geschildert, nur daß hier das Spiel innerlich vom +Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder +lösender Erinnerungen erregt wird.</p> + +<p>Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier +geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd +durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, während 1000 Zellen +"Stiefel" leuchten, künden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis +dur"; die Finger- und Armkräne zucken, die Beinregister wirbeln +durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die +Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals, +ohne die fliehenden Dinge fassen zu können—das Struwwelpeterbild eines +berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, ähnlich wie an +einer plötzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem brüllenden, +zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die +Hemmungen, die in der Elektrizitätszentrale wie im Gehirn die Ordnung +garantieren, sind kaput. So würde der Bescheid eines kundigen +Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion) hat +nämlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material +(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches +Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der großen Pumpstation +aller Säfte und Kräfte, dem Herzen, her. Je nach Füllung und Entleerung +dieser Berieselungshüllen der Nervenknötchen in Gehirn und Rückenmark +sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder +Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, daß man immer so +weit ausholen muß, wenn man Fachgelehrsamkeit populär machen will; die +dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen, +bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der +Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer +Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln, +-plätschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Blättchen +im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere +Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam +anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen +her mit dem Alkohol. Die kleinen, anfänglich vom Willen des ganz +vernünftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend +solid zu sein, noch gut beschränkbaren Dosen des mehr Leiden- als +Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen +Gezweigen des Blutgefäßsystemes auch die letzten, kleinen, feinen +Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme Beimengung läßt +die Gefäßnerven ihre Fühler einziehen, die Gefäßröhrchen werden enger +und damit die Ganglien austauschbereiter, +anschluß(assoziations-)lüsterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser +eben noch ganz in seiner Würde eingekapselter Tischgenoß wird merkwürdig +lebhaft, spricht flüssiger als sonst, ihm fällt auch wohl gar eine +hübsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, über die er beinahe +selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude röter wird als +sonst; das gibt ihm ein Gefühl von Huttenscher Lust, zu leben, obwohl +ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser +Lebensfreudenüberschuß gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht so +zimperlich zu sein, dem schönen Stoff mal kraftvoll auf den Leib zu +rücken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher wird, sein +"ungehemmter" Geist schwebend leicht über Höh'n und Tiefen aller +Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender +Schönheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen" steigende +Anschlußfähigkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind durchlässiger +geworden, sie sprühen sich Welle um Welle zu, in lustig hüpfendem Tanz, +indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden Schwanz der +munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von +Kontaktmöglichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort heißt) +gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht unseren +Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender; +Selbstüberschätzung, Renommiersucht, Größenwahn verderben die geistige +Atmosphäre.</p> + +<p>Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gefäßnerven, +welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil, +in Lähmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainageröhrchen um, +und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser lächelnder, jauchzender +Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum täppischen Müllersknecht +mit trägster, langsamster, blödester Telephonleitung. Die Äuglein +blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und kündet nur noch die +bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt sinkt und +endlich—ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht mit jenem +unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die +Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende +Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgelöscht, +Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit +fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut +des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewußtseins verwiesen.</p> + +<p>Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen +Exzentrizitäten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das +Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. heißt. Ja, die Herkunft +des Alkohols schon färbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch +gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen +Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist +übrigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch +etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte, +anhaften bleibt, so daß in der berauschten Seele des Menschen sich etwas +von der Heimat der Tränke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So +haben Haschisch und Morphiumträume immer etwas Orientalisches in ihren +Motiven, und der Kartoffelspiritus verrät pommersche Derbheit und Kraft +nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs +Schaumwein seinen perlenden Geist.</p> + +<p>Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserhöhung, +Anschlußleichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich +ganz ähnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes, +als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die +brausenden, rauschenden Wellen einer vollaustönenden, übermenschlich +schönen Sprache, in das gleißende Spiel einer geistsprühenden +Gedankenkunst, in das süße Wogen und Wiegen einer hinreißenden Melodik +und Harmonie? Im Mittelmaß schwingt meine Seele, aber die extremen +Rhythmen reißen sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn +jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Alltäglichen von meiner Seele +reißt, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur +Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Blätter meiner +schönen Möglichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich +durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie +auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir glühende Nebel von Sonnen der +Kleopatra, die ohne des Künstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir +ihren mystischen Spiegel erhalten hätten, sie gibt mir Farbensymphonien, +die mit mir vielleicht hätten sterben müssen, wenn nicht eines +Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall +gemacht hätte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen, +exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen +meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den schönen, von +weicher Hand gespendeten Berührungen und Streichelungen bis zu dem des +Auges, das schöne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen +des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt—immer dasselbe +daseinfördernde Lustgefühl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen, +schmelzender Erstarrung. Da tönt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft +schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt +Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus +goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert, +der sonnenwärts gerichteten Seele gereicht werden können.</p> + +<p>Seid von der Schönheit dieser Welt berauscht—das ist wohl die beste +Lehre eines Kämpfers gegen den Teufel Alkohol!</p> + +<p class="poem">Treibt mein Blut ein Himmelswirbel?<br> +Zukunft steigt aus Völkerschmerz,<br> +Ewiges aus Lebensglut,<br> +Menschheit, dir gehört mein Herz!<br> +(Franz Evers)</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="DIE_MUSIK_ALS_ERZIEHERIN"></a><h2>DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN</h2> +<br> + +<p>Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, daß der ganze +große Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die +alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer +Nervenfäden und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen, +kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist +zweifellos der Träger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange +bleiben. Ist doch die ganze große, geistig-humane Idee der sozialen +Fürsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres +Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz +des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle +umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem glücklich überwundenen +Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem +Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen drängte, sie, +welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so +scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit +längst überstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene, +die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und längst in +ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese Königin des +Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der großen +Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst, diesem +einst so mächtigen Wärmfeuer menschlicher Gemüter und +Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, daß ihre schön gewirkten +Fahnen schlaff am Maste hängen, während ein frischer Wind dem stolzen +Schiff der Technik alle Segel füllt? Wohl ist es eine Zeit der fast +göttlichen Verehrung großer Künstler, die nicht einmal immer den +Vergleich mit ihren größeren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der +Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten +als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflußte, unserem Willen und +Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und überstrahlt alles. +Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, daß auch in der +modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends +offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele +am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten +werden, daß wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer verträumten, +gefühlsinnigen und grübelnden Seele—vielleicht gerade deshalb—das +musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit +uns bisher konkurrieren um den Preis der größten Leistungen, der +ewigsten Werke der tönenden Kunst, dieser Fähigkeit, von Seele zu Seele +zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die +wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem +geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Schönheit des wirkenden +Götterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen könnten. Die +Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des +Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten. +In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Fluß, der Friede +der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer +ihrer schwebenden Akkorde.</p> + +<p>Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles +Naturerscheinen ist ihr ausdrückbar. Jedem Menschenschicksal, jedem +Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist +wie ein allen Fühlenden gemeinsamer, dem Höchsten und dem Geringsten +offener Tempel, in dem ein Glaube verkündet wird, vor dem ohne +Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer +himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist +wie eine unbewußte, stille friedliche Einigung über alles Zwiespältige +von Menschenbrust zu Menschenbrust.</p> + +<p>Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher +Besitz von etwas Überirdischem, wie ein verstecktes Stückchen +Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines göttlichen Wanderers über +irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein +Köstlichstes bewahrt—wie sollte man nicht bedauern, daß die Art, wie +man heutzutage die Musik zu etwas unerhört Kühnem, künstlich +Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem +emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu +entfremden!</p> + +<p>Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen, +so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache +des Gefühls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst +schließlich ein Bildungsvorrecht der Begüterten, einer kleineren +Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der +Seele der großen Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem +Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere +ursprünglichsten, innigsten Empfindens, muß sie auch Eigentum des Volkes +bleiben.</p> + +<p>Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der Künste und Wissenschaften +ist die Siegeslaufbahn der Musik. Während alle anderen Zweige geistiger +Kultur, alle anderen Künste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel +der Klassicität aufzusteigen, durchmaß sie, diese empfindsame +Interpretin einer Logik des schönen Gefühls, den Zeitraum ihres +Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die +erhabensten Menschheitshöhen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine +Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von +Bach bis Wagner und welches Überschäumen in unseren Tagen! Und das alles +im schnellsten Tempo überreichen Wachstums, so daß gleichsam im Umsehen +die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen +Domen und Palästen emporwölbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur +pflegt auch den edelsten Gewächsen die Entartung zu drohen! War die +Musik der alten Meister eine unpersönliche Anbetung eines +selbstgeschaffenen, nackten, schönen Weibes, so scheint man in der Zeit +der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser Göttin mit +eitel Schmuck und bunten Gewändern zu überschütten. Den Kultus des +Leibes löste ein Kultus der Trachten ab. Statt des schönen Gemäldes ein +Chaos bunter, gleißender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in +vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln +ingeniöser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung +frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundriß ist der +Träger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken +verdeckt die reinen Linien des innersten Gefüges. Dieses Überwuchern des +Technischen in der Musik hat, so verblüffend die Resultate in bezug auf +die Freiheit aller selbständig geführten Stimmen (Polyphonie und +Kontrapunktik) sein mögen, eine große Gefahr: die des Ausweichens der +Musik auf das Gebiet tonmalerischer Geräusche! Das Exzentrische der +verblüffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die +Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets +langsam nachrückenden Verständnis der breiten Massen vorläufig viele +Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage +aufgeworfen werden, ob die moderne Musik überhaupt Anwartschaft hat, bis +zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verblüffen und +hypnotisieren, fanatische Anhänger und unerbittliche Gegnerschaft +erwecken—erwärmen, vertiefen, rühren, erschüttern und das Heiligste in +uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand, +zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gemüt +des Hörers, diese Könige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit +unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende, +erhebende Kraft für das Volk hat.</p> + +<p>Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturströmungen unserer +Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches +Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die müden Verfolgten +jederzeit fliehen können und wo ihnen keine Macht der Erde kraft +himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir +keine Möglichkeit, den Stürmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen +entgegenzusetzen, als die, dem nervösen Impuls unserer Zeit durch +gesunde musikalische Genüsse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht +nur, daß die Irrenärzte wissen, daß einfache Musik beruhigt und sanft +stimmt, Illusionen zerstört und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat +an sich schon dies innerliche Aufatmen der geängstigten Seele, dies +Stillewerden der Dämonen vor den heiligen Klängen verspürt. Wahrlich, +gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen, +beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen +auf das Gemüt des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue +einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden, +die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es +ist, als gäbe es in unserer Riesenstadt plötzlich Tausende, die der +Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die +Militärmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man +wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein +Rattenfängerlied an den Herzen reißt und lockt zur willenlosen Nachfolge +ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefaßt, ist die Musik eine +Kulturmacht ersten Ranges, sie ist fähig, dem Gemütsleben unserer Zeit +eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie +ist die gefühlvolle, sänftigende Schwester der vorwärtsstürmenden +Technik.</p> + +<p>Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begrüßt werden, +als die Absicht, den breitesten Volksmassen die Möglichkeit zu geben, +gute Musikaufführungen zu genießen. Man mag darüber streiten, ob die +Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann +nicht zweifelhaft sein, daß der Erziehungswert gerade der Oper für das +Volk ungemein hoch einzuschätzen ist. Gewiß, es mag dem scharfen Denker +unnatürlich erscheinen, daß die dramatische Handlung durch Gesang, Chöre +und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verzögert wird, aber liegt +nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer +eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen +Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuhörer die +Seelenspannungen der Handelnden einzuprägen? Ist es nicht die beste Art, +auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verständnis für alle +Menschlichkeiten, für jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und +dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper +sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung übertroffene +Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor +des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche Fülle von +Volkstümlichkeit sprießt uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen! +Wie unmittelbar verständlich aber auch repräsentiert sich der fremde +Volkscharakter in der italienischen und französischen Oper! Für die +breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell überaus wichtige +Möglichkeit, auf die angenehmste Art ein Stück Völkerpsychologie und +Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen, +phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unerschöpfliche Fülle +von fruchtbaren Bildungsanstößen erhält. Mit der ganzen Zauberlockung, +die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor +dem Genießenden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das +universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem +Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena +aller Künste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten +erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkstümlich blieb: im Lohengrin, +Tannhäuser, Fliegenden Holländer und dem deutsch-nationalsten Werke +neben dem Faust: den Meistersingern?</p> + +<p>Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in Fülle, um ihr Amt als +Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erfüllen. Gerade unsere +deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen +Kulturfaktoren unserer großen Zeit zu erringen.</p> + +<p>Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verrückenden +Einfluß der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die +Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen +Verblüffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines +Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die große Oper noch viel +mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle +eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der Töne +zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des +Besitzstandes der Musik von ihrer Heimstätte, der Volksseele. Wo sind +die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm +volkstümlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon +mit gleicher Selbstverständlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt +wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, daß die schwerste +Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen züchtend, +von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und +Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend nötig, eine +heilsame Rückkehr zur erprobten, altväterlichen Klassizität dringend +geboten. Wieviel Heil könnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich +trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes müßte sie +bieten können, wenn sie den zirzensischen Vergnügungen der Menge, den +Variétés, den Ausstattungsstücken, den Ringkämpfen und anderen +sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man müßte ein schlechter +Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, daß die Volksseele zwar leicht +auf Irrwege zu führen, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten +Sinne vom geraden Wege der Aufwärtsentwicklung abzubringen ist. So kann +sie sich lange von verblüffenden Äußerlichkeiten blenden lassen, aber +schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern. +Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast überfüllt, die +Seele, das Gemüt in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in +Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber könnte +die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, geläutert, +gerührt und auf menschliche Güte gestimmt werden, als vor dem Altar der +Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Schönheit +verkündet haben!</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="MUTTER_ERDE"></a><h2>MUTTER ERDE</h2> +<br> + +<p>Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich +hinauszogen vor die Tore, über die junggrünende Heide hinweg, am +Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub, +haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das +Frühlingsgrün! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren +oder die Nase, nicht bloß durch die Augen dringt, und so das Mark mit +jauchzendem Optimismus füllt! Etwas "Betrinkliches" muß +dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem +Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie +entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der +Natur, als dem täglichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war +sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit +ihrer bebrillten Detektivnase herausgetüftelt: es gibt im Chlorophyll +(grünes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns übergehen und +sonderbar schwellende, prickelnde, süße Unruh schaffende Wellenkreise an +unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten +ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits +vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf +diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie +aufgebaut, so daß man von nun an vorsichtig sein muß mit Leutchen, die +es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die +Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzplätzchen. Leuchtendes Dunkel, +dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz, +Reibungsleuchten, Röntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und +wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen +Leuchtkäferchen der Natur alle benamst sein mögen. Sie alle kann das +arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der große +<i>Helmholtz</i> einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen, +und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten +Glasröhren, in welchen elektrische Flammengarben sprühen, von denen sich +das unsichtbare Licht abstößt wie Ruß von der Kohlenflamme (im +Röntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen +weniger durchlässig sind als die menschliche Netzhaut, und rückwärts +sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend +andere haben nun gelehrt, daß eigentlich alles, was ist, auf +Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und daß die Reihe der Strahlen +mit den sichtbaren Strömen von Glanz, welche die Sonne über unsern +finstern Planeten ausgießt, lange nicht abgetan ist, sondern daß eben +auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht +mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte +Wellenbewegungen des Äthers alles, was ist, auch das Leben, mit +hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser +Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unzähligen +Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse +anpeitscht, wie ein Wasserfall des Müllers Rad. Das Leben des Kosmos, +der leuchtende Odem der Welt, überträgt sich auf die Materie in Gestalt +rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in +kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das +Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuhäufen, um auch nachts und im +Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im +Grün der Pflanzen, im Rot des Blutes.</p> + +<p>Der größte medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, <i>Ottomar +Rosenbach</i>, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularströme bis +ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die +Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar +vorausgesagt. "Die reichlich fließenden, unsichtbaren, feinsten Ströme +der Außenwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch +somatischen Energieformen!" Da haben wir des Rätsels Lösung: Das Grün +des Frühlings, der Glanz der Blätter und Blüten, das Himmelsblau, das +Spiel des Lichtes, sie alle haben überall gleichsam hinter sich +unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in +die geheimen Werkstätten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und +Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der +Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die +Triebkraft die im Meere gelösten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff, +Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall +all ihrer Kräfte zusammengeschweißt hatte, da gab die in erster +Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft +in der gleichen Form zurück. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen +die Kiellinie seines Schiffes aufglühen im Fluoreszenzlicht des +leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die +Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle +der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So +glüht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von +bestellender Hand aufgelockerten Erde im Frühling das Licht der Welt +zurück. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim +und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales +Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen +Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht +Luna, die kalte, kraterstrotzende Schönheit ist die Gattin der Sonne, +nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (übrigens schwerlich +in Einehe lebenden) Königsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere +nach <i>Fechner</i> durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und +Kreislauf der Gewässer zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer +Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren +atmosphärischen Nebelschleiern überall Wiegen und Brutstätten für +ungezählte Geschöpfe trägt, von denen die kleinsten nicht weniger +Wunderträger sind als die größten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen +Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges +Grab deiner Geschöpfe, die vorgeschriebenen Kreise, hüllst dich ins +hochzeitliche Grün und schläfst unter dem Linnen des hüllenden Schnees. +Du reckst die Kuppen deiner Berge und die schäumenden Arme der See empor +zu den Feuerströmen deines Gebieters, und in deinen Tiefen und Höhen, in +deinen Schlünden, deinen Hüllen glüht es allüberall von den +Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott täglich aufs neue +überstrahlt.</p> + +<p>Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die +wir dich niemals ganz in voller Schönheit sehen—denn eine Weltreise +selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib—bist du +an jeder Stelle die hüllende, liebende, prägende Mutter! Denn unsere +Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie +erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns +prägt die Scholle, uns fesselt die Scholle und läßt uns nie mehr los mit +tausend und abertausend Fäden, die aus dem Boden stammen. Welch eine +geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres +Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gemütes. +Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle +den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein +Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und +Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine +Lieder, seine Sehnsuchten abhängig sind von dem Boden, der ihn geboren? +Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und +Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schließlich abstimmt +auf eine biologische oder ästhetische Einheit, die so klar hervortritt +an den autochthonen Poeten der Heimat.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="UBER_GRUBCHEN_UND_FALTEN"></a><h2>ÜBER GRÜBCHEN UND FALTEN</h2> +<br> + +<p>Wer aufmerksam einem Porträtmaler bei der ersten Skizzierung eines +menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig +Linien eine "schauende Hand" nötig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt +einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig +armselige Kohlenstrichelchen genügen, um die Wunder der Persönlichkeit +auf das schärfste und zwingendste zu umschreiben.</p> + +<p>Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen über +dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der Künstler tastend +nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern +rechnende Ausweichung, Verlängerung oder Verkürzung eine schon +vollendete Ähnlichkeit gänzlich über den Haufen werfen. Sonderbar: es +sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien, +Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen über den starren +Wölbungen des Kopfskeletts, die die Persönlichkeit für das Auge +blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer +individualisierbaren Linien der knöchernen Grundlage des Kopfes. Es ist +ein eigentümlicher, aber doch richtiger Gedanke: man würde ein geliebtes +Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer +Schar von Totenköpfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin +herauszufinden imstande wäre. Auch wird zur Rekognoszierung der +Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten +Schädelmaße eines die knöchernen Verhältnisse berücksichtigenden +Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte, +mystische Trägerin der Persönlichkeit, hat keine Gewalt über ihr aus +Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit +feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden +Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare, +stumpfleuchtende, hüllende Mantel des Körpers, dies schmiegsamste +natürliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner +Muskelsträhnen, die auf das feinste und vielfältigste die zarte Decke +der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz +des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie +eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht +unaufhörlich spielt, oder der Spiegelfläche eines Sees, über den Wind, +Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende, +nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen +Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen können, +die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz +ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in +Qualen verzerrtes Antlitz erhält, ist wohl nicht der Abglanz einer zum +ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits—ach! wenn es doch so +wäre!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger +Muskelspannungen, das sanfte Zurückgleiten aufgewühlter Muskelwellen in +die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es +gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten +Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel +laufenden Bögen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln +aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel +treiben,—die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das +Charakteristische, das Verräterische, das Sänftigende oder das +Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch +Abstoßende oder den überirdischen Liebreiz, das Dämonische oder das +Göttliche geben.</p> + +<p>Vor die starrenden Höhlen des grinsenden Schädels breitete uns Natur +eine weiche, zart getönte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und +Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und hängend ihr +Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Weiß des +sehnigen Gewebes erhält. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch +dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche +Modelleur ist das Fett, die Füllsubstanz, die Abrundung gebende Masse, +die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus +feinen, gelben Träubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische +Substanz in der Hand der größten Bildnerin Natur. Die unendlich +wandlungsfähige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als +Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, daß das Gesicht +oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion, +allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und +entleerungsfähigsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten +Züge der Wangen und der Gesamthaut beim plötzlichen Absinken der Kräfte +im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im höchsten Schmerz! Ohne daß ein +Muskel zuckt, fällt der Tonus der Haut, das mittlere Maß gesunder +Spannkräfte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im +psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die +strotzende Füllung der Fett-Träubchen, und das hohle Polster entzieht +der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich +sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen über die +physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen +Ringe der Venus". Die Lagerung der Augäpfel ist vom Gehalt der +Augenhöhlen an Fett abhängig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei +Gram und Grübeln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett +die beiden Augäpfel abwärts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich +Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenhöhle, die das +dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des +Zurücksinkens der Augäpfel kann so momentan vor sich gehen, daß eine +schwere Anstrengung, ein vorübergehendes Ermatten des Herzens, ein +Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die höchste Wonne +der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz +plötzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein +Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der +Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge +erkennbar machen. Wir verstehen also, daß ein Schwinden des Fettes z.B. +im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen +Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der +nutzlose Kampf gegen Runzeln und Krähenfüße würde nicht so verbreitet +sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des +Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilität, nicht +so verräterisch für die Zahl der Jahre wäre, die über ein Antlitz ihre +Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt +des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren +Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Daß hier ein feinerer +seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall +besteht, beweist, daß es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe +ist, die Faltung und Runzelung verhütet, weil das Alter ja im +allgemeinen fett macht, sondern daß es eine gewisse Schwellbarkeit des +Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die +jung erhält, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende +Intensität den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische +Potenz nimmt.</p> + +<p>Und nun zu den Grübchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der +Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der +kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein können, so weich +wie die von dem Flaum einer Möwen- oder Schwalbenbrust im Seesand +eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Träubchen zu tun; sie +sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem +Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug +Hauteinziehungen über Schmelzlücken des inneren Fettgusses. Wo +Muskelgruppen gegenseitig Lücken lassen, die nicht wie sonst durch die +plastische Füllmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese +kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum +seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil +diese Polsterlücken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren +unaufhörliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben. +Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches +mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten +Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist +ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des +mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten, +huschenden Beschattungen des Gemüts dem Seelenforscher verräterische +Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und +Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelbündel +erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so +komplizierte Mechanismen, daß es denkbar ist, daß zwei Menschen der +Sprache entraten könnten, um sich über alles Wesentliche zu +verständigen, und daß die Möglichkeit besteht, daß viele Tiere nur durch +eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden +Meinungsaustausch und Verständigung erzielen. Man denke an die mimische +Nachahmbarkeit der Gesichtszüge bei Schauspielern, um sich ein Bild von +der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird +es doch immer wahrscheinlicher, daß die oft zu beobachtende Ähnlichkeit +miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen +des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht. +Und auch die Ähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag häufig mehr +funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten +der Eltern lassen die Kinder ähnlicher erscheinen, als sie es in +meßbaren Formverhältnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich +sind.</p> + +<p>Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung +verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne +übertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdrücke nach, +auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So +schreibt die Seele mit flüchtigem Griffel ihre Neigungen, Wünsche und +geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unschöne +Züge durch heißen Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus +der Hand des Göttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr +in Gesichtern als in Büchern lesen lernen!</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="DAS_WUNDER_DER_WUNDHEILUNG"></a><h2>DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG</h2> +<br> + +<p>Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die +Gewohnheit. Sie versteht es, Rätsel, Merkwürdigkeiten und Probleme des +Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so daß +nur wenige von uns hinter ihren Kunststückchen die Möglichkeit eines +noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung +vollkommen die Erklärung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu +begreifen, und Phänomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon +und Biograph, den Enkeln als die selbstverständlichsten Dinge von der +Welt erscheinen. Dem großen Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht +anders: Gewohnheit und Routine nötigen uns eine Brille auf, die in dem +Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten +Mächten, allen Märchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns +vorbeisehen läßt. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewiß so +sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das +träumerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergründung sehnsüchtige +Gemüt in den Bann der "Bedürfnisse des praktischen Lebens" +zurückbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von +merkwürdigen Dingen, über die er anders zu denken, als es die Tyrannei +"allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl +einen tief verborgenen Trieb verspürt.</p> + +<p>So ist für die meisten die Tatsache, daß Wunden heilen, eine +naturgegebene und selbstverständliche Eigenschaft des Lebendigen, über +die es für die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als +die Forschung Mittel und Wege verheißt, den Ausgleich einer +Gewebsdurchtrennung sich möglichst schnell und gründlich vollziehen zu +lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgemäß viel mehr, als das +Problem der dabei ausgelösten Kräfte: die geheime Spinnstube des +Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren +Zustand prüfend abwägt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins +Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem +Ersatz des Verlorenen, <i>einem Versuch zur Unsterblichkeit</i>. Wenn er ein +bißchen Künstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von +der Ehrfurcht berühren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen +Türen naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist +doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle +vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das +allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung, +einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer +aufs neue, auch ohne daß es äußerer Gewalt zum Opfer fällt: unsere +Fingernägel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollständig neu +erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4 +Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner Körperoberfläche sein, die +heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses +klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere +Seele fällt, wird immer neu gefügt vom Rand her und immer neu geputzt +vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen Körper durchstreifen Millionen +wandernder Säemänner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte +aller organischen Gebilde mit neuen Keimen überschütten. So ist das +Wunder des Säens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des +Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am +Werk. Die winzigen Handlanger dieser ständigen Arbeit bei Tag und bei +Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abkömmlinge jener +Wunderzellen, die eine rätselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das +Dasein eines jeden von uns sprang: die Träger der erhabenen Idee der +Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare +Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis für die +Unvernichtbarkeit des Lebendigen, für die kontinuierliche Erhaltung auch +der kompliziertesten Kräfte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als +der Nestor der Anatomen, der greise <i>Kölliker</i> in Würzburg, als direkte +Überbleibsel des befruchteten Eies auffaßte, die sich zu Millionen +Individuen, zu weißen Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm Körper +vermehrt haben, springen nun überall ein, wo es eine Neuarbeit, eine +Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie kämpfen +mit Bakterien, produzieren Heilkörper, sie stillen die Blutungen durch +Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten +Geweben aus den großen Drüsenarsenalen der Verdauungshäfen zu, sie sind +die Lastträger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und +fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Gerüste aufbauen und +Ruinen abtragen, überall gegenwärtig und immer bereit, aus den tausend +Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen läßt, +hinauszuschlüpfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner +Hygieniker, Krieger und Friedensförderer zugleich. Wo organisches Leben +sich erhält und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese +direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der +Ergänzung des Verbrauchten. Diese Fähigkeit ist merkwürdigerweise für +die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine höchst wechselnde, d.h. +der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann, +scheint in umgekehrtem Verhältnis zur Ausprägung eines erhöhten, +individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder +Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle +Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur +Artrepräsentant ist, desto weiter geht die Ersatzfähigkeit des +Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen +zugehörigen Teilen abgeschnittene Fühler, Beine und Scheren; Schnecken +erhalten ganze Teile des Kopfes mit Fühlern und Augen wieder; Fische +vermögen die verlorene Schwanzflosse völlig wieder auszubilden. Bei +Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen +verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des +Rückenmarks, ja bei jungen Eidechsen führt seitliches Einkerben des +Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen +Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung +über den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt.</p> + +<p>Es ist beinahe, als hätte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und +Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr +als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach schönere Augen +einsetzen zu lassen.</p> + +<p>Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstquälerischem Grübeln +über die eigene unzulängliche Schönheit, kann mit diesen hohen Gaben der +Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mißbrauch treiben.</p> + +<p>Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir +erfahren, daß man den Schirm der gelatinösen Meerqualle (Meduse) in +beliebig viele Stückchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes, +neues Quallenindividuum hervorwächst, sofern nur an dem Torso ein Stück +des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, Süßwasserpolypen, +Ringelwürmer die Fähigkeit zeigen, aus zerstückelten Trümmern eines +Individuums ebenso viele Söhne und Töchter zu bilden? Man denke an das +in diesem Fall glückliche Opfer des berühmten Schwert- und +Schwabenstreichs—die zur rechten und zur linken herabgesunkene +Türkenhälfte hätte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar +erhoben—wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied +einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt wären! Für uns Warmblüter +ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltblüter können sich also im +Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enthält in sich +alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte Mensch +so arm: die Narbe, diese rötliche, später grauweiße Marke, dieses +Kainszeichen eines Unglücks, einer von außen wirkenden Gewalt, bei +Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer +Heldenhaftigkeit—dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige, +womit im günstigsten Falle die Krone der Schöpfung zum Ausgleich +beschädigter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser +Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerstörten, in diesem +scheinbar so unvollkommenen Surrogat höher organisierten Gewebes stecken +so viele merkwürdige, abgelaufene Prozesse, eine solche Fülle +bildnerischer und zum Teil problematischer Vorgänge, daß es sich wohl +auch für den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre +Entstehung zu werfen. Wohl jeder trägt irgendeine Narbe an sich, deren +Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf.</p> + +<p>Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder reißender +Gegenstand in unsere Körpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung +oder Durchtrennung die Oberfläche oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte +edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt +lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen Rückenmarks, +durch deren Läsion das Leben wie an einem geöffneten Ventil ausströmt, +stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden +Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die überall sind: Lymph-, +Blutgefäße und das stützende Gerüst, die Bindesubstanz, in die sämtliche +höheren Organe, Drüsen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn +neben dem knöchernen Skelett durchsetzt, hält und stützt unsern Körper +ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich +funktionierenden Substanzen aufgehängt sind. Dieses Maschennetz stellt +zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgefäße und Nerven ihre Ströme zu +den Zentralorganen hin- und zurückleiten. Diese drei Faktoren werden +also überall getroffen, wo die Kontinuität des Gewebes gewaltsam +durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher +schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und +sprungbereite Wächter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht +seinerseits das herausströmende Blut die eingedrungenen Schädlichkeiten +abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gelöste +Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte +produzieren würden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes +mit der Luft, beim Aufhören der gewohnten Berührung mit der inneren +Glasur der Gefäßröhren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert +den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage für die +Organisation der späteren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den +vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde +klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die weißen Blutkörperchen aus, +die dem zerrissenen und aufgewühlten Mutterboden die neuen Saatkörnchen +zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufhörlich, Zelle um Zelle des +Mutterbodens, die Gefäßhäutchen, die Saftlückenauskleidungen, die +Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des +Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den +Fühlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos +vorwärtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten +berühren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt +trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis +cellula e cellula, auf deutsch: Art schlägt sich zu Art, wie hier bei +der Wundheilung. Allmählich entwirrt sich das Chaos; was zu Gefäßen +gehört, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon +angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gefüllt ist mit den +roten und weißen Ernährungszwischenhändlern, den Blutkörperchen; das +Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkräftigen +Spinngewebe zusammen, dessen Elastizität gleichsam wie mit eingelassenen +Stricken die Wundränder ständig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie +einander nähert; die Nerven senden ihre Fühler kontinuierlich aus und +finden sich sicher in dem Wirrwarr übereinandergehäufter Mauersteine +zurecht.</p> + +<p>Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die Hände und +bilden die Strebepfeiler des neugefügten Lebens. Es legt sich +Gefäßkolben an Gefäßkolben, Nervenbündel gegen Nervenbündel, und das +immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene Lücken und +Kanäle, so daß schon in weniger als zehn Tagen, bei ungestörter Heilung, +Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung +ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des +provisorischen Gerinnsels herüber und hinüber rollen. Darüber deckt sich +schließlich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem Muttergewebe +aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und +Kanalisierungssystems—wunderbar genug—nicht früher und nicht später, +wie auf ein bewußtes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und über +die noch etwas erhaben rötliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Anstoß zu +all diesen mit dem Mikroskop mühsam durch die Arbeiten eines <i>Virchow</i>, +eines <i>Thiersch</i>, eines <i>Billroth</i> erforschten Keimungs-, Sprossungs- und +Reparaturvorgängen? Ist es nicht merkwürdig, zu denken, daß der +plötzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Riß +bedingt, gleichsam ungezählte Spaltlücken hervorquellenden Lebens öffnet +und daß von den reich ausströmenden Saatkörnern auch dem winzigsten +etwas anhaftet, das wie ein Bewußtsein einer Pflicht, einer Berufstreue, +einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser +unmittelbar sich äußernde, regulierende, maßhaltende, sich in Reih und +Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan +nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel +des scheinbar Wahllosen und Zufälligen höchste Organisationen, +wundersamste Funktionen herausbildet? Da drängt sich dem dazu +disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen +wie im Großen Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne +innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren +geht, obwohl gerade er so vielen Anlässen zu ihr begegnet. So ist auch +dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern +dienlicher, als ein gleichgültiges "Das muß so sein!" Beim allzu kühnen +Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den +gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so natürliche +Dankgefühl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um +Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister, +es sind alles Seine hohen Werke!</p> + +<p>Daß unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen +Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkräfte zu machen, ist der +Schlüssel zum Verständnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat +sie es gelernt, die Hemmungen eines ungestörten, natürlichen +Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis, +Asepsis), indem sie die überall drohende Wundsaftzersetzung verhüten +lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran +ein <i>v. Langenbeck</i>, <i>Billroth</i>, <i>Thiersch</i>, <i>Mikulicz</i>, <i>Czerny</i>, <i>v. +Bergmann</i>, haben die Technik der Benutzung der natürlichen Hilfsquellen +wahrhaft erstaunlich gefördert. Hier hat sich der Fleiß und das Genie +des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt. +Gleichsam als hätte eine bewußte Arbeitsteilung Talent und Energie je +nach der Individualität vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat +jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst +mit besonderem Glück auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte +zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ, +am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie, +Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des +Unterleibs technisch zu erschließen, Thiersch, Reverdin und Gluck waren +Begründer der künstlichen Gewebsüberpflanzung, und noch neuerdings haben +Rehn in Frankfurt und Kümmel in Hamburg gelehrt, daß man selbst Wunden +des Herzens und der größten Gefäße zur Heilung zu bringen vermag. So ist +denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch +die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast für +jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die glückliche operative +Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch +größerer Teile von Darm- und Magenstücken, die zweckmäßige +Wiedervereinigung und Umschaltung der röhren- und sackförmigen Gebilde +des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen +ebenso zugänglich, wie das Herz, die Lunge, die größten Gefäße, in denen +das Leben an seiner Wurzel strömt und atmet. Das alles wäre nicht +möglich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der +Wundheilung, zu denen das bloße Auge nicht ausreichte, sondern sich mit +den schärferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mußte. So wurden denn von +den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkstätten die +Geheimnisse enthüllt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung +so ungeheure Erfolge brachten.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="DAS_MYSTERIUM_DER_ERNAHRUNG"></a><h2>DAS MYSTERIUM DER ERNÄHRUNG</h2> +<br> + +<p>Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden +Weltanschauung muß es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nüchtern +klar zu machen, daß das Leben nur bestehen kann, indem es Leben +vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und +Pflanzenvernichtung! Dieses mörderische Gesetz vom Werden durch Sterben +ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fühllos +von Mutter Natur gedacht, wie es unästhetisch ist. Eine Art Lebewesen +scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und +gefressen zu werden: das wäre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes +ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe +Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es +sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem +unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine +versöhnlichere, dem menschlichen Fühlen weniger schmerzliche und +peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden können?</p> + +<p>Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur, +aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schönheitleuchtende, +schöpferische Göttin, die Möglichkeit, uns Menschen von diesem +Bannfluche alles Lebendigen—der übrigens schon im Paradiese am Werke +gewesen sein muß—zu befreien durch künstlich hergestellte +Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiweiß? durch Synthese +von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles +dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein muß, +um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie +vom Standpunkte der Eiweißchemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem +Eiweiß sehr ähnliche Verbindungsreihe von Körpern, nämlich die +Peptonoide, eigentlich Eiweiße, wie sie im Magen zur Verdauung +umgearbeitet werden, tatsächlich herzustellen und damit Tiere zu +füttern.</p> + +<p>Mit welchem Effekt? <i>Mit dem des langsamen Verhungerns!</i> Ich habe mich +vor dieser Tatsache erschüttert gefühlt wie vor einem gedanklichen +Elementarereignis! Es müßte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe, +wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen, +wenn diese Tatsachen wirklich bestätigt würden. Die Mehrzahl der +Naturwissenschaftler steht selbstverständlich auf dem Standpunkte, daß, +wenn es gelänge, das Eiweiß chemisch rein aus seinen Elementen +aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelöst wäre. Dann +reißt man Schlachthäuser nieder und baut den küchen-chemischen +Großbetrieb!</p> + +<p>Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit künstlichem Eiweiß nach +meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten können, was schon die +scheinbar gänzlich mißlungenen Versuche der Hundefütterung mit +peptonähnlichen Körpern beweisen dürften; was aber erst würde für eine +Verblüffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiweiß künstlich +durch Aufbau im Laboratorium gewonnen—kein Nahrungsmittel wäre? Hier +ist ein Rhodus für unser naturwissenschaftliches Denken, das wir +überspringen oder überwinden müssen. Hier ist eine Probe auf die +Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen Überzeugung!</p> + +<p>Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, <i>das Mysterium +in der Ernährung</i> vergessen! So muß eines Tages die Lehre von den +Wärmeeinheiten (Kalorien), die der Körper zu seinem Betriebe aus der +Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der +Ernährungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil über +seinem chemischen Mechanismus noch ein Rätsel, ein Wunder, ein +Sonderbares schwebt, das erst erklärt, warum Leben nur durch Leben sich +erhalten kann.</p> + +<p>Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darüber auszusprechen, +nicht allein weil ich sie für interessant genug auch für ein breites +Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung für +durchaus neu und wichtig halte.</p> + +<p>Meine Ansicht ist, daß die Ernährung eigentlich eine stetige +Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen +uns ständig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich +neu, nachdem sie abgestoßen und verbraucht sind. Wir werden immer von +neuem geboren, täglich, stündlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr +dieselben, welche wir waren. (Welch Trost für veredlungs- und +besserungsbedürftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen +Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen, +sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und +Schöpfungsweben das Bewußtsein unseres Ichs zuflüstert, dieser ganze +Zellstaat des Individuums stirbt fortwährend ein bißchen und wird +fortwährend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand +geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach +der Herkunft aller der Saatkörner, die nun einmal für eine Zeugung +unerläßlich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben, +so daß der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule +vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von außen +irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes +wirksame Saat?</p> + +<p>Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle nötig. Aber sie +selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle +scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine +merkwürdige chemisch-physiologische Zähigkeit. Er besteht aus +Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier +unzerstörbar. Keine Säure, keine Lauge, keine Verdauung kann es +vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. <i>Hier im Nuklein der + Kerne steckt das Mysterium der Ernährung.</i> Dieses ist in jeder +Pflanze—in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne +Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es +ist aber auch der Träger aller Befruchtungsvorgänge.</p> + +<p>Durch einen Zufall sah ich einst ein Stückchen Schleimhaut von einem +Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff +war, zu verdauen. Ich war aufs höchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut +nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weißen +Blutkörperchen, dieser Armee von Heinzelmännchen und Liliputanerpolizei +in unserem Leibe, in so auffallender Weise, daß ich das für eine +Entzündung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei +einem völlig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer +Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schüttelte den +Kopf und meinte, das müßte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich weiß +jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, daß jede Magenwand im Zustand +der Verdauung prall gefüllt mit diesen weißen Ameisen des Lebens ist und +daß sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen +Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie +überall mit dem Blutstrom und treten durch die Gefäßlücken ins Gewebe +und streuen, die echten Säemänner des Geheimen, die Samen aus, die sie +aus der Nahrung nahmen, überall wo es nottut, wo der wallende, wogende, +rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lücke, einen Defekt erhalten +hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der +Maschinenheizung und nach dem Äquivalent von Wärme und Arbeit, die +Millionen Nukleinkörnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung und +ewigen Gebarens, würden ganz verloren sein und nur die Äcker düngen, +wenn diese kleinen Wächter des Zellbestandes sie, die sonst +Unverdaulichen, nicht abfangen würden, als die eigentlichen Träger des +Wunders der Ernährung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen +Wiesen und Zellrasenflächen, denen im kleinen Maßstabe das menschliche +und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des +Lebens sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die +Himmelsschlüsselein, die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das +ganze Wunderwerk der Zeugung aufschließen, die die Wunderfedern und +Zaubermotoren anspringen lassen zum Ablauf alles kleinen und +riesengroßen Lebens. Nuklein ist sogar der Träger der Persönlichkeit, +der Artcharaktere, der Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das +Individuellste, was es auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein +ureigenes Gepräge, von einer beispiellosen, durch alle Generationen, +alle Wandlungen fortwirkenden Konstanz.</p> + +<p>Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene Überzeugung, daß die +Ernährung nicht erschöpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wärme +und Umsatz in Arbeit, sondern daß neben diesen betriebstechnischen +Vorgängen noch ein Prozeß einherläuft, welcher das Rätsel des Lebens in +sich schließt und darum mysteriös und wundervoll ist. So aufgefaßt ist +die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf +aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines +allmächtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genüge finden +konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablässig am Werke ist zu +variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des +bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein +Wesen, für das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die +Staubflüge des Sonnenstäubchens und das Lieben und Zeugen der +allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von +Mensch, Tier und Pflanze.</p> + + + +<hr style="width: 65%;"> +<a name="DIE_HAUT_ALS_EIN_ORGAN_DER_SEELE"></a><h2>DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE</h2> +<br> + +<p>Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie +läßt nichts hüllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom +niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten +Prachtexemplaren: an Körperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem +Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natürliches +Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, über die schillernde Schuppen, +leuchtende Farbenglut, Blütenschmelz und schmückende Zier +verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder +ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender +Abwehrpanzer, ein schützender Wall von Höckern, Stacheln, Borken und +Horngerüsten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des +eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der +Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schließt die +Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun könnte. Wir +sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und +Körperhüllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige +Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la +nature der eingeborenen Hülle hinzugefügt, wiederum in analoger +Verquickung von Schutz und Schmuck—nämlich unsere Kleidung, bei welcher +die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft +am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur +selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges +Trikot, in dem wir immer herum gehen müssen und das wir niemals ablegen +können! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und +reichem Glanz, das hinreißend schön sein kann, solange der Jugend +Blütenschmuck über ihm gebreitet liegt, und das im Alter die +Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die +Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die +Körperwärme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht, +Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte +und sondert schützende Öle ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich +aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander +unterscheiden läßt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin weiß, der +Träger eines gut Teils unserer Persönlichkeit ist, sie hat eine +Farbenskala von großem Reichtum und trägt ein mikroskopisches, +Wiesendecken gleiches Feld feinster Härchen, das sich zu Busch und Wald +verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrätsel sich verbergen, +das unser Göttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser +Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervösestes Organ! +Nicht allein, daß sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des +Gefühls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am +Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich +einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mühe lohnen dürfte. Die Haut +erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefühlen der Lust und des +Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglühen vor +Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens, +der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins, +und der Rückschlüsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befühlen auf +unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen +kann, sind unzählige. Und nun dies Befühlen selbst. Welche Fülle +seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung +einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite +übermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknäuel, die als +sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkörperchen ausgesät +sind und von Mensch zu Mensch ihre Ströme senden! Welche Wunder der +Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das +wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstäblich +nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das +Nervensystem nach außen in die Welt ausgestülpt hat. In der Haut schuf +sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen, +hier wogen und wallen die feinsten Nervenströme hin und her, die uns +orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von +hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis +ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende +Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den +ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum +einschlürft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine +Dusche,—welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie +übermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel übersät mit +Nervenflitter und Glühlämpchen von ebenso geheimnisvoller wie +schönheitdurchleuchteter Zweckmäßigkeit. Es ist meines Wissens noch +niemals genügend betont, daß die Haut, diese Hülle und diese Offenbarung +unserer Persönlichkeit, nachweisbar anatomisch und +entwicklungsgeschichtlich ein echtes <i>Seelenorgan</i> ist.</p> +<br> + +<p>Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mütterliche Eizelle +befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlüssel des werdenden Menschen erste +Blüte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in +drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen übereinander: den +sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerüst des Leibes, das +Skelett mit seinen Säulen, Röhren und Kapseln, Schädel und Rückgrat, aus +dem anderen Herz, Gefäße, große Drüsen und der Ernährungsweg, und aus +dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und—Haut! Da +haben wir des Rätsels Lösung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches +Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem +tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und +physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich kühn den Satz: unsere +Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von +unserer Seele ebensoviel zu künden, wie von der des anderen zu empfangen +vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie +ist nach außen gestülptes Gehirn, sie enthält, entladet und empfängt +einen beträchtlichen Teil des seelischen Geschehens überhaupt. Jetzt +erkennen wir deutlich—und das ist das Wichtigste dieser ganzen +Betrachtung—warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige +Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus möglich +sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens +sein—eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die +Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schönheit ist, warum +Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine +sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann +gemessen werden an dem Maß von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der +Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehört untrennbar die Kultur der +Haut. Die Zeiten sind für immer vorüber, in denen struppiger Bart, +ungepflegte Hände, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht für das +Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs +Äußere", pflegte man früher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer +entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen, +wobei man eben vergaß, daß das "Äußere" unseres Leibes, die Haut, +durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewiß können wir es durch keine +Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Blütenschmelz +zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder +der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schöner +gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den +Höhepunkt ihrer Elastizität, Leuchtkraft, Frische und dynamischen +Strahlenwirkung—denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-, +Y-oder Z-Strahlen—abzwingen.</p> + +<p>Ein Blick auf eines Menschen Haut—übrigens instinktiv zur Abschätzung +der Persönlichkeit ebensooft geübt wie der forschende Blick in die viel +weniger durchschaubaren Augen—kann uns von der Seele mehr verraten, als +viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen +Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der +Kampf ums Dasein aufnötigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner +Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut +verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine +schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trägers +Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen: +seht! wie mein Herr mich hält, so ist sein ganzes Wesen! Welch +armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lüge zu zwingen, durch Puder, +Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt muß uns Männer für +lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann, +es gäbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier +kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel +gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer +nicht täglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad, +Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versäumt ja nicht +nur, den natürlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu +halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die +unerläßlichsten Kraftquellen zu erschließen. Es ist wissenschaftlich +noch nicht völlig geklärt, warum die täglichen kalten und wechselnden +Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern—ich glaube +an eine Art Turnübung der kleinsten Gefäßmuskeln der Haut und sekundär +des Gehirns, welche unsere Willenskräfte zu beeinflussen imstande +sind—aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat +Mühlenwind für die Flügel unserer Seele, es hat die Fähigkeit, +Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen +Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens +zunächst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel +am Automobil, es sind direkte physische Kräftespannungen, welche von der +Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer +Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim +Abreiben ausgelöst werden und die direkt von der Haut in die Seele +einströmen wie unzählige Bäche in den brausenden Strom, der unsere +Persönlichkeit in den Ozean des Lebens trägt.</p> + +<p>Wie hübsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der +Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvölker +hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmücken mit Farben, Perlen, +Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des +Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in +konzentriertestem Maße zum Bewußtsein bringen wollte: da ist die Perle +obenan ein Symbol für den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden +Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol für die funkelnde schillernde +Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol +ihrer Durchströmung mit der flüssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist +vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die +Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schönere Haut +besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmücken, die, +was Schönheit der Hülle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos +dastehen, mit den Pflanzen und Blüten! Auch hier symbolisiert die +Weichheit des Flaums im Blütenkelch und Blütenblatt einen Reiz, der der +menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Blütenschmuck ist ja eine Art +Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schöner Umhüllung darbringt; +denn, wenn Großvater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Träger +aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Blütenhaut in ihrem +Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild +auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen, +denken wir daran, daß sie von Blüten stammt und ihr Ebenbild ist, daß +sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden, +das ganze Leben verschönenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.</p> + +<br> +<br> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***</p> +<p>******* This file should be named 15070-h.txt or 15070-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/0/7/15070">https://www.gutenberg.org/1/5/0/7/15070</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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