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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:45:57 -0700
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+The Project Gutenberg eBook, Der Schwimmer, by John Henry Mackay
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Der Schwimmer
+
+Author: John Henry Mackay
+
+Release Date: February 15, 2005 [eBook #15068]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER***
+
+
+E-text prepared by Hubert Kennedy
+
+
+
+DER SCHWIMMER
+
+Die Geschichte einer Leidenschaft
+
+Roman von
+
+JOHN HENRY MACKAY
+
+
+
+
+
+
+
+Meiner geliebten Kunst--des Schwimmens--gewidmet...
+
+
+Erster Teil
+
+
+1
+
+Wann er schwimmen gelernt hatte?--Man hätte ihn ebensogut fragen
+können, wie und wann er gehen gelernt habe.
+
+Er wußte nicht mehr, wann er das erstemal ins Wasser gegangen war;
+aber seine ersten Kindheitserinnerungen waren mit dem Wasser
+verknüpft, das sein Element war und in dem er lag, wie er auf der
+Erde ging.
+
+Er war ein geborener Schwimmer.
+
+
+2
+
+Er hieß Franz Felder und war der Sohn sehr braver und sehr armer
+Eltern in Berlin O, der fünfte unter achten. Alle waren es stämmige
+Kerle mit dunklen Haaren und klaren Augen, und beide Eltern hatten
+vollauf zu tun, die hungrigen Mäuler vom Morgen bis zum Abend zu
+stopfen, von denen mindestens eines immer nach einer Stulle
+aufgesperrt war. Sie taten es redlich und gern, und zu hungern
+brauchte keines. Aber damit war auch der Kreis ihrer elterlichen
+Pflichten geschlossen, und sobald wie nur möglich blieben die Kinder
+einander und sich selbst überlassen und mußten sich mit durchs Leben
+helfen, so gut oder so schlecht, wie es eben ging.
+
+Der Älteste lernte eben aus, als der kleine Franz geboren wurde, und
+nach diesem kamen dann noch drei, die--wie er vordem den
+vorhergegangenen älteren--so nun seiner Obhut mit anvertraut wurden,
+sobald er selbst auf den Füßen stehen konnte. Ohne viel Worte und
+ohne jede Zärtlichkeit herrschte immer ein gutes Zusammenhalten
+zwischen den Brüdern. Es äußerte sich hauptsächlich ebensowohl in
+derben Prügeleien, wie in solidarischem Durchhelfen bei allen kleinen
+und großen Fährlichkeiten ihrer im ganzen und großen recht
+mühseligen, aber nicht unglücklichen Jugend.
+
+
+3
+
+Er hatte das Schwimmen nie "gelernt"; wenigstens konnte er schwimmen,
+solange er zurückzudenken vermochte, und das war etwa bis in sein
+viertes Jahr. Damals fiel er auf einer Landpartie, deren Höhepunkt
+eine Kahnfahrt bildete, ins Wasser--die Frauen kreischten und die
+Männer fluchten, während er herausgeholt wurde; aber ihm machte die
+Sache Spaß, und er lachte seelenvergnügt, so daß jemand sagte: "Der
+fällt uns gleich zu seinem eigenen Vergnügen nochmal hinein..."--was
+die entsetzte Mutter veranlaßte, ihren Franz für diesen Tag
+wenigstens nicht mehr von der Seite zu lassen.
+
+Aber das war eine jener Erinnerungen, die nur deshalb so stark in uns
+zu liegen scheinen, weil wiederholte Erzählungen anderer sie stürzen
+und halten.
+
+In Wirklichkeit sah sich Franz Felder in seinen Gedanken
+zuerst als kleinen Jungen von fünf Jahren lange, lange, warme
+Sommernachmittagsstunden am Ufer der Spree bei Treptow. Seine Eltern
+wohnten damals in zwei kleinen, heißen Zimmern in einem Hinterhause
+der Fruchtstraße, aber der Vater hatte es zum großen Jubel der ganzen
+Familie fertig gebracht, für den Sommer auf einem der Felder am
+Treptower Bahnhof eine der vielen "Lauben" zu mieten, und man hatte
+nun ein winziges Stückchen Erde, auf dem man einige Kohlköpfe ziehen
+und zu dem man hinauspilgern konnte in dem stolzen Gefühl eigenen
+Besitztums.
+
+Der Vater und der eine oder andere der älteren Brüder, die schon
+arbeiteten, kamen erst des Abends; aber die Mutter, welche kränkelte,
+verbrachte oft mit den Jüngsten ganze Tage auf dem reizlosen Fleck,
+wo sie wenigstens in freier Luft war.
+
+Sooft er nur konnte, rückte Franz aus. Erst klagte und schalt die
+Mutter, dann ließ sie ihn laufen, da es doch nichts half, ihn
+zurückhalten zu wollen.
+
+Eine besondere Anziehungskraft hatte für ihn ein großer Holzplatz an
+der Spree. Seit er einmal, dort umherschlendernd, für den
+Zimmermeister eine Weiße geholt hatte, stand ihm der Zutritt gegen
+Leistung gelegentlicher gleicher und ähnlicher kleiner Dienste offen,
+und nichts hinderte ihn, zwischen den Balken und Stämmen
+herumzuklettern, soviel er wollte.
+
+So wurde der Holzplatz seine Heimat für diesen Sommer. Aus Spänen
+kleine Kähne zu bauen, sie mit einem Knopf oder irgend etwas anderem
+zu "befrachten", sie dem großen Wasser anzuvertrauen und zu sehen,
+wie es sie hintrieb und verschlang, wurde er nie müde; oder Gräben
+und Buchten zu bilden und das Wasser hineinzuleiten und
+herumzupantschen und zu mantschen, bis der Feierabend allen seinen
+Spielen für diesen Tag ein Ende machte.
+
+Ein besonderes Fest war es jedesmal, wenn er in einem wirklichen
+großen Boote, das von der anderen Seite herübergekommen war und
+anlegte, ein Stück mitgenommen wurde oder etwa gar selbst eine
+Pätschel führen durfte.
+
+Aber am meisten von allem lockte ihn das Wasser selbst; und sechsmal
+an heißen Sommertagen mindestens warf er Hemde und Hose in den Sand
+und tauchte sich in die braune, träge, lauwarme Flut. Er schwamm
+schon wie ein Fisch. Er ging auf den Grund und holte Steine aus dem
+Schlamm herauf. Er glitt unter den Flößen durch und verschwand hier,
+um dort in die Höhe zu kommen.--Und er lernte seinen ersten Sprung,
+den einfachen Kopfsprung. Erst von dem Rand des Floßes, dann von dem
+des Nachens, endlich von dem des großen Spreekahnes plumpste er--den
+Kopf voran und mit ausgespreizten Beinen--wie ein Frosch ins Wasser.
+
+Ach, und wie war es schön, den nassen Körper in das heiße Sägemehl zu
+werfen, sich auf Bauch und Rücken darin herumzuwälzen und dann den
+weißen Pelz mit einem Sprunge wieder abzuwaschen!... Und stundenlang
+in der Sonne zu liegen und die Kähne und Dampfer mit festlich
+geputzten und fröhlichen Menschen auf der Spree vorüberziehen zu
+sehen, während die roten Wände der Fabriken und die weißen der Villen
+im Glanz des Sommertages aus dem Grün der Ufer hervorleuchteten und
+der blaue Himmel sich über alles spannte, die Ringbahnzüge über die
+nahe Eisenbahnbrücke donnerten und unter ihr die Dampfer pfiffen und
+läuteten...
+
+Es war ein großer Sommer für den kleinen Kerl, der von den Arbeitern
+auf dem Platz, die sich nur selten und nur bei übergroßer Hitze ins
+Wasser wagten, wie ein kleines Wundertier angestaunt und ihre "Otter"
+genannt wurde, wenn er plötzlich zu aller Ergötzen im Wasser lag und
+seine ersten, kleinen Kunststücke zeigte.
+
+Im Herbst dieses Sommers war er braun wie ein Neger, gesund und immer
+hungrig wie ein Haifisch, und er begann bereits, sich etwas
+einzubilden auf seine frühe Kunstfertigkeit...
+
+
+4
+
+Mit sechs Jahren kam er, wie jeder andere Berliner Junge, in die
+Volksschule um bis zu seinem vierzehnten Jahre, dem der Einsegnung,
+in ihr zu bleiben. In diesen Jahren lernte er schreiben, rechnen und
+lesen und einige allgemeine, elementare Kenntnisse, das heißt, Franz
+Felder lernte auch hiervon nur das allernotwendigste. Seine Schrift
+behielt immer die klobigen Formen der Ungewandtheit, und man sah ihr
+an, wie mühsam es ihm wurde, die Feder zu führen; sein Rechnen ging
+gerade so weit, um zur Zusammenzählung seiner kleinen Ausgaben und
+Einnahmen zu dienen; und sein Lesen--ach, der arme Franz Felder hat
+in seinem kurzen Leben wenig mehr gelesen, als hier und da den
+"Lokalanzeiger" und eine Annonce an der Litfaßsäule, denn es ist ihm
+ewig unverständlich geblieben, wozu Bücher überhaupt anders
+existierten als um den Überfluß an Zeit zu beseitigen.
+
+Er brachte sich mühsam durch die acht Klassen bis zur ersten hinauf.
+Zweimal blieb er sitzen, und dreimal half ihm sein "gutes Betragen"
+durch. Auch die guten Schüler konnten es nicht weiter bringen, denn
+bis zum vierzehnten Jahre mußten sie alle miteinander in der Schule
+bleiben. Dann begann für sie alle das Leben--die Arbeit.
+
+Franz war durchaus kein guter, aber auch grade kein schlechter
+Schüler. Es gab noch viel Dümmere als ihn. Er begriff das wenige, was
+er zu begreifen hatte, schwer und manches gar nicht; aber was er
+einmal in sich aufgenommen hatte, war auch sein geworden.
+
+Im allgemeinen war ihm die Schule höchst gleichgültig; er ging hin,
+weil es nun einmal sein mußte.
+
+
+5
+
+Aber nicht allein durch die Schule, sondern auch durch die
+Notwendigkeit frühen Verdienens wurde seine Zeit in Anspruch
+genommen, und desto mehr, je älter er wurde.
+
+Zwar folgten auf jenen ersten Sommer frohen Umhertummelns und
+sorglosen Genießens noch einige andere gleich und ähnlich schöne,
+aber immer öfter hieß es: "Du mußt dies und das tun und holen"--und
+ein jeder solcher Befehle vernichtete einen Wunsch. Es kam auf jeden
+Groschen an, der verdient werden mußte, und zudem verlangten die
+jüngeren Brüder Beaufsichtigung und Fürsorge von den älteren, wie er
+sie selbst von den Voraufgegangenen genossen.
+
+Dennoch gab es immer noch viele Stunden ungetrübter Seligkeit für den
+Knaben, wenn er hinaus konnte ins Freie zum Baden.
+
+Es waren die Stunden, für die er lebte, an die er stets und ständig
+am Tage dachte und von denen er des Nachts träumte--seine größte
+Freude und sein durch kein anderes übertroffenes Vergnügen.
+
+Im Sommer mußte einmal am Tage wenigstens gebadet werden; das war
+Selbstverständlich, und der Tag verloren, an dem es nicht sein
+konnte. Aber nicht etwa baden, was die anderen so nannten: aus den
+Kleidern ins Wasser und wieder hinein--sondern hinein und hinaus und
+in die Sonne, und wieder und wieder ins Wasser, und am liebsten so
+den ganzen Nachmittag. Und schwimmen und springen und tauchen und im
+Wasser wühlen wie ein Seehund--das nannte _er_ baden. Als er noch ein
+kleiner Kerl war, gab es überall an der Spree Gelegenheit,
+splitternackt ins Wasser zu springen, wenn man nur aufpaßte, daß kein
+Schutzmann in der Nahe war. Aber als er älter wurde, ging es doch
+nicht mehr so gut außerhalb der Badeanstalt und ohne Badehose.
+
+Vor dem Schlesischen Tor war ein großes Stück Spree am Ufer durch
+einen hohen Zaun abgetrennt. Auf seiner Innenseite zog sich ein Gang
+an allen Seiten hin, und es liefen Bänke an ihm entlang, über denen
+Nägel zum Aufhängen der Kleider eingeschlagen waren. Außerdem gab es
+noch ein wackeliges Sprungbett auf einer Art Turm, von dem man "bei
+Strafe" hinunterspringen mußte, wenn man ihn betreten hatte, und im
+Wasser lag ein Kreuz aus Balken zur Belustigung der Badenden.
+
+Das war die große Schwimm- und Badeanstalt "Osten", die größte
+Berlins. Die Balken und Bretter waren schwarz und morsch vor Alter
+und die Nägel verrostet, und nie wurde ein neuer eingeschlagen, denn
+das hätte ja Kosten und Mühe verursacht. Alles war verwahrlost, aber
+Raum gab es hier in Fülle, und an allen heißen Sommertagen waren die
+Gänge vom Morgen bis zum Abend dicht besetzt mit vielen Hunderten von
+nackten, schwitzenden Körpern, und der Lärm in und außer dem Wasser
+nahm kein Ende, ob am Nachmittag die barfüßige Jugend des Ostens oder
+am Abend die schwarze Arbeiterschaft nach ihrem Tagewerk anrückte.
+Das Bad kostete einen Groschen, und den ganzen Sommer konnte man hier
+für einen Taler baden. Was aber Franz Felder vor allem reizte, das
+war, daß man hier nie oder doch nur ganz selten hinausgeschmissen
+wurde, auch wenn man die formell vorgeschriebene Badezeit von einer
+Stunde längst überschritten hatte. Bei der ungeheuren Menge von
+Badenden war es den Bademeistern ganz unmöglich, irgendeine Kontrolle
+auszuüben, und es war ihnen auch ganz gleichgültig, mochten sich die
+Körper in und außer dem Wasser stoßen und drängen und die Kleider
+über- und die Stiefel durcheinander geworfen werden--solange man sich
+nur nicht prügelte oder einer am Ertrinken war und herausgeholt
+werden mußte, rührte sich keiner vom Flecke.
+
+Franz beschloß, hierher die Stätte seiner sommerlichen Tätigkeit zu
+verlegen und daher mußte er den Taler haben. Das war sehr viel Geld
+auf einmal, aber unmöglich schien es ihm nicht, ihn für sich
+zusammenzubringen, ohne daß die Mutter es merkte; denn die hätte
+natürlich gesagt, einmal in der Woche zu baden sei genug--(soviel
+verstand die davon!)--und hätte ihm das Geld abgenommen. Im März fing
+er an zu sparen: Sechser für Sechser und Groschen für Groschen, und
+er hatte ein wundervolles Versteck auf dem Dachboden des Hauses in
+einem alten Strumpf und in einer Ecke, wo nie jemand hinkam, da kein
+anderer im ganzen Hause so geschmeidig war, sich bis dahin durch
+Bretter, Balken und Gerumpel durchzuwinden. Aber im Mai wurde der
+Vater krank, und eines Abends kroch Franz voll Edelmut, aber nicht
+ohne Bitterkeit hin zu seinem Schatz und trug ihn in die Apotheke.
+
+Jetzt mußte er von neuem anfangen, und er tat es: er trug des Morgens
+Frühstück aus, bevor er zur Schule ging, und lauerte am Nachmittag
+auf die Reisenden am Schlesischen Bahnhof, denen er hier und da ein
+Stück Gepäck trug, und als im Juni nach einem kalten Frühling der
+herrliche, geliebte Sommer und seine Sonne kam, lag er im Wasser und
+schwamm, daß es eine Art hatte. Diese Sommernachmittage waren noch
+sein--in diesen und in den nächsten Jahren--solange er auf der Schule
+war. Er ließ sie sich nicht verkürzen. Nach dem Essen rückte er aus
+und kam am Abend wieder, mochten sie daheim sagen, was sie wollten.
+Zwischen diesen vier schwarzen, häßlichen Bretterwänden, die alles,
+nur nicht den Himmel versperrten, verbrachte er die langen Stunden
+ungezählter Nachmittage. Hier war die Welt, in der er lebte. Hier
+lernte er seine ersten, kunstgerechten Sprünge, und hier bildete er
+seinen kleinen Körper in unausgesetzter Übung zu der Kraft aus, die
+ihn später zu den Leistungen seiner Siege befähigen sollte.
+
+Solange er noch nicht eingesegnet war, brachte er es fertig, sich für
+jeden Sommer seinen Taler zusammenzusparen, und diese Sommer
+vergingen ihm fast wie ein einziger, langer, warmer Sonnentag, den
+er--durchschwamm.--
+
+Aber auch die Winter dieser Jahre seiner frühen Kindheit waren nicht
+ohne alle Freuden. Die Stadt Berlin hatte nach langem Zögern im Osten
+ein großes, rotes Gebäude errichtet: eine Volksbadeanstalt mit
+musterhafter Einrichtung, die neben den mancherlei Arten von Wannen-
+und Brausebädern als Mittelpunkt auch eine große Schwimmhalle
+umfaßte, die Sommer wie Winter geöffnet war und das Schwimmen zu
+jeder Jahreszeit ermöglichte.
+
+Es war die zweite städtische Anstalt dieser Art. Bisher hatten sich
+in Berlin nur zwei oder drei andere Privat-Anstalten mit
+Schwimmbassins mühsam zu halten vermocht, da die wenigsten Menschen
+überhaupt von der Möglichkeit, "im Winter zu schwimmen", eine
+Vorstellung hatten und die Existenz solcher Schwimmhallen ihnen daher
+einfach unbekannt und unverständlich war.
+
+Für Franz Felder waren diese privaten Anstalten deshalb nicht in
+Betracht gekommen, einmal weil sie viel zu entfernt lagen, und dann,
+weil das Baden in ihnen viel zu teuer war. So war die neue Anstalt
+der Stadt wie für ihn gebaut, und wenn er auch im Sommer an dem
+schmucken Gebäude mit Verachtung vorbei und in den großen Kasten an
+der Spree lief, so wandte sich ihm doch seine ganze Aufmerksamkeit
+zu, als der "Osten" sich hinter ihm als dem letzten Badenden bis zum
+nächsten Sommer schloß und der alte Bademeister, als er ihn endlich
+endgültig hinausschmiß, halb brummend, halb lachend gemeint hatte:
+"Na, weeßte, du hast ooch mehr an uns als wir an dir verdient!"...
+
+Franz brachte es fertig, Eintritt auch in das neue Ziel seiner
+Wünsche zu erlangen. Es war allerdings nicht an ein Abonnement für
+den ganzen Winter zu denken--eine unerschwingliche Summe, die er
+weder zusammengebracht hätte, noch gewagt haben würde, selbst für
+diesen Zweck zu verwenden, auch wenn er im Winter die Zeit gehabt
+hätte zu täglichem Baden; schon die einzelnen Bäder waren für ihn
+teuer. Aber sie waren doch zuweilen erschwingbar, und außerdem wurden
+von der Gemeindeschule aus die jüngeren Schüler ein- oder zweimal
+wöchentlich vom Lehrer hierher geführt, und bei dieser Gelegenheit
+überkam Franz eine Ahnung von dem Zweck und Nutzen der Schule. Diese
+Freibäder versöhnten ihn mit mancher anderen langweiligen und
+lästigen Stunde.
+
+Das einzige, was ihm diese Freibäder im Winter zu verkümmern
+vermochte, war die Kürze der vorgeschriebenen Zeit, in der die Kinder
+im Wasser verweilen durften, und ob auch der Lehrer, selbst ein
+großer Schwimmer und gütiger Freund seiner Kleinen, bei Franz ein
+Auge zudrückte, wenn dieser selbst durch die Schnelligkeit, mit der
+er sich in seine Kleider warf, ein paar Augenblicke längeren
+Verweilens in dem geliebten Naß zu ergattern vermochte, so war es
+Franz doch immer, als sei er kaum einmal untergetaucht, und er hatte
+im Grunde seines Herzens für diese Art von Schwimmerei immer nur das
+eine Wort tiefer Verachtung: "Det is ja jarnischt!"--Und trotzdem
+hätte er selbst diese in seinen Augen so flüchtigen Augenblicke nicht
+missen können und wollen, denn immer seltener wurden die Male, in
+denen er allein diese wunderbare, warme Halle, die ihm der Inbegriff
+aller Weite und Schönheit war, besuchen und mit dem Aufgebot aller
+Schliche so lange als irgend möglich in ihr verweilen konnte; und
+immer seltener und begehrter zu Hause wurden die Groschen, die er
+sich durch kleine Beschäftigungen, wie das Brotaustragen am frühen,
+kalten Morgen vor der Schule und den Verkauf von kleinen Straßenwaren
+in den Weihnachtstagen, durch stetes Aufpassen auf jede andere
+mögliche Gelegenheit zuverdienen wußte.
+
+Früh wurde sein junges Leben mühsam und ernst. Aber unglücklich war
+er nicht, denn er konnte ja schwimmen, Sommer wie Winter schwimmen.
+Unglücklich wäre er nur geworden, wenn man ihm dies sein einziges
+Vergnügen ganz genommen hätte. Aber daran dachte keiner, denn keiner
+verstand, wie es ein so großes Vergnügen sein konnte.
+
+So erreichte Franz Felder sein vierzehntes Lebensjahr.
+
+
+6
+
+Bisher hatte er von seinem Schwimmen nichts gehabt als sein
+Vergnügen. "Brotlose Künste!" sagte sein Vater eines Tages, als Franz
+wieder einmal sein Fortbleiben an einem ganzen Nachmittag und einem
+halben Abend mit nichts anderem zu entschuldigen wußte, und dieser
+konnte sich nur mit dem Gedanken über diesen Ausspruch trösten, daß
+sein Vater eben auch nichts vom Schwimmen verstehe. Er bedauerte ihn
+deshalb tief, denn für ihn gab es nur zwei Arten von Menschen:
+solche, die schwimmen, und solche, die nicht schwimmen konnten. Die
+letzteren waren für ihn eine untergeordnete Klasse von Menschen,
+jedes Mitleids würdig.
+
+Nun aber--er stand in seinem dreizehnten Lebensjahre--brachte ihm
+seine Fähigkeit den ersten Erfolg in den Augen der Menschen, und
+einen schönen.--
+
+Es war an einem Sonntagnachmittag, und Franz lag im Grase an der
+Spree nahe der Kirche in Stralau, die ihren grauen Turm aus alten
+Linden und Ulmen heraus neugierig in den wolkenlosen Himmel streckte.
+Franz war ganz allein. Seinen Freunden, die ihn zu einer Wasserpartie
+nach Sadowa überreden wollten, hatte er einen Korb gegeben--einmal,
+weil ein paar mitmachten, die ihm nicht paßten, da sie ihm zu rüdig
+waren; und sodann, weil er nur drei Sechser in der Tasche hatte, über
+die bereits anderweitig für morgen verfügt war. Zudem war er ganz
+gern allein, und die Pätschelei machte ihm nur dann Vergnügen, wenn
+sie mit einem regelrechten Bade verbunden war.
+
+Franz also lag in dichtem Grase, sog an ausgerupften Halmen und ließ
+in augenblicklicher Ermangelung eines Besseren einen um den anderen
+seiner nackten Füße ins Wasser hängen. Erst harte es ihm Spaß
+gemacht, nach den Sommergärten von Treptow, die alle schwarz von
+Menschen waren, und auf die Spree, wo sich Unmengen von kleinen
+Boten, Kähnen und Seglern herumtrieben, hinauszuschauen, und er hatte
+sich vorgenommen, einmal aufzupassen, wie lange es wohl dauern würde,
+bis eine dieser meist von den ungeübtesten Händen gelenkten Schalen
+in den Kurs eines der schwerfälligen Dampfer kam, die einer nach dem
+andern menschenüberladen und unter ohrbetäubenden Geklingel spreeauf-
+und abwärts an ihm vorbeiführen. Denn alle Sonntage kamen hier einer
+oder mehrere Unfälle vor, und das Gottvertrauen, mit dem der
+Handlungsgehilfe aus NO und der Friseur aus SW, denen doch sonst vor
+jeder Berührung mit dem Wasser inner- und äußerlich graute, die Boote
+mit ihren Schönen beluden und direkt auf die Dampfer losfuhren, hatte
+etwas Rührendes. Aber, wie es immer ist: wenn wir auf ein Ereignis
+warten, kommt es nicht, und so wurde auch Franz bald müde, auf die
+Wasserfläche hinauszublinzeln, und er sah zur Abwechselung hinauf in
+den Himmel, indem er sich auf den Rücken warf.
+
+Ob es wohl ein Wasser gab, das so tief und so blau war, wie dieser
+Himmel dort oben? Was mußte das für eine Lust sein, darin zu baden!--
+Er dachte an einen seiner Lehrer, der einmal von einem Märchen
+erzählt hatte. In dem kam ein Bergsee vor, der sollte "so tief wie
+das Meer und so blau wie der Himmel" sein. Aber Franz konnte sich
+keine rechte Vorstellung von einem Bergsee machen, und außerdem war
+es ja ein Märchen, das der Lehrer erzählte. Die Spree war immer
+dunkelbraun und schmutzig, und auch in dem Volksbad konnte man nicht
+auf den Grund sehen, auch dann nicht, wenn das Bassin gereinigt und
+mit frischem Wasser gefüllt war. Aber es mußte doch wunderschön sein,
+einmal in einem so ganz klaren, durchsichtigen Wasser zu baden...
+
+Und da empfand Franz auch schon mit heftigem Unbehagen, daß er heute
+noch gar nicht im Wasser gewesen war. Wenn er es wagte? Aber das wäre
+doch wohl eine zu große Frechheit gewesen, am Sonntag, hier vor allen
+Leuten--wenn ihn da ein Schutzmann erwischte, würde es schöne Senge
+absetzen, und nicht die allein. Nein, er mußte schon warten, bis es
+dunkel geworden war, und dann auf dem Heimweg noch schnell einmal
+irgendwo hineinspringen. Weshalb waren doch nur alle Badeanstalten am
+Sonntagnachmittag geschlossen--das war doch zu dumm!--Wo alle anderen
+Vergnugungslokale geöffnet waren, blieben die, wo es das allergrößte
+gab, zu!--
+
+Und wenn er nun doch jetzt sein Bad nähme!--Er getraute es sich,
+seine Kleider abzuwerfen, so lautlos ins Wasser zu schlupfen, unter
+ihm hin eine Strecke zu schwimmen, einmal aufzutauchen, um Atem zu
+schöpfen, und dann ebenso lautlos wieder zurückzuschwimmen, daß kein
+Mensch ihn bemerken sollte. Aber eine bodenlose Frechheit wäre es
+doch gewesen und wenn wirklich ein Schutzmann in der Nähe war--und
+immer war ein solcher Kerl irgendwo in der Nähe!--und die Kinder ein
+Geschrei erheben würden...
+
+War da schon einer?--Schrieen die Kinder oder wer schrie so?--Franz
+sprang in die Höhe. Hatte er es nicht gleich gesagt?--Na ja, gleich
+der ganze Kahn um und alles ins Wasser!--Und ein Geschrei und Gerufe
+und ein Laufen--jetzt aber raus aus dem Hemde und ins Wasser!--Er
+fuhr durch das Wasser wie nie in kurzen, kräftigen Stößen. Er wollte
+schon auf den Kahn zu, als er--noch ein Stück von ihm entfernt--etwas
+auf dem Wasser kämpfen und untersinken sah: einen Jungen, ein paar
+Jahre jünger nur, als er selbst. Er erreichte ihn noch gerade und
+packte ihn beim Arm. Aber der klammerte sich auch gleich an ihm fest,
+und Franz hatte Mühe wieder loszukommen. Denn so ging das ja nicht.
+Er schrie ihm zu, ganz ruhig zu sein, er bringe ihn schon ans Land.
+Aber der andere war schon wieder mit dem Kopfe unter Wasser und hörte
+nichts mehr.
+
+Da ließ ihn Franz einen Augenblick ganz los, griff ihn dann fest
+unter dem Arm und brachte nun den sich nicht mehr Sträubenden.--denn
+der hatte einstweilen genug Wasser geschluckt--langsam, aber in
+sicheren und kräftigen Stößen ans Land.
+
+Dort streckten sich schon hundert Hände aus--nicht nach dem Retter,
+um den kümmerte sich keiner--sondern nach dem andern, und Franz war
+froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles
+lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie
+finden zu können. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann hätten
+sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemühten oder
+ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen
+aber war ihm ein Greuel. Und es nützte ja doch nischt!--der seine
+Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon über alle
+Berge!
+
+Er machte besser, daß er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am
+Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, daß
+der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er,
+was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war
+Franz längst verschwunden.
+
+Er trottete in Hemdsärmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun
+gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der
+sonntäglichen Spaziergänger die lange Straße längs der Spree nach
+Hause trabte, mußte er einmal doch die aufsteigenden Tränen
+hinunterschlucken, als er daran dachte, daß er nun ohne Jacke nach
+Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen würde. Denn sagen, wie
+es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht.
+
+
+7
+
+Er hatte die ganze Sache längst vergessen, und auch der Lärm um die
+Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die
+Eröffnung wurde, daß ihm "für seine mutige Tat" die Rettungsmedaille
+verliehen werden und daß er sie am Tage der Entlassung aus der Schule
+in öffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte.
+
+Er wußte zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache
+damit zu erledigen, daß er nicht daran glaubte. Das war auch nur
+wieder so eine Quatscherei--wegen so was! Aber er irrte sich. Die
+Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben
+Lehrers an seiner Schule, der zufällig an jenem Sonntag in der Nähe
+gewesen war und vergebens nach seinem Schüler gesucht hatte, nachdem
+er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit
+gebracht, daß er Luft schnappen konnte.
+
+Franz machte diese Feier kein Vergnügen. Es war ihm unangenehm, so
+vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott
+weiß was getan, und er hätte sich am liebsten in die Erde, oder noch
+weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht.
+
+Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht
+zuhörte. Dann mußte Franz vortreten vor die andern Schüler und die
+Herren in schwarzen Röcken hin, und er fühlte, daß er rot wurde, als
+ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde.
+Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem
+Augenblicke ein Gefühl großer Gehobenheit, etwa ähnlich dem, das er
+empfand, wenn er ganz allein draußen in seinem Elemente schwamm und
+fühlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefühl mußte sich in seinen
+Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so
+gefürchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer
+Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so
+ungewohnt bei seinen kühlen, früh lebensklugen Berliner Kindern,
+legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm,
+und sich etwas niederbeugend, fügte er seinen Worten noch hinzu:--Du
+wirst gewiß einmal ein sehr tüchtiger Schwimmer werden...
+
+Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerfälligkeit
+ganz fremden Plötzlichkeit und Schlagfertigkeit--und wieder stand das
+seltsame Leuchten in seinen Augen--:
+
+--Der bin ich schon!
+
+Der Rektor lächelte.
+
+--Aber ja. Sonst hättest du dir das da nicht verdient. Ich meinte
+auch nur, daß du dich noch weiter ausbilden kannst; das willst du
+doch gewiß?
+
+Franz war wieder der alte, und er antwortete mit seiner eben zu der
+Einsegnung eingelernten Verbeugung, die das einzige war, was ihm von
+der ganzen Geschichte "dieser heiligen Handlung" geblieben war:
+
+--Jawohl, Herr Rektor!
+
+Die Feierlichkeit war zu Ende und keiner froher darüber, als Franz,
+der sofort nach der Volksbadeanstalt stürzte und sie gerade noch
+lange genug offen fand, um im Wasser für eine halbe Stunde zu
+vergessen, was auf der Erde um ihn vorging.
+
+Acht Tage vorher war er eingesegnet worden, und so waren die beiden
+größten äußeren Ereignisse seiner bisherigen kindlichen Jugend
+zusammengefallen.
+
+Die Einsegnung selbst hafte ihn ganz kalt gelassen und er hatte mit
+dem besten Willen nicht die üblichen Tränen hervorquetschen können,
+die bei dieser Gelegenheit erwartet wurden. Aber die Verleihung der
+Medaille hatte ihn doch etwas innerlich erregt, da die andern so viel
+Wesens davon machten und ihn anstaunten, wo er ging und stand. Den
+tiefsten Eindruck machte es ihm, daß sein Name in den Zeitungen
+stand, und als an einem Abend dieser Woche der Onkel Sattlermeister
+aus der kleinen Markusstraße in dem elterlichen Keller erschien
+und mit dröhnender Stimme bei verschiedenen Weißen die Notiz im
+"Lokal-Anzeiger" über seinen Neffen vorlas, da war dieser fast so
+glücklich, wie einige Tage später, als derselbe Onkel ihn "zur
+Einsegnung" mit einer silbernen Taschenuhr beschenkte.
+
+Jetzt war er von der Schule endgültig frei, die er im letzten Jahre
+geradezu gehaßt hatte. Er war nun darauf angewiesen, auf eigenen
+Füßen zu stehen, Geld zu verdienen, um seinen Eltern ein Kostgeld zu
+zahlen, mit einem Wort: sich durchs Leben zu schlagen, so gut es
+ging.
+
+Für einen bestimmten Beruf, konnte er sich noch nicht entscheiden.
+Die besseren Berufsarten, die der Mechaniker, Ingenieure usw., bei
+denen ein Lehrgeld in der Höhe von mehreren hundert Mark zu bezahlen
+war, waren überhaupt ausgeschlossen, da sein Vater nie in der Lage
+gewesen wäre, auch nur hundert Mark auf einmal für einen seiner Söhne
+aufzutreiben. Aber auch die Lehrstellen, bei denen ein Lehrgeld nicht
+gefordert wurde, die nur die drei- oder vierjährige Verpflichtung
+unentgeltlicher Kraft verlangten oder nach einiger Zeit und sogar von
+Anfang an ein kleines, von Jahr zu Jahr um etwas höher werdendes
+Gehalt bewilligten, waren ihm versagt, denn jetzt wo er vierzehn
+Jahre alt geworden war, erklärten die Eltern, ihn nur bei sich
+behalten zu können, wenn er wöchentlich seinen Beitrag für Wohnung
+und Essen beisteuerte.
+
+Alle seine Brüder hatten das getan, bevor sie sich selbständig
+gemacht, das heißt geheiratet hatten oder in die Fremde gegangen
+waren, und Franz wäre der letzte unter ihnen gewesen, der nicht
+eingesehen hätte, wie berechtigt die Forderung war. Die Familie
+Felder hatte immer zusammengehalten und gesucht, sich das Leben
+gegenseitig zu erleichtern; daß es so schwer war, nahmen alle als
+eine unabänderliche Notwendigkeit, und Franz machte keine Ausnahme,
+wenn er nicht darüber nachdachte, warum es eigentlich für sie alle so
+schwer war...
+
+Er ging ohne Zaudern daran, sich Arbeit zu suchen. Er schreckte vor
+keiner zurück. Im Winter war er Laufbursche und Austräger in
+verschiedenen Geschäften, hatte dann eine Stelle als Bote in einem
+großen Zigaretten-Importgeschäft, zu dem er in einer auffallenden
+Uniform und in einer Mütze mit Aufschrift gehen mußte; und im
+darauffolgenden Sommer zog er für eine Papeteriewarenhandlung mit
+einem Karren und einem Hunde, meist allein, zuweilen aber auch mit
+einem zweiten Jungen, vom Morgen bis zum Abend in der ganzen Umgegend
+von Berlin herum um Waren abzuliefern. So brachte er es fertig,
+während dieses ganzen Jahres nie weniger als zehn Mark die Woche zu
+verdienen, und meistens noch etwas mehr, bis zu dreizehn und selbst
+vierzehn, die Trinkgelder eingerechnet.
+
+
+8
+
+Alles, was er an Geld und Zeit erübrigen konnte, gehörte bis auf die
+letzte Minute und den letzten Pfennig seiner ersten Liebe: dem
+Wasser!--
+
+Immer brachte er es fertig, auf seinen Geschäftsgängen--und mußte er
+sich noch so sehr vorher und nachher beeilen--so viel an Zeit zu
+erübrigen, daß er in das zunächst gelegene Schwimmbad eilen konnte
+auf ein kurzes, oder, wenn es irgend anging, auf ein langes Bad. Im
+Sommer fast täglich: da befand er sich meist in den Vororten von
+Berlin, und statt der wenigen Winter-Schwimmbäder der Stadt fand er
+überall ein Sommerbad. Und mochte er in Reinickendorf oder Steglitz,
+am Plötzensee oder in Rixdorf sein--im Sommer wenigstens durfte kein
+Tag vergehen, an dem er nicht in die Fluten tauchen konnte, die sein
+Element waren. Er verzichtete auf die Mittagsruhe unter einem Baum
+auf dem Felde; er überredete seinen Kameraden, mit dem Wagen eine
+halbe Stunde auf ihn zu warten, und versuchte es auf alle Weise--
+selbst durch Bestechung mit einem Sechser oder mit einem Glas Bier;
+er stellte den Wagen bei Bekannten, die er überall machte, für eine
+Stunde unter, nur um auf sein Vergnügen nicht verzichten zu müssen.
+Sonst so schwerfällig, wurde er schlau in der Anwendung der Mittel,
+die ihn zu seinem Ziele führen konnten: seinem täglichen Bade.
+
+Übrigens fand er im Sommer meist Zeit. Bei diesen weiten, tagelangen
+Fahrten konnte sein Fortbleiben vom Geschäft aus nur selten so genau
+kontrolliert werden, wie im Winter; wenn er abends, und mochte es
+auch schon spät sein, mit dem leeren Wagen nach Hause kam und nur
+alle Bestellungen abgeliefert waren, war der Chef zufrieden, um so
+mehr, als Franz sehr zuverlässig und ehrlich war, so daß ihm oft
+große Summen zur Einkassierung anvertraut wurden.
+
+Auch die paar Groschen für das Bad fand er immer. Sie waren seine
+einzige Ausgabe. Er hatte sonst kein Bedürfnis und verzichtete lieber
+auf sein Glas Bier, als auf sein Bad. Er konnte hungern und dursten--
+und oft genug tat er beides--: aber sein Vergnügen ließ er sich nicht
+nehmen. Auch war es ja ein so billiges Vergnügen. Da er sich immer
+noch in vielen Fällen auf ein Kinderbillet durchschmuggelte, so
+kostete ihm sein Hallenbad nicht mehr als zwanzig, sein Sommerbad
+meist aber nur zehn Pfennig. Das konnte er sich schon leisten. Nur
+sprach er nicht mehr so viel von seinem Vergnügen. Die Mutter hätte
+selbst über die kleine Ausgabe geklagt, und seine Freunde verstanden
+seine Leidenschaft doch nicht so, wie er sie fühlte. So umgab er sie
+mit der ganzen Heimlichkeit einer wirklich ersten Liebe und stahl
+sich zu seinem einzigen und größten Vergnügen wie zu einem
+Stelldichein.
+
+Seine kleine Badehose, die zusammengerollt nicht großer war als seine
+Faust, trug er mit sich, wo er ging und stand. Und mehr als sie, den
+Groschen und eine Stunde Zeit, brauchte er ja nicht!...
+
+Es war eine harte und freudlose Kindheit, die dem Knaben beschieden
+war. Aber eine große Freude, die schon jetzt etwas von der alles in
+ihm beherrschenden, verzehrenden Leidenschaft späterer Jahre an sich
+hatte, übergoldete ihre graue Nüchternheit, ließ ihn Müdigkeit und
+Entbehrungen vergessen, und diese Freude war es, in der er seine
+ganze Jugend auslebte und auskostete in ihrer ersten Kraft und in
+ihrem ersten unendlichen Genießen.
+
+
+9
+
+Ihm war das Schwimmen noch keine Kunst. Er ahnte noch nicht einmal,
+daß es als eine solche betrachtet werden konnte. Wohl wußte er von
+der sportlichen Ausbildung der Schwimmer, aber diese reizte ihn
+nicht. Sie war ihm fremd.
+
+Wie als kleiner Kerl von fünf Jahren, so tummelte er sich auch jetzt
+noch im Wasser, nur daß er mit seiner zunehmenden Kraft gelernt
+hatte, es jetzt völlig zu beherrschen.
+
+Als nochmals ein Sommer zu Ende ging, da gab es für den jungen
+Burschen kein Wasser in der ganzen näheren Umgebung von Berlin, wenn
+es nur eben so groß war, daß man in ihm baden konnte, in dem er nicht
+geschwommen hätte. Berlin war eine große Stadt mit vielen Straßen und
+unzähligen Häusern, aber ihre Bedeutung bestand doch nur darin, daß
+um sie herum die Teiche und Seen lagen und daß sie der dunkle Fluß
+durchzog...
+
+Er schwamm nur zu seinem Vergnügen und nur zu eigener Lust. Sein
+einziger Wunsch war, den ganzen Tag im Wasser zu liegen, und er war
+glücklich über die langen Sonntagnachmittage, an denen er es konnte.
+
+Mit seinen kurzen, stämmigen Beinen seinen festen Armen, an denen
+sich die Muskeln auszubilden begannen, beherrschte er das Wasser mit
+vollkommener Sicherheit. Es war sein Freund, zu dem er unbedingtes
+Vertrauen hatte--sein bester, sein einziger Freund. An seiner Brust
+vergaß er alle Mühseligkeiten seines jungen Lebens, und wenn er bei
+ihm sein durfte, war er glücklich.
+
+Und das Wasser vergalt ihm seine Liebe. Es war wie ein Aufschrei der
+Freude seiner Wellen, wenn es ihn umfing, und es trug ihn sicher und
+freundlich, wie er nur wollte. Sie spielten, sie rangen miteinander,
+wie Knaben es tun, um ihre Kraft zu messen, aber sie vertrugen sich
+immer.
+
+Ach, und wie der Knabe es liebte!
+
+Wie andere Kinder den weißen Sand, mit dem sie spielen, durch die
+Hände gleiten lassen, so nahm er oft, auf dem Rücken liegend, das
+flüssige, rätselhafte Element, um es zu fassen, in die Hände und es
+zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen in flüchtigen Blasen.
+
+Wie andere Kinder zu ihrer Mutter gehen mit ihren Klagen und
+Wünschen, so kam er zu ihm, um sich trösten zu lassen.
+
+Sein ganzer, kleiner Körper zitterte vor Aufregung, wenn er das
+Wasser sah, und er suchte den köstlichen Augenblick zu verlängern, in
+dem er hinein durfte.
+
+Lag er dann im Wasser, so rollte er sich zunächst förmlich über die
+Fläche hin, überschlug sich vor Wonne und kugelte sich zusammen, ging
+unter und kam wieder hervor, streckte die Glieder in unendlichem
+Wohlbehagen und glitt auf der Oberfläche hin, wie eine Schlange, bis
+er zu schwimmen begann.
+
+Dann schwamm er, ruhig, langsam und lautlos, fast andächtig; oder in
+voller Kraft auf ein Ziel los, daß das Wasser rauschte.
+
+Er schwamm, und er wurde nie müde.
+
+Er tauchte, und seine kleine Brust weitete sich mühelos.
+
+Er schwamm und schwamm, wo und wann er konnte.--Es war ein heißer
+Sommer, ein langer Sommer, ein arbeitsvoller Sommer.
+
+Aber es war doch ein Sommer voll Freude.
+
+Viel noch sollte Franz Felder in seinem Leben schwimmen. So sorglos,
+so unbekümmert vielleicht nie mehr.
+
+
+
+Zweiter Teil
+
+
+1
+
+Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um
+im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlössen sich. Franz
+Felder hatte seine Stelle aufgeben müssen, da im Geschäft nicht mehr
+genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerührten Abschied von
+Cäsar, dem treuen Gefährten so vieler schöner, heller Sommertage,
+eine neue Stelle für den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er
+kriegen konnte.
+
+So oft er konnte, ging er nun wieder in das große Volksbad, dessen
+hohe, warme Halle sich das ganze Jahr über nur an den zweiten
+Feiertagen schloß und immerweniger besucht wurde, je kälter es
+draußen wurde.
+
+Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im
+Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen
+konnte.
+
+Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte
+und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen
+hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte
+ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten.
+
+Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, daß an den Jungen diese
+Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, daß er einstweilen
+noch etwas warten wolle, als er hörte, was der Herr weiter sagte:
+
+--Sie müssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere
+Jugendabteilung, sondern nur Kräfte, von denen wir uns etwas für
+unseren Verein versprechen.
+
+Und plötzlich schoß es Franz durch den Kopf: der Herr gehörte ja zum
+"Schwimmklub Berlin von 1879"--dem ältesten und angesehensten
+Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer
+entstammten, der die großen Feste gab, und in den einzutreten
+überhaupt eine Unmöglichkeit schien ... und noch etwas außer Atem und
+ganz hochrot fragte er fast ungläubig:
+
+--Schwimmklub Berlin von 1879?--
+
+Der Herr lächelte.
+
+--Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beiträge sind um etwas höher,
+als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser
+Beziehung, und der gute Wille zählt hier mit, wenn es einmal nicht so
+geht. Übrigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders
+wenn Sie viel baden, daß sich das schon machen lassen wird...
+
+Als er sah, daß Franz noch immer nicht antwortete, lächelte er wieder
+und machte eine Bewegung:
+
+--Ich will Sie übrigens nicht überreden... Sie können sich die Sache
+ja überlegen--
+
+Aber da sagte Franz hastig, als könne ihm das unerwartete Glück
+wieder entgehen:
+
+--Nein, nein, ich will schon gern--
+
+Der Herr zog sein Notizbuch hervor:
+
+--Also, der Name...
+
+--Franz Felder--
+
+--Adresse?
+
+--Berlin O, Münchebergerstraße 102, und etwas zögernder: --Hof--im
+Keller--
+
+Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand:
+
+--Unsere Übungsstunden für die Jugendabteilung kennen Sie wohl?--
+Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr.
+
+Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle
+Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht
+hatte, sah, wie der Herr wegging, und fühlte zugleich einen
+freundschaftlichen Rippenstoß in der Seite:
+
+--Du, wat hat denn der von dir jewollt?
+
+Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab:
+
+--Ich bin aufgefordert worden, dem "Schwimmklub Berlin 1879"
+beizutreten, und ließ sie stehen.
+
+Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine
+unbändige Freude ergriff ihn.
+
+O, er wollte Ehre einlegen!--Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag
+wollte er schon aufbringen und so pünktlich zahlen, daß man ihm
+deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen
+noch nicht wußte, wie sie aufzutreiben waren.
+
+Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesäumten Trikot und der
+Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl
+1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so
+ungeschickt in seiner Aufregung, daß nur eine gewandte Wendung im
+letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen.
+
+Daran, daß es ihm nie als ein besonderes Vergnügen erschienen war,
+einem Verein anzugehören, daß er den Zwang der Stunde, das Schwimmen-
+Müssen um bestimmte Längen, dabei unter schärfster Aufsicht und
+steter Kritik, daran, daß ihn das ganze Klubleben, soweit er es
+kannte, mit einem Wort: das "offizielle Schwimmen" nie angezogen
+hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war
+angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur
+Mitgliedschaft an dem ersten und ältesten Schwimmverein Berlins
+aufzufordern.
+
+Er gehörte von heute ab dem "Schwimmklub Berlin 1879" an, und allen,
+die es hören wollten, und sehr vielen, die es nicht hören wollten,
+erzählte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief
+entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der sie allgemein
+aufgenommen wurde.
+
+
+2
+
+Es gab kein jugendliches Mitglied des Vereins, das pünktlicher zu den
+Übungsabenden gekommen wäre, keines, daß sich williger und begeisterter
+jeder Anordnung an diesen Abenden gefügt hätte, als Franz Felder.
+Man merkte es bald, und er erwarb sich manche Bekanntschaft im Klub
+dadurch auch von solchen, die der Einführung von Mitgliedern,
+und noch so verheißungsvollen, aus, wie sie es nannten, "anderen
+Verkehrskreisen", fremd, ja feindlich gegenüberstanden. Bei fast
+allen von ihnen erwarb sich der neue Ankömmling Achtung und Sympathie,
+einmal wegen des leidenschaftlichen, fast komisch-weihevollen Ernstes,
+mit der er die Sache betrieb, und dann wegen der Bescheidenheit und
+Ehrlichkeit seines Wesens, das sich nie vordrängte. Man setzte bald
+große Hoffnungen auf ihn und ließ ihn nicht aus den Augen.
+
+Das nächste große Ereignis, das sein Eintritt in den Klub zur Folge
+hafte, war eine Lehrstelle in einer großen mechanischen Werkstätte,
+die ihm durch einen seiner neuen Sportfreunde dort verschafft wurde.
+Er sollte gleich von Anfang an einen Wochenlohn erhalten und erhielt
+die Zusicherung sorgfältiger und vollständiger Ausbildung. Da
+unterdessen auch seine Brüder in besseren Stellungen waren und die
+Einsegnung eines jüngeren bevorstand, trat er die Stelle an. Er blieb
+bei seinen Eltern wohnen und der größte Teil seines wöchentlichen
+Verdienstes wanderte nach wie vor in ihre Hände. Was er für sich
+behielt, brauchte er dazu, um am Sonntag auf den Ausflügen mit seinen
+Klubgenossen ein Glas Bier zu trinken, und für die ersten paar Mark,
+die er erübrigte, schaffte er sich ein tadelloses Trikot an, eine
+Sportmütze und das Klubabzeichen, ein kleines Schild, das auf dem
+Rockaufschlag getragen wurde.
+
+Er ging nun völlig auf im dem Leben des Vereins. Die Vergnügungen des
+Klubs waren seine Erholungen, seine Arbeit die seine. Die
+Sportkameraden waren seine Freunde, mit denen er alles teilte. Die
+Arbeit des Tages in der Fabrik tat er, weil sie getan werden mußte,
+und er tat sie gut und fleißig. Seine Familie sah er nur, wenn es
+unbedingt nötig war, bei den unerläßlichen Geburtstags- und anderen
+Feiern; mit den paar Freunden seiner Kinderzeit verkehrte er fast gar
+nicht mehr.
+
+Seine Dankbarkeit gegen seinen Klub wuchs allmählich ins Ungemessene.
+Er konnte sie einstweilen nur durch völlige Hingabe beweisen. Aber
+immer wieder schwur er sich selbst zu: seinem Klub Ehre zu machen in
+jeder Beziehung, Ehre um jeden Preis. Er sollte keinen Unwürdigen in
+ihm aufgenommen haben.
+
+Er wußte, daß er über eine Kraft verfügte, die ihn vielleicht einmal
+zu Siegen führen konnte, wenn er sie stählte und übte. Nicht für sich
+wollte er diese Siege erringen, daran dachte er nicht. Doch er
+träumte bereits im stillen davon, um den alten Namen des Vereins neue
+Lorbeeren zu schlingen, die er selbst in heißem Kampfe erfechten
+würde.
+
+Er schwamm nicht mehr nur ausschließlich zu seinem Vergnügen, er
+schwamm um ein Ziel, und begeisterter schwenkte keiner die
+Sportmütze, lauter schrie keiner mit, wenn das "Gut Naß!--Hurra!
+Hurra! Hurra!" erscholl, als Franz.
+
+
+3
+
+Seine Fortschritte waren rapide und setzten selbst seine neuen Lehrer
+in Erstaunen. Bei all seinen Fähigkeiten und all seiner
+unvergleichlichen Liebe zur Sache war es doch ein rohes Material, das
+hier in Ausbildung genommen wurde.
+
+Dieses jüngste Mitglied der Jugend-Abteilung--zu der die jungen Leute
+meist aus der Knabenabteilung mit ihrem vierzehnten Jahr kamen und in
+der sie etwa bis zu ihrem siebzehnten blieben--war bei seinem
+Eintritt ein guter Schwimmer gewesen, aber sonst auch nichts. Stil
+und Form bekam sein Schwimmen erst jetzt unter der steten und
+strengen Bewachung an den Übungsabenden. Aber wie bald wurde die Form
+schön und sein Stil sicher!--Nach ein paar Wochen schon war Felder
+der anerkannt beste Schwimmer seiner Abteilung.
+
+Auf dem internen Wettschwimmen des Klubs, das alljährlich im Winter
+in der Schwimmhalle des Volksbades stattfand und auf dem mit Ausnahme
+eines Gastschwimmens befreundeter Klubs nur Klubmitglieder schwammen,
+holte sich Franz seinen ersten Preis: den im Junioren-Schwimmen über
+50 Meter. Es war ein kleiner, einfacher Lorbeerkranz mit bedruckter
+Schleife, den er nach Hause trug.
+
+Es war nicht das erstemal, daß er ein Schwimmfest sah, denn er war in
+letzter Zeit oft zu solchen mitgenommen und hatte mit tiefer, innerer
+Erregung den Wettkämpfen zugesehen, an denen er sich noch nicht
+beteiligen durfte. Nun schwamm er zum ersten Male mit. Er wußte, daß
+er siegen würde, denn er kannte ja alle seine Gegner und hatte jeden
+einzelnen bei den Übungen wieder und wieder geschlagen. Dennoch war
+er aufgeregt und freute sich, als es vorbei war.
+
+Befangen, wie damals, als ihm der Rektor das Rettungszeichen an die
+Brust heftete, nahm er seinen ersten, kleinen Siegerpreis in Empfang.
+
+Aber im Grunde war er doch mächtig stolz, als er den Kranz zu Hause
+in dem gemeinschaftlichen Schlafzimmer über dem schmalen Bett
+aufhing, in dem er mit einem jüngeren Bruder den festen, traumlosen
+Schlaf der gesunden Jugend schlief, und bei Strafe unermeßlicher
+Schläge verbot er der ganzen Gesellschaft, auch nur ein Blatt zu
+berühren.
+
+Der Kranz wurde erst angestaunt, blieb hängen und wurde dann über
+höheren und reicheren Ehrungen vergessen, verdorrte und verstaubte,
+und war doch der erste Lorbeer der diese junge Stirn berührt hatte.
+
+
+4
+
+Wieder folgte für Franz Felder auf seinen ersten kleinen Sieg ein
+Jahr ernsten Strebens. Es galt jetzt nicht mehr, sich mit seinen
+Klubgenossen zumessen, sondern seine Kräfte an weitere, außenliegende
+Ziele zu wagen.
+
+Er war sehr in die Höhe geschossen, und die Schlankheit seines
+Körpers verriet nicht, wie groß die Kraft war, die in ihm lag. Aus
+dem stämmigen, dicken jungen mit den behaglichen, etwas
+schwerfälligen Gliedern wurde schnell ein sehniger, junger Mann. Nur
+das Gesicht blieb noch ganz dasselbe: die blauen, treuherzigen Augen,
+die vollen, roten Lippen und Wangen und die eigenwillige Stirn, über
+die das schwarze Haar jetzt immer in einem Büschen niederfiel, so daß
+es alle Augenblicke zurückgestrichen werden mußte, waren dieselben--
+das unschuldige, vertrauensvolle Gesicht eines Kindes, das noch vom
+Leben nichts erlebt hatte. Und derselbe blieb auch der Blick dieser
+Augen. Es war der gedankenlose, etwas träumerische Blick eines
+Menschen, in dessen Gehirn mit hartnäckiger Zähigkeit immer und immer
+wieder nur eine Idee wiederkehrt--eine Idee, die in der Zukunft lebt,
+einer Zukunft voll großer Erfüllung verschwiegener, noch
+unausgesprochener, nicht einmal erkannter Wünsche.--
+
+Fehlers Zeit war jetzt völlig eingeteilt. Kam er von der Arbeit des
+Tages, so war am Abend immer etwas los: entweder es fanden
+Übungsstunden statt, oder Sitzungen, oder es galt Vorbereitungen für
+irgendein Fest zu treffen--immer nahm ihn sein Klub in Beschlag. Auch
+die Sonntage gehörten nach wie vor ausschließlich dem Verkehr mit den
+Sportgenossen--der Besuch fremder Schwimmfeste, anderer sportlicher
+Veranstaltungen, geselliger Vereinigungen zu: Musik und Tanz, im
+Sommer Ausflüge in die Umgegend, Kahnpartien und vor allem die langen
+Bäder (überall da, wo Wasser war) füllten sie aus und waren seine
+Freude und seine Erholung. Franz Felder blieb still, wie er es schon
+als Kind gewesen war, und beteiligte sich höchstens an den Gesprächen
+über schwimmsportliche Fragen. Sie waren auch die einzigen, die ihn
+interessierten. Für keinen anderen Sport hatte er das geringste
+Interesse; in keinem anderen dachte er auch nur daran, sich zu
+versuchen. Er kannte nur einen einzigen, neben dem alle anderen
+verblaßten und gleichgültig erschienen.
+
+Es dauerte ziemlich lange, bis er sich heimisch in dem neuen Kreise
+fühlte. Wenn er auch nie Gefallen an den rüden und lauten
+Belustigungen seiner früheren Schulkameraden und Altersgenossen
+gehabt hatte, so waren ihm doch die Verkehrsart und der Ton seiner
+neuen Bekannten zu fremd, als daß er sich hätte so leicht in sie
+finden können. Aber diese neuen Freunde hatten ihn wirklich gern und
+taten ihr Bestes, indem sie ihn überallhin mitnahmen und jetzt ganz
+als den Ihrigen betrachteten. Langsam trat so eine Wandlung nach der
+anderen in ihm ein. Auch in seinem Äußeren. Er war nicht mehr der
+arme Junge in geflickten Kleidern und dem offenen Hemde, sondern ein
+sauber, oft mit ziemlich geschmackloser Eleganz gekleideter junger
+Mann, dessen regelmäßige, wenn auch einstweilen nur geringe Einnahmen
+ihm erlaubten, etwas auf sich zu halten.
+
+Vermochte er auch nie eine gewisse Schwerfälligkeit und Langsamkeit
+zu überwinden, so beeinflußte ihn doch in allem der gute Ton seines
+Klubs zum Guten. Er lernte sich in Lebensformen fugen, die ihm bisher
+unbekannt geblieben waren und die ihn zwanglos das eine tun und das
+andere lassen ließen--Dinge, an die er bisher überhaupt nicht gedacht
+hatte. Jene unausbleiblichen Streitigkeiten des Sportlebens mit Ernst
+und Freundlichkeit zu schlichten, auch laute Fröhlichkeit nie in
+Rohheit und Zank ausarten zu lassen, und vor allem das Prinzip der
+Schwimmkunst als eines edlen, den Menschen durch und durch
+erfrischenden und veredelnden Sports, hoch zu halten--das war von
+jeher die Aufgabe dieses Vereins mit dem einfachen Namen und der
+stolzen Vergangenheit gewesen, der mehr als irgendein anderer dazu
+beigetragen hatte, das Interesse für eine Sache zu wecken, die
+überhaupt bis vor kurzem noch als keine Kunst, sondern fast allgemein
+nur als Mittel zu der zeitweiligen, notwendigen Reinigung des Körpers
+betrachtet wurde.
+
+War--vielleicht nicht zum wenigsten infolge der strengen Befolgung
+dieses Prinzips, das mehr im allgemeinen für die Sache des Schwimmens
+zu wirken versuchte, als auf Züchtung großer Erfolge und mit ihnen
+verbundener Namen ausging--der "Schwimmklub Berlin 1879" in den
+letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten und an
+Mitgliederzahl und äußerer Bedeutung von dem einen oder anderen
+neueren Verein übertroffen, so war er doch durchaus nicht gewillt,
+auf seinen alten Ruf, erstklassige Schwimmer und Springer
+hinauszusenden, zu verzichten und stets bereit, neue Lorbeeren zu den
+alten zu fügen. Die nächsten Jahre sollten auch nach außen hin wieder
+zeigen, daß der Klub in keiner Weise zurückgeblieben war--dahin
+gingen die Wünsche der Mitglieder einstimmig. Sie sollten beweisen,
+daß man nicht schlief, wenn man auch nicht immer mitschrie.
+
+Man setzte, wie gesagt, große, noch unausgesprochene Hoffnungen auf
+Franz Felder. Wenn irgendeiner, so war er es, der den Klub zu
+außergewöhnlichen Erfolgen zu führen versprach. Derselbe Herr, der
+zuerst stillschweigend auf den kräftigen Jungen aufmerksam gemacht
+hatte, der sich mit so erstaunlicher Sicherheit und so unbändiger
+Wonne im Wasser herumwälzte, war und blieb sein treuer Berater. Er
+wachte mit fast ängstlicher Sorgfalt über seinem Zögling. Bernhard
+Nagel, von Beruf Chemiker, war seit zwei Jahren wieder Schwimmwart
+des "S.-C. B. 1879". Selbst in früheren Jahren ein berühmter
+Schwimmer, lange Zeit der unangefochtene Inhaber so mancher
+Meisterschaft, ein ausgezeichneter Turner auch heute noch und von
+jeher ein allbeliebtes Klubmitglied, hatte sich--gerade zur rechten
+Zeit, auf seiner Höhe--von jeder aktiven Tätigkeit zurückgezogen und
+sein Name erschien schon lange nicht mehr öffentlich in den
+Programmen der Schwimmfeste.
+
+Damit aber war sein Interesse an seinem Klub um nichts vermindert.
+Seine Kraft gehörte jetzt mehr als je den Fortschritten der Sache,
+und seine Tätigkeit erstreckte sich vor allem auf die Ausbildung der
+Jugendabteilung. Wie sein scharfes Auge gleich in dem unbekümmerten,
+wasserfrohen Knaben den geborenen Schwimmer erkannt hatte, so nahm er
+sich nun seiner von der ersten Stunde hilfreich an. Er war ein
+strenger Lehrmeister, der scharf aufpaßte und so leicht nichts
+durchgehen ließ. Bei Felder hatte er indessen eigentlich mehr zu
+zügeln, als anzuspornen, denn dessen hauptsächlichster Fehler bestand
+darin, daß er immer gleich zu heftig ins Zeug ging, Um dann am Schluß
+eines Rennens den Anstrengungen, denen sein Körper noch nicht
+gewachsen war, und somit erfahreneren und geübteren Schwimmern
+gegenüber zu unterliegen. Aber das gab sich von Woche zu Woche, und
+Franz lernte allmählich mit seiner Kraft haushalten. Er vergalt das
+Interesse seines Schwimmwarts mit unbegrenzter Dankbarkeit. Nicht
+nur, daß er diesem Manne den Eintritt in den Klub und damit in ein
+für ihn ganz neues Leben, sowie die Stellung verdankte, die ihn der
+Not um sein tägliches Brot enthob--er fühlte ganz gut, daß jener
+Hoffnungen auf ihn setzte; und immer wieder schwur er sich im stillen
+zu, ihm seine Dankbarkeit eines Tages auch durch Taten zu zeigen.
+Daher hörte er auf jedes Wort des Tadels und der Ermutigung, wie auf
+ein Gebot, und das eine konnte ihn ebenso beseligen, wie ihn das
+andere niederzudrücken vermochte.
+
+Bei der Unzugänglichkeit seines Wesens und seiner Schweigsamkeit, die
+selten das erste Wort fand, um sich auszudrücken, schloß er sich nur
+schwer und langsam an seine anderen Kameraden an und ließ sie lieber
+zu sich kommen, als daß er sich ihnen von selbst genähert hätte. So
+kam es, daß er zwar mit den meisten in gutem und freundlichem
+Einvernehmen stand, aber doch keine näheren Freundschaften schloß.
+Unter den Jugendmitgliedern, seinen Altersgenossen, hatte er manchen
+Gegner--schon jetzt, wo es noch keine besonderen Erfolge zu beneiden
+gab. Davon merkte Franz nun zwar noch nichts. Seine glückliche
+Unbekümmertheit, seine reine Freude an der Sache überhörte oder
+verstand die unausbleiblichen Bemerkungen nicht, die schon gemacht
+wurden, als er noch gar nicht öffentlich geschwommen hatte. Er konnte
+sich nicht denken, daß sie ihm galten. Was war überhaupt die Person!
+--Wenn nur der Klub siegte!--
+
+Dagegen fielen ihm zwei Freundschaften zu, um die er sich in keiner
+Weise bemühte. Als er in den Klub trat, fand er unter den vielen
+fremden Gesichtern ein bekanntes--das eines Altersgenossen, der eine
+Zeitlang in demselben Hause wie Franz gewohnt und mit ihm in dieser
+Zeit auch oft gesprochen hatte. Koepke war seitdem Kaufmann geworden,
+fast schon mit seiner Lehrzeit in einem großen Manufakturwarenmagazin
+zu Ende und sah bereits seiner Anstellung als wohlbestallter Kommis
+mit Selbstgefühl entgegen. Wie er in den Schwimmklub Berlin 1897
+gekommen war, das war vielen der Jüngeren ein Rätsel, denn er schwamm
+wie ein Klotz und befand sich allem Anschein nach auf dem Lande weit
+wohler als im Wasser. Aber die älteren Mitglieder des Klubs wußten,
+daß sie ihn eines Verwandten wegen aufnehmen mußten, der vor Jahren
+dem Verein große Dienste geleistet und seinen Eintritt dringend
+gewünscht hatte. Man hatte ihn sogar nicht einmal ungern aufgenommen.
+Es gab in jedem Schwimmverein Mitglieder, die--wenn sie es auch
+ausübend zu nichts brachten--sich doch ganz gut gebrauchen ließen, um
+in der "Verwaltung" tätig zu sein, wo es immer genug zu rechnen und
+zu schreiben gab, und die sich sehr wohl fühlten, wenn sie von ihrem
+Schreibzeug aus die Interessen des Klubs mit Leidenschaft wahrnehmen
+durften und nicht ins Wasser brauchten. Koepke war dazu die rechte
+Person. Voll Diensteifer stürzte er sich auf jede ihm zugeschanzte
+Arbeit. Seine Leidenschaft für das Wasser aus der Ferne war zudem
+über jeden Zweifel erhaben, und atemloser verfolgte kein Zuschauer
+die Wettkämpfer, feierlicher notierte keiner die Zahlen in das
+Programm, als er.
+
+Als er Franz zum ersten Male im Klub sah, kam er ihm gleich entgegen
+und begrüßte ihn als alten Bekannten aus der Jugendzeit. Er war ein
+gutmütiger und in keiner Weise überheblicher Mensch. Daß sein
+Spielkamerad in seinen einfachen Arbeitskleidern vor ihm, dem
+geschniegelten Kommis, stand, merkte er ebensowenig, wie er es ihn
+früher irgendwie hatte fühlen lassen, daß seine Eltern im ersten
+Stock des Vorderhauses und die Franz Felders im Hof wohnten. Der
+letztere--immer in dieser Beziehung zum Mißtrauen geneigt--merkte es
+gleich wieder. Man schüttelte sich die Hand. Als Franz aber seinen
+ersten kleinen Sieg erfochten, besaß er einen ergebenen und ihn schon
+sehr bewundernden Freund an dem "zweiten Schriftführer" des Vereins.
+
+Bei einem anderen Klubgenossen bedurfte es für ihn nicht erst dieses
+Sieges, um in ihm einen ausgesprochenen Gönner zu haben.
+
+Der dicke Brüning war der letzte Inhaber der
+Hauptschwimmeisterschaften im Klub gewesen und sein fabelhafter Stoß
+hatte die Gewässer der halben Welt durchfurcht. Nach seinem Rücktritt
+war in dem Siegeslauf des Klubs die große Pause eingetreten, die
+heute noch währte. Übrigens waren in diesen Jahren auch sonst keine
+Siege im Schwimmsport zu verzeichnen, denen die Brünings aus früherer
+Zeit nicht mindestens ebenbürtig gewesen wären. Darüber freute er
+sich noch heute.
+
+Einer reichen Charlottenburger Familie entstammend und im Besitz
+eigenen Vermögens konnte er es sich leisten, seine Jugend dem
+Vergnügen eines Sports zu widmen, und nachdem er erst in Deutschland
+überall gesiegt, war er auch außerhalb jahrelang zu allen großen
+Festen auf seine eigenen Kosten gereist, um überall sich und den
+Farben seines Klubs Ehre auf Ehre zu erobern und dem Namen des "S.-C.
+B. 1879" eine internationale Berühmtheit zu verschaffen. Das konnte
+und wollte ihm sein Klub nie vergessen, und allein sein Name
+bedeutete heute in ihm noch eine Tat--einen Sieg, so frisch, als wäre
+er erst gestern erfochten.
+
+Jetzt war der Meister dick geworden und schwamm nur noch "zu seinem
+eigenen Vergnügen", wie er sagte. Wenn er ins Wasser ging, sah ihm
+noch jeder nach. Aber nur bei der älteren Generation lebte noch die
+Erinnerung an jenen furchtbaren Schwimmer, der mit der phänomenalen
+Kraft und Wucht seiner Leistungen einfach alles andere totgeschlagen
+hatte. Brüning selbst hatte ohne großes Bedauern seinen Erfolgen
+Lebewohl gesagt, sich dem Sportleben im allgemeinen zugewandt und
+ließ jetzt rennen. Übrigens verstand er nichts von Pferden.
+
+Zuweilen noch, aber doch nur selten, erschien er an einem Übungsabend
+oder auf einer Veranstaltung seines alten Klubs. Wenn er kam, erhob
+sich ein allgemeines Hurra, denn er war allgemein beliebt, weil er
+ein nobler Kerl war: immerlustig und aufgelegt, immer bereit zu
+helfen mit Geld und Rat und riesig freigebig, wenn es galt, die Zeche
+zu bezahlen. Bei den Jüngeren hieß er nur der "Sektonkel", aber die
+Älteren hielten große Stücke auf sein erprobtes und unbeeinflußbares
+Urteil.
+
+Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel
+stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade
+stillvergnügt für sich hundert Meter schwamm. Brüning kniff die Augen
+etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er
+nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser
+kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prüfte. Das Resultat war
+sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition,
+schüttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich
+von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit
+der Zeit erklärte ihn Brüning unter vier Augen als den einzigen im
+ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbürtiger Nachfolger
+werden könne, "wenn er hielt, was er versprach".
+
+Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslöschlicher Dankbarkeit;
+die Freundschaft Koepkes ließ er sich gefallen; an das Wohlwollen
+Brünings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie
+stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer
+der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mißbrauchten.
+
+
+5
+
+Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als
+solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich
+erst in seiner letzten Hälfte.
+
+Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch
+nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen
+Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die
+gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen.
+In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree
+durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt
+entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von
+Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer
+Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den
+sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen,
+sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer
+zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen.
+
+Erst spärlich und fast unbeachtet--einer der ersten unter ihnen der
+"S.-C. B. 1879"--wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur
+langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre
+Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses
+Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie
+sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den
+Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch
+Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen
+Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und
+Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu
+vereinigen.
+
+Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre
+Wertungsform gefunden.
+
+Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung
+und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport
+an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen
+gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste
+Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser,
+dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von
+Eisen und Glas.
+
+Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und
+wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die
+wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs
+in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen
+Interessen in Anspruch genommen wird.
+
+Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen
+Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde--ihre Namen mit
+Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier
+entlehnend--, vereinigen und--bekämpfen sich untereinander, erbittert
+und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste
+Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem
+solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.
+
+Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der stürmischsten
+Gärung, der der alte "S.-C. B. 1879" fast allein ruhig zusehen kann,
+da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz
+Felder in ihm in unablässigem Training um seine ersten Siege ringt.--
+
+Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich
+gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre
+Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter
+sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich
+bei den großen nationalen und internationalen Meetings oft über zwei
+Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekämpft: im Schwimmen, im
+Springen und im Tauchen.
+
+Geschwommen wird um kürzere oder längere Strecken, und zwar ist
+entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und
+Rückenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in
+stromfreiem Wasser, Seen und künstlichen Bassins, oder auch in
+Flüssen mit zu überwindendem Strömungswiderstand.
+
+Die Zahl der Sprünge ist naturgemäß eine begrenzte. Die Sprungtabelle
+des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fünfunddreißig
+auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6
+gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den
+einfachen und schwierigeren Kopfsprüngen steigen sie langsam auf zu
+den Hecht- und Schlußsprüngen in ihren verschiedenen Drehungen des
+Körpers. Aber es herrscht eine große Mannigfaltigkeit unter ihnen.
+Die Höhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs
+Metern. Viele Sprünge können ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf
+gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, daß sie sowohl vor-, als
+auch seit- oder auch rückwärts ausgeführt werden können. Daher ist
+das Amt eines Preisrichters für das Springen kein leichtes und
+erfordert langgeübte und intime Kenntnis der einzelnen Sprünge und
+ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen für
+Pflicht-, wie für Kürsprünge.
+
+Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach
+Tellern (Sieger ist, wer in der kürzesten Zeit die größte Anzahl
+hervorholt), oder in die Länge: das Hechttauchen--man schwimmt unter
+dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt
+den Ausschlag.
+
+Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr
+interessant verläuft: gekämpft wird in allen drei Arten, und Sieger
+bleibt, wer durchschnittlich in allen die höchste Punktzahl erreicht.
+
+Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den
+Besitz seines Klubs über. Sie bestehen bei den großen Meisterschaften
+oft in wertvollen Gegenständen, die die Veranstalter oder auch die
+Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen
+Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem
+heißerrungenen Ruhme erzählen--unvergeßliche Andenken!--Es gibt
+Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch
+Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg
+erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden
+müssen, ehe sie in den Besitz des Siegers übergehen oder Klubeigentum
+werden.
+
+Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer äußerlichen
+Bereicherung und Ausschmückung. Das Schwimmen "älterer Herren", die
+die Zeit der höchsten Ausbildung ihrer Stärke bereits hinter sich,
+wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch
+nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen können
+bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor
+oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der höchsten Leistungsfähigkeit
+ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte
+aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen
+so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den für
+Nichtkenner oft eintönigen Kämpfen versteht, entschädigen, und
+einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mißt,
+fehlt heute auf keinem als Abschluß.
+
+Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz
+"halten die Teilnehmer noch lange zusammen", wie es stets am Ende
+aller Berichte heißt.
+
+--Gut Naß!--Hurra! Hurra! Hurra!
+
+
+6
+
+Auf der Meldeliste des "Schwimmklub Berlin 1879" für das diesjährige
+große Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten
+Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet
+für das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war
+Brünings gewichtiges Wort gewesen, das, für das Junge Mitglied in die
+Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders
+Gunsten sinken ließ.
+
+Franz vergaß es ihm nie. Er war erst fast bestürzt, als er von der
+Entscheidung hörte, trotzdem sie kaum anders hätte ausfallen können,
+wollte der Klub sich überhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach
+ein Freudentaumel. Sein Klub sandte _ihn_ hinaus auf das große
+Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die
+Meisterschaft der Stadt Berlin über die kurze Strecke von 100 Metern
+zu ringen!--Er sollte sich auf dem jährlichen Wettschwimmen des
+großen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern--unter ihnen
+alten Siegern--im Kampf um die silberne Medaille messen!!
+
+Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land
+oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um
+die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der
+Sport des Schwimmens grünte und blühte, die überallhin die besten und
+gefürchtetsten Kräfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen.
+Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den größten Teil
+der Berliner Schwimmvereine umfaßte, der im Allgemeinen Deutschen
+Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein großer Sieg--ein
+Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heißbegehrt...
+
+Und _sein_ Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder,
+hinaus, diese Meisterschaft zu erkämpfen!--Sein Klub, der vor vielen
+Jahren zuerst die Initiative zur Gründung eben dieses Schwimmerbundes
+gegeben hatte, sein Klub, der älteste und angesehenste Berlins, mit
+dessen schlichtem und doch so berühmtem Namen die so vieler erster
+Schwimmer der Welt unauslöschlich verbunden waren, der nicht nur für
+sich und seine Mitglieder, sondern für die ganze Sache des Schwimmens
+von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war--der "S.-C. B.
+1879" entsandte _ihn_ zum diesjährigen Wettbewerb!
+
+Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so
+wußte er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer.
+Aber was mehr war, als diese äußere Anerkennung seiner Kraft, war die
+innere: der Klub hätte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen
+innerlicher Zusammengehörigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des
+Klubs--und das waren in der Sache unbedingt die höchsten--er nicht
+überzeugt gewesen wäre. Er hatte sich jahrelang von den Festen
+zurückhalten können, stolz auf alte Erfolge und unbekümmert um neue,
+als die alten Kräfte, die sich zurückziehen mußten, nicht sogleich
+durch neue von gleicher Stärke ersetzt werden konnten; und er würde
+sich Zeit genommen haben, im nötigen Falle nochmals jahrelang
+zuwarten, denn nicht um künstliche Züchtung einzelner Größen und die
+Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache
+war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschloß man sich
+daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mußte man des Sieges
+ziemlich gewiß sein--und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines
+neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze...
+
+Felder war sich über all dies durchaus nicht klar. Er fühlte nur, wie
+sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als
+Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum
+ersten Male öffentlich nannte; er wußte, man vertraute ihm die Ehre
+des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht.
+So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den
+es ankam, für seinen Klub zu erfechten. Er fühlte, er _mußte_ ihn
+erringen!
+
+Er war sehr stolz und sehr glücklich. Aber er hatte Angst, richtige
+Angst--zum erstenmal in seinem Leben. Er wußte bisher nicht, was
+Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es
+war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die
+Schlacht geht.
+
+Denn wenn er unterlag?--Wenn er nur einen zweiten, dritten oder
+überhaupt keinen Preis erhielt?--Er kannte seine Gegner wohl. Fast
+alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert.
+Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen.--Außer dem seinen
+stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der
+Jüngste von allen!--
+
+Wohl schlug er schon die Ältesten seines Klubs über die kurze
+Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine
+Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, daß er,
+Franz Felder, sein bester Schwimmer war?--Nicht allzu viel.
+
+Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt
+ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zögling--nicht, weil er
+fürchtete, daß er unterliegen könne, sondern weil er sah, in welcher
+verzehrenden Unruhe er umherging und übte. Er warnte ihn, allzu viel
+Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch
+unterlag?--Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden,
+und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich
+selbst erlebt; und auch Franz würde das erleben. Das war nicht das
+erste und letzte Schwimmen, gewiß nicht--und immer wiederholte der
+gute und erfahrene Freund:
+
+--Schwimm so gut, wie du kannst. Kümmere dich um nichts, als um dein
+Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu
+tun. Damit sei zufrieden...
+
+Felder hörte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu.
+
+Sein Klub hatte _ihn_ hinausgesandt. In seinen Händen lag seine Ehre.
+Er durfte ihm keine Schande machen; er mußte siegen--er _mußte!_--
+
+
+7
+
+So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche
+nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er
+früh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen können.
+
+Am liebsten hätte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen--
+nur einmal ... aber das wurde ihm natürlich nicht erlaubt. So verging
+der Vormittag in untätiger Ungeduld. Er aß mäßig und trank fast
+nichts.
+
+Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstraße
+gegessen und spielte nun gemütlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat
+an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrührte, sah wie
+gewöhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu
+bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine plötzliche
+Müdigkeit überfiel und er vor sich hindruselte.
+
+--Leg' dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist!
+rief Brüning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem großen Tisch auf
+dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den
+feierlichen Beratungen der Vorsitzende saß. Nach zwei Minuten schlief
+er wie ein Toter.
+
+Allmählich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem
+Nagel und Brüning saßen, spielte ruhig weiter.
+
+Um halb vier warf Brüning die Karten zusammen und zog seine goldene
+Uhr:
+
+Massenhaft Zeit noch!--Aber wollen doch lieber gehen...
+
+Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief.
+Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch
+die etwas geöffneten Lippen. Sicherlich träumte er jetzt von keiner
+Niederlage.
+
+Brüning betrachtete ihn mit fast zärtlichem Lächeln.
+
+--Wie ein junger Gott, was?--Und noch das reine Kind!--Aber wecken
+wir unseren jungen Sieger!
+
+--Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rührte den Schlafenden bei
+der Schulter.
+
+Franz führ in die Höhe, und sein erster Griff war nach der Uhr.
+
+--Aber wir versäumen das Schwimmen, rief er außer sich, als er sah,
+daß sie bereits über halb vier zeigte.
+
+Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren
+mit ihm zum Fest.--
+
+Die enorme Halle des großen Schwimmbassins der Wasserfreunde war
+festlich geschmückt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen
+Wölbungen war bis in den letzten Winkel durch die großen,
+elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten
+Fensterdrang nur noch das trübe Licht eines frühdunklen Wintertages.
+Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rückwand
+hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der
+veranstaltenden Vereine herab und verhüllten die weiße Fläche der
+Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von
+Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile
+gezogenen Fähnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wölbung
+der Decke hernieder schwebte regungslos über der Mitte des Bassins
+die mächtige weiße Fahne des "S.-C. B. 1879" mit dem blauen Rande und
+dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei
+dem großen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte--hinter grünem
+Blattwerk verborgen--die Musik.
+
+Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit
+Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornüber beugten, um besser die
+Wasserfläche unter sich überschauen zu können, in der die Wettkämpfe
+stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt--
+alles saß hier durcheinander, und unter die dunklen Röcke der Herren
+mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die
+weißen, buntgeränderten Mützen der zahllosen Sportgenossen. Alle
+Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer
+Zusammengehörigkeit nach hier und dort zusammen.
+
+In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf
+die Eingangswand gerichtet. Dort saß unter der Galerie an einem mit
+Papieren bedeckten Tische der Ausschuß des Festes: die Preis- und
+Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nähe einige
+hervorragende Gäste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behörden.
+Hier befanden sich auch die reservierten Plätze für die Vorstände der
+Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang.
+
+Als Felder und seine Begleiter ankamen, mußten sie sich an der
+Aufgangstreppe, wo an der Kasse die üblichen fünfzig Pfennig als
+Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die
+Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen
+arbeiten und hatten Mühe, sich durchzudrängen, um zu den
+Auskleideräumen zu gelangen.
+
+Es war gerade eine Pause, und die Wölbung hallte wider von dem
+erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits
+erstickend heiß. Über der noch vom letzten Rennen her leise bewegten
+Wasserfläche zogen sich leichte, weiße Streifen, und die ganze Halle
+dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen.
+
+Die Uhr wies über die vierte Stunde hinaus. Man näherte sich den
+großen Wettkämpfen. Längst war die stereotype Eröffnungsrede des
+Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und
+liebenswürdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten
+und der Eröffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der
+Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben
+bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und künftige Meister hatten
+den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heißen Stirn gespürt.--Auch
+die älteren Herren, die über dreißig, hatten geschwommen und
+vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt.
+Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden,
+über dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde.
+
+Nun kam ein Brustschwimmen und ein großes Tellertauchen mit
+unzähligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange
+dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte--
+für alle Kenner der Clou des Tages.
+
+Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu?--Man
+hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den
+Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie
+erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter
+lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute
+mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des
+Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine große Familie, diese Ecke.
+Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so
+erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natürlich
+wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wußte.
+Georgy vom S.-C. "Spree" sollte nicht mitschwimmen infolge eines
+Zerwürfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der
+gefürchtete vom "Triton", auch. Hatte Franz ihn schon gesehen?--Dort
+unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mächtig vielen
+Bändern über der Brust.--Und Riesecker war da, der heute zum ersten
+Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es würde ihm wohl
+nichts helfen...
+
+Felder hörte kaum auf das Geschwätz. Er hatte seinem Freunde das
+Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen
+eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu
+blättern. Da stand es:
+
+_IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin_
+
+Offen für alle Mitglieder. Bahnlänge 100 Meter gleich 4 Längen.
+
+1. B. Riesecker ...... (1. Berliner Amateur-S.-C.) schwarze Kappe
+
+2. K. Wenzel ...... (S.-C. "Poseidon") gelbe Kappe
+
+3. W. Georgy ...... (S.-C. "Spree") rot-weiße Kappe
+
+4. F. Felder ...... (S.-C. Berlin 1879) blaue Kappe
+
+5. P. Hoffmann ...... (S.-C. "Triton") weiße Kappe
+
+6. W. Hofstetter ...... (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe
+
+Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger:
+
+Erster: ........... Zeit: .... Min. .... Sek.
+
+Zweiter: .......... Zeit: .... Min. .... Sek.
+
+Da stand sein Name. Noch keine Stunde würde vergangen sein, und die
+Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen würde
+eingetragen werden in die kleine leere Stelle?--Der seine?--
+
+Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn.
+Ahnten sie, wußten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand?--Warum
+lachten sie noch?... Außer dem dummen Koepke schien keiner von der
+Größe des Augenblicks erfüllt zu sein.
+
+Das Tauchen hatte begonnen. Es würde bei der großen Beteiligung
+mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht
+länger, ihm untätig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden
+unter Wasser blieben, erschien ihm endlos.
+
+Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen
+Auskleideräume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits
+sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wüstes Durcheinander
+herrschte in dem engen Gelaß. Der Boden triefte von Nässe und
+Schmutz, unter den Lattenbelägen standen Wasserlachen, Stiefel lagen
+herum, die nicht zueinander paßten, und Kleidungsstücke
+verschiedenster Art waren wahllos übereinander geworfen--friedlich
+vereinigten sich hier die toten Dinge, während sich draußen ihre
+Besitzer so bitter bekämpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war
+es nicht anders gewohnt.
+
+Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete
+sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Räume, in dem
+ein trübes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht
+anzuzünden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die
+früh erlöschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene
+Rufe aus der Halle bis hierher.
+
+Als er das Trikot angelegt hatte und darüber die weiße Badehose mit
+dem blauen Rande streifte, überkam ihn wieder die zeitweilige
+Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hüllte sich in sein Badetuch und
+setzte sich in eine Ecke. Er wußte, daß man ihn rufen würde, wenn es
+Zeit war, und es war ihm ganz lieb, daß man ihn bis dahin allein
+ließ.
+
+Er glaubte nicht mehr daran, daß er siegen konnte. Es war eine
+Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche
+von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn
+fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mußte ja unterliegen--wenn
+nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War überhaupt jemals
+ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjähriger
+Pause schwamm der wieder mit!
+
+Er sah trübe vor sich hin.
+
+Plötzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten
+stürzten herein und suchten lärmend nach ihren Kleidern, während sie
+laut miteinander über das eben beendete Tauchen sprachen.
+
+Hinter ihnen her Koepke.
+
+--Wo bleibst du denn, Mensch?--Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So
+komm doch--alle warten schon auf dich! Felder ließ sein großes
+Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden
+langsam. Als er sich mühsam durch die immer enger zusammengepreßte
+Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der
+letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, blaß und
+schweratmend an die Oberfläche.
+
+Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedränge. Alles
+stieß sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschuß in
+schwarzen Fräcken; Kellner mit gefüllten Biergläsern; Bademeister in
+hellen, frischgewaschenen Leinwandanzügen; Klubmitglieder in Mützen
+und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen übersät,
+freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich
+begrüßend oder höflich ausweichend; und Gäste des Festes, jeden
+Alters und Standes und Geschlechtes--alles mußte hier durch, um
+hinaus oder zu seinem Platz zurückzugelangen, und kaum wurde den
+Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle
+hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle dröhnte
+wider von dem Durcheinanderlärmen zahlloser Stimmen.
+
+Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige
+Minuten länger, während welcher die Starter versuchten, einen kleinen
+Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen.
+
+Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die
+blaue Kappe übergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und
+erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: "Du hast also Nr. 3
+und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!" Er hörte Brünings
+spöttische Stimme, der über den "Blödsinn des übertriebenen Tauchens"
+sprach und fühlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als
+er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lächeln, aber er konnte es
+nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, daß alles vorbei sein möchte.
+
+Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter
+trat und seine Fahne schwang. Der Lärm in der Halle verminderte sich,
+Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tönte bis in den
+fernsten Winkel des Raumes:
+
+--Neunte Konkurrenz: Schwimmen über hundert Meter um die diesjährige
+Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub "Poseidon"
+schwimmt wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit.
+
+Ein Murmeln der Überraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten.
+Dann lösten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte
+Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte
+kein Wort verstanden. Er fühlte sich plötzlich vorwärts gestoßen und
+sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor.
+
+Einen Augenblick--eine kurze Sekunde--stand seine jugendlich-schlanke,
+ebenmäßige Gestalt allein über dem Bassinrand in der Mitte unzähliger
+Blicke und überstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als
+könne sie sich nicht entschließen, den Sprung zu tun--dann streckte
+Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge
+in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein
+heißes Gesicht in die kühle Flut tauchte und seine Hand nach der
+Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als
+müsse er aufschreien vor Lust, und er fühlte nichts anderes in
+dieser Minute mehr, als die maßlose Seligkeit, schwimmen, jetzt
+losschwimmen zu dürfen!--Endlich im Wasser, war er jetzt wieder
+Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus
+auf die glatte Fläche vor sich geheftet, hörte er die Stimme des
+Starters auf dem Sprungbrett über sich:
+
+--Sind die Herren bereit?--
+
+Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit,
+darüber nachzudenken, denn schon erklang über ihm wieder die feste
+Stimme:
+
+--Achtung!--...--Fertig!
+
+Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die
+Luft:
+
+--Los!--
+
+Fünf Hände ließen das Brett los, und fünf Gestalten durchschnitten
+mit rasender Geschwindigkeit das Wasser.
+
+Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren
+Wölbung, daß man außer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den
+peitschenden Schlägen der Arme und Hände vernahm. Eine atemlose
+Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und
+allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem
+Kampfe ausging.
+
+Die erste Länge von fünfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen.
+Beim Wenden legte der Tritone in weißer Kappe sich vor und blieb so
+liegen bis rast an das Ende der zweiten Länge, wo er seinen Vorsprung
+gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor.
+
+Wieder stießen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Länge
+ab; der fünfte war zurückgeblieben und blieb es.
+
+Die vier Körper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Stoß
+verschwanden die Köpfe mit den bunten Mützen unter der Wasserwoge,
+die über sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben,
+um zu neuem Schlage auszuholen und die Körper, von neuem, mächtigen
+Stoße der Beine getrieben, vorwärts flogen, als würden sie gezogen...
+
+Gegen Ende der dritten Länge schien es, als schwämmen die vier auf
+einen bestimmten Punkt zu, so sehr näherten sie sich einander. Aber
+dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los.
+Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl
+die rot-weiße wie die rote Kappe eingebüßt, da ihnen die Richtung ein
+wenig verloren gegangen war. So kam es, daß Felder zuerst, oder doch
+fast gleichzeitig mit dem Träger der schwarzen, wenden konnte.
+
+Die Musik schwieg plötzlich und die ersten vereinzelten Rufe der
+Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die
+Zuschauer aufgestanden und überall drängten sich die Köpfe so weit
+wie nur möglich vor. Die Spannung erreichte den höchsten Grad.
+
+Die ersten Längen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne
+Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glücklich, schwimmen zu
+können, daß er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun
+erwachte er plötzlich wie aus einem Traum: er hörte die Rufe und sah
+dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm
+mit dem nächsten Stoß schon voraus war. Da packte ihn eine
+fürchterliche Wut. Er wußte wieder, wo er war--und tief Atem holend,
+stieß er sich ab. Ganz einerlei jetzt--ob er siegte oder nicht; aber
+leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser
+und schoß in ihm hin; er kämpfte mit ihm wie mit einem persönlichen
+Feinde, außer sich vor Wut und Raserei.
+
+Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlänge nicht mehr
+gerade Linie der vier Köpfe wieder schloß--wie der zweite dem ersten
+wieder näher und näher kam und wie sich ihm die beiden anderen
+zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so
+wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens.
+
+Die Aufregung der Zuschauer stieg ins maßlose. Man rief nicht mehr,
+man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier
+Namen erklang aufmunternd, anfeuernd--drohend von überallher...
+
+Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hörte und sah nichts mehr.
+Er wußte nicht mehr, wohin er schwamm, ob er überhaupt noch in einer
+Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie
+ein Ertrinkender das Wasser--er sah und hörte nichts mehr. Er fühlte
+kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berührten... Er wußte
+nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht...
+
+Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle
+durchbrauste und das den Tusch der Musik völlig übertönte. Über sich
+sah er erregte Gesichter und neben sich für einen Augenblick seine
+Gegner--erschöpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem.
+Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Stoß auf die Leiter zu.
+Er hatte sich vollkommen ausgegeben,
+
+Er hörte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine
+Bedürfnis sich jetzt hinsetzen zu dürfen. Er drängte sich aufs
+Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man
+hatte ihm ein Tuch übergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die
+Decke. Er hüllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu
+verbergen, und machte sich rücksichtslos Platz. So gelangte er zu dem
+Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend,
+in eine Ecke.
+
+Sie drängten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend über seine
+eilige Flucht und sein böses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu
+drücken.
+
+Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch
+böser:
+
+--Aber warum denn?--Ich war doch nicht erster!--
+
+Er sah, wie sie wieder lachten.
+
+--Wer denn sonst, fragte Brüning.
+
+Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus.
+
+Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung
+stieg in ihm auf, daß es wahr sein könne. Wenn Nagel es sagte, dann
+glaubte er es.
+
+Und als auch dieser nickte und sagte:
+
+--Mit 2/5 Sekunden etwa... da war ihm, als löse sich von seiner Brust
+der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern
+zu greifen.
+
+Hastig riß er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen
+Anzug. Um ihn herum ließen die Mitglieder des "S.-C. B. 1879" jetzt
+ihren Gefühlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen
+besprochen. Allgemein stimmte man darin überein, daß es ein ganz
+außergewöhnliches Rennen gewesen war, "wieder einmal eines von jenen,
+bei denen alles anders gekommen war..." Am äußergewöhnlichsten
+sicherlich das Endresultat.
+
+Nur einer war ganz zurückgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen.
+Die übrigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es
+konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfünftel handeln. Aber
+Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es
+gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es
+hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann
+Georgy vom "Spree "-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem
+der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch
+zugetraut hätte. Hoffmann, der berühmte Hoffmann vom "Triton", der
+Meister des Vorjahres, war überhaupt ganz zurückgeblieben und hatte
+zu Ende der dritten Länge schon gänzlich ausgesetzt.
+
+Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit
+festgestellt und bekannt geworden war, kam zurück und bestätigte fast
+jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von
+1:23 4/5 bis 1:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24
+1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde
+später der junge Hofstetter.
+
+Der Rekord für Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also
+keineswegs erreicht, wie überhaupt in den letzten Jahren nicht mehr.
+Was aber die Leistung Felders zu einer so außergewöhnlichen machte,
+war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein
+Erfolg, fast einzig in seiner Art.
+
+Neueintretende erzählen von der allgemeinen Verblüffung. Der ganze
+Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten,
+da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden
+habe: man habe ganz genau gesehen, daß Riesecker und Felder zu
+gleicher Zeit angeschlagen hätten, und man habe es von ihrem Platze
+aus besser sehen können, als von dem Tische der Richter.
+
+Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der
+anderen natürlich nur erhöht, und man freute sich im voraus auf die
+nicht ausbleibenden Reibereien der nächsten Zeit.
+
+Nur Franz war merkwürdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen
+so heißersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen
+nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst
+der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit
+ihnen und wie mit einem Schlage das Gefühl des Angespanntseins, das
+einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit... Was hatte er
+getan?--Wofür wurde er gelobt?--Er hatte geschwommen, wie schon
+hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserfläche--etwas besser, nicht
+viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan,
+was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen
+Augenblick früher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese
+eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn
+plötzlich so, daß ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wäre er
+unterlegen, ja, wäre er nur zweiter geworden, kein Mensch würde sich
+um ihn kümmern, niemand seinen Namen nennen... Außerdem: Wenzel hatte
+nicht mit geschwommen. Wäre er nicht erkrankt, so hätten sie alle
+miteinander einpacken und zusehen können!
+
+Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel würde es ihm sagen.
+Er drängte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus.
+
+Dann hörte er es: "Ein schöner Sieg, weil er so schwer errungen
+wurde. Wie du geschwommen hast?--Die ersten drei Längen ganz gut. Bei
+der letzten hast du natürlich den Stil verloren und bist über deine
+Kräfte hinausgegangen. Sonst hättest du auch nicht gesiegt.--Freu'
+dich nur ruhig. Wir freuen uns auch."
+
+Ja, Franz freute sich, als er dies hörte, und zog sich seine
+Sportmütze über die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich
+_wirklich!_--
+
+Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in
+ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glückwünschen
+empfangen wurde.
+
+Die schwüle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des
+warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrückend. Überall sah
+man rote Gesichter, auf denen der Schweiß stand, und alles versuchte
+die innere Glut mit großen Gläsern Bier zu löschen. Aber noch immer
+erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man
+einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die
+lustige Pantomime am Schluß nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen
+gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorüber. Selbst ein
+langes, aber vortreffliches Kürspringen vermochte es kaum mehr
+aufrecht zu erhalten. Wie immer, rächte sich an diesen letzten
+Nummern die offenbar unvermeidliche Überladung des Programms.
+
+In der Ecke der 79er drängte Brüning seine näheren Freunde zum
+Aufbruch, endlich "dies verfluchte Schwitzbad" zu verlassen. Er könne
+es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten länger
+hierblieben, könnten sie es erleben, daß er sich auszog und ins
+Wasser ging. Er hatte aus Anlaß des Sieges sogleich ein kleines
+Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung
+dafür mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant
+geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben genügten,
+um eine gemütliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper für
+sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden.
+
+Die Geladenen verabschiedeten sich für ein paar Stunden von ihren
+Leuten und verließen, von vielen Blicken gefolgt, die heiße Halle.--
+
+Bei Tisch herrschte die lebhafteste Fröhlichkeit. Franz saß zunächst
+dem Gastgeber, neben ihm ein älterer Schwimmer mit großem Namen, und
+ihm gegenüber sein verehrter Schwimmwart. Er war äußerlich still, wie
+immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er
+ließ sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch
+kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre
+schmecken.
+
+Aber als Brüning zum Schluß, als der Sekt kam, das Glas in die Hand
+nahm und--halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war--eine
+Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle
+künftigen Erfolge mit ihm anzustoßen, da übermannte ihn fast die
+Rührung über so viel unverdiente Freundschaft. Ein großer Entschluß
+keimte in ihm auf, und während die anderen schon weiteraßen und
+weiterlachten, stand er plötzlich auf und sagte geradeausschauend und
+ganz schnell:
+
+--Es lebe der Schwimmklub Berlin 1879. Ich danke ihm, daß er mich
+aufgenommen hat, und ich werde mich anstrengen, ihm immer so Ehre zu
+machen, wie heute...
+
+Das war ein kurzer Toast, aber ein guter, und alle wunderten sich,
+daß er ihn so zustande gebracht hatte; Brüning nannte ihn sogar einen
+Beweis für "die unvermutet glänzende Rednergabe unseres lieben
+Mitgliedes Franz Felder".
+
+Aber das störte diesen nicht weiter, und äußerlich still, aber
+innerlich glücklich blieb er den ganzen Abend: während der
+Droschkenfahrt nach dem Lokal, wo die Preisverteilung stattfand;
+während dieser selbst, als er--noch einmal der Zielpunkt aller
+Blicke--die silberne Medaille und die Urkunde, die ihn den Meister
+von Berlin für das kommende Jahr nannte, erhielt; und während der
+langen Stunden, die sich noch durch die halbe Nacht zogen, als man an
+den Tischen zu seiten des großen Saales saß, in dem unermüdlich
+getanzt wurde, und als immer wieder und wieder von allen Seiten alte
+und neue Bekannte kamen, um mit ihm anzustoßen, zutrinken und ein
+Wort zu wechseln...
+
+Und glücklich war er, als er endlich durch die helle und kalte
+Winternacht heimwärts ging. Denn wie der Himmel dort oben, so war
+auch seine Zukunft voll lichter Sterne, und ein jeder von ihnen war
+ein neuer, ein großer und ein immer größerer Erfolg!
+
+
+8
+
+Er durfte seinen Sternen vertrauen. Einer nach dem anderen neigte
+sich gegen ihn und fiel nieder in seine jungen, hoch emporgestreckten
+Hände--Sieg um Sieg!--
+
+Die Meisterschaff der kurzen Strecke für Berlin hatte Franz Felders
+Namen mit einem Schlage bekanntgemacht. Jetzt konnte im Klub kaum mehr
+darüber gestritten werden, wer zu den nächsten Schwimmkonkurrenzen
+entsandt werden sollte; es handelte sich nur noch darum, an welchen
+Schwimmen er sich beteiligen konnte, und bei welchen es besser war,
+von einer Beteiligung noch abzusehen. Das galt natürlich in erster
+Linie bei den langen Strecken, für die es im Klub kein Mitglied gab,
+das sich mit den Meistern dieser Jahre über sie hätte messen können.
+Aber man konnte sich nach dem unverhofften Triumphe seines jungen
+Mitgliedes jetzt nicht mehr zurückziehen, um so weniger, als
+man neben Felder einen ausgezeichneten Springer, Grafenberger,
+herangebildet hatte, der sich auf dem Bundesschwimmen einen zweiten
+Preis geholt, und auf den man als Springer ebensolche Hoffnungen
+zu setzen begann, wie auf Felder als Schwimmer.
+
+So war der alte Schwimmklub Berlin von 1879 mit einem Schlage wieder
+in den Vordergrund des Interesses getreten, und seine alten
+Mitglieder sahen wohl ein, daß sie dem Drängen der jüngeren nicht
+länger widerstreben durften und konnten, sondern verpflichtet waren,
+das Eisen zu schmieden, das wieder zu glühen begann.
+
+Mit der Hoffnung auf neue, rege Beteiligung an der Öffentlichkeit und
+mit der begründeten Aussicht auf neue Siege begann sich ein neues,
+frisches Leben in den Sitzungen, wie auf den Übungsabenden zu
+entfalten, und nie war der Ton bei den Zusammenkünften so frei und
+fröhlich gewesen, wie zu Beginn dieses Sommers...
+
+Felder übte unablässig. Als der laute Tag vorbeigerauscht war, der
+ihm seinen so heißersehnten Sieg gebracht, erschien es ihm wieder so
+wenig, was er getan, daß ein tiefes Gefühl der Unbefriedigtheit ihn
+fast nicht mehr verließ. Ja, er hatte gesiegt--aber war das ein Sieg
+gewesen, wie er zu wünschen war?--Weder war seine Zeit eine besondere
+gewesen, noch sein Stil bis zu Ende rein geblieben; dabei hatte er
+seine Kraft völlig verausgabt; und endlich hatte Wenzel, der
+Meistgefürchtete, nicht teilgenommen. Alles das beeinträchtigte den
+Wert seines Sieges in seinen Augen bedeutend und er war ungeduldig
+nach neuen Kämpfen.
+
+Er übte unermüdlich. Er erreichte es zunächst, die hundert Meter in
+derselben Zeit, wie auf dem Bundesschwimmen, aber in glatt
+durchgeführtem Stil zu schwimmen; dann verbesserte er seine Zeit von
+Woche zu Woche um ein weniges.
+
+Als der Frühling kam und die ersten Ausschreibungen für die
+Sommerfeste erlassen wurden, begann er, das frühere Training für
+Strecken über drei- und fünfhundert Meter wieder aufzunehmen. Seine
+Fortschritte setzten selbst seine Klubgenossen in Erstaunen. Sogar
+Nagel, der ihn unausgesetzt beobachtete, sagte nichts mehr. Nach
+außenhin bewahrte der Klub absolutes Stillschweigen.
+
+Dann kamen die Siege dieses Sommers, einer nach dem andern: er siegte
+zweimal auf den internen Veranstaltungen seines Klubs gegen seine
+eigene Mannschaft, war dessen erklärter bester Schwimmer über alle
+Strecken und in jeder Stilart und verzichtete damit fürs erste auf
+die Beteiligung an Kämpfen mit seinen eigenen Leuten. Er schlug auf
+dem schönen Fest des "Delphin" dessen besten Schulschwimmer im
+Brustschwimmen über 150 Meter; er holte sich ein Diplom in
+Reinickendorf und einen Ehrenpreis in Halensee. Und er erlebte einen
+anderen, in seiner Art merkwürdigen Triumph. Er erreichte auf dem
+diesjährigen großen Verbandsschwimmen im Kochsee, auf dem er zu dem
+großen 500-Meter-Schwimmen um den Hauptpreis nicht gemeldet war, da
+diesmal die abmahnenden Stimmen seines Klubs, die vor allzu hastigem
+Vorgehen warnten, im Übergewicht gewesen waren, er erreichte auf
+diesem Fest im Juniorenschwimmen über dieselbe Strecke, bei dem er
+natürlich startete, eine Zeit, die so nahe an die des Siegers im
+Hauptschwimmen heranreichte, daß alle Gegner schweigen und denen
+recht geben mußten, die schon für dieses Jahr ungestüm eine
+Beteiligung Franz Felders an ersten Konkurrenzen gefordert hatten.--
+Das war auch ein Sieg, und nicht der schlechteste!
+
+Dazu kamen noch in diesem Sommer seine ersten Reisen. Sie wurden über
+den Sonntag gemacht, da er zur festgesetzten Zeit wieder bei seiner
+Arbeit sein mußte. Im Fluge hin, im Fluge zurück; oft im Morgengrauen
+zur Bahn, eine lange Fahrt, ein hastiger Sieg, ein Telegramm an den
+Klub, und schon wieder zum Bahnhof zurück... Nur einmal konnte er ein
+paar Tage Urlaub benutzen, um nach Stuttgart zu gehen, wo er zwei
+Tage blieb. Auf diesen seinen ersten Reisen, die mehr Ausflüge waren,
+unternommen auf Kosten seines Klubs und stets in Begleitung
+irgendeines Kameraden, kam er nacheinander nach Magdeburg, Hamburg
+und Stuttgart und im Spätherbst nochmals nach Hamburg, wo er den
+schönsten aller seiner bisherigen Siege errang: in dem deutschen
+Schulschwimmen einen Ehrenkranz mit Gravierung für ein tadellos
+durchgeführtes Brustschwimmen von hundert Metern gegen und hundert
+Metern mit dem Strom, bei dem die Art des Schwimmens, nicht nur die
+Schnelligkeit gewertet wurde. In Stuttgart holte er sich den zweiten
+Preis im Wettschwimmen über einhundert Meter, in Magdeburg den ersten
+im Hindernisschwimmen: ein in seiner künstlerischen Ausführung
+wirklich wertvolles Diplom.
+
+Und dann hatte sich Felder im folgenden Winter in seiner
+Meisterschaft von Berlin im Schwimmerbund über die kurze Strecke zu
+behaupten: diesmal gegen Wenzel vom "Poseidon" und die besten
+Berliner Schwimmer, und er tat es in einer Weise, die deutlich
+zeigte, welche Sicherheit ihm bereits die sommerlichen Siege
+verliehen hatten--er schwamm die kurze Strecke nicht nur in reinstem
+spanischem Stil und verbesserte seine eigene Zeit gegen das Vorjahr
+nicht nur um fast drei Sekunden, sondern er schlug den gefürchtetsten
+Gegner, der alles daran setzte, die verlorene Meisterschaft wieder zu
+gewinnen, um eine ganze Sekunde.
+
+Zum zweiten Male war er Meister von Berlin geworden. Kaum war ein
+kurzes Jahr vergangen, und doch: welcher Unterschied zwischen heute
+und damals!
+
+Als er--umstanden von seinen jungen und alten Klubfreunden--sein
+Trikot überzog und der immer behäbiger werdende Brüning den anderen
+in seiner spöttisch-gutmütigen Art erzählte, wie sie ihn damals vom
+Sofa aufgeweckt und den Mutlosen in einer Droschke hierher gebracht,
+dachte Felder selbst einen Augenblick an die trübe, einsame
+Viertelstunde, in der er hier allein niedergedrückt bei dem grauen
+Zwielicht eines trüben Wintertages gesessen, fast verzweifelnd an
+sich und seiner Zukunft.
+
+Heute zweifelte er nicht mehr. Er dachte überhaupt wenig mehr an
+Siegen und Unterliegen. Die heitere Zuversicht der Ruhe, erworben in
+so manchen ernsten Kämpfen des letzten Jahres, war über ihn gekommen,
+und kaum ließ die Erwartung jetzt sein Herz höher schlagen, wenn ein
+neuer Sieg ihn reizte. Er wußte, er tat, was er konnte, und er tat es
+in erster Linie für seinen geliebten Klub. Er hatte ihm bereits Ehre
+gemacht. Er wußte es, und er war stolz darauf. Als das Diplom des
+Bundesschwimmens, das seinen Namen trug, in dem alten, gemütlichen
+Klubzimmer der Lindenstraße, wo der Klub nun schon seit fast einem
+Jahrzehnt tagte, dieser Stätte so zahlreicher, erregter Debatten, so
+zahlloser freudiger und gehobener Stunden, zwischen der Unmenge
+Ehrengeschenke und Urkunden vergangener Tage seinen Platz fand, wich
+zum ersten Male recht eigentlich das Gefühl einer gewissen Fremdheit,
+das ihn nie ganz verlassen hatte, von ihm: denn jetzt hatte der
+Arbeitersohn aus dem Osten angefangen, seine Schuldzurückzuzahlen,
+und man brauchte es nicht mehr zu bereuen, den armen Jungen unter
+sich aufgenommen zu haben. Und er schwur sich damals und viele Male
+später, immer und immer wieder zu: ganz und bis aufs letzte die in
+seinen Augen so unermeßliche Schuld zurückzuzahlen, und vielleicht
+nicht nur das, sondern dem "S.-C. B. 1879" mit Zinsen und
+Zinseszinsen zu vergelten, was er an ihm getan.
+
+Daher freute er sich an jedem seiner Erfolge, nicht nur für sich,
+sondern auch für seinen Klub mit. Und so glücklich er auch war, einen
+Preis nach Hause tragen zu dürfen und die Ehrenzeichen und Medaillen
+auf seiner Brust sich vermehren zu sehen--lieber war es ihm doch noch
+und größer seine Siegerfreude, wenn er seine Preise in den Besitz des
+Klubs übergehen und dort die Wand zieren sah, während ihm selbst nur
+eine einfache Urkunde--gewissermaßen als Bestätigung--zuteil wurde.
+
+So rein und ehrlich war seine Freude, daß er fast noch keine Neider
+hatte, wenigstens nicht unter seinen Leuten. Er war noch ganz der,
+als den sie ihn damals aufgenommen hatten, wenn er auch äußerlich ein
+junger, eleganter Mann geworden war, der es lernte, Wert auf sein
+Äußeres zu legen. Auf seinen Lippen zeigte sich der erste Flaum, aber
+sein Körper--obwohl Felder auch im letzten Jahre tüchtig in die Höhe
+geschossen war--zeigte noch immer die unentwickelte Formen des
+Knaben, und wenn er an den Start ging, verschwand seine Gestalt fast
+neben denen der anderen. Wer ihn nicht kannte, prophezeite ihm vor
+seinen meist voll entwickelten, muskulösen Gegner sicher nicht den
+Sieg, bis er ihn mit kurzen und sicheren Schlägen das Wasser teilen
+und den schmächtigen Schwimmer schnell allen vorauseilen sah.
+
+Diese Liebe zu seinem Klub, diese fast kindliche Freude an seinen
+ersten Triumphen, diese so bescheidene und doch selbstbewußte
+Zurückhaltung und Ruhe, die Felder eigen war, erhöhte seine
+Beliebtheit im Klub von Tag zu Tag; und wann immer er kam, woran er
+auch teilnahm, stets war er gern gesehen und fühlte sich mehr und
+mehr heimisch in diesem Leben, das mehr als je fast jede seiner nicht
+der Tagesarbeit gewidmeten Stunden in Anspruch nahm. Noch immer waren
+und blieben die besten seiner Freunde die alten: Nagel, der treue und
+ernste Berater; Brüning, dessen ausgesprochener Schützling er blieb
+und der, so oft er nur konnte, den Unerfahrenen auf seinen Reisen
+begleitete und natürlich stets alles zahlte; und Koepke, der
+Unzertrennliche, sein Schatten, der bei jedem neuen Siege von neuem
+aus dem Häuschen geriet und ihm Erfolge voraussagte, über die Felder
+selbst einstweilen nur lächelte. Aber auch an manchen anderen
+Klubgenossen hatte er wahre und aufrichtige Freunde, die verlernt
+hatten, sich an seiner Schwerfälligkeit und Wortkargheit zu stoßen
+und ihm näher standen, als Felder es selbst wußte.
+
+Und noch eines trug dazu bei, seine Beliebtheit zu erhöhen: trotz
+seiner erstaunlichen Fortschritte und der in Anbetracht seiner Jugend
+außergewöhnlichen Siege drängte er sich doch nie zu den Konkurrenzen,
+und immer war es der freie Entschluß seines Klubs, der ihn--vor der
+von Brüning und einigen anderen gelenkten Majorität sich beugend--
+hinaussandte. So ließ er sich ruhig mitnehmen in die fremden Städte,
+überwand schnell das anfängliche Unbehagen der hastigen und
+überstürzten Fahrten, und tat sein Bestes, sich für die Kämpfe
+möglichst frisch zu erhalten, indem er geduldig die Ratschläge seiner
+Begleiter über sich ergehen ließ und aß und schlief, wenn diese es
+für nötig erachteten, und nicht, wenn er hungrig und müde war. Die
+Reisen selbst interessierten ihn wenig: er sah wohl hier und da eine
+Sehenswürdigkeit der fremden Stadt, wenn es zufällig eine freie
+Zwischenstunde erlaubte, auch machte das neue und bunte Hafenleben
+Hamburgs einigen Eindruck auf den Binnenländer, aber im allgemeinen
+drehten sich seine Erinnerungen an diese Reisen doch nur um
+deren Zweck und Ziel: um die Wettläufe am Nachmittag und die
+Preisverteilung am Abend, und die glichen sich alle mehr oder minder,
+mochte es nun in Hamburg sein oder in Stuttgart oder Berlin.
+
+Aus diesem Jahre, vielleicht dem glücklichsten seines kurzen Lebens,
+stammte eine Photographie, auf der er sich zum ersten Male bildlich
+im Schmucke seiner Siegeszeichen zeigte. Die kleine, braune
+Rettungsmedaille war fast nicht mehr sichtbar unter den sechs bis
+sieben großen Silbermünzen, die bereits eine ganze Reihe auf der
+linken Brustseite bildeten; und um den Hals trug der junge Meister
+bereits das breite Band mit der kleinen, vergoldeten Medaille, das in
+leuchtenden Buchstaben den frühen Ruhm seines Trägers verkündete.
+
+Als der "Welt-Sport", das berühmte und angesehenste Sportblatt der
+ganzen Welt, Felder um sein Bild bat und es zu Ende dieses Winters
+seinen Lesern zeigte, schrieb es dazu:
+
+"Wenn wir heute--entgegen unserer sonstigen Gewohnheit--unseren
+Lesern das Bild eines jungen Schwimmers zeigen, dessen Name, obwohl
+bereits rühmlich bekannt in seinen Kreisen, doch noch keine
+eigentlich nationale Geltung erlangt hat, so tun wir es in der
+sicheren Überzeugung, daß der Name Franz Felder eines, vielleicht
+nicht einmal fernen Tages über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus
+genannt werden wird. Was uns zu diesem Ausspruch treibt, sind nicht
+so sehr die in Anbetracht seiner Jugend allerdings außergewöhnlichen
+Leistungen und staunenswert schnellen Fortschritte dieses Schwimmers,
+sondern vor allem die Beobachtung der ganz nur auf ein Ziel
+gerichteten Energie dieses jungen Mannes, mit der er von früh auf
+sich selbst gesteckte Ziele rastlos und unbekümmert zu verfolgen
+scheint... Wir wüßten unter allen deutschen Schwimmern der jüngeren
+Generation keinen, der uns so zu den höchsten Hoffnungen berechtigt
+erscheint, wie Franz Felder, der Meister von Berlin über die kurze
+Strecke der letzten beiden Jahre..."
+
+Als an einem Sitzungsabend des Klubs die Nummer herumgereicht und von
+allen Seiten mit launigen und spöttischen Bemerkungen über den
+Schreiber begleitet wurde, war es wieder nur Nagel, der ernst blieb.
+Indem er verstohlen das Bild mit dem ihm seit Jahren bekannten
+Gesicht verglich und Zug für Zug hier wiederfand, was er dort
+so gut kannte: die niedrige, trotzige Stirn, den Mund mit den
+ausdrucksvollen, gewölbten Lippen, das energische Kinn und die oft so
+unnatürlich ernsthaft blickenden blauen Augen mit den scharf
+gezogenen Brauen darüber--da mußte er innerlich dem gewiegten und in
+allen Lebenssätteln gerechten Menschenkenner des großen Sportsblattes
+recht geben und seiner Beobachtungsgabe Bewunderung zollen. Aber was
+jenen, den gleichgültigen Kritiker, so zu überschwänglichen
+Prophezeiungen begeisterte, erfüllte ihn mit heimlich-banger Sorge um
+seinen Schützling.
+
+Er sprach nicht aus, was er dachte. Man würde ihn mitverlacht haben.
+Denn für die meisten anderen lag alles dies, was er in diesem
+Augenblick in voller Schärfe sah, noch verborgen unter der Weichheit
+der Jugend, die in diesen Zügen noch nichts Hartes hervortreten ließ,
+und gerade in dieser Stunde, in diesem lustigen Kreise, unter diesen
+ihm so vertrauten und lieben Menschen, kam alles, was in Felders
+Natur an unbekümmerter Fröhlichkeit, an sich und anderen vertrauender
+Güte und natürlicher Liebenswürdigkeit lag, hervor. Mit den anderen
+lachte er über die Überschwänglichkeiten des Reporters, denn wenn je
+in ihm die Stimme des Ehrgeizes geschwiegen hatte, so rat sie es
+jetzt. Seine ersten Siege hatten ihn beruhigt. Wenn es so leicht war,
+zu siegen--nun, dann wollte er noch oft siegen. Aber wozu darüber
+nachdenken?--Das würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. Für
+ihn war die Hauptsache, daß er seinem Klub Ehre und Freude machte.
+Hier hatte er die Heimat seiner knabenhaften Wünsche gefunden, und
+hier wollte er bleiben. Sein Klub würde ihn leiten und ihm sagen, wie
+weit er zu gehen, wo er stehen zu bleiben hatte. Er vertraute sich
+ihm ganz.
+
+Er war ganz ruhig, ganz sicher, ganz glücklich.
+
+Er hatte ein großes Vertrauen in seine Kraft gewonnen. Denn er fühlte
+sie wachsen von Tag zu Tag, von Tag zu Tag!
+
+
+9
+
+Sie waren eine glückliche Zeit für den jungen Schwimmer--die Jahre
+dieses rapiden, sicheren und doch nicht überhasteten Aufstiegs.
+
+Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu
+werden wie dieser nächste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in
+dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Fülle anderer
+erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast
+beängstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz große
+Meisterschaft und mit ihr die große goldene Medaille erfocht: die
+Jahresmeisterschaft von Deutschland über die große Strecke von
+tausend Metern--den schönsten und reinsten aller seiner bisherigen
+Siege.
+
+Der Wunsch, sich an diesem höchsten Wettkampf zu beteiligen, um den
+alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr für Jahr mit ihrem besten
+Können rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich
+hervortraute. Die kurze Strecke, über die er sich Meister fühlte,
+reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, daß er sich mehr und mehr auf
+die langen Strecken legte und im Frühjahr dieses Jahres wochenlang
+überhaupt nur noch über tausend Meter trainierte, bis er auch hier
+Zeiten erreichte, die sich kühnlich neben anderen sehen lassen
+konnten. Aus dem unübertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter
+Steher geworden. Als daher die Beratungen über die jährliche
+Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwände
+meist älterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie
+wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen
+und größeren Siegen auf neuem Gebiet glatt überstimmt.
+
+Das große Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes"
+sollte in diesem Jahre besonders großartig ausgestaltet werden, jede
+Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und
+sich über zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen
+Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grünau gewählt, der allbekannte
+Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der großen
+Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren
+Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte
+Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit außergewöhnlicher
+Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder,
+der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an
+dem großen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten
+Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkämpfen mehrere
+verheißungsvolle Kräfte gemeldet, so daß er schon nach der Zahl
+seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!--
+
+Der Eröffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begünstigt und
+verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen
+schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis,
+indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt
+über die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter
+strömendem Regen früh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen
+Schlaf zu rüsten.
+
+Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge,
+die in dichten Reihen die Holzbänke an dem sanft aufsteigenden Ufer
+zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des
+Beginnes besetzt hielt, während von einem wolkenlosen, blauen Himmel
+die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wälder und sie, die
+Menschen, herniederstrahlte.
+
+Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war
+vertreten. Man sah mehr bunte Mützen und Farben als je zuvor, und aus
+der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten öffentlicher
+Behörden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in
+den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren
+Kreisen gewonnen haben mußte.
+
+Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit
+verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermüdung und Langeweile
+bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall
+begleitet.
+
+Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmäßige
+Gestalt Felders die Flut mit der Regelmäßigkeit und Kraft eines
+Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Koloß der
+Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Süddeutschland,
+endlich in der letzten Länge auch den bisher als unbesieglich
+geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich ließ und
+vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen
+war, da löste sich die aufs höchste gestiegene Spannung in einem
+nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schön
+erfochten, daß jedes Mäkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so
+einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das
+Selbstverständlichste der Welt getan), daß man nicht anders konnte,
+als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit.
+
+Felder konnte sich vor den Beglückwünschungen kaum retten. Da es ihm
+bei seiner Schwerfälligkeit noch immer lästig war, vor so vielen
+fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen
+möglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund.
+
+Seine ganze Familie hatte heute ausnahmsweise "nach Grünau
+hinausgemacht", um "einmal zu sehen, auf welche Weise er denn zu all
+diesen schönen Geschenken und den Medaillen käme". Franz hatte zuerst
+protestiert. Was fiel ihnen plötzlich ein?--Er wollte sie nicht da
+haben. Sie sollten ihre eigenen Wege gehen, wie er die seinen ging.
+Aber er konnte ihnen schließlich nicht verbieten, unter den
+Zuschauern zu sein und zuzusehen. So hatte er ihnen denn möglichst
+gute Plätze verschaffe und im benachbarten Restaurant einen großen
+Tisch am Wasser belegt. "Einen recht großen, denn es würden noch
+mehrere dabei sein", meinte sein Vater.
+
+Jetzt kam ihm diese ganze Familiengeschichte gerade recht, um sich
+auf eine Stunde den anderen zu entziehen. Auch war er ganz zufrieden,
+daß die Seinen nun endlich einmal gesehen hatten, was aus ihm
+geworden war, wenn sie auch nicht viel davon verstanden. Denn mehr
+als je zerfielen für ihn die Menschen in die zwei Klassen: in die,
+die schwimmen konnten, und in die, die es nicht konnten...
+
+Als er--die Brust bedeckt mit seinen Siegeszeichen--an den Tisch
+trat, fand er auch bereits seine Familie fast vollzählig vor: die
+Geschwister, verheiratete und unverheiratete, waren da, die Kinder
+der ersteren und andere Verwandte. Außerdem befreundete Familien, von
+denen er nur einzelne Mitglieder kannte--alle bunt durcheinander.
+
+Man hatte ihm einen Ehrenplatz oben am Tische aufgehoben. Er sah sich
+flüchtig um. Zu seiner Linken saß ein junges Mädchen, das ihm fremd
+war, zur Rechten seine alte Mutter. Ein paar Plätze von ihm entfernt
+machte sich ein beleibter Herr mit einer mächtigen Bowle zu schaffen.
+Überall bekannte Gesichter.
+
+Franz nickte seiner Mutter zu.
+
+Mit einem schwachen und seltenen Versuch, zu scherzen (sein neuer
+Sieg hatte ihm Mut gemacht) meinte er:
+
+--Na, Mutter, heute ging es ja noch mal gut; aber das nächste Mal
+ertrinke ich dann sicher.--Die alte Frau glaubte nämlich noch immer,
+ihr Franz müsse eines schönen Tages seinen Tod im Wasser finden. Ins
+Wasser gehen bedeutete für sie, sich ganz unnötigerweise einer Gefahr
+aussetzen; und wenn sie in letzter Zeit auch begriff, weshalb ihr
+Sohn das tat--denn er brachte doch die schönen Preise nach Hause--so
+war sie doch immer noch nicht aller Sorge ledig. So antwortete sie
+denn nur:
+
+--Wenn du auch schwimmen kannst, ertrinken kannst du doch!...
+
+Man lachte sehr über ihre Antwort, und Franz lachte mit, obwohl er
+sich ein wenig über das Unverständnis der alten Frau ärgerte.
+
+Da hörte er sich plötzlich von links her angesprochen:
+
+--Kennen Sie mich denn wirklich nicht mehr, Herr Felder?--
+
+Er sah seine Nachbarin überrascht an. Schon als er sich setzte, war
+sie ihm aufgefallen, und er hatte gedacht, wer sie wohl sei. Sie war
+noch ganz jung, etwa in seinem Alter, und sehr elegant gekleidet: ein
+weißes Sommerkleid mit rotem Besatz, ein großer Strohhut, blonde
+Haare und ein Stumpfnäschen, sehr hübsch und schon recht
+selbstbewußt--so kam sie ihm vor. Er sah ihr nun gerade ins Gesicht;
+dann sagte er aufs Geratewohl:
+
+--Aber gewiß, Fräulein, voriges Jahr auf dem Bundesfest...
+
+Er hatte sie nie gesehen. Es kam überhaupt selten vor, daß er mit
+Damen sprach. Höchstens auf den Vereinsvergnügungen oder auf den
+Schwimmfesten, wo er von den Damen, die den Sieger in der Nähe sehen
+wollten, zum Tanze geholt wurde, machte er eine flüchtige
+Bekanntschaft.
+
+Sie lachte laut.
+
+--Nein, sagte sie, es ist viel länger her...
+
+--Viel länger her?--
+
+Er wußte nicht, was sie meinte. Er wußte es wirklich nicht, soviel er
+sie auch ansah.
+
+Sie lachte noch immer; dann kam sie ihm zu Hilfe.
+
+--Na, wir haben doch immer zusammen gespielt, als wir noch Kinder
+waren. Wissen Sie denn nicht mehr, in der Fruchtstraße, im Hof, da
+wohnten wir doch. Vatern gehörte doch dazumalen das Haus...
+
+Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So
+oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie übrigens nicht zusammen
+gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber
+daß sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er
+erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke.
+
+--Na, Sie hätte ich aber nicht wiedererkannt, Fräulein Heinecke!
+
+--Ja, glauben Sie, ich Sie?--Aber als wir neulich Ihren Namen im
+"Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders
+sind, die dazumal in der Fruchtstraße bei uns gewohnt haben; und da
+er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Faßbender, was
+doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm
+gesagt, wenn wir uns überzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach
+Grünau zu machen, da würden wir Sie schon in Ihrem Glänze sehen.
+"Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch
+gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, können Sie aber schwimmen!
+
+Die letzte Bemerkung machte Franz warm. Überhaupt, er wußte nicht,
+was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich
+mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu
+fragen, auf welche er Antwort zu geben wußte. Und wenn er keine gab,
+so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter übel.
+
+Das Schwimmen war vorüber, und der große Garten füllte sich bis auf
+den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. Überall an den
+Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine
+und ihre zahlreichen Angehörigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen
+Seite hatte sich der S.-C. B. 1879--heute der Mittelpunkt aller
+anderen--einen langen Tisch reserviert.
+
+Als Felder, bereits von allen Seiten vermißt, von seinen Leuten
+gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hören, wie
+schnell die Zeit vergangen war. Er mußte versprechen, nach der
+Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und
+der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm
+mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger
+aber war für Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja,
+Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie müssen mir noch viel über
+Ihre Siege erzählen."
+
+Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden saß, und zum ersten
+Male, solange er denken konnte, hätte er eine andere Gesellschaft als
+die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem
+Tische hinüber, von wo ein weißes Kleid wie grüßend zu ihm
+herüberschimmerte.
+
+Als jedoch die Preisverteilung in dem großen Saale des Restaurants
+stattfand, als er aus den Händen des ersten Verbandsvorsitzenden die
+schöne große Medaille von Gold erhielt und ihm das breite,
+dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an
+sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten--: "Wohl noch nie ist ein
+Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was
+aber seinen Wert noch erhöht, ist die tadellose Art, in der er
+gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den
+großen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am
+heißesten begehrten, überreiche, kann ich keinem anderen Wunsche
+Ausdruck geben als dem: Möchten alle Ihre künftigen Siege, mein
+junger Meister von Deutschland, so rein und schön sein wie dieser
+heutige..."--als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann
+wieder der ungezügelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er
+alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport,
+und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich
+immer würdig zu zeigen der hohen und großen Ehre dieses Tages.
+
+So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn
+ergriffen, daß er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder
+wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man
+zog ihn an diesen Tisch und an jenen, überall wurden ihm offene Hände
+und gefüllte Gläser entgegengestreckt; er mußte antworten, anstoßen
+und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte
+und an den Tisch zurückkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und
+ein junges Mädchen erwarteten, da begannen bereits die ersten
+Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich
+wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die
+Glückwünsche seiner Familie und eine lange, schwülstige Rede des
+dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mußte, aber er sprach fast
+nur mit ihr.
+
+Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, daß er nicht eher gekommen war,
+aber sie begriff doch, daß er an einem solchen Tage viele
+Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte,
+wohl seine älteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch
+alle anderen besser als sie. Sie erzählte ihm, wie sie im Saale
+gewesen sei und ganz dicht bei der Tribüne gestanden habe, so daß sie
+jedes Wort gehört habe. Sie bewunderte nach Gebühr seine neue
+Medaille und las Wort für Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie
+es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten ließ. Dann kam sie auf die
+vorhin unterbrochenen Erklärungen seiner anderen Preise zurück, und
+von neuem mußte Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden
+erklären. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und
+Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so daß
+sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein
+kluges Mädchen.
+
+Später gingen sie miteinander durch den Garten, und wieder stellte
+sie Fragen, die zu beantworten ihm Freude machte. Sie wollte wissen,
+wer die an diesem und die an jenem Tische waren, ob es befreundete
+oder fernstehende Vereine waren. Sie fragte nach den Namen von
+solchen, deren Brust sie, wie die seine, mit Preisen bedeckt sah.--
+Waren es Springer oder Schwimmer, wie er?--Hatte er schon mit ihnen
+gekämpft und hatte er sie geschlagen?
+
+Es machte ihr offenbar Freude, so an seiner Seite durch die Reihen
+der Tische zu gehen, zu sehen, wie Felder überall von Grüßen und
+Zurufen begleitet wurde, und dabei mit angesehen zu werden.
+
+In demselben Saale, in dem die Preisverteilung stattgefunden, wurde
+jetzt getanzt. Als sie hörte, daß er zwar etwas tanze, sich aber
+nichts daraus mache, meinte sie auch, es könne kein besonderes
+Vergnügen sein, in dem heißen und überfüllten Räume sich
+herumzudrehen, wo es doch draußen jetzt so schön kühl geworden sei.
+
+Die Bowle war fast geleert, und überall im Garten brannten die
+Lichter, als sie von ihrem Rundgang an ihren Tisch zurückkehrten. Man
+war natürlich wieder dagewesen und hatte nach Franz gefragt. Die
+alten Leute waren müde geworden und wollten nach Hause. Die Kinder
+schliefen schon zum Teil, und man brach auf, da man dem kolossalen
+Gedränge der letzten Züge und der Gefahr, überhaupt nicht mehr
+mitzukommen, entgehen wollte. So brach die ganze Gesellschaft
+zusammen auf. Franz wollte sie noch bis zum Bahnhof begleiten, bevor
+er sich endlich wieder zu seinen Kameraden gesellte.
+
+Man ging in einer langen Reihe durch den Kiefernforst zu der etwa
+zehn Minuten entfernten Station.
+
+Es kam wie von selbst, daß der junge Mann und das junge Mädchen die
+letzten wurden.
+
+Als die Lichter der Häuser in Grünau hinter ihnen lagen, umgab sie
+die Dunkelheit des Waldes, und sie konnten nur noch die Zurufe der
+vor ihnen Gehenden hören, ohne die Gestalten mehr recht zu
+unterscheiden.
+
+Die beiden gingen dicht nebeneinander, so schmal war der Weg.
+Unsicher über seine Richtung in dem tiefen Dunkel unter dem dichten
+Nadelholz, kam es, daß sie sich berührten, wenn sie ihn mit ihren
+Schritten suchten. Sie war Stumm geworden, und er, nicht mehr von ihr
+gefragt, wußte nicht, was er sagen sollte. Sie mußten ziemlich weit
+zurückgeblieben sein, denn das Sprechen und das Gelächter der Ihren
+tönte zu ihnen zurück wie aus weiter Ferne.
+
+Wieder stießen sie in der Dunkelheit aneinander, und er hörte, wie
+sie lachte. Ihr Lachen machte ihm Mut, und er fragte:
+
+--Soll ich Ihnen nicht meinen Arm geben, Fräulein? Sie werden sonst
+noch fallen.
+
+--Nehmen Sie mich bei der Hand, gab sie zur Antwort, und er fühlte
+ihre weichen, warmen Finger in den seinen. Und dann--wie es kam,
+wußte er nicht--blieben sie beide stehen. Er legte seinen Arm um ihre
+Taille und beugte sich nieder, um sie zu küssen. Er stieß erst gegen
+ihren breiten Sommerhut, berührte ihre Wange und küßte sie dann
+mitten auf den Mund. Sie hielt ganz still.
+
+Dann sagte sie nur:
+
+--Aber nicht doch, Herr Felder...--
+
+Aber sie ließ seine Hand nicht los, und nach einigen Schritten
+blieben sie wieder stehen. Diesmal brauchte er nicht zu suchen, denn
+sie hob das Gesicht zu ihm empor, und er küßte sie wieder und wieder
+und wieder, und er täuschte sich nicht, wenn er fühlte, wie ihr Mund
+seinen Mund immer von neuem suchte.
+
+Endlich aber wich sie von ihm zurück.
+
+--Wir müssen uns eilen, sagte sie hastig und eindringlich, die
+anderen müssen schon am Bahnhof sein.
+
+Sie gingen Hand in Hand so schnell wie möglich, aber keines von ihnen
+sprach ein Wort. Sie war es, die vorwärts trieb. Bevor sie in die vor
+ihnen heller und heller aufleuchtenden Lichter hinaustraten, suchte
+er sie noch einmal an der Hand zurückzuhalten. Aber sie sagte:
+
+--Nein, nein. Wir müssen uns eilen.--Und sie gingen weiter.
+
+Sie wurden von der ganzen Gesellschaft gesehen, wie sie aus dem Walde
+traten. Sie warteten alle vor dem Bahnhof auf den Abgang des Zuges.
+Der alte Heinecke machte ein böses Gesicht und ging auf seine Tochter
+zu. Man suchte den Wartesaal auf. Der Zug hatte natürlich Verspätung.
+
+Dort, in der gräßlichen Enge und Hitze des vollgedrängten Raumes,
+suchte sich Felder dem Mädchen vergebens noch einmal zu nähern. Nur,
+als endlich alle auf den Bahnsteig strömten, gelang es ihm, ihr noch
+einige Worte zu sagen:
+
+--Sie werde doch ganz sicher in acht Tagen auf das Kochseefest
+kommen?--Vater sei sehr böse, flüsterte sie zurück,--aber sie wolle
+sehen... Der Ausdruck ihres Gesichtes erschien ihm ganz verändert,
+wie sie an ihm vorbeiging. Alle Freundlichkeit schien aus ihm
+geschwunden; es war eine ganz andere als die, welche er noch eben in
+seinen Armen gehalten.
+
+Als sie alle in dem bereits überfüllten Zuge untergebracht waren--die
+einen hier, die anderen dort, aber alle auseinander gerissen--und er
+Eltern und Verwandten Adieu gesagt, suchte er sie noch einmal mit den
+Augen. Aber er fand die Abteilung nicht mehr, wo sie eingestiegen
+war.
+
+Eilig ging er den Weg zum Garten zurück. Er fühlte sich so leicht und
+glücklich wie nie zuvor in seinem Leben.
+
+Als er unter seine Freunde trat, wurde er mit Jubel, aber auch mit
+unmutigen Bemerkungen über sein Fernbleiben empfangen.
+
+Ob er wohl lange genug Familie gesimpelt habe?--Und ein anderer rief
+über den Tisch hin:
+
+--Laßt ihn, Franz hat eine Braut...--
+
+Felder kümmerte sich um nichts, sondern griff nach einem Glase. Er
+war durstig, durstig und glücklich, und er wurde selbst nicht böse,
+als ihm ein Dritter in täppischer Vertraulichkeit zuflüsterte:
+
+--Du, die kleine Heinecke mußt du dir festhalten. Der Alte hat
+Moneten wie Heu. Zwei Holzplätze im Norden...
+
+Ob er sich wohl _darum_ gekümmert hatte!--Er wußte nicht einmal, was
+der Alte war. Aber das hatte er sich schon gedacht, daß die
+Bemerkungen nun nicht ausbleiben konnten.
+
+Ein Übermut ergriff ihn, der ihm sonst ganz fremd war. Er hörte
+nicht, was die anderen sagten. Er lachte und trank und ließ sie
+reden. Ein schönes Mädchen, ein kluges Mädchen, und wie sie küssen
+konnte!...
+
+Es war ein wunderbarer Sommerabend, weich und warm. Die breite
+Wasserfläche lag still und schwarz und nur vom anderen Ufer her
+blinkten noch einige Lichter.
+
+Die Bänke und Tische wurden leerer und leerer. Aber noch gegen
+Mitternacht, als sich der Schwarm verlaufen hatte, kamen an dem
+Tische der 79er einige der angesehensten Sportkameraden zusammen, um
+unter sich bei einem letzten Glase nochmals den Sieg des heutigen
+Tages zu feiern, und unter allen Ehrungen dieses und aller
+vorhergehenden Feste war keine schöner und wertvoller für den jungen
+Sieger als die einfache und neidlose Bewunderung, die ihm die Besten
+ihrer Kunst in dieser späten Stunde darbrachten, indem sie sich zu
+ihm gesellten. Wieder wurde er ganz der Schwimmer, der er mit Leib
+und Seele war, und wieder fühlte er sich hier, nur hier unter den
+Seinen, zu Hause wie sonst nirgends auf der Welt.
+
+Erst als sie lange nach Mitternacht Brünings Motorboot bestiegen und
+das sicher gelenkte, elegante Fahrzeug lautlos an den flachen Ufern
+vorüberglitt, während sich die Müdigkeit über die in den Ecken
+Hockenden und Liegenden breitete, kehrten seine Gedanken noch einmal
+zu dem jungen Mädchen zurück, das er heute in seinen Armen gehalten
+und das seine Küsse so willfährig und so innig erwidert hatte, und er
+konnte in dieser stillen Stunde dem sehnsüchtigen Wunsche nicht
+wehren, nur noch einmal wieder diese Lippen mit den seinen zu
+berühren, diese weichen Lippen, die so verständnisvoll zu fragen, so
+freundlich zu lächeln und so heiß zu küssen verstanden.
+
+
+10
+
+Acht Tage später schwamm er auf dem Feste des "Deutschen
+Wettschwimmkartells".
+
+ Zum ersten Male, solange Felder sich an den Kämpfen beteiligte,
+waren seine Gedanken nicht ganz und ungeteilt bei seiner Aufgabe,
+obwohl es durchaus kein sicheres Schwimmen für ihn war. Es galt einen
+vielbegehrten Wanderpreis, der erst nach dreijährigem, Jahr auf Jahr
+errungenem Siege in den Besitz des Klubs überging, den Preis der
+Stadt Charlottenburg, zum zweiten Male zu gewinnen, und Felder wußte
+ganz gut, daß sein großer Sieg des letzten Sonntags die Gegner nur
+noch hitziger gemacht hatte. War doch der Sieger des vorletzten
+Jahres, Biedermann vom "Ersten Charlottenburger Schwimmklub", unter
+seinen Gegnern und brannte darauf, ihm heute den bereits einmal
+erstrittenen, dann wieder verlorenen Preis seiner eigenen Stadt
+streitig zu machen. Er wußte also gut, daß er sich zusammenzunehmen
+hatte.
+
+Aber er konnte nicht so ruhig sein wie sonst. Immer wieder überflog
+sein Auge die Menschenmengen, die an dem abgegrenzten Ufer des
+Wassers langsam die Zuschauerreihen der Bänke zu füllen begannen,
+ohne unter ihnen das weiße Kleid mit dem roten Besatz und den großen
+Hut erkennen zu können. Selbst als sein Schwimmen begann, und er an
+den Start ging, suchte noch sein Blick in dem dichten Gewühl eine
+Gestalt zu unterscheiden, ohne daß es ihm gelang. War sie gekommen,
+wie sie versprochen? Oder nicht?
+
+Er dachte immer wieder daran, als er im Wasser lag und die ersten
+Längen schwamm. Und so kam es, daß er in der Mitte der vierten
+plötzlich dicht vor sich den Charlottenburger und neben sich einen
+zweiten Gegner sah, von dem er nicht einmal wußte, wer es war, so
+wenig hatte er die Konkurrenzen im Gedächtnis. Ein gewaltiger
+Schrecken durchfuhr ihn. Mit mächtigem Schlage ausholend, ließ er den
+neben ihm Liegenden hinter sich, erreichte Biedermann, schlug kurz
+vor ihm an und glaubte gesiegt zu haben. Aber während er sich ruhig
+an dem Balken hielt und den Abstieg suchte, sah er zu seinem
+grenzenlosen Erstaunen alle beide, erst den einen, dann auch den
+anderen, die neue Länge beginnen--und als es ihm plötzlich klar
+wurde, daß er sich um eine ganze Länge geirrt hatte, waren sie ihm
+bereits um ein paar Meter voraus und die übrigen teils schon neben
+ihm, teils ebenfalls am Ende dieser Länge. Da aber hatte Felder auch
+alles andere vergessen, und sich fest auf die Seite legend und tief
+Atem holend, sah und dachte er jetzt nur noch eines: sein Ziel!--Wäre
+die Länge 75 statt 100 Meter gewesen, es wäre ihm nie möglich
+geworden, die so leichtsinnig und nutzlos verlorene Zeit wieder
+einzubringen. So aber--und infolge seines ausgezeichneten, nie
+versagenden Trainings--dachte er keinen Augenblick daran, den Sieg
+schon verloren zu geben; und während die Richter bereits glaubten,
+daß er freiwillig ausgesetzt habe, sahen sie ihn jetzt wieder näher
+und näher kommen, dann an der Seite des zweiten, gleich darauf an der
+des ersten Gegners liegen und endlich in einer fast unglaublichen
+Anstrengung dicht vor diesem anschlagen...
+
+Von tosendem Beifall umhallt, von erregten Fragen über das Geschehene
+bestürmt, wurde Felder erst jetzt sein unbegreiflicher Irrtum recht
+klar. Der Schrecken lag ihm noch in den Gliedern und er hatte sich
+vollständig ausgegeben. Er winkte den Freunden ab, die sich um ihn
+bemühten, und mußte sich im Ankleideraum sofort setzen, so erschöpft
+war er. Als er wieder ruhiger atmete, schämte er sich. Das konnte
+ihm, ihm passieren, sich in den Längen zu irren!--Und das alles,
+dieses leichtsinnige Aufsspielsetzen eines wenn heute verlorenen,
+erst in Jahren wieder einbringbaren Sieges, dies alles nur darum,
+weil er nicht aufgepaßt hatte!--weil er an ein kleines Mädchen
+dachte, statt an seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Er hätte
+sich selbst ohrfeigen mögen, so wütend war er.
+
+Er wurde nicht ruhiger, als er Nagel vor sich sah, der ihn heftig
+anfuhr:
+
+--Du fängst ja schon an, es dir bequem zu machen. Du paßt wohl
+schon nicht mehr auf?--Na, weißt du, so leicht ist die Sache
+denn doch nicht, und solche Scherze solltest du einstweilen noch
+unterlassen!... Sonst könnten sie doch böse Folgen für uns haben!
+Geschwommen hast du natürlich zuletzt wie ein Schwein!--
+
+Felder sagte kein Wort. Er saß da wie ein Schüler, der von seinem
+Lehrer bestraft wird.
+
+Er wurde erst ruhiger, als er sich nach dem Ankleiden--er trug heute
+einzig und allein die große goldene Medaille seiner Deutschland-
+Meisterschaft auf der Brust--unter seine Freunde mischte und die
+Erregung wahrnahm, die nach seinem unglaublichen Endspurt unter ihnen
+immer noch nachzitterte. Keiner habe auch nur einen Pfennig mehr um
+seinen Sieg gegeben, versicherte man ihm, als man ihn in der letzten
+Länge so weit hinter Biedermann liegen sah. Ob er mit Absicht
+zurückgeblieben sei, um zu zeigen, was er könne?--Ob ein Krampf ihn
+befallen habe!--Ob er sich in den Längen verzählt habe?--so
+bestürmten ihn die Frager von allen Seiten, bis Felder von neuem
+ärgerlich wurde und sie stehen ließ.
+
+Er nahm Koepke auf die Seite. Er möge doch einmal nachsehen, ob der
+alte Heinecke mit seiner Tochter nicht da sei, ja?--Und er möge ihm
+Bescheid in den Garten bringen. Koepke rannte fort wie ein getreuer
+Hund, aber die Antwort, die er nach einer halben Stunde brachte, war
+nicht geeignet, Felders Laune aufzubessern. Er habe alle Reihen
+durchgesehen, meldete Koepke, aber er habe von den Gesuchten nichts
+finden können.
+
+Jetzt war es klar, daß sie nicht gekommen war. Natürlich war der Alte
+schuld daran, der sie nicht gelassen hatte. Wie sollte er es jetzt
+anfangen, sie so bald wiederzusehen?--
+
+Mißmutig saß er vor seinem Biere in einer Ecke des Gartens und ließ
+seine Freunde schwatzen, soviel sie wollten, ohne ihnen zuzuhören.
+Mißmutig und noch schweigsamer als sonst blieb er auch den Rest des
+Nachmittags. Er wartete nur noch die offizielle Bekanntgabe der
+Resultate ab, dann schloß er sich einem Klubfreund an, der früh nach
+Hause wollte, da er morgen früh an die Arbeit mußte.
+
+Das einzige, was ihn einigermaßen über seine eigene Dummheit
+tröstete, waren ein paar Worte, die Brüning ihm zugerufen, als er im
+Garten an ihm vorbeigegangen war: "Menschenskind, du kannst ja viel
+mehr, als wir alle wissen und du selber ahnst. Wer das fertig bringt,
+was du eben getan hast, der kann sich schon einen Scherz erlauben."
+Und er hatte ihm zugenickt und war mit seiner Mätresse fortgefahren.
+--Ja, Brüning hatte recht: er konnte weit mehr, als alle und er
+selbst es wußten.
+
+Zu Hause warf sich Felder aufs Bett und verschlief die Erinnerung
+dieses Unglückstages, wie er ihn nannte, in zehnstündigem Schlaf.
+
+Die ganze nächste Woche nagte es an ihm, daß sie nicht gekommen war.
+Im Grunde war es weniger die Sehnsucht, sie wiederzusehen, als eine
+gewisse Unruhe, diesem ihm so unbekannten Gefühl ein Ende zu machen,
+das ihn für einen Abend, statt zum Schwimmen, in der Nähe ihrer
+Wohnung auf und ab gehen ließ, in der Hoffnung, sie ausgehen oder
+heimkehren zu sehen und zu sprechen. Nachdem er fast eine Stunde
+vergeblich herumgelaufen war, sah er nicht sie, sondern eine ihrer
+Freundinnen, die er ebenfalls vom vorigen Sonntag her kannte, aus dem
+Hause treten, glücklicherweise allein. Er ließ sie bis zur nächsten
+Straßenecke vorausgehen und redete sie dann an. Die kleine Dicke
+stieß erst einen erstaunten Schrei aus, als sie Felder erblickte, war
+es dann aber gleich selbst, die seinen Fragen zuvorkam.
+
+O, Lieschen hatte sie ja in alles eingeweiht--wie gut es war, daß sie
+ihn sah, denn sie habe ja Nachrichten für ihn!--Er habe sie wohl
+zufällig gesehen?--Habe er auf Elise hier gewartet?--Nein?--Also: ob
+er denn noch gar nicht wisse, daß sie fort sei?--Nein?--Ach, es war
+ja eine ganze Geschichte. Der alte Heinecke sei wütend gewesen am
+Sonntag vor acht Tagen, darüber, daß sie den ganzen Nachmittag
+zusammengesessen hätten, und dann, daß sie im Dunklen im Wald
+zurückgeblieben seien. Schon auf der Rückfahrt habe er angefangen--
+wenn sie schon daran dachte, würde ihr noch ganz schlecht, so
+geschimpft habe der Alte. An einem der nächsten Tage sei sie denn
+auch gleich hingegangen, um von Elise zu erfahren, was denn
+eigentlich vorgegangen sei. Aber die Freundin habe nur geweint--o so
+geweint!--und immer nur gesagt, sie möchte doch so gern am Sonntag
+kommen, um ihn noch einmal zu sehen. Als sie aber endlich Mut gefaßt
+und ihrem Vater das gesagt habe, da sei die Geschichte von neuem
+losgegangen, und um ihr ein Ende zu machen, sei sie noch in derselben
+Woche nach Posen geschickt, zu einer Tante, um dort ein Jahr zu
+bleiben und die Haushaltung zu erlernen. Sie habe Elise noch vor
+ihrer Abreise gesehen, und diese habe ihr ausdrücklich aufgetragen,
+doch Herrn Felder noch recht schön zu grüßen und ihm zu sagen, daß er
+doch nicht böse sein solle, wenn sie am Sonntag nicht kommen könne,
+denn es sei doch nicht möglich, daß daraus etwas würde, und so sei es
+denn schon das beste, wenn sie sich fügten und einander vergäßen...
+
+So schwatzte die Dicke darauf los, selig, ihre Wissenschaft
+loszuwerden und einen so guten Zuhörer zu haben. Denn Felder ging
+neben ihr her, durch die Menschenströme, und erwiderte keine Silbe.
+
+Heute abend sei sie nun oben gewesen--so ging es weiter--um zu sehen,
+ob noch kein Brief von Elise da sei. Ja, sie habe schon geschrieben:
+es gefalle ihr ganz gut in der Stadt, in der sie jetzt sei, und in
+vierzehn Tagen sei ein Ball im Kasino, wo auch Offiziere hinkämen,
+und sie habe die Tante gebeten, hingehen zu dürfen, und die Tante
+habe es ihr erlaubt... Der Alte sei auch schon ganz beruhigt, und er
+habe heute abend sogar gelacht, als er davon sprach daß seine kluge
+Elise schon nicht so töricht sei, zu denken, daß "daraus" etwas
+Ernsthaftes werden könne denn wenn er--Felder--auch ein vorzüglicher
+Schwimmer sei, so seien das doch nur brotlose Künste, und er könne
+doch sein einziges Kind nicht einem jungen Menschen versprechen, der
+eben erst aus der Lehre sei und keinerlei sichere Zukunft vor sich
+habe...
+
+Weiter kam sie nicht. Denn Felder blieb plötzlich stehen und fragte:
+
+--Hat sie Ihnen keinen Brief für mich gegeben?
+
+Nein, keinen Brief. Aber sie habe ihm doch gesagt, daß Elise ihn
+recht schön grüßen lasse und es so bedauere...
+
+Dann stand sie wieder allein auf der Straße unter den vorbeieilenden
+Menschen. Ihr Begleiter hatte ganz unverhofft seinen Hut gezogen,
+ganz kurz guten Abend gewünscht und war verschwunden. Nicht einmal
+bis nach Hause brachte er sie!
+
+Felder dachte nicht einmal daran. Was ging ihn die dumme Gans an!--Er
+dachte an das Mädchen, das mit ihm erst gespielt und ihn dann so
+leichten Herzens--mit einem flüchtigen Grüß--aufgegeben. Aber es war
+viel mehr das Gefühl einer erlittenen Beleidigung als das des
+Schmerzes, unter dem er in dieser Stunde litt. Daß man ihn, den
+Meisterschwimmer von Deutschland, so behandeln konnte, das war es,
+was ihn wurmte und einen bitteren Groll in ihm entfachte. Und mehr
+als alles hatte ihn das Wort des reichgewordenen Holzhändlers von der
+brotlosen Kunst getroffen. Er biß die Lippen aufeinander vor Wut,
+wenn er daran dachte, während er die Straße hinunterlief und sich
+rücksichtslos durch die Reihen der Fußgänger stieß. Als ob er je
+daran gedacht hätte, dieses Mädchen zu heiraten!--Er hatte überhaupt
+an nichts gedacht, dieser alte Geldprotz konnte ganz ruhig sein. Das
+Mädchen hatte ihm gefallen, am meisten die unverhohlene Bewunderung,
+die er in ihren Augen gelesen, und bei deren Blick ihm so warm
+geworden war.
+
+Aber ihm geschah ja ganz recht. Warum hatte er seine Leute verlassen
+und war an den Tisch gegangen. Was gingen ihn die Frauenzimmer an? Er
+hatte sich bis jetzt nicht um sie gekümmert und sie nicht entbehrt,
+so würde er wohl auch noch dieses dumme Ding vergessen, um
+dessentwillen er heute abend sein Schwimmen versäumte und fast einen
+Sieg verloren hätte...
+
+Er sah nach der Uhr. Aber es war schon zu spät. Und mit einer
+Bewegung des Ärgers schüttelte er diese ganze dumme Geschichte, die
+ihm schon viel zuviel Kopfzerbrechen gemacht hatte, von sich ab und
+schlug den Weg nach seinem Klublokal ein, wo er noch den einen oder
+anderen seiner Kameraden beim Biere zu finden hoffte...
+
+Von diesem Abend an dachte er nur noch zuweilen an das Mädchen, aber
+immer wallte von neuem das Gefühl verletzten Stolzes in ihm auf und
+blieb in ihm zurück--wie ein Rest von Bitterkeit allen Frauen
+gegenüber.
+
+Mit verstärkter Genugtuung genoß er die zahlreichen Triumphe dieses
+Herbstes, von denen fast jeder Sonntag ihm einen neuen einbrachte:
+dieser die Odermeisterschaft und mit ihr die große silberne Medaille;
+der nächste zum zweiten Male den großen Staatspreis in Hamburg; und
+bereits der übernächste den vielumstrittenen Preis im Brustschwimmen,
+den die vereinigten westdeutschen Schwimmklubs gaben--einen silbernen
+Pokal für seinen Klub, so groß und wertvoll, wie dieser wenige besaß.
+
+Bevor der Winter begann, nahm er sich dann in der Fabrik, in der er
+noch ein Jahr nach seiner Lehrzeit bleiben wollte, seinen ersten
+achttägigen Urlaub und machte das große Wettschwimmen des "I.
+österreichischen Amateur-Schwimmklub Wien" mit, auf dem er am ersten
+Tage Anton Riegler, den Meister Österreichs über die kurze Strecke,
+zum ersten Male schlagen durfte; und am zweiten den großen Derbypreis
+über die lange gegen die Teilnehmer dreier Staaten: Italien,
+Osterreich und Deutschland, unter ungeheurer Erwartung aller
+beteiligten Kreise, ersiegte.
+
+So griff der junge Meister von Deutschland mit diesen Siegen rasch
+und beherzt nach den Lorbeeren des Auslandes, nachdem er die seines
+eigenen, weiten Vaterlandes bereits sein eigen nannte.
+
+Die Fahrt nach Wien, seine erste Auslandreise, war zugleich
+eigentlich die erste, an der er wirklich Vergnügen empfand. Er machte
+sie mit Brüning und zwei anderen Mitgliedern seines Klubs, alten
+Freunden und lustigen Brüdern, war Gast in der herrlichen Villa eines
+reichen österreichischen Sportfreundes, der sich die Ehre nicht
+nehmen lassen wollte, den deutschen Meisterschaftsschwimmer bei sich
+zu beherbergen, ließ sich den ganzen Tag und die halbe Nacht durch
+alle Vergnügungen der schönen "Kaiserstadt an der Donau" schleppen
+und es sich wohl sein unter den leichtlebigen Menschen mit dem
+sorgenlosen Wesen und der gemütlichen Sprache. Noch nirgends hatte er
+sich so wohl gefühlt wie hier, und als endlich die acht Tage mit
+ihren Ausflügen, ihren fröhlichen Mahlzeiten, bei denen es an feschen
+Mädchen nie fehlte, ihren Fiakerfahrten, den Ronacherabenden und den
+durchjubelten Nächten zu Ende waren, da war er wie betäubt. Neben dem
+großen Preise für seinen Klub, dem Ehrenschilde, und den eigenen
+Ehren brachte er unvergeßliche Erinnerungen nach Hause, und unter
+ihnen war nicht die letzte die an die Liebe, die er ebenfalls in Wien
+erst kennen lernen sollte: die reue- und schmerzlose Liebe flüchtiger
+Stunden, lachend geboten und ohne Besinnen genossen, erfrischend wie
+ein Trank und süß wie eine vollsaftige Frucht.
+
+Berlin kam ihm nüchtern vor, und er brauchte einige Zeit, um sich
+wieder an seine eintönige Tagesarbeit zu gewöhnen, nach diesen Tagen,
+in denen er geehrt worden war wie ein König und gelebt hatte wie ein
+Millionär!...
+
+Der Winter verging stiller. Beim Hauptschwimmen Berlins mußte er
+aussetzen. Er war völlig übertrainiert.--Was schadete es? wenn er
+sich auch ärgerte. In seiner Brust regten sich neue Wünsche des
+Ehrgeizes, und heimliche Träume erzählten ihm von Siegen, die noch
+_nicht_ die seinen geworden waren.
+
+
+11
+
+Wieder ging ein Winter und wieder kam ein Sommer.
+
+Und wie alles in diesen letzten Jahren im Leben Franz Felders nur ein
+rastloses Eilen von Erfolg zu Erfolg gewesen war, so kamen mit dem
+nächsten Sommer jene Triumphe, die ihn auf eine Höhe führten, über
+die hinaus kein Weg mehr ging: neben einer Reihe anderer erster Siege
+fiel ihm die der Europameisterschaft zu und mehr als das--er
+behauptete diese Meisterschaft auf jener glorreichen Reise nach
+England, wo er sie in einem in der Geschichte des Schwimmens einzig
+dastehenden Rennen gegen die englischen und australischen Meister
+verfocht, die größten und berühmtesten Schwimmer der Welt.
+
+Die Europameisterschaft über die lange Strecke von
+eintausendfünfhundert Metern erschwamm er in Grünau auf einem Feste,
+das der große deutsche Verband, zu dem jetzt fast alle Schwimmvereine
+des Deutschen Reiches gehörten, in Verbindung mit den größten
+außerdeutschen Vereinen und Verbänden abhielt, zu dem Schwimmer fast
+aller Länder des Kontinents erschienen, und das sich zu einem
+Wettschwimmen gestaltete, wie es in diesem Umfang und dieser
+Bedeutung in Deutschland überhaupt noch nicht stattgefunden hatte. Es
+war nicht nur für Berlin, sondern auch für die gesamte Schwimmerwelt
+Deutschlands das große Ereignis des Sommers, hinter dem alle anderen
+Veranstaltungen weit zurücktraten. Noch nie hatte man einem Meeting
+mit solcher Erwartung entgegengesehen, noch nie hatte die Spannung
+eine solch fieberhafte Höhe erreicht...
+
+Einmütigkeit herrschte unter allen Berliner Vereinen, selbst unter
+denen, die sonst nie müde werden konnten, sich zu bekämpfen: galt es
+doch, Berlin würdig nach außenhin zu vertreten, dem alten Ruhme, seit
+Jahren die eigentliche Heimat der Schwimmerei zu sein, keine Schande
+zu machen. Daher wurden weder Mühe noch Kosten gescheut, und viele
+Wochen vorher begannen die Delegiertenversammlungen, um das lange
+Programm der Tage zu durchdenken, und bis in seine letzten
+Einzelheiten festzusetzen.
+
+Nie war aber auch die Beteiligung an den Meldungen eine so rege und
+so aufregende gewesen. Mit Ausnahme Englands waren solche aus fast
+allen Ländern des Kontinents, von Italien bis Schweden, von Holland
+bis Osterreich eingelaufen, und fast kein in den letzten Jahren
+genannter Name blieb unvertreten: neben den berühmtesten Schwimmern
+die ersten Springer, die gekröntesten Mehrkampfmeister Europas.
+
+Natürlich waren im Schwimmen alle größten Hoffnungen auf den Meister
+von Deutschland gesetzt. In seinen Händen lag vor allem der Ruhm
+Berlins, die Ehre Deutschlands. Wenn er unterlag, so unterlag Berlin;
+wenn er nicht siegte, so blieb die Meisterschaft von Deutschland in
+den Händen des Auslandes.
+
+Und Felder wußte es wohl!--Es gab keinen, der so überzeugt wie er
+selbst von der Wichtigkeit dieses Sieges gewesen wäre. Er fühlte, daß
+diesmal andere Dinge auf dem Spiele standen als sein eigener Ruhm und
+der seines Klubs, um die er bis jetzt gekämpft. Die Stadt, in der er
+geboren war, und sein ganzes Vaterland, das weite deutsche Reich,
+sahen auf ihn an diesem Tage. Er konnte ihnen keine Schande machen--
+es _durfte_ nicht sein!--
+
+Er trainierte mit beispielloser Ausdauer und Sorgfalt. Da nun auch
+das Jahr, das er nach seiner Lehrzeit noch in der Fabrik blieb, zu
+Ende war, wollte er mit dem Eintritt in eine neue Stelle warten, bis
+das große Ereignis vorüber war. Bei seiner Sparsamkeit hatte er
+vermocht, etwas zurückzulegen. Auch standen ihm genug Börsen
+wohlhabender Klubfreunde und Verehrer offen, aber Felder war viel zu
+stolz, um auch nur das geringste anzunehmen. Er hätte am liebsten
+seine Sportreisen selbst bezahlt, aber das konnte er natürlich nicht.
+Außerdem war sein Klub reich genug, um Opfer solcher Art nicht von
+seinen Mitgliedern erwarten zu brauchen.
+
+Da Felder somit völlig Herr seiner Zeit geworden war, hinderte ihn
+nichts in seinem Training. Die Erfahrung des letzten Winters hatte
+ihn klug gemacht, und er hütete sich wohl, des Guten zuviel zu tun.
+Er hielt sich selbst in strengster Selbstkontrolle und gönnte sich
+kein Vergnügen, das über die zehnte Abendstunde währte, wo er
+todsicher bereits im Bett lag. Einige fanden seinen Ernst oft
+lächerlich; er ließ sie lachen.
+
+Eine Art finsterer Entschlossenheit bemächtigte sich seiner in dieser
+letzten Zeit. Er wurde noch wortkarger und verschlossener, als er
+sonst schon war. Zugleich schien auch die schöne und sonnige Ruhe,
+die nach den Siegen der letzten Jahre über ihn gekommen war und mit
+jedem neuen Siege mehr und mehr das Schroffe und abweisend
+Insichgekehrte seines Wesens gemildert hatte, von ihm zu weichen. Er
+glich jetzt wieder mehr dem armen und unbekannten Knaben von damals,
+mit der unjugendlichen Stirn und dem trotzigen Munde, der nichts war
+und doch so viel werden wollte, als dem von aller Welt gefeierten
+Sieger, der seine kühnsten Träume zur Wirklichkeit geworden sah und
+sich in ihrer Erfüllung sonnte.
+
+Und es war ihm in der Tat so, als habe er noch nichts erreicht, als
+sei erst dieser Sieg über Europa allein alles Strebens wert, erst die
+eigentliche Krönung eines Gebäudes, zu dem alle anderen Erfolge nur
+als Stufen führten. Wenn er hier unterlag, er, auf dem die ungeheure
+Verantwortlichkeit der Repräsentation eines ganzen, großen Volkes
+lag, so war alles andere umsonst gewesen, so--in seinen bereits
+überhitzten Gedanken redete er es sich ein--so war nicht nur Berlin,
+sondern das ganze deutsche Reich dem Spott des mit dem Preise
+davonziehenden Auslandes preisgegeben.
+
+Denn daß es auch einem anderen deutschen Schwimmer glücken könne, den
+Preis über "die Fremden" davonzutragen, daran dachte er nicht einmal
+--so sehr betrachtete er schon sich selbst als den unbesiegbaren
+Meister seines Vaterlandes. Aber er hatte Furcht vor diesen
+Ausländern, vor diesen Gegnern, die er nicht kannte, von denen er
+sich mit den wenigsten gemessen, über deren Kräfte er nichts
+Bestimmtes wußte. Und ein Gefühl der Unruhe und der Angst, hier, auf
+seinem eigenen Boden, den er sich gewissermaßen Meter für Meter in
+diesen Jahren erkämpft hatte, geschlagen zu werden, ließ nicht von
+ihm und verscheuchte jede unbefangene Freude... Es war kein Genuß
+mehr, mit ihm zu verkehren und ihn üben zu sehen, und sein
+feierlicher Ernst, mit dem er kam und ging, steckte die andern an. Es
+war wie in den Tagen vor einer Schlacht...
+
+Er siegte.
+
+In den letzten Tagen wich alle Unruhe wieder von ihm. Eine große
+Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen, als müsse er siegen um
+jeden Preis. Er wies alles von sich ab, er wollte nichts mehr hören
+und sehen von dem, was alle um ihn herum beschäftigte. Was gingen ihn
+alle diese fremden Namen und Menschen an--ob er sie kannte oder
+nicht, er schwamm darum nicht besser. Er wußte nur eines: daß er
+siegen mußte!
+
+Und gleich als wenn die Kraft seiner Muskeln seinem Willen gehorchen
+müsse, so geschah, was er wollte.
+
+Er siegte.
+
+Er schlug den berühmten Holländer, den gefürchteten Österreicher, er
+schlug den riesigen Norweger, einen Hünen an Gestalt und Kraft, er
+schlug die Besten seines eigenen Vaterlandes zum zweiten und dritten
+Male, und er siegte über seine eigene Zeit vom Vorjahre mit mehr als
+drei Minuten.
+
+Ein unbeschreiblicher Tumult entstand, als er anschlug. Die Zuschauer
+rasten.
+
+Seine Freunde erdrückten ihn fast. Völlig Fremde umarmten ihn. Man
+trug ihn mehr, als er ging, durch die Reihen von Menschen, die ihre
+Plätze verlassen hatten.
+
+Deutschland hatte gesiegt. Und in Deutschland Berlin!--Und diese
+kühlen Berliner, so gern stets zu verkleinernder Kritik geneigt und
+so abhold jeder Gefühlsüberschwänglichkeit, waren kaum wieder zu
+erkennen in dem Jubel und der Freude über den Sieg ihrer Stadt.
+
+Unglaublich, dieser Felder!--hörte man allenthalben, was der will,
+das kann er auch.
+
+Und die Begeisterung wollte sich nicht legen...
+
+Am ruhigsten waren noch Felder selbst und--Nagel. Der sagte schon
+lange nichts mehr, und nur ein Händedruck zeigte, daß er mitfühlte in
+diesem Moment. Bei sich dachte er: Jetzt, jetzt wird es sich zeigen--
+daran, wie er diesen Sieg erträgt.--Brüning rannte umher wie besessen
+und schrie nach Sekt, und Koepke war völlig unzurechnungsfähig. Er
+sprach nur noch in Hyperbeln.
+
+An Felders Ruhe, die zudem viel mehr eine äußerliche als eine
+innerliche war, hatte übrigens eine gewisse seelische wie körperliche
+Abspannung ihren Hauptgrund. Jetzt, als alles vorüber war, merkte er
+erst, wie er sich in den letzten Wochen innerlich verzehrt hatte--in
+dem einen Wunsche.
+
+In demselben Garten, in dem im vorigen Jahre seine
+Meisterschaftserklärung für Deutschland erfolgt war, wurde ihm nun
+die höchste aller Ehrungen zuteil, und unter dem achtungsvollen
+Schweigen vieler Hunderte nahm er den Weltmeisterpreis entgegen...!
+
+Die ganze warme Sommernacht hindurch dauerte wieder das Feiern um ihn
+herum. Er lebte ganz in diesen Stunden. Er dachte nicht zurück. Er
+dachte auch nicht in die Zukunft. Die Stimmen in ihm schwiegen. Zum
+erstenmal vielleicht in seinem Leben schwiegen sie ganz. Er hatte
+erreicht, nicht was er gewollt: nein, viel mehr als das. Sie mußten
+heute schweigen, diese Stimmen, denn sie wurden übertönt von dem
+einmütigen Jubel um ihn her. Die stillen Sterne leuchteten hernieder;
+der Atem der weichen Nacht spielte um die erhitzten Köpfe, und vom
+Wasser her kam die frische Kühle, die alle diese Menschen nicht müde
+werden ließ, zu sprechen, zu trinken, sich zu berauschen am Leben, an
+Freude und an der eigenen Kraft.
+
+Und Felder trank--trank--trank--alles, was man ihm bot: Sekt, Bier
+und Wein, aber am süßesten schmeckte ihm der berauschende Trank des
+Erfolges.
+
+Alles andere hatte er vergessen.
+
+Selbst als er inmitten seiner wildesten Bewunderer wie berauscht
+endlich zum Bahnhof ging, zog auch nicht ein Erinnern in seine müden
+und wirren Gedanken, das ihm ein weißes Kleid, einen jungen Leib oder
+einen warmen Mund wachgerufen hätte.
+
+Müde saß er in einer Coupéecke und während die anderen um ihn herum
+sich noch immer über den heutigen Tag ereiferten, schlief er ein; und
+den Sieger über seinen Siegen vergessend, dachten sie erst wieder an
+ihn und weckten ihn erst, als der Zug in die von der Morgendämmerung
+erhellte Halle des Görlizer Bahnhofs einfuhr...
+
+Die ersten Tageszeitungen waren bereits erschienen. Man griff nach
+den noch feuchten Blättern und las die kurzen Zeilen, die den Namen
+Franz Felders, den Triumph Berlins, den Sieg Deutschlands--in dieser
+Stunde der Welt verkündeten. Er selbst, der Sieger, war unfähig, sie
+zu lesen. Die Buchstaben flimmerten und ranzten vor seinen Augen.
+
+
+12
+
+Der Glanz dieses Tages konnte selbst durch die Reise, die Felder
+wenige Wochen später nach England unternahm, um dort in dem gelobten
+Lande des Sports seine Meisterschaft Europas gegen ihre ersten
+bisherigen Meister zu behaupten, kaum erhöht werden.
+
+Die Reise war nie geplant. Es war an sie nie gedacht. Sie war einfach
+eine natürliche Folge dieses letzten Sieges.
+
+Während die Sportzeitungen des Kontinents einig waren in der
+Anerkennung dieses Sieges, verhielten sich die englischen, an Zahl
+und Bedeutung gleich und im Ton immer überlegen, dem Siege gegenüber
+skeptisch und erhoben den Einwand, daß England sich nicht beteiligt
+habe, daß aber England in Sportsachen (wie auch in anderen Dingen)
+Europa sei, und daß Felder sich erst einmal mit englischen Schwimmern
+gemessen haben müßte, ehe ihm wirklich der nur künstlich gemachte
+Titel des Europameisters gebühre. Natürlich verwahrte man sich gegen
+diese Beschuldigung und erklärte sie für lächerlich. Man hatte die
+ersten Schwimmer Europas eingeladen, auch die Engländer. Sie waren
+nicht gekommen, weil sie eben nie kamen. Und weil sie hochmütige
+Narren waren, die sich einbildeten, man müsse zu ihnen kommen.
+
+Daher waren auch erst wieder manche Stimmen gegen die Reise Felders
+nach England. Ein Entgegenkommen dieser Art war ein Zugeständnis,
+eine Erniedrigung.
+
+Aber andere sagten: Man muß es ihnen zeigen!--Jetzt ist die
+Gelegenheit da, ihre angemaßte und nur eingebildete Überlegenheit zu
+brechen. Wenn wir ihnen jede Entschuldigung nehmen, so werden sie
+sich bequemen müssen, von ihrem Piedestal herabzusteigen, auf dem sie
+schon viel zu lange gestanden, dann ist Beteiligung an kontinentalen
+Festen oder aber endgültiger Verzicht die unausbleibliche Folge.
+
+Als dann auch der letzte Einwand: der der zu hohen Kosten dadurch
+kurz abgeschnitten wurde, daß sich Brüning, der sich jetzt sogar um
+seine Pferde nicht mehr kümmerte, erbot, sie sämtlich zu tragen und
+Felder nach England zu begleiten, wurde dessen Beteiligung
+beschlossen.
+
+Wenn Felder später an diese Reise nach England zurückdachte, so kam
+sie ihm vor wie ein Traum. Ein wirres Durcheinander von Bildern aller
+Art zog an seinem Auge vorüber.
+
+Zunächst weite Landschaften, die im Fluge an dem dahinrasenden Zuge
+vorbeizogen. Die dunkle Regennacht auf dem Schiffe: das Meer, das er
+zum ersten Male sah--ein Wasser, wie er es nie geahnt, Wogen von
+einer Kraft, gegen die das mächtige Schiff rang, wie sein Körper rang
+gegen die stille Flut seines heimatlichen Flusses, und an der
+menschliche Einzelkraft zerbrechen mußte wie ein Streichholz unter
+dem Schlage eines Hammers. Wasser, nur Wasser, dasselbe Wasser, das
+er kannte und liebte wie kein anderer--und doch ein ganz anderes
+Element. Nicht das, welches ihm vertraut war von Jugend auf, sondern
+eine fremde, unheimliche Kraft, mit der zu messen er sich nie getraut
+hätte, vor der ihm graute, da er der Schwächere, ein Nichts war vor
+ihr ... das war das Meer!... Elend, ganz zermalmt von der
+lächerlichen und doch so mächtigen Krankheit der See, atmete er erst
+auf, als er wieder Land unter den Füßen fühlte--er, der es sonst nur
+widerstrebend betrat, da er sein geliebtes Wasser verlassen mußte--
+und nur mit Schaudern dachte er an das Gebrüll, die Feindseligkeit,
+die ganze Furchtbarkeit des fremden Wesens zurück, das ihn behandelt
+hatte wie den ersten besten, eine Katze, die ein Tiger geworden war,
+ein Freund, plötzlich verwandelt in einen Feind, der die Maske fallen
+gelassen und ihn niedergeworfen, um ihn zu ermorden!...
+
+Dann, noch die Angst um das--gerettete--Leben in den Gliedern, die
+Ode und Unermeßlichkeit der in ewigen Dunst gehüllten Stadt, vor
+deren Grenzenlosigkeit ihm sein Berlin wie ein Dorf erschien.
+Endlich, in schärfstem Kontrast dazu, die Tage der Races an dem
+stillen, umbuschten Ufer der Themse, wo der Himmel wieder lachte und
+der Frieden wieder in den versteckten weißen Häusern zuwohnen schien,
+wo er seinen Mut wiederfand, den Mut, sich daran zu erinnern, weshalb
+er hierher gekommen war, und die Kraft, zu siegen, sich wirklich den
+ersten Preis zu holen, weil er sich hier endlich wieder daheim
+fühlte, daheim im Wasser...
+
+Und die Bilder nach dem Siege.
+
+Der Jubel dieser ihm erst so ernst, so steif erschienenen Menschen,
+gegen den der Beifall von Grünau wie ein Murmeln war. In seinem
+ganzen Leben zusammen hatte er nicht so vielen Menschen die Hand
+geschüttelt wie an diesem Tage. Man renkte ihm fast den Arm aus. Und
+dann schleppte man ihn zwei Tage lang von einer Festlichkeit zur
+andern, durchzog in Reihen von zwanzig Cabs--in denen nur je einer
+sitzen durfte--wie in einer Prozession die endlosen Straßen Londons,
+behandelte ihn wie einen Fürsten und überschüttete ihn in
+beispielloser Generosität und Gastfreundschaft mit Gaben jeder Art.
+Am letzten Tage überreichte ihm irgend jemand, dessen Namen er nicht
+einmal wußte, ein Ehrengeschenk von 150 Pfund, da man gehört hatte,
+daß er völlig auf die Arbeit seiner Hände angewiesen war. Es wurde
+mit so viel Achtung und Selbstverständlichkeit angeboten, daß Felder
+es unmöglich ausschlagen konnte. Er war ganz gerührt. Er hatte
+gedacht, diese Engländer würden es gewaltig übelnehmen, wenn ein
+Ausländer daherkam und sie auf ihrem Grund und Boden schlug, und nun
+sah und fühlte er überall nichts, als die neidloseste Bewunderung und
+eine Verehrung, wie sie ihm in solchen Formen noch ganz unbekannt
+war.
+
+Und doch--war es die fremde Sprache oder was war es?--so gemütlich
+wie in Deutschland oder gar in Wien waren diese Tage nicht. Alles
+ging in ewiger Hast, von einem zum andern. Nie setzte man sich zu
+einem Glas Bier zusammen, um in Ruhe alles zu besprechen. Getrunken
+wurde zwar genug--und was nicht alles durcheinander!--aber alles im
+Fluge, im Stehen, und von einer Hand ging er in die andere, fast wie
+eine Sache, an der jeder ein Anrecht hatte. Jeder wollte ihm die Hand
+geschüttelt und mit ihm getrunken haben... Und immer wieder mußte er
+trinken und Hände schütteln, bis er am Abend so müde war, daß er die
+rechte nicht mehr von der linken zu unterscheiden wußte.
+
+Nein, so gemütlich wie zu Hause war es nicht, und Felder war fast
+froh, als es an die Heimreise ging. Eigentlich hätte er sich nicht
+fremd zu fühlen brauchen, denn Brüning und ein anderer Klubgenosse
+waren stets mit ihm, und der erstere war der beste Reisemarschall,
+den man sich denken konnte: überall zu Hause, in allen sprachen
+gerecht, praktisch und erfahren, dabei in unerschöpflich guter Laune
+und den schwerfälligen Felder über jede Verlegenheit spielend
+hinübertragend. Man kam aus dem Lachen mit ihm gar nicht heraus.
+
+Aber Felder wurde nie ganz froh. Denn ohne es sich selbst
+einzugestehen, fürchtete er sich vor dieser Heimreise. Wieder sollte
+er--und diesmal einen ganzen Tag--sich dem furchtbaren Element
+anvertrauen, wieder ihm machtlos und jämmerlich gegenüberstehen und
+sich in elender Ohnmacht vor diesem Wasser krümmen, das er sonst
+siegreich packte, wo immer er es traf...
+
+Er hätte sich nicht zu fürchten brauchen. Als sie nach einer letzten,
+halb durchjubelten und durchtrunkenen Nacht am Morgen von
+Queensborough abfuhren, war er so müde, daß die Freunde ihn fast aufs
+Schiff trugen, und kaum auf ihm angelangt, schlief er wie ein Toter
+bis zu dem Augenblicke, wo sie ihn in Vlissingen wieder aufweckten.
+
+Das war seine Reise nach England.
+
+Alles war herrlich, glorreich, einzig gewesen. Aber er war froh, als
+er wieder in Berlin war, wieder die heimatlichen Laute um sich herum
+vernahm und das Schreckgespenst vergaß, das ihn angegrinst hatte wie
+der leibhaftige Tod.
+
+Denn er hatte es sich jetzt klargemacht: das Meer war das Meer, und
+das Wasser war das Wasser. Aber dasselbe waren beide nicht!--Nie
+wollte er das Meer wiedersehen.
+
+Hätte er es gesehen, wie es in stahlblauer Pracht dalag, ruhig,
+verschwiegen, lockend, wie ein tiefer See, und nur leise erzitternd
+unter den Strahlen der Sonne, wie es liebreich und versöhnt den
+Sieger heimtrug auf seinem breiten Rücken, er hätte es wiedererkannt
+als sein Element und nicht geruht, bis er sich seiner salzigen Flut
+anvertraut und die Wonnen seiner Umarmung genossen.
+
+
+13
+
+Das war Franz Felders Reise nach England, von deren Triumph nun die
+Zeitungen berichteten: ein wirres Durcheinander von Bildern aller
+Art, und leuchtend nur die Erinnerung an seinen Sieg, der ihm erst
+durch diese Berichte recht deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde--
+den Sieg über die ersten Gegner der Welt, die von keiner Seite fürs
+erste mehr bestrittene Meisterschaft von Europa, die höchsten
+erreichbaren Auszeichnungen, und ein Ruhm, der seinen Namen von jenem
+Tage an für alle Zeiten unvergeßbar in die Annalen des Schwimmsportes
+eingrub.
+
+Er hatte erreicht, was er gewollt.
+
+Was er ersehnt, war Erfüllung geworden.
+
+Er konnte etwas, was kein anderer Mensch außer ihm konnte.
+
+Er war der Meister des Wassers.
+
+Er hatte seinem Klub zu seinem alten Ansehen verhelfen. Mehr: er
+hatte seinen Namen mit dem eigenen berühmt gemacht weit über die
+bisherigen Grenzen. Seine Schuld war beglichen.
+
+Aus dem armen Knaben war ein junger Mensch geworden, auf den alle mit
+Stolz und Bewunderung sahen, der keine Not mehr zu leiden brauchte,
+so viele waren der hilfreichen Hände, die sich ihm entgegenstreckten.
+
+Nein, es war nicht richtig, daß er erreicht, was er gewollt. Nie
+hatte er so hoch gewollt. Er war dahin getragen, wohin er sich nie zu
+sehnen gewagt.
+
+Und so hoch war er getragen, daß er sich fragen mußte: wohin nun?--So
+viel hatte er erreicht, daß ihm nichts mehr zu wünschen übrig blieb.
+
+Welcher Weg führte noch über die Höhe hinaus, auf der er stand?--Denn
+sich dort zu behaupten erschien ihm selbstverständlich.
+
+Die Welt nannte seinen Namen.
+
+Er vergaß nur zweierlei: daß die Welt, die er so nannte, nur ein
+unendlich kleiner Teil der wirklichen weiten Welt war--wenn es auch
+die Welt war, in der er lebte; und daß selbst dieser kleine Teil von
+Menschen, die ihn heute anstaunten und bejubelten, sich seiner
+vielleicht morgen noch erinnern, ihn aber ganz sicher übermorgen
+vergessen haben würden.
+
+Aber wie ihm seine Sache von jeher allein nur als die einzig wichtige
+erschienen war, so konnte er die Welt nie richtig messen, weil ihm
+von jeher jeder andere Maßstab gefehlt hatte. So war er allmählich
+dahin gekommen, sie nur unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen,
+und jetzt folgerichtig dahin, sich als ihren Mittelpunkt zu
+betrachten.
+
+Das einzige, was er sich noch wirklich klar machte, war, daß er jetzt
+die Höhe seiner Kraft erreicht hatte. Über sie hinaus konnte er nun
+nicht mehr.
+
+Übertraf ihn, ja erreichte ihn nur irgendein anderer, so war es aus.
+
+Es galt daher, sich auf dieser Höhe zu erhalten. Das mußte nun sein
+nächstes Ziel sein. Aber es war kein Ziel mehr, das ihn reizte.
+
+Daher war er jetzt, auf der Höhe, nicht mehr so glücklich, wie er
+gewesen war, als er sie erklommen und jede seiner Bewegungen von
+tausend Augen verfolgt sah. Aber glücklich war er doch noch.
+
+Daß einmal ein Tag kommen mußte, mochte er sich auch noch so lange
+behaupten, an dem er herabsteigen mußte, um einem anderen Platz zu
+machen, das wußte er. Darüber gab es keine Täuschung. Das war so
+sicher wie der Tod.
+
+Aber er dachte nie an diesen Tag. Er wollte es nicht!--
+
+Er stand oben und sah hinab auf den Weg, den er gemacht. Und aus der
+Tiefe zu ihm heraufklang berauschend Jubel und Neid gleich stark in
+seine Ohren.--
+
+In dieser Zeit brachte jenes größte und angesehenste Sportblatt der
+Welt, das seinen Namen "Welt-Sport" daher nicht mit Unrecht führte,
+abermals sein Bild und erzählte seinen Lesern die einfache Geschichte
+seines Lebens und die beispiellose Geschichte seiner Erfolge.
+
+Die Biographie konnte nicht mehr sein als die einfache Wiedergabe
+schlichter Tatsachen. Das Bild war die Reproduktion nach einer
+vorzüglichen Photographie. Sie zeigte den Meister von Europa im
+Brustbild, bekleidet, und neben den allerhöchsten Ehrungen nur die
+eine kleine, schlichte--und doch vielleicht die höchste von allen--,
+kaum erkennbar neben den schweren Medaillen von Gold und Silber, die
+kleine Münze, die er sich als erste Ehre einst, vor langen Jahren,
+geholt, indem er das Leben eines Menschen gerettet.
+
+Das Bild selbst zeigte ein ernstes, schönes und stolzes Gesicht. Es
+war nicht mehr das Gesicht des Knaben. Derselbe war nur noch der
+seltsame Zug von Entschlossenheit um den Mund, und unverändert war
+noch die etwas niedrige, trotzige Stirn. Aber die Weichheit, die
+Rundung der Wangen und des Kinns, und vor allem der gutmütige,
+vertrauende Blick der blauen Augen waren verschwunden und einem
+frühernsten Ausdruck gewichen, so daß das Gesicht an Bedeutung
+gewann, was es an Liebenswürdigkeit verloren hatte. Es war das
+Gesicht eines Menschen geworden, der ruhig, selbstbewußt und
+entschlossen in steter Wachsamkeit um sich und in die Ferne blickt,
+damit ihm niemand zu nahe komme; der Ausdruck einer stets bereiten
+Abwehr, der in seiner furchtlosen Kühnheit ersetzte, was dem Gesicht
+an tieferer geistiger Intelligenz mangelte. In dem Augenblick der
+Aufnahme war er so lebendig geworden, daß er es eigentümlich belebte
+und interessant machte.
+
+Es war noch immer ein sympathisches Gesicht, aber das liebenswürdige,
+gute Gesicht des Knaben war es nicht mehr.
+
+Ein anderes Bild aber--aus derselben Zeit--, das den Meisterschwimmer
+in voller Figur und im Trikot zeigte und auf dem das Gesicht gegen
+den Körper zurücktrat, störte in keiner Linie. Es war das Bild einer
+wundervoll sicher und gleichmäßig entwickelten, vom Leben noch völlig
+unangetasteten, ganz einzigen Kraft in der Siegessicherheit ihrer
+Jugend.
+
+
+14
+
+Mit schweren Füßen gehen wir über die schwere Erde. Ewig ist in uns
+die Sehnsucht, uns über sie erheben zu können, und noch im Tode
+bitten wir, sie möge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie
+das Leben.
+
+Aber wir können nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vögeln nach,
+die sich in die Luft erheben, die für uns zu leicht ist.
+
+Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft.
+
+Aber wir können schwimmen.
+
+Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns
+hinab, halb trägt es uns hinauf.
+
+Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns
+das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu
+sein, wenn es uns trägt.
+
+Wir haben keine Flügel, aber wir fühlen die Schwere der Erde nicht
+mehr.
+
+Wunderbares Element!--Warum haben wir uns aus dir, das unser aller
+Heimat und Wiege war, auf die Erde geflüchtet?--Warum sind wir nicht
+in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das
+Getöse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten?--Warum keuchen
+wir aus schweren Lungen, statt mühelos aus leichten Kiemen zu atmen?--
+
+Weil wir Wärme, Licht und Leben brauchten?--Ach, die Wärme der Erde
+ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unerträglich
+ist uns meisten das Leben.
+
+Dort unten war Kühle, Dämmerung und Traum.
+
+Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann
+wollten wir höher und höher, von der Erde in den Himmel. Wir können
+es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht
+hinauf kann und nicht mehr hinab.
+
+Wunderbares Element!--Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist
+du ihnen geworden, daß sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir
+anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern
+vor der Berührung mit dir. Mit dir!--Mit dir, das du sie trägst und
+wiegst und ihnen neues Leben geben möchtest, das du ihnen den Staub
+aus den Augen und die Qualen vom Herzen wäschest und sie nur sinken
+läßt, wenn sie, dumm und ungebärdig, dich mißhandeln mit plumpen
+Gebärden und ungeschickten Fäusten, und, das Unmögliche heischend, in
+dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, daß du nicht wie ein
+Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie
+sich im Zorn empört und die ungebetene Last von sich abschüttelt und
+begräbt.
+
+Aber nicht alle haben dich vergessen.
+
+In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen
+nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so
+nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, küssest sie und vergiltst
+tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer
+sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr
+und kehrt nur auf die Erde zurück, weil ihr Staub ihn gebar und ihn
+nährt, der kehrt zu dir zurück, wann immer er kann, der ist dein
+eigen geworden für Lebenszeit...
+
+Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen,
+dicken Kinderfäuste von der Mutterbrustgelöst, hatte ihn das erste,
+selbständige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde,
+sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser
+hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in
+der Kunst des Lebens, ihn verhätschelt, ihn auf alle Weise der
+gehaßten Erde zu entreißen versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle
+Art genährt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele.
+
+So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger
+geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde,
+als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich
+eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm
+riß, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war
+zwischen ihnen die Blutsbrüderschaft entstanden, die sich erst lösen
+konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie
+wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte
+gewissermaßen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen
+und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und ließ sie von ihm
+heilen, die offenen und die verschwiegenen.
+
+Nun war das Wasser sein Gegner geworden.
+
+Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr
+des Augenblicks, vergessen im nächsten. Aus der knabenhaften Balgerei
+war ein ernsthaftes Messen der Kräfte geworden. Aber es war noch
+immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach
+ihm die Hand schütteln und voneinander gehen ohne jeden Groll.
+
+Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen
+ihnen.
+
+
+
+Dritter Teil
+
+
+1
+
+Franz Felder wohnte noch immer bei seinen Eltern. Zwar nicht mehr in
+dem dumpfen Keller, in dem er einen Teil seiner Jugend verbracht,
+aber doch immer noch in einer Hofwohnung, ohne viel Licht und Wärme.
+Er hatte sein eigenes Zimmer. Hier hingen alle seine Trophäen. Die
+Ehrenpreise, die in Gegenständen bestanden und nicht in den
+Klubbesitz übergegangen waren und dort das Vereinszimmer schmückten,
+hatte er zum Teil seiner Mutter überlassen, die mit ihnen die
+dürftige Armut der vorderen Wohnstube zu verdecken suchte. Dort stand
+das große Bierservice, die Fruchtschale aus Cuivre, der Rauchtisch
+und manches mehr--Dinge, die oft mehr dem guten Willen als dem
+Geschmack ihrer Stifter Ehre machten. Aber alles, was er sich sonst
+errungen in seinen vielen Kämpfen, hing hier in seinem eigenen
+kleinen Zimmer in Gestalt dorrender Lorbeerkränze und mehr oder
+minder künstlerisch ausgeführter Diplome an den Wänden, und von den
+bunten Schleifen leuchteten goldene Inschriften. Bis an die niedrige
+Decke hinauf hingen sie, und über dem Bette war fast schon kein Platz
+mehr für neue Ankömmlinge. Auch hatte Felder es längst aufgeben
+müssen, sich alle seine Urkunden einrahmen zu lassen.
+
+Auf der Kommode in einem großen Glaskasten--dem Geschenk eines
+Klubfreundes, eines Schreiners, zu Weihnachten--lagen auf roter
+Sammetunterlage alle seine Medaillen, goldene und silberne, große und
+kleine, alle an ihren Schleifen, eine ganze Sammlung von nicht
+geringem Wert. Sie war sein höchster Stolz!--Mit welcher Liebe nahm
+er nicht zu den Festen Stück für Stück heraus, um es, eins nach dem
+andern, auf seiner Brust zu befestigen; mit welcher Sorgfalt legte er
+nicht jedes einzelne an seinen rechten Platz zurück!--Bei jedem neuen
+Siege verrückte der neue Erwerb den Platz und die Stellung der
+anderen, und in immer neuer Gruppierung lagerte sich um die schweren,
+goldenen Rundstücke erster Siege die Schar der kleinen Trabanten,
+alle gleich gekannt, alle gleich geliebt. Denn an jeden knüpfte sich
+eine unvergeßliche Erinnerung.
+
+So viele waren ihrer geworden, daß sie längst nicht mehr auf der
+breiten Brust des Meisterschwimmers Platz fanden. Auf seiner letzten
+Photographie trug er daher nur die wichtigsten selbst--die breiten
+Bänder um den Hals und die großen goldenen und silbernen Münzen auf
+den Rockschlägen; die anderen waren auf einem Schilde reihenweise
+geordnet, das auf einer Art Staffelei neben ihm stand, auf die er die
+Hand legte. Das ganze Bild des beutebeladenen Siegers erschien
+ebenfalls alsbald in einer Sportzeitung und übte stellenweise auf
+unwissende Laien eine erheiternde Wirkung aus, die keineswegs
+beabsichtigt war.
+
+Auch dieses Bild prangte in der kleinen Stube, und was außer ihm an
+Bildern dort noch zu sehen war, es stellte immer nur ihn dar: Franz
+Felder. Da war er als kleiner Junge mit seiner Rettungsmedaille auf
+der Brust, dick und ernst; als junges Mitglied des S.-C. B. 1879 mit
+der hellen Mütze und dem Zeichen seines ersten Sieges auf der Brust;
+ein Jahr später als neugebackener Berliner Meister--noch ohne Band um
+den Hals, aber doch schon gekrönt mit einem ersten Preise und mit
+jenem seltsamen Zug um den Mund, der auf keinem der späteren Bilder
+mehr fehlte. Endlich all diese Bilder der späteren Jahre, aufgenommen
+in all den verschiedenen Städten, wo man ihn mit zum Photographen
+genommen oder ihn beim Fest selbst noch schnell vor den Kasten
+gestellt, ehe er ins Wasser ging, immer um ein paar Zoll größer,
+immer etwas selbstbewußter in der Haltung, je mehr die Zahl der
+Zeichen auf seiner Brust wuchs--da waren sie alle bis auf dies
+letzte, wo die Zahl der Ehren so groß geworden war, daß er ihre Last
+nicht mehr selbst tragen konnte... Und da waren die anderen Bilder,
+die Gruppenaufnahmen, auf deren keinem er fehlte: erst mehr an der
+Seite, fastversteckt unter den anderen, dann immer mehr in die Miete
+gerückt, bis seine Person die Mitte selbst bildete--diese Aufnahmen,
+ausgeführt zum größten Teile von irgendeinem Amateurphotographen,
+mehr oder minder gut gelungen, aber jede einzelne eine liebe
+Erinnerung an die fröhlichen Stunden eines Ausfluges, einer
+Veranstaltung des Klubs, erfüllt von Gelächter und immer überstrahlt
+von der unversiegbaren Fröhlichkeit der Jugend.
+
+Und endlich die Bilder, die ihn darstellten unter seinen
+Mitschwimmern bei den Konkurrenzen, Aufnahmen, wie sie in letzter
+Zeit bei den wichtigsten Hauptschwimmen gewöhnlich gemacht wurden,
+bevor man an den Start ging. Alle Namen, die überhaupt in der
+Schwimmerwelt in den letzten Jahren genannt wurden, waren da
+vertreten, alle die mehr oder minder gefährlichen Gegner, alle, mit
+denen er, Franz Felder, gerungen, alle, die er besiegt hatte... Er
+kannte sie alle und lächelte, wenn sein Blick auf ihren Gesichtern
+ruhte. Im Momente der Aufnahme noch ruhig, fast gleichgültig--wie
+verändert waren sie alle wenige Minuten später, wo es drauf und dran
+ging!--Wie verschieden waren diese nackten, nur mit dem Trikot
+bekleideten Gestalten: der eine lang und hoch aufgeschossen wie ein
+Turm und sehnig wie ein Pferd; der andere kurz und untersetzt mit
+mächtigen Schenkeln und einer phänomenalen Brustweite; der dritte
+ebenmäßig und schlank, in nichts fast seine Kraft verratend; und
+immer war es Felder, der diesem Dritten glich. Auf allen Bildern
+stand seine schöne, schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und ruhig
+unter den anderen, und seine ernsten und mutigen Augen verliehen
+seinem Gesicht einen Zug von Leidenschaftlichkeit und Intelligenz,
+den man vergebens auf denen der anderen suchte...
+
+Schließlich füllte eine Ecke des Zimmers ein großer Stoß von
+Programmen und Zeitungen: die Programme der Wettschwimmen, an denen
+er teilgenommen, und die Zeitungen, die über sie berichtet hatten. Es
+war schon ein ganzer Haufen, und Felder hatte ihn sorgfältig
+gesammelt. Koepke hatte ihm dabei geholfen und sorgte dafür, daß
+nichts fehlte.
+
+So hatte er alles um sich herum in dem kleinen Raum, was seines
+Lebens ganzen Inhalt ausmachte, und darum fühlte er sich wohl in ihm.
+
+Seine Familie bedeutete ihm schon seit langem nur so viel, als sie
+ihm diese Heimat erhielt. Ihre Interessen waren nur noch in wenigen
+äußerlichen Dingen die seinen. Jeder ging seine eigenen Wege, und man
+war es beiderseits zufrieden. Wenn er seiner Mutter zur Ausschmückung
+des Vorderzimmers die Wertpreise überließ, so tat er es nicht nur,
+weil sie ihn in seinem kleinen Zimmer beengten, sondern
+hauptsächlich, weil er auf sie weit weniger Wert legte als auf seine
+Diplome und Medaillen. Er wußte nichts mit ihnen anzufangen.
+
+Ganz Herr seiner selbst, mit eigenem Schlüssel zu eigenem Eingang,
+kam und ging er, wie er wollte, und längst war jeder Anspruch seiner
+Familie an seine Zeit verstummt. Von den heranwachsenden Geschwistern
+zeigte keiner besondere Lust zu seinem Sport; daher interessierten
+sie ihn nicht. Sie gehörten für ihn zu dem "anderen Teile" der
+Menschheit.
+
+So war die einzige Veränderung in seinem äußeren Leben eigentlich nur
+die, daß er seine Stellung aufgegeben. Als seine Beteiligung an den
+ausländischen Konkurrenzen immer wieder die Bitte um Urlaub nötig
+machte, wurde der sonst ziemlich geduldige Chef unwirsch, und vor
+Felders englischer Reise sagte er ihm, er möge zwar ein großer
+Schwimmer sein, aber das könne ihm doch für seinen eigentlichen Beruf
+nichts nützen, und er möge lieber seinem Sport etwas weniger Zeit
+opfern... Wie der kleine Junge vor Jahren unter den Worten des
+Rektors, so bäumte sich jetzt der gefeierte Meisterschwimmer auf;
+aber er war zu stolz geworden, um überhaupt ein Wort der Entgegnung
+zu verlieren. Er ging. Wenn man nicht wußte, wer er war, so sollte
+man es bleiben lassen oder es lernen.--Daß er zeitweilig ohne
+Stellung war, kümmerte ihn wenig. Als er dann von England kam, war er
+durch die ihm gebotene Ehrensumme jeder augenblicklichen Not
+enthoben, und er arbeitete von da an nur, wenn es ihm gefiel...
+
+Größer war die innerliche Veränderung, die mit ihm vorgegangen war in
+diesem Jahre. Als er von England als der unangefochtene Meister
+Europas zurückkehrte, fiel sie zum ersten Male seinen Klubbrüdern
+auf. Ernst und schweigsam war er eigentlich immer gewesen, aber nie
+hatte sich seine große Gutmütigkeit und Freundlichkeit verleugnet.
+Jetzt war etwas Strenges und Hartes in sein Wesen gekommen, das ihm
+nicht eigen gewesen war. Wie er gegen sich war, so wurde er nun auch
+gegen andere.
+
+Auch seine Unbefangenheit war nicht mehr dieselbe. Er wußte, was er
+seiner Würde schuldig war, und war eifersüchtig auf sie. Er
+verlangte, daß sie respektiert werden sollte, und hatte angefangen,
+darauf zu achten. Leichtigkeit im Umgang hatte er nie besessen, aber
+die Schwerfälligkeit seines Wesens war nie so hervorgetreten wie
+jetzt, wo er nicht mehr im Hintergrunde stand. Bei den Sitzungen
+glaubte er an den Beratungen teilnehmen, in die Verhandlungen
+eingreifen zu müssen. Da ihm die Gabe der Rede jedoch völlig abging,
+so vermochte er sich nur unbeholfen auszudrücken, und man fand
+allgemein mit Recht, daß er besser täte, zu schweigen wie
+bisher. Dennoch hatte man so viel Achtung vor ihm und seinem
+leidenschaftlichen Ernst, seiner hingebenden Liebe zur Sache, daß
+man ihn geduldig anhörte.
+
+Eine bisher fremde Ungeduld hatte ihn ergriffen; er wollte immer
+weiter und weiter, ohne doch recht Zuwissen, wohin noch. Bei den
+meisten Mitgliedern des Klubs aber, besonders bei den älteren, machte
+sich eine gewisse Ermüdung nach so vielen großen und lauten äußeren
+Erfolgen geltend, und sie verlangten mit größerer Entschiedenheit
+nach einer einheitlichen Ausbildung des Ganzen, nach einer ruhigeren
+Entwickelung als bisher.
+
+Noch hatte Felder nichts an Freundschaft und Achtung verloren. Im
+Gegenteil: seine Siege hatten ihm begeisterte Bewunderer erworben,
+die mit ihm durch dick und dünn gingen und bei denen er alles galt.
+Aber man fand den Verkehr mit ihm nicht mehr so bequem wie früher.
+Man fühlte, hier mit Bedauern, dort mit Unmut, daß er nicht zufrieden
+war.
+
+Und so war es auch: in dieser Zeit, die nach beispiellosen Erfolgen
+die glücklichste und schönste seines Lebens hätte sein müssen, war er
+nicht glücklich.
+
+
+2
+
+Ein Winter der Ruhe sollte diesem aufgeregten Sommer voll höchster
+Triumphe folgen. Der Verein hatte nach langen Debatten beschlossen,
+Felder nur auf ein einziges Winterfest zu senden, auf dem er den
+Wanderpreis der Stadt Charlottenburg zum dritten Male erkämpfen
+mußte. Sonst sollte er ruhen, nicht trainieren und, wie Brüning
+lächelnd sagte, sich "in seinem eigenen Glänze sonnen". "Im nächsten
+Sommer würde es schon genug Arbeit geben, um das Gewonnene mit Ehren
+zu behaupten", fügte Nagel in seiner bedächtigen Weise hinzu. Er
+hatte sich übrigens verlobt und sein Amt als Schwimmwart nieder
+gelegt.
+
+Auch Brüning war in diesem Winter meist von Berlin fort, und so war
+Felder mehr als vorher auf die Gesellschaft seiner anderen Klubbrüder
+angewiesen. Obwohl er mit allen mehr öder minder vertraut war,
+verband ihn doch mit keinem eigentlich die enge Freundschaft wie mit
+jenen beiden, und sein Vertrauen genoß nur noch Koepke. Aber der war
+immer da und zählte nur mit, wenn Felder ihn gerade brauchte.
+
+Eine der stürmischen Klubsitzungen war vorüber. Es hatte irgendeine
+Streitigkeit mit einem anderen Vereine gegeben, bei der die
+Mitglieder verschieden Partei ergriffen. Obwohl Felder von der ganzen
+im Grunde gleichgültigen Geschichte wenig begriff und sie ihn
+obendrein nicht besonders interessierte, glaubte er es doch seiner
+Würde schuldig zu sein, ein paar Worte mitzureden, und die waren
+wieder schlecht genug ausgefallen. Daß man seine unklaren und
+unbeholfenen Auseinandersetzungen so ruhig und ohne zu lächeln
+hingenommen hatte, verdankte er nur seinem Ruhm...
+
+Nun ging es noch in ein Café mit zwei anderen, denn man war noch viel
+zu erhitzt und aufgeregt, um schlafen zu können. Es war das übrigens
+für Felder in letzter Zeit eine Gewohnheit geworden, an die er vor
+einem Jahre noch gar nicht gedacht hatte. Jetzt aber: Geld hatte er
+ja, und ausschlafen konnte er morgen auch...
+
+Man saß in einem Cafe in der Leipziger Straße. In Felder nagte noch
+der Ärger über sich selbst, und er sprach kein Wort mehr. Um so
+lauter waren die beiden anderen; in leidenschaftlicher Debatte
+suchten sie sich gegenseitig zu überzeugen.
+
+Felder hatte sich eine Zeitung geben lassen, las aber nicht, sondern
+sah sich bewundernd um. Er war zum ersten Male hier. Er war nicht
+mehr der unerfahrene Junge aus dem Osten Berlins, der nichts außer
+seinem Stadtteil kannte, sondern ein gereister Mann, der Vergleiche
+anstellen konnte. Aber dies schien ihm doch eines der schönsten Cafés
+zu sein, das er je gesehen hatte. Überall Gold und Marmor und Spiegel
+bis an die Decke hinauf; und dazu stimmte die Eleganz des Publikums,
+der ruhig-vornehme Ton, der hier herrschte und der selbst seine
+Kameraden zwang, ihre lauten Stimmen zu dämpfen; und die leise Art
+der Kellner, die in ihren blendendweißen Schürzen kamen und gingen,
+ohne daß man es merkte.
+
+Es waren nicht sehr viele Gäste außer ihnen in diesem Teil des
+Saales. An einem Tisch unweit von ihnen saß ein Herr mit einer Dame,
+dessen Gesicht er nicht sehen konnte, da er ihm den Rücken zudrehte.
+Die Dame war sehr elegant gekleidet, saß zurückgelehnt in ihrem
+Stuhl, und während Felders Blick von der Betrachtung des Saales zu
+ihr zurückkehrte, bemerkte er, wie sie ihn ansah. Er blickte fort.
+Als er dann zufällig nach einer Weile wieder zu dem Tisch hinübersah,
+sah er noch immer ihre Augen auf sich gerichtet, so fest und
+unverwandt, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war, und er konnte sich
+des Gedankens nicht erwehren, daß sie ihn während dieser ganzen Weile
+so angesehen haben mußte. Diesmal wandte er sich noch schneller ab
+und betrachtete noch aufmerksamer die Decke, die Wände und die
+übrigen Gäste. Es war ihm unbehaglich, so angestiert zuwerden.
+
+Dann--als er nach einigen Minuten wieder hinschaute, überzeugt, dem
+eigentümlich festen und ruhigen Blicke nicht mehr zu begegnen, sah er
+die Dame unverändert wie vorher zurückgelehnt in ihrem Stuhle sitzen
+und ihre Augen unverwandt auf seinem Gesichte ruhen. Diesmal
+begegneten sich ihre Blicke: der Felders unruhig, herausfordernd-
+fragend, der der Fremden unverändert ruhig, überlegen, fast
+gleichgültig, als sei es selbstverständlich, daß sie ihn in dieser
+Weise mustere; und ohne die geringste Veränderung, wie ihr Blick,
+blieb auch der Ausdruck ihrer Züge.
+
+Er wurde unruhig. Jetzt wußte er, daß er sich nicht täuschen konnte.
+
+Er ergriff eine Zeitung, starrte verständnislos auf eine politische
+Karikatur der "Lustigen Blätter" und war entschlössen, nicht mehr
+aufzusehen.
+
+Was sollte denn das eigentlich heißen?--
+
+Warum starrte die ihn denn so an?--
+
+So viel hatte er gesehen, daß sie außergewöhnlich schön war und
+kostbar gekleidet. Sie trug ein über und über besticktes graues
+Seidenkleid und einen Hut mit großen Federn von gleicher Farbe. Auch
+glitzerte es überall von Steinen an ihr--an ihren Händen, in ihren
+Ohren, auf ihrer Brust.
+
+Er wollte nicht aufsehen, um nicht nochmals ihrem Blick zu begegnen.
+Als er aber dann, wie neugierig, sich nach den anderen Tischen umsah
+und seine Augen ebenfalls scheinbar gleichgültig über den ihren
+schweifen ließ, sah er, wie sie sich zur Seite gewandt hatte, da ihr
+Begleiter mit ihr sprach und sie sich ihm zuwenden mußte, um zu
+antworten. Nun konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie zu
+betrachten, und er sah, daß sie noch weit schöner war, als er dachte.
+Er hatte noch nie ein so schmales, feines Gesicht gesehen, solche
+zarte Haut, die weiß aussah wie gepudert, und solch eigentümlich
+rote, schön geschwungene Lippen, dabei so viel Selbstbewußtsein und
+zugleich Gleichgültigkeit in der aufrechten Haltung des Körpers... Er
+konnte nicht fortsehen, so seltsam schön erschien sie ihm, und er
+ließ sie nicht mehr aus den Augen, wie sie sich jetzt etwas
+vornüberbeugte, um irgendeine Stelle in der Zeitung besser zu sehen,
+auf die ihr Begleiter sie hinwies.
+
+Als wenn sie fühle, daß er sie anblickte, sah sie plötzlich wieder
+auf, und wieder begegnete dem seinen der Blick dieser großen,
+dunklen, von langen, schwarzen Wimpern beschatteten Augen, die wieder
+ruhig und prüfend, ohne Frage, aber mit durchaus unverhohlenem
+Interesse auf ihm ruhten. Diesmal stieg eine jähe Röte in sein
+Gesicht, und mit einer hastigen Bewegung, die nur zu deutlich zeigte,
+wie sehr er sich erraten sah, wandte er sich ab.
+
+Er war verlegen und ärgerte sich. Er wäre am liebsten fortgegangen,
+wenn es möglich gewesen wäre ohne die anderen, die unbekümmert weiter
+schwatzten.
+
+Von jetzt an schaute er nur von Zeit zu Zeit auf, und jedesmal
+begegnete er dem Blicke dieser Augen, der immer größer und immer
+willensfester zu werden schien, als wollte er sagen: ich erkenne
+dich...
+
+Eine schwüle Beklemmung stieg in dem jungen Manne empor, wie er sie
+noch nie empfunden. Er fühlte, daß diese Frau etwas von ihm wollte.--
+Aber was?--Wer war sie?--War der Herr mit den ergrauten Haaren ihr
+Mann?--Ihr Freund?--War sie eine anständige Frau oder war sie--etwas
+anderes?
+
+Eine anständige Frau war sie sicherlich nicht. Eine anständige Frau
+sah einen fremden Mann nicht so an, aber eine öffentliche noch
+weniger. Die wäre übrigens gar nicht in dieses Café eingelassen
+worden.
+
+Einerlei wer sie war. Er war er, Franz Felder, und er wußte, wer er
+war, und er ließ sich nicht so ansehen. Mit einer fast verächtlich-
+ausdrucksvollen Gebärde kehrte er sich ab und dem Gespräch seiner
+Freunde zu. Man sprach jetzt laut und ohne Rücksicht auf die Ruhe des
+Cafés vom nächsten Schwimmfest.
+
+Felder hatte sich fest vorgenommen, überhaupt nicht mehr nach dem
+Nachbartische hinzusehen. Mochte die ihn doch anstarren, soviel sie
+wollte!--Er konnte es ihr nicht verbieten, aber er wollte ihr schon
+zeigen, was er von ihrem Benehmen dachte!
+
+Aber dann, nach einer Weile, während der er vergebens versuchte, sich
+am Gespräch zu beteiligen, vernahm er ein Geräusch (ein Kellner hatte
+einen Löffel fallen lassen), das ihn auf und nach der Seite sehen
+ließ, und unwillkürlich streifte sein Blick wieder den ihren wie
+vorher. Und jetzt sah er, daß sich der Ausdruck ihrer unbeweglichen
+Züge geändert hatte: es war ihm, als höbe sich die Brust unter der
+grauen Seide, als hätte sich der festgeschlossene rote Mund ein wenig
+geöffnet, nur so weit, daß er die weißen Zähne durchschimmern ließ,
+und als sei in diese dunklen, kalten Augen das Feuer eines heimlichen
+Begehrens getreten, das nach ihm verlangte... Und jetzt war ihm nicht
+mehr ungemütlich, sondern plötzlich unheimlich zumute.
+
+Wieder sah er fort und wieder auf: abermals hatte der Ausdruck dieses
+fremden, rätselvollen Gesichtes gewechselt und an die Stelle
+drohenden Begehrens war der triumphierender Freude getreten, der zu
+sagen schien: Aha, jetzt fürchtest du mich schon!
+
+Er konnte es nicht mehr ertragen.
+
+Schon wollte er das Gespräch seiner Genossen unterbrechen und sagen,
+er sei müde und wolle fort, als er sah, wie sich der alte Herr halb
+erhob und sich fragend an seine Begleiterin wandte, die bejahend den
+Kopf neigte. Er blieb sitzen. Jetzt würde es kommen. Beim Hinausgehen
+würde er irgendein Zeichen von ihr empfangen, und an ihm würde er
+erfahren, was sie von ihm wollte. Aber nichts von dem allen geschah.
+
+Ruhig stand sie auf, ließ sich den kostbaren Pelz um die Schultern
+legen, und ging hochaufgerichtet und mit leichten Schritten, und ohne
+ihn anzusehen, an ihm vorüber: Felder sah auf, aber ihr Blick ging
+gleichgültig über ihn weg, und nur leise streifte seinen Stuhl die
+Schleppe ihres Kleides, während der starke Duft eines seltsamen
+Parfüms von ihr ausging. Hinter ihr her der alte Herr, mager und
+straff, der Typus eines hochmütigen, aristokratischen Roués, mit
+seinen kalten und leeren Zügen, unnahbarer noch als sie...
+
+Felder blieb ganz verdutzt sitzen. Er hatte so bestimmt irgend etwas
+erwartet--was, wußte er selbst nicht, aber irgend etwas
+Ungewöhnliches. Aber so: erst starrte sie ihn eine halbe Stunde lang
+mit ihren schwarzen Augen an, wie ein Wundertier, sich förmlich an
+ihm festsaugend, und dann ging sie fort und sah über ihn hinweg, als
+sei er Luft--Luft--Luft!--
+
+Unbewußt war seine Eitelkeit geschmeichelt, und nun fühlte er sich
+plötzlich in ihr verletzt. Sie saßen noch lange im Cafe, die drei,
+aber Felder war noch mißgestimmter als vorher und fast grob. In der
+Nacht, unter den heißen und schweren Kissen, träumte er von ihr: von
+ihrer schlanken Gestalt in dem grauen Seidenkleide, ihren drohenden
+Augen und dem seltsamen Rot ihrer gemalten Lippen... Und noch nach
+Tagen glaubte er zuweilen den Duft zu spüren, der von ihr ausgeströmt
+war, als sie an ihm vorbeischritt, diesen starken Duft eines ihm
+unbekannten Parfüms.
+
+Dann hatte er bald die "ganze blödsinnige Geschichte" vergessen, denn
+ein anderer Gedanke begann ihn zu beherrschen ganz--und gar...
+
+
+3
+
+In dieser Zeit, die die glücklichste seines Lebens hätte sein müssen,
+war Franz Felder nicht glücklich.
+
+Alles, was er je in seinen kühnsten Träumen kaum zu hoffen gewagt,
+hatte er erreicht; alle Siege, die überhaupt erlangbar waren, waren
+ihm zugefallen; was keinem je zuteil geworden: höchste Ehren in so
+frühen Jahren, er besaß sie...
+
+Dennoch war er nicht zufrieden.
+
+Alles konnte er ertragen, nur nicht diese Ruhe nach solchen Siegen.
+
+Ihn dürstete nach neuen und größeren Erfolgen, gleich dem Trinker,
+dessen Durst sich mit jedem neuen Glase vermehrt--er begehrte etwas
+Neues, noch nie Dagewesenes...
+
+Größere Siege gab es nicht, so konnten es nur außergewöhnlichere
+sein.
+
+Eine Idee tauchte wieder in ihm auf, die ihn schon oft beschäftigt,
+und ließ ihn nicht mehr los.
+
+Er war Schwimmer, ausschließlich Schwimmer. Als Schwimmer war er vom
+besten seines Klubs allmählich der Meister Europas geworden.
+
+Ein ausgezeichneter Taucher war er schon als kleiner Kerl gewesen,
+und er wühlte immer noch zuweilen unter dem Wasser herum, um die
+Kraft seiner Lungen zu erproben und aus reiner Lust. Aber an den
+Konkurrenzen der Teller und Hechttauchen hatte er nie teilgenommen.
+Sie waren ihm immer als etwas Minderwertiges vorgekommen.
+
+Im Springen dagegen hatte er es über den glatten und schönen
+Kopfsprung, mit dem er stets ins Wasser ging, nicht hinausgebracht.
+Andere Sprünge hatte er früher wohl gekonnt und noch manchmal
+versucht--aber immer nur ungern, und dann war er regelmäßig so
+aufgeschlagen wie alle anderen, die sie nicht ständig übten. Endlich
+waren sie gänzlich gegen sein Schwimmtraining zurückgetreten und über
+ihm in Vergessenheit geraten. Er konnte keinen einzigen mehr
+ordentlich.
+
+Daher hatte er sich an den Mehrkämpfen im Schwimmen, Springen und
+Tauchen, aus denen der als Sieger hervorgeht, der die größte Anzahl
+von Punkten in allen drei Arten aufweist, nie beteiligt und nie daran
+denken können, es zu tun. Aber nie hatte er in den letzten beiden
+Jahren seiner beispiellosen Triumphe ein Gefühl des Mißmuts
+ganz unterdrücken können, wenn er sehen mußte, wie bei den
+Preisverteilungen noch andere als er zu Meistern ernannt wurden, zu
+Meistern im Mehrkampf und Springen, und gleiche, wenn auch nie so
+beispiellose Ehren genossen wie er. Besonders stark war dieses
+Gefühl--mehr ein Gefühl der Unbefriedigung, kein Gefühl des Neides,
+denn kleinlich war er nicht--im letzten Jahre geworden, wo es dem
+Verwöhnten schwerer und schwerer wurde, mit anderen zu teilen.
+
+Sein Ehrgeiz ließ den Gedanken nicht ruhen und schürte ihn immer von
+neuem: sollte es denn nicht möglich sein, auch dieses Gebiet für sich
+zu erobern, auf ihm gleiche oder doch ähnliche Triumphe zu erlangen
+wie auf seinem eigensten, und wenigstens einzelne Mehrkampfpreise an
+sich zu reißen?--Im Tauchen würde es ihm leicht gelingen, sich durch
+einfache Übung ohne große Anstrengung so lange "unter Wasser zu
+halten" wie die anderen; Übung und eine normale Lunge genügten hier
+vollkommen. Und erst die seine!--
+
+Aber im Springen?!--Er hatte bei seiner Einseitigkeit die anderen
+Sports so gänzlich vernachlässigt, z. B. nie geturnt; er war kein
+Knabe mehr, dessen Muskeln noch weich und nachgiebig waren gegenüber
+allen Anforderungen, sich auszubilden,--und hier kam nicht nur
+Ausdauer und Übung in Betracht, sondern jene spezifische Begabung,
+die ihn gerade auf seinem Gebiet zu dem einzigen Schwimmer gemacht
+hatte.--
+
+Die Frage war: Konnte ein erster Schwimmer überhaupt ein erster
+Springer sein, und umgekehrt?
+
+Die Erfahrung sprach dagegen. Es gab erstklassige Schwimmer,
+die hervorragend gute Springer waren, und umgekehrt. Die einen
+oder anderen waren es gewöhnlich, die sich daher die ersten
+Mehrkampfpreise holten, indem sie durch die eine Fertigkeit
+ersetzten, was ihnen an der anderen fehlte, und nur selten
+verscherzte sich einer von ihnen durch schlechtes Tauchen den Preis.
+Aber daß sich ein und derselbe auf einem Feste an zwei ersten
+Einzelkonkurrenzen auf verschiedenen Gebieten beteiligt hatte, das
+war wohl noch fast nie dagewesen und hätte jedenfalls mit der
+sicheren Niederlage auf dem einen der beiden Gebiete geendet. Daher
+fielen die Preise hierhin und dorthin, und der Klub genoß die höchste
+Ehre, dem es gelungen war, nicht nur erste Schwimmer, sondern auch
+erste Springer heranzubilden. So besaß der S.-C. B. 1879 neben dem
+Meisterschwimmer Felder den unübertrefflichen Springer Grafenberger.
+
+Felder wußte dies alles ganz wohl.
+
+Aber er kam von seinem Gedanken nicht mehr los. Es nutzte alles
+nichts. Er ertrug es schon nicht länger, andere neben sich als
+ebenbürtige Meister gleich gefeiert zu sehen--einmal, einmal mußte er
+das Hochgefühl ganz auskosten, allein, ganz allein unter dem Jubel
+des Tages dahin zu schreiten--: keinen neben, alle hinter sich...
+
+Wenigstens mußte er versuchen, ob es ihm nicht gelang, durchzusetzen,
+was er plante.
+
+Mit der alten, zähen Entschlossenheit, der ganzen Verbissenheit in
+sein neues Ziel, ging er auch diesmal ans Werk. Er wollte vorab
+nichts verlauten lassen. Einmal, weil er nicht ausgelacht werden
+wollte, wenn die Sache mißlang; dann aber, weil er ganz gut wußte,
+daß mit seinen beispiellosen Erfolgen ihm überall Neider entstanden
+waren, die es sicher an gehässigen Bemerkungen nicht fehlen lassen
+würden, wenn sie sahen, wie er, immer noch nicht zufrieden, weiter
+und weiter die Hände nach den Lorbeeren anderer streckte...
+
+Überhaupt war es ganz ausgeschlossen, daß er sich unter aller Augen
+plötzlich im Springen versuchte. Er konnte ja nicht mehr im Bade
+erscheinen, ohne daß man ihm auf Schritt und Tritt nachging und jede
+seiner Bewegungen verfolgte. Beim Schwimmen störte es ihn nicht, und
+er hatte sich längst an die leise geflüsterten Worte und die
+neugierigen Blicke gewöhnt. Aber bei dem, was er jetzt vorhatte,
+hätte es jeden Versuch von vornherein vereitelt.
+
+Er mußte einen Ort ausfindig machen, an dem er ungestört seine neuen
+Übungen anstellen und sich so weit ausbilden konnte, um mit einiger
+Sicherheit vor seinen Klub an den Übungsabenden hintreten zu können.
+Das war nicht einmal schwer. Berlin, so arm an Winterschwimmhallen,
+besaß neben seinen am meisten besuchten Volksbadeanstalten und den
+ein, zwei großen privaten Hallen in dem einen oder anderen Stadtteil
+noch ein oder zwei Bassins, unbrauchbar für die Schwimmfeste ihrer
+Kleinheit wegen, gekannt nur von wenigen alten Stammgästen und
+gehalten von ihren Besitzern nur als unfruchtbarer Anhang zu ihren
+Etablissements, weil sie nun einmal da waren. Ein solches Bad lag
+ganz im Süden der Stadt, jenseits des Halleschen Tores--verlassen von
+aller Welt und als Schwimmbad seit langer Zeit vergessen und kaum
+mehr genannt. Ob es noch existierte, wußte selbst Felder nicht, der
+hier vor Jahren einmal gewesen war, um der kleinen Veranstaltung
+irgendeines längst eingegangenen Klubs beizuwohnen.
+
+Das war, was Felder jetzt brauchte, und eines Abends unternahm er
+eine heimliche Orientierungsreise nach dem Süden der Stadt.
+
+Er fand ein dunkles, tiefes Loch, gefüllt mit einer schwarzen, kalten
+Flüssigkeit, völlig ungeeignet zum Schwimmen, da Felder es mit einem
+einzigen seiner Stöße in die Länge und einem halben in die Breite
+durchmaß, aber von genügender Tiefe, selbst für die geraden Sprünge,
+und leidlich erhaltenen Sprungbrettern in zweifach verschiedener
+Höhe. Einmal in der Woche übte hier der Schwimmklub einer Schule, der
+mit sportlichen Kreisen in keiner Berührung stand; sonst badeten nur
+morgens ganz früh und abends nach der Arbeit ein paar Täglichschwimmer
+hier, die es "nicht lassen konnten", wie der verschlafene Bademeister
+meinte, der Felder nicht einmal dem Namen nach kannte.
+
+Dieser entschloß sich sogleich, nachdem er einige Versuchssprünge
+gemacht hatte. Hier würde ihn sicher niemand finden. Wenn er
+allwöchentlich einmal auf den Übungsabenden (wenn hier die Lehrer
+mit ihren Schülern hierherkamen) und ein anderes Mal auf den
+Sitzungen seines Klubs erschien, wenn er zudem nach wie vor die
+Sonntage mit seinen Leuten verbrachte, so konnte es nicht weiter
+auffallen, daß er regelmäßig die vier anderen Abende fortblieb.
+Außerdem erwartete jetzt auch kein Mensch mehr von ihm, daß er wie
+bisher weitertrainierte. Und schließlich war er doch eben auch der
+berühmte Franz Felder, der tun und lassen konnte, was er wollte,
+und den so leicht keiner mehr danach fragen durfte.
+
+Zustatten kam ihm, daß die Arbeitszeit in der großen mechanischen
+Werkstätte, in der er jetzt wieder eine Stelle angenommen hatte, nur
+bis sechs Uhr dauerte. Wenn er auf den Weg eine Stunde rechnete, so
+konnte er um sieben am Halleschen Tor sein. Die Kasse des Bades
+schloß um acht; das Bad selbst um neun Uhr. Es blieben ihm also zwei
+Stunden--viel zuviel für jeden anderen, noch zu wenig für ihn und für
+das, was er vorhatte.
+
+Vom Entschluß zur Ausführung war für Felder nur ein Schritt. Die
+ganze Hartnäckigkeit seines Willens zeigte sich jetzt von neuem.
+Viermal die Woche, jeden Montag und Dienstag, jeden Donnerstag und
+Freitag, machte er nach der Arbeit den weiten Weg nach dem Süden,
+übte frisch, als wenn er nicht von der Arbeit, sondern aus dem Bette
+käme, seine Sprünge, von den einfachsten allmählich zu den
+schwierigeren übergehend, und endlich die schwierigsten--treu,
+unermüdlich, täglich von neuem die Kraft seines Körpers in dem
+fremden und ungewohnten Kampfe erprobend, und nie beruhigt über seine
+Fortschritte, nie zufrieden...
+
+Wie er früher geschwommen und nur geschwommen hatte, so sprang und
+sprang er jetzt. Alles Gelernte durchging er jeden Abend von neuem,
+um sicher zu sein, nichts gegen gestern eingebüßt zu haben, und
+täglich ging er einen Schritt weiter. Zunächst wiederholte er die
+einfachen Sprünge, die er als kleiner Knabe dort draußen in dem
+Kasten an der Spree halb im Spiel gelernt, aber fast vergessen hatte,
+und sah mit Freude, daß er sie noch konnte: das einfache Abfallen und
+den "Abrenner" sowie die leichtesten Formen der Kopfsprünge, in ihren
+verschiedenen Arm- und Beinhaltungen, das Anlegen, Anziehen,
+Strecken, Spreizen derselben. Dann diese selben Kopfsprünge in ihren
+verschiedenen Drehungen, der viertel, halben und ganzen Drehung um
+die Längsachse, vorwärts und rückwärts, und wiederum dieselben mit
+Anlegen oder Hochheben der Arme, alle diese sogenannten "Schrauben".
+Alsdann die Hechtsprünge, die Bohrer, bei denen man ins Wasser schoß
+wie ein Pfeil, und auch diese in ihren mehrfachen Armhaltungen und
+Drehungen beim Niedergehen. Endlich die "Schlußsprünge", diese
+schwierigen Sprünge mit ihren wunderbaren Drehungen um die
+Breitenachse, die bis zur eineinhalb-, ja zweieinhalbfachen Drehung
+des ganzen Körpers gingen, die so berühmten "Saltos", bei denen der
+Springer sich in der Luft um sich selbst dreht wie ein Ball, Sprünge,
+die in ihrer Vollendung von ungeheurer Schwierigkeit sind und daher
+selten mit der höchsten Nummer sechs gewertet werden konnten, da sie
+nur dem Geübtesten gelangen. Ganz zuletzt noch die Spreizsprünge,
+jene sogenannten Auerbachsprünge, bei denen das regelrechte Spreizen
+der Beine die Hauptsache war...
+
+Daneben aber galt es einen großen Teil aller dieser unendlich
+verschiedenfachen Sprünge zu üben in ihren wiederum so verschiedenen
+Ansätzen: aus dem Stand oder mit Anlauf; und sodann die aus dem Stand
+in ihrer beim Abspringen angenommenen Haltung: vorwärts, rückwärts,
+seitwärts. Endlich aber sie noch zu beherrschen von verschiedener
+Sprungbretthöhe aus, der niedrigen von einem, der mittleren von drei,
+der hohen von sechs Metern aus.
+
+Selbstverständlich war es ein Unding, alle diese Sprünge in allen
+ihren verschiedenen Ausführungsarten sich zu eigen zu machen. Kein
+Mensch konnte das, und Felder dachte auch gar nicht daran: Worauf es
+ihm ankam, war nur, sich einige der schwierigen, und wenn möglich die
+schwierigsten, bis zur Sicherheit einzulernen, vor allem die, welche
+bei den Konkurrenzen gewöhnlich verlangt wurden; und sich sodann
+einige andere ebenfalls bis zur Vollendung zu eigen zu machen, um sie
+als selbstgewählte Sprünge, im "Kürspringen", ins Treffen zu führen.
+
+Vorerst durfte er an die Erreichung dieses Zieles noch gar nicht
+denken und mußte froh sein, wenn er die einfachen Sprünge, die,
+"welche jeder konnte", lernte. Denn eigentlich konnte er noch gar
+nichts und war sich auch ganz klar darüber.
+
+So übte er einstweilen und war froh, es so ungestört und unter den
+Augen seiner eigenen Kritik tun zu können.
+
+Denn seine Berechnung täuschte ihn nicht. Er konnte ruhig sein, daß
+ihn hier niemand suchte und fand. Die Schwimmklubs hatten sämtlich
+ihre bestimmten Abende in den anderen Bädern, an die sich ihre
+Mitglieder hielten, und sonst waren es immer dieselben paar Gäste,
+die den alten mürrisch-schweigsamen Bademeister abends aus seinem
+Winterschlaf für eine Weile aufstörten: ein fanatischer Naturmensch,
+der durch den tiefsten Schnee in bloßen Sandalen herkam, um sich
+unter der kältesten Dusche zu erwärmen; ein uralter Doktor,
+Medizinalrat usw., der auf den Schlag der Stunde kam, sich
+geräuschlos entkleidete und seinen dürren Körper für genau zwei
+Minuten am untersten Ende des Bassins ins Wasser tauchte, wobei er
+sich krampfhaft an der Leiter festklammerte; ein kleiner Judenjunge,
+der auf den Befehl seiner Eltern kam, die es offenbar für sehr gesund
+hielten, wenn er sich nach langem Zaudern endlich entschloß, ins
+Wasser zu springen, einmal herumzuschwimmen und dann eine halbe
+Stunde lang noch bebend vor Angst und zitternd vor Frost mit bloßen
+Füßen auf dem kalten Steinboden zu stehen und mit großen, staunenden
+Augen Felders Sprüngen zuzusehen; und dann noch einer oder zwei von
+denen, die es "nicht lassen konnten"--keine großen Schwimmer, aber
+passionierte Wasserratten, denen diese köstliche Erfrischung einer
+täglichen Hautreizung Bedürfnis geworden war.
+
+Keiner von ihnen allen wußte, wer Felder war und was ihn hierher
+brachte. Er trug ein einfaches Trikot und eine Badehose ohne jedes
+Abzeichen, die er sich zu diesem Zwecke gekauft hatte--das erstemal
+seit für ihn undenkbarer Zeit, daß er die blauweißen Farben seines
+Klubs nicht führte...
+
+Ein seltsames Bild, dieses jeden Abend: der nicht große, aber hohe
+Raum halb im Dunkeln, nur schlecht beleuchtet von ein paar
+flackernden Gasflammen, und unregelmäßig, oft kaum erwärmt. Das
+schwarze, stille Wasserbecken, eine hohle Tiefe ohne Grund. Hier und
+da hinter den verhängten Nischen ein vereinzelter Badegast, der sich
+langsam auszieht, langsam ins Wasser geht und langsam wieder heraus.
+Kein Rufen und Lärmen wie sonst in allen Bädern--kaum ein Gespräch;
+ein eisiges, unheimliches Schweigen, einzig unterbrochen zuweilen
+durch das plötzliche Schnauben des Dampfes, der an einer fehlerhaften
+Stelle der Wärmeröhren pfeifend herausschießt, um wie eine
+Sommerwolke schnell zu verfliegen. Dann kommt Felder, greift rasch
+mit einem kurzangebundenen "Guten Abend" nach seinen Sachen, steigt
+zur Galerie hinauf, wo er sich schnell entkleidet--und nach wenigen
+Minuten bereits hallt und rauscht das Wasser unter seinen ersten
+Sprüngen. Da gibt es nicht erst lange Abkühlung und Abreibung und
+bedächtiges Überlegen: ein einziges Emporstrecken der Arme, ein
+Dehnen des dampfenden Körpers, dann ein festes Aufsetzen, und er ist
+in seinem Element. Und nun bebt und dröhnt für die nächste Stunde das
+Sprungbrett wieder und wieder unter den unermüdlichen Füßen, und das
+schlafende Wasser gurgelt und grollt leise bei den Sprüngen, die
+gelingen, wenn der Körper es wie ein Pfeil durchschneidet; und es
+knallt und spritzt hoch auf zu den Wänden bei denen, die mißlingen
+und die ihn flach aufschlagen lassen, wie ein Brett... und es hat
+nicht Zeit mehr sich zu beruhigen, bis Felder endlich atemlos, rot
+wie ein Krebs und völlig erschöpft--eine Pause machen muß, in der er
+in irgendeiner Ecke auf einer Bank liegt und, die Hände unter dem
+Kopf gefaltet, zu dem schmutzigen Glasdach emporsieht...
+
+Kaum wieder zu Atem gekommen, beginnt er das Spiel von neuem und von
+neuem: immer schwieriger werden seine Sprünge, immer intensiver die
+Anspannung seiner Muskeln und immer peinlich-genauer ihre Ausführung,
+und wieder gellt und schreit das Wasser unter den Schlägen dieser
+Hände, und grollt und schäumt und murrt noch, wenn Felder schon
+wieder auf dem Brett steht, während der kleine Junge zitternd vor
+Kälte mit seinen immer erschrockenen Augen den rätselhaften Springer
+verfolgt und in der Ecke fauchend der Dampf für eine Minute aus der
+zerplatzten Röhre schießt...
+
+Fast ein Vierteljahr--von Weihnachten bis zum beginnenden Frühjahr--
+dauerte dieses neue zähe und seltsame Training: in den ersten Wochen
+sprang Felder stets allein, denn es kam ihm zunächst darauf an, seine
+Glieder für die neuen Anforderungen gelenkig zu machen. Dann, als er
+von den einfacheren zu den schwierigeren Sprüngen übergehen mußte und
+sie nicht mehr selbst kontrollieren konnte, brauchte er jemand, der
+sie wenigstens einigermaßen zu bewerten vermochte, und er vertraute
+sich nach Abnahme eines heiligen Ehrenwortes seinem getreuen Koepke
+an. Der hatte sich so lange im Schwimmerleben umhergetrieben, daß er
+wenigstens etwas von der Sache verstand; und daß er Feuer und Flamme
+für die neue Idee war, verstand sich von selbst--erwartete er doch
+immer das Unmöglichste von seinem großen, genialen Freunde. Von da an
+mußte Koepke fast alle Abende dabeistehen, wenn Felder sprang, und er
+tat es mit Wonne.
+
+Vorher machte Felder indessen noch eine neue Bekanntschaft.
+
+
+4
+
+Er hatte wieder ein Ziel und war wieder glücklich.
+
+Was ihn eine Zeitlang in seinen Strudel gezogen, der Rausch seines
+Ruhmes und fremder, lauter Vergnügungen, war in dieser Zeit fast von
+ihm vergessen und lag unbegehrt hinter ihm. Zuweilen vergaß er ganz,
+wer er war, und im Klub fand man wieder, daß er den "Meisterschwimmer"
+nicht mehr so stark herauskehre wie nach seiner Rückkehr von England.
+So stellte sich bald das alte, trauliche Verhältnis mit seinen
+Genossen wieder her und die festlichen Veranstaltungen des Winters
+strahlten auch auf Felder ihre alte Fröhlichkeit aus. Daß er nicht
+mehr ganz so oft wie früher unter "den Seinen" erschien, fiel nicht
+weiter auf; selten, daß er gefragt wurde und eine ausweichende
+Antwort geben mußte.
+
+Noch hatte er sein Geheimnis auch an Koepke nicht verraten.
+
+Abend für Abend machte er nach der Arbeit den weiten Weg vom Norden
+der Stadt nach dem Süden, fuhr erst eine Zehnpfennigstrecke mit der
+Pferdebahn und ging dann den Rest des Weges mit seinen festen
+elastischen Schritten die breite Lindenstraße hinunter, an den
+glänzenden Läden und den Stätten der Erholung und Freude, wie an
+seinem eigenen Klublokal vorüber, seiner neuen Arbeit zu--mit dem
+Ausdrucke innerer Entschlossenheit in den Zügen, als ginge es schon
+zu neuen Siegen.
+
+Mit dem Streben nach seinem neuen Ziel war er wieder ganz zu der
+Einfachheit der Gewohnheiten seiner bedürfnislosen Jugend
+zurückgekehrt. Nie hatte er seine Tagesarbeit unverdrossener und
+stiller getan und nie waren seine Gedanken weniger bei äußerlichen
+Vergnügungen und Zerstreuungen gewesen als jetzt. Wie früher trug er
+sein Abendbrot, ein paar belegte Stullen, in der Tasche mit sich und
+verzehrte es beim Ankleiden oder auf dem Heimweg aus der Hand. Das
+war das einfachste und das billigste und es nahm ihm nichts von
+seiner Zeit.--
+
+Obwohl er zu seinen heimlichen Übungen kam und ging, ohne sich
+umzusehen, machte sich eine Bekanntschaft schon in den ersten Wochen
+wie von selbst. Unter den paar abendlichen Stammgästen erschien auch
+ziemlich regelmäßig ein Arzt, Dr. König, wie ihn der Bademeister
+nannte. Ein guter Schwimmer, nahm er sein Bad der Gesundheit wegen,
+ließ sich Zeit beim An- und Auskleiden, und nachdem man sich erst
+guten Abend gewünscht und der Doktor des öfteren stillschweigend den
+rätselhaften Sprüngen Felders zugesehen hatte, wechselten sich die
+ersten Worte ohne viel beiderseitiges Zutun. Dann traf es sich das
+eine Mal, daß man zusammen hinausging, und ein anderes Mal, daß der
+Doktor Felder traf, wie er in dem dunklen Torweg des Hauses seine
+Stulle aus der Tasche zog und kräftig hineinbiß. Nach ein paar Tagen
+stellte es sich heraus, daß der Doktor wußte, wer Felder war, da er
+die Sportzeitschriften las und ihn nach den Bildern erkannt hatte,
+worauf Felder nichts weiter übrig blieb, als ihm den Grund seiner
+Besuche in diesem entlegenen Bade zu erklären und die Bitte
+auszusprechen, sie einstweilen geheimzuhalten.
+
+Gewiß hätte Felder nach seiner gewohnten, unverändert mißtrauischen
+und zurückhaltenden Art diese unfreiwillige Bekanntschaft von
+vornherein abgeschnitten, wenn ihm die einfache und freundliche Art
+des Doktors nicht sympathisch gewesen wäre. Dazu kam das große
+Interesse, das dieser an seinem Plane faßte. Kurz, nachdem ein Wort
+das andere gegeben und zu einer stetigen Unterhaltung geworden war,
+war es nur natürlich, daß man ein paarmal das Stück des
+gemeinschaftlichen Heimweges zusammen ging und gelegentlich noch
+irgendwo ein Glas Bier trank. So konnte es auch Felder nicht
+abschlagen, als ihn der Doktor in seiner liebenswürdigen Weise eines
+Abends bat, sein Abendessen in einem Restaurant zu teilen (von der
+Stulle war nie die Rede gewesen), und ebensowenig mehr nein sagen,
+als aus dieser Einladung ein nächstes Mal die zu einer Tasse Tee in
+des Doktors eigener Wohnung wurde. Diese Einladung wiederholte sich
+dann im Laufe des Frühjahres noch einige Male.
+
+Zum ersten Male tat Felder einen Blick in die ihm völlig fremde Welt
+einer höheren Lebensführung, erfüllt von geistigen Interessen und
+gelenkt von sicherem Geschmack. Denn der Dr. König war ein
+weitgereister Mann, ein tüchtiger Arzt von Ruf und ein guter
+Psychologe, der die freie Zeit seines Lebens auf jede Weise zu einer
+Art Kunstwerk zu gestalten bestrebt war.
+
+Er erkannte natürlich bald die ungeheure Einseitigkeit Felders, und
+daß man mit ihm eigentlich nur über _eine_ Sache ernstlich reden
+konnte. Für alles andere taub und blind, existierte es einfach nicht
+für ihn, setzte er jeder anderen Unterhaltung das Schweigen absoluter
+Interesselosigkeit und eines geradezu krassen Unverständnisses
+entgegen, und war erst wieder zugänglich, wenn die Rede wieder auf
+jenes eine zurückkam, oder er selbst sie naiv oder brüsk dahin
+zurückgezwungen hatte. Das hätte den so vielseitigen Älteren und
+Erfahreneren bald langweilen müssen, sollte man meinen. Aber im
+Gegenteil: der Doktor war, wie gesagt, Psychologe, und ihn hätte
+diese unglaubliche, auf so eisernen Willen gestützte Beschränktheit
+interessiert, auch wenn sie sich nicht auf dies spezielle Gebiet
+erstreckt hätte, für das er selbst eine besondere Vorliebe hegte und
+dem er als Arzt eine so große Bedeutung in der Gesundheitspflege
+zuschrieb.
+
+So gab er denn schon nach wenigen Gesprächen jeden Versuch auf, mit
+dem "Meisterschwimmer" über irgend etwas anderes zu sprechen, als was
+ihn und seine Kunst betraf, und beschränkte sich darauf, ihm gutmütig
+zuzuhören, wenn er in weitschweifiger Weise von seinen Erfolgen
+sprach; oder zu versuchen, den Horizont des jungen Mannes wenigstens
+auf seinem eigensten Gebiete zu erweitern, indem er ihm von der
+Entwicklung des Badewesens in früheren Epochen erzählte. Über diese
+Zeiten fehlte nun zwar Felder jeder Begriff; aber er hörte doch mit
+gesteigertem Interesse zu, wenn der Doktor in seiner ruhigen Weise
+und vertieft in die Erinnerung an seine Reisen nach den klassischen
+Stätten, erst von dem Leben jener alten Römer sprach, die den halben
+Tag in ihren wunderbaren Bädern verbrachten; wenn er diese in
+anschaulicher Schilderung aus ihren braunen Trümmern wiedererstehen
+ließ: die unerhörte Pracht jener Thermen des Caracalla und des
+Diokletian, die in jener Zeit zu öffentlichen Wohnstätten geworden
+waren, in denen die Römer den größten Teil ihres Lebens lebten und
+die sie zuletzt nur noch verließen, um sich zu ihren üppigen
+Mahlzeiten und den blutigen Schaustellungen der Arenen und des
+Kolosseums zu begeben. Das mußte eine Zeit nach Felders Herzen
+gewesen sein, und er wünschte, in ihr gelebt zu haben: den ganzen Tag
+im Bade und den halben im Wasser--was konnte es Schöneres geben!--
+
+Und er hörte dem Erzähler weiter zu, wenn dieser von dem
+wasserscheuen Mittelalter mit seiner Verpönung des freien Badens und
+den langen Jahrhunderten des Daniederliegens des Schwimmens sprach
+und so gemach auf die Wiederbelebung der Schwimmkunst am Anfange des
+eigenen Jahrhunderts und hier in Berlin kam, um endlich bei der
+Jetztzeit und damit, wie von selbst, bei ihm, Franz Felder,
+gewissermaßen als der Krone des Ganzen, zu enden...
+
+Wenn es so weit gekommen war, wurde auch der Zuhörer warm, und ein
+Gespräch über alle möglichen die Schwimmkunst betreffenden Fragen
+entstand zwischen den beiden, das sich bei einer Tasse Tee oder einem
+Glase Bier in dem gemütlichen, warmen, von dem Duft des Karbols
+leicht durchzogenen Zimmer des Arztes oft bis zur Zeit von Felders
+letzter Pferdebahn nach dem Norden hinzog.
+
+Man war ganz zufrieden miteinander: Felder hatte jemand, der ihm
+freundlich zuhörte, und der Doktor machte eine psychologische Studie,
+von der der Betroffene allerdings nichts ahnte.
+
+
+5
+
+Es war die Bekanntschaft mit Dr. König, die für Felder eine zweite
+nach sich zog. Eines Abends erschien im Bade ein großer,
+starkknochiger Herr in guter, aber schlechtsitzender Kleidung, mit
+großen Händen und scharfem Blick, den der Doktor als seinen Freund
+vorstellte. Er badete nicht selbst, sah aber den Sprüngen Felders mit
+höchstem Interesse zu und ließ ihn nicht aus den Augen, so daß dieser
+schon wieder mißtrauisch geworden wäre, wenn der Fremde ihm nicht als
+Bildhauer vorgestellt worden wäre. Man trank noch zu dritt ein Glas
+Bier zusammen, plauderte über allerhand und ging auseinander.
+
+Das nächstemal, als sie wieder allein waren, erfuhr Felder den Zweck
+dieses Besuches. Der Fremde war ein alter Bekannter des Doktors und
+einer der bedeutendsten, wenn auch nicht berühmtesten Künstler
+Deutschlands. Eines Tages war die Rede in seinem Atelier auf seine
+neuen Werke und damit auf die Modellnot gekommen.
+
+Der Bildhauer trug sich seit Jahren mit der Idee der Darstellung
+eines jugendlichen Läufers, verzweifelte aber immer von neuem an der
+Ausführung, da es ihm völlig an einem Modell fehlte, das auch nur
+einigermaßen seinen Ansprüchen entsprach. Dr. König hatte von seinem
+jungen Freunde erzählt, und der andere war aus reiner Neugier
+mitgegangen, um ihn sich einmal anzuschauen.
+
+Er war Feuer und Flamme--ja, das wäre ein Modell!--Aber er wisse
+wohl, daß nichts daraus werden könne. Einmal werde Felder sich wohl
+nie zum Modellstehen hergeben, und dann habe er ja auch keine Zeit.--
+Nun fragte der Doktor, mitleidig mit der fast komischen Verzweiflung
+des Künstlers, behutsam bei Felder an: er erzählte ihm von der Würde
+und der Größe echter Kunst, von dem unausgesetzten Ringen einer
+vornehmen Künstlerseele, ihren Kämpfen und ihren Streben, das nur zu
+oft an nichtigen, äußerlichen Umständen vor dem Ziele scheitert, von
+der harten und unbelohnten Arbeit seines Freundes, und es gelang ihm,
+besser und schneller als er gehofft, in Felder Interesse und
+Verständnis zu erwecken. So deutete er denn einmal an, wie sehr er
+selbst zum Gelingen eines solchen Werkes beitragen könne.
+
+Felder war durchaus nicht abgeneigt, doch machte auch er gleich den
+Mangel an der nötigen Zeit geltend. Einen Versuch könne man ja an den
+freien Sonntagen einmal machen, meinte er naiv... Als dann aber der
+Doktor mit seinem letzten Trumpf herausrückte und davon sprach, wie
+beim Gelingen des Werkes sein Ruhm sich mit dem des Künstlers
+verbinden und beider Name in einer unvergänglichen und vielleicht
+unsterblichen Schöpfung weiterleben würde, da war Felder bereits ganz
+gewonnen, und nun war er es, der den Vorschlag zur weiteren
+Besprechung der Sache machte... Was die Zeit anbelangte--nun, er
+hatte ja ausgelernt und war sein eigener Herr, und wenn er seine
+Arbeit wieder für einige Wochen (länger würde die Geschichte wohl
+nicht dauern) aufgäbe, so wäre das nicht so schlimm; er fände danach
+schon wieder andere.
+
+Er würde reichlich entschädigt werden, versicherte Dr. König. Da aber
+empörte sich der Stolz des Meisterschwimmers. Davon könne keine Rede
+sein. So sei es bei ihm nicht, "wie bei armen Leuten". Wenn er
+einwillige, so tue er es um der Kunst willen und des Ruhmes wegen.
+Der Doktor konnte nichts darauf erwidern, und man traf sich im
+Atelier des Künstlers.
+
+Als Schwimmer, der er war, müsse er dargestellt werden, meinte
+Felder, während der Bildhauer nicht von seiner ursprünglichen Idee
+des Läufers lassen wollte. Ein Schwimmer?--wie sich Felder denn das
+denke?--In welcher Lage denn?--liegend wohl?--Und das Wasser?--aus
+blauem Glase, nicht wahr?--Und dabei der Körper aus Marmor?--Felder
+nahm das für Ernst, und es gefiel ihm. Aber der Künstler wurde
+wütend.--Dann wiederholte Felder zum zwanzigsten Male: er sei der
+Meisterschwimmer von Europa und kein Läufer... Keiner wollte
+nachgeben, und die Sache war auf dem besten Wege, an der
+Hartnäckigkeit der beiden zu scheitern, als der lachende Doktor den
+Vorschlag des Springers machte. Er gefiel. So wurde der eine beruhigt
+durch die Idee, daß die Gestalt des Körpers im Moment des Abspringens
+sich nicht zu sehr von der des Läufers im Augenblick des Anlaufs
+unterscheide; und der andere, daß, wenn er auch noch nicht der
+Meisterspringer sei, er es doch unzweifelhaft werden würde, und daß
+die Zeit seines ersten Triumphes als solcher, wenn alles gut ging,
+mit der der Ausstellung seiner Statue vor den Augen der Welt
+zusammenfallen könne...
+
+Die Sitzungen in dem großen Atelier in Wilmersdorf begannen. Obwohl
+Felder nicht mehr arbeitete und mehr Ruhe und Schlaf hatte, als
+vorher, war er doch schon gegen Abend, wenn er zu seinem Training
+ging, von den ausgedehnten Stunden der Sitzungen und von den langen
+Fahrten nach dem Vorort müder, als je zuvor.
+
+Er hatte nie gedacht, daß er so müde werden könne. Erst hatten ihn
+die langwierigen Vorarbeiten interessiert, das neue der Umgebung und
+die ganze Art des Künstlers. Dann sah er sich selbst mehr und mehr
+aus dem rohen Ton hervortreten, immergleicher und ähnlicher werden.
+Als dann aber die stundenlangen, mühsamen Ausarbeitungen des
+einzelnen begannen, ohne daß er mit seinen ungeübten Augen
+irgendeinen Fortschritt wahrnehmen konnte, da hatte er oft die ganze
+Kraft seines Willens nötig, um auszuhalten. Er hatte sich
+vorgenommen, so lange zu stehen, bis der andere selbst das Holz aus
+der Hand legte; aber wenn der Künstler--nach einer, nach zwei
+Stunden--ganz in sein Werk vertieft und völlig entrückt, keine Miene
+machte, eine Pause eintreten zulassen, dann war Felder oft einfach so
+erschöpft, daß er plötzlich abbrach. Erstaunt über die Zeit, die
+verflossen war, brummte der Bildhauer etwas, das wie eine
+Entschuldigung klang, und beide warfen sich in irgendeinen Sessel,
+froh, nicht miteinander sprechen zu brauchen.
+
+Denn zu einer rechten Unterhaltung kam es nie zwischen ihnen. Diese
+beiden so verschlossenen, nur mit sich und ihren eigenen Zielen
+lebenden Menschen, von denen keiner die Leichtigkeit und
+Freundlichkeit des Dr. König besaß, hatten sich nichts zu sagen. Wohl
+entstand ab und zu ein Gespräch, da man, um keine Zeit zu verlieren,
+jetzt des öfteren auch draußen in einem mäßigen Restaurant zusammen
+aß. Aber wenn der eine oder der andere nach so viel Stunden
+schweigenden Beisammenseins in dem natürlichen Bedürfnis, sich zu
+äußern, dieser von seinem Werk und seinen Hoffnungen, und jener
+ebenfalls von seinen Plänen und seinen Hoffnungen anfing, dann
+konnten sie beide sicher sein, daß sie aneinander vorbeisprachen und
+keiner dem andern auch nur zuhörte... Denn was wußten, was verstanden
+sie voneinander?--beide so einseitig, beide so verloren in ihre
+Ziele: ungleich in ihrer Weite und Größe, gleich nur in ihrer
+Außergewöhnlichkeit und der Energie, mit der sie verfolgt wurden. In
+einem aber verstanden sie sich ganz, und dieses eine hielt sie diese
+lange Zeit--weit länger, als vorausgedacht--zusammen.
+
+Felder bewunderte den rastlosen Eifer, die unwillige und doch so
+gänzliche Hingabe des Künstlers an sein Werk; er verstand insgeheim
+dies schmerzliche, heiße Ringen um ein Letztes, nie sich Erfüllendes,
+und die Art, in der es sich äußerte: in fieberhafter Arbeit, ewigem
+Gemurr und wilden Flüchen... Und dieser, der Künstler, war sich
+völlig darüber klar, daß er nie ein Modell wie dieses je gefunden
+hatte und wiederfinden würde, das so mit ihm bis zur beiderseitigen
+Ermattung ging und instinktiv mit ihm arbeitete... Er hätte es nie
+gesagt, vielleicht nicht einmal zugegeben, aber in seiner Art und
+Weise sprach sich deutlich seine Dankbarkeit aus: ob er Felder eine
+Zigarette drehte oder ihm von den Tiefen seiner Künstlersehnsucht
+sprach, die er vor jedem anderen scheu verschloß. Gegen Ende der
+Sitzungen ging ihm sogar eine Ahnung davon auf, an was dieser junge
+Mensch _sein_ Leben gesetzt hatte und was die nächste Zeit für ihn
+bedeutete. Durch Abgründe in ihren Zielen voneinander getrennt,
+verstanden sie sich in dem, worin sie gleich waren: in dem ungestümen
+Drang, diese Ziele zu erreichen.
+
+Zwei Flammen schlugen ineinander, und so entstand ein wundervolles
+Werk, an das sie beide ihre Kräfte gaben. Es kam zu Ende. Es
+gelang.--
+
+Auch Felder kam seinem Ziel näher und näher. Seine Sprünge wurden
+sicherer und sicherer.
+
+In seinem Klub sprach er weder von dem einen, noch von dem anderen.
+Ein Erzählen des einen wäre ein Preisgeben des anderen gewesen.
+
+Er schwieg, verschlossener und unzugänglicher, als je zuvor.
+
+
+6
+
+Eines Tages hielt er seine Stunde für gekommen.
+
+Er erschien--seit langer Zeit zum ersten Male wieder--auf dem
+Übungsabend des Klubs. Die enorme Halle der Wasserfreunde war noch
+hell erleuchtet, aber außer den Mitgliedern des S.-C. B. 1879 waren
+fast keine fremden Gäste mehr anwesend. Die letzten kleideten sich
+eben an; die Kasse war bereits geschlossen und niemand wurde mehr
+zugelassen.
+
+Überall sah man die weißblauen Farben. Das Bassin gehörte für den
+Rest des Abends ausschließlich dem Klub, der es zweimal wöchentlich
+für seine Mitglieder mietete.
+
+Felder zog sich aus und trat an das eine der kleinen Bretter, wo
+Grafenberger, der Meisterspringer Deutschlands, eben übte.
+
+Eine Weile sah er ihm stillschweigend zu. Grafenberger machte einen
+Salto rückwärts mit halber Drehung.
+
+--Das kann ich auch, sagte Felder.
+
+Der andere lachte:
+
+--So leichte nu nich!--
+
+Aber Felder ließ langsam das Tuch von seinen Schultern gleiten und
+trat an die äußerste Kante des Brettes. Er stand mit dem Rücken dem
+Wasser zu. Leicht hob sich sein Körper auf den Zehen in die Höhe,
+fest legten sich die Arme an die Schenkel, und sich tief
+hintenüberneigend, tat er den Sprung.
+
+Als er aus dem Wasser stieg, sah er in lauter erstaunte und
+verblüffte Gesichter. Am erstauntesten war Grafenberger selbst.
+
+Und nun ging dieser eine Reihe mehr oder minder schwieriger Sprünge
+durch, und jedesmal, wenn er aus dem Wasser stieg, stand Felder
+bereits auf dem Brett und machte den Sprung nach, einen nach dem
+andern. Das Erstaunen wurde immer größer und die meisten wollten gar
+nicht glauben, was sie sahen.
+
+Von dem kleinen Sprungbrett ging man zu dem großen über, und alle
+stiegen die Treppe zu der Galerie empor. Dort stand bald der ganze
+Klub bis auf den letzten Mann um seine berühmten Mitglieder herum und
+verfolgte in atemloser Spannung Sprung auf Sprung. Und es gab nicht
+einen unter allen, den der Schwimmer dem Springer nicht nachgemacht
+hätte. Freilich dachte in dieser Stunde keiner an die Wertung der
+Leistungen, und nur wenige machten sich klar, wie sich die äußerlich
+gleichenden Sprünge der beiden doch in Sicherheit und Exaktheit
+himmelweit voneinander unterschieden. Man wollte jetzt nur sehen, ob
+Felder überhaupt imstande war, die Sprünge auszuführen, und man
+geriet bei jedem neuen in immer größere Aufregung, die sich bald in
+Lachen, Zurufen und lauten, wie leisen Bemerkungen jeder Art Luft zu
+machen suchte.
+
+Felder genoß das Vorgefühl kommender Triumphe und setzte allen Fragen
+sein geheimnisvolles Schweigen entgegen. Aber als der Springer
+meinte:
+
+--Na, dann kann ich ja nächstens an zu schwimmen fangen!--lächelte er
+bedeutsam. Nur Nagel äußerte wieder kein Wort. Als jedoch Felder an
+ihm vorbeiging und vor ihm stehen blieb, sagte er kurz:
+
+--Du kannst sie alle. Wo du sie gelernt hast, weiß ich nicht, und es
+geht mich ja auch nichts an. Aber glaube nur nicht, daß du auch nur
+einen ordentlich kannst, wie er sein soll...--worauf Felder blaß
+wurde und weiterging.
+
+Er vermochte nur noch zu erwidern:
+
+--Das werden wir sehen!--
+
+Seine Freude war dahin für diesen Abend und er begann seinen alten
+Freund und Lehrer zu hassen. Schon auf der nächsten Sitzung trat er
+mit seiner Forderung hervor, bei der nächsten Gelegenheit im Springen
+um eine bedeutende Meisterschaft gemeldet zu werden. Man hielt sie
+erst für Scherz; dann erhoben sich von allen Seiten Proteste. So viel
+hatte man schon gesehen, um zu wissen, daß ein solches Vorhaben ganz
+aussichtslos war. War es auch erstaunlich, was er bei seinem geheimen
+Training--man wußte jetzt ganz genau, wo und wie er dazu gekommen
+war--in so kurzer Zeit zustande gebracht hatte, so reichte das alles
+doch noch lange nicht aus, um mit ersten Meistern in Konkurrenz zu
+treten. Dazu gehörte vor allem eine jahrelange, stetige, sorgsame
+Ausbildung unter den Augen von Kennern--das sollte er, der
+Sportsmann, doch wohl am besten wissen... Von allen Seiten redete man
+auf ihn ein, suchte ihn zu überzeugen, aber es war alles vergebens.
+Man sprach zu Ohren, die überhaupt nicht mehr zuhörten.
+
+Felder bestand hartnäckig auf seiner Forderung. Wenn er gefragt
+wurde, zu welcher Schwimmnummer er gemeldet werden wollte, antwortete
+er: zum Springen um die Meisterschaft... und je dringender die Frage
+wurde, um so mehr klang diese Antwort als Drohung: entweder--oder...
+
+Man lachte nicht mehr. Dazu war die Sache zu ernst. Zuviel stand in
+diesem Sommer im Schwimmen auf dem Spiel: die Meisterschaft
+Deutschlands sollte behauptet, die größte über Europa zum zweiten
+Male gewonnen werden; der große Staatspreis Sachsens und der
+Stadtpreis Breslaus, zum dritten Male durch Felder erobert, in den
+endgültigen Besitz des Klubs übergehen; unzählige Anforderungen von
+allen Seiten nach des jungen Meisters Teilnahme an den diesjährigen
+Schwimmkämpfen mußten beantwortet werden--und dieser Mensch, was tat
+er?--
+
+Statt in diesem Sommer seine glorreichen Siege zu erneuern, mühelos
+und ehrenvoll, verbohrte er sich in eine Idee, auf die noch kein
+anderer vor ihm gekommen war und auf die auch nur er verfallen
+konnte. Je mehr man auf ihn eindrang, von seinem aussichtslosen
+Vorhaben abzustehen, desto erbitterter wurde er. Da er die Gründe
+gegen seine Meldung nicht verstand, da er sie nicht begreifen wollte,
+sah er in ihnen nur den Ausfluß einer feindseligen Stimmung gegen
+sich und ganz allmählich in den guten, alten Kameraden und treuen
+Freunden seines Klubs Gegner seiner Person und damit der Sache.
+
+Denn daß _er_ der Sache mit seinem Vorhaben schaden könne, daran
+dachte er nicht einmal. Er--und der Sache schaden!--
+
+Man begriff, daß nicht mit ihm zu reden war, als er an einem anderen
+Abend nach langer, vergeblicher Debatte einfach das Zimmer verließ.
+
+Dann sprach Nagel, und was er sagte, wurde als das richtige
+empfunden. Er schloß seine Ausführungen, in denen er ein kurzes und
+klares Bild von Felders Entwickelung gab, mit den Worten: "Tun wir
+ihm seinen Willen; denn was er nötig hat, um ihn zur Besinnung zu
+bringen, sind nicht neue Siege, sondern es ist eine gründliche
+Niederlage."--
+
+So wurde der Meisterschwimmer von Europa von seinem Klub auf dem
+ersten diesjährigen Eröffnungsschwimmen der vereinigten Berliner
+Klubs nicht nur zu seiner alten Meisterschaft Berlins über die kurze
+Strecke, sondern auch zu dem Haupt-Mehrkampf im Schwimmen, Springen
+und Tauchen, sowie zum Hauptspringen gemeldet, und diese Meldungen
+wurden mit grenzenlosem Erstaunen, aber unbeanstandet angenommen.
+
+
+7
+
+Eine gründliche Niederlage!
+
+Und die erlebte er.--
+
+Das erste große Schwimmfest Berlins in diesem Sommer--veranstaltet
+von dem Bund der Berliner Vereine--fiel zusammen mit der feierlichen
+Eröffnung der diesjährigen Kunstausstellung im großen Glaspalast,
+beides auf einen Sonntag, einen klaren, aber noch frischen
+Frühlingstag.--
+
+Es sollte der Tag höchsten und beispiellosen Triumphes für ihn
+werden, so dachte Felder, der Tag, der allen anderen der letzten
+Jahre die Krone aufsetzen, seinen Ruhm vor den Augen einer Welt
+verkünden sollte, wie keiner vor ihm: hier in einem unvergleichlichen
+Siege, dort dieser Sieg bereits verkörpert in einem hohen Werke, das
+seinen Namen trug; der Tag, um den er gekämpft hatte, wie um keinen
+anderen, monatelang, mit zäher Ausdauer--nicht nur in der eisernen
+Arbeit eigener Übung, sondern fast noch mehr in der mühsamen und
+aufreibenden Hilfe beim Gelingen einer fremden.
+
+Es kam alles anders, wie er es sich dachte.--
+
+Der Morgen brachte die erste Enttäuschung.
+
+Sie waren hinausgefahren nach dem Glashaus am Lehrter Bahnhof, er und
+zwei seiner Sportsfreunde, hatten mit der Karte des Bildhauers
+unbeanstandet Eintritt erhalten und drängten mit der festlich
+gekleideten Menge--allem, was Berlin an geistigem Leben besaß--der
+großen Eingangshalle zu. Sie fanden dort leicht, was sie suchten.
+Denn um den "Springer" herum stand bereits ein dichter Haufen von
+Menschen, alle ergriffen von der Schönheit und Kraft des Werkes, und
+in der ersten Stunde bereits seinen Ruhm mit ihrer einstimmigen
+Bewunderung besiegelnd.
+
+Und es war ein herrliches Werk, das hier, fast in der Mitte der
+großen Halle, in dem leuchtenden Weiß seines Marmors vor dem
+sattgrünen Hintergrunde hoher Blattpflanzen stand:
+
+Erst zum Sprunge sich anschickend, noch nicht ganz zu ihm bereit,
+erhob sich die jugendliche Gestalt des "Springers" in vollendet
+ebenmäßiger Schönheit leicht auf den Zehen empor, streckte wie
+flehend die schlanken Arme in die Höhe, um dem Körper Schwung zu
+verleihen, und hielt die Augen fest und entschlossen in die Ferne
+gerichtet--gewiß des Gelingens, sicher des nahen Sieges... Über der
+ganzen Gestalt aber lag zugleich bei aller Kraft eine solche Anmut,
+eine solche Frische, daß man den kühlen Duft dieses vielleicht eben
+erst dem Wasser entstiegenen Körpers zu spüren glaubte, der sich nun
+zu neuem und schwierigerem Sprunge anschickte, und den das Trikot nur
+wie ein dünner Schleier umschloß, hinter dessen zartem Gewebe jeder
+Muskel, ja die Adern erkennbar hervorzutreten schienen; und obwohl
+zum Teil mit diesem Schleier bekleidet, erschien auf den ersten Blick
+der ganze Körper wie nackt, bis man die unsäglich feine Arbeit des
+Meisters gewährte, für den die leichte Hülle kein Hindernis gewesen
+war, das nackte Leben in seiner Wärme zu bilden.
+
+--"Klassisch schön und doch von modernem Geiste beseelt"--"raffiniert
+schlicht"--"einfach antik"--"wo kann er das Modell herhaben?"--"ein
+Meisterwerk, ganz ohne Zweifel"--das waren die Ausdrücke, die mit
+vielen anderen Namen und Vergleichen, von denen er nichts verstand,
+Felders Ohren umschwirrten, als er sich mit seinen Begleitern näher
+herangedrängt und nun fast vor der Statue stand. Er fühlte sich sehr
+unbehaglich. Alles war ihm hier fremd. Selbst dieses Werk, sein
+anderes Ich, das er doch so genau kannte, erschien ihm nicht mehr
+dasselbe. War er das?--So trat er doch nicht auf das Brett, wenn er
+sprang?
+
+Er allein unter all den Anwesenden vielleicht stand der Schönheit des
+eigenen Körpers verständnislos gegenüber, er und seine Freunde. Sie,
+so sehr an den täglichen Anblick nackter Gestalten gewöhnt, hatten
+nie über deren Schönheit und Häßlichkeit nachgedacht, und von der
+Kunst, die hier zu ihnen redete, verstanden sie nichts. Felder selbst
+war zum ersten Male in einer Kunstausstellung, und der Blick auf die
+vielen anderen Marmorwerke in dieser hohen Halle, in die lange Flucht
+der Säle, von deren Wänden herab die Farben unzähliger Gemälde
+leuchteten, machte ihn wirr und beraubte ihn.
+
+Zudem ärgerte er sich zu sehr, als daß er sich ruhig irgendeiner
+Betrachtung hätte hingeben können. Er hatte sich diesen Morgen ganz
+anders gedacht. Wie, das wußte er wohl selbst nicht, aber etwa so:
+daß er mit dem Künstler vor der Statue stehen würde, aller Augen auf
+sich gerichtet, als auf das Modell usw.... So aber geschah nichts
+dergleichen. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, man drückte und stieß
+ihn von allen Seiten, und wenn ihn zufällig jemand ansah, so hatte er
+das Bewußtsein, mit diesem Blicke gefragt zu werden: Was wollen Sie
+denn hier?
+
+Wie hätte aber auch irgend jemand in dem modisch gekleideten jungen
+Mann mit dem hohen Hemdkragen und dem steifen Hut, der aussah wie ein
+Kommis von Hertzog oder Wertheim, das Urbild dieses Hellenenjünglings
+erkennen sollen, dessen Schönheit die Gedanken der Beschauer weit
+zurückführte in die seligen Zeiten göttergleicher Menschen?
+
+Unmutig forderte Felder seine Freunde zum Weitergehen auf; er wollte
+versuchen, den Bildhauer und Dr. König zu finden. Die beiden anderen
+waren gern bereit: der eine hatte Durst nach einem Frühschoppen, und
+der andere fand auch, daß er eine solche Stellung bei einem Springer
+noch nie gesehen habe.
+
+Da--während sie sich hinausstießen--fühlte Felder plötzlich, wie er
+angesehen wurde. Der starke Duft eines seltsamen Parfüms, den er
+irgendwo und irgendwann schon einmal gespürt hatte, umwehte ihn, und
+aufschauend, erblickte er dicht vor sich jene Dame aus dem Café, die
+ihn den ganzen Abend so auffallend angesehen hatte und nun ihren
+Blick mit demselben festen Ausdruck forschenden Interesses auf seinem
+Gesicht ruhen ließ; wie an jenem Abend. Wieder war der alte Herr mit
+ihr, und wieder trug sie ein Kleid von heller Seide und einen
+auffallend großen Rembrandthut mit schwarzer Feder. Felder hatte kaum
+Zeit, sich nach ihr umzusehen; im nächsten Augenblick schon war sie
+weiter gegangen, und viele Menschen hatten sich zwischen sie und ihn
+geschoben. Er hätte zurückkehren müssen, um sie wiederzufinden.
+
+Er dachte noch an sie im Weitergehen, als er am Ausgang auf den
+Bildhauer traf, der ebenfalls in einer dichten Menschenmenge stand.
+Er machte sich sofort los und kam auf Felder zu, als er ihn sah, und
+man ging durch den Garten in langem Zuge nach der Osteria. Dort wurde
+nun Felder genug und von allen Seiten angesehen, als die Künstler
+erfuhren, wer er war, aber er wurde nie das Gefühl los, daß alle
+diese fremden Menschen in ihm nur das Modell sahen, und keine Ahnung
+davon hatten, wer er eigentlich war... Nach Dr. König sah er sich
+vergebens um; er war wohl noch in den Sälen oder überhaupt noch nicht
+gekommen. Der Bildhauer, äußerlich borstig und wortkarg wie immer,
+war doch durch seinen großen Erfolg erregt und mußte sich immer von
+neuem frei machen, um ein paar Worte mit Felder zu sprechen. Dieser
+wollte gerne wissen, ob sein Name auch im Katalog stünde. Nein, dort
+stand nur "der Springer", meinte der Künstler lächelnd, anders ginge
+es nicht, aber er wolle schon dafür sorgen, daß es in möglichst
+vielen Zeitungen zu lesen sei, wer ihm Modell gestanden--darauf könne
+sich Felder verlassen... "Und am Nachmittage komme ich zu _Ihrem_
+Siege!"--sagte er noch, als Felder sich mit seinem Freunde
+verabschiedete und, innerlich recht mißmutig, ging.--Dieser
+Nachmittag!
+
+Wieder einmal erglänzte die weite Halle der Wasserfreunde in dem
+festlichen Schmuck der Fahnen und Fähnchen; wieder füllten ihre
+Galerien bis auf den letzten Platz die dichten Reihen einer bunten
+Zuschauermenge; wieder bot sie das bis in die Einzelheiten immer sich
+gleichende, unveränderte Bild eines "Schwimmfestes"...
+
+Und in eintöniger Gleichförmigkeit verlief Nummer um Nummer des
+wiederum viel zu lang ausgesponnenen Programms. Das ganze Interesse
+der engeren Kreise konzentrierte sich heute nicht auf die
+Schwimmkonkurrenz--Felders Sieg war ganz sicher--sondern auf dessen
+Beteiligung am Springen. Längst hatte sich über die Grenzen des S.-C.
+B. 1879 hinaus herumgesprochen, wie gänzlich aussichtslos und
+vermessen sie war, und überall, in allen Ecken, lauerte das süßeste
+und reinste der menschlichen Gefühle, die Schadenfreude, auf seine
+Gelegenheit.
+
+Nur Felder sah und hörte nichts von allem. Still und ernst wie immer
+stand er unter seinen Leuten, und seine Augen blickten so ruhig und
+siegesgewiß wie immer.
+
+Heute, heute war sein großer Tag, und kein Zweifel durfte in ihm
+aufkommen; kein Zweifel der anderen das eigene, felsenfeste Vertrauen
+stören. Er fühlte nur instinktiv die Feindseligkeit um sich herum an
+der Art, wie man ihn allein ließ oder ihn dies oder jenes fragte. Was
+kümmerten sie ihn?--Nach einer Stunde würde er sie besiegt haben, und
+selbst die Widerstrebendsten lagen bezwungen zu seinen Füßen!...
+
+Als er daher seinen Namen hörte und auf das Sprungbrett trat, um den
+ersten der für den Mehrmeisterkampf vorgeschriebenen Sprünge zu tun,
+hob er seinen Kopfhöher als je, sah zu der hohen Wölbung der schönen
+Halle empor, und in seinen Augen lag (für niemand erkennbar) das alte
+Leuchten, tiefer und siegesgewisser, als je zuvor.
+
+Dann sprang er, und er sprang nicht schlecht. Ein Murmeln nur
+begleitete sein Aussteigen aus dem Wasser--Erstaunen bei jenen unter
+den Sportsgenossen, die ihn zum ersten Male springen sahen, halber
+Beifall bei denen, die den Sprung an seinen eigenen Leistungen, die
+sie seit einigen Wochen kannten, verglichen. Noch hatte die
+Schadenfreude keinen Grund, sich zu äußern und wagte sich noch nicht
+hervor. Weder besonders gut, aber ebenfalls nicht schlecht waren auch
+die nächsten Sprünge. Jeder Kenner sah indessen, daß sie einfach nur
+besser aussahen, als sie in Wirklichkeit waren, und daß Felder jede
+Hoffnung auf einen Sieg hätte begraben müssen, wäre es auf dieses
+Springen angekommen. So aber erledigte er nicht nur den zweiten Teil
+des Mehrkampfs, das Schwimmen mit einer Bahnlänge von 150 Metern, in
+seiner alten glänzenden Weise, so daß er hier die Höchstzahl der
+überhaupt erreichbaren Punkte erlangte, sondern er stellte sich auch
+im dritten Teile, dem Tauchen, ebenbürtig an die Seite seiner drei
+Gegner, indem er, wie sie, alle zwanzig Teller hervorholte, und zwar
+in einer Zeit, die sich nur unwesentlich von der ihren unterschied.
+
+Keiner der Konkurrenten war vor Ablauf von 32 Sekunden aus dem Wasser
+gestiegen, Felder 45 unter ihm geblieben. Die Teller hatten bei ihm
+weit auseinander gelegen.
+
+Der Mehrkampfpreis wurde daher trotz der im Springen erreichten
+geringen Punktzahl--nicht vergleichbar mit der der anderen--von ihm
+gewonnen. Seinem Verein fiel ein Ehrenpreis zu, ihm selbst ein
+Andenken, und das eine der gesetzten Ziele war somit von ihm
+erreicht: in seinen Lorbeerkranz ein neues Blatt geflochten. Der
+Meister im Schwimmen nannte die erste Mehrkampfmeisterschaft sein!--
+
+Aber das stille und erwartungsvolle Lächeln, das von den Gesichtern
+so manches Kenners unter den Anwesenden nicht wich, zeigte, daß es
+noch nicht aller Tage Abend war. Vor allem das Lächeln Grafenbergers.
+
+Denn das Ereignis des Tages, das Hauptspringen, sollte erst noch
+kommen. Und wenn Grafenberger so lächelte, dann hatte er seinen Grund
+dazu.
+
+Heute mehr als je. Denn dieses Hauptspringen, das als dritte
+Konkurrenz nach der eben beendeten folgen sollte, hatte eine ganze,
+vielbesprochene Geschichte in den letzten Wochen gezeitigt. Als
+Felder brüsk und ungestüm seine plötzliche Meldung zu diesem
+Hauptspringen im Klub äußerte, und als nach endlosen privaten und
+internen Debatten die Furcht vor seiner Drohung die Schale zu seinen
+Gunsten neigen ließ, da erklärte Grafenberger ebenso brüsk und mit
+weit größerer Berechtigung natürlich: wenn sein Klub denn so
+unverhofft einen so großen Springer in seinem bisherigen
+Meisterschwimmer "entdeckt" habe und ihm denselben vorziehen wollte,
+so möge er das doch tun, und da selbstverständlich jeder Klub nur
+einen Konkurrenten zu den Kämpfen entsenden könne, so sei es doch das
+beste und einfachste, wenn er, Grafenberger, aus- und in einen
+anderen Verein eintrete. Dann könne er ja mit Leichtigkeit beweisen,
+wie lächerlich eine solche Bevorzugung sei. So sehr traf jedes seiner
+Worte den Nagel auf den Kopf, daß nur übrig blieb, dem Empörten
+klarzumachen, wie es sich ja nur darum handele, Felder ad absurdum zu
+führen, wie er, dem an dieser Beteiligung gar nichts gelegen sein
+könne, ja gerade durch Felders unvermeidliche Niederlage nur seinen,
+Grafenbergers, Ruhm als den des ersten Springers im S.-C. B. 1879
+befestigen würde; und so sehr sah dieser selbst auch den Grund aller
+Einwendungen ein, daß die Sache in aller Ruhe verlaufen wäre, wenn
+nicht--wie immer bei solchen Gelegenheiten--so viel bisher
+Unausgesprochenes zutage getreten wäre, was dann endlich doch
+Grafenbergers Austritt zur unvermeidlichen Folge hatte. Er, eine weit
+weniger ernste und vornehme Natur als Felder, hatte einen Ton
+angeschlagen, den der Klub unter keinen Umständen dulden durfte, und
+so war er gegangen von dort, wo niemand gegen seinen Willen gehalten
+wurde.
+
+Mit Jubel sofort in einen anderen, ebenfalls altangesehenen Verein,
+in die "Privat-Schwimmgesellschaft von 1885", aufgenommen, noch in
+letzter Stunde von ihm zu heute gemeldet, erwartete der berühmte
+Springer nun im Kreise seiner neuen Klubgenossen das Hauptspringen
+mit innerlichster Freude; und schärfer und klarer als er hatte keiner
+Felders kümmerliche Sprünge beim Mehrkampf betrachtet und gewertet.
+
+Vergebens suchte er dem Blick seines früheren Genossen zu begegnen,
+mit dem er so manche Jahre Schulter an Schulter um die Ehre des Klubs
+gekämpft, und dem er--wie oft nicht in denselben Stunden desselben
+Tages--gemeinsam mit ihm zu den höchsten verholfen.
+
+Felder sah ihn nicht. Nicht sein Lächeln; nicht die boshafte
+Erwartung um sich her; nicht die ängstliche Sorge seiner wahren
+Freunde, Nagels und anderer. Er sah überhaupt nichts mehr von allem,
+was um ihn hervorging. Er fühlte nur die große Erwartung um sich
+herum, und als Koepke, der äußerlich Aufgeregteste wieder unter
+allen, ihm mit irgendeiner unnützen Frage zu nahe kam, wies er ihn
+mit einem barschen Wort zur Ruhe.
+
+Als das Hauptspringen endlich begann, trat die atemlose Spannung der
+Stille ein, die allen Entscheidungen von Bedeutung vorausgeht, und
+teilte sich unwillkürlich auch dem Gleichgültigen unter den
+Zuschauern mit. Fünf Springer aus den ersten Berliner Klubs, unter
+ihnen drei mit bekannten Namen, waren gemeldet. Wie sie ausgelost
+waren, kamen sie an die Reihe. Felder hatte die vierte Nummer und die
+weiße Kappe erhalten.
+
+Er sah seine Vorgänger auf das Brett treten, er hörte die Stimme des
+Starters, der Namen und Art des Sprunges verkündete, er sah die
+Sprünge, er hörte das Wasser klatschen und rauschen, das Murmeln und
+den Beifall der Zuschauer; er trat selbst hinter das Brett, sah vor
+sich hin, vernahm die gleichmäßige ruhige und klare Stimme des
+Starters neben sich, die rief: "Hechtsprung mit Anlegen der Arme und
+Anlauf, ein Meter. Herr Franz Felder...", lief, sprang, tauchte unter
+und wieder auf, ging hinaus und hinauf zu dem hohen Brett, stellte
+sich auf seine äußerste Kante, hob den ganzen Körper auf den
+Fußspitzen in die Höhe, sah gradeaus, hörte wieder die Stimme,
+diesmal unter sich: "Doppelsalto, rücklings, sechs Meter,
+derselbe...", sprang ab, drehte sich in der Luft um sich selbst,
+fühlte den Anprall des Wassers wie glühendes Feuer, kam in die Hohe
+und stieg hinaus--aber worauf er lauschte, die alten, ihm so
+vertrauten Laute des Beifalls vernahm er nicht.
+
+Stumm und ohne zu wissen, wie er gesprungen, mischte er sich unter
+seine Freunde.
+
+Nach den zwei vorgeschriebenen Pflichtsprüngen kamen die zwei
+Pfostensprünge an die Reihe, die, an demselben Tage aus den
+Schwierigkeitsgraden fünf und sechs ausgelost und jedem Bewerber vor
+einer Stunde mitgeteilt worden waren.
+
+Auf Felder waren gefallen:
+
+Als erster ein Seitlingssprung mit 1/4-Drehung um die Längsachse
+vorwärts, mit Hochheben beider Arme, bei einer Bretthöhe von drei
+Metern: nicht allzuschwer gut auszuführen, und als zweiter ein
+Schlußsprung mit ganzer Drehung um die Breitenachse, schwierig bei
+genauer Durchführung und der Sechsmeter-Höhe des Brettes. Den ersten
+machte er gut; daß ihm der zweite nicht so gelingen würde, wie er
+mußte, war ihm seit einer Stunde bereits ganz klar, und er sprang ihn
+infolgedessen völlig schlecht, so daß das Publikum zu lachen begann,
+während es dieselben beiden Sprünge der anderen des öfteren mit
+Beifall begleitete.
+
+Felder sah und hörte noch immer nichts um sich her. Auch dieses
+Lachen nicht. Nur ein Zwischenfall erregte die allgemeine und damit
+auch seine Aufmerksamkeit. Als der Nachspringer Felders seine Sprünge
+ausführte, erscholl von allen Seiten her, wahrscheinlich mit infolge
+des vorhergegangenen, so augenscheinlich verunglückten Sprunges,
+lauter Beifall. Die Pause zwischen den Sprüngen dauerte etwas länger
+als sonst, und bevor der nächste, letzte Springer an die Reihe kam,
+trat der Starter vorn auf das Sprungbrett und sprach mit erhobener
+Stimme zu den Zuschauern gewendet: "Die Herren Schiedsrichter lassen
+die verehrlichen Anwesenden, Damen und Herren, bitten, bei den
+Sprüngen jedes Zeichen des Beifalls und des Mißfallens im Interesse
+der Springer selbst zu unterlassen, und den Herren Richtern in keiner
+Weise in ihrem Urteil vorzugreifen..."
+
+Ein Zwischenfall solcher Art war eine Seltenheit und wurde daher
+gebührend bemerkt. Einstweilen aber schwieg der ganze Raum, und der
+dritte Teil des Hauptspringens, die beiden Kürspringe, begannen unter
+allgemeiner Stille. Die "Kürspringe", vom Springer nach freier Wahl
+"gekürt", bei denen er an keine Schwierigkeitsgrade und keine Art der
+Ausführung gebunden ist, und somit nur die Kraft und Fähigkeit, die
+er sich selbst zutraut, entscheidet, sind gewöhnlich lange vorher
+eingeübte und in vollendeter Sicherheit ausgeführte Sprünge, die das
+Können des Springers in hellstem Lichte zeigen. Da die Zuschauer
+ihrem Beifall keinen Ausdruck mehr geben konnten, verliefen die
+Sprünge der drei ersten Springer unter dem achtungsvollen Schweigen
+des Publikums, bis Felder an die Reihe kam. Statt daß dieser--wie es
+nach der ganzen Art und der Kürze der Zeit seines Trainings
+eigentlich selbstverständlich gewesen wäre--sich zwei der weniger
+komplizierten Sprünge ausgesucht, sie in guter Ausführung gezeigt und
+damit wenigstens in ihnen die höchste Wertungszahl erreicht hätte,
+erlaubte es ihm sein Ehrgeiz nicht, sein neuerworbenes, noch so
+unsicheres Können anders, als in Sprüngen ersten Ranges zu zeigen,
+und unter dem Kopfschütteln seiner Freunde, die indessen auf jede
+Einmischung verzichteten, hatte er zwei Sprünge gewählt, die ihm hier
+und da--wenigstens zur Zufriedenheit Koepkes--gelungen waren und die
+er in seiner grenzenlosen Verblendung auch heute vor den Augen aller
+ausführen zu dürfen glaubte. Kein anderer Klub hätte einem Mitgliede
+jemals etwas Ähnliches erlaubt. Aber der seine war eben
+übereingekommen, ihn gewähren zu lassen, und so kam, was
+unausbleiblich kommen mußte, und wozu es keines Propheten bedurfte,
+es vorherzusagen.
+
+Gereizt, erregt und wie im Fieber verlor Felder bei diesen letzten
+Sprüngen jede Ruhe und jede Besinnung. Er sprang, wie er geschwommen
+hatte in den Augenblicken höchster Anstrengung, und vergaß
+vollkommen, daß, was dort noch zum Siege führen kann, hier, wo es
+einzig im gegebenen Moment auf Selbstbeherrschung und Ruhe ankommt,
+unrettbar zur Niederlage werden muß.
+
+Er sprang, wie er schwamm: wie er zweimal, dreimal--es war schon
+lange her--geschwommen hatte, um den enteilenden Sieg noch zu
+ergreifen--: mit dem Mut der Verzweiflung. Aber was er bot, das waren
+schon keine regelrechten Sprünge mehr, das hatte überhaupt keine
+Ähnlichkeit mehr mit den Aufgaben, die er selbst gewählt und sich
+vorgeschrieben, das waren krampfhafte Verzerrungen des Körpers, ein
+unschönes Sich-Überschlagen in der Luft ohne jede Haltung der Arme
+mehr, die um sich griffen, wie um sich zu halten, und endlich ein
+wüstes Aufklatschen auf die Oberfläche des Wassers...
+
+Und während die Richter auf jede Wertung mit dem Niederlegen ihrer
+Bleistifte überhaupt verzichteten, während sich auf den Gesichtern
+der Umstehenden erst starres Erstaunen ob solcher, nie gesehener
+Leistungen malte, das allmählich in offene Fröhlichkeit überging,
+während Felders Freunde überlegten, ob sie ihn nicht lieber an dem
+letzten der Sprünge hindern und der Blamage ein Ende machen sollten,
+begann das Publikum, gereizt durch das Verbot des Beifalls, zu
+lachen. Es lachte erst leise, dann ganz laut beim zweiten Sprunge,
+und als Felder aus dem Wasser kam, da lachten selbst die Sportsleute
+um ihn her, ja die eigenen Genossen, so komisch war der Kontrast
+zwischen seiner siegesbewußten Miene und seinen kläglichen Leistungen
+gewesen...
+
+Felder hörte das Lachen, jetzt hörte und sah er es, und er wurde
+totenblaß. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich auf den
+ersten besten der Nächststehenden stürzen, dann überzog eine dunkle
+Röte sein Gesicht, und wortlos verließ er die Reihen, die sich noch
+nicht beruhigen wollten, bis das nächste Rennen die Aufmerksamkeit
+von dem beendeten abzog.
+
+Eine furchtbare Wut kochte in Felder, als er allein in einer Ecke des
+kleineren Damenschwimmbades, das heute als Auskleideraum für die
+Beteiligten galt, saß. Man hatte es gewagt und ihn ausgelacht--ihn,
+Franz Felder, den Meister Europas, ihn, ihn!--
+
+Er ging auf und ab, auf und ab, aber er wurde nicht ruhiger. Er wurde
+das Lachen aus seinen Ohren nicht los. Er würde es nie vergessen
+können, das wußte er. Kein Beifall würde es jemals mehr ganz
+übertönen können.
+
+Alles, was er tun konnte, war, die erlittene Wunde so unter neuen
+Lorbeeren zu verbergen, daß niemand sie mehr gewahren konnte.
+
+Das aber wenigstens wollte er, und als er--nach einer halben Stunde--
+geholt wurde und er zum letzten Male an diesem Tage an den Start
+ging, nicht zum Springen mehr, sondern zum Hauptschwimmen über die
+250 Meter, da waren die Nebel von seinen Augen gefallen, und mit
+seinem alten, klaren Blick sah er alles um sich her, die Freunde und
+die Feinde, und jetzt war er es, der lächelte.
+
+Jetzt durfte er es allein, und wer es etwa noch wagen sollte außer
+ihm, dem würde er das Lachen von den Lippen vertreiben!
+
+Nicht wie sonst, ruhig, stet und überlegen seine Bahn
+durchschneidend, nichts als das Ziel im Auge, nicht fair und vornehm,
+wie man es an ihm gewöhnt war selbst in den schwierigsten Kämpfen,
+sondern auf seine Gegner achtend, sie herankommen und voraufgehen
+lassend, sie durch die eigene Ungleichmäßigkeit störend, um sie dann
+zuletzt rücksichtslos, fast brutal zu schlagen, so schwamm er dieses
+Rennen, und als er den Jubel über seine Waghalsigkeit und
+Überlegenheit in seinen Ohren erklingen hörte, war er wieder ganz er
+selbst. Nie vorher hatte er so geschwommen, und erwußte es. Er wußte
+auch, daß er mit diesem Siege keinen Beifall unter seinen Freunden
+finden würde. Aber das war es gerade, was er wollte. Sie hatten ihn
+ausgelacht, das verzieh er ihnen nicht. Jetzt war ihm auch an ihrem
+Beifall nichts mehr gelegen.
+
+Wie er zum letztenmal für heute sich so die Leiter emporschwang, bis
+zu der sich die erste Reihe der Zuschauer hinzog, da, wo die besten
+Plätze nahe dem Start waren, die man durch Auflegen von Leinentüchern
+gegen das Aufspritzen des Wassers zu schützen versucht hatte, war es
+ihm wieder, als stiege der Duft eines seltsamen Parfüms, den er schon
+einmal gespürt, zu ihm auf, und als er sich zur Seite wandte, sah er,
+daß der erste dieser Plätze, die er beim Hinaussteigen fast streifte,
+von der Dame besetzt war, die er an jenem Abend im Café und heute
+morgen erst wieder gesehen hatte. Für eine Sekunde begegneten sich
+ihre Blicke: sie hielt ihr Kleid mit der Hand zusammen, damit es
+nicht naß werden sollte, und lächelte leise, wie heimlich mit ihm
+triumphierend über seinen Sieg. Ein neuer Ausdruck schien in ihrem
+Blicke zu liegen, etwa wie: wir kennen uns doch, nicht wahr?--Felder
+war ganz verwirrt und wandte sich ab.
+
+Als er angekleidet wieder in die Halle trat, galt sein erster Blick
+dem Platze, wo sie gesessen. Aber er war leer, und die ihn
+innegehabt, war nirgends mehr zu finden.--Was bedeutete das nun
+wieder?--Wie kam sie hierher?--Und warum?--Warum nur?--Es war
+seltsam, sehr seltsam.
+
+Doch er hatte nicht lange Zeit, an den Vorfall zu denken. Zuviel
+wogte noch in ihm, und immer von neuem kehrten seine Gedanken zu dem
+unverhofften Verlauf des Tages zurück.
+
+Erst der Morgen. Dann der Nachmittag. Und der Bildhauer und Dr. König
+fielen ihm ein, die beide nicht gekommen oder schon wieder
+fortgegangen waren, da sie ihm doch nicht Glück wünschen konnten.
+
+Eines wie das andere--alles war umsonst gewesen!
+
+Umsonst die zähe, eiserne Mühe langer Monate; umsonst die inneren,
+bitteren Kämpfe und alles heiße Ringen; umsonst alle Kraft und Zeit,
+die er an diese Sache gesetzt!
+
+Deutlich hatte er heute die Grenze seiner Kraft erkannt, über die er
+sich in unbegreiflicher Verblendung so sehr täuschen konnte.
+
+Zum ersten und zum letzten Male in seinem Leben hatte er heute
+öffentlich gesprungen. Nie würde er von jetzt an wieder einen Fuß auf
+das Sprungbrett setzen. Sein Traum war zu Ende.--Er war ganz erwacht,
+und er war sich ganz klar.
+
+Aber nicht, daß er mit seinem Plan gescheitert war, sondern, daß er
+sich lächerlich gemacht hatte--das war es, was Felder mit immer
+tiefer sich einbohrender, innerlicher Wut gegen sich selbst und gegen
+die andern erfüllte. Er war ausgelacht worden. Er--Franz Felder!--Und
+er haßte sie alle, die es gewagt hatten!--
+
+Aber er durfte jetzt nur noch den einzigen Gedanken haben, nicht zu
+zeigen, wie sehr er sich ärgerte. Das beste war jetzt zu tun, als
+habe er selbst das Ganze als einen im Grunde nur scherzhaft gemeinten
+Versuch betrachtet, um zu beweisen, daß es möglich sei, in ganz
+kurzer Zeit fast sämtliche möglichen Sprünge zu erlernen, auch ohne
+jahrelange Übung.
+
+Daher ging er nicht fort, wie er es am liebsten getan, sondern blieb
+den ganzen Abend und die halbe Nacht unter seinen Kameraden, war so
+lustig, wie es ihm überhaupt möglich war, nahm seinen ersten und auf
+immer einzigen Mehrkampfpreis ebenso überlegen lächelnd und
+gleichgültig entgegen, wie die Schwimmeisterschaft für Berlin für
+dieses vierte Jahr, und brachte es sogar fertig, die Witze, die über
+ihn als Springer gemacht wurden, anzuhören, ja, auf sie einzugehen.
+
+Aber in ihm war etwas gebrochen an diesem Tage des großen
+Enttäuschungen.
+
+Er hatte geglaubt, daß ihm, der so vieles erreicht, nun alles möglich
+sein müsse, woran er die Hand legte. Er hatte sich überzeugt, daß er
+sich schmählich getaucht--daß es nur ein Gebiet gab, auf dem er
+Meister war, und daß er nichts anderes zu tun hatte, als möglichst
+lange Meister auf ihm zu bleiben: ob es ihm nun gefiel oder nicht!
+
+Alles andere war ihm verschlossen.
+
+Und eine Ahnung dämmerte ihm auf, wie eng der Kreis seiner Welt war.
+Es gab andere, weitere Gebiete, von denen er nichts verstand, von
+denen er nicht einmal wußte. Ewig unerreichbar für ihn.
+
+Wohin nun aber sollte er mit dieser ungestillten Sehnsucht seiner
+Wünsche, dieser begehrlichen Kraft, die nicht zufrieden war, wie ein
+Zirkuspferd im Kreise herum zu trotten?--Wohin mit ihr?!--
+
+Es war nur erst eine Ahnung, die ihm gekommen war mit dem heutigen
+Tage. Aber schon begann sie ihn zu beunruhigen.
+
+
+8
+
+Alles ging wieder seinen alten Gang.
+
+Äußerlich veränderte sich zunächst nichts im Leben des Vereins.
+
+Die Springerei Felders betrachtete man als eine Laune, einen
+verrückten Einfall, wert höchstens noch eines schlechten Witzes,
+hätte man nicht seine unbeschreibliche Aufregung und plötzlich
+hervorbrechende Wut gesehen, wenn jemand ihn gelegentlich zu machen
+versuchte. So rührte man nicht mehr daran.
+
+Innerlich aber war zwischen Franz Felder und seinem Klub ein Riß
+entstanden, den keine Aussprache heilte und der sich fast täglich
+mehr verschärfte.
+
+Entstanden war er durch Felders eigenmächtige Handlungsweise. Wann
+war es je dagewesen, daß das Mitglied eines Klubs auf eigene Faust zu
+trainieren begann und daraus sogar vor seinen eigenen Klubbrüdern ein
+Geheimnis machte?--Wenn man das wollte, brauchte man keinem Klub
+anzugehören. Wäre es nicht Felder und zudem die Idee nicht gar so
+absurd gewesen, so würde man ja der Sache noch auf andere Weise näher
+getreten sein. So aber... Außerdem würde er wohl jetzt eingesehen
+haben, was er davon gehabt hatte!...
+
+Man sprach mit ihm nicht mehr darüber, aber Felder fühlte wohl,
+wieviel an Unmut und Mißtrauen gegen ihn zurückgeblieben war.
+
+Schlimmer aber war, daß er in den Zeitungen, die in diesen Wochen so
+laut den Ruhm des Künstlers, der nach ihm seinen "Springer" gebildet,
+verkündeten, als der "Meisterspringer von Europa" bezeichnet wurde.
+Es war Felders ehrgeiziger Wunsch gewesen, daß sein Name genannt
+werden sollte; und der Bildhauer, von Dankbarkeit gegen seinen
+selbstlosen und treuen Helfer getrieben, hatte alles getan, was in
+seinen Kräften stand, um ihn zu erfüllen. Daß dabei der Irrtum
+unterlaufen war, war zwar nicht seine Schuld, da er wohl wußte, daß
+Felder nur Schwimmer war, und da er ja selbst seinem verunglückten
+Debüt als Springer beigewohnt hatte; aber immerhin entschuldbar bei
+den Kunstschreibern, die wenig von solchen Unterschieden wußten und
+sich beim Beschauen der Statue wohl gedacht haben mochten, daß der,
+der als Springer dargestellt worden war, auch als solcher sich seinen
+Meisternamen erworben haben müßte.
+
+Wer Felder kannte, wußte, daß ihm am wenigsten an diesem Irrtum
+irgendwelche Schuld beizumessen war. Er hätte sich lieber die Hand
+abhauen lassen, als einen Erfolg für sich in Anspruch zu nehmen, den
+er nicht voll verdient zu haben sich bewußt war.
+
+Er war außer sich über das Versehen. Er ließ sich von dem Künstler--
+noch einmal führ er zu diesem Zweck den langen Weg nach Wilmersdorf
+hinaus und betrat das staubige, nüchterne Atelier wieder, in dem
+bereits an einem neuen, großen Werk gearbeitet wurde--eine
+schriftliche Erklärung geben, daß er sich ihm nie gegenüber als etwas
+anderes ausgegeben habe, als was er wirklich war, und nahm zudem das
+Versprechen mit sich, daß alles getan werden würde, um den
+bedauerlichen Irrtum wieder gutzumachen. Das Papier stellte er zur
+Verfügung des Klubs und dieser betrachtete natürlich die
+Angelegenheit als seine eigene. Aber was half das alles! Felder hätte
+keine Feinde haben müssen, so zahlreich wie seine Erfolge, als daß
+das Versehen nicht gegen ihn ausgenützt worden wäre; und wenn man ihn
+auch nicht öffentlich als den Urheber desselben bezeichnete, so gab
+es doch genug Stimmen in den feindlichen Lagern, die der Behauptung
+nicht widersprachen, daß er geduldet habe, was er so gerne als
+Wirklichkeit gesehen hätte...
+
+Für die immerwährenden Streitigkeiten und Eifersüchteleien zwischen
+den Klubs war die ganze Sache Öl ins Feuer, und sie entbrannten zu
+Beginn dieses Sommers öffentlich und heimlich heißer als je. Felder,
+der so stolz darauf gewesen war, daß seine Person nie den Anlaß zu
+irgend solchen gehässigen und die Sache schädigenden Fehden gegeben,
+erlebte, daß sie und sein Name in sie hineingerissen wurden und fürs
+erste überhaupt von ihnen nicht mehr zu trennen waren.
+
+Immer wieder kehrte der Gedanke zurück, der an jenem Abend, als er,
+äußerlich ruhig und lächelnd, aber innerlich aufs tiefste erbittert
+über seine Niederlage, unter seinen Genossen saß und sich zum ersten
+Male unter ihnen wieder fremd fühlte, zuerst in ihm aufgetaucht war:
+der Gedanke des Austritts. Ein Austritt aus dem einen und der
+Übergang in einen anderen Verein war nichts Außergewöhnliches. Es kam
+alle Tage vor, daß Träger bekannter Namen aus irgendwelchen, oft ganz
+geringfügigen Ursachen ihren angestammten Klub verließen und in einen
+anderen übergingen, gewöhnlich eine Anzahl anderer Mitglieder mit
+sich ziehend und nicht selten eine Spaltung herbeiführend, die die
+Gründung eines neuen Vereins zur Folge hatte. Eine ganze Reihe der
+wie Pilze aus der Erde schießenden Klubs war auf diese Weise
+entstanden und hatte das Eingehen anderer, älterer, verursacht. Ja,
+es geschah, daß manche die Gründung solcher neuen Vereins geradezu
+als Sport betrachteten, und es war vorgekommen, daß Träger von Namen,
+die zu den allerersten in der Schwimmerwelt zählten, im Laufe weniger
+Jahre drei, vier Vereinen angehörten und sie ganz nach ihrem Belieben
+wechselten.
+
+Aber Felder konnte sich doch noch nicht mit dem Gedanken eines
+Austritts vertraut machen. Es erschien ihm noch immer als etwas
+Undenkbares, daß er den S.-C. B. 1879 verlassen sollte, mit dem er
+verwachsen war mit jeder Faser, dem er die glücklichen Jahre seiner
+Entwicklung verdankte, und den er durch seine Siege wieder zum ersten
+und meistgenannten unter allen gemacht hatte.
+
+Noch liebte er ihn und alles, was mit ihm zusammenhing. Noch konnte
+er nicht von ihm lassen... Er wehrte sich gegen seine Gedanken.
+
+Aber dann kam ein Tag, der gewissermaßen die Entscheidung über ihn
+hinwegnahm.
+
+Felder reiste nach Hamburg, um zum zweiten Male die Elbmeisterschaft
+sich zu eigen zu machen.
+
+Ein älteres Mitglied, ein Kaufmann, der gerade in Hamburg Geschäfte
+hatte, schloß sich ihm an, und Felder konnte es nicht hindern, daß
+während der Fahrt die Rede auf die Vorgänge und allen Klatsch und
+Tratsch der letzten Zeit kam. So erführ er die Äußerung Nagels bei
+Beratung seiner Meldung zum Springen: "daß er ihm eine Niederlage
+wünsche, eine gründliche Niederlage"... Das Wort traf ihn wie ein
+Schlag. Er ließ es sich zweimal wiederholen, ehe er es glaubte. Dann
+wurde er ganz still.
+
+Er sprach kaum ein Wort mehr an diesem Tage: nicht während der Fahrt,
+nicht während der Begrüßung in Hamburg, nicht während des Festes...
+Man glaubte dort, er müsse krank sein; aber man sah ihn schwimmen,
+mit einer solchen verbissenen Wut und Kraft, daß die bloße Vermutung
+lächerlich schien. Sofort nach seinem Siege--und was für ein Sieg war
+es wieder!--ging er allein zum Bahnhof, ohne sich von einem Menschen
+zu verabschieden, und fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin zurück.
+
+Er ging sofort in das Restaurant des Klublokals, wo er gewiß war,
+seine Leute zu treffen. Er fand einige von ihnen beim Billard. Auch
+Nagel. Er wartete, bis die Partie zu Ende war, ohne auf irgendwelche
+Fragen Antwort zu geben.
+
+Dann gingen er und sein alter Schwimmwart in das noch leere
+Klubzimmer, und hier, in dem Räume, der die Spuren jeder Etappe in
+Felders Laufbahn in irgendeinem Preisstück, von dem einfachsten bis
+zu dem kostbarsten, aufwies, hier erfolgte die Auseinandersetzung
+zwischen den alten Freunden.
+
+Felder war maßlos erregt; Nagel blieb ruhig wie immer. Und nichts
+reizte den anderen so sehr, wie diese kühle Ruhe.
+
+--Ist es wahr, daß du mir eine Niederlage, eine _Niederlage_
+gewünscht hast?--begann Felder, und die Antwort, die er bekam,
+brachte ihn außer sich:
+
+--Ich habe sie dir nicht gewünscht; aber ich habe gesagt, eine
+gründliche Niederlage sei das einzige, was dich noch zur Besinnung
+bringen könne...
+
+--Er sei also nicht bei Besinnung?
+
+--Er sei seit einem halben Jahre so völlig von Ehrgeiz und Ruhmsucht
+verblendet, das er jede Direktive verloren habe und nach dem
+Unmöglichen strebe.
+
+Und nun sprach Nagel ruhig und lange, und wenn manches auch wahr war,
+was er sagte, so war anderes doch auch einseitig und unverständig,
+und alles war hart und scharf und unfreundlich. Felder hörte es bis
+zum letzten Worte an.
+
+Er möge sich doch nicht einbilden, setzte Nagel auseinander, daß man
+die Wandlung in seinem Wesen nicht schon seit langem und mit immer
+größerem Mißfallen beobachtet habe. Daß er der Entwicklung in dem
+Ausbau des Klubs nie das nötige Interesse entgegengebracht habe,
+darüber war man sich ja schon lange klar gewesen. Wann habe er sich
+wohl jemals um den inneren Fortschritt des Vereins gekümmert?--Habe
+er zum Beispiel jemals der Jugendabteilung in ihrer Ausbildung
+geholfen?--Sei er auch nur ein einziges Mal einem der Jüngeren mit
+Rat und Hilfe zu Seite gestanden?--Sei er nicht immer nur mit
+Widerstreben an die Beteiligung bei dem Wasserpolo gegangen, und nur
+dann, wenn es unumgänglich nötig gewesen war?--Habe er nicht noch
+letzthin seine Beteiligung am Staffettenschwimmen aus reinem Hochmut
+einfach abgelehnt?--Immer habe er nur an sich gedacht, schon als
+kleiner Junge, immer nur an sich, und alles andere sei ihm schnuppe
+gewesen. Auch mit den Kämpfen des Vereins um seine Existenz innerhalb
+der Bewegung (damit meinte Nagel die Streitigkeiten mit anderen
+Vereinen) habe er sich nie befaßt, sondern sei immer gleichgültig
+und mürrisch nebenher gegangen, und wenn er sich in letzter Zeit
+beteiligt habe, so sei es nur geschehen, um seine Person auch hier
+in den Vordergrund zu drängen. Denn im Vordergrunde müsse er jetzt
+natürlich überall stehen. Nicht zufrieden mit seinen unvergleichlichen
+Erfolgen in Deutschland und im Auslande als Schwimmer, habe er dann
+endlich sogar seine Hände nach den Lorbeeren anderer gestreckt und
+sie an sich zu reißen versucht. Das sei ihm zwar nun nicht gelungen,
+und darüber freue er sich, er, Nagel, der ihn immer gewarnt habe,
+seinem Ehrgeiz allzusehr nachzugeben...
+
+Denn wohin könne ihn dieser jetzt noch führen?--Höchstens noch zur
+Spezialität, zum Berufsschwimmer. Dann aber sei es mit seiner
+Entwickelung zu Ende, dann sei er kein Sportschwimmer mehr, sondern
+nur noch eine Abnormität. Ein Professional, der seine Kunst für Geld
+zeige. Aber es sei nie der Zweck des Klubs gewesen, dem anzugehören
+sie beide die Ehre hatten, solche hors-concours-Größen heranzuzüchten;
+sein Ziel und einziger Zweck sei die gedeihliche Pflege des
+Schwimmsportes, und nichts anderes...
+
+So redete Nagel, und er sprach noch in seiner weitschweifigen und
+langsamen Art, als die anderen von ihrem Billard aus dem Nebenzimmer
+und immer mehr Mitglieder, ältere und jüngere, hereinkamen, sich um
+den Tisch setzten und gespannt zuhörten.
+
+Leider war Brüning nicht unter ihnen, Brüning, der einzige, der mit
+seiner Gemütlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner
+Zuneigung für Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die
+Sache noch hätte ins rechte Geleise bringen können. Er war nicht in
+Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner plötzlichen Reisen.
+Felder saß stumm und blaß da. Jedes der Worte Nagels ließ den Groll
+und die Bitterkeit in seinem Herzen höher und höher steigen. Das war
+ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der
+Vorwürfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er hätte sich
+nicht um das Gedeihen des Klubs gekümmert, er, der nur für ihn, nur
+in ihm all diese Jahre gelebt hatte?--Zwar mit der Jugendabteilung
+hatte er sich wenig befaßt, das war richtig; aber er verstand nun
+einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht
+der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, daß er
+selbst in unermüdlichem Eifer sich ausgebildet hatte?--Wie hätte er
+es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen können? Wie hätte
+er sich dankbarer erweisen können, als dadurch, daß er alle Erfolge
+mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu
+Ehren brachte?--Er habe sich früher nicht an den Debatten beteiligt.
+--Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten
+ihn nun einmal an. Dafür habe er geschwommen, geschwommen, siegreich
+geschwommen!... War das nicht mehr wert, als alle Worte?--
+
+So wies er innerlich jeden der Vorwürfe, einen nach dem anderen,
+zurück, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden
+Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so daß er, als Nagel
+endlich geendet und er blaß und verwirrt aufstand, um zu antworten,
+fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfällige, dem
+Redegewandten entgegnen wollte.
+
+Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhängende
+Worte und halbe Sätze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrücken--
+und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine
+Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als
+suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhörten Beleidigungen und
+Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht
+vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt
+sah. Sie war heute gekommen, während er nach Hamburg gefahren war.
+Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit für Felder
+einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher
+Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude
+zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen
+so berühmt gewordenen Werkes für das Vereinszimmer stiftete... Nun
+stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder.
+
+Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals
+wallte ein mächtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er
+ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor
+Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her
+auch nur eine Spur von Verständnis für seine Gefühle fand, über den
+ganzen Tisch hinweg:
+
+--Ja, Niederlagen wünscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern!
+
+Das hätte er nicht sagen dürfen, und er merkte es sofort an der
+Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe,
+höhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners:
+
+--Sogar von dem Meisterspringer...
+
+Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wußte nicht mehr, was er tat.
+Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, daß ein
+Arm abbrach, faßte sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in
+tausend Splitter zerbrach.
+
+Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging
+ihm nach.
+
+Als er im Torwege des Hauses an der Straße stand, fühlte er
+plötzlich, daß seine Augen naß waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit
+dem Handrücken über sie hin. Dann merkte er, daß es Tränen waren. Er
+wunderte sich.
+
+Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, daß er weinte.
+
+Dann lachte er laut auf, trotzig und verächtlich.
+
+
+9
+
+Koepke mußte den Brief aufsetzen, in dem Felder seinen Austritt
+anmeldete. Kein Entwurf genügte dem im Innersten Gekränkten. Sogar
+der übliche "Schwimmergruß" am Ende mußte fortbleiben und wurde durch
+das steife "Hochachtend" ersetzt. Endlich entschied er sich für die
+kürzeste Fassung. Trotzdem dauerten Vorbereitungen und Ausführung der
+Abschrift fast eine Stunde.--Daß Koepke zugleich mit ihm austrat, war
+ebenso selbstverständlich, wie nebensächlich.
+
+Es war kaum bekannt geworden, daß Felder den S.-C. B. 1879 verlassen
+wollte, als sich bereits mehrere der ersten Berliner Schwimmvereine
+um seine Mitgliedschaft bewarben. Alle wären stolz darauf gewesen,
+den Meisterschwimmer ihr eigen zu nennen. Aber Felder hatte bereits
+entschieden, und es war mehr ein Zufall, als Absicht, der ihn den
+Klub "Hecht" wählen ließ. Er traf eines Abends mit mehreren der ihm
+gut bekannten Mitglieder zusammen, ein Wort gab das andere, und
+Felder war sein Mitglied, ehe er sich dessen versah. Es war kein
+besonders hervorragender, aber geachteter und strebsamer Verein, der
+sich natürlich mit dem S.-C. B. 1879 in keiner Beziehung messen
+konnte, aber doch auch nicht zu jenen kleinen Klubs gehörte, die
+lediglich aus Vereinssimpelei entstanden waren und das Schwimmen nur
+so nebenbei betrieben. Er setzte sich in seiner Herrenabteilung meist
+aus kleinen Gewerbetreibenden und Beamten, in seinen jüngeren Leuten
+aus deren Angehörigen und Bekannten zusammen und bildete
+gewissermaßen eine große Familie.
+
+Für Felder war die Art und Weise entscheidend, mit der man ihm
+entgegenkam. Man betrachtete seinen Eintritt als hohe Ehre und nahm
+die Gelegenheit sofort wahr, den Tag als Fest zu feiern, wie man
+überhaupt in geselligen Zusammenkünften groß war.
+
+Felder gebot von der ersten Stunde an unumschränkt in allem, was er
+wollte und wünschte. Das war nun zwar niemals mehr, als Beteiligung
+an jeder irgendwie bedeutsamen Schwimmkonkurrenz. Denn jetzt, wo er
+sich endgültig auf dieses, sein Gebiet, beschränkte, war seine
+Eifersucht, unumschränkt auf ihm zu herrschen, größer als je. Keiner
+widersprach seinen Wünschen. Dafür erwartete man Wunderdinge von ihm,
+als Geringstes einen ganz neuen Aufschwung des Klubs.
+
+Der Anfang war vielverheißend. Man leerte die Kasse willig, um Felder
+auf möglichst viele auswärtige Feste senden zu können, und freute
+sich kindlich an den eroberten Preisen, mit denen man das noch recht
+kahle Klubzimmer schmückte. So siegte er im Laufe der Sommermonate
+nacheinander: im Schwimmen um die "Havelmeisterschaft", bei dem neben
+ihm nur noch einer startete; in Magdeburg im Schwimmen um die
+"Elbmeisterschaft", die er nun schon zweimal sein nannte; in dem
+großen "Müggelseeschwimmen", einem heißen Kampfe; in Hannover, wo er
+allein an den Start ging, und daneben in mehreren lokalen
+Veranstaltungen der Berliner Klubs. Er unterlag eigentlich nur ein
+einziges Mal, als er auf dem Gastschwimmen des "Triton" sich von dem
+Favorit dieses Klubs im Brustschwimmen zu dessen eigenem Erstaunen
+schlagen ließ.
+
+Aber die Kämpfe dieses Jahres standen unter keinem günstigen Zeichen
+und nicht auf der Höhe derer der Vorjahre. Die Europameisterschaft
+wurde nicht in England ausgefochten, sondern in Wien. Als Felder im
+August dort hinreiste, fand er weder von England, noch von Italien
+Konkurrenten vor. England hatte, wie gewöhnlich, keine entsandt, und
+der italienische Meister, mit dem er nun schon zweimal so erfolgreich
+gerungen und der Stein und Bein geschworen, ihn beim dritten Male
+unterzukriegen, war nicht erschienen. Er sei krank, hieß es...
+Deutschland hatte überhaupt keinen geschickt außer ihm. Es
+konnte nichts Besseres tun. Aber die Freude an der diesjährigen
+Europameisterschaft war Felder getrübt. Er wäre nur zufrieden
+gewesen, wenn er sie gegen die ersten Meister der Welt auch diesmal
+hätte verteidigen können, vor allem gegen jenen australischen
+Schwimmer, von dessen phänomenalen Leistungen die internationalen
+Sportblätter so viel sprachen, dessen Rekord über die 1000-Meter-
+Strecke den seinen um zwei Minuten übertraf und dessen Porträt
+deshalb in der letzten Nummer des "Sport im Bilde" neben das seine
+gestellt war. Aber der war nicht gekommen und auch nicht erwartet
+worden... Er messe sich nur in Australien und England, hieß es.
+
+Als Sieger kehrte er zurück, mit Jubel empfangen. Als Sieger ging er
+auch aus dem diesjährigen großen Verbandsschwimmen in Charlottenburg
+hervor, wo er einen doppelten Triumph davontrug. Denn hier führte er
+zum ersten Male die neuen schwarz-gelben Farben gegen die blauweißen
+ins Feld. Der S.-C. B. 1879 wagte es und hatte zum Schwimmen über
+dreihundert Meter--wie früher ihn--ein Mitglied gemeldet. Felder
+lachte, als er es hörte.--Gegen ihn!--Man wollte ihn ersetzen?--Man
+sollte sich täuschen. Er wollte ihnen zeigen, was sie an ihm verloren
+hatten. Und es machte ihm ein grausames Vergnügen, den früheren
+Klubgenossen, mit dem er so manches Mal zusammen im Spiel geübt
+hatte, noch neben sich liegen zu lassen, als die anderen drei
+Konkurrenten schon längst hinter ihnen geblieben waren, ihm zu
+erlauben, bis auf Körperlänge ans Ziel zu kommen, schon die Rufe zu
+hören, die früher ihm gegolten, und ihn dann unter dem tosenden
+Beifall der Schwarz-Gelben und aller Zuschauer um diese eine
+Körperlänge zu schlagen, indem er mit seinem gefürchteten und
+berühmten Anschlag ans Ziel ging...
+
+An diesem Abend, als er neben diesem 300-Meter-Siege auch noch den
+neu gestifteten "Kaiserpreis" für den "Hecht" erwarb und seine neuen
+Genossen nicht genug tun konnten, ihm ihre Freude und Dankbarkeit zu
+beweisen, während der S.-C. B. 1879 in corpore das Lokal der
+Preisverteilung verließ, genoß er ganz das Gefühl der Genugtuung
+gesättigter Rache.
+
+Aber in nächster Zeit, in den langen Tagen und Wochen zwischen den
+großen Festen, sonst stets so ausgefüllt durch ruhige Arbeit und
+frohen Verkehr mit lieben Freunden, fühlte er mehr als je, was er in
+diesem Sommer verloren. Keinen der beiden Schläge--die ersten, die er
+in seinem Leben empfangen,--vermochte er zu verwinden: weder die
+Niederlage im Springen, noch den Verlust seines Klubs. Der eine hatte
+ihn noch trotziger und eifersüchtiger gemacht, obwohl sie ihn tief
+verletzt; aber an dem anderen litt er. Es war eine Wunde, die sich
+nicht schließen wollte.
+
+Denn unter seinen neuen Genossen fühlte er sich fremd. Wie als Knabe
+schon, war er auch jetzt noch nicht imstande, sich schnell an neue
+Menschen anzuschließen und im Verkehr sich leicht zu geben. Das wurde
+natürlich auf der anderen Seite ebenfalls empfunden und manche
+Versuche vertraulicher Annäherung hörten von selbst auf.
+
+Felder war nicht mehr zufrieden und glücklich. Noch standen seine
+Siege ganz auf der Höhe derer vom Vorjahre. Er schwamm noch ebenso
+tadellos, sein Stil war unanfechtbar, wie seine Siege, aber sie
+machten nicht mehr dasselbe Aufsehen wie bisher. Man hatte sich an
+sie gewöhnt und erwartete nichts anderes von ihm. Er selbst legte
+ihnen nicht den Wert mehr bei, wie früher.--Manche sagten, eine
+gewisse Gier und Rücksichtslosigkeit habe sich seiner bemächtigt, die
+ihm früher nicht eigen gewesen sei.
+
+Vielleicht täuschten sie sich, weil er nicht mehr so ruhig war, wie
+sonst, nicht mehr mit derselben frohen Unbekümmertheit und Heiterkeit
+an den Start ging. Aber in einem hatten sie recht: Felder war
+wirklich ein anderer geworden. Er war nicht mehr zufrieden, nicht
+mehr glücklich.
+
+Außerdem beschlich ihn jetzt zuweilen ein ganz neues Gefühl, das er
+nie vorher gekannt hatte: er fühlte sich einsam.
+
+
+10
+
+Es war nichts Besonderes, daß sich im Briefkasten des Klubs Sendungen
+für Felder befanden. Glückwünsche, Einladungen zur Beteiligung an
+Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und
+Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, daß sich
+unter all diesen geschäftlichen Dingen, die sämtlich von Koepke mit
+rührender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so
+daß Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte--
+es war nicht das erstemal, daß sich unter den Eingängen Schreiben von
+zarter Hand befanden, auf die der Empfänger zwar nie reagierte und
+die er meistens dem Gelächter seiner Freunde preisgab, Briefe, die
+ihn aber doch dazu veranlaßt hatten, seine Korrespondenz erst selbst
+durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretär auslieferte. Eines
+Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in
+der Hand, als er wußte, von wem er kam. Er spürte einen schwachen,
+unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er
+allein war, öffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden
+Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die
+schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und
+nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese
+Zeilen:
+
+"--Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich weiß, Sie werden kommen.
+Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten-
+und Taubenstraße, der südwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort,
+wo die Litfaßsäule steht, erwarten, um Sie zu mir zu führen. Ich
+weiß, Sie werden kommen!..."
+
+Felder war ganz verblüfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief
+war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch
+dessen Schriftführer, wie schon so mancher andere, einfach an den
+"Hecht" weitergesandt worden. Es war kein Zweifel möglich.
+
+Und plötzlich, während er noch das Papier in der Hand hielt und nicht
+wußte, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame
+Duft eines bestimmten Parfüms auf und mit ihm die hohe, schlanke
+Gestalt in grauer Seide mit dem kühnen und festen Blick.
+
+Das war sie, die ihn damals im Café so unverwandt angeblickt, die er
+in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben
+Tages--er biß die Zähne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte--zum
+dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder...
+
+Sie mußte es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein.
+Der Brief war von ihr.
+
+Aber was fiel dieser Person denn ein?--Das war ja der reine Wahnsinn,
+einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton!
+Aber sie irrte sich, diese "Dame". Er war keiner von denen... Sie
+konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in
+einen unförmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bückte er sich,
+las die Zeilen noch einmal und zerriß den Brief in lauter kleine
+Stücke, die er fallen ließ.
+
+Also _das_ wollte sie von ihm!--
+
+Aber sie konnte lange warten. Einstweilen würde sie sich schon mit
+ihrem Alten begnügen müssen.
+
+
+11
+
+So ging auch dieser Sommer zu Ende, und Franz Felder war fast froh
+darüber. Viele neue Ehren hatte er ihm gebracht, keine neuen, keine
+reinen Freuden mehr.
+
+Alles war anders geworden gegen den vorigen. Ein kurzes Jahr, und
+welche Veränderungen!--
+
+Getrennt von seinen alten Freunden, fremd und unheimisch unter den
+neuen; nicht mehr dumpf in den engen Bezirk eines abgeschlossenen
+Lebens gebannt, sondern beunruhigt durch Einblicke in die
+Lebensführung anderer Kreise, erworben auf weiten und
+abwechslungsreichen Reisen beim Streifen weiterer Fernen; neben
+unerhörten, nicht endenwollenden Siegen eine lächerliche, zwecklose,
+einzig selbstverschuldete Niederlage--hatte er Gefühle von
+Bitterkeit, Groll und wiederum gesättigter Rache kennen gelernt, die
+der schlichten, frohen Unbekümmertheit seiner Jugend bisher völlig
+fremd gewesen waren.
+
+Er hatte die höchste Höhe erreicht. Keine bewundernden Augen folgten
+seinem Aufstieg mehr.
+
+Er stand oben, ganz allein, wie er es gewollt. Nun ging es in
+schwindelnder Höhe von Grat zu Grat, und wer ihm nachsah bei seiner
+hastigen Wanderung von Sieg zu Sieg, ohne Ausruhen, ohne Freude mehr,
+der konnte sich eines bangen Gefühles für ihn nicht erwehren.
+
+Eines Tages würde er fallen in den Abgrund der Vergessenheit.
+
+Felder selbst wußte es. Aber wie der tollkühne Wagehals, der in
+atemloser Hast von Gipfel zu Gipfel eilt und keinen Blick rückwärts
+mehr in die Tiefe zu tun wagt, weil er fürchtet, der Schwindel könne
+ihn ergreifen und niederreißen, so wollte auch er nicht mehr daran
+denken, woher er gekommen war, und nicht wissen, wohin er ging.
+
+Statt in ruhiger Wahl sich die schönsten der Früchte von dem Baume zu
+pflücken und sie zu genießen, rüttelte er in unersättlicher Begierde
+an ihm und ließ sie zur Erde fallen, ohne sich kaum noch die Mühe zu
+geben, sie zu zählen.
+
+Die stille Wut des Gehetzten überfiel ihn zuweilen, von dem man das
+Unmögliche verlangt und der doch über seine eigene Kraft nicht hinaus
+kann.
+
+Und doch war er es ganz allein, der sich unaufhörlich antrieb mit den
+quälenden Zurufen seines Innern: "Weiter!--weiter!--Immer weiter!--
+Nur kein Stillstehen! "...
+
+Er schwamm nicht mehr, wie bisher.
+
+Er hatte keine Achtung mehr vor seiner eigenen Kunst, weil sie ihm
+nicht mehr die höchste Freude war.
+
+Wie er angefangen, in seinen Gegnern seine Feinde zu sehen, so sah er
+einen Feind jetzt auch in seinem Wasser.
+
+Nie tummelte er sich mehr in ihm, wie als Knabe im kindlichen Spiel;
+nie rang er mehr mit ihm, um die Kraft des Jünglings in ehrenvollem
+Kampfe mit dem Gegner zu messen.
+
+Das Wasser war sein _Feind_ geworden. Er kämpfte mit ihm auf Tod und
+Leben--um sein Leben!
+
+Und er behandelte es, wie einen Feind. Er grüßte es nicht mehr mit
+frohem, leuchtendem Blick, wenn er seine glitzernde Fläche sah. Er
+koste es nicht mehr mit warmer Hand und hielt keine vertrauliche,
+heimliche Zwiesprache mehr mit ihm.
+
+Hastig kam er, griff beim Sprunge mit den Händen in die Flut, als
+wolle er sie würgend bei der Gurgel packen, schlug und mißhandelte
+sie, wenn sie ihn nicht schnell genug zum Ziele trug, und das Wasser
+schien es zu fühlen.
+
+Er bildete sich ein, es setze ihm seit einiger Zeit einen geheimen
+Widerstand entgegen, als trüge es ihn nicht mehr so leicht wie bisher
+zu seinen Zielen, und rasend vor Wut mißhandelte er es mit den
+Fäusten, um es seinem Willen gefügig zu machen.
+
+Und das Wasser murrte und grollte und schrie unter diesen ungewohnten
+grausamen und rohen Schlägen, und bäumte sich auf, und ließ ihn doch
+immer noch gewähren, weil es ihn vor allen so lange geliebt hatte und
+immer noch liebte.
+
+Aber Felder hörte die heimliche Warnung der vertrauten Stimme schon
+nicht mehr.
+
+
+
+
+Vierter Teil
+
+
+1
+
+Er war nicht mehr zufrieden und nicht mehr glücklich.
+
+Es schien ihm, als habe sein Leben keinen Inhalt mehr. Was seine
+Freude gewesen war, war es nicht mehr.
+
+Und stärker und stärker wurde das Gefühl der Einsamkeit in ihm. Er
+hatte zwar jetzt jeden Abend etwas vor, ging hierhin in ein
+Varietétheater, und dorthin zum Bier, aber wiewohl er in Gesellschaft
+war, fühlte er sich doch allein.
+
+Eines Tages erhielt er einen zweiten Brief, auf demselben starken,
+rauhen Papier mit dem unbeschnittenen Rande: "--Vergessen Sie nicht:
+_jeden_ Freitag Abend um 8 Uhr erwartet man Sie an der Ecke der
+Tauben- und Charlottenstraße, dort, wo die Litfaßsäule steht, denn
+ich weiß, Sie werden kommen. Einmal werden Sie kommen--ganz
+sicher!"...
+
+Wieder knitterte er ihn zusammen, und wieder faltete er ihn
+auseinander, um ihn abermals zu lesen. Die Geschichte wurde ihm
+unheimlich. Der bestimmte, überlegene Ton des Briefes ließ diesmal
+kein Lachen in ihm aufkommen. Wenn er noch seine alten Freunde gehabt
+hätte, würde er einem von ihnen, zum Beispiel Brüning, den Brief
+gezeigt haben. Unter seinen neuen war keiner, dem er sich anvertrauen
+mochte.
+
+Er dachte zuweilen an die erste Begegnung im Café und die beiden ihr
+folgenden. Manchmal, wenn er eine schöne Frau oder ein hübsches
+Mädchen sah, kam ihm die Fremde ins Gedächtnis, und immer fiel der
+Vergleich zu ihren Gunsten aus. Immer dachte er auch daran, daß sie
+an jenem Nachmittag seinem Unterliegen beigewohnt--weshalb war sie
+damals gekommen, wenn nicht seinetwegen?--Wußte sie, wer er war?--Und
+was mußte sie nun von ihm denken?--
+
+Das Rätselhafte der ganzen Sache begann ihn zu beschäftigen. Diese
+geheimnisvollen Briefe--woher hatte sie seinen Namen erfahren und den
+des Klubs?--Sie mußte ihn an jenem ersten Abend im Café gehört haben,
+anders war es überhaupt nicht möglich.
+
+Und dieses Rendezvous?--Ecke Tauben- und Charlottenstraße. Das war am
+Schauspielhause. Auf dem Gendarmenmarkte. Wer erwartete ihn dort?--
+Und was wollte sie von ihm?--Was konnte sie von ihm wollen?--Nur
+eines!
+
+Nie wäre er hingegangen, wenn er sich nicht so einsam gefühlt hätte,
+wenn sie ihn nicht an jenem Nachmittage gesehen und--wenn sie nicht
+so schön gewesen wäre!
+
+Denn sie war so schön, daß er sie nie vergessen hatte. Als er diesen
+zweiten Brief bekam, fühlte er es; und er zerriß ihn nicht, sondern
+steckte ihn zu sich.
+
+Dann wieder kamen ihm diese Aufforderungen dumm und schamlos vor. Er
+wußte ganz gut, was sie von ihm wollte. Er war kein kleiner Junge
+mehr, und zudem war er ein Berliner. Mit ihm "sich amüsieren"--das
+wollte sie!... Schließlich, nachdem er den ersten Freitag und den
+zweiten hatte verstreichen lassen, beschloß er, an einem nächsten
+einmal an der bezeichneten Ecke vorbei zu gehen. Er wollte doch
+einmal nachsehen, wer denn dort auf ihn wartete. Wahrscheinlich
+niemand... Sie hatte es jetzt wohl aufgegeben, nachdem sie einmal
+gesehen, daß "mit ihm nichts zu machen war".--
+
+Um sieben Uhr kam er von der Arbeit. Um acht war er an der Ecke. Er
+hatte recht: es war niemand da, um ihn zu "erwarten". Er war doch ein
+rechter Esel. Da--schon wandte er sich zum Gehen--stand, wie aus der
+Erde gewachsen, dicht neben ihm eine alte, kleine Frau, in einen
+weiten Mantel gehüllt und den Kopf halb unter einer großen Kapuze
+verborgen, so daß Felder nur die scharfe Nase und die dunklen,
+funkelnden Augen sah, und sagte mit einem fremden Akzent hastig und
+bestimmt: "Bitte mir nur zu folgen!--Nicht weit..."
+
+Wo war sie so plötzlich hergekommen?--Hatte sie hinter der Säule
+gestanden?--Oder war sie aus einer der wartenden Droschken
+gestiegen?--Felder erfuhr es nie. Aber er folgte ihr fast willenlos,
+so überrascht war er.
+
+Die Alte ging schnell vor ihm her. Noch überlegte er, ob er nicht
+umkehren sollte, als sie bereits vor einem Hause halt machte und die
+Tür öffnete. Er hatte nur Zeit, zu fragen: "Wohin führen Sie mich
+denn eigentlich?"--Aber die Alte verstand seine Frage offenbar gar
+nicht. Sowie er die ersten Worte sprach, unterbrach sie ihn und sagte
+wieder nur (und es war wie eine eingelernte Redensart) schnell und in
+hartem Deutsch: "Bitte mir nur zu folgen!--Gar nicht weit!--Schon
+hier!"--Nochmals, als sie dann die Treppen hinaufstiegen und er immer
+weiter, wie gebannt, folgte, wollte er fragen und sich wehren, aber
+wieder wurde eine Tür geöffnet, aus dem Entree strömte es ihm hell
+und warm entgegen, und die Alte wiederholte, indem sie ihn durch
+Gebärden aufforderte, seinen Überzieher abzulegen und ihm dabei
+behilflich war: "Schon hier!--Schon hier!"--
+
+Im nächsten Augenblick stand Franz Felder in einem hohen, dämmerigen
+Gemach: schwere Teppiche auf dem Boden, schwere Portieren über den
+Türen und Fenstern, schwere Fauteuils und Ruhestätten, aber sonst
+alles klein und leicht, die tausend verschiedenen Luxusdinge aus der
+Umgebung einer verwöhnten Frau.
+
+In der Mitte des Zimmers stand sie selbst, in einem dünnen fast
+durchsichtigen Gewande, ihn erwartend. Als sie ihn sah, ging
+sie langsam auf ihn zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sie waren
+allein. Sie sah ihn an, aber ganz anders, wie sonst: mit einem
+unbeschreiblichen Lächeln. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und
+ihr Körper preßte sich dicht an den seinen.
+
+Dann küßte sie ihn, und es war wie ein Aufatmen, als sie dann das
+erste Wort sagte: "Endlich!..."
+
+Er stand ganz still. Er wußte nicht, was er tun sollte. Aber das Blut
+stieg ihm zu Kopf: wie schön sie war!--Und der Duft, der fremde,
+seltsame Duft, der von ihr ausging, dieser Duft, den er kannte,
+berauschte ihn und brachte ihn um seine letzten Sinne.
+
+Noch wollte er nicht. Aber er mußte. Wie schön sie war!... Er wußte
+schon nicht mehr, wo er war und was er tat.
+
+Sie sah es. Sie empfand es.
+
+Und da regte sich in ihr, die diesen Augenblick seit Monaten mit
+verhaltener Gier ersehnt, und in ihm, der sich vor diesem Augenblick,
+ohne es sich klar zu machen, gefürchtet hatte, die Lust ihn zu
+verlängern, und Auge in Auge, mit heißem Atem und glühenden Händen,
+maßen sie ihre Stärke aneinander--diese schönen Menschen, beide in
+der Fülle einer in stetiger Ausdauer geübten Kraft.
+
+Aber in ihm erwachte der Mann. Und da er der Stärkere war, nahm er
+sie, wie sie es wollte und gewollt hatte seit der Stunde, in der sie
+ihn zum ersten Male gesehen und für sich begehrt.
+
+
+2
+
+Sie wurde sein Leben von da an.
+
+Sie wurde es so sehr, daß er über ihr sogar sein Liebstes vergaß. Er
+hätte es bisher für eine Unmöglichkeit gehalten, mehr als zwei Tage
+vergehen zu lassen, ohne im Wasser gewesen zu sein. Ganz selten war
+einmal einer gegangen, an dem er sich nicht in sein Element gestürzt
+hätte, und zwei wohl nie, solange er denken konnte. Nun geschah es,
+daß drei oder vier vergingen, ohne daß es ihm in den Sinn kam, zu
+schwimmen.
+
+Er dachte nur noch an sie: an ihren Mund, an ihre Augen, an jede
+Einzelheit ihres Körpers, der sein geworden war und es jeden Tag von
+neuem wurde.
+
+Es war ein seltsames Verhältnis. Als er eine Woche fast jeden Abend
+bei ihr gewesen war, wußte er noch nicht einmal ihren Namen; als er
+sie vier Wochen kannte, wußte er nicht viel mehr, als daß sie
+Georgette hieß. Vielleicht nannte sie sich auch nur so.
+
+Erst wollte er alles wissen. Er wollte schon dahinter kommen. Aber er
+gelangte selten dahin, eine Frage zu tun; und dann hatte sie eine so
+eigentümliche Art, auf Frägen, die ihr nicht paßten, zu erwidern,
+ohne sie zu beantworten. Nie erfuhr er das, was er eigentlich wissen
+wollte. Und wenn sie nicht mehr ausweichen konnte, dann konnte sie so
+leise bei seiner Frage lachen, als sei diese Frage nur ein guter Witz
+von ihm.--Es kam nie zwischen ihnen zu einem Gespräch. Er so
+schwerfällig, so unerfahren und selbst so schweigsam, war unfähig,
+ein solches in Gang zu bringen; und sie--entweder hatte sie nur die
+kurzen, abgerissenen Worte der Leidenschaft, oder sie lag ihm
+gegenüber, rauchend und ihn unverwandt anblickend, bis sie aufsprang,
+die Zigarette fortwarf und sich von neuem an ihn schmiegte.
+
+Etwas Fremdes haftete allem an, was sie tat und sagte. Ihre Sprache
+war kein reines Deutsch, sondern ein Gemisch von Ausdrücken, die sie
+auf ihren Fahrten durch aller Herren Länder aufgelesen. Denn sie
+kannte alles, war überall gewesen, hatte alles gesehen--und wenn dem
+jungen Manne hier und da einer der vielen fremden Gegenstände, mit
+denen ihre Zimmer überladen waren, in die Augen fiel und er sie nach
+seinem Ursprung fragte, dann geschah es auch wohl, daß sie eine Art
+von Geschichte daran knüpfte: aber nie zusammenhängend, nie so, daß
+sie ein Stück ihres Lebens wurde.
+
+Und so war und blieb sie: immer schlagfertig, immer bereit und im
+Gründe nie direkt ausweichend, aber doch nie und nichts wirklich
+gebend... nichts, außer sich selbst!...
+
+Sie selbst fragte ihn nie nach irgend etwas. Aber sie unterbrach ihn
+auch nie und schien sogar interessevoll zuzuhören, wenn es einmal
+geschah, daß er sein Schweigen brach und von sich und seinen Erfolgen
+anfing zu erzählen. Lange hatte es schwer auf ihm gelegen, daß sie
+ihn gerade an jenem Unglückstage gesehen, an dem er seinen ersten un4
+letzten Versuch in der fremden Kunst machte, und er suchte ihr
+weitschweifig zu erklären, wie alles gekommen war... Sie begriff
+indessen durchaus nicht die Wichtigkeit, die er der Sache beilegte.
+Genügte es nicht, daß er unbestrittener Sieger im Schwimmen war?--Kam
+ihm da einer gleich?--Was wollte er denn noch mehr?--Im Grunde sagte
+sie ihm dasselbe, was seine Freunde ihm auch gesagt hatten. Ihr war
+er recht so. Er war ja so schön, so jung und so stark--ah, so stark!
+
+Aber sie versprach ihm, dem nächsten großen Schwimmen beizuwohnen,
+"wenn es ihr möglich sein würde", wie sie hinzufügte.
+
+Allmählich gab er es auf, zu fragen, als er sah, daß er ihr durch
+keine Antwort näher kam. Er beruhigte sich bei dem Bilde, das er sich
+machte: eine reiche Ausländerin, die in Berlin lebte, nachdem sie
+früh Witwe und völlig unabhängig geworden war (etwas derartiges hatte
+sie einmal geäußert); die wohl Bekannte und Freunde hier hatte
+(natürlich nur Freunde in gutem Sinne, zum Beispiel den alten Herrn,
+mit dem Felder sie zusammen gesehen); die sich in ihn verliebt hatte
+und ihn liebte (das hatte sie ihm in der ersten Stunde in neun
+verschiedenen Sprachen gesagt, und sagte es ihm täglich hundertmal in
+einem Gemisch von dreien)...
+
+Es war nicht viel, was er von ihr wußte, und er fühlte, daß es nicht
+das richtige Bild war, das er vor sich sah. Aber was wollte er
+machen, da es sich ihm nun einmal nicht klarer, als in diesen
+schattenhaften Umrissen, zeigte?--
+
+Und er liebte sie!--
+
+Er liebte sie, wie er seinen Ruhm liebte: er konnte das Glücksgefühl,
+die beide ihm gaben, nicht mehr entbehren. Sie hatte ihn gewonnen,
+weil es seinem Ehrgeiz schmeichelte, von einer so schönen und
+eleganten Frau begehrt zu werden, und weil ihr Wille der stärkere
+gewesen war; und sie hielt ihn fest, indem sie seine erregte
+Sinnlichkeit mit allen Künsten ihrer Erfahrung immer und immer wieder
+aufs neue anstachelte.
+
+Er war in der ersten Zeit fast alle Abende bei ihr. Dann mindestens
+drei-, viermal in der Woche. Nie durfte er ihre Wohnung ungerufen
+betreten. Immer, wenn er von der Arbeit kam, hatte er zuerst auf dem
+Postamte in der Nähe nachzufragen: zuweilen war ein Brief da, der die
+Verabredung dieses Abends auf den nächsten oder übernächsten
+verschob; jedesmal aber mußte er an der Ecke der Straße erst nach der
+Alten sehen, bevor er zu ihr kam: war sie da, so huschte sie
+schweigend vor ihm her, und er folgte ihr die Straße hinunter und die
+in ewiger Dämmerung liegenden, teppichbelegten Stufen der Treppen
+hinauf bis in das hohe, schwüle Gemach. Öfter und öfter jedoch kam es
+vor, daß er noch in dieser letzten Minute durch ein hastig ihm in die
+Hand geschobenes Billett gebeten wurde, heute "nicht zu kommen", da
+das bekannte "unvorhergesehene Ereignis" eine Zusammenkunft für
+diesen Abend unmöglich machte.
+
+So wurde er in einer beständigen Aufregung erhalten, ob er sie sehen
+würde oder nicht. Nach einer so plötzlichen und ihn immer tief
+verstimmenden Absage lag der Abend zweck- und inhaltslos vor ihm; und
+traf diese Absage nicht ein, sah er sie wirklich wieder, so war ein
+Teil seiner Freude schon durch die Unruhe der Unbestimmtheit
+zerstört, in der er den Tag bis zum Abend verbrachte.
+
+So gewöhnte er sich mehr und mehr daran, die leeren Abende
+durch Vergnügungen auszufüllen, an die er bisher schon ihrer
+Kostspieligkeit wegen nur selten gedacht hatte. Er ging in den
+Wintergarten, an Orte, wo Laune und Leben herrschten, nur um nicht
+allein zu sein; trank in Cafés und Lokalen, die er bisher nie
+betreten, hier einen Kognak, dort ein Glas Bier; kam später nach
+Hause, als er wollte, und tat seine Arbeit am nächsten Tage
+widerwillig und in der ewig gespannten Erwartung, ob ihm der Abend
+eine neue Enttäuschung oder seinen Sinnen wieder die ersehnte
+Erfüllung und Beruhigung bringen würde. Er fühlte sich nicht mehr
+einsam, aber unruhig, und konnte den Abend nicht mehr erwarten
+während eines Tages, der ihm zu lang wurde...
+
+Der Rest der von England mitgebrachten Summe wurde öfter und öfter in
+Anspruch genommen und schmolz immer mehr zusammen, denn sein
+Verdienst reichte natürlich nicht entfernt aus, um die erhöhten
+Ansprüche des jetzigen Lebens zu befriedigen. Felder gab für seinen
+Schneider jetzt in einem Monat mehr aus, als sonst in einem Jahre,
+und doch wurde er nie das Gefühl los, nicht gut genug gekleidet zu
+sein, wenn er zu ihr ging, obwohl er dort niemals einen anderen
+Menschen außer ihr sah und sie nie ein Wort über sein Aussehen
+verlor. Er achtete auch schon nicht mehr darauf, wieviel er der
+Sparkasse entnahm. Er brauchte ja nur nochmals nach England zu gehen,
+um einen neuen Fond heimzubringen. Überhaupt war es ein Skandal, daß
+er noch auf seine Arbeit angewiesen sein mußte, während die Meister
+der anderen Sports--die Radler zum Beispiel--längst herrlich und in
+Freuden von den Einkünften ihrer Siege lebten. Nur in seiner Sache,
+bei den Schwimmern, gab es das nicht...
+
+Ganz langsam und allmählich begann er, seine Kunst auch von dieser
+Seite aus zu betrachten. Früher hätte er sich dessen geschämt. Und
+alles das, weil der Luxus, den er so plötzlich täglich einatmete, in
+so schreiendem Gegensatz stand zu seinem bisherigen Leben der Armut,
+Einfachheit und Genügsamkeit.--
+
+Sie hatte ihn.
+
+Sie besaß ihn, weil er sie nicht mehr entbehren konnte.
+
+Sie änderte ihn, ohne es zu wollen. Denn sie hatte ihn so gewollt,
+wie er gewesen war: frisch und unberührt und jung.
+
+Er war es nicht mehr in dieser Leidenschaft zu ihr.
+
+Er, der früher so mäßig gewesen war, trank jetzt, nicht regelmäßig,
+aber unbekümmert, je nach Lust und Laune. Es tat ihm nichts. Er
+fühlte keine Wirkungen. Sein Körper überwand die leichten Folgen
+schnell.
+
+Vielleicht war sein Kopf etwas benommener. Aber er lebte jetzt
+überhaupt in einer dumpfen Schwere, in einem täglich neu erweckten
+Rausch aller Sinne, durch dessen Nebel er immer, wo er ging und
+stand, nur ihren bräunlich-hellen Körper sah, ihre seltsam roten
+Lippen und ihr dunkles Haar, eingehüllt in die Duftwolke ihres
+aufreizenden Parfüms, einen Nebel, süß und weich wie ihre Küsse, warm
+und weich und entnervend wie die weißen Dämpfe der Winterbäder im
+Schwimmbade.
+
+Er verlor seine ewige Sehnsucht nach frischem, klarem Wasser, nach
+kalter, reiner Luft in dieser Atmosphäre. Er verlor sie, ohne es zu
+fühlen, ohne es zu merken. Ganz allmählich glitt er in sie hinein--in
+diese abgründige Leidenschaft, in die immer geöffneten, immer
+begehrenden Arme dieser fremden Frau. Er, der nicht wußte, was Nerven
+waren, fühlte sie erwachen und zittern unter den Liebkosungen ihrer
+Hände, und ehe sie Zeit hatten, sich zu beruhigen, wieder erwachen,
+bis sie--von einem Tag zum anderen in steter Erregung gehalten--
+diesen Reiz nicht mehr zu entbehren vermochten, wie der Trinker sein
+Gift.
+
+Gewiß, er schwamm noch. Ja, er war jetzt wieder, wo ihre Absagen sich
+mehrten und immer öfter die unvorhergesehene Abhaltung, nach deren
+Grund er nicht mehr zu fragen gewagt hätte, eintrat, die flüchtige
+Zeile, die ihn bat, "_nicht_ zu kommen", er war jetzt wieder mehr
+unter seinen neuen Klubbrüdern, als vorher, denn er konnte diese
+einsamen Abende nicht mehr ertragen, in denen er in unterdrückter
+Begierde nach ihr von Kneipe zu Kneipe lief, um den Schlaf zu finden,
+der nicht mehr, wie bisher, in der Minute ungerufen zu ihm kam, in
+der er sich auf sein Bett warf. Aber er wir kein guter Sportgenosse
+und kein angenehmer Gesellschafter unter den "Hechten". Sie wußten es
+vorher, hatten es oft genug gehört, als sie sich um seine
+Mitgliedschaft bewarben, daß sie im Grunde nur seinen Namen bekamen,
+und sie sahen ihm alles nach. Daß er ihnen so fremd bleiben würde
+hatten sie wohl nicht gedacht.
+
+Keiner hatte eine Ahnung davon, was ihn der Sportsache innerlich zu
+entziehen begann. Felder selbst sah und hörte nicht, was um ihn her
+vorging.
+
+Er sah nur noch _sie_.
+
+Eines Abends gab sie ihm ihr erstes Geschenk. Sie saßen sich müde und
+schweigsam gegenüber und wußten nicht wovon sie sprechen sollten. Sie
+zeigte ihm ihre Schmucksachen und erklärte ihm ihren Wert. Er sah
+Dinge, die er nie geahnt hatte. Wenn er nach ihrem Ursprung fragte,
+lachte sie mit ihrem überlegenen Lachen: "O, das war, als sie in
+Buenos-Aires gewesen war, der weiße Pflanzer"--und dies Halsband kam
+aus London "von einem Herrn, der mit dem Prinzen von Wales sehr
+befreundet war... ja, dieser 'Prince des Galles'!..."...Und so ging
+es weiter, und Felder verstand nichts und begriff noch immer nichts
+und wollte auch nichts mehr begreifen.
+
+Sie legte ihm die Ketten und Spangen um, wie einem Kinde, mit dem man
+spielt. Und dann kam, was Felder so lange heimlich gefürchtet, und
+was er so entschlossen war, schon beim ersten Versuch energisch
+abzuweisen: dies Armband, das für ihr Gelenk etwas zu weit war und
+sich so fest um das seine schmiegte, dies goldene Band mit dem daran
+baumelnden Schloß sollte er immer tragen als Andenken an sie--so
+taten es jetzt die Männer; und als sie sein Widerstreben sah, kam
+dieser maßlose Zorn über sie, den er nicht zum ersten Male an ihr
+sah--ihre Augen blitzten, und ihre Lippen, die bebten, sprachen
+fremde und unverständliche Worte der Entrüstung und der Beschimpfung,
+bis sie dann bei seinen vergeblichen Versuchen, das Geschenk
+abzustreifen, ihre Wut ebenso schnell wieder vergaß und in ein Lachen
+ausbrach: Oh, er mußte es ja behalten, er kam ja nicht los, sie hatte
+ja den Schlüssel, und den bekam er nicht, nein, den Schlüssel
+nicht... Und er, erschreckt durch ihren Zorn und gedemütigt durch ihr
+Lachen, wagte nicht mehr, ihre erste Gabe zurückzuweisen. Es sollte
+nur ihre letzte bleiben,--so beruhigte er sich selbst.
+
+Er trug es, das Armband von Gold.
+
+Nie hatte einer seiner Siege, selbst der des Vorjahres in England
+nicht, ein solches Aufsehen gemacht, wie dieses einfache Armband; nie
+sprach man so viel von Felder, wie in diesen Wochen, als er mit dem
+Goldreif am Arm an den Start ging und schwamm. Man lachte, man
+spottete, man schimpfte und forschte nach; man empörte sich, man
+zuckte die Achseln, man machte Vorstellungen und--man erriet...
+Allerseits aber war man sich einig, daß es einfach lächerlich sei für
+einen Mann wie Felder, die dümmste und weibischste aller Moden
+mitzumachen, die man den Gigerln und Narren überließ. Ein deutscher
+Schwimmer und--ein goldenes Armband!--Es war der unerhörteste
+Widerspruch!--
+
+Felder sah und hörte nichts. Höchstens, daß er verächtlich lächelte,
+wenn die Blicke und Worte allzu zudringlich auf seinem Handgelenk
+ruhten.
+
+Höher als sonst streckte er seinen Arm empor, unter die Augen der
+Zuschauer: an ihm glänzte der schmale Reif und leise klirrte das
+winzige Schloß beim Ansprung gegen die goldene Kette.
+
+
+3
+
+Er stand noch nicht im Zeichen des Rückganges, wie die bösen und
+durch "das Armband" von neuem aufgereizten Stimmen behaupteten. Aber
+selbst ruhigere Beobachter, die sich durch äußere Dinge nicht oder
+doch nur wenig beeinflussen ließen, fanden seit einiger Zeit Felders
+Stil nicht mehr so sicher, sein Tempo nicht mehr so fließend wie
+bisher.
+
+Vor allem nicht mehr so rein. Er schien Rücksichten auf seine Gegner
+überhaupt nicht mehr zu kennen. Es genügte ihm nicht mehr, seine
+Siege, wie bisher, in leichtem Kanter nach Hause zu bringen, sondern
+er strebte danach, sie auch dem Publikum recht deutlich zum
+Bewußtsein zu bringen, indem er ihm seine Überlegenheit über die
+andern auf alle Weise zeigte. Darunter mußte sein Stil natürlich
+leiden.
+
+Er fühlte es selbst und sogar einzelne Bemerkungen darüber kamen ihm
+zu Ohren.
+
+Er war zum zweiten Winterfest des Schwimmerbundes zu einem
+Seitenschwimmen gemeldet. Es fiel in den Anfang des Februar. Felder
+hatte nicht die Absicht, zu starten; aber da er auf der Sitzung des
+"Hecht" wieder einmal nicht anwesend gewesen war, hatte sein Klub für
+ihn die Meldung erlassen, in der Überzeugung, damit seinen Wünschen--
+die nach möglichster Beteiligung strebten--zu entsprechen. Er war
+ärgerlich. Man hätte ihn doch wenigstens fragen müssen. Wann denn?--
+entgegnete man ihm. Man sah ihn ja so unregelmäßig. Und wenn man ihn
+nicht gemeldet hätte, wäre er ebenfalls böse gewesen und hätte von
+Zurücksetzung gesprochen.
+
+Er zog die Meldung nicht zurück; es war ihm einerlei. Ein Sieg mehr,
+darauf kam es nicht an! Aber das sagte er gleich: zu der langweiligen
+Preisverteilung und zu dem noch langweiligeren Tanzvergnügen nachher
+kam er nicht. Er hatte keine Zeit am Abend; er war eingeladen.
+
+Er war jetzt immer eingeladen, kein Mensch wußte, von wem. Aber man
+wagte nichts zu entgegnen und war froh, daß er keine weiteren
+Schwierigkeiten machte. Er erschien, wie jetzt immer, spät auf dem
+Fest. Er war die ganze Nacht bei ihr gewesen, und auch am Morgen
+wollte sie ihn nicht fortlassen. Er blieb nur zu gern. Sie
+frühstückten im Bett, spät, und die Stunden wurden verschleudert bis
+über den Mittag hinaus.
+
+Schnell kleidete er sich aus und trat in die überfüllte Halle mit
+seinem hochmütigen und finsteren Lächeln auf dem Gesicht. Diese Feste
+hatten keinen Reiz mehr für ihn. Er fühlte weder Erwartung, noch
+Aufregung. Er nahm seine Mitwirkung jetzt nur als eine Pflicht, die
+von ihm erledigt werden mußte, da er nun einmal der Franz Felder war.
+Je bälder sie getan war, desto besser. Um so eher konnte er wieder
+bei ihr sein...
+
+Ungeduldig wartend stand er unter seiner Mannschaft. Er hielt die
+Arme gekreuzt über der Brust und an seinem rechten Handgelenk glänzte
+herausfordernd das goldene Armband, als wolle er die Blicke aller
+darauf lenken. Kaum, daß er seinen Klubgenossen antwortete, wenn sie
+mit einer Frage zu ihm traten.... Gleichgültig glitt sein Blick über
+die Wasserfläche hin, wo eben ein Rennen zu Ende ging und schnaufende
+Gestalten die Länge des Bassins durchkreuzten.
+
+Sonst hatte Felder nie den Augenblick erwarten können, in dem er
+selbst ins Wasser durfte. Heute kümmerte er sich nicht einmal mehr um
+seine Konkurrenten; er hatte sich kaum die Zeit genommen, ihre Namen
+auf dem Programm zu lesen. Wie gewöhnlich jetzt, ließ er sich Zeit
+während der ersten Länge. Bei der zweiten arbeitete er sich vor; bei
+der dritten wollte er sich dann nach den anderen umschauen.
+
+Er war gut in der Form heute, aber nicht so frisch wie sonst, so--
+schien es ihm. Er nahm daher schon die zweite Länge von Anfang an mit
+Ernst. Bei der dritten wollte ihm der Vorsprung nicht gelingen.
+Irgend jemand, er wußte nicht wer, lag immer dicht neben ihm und
+blieb es bis ans Ende. Er konnte ihn nicht los werden, nicht mit
+aller Anstrengung, und die ungewöhnliche Erregung am Start brachte
+ihn zu der Überzeugung, daß sein Sieg diesmal sehr gefährdet worden
+war.
+
+Aber es war noch mehr als das. Es war ein totes Rennen. Die Richter
+konnten sich nicht einigen und es blieb unentschieden.
+
+Ein totes Rennen--das war weiter nicht schlimm. Ein totes Rennen war
+keine Niederlage. Aber es wurmte ihn doch, und er nahm sich vor, in
+nächster Zeit wieder einmal zu trainieren. "Sie" erleichterte ihm
+seinen Vorsatz, da sie ihm jetzt noch öfter absagte, als bisher; so
+übte Felder denn wieder fast jeden Abend, teils für sich allein,
+teils auch unbekümmert an den Übungsabenden des "Hecht", und er
+fühlte sich Herr seiner Kraft, wie immer. Sich die Zeit, wie früher,
+nehmen zu lassen, verschmähte er.
+
+Er freute sich besonders auf das nächste Meeting: auf dem Feste des
+"Poseidon" wollte er seinem alten Gegner im Gastschwimmen über die
+200 Meter einmal wieder gegenüber treten und ihm--was er bisher gern
+vermieden--auf dem Fest eines Brudervereins unter den Augen der
+Seinen den Lorbeer entreißen.
+
+Eine Bemerkung Wenzels gelegentlich seines Springdebuts war ihm zu
+Ohren gekommen. Felder hatte sie nicht vergessen, wie er nie etwas
+vergaß, was man ihm zugefügt. Dies sollte seine Rache sein.
+
+Die Konkurrenz war merkwürdig stark besetzt: sechs Schwimmer von sechs
+bedeutenden Klubs rangen um den ehrenvollen "Poseidonjahrespreis".
+Felder freute sich auf seinen Sieg; er freute sich noch, als er an
+den Start ging, obwohl er sich wiederum nicht ganz frisch fühlte.
+Aber er war so sicher wie immer.
+
+Dann, als er im Wasser und in der zweiten Länge lag, geschah etwas,
+was er nie für möglich gehalten hätte: er fühlte, wie ihn eine
+plötzliche Mattigkeit überkam, und als er--gegen sie mit aller Kraft
+ankämpfend--etwa in der Mitte der dritten nicht nur Wenzel leicht
+vorauseilen, sondern auch rechts und links je einen Gegner neben sich
+liegen sah, da hatte er zum ersten Male seit Jahren das deutliche
+Gefühl, daß er diesmal nie als Erster ans Ziel gelangen würde. Und
+mit gleicher Deutlichkeit empfand er, daß es in diesem Augenblicke
+nur einen Ausweg für ihn gab, um dieser unvermeidlichen Niederlage zu
+entfliehen: "Aussetzen!"--
+
+Plötzlich im Schwimmen aufhörend und tief bis zum Grunde des Bassins
+niedertauchend, schwamm er dort bis zum Fußende der Leiter, während
+er über sich das Rauschen des Wassers unter dem hastigen Wenden der
+Konkurrenten hörte, und stieg an ihr hinter ihnen, die ihm seinen
+Sieg entführten, aus dem Wasser unter die verblüfften Zuschauer,
+seinem triefenden Körper rücksichtslos Platz schaffend...
+
+Er war an diesem Abend nicht einmal böse, um so mehr, als er hörte,
+daß nicht Wenzel, sondern ein junger Magdeburger vom dortigen
+"Neptun", dessen Namen bisher nie genannt war, Sieger geworden war.--
+Er hatte "ausgesetzt". Nun, was war dabei weiter!--Das taten die
+größten Schwimmer aller Zeiten und Länder alle Augenblicke, und das
+Wunderbare bei ihm war nur das, daß es das erstemal war. Und weil es
+das erstemal war, so war er über jeden Verdacht erhaben, daß er den
+alten, bekannten Kniff angewandt habe, um einer Niederlage zu
+entgehen.
+
+Er--Franz Felder--fürchtete keinen Schwimmer der ganzen Welt und
+brauchte keinen zu fürchten. Das wußte jeder. Aber selbst er konnte
+einmal unpäßlich sein, und das war er heute. Denn hätte er sonst wohl
+das Rennen aufgegeben?
+
+Und _den_ Triumph genoß er wenigstens an diesem Tage, daß keiner,
+auch sein ärgster Gegner nicht, es wagte, den Verdacht dieses Kniffs
+auszusprechen. Die Mutmaßungen und Prophezeiungen indessen, in denen
+man sich erging, hörte Felder glücklicherweise nicht. Sonst wäre
+seine Stimmung an diesem Abend doch getrübt worden, die durch die
+ungeäußerte leise Enttäuschung seiner Genossen vom "Hecht" nicht
+beeinträchtigt, aber durch die Aussicht auf das nächste Schwimmen
+sogar noch bedeutend gehoben wurde.
+
+Denn als Felder sich die erreichten Zeiten des 200-Meter-Schwimmens
+geben ließ, sah er, daß die Leistung dieses jungen, unbekannten
+Magdeburgers nicht nur mit Hinsicht auf seine erstklassigen
+Konkurrenten, sondern auch in bezug auf die erreichte Zeit eine
+außerordentliche genannt werden mußte. Sie erreichte natürlich nicht
+den von Felder vor zwei Jahren aufgestellten und seitdem von ihm
+selbst nie wieder erreichten Rekord von 3:02, aber sie kam doch
+bedenklich nahe an ihn heran.
+
+Der junge Seubert hatte die 200 Meter in 3:25 1/5, Minuten gemacht.
+
+Das reizte Felder. Da war das nächste große Fest, zugleich das letzte
+dieses Winters, das erste Jahresschwimmen des neugegründeten
+"Norddeutschen Schwimmkartells", das besonders großartig und
+feierlich gestaltet werden sollte, um Zweck und Bedeutung dieser
+natürlich wieder aus vielen eifersüchtigen Fehden hervorgegangenen
+Neugründung recht zur Wirkung zu bringen, da war dies große Fest so
+recht die Gelegenheit, um sich auch diesmal einen glänzenden Abgang
+von der Saison zu sichern und einmal wieder "sich selbst zu
+übertreffen", das einzige, was er noch konnte.
+
+Er hatte ja nur nötig, etwas mäßiger zu leben und etwas mehr zu
+trainieren. Daß allerdings beides nötig war, leuchtete sogar ihm ein.
+Dieses plötzliche Versagen der Kraft heute konnte doch kein reiner
+Zufall sein. Es durfte jedenfalls nie wieder vorkommen; denn er
+konnte wohl einmal "aussetzen", aber nun auch nicht wieder.--
+
+Er tat beides: er war jetzt nicht nur nicht enttäuscht, sondern
+begrüßte es sogar mit Befriedigung, wenn eine Absage von ihr eintraf.
+Gab sie ihm doch einen freien Abend der unausgesetzten Übung, so
+eifrig und ernst, wie er seit langem nicht mehr betrieben.
+
+Daran, daß es doch eigentlich nur ganz bei ihm stand, ob er zu ihr
+gehen wollte oder nicht, daß er ihr ebenso abschreiben konnte, wie
+sie ihm, daran dachte er nicht einmal. So groß war ihre Überlegenheit
+in jeder Beziehung und so sehr verstand sie es, wenn er bei ihr war,
+ihn durch immer neue Liebkosungen und Liebesbeweise an sich zu
+fesseln, daß ihm noch immer die Stunden die seligsten waren, in denen
+er in ihren Armen liegen konnte, und diesen wundervollen, bräunlichen
+Körper, dieses hohe, geheimnisvolle Gemach mit dem Glanz seiner
+Lichter und seinem verschwenderischen Luxus, diese stillen, faulen
+Stunden des späten Abends und der Nacht, ja, die leisen, unmerklichen
+Dienste der schattenhaft auf den schrillen Ruf der Gebieterin herein-
+und heraushuschenden Alten sein eigen nennen konnte; und alles, was
+er versuchte, war, sich in Augenblicken, wo seine trägen Gedanken,
+durch die Freude auf seinen nächsten Sieg und durch eine keinen
+Sportmeister je ganz verlassende Angst, seiner Kraft zu schaden,
+aufgestachelt, in beklemmender Ahnung sich von ihr wandten, alles,
+was er vermochte, war: sich dieser unersättlichen Leidenschaft,
+diesen erschlaffenden Umarmungen einmal, nur für heute, zu
+entziehen...
+
+Diese Frau, die ihm, ihm unter allen, ihre Liebe geschenkt hatte, wie
+er glaubte, und die er darum, darum vor allen wieder liebte--sie war
+noch immer sein Leben.
+
+
+4
+
+An diesem Tage kam, was kommen mußte: seine erste Niederlage--der
+Anfang vom Ende.
+
+Seit drei Tagen hatte er sie nicht gesehen, und als er das letztemal
+bei ihr gewesen war, hatte er sich ihren Umarmungen wortlos und
+entschieden entzogen, so daß ihr Zusammensein ein ganz kurzes war.
+Sie biß die Lippen aufeinander, aber sie sagte kein Wort.
+
+Felder kleidete sich heute mit besonderer Sorgfalt an und ließ seine
+Brust an Bändern und Münzen tragen, was sie nur fassen konnte. Das
+Armband, bei der täglichen Arbeit so hoch wie möglich hinaufgeschoben
+und von dem wollenen Hemde so bedeckt, daß es noch von niemand in der
+Fabrik entdeckt worden war, wurde auf das Handgelenk heruntergezogen
+und abgerieben, so daß es glänzte und funkelte.
+
+In diesem bei allen so verhaßten Zeichen wollte er heute siegen, und
+so wollte er siegen, daß nicht nur das letzte Lächeln über "das
+Armband" verstummen, sondern auch das andere Lachen, das, welches er
+noch immer in seinen Ohren fühlte, das Lachen jenes schrecklichen
+Tages, schweigen sollte auf immer, um nie mehr gehört zu werden.
+
+Das erste Fest des "Norddeutschen Schwimmkartells" wollte zugleich
+das erste sein, das die neuerbaute Schwimmhalle der Stadt
+Charlottenburg erlebte, und man hoffte, es besonders glänzend zu
+gestalten, obwohl die größten und angesehensten Berliner Vereine,
+unter ihnen der S.-C. B. 1879, wie überhaupt alle dem "Verbande"
+angehörenden Vereine naturgemäß fehlten. Aber es stand von Anfang an
+unter keinem guten Zeichen. Obwohl die Stadt Charlottenburg ihre
+Vertreter geschickt hatte, war doch das große Publikum, das sich
+offenbar an den Winterfesten satt gesehen und die Sommerschwimmen
+erwarten wollte, nur schwach vertreten und füllte kaum die erste
+Reihe der weiten Galerien. Zudem war das Wetter miserabel: ein
+naßkalter, grauer Märztag, und mancher, der gekommen wäre, war noch
+in letzter Stunde zu Hause geblieben.
+
+Felder war heute pünktlich und verlor sich mit der kleinen Mannschaft
+der Gelb-Schwarzen in einer Ecke der weiten, schönen Halle, in der
+bereits jetzt alle Bogenlampen brannten.
+
+Das Programm wickelte sich langsam und ohne besondere Teilnahme von
+irgendeiner Seite ab. Nur gegen seine Mitte brachte ein
+unvorhergesehener Zwischenfall etwas Leben unter die Anwesenden. Es
+war beim Tauchen nach Tellern. Dreißig flache Emailleteller waren
+bereits dreimal sämtlich aus einer Tiefe von vier Metern hervorgeholt
+worden--eine hervorragende Leistung--und es schien auch dem Vierten
+gelingen zu wollen, so lange blieb er unter Wasser.
+
+Felder stand bereits ausgekleidet dicht neben dem Starter und sah zu.
+Dann merkte er plötzlich mit seinem erfahrenen Blick, daß irgend
+etwas dort unten nicht in Ordnung war, und als er fragend den neben
+ihm Stehenden ansah, hörte er auch schon dessen halblaut
+hervorgepreßten bestimmten Befehl: "Hinunter!"--
+
+Er ging sofort in die Tiefe und sah dort den Taucher bereits
+bewußtlos mit dem Gesicht nach unten über den zuzammengerafften
+Tellern liegen. Mit Felder war ein zweiter ins Wasser gegangen, und
+beide hoben den leblosen Körper bis zur Leiter und an ihr hinauf zum
+Wasserspiegel, wo er von vielen Händen sofort in die Höhe gezogen und
+nach hinten getragen wurde.
+
+Als Felder, der erst nach dem nächsten Lauf an die Reihe kam, dorthin
+folgte, war der Bewußtlose bereits unter den Händen des Arztes wieder
+zu Atem gekommen, und Felder hörte, wie seine erste Frage der
+Tellerzahl galt, die er ans Land geschafft zu haben glaubte. Als er
+vernahm, was geschehen war, wurde er auch noch böse darüber, daß man
+ihn nicht länger drunten gelassen, denn er würde auch die letzten
+sicher noch bekommen haben!...
+
+Die andern lachten und ärgerten sich, aber Felder war es nicht ums
+Lachen. Soweit war es also gekommen, daß diesen jungen Leuten ihr
+Leben schon nichts mehr galt, wenn es darauf ankam, ihren
+lächerlichen Ehrgeiz zu befriedigen--so hörte er neben sich einen
+alten Herrn zu einem anderen sagen; und er mußte sich unwillkürlich
+fragen: War es mit ihm anders?--Hätte er nicht auch sein Leben um
+einen Sieg gegeben?--
+
+Draußen hatte sich die Stimmung der Anwesenden nach dem peinlichen
+Vorfall nicht gebessert, und man beeilte sich mit der Abwicklung der
+nächsten Nummern, um die Aufmerksamkeit abzulenken.
+
+Dann kam das große Rennen des Tages mit seinem unerwarteten, in
+seinen Resultaten geradezu verblüffenden Verlauf, das Hauptschwimmen
+über 175 Meter, in dem zwei der jüngsten Schwimmer aus dem Nachwuchs
+die Preise errangen, während nicht nur Wenzel vom "Poseidon", und
+Karl Becker, der Meister Süddeutschlands, sondern auch Felder, Franz
+Felder, der vierfache Meister Berlins, der Meister Deutschlands, der
+"Champion der Welt", nicht nur zurück-, sondern überhaupt unplaziert
+blieben!--
+
+Wie es geschah, wie es geschehen konnte, das Unerhörte--keiner
+begriff es recht.
+
+Felders Vorsatz ging auf einen glatten Sieg in gutem Stil ohne
+völlige Kraftausgabe. Er hielt ihn inne während der beiden ersten
+Längen, gab ihn auf bei der dritten und vergaß ihn völlig bei der
+vierten. Aber es nützte ihm alles nichts.
+
+Er kam nicht vorwärts. Er sah immer die alten Gegner neben sich, die
+neuen sich voraus; diese beiden jungen Leute, von denen er den einen
+nur aus einem einzigen Schwimmen und den anderen überhaupt nicht
+kannte. Und als er zum letzten Male bei dem plötzlichen Aufhören der
+Musik wandte und mit seinem wahnsinnigen Seitenschlage den einen fast
+erreicht hatte, schlug der andere bereits an, und der Sieg war
+verloren.
+
+Er ging erst ans Ziel gleich hinter dem zweiten.
+
+Was geschehen war, begriff er erst recht, als er den jungen Seubert,
+keuchend, aber selig, die Glückwünsche in Empfang nehmen sah und in
+das junge, glückliche Gesicht blickte, das auch ihm zulächelte, als
+erwarte es auch von ihm ein freundliches Wort oder einen Händedruck.
+
+So, ganz so, etwas verlegen, aber doch mit einer gewissen naiven
+Selbstverständlichkeit, als gehöre es sich so, hatte er seine ersten
+Triumphe entgegengenommen und seinen besiegten Gegnern ins Gesicht
+gesehen.
+
+Er dachte natürlich nicht daran. Er fühlte einzig nur die Schmach,
+die er--seiner Ansicht nach--in diesem Augenblicke erlitt, wo er
+seinen Stern lautlos fallen und in den Tiefen verschwinden sah, und
+das harmlose Lächeln auf dem Gesicht dieses jungen Menschen schien
+ihm nur Spott und Hohn zu bedeuten, so daß er am liebsten
+hineingeschlagen hätte.
+
+Kein Mensch kümmerte sich um ihn, keiner trat, wie sonst immer, zu
+ihm und sprach mit ihm. Mit hastiger Wendung kehrte er sich zu den
+anderen Schwimmern um, seinen alten Gegnern, mit denen er sich in
+dieser Minute fast verwandt fühlte. Denn sie erlitten das gleiche.
+Aber klüger als er waren sie am andern Ende des Bassins ans Land
+gegangen und so allen Erörterungen entflohen.
+
+Da griff auch er nach seinem Tuch und eilte zu seinen Kleidern. Als
+er an der ganz bestürzten und heftig debattierenden Gruppe des
+"Hecht" vorbeikam, wehrte er mit ungeduldiger Gebärde jede Frage und
+Begleitung von sich.
+
+Er fühlte jetzt nur, daß er allein sein mußte.
+
+Er konnte niemanden um sich haben.
+
+Ohne aufzusehen und ohne sich von einem Menschen zu verabschieden
+verließ er das Fest.--
+
+Es war noch früh, aber auf den Straßen brannten bereits die gelben
+und weißen Lichter. Ein dichter und kühler Regen ging nieder wie
+Staub.
+
+Felder ging die breite, gerade Straße bis zum Tiergarten, er
+durchschritt ihn auf kotigen, dunklen Wegen, bis er ans Brandenburger
+Tor kam, ging die Allee der Linden herunter, verlor sich in dem
+Straßengewühl des Zentrums, immer noch ohne zu wissen, wohin er
+wollte, und sah erst auf, als der Regen sein heißes Gesicht wie
+Schläge zu treffen begann. Er war zwei Stunden gegangen wie zwei
+Minuten. Er wußte es nicht einmal. Er befand sich in der Nähe des
+Moritzplatzes.
+
+Er mußte allein sein, ganz allein... Schon die wenigen Menschen um
+ihn herum auf den Straßen störten ihn. Der Name einer alten Weinstube
+in der Nähe fiel ihm ein. Er war dort ein- oder zweimal früher
+gewesen, mit seinen Freunden. Vielleicht war das Hinterzimmer frei.
+
+Er traf es so.
+
+Erst als er eintrat und den Überzieher zurückschlug, wurde er gewahr,
+daß er sich im Schmucke seiner Ehrenzeichen befand, der hastig beim
+Ankleiden übergestreiften Bänder und der Münzenmenge auf seiner
+Brust. Schnell verdeckte er sie wieder, und während er seinen Rock
+auszog, streifte er alles ab und verbarg es in den Taschen, wie
+geraubtes Gut.
+
+Er war ganz allein in seiner Ecke, nachdem ihm der Wirt den Wein
+gebracht. Sogar im Vorderzimmer spielten nur ein paar Stammgäste, die
+sein Eintreten überhaupt nicht bemerkt hatten, einen stillen Skat.
+
+Er trank, sah vor sich hin und grübelte nach. Er konnte es noch immer
+nicht begreifen, was geschehen war!--
+
+Dann zog er zögernd ein kleines, abgenütztes, in braunes Leder
+gebundenes Buch aus der Brusttasche, das er stets bei sich trug.
+Dieses Buch war ihm nach einem seiner ersten Aufsehen erregenden
+Siege--wie lange war es schon her!--von einem älteren Mitglied seines
+alten Klubs geschenkt worden, und der Geber hatte ihm dabei gesagt:
+"Immer können Sie nicht siegen, aber so viele Seiten dieses kleine
+Buch hat, so viel Siege wünsche ich Ihnen und uns..." Und Felder
+hatte wie zum Scherz die Seiten gezählt: 103. Koepke nahm das Buch
+mit nach Hause, und als er es Felder wiedergab, fand dieser in
+tadelloser Rundschrift und mit kaufmännischer Genauigkeit von Anfang
+an bis heute seine sämtlichen Beteiligungen an den Festen des
+Schwimmsports eingetragen: ihren Tag und Ort, ihre Veranstalter, die
+Art der Konkurrenz und wer an ihr teilnahm, ja die Stunden--alles war
+registriert und seine Siege schön unterliniert und mit roter Tinte
+prächtig hervorgehoben: ihre Art, die gemachten Zeiten, die
+errungenen Preise aufs genaueste verzeichnet... Und jedesmal nach
+einer neuen Beteiligung oder nach einer Reise erhielt Koepke das
+kleine, braune Buch, um es am nächsten Tage wieder zurückzugeben,
+bereichert um ein neues Blatt, das in nüchternen Worten und Zahlen,
+aber doch so beredt von herrlichen Mühen und herrlichen Siegen
+sprach.
+
+Über kein Geschenk hatte Felder sich je so gefreut, wie über dieses.
+
+Oft hatte er in stiller Stunde in dem Buche geblättert, aber noch nie
+hatte er so sorgfältig Blatt um Blatt gewandt, vom ersten bis zum
+letzten, wie heute. Selten erst, dann immer öfter, endlich fast auf
+jeder Seite zeigte sich die rote Linie unter seinem Namen, und immer
+öfter kehrten die Worte wieder: "Erster: Franz Felder..."
+
+Da stand sein Name, immer und immer wieder als der Erste, der
+Erste..., der Erste!--und unter ihm standen die Namen seiner
+Gegner--alle diese berühmten, gefürchteten Namen, die großen Kanonen
+der Schwimmkunst, aus allen Gegenden Deutschlands und so vielen
+Ländern Europas... Und immer wieder _sein_ Name über allen als
+Sieger!...
+
+Er blätterte und blätterte--jedes neue Blatt ein neuer Sieg: ein
+Lorbeerblattmehr in einem dichten Kranze!--
+
+Fast keine Niederlagen, hier und da ein zweiter Preis, sonst immer
+nur erste, erste, erste...
+
+Er fing von vorn an und zählte die beschriebenen Seiten: 82. Und er
+zählte die siegreichen: 73.
+
+Bis zur letzten!--Bis--heute!--
+
+Und auf diesem leeren Blatt, dem dreiundachtzigsten, sollte zum
+dritten Male nacheinander nicht nur der rote Strich, sondern sein
+Name überhaupt fehlen--oder es sollte leer bleiben, leer... Nein, das
+durfte nicht sein!--
+
+Der Schrecken griff plötzlich wieder nach seinem Herzen, derselbe
+Schrecken, den er vorhin empfunden, als er seine Gegner vor sich sah
+und fühlte, wie seine Kraft versagte, sie noch zu erreichen; aber
+nicht die Furcht über die Gefahr einer Niederlage war es gewesen,
+sondern etwas anderes, ein Neues, ein Unbekanntes: das Erschrecken
+über etwas Unglaubliches, Unerhörtes--über die Unwillfährigkeit
+seiner Kraft!--
+
+Was war das?--Was war das auf einmal, das so plötzlich gekommen?--
+
+War er wirklich schon dort angelangt, wo es kein über sich selbst
+Hinausgehen mehr gab?--Dann konnte jeder ihn schlagen, der ihm nur
+gleich kam!--Dann war er schon am Ende.
+
+Alle düsteren Prophezeiungen seiner Gegner fielen ihm ein: "Schneller
+Aufgang, schneller Abstieg..." Und ein Mahnwort Nagels: "Du hast früh
+angefangen, früh wirst du deshalb aufhören..."
+
+Bis heute hatte er darüber gelacht. Aber jetzt lachte er nicht mehr.
+Es war ihm nicht mehr ums Lachen. Denn er war sich bewußt, in diesen
+letzten Wochen nichts versäumt zu haben. Es hatte ein totes Rennen
+gegeben, dann ein Aussetzen--aber beides war erklärlich, sogar
+natürlich bei der Nachlässigkeit, mit der er in den vergangenen
+Monaten seine Sache behandelt. Aber zu heute hatte er trainiert--
+trainiert wie immer sonst--was war das also?!--
+
+Er saß und grübelte, und trank und grübelte, und grübelte...
+
+Und wieder griff die Angst nach seinem Herzen, die furchtbare, die
+unbekannte Angst!--
+
+War es etwa schon mehr?--War es schon eine Abnahme seiner Kraft?--War
+er schon nicht mehr derselbe?--Blieb er schon hinter sich selbst
+zurück?--Unmöglich!--Mit zwanzig Jahren?--Da, wo die Kraft noch wuchs
+von Tag zu Tag.--
+
+Lächerlich!--Mit fünfundzwanzig wollte er anfangen, daran zu denken.
+--Aber bis dahin wollte er sie, seine Kraft, wachsen, wachsen und
+siegen sehen über alles, was sich ihr in den Weg stellte!
+
+Es war eine Indisposition heute, was war das weiter!--Wer hatte die
+nicht zuweilen? Deshalb nützten auch die verdammten Sinnierereien
+nichts. Jetzt mußte geschwommen werden, darauf kam es an.
+
+Er trank und klappte das Buch zu. Die Seite blieb nicht leer, das war
+sicher: die dreiundachtzigste. Auf der sollte ein Sieg stehen. Und
+zwar bald!--
+
+Denn es konnte einfach schon deshalb nicht sein, weil es nicht sein
+_durfte!_
+
+Wie Felder das Buch in die Rocktasche schieben wollte, stopfte es
+sich dort gegen knisternde Papiere. Er zog sie hervor und sah, daß es
+ihre Briefe waren. Der süßliche, fahle Duft eines seltsamen Parfüms
+stieg zu ihm aus den zerknitterten Blättern auf, und er fühlte, wie
+es plötzlich wieder aus war mit seinem neuen Mut und seiner Frische.
+
+Dieser Duft machte ihn schwach, und es half ihm nichts, daß er die
+Blätter zusammenballte. Wie er sie losließ, legte sich das steife,
+englische Papier auseinander, und es entströmte ihm dieser Duft, den
+er so gut kannte, der allem anhaftete, was von ihr ausging: ihren
+Kleidern, ihren Handschuhen, ihrem Atem, diesem Papier--ihm selbst!--
+Ja, ihn selbst hatte dieser Duft förmlich durchtränkt in diesen
+letzten Monaten, so daß er ihn plötzlich verspürte, wenn er eines
+seiner Kleidungsstücke zur Hand nahm... Er wurde ihn nicht mehr los,
+diesen Duft, der ihn überall umgab, wo er ging und stand--lockend,
+begehrlich, geheimnisvoll und aufreizend wie sie selbst, so daß er an
+sie denken mußte ohne Aufhören.
+
+Was nützte es, daß er diese Papiere von sich schob, diese Rufe nach
+ihm, die er nun schon Monate lang hörte: erst stürmisch und
+sehnsuchtsvoll, erst alle Tage, dann, je seltener sie wurden, immer
+herrischer und kürzer, bis sie nur noch der Befehl waren: "Heute
+abend um 9"--oder "Erst morgen!"--
+
+Welche Macht sie über ihn gewonnen, diese Frau, von der er noch immer
+nicht einmal wußte, wer sie war!--
+
+Und wie Felder saß und grübelte, und grübelte, wurde es ihm klar,
+warum er heute unterlegen war, warum er in der letzten Zeit nicht
+mehr die alte Kraft in sich fühlte, die unbesieglich gewesen war; und
+eine maßlose Wut kam über ihn gegen die, die ihm seine Kraft geraubt.
+Er ballte die Hand um den Rand des Tisches, daß er sich bog und das
+Glas klirrte.
+
+Und dann kam, blitzgleich, auch die wahre Erkenntnis dieses
+Verhältnisses über ihn.
+
+Was sie begehrt hatte, das war seine Jugend, seine Kraft und seine
+Frische gewesen. Und was sie begehrte, hatte sie ihm genommen: die
+Jugend, die Kraft und die Frische seines Körpers!--Stück für Stück,
+in unersättlicher Habgier war ihm, ohne daß er es fühlte und ahnte,
+eines nach dem anderen von ihr genommen, in unzähligen Umarmungen,
+mit Küssen und Schmeicheln, bis sie ihn zu dem gemacht, was er heute
+war!
+
+Alles, was er besaß, das einzige, das er sein eigen nannte, hatte sie
+ihm geraubt: seinen Ruhm!--Sein Ruhm aber war sein Leben. Sie hatte
+es zerstört.
+
+Er aber, er war so blind und so töricht gewesen, nicht zu merken, was
+sie eigentlich von ihm wollte. Wie ein dummes Tier war er in die
+Falle gegangen; wie ein Hund war er ihr nachgelaufen; wie ein ...
+nein, er vermochte nicht weiter zu denken.
+
+Denn jetzt wußte er auf einmal auch, wer sie war.
+
+Eine große Abenteuerin, irgendwo in einem Winkel von
+zusammengelaufenen Eltern erzeugt, früh verdorben, früh gelehrt, ihre
+Schönheit als erstes und einträglichstes Erwerbsmittel zu betrachten,
+sie gelehrig in unstetem Wanderleben durch alle Länder der Welt
+schleifend, und alles mitnehmend, was sich ihr bot: hier die Alten
+und dort die Jungen.
+
+Die Alten, die sie begehrten und bezahlten, und die Jungen, die von
+ihr ausgesucht und bezahlt Wurden!--Und einer von diesen Jungen war
+er gewesen--er, Franz Felder!--
+
+Nicht mit solchen Worten sagte er sich dies alles, aber er empfand es
+alles so und fühlte, daß es wahr war. Und er hätte schreien mögen,
+schreien vor Wut und vor Scham... Ihn, ihn hatte sie nicht bezahlt,
+nein, das hatte sie nicht gewagt!--Aber wie lange noch, und es wäre
+auch dahin gekommen. Wieviel versteckte Anerbietungen hatte sie ihm
+nicht schon gemacht, wie oft nicht versucht, mit ihm scherzhaft oder
+gleichgültig von Geld zu sprechen, diesem Gelde, das sie verachtete,
+weil sie es durch Arbeit nicht verdiente: damit er es nehmen solle
+von ihr als--Lohn...
+
+War ihm selbst nicht eines Tages, wenn auch nur ganz flüchtig, der
+Gedanke gekommen, eines dieser Anerbietungen, nicht anzunehmen, o
+nein, aber als Darlehen zu benutzen, da es mit seinem Gelde zu Ende
+ging, als Darlehen für eine kurze Zeit, bis er sich in England durch
+neue Siege neues geholt?--Es war nicht dazu gekommen, es war bei dem
+flüchtigen Gedanken geblieben. Aber er hatte ihn doch gedacht...
+
+Auch gegen Geschenke hatte er sich bis heute gewehrt. Das einzige,
+was er je angenommen, war das Band an seinem Handgelenk, die Kette
+von Gold.
+
+Aber sie war nicht unzerbrechlich. Sie band ihn nicht an sie.
+
+Er griff mit den Fingern der lenken Hand zwischen sie und das Fleisch
+und versuchte sie abzustreifen, obwohl er wußte, daß es nicht ging.
+Und seine Wut stieg, als er sah, wie vergeblich es war.
+
+Aber das sollte ein Ende nehmen, jetzt gleich, noch heute abend!
+
+Er riß sich aus dem Hinbrüten auf und rief nach dem Wirt. Er hatte
+vier Stunden auf diesem Fleck gesessen. Als er nach der Uhr sah, war
+es gegen Elf.
+
+Der Regen draußen war stärker geworden. Felder fühlte ihn nicht. Er
+ging der Friedrichstadt zu.
+
+Das Haus war offen. Natürlich: dieses Haus war nachts immer offen,
+und die Treppen lagen in ihrem ewigen Zwielicht. Weshalb war ihm das
+nie so aufgefallen, wie heute?--
+
+Er klingelte an ihrer Tür. Er klingelte nochmals. Endlich hörte er
+die schlürfenden Schritte der Alten und ihre Stimme. Er schlug gegen
+die Tür und rief um Einlaß.
+
+Als sie sich öffnete, schob er das Weib beiseite, das bei seinem
+Anblick wie erstarrt war. Es war das erstemal, daß er unerwartet kam.
+Er kümmerte sich nicht im geringsten um die Fragen und Beteuerungen,
+daß Madame nicht zu Hause sei. Er hörte nicht hin, er verstand das
+Kauderwelsch nicht. Er wollte Madame erwarten, sagte er kurz. Sie
+würde schon kommen.
+
+Er riß die Tür zu dem großen Zimmer auf. Es war beleuchtet und warm,
+wie immer. Aber sie war nicht da. Sie war auch nicht im Schlafzimmer.
+"Ich werde Madame erwarten," sagte er nochmals, und mit solchem
+Ausdruck in dem blassen Gesicht, daß sich die Alte endlich mit
+Jammern und Wimmern zurückzog. Felder merkte es nicht einmal.
+
+Er lief im Zimmer umher und warf überall rücksichtslos die
+Gegenstände durcheinander. Er suchte den kleinen Schlüssel zu dem
+Armband. Als er nicht fand, was er suchte, begann er die Arbeit an
+seinem Handgelenk von neuem: er zerbrach eine goldene Hutnadel und
+eine Schere, er zerrte, bis seine Finger bluteten. Endlich gab er es
+auf, warf sich in einen Sessel und wartete.
+
+Wie lange?--Er hatte keine Ahnung.
+
+Das Licht der Ampel trieb das Dunkel in die Ecken des Gemaches und
+ein schwaches Rot auf seine Wangen, wie die Röte der Scham.
+
+Ja, er schämte sich. O, wie er sich schämte!--
+
+Er hätte weinen mögen und konnte es nicht. Die innere Wut erstickte
+seine Tränen.
+
+Er lag wie in einem Halbschlummer.
+
+Plötzlich führ er empor. Er hörte draußen Stimmen: das klagende
+Wimmern der Alten und ihren herrischen, empörten Aufschrei der
+Verwunderung. Die Tür wurde aufgestoßen, und sie stand vor ihm:
+hochaufgerichtet, in großer Toilette, die Arme und die herrlichen
+Schultern entblößt, Zorn in den Augen und auf den roten Lippen. "Wer
+ist hier?--Du?--Was willst du hier?--Wer hat dir erlaubt--"
+
+Er ging auf sie zu. Die ganze Raserei dieser Nacht brach in ihm los.
+Als sie seine Augen sah, wußte sie alles. Aber sie hatte keine Angst.
+Sie kannte keine Furcht und ihre Lippen verzogen sich leise und
+spöttisch.
+
+Wie er das sah, griff er sie bei den Armen. Er wußte nicht, was er
+mit ihr tun sollte, er wußte nur, daß er sich rächen wollte an diesem
+Geschöpf, das ihn beraubt.
+
+Sie bog sich wie eine Katze unter dem Druck seiner rauhen Hände. Und
+auf diesem selben Platze, auf dem sie an jenem ersten Abend
+miteinander gerungen in begehrender Liebe, rangen sie nun in
+widerstrebendem Haß.
+
+Von seinem mißhandelten Handgelenk floß Blut und befleckte die Seide
+ihres Kleides und ihre weiche, bräunliche Haut, während ihre Lippen
+unerhörte Beschimpfungen, die er nicht verstand, von sich
+schleuderten.
+
+Immer wieder versuchte er, sie niederzuzwingen, und immer wieder flog
+ihr schlanker Körper empor wie eine Gerte unter seinen Händen.
+
+Es war, als ob er seine Kraft an sie gegeben habe in diesen paar
+Monaten...
+
+War es das, oder war es der Duft, der von ihr ausging und ihn
+betäubte, daß er sie nicht niederkriegen konnte?--
+
+Kurz: er fühlte, daß er auch hier der Schwächere geworden war...
+
+Da gab er sie frei und taumelte hinaus, verfolgt von ihrem höhnischen
+und triumphierenden Lachen.
+
+
+5
+
+Bis zum Morgen ging er durch die Straßen. Als es dämmerte, schlug er
+die Richtung nach dem Norden ein.
+
+Um sechs Uhr war er an den Toren der Fabrik und der erste, der
+eintrat. Er ging in die mechanische Werkstätte. An einem der
+Schraubstöcke stand er eine kurze Weile. Als er zurück kam, hielt er
+das gesprengte Armband in der Hand.
+
+Noch fast eine Stunde ging er durch die öden Gassen dieser Gegend.
+Irgendwo schleuderte er das Armband auf einen Kehrichthaufen. Dann
+erst wusch er sich an einem Brunnen die Hände, verband sich das
+blutende Gelenk und trank in einer Destillation eine Tasse Kaffee. Um
+sieben Uhr war er an seiner Arbeit. Den Morgen über sprach er kein
+Wort. Am Mittag führ er nach Hause, warf sich auf sein Bett und
+schlief wie ein Toter.
+
+Als er erwachte, war ein neuer Tag angebrochen. Mit ihm begann ein
+neues Leben für Franz Felder.--
+
+Wenn das Leben, welches er vor einem Jahre vor seinem neuen, großen
+Ziele der Springmeisterschaft geführt hatte, ein einfaches und
+enthaltsames gewesen war, so war das, welches er jetzt lebte, noch
+spartanisch dagegen zu nennen. Es zerfloß zwischen Arbeit und Ruhe,
+und sein einziger Zweck war für Felder einstweilen: die
+Wiedererringung seiner Kraft. Nicht dessen, was andere Menschen
+Gesundheit und Kraft nennen. Die allermeisten hätten ihn um die seine
+beneidet. Nein, jener überlegenen, herkulischen Kraft, die er nötig
+hatte.
+
+Daher strich er von einem Tage zum anderen alles aus seinem Leben,
+wodurch er glaubte, sie auch nur um ein Minimum vermindert zu haben:
+das Glas und die Frau, denn beides war Gift und Krankheit; jeden
+Verkehr, denn der nahm ihm die Zeit zur nötigen Ruhe; jede Freude,
+denn er wollte von ihr nichts mehr wissen; und um ganz sicher zu
+sein, strich er gleich alles auf einmal!
+
+Das einzige, was er sich noch gönnte an Genüssen, war eine möglichst
+gute und nahrhafte Kost und zuweilen ein Glas starken Weines. Und
+Schlaf, viel Schlaf!--
+
+Die Arbeit war ihm lieb. Sie hielt seine Kräfte im Gleichgewicht,
+ohne sie zu verbrauchen.
+
+Außerdem verlieh sie seinem Leben die nötige Regelmäßigkeit. Da er
+mit seinem Gelde zu Ende und ganz auf sie angewiesen war, hütete er
+sich vor jeder unnötigen Ausgabe. Er kleidete sich wieder wie früher
+und achtete selbst an den Feiertagen kaum auf sein Äußeres. Wozu
+auch? Es sah ihn ja niemand mehr.
+
+Er nahm sich nicht die Mühe, seinen Austritt aus dem Verein "Hecht"
+diesem anzuzeigen. Er sandte gelegentlich sein Trikot zurück. Sie
+hatten seinen Namen wohl bereits aus der Mitgliederliste gestrichen.
+Was lag ihm daran!--Er hatte nie Fühlung mit diesen Leuten gehabt,
+unter denen er fremd, denen er nur der Meisterschwimmer Europas
+gewesen war, die ihn für Siege, aber nicht für Niederlagen gebrauchen
+konnten.
+
+Er sah selbst Koepke kaum mehr, und damit zerriß auch, das letzte
+Band, das ihn noch an sein früheres Leben knüpfte. Wenn er ihn
+gelegentlich traf, tranken sie ein Glas Bier zusammen. Dann erzählte
+der alte Getreue Felder, wie er "ebenfalls der Schwimmsache Valet
+gesagt habe", da sie ihm keinen Spaß mehr mache, seitdem Felder nicht
+mehr dabei sei. Er war in einen kaufmännischen und in einen Kegelklub
+eingetreten und spielte in beiden bereits seine alte Rolle des
+Lasttieres mit unverhohlener Wonne weiter.
+
+Felder lächelte krampfhaft. Also er hatte dem Schwimmen Adieu
+gesagt!--Das sagte man also von ihm!--Nun, man würde ja sehen...
+
+Das neue Leben fiel ihm nicht schwer. Er dachte wenig und er fühlte
+sich ganz wohl.
+
+Nur die langen Sonntage waren schlimm. Es wäre ihm am liebsten
+gewesen, sie hätten nicht existiert. Wenn er sie hätte durcharbeiten
+können, alle diese Wochen, einen Tag wie den anderen, ihm wäre es
+Recht, dachte er oft. Nun mußte er sich mit den Sonntagen abfinden,
+diesen endloslangen Nachmittagen, mit denen er nichts mehr anzufangen
+wußte, und er ging jetzt sogar das eine oder andere Mal mit seinen
+stillen Eltern und den lauten Geschwistern, die darüber höchst
+erstaunt waren. Aber auch das gab er bald auf, denn er wußte mit
+ihnen nichts zu reden. Die häuslichen Dinge langweilten ihn, und über
+das eine konnte er doch nicht sprechen, weder mit ihnen, noch mit
+irgend jemand auf der Welt... Wer verstand das?--Er kannte keinen.
+
+So ging er denn schließlich auch an diesen Nachmittagen seine
+einsamen Wege: zu all den Orten, wo er früher so glücklich gewesen
+war und die jetzt öde und verlassen unter dem ewig grauen Himmel
+lagen. Denn es wollte dieses Jahr nicht Frühling werden. Eine dünne
+Eisschicht bedeckte noch den Kochsee, als er eines Tages dort durch
+die Spalten der festverschlossenen Umzäunung sah, und kahl und
+traurig starrten die Gerüste und Planken der anderen Badeplätze in
+die Höhe--am Plötzensee und in Grünau, wohin er auch kam,--kahl und
+frostig wie die Bäume, deren laublose Stämme sich regungslos von dem
+braunen Boden der Landschaft abhoben. Sie stimmten ihn nicht
+fröhlicher, diese einsamen Ausflüge, auf denen unvergessene
+Erinnerungen ihn immer von neuem in ihrem Bann zogen. Aber er wußte
+nichts anderes zu tun, und so fuhr er immer wieder hinaus und ging
+oder stand oft stundenlang, in Gedanken versunken, auf den
+verlassenen Stätten seiner Siege und seines Glückes...
+
+Besser wurde es erst, als es Frühling wurde.--
+
+In der ersten Zeit schwamm er nur selten. Er wagte sich nicht in die
+Schwimmhallen, aus Besorgnis, dort Bekannte zutreffen. Er fürchtete
+geradezu jede Frage, jedes Wort, jede Anspielung auf seine
+Niederlage... Er hätte sie nicht ertragen. Dann, als er wieder
+allabendlich nach der Arbeit badete, vermied er mit derselben
+Sorgfalt, wie im Vorjahre, die Übungsabende der Klubs und ging an dem
+einen Tage hier-, an dem anderen dorthin, wo er sicher sein konnte,
+möglichst allein zu sein. So besuchte er alle Winterbäder, wie es
+gerade kam. Nur in jene kleine, dunkle Halle im Süden der Stadt, wo
+er vor einem Jahre täglicher Gast gewesen war, ging er nie mehr...
+Diese Erinnerungen sollten begraben bleiben und durften ihn jetzt
+nicht stören. Er schwamm einstweilen noch ohne jeden Gedanken an ein
+neues Training. Alles, was er wollte, war, seine ganze Kraft
+wiederzufühlen, ehe er daran dachte, sie von neuem zu üben. Er
+glaubte nämlich allen Ernstes, das Gefühl seiner Kraft verloren zu
+haben. Einmal schwankend geworden an ihr, war er wie der eingebildete
+Kranke, der stets die Krankheit zu haben glaubt, von der er hört. Er
+war irre an sich geworden, weil er angefangen hatte, über sich
+nachzudenken.
+
+Er fürchtete sich, die Zeit nehmen zu lassen. So schwamm er
+vorderhand noch in allen möglichen Stilarten und alle möglichen
+Längen, wie es ihm gerade in den Sinn kam, ohne auf sich und seine
+Umgebung zu achten. Und das ungeheure Wohlbehagen, das er immer
+empfand, wenn er im Wasser war, ergriff ihn wieder, und täglich mehr
+und mehr... Mit dem Wohlbehagen aber fühlte er zugleich seine Kraft
+wieder, und seine Übungen wurden ernster, wenn er sie auch noch nicht
+prüfen ließ.
+
+Dann hörte er eines Abends, als er seine hundert Meter zum dritten
+Male so ganz für sich geschwommen, wie ein Herr, den er nicht kannte,
+der ihn aber beobachtet und zu seinem eigenen Vergnügen nach der Uhr
+gesehen hatte, sagte: 1:21.
+
+1:21?!--Aber das war ja seine eigene, frühere gute Zeit, das kam nahe
+an den von ihm selbst vor zwei Jahren in Wien aufgestellten Rekord
+heran, als er so glänzend disponiert war?--Dann, dann--besaß er sie
+ja wieder, seine verlorene Kraft!--Dann ging es ja wieder!--
+
+Er bat den Fremden, ihm doch nochmals die Zeit zu nehmen. Er schwamm
+die hundert Meter zum vierten Male, und zwar bewußt ohne besonderen
+Kraftaufwand. Und seine Zeit blieb gut.--
+
+Er freute sich noch nicht. Er wagte es nicht. Aber in seine wahllosen
+Übungen kam von jetzt ab wieder ein gewisser Sinn.
+
+Er schwamm von neuem alle Stilarten und alle Längen durch, ließ sich
+die Zeit nehmen, wenn er gerade den Bademeister oder sonst einen
+Bereitwilligen dazu fand, und ohne noch in ein bestimmtes Training zu
+treten, erprobte er doch schon--vorsichtig und unsicher wie ein
+Anfänger--seine Fertigkeit.
+
+Allmählich wurde er ruhiger, je sicherer er wurde. Er konnte sich
+nicht mehr verhehlen, daß sein furchtbares Erschrecken nach jenen
+ersten, im Grunde belanglosen Niederlagen töricht und übertrieben,
+und daß von einer ernstlichen Erschütterung seiner Kraft wohl nie die
+Rede gewesen war; daß ein paar Wochen ruhigen Lebens sie vielleicht
+ganz von selbst in das alte Geleise gebracht hätten und so eigentlich
+dieser ganze Bruch unnötig und im Gründe etwas lächerlich und darum
+eigentlich beschämend war...
+
+Aber eines blieb trotz allem. Wenn auch seine Kraft nicht erschüttert
+war, sein Selbstvertrauen war es auf jeden Fall!--Dieses stolze
+Selbstvertrauen, entstanden nicht im einer Stunde, sondern aus
+empfangsfähigem Boden schüchtern und langsam emporgewachsen, stetig
+erst bewässert durch kleine, dann genährt durch immer größere
+Erfolge, Wurzel schlagend in beispiellosen Siegen und endlich
+untrennbar, Wesen und Eins, mit der Persönlichkeit, mit ihm, ihm--
+Franz Felder!--
+
+Dieses Insichselbstvertrauen war erschüttert. Nicht seine Kraft, sein
+Selbstvertrauen mußte er daher wiedergewinnen!--
+
+Dazu war nun das Leben, wie er es führte, am wenigsten geeignet.
+Unfähig, Vergleiche zu ziehen, Eindrücke zu empfangen und
+wiederzugeben, konnte er es nur nähren an den Maßen seiner
+Einbildung. Und mit jedem neuen _über sich_ erfochtenen Sieg seiner
+Kraft nahm es Dimensionen an, an die Felder früher nicht gedacht
+hatte. Schon aus dem einfachen Grunde nicht gedacht, weil er früher
+geschwommen, so gut er es konnte, ohne zu denken. Zahlen waren es,
+die er jetzt verglich: Zahlen gegen Zahlen. Nicht Leistungen--warme
+Leistungen des Lebens--gegen Leistungen. Wie er aber den Tag
+ersehnte, an dem ihm das zum ersten Male wieder möglich sein würde!--
+
+Dann würde er wieder leben. Denn dies Leben der Einsamkeit, wie er es
+jetzt führte, war kein Leben mehr. Er litt unter seiner eigenen
+Einsamkeit. Wie sehr er litt, wußte er selbst nicht einmal mehr.
+
+Er war immer allein, und allmählich kam es ihm wie ein Traum vor: die
+alten, lieben Freunde, die lauten, fröhlichen Feste, seine
+sensationellen Siege--waren sie in der Tat jemals Wirklichkeit
+gewesen?--Der Taumel seiner Sicherheit, seine Wagnisse, seine
+Reisen?--
+
+Er wollte nicht an die Vergangenheit denken. Er wollte sich
+vorbereiten auf die Zukunft. Denn alles lag erst noch vor ihm. Hinter
+ihm lag nur ein Anfang, ein in seinem Ende mißglückter Anfang.
+
+Aber was er nicht hindern konnte, war: daß zuweilen Bilder dieser
+Vergangenheit vor ihm aufstiegen, und vor allem Bilder des letzten
+Jahres, der Zeit, als er schon nicht mehr so ganz und gar in dem
+engen Kreise der Genossen gelebt, sondern neue, fremde Menschen und
+andere Lebensweiten sich ihm aufgetan. Und er sah noch zuweilen das
+hohe, nüchterne Atelier des Bildhauers vor sich, die kahlen Wände und
+die seltsamen Figuren, und den Künstler selbst, schweißbedeckt,
+schweratmend und in innerlichen Kämpfen qualvoll ringend; und das
+warme, gemütliche Zimmer des Doktors, den fröhlichen, freundlichen
+Mann mit den blitzenden Augen und der lebhaften Stimme, unermüdlich
+im Erzählen und voll Interesse für ihn; und zuweilen--sah er auch
+sie... Aber da wandten sich schnell seine Gedanken. Er wollte davon
+nichts mehr wissen und zwang sich zum Vergessen. Und nur in seinen
+Träumen erregte sie ihn zuweilen noch, wie sie es damals getan. Doch
+auch diese Träume wurden seltener und seltener und schwanden endlich
+ganz, wie ihr Duft allmählich aus seinen Kleidern gewichen war,
+dieses ekelhafte Parfüm, das seinen Körper vergiftet hatte.
+
+Und endlich wurden die Gestalten blasser und blasser und schwanden
+ganz, so wie Felder es wollte.
+
+Alles, was hinter ihm lag, wurde wesenlos und verlor seine letzte
+Macht selbst über seine Erinnerung.
+
+Hatte er es überhaupt erlebt?--
+
+Oft vermochte er kaum mehr daran zu glauben. Aber er hieß doch Franz
+Felder!--Er war es doch noch, der diesen Namen trug?--Aber wer fragte
+noch nach ihm!
+
+Er wußte, er war vergessen. Er war nicht mehr Franz Felder, wenn er
+auch noch so hieß.
+
+Es war ein Name, den er erst erobern sollte.
+
+Und erobern würde er ihn, dessen wurde er mit jedem Tage sicherer.
+
+Denn wenn er auch vergessen war, noch lebte er.
+
+Noch war er nicht tot!
+
+
+6
+
+Wenn man ihn vergaß--_er_ hatte nichts vergessen. In der ganzen
+deutschen Schwimmerwelt gab es keinen, der mit schärferem Auge alle
+Vorgänge in ihr verfolgte, keinen, der mit größerer Hast nach den
+Berichten griff, als Franz Felder. Kein Ereignis von irgendwelcher
+Bedeutung entging ihm. Er las alle Zeitschriften, die irgendwie in
+Betracht kamen; er war unterrichtet über alle Veranstaltungen und
+über den Verlauf einer jeden. Kein neuer Name blieb ihm fremd, kein
+Sieg von irgendwelcher Bedeutung unbekannt.
+
+Es wurde seine Beschäftigung, an manchen langen, einsamen Abenden die
+Sportszeitschriften durchzusehen, alte und neue, und Vergleiche über
+Vergleiche anzustellen zwischen dem, was geleistet wurde und
+geleistet war--von ihm selbst.
+
+Er wurde innerlich immer sicherer.
+
+Als das erste große Sommerschwimmen des Berliner Schwimmbundes
+herannahte, drängte es ihn mit Macht zur Beteiligung. Aber er bezwang
+sich und dachte an den Schwur, den er sich selbst in jener Nacht der
+Verzweiflung getan.
+
+Nein, er wollte nicht!--Was er tun wollte--nicht Berlin, nicht
+Deutschland, Europa sollte es sehen. Dazu gab es nur eine
+Gelegenheit. Er mußte sie erwarten. Noch war seine Stunde nicht
+gekommen.
+
+Er blieb fern. Aber es wurde ihm schwer. Zum ersten Male sah er den
+Preis seiner Vaterstadt über die kurze Strecke, der vor vier Jahren
+sein erster großer Sieg gewesen und den er seitdem Jahr für Jahr
+behauptet, in fremden Besitz übergehen. Freiwillig gab er den
+Meistertitel Berlins aus den Händen und seinen Namen neuer
+Vergessenheit preis!--Freiwillig--denn an demselben Tage schwamm er,
+für sich allein, einmal am Morgen und einmal am Nachmittage in einer
+eben geöffneten, entlegenen Badeanstalt der Umgegend die hundert
+Meter in einer Zeit, die seinem eigenen Rekord vor zwei Jahren fast
+gleichkam und die Zeit des Siegers--auch eines alten Gegners--beide
+Male übertraf.
+
+Er biß die Zähne aufeinander. Er wollte noch nicht. Denn er _durfte_
+noch nicht!--
+
+Wieder vergingen Wochen, und der Sommer war da. Das Wasser wurde
+täglich wärmer. Langsam nahte sein Tag: der Tag des großen Festes des
+Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes, der größten internationalen
+schwimmsportlichen Veranstaltung des Jahres, nicht nur für
+Deutschland, sondern alle benachbarten Länder; der Tag der großen
+Entscheidungskämpfe über die allerersten Meisterschaften des
+Weltteiles.
+
+Und er erwartete ihn.
+
+Dann fiel sein Blick eines Tages im "Welt-Sport" auf seinen Namen,
+seit langer Zeit zum erstenmal wieder, und sein Herz schlug höher bei
+dem, was er las. Es war eine Kritik des letzten Berliner
+Bundesschwimmens und in der Hauptsache die Besprechung des Sieges des
+jungen Georg Bauer vom "Triton", wo es am Schluß hieß:
+
+--"Die Leistung dieses jungen Mannes erinnert uns in ihrer
+selbstbewußten Kraft und der idealen Schönheit ihres Stils an
+diejenigen des noch vor kurzem überall genannten Meisters von Europa
+vom Vorjahre. Unsere Leser wissen, daß wir von Franz Felder sprechen.
+Sie wissen auch, wie sehr wir stets gerade für diesen Schwimmer
+eingetreten sind, und erinnern sich, welche Hoffnungen und Wünsche
+wir noch auf Jahre hinaus für ihn gehegt und ausgesprochen haben. Um
+so schmerzlicher war--wie wohl überall--unser Bedauern und um so
+größer unsere Enttäuschung, diesen in Haltung und Kraft einzigen
+Schwimmer so jäh niedergehen und dann von einem Tage zum anderen,
+nach einigen äußerlich gar nichts bedeutenden Mißerfolgen, plötzlich
+von der Bildfläche verschwinden zu sehen: aus Gründen, die offenbar
+tiefer liegen, als daß wir ihnen hier öffentlich nachgehen dürften.
+
+Es wäre sicherlich ein einziger Genuß für jeden feineren Kenner
+gewesen, am vergangenen Sonntag zum Beispiel ihn und Bauer zugleich
+an den Start gehen und die reifende Kraft des Jüngeren mit der
+gereiften des Meisters in einer Form wetteifern zu sehen, die bei der
+rohen, immer mehr eingreifenden Preisjägerei gänzlich in
+Vergessenheit zu geraten scheint.
+
+Werden wir ein Schauspiel dieser Art nie mehr erleben?--Fast scheint
+es so. Aber wir können die Hoffnung noch nicht aufgeben, Felder eines
+Tages wieder an der Arbeit zu sehen, und möchten heute nur nochmals--
+auch im Hinblick auf manchen ungerechten Angriff, der den Meister mit
+zu seinem sonst rätselhaften Entschluß, sich so ganz zurückzuziehen,
+getrieben haben mag--betonen: wenn auch die neuerlichen Leistungen
+des Nachwuchses jedes Lobes würdig sind und manchen zum Nachfolger
+Felders geradezu prädestinieren, so scheint allen doch völlig zu
+fehlen, was der Persönlichkeit dieses Meisters so sehr eigen war--
+diese innerliche Leidenschaft und Liebe zur Sache, dieses Aufgehen in
+ihr mit Leib und Seele, diese unbedenkliche Hingabe der Begeisterung,
+die wir in seinen phänomenalen, oft über die eigene Kraft
+hinausgehenden Leistungen zu oft bewundert haben, als daß wir uns
+über sie täuschen könnten. Dadurch--nicht durch die Teilnahme an dem
+äußeren Ausbau des Schwimmwesens, wie er in den Klubs betrieben wird,
+und auch nicht durch seine Siege--hat Felder seiner geliebten Sache
+den größten Dienst geleistet und ihr in den Augen vieler eine höhere,
+gewissermaßen edlere Bedeutung gegeben, als sie bis dahin besaß. Das
+sollte ihm unvergessen bleiben und seine Gegner daran erinnern, daß
+Menschen dieser Art ihre eigenen Wege gehen und gehen müssen, weil
+sie nur auf ihnen ihre--oft nur von ihnen selbst geahnten oder
+erkannten--Ziele, erreichen können..."
+
+Wie das Herz des Lesenden schlug!
+
+Was er selbst sich nie klar gemacht, was er aber ahnte und dem er
+nachging--dieser Mann, der das geschrieben, hatte ihm Worte gegeben!
+--Er war der einzige, der ihn ganz verstand!
+
+--"Menschen dieser Art gehen ihre eigenen Wege..."
+
+Ging er nicht die seinen, war er sie nicht stets gegangen, getrieben
+von einer inneren Stimme, die das Rauschen und Brausen auch des
+lautesten Beifalls übertönt hatte?--Und wenn er sie eine Zeitlang
+nicht mehr vernommen, war sie es nicht gewesen, die ihn zurückgelockt
+hatte zu sich?--Hörte er sie nicht wieder?--Und rief sie ihn nicht,
+wie damals den armen, kleinen Jungen, jetzt wieder, ihn, den Meister,
+zu Zielen, von denen niemand wußte, auch er selbst nicht?!--
+
+Ja, sie rief ihn wieder, und er hörte sie: rein und klar, wie nur
+je!--
+
+Ein paar Tage später holte er eines Abends Koepke aus seinem
+Geschäft ab. Die Ausschreibungen zu dem großen internationalen
+Verbandsschwimmen waren soeben erlassen.
+
+Felders Tag war gekommen.
+
+In einem Restaurant setzten sie seine Meldung auf: in dem üblichen,
+geschäftsmäßigen Stil, aber doch noch Wort für Wort überlegend. Und
+als Koepke sie abgeschrieben, setzte Felder das übliche: "Mit
+Schwimmergruß..." und seinen Namen darunter in seiner klobigen,
+mühsamen Handschrift. Auch die Einzahlung des Einsatzes von zwanzig
+Mark, die Felder schon lange zurückgelegt, versprach Koepke zu
+besorgen, und Felder durfte sicher sein, daß es pünktlich geschehen
+würde. Befriedigt legte er die Feder aus der Hand und lächelte zum
+ersten Male seit langer Zeit wieder.
+
+Dann aber, als sie nach geschehener Arbeit noch zusammensaßen, da
+brach es plötzlich aus Felder hervor!--Er wußte selbst nicht, wie es
+so plötzlich kam, aber er mußte sprechen, um endlich einmal wieder
+die eigene Stimme zu hören. Und während der kleine Kaufmann erst
+erstaunt und dann betroffen, ganz betäubt wortlos zuhörte, Strömte
+vor ihm aus gequälter Brust alles hervor, was sie seit Monaten zum
+Ersticken bedrückte.
+
+Man hatte ihn vergessen!--Ja, er wußte es wohl. Er hatte sich von der
+Schwimmerei zurückgezogen. Er konnte nichts mehr. Er war fertig. Er
+war tot...
+
+Aber wie sie sich alle täuschten!--Sie alle miteinander!--Was wußten
+sie denn von ihm?--Verstanden sie ihn überhaupt?--Ahnten sie auch
+nur, was er gewollt hatte?--
+
+Wie sollten sie begreifen, was er erst wollte?!
+
+Sie glaubten ihn fertig, und er war erst am Anfang. Sie glaubten ihn
+gestürzt, die aus dem Tale Zuschauenden. Aber er war nur für eine
+kurze Weile hinter einer Felsecke verschwunden, um auszuruhen zur
+neuen Wanderung von Gipfel zu Gipfel!
+
+In vierzehn Tagen würde er wieder vor ihren Augen erscheinen und eine
+Wanderung beginnen, auf der sie ihm überhaupt nicht mehr folgen
+konnten.
+
+Er war noch nicht einundzwanzig Jahre alt. Er war noch gar nicht im
+Vollbesitz seiner Kraft. Wenn er sich einen Augenblick je
+eingebildet, sie verloren zu haben, so war er ganz einfach ein Narr
+gewesen. Auf jeden Fall fühlte er sie jetzt wieder, so mächtig und
+ungebärdig, daß er den Tag nicht mehr erwarten konnte, sie zu
+erproben. Und da er jetzt wußte, wodurch er ihr schaden konnte,
+brauchte er nur alles zu vermeiden, um sie ungeschwächt sich die
+nächsten zehn Jahre zu ihrer Höhe entwickeln zu lassen und sie dann
+noch zehn Jahre auf ihrer Höhe zu erhalten. Das aber waren zwanzig
+Jahre!--
+
+Und in diesen zwanzig Jahren wollte er es in seiner Sache zu
+Leistungen bringen, wie sie bisher überhaupt noch nicht dagewesen
+waren. Und zwar nicht in dem engen Rahmen des Sports, unter der
+Vormundschaft und beengt durch die Regeln der Klubs und Verbände,
+sondern als freier Schwimmer der Welt, seinetwegen auch als
+"Professional", wenn sie es denn so nennen wollten...
+
+Wenn er in Grünau noch einmal innerhalb des bisherigen Rahmens
+schwimmen sollte, so tat er es, weil er hier noch eine alte Rechnung
+einzulösen hatte. Aber es sollte nur ein Wiederbeginn sein.
+Unzweifelhaft würde ihm der S.-C. B. 1879 nach seinem Siege von
+selbst die Mitgliedschaft wieder anbieten, wahrscheinlich ihn gleich
+zu seinem Ehrenmitgliede ernennen.
+
+Er wollte sie annehmen.
+
+Dann aber sollte sein Weg in die Weite beginnen. Berlin--was war
+Berlin?--Das war ein abgegraster Boden, auf dem es nichts mehr zu
+holen gab. Und auch in Deutschland waren der Städte wenige, wo er
+noch Ehren erlangen konnte, die er noch nicht besaß.
+
+Aber das Ausland!--Dahin mußte er. Zunächst nach England. Und wenn er
+von dort mit neuen Ehren und neuen Mitteln zurückgekehrt war, dann
+sollten seine großen Reisen von einer Hauptstadt zu der anderen
+beginnen, und überall würde er seine Kunst--wenn es sein mußte: vor
+der ganzen Öffentlichkeit zeigen und den Ruhm seines Namens über die
+ganze Welt tragen...
+
+So sprach Felder. Seine ungelenken Worte überstürzten sich, und seine
+Augen glänzten wie im Fieber, während seine heißen Hände heute abend
+immer und immer wieder nach dem Glase griffen.
+
+Und der kleine Kaufmann sah mit seinen weit geöffneten Augen ganz
+stumm und erschrocken auf seinen großen Freund und hörte ihm zu, ohne
+ihn zu verstehen, und wußte nicht mehr: redete ein Genie da vor ihm
+oder ein Irrer.
+
+
+7
+
+In unsäglicher Spannung erwartete Felder seinen Tag. Er lebte nur
+noch in dem Gedanken an ihn. Nie vorher hatte er mit solcher Sorgfalt
+sich auf alles vorbereitet.
+
+Seine Meldung war angenommen worden. Natürlich. Sie hätten sie gar
+nicht abweisen können. Es lag nicht das geringste gegen ihn vor.
+
+Dann wurden die Teilnehmer bekannt gemacht. Felder verschlang die
+Namen, und er hätte aufschreien mögen vor Freude--das war, was er
+gewollt, und mehr, als er je zu hoffen gewagt: die allerersten Namen,
+nicht nur Deutschlands, sondern Europas!--Er kannte alle, vom ersten
+bis zum letzten! Da war zunächst Riesecker, der der Meister
+Deutschlands gewesen war bis zur Stunde, wo er ihn zurückgedrängt
+hatte--aha, jetzt wagte er sich wieder hervor, sein alter Gegner;
+dann Scarpetta, der Meister Italiens, dem wohl wieder einmal nach
+einer Niederlage gelüstete; Anton Riegler, der Meister Österreichs
+und Ungarns zu gleicher Zeit--der Europas würde er nie werden, so
+lange Felder lebte, Magelsdorffer, der im vorigen Jahre die große
+Rheinmeisterschaft über 7500 Meter erfochten--er sollte aber doch
+lieber in seinem heimatlichen Strom bleiben. Dann der junge
+Nachwuchs: vor allem der junge Magdeburger Seubert wieder--nun, nur
+nicht so eilig, junger Mann; und auch du nicht, Georg Bauer--ihr
+jungen Hähne kräht zu früh...
+
+Sie wurden alle kommen, mit Ausnahme der Engländer wieder. Nun, mit
+denen würde er ja bei der nächsten Gelegenheit noch ein Wort reden...
+
+Sie waren alle da, und Felders innere Freude kannte keine Grenzen.
+Jetzt erst war er wieder ganz ruhig.
+
+Was für ein Schwimmen sollte das werden!--Langsam, viel zu langsam
+kam endlich der Tag für den Einsamen heran.
+
+Felder lag im Bett bis gegen Mittag. Mit offenen Augen starrte er die
+Kränze und Bilder an den Wänden an. Endlich hielt er es nicht mehr
+aus.
+
+Früh am Nachmittag fuhr er hinaus nach Grünau. In dem kleinen Paket
+in der Hand trug er sein Trikot. Der Zug war überfüllt mit
+Ausflüglern.
+
+In Grünau ging er gleich zum Sportplatz und dort hinter den Reihen
+der Zuschauer entlang zu den ihm so wohlbekannten Auskleidestellen,
+wo bereits überall Kleider hingen. Er suchte sich die entlegenste
+freie Ecke und zog sich langsam aus.
+
+Es war vier Uhr. Vor fünf konnte das 600-Meter-Rennen kaum beginnen.
+Als er das Trikot über seine glühenden Glieder zog, war er noch immer
+ganz allein in dieser Ecke hier oben. Dieses Trikot hatte er sich für
+sein heutiges Schwimmen als Einzelschwimmer machen lassen, und
+wochenlang hatte er darüber nachgedacht, was er wählen sollte und
+durfte. Endlich hatte er sich entschieden: ganz weiß, nur am Rande
+mit einem goldenen Streifen; und ebenso die Badehose: ganz weiß, mit
+goldenen, schmalen Streifen und vorn mit einem einfachen goldenen
+Stern. Das waren die Farben keines Klubs, das war kein Abzeichen, das
+war noch von niemand jemals gewählt worden--es sollten die
+selbstgewählten Farben sein, unter denen er heute für sich ganz
+allein siegen wollte, heute, dies eine Mal, bevor--bevor er wieder
+für andere kämpfen wollte. Leicht und straff legte sich der dünne,
+fast durchsichtige Stoff um seinen Körper, nur Arme und Beine frei
+lassend, nirgends beengend, jeder Bewegung nachgebend, wie die
+Trikots der Akrobaten und Athleten. Felder hätte keine einfacheren
+und bescheideneren und doch herausfordernd-bedeutungsvolleren Farben
+wählen können als diese beiden: Weiß und Gold!--
+
+Noch immer kam niemand, und er stand bereits fertig. Von diesem Fleck
+aus konnte er nicht nur den ganzen Sportplatz unter sich, sondern
+weithin die ganze Gegend überblicken. Vor ihm unter den Bäumen fielen
+die langen Bankreihen stufenförmig bis zum Wasserspiegel nieder,
+dicht besetzt mit den Zuschauern, um so dichter, je näher der
+Kampfplatz, alle es sich so bequem wie möglich machend, die Frauen in
+luftigen Sommerkleidern, die Männer oft in Hemdsärmeln, trinkend,
+lachend, sich den Schweiß abtrocknend und immer wieder die
+Aufmerksamkeit den Spielen zuwendend... Kinder, die sich langweilten
+und balgten, zwischen sich... Weiter unten die Farben der Klubs, die
+schwarzen Röcke und Fräcke der offiziell Beteiligten, der geladenen
+Gäste, der Richter, der Veranstalter... dann die nackten, hellen
+Gestalten der Kämpfer... endlich der abgesteckte Platz mit seinen
+fahnengeschmückten Gerüsten, die auf Tonnen schwammen... auf dem
+Sprungbrett die schnell sich ablösenden Gestalten, in seltsamen
+Formen die Luft durchschneidend und in dem aufspritzenden Wasser
+verschwindend... Leben, Bewegung überall, überall Kommen und Gehen:
+der erregte und doch verhaltene Ernst, die gespannte Aufmerksamkeit
+dieses Festes, nur unterbrochen durch den zeitweiligen, tosenden
+Jubel der Zuschauer, aber alles gebannt, etwas gelähmt durch die
+drohende Schwüle dieses Julitages...
+
+Und darüber hinaus die ganze, weite Landschaft, das leuchtende
+Wasserbecken, hier sich zum See verbreiternd, dort, gegen
+Westen, sich in trägem Flusse verengernd, an seinen Ufern die
+menschenüberfüllten Sommergärten, von denen Musik herüberschallte,
+besät mit Booten und Fahrzeugen, aufweichen die sonntagsfreudigen und
+arbeitsmüden Großstadtmenschen sich dahintreiben ließen; dann dort
+drüben das einfache und in seiner Einförmigkeit doch so tiefe Bild
+dunkler Kiefern und des weißen, märkischen Sandes: die sanften Linien
+der Müggelberge, gebrochen am Horizonte durch den scharfen Strich
+eines Aussichtsturmes, aber sonst leise und wellig dahingleitend, in
+ihrer milden Freundlichkeit mehr geschaffen für den stillen Ernst des
+Herbstes, als für diese grelle Sonne, der die geraden Stämme
+regungslos, ohne Erzittern, wie betäubt, standhielten...
+
+Felder wußte nichts von der Schönheit und von der Einförmigkeit
+dieser Gegend. Er hatte nie etwas anderes gekannt, als sie, und die
+Bilder seiner Reisen hatte er gesehen, wie andere sie für zehn
+Pfennig im Automaten sahen. Er sah nur das Wasser. Und es glitzerte
+und glänzte und lockte und rief; und ungeduldig griff er nach seinem
+Tuch.
+
+Dies Wasser war seine Heimat; dies Wasser war sein Land.--
+
+Genau war mit Koepke der Zeitpunkt verabredet, an dem dieser ihn
+abholen sollte: bei Beendigung der sechsten Konkurrenz, des
+Hindernisschwimmens; spätestens aber vor Beginn der siebenten: des
+Springens um die Deutschland-Meisterschaft, der als achte dann das
+große Hauptschwimmen folgen sollte. Zeit genug also. Und Felder war
+schon fertig. Er wußte, daß Koepke kommen würde. Hierher. Die
+Ungeduld ergriff ihn. Wurde denn das Sprungbrett dort unten niemals
+leer?--Immer von neuem erschienen die Springer. Und mit der Ungeduld
+kam die Angst über ihn, jene Angst, die er nur ein einziges Mal in
+seinem Leben gespürt: damals, vor seinem ersten großen Siege, an
+jenem grauen Wintertage, in der trüben Ecke des Winterbades der
+Wasserfreunde, als er so wie heute darauf wartete, daß man ihn holen
+sollte.
+
+Aber wie durfte er _heute_ Angst haben!--Und doch fühlte er sie, wie
+eine Drohung, über sich, und er atmete erleichtert auf, als dort
+unten eine Bewegung durch die Reihen ging, die das Ende eines Rennens
+andeutete. Dann stürzten nasse Gestalten herauf, ohne sich um ihn zu
+kümmern, rissen sich, lachend und lärmend und noch schweratmend von
+der Arbeit, die Trikots vom Leibe, nach Hemd und Hose greifend, und
+sogleich er schien auch--pünktlich zur Sekunde--Koepke.
+
+Da fiel die Unruhe von Felders Brust, und hocherhobenen Hauptes, das
+Badetuch lässig um die Schultern geschlagen, stieg er langsam und
+ohne sich umzusehen, durch die Reihen der Zuschauer hernieder und
+schritt auf die Bahn zu. Auch dort vermied er, irgend jemand mit dem
+Blicke zu streifen, sondern lehnte sich ruhig an das Geländer, das
+nächste Rennen erwartend, und als es begann, ihm aufmerksam mit den
+Augen folgend. Aber er fühlte, wie man ihn ansah von allen Seiten; er
+wußte, daß in diesem Augenblicke aller Augen auf ihm ruhten. Nicht
+jetzt wollte er ihnen begegnen. Nach dem Siege--dann!--Nur einmal sah
+er auf und maß mit dem Blicke die lange Bahn, die man für das 6oo-
+Meter-Rennen besonders abgesteckt hatte. Welche der sieben Nummern
+war wohl die seine?--Würde er in der Mitte oder an der Seite
+liegen?--
+
+Die Hitze wurde immer drückender; der Himmel war nicht mehr so rein,
+wie am Mittag, sondern färbte sich ins Graue, und leichte Wolken
+lagerten sich hier und da. Er war wie geladen mit Spannung, und ein
+Gewitter konnte jede Minute losbrechen. Luft und Wasser lagen starr,
+und die Blätter der Bäume hingen schlaff hernieder. Es war
+unerträglich, aber alle hielt die Erwartung auf das Kommende
+aufrecht.
+
+Dann war auch dieses Rennen zu Ende, und irgend jemand, den er nicht
+kannte, sagte etwas zu Felder, was dieser nicht recht verstand. Ach
+so, es sollte vor dem Beginne des Wettkampfes das übliche Bild
+aufgenommen werden. Und er stellte sich auf den bezeichneten Platz,
+aber erwußte nicht, wer neben ihm stand. War es Scarpetta oder der
+junge Seubert? Er sah nur immer gerade aus, seine Augen hatten einen
+ganz starren Ausdruck angenommen, und in diesem Moment sah jeder, der
+ihn früher gekannt und ihn nun zum ersten Male seit Monaten
+wiedersah, wie sehr er sich verändert hatte.
+
+Das war nicht mehr das weiche, runde, gutmütige Gesicht Franz
+Felders, wie man es kannte von früheren Zeiten her und so vielen
+Bildern, das unbekümmerte Gesicht des Knaben und des glückstrahlenden
+Jünglings; das war nicht mehr der vertrauende, freundliche Blick, der
+diesen Zügen auch dann noch geblieben war, als die letzten Jahre
+schon die Linie der Entschlossenheit bis zur Härte vertieft hatten:
+das war das frühalte, herbe Gesicht eines Mannes, in dem die
+Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen haben; und in diesen Augen,
+die über alles hinweg in eine weite Ferne blickten, brannte nur noch
+das Feuer eines düsteren Willens, der entschlossen war, sich
+durchzusetzen, und sei es über Leichen... Und wie sein Gesicht, so
+hatte auch Felders Gestalt alle Weichheit verloren; jetzt sah man
+deutlich, welche Kraft in dieser hageren Sehnigkeit und in diesen
+straffen, eisernen Muskeln lag.
+
+Das Bild war aufgenommen. Irgendein anderer, dessen Stimme ihm
+bekannt in die Ohren schlug, gab Felder die schwarze Mütze und nannte
+ihm die Nummer seines Platzes--den zweiten links. Aber Felder sah und
+hörte überhaupt nichts mehr, als nur diese eine Zahl; und während er
+sich zu ihr durchdrängte, verschwammen alle diese Gesichter um ihn
+her völlig in ein großes Ganzes--die Starter, die Festteilnehmer, die
+Sportsleute, die Zuschauer--und erst, als er im Wasser mit der Hand
+an seiner Nummer lag, kam er wieder zur Besinnung. Jetzt schaute er
+sich um: links neben ihm als Nummer eins lag der junge Georg Bauer
+mit seinem lachenden Gesicht, als sei dies Schwimmen ein Spiel;
+rechts neben ihm, totenblaß und mit aufeinandergebissenen Zähnen
+Riesecker; dann, als er den Kopf nach hinten bog und empor sah, ob
+das Zeichen noch nicht gegeben wurde, erkannte er unter den
+Gesichtern dort oben über ihm, wie im Fluge, aber ganz deutlich vier,
+fünf Gesichter seiner alten Freunde aus dem S.-C. B. 1879, unter
+ihnen das ernste Gesicht Nagels.
+
+Aber er durfte jetzt nur noch eines denken; und als er, wie um nichts
+mehr zu sehen, sein heißes Gesicht für eine kurze Sekunde in das
+Wasser tauchte, wurde über ihm das Zeichen gegeben. Die anderen
+hatten bereits abgestoßen.
+
+Mit einem Schlage war er unter ihnen...
+
+Die ersten Längen schwamm er unter dem Bann des einzigen Gedankens,
+seinen Stil möglichst innezuhalten und sich nicht unnütz auszugeben.
+Er mußte sich zügeln, so groß war das Übermaß von Kraft in ihm. Über
+die kurze Strecke--eigentlich immer sein Favoritgebiet--hätte er
+bereits gewinnen können. Dann kamen ihm in der dritten Länge gegen
+den Strom zu beiden Seiten die Gegner wieder nach. Er hielt indessen
+seinen Stil inne, ohne sich zu überhasten, und erst in einer der
+nächsten--es mußte nach seiner Berechnung die fünfte sein--ergriff
+ihn die Unruhe, ihn aufgeben zu müssen, da er glaubte, sich sonst
+nicht behaupten zu können. Eine Länge, die mit dem Strom, wenigstens
+wollte er es indessen noch versuchen, bevor er dann mit seinem
+Endspurt etwa Verlorenes wieder einbringen mußte. Er sah sich jetzt
+nicht mehr um.
+
+Er schwamm, und er wußte, wie gut und sicher er schwamm...
+
+Jetzt noch eine Länge, und dann noch eine. Und während dieser einen,
+die er für die vorletzte hielt, wurde er die Gegner nicht los. Er
+fühlte, es war unmöglich auf diese Weise. Er mußte seinen Stil
+aufgeben und sich durchs Ziel arbeiten, so gut es ging.
+
+Er schlug an.
+
+Und nochmals stieß er ab.
+
+Und jetzt--er fühlte es, wie er am Ende seiner Kraft war. Er würde
+auch diese Länge noch zu Ende bringen, die wie endlos vor ihm lag,
+aber so wie die anderen nicht mehr. Wer war denn noch neben ihm?...
+Er sah zur Seite. Niemand?--Das gab ihm neuen Mut, und er holte zu
+neuen Stößen aus. Zugleich aber war es ihm, als ob man ihm zurief,
+und als er nochmals unwillkürlich den Blick erhob, sah er, wie auf
+dem Seitensteg ein Herr neben ihm herlief, mit den Händen fuchtelte
+und ihm fortwährend zuschrie:--Genug!--genug!--es ist ja zu Ende!--
+
+Zu Ende?--Was?--Darum lag niemand mehr neben ihm. Er wandte sich um
+und stieg ans Land.
+
+Die Musik blies immer von neuem Tusch; die ganze Zuschauermenge hatte
+sich wie ein Mann erhoben und schrie und winkte mit Tüchern und
+Hüten, und Felder trat in ein wirres Gewühl von durcheinander
+redenden und durcheinander laufenden Menschen.
+
+Aber wer war es denn, dem man zujubelte?--Wem galt all diese
+Erregung?--Wer war der Sieger?--Einer konnte es doch nur sein.
+
+Niemand schien es zu wissen.
+
+Nur daß _er_ es nicht war, das sah er!--Niemand kam zu ihm, niemand
+kümmerte sich um ihn.
+
+Da ging er langsam an dem Ufer entlang und an der Seite der Umzäunung
+empor zu seinem Platze. Mechanisch kleidete er sich an, und seine
+Augen hatten wieder den starren, abwesenden Ausdruck. Er war wie
+zerschlagen. Er begriff noch nichts. Nichts, als das eine; daß er
+unterlegen war!--Mechanisch streifte er sich das breite Band der
+Ehrenmitgliedschaft der "Life Saving Society" um den Hals, die
+höchste Ehrung, die ihm je zuteil geworden war, und die einzige, die
+er neben den großen goldenen Medaillen seiner Europa-Meisterschaft an
+diesem bedeutungsvollen Tage angelegt hatte.
+
+Er strich es noch unter dem Rock glatt, als Koepke in höchster
+Aufregung heraufstürmte.
+
+--Mensch, rief er ihm schon von weitem zu, was wartest du denn
+nicht!--Na, da unten geht es schön zu!... Aber was wollen sie denn
+machen!--Du warst es doch nun einmal...
+
+Felder starrte ihn an. Der Kleine wiederholte nur immer in einem
+fort:--Großartig!--aber wirklich großartig!--Ah, was die sich ärgern
+dort unten, das ist ja ein Schauspiel für Götter!
+
+Felder begriff noch immer nichts. Er packte ihn am Arme. Er wollte
+wenigstens wissen, gegen wen er unterlegen war.
+
+--Wer hat gesiegt?--stieß er hervor.
+
+--Wer gesiegt hat.?--schrie da der andere.--Wer gesiegt hat, fragt
+er, und ist es selbst!
+
+Mit einem Ruck zog Felder die Jacke fest, fuhr mit der Hand durch die
+Haare und richtete sich auf. Mit einem Blicke übersah er, wie vorhin,
+das Bild zu seinen Füßen. Es hatte sich völlig geändert.
+
+Vom Himmel fielen, jede Minute dichter, die ersten Tropfen, und ein
+Teil der Zuschauer hatte bereits die Plätze verlassen. Die übrigen
+schickten sich an, zu flüchten; die Frauen rafften ihre Kleider
+zusammen, und die Männer schlüpften in ihre Röcke. Nur dort unten
+beim Kampfplatz standen dicht zusammen die erregten Gruppen. Selbst
+von hier oben aus konnte man erkennen, daß etwas Außergewöhnliches
+geschehen sein mußte.
+
+Langsam von seinem Freunde gefolgt, den Strohhut in der Hand, stieg
+Felder den Abhang hinunter. Er war wie verwandelt. Er lächelte.
+
+Denn jetzt war seine Stunde gekommen!... Und er hatte nur noch einen
+Gedanken: möglichst ruhig zu erscheinen, die wilde, unbändige Freude,
+die ihn wie neugeschenktes Leben durchrann, nicht zu sehr merken
+zulassen. Aber ganz konnte er sie nicht verbergen: sie lag auf seinen
+Lippen, sie schien aus seinen Augen, und sein verhärmtes Gesicht
+bedeckte eine schwache Röte.
+
+Er kam zu der ersten Gruppe, wo heftig durcheinander geschrieen
+wurde--es war Felder, als ob einige ihn erkannten, schwiegen und ihm
+Platz machten, als er an ihnen vorbei ging.
+
+Die nächste war die der "Borussia". Er sah den ihm bekannten
+Schwimmwart des Vereins an: der wandte sich ab, und die anderen
+machten ihm Platz.
+
+Er zögerte einen Augenblick. Dann ging er an der Wasserseite entlang
+auf den Platz zu, wo der Tisch der Veranstalter stand und das Komitee
+der Richter saß. Sie waren alle beschäftigt, und niemand kümmerte
+sich um ihn. Er stand vor der großen Tafel, auf der soeben der letzte
+der drei Sieger angekreidet wurde. Er las zunächst seinen eigenen
+Namen:
+
+1. Felder . . . . . 10:48
+
+dann weiter:
+
+2. Bauer . . . . . 11:12 2/5
+
+3. Riegler . . . . . 11:20
+
+Der Schreibende wandte sich um, als er seine Arbeit getan, lächelte,
+als er Felder erkannte, und ging fort, ohne ihn anzusprechen.
+
+Felder atmete schwer. Er fühlte die feuchten Tropfen nicht, die
+dichter und dichter fielen; er fühlte die drückende Hitze dieses
+Tages wie nie.
+
+Also Bauer und Riegler!--Welcher Sieg: er hatte den berühmten Meister
+Österreich-Ungarns gleichermaßen geschlagen, wie die hoffnungsvollste
+Kraft der Jugend. Er wußte, daß er vorzüglich geschwommen hatte. Wenn
+die erreichten Zeiten sich so nah lagen--eine Außergewöhnlichkeit bei
+einem Rennen über eine so lange Strecke--so lag das bei ihm nur
+daran, weil er durchaus seinen Stil beibehalten hatte. Ohne diese
+überflüssige Zugabe hätte er leicht heute noch den Weltrekord über
+600 Meter--10:05 1/2--verbessern können.
+
+Es war ein Sieg wie keiner. Vielleicht sein größter. Weshalb schien
+man das nicht zu begreifen?--Was sollte das alles überhaupt heißen?--
+Warum kam man denn nicht zu ihm?--
+
+Auf der linken Seite, der Wasserseite, dem Ufer gegenüber, lagen die
+für die Klubs und die geladenen Gäste reservierten Plätze. Man saß
+dort nicht mehr, sondern alles stand dicht durcheinander, kam und
+ging. Nur die Klubmannschaften bildeten noch einzelne Gruppen.
+
+Dort sah Felder die blau-weißen Farben. Und mit plötzlichem Entschluß
+drängte er sich durch die Menschen und Stühle, ohne daß ihn jemand
+beachtete. In seinen Augen war alles Licht erloschen und er lächelte
+nicht mehr.
+
+Nach ein paar Schritten stand er still. Er konnte nicht weiter. Er
+wartete. Er stand jetzt der Gruppe so nah, daß man ihn von dort aus
+sehen mußte.
+
+Jetzt würden sie zu ihm kommen...
+
+Er stand da und wartete, und Koepke, der ihm gefolgt war, ohne zu
+wissen, wohin Felder wollte, stand neben ihm.
+
+Er hörte die Stimmen, bekannte Stimmen, und er wußte, wer sprach. Das
+war der Vorsitzende, und das, das--war Nagels ruhige, sichere Stimme.
+
+Niemand kam. Niemand schien nach ihm hinzusehen. Niemand sprach ihn
+an. Was sollte es bedeuten!--Was konnte das bedeuten?--
+
+Er ertrug es nicht mehr. Und er ging weiter, und dicht an den
+Mitgliedern des S.-C. B. 1879 vorüber. Er sah sie an und sie sahen
+ihn an.
+
+Aber keiner grüßte ihn; keiner machte eine Bewegung zu ihm hin.
+
+Er ging weiter. Er begriff noch immer nichts. Aber er fühlte einen
+Schmerz, wie er ihn noch nie in seinem Leben gefühlt.
+
+Er ging weiter und blieb irgendwo am Geländer stehen, mitten unter
+den Mitgliedern des "Neptun", von denen er fast keinen kannte.
+
+Das große Hechttauchen war im Gange. Es regnete schon stark. Ein
+Kämpfer nach dem anderen erschien am Start: ging ins Wasser, erschien
+dort halb mit seinem Rücken, aber das Gesicht noch immer unter
+Wasser, verschwamm sich, fühlte es am Anstoßen, schwamm geradeaus,
+ging ans Land, wurde beklatscht--Felder sah immer auf das Wasser vor
+sich und begriff noch immer nichts. Er wartete und wartete und wußte
+selbst nicht, worauf eigentlich noch....
+
+Dann war auch das Hechttauchen zu Ende, und in die Umstehenden, die--
+ebenso wie er--ihre Blicke nur auf die unbewegte Wasserfläche
+geheftet hatten, _unter_ der der Sieg erfochten wurde, kam neue
+Bewegung.
+
+Da führ auch Felder auf.
+
+Irgend etwas mußte geschehen.
+
+Er mußte Gewißheit haben.
+
+Was ging hier vor um ihn?--Entweder war etwas gegen ihn im Gange, von
+dem er nichts wußte, oder ein unbegreifliches Mißverständnis--
+vielleicht auf seiner eigenen Seite--täuschte und verwirrte ihn.
+
+Jedenfalls mußte ein Ende gemacht werden.
+
+Und wieder ging er an seinem alten Klub vorüber. Aber diesmal blickte
+er nicht vor sich hin, sondern fest und entschlossen sah er von Mann
+zu Mann--ohne zuerst zu grüßen, den Hut noch immer in der Hand--aber
+wartend--wartend ... worauf?--Und überall, wohin er auch sah, wich
+man seinem Blick aus, nicht brüsk und unfreundlich, aber hier in
+offenbarer Verlegenheit, dort in bewußter Absichtlichkeit, und
+meistens wie erstaunt. Seine Füße wurden schwer und schwerer. Aber er
+ging weiter.
+
+An der nächsten Gruppe, der des "Poseidon", wurden seine Blicke von
+einzelnen erwidert. Aber nicht freundlich, sondern herausfordernd,
+mit offenbarer Feindseligkeit, wie er es kaum anders erwartet. Er
+konnte sich nicht täuschen. Die Worte: "Größenwahn!"--"Verrückt!"--
+"Der Meisterspringer"--und mehrfach das höhnisch betönte
+"Einzelschwimmer" klangen zu vernehmlich an sein Ohr. Er hörte es und
+ging weiter.
+
+Weiter und weiter, den Steg entlang. Und wohin er kam, erkannte und
+beachtete man ihn entweder gar nicht, oder man machte ihm Platz. Nur
+als er den "Hechten" näher kam, schien es, als ob der eine oder
+andere von dort Miene machte, ihm entgegen zu kommen. Aber da wendete
+er sich ab und schritt schnell zu den nun fast völlig geleerten
+Sitzreihen.
+
+Außer den Vereinen war nun fast niemand mehr anwesend.
+
+Er suchte die Vertreter der Zeitungen, aber sie mußten bereits
+gegangen sein.
+
+Nur Koepke war plötzlich wieder neben ihm. Da führ er ihn an: "Was
+willst du denn noch?--Was läufst du mir denn immer nach?--So laß mich
+doch endlich einmal in Ruhe!"
+
+Das war selbst für den kleinen Kaufmann zuviel. Mit gekränkter Miene
+und ohne Antwort ging er von dannen. Felder war jetzt ganz allein.
+
+Noch einmal übersah er das ganze Gelände. Es war fast ganz leer und
+der dichte Regen schlag durch die Blätter der Bäume. Jedes Interesse
+schien erlahmt und man trieb zum Biere und zu anderer Unterhaltung.
+
+Dort unten gingen die letzten Wettkämpfe zu Ende. Die Richter saßen
+unter Regenschirmen, und nur die Buntbemützten harrten bis zu Ende
+aus.
+
+Da wandte sich Felder zum Gehen.
+
+Er dachte nicht daran, seinen Preis in Empfang zu nehmen.
+
+Er kämpfte nicht mehr um Preise.
+
+Um seinen Namen, um seine Ehre kämpfte er.
+
+Nein, auch das nicht.
+
+Um sein _Leben_ hatte er heute gekämpft, um sein ganzes vergangenes
+und zukünftiges Leben.
+
+Nie hatte er so gesiegt wie heute.
+
+Und doch war er unterlegen!
+
+
+8
+
+Er sah ganz klar.
+
+Er begriff plötzlich alles. Er täuschte sich nicht mehr. Er erblickte
+alles in anderem Lichte, dem grellen, nüchternen Lichte der
+Wirklichkeit.--
+
+Er war ein Narr gewesen.
+
+Ein Narr, als er geglaubt, daß er die Welt erobern könne mit seinen
+Siegen. Ein Narr, als er wähnte, sie drehte sich forthin nur noch um
+ihn, nachdem er diese Siege errungen. Ein Narr, als er sich
+einbildete, er sei der allmächtige und unbezwingliche Sieger. Und der
+größte aller Narren, als er von diesem Tage eine unerhörte Wendung
+der Dinge erwartet.
+
+Er kannte doch das Schwimmerleben und wußte, wie es in ihm zuging!--
+Wie im Leben des Tages, so auch dort überall gegenseitiger Neid und
+Haß! Hatte er ihn nicht in aller Blicken gelesen?--Nie würde man ihm
+diesen Sieg vergessen. Daß er gewagt, seine eigenen Wege zu gehen,
+war schon ein Vergehen gegen die Gewohnheit des Herkommens; daß er
+aber als einzelner Schwimmer den großen Preis an sich gerissen, der
+doch von Rechts wegen einem Klub gehören sollte, das war ein
+Verbrechen, das man ihm nie verzeihen würde.
+
+Und wie hatte er auch nur eine Minute glauben können, daß sein alter
+Klub ihn wieder aufnehmen, ja zuerst zu ihm kommen und ihm gar noch
+die Ehrenmitgliedschaft antragen würden?--Gerade die 79er waren es
+doch, denen am wenigsten noch von allen Klubs an den Preisen lag--das
+wußte er doch am besten!--Er war von ihnen gegangen, und damit war
+alles zu Ende gewesen zwischen ihm und den Genossen seiner Jugend.
+Das war es gewesen, worunter er mehr gelitten, als er es sich jemals
+selbst zugestanden. An dem Schmerz, als er an ihnen vorbeiging und
+seine Blicke unerwidert geblieben waren, hatte er gefühlt, wieviel er
+in diesem letzten Jahre innerlich entbehrt. Er wußte es jetzt: nicht
+um die Ehre, nicht um die Preise, nicht um seinen Namen hatte er
+gekämpft, sondern um seinen alten Klub. Um seine alte Liebe, um die
+Wiederkehr jener glücklichen Stunden im Kreise der Freunde, um das
+trauliche und schöne Beisammensein mit ihnen in allen Stunden, um
+ihre Achtung und Freundschaft... Um alles, was seinem Leben jahrelang
+Wärme und Licht verliehen--um sein Leben hatte er gekämpft.
+
+Dafür hatte er zu siegen gehofft.
+
+Er hatte gesiegt.
+
+Und er hatte verloren.
+
+Sie würden ihn nicht wiedernehmen, auch wenn er selbst zu ihnen
+zurückkehren wollte; und wenn sie ihn aufnehmen würden, dann war
+alles anders geworden.--
+
+Was nun aber?--
+
+So ging es doch nicht weiter.
+
+Er täuschte sich nicht mehr, und er wußte jetzt, wie furchtbar er
+gelitten in dieser letzten Zeit. So konnte er nicht weiterleben. Er
+konnte die Einsamkeit einfach nicht mehr ertragen.
+
+Gewiß: es standen ihm andere, die besten Klubs offen. Nichts lag vor,
+was seinen Eintritt hinderte, und nach dem heutigen Siege würden sich
+gar bald die gehässigen in freundliche Mienen verwandeln und sich ihm
+überall die Hände entgegenstrecken, wo er sie nur ergreifen wollte.
+Aber es würde niemals wieder so werden, wie es gewesen war. Er würde
+so sein, wie im "Hecht": ein Fremder unter Fremden.
+
+Aber was sollte denn nun werden?--Ihm begann vor der Zukunft zu
+grauen, denn er sah jetzt in allem ganz klar.
+
+Er erkannte, wie sehr er sich zunächst in bezug auf sich selbst
+getäuscht. Allmählich in diesen letzten Jahren, und immer mehr und
+mehr, hatte er sich daran gewöhnt, nur sich zu sehen, nur seine
+Siege, nur seine Triumphe. So war er dahin gekommen, den Erfolgen
+anderer keine Bedeutung beizulegen, sie zu übersehen, soweit es
+anging. Gewiß, darüber war kein Zweifel: sein Name war der
+berühmteste unter allen, sein Erfolg beispiellos, sein Ruhm weiter
+gedrungen, als der Ruhm irgendeines deutschen Schwimmers bisher...
+
+Aber wieviel andere Namen wurden nicht auch neben, nicht mit dem
+seinen zusammen genannt, wenn man von den Meistern des Schwimmens
+sprach: alte Namen und neue, alle Tage neue... Er war nicht der
+einzige, der Meister hieß. Da gab es eine Menge von Meisterschaften,
+selbst in Deutschland, die in anderen Händen waren, an denen er sich
+nicht beteiligt hatte, gar nicht hatte beteiligen können, schon
+allein, weil Zeit und Raumentfernung und Satzungen es verboten. Da
+gab es ferner die Meisterschaften im Mehrkampf, unter denen er nur
+eine einzige, die bei seinem ersten und letzten Versuch errungene,
+sein eigen nannte. Dann endlich die Springmeisterschaften... Doch
+daran mochte er gar nicht mehr denken!--Also: nicht auf einer Brust
+wurden alle Ehren vereinigt. Genug, daß die seine die höchsten trug.
+Er hatte einen Namen, den besten und berühmtesten. Aber es war doch
+nur ein Name neben und mit anderen.
+
+Noch immer der erste. Heute mehr als je der erste, und nach diesem
+letzten Siege lauter genannt, als jemals zuvor.--Aber wie lange
+noch?--
+
+Denn auch darin sah Felder jetzt zum ersten Male klar: daß es eine
+Grenze gab, über die keiner hinauskam. Nie hatte er sich das selbst
+gegenüber eingestanden, nie daran auch nur denken wollen... Aber
+jetzt täuschte er sich auch hierin nicht mehr, und manches Wort fiel
+ihm ein, das Nagel und auch andere schon vor Jahren warnend zu ihm
+gesprochen.
+
+Wie lange dauerte denn die Siegeslaufbahn einer Sportgroße?--So
+lange, wie seine beste Kraft. Eine Reihe von Jahren, ein paar
+weniger, ein paar mehr. Aber über ein gewisses Maß ging es nie
+hinaus.
+
+Und im Schwimmen?--Wenn einer dieselben Meisterschaften und einige
+Wanderpreise drei Jahre hintereinander errang, so war das schon eine
+große Ausnahme. Meist kam irgendeine andere Kraft dazwischen und
+entriß sie ihm vor der Entscheidung.--Wenn ein Schwimmer ein paar
+Jahre lang die Meisterschaft über die kurze oder lange Strecke, oder
+in irgendeiner besonderen Art des Schwimmens, in der er es zur
+besonderen Fertigkeit gebracht, behauptete, so war das gerade genug.
+Sicher war kein Sieg, und je zahlreicher sie sich auf eine Person
+häuften, um so näher lag die Gefahr, daß diese bald von ihrem Platze
+verdrängt werden würde. War einer aber gar, wie Felder, jahrelang der
+überall Siegreiche, überall Gefürchtete und Beneidete gewesen, dann
+waren sie alle hinter ihm her, sie, die "auch etwas konnten", und es
+galt, sich zu verteidigen nach links und rechts und keinen der Gegner
+aus den Augen zu lassen.
+
+Das war nicht leicht. Jetzt erst fühlte Felder, wie schwer es war,
+wieviel schwerer es wurde von Jahr zu Jahr!--
+
+Eine Zeitlang hatte er sich auch hierüber täuschen können. In stolze
+Sicherheit gewiegt, hatte er sich für unüberwindlich gehalten, bis
+ihm die Augen geöffnet wurden. In erster Bestürzung wollte er die
+Schuld einer Abnahme seiner Kraft und sich selbst zuschreiben. Längst
+wußte er, daß er sich auch darin geirrt. Sein eigener lässiger
+Hochmut und Dünkel, das waren die hauptsächlichsten Gründe, die alles
+verschuldet, was geschehen war.
+
+Er besaß sie nicht mehr: nicht Hochmut, nicht Dünkel mehr. Er wußte
+seit langem wieder, was auf dem Spiele stand, und wie es zu ringen
+galt, um sich auf der neu gewonnenen Höhe zu behaupten. Er war
+bereit. Wie am ersten Tage der kleine Knabe bereit gewesen war, an
+seinen ersten kleinen Sieg seine ganze, kleine Kraft zu setzen--so
+war er willig, jetzt zu ringen um seine letzten Siege. Aber wozu?--
+Und für wen?--
+
+Die Freude an Siegen war dahin, die er mit niemandem mehr teilen
+konnte. Nicht nur mehr gefürchtet und beneidet, gehaßt würden seine
+Siege werden, wenn er sie in dieser Weise weiter erfocht. Man würde
+sie ihm erschweren auf alle Weise. Hatte er nicht heute erlebt, wie
+man wie auf geheime Abmachung hin ihn überall auch dort ostentativ
+geschnitten, wo er nicht das geringste verschuldet?--Hatte nicht
+Feindseligkeit, ja Haß gegen den "Einzelschwimmer" in den Blicken
+gelegen?--Ruhiger geworden, sagte er sich, daß auch der Zufall, der
+Ausbruch des Regens und andere Umstände mitgewirkt hatten, um ihm
+diese furchtbare Enttäuschung zu bereiten. Sonst würden doch der eine
+oder andere von seinen älteren Bekannten aus irgendeinem der
+befreundeten Klubs und sicherlich auch die passiven Sportfreunde und
+die Kenner, wie zum Beispiel sein alter Bewunderer, der
+Berichterstatter des "Welt-Sport", und andere zu ihm gekommen sein.
+
+Aber die allgemeine Animosität gegen den "Einzelschwimmer" würde
+immer bestehen bleiben, und allgemeine Freude würden seine Siege nie
+mehr hervorrufen. Sollte er immer so stehen bleiben, er, der
+Einzelne, gegen die geschlossenen Mächte der Klubs?
+
+Und die anderen Träume, in die er sich gewiegt in dieser letzten,
+einsamen Zeit--waren sie nicht ebenso haltlos und töricht?--Nach
+England wollte er gehen?--Ganz allein, ohne Kenntnis der Sprache in
+das fremde Land, um dort sich zu messen mit diesen unbekannten
+Kräften, von denen er nichts wußte, als daß sie die allerersten der
+Welt waren? Woher sollte er die Mittel zur Reise nehmen? Und selbst
+wenn er hinging, wenn er alle Schwierigkeiten überwand--was dann,
+wenn er unterlag und mit Hohn und Spott heimgeschickt wurde?--Dann
+war es endgültig aus...
+
+Oder sollte er wirklich die wahnwitzige Idee zur Ausführung bringen
+und seine Kunst zum Beruf machen? Dem ganzen Sportwesen den Rücken
+kehren und als Professional die Welt durchreisen? Jede andere Arbeit
+aufgeben, sich auf einige Dinge bis zur Abnormität einüben und dann
+von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ziehen und sich als "Artist"
+anstaunen lassen?--Das war sicherlich die törichtste seiner
+Einbildungen gewesen, und er lachte sich selbst aus. Das konnte er
+einfach gar nicht!--
+
+Alles, was also übrigblieb, war, sich noch ein paar Jahre, so lange,
+wie nur eben möglich, auf der wiedergewonnenen Höhe zu halten, den
+schmalen, schwindelnden Grat zu verteidigen, bis eines Tages der
+Abgrund des Vergessens auch ihn verschlang. Denn wie lange konnte die
+ganze Herrlichkeit noch dauern?--Im besten Falle ein paar Jahre. Dann
+war auch das vorbei. Dann waren die neuen, frischen, jungen Kräfte
+ins Feld gerückt, die jetzt bereits in der Stille heranreiften, mit
+flatternden Fahnen und klingendem Spiel; und wer ihnen nicht selbst
+klug genug zur rechten Zeit auswich, der wurde einfach überholt, zu
+Boden gerissen, niedergestampft. Dann würden die ersten wirklichen
+Niederlagen kommen, die, nach denen es kein Aufstehen mehr gab. Denn
+während er schon stillstand und über die eigene Kraft nicht mehr
+hinaus konnte, marschierten jene, und "Platz!--Platz endlich für
+uns!" war ihr Geschrei. Sie würden siegen, ganz einfach, weil sie
+jung waren. Ihre neuen Namen würden die alten verschlingen, und noch
+ein paar Jahre eines letzten, aussichtslosen, verzweifelnden Ringens,
+in denen der alte Glanz immer mehr und mehr erblaßte,--und alles war
+vorbei, sie alle miteinander vergessen; und während sie noch
+weiterlebten, waren sie in Wirklichkeit schon tot, und niemand
+kümmerte sich mehr um ihre verblaßten Bänder und Medaillen, diese
+letzten Zeugen einstiger Triumphe, von denen sie nur den geduldigsten
+ihrer Freunde noch erzählen durften, und auch das nicht, ohne bei
+ihnen das Gähnen der Langeweile oder das Lächeln des Mitleids
+hervorzurufen.
+
+So war es bei allen.
+
+So würde es auch bei ihm, bei Franz Felder, sein!--
+
+Denn es gab keine Ausnahme, _keine_.
+
+Bei den meisten bildete die Militärzeit die Grenze. Diese Jahre einer
+für den Sport brachgelegten Kraft überstanden nur wenige. Das
+Abschiedsfest, das der Klub alljährlich seinen einberufenen
+Mitgliedern gab, bedeutete für die meisten von ihnen auch den
+Abschied von ihrer sportlichen Laufbahn. Nur wenige hatten nach ihrer
+Rückkehr noch die Kraft und die Lust, die Ziele ihrer Jugend wieder
+aufzunehmen und sich in neuen Verhältnissen an neue Kämpfe zu wagen.
+Viele bewahrten der Sache wohl noch ihr Interesse, aber das Leben
+forderte sie ein, und wie der Student ins Philisterium, so gingen sie
+in ihren Beruf, und bald in ihm und der neugegründeten Familie auf.
+
+Nicht alle. Durchaus nicht alle. Es gab manche, die selbst während
+dieser Militärzeit noch Energie und Lust gefunden hatten, die alte
+Fertigkeit nicht ganz einschlafen zu lassen und weiterzupflegen. Sie
+kehrten zurück und waren nach kurzer Zeit wieder auf der alten Höhe.
+Manche errangen erst jetzt ihre größten Erfolge; bei anderen wieder
+schien die Übung "in den Waffen" erst ihre ganze Leibeskraft
+herausgearbeitet zu haben.
+
+Bei Felder traf das alles nicht zu. In seiner ausgesprochenen
+Einseitigkeit, die nie eine andere Betätigung, als diese eine,
+erlaubt hatte, die ihn scheitern ließ an jenem Versuch des Springens,
+graute ihm vor der Zeit, die doch schon so dicht vor ihm lag. Er
+wußte nicht, wie er sie überstehen sollte: in einer schmutzigen
+Kaserne ohne Wasser!--
+
+Und wenn er sie überstand--was dann?--
+
+Noch die paar Jahre. Noch eine Zeitlang neue, unerhörte
+Anstrengungen. Nochmals neue Erfolge, wie dieser heutige, die den
+verschollenen Namen noch einmal vor die Augen aller stellten,
+nochmals beneidet, gefürchtet, gehaßt--und dann der unerbittliche
+Absturz von der Höhe, entweder: schnelles Stürzen oder ein stetes,
+qualvolles Weichen Schritt für Schritt.
+
+Er täuschte sich nicht mehr. Er sah ganz klar.
+
+Er wußte, er würde es können: die zwei Dienstjahre überstehen, in
+neues Training treten und sich noch Jahre--länger als irgendeiner vor
+ihm--auf ehrenvoller Höhe halten. Er brauchte nicht zu verzweifeln.
+So groß war seine Liebe zur Sache--er hatte sie erprobt; sie würde
+ihm auch diesmal helfen.
+
+Er wußte, er würde das fast Unmögliche können.
+
+_Aber so nicht_. Nicht unter diesen Umständen.
+
+Nicht allein, nicht so allein.
+
+Es war vergeblich, es zu versuchen.
+
+Denn die Freude fehlte, die Freude, die ihm Mut und Kraft verliehen,
+so hoch zu Steigen, die Freude der Hoffnung, die ihm geholfen, die
+letzte bittere Zeit zu überstehen: die mit anderen geteilte Freude.--
+
+Aber was sollte denn nun werden?--
+
+Er hatte sich rettungslos verstiegen und wußte nicht mehr, wohin.
+
+Wie sollte er nun leben?--
+
+Er fand keine Antwort.
+
+
+9
+
+Eine unerträgliche Hitze brütete über Berlin. Die Menschen atmeten
+schwer in dieser Atmosphäre von Staub und Dunst.
+
+Felder tat noch seine Arbeit, aber er schwamm nicht mehr. Abends saß
+er irgendwo und sah vor sich hin, wie ein Mensch, der keinen Ausweg
+aus seinen Gedanken mehr findet; oder er ging mit demselben starren
+Blick durch die heißen Straßen, bis er müde wurde.
+
+Er lebte, wie er gelebt hatte, die schrecklichen Monate in dieser
+letzten Zeit, ganz für sich, und doch anders--denn wenn ihn damals
+noch eine große Hoffnung begleitet hatte, so ging er jetzt ganz
+allein: er sah und hörte nichts mehr, selbst von dem, was in seiner
+Welt, der engen, der kleinen und doch für ihn alles bedeutenden,
+vorging; auch durch die Zeitungen nicht mehr; und die Seite, die
+dreiundachtzigste in dem kleinen, braunen Buch, das er nicht mehr mit
+sich trug, blieb leer: die Seite, auf die der größte aller Siege
+eingezeichnet werden durfte und nicht wurde...
+
+Es war alles wie abgeschnitten. Es war alles vorbei.--
+
+Er sprach überhaupt kaum ein Wort mehr.
+
+So lebte er noch vierzehn Tage.
+
+Dann fühlte er eines Tages, daß er das Leben nicht mehr ertragen
+konnte.
+
+Irgend etwas, er wußte selbst nicht was, war gebrochen in ihm, und
+damit seine Kraft zum Leben. Er fühlte es deutlich.
+
+Es nutzte nichts, dies Denken, um herauszukommen. Er kam nicht
+darüber hinweg.
+
+Es war, als wenn alles tot in ihm wäre: alle Sehnen plötzlich
+durchschnitten von einer ungeheueren Enttäuschung.--
+
+Es war wieder ein Sonntag, einer dieser leeren, durch keine Arbeit
+und keine Freude mehr erträglich gemachten Tage, und erwälzte sich
+auf seinem harten Bett in seinem kleinen Zimmer in dumpfer
+Verzweiflung hin und her. Was sollte er tun?--Er wußte es nicht mehr.
+
+Er hatte keine Eltern, keine Geschwister, keine Freunde, keine
+Geliebte mehr. Sinnlos war sein Leben geworden, zwecklos und
+freudlos.
+
+Und wie er mit den Händen schlug, raschelte etwas auf ihn nieder:
+verdorrte Lorbeerblätter, die beim Niederfallen in Staub zerfielen.
+
+Er nahm die Spreu in die Hand.
+
+Es war sein erster Siegeskranz: erfochten als Knabe in dem ersten
+kleinen Schwimmen, seinem ersten schüchternen Versuch, seinem ersten
+Siege. Und wie er sah, was es war, was er in seiner Hand hielt, da
+sah er zugleich sich und sein ganzes Leben; und es schien ihm, als
+seien alle diese Kränze, die bedruckten und beschriebenen Urkunden,
+diese Bilder an den Wänden, zerstaubt, zerfallen und zu nichts
+geworden, wie dieser hier, und nichts von allem übriggeblieben, als
+ein kleiner Haufen dürren Staubes, zu dem am Ende alles Leben wird.
+
+Da wandte er sich ab von diesen zerfallenden und leblosen Dingen,
+diesen modernden Leichen des Gewesenen, und eine schreckliche
+Sehnsucht nach dem, was allein noch Leben für ihn war, ergriff ihn.
+
+Er kleidete sich hastig an und ließ alles hinter sich.--
+
+Er ging den ganzen Nachmittag durch die Hitze und den Staub und das
+Menschengewühl des Sonntags: durch den Park von Treptow, grau und
+nüchtern unter dem Sommerstaube, an den Eierhäuschen an der Spree
+vorbei, teils am Ufer, dann auf der trostlosen Landstraße, die
+bedeckt war mit Fuhrwerken und Radlern, bis Köpenick, wo er in dem
+Vorgarten irgendeiner Wirtschaft ein Glas Bier trank. Und so ging er
+weiter, bis er nach Grünau kam--Stunde auf Stunde ging er so den
+langen, dunstigen Nachmittag, und überall, wo er hinkam, waren die
+Gärten voll von Menschen, und auf den dämmernden Uferwegen tauchten
+immer neue Gestalten auf, die sich noch nicht entschließen konnten,
+die köstliche Frische des Abends einzutauschen gegen die dumpfe
+Häusermasse der großen Stadt.
+
+Er aber mußte allein sein, ganz allein, und so ging er, ohne Hunger
+und Durst zu empfinden, durch Grünau und vorbei an dem Sportplatz,
+der dunkel und leer dalag; und sein Herz war so müde und mutlos, daß
+es selbst hier nicht einmal mehr höher schlug ... weiter und weiter,
+immer an den wegelosen Ufern der weiten Seen entlang...
+
+Endlich war er allein. Endlich begegnete ihm niemand mehr.
+
+Es war spät in der Nacht.
+
+Kein lebendes Wesen zeigte sich hier mehr in dem weiten Umkreise von
+Himmel, Wald und Wasser...
+
+Da stand er still und entledigte sich seiner Kleider.
+
+Nackt stand er da, und die Luft der Nacht umspielte seinen heißen,
+staub- und schweißbedeckten Körper.
+
+Langsam trat Franz Felder zum Wasser und sah es an, nachdem er den
+ganzen Nachmittag--und wie lange vorher schon!--seinen Anblick
+gemieden.
+
+Aber zum ersten Male schien es ihm, als würde sein Gruß nicht
+erwidert. Stumm und gleichgültig lag es da.
+
+Warum vernahm es denn nicht die stumme Bitte seiner Verzweiflung?--
+
+Und zögernd, fast ängstlich, setzte er Fuß vor Fuß, bis es seine Knie
+erreichte, versank dann in den Schlamm und umarmte es leise. Nackt,
+wie damals als kleiner Knabe, schmiegte er sich an seine dunkle
+Brust.
+
+Und schwamm.
+
+Behutsam, wie um es nicht zu kränken, schwamm er bis in die Mitte des
+Sees, bis dahin, wo es am tiefsten war. Dort wartete er: ließ sich
+sinken und verschwand tief unter der Oberfläche.
+
+Aber das Wasser trieb ihn empor, und wieder lag der Himmel über ihm,
+tiefblau, und der Mond und die glitzernden Sterne.
+
+Begriff es denn nicht, was er heute von ihm wollte?--
+
+Das Wasser war sein Freund gewesen, sein bester Freund, von jeher.
+
+Es hatte den kleinen Kerl, der noch fast nicht gehen konnte,
+liebreich getragen, wie es nur die trägt, die es liebt gleich seinen
+eigenen Wesen, und seine Liebe war ihm treu geblieben während seines
+Lebens bis heute.
+
+Der ehrgeizige Ungestüm des Knaben und der ungeduldige Groll des
+Jünglings hatten sie nicht zu vermindern vermocht.
+
+Alles hatte es seinem Liebling gegeben, was es überhaupt geben
+konnte: Frische, Gesundheit, Kraft und Ruhm und unendliche Freuden,
+die sich erneuten von Tag zu Tag: und alles hatte Felder genommen als
+etwas Selbstverständliches, wie andere Kinder die Liebe der Eltern
+nehmen.
+
+Nun kam er noch einmal zu ihm, um bei ihm die letzte Erlösung--vom
+Leben--zu suchen.
+
+Aber das Wasser nahm ihn nicht.
+
+Es schien nicht zu begreifen, was er so plötzlich von ihm wollte; und
+als könne er gar nichts anderes, als Lust und Freude bei ihm suchen,
+so trug und wiegte und umschmeichelte es ihn, gleich als sei es froh,
+ihn so versöhnt wieder zu haben nach der langen Zeit der
+Entfremdung...
+
+Und Felder empfand die kühle und linde Berührung mit erschauernder
+Wonne, und noch einmal vergaß er die schwere Erde, ihre Kämpfe und
+ihr unerträgliches Leid und gab sich ganz der starken und reinen
+Umarmung des Wassers hin.
+
+Das war nicht mehr der Meister, der große Schulschwimmer, der
+"Champion of the World", der in dieser nächtlichen Stunde weit da
+draußen und ganz allein seine Kunst übte; das war der Freund, der
+wieder zum Freunde kam, um ihm seinen Kummer und seine Sorgen
+anzuvertrauen und auszuruhen an seiner Brust von der Mühsal des
+Lebens. Und so schwamm Felder zum letzten Male: ohne an etwas anderes
+zu denken, als an die Lust dieser Stunde, ließ er sich treiben,
+breitete nur zuweilen die Arme, als wolle er die silbernen Wellen
+fassen und an sich ziehen; ließ das Wasser durch seine halbgeöffneten
+Lippen dringen und erwiderte Umarmung und Kuß. Und wie er sich wandte
+und drehte, sich bald auf den Rücken legte, bald hier untertauchte
+und dort wieder emporkam, empfand er noch einmal die ganze Seligkeit,
+die ihm das Wasser gegeben, die himmlische Leichtigkeit, mit der es
+ihn trug...
+
+Lange schwamm er so...--
+
+Aber dann wurde sein Herz bei dem plötzlichen Gedanken an die Erde
+wieder schwer.
+
+Doch die Schwere seines Herzens zog ihn nicht hinunter. Und da
+begriff er, daß ihn dieses Element nie töten würde, dieses Element,
+das ihn liebte und das sein Leben wollte, nicht seinen Tod. So
+unermeßlich stark, daß es ihn mit einem Schlage hätte niederstrecken
+können, war es doch schwach ihm gegenüber, der der Stärkere war, weil
+er geliebt wurde...
+
+Endlich begriff er, weshalb es so war und immer so gewesen war,
+begriff seine ganze eigene Schwäche und die ungeheure Stärke dieser
+Liebe!--
+
+Da schwamm er zurück zum Ufer, entnahm seinen Kleidern sein
+Taschenmesser, öffnete es und durchschnitt beim hellen Lichte des
+Mondes mit schnellem, scharfem Schnitt die Pulsadern seiner rechten
+Hand, ganz nahe der Stelle, wo die Narbe war, die das Armband
+zurückgelassen. Sein Blut spritzte empor und er empfand einen kurzen,
+heftigen Schmerz.
+
+Von neuem warf er sich ins Wasser und erreichte mit wenigen hastigen
+Schlägen fast noch die Mitte des Sees. Sein rotes, warmes Blut
+mischte sich mit der warmen, schwarzen Flut.
+
+Er fühlte, wie mit ihm seine Kraft schwand.
+
+Noch einmal breitete er die Arme weit auseinander, warf sich in der
+jähen Angst des Todes herum und griff um sich, als wollte er sich
+halten.
+
+Aber zum ersten Male ließ das Wasser ihn fallen, und er sank.
+
+Den Lebenden hatte es geliebt.
+
+Der Tote war ihm nichts als eine Last, die es achtlos in seinen
+Tiefen begrub.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER***
+
+
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+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/0/6/15068
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+1.F.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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