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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:45:57 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Der Schwimmer + +Author: John Henry Mackay + +Release Date: February 15, 2005 [eBook #15068] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER*** + + +E-text prepared by Hubert Kennedy + + + +DER SCHWIMMER + +Die Geschichte einer Leidenschaft + +Roman von + +JOHN HENRY MACKAY + + + + + + + +Meiner geliebten Kunst--des Schwimmens--gewidmet... + + +Erster Teil + + +1 + +Wann er schwimmen gelernt hatte?--Man hätte ihn ebensogut fragen +können, wie und wann er gehen gelernt habe. + +Er wußte nicht mehr, wann er das erstemal ins Wasser gegangen war; +aber seine ersten Kindheitserinnerungen waren mit dem Wasser +verknüpft, das sein Element war und in dem er lag, wie er auf der +Erde ging. + +Er war ein geborener Schwimmer. + + +2 + +Er hieß Franz Felder und war der Sohn sehr braver und sehr armer +Eltern in Berlin O, der fünfte unter achten. Alle waren es stämmige +Kerle mit dunklen Haaren und klaren Augen, und beide Eltern hatten +vollauf zu tun, die hungrigen Mäuler vom Morgen bis zum Abend zu +stopfen, von denen mindestens eines immer nach einer Stulle +aufgesperrt war. Sie taten es redlich und gern, und zu hungern +brauchte keines. Aber damit war auch der Kreis ihrer elterlichen +Pflichten geschlossen, und sobald wie nur möglich blieben die Kinder +einander und sich selbst überlassen und mußten sich mit durchs Leben +helfen, so gut oder so schlecht, wie es eben ging. + +Der Älteste lernte eben aus, als der kleine Franz geboren wurde, und +nach diesem kamen dann noch drei, die--wie er vordem den +vorhergegangenen älteren--so nun seiner Obhut mit anvertraut wurden, +sobald er selbst auf den Füßen stehen konnte. Ohne viel Worte und +ohne jede Zärtlichkeit herrschte immer ein gutes Zusammenhalten +zwischen den Brüdern. Es äußerte sich hauptsächlich ebensowohl in +derben Prügeleien, wie in solidarischem Durchhelfen bei allen kleinen +und großen Fährlichkeiten ihrer im ganzen und großen recht +mühseligen, aber nicht unglücklichen Jugend. + + +3 + +Er hatte das Schwimmen nie "gelernt"; wenigstens konnte er schwimmen, +solange er zurückzudenken vermochte, und das war etwa bis in sein +viertes Jahr. Damals fiel er auf einer Landpartie, deren Höhepunkt +eine Kahnfahrt bildete, ins Wasser--die Frauen kreischten und die +Männer fluchten, während er herausgeholt wurde; aber ihm machte die +Sache Spaß, und er lachte seelenvergnügt, so daß jemand sagte: "Der +fällt uns gleich zu seinem eigenen Vergnügen nochmal hinein..."--was +die entsetzte Mutter veranlaßte, ihren Franz für diesen Tag +wenigstens nicht mehr von der Seite zu lassen. + +Aber das war eine jener Erinnerungen, die nur deshalb so stark in uns +zu liegen scheinen, weil wiederholte Erzählungen anderer sie stürzen +und halten. + +In Wirklichkeit sah sich Franz Felder in seinen Gedanken +zuerst als kleinen Jungen von fünf Jahren lange, lange, warme +Sommernachmittagsstunden am Ufer der Spree bei Treptow. Seine Eltern +wohnten damals in zwei kleinen, heißen Zimmern in einem Hinterhause +der Fruchtstraße, aber der Vater hatte es zum großen Jubel der ganzen +Familie fertig gebracht, für den Sommer auf einem der Felder am +Treptower Bahnhof eine der vielen "Lauben" zu mieten, und man hatte +nun ein winziges Stückchen Erde, auf dem man einige Kohlköpfe ziehen +und zu dem man hinauspilgern konnte in dem stolzen Gefühl eigenen +Besitztums. + +Der Vater und der eine oder andere der älteren Brüder, die schon +arbeiteten, kamen erst des Abends; aber die Mutter, welche kränkelte, +verbrachte oft mit den Jüngsten ganze Tage auf dem reizlosen Fleck, +wo sie wenigstens in freier Luft war. + +Sooft er nur konnte, rückte Franz aus. Erst klagte und schalt die +Mutter, dann ließ sie ihn laufen, da es doch nichts half, ihn +zurückhalten zu wollen. + +Eine besondere Anziehungskraft hatte für ihn ein großer Holzplatz an +der Spree. Seit er einmal, dort umherschlendernd, für den +Zimmermeister eine Weiße geholt hatte, stand ihm der Zutritt gegen +Leistung gelegentlicher gleicher und ähnlicher kleiner Dienste offen, +und nichts hinderte ihn, zwischen den Balken und Stämmen +herumzuklettern, soviel er wollte. + +So wurde der Holzplatz seine Heimat für diesen Sommer. Aus Spänen +kleine Kähne zu bauen, sie mit einem Knopf oder irgend etwas anderem +zu "befrachten", sie dem großen Wasser anzuvertrauen und zu sehen, +wie es sie hintrieb und verschlang, wurde er nie müde; oder Gräben +und Buchten zu bilden und das Wasser hineinzuleiten und +herumzupantschen und zu mantschen, bis der Feierabend allen seinen +Spielen für diesen Tag ein Ende machte. + +Ein besonderes Fest war es jedesmal, wenn er in einem wirklichen +großen Boote, das von der anderen Seite herübergekommen war und +anlegte, ein Stück mitgenommen wurde oder etwa gar selbst eine +Pätschel führen durfte. + +Aber am meisten von allem lockte ihn das Wasser selbst; und sechsmal +an heißen Sommertagen mindestens warf er Hemde und Hose in den Sand +und tauchte sich in die braune, träge, lauwarme Flut. Er schwamm +schon wie ein Fisch. Er ging auf den Grund und holte Steine aus dem +Schlamm herauf. Er glitt unter den Flößen durch und verschwand hier, +um dort in die Höhe zu kommen.--Und er lernte seinen ersten Sprung, +den einfachen Kopfsprung. Erst von dem Rand des Floßes, dann von dem +des Nachens, endlich von dem des großen Spreekahnes plumpste er--den +Kopf voran und mit ausgespreizten Beinen--wie ein Frosch ins Wasser. + +Ach, und wie war es schön, den nassen Körper in das heiße Sägemehl zu +werfen, sich auf Bauch und Rücken darin herumzuwälzen und dann den +weißen Pelz mit einem Sprunge wieder abzuwaschen!... Und stundenlang +in der Sonne zu liegen und die Kähne und Dampfer mit festlich +geputzten und fröhlichen Menschen auf der Spree vorüberziehen zu +sehen, während die roten Wände der Fabriken und die weißen der Villen +im Glanz des Sommertages aus dem Grün der Ufer hervorleuchteten und +der blaue Himmel sich über alles spannte, die Ringbahnzüge über die +nahe Eisenbahnbrücke donnerten und unter ihr die Dampfer pfiffen und +läuteten... + +Es war ein großer Sommer für den kleinen Kerl, der von den Arbeitern +auf dem Platz, die sich nur selten und nur bei übergroßer Hitze ins +Wasser wagten, wie ein kleines Wundertier angestaunt und ihre "Otter" +genannt wurde, wenn er plötzlich zu aller Ergötzen im Wasser lag und +seine ersten, kleinen Kunststücke zeigte. + +Im Herbst dieses Sommers war er braun wie ein Neger, gesund und immer +hungrig wie ein Haifisch, und er begann bereits, sich etwas +einzubilden auf seine frühe Kunstfertigkeit... + + +4 + +Mit sechs Jahren kam er, wie jeder andere Berliner Junge, in die +Volksschule um bis zu seinem vierzehnten Jahre, dem der Einsegnung, +in ihr zu bleiben. In diesen Jahren lernte er schreiben, rechnen und +lesen und einige allgemeine, elementare Kenntnisse, das heißt, Franz +Felder lernte auch hiervon nur das allernotwendigste. Seine Schrift +behielt immer die klobigen Formen der Ungewandtheit, und man sah ihr +an, wie mühsam es ihm wurde, die Feder zu führen; sein Rechnen ging +gerade so weit, um zur Zusammenzählung seiner kleinen Ausgaben und +Einnahmen zu dienen; und sein Lesen--ach, der arme Franz Felder hat +in seinem kurzen Leben wenig mehr gelesen, als hier und da den +"Lokalanzeiger" und eine Annonce an der Litfaßsäule, denn es ist ihm +ewig unverständlich geblieben, wozu Bücher überhaupt anders +existierten als um den Überfluß an Zeit zu beseitigen. + +Er brachte sich mühsam durch die acht Klassen bis zur ersten hinauf. +Zweimal blieb er sitzen, und dreimal half ihm sein "gutes Betragen" +durch. Auch die guten Schüler konnten es nicht weiter bringen, denn +bis zum vierzehnten Jahre mußten sie alle miteinander in der Schule +bleiben. Dann begann für sie alle das Leben--die Arbeit. + +Franz war durchaus kein guter, aber auch grade kein schlechter +Schüler. Es gab noch viel Dümmere als ihn. Er begriff das wenige, was +er zu begreifen hatte, schwer und manches gar nicht; aber was er +einmal in sich aufgenommen hatte, war auch sein geworden. + +Im allgemeinen war ihm die Schule höchst gleichgültig; er ging hin, +weil es nun einmal sein mußte. + + +5 + +Aber nicht allein durch die Schule, sondern auch durch die +Notwendigkeit frühen Verdienens wurde seine Zeit in Anspruch +genommen, und desto mehr, je älter er wurde. + +Zwar folgten auf jenen ersten Sommer frohen Umhertummelns und +sorglosen Genießens noch einige andere gleich und ähnlich schöne, +aber immer öfter hieß es: "Du mußt dies und das tun und holen"--und +ein jeder solcher Befehle vernichtete einen Wunsch. Es kam auf jeden +Groschen an, der verdient werden mußte, und zudem verlangten die +jüngeren Brüder Beaufsichtigung und Fürsorge von den älteren, wie er +sie selbst von den Voraufgegangenen genossen. + +Dennoch gab es immer noch viele Stunden ungetrübter Seligkeit für den +Knaben, wenn er hinaus konnte ins Freie zum Baden. + +Es waren die Stunden, für die er lebte, an die er stets und ständig +am Tage dachte und von denen er des Nachts träumte--seine größte +Freude und sein durch kein anderes übertroffenes Vergnügen. + +Im Sommer mußte einmal am Tage wenigstens gebadet werden; das war +Selbstverständlich, und der Tag verloren, an dem es nicht sein +konnte. Aber nicht etwa baden, was die anderen so nannten: aus den +Kleidern ins Wasser und wieder hinein--sondern hinein und hinaus und +in die Sonne, und wieder und wieder ins Wasser, und am liebsten so +den ganzen Nachmittag. Und schwimmen und springen und tauchen und im +Wasser wühlen wie ein Seehund--das nannte _er_ baden. Als er noch ein +kleiner Kerl war, gab es überall an der Spree Gelegenheit, +splitternackt ins Wasser zu springen, wenn man nur aufpaßte, daß kein +Schutzmann in der Nahe war. Aber als er älter wurde, ging es doch +nicht mehr so gut außerhalb der Badeanstalt und ohne Badehose. + +Vor dem Schlesischen Tor war ein großes Stück Spree am Ufer durch +einen hohen Zaun abgetrennt. Auf seiner Innenseite zog sich ein Gang +an allen Seiten hin, und es liefen Bänke an ihm entlang, über denen +Nägel zum Aufhängen der Kleider eingeschlagen waren. Außerdem gab es +noch ein wackeliges Sprungbett auf einer Art Turm, von dem man "bei +Strafe" hinunterspringen mußte, wenn man ihn betreten hatte, und im +Wasser lag ein Kreuz aus Balken zur Belustigung der Badenden. + +Das war die große Schwimm- und Badeanstalt "Osten", die größte +Berlins. Die Balken und Bretter waren schwarz und morsch vor Alter +und die Nägel verrostet, und nie wurde ein neuer eingeschlagen, denn +das hätte ja Kosten und Mühe verursacht. Alles war verwahrlost, aber +Raum gab es hier in Fülle, und an allen heißen Sommertagen waren die +Gänge vom Morgen bis zum Abend dicht besetzt mit vielen Hunderten von +nackten, schwitzenden Körpern, und der Lärm in und außer dem Wasser +nahm kein Ende, ob am Nachmittag die barfüßige Jugend des Ostens oder +am Abend die schwarze Arbeiterschaft nach ihrem Tagewerk anrückte. +Das Bad kostete einen Groschen, und den ganzen Sommer konnte man hier +für einen Taler baden. Was aber Franz Felder vor allem reizte, das +war, daß man hier nie oder doch nur ganz selten hinausgeschmissen +wurde, auch wenn man die formell vorgeschriebene Badezeit von einer +Stunde längst überschritten hatte. Bei der ungeheuren Menge von +Badenden war es den Bademeistern ganz unmöglich, irgendeine Kontrolle +auszuüben, und es war ihnen auch ganz gleichgültig, mochten sich die +Körper in und außer dem Wasser stoßen und drängen und die Kleider +über- und die Stiefel durcheinander geworfen werden--solange man sich +nur nicht prügelte oder einer am Ertrinken war und herausgeholt +werden mußte, rührte sich keiner vom Flecke. + +Franz beschloß, hierher die Stätte seiner sommerlichen Tätigkeit zu +verlegen und daher mußte er den Taler haben. Das war sehr viel Geld +auf einmal, aber unmöglich schien es ihm nicht, ihn für sich +zusammenzubringen, ohne daß die Mutter es merkte; denn die hätte +natürlich gesagt, einmal in der Woche zu baden sei genug--(soviel +verstand die davon!)--und hätte ihm das Geld abgenommen. Im März fing +er an zu sparen: Sechser für Sechser und Groschen für Groschen, und +er hatte ein wundervolles Versteck auf dem Dachboden des Hauses in +einem alten Strumpf und in einer Ecke, wo nie jemand hinkam, da kein +anderer im ganzen Hause so geschmeidig war, sich bis dahin durch +Bretter, Balken und Gerumpel durchzuwinden. Aber im Mai wurde der +Vater krank, und eines Abends kroch Franz voll Edelmut, aber nicht +ohne Bitterkeit hin zu seinem Schatz und trug ihn in die Apotheke. + +Jetzt mußte er von neuem anfangen, und er tat es: er trug des Morgens +Frühstück aus, bevor er zur Schule ging, und lauerte am Nachmittag +auf die Reisenden am Schlesischen Bahnhof, denen er hier und da ein +Stück Gepäck trug, und als im Juni nach einem kalten Frühling der +herrliche, geliebte Sommer und seine Sonne kam, lag er im Wasser und +schwamm, daß es eine Art hatte. Diese Sommernachmittage waren noch +sein--in diesen und in den nächsten Jahren--solange er auf der Schule +war. Er ließ sie sich nicht verkürzen. Nach dem Essen rückte er aus +und kam am Abend wieder, mochten sie daheim sagen, was sie wollten. +Zwischen diesen vier schwarzen, häßlichen Bretterwänden, die alles, +nur nicht den Himmel versperrten, verbrachte er die langen Stunden +ungezählter Nachmittage. Hier war die Welt, in der er lebte. Hier +lernte er seine ersten, kunstgerechten Sprünge, und hier bildete er +seinen kleinen Körper in unausgesetzter Übung zu der Kraft aus, die +ihn später zu den Leistungen seiner Siege befähigen sollte. + +Solange er noch nicht eingesegnet war, brachte er es fertig, sich für +jeden Sommer seinen Taler zusammenzusparen, und diese Sommer +vergingen ihm fast wie ein einziger, langer, warmer Sonnentag, den +er--durchschwamm.-- + +Aber auch die Winter dieser Jahre seiner frühen Kindheit waren nicht +ohne alle Freuden. Die Stadt Berlin hatte nach langem Zögern im Osten +ein großes, rotes Gebäude errichtet: eine Volksbadeanstalt mit +musterhafter Einrichtung, die neben den mancherlei Arten von Wannen- +und Brausebädern als Mittelpunkt auch eine große Schwimmhalle +umfaßte, die Sommer wie Winter geöffnet war und das Schwimmen zu +jeder Jahreszeit ermöglichte. + +Es war die zweite städtische Anstalt dieser Art. Bisher hatten sich +in Berlin nur zwei oder drei andere Privat-Anstalten mit +Schwimmbassins mühsam zu halten vermocht, da die wenigsten Menschen +überhaupt von der Möglichkeit, "im Winter zu schwimmen", eine +Vorstellung hatten und die Existenz solcher Schwimmhallen ihnen daher +einfach unbekannt und unverständlich war. + +Für Franz Felder waren diese privaten Anstalten deshalb nicht in +Betracht gekommen, einmal weil sie viel zu entfernt lagen, und dann, +weil das Baden in ihnen viel zu teuer war. So war die neue Anstalt +der Stadt wie für ihn gebaut, und wenn er auch im Sommer an dem +schmucken Gebäude mit Verachtung vorbei und in den großen Kasten an +der Spree lief, so wandte sich ihm doch seine ganze Aufmerksamkeit +zu, als der "Osten" sich hinter ihm als dem letzten Badenden bis zum +nächsten Sommer schloß und der alte Bademeister, als er ihn endlich +endgültig hinausschmiß, halb brummend, halb lachend gemeint hatte: +"Na, weeßte, du hast ooch mehr an uns als wir an dir verdient!"... + +Franz brachte es fertig, Eintritt auch in das neue Ziel seiner +Wünsche zu erlangen. Es war allerdings nicht an ein Abonnement für +den ganzen Winter zu denken--eine unerschwingliche Summe, die er +weder zusammengebracht hätte, noch gewagt haben würde, selbst für +diesen Zweck zu verwenden, auch wenn er im Winter die Zeit gehabt +hätte zu täglichem Baden; schon die einzelnen Bäder waren für ihn +teuer. Aber sie waren doch zuweilen erschwingbar, und außerdem wurden +von der Gemeindeschule aus die jüngeren Schüler ein- oder zweimal +wöchentlich vom Lehrer hierher geführt, und bei dieser Gelegenheit +überkam Franz eine Ahnung von dem Zweck und Nutzen der Schule. Diese +Freibäder versöhnten ihn mit mancher anderen langweiligen und +lästigen Stunde. + +Das einzige, was ihm diese Freibäder im Winter zu verkümmern +vermochte, war die Kürze der vorgeschriebenen Zeit, in der die Kinder +im Wasser verweilen durften, und ob auch der Lehrer, selbst ein +großer Schwimmer und gütiger Freund seiner Kleinen, bei Franz ein +Auge zudrückte, wenn dieser selbst durch die Schnelligkeit, mit der +er sich in seine Kleider warf, ein paar Augenblicke längeren +Verweilens in dem geliebten Naß zu ergattern vermochte, so war es +Franz doch immer, als sei er kaum einmal untergetaucht, und er hatte +im Grunde seines Herzens für diese Art von Schwimmerei immer nur das +eine Wort tiefer Verachtung: "Det is ja jarnischt!"--Und trotzdem +hätte er selbst diese in seinen Augen so flüchtigen Augenblicke nicht +missen können und wollen, denn immer seltener wurden die Male, in +denen er allein diese wunderbare, warme Halle, die ihm der Inbegriff +aller Weite und Schönheit war, besuchen und mit dem Aufgebot aller +Schliche so lange als irgend möglich in ihr verweilen konnte; und +immer seltener und begehrter zu Hause wurden die Groschen, die er +sich durch kleine Beschäftigungen, wie das Brotaustragen am frühen, +kalten Morgen vor der Schule und den Verkauf von kleinen Straßenwaren +in den Weihnachtstagen, durch stetes Aufpassen auf jede andere +mögliche Gelegenheit zuverdienen wußte. + +Früh wurde sein junges Leben mühsam und ernst. Aber unglücklich war +er nicht, denn er konnte ja schwimmen, Sommer wie Winter schwimmen. +Unglücklich wäre er nur geworden, wenn man ihm dies sein einziges +Vergnügen ganz genommen hätte. Aber daran dachte keiner, denn keiner +verstand, wie es ein so großes Vergnügen sein konnte. + +So erreichte Franz Felder sein vierzehntes Lebensjahr. + + +6 + +Bisher hatte er von seinem Schwimmen nichts gehabt als sein +Vergnügen. "Brotlose Künste!" sagte sein Vater eines Tages, als Franz +wieder einmal sein Fortbleiben an einem ganzen Nachmittag und einem +halben Abend mit nichts anderem zu entschuldigen wußte, und dieser +konnte sich nur mit dem Gedanken über diesen Ausspruch trösten, daß +sein Vater eben auch nichts vom Schwimmen verstehe. Er bedauerte ihn +deshalb tief, denn für ihn gab es nur zwei Arten von Menschen: +solche, die schwimmen, und solche, die nicht schwimmen konnten. Die +letzteren waren für ihn eine untergeordnete Klasse von Menschen, +jedes Mitleids würdig. + +Nun aber--er stand in seinem dreizehnten Lebensjahre--brachte ihm +seine Fähigkeit den ersten Erfolg in den Augen der Menschen, und +einen schönen.-- + +Es war an einem Sonntagnachmittag, und Franz lag im Grase an der +Spree nahe der Kirche in Stralau, die ihren grauen Turm aus alten +Linden und Ulmen heraus neugierig in den wolkenlosen Himmel streckte. +Franz war ganz allein. Seinen Freunden, die ihn zu einer Wasserpartie +nach Sadowa überreden wollten, hatte er einen Korb gegeben--einmal, +weil ein paar mitmachten, die ihm nicht paßten, da sie ihm zu rüdig +waren; und sodann, weil er nur drei Sechser in der Tasche hatte, über +die bereits anderweitig für morgen verfügt war. Zudem war er ganz +gern allein, und die Pätschelei machte ihm nur dann Vergnügen, wenn +sie mit einem regelrechten Bade verbunden war. + +Franz also lag in dichtem Grase, sog an ausgerupften Halmen und ließ +in augenblicklicher Ermangelung eines Besseren einen um den anderen +seiner nackten Füße ins Wasser hängen. Erst harte es ihm Spaß +gemacht, nach den Sommergärten von Treptow, die alle schwarz von +Menschen waren, und auf die Spree, wo sich Unmengen von kleinen +Boten, Kähnen und Seglern herumtrieben, hinauszuschauen, und er hatte +sich vorgenommen, einmal aufzupassen, wie lange es wohl dauern würde, +bis eine dieser meist von den ungeübtesten Händen gelenkten Schalen +in den Kurs eines der schwerfälligen Dampfer kam, die einer nach dem +andern menschenüberladen und unter ohrbetäubenden Geklingel spreeauf- +und abwärts an ihm vorbeiführen. Denn alle Sonntage kamen hier einer +oder mehrere Unfälle vor, und das Gottvertrauen, mit dem der +Handlungsgehilfe aus NO und der Friseur aus SW, denen doch sonst vor +jeder Berührung mit dem Wasser inner- und äußerlich graute, die Boote +mit ihren Schönen beluden und direkt auf die Dampfer losfuhren, hatte +etwas Rührendes. Aber, wie es immer ist: wenn wir auf ein Ereignis +warten, kommt es nicht, und so wurde auch Franz bald müde, auf die +Wasserfläche hinauszublinzeln, und er sah zur Abwechselung hinauf in +den Himmel, indem er sich auf den Rücken warf. + +Ob es wohl ein Wasser gab, das so tief und so blau war, wie dieser +Himmel dort oben? Was mußte das für eine Lust sein, darin zu baden!-- +Er dachte an einen seiner Lehrer, der einmal von einem Märchen +erzählt hatte. In dem kam ein Bergsee vor, der sollte "so tief wie +das Meer und so blau wie der Himmel" sein. Aber Franz konnte sich +keine rechte Vorstellung von einem Bergsee machen, und außerdem war +es ja ein Märchen, das der Lehrer erzählte. Die Spree war immer +dunkelbraun und schmutzig, und auch in dem Volksbad konnte man nicht +auf den Grund sehen, auch dann nicht, wenn das Bassin gereinigt und +mit frischem Wasser gefüllt war. Aber es mußte doch wunderschön sein, +einmal in einem so ganz klaren, durchsichtigen Wasser zu baden... + +Und da empfand Franz auch schon mit heftigem Unbehagen, daß er heute +noch gar nicht im Wasser gewesen war. Wenn er es wagte? Aber das wäre +doch wohl eine zu große Frechheit gewesen, am Sonntag, hier vor allen +Leuten--wenn ihn da ein Schutzmann erwischte, würde es schöne Senge +absetzen, und nicht die allein. Nein, er mußte schon warten, bis es +dunkel geworden war, und dann auf dem Heimweg noch schnell einmal +irgendwo hineinspringen. Weshalb waren doch nur alle Badeanstalten am +Sonntagnachmittag geschlossen--das war doch zu dumm!--Wo alle anderen +Vergnugungslokale geöffnet waren, blieben die, wo es das allergrößte +gab, zu!-- + +Und wenn er nun doch jetzt sein Bad nähme!--Er getraute es sich, +seine Kleider abzuwerfen, so lautlos ins Wasser zu schlupfen, unter +ihm hin eine Strecke zu schwimmen, einmal aufzutauchen, um Atem zu +schöpfen, und dann ebenso lautlos wieder zurückzuschwimmen, daß kein +Mensch ihn bemerken sollte. Aber eine bodenlose Frechheit wäre es +doch gewesen und wenn wirklich ein Schutzmann in der Nähe war--und +immer war ein solcher Kerl irgendwo in der Nähe!--und die Kinder ein +Geschrei erheben würden... + +War da schon einer?--Schrieen die Kinder oder wer schrie so?--Franz +sprang in die Höhe. Hatte er es nicht gleich gesagt?--Na ja, gleich +der ganze Kahn um und alles ins Wasser!--Und ein Geschrei und Gerufe +und ein Laufen--jetzt aber raus aus dem Hemde und ins Wasser!--Er +fuhr durch das Wasser wie nie in kurzen, kräftigen Stößen. Er wollte +schon auf den Kahn zu, als er--noch ein Stück von ihm entfernt--etwas +auf dem Wasser kämpfen und untersinken sah: einen Jungen, ein paar +Jahre jünger nur, als er selbst. Er erreichte ihn noch gerade und +packte ihn beim Arm. Aber der klammerte sich auch gleich an ihm fest, +und Franz hatte Mühe wieder loszukommen. Denn so ging das ja nicht. +Er schrie ihm zu, ganz ruhig zu sein, er bringe ihn schon ans Land. +Aber der andere war schon wieder mit dem Kopfe unter Wasser und hörte +nichts mehr. + +Da ließ ihn Franz einen Augenblick ganz los, griff ihn dann fest +unter dem Arm und brachte nun den sich nicht mehr Sträubenden.--denn +der hatte einstweilen genug Wasser geschluckt--langsam, aber in +sicheren und kräftigen Stößen ans Land. + +Dort streckten sich schon hundert Hände aus--nicht nach dem Retter, +um den kümmerte sich keiner--sondern nach dem andern, und Franz war +froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles +lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie +finden zu können. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann hätten +sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemühten oder +ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen +aber war ihm ein Greuel. Und es nützte ja doch nischt!--der seine +Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon über alle +Berge! + +Er machte besser, daß er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am +Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, daß +der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er, +was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war +Franz längst verschwunden. + +Er trottete in Hemdsärmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun +gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der +sonntäglichen Spaziergänger die lange Straße längs der Spree nach +Hause trabte, mußte er einmal doch die aufsteigenden Tränen +hinunterschlucken, als er daran dachte, daß er nun ohne Jacke nach +Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen würde. Denn sagen, wie +es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht. + + +7 + +Er hatte die ganze Sache längst vergessen, und auch der Lärm um die +Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die +Eröffnung wurde, daß ihm "für seine mutige Tat" die Rettungsmedaille +verliehen werden und daß er sie am Tage der Entlassung aus der Schule +in öffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte. + +Er wußte zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache +damit zu erledigen, daß er nicht daran glaubte. Das war auch nur +wieder so eine Quatscherei--wegen so was! Aber er irrte sich. Die +Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben +Lehrers an seiner Schule, der zufällig an jenem Sonntag in der Nähe +gewesen war und vergebens nach seinem Schüler gesucht hatte, nachdem +er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit +gebracht, daß er Luft schnappen konnte. + +Franz machte diese Feier kein Vergnügen. Es war ihm unangenehm, so +vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott +weiß was getan, und er hätte sich am liebsten in die Erde, oder noch +weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht. + +Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht +zuhörte. Dann mußte Franz vortreten vor die andern Schüler und die +Herren in schwarzen Röcken hin, und er fühlte, daß er rot wurde, als +ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde. +Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem +Augenblicke ein Gefühl großer Gehobenheit, etwa ähnlich dem, das er +empfand, wenn er ganz allein draußen in seinem Elemente schwamm und +fühlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefühl mußte sich in seinen +Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so +gefürchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer +Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so +ungewohnt bei seinen kühlen, früh lebensklugen Berliner Kindern, +legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm, +und sich etwas niederbeugend, fügte er seinen Worten noch hinzu:--Du +wirst gewiß einmal ein sehr tüchtiger Schwimmer werden... + +Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerfälligkeit +ganz fremden Plötzlichkeit und Schlagfertigkeit--und wieder stand das +seltsame Leuchten in seinen Augen--: + +--Der bin ich schon! + +Der Rektor lächelte. + +--Aber ja. Sonst hättest du dir das da nicht verdient. Ich meinte +auch nur, daß du dich noch weiter ausbilden kannst; das willst du +doch gewiß? + +Franz war wieder der alte, und er antwortete mit seiner eben zu der +Einsegnung eingelernten Verbeugung, die das einzige war, was ihm von +der ganzen Geschichte "dieser heiligen Handlung" geblieben war: + +--Jawohl, Herr Rektor! + +Die Feierlichkeit war zu Ende und keiner froher darüber, als Franz, +der sofort nach der Volksbadeanstalt stürzte und sie gerade noch +lange genug offen fand, um im Wasser für eine halbe Stunde zu +vergessen, was auf der Erde um ihn vorging. + +Acht Tage vorher war er eingesegnet worden, und so waren die beiden +größten äußeren Ereignisse seiner bisherigen kindlichen Jugend +zusammengefallen. + +Die Einsegnung selbst hafte ihn ganz kalt gelassen und er hatte mit +dem besten Willen nicht die üblichen Tränen hervorquetschen können, +die bei dieser Gelegenheit erwartet wurden. Aber die Verleihung der +Medaille hatte ihn doch etwas innerlich erregt, da die andern so viel +Wesens davon machten und ihn anstaunten, wo er ging und stand. Den +tiefsten Eindruck machte es ihm, daß sein Name in den Zeitungen +stand, und als an einem Abend dieser Woche der Onkel Sattlermeister +aus der kleinen Markusstraße in dem elterlichen Keller erschien +und mit dröhnender Stimme bei verschiedenen Weißen die Notiz im +"Lokal-Anzeiger" über seinen Neffen vorlas, da war dieser fast so +glücklich, wie einige Tage später, als derselbe Onkel ihn "zur +Einsegnung" mit einer silbernen Taschenuhr beschenkte. + +Jetzt war er von der Schule endgültig frei, die er im letzten Jahre +geradezu gehaßt hatte. Er war nun darauf angewiesen, auf eigenen +Füßen zu stehen, Geld zu verdienen, um seinen Eltern ein Kostgeld zu +zahlen, mit einem Wort: sich durchs Leben zu schlagen, so gut es +ging. + +Für einen bestimmten Beruf, konnte er sich noch nicht entscheiden. +Die besseren Berufsarten, die der Mechaniker, Ingenieure usw., bei +denen ein Lehrgeld in der Höhe von mehreren hundert Mark zu bezahlen +war, waren überhaupt ausgeschlossen, da sein Vater nie in der Lage +gewesen wäre, auch nur hundert Mark auf einmal für einen seiner Söhne +aufzutreiben. Aber auch die Lehrstellen, bei denen ein Lehrgeld nicht +gefordert wurde, die nur die drei- oder vierjährige Verpflichtung +unentgeltlicher Kraft verlangten oder nach einiger Zeit und sogar von +Anfang an ein kleines, von Jahr zu Jahr um etwas höher werdendes +Gehalt bewilligten, waren ihm versagt, denn jetzt wo er vierzehn +Jahre alt geworden war, erklärten die Eltern, ihn nur bei sich +behalten zu können, wenn er wöchentlich seinen Beitrag für Wohnung +und Essen beisteuerte. + +Alle seine Brüder hatten das getan, bevor sie sich selbständig +gemacht, das heißt geheiratet hatten oder in die Fremde gegangen +waren, und Franz wäre der letzte unter ihnen gewesen, der nicht +eingesehen hätte, wie berechtigt die Forderung war. Die Familie +Felder hatte immer zusammengehalten und gesucht, sich das Leben +gegenseitig zu erleichtern; daß es so schwer war, nahmen alle als +eine unabänderliche Notwendigkeit, und Franz machte keine Ausnahme, +wenn er nicht darüber nachdachte, warum es eigentlich für sie alle so +schwer war... + +Er ging ohne Zaudern daran, sich Arbeit zu suchen. Er schreckte vor +keiner zurück. Im Winter war er Laufbursche und Austräger in +verschiedenen Geschäften, hatte dann eine Stelle als Bote in einem +großen Zigaretten-Importgeschäft, zu dem er in einer auffallenden +Uniform und in einer Mütze mit Aufschrift gehen mußte; und im +darauffolgenden Sommer zog er für eine Papeteriewarenhandlung mit +einem Karren und einem Hunde, meist allein, zuweilen aber auch mit +einem zweiten Jungen, vom Morgen bis zum Abend in der ganzen Umgegend +von Berlin herum um Waren abzuliefern. So brachte er es fertig, +während dieses ganzen Jahres nie weniger als zehn Mark die Woche zu +verdienen, und meistens noch etwas mehr, bis zu dreizehn und selbst +vierzehn, die Trinkgelder eingerechnet. + + +8 + +Alles, was er an Geld und Zeit erübrigen konnte, gehörte bis auf die +letzte Minute und den letzten Pfennig seiner ersten Liebe: dem +Wasser!-- + +Immer brachte er es fertig, auf seinen Geschäftsgängen--und mußte er +sich noch so sehr vorher und nachher beeilen--so viel an Zeit zu +erübrigen, daß er in das zunächst gelegene Schwimmbad eilen konnte +auf ein kurzes, oder, wenn es irgend anging, auf ein langes Bad. Im +Sommer fast täglich: da befand er sich meist in den Vororten von +Berlin, und statt der wenigen Winter-Schwimmbäder der Stadt fand er +überall ein Sommerbad. Und mochte er in Reinickendorf oder Steglitz, +am Plötzensee oder in Rixdorf sein--im Sommer wenigstens durfte kein +Tag vergehen, an dem er nicht in die Fluten tauchen konnte, die sein +Element waren. Er verzichtete auf die Mittagsruhe unter einem Baum +auf dem Felde; er überredete seinen Kameraden, mit dem Wagen eine +halbe Stunde auf ihn zu warten, und versuchte es auf alle Weise-- +selbst durch Bestechung mit einem Sechser oder mit einem Glas Bier; +er stellte den Wagen bei Bekannten, die er überall machte, für eine +Stunde unter, nur um auf sein Vergnügen nicht verzichten zu müssen. +Sonst so schwerfällig, wurde er schlau in der Anwendung der Mittel, +die ihn zu seinem Ziele führen konnten: seinem täglichen Bade. + +Übrigens fand er im Sommer meist Zeit. Bei diesen weiten, tagelangen +Fahrten konnte sein Fortbleiben vom Geschäft aus nur selten so genau +kontrolliert werden, wie im Winter; wenn er abends, und mochte es +auch schon spät sein, mit dem leeren Wagen nach Hause kam und nur +alle Bestellungen abgeliefert waren, war der Chef zufrieden, um so +mehr, als Franz sehr zuverlässig und ehrlich war, so daß ihm oft +große Summen zur Einkassierung anvertraut wurden. + +Auch die paar Groschen für das Bad fand er immer. Sie waren seine +einzige Ausgabe. Er hatte sonst kein Bedürfnis und verzichtete lieber +auf sein Glas Bier, als auf sein Bad. Er konnte hungern und dursten-- +und oft genug tat er beides--: aber sein Vergnügen ließ er sich nicht +nehmen. Auch war es ja ein so billiges Vergnügen. Da er sich immer +noch in vielen Fällen auf ein Kinderbillet durchschmuggelte, so +kostete ihm sein Hallenbad nicht mehr als zwanzig, sein Sommerbad +meist aber nur zehn Pfennig. Das konnte er sich schon leisten. Nur +sprach er nicht mehr so viel von seinem Vergnügen. Die Mutter hätte +selbst über die kleine Ausgabe geklagt, und seine Freunde verstanden +seine Leidenschaft doch nicht so, wie er sie fühlte. So umgab er sie +mit der ganzen Heimlichkeit einer wirklich ersten Liebe und stahl +sich zu seinem einzigen und größten Vergnügen wie zu einem +Stelldichein. + +Seine kleine Badehose, die zusammengerollt nicht großer war als seine +Faust, trug er mit sich, wo er ging und stand. Und mehr als sie, den +Groschen und eine Stunde Zeit, brauchte er ja nicht!... + +Es war eine harte und freudlose Kindheit, die dem Knaben beschieden +war. Aber eine große Freude, die schon jetzt etwas von der alles in +ihm beherrschenden, verzehrenden Leidenschaft späterer Jahre an sich +hatte, übergoldete ihre graue Nüchternheit, ließ ihn Müdigkeit und +Entbehrungen vergessen, und diese Freude war es, in der er seine +ganze Jugend auslebte und auskostete in ihrer ersten Kraft und in +ihrem ersten unendlichen Genießen. + + +9 + +Ihm war das Schwimmen noch keine Kunst. Er ahnte noch nicht einmal, +daß es als eine solche betrachtet werden konnte. Wohl wußte er von +der sportlichen Ausbildung der Schwimmer, aber diese reizte ihn +nicht. Sie war ihm fremd. + +Wie als kleiner Kerl von fünf Jahren, so tummelte er sich auch jetzt +noch im Wasser, nur daß er mit seiner zunehmenden Kraft gelernt +hatte, es jetzt völlig zu beherrschen. + +Als nochmals ein Sommer zu Ende ging, da gab es für den jungen +Burschen kein Wasser in der ganzen näheren Umgebung von Berlin, wenn +es nur eben so groß war, daß man in ihm baden konnte, in dem er nicht +geschwommen hätte. Berlin war eine große Stadt mit vielen Straßen und +unzähligen Häusern, aber ihre Bedeutung bestand doch nur darin, daß +um sie herum die Teiche und Seen lagen und daß sie der dunkle Fluß +durchzog... + +Er schwamm nur zu seinem Vergnügen und nur zu eigener Lust. Sein +einziger Wunsch war, den ganzen Tag im Wasser zu liegen, und er war +glücklich über die langen Sonntagnachmittage, an denen er es konnte. + +Mit seinen kurzen, stämmigen Beinen seinen festen Armen, an denen +sich die Muskeln auszubilden begannen, beherrschte er das Wasser mit +vollkommener Sicherheit. Es war sein Freund, zu dem er unbedingtes +Vertrauen hatte--sein bester, sein einziger Freund. An seiner Brust +vergaß er alle Mühseligkeiten seines jungen Lebens, und wenn er bei +ihm sein durfte, war er glücklich. + +Und das Wasser vergalt ihm seine Liebe. Es war wie ein Aufschrei der +Freude seiner Wellen, wenn es ihn umfing, und es trug ihn sicher und +freundlich, wie er nur wollte. Sie spielten, sie rangen miteinander, +wie Knaben es tun, um ihre Kraft zu messen, aber sie vertrugen sich +immer. + +Ach, und wie der Knabe es liebte! + +Wie andere Kinder den weißen Sand, mit dem sie spielen, durch die +Hände gleiten lassen, so nahm er oft, auf dem Rücken liegend, das +flüssige, rätselhafte Element, um es zu fassen, in die Hände und es +zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen in flüchtigen Blasen. + +Wie andere Kinder zu ihrer Mutter gehen mit ihren Klagen und +Wünschen, so kam er zu ihm, um sich trösten zu lassen. + +Sein ganzer, kleiner Körper zitterte vor Aufregung, wenn er das +Wasser sah, und er suchte den köstlichen Augenblick zu verlängern, in +dem er hinein durfte. + +Lag er dann im Wasser, so rollte er sich zunächst förmlich über die +Fläche hin, überschlug sich vor Wonne und kugelte sich zusammen, ging +unter und kam wieder hervor, streckte die Glieder in unendlichem +Wohlbehagen und glitt auf der Oberfläche hin, wie eine Schlange, bis +er zu schwimmen begann. + +Dann schwamm er, ruhig, langsam und lautlos, fast andächtig; oder in +voller Kraft auf ein Ziel los, daß das Wasser rauschte. + +Er schwamm, und er wurde nie müde. + +Er tauchte, und seine kleine Brust weitete sich mühelos. + +Er schwamm und schwamm, wo und wann er konnte.--Es war ein heißer +Sommer, ein langer Sommer, ein arbeitsvoller Sommer. + +Aber es war doch ein Sommer voll Freude. + +Viel noch sollte Franz Felder in seinem Leben schwimmen. So sorglos, +so unbekümmert vielleicht nie mehr. + + + +Zweiter Teil + + +1 + +Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um +im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlössen sich. Franz +Felder hatte seine Stelle aufgeben müssen, da im Geschäft nicht mehr +genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerührten Abschied von +Cäsar, dem treuen Gefährten so vieler schöner, heller Sommertage, +eine neue Stelle für den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er +kriegen konnte. + +So oft er konnte, ging er nun wieder in das große Volksbad, dessen +hohe, warme Halle sich das ganze Jahr über nur an den zweiten +Feiertagen schloß und immerweniger besucht wurde, je kälter es +draußen wurde. + +Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im +Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen +konnte. + +Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte +und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen +hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte +ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten. + +Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, daß an den Jungen diese +Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, daß er einstweilen +noch etwas warten wolle, als er hörte, was der Herr weiter sagte: + +--Sie müssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere +Jugendabteilung, sondern nur Kräfte, von denen wir uns etwas für +unseren Verein versprechen. + +Und plötzlich schoß es Franz durch den Kopf: der Herr gehörte ja zum +"Schwimmklub Berlin von 1879"--dem ältesten und angesehensten +Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer +entstammten, der die großen Feste gab, und in den einzutreten +überhaupt eine Unmöglichkeit schien ... und noch etwas außer Atem und +ganz hochrot fragte er fast ungläubig: + +--Schwimmklub Berlin von 1879?-- + +Der Herr lächelte. + +--Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beiträge sind um etwas höher, +als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser +Beziehung, und der gute Wille zählt hier mit, wenn es einmal nicht so +geht. Übrigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders +wenn Sie viel baden, daß sich das schon machen lassen wird... + +Als er sah, daß Franz noch immer nicht antwortete, lächelte er wieder +und machte eine Bewegung: + +--Ich will Sie übrigens nicht überreden... Sie können sich die Sache +ja überlegen-- + +Aber da sagte Franz hastig, als könne ihm das unerwartete Glück +wieder entgehen: + +--Nein, nein, ich will schon gern-- + +Der Herr zog sein Notizbuch hervor: + +--Also, der Name... + +--Franz Felder-- + +--Adresse? + +--Berlin O, Münchebergerstraße 102, und etwas zögernder: --Hof--im +Keller-- + +Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand: + +--Unsere Übungsstunden für die Jugendabteilung kennen Sie wohl?-- +Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr. + +Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle +Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht +hatte, sah, wie der Herr wegging, und fühlte zugleich einen +freundschaftlichen Rippenstoß in der Seite: + +--Du, wat hat denn der von dir jewollt? + +Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab: + +--Ich bin aufgefordert worden, dem "Schwimmklub Berlin 1879" +beizutreten, und ließ sie stehen. + +Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine +unbändige Freude ergriff ihn. + +O, er wollte Ehre einlegen!--Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag +wollte er schon aufbringen und so pünktlich zahlen, daß man ihm +deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen +noch nicht wußte, wie sie aufzutreiben waren. + +Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesäumten Trikot und der +Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl +1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so +ungeschickt in seiner Aufregung, daß nur eine gewandte Wendung im +letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen. + +Daran, daß es ihm nie als ein besonderes Vergnügen erschienen war, +einem Verein anzugehören, daß er den Zwang der Stunde, das Schwimmen- +Müssen um bestimmte Längen, dabei unter schärfster Aufsicht und +steter Kritik, daran, daß ihn das ganze Klubleben, soweit er es +kannte, mit einem Wort: das "offizielle Schwimmen" nie angezogen +hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war +angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur +Mitgliedschaft an dem ersten und ältesten Schwimmverein Berlins +aufzufordern. + +Er gehörte von heute ab dem "Schwimmklub Berlin 1879" an, und allen, +die es hören wollten, und sehr vielen, die es nicht hören wollten, +erzählte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief +entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der sie allgemein +aufgenommen wurde. + + +2 + +Es gab kein jugendliches Mitglied des Vereins, das pünktlicher zu den +Übungsabenden gekommen wäre, keines, daß sich williger und begeisterter +jeder Anordnung an diesen Abenden gefügt hätte, als Franz Felder. +Man merkte es bald, und er erwarb sich manche Bekanntschaft im Klub +dadurch auch von solchen, die der Einführung von Mitgliedern, +und noch so verheißungsvollen, aus, wie sie es nannten, "anderen +Verkehrskreisen", fremd, ja feindlich gegenüberstanden. Bei fast +allen von ihnen erwarb sich der neue Ankömmling Achtung und Sympathie, +einmal wegen des leidenschaftlichen, fast komisch-weihevollen Ernstes, +mit der er die Sache betrieb, und dann wegen der Bescheidenheit und +Ehrlichkeit seines Wesens, das sich nie vordrängte. Man setzte bald +große Hoffnungen auf ihn und ließ ihn nicht aus den Augen. + +Das nächste große Ereignis, das sein Eintritt in den Klub zur Folge +hafte, war eine Lehrstelle in einer großen mechanischen Werkstätte, +die ihm durch einen seiner neuen Sportfreunde dort verschafft wurde. +Er sollte gleich von Anfang an einen Wochenlohn erhalten und erhielt +die Zusicherung sorgfältiger und vollständiger Ausbildung. Da +unterdessen auch seine Brüder in besseren Stellungen waren und die +Einsegnung eines jüngeren bevorstand, trat er die Stelle an. Er blieb +bei seinen Eltern wohnen und der größte Teil seines wöchentlichen +Verdienstes wanderte nach wie vor in ihre Hände. Was er für sich +behielt, brauchte er dazu, um am Sonntag auf den Ausflügen mit seinen +Klubgenossen ein Glas Bier zu trinken, und für die ersten paar Mark, +die er erübrigte, schaffte er sich ein tadelloses Trikot an, eine +Sportmütze und das Klubabzeichen, ein kleines Schild, das auf dem +Rockaufschlag getragen wurde. + +Er ging nun völlig auf im dem Leben des Vereins. Die Vergnügungen des +Klubs waren seine Erholungen, seine Arbeit die seine. Die +Sportkameraden waren seine Freunde, mit denen er alles teilte. Die +Arbeit des Tages in der Fabrik tat er, weil sie getan werden mußte, +und er tat sie gut und fleißig. Seine Familie sah er nur, wenn es +unbedingt nötig war, bei den unerläßlichen Geburtstags- und anderen +Feiern; mit den paar Freunden seiner Kinderzeit verkehrte er fast gar +nicht mehr. + +Seine Dankbarkeit gegen seinen Klub wuchs allmählich ins Ungemessene. +Er konnte sie einstweilen nur durch völlige Hingabe beweisen. Aber +immer wieder schwur er sich selbst zu: seinem Klub Ehre zu machen in +jeder Beziehung, Ehre um jeden Preis. Er sollte keinen Unwürdigen in +ihm aufgenommen haben. + +Er wußte, daß er über eine Kraft verfügte, die ihn vielleicht einmal +zu Siegen führen konnte, wenn er sie stählte und übte. Nicht für sich +wollte er diese Siege erringen, daran dachte er nicht. Doch er +träumte bereits im stillen davon, um den alten Namen des Vereins neue +Lorbeeren zu schlingen, die er selbst in heißem Kampfe erfechten +würde. + +Er schwamm nicht mehr nur ausschließlich zu seinem Vergnügen, er +schwamm um ein Ziel, und begeisterter schwenkte keiner die +Sportmütze, lauter schrie keiner mit, wenn das "Gut Naß!--Hurra! +Hurra! Hurra!" erscholl, als Franz. + + +3 + +Seine Fortschritte waren rapide und setzten selbst seine neuen Lehrer +in Erstaunen. Bei all seinen Fähigkeiten und all seiner +unvergleichlichen Liebe zur Sache war es doch ein rohes Material, das +hier in Ausbildung genommen wurde. + +Dieses jüngste Mitglied der Jugend-Abteilung--zu der die jungen Leute +meist aus der Knabenabteilung mit ihrem vierzehnten Jahr kamen und in +der sie etwa bis zu ihrem siebzehnten blieben--war bei seinem +Eintritt ein guter Schwimmer gewesen, aber sonst auch nichts. Stil +und Form bekam sein Schwimmen erst jetzt unter der steten und +strengen Bewachung an den Übungsabenden. Aber wie bald wurde die Form +schön und sein Stil sicher!--Nach ein paar Wochen schon war Felder +der anerkannt beste Schwimmer seiner Abteilung. + +Auf dem internen Wettschwimmen des Klubs, das alljährlich im Winter +in der Schwimmhalle des Volksbades stattfand und auf dem mit Ausnahme +eines Gastschwimmens befreundeter Klubs nur Klubmitglieder schwammen, +holte sich Franz seinen ersten Preis: den im Junioren-Schwimmen über +50 Meter. Es war ein kleiner, einfacher Lorbeerkranz mit bedruckter +Schleife, den er nach Hause trug. + +Es war nicht das erstemal, daß er ein Schwimmfest sah, denn er war in +letzter Zeit oft zu solchen mitgenommen und hatte mit tiefer, innerer +Erregung den Wettkämpfen zugesehen, an denen er sich noch nicht +beteiligen durfte. Nun schwamm er zum ersten Male mit. Er wußte, daß +er siegen würde, denn er kannte ja alle seine Gegner und hatte jeden +einzelnen bei den Übungen wieder und wieder geschlagen. Dennoch war +er aufgeregt und freute sich, als es vorbei war. + +Befangen, wie damals, als ihm der Rektor das Rettungszeichen an die +Brust heftete, nahm er seinen ersten, kleinen Siegerpreis in Empfang. + +Aber im Grunde war er doch mächtig stolz, als er den Kranz zu Hause +in dem gemeinschaftlichen Schlafzimmer über dem schmalen Bett +aufhing, in dem er mit einem jüngeren Bruder den festen, traumlosen +Schlaf der gesunden Jugend schlief, und bei Strafe unermeßlicher +Schläge verbot er der ganzen Gesellschaft, auch nur ein Blatt zu +berühren. + +Der Kranz wurde erst angestaunt, blieb hängen und wurde dann über +höheren und reicheren Ehrungen vergessen, verdorrte und verstaubte, +und war doch der erste Lorbeer der diese junge Stirn berührt hatte. + + +4 + +Wieder folgte für Franz Felder auf seinen ersten kleinen Sieg ein +Jahr ernsten Strebens. Es galt jetzt nicht mehr, sich mit seinen +Klubgenossen zumessen, sondern seine Kräfte an weitere, außenliegende +Ziele zu wagen. + +Er war sehr in die Höhe geschossen, und die Schlankheit seines +Körpers verriet nicht, wie groß die Kraft war, die in ihm lag. Aus +dem stämmigen, dicken jungen mit den behaglichen, etwas +schwerfälligen Gliedern wurde schnell ein sehniger, junger Mann. Nur +das Gesicht blieb noch ganz dasselbe: die blauen, treuherzigen Augen, +die vollen, roten Lippen und Wangen und die eigenwillige Stirn, über +die das schwarze Haar jetzt immer in einem Büschen niederfiel, so daß +es alle Augenblicke zurückgestrichen werden mußte, waren dieselben-- +das unschuldige, vertrauensvolle Gesicht eines Kindes, das noch vom +Leben nichts erlebt hatte. Und derselbe blieb auch der Blick dieser +Augen. Es war der gedankenlose, etwas träumerische Blick eines +Menschen, in dessen Gehirn mit hartnäckiger Zähigkeit immer und immer +wieder nur eine Idee wiederkehrt--eine Idee, die in der Zukunft lebt, +einer Zukunft voll großer Erfüllung verschwiegener, noch +unausgesprochener, nicht einmal erkannter Wünsche.-- + +Fehlers Zeit war jetzt völlig eingeteilt. Kam er von der Arbeit des +Tages, so war am Abend immer etwas los: entweder es fanden +Übungsstunden statt, oder Sitzungen, oder es galt Vorbereitungen für +irgendein Fest zu treffen--immer nahm ihn sein Klub in Beschlag. Auch +die Sonntage gehörten nach wie vor ausschließlich dem Verkehr mit den +Sportgenossen--der Besuch fremder Schwimmfeste, anderer sportlicher +Veranstaltungen, geselliger Vereinigungen zu: Musik und Tanz, im +Sommer Ausflüge in die Umgegend, Kahnpartien und vor allem die langen +Bäder (überall da, wo Wasser war) füllten sie aus und waren seine +Freude und seine Erholung. Franz Felder blieb still, wie er es schon +als Kind gewesen war, und beteiligte sich höchstens an den Gesprächen +über schwimmsportliche Fragen. Sie waren auch die einzigen, die ihn +interessierten. Für keinen anderen Sport hatte er das geringste +Interesse; in keinem anderen dachte er auch nur daran, sich zu +versuchen. Er kannte nur einen einzigen, neben dem alle anderen +verblaßten und gleichgültig erschienen. + +Es dauerte ziemlich lange, bis er sich heimisch in dem neuen Kreise +fühlte. Wenn er auch nie Gefallen an den rüden und lauten +Belustigungen seiner früheren Schulkameraden und Altersgenossen +gehabt hatte, so waren ihm doch die Verkehrsart und der Ton seiner +neuen Bekannten zu fremd, als daß er sich hätte so leicht in sie +finden können. Aber diese neuen Freunde hatten ihn wirklich gern und +taten ihr Bestes, indem sie ihn überallhin mitnahmen und jetzt ganz +als den Ihrigen betrachteten. Langsam trat so eine Wandlung nach der +anderen in ihm ein. Auch in seinem Äußeren. Er war nicht mehr der +arme Junge in geflickten Kleidern und dem offenen Hemde, sondern ein +sauber, oft mit ziemlich geschmackloser Eleganz gekleideter junger +Mann, dessen regelmäßige, wenn auch einstweilen nur geringe Einnahmen +ihm erlaubten, etwas auf sich zu halten. + +Vermochte er auch nie eine gewisse Schwerfälligkeit und Langsamkeit +zu überwinden, so beeinflußte ihn doch in allem der gute Ton seines +Klubs zum Guten. Er lernte sich in Lebensformen fugen, die ihm bisher +unbekannt geblieben waren und die ihn zwanglos das eine tun und das +andere lassen ließen--Dinge, an die er bisher überhaupt nicht gedacht +hatte. Jene unausbleiblichen Streitigkeiten des Sportlebens mit Ernst +und Freundlichkeit zu schlichten, auch laute Fröhlichkeit nie in +Rohheit und Zank ausarten zu lassen, und vor allem das Prinzip der +Schwimmkunst als eines edlen, den Menschen durch und durch +erfrischenden und veredelnden Sports, hoch zu halten--das war von +jeher die Aufgabe dieses Vereins mit dem einfachen Namen und der +stolzen Vergangenheit gewesen, der mehr als irgendein anderer dazu +beigetragen hatte, das Interesse für eine Sache zu wecken, die +überhaupt bis vor kurzem noch als keine Kunst, sondern fast allgemein +nur als Mittel zu der zeitweiligen, notwendigen Reinigung des Körpers +betrachtet wurde. + +War--vielleicht nicht zum wenigsten infolge der strengen Befolgung +dieses Prinzips, das mehr im allgemeinen für die Sache des Schwimmens +zu wirken versuchte, als auf Züchtung großer Erfolge und mit ihnen +verbundener Namen ausging--der "Schwimmklub Berlin 1879" in den +letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten und an +Mitgliederzahl und äußerer Bedeutung von dem einen oder anderen +neueren Verein übertroffen, so war er doch durchaus nicht gewillt, +auf seinen alten Ruf, erstklassige Schwimmer und Springer +hinauszusenden, zu verzichten und stets bereit, neue Lorbeeren zu den +alten zu fügen. Die nächsten Jahre sollten auch nach außen hin wieder +zeigen, daß der Klub in keiner Weise zurückgeblieben war--dahin +gingen die Wünsche der Mitglieder einstimmig. Sie sollten beweisen, +daß man nicht schlief, wenn man auch nicht immer mitschrie. + +Man setzte, wie gesagt, große, noch unausgesprochene Hoffnungen auf +Franz Felder. Wenn irgendeiner, so war er es, der den Klub zu +außergewöhnlichen Erfolgen zu führen versprach. Derselbe Herr, der +zuerst stillschweigend auf den kräftigen Jungen aufmerksam gemacht +hatte, der sich mit so erstaunlicher Sicherheit und so unbändiger +Wonne im Wasser herumwälzte, war und blieb sein treuer Berater. Er +wachte mit fast ängstlicher Sorgfalt über seinem Zögling. Bernhard +Nagel, von Beruf Chemiker, war seit zwei Jahren wieder Schwimmwart +des "S.-C. B. 1879". Selbst in früheren Jahren ein berühmter +Schwimmer, lange Zeit der unangefochtene Inhaber so mancher +Meisterschaft, ein ausgezeichneter Turner auch heute noch und von +jeher ein allbeliebtes Klubmitglied, hatte sich--gerade zur rechten +Zeit, auf seiner Höhe--von jeder aktiven Tätigkeit zurückgezogen und +sein Name erschien schon lange nicht mehr öffentlich in den +Programmen der Schwimmfeste. + +Damit aber war sein Interesse an seinem Klub um nichts vermindert. +Seine Kraft gehörte jetzt mehr als je den Fortschritten der Sache, +und seine Tätigkeit erstreckte sich vor allem auf die Ausbildung der +Jugendabteilung. Wie sein scharfes Auge gleich in dem unbekümmerten, +wasserfrohen Knaben den geborenen Schwimmer erkannt hatte, so nahm er +sich nun seiner von der ersten Stunde hilfreich an. Er war ein +strenger Lehrmeister, der scharf aufpaßte und so leicht nichts +durchgehen ließ. Bei Felder hatte er indessen eigentlich mehr zu +zügeln, als anzuspornen, denn dessen hauptsächlichster Fehler bestand +darin, daß er immer gleich zu heftig ins Zeug ging, Um dann am Schluß +eines Rennens den Anstrengungen, denen sein Körper noch nicht +gewachsen war, und somit erfahreneren und geübteren Schwimmern +gegenüber zu unterliegen. Aber das gab sich von Woche zu Woche, und +Franz lernte allmählich mit seiner Kraft haushalten. Er vergalt das +Interesse seines Schwimmwarts mit unbegrenzter Dankbarkeit. Nicht +nur, daß er diesem Manne den Eintritt in den Klub und damit in ein +für ihn ganz neues Leben, sowie die Stellung verdankte, die ihn der +Not um sein tägliches Brot enthob--er fühlte ganz gut, daß jener +Hoffnungen auf ihn setzte; und immer wieder schwur er sich im stillen +zu, ihm seine Dankbarkeit eines Tages auch durch Taten zu zeigen. +Daher hörte er auf jedes Wort des Tadels und der Ermutigung, wie auf +ein Gebot, und das eine konnte ihn ebenso beseligen, wie ihn das +andere niederzudrücken vermochte. + +Bei der Unzugänglichkeit seines Wesens und seiner Schweigsamkeit, die +selten das erste Wort fand, um sich auszudrücken, schloß er sich nur +schwer und langsam an seine anderen Kameraden an und ließ sie lieber +zu sich kommen, als daß er sich ihnen von selbst genähert hätte. So +kam es, daß er zwar mit den meisten in gutem und freundlichem +Einvernehmen stand, aber doch keine näheren Freundschaften schloß. +Unter den Jugendmitgliedern, seinen Altersgenossen, hatte er manchen +Gegner--schon jetzt, wo es noch keine besonderen Erfolge zu beneiden +gab. Davon merkte Franz nun zwar noch nichts. Seine glückliche +Unbekümmertheit, seine reine Freude an der Sache überhörte oder +verstand die unausbleiblichen Bemerkungen nicht, die schon gemacht +wurden, als er noch gar nicht öffentlich geschwommen hatte. Er konnte +sich nicht denken, daß sie ihm galten. Was war überhaupt die Person! +--Wenn nur der Klub siegte!-- + +Dagegen fielen ihm zwei Freundschaften zu, um die er sich in keiner +Weise bemühte. Als er in den Klub trat, fand er unter den vielen +fremden Gesichtern ein bekanntes--das eines Altersgenossen, der eine +Zeitlang in demselben Hause wie Franz gewohnt und mit ihm in dieser +Zeit auch oft gesprochen hatte. Koepke war seitdem Kaufmann geworden, +fast schon mit seiner Lehrzeit in einem großen Manufakturwarenmagazin +zu Ende und sah bereits seiner Anstellung als wohlbestallter Kommis +mit Selbstgefühl entgegen. Wie er in den Schwimmklub Berlin 1897 +gekommen war, das war vielen der Jüngeren ein Rätsel, denn er schwamm +wie ein Klotz und befand sich allem Anschein nach auf dem Lande weit +wohler als im Wasser. Aber die älteren Mitglieder des Klubs wußten, +daß sie ihn eines Verwandten wegen aufnehmen mußten, der vor Jahren +dem Verein große Dienste geleistet und seinen Eintritt dringend +gewünscht hatte. Man hatte ihn sogar nicht einmal ungern aufgenommen. +Es gab in jedem Schwimmverein Mitglieder, die--wenn sie es auch +ausübend zu nichts brachten--sich doch ganz gut gebrauchen ließen, um +in der "Verwaltung" tätig zu sein, wo es immer genug zu rechnen und +zu schreiben gab, und die sich sehr wohl fühlten, wenn sie von ihrem +Schreibzeug aus die Interessen des Klubs mit Leidenschaft wahrnehmen +durften und nicht ins Wasser brauchten. Koepke war dazu die rechte +Person. Voll Diensteifer stürzte er sich auf jede ihm zugeschanzte +Arbeit. Seine Leidenschaft für das Wasser aus der Ferne war zudem +über jeden Zweifel erhaben, und atemloser verfolgte kein Zuschauer +die Wettkämpfer, feierlicher notierte keiner die Zahlen in das +Programm, als er. + +Als er Franz zum ersten Male im Klub sah, kam er ihm gleich entgegen +und begrüßte ihn als alten Bekannten aus der Jugendzeit. Er war ein +gutmütiger und in keiner Weise überheblicher Mensch. Daß sein +Spielkamerad in seinen einfachen Arbeitskleidern vor ihm, dem +geschniegelten Kommis, stand, merkte er ebensowenig, wie er es ihn +früher irgendwie hatte fühlen lassen, daß seine Eltern im ersten +Stock des Vorderhauses und die Franz Felders im Hof wohnten. Der +letztere--immer in dieser Beziehung zum Mißtrauen geneigt--merkte es +gleich wieder. Man schüttelte sich die Hand. Als Franz aber seinen +ersten kleinen Sieg erfochten, besaß er einen ergebenen und ihn schon +sehr bewundernden Freund an dem "zweiten Schriftführer" des Vereins. + +Bei einem anderen Klubgenossen bedurfte es für ihn nicht erst dieses +Sieges, um in ihm einen ausgesprochenen Gönner zu haben. + +Der dicke Brüning war der letzte Inhaber der +Hauptschwimmeisterschaften im Klub gewesen und sein fabelhafter Stoß +hatte die Gewässer der halben Welt durchfurcht. Nach seinem Rücktritt +war in dem Siegeslauf des Klubs die große Pause eingetreten, die +heute noch währte. Übrigens waren in diesen Jahren auch sonst keine +Siege im Schwimmsport zu verzeichnen, denen die Brünings aus früherer +Zeit nicht mindestens ebenbürtig gewesen wären. Darüber freute er +sich noch heute. + +Einer reichen Charlottenburger Familie entstammend und im Besitz +eigenen Vermögens konnte er es sich leisten, seine Jugend dem +Vergnügen eines Sports zu widmen, und nachdem er erst in Deutschland +überall gesiegt, war er auch außerhalb jahrelang zu allen großen +Festen auf seine eigenen Kosten gereist, um überall sich und den +Farben seines Klubs Ehre auf Ehre zu erobern und dem Namen des "S.-C. +B. 1879" eine internationale Berühmtheit zu verschaffen. Das konnte +und wollte ihm sein Klub nie vergessen, und allein sein Name +bedeutete heute in ihm noch eine Tat--einen Sieg, so frisch, als wäre +er erst gestern erfochten. + +Jetzt war der Meister dick geworden und schwamm nur noch "zu seinem +eigenen Vergnügen", wie er sagte. Wenn er ins Wasser ging, sah ihm +noch jeder nach. Aber nur bei der älteren Generation lebte noch die +Erinnerung an jenen furchtbaren Schwimmer, der mit der phänomenalen +Kraft und Wucht seiner Leistungen einfach alles andere totgeschlagen +hatte. Brüning selbst hatte ohne großes Bedauern seinen Erfolgen +Lebewohl gesagt, sich dem Sportleben im allgemeinen zugewandt und +ließ jetzt rennen. Übrigens verstand er nichts von Pferden. + +Zuweilen noch, aber doch nur selten, erschien er an einem Übungsabend +oder auf einer Veranstaltung seines alten Klubs. Wenn er kam, erhob +sich ein allgemeines Hurra, denn er war allgemein beliebt, weil er +ein nobler Kerl war: immerlustig und aufgelegt, immer bereit zu +helfen mit Geld und Rat und riesig freigebig, wenn es galt, die Zeche +zu bezahlen. Bei den Jüngeren hieß er nur der "Sektonkel", aber die +Älteren hielten große Stücke auf sein erprobtes und unbeeinflußbares +Urteil. + +Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel +stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade +stillvergnügt für sich hundert Meter schwamm. Brüning kniff die Augen +etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er +nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser +kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prüfte. Das Resultat war +sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition, +schüttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich +von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit +der Zeit erklärte ihn Brüning unter vier Augen als den einzigen im +ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbürtiger Nachfolger +werden könne, "wenn er hielt, was er versprach". + +Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslöschlicher Dankbarkeit; +die Freundschaft Koepkes ließ er sich gefallen; an das Wohlwollen +Brünings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie +stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer +der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mißbrauchten. + + +5 + +Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als +solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich +erst in seiner letzten Hälfte. + +Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch +nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen +Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die +gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen. +In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree +durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt +entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von +Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer +Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den +sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen, +sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer +zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen. + +Erst spärlich und fast unbeachtet--einer der ersten unter ihnen der +"S.-C. B. 1879"--wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur +langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre +Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses +Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie +sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den +Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch +Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen +Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und +Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu +vereinigen. + +Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre +Wertungsform gefunden. + +Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung +und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport +an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen +gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste +Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser, +dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von +Eisen und Glas. + +Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und +wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die +wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs +in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen +Interessen in Anspruch genommen wird. + +Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen +Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde--ihre Namen mit +Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier +entlehnend--, vereinigen und--bekämpfen sich untereinander, erbittert +und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste +Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem +solchen Feste in einer Stadt wie Berlin. + +Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der stürmischsten +Gärung, der der alte "S.-C. B. 1879" fast allein ruhig zusehen kann, +da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz +Felder in ihm in unablässigem Training um seine ersten Siege ringt.-- + +Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich +gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre +Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter +sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich +bei den großen nationalen und internationalen Meetings oft über zwei +Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekämpft: im Schwimmen, im +Springen und im Tauchen. + +Geschwommen wird um kürzere oder längere Strecken, und zwar ist +entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und +Rückenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in +stromfreiem Wasser, Seen und künstlichen Bassins, oder auch in +Flüssen mit zu überwindendem Strömungswiderstand. + +Die Zahl der Sprünge ist naturgemäß eine begrenzte. Die Sprungtabelle +des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fünfunddreißig +auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6 +gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den +einfachen und schwierigeren Kopfsprüngen steigen sie langsam auf zu +den Hecht- und Schlußsprüngen in ihren verschiedenen Drehungen des +Körpers. Aber es herrscht eine große Mannigfaltigkeit unter ihnen. +Die Höhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs +Metern. Viele Sprünge können ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf +gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, daß sie sowohl vor-, als +auch seit- oder auch rückwärts ausgeführt werden können. Daher ist +das Amt eines Preisrichters für das Springen kein leichtes und +erfordert langgeübte und intime Kenntnis der einzelnen Sprünge und +ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen für +Pflicht-, wie für Kürsprünge. + +Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach +Tellern (Sieger ist, wer in der kürzesten Zeit die größte Anzahl +hervorholt), oder in die Länge: das Hechttauchen--man schwimmt unter +dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt +den Ausschlag. + +Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr +interessant verläuft: gekämpft wird in allen drei Arten, und Sieger +bleibt, wer durchschnittlich in allen die höchste Punktzahl erreicht. + +Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den +Besitz seines Klubs über. Sie bestehen bei den großen Meisterschaften +oft in wertvollen Gegenständen, die die Veranstalter oder auch die +Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen +Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem +heißerrungenen Ruhme erzählen--unvergeßliche Andenken!--Es gibt +Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch +Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg +erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden +müssen, ehe sie in den Besitz des Siegers übergehen oder Klubeigentum +werden. + +Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer äußerlichen +Bereicherung und Ausschmückung. Das Schwimmen "älterer Herren", die +die Zeit der höchsten Ausbildung ihrer Stärke bereits hinter sich, +wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch +nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen können +bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor +oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der höchsten Leistungsfähigkeit +ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte +aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen +so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den für +Nichtkenner oft eintönigen Kämpfen versteht, entschädigen, und +einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mißt, +fehlt heute auf keinem als Abschluß. + +Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz +"halten die Teilnehmer noch lange zusammen", wie es stets am Ende +aller Berichte heißt. + +--Gut Naß!--Hurra! Hurra! Hurra! + + +6 + +Auf der Meldeliste des "Schwimmklub Berlin 1879" für das diesjährige +große Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten +Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet +für das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war +Brünings gewichtiges Wort gewesen, das, für das Junge Mitglied in die +Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders +Gunsten sinken ließ. + +Franz vergaß es ihm nie. Er war erst fast bestürzt, als er von der +Entscheidung hörte, trotzdem sie kaum anders hätte ausfallen können, +wollte der Klub sich überhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach +ein Freudentaumel. Sein Klub sandte _ihn_ hinaus auf das große +Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die +Meisterschaft der Stadt Berlin über die kurze Strecke von 100 Metern +zu ringen!--Er sollte sich auf dem jährlichen Wettschwimmen des +großen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern--unter ihnen +alten Siegern--im Kampf um die silberne Medaille messen!! + +Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land +oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um +die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der +Sport des Schwimmens grünte und blühte, die überallhin die besten und +gefürchtetsten Kräfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen. +Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den größten Teil +der Berliner Schwimmvereine umfaßte, der im Allgemeinen Deutschen +Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein großer Sieg--ein +Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heißbegehrt... + +Und _sein_ Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder, +hinaus, diese Meisterschaft zu erkämpfen!--Sein Klub, der vor vielen +Jahren zuerst die Initiative zur Gründung eben dieses Schwimmerbundes +gegeben hatte, sein Klub, der älteste und angesehenste Berlins, mit +dessen schlichtem und doch so berühmtem Namen die so vieler erster +Schwimmer der Welt unauslöschlich verbunden waren, der nicht nur für +sich und seine Mitglieder, sondern für die ganze Sache des Schwimmens +von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war--der "S.-C. B. +1879" entsandte _ihn_ zum diesjährigen Wettbewerb! + +Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so +wußte er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer. +Aber was mehr war, als diese äußere Anerkennung seiner Kraft, war die +innere: der Klub hätte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen +innerlicher Zusammengehörigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des +Klubs--und das waren in der Sache unbedingt die höchsten--er nicht +überzeugt gewesen wäre. Er hatte sich jahrelang von den Festen +zurückhalten können, stolz auf alte Erfolge und unbekümmert um neue, +als die alten Kräfte, die sich zurückziehen mußten, nicht sogleich +durch neue von gleicher Stärke ersetzt werden konnten; und er würde +sich Zeit genommen haben, im nötigen Falle nochmals jahrelang +zuwarten, denn nicht um künstliche Züchtung einzelner Größen und die +Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache +war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschloß man sich +daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mußte man des Sieges +ziemlich gewiß sein--und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines +neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze... + +Felder war sich über all dies durchaus nicht klar. Er fühlte nur, wie +sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als +Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum +ersten Male öffentlich nannte; er wußte, man vertraute ihm die Ehre +des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht. +So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den +es ankam, für seinen Klub zu erfechten. Er fühlte, er _mußte_ ihn +erringen! + +Er war sehr stolz und sehr glücklich. Aber er hatte Angst, richtige +Angst--zum erstenmal in seinem Leben. Er wußte bisher nicht, was +Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es +war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die +Schlacht geht. + +Denn wenn er unterlag?--Wenn er nur einen zweiten, dritten oder +überhaupt keinen Preis erhielt?--Er kannte seine Gegner wohl. Fast +alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert. +Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen.--Außer dem seinen +stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der +Jüngste von allen!-- + +Wohl schlug er schon die Ältesten seines Klubs über die kurze +Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine +Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, daß er, +Franz Felder, sein bester Schwimmer war?--Nicht allzu viel. + +Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt +ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zögling--nicht, weil er +fürchtete, daß er unterliegen könne, sondern weil er sah, in welcher +verzehrenden Unruhe er umherging und übte. Er warnte ihn, allzu viel +Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch +unterlag?--Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden, +und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich +selbst erlebt; und auch Franz würde das erleben. Das war nicht das +erste und letzte Schwimmen, gewiß nicht--und immer wiederholte der +gute und erfahrene Freund: + +--Schwimm so gut, wie du kannst. Kümmere dich um nichts, als um dein +Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu +tun. Damit sei zufrieden... + +Felder hörte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu. + +Sein Klub hatte _ihn_ hinausgesandt. In seinen Händen lag seine Ehre. +Er durfte ihm keine Schande machen; er mußte siegen--er _mußte!_-- + + +7 + +So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche +nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er +früh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen können. + +Am liebsten hätte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen-- +nur einmal ... aber das wurde ihm natürlich nicht erlaubt. So verging +der Vormittag in untätiger Ungeduld. Er aß mäßig und trank fast +nichts. + +Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstraße +gegessen und spielte nun gemütlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat +an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrührte, sah wie +gewöhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu +bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine plötzliche +Müdigkeit überfiel und er vor sich hindruselte. + +--Leg' dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist! +rief Brüning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem großen Tisch auf +dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den +feierlichen Beratungen der Vorsitzende saß. Nach zwei Minuten schlief +er wie ein Toter. + +Allmählich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem +Nagel und Brüning saßen, spielte ruhig weiter. + +Um halb vier warf Brüning die Karten zusammen und zog seine goldene +Uhr: + +Massenhaft Zeit noch!--Aber wollen doch lieber gehen... + +Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief. +Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch +die etwas geöffneten Lippen. Sicherlich träumte er jetzt von keiner +Niederlage. + +Brüning betrachtete ihn mit fast zärtlichem Lächeln. + +--Wie ein junger Gott, was?--Und noch das reine Kind!--Aber wecken +wir unseren jungen Sieger! + +--Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rührte den Schlafenden bei +der Schulter. + +Franz führ in die Höhe, und sein erster Griff war nach der Uhr. + +--Aber wir versäumen das Schwimmen, rief er außer sich, als er sah, +daß sie bereits über halb vier zeigte. + +Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren +mit ihm zum Fest.-- + +Die enorme Halle des großen Schwimmbassins der Wasserfreunde war +festlich geschmückt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen +Wölbungen war bis in den letzten Winkel durch die großen, +elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten +Fensterdrang nur noch das trübe Licht eines frühdunklen Wintertages. +Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rückwand +hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der +veranstaltenden Vereine herab und verhüllten die weiße Fläche der +Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von +Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile +gezogenen Fähnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wölbung +der Decke hernieder schwebte regungslos über der Mitte des Bassins +die mächtige weiße Fahne des "S.-C. B. 1879" mit dem blauen Rande und +dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei +dem großen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte--hinter grünem +Blattwerk verborgen--die Musik. + +Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit +Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornüber beugten, um besser die +Wasserfläche unter sich überschauen zu können, in der die Wettkämpfe +stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt-- +alles saß hier durcheinander, und unter die dunklen Röcke der Herren +mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die +weißen, buntgeränderten Mützen der zahllosen Sportgenossen. Alle +Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer +Zusammengehörigkeit nach hier und dort zusammen. + +In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf +die Eingangswand gerichtet. Dort saß unter der Galerie an einem mit +Papieren bedeckten Tische der Ausschuß des Festes: die Preis- und +Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nähe einige +hervorragende Gäste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behörden. +Hier befanden sich auch die reservierten Plätze für die Vorstände der +Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang. + +Als Felder und seine Begleiter ankamen, mußten sie sich an der +Aufgangstreppe, wo an der Kasse die üblichen fünfzig Pfennig als +Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die +Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen +arbeiten und hatten Mühe, sich durchzudrängen, um zu den +Auskleideräumen zu gelangen. + +Es war gerade eine Pause, und die Wölbung hallte wider von dem +erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits +erstickend heiß. Über der noch vom letzten Rennen her leise bewegten +Wasserfläche zogen sich leichte, weiße Streifen, und die ganze Halle +dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen. + +Die Uhr wies über die vierte Stunde hinaus. Man näherte sich den +großen Wettkämpfen. Längst war die stereotype Eröffnungsrede des +Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und +liebenswürdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten +und der Eröffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der +Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben +bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und künftige Meister hatten +den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heißen Stirn gespürt.--Auch +die älteren Herren, die über dreißig, hatten geschwommen und +vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt. +Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden, +über dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde. + +Nun kam ein Brustschwimmen und ein großes Tellertauchen mit +unzähligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange +dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte-- +für alle Kenner der Clou des Tages. + +Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu?--Man +hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den +Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie +erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter +lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute +mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des +Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine große Familie, diese Ecke. +Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so +erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natürlich +wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wußte. +Georgy vom S.-C. "Spree" sollte nicht mitschwimmen infolge eines +Zerwürfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der +gefürchtete vom "Triton", auch. Hatte Franz ihn schon gesehen?--Dort +unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mächtig vielen +Bändern über der Brust.--Und Riesecker war da, der heute zum ersten +Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es würde ihm wohl +nichts helfen... + +Felder hörte kaum auf das Geschwätz. Er hatte seinem Freunde das +Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen +eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu +blättern. Da stand es: + +_IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin_ + +Offen für alle Mitglieder. Bahnlänge 100 Meter gleich 4 Längen. + +1. B. Riesecker ...... (1. Berliner Amateur-S.-C.) schwarze Kappe + +2. K. Wenzel ...... (S.-C. "Poseidon") gelbe Kappe + +3. W. Georgy ...... (S.-C. "Spree") rot-weiße Kappe + +4. F. Felder ...... (S.-C. Berlin 1879) blaue Kappe + +5. P. Hoffmann ...... (S.-C. "Triton") weiße Kappe + +6. W. Hofstetter ...... (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe + +Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger: + +Erster: ........... Zeit: .... Min. .... Sek. + +Zweiter: .......... Zeit: .... Min. .... Sek. + +Da stand sein Name. Noch keine Stunde würde vergangen sein, und die +Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen würde +eingetragen werden in die kleine leere Stelle?--Der seine?-- + +Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn. +Ahnten sie, wußten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand?--Warum +lachten sie noch?... Außer dem dummen Koepke schien keiner von der +Größe des Augenblicks erfüllt zu sein. + +Das Tauchen hatte begonnen. Es würde bei der großen Beteiligung +mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht +länger, ihm untätig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden +unter Wasser blieben, erschien ihm endlos. + +Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen +Auskleideräume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits +sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wüstes Durcheinander +herrschte in dem engen Gelaß. Der Boden triefte von Nässe und +Schmutz, unter den Lattenbelägen standen Wasserlachen, Stiefel lagen +herum, die nicht zueinander paßten, und Kleidungsstücke +verschiedenster Art waren wahllos übereinander geworfen--friedlich +vereinigten sich hier die toten Dinge, während sich draußen ihre +Besitzer so bitter bekämpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war +es nicht anders gewohnt. + +Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete +sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Räume, in dem +ein trübes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht +anzuzünden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die +früh erlöschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene +Rufe aus der Halle bis hierher. + +Als er das Trikot angelegt hatte und darüber die weiße Badehose mit +dem blauen Rande streifte, überkam ihn wieder die zeitweilige +Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hüllte sich in sein Badetuch und +setzte sich in eine Ecke. Er wußte, daß man ihn rufen würde, wenn es +Zeit war, und es war ihm ganz lieb, daß man ihn bis dahin allein +ließ. + +Er glaubte nicht mehr daran, daß er siegen konnte. Es war eine +Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche +von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn +fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mußte ja unterliegen--wenn +nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War überhaupt jemals +ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjähriger +Pause schwamm der wieder mit! + +Er sah trübe vor sich hin. + +Plötzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten +stürzten herein und suchten lärmend nach ihren Kleidern, während sie +laut miteinander über das eben beendete Tauchen sprachen. + +Hinter ihnen her Koepke. + +--Wo bleibst du denn, Mensch?--Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So +komm doch--alle warten schon auf dich! Felder ließ sein großes +Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden +langsam. Als er sich mühsam durch die immer enger zusammengepreßte +Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der +letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, blaß und +schweratmend an die Oberfläche. + +Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedränge. Alles +stieß sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschuß in +schwarzen Fräcken; Kellner mit gefüllten Biergläsern; Bademeister in +hellen, frischgewaschenen Leinwandanzügen; Klubmitglieder in Mützen +und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen übersät, +freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich +begrüßend oder höflich ausweichend; und Gäste des Festes, jeden +Alters und Standes und Geschlechtes--alles mußte hier durch, um +hinaus oder zu seinem Platz zurückzugelangen, und kaum wurde den +Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle +hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle dröhnte +wider von dem Durcheinanderlärmen zahlloser Stimmen. + +Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige +Minuten länger, während welcher die Starter versuchten, einen kleinen +Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen. + +Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die +blaue Kappe übergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und +erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: "Du hast also Nr. 3 +und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!" Er hörte Brünings +spöttische Stimme, der über den "Blödsinn des übertriebenen Tauchens" +sprach und fühlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als +er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lächeln, aber er konnte es +nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, daß alles vorbei sein möchte. + +Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter +trat und seine Fahne schwang. Der Lärm in der Halle verminderte sich, +Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tönte bis in den +fernsten Winkel des Raumes: + +--Neunte Konkurrenz: Schwimmen über hundert Meter um die diesjährige +Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub "Poseidon" +schwimmt wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit. + +Ein Murmeln der Überraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten. +Dann lösten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte +Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte +kein Wort verstanden. Er fühlte sich plötzlich vorwärts gestoßen und +sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor. + +Einen Augenblick--eine kurze Sekunde--stand seine jugendlich-schlanke, +ebenmäßige Gestalt allein über dem Bassinrand in der Mitte unzähliger +Blicke und überstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als +könne sie sich nicht entschließen, den Sprung zu tun--dann streckte +Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge +in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein +heißes Gesicht in die kühle Flut tauchte und seine Hand nach der +Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als +müsse er aufschreien vor Lust, und er fühlte nichts anderes in +dieser Minute mehr, als die maßlose Seligkeit, schwimmen, jetzt +losschwimmen zu dürfen!--Endlich im Wasser, war er jetzt wieder +Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus +auf die glatte Fläche vor sich geheftet, hörte er die Stimme des +Starters auf dem Sprungbrett über sich: + +--Sind die Herren bereit?-- + +Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit, +darüber nachzudenken, denn schon erklang über ihm wieder die feste +Stimme: + +--Achtung!--...--Fertig! + +Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die +Luft: + +--Los!-- + +Fünf Hände ließen das Brett los, und fünf Gestalten durchschnitten +mit rasender Geschwindigkeit das Wasser. + +Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren +Wölbung, daß man außer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den +peitschenden Schlägen der Arme und Hände vernahm. Eine atemlose +Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und +allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem +Kampfe ausging. + +Die erste Länge von fünfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen. +Beim Wenden legte der Tritone in weißer Kappe sich vor und blieb so +liegen bis rast an das Ende der zweiten Länge, wo er seinen Vorsprung +gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor. + +Wieder stießen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Länge +ab; der fünfte war zurückgeblieben und blieb es. + +Die vier Körper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Stoß +verschwanden die Köpfe mit den bunten Mützen unter der Wasserwoge, +die über sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben, +um zu neuem Schlage auszuholen und die Körper, von neuem, mächtigen +Stoße der Beine getrieben, vorwärts flogen, als würden sie gezogen... + +Gegen Ende der dritten Länge schien es, als schwämmen die vier auf +einen bestimmten Punkt zu, so sehr näherten sie sich einander. Aber +dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los. +Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl +die rot-weiße wie die rote Kappe eingebüßt, da ihnen die Richtung ein +wenig verloren gegangen war. So kam es, daß Felder zuerst, oder doch +fast gleichzeitig mit dem Träger der schwarzen, wenden konnte. + +Die Musik schwieg plötzlich und die ersten vereinzelten Rufe der +Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die +Zuschauer aufgestanden und überall drängten sich die Köpfe so weit +wie nur möglich vor. Die Spannung erreichte den höchsten Grad. + +Die ersten Längen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne +Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glücklich, schwimmen zu +können, daß er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun +erwachte er plötzlich wie aus einem Traum: er hörte die Rufe und sah +dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm +mit dem nächsten Stoß schon voraus war. Da packte ihn eine +fürchterliche Wut. Er wußte wieder, wo er war--und tief Atem holend, +stieß er sich ab. Ganz einerlei jetzt--ob er siegte oder nicht; aber +leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser +und schoß in ihm hin; er kämpfte mit ihm wie mit einem persönlichen +Feinde, außer sich vor Wut und Raserei. + +Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlänge nicht mehr +gerade Linie der vier Köpfe wieder schloß--wie der zweite dem ersten +wieder näher und näher kam und wie sich ihm die beiden anderen +zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so +wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens. + +Die Aufregung der Zuschauer stieg ins maßlose. Man rief nicht mehr, +man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier +Namen erklang aufmunternd, anfeuernd--drohend von überallher... + +Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hörte und sah nichts mehr. +Er wußte nicht mehr, wohin er schwamm, ob er überhaupt noch in einer +Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie +ein Ertrinkender das Wasser--er sah und hörte nichts mehr. Er fühlte +kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berührten... Er wußte +nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht... + +Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle +durchbrauste und das den Tusch der Musik völlig übertönte. Über sich +sah er erregte Gesichter und neben sich für einen Augenblick seine +Gegner--erschöpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem. +Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Stoß auf die Leiter zu. +Er hatte sich vollkommen ausgegeben, + +Er hörte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine +Bedürfnis sich jetzt hinsetzen zu dürfen. Er drängte sich aufs +Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man +hatte ihm ein Tuch übergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die +Decke. Er hüllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu +verbergen, und machte sich rücksichtslos Platz. So gelangte er zu dem +Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend, +in eine Ecke. + +Sie drängten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend über seine +eilige Flucht und sein böses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu +drücken. + +Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch +böser: + +--Aber warum denn?--Ich war doch nicht erster!-- + +Er sah, wie sie wieder lachten. + +--Wer denn sonst, fragte Brüning. + +Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus. + +Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung +stieg in ihm auf, daß es wahr sein könne. Wenn Nagel es sagte, dann +glaubte er es. + +Und als auch dieser nickte und sagte: + +--Mit 2/5 Sekunden etwa... da war ihm, als löse sich von seiner Brust +der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern +zu greifen. + +Hastig riß er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen +Anzug. Um ihn herum ließen die Mitglieder des "S.-C. B. 1879" jetzt +ihren Gefühlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen +besprochen. Allgemein stimmte man darin überein, daß es ein ganz +außergewöhnliches Rennen gewesen war, "wieder einmal eines von jenen, +bei denen alles anders gekommen war..." Am äußergewöhnlichsten +sicherlich das Endresultat. + +Nur einer war ganz zurückgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen. +Die übrigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es +konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfünftel handeln. Aber +Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es +gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es +hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann +Georgy vom "Spree "-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem +der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch +zugetraut hätte. Hoffmann, der berühmte Hoffmann vom "Triton", der +Meister des Vorjahres, war überhaupt ganz zurückgeblieben und hatte +zu Ende der dritten Länge schon gänzlich ausgesetzt. + +Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit +festgestellt und bekannt geworden war, kam zurück und bestätigte fast +jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von +1:23 4/5 bis 1:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24 +1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde +später der junge Hofstetter. + +Der Rekord für Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also +keineswegs erreicht, wie überhaupt in den letzten Jahren nicht mehr. +Was aber die Leistung Felders zu einer so außergewöhnlichen machte, +war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein +Erfolg, fast einzig in seiner Art. + +Neueintretende erzählen von der allgemeinen Verblüffung. Der ganze +Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten, +da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden +habe: man habe ganz genau gesehen, daß Riesecker und Felder zu +gleicher Zeit angeschlagen hätten, und man habe es von ihrem Platze +aus besser sehen können, als von dem Tische der Richter. + +Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der +anderen natürlich nur erhöht, und man freute sich im voraus auf die +nicht ausbleibenden Reibereien der nächsten Zeit. + +Nur Franz war merkwürdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen +so heißersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen +nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst +der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit +ihnen und wie mit einem Schlage das Gefühl des Angespanntseins, das +einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit... Was hatte er +getan?--Wofür wurde er gelobt?--Er hatte geschwommen, wie schon +hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserfläche--etwas besser, nicht +viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan, +was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen +Augenblick früher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese +eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn +plötzlich so, daß ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wäre er +unterlegen, ja, wäre er nur zweiter geworden, kein Mensch würde sich +um ihn kümmern, niemand seinen Namen nennen... Außerdem: Wenzel hatte +nicht mit geschwommen. Wäre er nicht erkrankt, so hätten sie alle +miteinander einpacken und zusehen können! + +Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel würde es ihm sagen. +Er drängte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus. + +Dann hörte er es: "Ein schöner Sieg, weil er so schwer errungen +wurde. Wie du geschwommen hast?--Die ersten drei Längen ganz gut. Bei +der letzten hast du natürlich den Stil verloren und bist über deine +Kräfte hinausgegangen. Sonst hättest du auch nicht gesiegt.--Freu' +dich nur ruhig. Wir freuen uns auch." + +Ja, Franz freute sich, als er dies hörte, und zog sich seine +Sportmütze über die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich +_wirklich!_-- + +Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in +ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glückwünschen +empfangen wurde. + +Die schwüle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des +warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrückend. Überall sah +man rote Gesichter, auf denen der Schweiß stand, und alles versuchte +die innere Glut mit großen Gläsern Bier zu löschen. Aber noch immer +erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man +einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die +lustige Pantomime am Schluß nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen +gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorüber. Selbst ein +langes, aber vortreffliches Kürspringen vermochte es kaum mehr +aufrecht zu erhalten. Wie immer, rächte sich an diesen letzten +Nummern die offenbar unvermeidliche Überladung des Programms. + +In der Ecke der 79er drängte Brüning seine näheren Freunde zum +Aufbruch, endlich "dies verfluchte Schwitzbad" zu verlassen. Er könne +es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten länger +hierblieben, könnten sie es erleben, daß er sich auszog und ins +Wasser ging. Er hatte aus Anlaß des Sieges sogleich ein kleines +Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung +dafür mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant +geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben genügten, +um eine gemütliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper für +sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden. + +Die Geladenen verabschiedeten sich für ein paar Stunden von ihren +Leuten und verließen, von vielen Blicken gefolgt, die heiße Halle.-- + +Bei Tisch herrschte die lebhafteste Fröhlichkeit. Franz saß zunächst +dem Gastgeber, neben ihm ein älterer Schwimmer mit großem Namen, und +ihm gegenüber sein verehrter Schwimmwart. Er war äußerlich still, wie +immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er +ließ sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch +kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre +schmecken. + +Aber als Brüning zum Schluß, als der Sekt kam, das Glas in die Hand +nahm und--halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war--eine +Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle +künftigen Erfolge mit ihm anzustoßen, da übermannte ihn fast die +Rührung über so viel unverdiente Freundschaft. Ein großer Entschluß +keimte in ihm auf, und während die anderen schon weiteraßen und +weiterlachten, stand er plötzlich auf und sagte geradeausschauend und +ganz schnell: + +--Es lebe der Schwimmklub Berlin 1879. Ich danke ihm, daß er mich +aufgenommen hat, und ich werde mich anstrengen, ihm immer so Ehre zu +machen, wie heute... + +Das war ein kurzer Toast, aber ein guter, und alle wunderten sich, +daß er ihn so zustande gebracht hatte; Brüning nannte ihn sogar einen +Beweis für "die unvermutet glänzende Rednergabe unseres lieben +Mitgliedes Franz Felder". + +Aber das störte diesen nicht weiter, und äußerlich still, aber +innerlich glücklich blieb er den ganzen Abend: während der +Droschkenfahrt nach dem Lokal, wo die Preisverteilung stattfand; +während dieser selbst, als er--noch einmal der Zielpunkt aller +Blicke--die silberne Medaille und die Urkunde, die ihn den Meister +von Berlin für das kommende Jahr nannte, erhielt; und während der +langen Stunden, die sich noch durch die halbe Nacht zogen, als man an +den Tischen zu seiten des großen Saales saß, in dem unermüdlich +getanzt wurde, und als immer wieder und wieder von allen Seiten alte +und neue Bekannte kamen, um mit ihm anzustoßen, zutrinken und ein +Wort zu wechseln... + +Und glücklich war er, als er endlich durch die helle und kalte +Winternacht heimwärts ging. Denn wie der Himmel dort oben, so war +auch seine Zukunft voll lichter Sterne, und ein jeder von ihnen war +ein neuer, ein großer und ein immer größerer Erfolg! + + +8 + +Er durfte seinen Sternen vertrauen. Einer nach dem anderen neigte +sich gegen ihn und fiel nieder in seine jungen, hoch emporgestreckten +Hände--Sieg um Sieg!-- + +Die Meisterschaff der kurzen Strecke für Berlin hatte Franz Felders +Namen mit einem Schlage bekanntgemacht. Jetzt konnte im Klub kaum mehr +darüber gestritten werden, wer zu den nächsten Schwimmkonkurrenzen +entsandt werden sollte; es handelte sich nur noch darum, an welchen +Schwimmen er sich beteiligen konnte, und bei welchen es besser war, +von einer Beteiligung noch abzusehen. Das galt natürlich in erster +Linie bei den langen Strecken, für die es im Klub kein Mitglied gab, +das sich mit den Meistern dieser Jahre über sie hätte messen können. +Aber man konnte sich nach dem unverhofften Triumphe seines jungen +Mitgliedes jetzt nicht mehr zurückziehen, um so weniger, als +man neben Felder einen ausgezeichneten Springer, Grafenberger, +herangebildet hatte, der sich auf dem Bundesschwimmen einen zweiten +Preis geholt, und auf den man als Springer ebensolche Hoffnungen +zu setzen begann, wie auf Felder als Schwimmer. + +So war der alte Schwimmklub Berlin von 1879 mit einem Schlage wieder +in den Vordergrund des Interesses getreten, und seine alten +Mitglieder sahen wohl ein, daß sie dem Drängen der jüngeren nicht +länger widerstreben durften und konnten, sondern verpflichtet waren, +das Eisen zu schmieden, das wieder zu glühen begann. + +Mit der Hoffnung auf neue, rege Beteiligung an der Öffentlichkeit und +mit der begründeten Aussicht auf neue Siege begann sich ein neues, +frisches Leben in den Sitzungen, wie auf den Übungsabenden zu +entfalten, und nie war der Ton bei den Zusammenkünften so frei und +fröhlich gewesen, wie zu Beginn dieses Sommers... + +Felder übte unablässig. Als der laute Tag vorbeigerauscht war, der +ihm seinen so heißersehnten Sieg gebracht, erschien es ihm wieder so +wenig, was er getan, daß ein tiefes Gefühl der Unbefriedigtheit ihn +fast nicht mehr verließ. Ja, er hatte gesiegt--aber war das ein Sieg +gewesen, wie er zu wünschen war?--Weder war seine Zeit eine besondere +gewesen, noch sein Stil bis zu Ende rein geblieben; dabei hatte er +seine Kraft völlig verausgabt; und endlich hatte Wenzel, der +Meistgefürchtete, nicht teilgenommen. Alles das beeinträchtigte den +Wert seines Sieges in seinen Augen bedeutend und er war ungeduldig +nach neuen Kämpfen. + +Er übte unermüdlich. Er erreichte es zunächst, die hundert Meter in +derselben Zeit, wie auf dem Bundesschwimmen, aber in glatt +durchgeführtem Stil zu schwimmen; dann verbesserte er seine Zeit von +Woche zu Woche um ein weniges. + +Als der Frühling kam und die ersten Ausschreibungen für die +Sommerfeste erlassen wurden, begann er, das frühere Training für +Strecken über drei- und fünfhundert Meter wieder aufzunehmen. Seine +Fortschritte setzten selbst seine Klubgenossen in Erstaunen. Sogar +Nagel, der ihn unausgesetzt beobachtete, sagte nichts mehr. Nach +außenhin bewahrte der Klub absolutes Stillschweigen. + +Dann kamen die Siege dieses Sommers, einer nach dem andern: er siegte +zweimal auf den internen Veranstaltungen seines Klubs gegen seine +eigene Mannschaft, war dessen erklärter bester Schwimmer über alle +Strecken und in jeder Stilart und verzichtete damit fürs erste auf +die Beteiligung an Kämpfen mit seinen eigenen Leuten. Er schlug auf +dem schönen Fest des "Delphin" dessen besten Schulschwimmer im +Brustschwimmen über 150 Meter; er holte sich ein Diplom in +Reinickendorf und einen Ehrenpreis in Halensee. Und er erlebte einen +anderen, in seiner Art merkwürdigen Triumph. Er erreichte auf dem +diesjährigen großen Verbandsschwimmen im Kochsee, auf dem er zu dem +großen 500-Meter-Schwimmen um den Hauptpreis nicht gemeldet war, da +diesmal die abmahnenden Stimmen seines Klubs, die vor allzu hastigem +Vorgehen warnten, im Übergewicht gewesen waren, er erreichte auf +diesem Fest im Juniorenschwimmen über dieselbe Strecke, bei dem er +natürlich startete, eine Zeit, die so nahe an die des Siegers im +Hauptschwimmen heranreichte, daß alle Gegner schweigen und denen +recht geben mußten, die schon für dieses Jahr ungestüm eine +Beteiligung Franz Felders an ersten Konkurrenzen gefordert hatten.-- +Das war auch ein Sieg, und nicht der schlechteste! + +Dazu kamen noch in diesem Sommer seine ersten Reisen. Sie wurden über +den Sonntag gemacht, da er zur festgesetzten Zeit wieder bei seiner +Arbeit sein mußte. Im Fluge hin, im Fluge zurück; oft im Morgengrauen +zur Bahn, eine lange Fahrt, ein hastiger Sieg, ein Telegramm an den +Klub, und schon wieder zum Bahnhof zurück... Nur einmal konnte er ein +paar Tage Urlaub benutzen, um nach Stuttgart zu gehen, wo er zwei +Tage blieb. Auf diesen seinen ersten Reisen, die mehr Ausflüge waren, +unternommen auf Kosten seines Klubs und stets in Begleitung +irgendeines Kameraden, kam er nacheinander nach Magdeburg, Hamburg +und Stuttgart und im Spätherbst nochmals nach Hamburg, wo er den +schönsten aller seiner bisherigen Siege errang: in dem deutschen +Schulschwimmen einen Ehrenkranz mit Gravierung für ein tadellos +durchgeführtes Brustschwimmen von hundert Metern gegen und hundert +Metern mit dem Strom, bei dem die Art des Schwimmens, nicht nur die +Schnelligkeit gewertet wurde. In Stuttgart holte er sich den zweiten +Preis im Wettschwimmen über einhundert Meter, in Magdeburg den ersten +im Hindernisschwimmen: ein in seiner künstlerischen Ausführung +wirklich wertvolles Diplom. + +Und dann hatte sich Felder im folgenden Winter in seiner +Meisterschaft von Berlin im Schwimmerbund über die kurze Strecke zu +behaupten: diesmal gegen Wenzel vom "Poseidon" und die besten +Berliner Schwimmer, und er tat es in einer Weise, die deutlich +zeigte, welche Sicherheit ihm bereits die sommerlichen Siege +verliehen hatten--er schwamm die kurze Strecke nicht nur in reinstem +spanischem Stil und verbesserte seine eigene Zeit gegen das Vorjahr +nicht nur um fast drei Sekunden, sondern er schlug den gefürchtetsten +Gegner, der alles daran setzte, die verlorene Meisterschaft wieder zu +gewinnen, um eine ganze Sekunde. + +Zum zweiten Male war er Meister von Berlin geworden. Kaum war ein +kurzes Jahr vergangen, und doch: welcher Unterschied zwischen heute +und damals! + +Als er--umstanden von seinen jungen und alten Klubfreunden--sein +Trikot überzog und der immer behäbiger werdende Brüning den anderen +in seiner spöttisch-gutmütigen Art erzählte, wie sie ihn damals vom +Sofa aufgeweckt und den Mutlosen in einer Droschke hierher gebracht, +dachte Felder selbst einen Augenblick an die trübe, einsame +Viertelstunde, in der er hier allein niedergedrückt bei dem grauen +Zwielicht eines trüben Wintertages gesessen, fast verzweifelnd an +sich und seiner Zukunft. + +Heute zweifelte er nicht mehr. Er dachte überhaupt wenig mehr an +Siegen und Unterliegen. Die heitere Zuversicht der Ruhe, erworben in +so manchen ernsten Kämpfen des letzten Jahres, war über ihn gekommen, +und kaum ließ die Erwartung jetzt sein Herz höher schlagen, wenn ein +neuer Sieg ihn reizte. Er wußte, er tat, was er konnte, und er tat es +in erster Linie für seinen geliebten Klub. Er hatte ihm bereits Ehre +gemacht. Er wußte es, und er war stolz darauf. Als das Diplom des +Bundesschwimmens, das seinen Namen trug, in dem alten, gemütlichen +Klubzimmer der Lindenstraße, wo der Klub nun schon seit fast einem +Jahrzehnt tagte, dieser Stätte so zahlreicher, erregter Debatten, so +zahlloser freudiger und gehobener Stunden, zwischen der Unmenge +Ehrengeschenke und Urkunden vergangener Tage seinen Platz fand, wich +zum ersten Male recht eigentlich das Gefühl einer gewissen Fremdheit, +das ihn nie ganz verlassen hatte, von ihm: denn jetzt hatte der +Arbeitersohn aus dem Osten angefangen, seine Schuldzurückzuzahlen, +und man brauchte es nicht mehr zu bereuen, den armen Jungen unter +sich aufgenommen zu haben. Und er schwur sich damals und viele Male +später, immer und immer wieder zu: ganz und bis aufs letzte die in +seinen Augen so unermeßliche Schuld zurückzuzahlen, und vielleicht +nicht nur das, sondern dem "S.-C. B. 1879" mit Zinsen und +Zinseszinsen zu vergelten, was er an ihm getan. + +Daher freute er sich an jedem seiner Erfolge, nicht nur für sich, +sondern auch für seinen Klub mit. Und so glücklich er auch war, einen +Preis nach Hause tragen zu dürfen und die Ehrenzeichen und Medaillen +auf seiner Brust sich vermehren zu sehen--lieber war es ihm doch noch +und größer seine Siegerfreude, wenn er seine Preise in den Besitz des +Klubs übergehen und dort die Wand zieren sah, während ihm selbst nur +eine einfache Urkunde--gewissermaßen als Bestätigung--zuteil wurde. + +So rein und ehrlich war seine Freude, daß er fast noch keine Neider +hatte, wenigstens nicht unter seinen Leuten. Er war noch ganz der, +als den sie ihn damals aufgenommen hatten, wenn er auch äußerlich ein +junger, eleganter Mann geworden war, der es lernte, Wert auf sein +Äußeres zu legen. Auf seinen Lippen zeigte sich der erste Flaum, aber +sein Körper--obwohl Felder auch im letzten Jahre tüchtig in die Höhe +geschossen war--zeigte noch immer die unentwickelte Formen des +Knaben, und wenn er an den Start ging, verschwand seine Gestalt fast +neben denen der anderen. Wer ihn nicht kannte, prophezeite ihm vor +seinen meist voll entwickelten, muskulösen Gegner sicher nicht den +Sieg, bis er ihn mit kurzen und sicheren Schlägen das Wasser teilen +und den schmächtigen Schwimmer schnell allen vorauseilen sah. + +Diese Liebe zu seinem Klub, diese fast kindliche Freude an seinen +ersten Triumphen, diese so bescheidene und doch selbstbewußte +Zurückhaltung und Ruhe, die Felder eigen war, erhöhte seine +Beliebtheit im Klub von Tag zu Tag; und wann immer er kam, woran er +auch teilnahm, stets war er gern gesehen und fühlte sich mehr und +mehr heimisch in diesem Leben, das mehr als je fast jede seiner nicht +der Tagesarbeit gewidmeten Stunden in Anspruch nahm. Noch immer waren +und blieben die besten seiner Freunde die alten: Nagel, der treue und +ernste Berater; Brüning, dessen ausgesprochener Schützling er blieb +und der, so oft er nur konnte, den Unerfahrenen auf seinen Reisen +begleitete und natürlich stets alles zahlte; und Koepke, der +Unzertrennliche, sein Schatten, der bei jedem neuen Siege von neuem +aus dem Häuschen geriet und ihm Erfolge voraussagte, über die Felder +selbst einstweilen nur lächelte. Aber auch an manchen anderen +Klubgenossen hatte er wahre und aufrichtige Freunde, die verlernt +hatten, sich an seiner Schwerfälligkeit und Wortkargheit zu stoßen +und ihm näher standen, als Felder es selbst wußte. + +Und noch eines trug dazu bei, seine Beliebtheit zu erhöhen: trotz +seiner erstaunlichen Fortschritte und der in Anbetracht seiner Jugend +außergewöhnlichen Siege drängte er sich doch nie zu den Konkurrenzen, +und immer war es der freie Entschluß seines Klubs, der ihn--vor der +von Brüning und einigen anderen gelenkten Majorität sich beugend-- +hinaussandte. So ließ er sich ruhig mitnehmen in die fremden Städte, +überwand schnell das anfängliche Unbehagen der hastigen und +überstürzten Fahrten, und tat sein Bestes, sich für die Kämpfe +möglichst frisch zu erhalten, indem er geduldig die Ratschläge seiner +Begleiter über sich ergehen ließ und aß und schlief, wenn diese es +für nötig erachteten, und nicht, wenn er hungrig und müde war. Die +Reisen selbst interessierten ihn wenig: er sah wohl hier und da eine +Sehenswürdigkeit der fremden Stadt, wenn es zufällig eine freie +Zwischenstunde erlaubte, auch machte das neue und bunte Hafenleben +Hamburgs einigen Eindruck auf den Binnenländer, aber im allgemeinen +drehten sich seine Erinnerungen an diese Reisen doch nur um +deren Zweck und Ziel: um die Wettläufe am Nachmittag und die +Preisverteilung am Abend, und die glichen sich alle mehr oder minder, +mochte es nun in Hamburg sein oder in Stuttgart oder Berlin. + +Aus diesem Jahre, vielleicht dem glücklichsten seines kurzen Lebens, +stammte eine Photographie, auf der er sich zum ersten Male bildlich +im Schmucke seiner Siegeszeichen zeigte. Die kleine, braune +Rettungsmedaille war fast nicht mehr sichtbar unter den sechs bis +sieben großen Silbermünzen, die bereits eine ganze Reihe auf der +linken Brustseite bildeten; und um den Hals trug der junge Meister +bereits das breite Band mit der kleinen, vergoldeten Medaille, das in +leuchtenden Buchstaben den frühen Ruhm seines Trägers verkündete. + +Als der "Welt-Sport", das berühmte und angesehenste Sportblatt der +ganzen Welt, Felder um sein Bild bat und es zu Ende dieses Winters +seinen Lesern zeigte, schrieb es dazu: + +"Wenn wir heute--entgegen unserer sonstigen Gewohnheit--unseren +Lesern das Bild eines jungen Schwimmers zeigen, dessen Name, obwohl +bereits rühmlich bekannt in seinen Kreisen, doch noch keine +eigentlich nationale Geltung erlangt hat, so tun wir es in der +sicheren Überzeugung, daß der Name Franz Felder eines, vielleicht +nicht einmal fernen Tages über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus +genannt werden wird. Was uns zu diesem Ausspruch treibt, sind nicht +so sehr die in Anbetracht seiner Jugend allerdings außergewöhnlichen +Leistungen und staunenswert schnellen Fortschritte dieses Schwimmers, +sondern vor allem die Beobachtung der ganz nur auf ein Ziel +gerichteten Energie dieses jungen Mannes, mit der er von früh auf +sich selbst gesteckte Ziele rastlos und unbekümmert zu verfolgen +scheint... Wir wüßten unter allen deutschen Schwimmern der jüngeren +Generation keinen, der uns so zu den höchsten Hoffnungen berechtigt +erscheint, wie Franz Felder, der Meister von Berlin über die kurze +Strecke der letzten beiden Jahre..." + +Als an einem Sitzungsabend des Klubs die Nummer herumgereicht und von +allen Seiten mit launigen und spöttischen Bemerkungen über den +Schreiber begleitet wurde, war es wieder nur Nagel, der ernst blieb. +Indem er verstohlen das Bild mit dem ihm seit Jahren bekannten +Gesicht verglich und Zug für Zug hier wiederfand, was er dort +so gut kannte: die niedrige, trotzige Stirn, den Mund mit den +ausdrucksvollen, gewölbten Lippen, das energische Kinn und die oft so +unnatürlich ernsthaft blickenden blauen Augen mit den scharf +gezogenen Brauen darüber--da mußte er innerlich dem gewiegten und in +allen Lebenssätteln gerechten Menschenkenner des großen Sportsblattes +recht geben und seiner Beobachtungsgabe Bewunderung zollen. Aber was +jenen, den gleichgültigen Kritiker, so zu überschwänglichen +Prophezeiungen begeisterte, erfüllte ihn mit heimlich-banger Sorge um +seinen Schützling. + +Er sprach nicht aus, was er dachte. Man würde ihn mitverlacht haben. +Denn für die meisten anderen lag alles dies, was er in diesem +Augenblick in voller Schärfe sah, noch verborgen unter der Weichheit +der Jugend, die in diesen Zügen noch nichts Hartes hervortreten ließ, +und gerade in dieser Stunde, in diesem lustigen Kreise, unter diesen +ihm so vertrauten und lieben Menschen, kam alles, was in Felders +Natur an unbekümmerter Fröhlichkeit, an sich und anderen vertrauender +Güte und natürlicher Liebenswürdigkeit lag, hervor. Mit den anderen +lachte er über die Überschwänglichkeiten des Reporters, denn wenn je +in ihm die Stimme des Ehrgeizes geschwiegen hatte, so rat sie es +jetzt. Seine ersten Siege hatten ihn beruhigt. Wenn es so leicht war, +zu siegen--nun, dann wollte er noch oft siegen. Aber wozu darüber +nachdenken?--Das würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. Für +ihn war die Hauptsache, daß er seinem Klub Ehre und Freude machte. +Hier hatte er die Heimat seiner knabenhaften Wünsche gefunden, und +hier wollte er bleiben. Sein Klub würde ihn leiten und ihm sagen, wie +weit er zu gehen, wo er stehen zu bleiben hatte. Er vertraute sich +ihm ganz. + +Er war ganz ruhig, ganz sicher, ganz glücklich. + +Er hatte ein großes Vertrauen in seine Kraft gewonnen. Denn er fühlte +sie wachsen von Tag zu Tag, von Tag zu Tag! + + +9 + +Sie waren eine glückliche Zeit für den jungen Schwimmer--die Jahre +dieses rapiden, sicheren und doch nicht überhasteten Aufstiegs. + +Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu +werden wie dieser nächste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in +dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Fülle anderer +erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast +beängstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz große +Meisterschaft und mit ihr die große goldene Medaille erfocht: die +Jahresmeisterschaft von Deutschland über die große Strecke von +tausend Metern--den schönsten und reinsten aller seiner bisherigen +Siege. + +Der Wunsch, sich an diesem höchsten Wettkampf zu beteiligen, um den +alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr für Jahr mit ihrem besten +Können rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich +hervortraute. Die kurze Strecke, über die er sich Meister fühlte, +reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, daß er sich mehr und mehr auf +die langen Strecken legte und im Frühjahr dieses Jahres wochenlang +überhaupt nur noch über tausend Meter trainierte, bis er auch hier +Zeiten erreichte, die sich kühnlich neben anderen sehen lassen +konnten. Aus dem unübertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter +Steher geworden. Als daher die Beratungen über die jährliche +Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwände +meist älterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie +wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen +und größeren Siegen auf neuem Gebiet glatt überstimmt. + +Das große Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes" +sollte in diesem Jahre besonders großartig ausgestaltet werden, jede +Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und +sich über zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen +Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grünau gewählt, der allbekannte +Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der großen +Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren +Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte +Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit außergewöhnlicher +Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder, +der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an +dem großen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten +Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkämpfen mehrere +verheißungsvolle Kräfte gemeldet, so daß er schon nach der Zahl +seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!-- + +Der Eröffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begünstigt und +verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen +schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis, +indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt +über die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter +strömendem Regen früh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen +Schlaf zu rüsten. + +Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge, +die in dichten Reihen die Holzbänke an dem sanft aufsteigenden Ufer +zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des +Beginnes besetzt hielt, während von einem wolkenlosen, blauen Himmel +die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wälder und sie, die +Menschen, herniederstrahlte. + +Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war +vertreten. Man sah mehr bunte Mützen und Farben als je zuvor, und aus +der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten öffentlicher +Behörden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in +den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren +Kreisen gewonnen haben mußte. + +Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit +verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermüdung und Langeweile +bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall +begleitet. + +Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmäßige +Gestalt Felders die Flut mit der Regelmäßigkeit und Kraft eines +Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Koloß der +Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Süddeutschland, +endlich in der letzten Länge auch den bisher als unbesieglich +geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich ließ und +vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen +war, da löste sich die aufs höchste gestiegene Spannung in einem +nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schön +erfochten, daß jedes Mäkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so +einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das +Selbstverständlichste der Welt getan), daß man nicht anders konnte, +als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit. + +Felder konnte sich vor den Beglückwünschungen kaum retten. Da es ihm +bei seiner Schwerfälligkeit noch immer lästig war, vor so vielen +fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen +möglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund. + +Seine ganze Familie hatte heute ausnahmsweise "nach Grünau +hinausgemacht", um "einmal zu sehen, auf welche Weise er denn zu all +diesen schönen Geschenken und den Medaillen käme". Franz hatte zuerst +protestiert. Was fiel ihnen plötzlich ein?--Er wollte sie nicht da +haben. Sie sollten ihre eigenen Wege gehen, wie er die seinen ging. +Aber er konnte ihnen schließlich nicht verbieten, unter den +Zuschauern zu sein und zuzusehen. So hatte er ihnen denn möglichst +gute Plätze verschaffe und im benachbarten Restaurant einen großen +Tisch am Wasser belegt. "Einen recht großen, denn es würden noch +mehrere dabei sein", meinte sein Vater. + +Jetzt kam ihm diese ganze Familiengeschichte gerade recht, um sich +auf eine Stunde den anderen zu entziehen. Auch war er ganz zufrieden, +daß die Seinen nun endlich einmal gesehen hatten, was aus ihm +geworden war, wenn sie auch nicht viel davon verstanden. Denn mehr +als je zerfielen für ihn die Menschen in die zwei Klassen: in die, +die schwimmen konnten, und in die, die es nicht konnten... + +Als er--die Brust bedeckt mit seinen Siegeszeichen--an den Tisch +trat, fand er auch bereits seine Familie fast vollzählig vor: die +Geschwister, verheiratete und unverheiratete, waren da, die Kinder +der ersteren und andere Verwandte. Außerdem befreundete Familien, von +denen er nur einzelne Mitglieder kannte--alle bunt durcheinander. + +Man hatte ihm einen Ehrenplatz oben am Tische aufgehoben. Er sah sich +flüchtig um. Zu seiner Linken saß ein junges Mädchen, das ihm fremd +war, zur Rechten seine alte Mutter. Ein paar Plätze von ihm entfernt +machte sich ein beleibter Herr mit einer mächtigen Bowle zu schaffen. +Überall bekannte Gesichter. + +Franz nickte seiner Mutter zu. + +Mit einem schwachen und seltenen Versuch, zu scherzen (sein neuer +Sieg hatte ihm Mut gemacht) meinte er: + +--Na, Mutter, heute ging es ja noch mal gut; aber das nächste Mal +ertrinke ich dann sicher.--Die alte Frau glaubte nämlich noch immer, +ihr Franz müsse eines schönen Tages seinen Tod im Wasser finden. Ins +Wasser gehen bedeutete für sie, sich ganz unnötigerweise einer Gefahr +aussetzen; und wenn sie in letzter Zeit auch begriff, weshalb ihr +Sohn das tat--denn er brachte doch die schönen Preise nach Hause--so +war sie doch immer noch nicht aller Sorge ledig. So antwortete sie +denn nur: + +--Wenn du auch schwimmen kannst, ertrinken kannst du doch!... + +Man lachte sehr über ihre Antwort, und Franz lachte mit, obwohl er +sich ein wenig über das Unverständnis der alten Frau ärgerte. + +Da hörte er sich plötzlich von links her angesprochen: + +--Kennen Sie mich denn wirklich nicht mehr, Herr Felder?-- + +Er sah seine Nachbarin überrascht an. Schon als er sich setzte, war +sie ihm aufgefallen, und er hatte gedacht, wer sie wohl sei. Sie war +noch ganz jung, etwa in seinem Alter, und sehr elegant gekleidet: ein +weißes Sommerkleid mit rotem Besatz, ein großer Strohhut, blonde +Haare und ein Stumpfnäschen, sehr hübsch und schon recht +selbstbewußt--so kam sie ihm vor. Er sah ihr nun gerade ins Gesicht; +dann sagte er aufs Geratewohl: + +--Aber gewiß, Fräulein, voriges Jahr auf dem Bundesfest... + +Er hatte sie nie gesehen. Es kam überhaupt selten vor, daß er mit +Damen sprach. Höchstens auf den Vereinsvergnügungen oder auf den +Schwimmfesten, wo er von den Damen, die den Sieger in der Nähe sehen +wollten, zum Tanze geholt wurde, machte er eine flüchtige +Bekanntschaft. + +Sie lachte laut. + +--Nein, sagte sie, es ist viel länger her... + +--Viel länger her?-- + +Er wußte nicht, was sie meinte. Er wußte es wirklich nicht, soviel er +sie auch ansah. + +Sie lachte noch immer; dann kam sie ihm zu Hilfe. + +--Na, wir haben doch immer zusammen gespielt, als wir noch Kinder +waren. Wissen Sie denn nicht mehr, in der Fruchtstraße, im Hof, da +wohnten wir doch. Vatern gehörte doch dazumalen das Haus... + +Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So +oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie übrigens nicht zusammen +gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber +daß sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er +erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke. + +--Na, Sie hätte ich aber nicht wiedererkannt, Fräulein Heinecke! + +--Ja, glauben Sie, ich Sie?--Aber als wir neulich Ihren Namen im +"Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders +sind, die dazumal in der Fruchtstraße bei uns gewohnt haben; und da +er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Faßbender, was +doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm +gesagt, wenn wir uns überzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach +Grünau zu machen, da würden wir Sie schon in Ihrem Glänze sehen. +"Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch +gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, können Sie aber schwimmen! + +Die letzte Bemerkung machte Franz warm. Überhaupt, er wußte nicht, +was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich +mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu +fragen, auf welche er Antwort zu geben wußte. Und wenn er keine gab, +so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter übel. + +Das Schwimmen war vorüber, und der große Garten füllte sich bis auf +den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. Überall an den +Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine +und ihre zahlreichen Angehörigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen +Seite hatte sich der S.-C. B. 1879--heute der Mittelpunkt aller +anderen--einen langen Tisch reserviert. + +Als Felder, bereits von allen Seiten vermißt, von seinen Leuten +gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hören, wie +schnell die Zeit vergangen war. Er mußte versprechen, nach der +Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und +der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm +mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger +aber war für Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja, +Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie müssen mir noch viel über +Ihre Siege erzählen." + +Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden saß, und zum ersten +Male, solange er denken konnte, hätte er eine andere Gesellschaft als +die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem +Tische hinüber, von wo ein weißes Kleid wie grüßend zu ihm +herüberschimmerte. + +Als jedoch die Preisverteilung in dem großen Saale des Restaurants +stattfand, als er aus den Händen des ersten Verbandsvorsitzenden die +schöne große Medaille von Gold erhielt und ihm das breite, +dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an +sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten--: "Wohl noch nie ist ein +Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was +aber seinen Wert noch erhöht, ist die tadellose Art, in der er +gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den +großen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am +heißesten begehrten, überreiche, kann ich keinem anderen Wunsche +Ausdruck geben als dem: Möchten alle Ihre künftigen Siege, mein +junger Meister von Deutschland, so rein und schön sein wie dieser +heutige..."--als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann +wieder der ungezügelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er +alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport, +und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich +immer würdig zu zeigen der hohen und großen Ehre dieses Tages. + +So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn +ergriffen, daß er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder +wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man +zog ihn an diesen Tisch und an jenen, überall wurden ihm offene Hände +und gefüllte Gläser entgegengestreckt; er mußte antworten, anstoßen +und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte +und an den Tisch zurückkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und +ein junges Mädchen erwarteten, da begannen bereits die ersten +Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich +wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die +Glückwünsche seiner Familie und eine lange, schwülstige Rede des +dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mußte, aber er sprach fast +nur mit ihr. + +Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, daß er nicht eher gekommen war, +aber sie begriff doch, daß er an einem solchen Tage viele +Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte, +wohl seine älteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch +alle anderen besser als sie. Sie erzählte ihm, wie sie im Saale +gewesen sei und ganz dicht bei der Tribüne gestanden habe, so daß sie +jedes Wort gehört habe. Sie bewunderte nach Gebühr seine neue +Medaille und las Wort für Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie +es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten ließ. Dann kam sie auf die +vorhin unterbrochenen Erklärungen seiner anderen Preise zurück, und +von neuem mußte Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden +erklären. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und +Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so daß +sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein +kluges Mädchen. + +Später gingen sie miteinander durch den Garten, und wieder stellte +sie Fragen, die zu beantworten ihm Freude machte. Sie wollte wissen, +wer die an diesem und die an jenem Tische waren, ob es befreundete +oder fernstehende Vereine waren. Sie fragte nach den Namen von +solchen, deren Brust sie, wie die seine, mit Preisen bedeckt sah.-- +Waren es Springer oder Schwimmer, wie er?--Hatte er schon mit ihnen +gekämpft und hatte er sie geschlagen? + +Es machte ihr offenbar Freude, so an seiner Seite durch die Reihen +der Tische zu gehen, zu sehen, wie Felder überall von Grüßen und +Zurufen begleitet wurde, und dabei mit angesehen zu werden. + +In demselben Saale, in dem die Preisverteilung stattgefunden, wurde +jetzt getanzt. Als sie hörte, daß er zwar etwas tanze, sich aber +nichts daraus mache, meinte sie auch, es könne kein besonderes +Vergnügen sein, in dem heißen und überfüllten Räume sich +herumzudrehen, wo es doch draußen jetzt so schön kühl geworden sei. + +Die Bowle war fast geleert, und überall im Garten brannten die +Lichter, als sie von ihrem Rundgang an ihren Tisch zurückkehrten. Man +war natürlich wieder dagewesen und hatte nach Franz gefragt. Die +alten Leute waren müde geworden und wollten nach Hause. Die Kinder +schliefen schon zum Teil, und man brach auf, da man dem kolossalen +Gedränge der letzten Züge und der Gefahr, überhaupt nicht mehr +mitzukommen, entgehen wollte. So brach die ganze Gesellschaft +zusammen auf. Franz wollte sie noch bis zum Bahnhof begleiten, bevor +er sich endlich wieder zu seinen Kameraden gesellte. + +Man ging in einer langen Reihe durch den Kiefernforst zu der etwa +zehn Minuten entfernten Station. + +Es kam wie von selbst, daß der junge Mann und das junge Mädchen die +letzten wurden. + +Als die Lichter der Häuser in Grünau hinter ihnen lagen, umgab sie +die Dunkelheit des Waldes, und sie konnten nur noch die Zurufe der +vor ihnen Gehenden hören, ohne die Gestalten mehr recht zu +unterscheiden. + +Die beiden gingen dicht nebeneinander, so schmal war der Weg. +Unsicher über seine Richtung in dem tiefen Dunkel unter dem dichten +Nadelholz, kam es, daß sie sich berührten, wenn sie ihn mit ihren +Schritten suchten. Sie war Stumm geworden, und er, nicht mehr von ihr +gefragt, wußte nicht, was er sagen sollte. Sie mußten ziemlich weit +zurückgeblieben sein, denn das Sprechen und das Gelächter der Ihren +tönte zu ihnen zurück wie aus weiter Ferne. + +Wieder stießen sie in der Dunkelheit aneinander, und er hörte, wie +sie lachte. Ihr Lachen machte ihm Mut, und er fragte: + +--Soll ich Ihnen nicht meinen Arm geben, Fräulein? Sie werden sonst +noch fallen. + +--Nehmen Sie mich bei der Hand, gab sie zur Antwort, und er fühlte +ihre weichen, warmen Finger in den seinen. Und dann--wie es kam, +wußte er nicht--blieben sie beide stehen. Er legte seinen Arm um ihre +Taille und beugte sich nieder, um sie zu küssen. Er stieß erst gegen +ihren breiten Sommerhut, berührte ihre Wange und küßte sie dann +mitten auf den Mund. Sie hielt ganz still. + +Dann sagte sie nur: + +--Aber nicht doch, Herr Felder...-- + +Aber sie ließ seine Hand nicht los, und nach einigen Schritten +blieben sie wieder stehen. Diesmal brauchte er nicht zu suchen, denn +sie hob das Gesicht zu ihm empor, und er küßte sie wieder und wieder +und wieder, und er täuschte sich nicht, wenn er fühlte, wie ihr Mund +seinen Mund immer von neuem suchte. + +Endlich aber wich sie von ihm zurück. + +--Wir müssen uns eilen, sagte sie hastig und eindringlich, die +anderen müssen schon am Bahnhof sein. + +Sie gingen Hand in Hand so schnell wie möglich, aber keines von ihnen +sprach ein Wort. Sie war es, die vorwärts trieb. Bevor sie in die vor +ihnen heller und heller aufleuchtenden Lichter hinaustraten, suchte +er sie noch einmal an der Hand zurückzuhalten. Aber sie sagte: + +--Nein, nein. Wir müssen uns eilen.--Und sie gingen weiter. + +Sie wurden von der ganzen Gesellschaft gesehen, wie sie aus dem Walde +traten. Sie warteten alle vor dem Bahnhof auf den Abgang des Zuges. +Der alte Heinecke machte ein böses Gesicht und ging auf seine Tochter +zu. Man suchte den Wartesaal auf. Der Zug hatte natürlich Verspätung. + +Dort, in der gräßlichen Enge und Hitze des vollgedrängten Raumes, +suchte sich Felder dem Mädchen vergebens noch einmal zu nähern. Nur, +als endlich alle auf den Bahnsteig strömten, gelang es ihm, ihr noch +einige Worte zu sagen: + +--Sie werde doch ganz sicher in acht Tagen auf das Kochseefest +kommen?--Vater sei sehr böse, flüsterte sie zurück,--aber sie wolle +sehen... Der Ausdruck ihres Gesichtes erschien ihm ganz verändert, +wie sie an ihm vorbeiging. Alle Freundlichkeit schien aus ihm +geschwunden; es war eine ganz andere als die, welche er noch eben in +seinen Armen gehalten. + +Als sie alle in dem bereits überfüllten Zuge untergebracht waren--die +einen hier, die anderen dort, aber alle auseinander gerissen--und er +Eltern und Verwandten Adieu gesagt, suchte er sie noch einmal mit den +Augen. Aber er fand die Abteilung nicht mehr, wo sie eingestiegen +war. + +Eilig ging er den Weg zum Garten zurück. Er fühlte sich so leicht und +glücklich wie nie zuvor in seinem Leben. + +Als er unter seine Freunde trat, wurde er mit Jubel, aber auch mit +unmutigen Bemerkungen über sein Fernbleiben empfangen. + +Ob er wohl lange genug Familie gesimpelt habe?--Und ein anderer rief +über den Tisch hin: + +--Laßt ihn, Franz hat eine Braut...-- + +Felder kümmerte sich um nichts, sondern griff nach einem Glase. Er +war durstig, durstig und glücklich, und er wurde selbst nicht böse, +als ihm ein Dritter in täppischer Vertraulichkeit zuflüsterte: + +--Du, die kleine Heinecke mußt du dir festhalten. Der Alte hat +Moneten wie Heu. Zwei Holzplätze im Norden... + +Ob er sich wohl _darum_ gekümmert hatte!--Er wußte nicht einmal, was +der Alte war. Aber das hatte er sich schon gedacht, daß die +Bemerkungen nun nicht ausbleiben konnten. + +Ein Übermut ergriff ihn, der ihm sonst ganz fremd war. Er hörte +nicht, was die anderen sagten. Er lachte und trank und ließ sie +reden. Ein schönes Mädchen, ein kluges Mädchen, und wie sie küssen +konnte!... + +Es war ein wunderbarer Sommerabend, weich und warm. Die breite +Wasserfläche lag still und schwarz und nur vom anderen Ufer her +blinkten noch einige Lichter. + +Die Bänke und Tische wurden leerer und leerer. Aber noch gegen +Mitternacht, als sich der Schwarm verlaufen hatte, kamen an dem +Tische der 79er einige der angesehensten Sportkameraden zusammen, um +unter sich bei einem letzten Glase nochmals den Sieg des heutigen +Tages zu feiern, und unter allen Ehrungen dieses und aller +vorhergehenden Feste war keine schöner und wertvoller für den jungen +Sieger als die einfache und neidlose Bewunderung, die ihm die Besten +ihrer Kunst in dieser späten Stunde darbrachten, indem sie sich zu +ihm gesellten. Wieder wurde er ganz der Schwimmer, der er mit Leib +und Seele war, und wieder fühlte er sich hier, nur hier unter den +Seinen, zu Hause wie sonst nirgends auf der Welt. + +Erst als sie lange nach Mitternacht Brünings Motorboot bestiegen und +das sicher gelenkte, elegante Fahrzeug lautlos an den flachen Ufern +vorüberglitt, während sich die Müdigkeit über die in den Ecken +Hockenden und Liegenden breitete, kehrten seine Gedanken noch einmal +zu dem jungen Mädchen zurück, das er heute in seinen Armen gehalten +und das seine Küsse so willfährig und so innig erwidert hatte, und er +konnte in dieser stillen Stunde dem sehnsüchtigen Wunsche nicht +wehren, nur noch einmal wieder diese Lippen mit den seinen zu +berühren, diese weichen Lippen, die so verständnisvoll zu fragen, so +freundlich zu lächeln und so heiß zu küssen verstanden. + + +10 + +Acht Tage später schwamm er auf dem Feste des "Deutschen +Wettschwimmkartells". + + Zum ersten Male, solange Felder sich an den Kämpfen beteiligte, +waren seine Gedanken nicht ganz und ungeteilt bei seiner Aufgabe, +obwohl es durchaus kein sicheres Schwimmen für ihn war. Es galt einen +vielbegehrten Wanderpreis, der erst nach dreijährigem, Jahr auf Jahr +errungenem Siege in den Besitz des Klubs überging, den Preis der +Stadt Charlottenburg, zum zweiten Male zu gewinnen, und Felder wußte +ganz gut, daß sein großer Sieg des letzten Sonntags die Gegner nur +noch hitziger gemacht hatte. War doch der Sieger des vorletzten +Jahres, Biedermann vom "Ersten Charlottenburger Schwimmklub", unter +seinen Gegnern und brannte darauf, ihm heute den bereits einmal +erstrittenen, dann wieder verlorenen Preis seiner eigenen Stadt +streitig zu machen. Er wußte also gut, daß er sich zusammenzunehmen +hatte. + +Aber er konnte nicht so ruhig sein wie sonst. Immer wieder überflog +sein Auge die Menschenmengen, die an dem abgegrenzten Ufer des +Wassers langsam die Zuschauerreihen der Bänke zu füllen begannen, +ohne unter ihnen das weiße Kleid mit dem roten Besatz und den großen +Hut erkennen zu können. Selbst als sein Schwimmen begann, und er an +den Start ging, suchte noch sein Blick in dem dichten Gewühl eine +Gestalt zu unterscheiden, ohne daß es ihm gelang. War sie gekommen, +wie sie versprochen? Oder nicht? + +Er dachte immer wieder daran, als er im Wasser lag und die ersten +Längen schwamm. Und so kam es, daß er in der Mitte der vierten +plötzlich dicht vor sich den Charlottenburger und neben sich einen +zweiten Gegner sah, von dem er nicht einmal wußte, wer es war, so +wenig hatte er die Konkurrenzen im Gedächtnis. Ein gewaltiger +Schrecken durchfuhr ihn. Mit mächtigem Schlage ausholend, ließ er den +neben ihm Liegenden hinter sich, erreichte Biedermann, schlug kurz +vor ihm an und glaubte gesiegt zu haben. Aber während er sich ruhig +an dem Balken hielt und den Abstieg suchte, sah er zu seinem +grenzenlosen Erstaunen alle beide, erst den einen, dann auch den +anderen, die neue Länge beginnen--und als es ihm plötzlich klar +wurde, daß er sich um eine ganze Länge geirrt hatte, waren sie ihm +bereits um ein paar Meter voraus und die übrigen teils schon neben +ihm, teils ebenfalls am Ende dieser Länge. Da aber hatte Felder auch +alles andere vergessen, und sich fest auf die Seite legend und tief +Atem holend, sah und dachte er jetzt nur noch eines: sein Ziel!--Wäre +die Länge 75 statt 100 Meter gewesen, es wäre ihm nie möglich +geworden, die so leichtsinnig und nutzlos verlorene Zeit wieder +einzubringen. So aber--und infolge seines ausgezeichneten, nie +versagenden Trainings--dachte er keinen Augenblick daran, den Sieg +schon verloren zu geben; und während die Richter bereits glaubten, +daß er freiwillig ausgesetzt habe, sahen sie ihn jetzt wieder näher +und näher kommen, dann an der Seite des zweiten, gleich darauf an der +des ersten Gegners liegen und endlich in einer fast unglaublichen +Anstrengung dicht vor diesem anschlagen... + +Von tosendem Beifall umhallt, von erregten Fragen über das Geschehene +bestürmt, wurde Felder erst jetzt sein unbegreiflicher Irrtum recht +klar. Der Schrecken lag ihm noch in den Gliedern und er hatte sich +vollständig ausgegeben. Er winkte den Freunden ab, die sich um ihn +bemühten, und mußte sich im Ankleideraum sofort setzen, so erschöpft +war er. Als er wieder ruhiger atmete, schämte er sich. Das konnte +ihm, ihm passieren, sich in den Längen zu irren!--Und das alles, +dieses leichtsinnige Aufsspielsetzen eines wenn heute verlorenen, +erst in Jahren wieder einbringbaren Sieges, dies alles nur darum, +weil er nicht aufgepaßt hatte!--weil er an ein kleines Mädchen +dachte, statt an seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Er hätte +sich selbst ohrfeigen mögen, so wütend war er. + +Er wurde nicht ruhiger, als er Nagel vor sich sah, der ihn heftig +anfuhr: + +--Du fängst ja schon an, es dir bequem zu machen. Du paßt wohl +schon nicht mehr auf?--Na, weißt du, so leicht ist die Sache +denn doch nicht, und solche Scherze solltest du einstweilen noch +unterlassen!... Sonst könnten sie doch böse Folgen für uns haben! +Geschwommen hast du natürlich zuletzt wie ein Schwein!-- + +Felder sagte kein Wort. Er saß da wie ein Schüler, der von seinem +Lehrer bestraft wird. + +Er wurde erst ruhiger, als er sich nach dem Ankleiden--er trug heute +einzig und allein die große goldene Medaille seiner Deutschland- +Meisterschaft auf der Brust--unter seine Freunde mischte und die +Erregung wahrnahm, die nach seinem unglaublichen Endspurt unter ihnen +immer noch nachzitterte. Keiner habe auch nur einen Pfennig mehr um +seinen Sieg gegeben, versicherte man ihm, als man ihn in der letzten +Länge so weit hinter Biedermann liegen sah. Ob er mit Absicht +zurückgeblieben sei, um zu zeigen, was er könne?--Ob ein Krampf ihn +befallen habe!--Ob er sich in den Längen verzählt habe?--so +bestürmten ihn die Frager von allen Seiten, bis Felder von neuem +ärgerlich wurde und sie stehen ließ. + +Er nahm Koepke auf die Seite. Er möge doch einmal nachsehen, ob der +alte Heinecke mit seiner Tochter nicht da sei, ja?--Und er möge ihm +Bescheid in den Garten bringen. Koepke rannte fort wie ein getreuer +Hund, aber die Antwort, die er nach einer halben Stunde brachte, war +nicht geeignet, Felders Laune aufzubessern. Er habe alle Reihen +durchgesehen, meldete Koepke, aber er habe von den Gesuchten nichts +finden können. + +Jetzt war es klar, daß sie nicht gekommen war. Natürlich war der Alte +schuld daran, der sie nicht gelassen hatte. Wie sollte er es jetzt +anfangen, sie so bald wiederzusehen?-- + +Mißmutig saß er vor seinem Biere in einer Ecke des Gartens und ließ +seine Freunde schwatzen, soviel sie wollten, ohne ihnen zuzuhören. +Mißmutig und noch schweigsamer als sonst blieb er auch den Rest des +Nachmittags. Er wartete nur noch die offizielle Bekanntgabe der +Resultate ab, dann schloß er sich einem Klubfreund an, der früh nach +Hause wollte, da er morgen früh an die Arbeit mußte. + +Das einzige, was ihn einigermaßen über seine eigene Dummheit +tröstete, waren ein paar Worte, die Brüning ihm zugerufen, als er im +Garten an ihm vorbeigegangen war: "Menschenskind, du kannst ja viel +mehr, als wir alle wissen und du selber ahnst. Wer das fertig bringt, +was du eben getan hast, der kann sich schon einen Scherz erlauben." +Und er hatte ihm zugenickt und war mit seiner Mätresse fortgefahren. +--Ja, Brüning hatte recht: er konnte weit mehr, als alle und er +selbst es wußten. + +Zu Hause warf sich Felder aufs Bett und verschlief die Erinnerung +dieses Unglückstages, wie er ihn nannte, in zehnstündigem Schlaf. + +Die ganze nächste Woche nagte es an ihm, daß sie nicht gekommen war. +Im Grunde war es weniger die Sehnsucht, sie wiederzusehen, als eine +gewisse Unruhe, diesem ihm so unbekannten Gefühl ein Ende zu machen, +das ihn für einen Abend, statt zum Schwimmen, in der Nähe ihrer +Wohnung auf und ab gehen ließ, in der Hoffnung, sie ausgehen oder +heimkehren zu sehen und zu sprechen. Nachdem er fast eine Stunde +vergeblich herumgelaufen war, sah er nicht sie, sondern eine ihrer +Freundinnen, die er ebenfalls vom vorigen Sonntag her kannte, aus dem +Hause treten, glücklicherweise allein. Er ließ sie bis zur nächsten +Straßenecke vorausgehen und redete sie dann an. Die kleine Dicke +stieß erst einen erstaunten Schrei aus, als sie Felder erblickte, war +es dann aber gleich selbst, die seinen Fragen zuvorkam. + +O, Lieschen hatte sie ja in alles eingeweiht--wie gut es war, daß sie +ihn sah, denn sie habe ja Nachrichten für ihn!--Er habe sie wohl +zufällig gesehen?--Habe er auf Elise hier gewartet?--Nein?--Also: ob +er denn noch gar nicht wisse, daß sie fort sei?--Nein?--Ach, es war +ja eine ganze Geschichte. Der alte Heinecke sei wütend gewesen am +Sonntag vor acht Tagen, darüber, daß sie den ganzen Nachmittag +zusammengesessen hätten, und dann, daß sie im Dunklen im Wald +zurückgeblieben seien. Schon auf der Rückfahrt habe er angefangen-- +wenn sie schon daran dachte, würde ihr noch ganz schlecht, so +geschimpft habe der Alte. An einem der nächsten Tage sei sie denn +auch gleich hingegangen, um von Elise zu erfahren, was denn +eigentlich vorgegangen sei. Aber die Freundin habe nur geweint--o so +geweint!--und immer nur gesagt, sie möchte doch so gern am Sonntag +kommen, um ihn noch einmal zu sehen. Als sie aber endlich Mut gefaßt +und ihrem Vater das gesagt habe, da sei die Geschichte von neuem +losgegangen, und um ihr ein Ende zu machen, sei sie noch in derselben +Woche nach Posen geschickt, zu einer Tante, um dort ein Jahr zu +bleiben und die Haushaltung zu erlernen. Sie habe Elise noch vor +ihrer Abreise gesehen, und diese habe ihr ausdrücklich aufgetragen, +doch Herrn Felder noch recht schön zu grüßen und ihm zu sagen, daß er +doch nicht böse sein solle, wenn sie am Sonntag nicht kommen könne, +denn es sei doch nicht möglich, daß daraus etwas würde, und so sei es +denn schon das beste, wenn sie sich fügten und einander vergäßen... + +So schwatzte die Dicke darauf los, selig, ihre Wissenschaft +loszuwerden und einen so guten Zuhörer zu haben. Denn Felder ging +neben ihr her, durch die Menschenströme, und erwiderte keine Silbe. + +Heute abend sei sie nun oben gewesen--so ging es weiter--um zu sehen, +ob noch kein Brief von Elise da sei. Ja, sie habe schon geschrieben: +es gefalle ihr ganz gut in der Stadt, in der sie jetzt sei, und in +vierzehn Tagen sei ein Ball im Kasino, wo auch Offiziere hinkämen, +und sie habe die Tante gebeten, hingehen zu dürfen, und die Tante +habe es ihr erlaubt... Der Alte sei auch schon ganz beruhigt, und er +habe heute abend sogar gelacht, als er davon sprach daß seine kluge +Elise schon nicht so töricht sei, zu denken, daß "daraus" etwas +Ernsthaftes werden könne denn wenn er--Felder--auch ein vorzüglicher +Schwimmer sei, so seien das doch nur brotlose Künste, und er könne +doch sein einziges Kind nicht einem jungen Menschen versprechen, der +eben erst aus der Lehre sei und keinerlei sichere Zukunft vor sich +habe... + +Weiter kam sie nicht. Denn Felder blieb plötzlich stehen und fragte: + +--Hat sie Ihnen keinen Brief für mich gegeben? + +Nein, keinen Brief. Aber sie habe ihm doch gesagt, daß Elise ihn +recht schön grüßen lasse und es so bedauere... + +Dann stand sie wieder allein auf der Straße unter den vorbeieilenden +Menschen. Ihr Begleiter hatte ganz unverhofft seinen Hut gezogen, +ganz kurz guten Abend gewünscht und war verschwunden. Nicht einmal +bis nach Hause brachte er sie! + +Felder dachte nicht einmal daran. Was ging ihn die dumme Gans an!--Er +dachte an das Mädchen, das mit ihm erst gespielt und ihn dann so +leichten Herzens--mit einem flüchtigen Grüß--aufgegeben. Aber es war +viel mehr das Gefühl einer erlittenen Beleidigung als das des +Schmerzes, unter dem er in dieser Stunde litt. Daß man ihn, den +Meisterschwimmer von Deutschland, so behandeln konnte, das war es, +was ihn wurmte und einen bitteren Groll in ihm entfachte. Und mehr +als alles hatte ihn das Wort des reichgewordenen Holzhändlers von der +brotlosen Kunst getroffen. Er biß die Lippen aufeinander vor Wut, +wenn er daran dachte, während er die Straße hinunterlief und sich +rücksichtslos durch die Reihen der Fußgänger stieß. Als ob er je +daran gedacht hätte, dieses Mädchen zu heiraten!--Er hatte überhaupt +an nichts gedacht, dieser alte Geldprotz konnte ganz ruhig sein. Das +Mädchen hatte ihm gefallen, am meisten die unverhohlene Bewunderung, +die er in ihren Augen gelesen, und bei deren Blick ihm so warm +geworden war. + +Aber ihm geschah ja ganz recht. Warum hatte er seine Leute verlassen +und war an den Tisch gegangen. Was gingen ihn die Frauenzimmer an? Er +hatte sich bis jetzt nicht um sie gekümmert und sie nicht entbehrt, +so würde er wohl auch noch dieses dumme Ding vergessen, um +dessentwillen er heute abend sein Schwimmen versäumte und fast einen +Sieg verloren hätte... + +Er sah nach der Uhr. Aber es war schon zu spät. Und mit einer +Bewegung des Ärgers schüttelte er diese ganze dumme Geschichte, die +ihm schon viel zuviel Kopfzerbrechen gemacht hatte, von sich ab und +schlug den Weg nach seinem Klublokal ein, wo er noch den einen oder +anderen seiner Kameraden beim Biere zu finden hoffte... + +Von diesem Abend an dachte er nur noch zuweilen an das Mädchen, aber +immer wallte von neuem das Gefühl verletzten Stolzes in ihm auf und +blieb in ihm zurück--wie ein Rest von Bitterkeit allen Frauen +gegenüber. + +Mit verstärkter Genugtuung genoß er die zahlreichen Triumphe dieses +Herbstes, von denen fast jeder Sonntag ihm einen neuen einbrachte: +dieser die Odermeisterschaft und mit ihr die große silberne Medaille; +der nächste zum zweiten Male den großen Staatspreis in Hamburg; und +bereits der übernächste den vielumstrittenen Preis im Brustschwimmen, +den die vereinigten westdeutschen Schwimmklubs gaben--einen silbernen +Pokal für seinen Klub, so groß und wertvoll, wie dieser wenige besaß. + +Bevor der Winter begann, nahm er sich dann in der Fabrik, in der er +noch ein Jahr nach seiner Lehrzeit bleiben wollte, seinen ersten +achttägigen Urlaub und machte das große Wettschwimmen des "I. +österreichischen Amateur-Schwimmklub Wien" mit, auf dem er am ersten +Tage Anton Riegler, den Meister Österreichs über die kurze Strecke, +zum ersten Male schlagen durfte; und am zweiten den großen Derbypreis +über die lange gegen die Teilnehmer dreier Staaten: Italien, +Osterreich und Deutschland, unter ungeheurer Erwartung aller +beteiligten Kreise, ersiegte. + +So griff der junge Meister von Deutschland mit diesen Siegen rasch +und beherzt nach den Lorbeeren des Auslandes, nachdem er die seines +eigenen, weiten Vaterlandes bereits sein eigen nannte. + +Die Fahrt nach Wien, seine erste Auslandreise, war zugleich +eigentlich die erste, an der er wirklich Vergnügen empfand. Er machte +sie mit Brüning und zwei anderen Mitgliedern seines Klubs, alten +Freunden und lustigen Brüdern, war Gast in der herrlichen Villa eines +reichen österreichischen Sportfreundes, der sich die Ehre nicht +nehmen lassen wollte, den deutschen Meisterschaftsschwimmer bei sich +zu beherbergen, ließ sich den ganzen Tag und die halbe Nacht durch +alle Vergnügungen der schönen "Kaiserstadt an der Donau" schleppen +und es sich wohl sein unter den leichtlebigen Menschen mit dem +sorgenlosen Wesen und der gemütlichen Sprache. Noch nirgends hatte er +sich so wohl gefühlt wie hier, und als endlich die acht Tage mit +ihren Ausflügen, ihren fröhlichen Mahlzeiten, bei denen es an feschen +Mädchen nie fehlte, ihren Fiakerfahrten, den Ronacherabenden und den +durchjubelten Nächten zu Ende waren, da war er wie betäubt. Neben dem +großen Preise für seinen Klub, dem Ehrenschilde, und den eigenen +Ehren brachte er unvergeßliche Erinnerungen nach Hause, und unter +ihnen war nicht die letzte die an die Liebe, die er ebenfalls in Wien +erst kennen lernen sollte: die reue- und schmerzlose Liebe flüchtiger +Stunden, lachend geboten und ohne Besinnen genossen, erfrischend wie +ein Trank und süß wie eine vollsaftige Frucht. + +Berlin kam ihm nüchtern vor, und er brauchte einige Zeit, um sich +wieder an seine eintönige Tagesarbeit zu gewöhnen, nach diesen Tagen, +in denen er geehrt worden war wie ein König und gelebt hatte wie ein +Millionär!... + +Der Winter verging stiller. Beim Hauptschwimmen Berlins mußte er +aussetzen. Er war völlig übertrainiert.--Was schadete es? wenn er +sich auch ärgerte. In seiner Brust regten sich neue Wünsche des +Ehrgeizes, und heimliche Träume erzählten ihm von Siegen, die noch +_nicht_ die seinen geworden waren. + + +11 + +Wieder ging ein Winter und wieder kam ein Sommer. + +Und wie alles in diesen letzten Jahren im Leben Franz Felders nur ein +rastloses Eilen von Erfolg zu Erfolg gewesen war, so kamen mit dem +nächsten Sommer jene Triumphe, die ihn auf eine Höhe führten, über +die hinaus kein Weg mehr ging: neben einer Reihe anderer erster Siege +fiel ihm die der Europameisterschaft zu und mehr als das--er +behauptete diese Meisterschaft auf jener glorreichen Reise nach +England, wo er sie in einem in der Geschichte des Schwimmens einzig +dastehenden Rennen gegen die englischen und australischen Meister +verfocht, die größten und berühmtesten Schwimmer der Welt. + +Die Europameisterschaft über die lange Strecke von +eintausendfünfhundert Metern erschwamm er in Grünau auf einem Feste, +das der große deutsche Verband, zu dem jetzt fast alle Schwimmvereine +des Deutschen Reiches gehörten, in Verbindung mit den größten +außerdeutschen Vereinen und Verbänden abhielt, zu dem Schwimmer fast +aller Länder des Kontinents erschienen, und das sich zu einem +Wettschwimmen gestaltete, wie es in diesem Umfang und dieser +Bedeutung in Deutschland überhaupt noch nicht stattgefunden hatte. Es +war nicht nur für Berlin, sondern auch für die gesamte Schwimmerwelt +Deutschlands das große Ereignis des Sommers, hinter dem alle anderen +Veranstaltungen weit zurücktraten. Noch nie hatte man einem Meeting +mit solcher Erwartung entgegengesehen, noch nie hatte die Spannung +eine solch fieberhafte Höhe erreicht... + +Einmütigkeit herrschte unter allen Berliner Vereinen, selbst unter +denen, die sonst nie müde werden konnten, sich zu bekämpfen: galt es +doch, Berlin würdig nach außenhin zu vertreten, dem alten Ruhme, seit +Jahren die eigentliche Heimat der Schwimmerei zu sein, keine Schande +zu machen. Daher wurden weder Mühe noch Kosten gescheut, und viele +Wochen vorher begannen die Delegiertenversammlungen, um das lange +Programm der Tage zu durchdenken, und bis in seine letzten +Einzelheiten festzusetzen. + +Nie war aber auch die Beteiligung an den Meldungen eine so rege und +so aufregende gewesen. Mit Ausnahme Englands waren solche aus fast +allen Ländern des Kontinents, von Italien bis Schweden, von Holland +bis Osterreich eingelaufen, und fast kein in den letzten Jahren +genannter Name blieb unvertreten: neben den berühmtesten Schwimmern +die ersten Springer, die gekröntesten Mehrkampfmeister Europas. + +Natürlich waren im Schwimmen alle größten Hoffnungen auf den Meister +von Deutschland gesetzt. In seinen Händen lag vor allem der Ruhm +Berlins, die Ehre Deutschlands. Wenn er unterlag, so unterlag Berlin; +wenn er nicht siegte, so blieb die Meisterschaft von Deutschland in +den Händen des Auslandes. + +Und Felder wußte es wohl!--Es gab keinen, der so überzeugt wie er +selbst von der Wichtigkeit dieses Sieges gewesen wäre. Er fühlte, daß +diesmal andere Dinge auf dem Spiele standen als sein eigener Ruhm und +der seines Klubs, um die er bis jetzt gekämpft. Die Stadt, in der er +geboren war, und sein ganzes Vaterland, das weite deutsche Reich, +sahen auf ihn an diesem Tage. Er konnte ihnen keine Schande machen-- +es _durfte_ nicht sein!-- + +Er trainierte mit beispielloser Ausdauer und Sorgfalt. Da nun auch +das Jahr, das er nach seiner Lehrzeit noch in der Fabrik blieb, zu +Ende war, wollte er mit dem Eintritt in eine neue Stelle warten, bis +das große Ereignis vorüber war. Bei seiner Sparsamkeit hatte er +vermocht, etwas zurückzulegen. Auch standen ihm genug Börsen +wohlhabender Klubfreunde und Verehrer offen, aber Felder war viel zu +stolz, um auch nur das geringste anzunehmen. Er hätte am liebsten +seine Sportreisen selbst bezahlt, aber das konnte er natürlich nicht. +Außerdem war sein Klub reich genug, um Opfer solcher Art nicht von +seinen Mitgliedern erwarten zu brauchen. + +Da Felder somit völlig Herr seiner Zeit geworden war, hinderte ihn +nichts in seinem Training. Die Erfahrung des letzten Winters hatte +ihn klug gemacht, und er hütete sich wohl, des Guten zuviel zu tun. +Er hielt sich selbst in strengster Selbstkontrolle und gönnte sich +kein Vergnügen, das über die zehnte Abendstunde währte, wo er +todsicher bereits im Bett lag. Einige fanden seinen Ernst oft +lächerlich; er ließ sie lachen. + +Eine Art finsterer Entschlossenheit bemächtigte sich seiner in dieser +letzten Zeit. Er wurde noch wortkarger und verschlossener, als er +sonst schon war. Zugleich schien auch die schöne und sonnige Ruhe, +die nach den Siegen der letzten Jahre über ihn gekommen war und mit +jedem neuen Siege mehr und mehr das Schroffe und abweisend +Insichgekehrte seines Wesens gemildert hatte, von ihm zu weichen. Er +glich jetzt wieder mehr dem armen und unbekannten Knaben von damals, +mit der unjugendlichen Stirn und dem trotzigen Munde, der nichts war +und doch so viel werden wollte, als dem von aller Welt gefeierten +Sieger, der seine kühnsten Träume zur Wirklichkeit geworden sah und +sich in ihrer Erfüllung sonnte. + +Und es war ihm in der Tat so, als habe er noch nichts erreicht, als +sei erst dieser Sieg über Europa allein alles Strebens wert, erst die +eigentliche Krönung eines Gebäudes, zu dem alle anderen Erfolge nur +als Stufen führten. Wenn er hier unterlag, er, auf dem die ungeheure +Verantwortlichkeit der Repräsentation eines ganzen, großen Volkes +lag, so war alles andere umsonst gewesen, so--in seinen bereits +überhitzten Gedanken redete er es sich ein--so war nicht nur Berlin, +sondern das ganze deutsche Reich dem Spott des mit dem Preise +davonziehenden Auslandes preisgegeben. + +Denn daß es auch einem anderen deutschen Schwimmer glücken könne, den +Preis über "die Fremden" davonzutragen, daran dachte er nicht einmal +--so sehr betrachtete er schon sich selbst als den unbesiegbaren +Meister seines Vaterlandes. Aber er hatte Furcht vor diesen +Ausländern, vor diesen Gegnern, die er nicht kannte, von denen er +sich mit den wenigsten gemessen, über deren Kräfte er nichts +Bestimmtes wußte. Und ein Gefühl der Unruhe und der Angst, hier, auf +seinem eigenen Boden, den er sich gewissermaßen Meter für Meter in +diesen Jahren erkämpft hatte, geschlagen zu werden, ließ nicht von +ihm und verscheuchte jede unbefangene Freude... Es war kein Genuß +mehr, mit ihm zu verkehren und ihn üben zu sehen, und sein +feierlicher Ernst, mit dem er kam und ging, steckte die andern an. Es +war wie in den Tagen vor einer Schlacht... + +Er siegte. + +In den letzten Tagen wich alle Unruhe wieder von ihm. Eine große +Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen, als müsse er siegen um +jeden Preis. Er wies alles von sich ab, er wollte nichts mehr hören +und sehen von dem, was alle um ihn herum beschäftigte. Was gingen ihn +alle diese fremden Namen und Menschen an--ob er sie kannte oder +nicht, er schwamm darum nicht besser. Er wußte nur eines: daß er +siegen mußte! + +Und gleich als wenn die Kraft seiner Muskeln seinem Willen gehorchen +müsse, so geschah, was er wollte. + +Er siegte. + +Er schlug den berühmten Holländer, den gefürchteten Österreicher, er +schlug den riesigen Norweger, einen Hünen an Gestalt und Kraft, er +schlug die Besten seines eigenen Vaterlandes zum zweiten und dritten +Male, und er siegte über seine eigene Zeit vom Vorjahre mit mehr als +drei Minuten. + +Ein unbeschreiblicher Tumult entstand, als er anschlug. Die Zuschauer +rasten. + +Seine Freunde erdrückten ihn fast. Völlig Fremde umarmten ihn. Man +trug ihn mehr, als er ging, durch die Reihen von Menschen, die ihre +Plätze verlassen hatten. + +Deutschland hatte gesiegt. Und in Deutschland Berlin!--Und diese +kühlen Berliner, so gern stets zu verkleinernder Kritik geneigt und +so abhold jeder Gefühlsüberschwänglichkeit, waren kaum wieder zu +erkennen in dem Jubel und der Freude über den Sieg ihrer Stadt. + +Unglaublich, dieser Felder!--hörte man allenthalben, was der will, +das kann er auch. + +Und die Begeisterung wollte sich nicht legen... + +Am ruhigsten waren noch Felder selbst und--Nagel. Der sagte schon +lange nichts mehr, und nur ein Händedruck zeigte, daß er mitfühlte in +diesem Moment. Bei sich dachte er: Jetzt, jetzt wird es sich zeigen-- +daran, wie er diesen Sieg erträgt.--Brüning rannte umher wie besessen +und schrie nach Sekt, und Koepke war völlig unzurechnungsfähig. Er +sprach nur noch in Hyperbeln. + +An Felders Ruhe, die zudem viel mehr eine äußerliche als eine +innerliche war, hatte übrigens eine gewisse seelische wie körperliche +Abspannung ihren Hauptgrund. Jetzt, als alles vorüber war, merkte er +erst, wie er sich in den letzten Wochen innerlich verzehrt hatte--in +dem einen Wunsche. + +In demselben Garten, in dem im vorigen Jahre seine +Meisterschaftserklärung für Deutschland erfolgt war, wurde ihm nun +die höchste aller Ehrungen zuteil, und unter dem achtungsvollen +Schweigen vieler Hunderte nahm er den Weltmeisterpreis entgegen...! + +Die ganze warme Sommernacht hindurch dauerte wieder das Feiern um ihn +herum. Er lebte ganz in diesen Stunden. Er dachte nicht zurück. Er +dachte auch nicht in die Zukunft. Die Stimmen in ihm schwiegen. Zum +erstenmal vielleicht in seinem Leben schwiegen sie ganz. Er hatte +erreicht, nicht was er gewollt: nein, viel mehr als das. Sie mußten +heute schweigen, diese Stimmen, denn sie wurden übertönt von dem +einmütigen Jubel um ihn her. Die stillen Sterne leuchteten hernieder; +der Atem der weichen Nacht spielte um die erhitzten Köpfe, und vom +Wasser her kam die frische Kühle, die alle diese Menschen nicht müde +werden ließ, zu sprechen, zu trinken, sich zu berauschen am Leben, an +Freude und an der eigenen Kraft. + +Und Felder trank--trank--trank--alles, was man ihm bot: Sekt, Bier +und Wein, aber am süßesten schmeckte ihm der berauschende Trank des +Erfolges. + +Alles andere hatte er vergessen. + +Selbst als er inmitten seiner wildesten Bewunderer wie berauscht +endlich zum Bahnhof ging, zog auch nicht ein Erinnern in seine müden +und wirren Gedanken, das ihm ein weißes Kleid, einen jungen Leib oder +einen warmen Mund wachgerufen hätte. + +Müde saß er in einer Coupéecke und während die anderen um ihn herum +sich noch immer über den heutigen Tag ereiferten, schlief er ein; und +den Sieger über seinen Siegen vergessend, dachten sie erst wieder an +ihn und weckten ihn erst, als der Zug in die von der Morgendämmerung +erhellte Halle des Görlizer Bahnhofs einfuhr... + +Die ersten Tageszeitungen waren bereits erschienen. Man griff nach +den noch feuchten Blättern und las die kurzen Zeilen, die den Namen +Franz Felders, den Triumph Berlins, den Sieg Deutschlands--in dieser +Stunde der Welt verkündeten. Er selbst, der Sieger, war unfähig, sie +zu lesen. Die Buchstaben flimmerten und ranzten vor seinen Augen. + + +12 + +Der Glanz dieses Tages konnte selbst durch die Reise, die Felder +wenige Wochen später nach England unternahm, um dort in dem gelobten +Lande des Sports seine Meisterschaft Europas gegen ihre ersten +bisherigen Meister zu behaupten, kaum erhöht werden. + +Die Reise war nie geplant. Es war an sie nie gedacht. Sie war einfach +eine natürliche Folge dieses letzten Sieges. + +Während die Sportzeitungen des Kontinents einig waren in der +Anerkennung dieses Sieges, verhielten sich die englischen, an Zahl +und Bedeutung gleich und im Ton immer überlegen, dem Siege gegenüber +skeptisch und erhoben den Einwand, daß England sich nicht beteiligt +habe, daß aber England in Sportsachen (wie auch in anderen Dingen) +Europa sei, und daß Felder sich erst einmal mit englischen Schwimmern +gemessen haben müßte, ehe ihm wirklich der nur künstlich gemachte +Titel des Europameisters gebühre. Natürlich verwahrte man sich gegen +diese Beschuldigung und erklärte sie für lächerlich. Man hatte die +ersten Schwimmer Europas eingeladen, auch die Engländer. Sie waren +nicht gekommen, weil sie eben nie kamen. Und weil sie hochmütige +Narren waren, die sich einbildeten, man müsse zu ihnen kommen. + +Daher waren auch erst wieder manche Stimmen gegen die Reise Felders +nach England. Ein Entgegenkommen dieser Art war ein Zugeständnis, +eine Erniedrigung. + +Aber andere sagten: Man muß es ihnen zeigen!--Jetzt ist die +Gelegenheit da, ihre angemaßte und nur eingebildete Überlegenheit zu +brechen. Wenn wir ihnen jede Entschuldigung nehmen, so werden sie +sich bequemen müssen, von ihrem Piedestal herabzusteigen, auf dem sie +schon viel zu lange gestanden, dann ist Beteiligung an kontinentalen +Festen oder aber endgültiger Verzicht die unausbleibliche Folge. + +Als dann auch der letzte Einwand: der der zu hohen Kosten dadurch +kurz abgeschnitten wurde, daß sich Brüning, der sich jetzt sogar um +seine Pferde nicht mehr kümmerte, erbot, sie sämtlich zu tragen und +Felder nach England zu begleiten, wurde dessen Beteiligung +beschlossen. + +Wenn Felder später an diese Reise nach England zurückdachte, so kam +sie ihm vor wie ein Traum. Ein wirres Durcheinander von Bildern aller +Art zog an seinem Auge vorüber. + +Zunächst weite Landschaften, die im Fluge an dem dahinrasenden Zuge +vorbeizogen. Die dunkle Regennacht auf dem Schiffe: das Meer, das er +zum ersten Male sah--ein Wasser, wie er es nie geahnt, Wogen von +einer Kraft, gegen die das mächtige Schiff rang, wie sein Körper rang +gegen die stille Flut seines heimatlichen Flusses, und an der +menschliche Einzelkraft zerbrechen mußte wie ein Streichholz unter +dem Schlage eines Hammers. Wasser, nur Wasser, dasselbe Wasser, das +er kannte und liebte wie kein anderer--und doch ein ganz anderes +Element. Nicht das, welches ihm vertraut war von Jugend auf, sondern +eine fremde, unheimliche Kraft, mit der zu messen er sich nie getraut +hätte, vor der ihm graute, da er der Schwächere, ein Nichts war vor +ihr ... das war das Meer!... Elend, ganz zermalmt von der +lächerlichen und doch so mächtigen Krankheit der See, atmete er erst +auf, als er wieder Land unter den Füßen fühlte--er, der es sonst nur +widerstrebend betrat, da er sein geliebtes Wasser verlassen mußte-- +und nur mit Schaudern dachte er an das Gebrüll, die Feindseligkeit, +die ganze Furchtbarkeit des fremden Wesens zurück, das ihn behandelt +hatte wie den ersten besten, eine Katze, die ein Tiger geworden war, +ein Freund, plötzlich verwandelt in einen Feind, der die Maske fallen +gelassen und ihn niedergeworfen, um ihn zu ermorden!... + +Dann, noch die Angst um das--gerettete--Leben in den Gliedern, die +Ode und Unermeßlichkeit der in ewigen Dunst gehüllten Stadt, vor +deren Grenzenlosigkeit ihm sein Berlin wie ein Dorf erschien. +Endlich, in schärfstem Kontrast dazu, die Tage der Races an dem +stillen, umbuschten Ufer der Themse, wo der Himmel wieder lachte und +der Frieden wieder in den versteckten weißen Häusern zuwohnen schien, +wo er seinen Mut wiederfand, den Mut, sich daran zu erinnern, weshalb +er hierher gekommen war, und die Kraft, zu siegen, sich wirklich den +ersten Preis zu holen, weil er sich hier endlich wieder daheim +fühlte, daheim im Wasser... + +Und die Bilder nach dem Siege. + +Der Jubel dieser ihm erst so ernst, so steif erschienenen Menschen, +gegen den der Beifall von Grünau wie ein Murmeln war. In seinem +ganzen Leben zusammen hatte er nicht so vielen Menschen die Hand +geschüttelt wie an diesem Tage. Man renkte ihm fast den Arm aus. Und +dann schleppte man ihn zwei Tage lang von einer Festlichkeit zur +andern, durchzog in Reihen von zwanzig Cabs--in denen nur je einer +sitzen durfte--wie in einer Prozession die endlosen Straßen Londons, +behandelte ihn wie einen Fürsten und überschüttete ihn in +beispielloser Generosität und Gastfreundschaft mit Gaben jeder Art. +Am letzten Tage überreichte ihm irgend jemand, dessen Namen er nicht +einmal wußte, ein Ehrengeschenk von 150 Pfund, da man gehört hatte, +daß er völlig auf die Arbeit seiner Hände angewiesen war. Es wurde +mit so viel Achtung und Selbstverständlichkeit angeboten, daß Felder +es unmöglich ausschlagen konnte. Er war ganz gerührt. Er hatte +gedacht, diese Engländer würden es gewaltig übelnehmen, wenn ein +Ausländer daherkam und sie auf ihrem Grund und Boden schlug, und nun +sah und fühlte er überall nichts, als die neidloseste Bewunderung und +eine Verehrung, wie sie ihm in solchen Formen noch ganz unbekannt +war. + +Und doch--war es die fremde Sprache oder was war es?--so gemütlich +wie in Deutschland oder gar in Wien waren diese Tage nicht. Alles +ging in ewiger Hast, von einem zum andern. Nie setzte man sich zu +einem Glas Bier zusammen, um in Ruhe alles zu besprechen. Getrunken +wurde zwar genug--und was nicht alles durcheinander!--aber alles im +Fluge, im Stehen, und von einer Hand ging er in die andere, fast wie +eine Sache, an der jeder ein Anrecht hatte. Jeder wollte ihm die Hand +geschüttelt und mit ihm getrunken haben... Und immer wieder mußte er +trinken und Hände schütteln, bis er am Abend so müde war, daß er die +rechte nicht mehr von der linken zu unterscheiden wußte. + +Nein, so gemütlich wie zu Hause war es nicht, und Felder war fast +froh, als es an die Heimreise ging. Eigentlich hätte er sich nicht +fremd zu fühlen brauchen, denn Brüning und ein anderer Klubgenosse +waren stets mit ihm, und der erstere war der beste Reisemarschall, +den man sich denken konnte: überall zu Hause, in allen sprachen +gerecht, praktisch und erfahren, dabei in unerschöpflich guter Laune +und den schwerfälligen Felder über jede Verlegenheit spielend +hinübertragend. Man kam aus dem Lachen mit ihm gar nicht heraus. + +Aber Felder wurde nie ganz froh. Denn ohne es sich selbst +einzugestehen, fürchtete er sich vor dieser Heimreise. Wieder sollte +er--und diesmal einen ganzen Tag--sich dem furchtbaren Element +anvertrauen, wieder ihm machtlos und jämmerlich gegenüberstehen und +sich in elender Ohnmacht vor diesem Wasser krümmen, das er sonst +siegreich packte, wo immer er es traf... + +Er hätte sich nicht zu fürchten brauchen. Als sie nach einer letzten, +halb durchjubelten und durchtrunkenen Nacht am Morgen von +Queensborough abfuhren, war er so müde, daß die Freunde ihn fast aufs +Schiff trugen, und kaum auf ihm angelangt, schlief er wie ein Toter +bis zu dem Augenblicke, wo sie ihn in Vlissingen wieder aufweckten. + +Das war seine Reise nach England. + +Alles war herrlich, glorreich, einzig gewesen. Aber er war froh, als +er wieder in Berlin war, wieder die heimatlichen Laute um sich herum +vernahm und das Schreckgespenst vergaß, das ihn angegrinst hatte wie +der leibhaftige Tod. + +Denn er hatte es sich jetzt klargemacht: das Meer war das Meer, und +das Wasser war das Wasser. Aber dasselbe waren beide nicht!--Nie +wollte er das Meer wiedersehen. + +Hätte er es gesehen, wie es in stahlblauer Pracht dalag, ruhig, +verschwiegen, lockend, wie ein tiefer See, und nur leise erzitternd +unter den Strahlen der Sonne, wie es liebreich und versöhnt den +Sieger heimtrug auf seinem breiten Rücken, er hätte es wiedererkannt +als sein Element und nicht geruht, bis er sich seiner salzigen Flut +anvertraut und die Wonnen seiner Umarmung genossen. + + +13 + +Das war Franz Felders Reise nach England, von deren Triumph nun die +Zeitungen berichteten: ein wirres Durcheinander von Bildern aller +Art, und leuchtend nur die Erinnerung an seinen Sieg, der ihm erst +durch diese Berichte recht deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde-- +den Sieg über die ersten Gegner der Welt, die von keiner Seite fürs +erste mehr bestrittene Meisterschaft von Europa, die höchsten +erreichbaren Auszeichnungen, und ein Ruhm, der seinen Namen von jenem +Tage an für alle Zeiten unvergeßbar in die Annalen des Schwimmsportes +eingrub. + +Er hatte erreicht, was er gewollt. + +Was er ersehnt, war Erfüllung geworden. + +Er konnte etwas, was kein anderer Mensch außer ihm konnte. + +Er war der Meister des Wassers. + +Er hatte seinem Klub zu seinem alten Ansehen verhelfen. Mehr: er +hatte seinen Namen mit dem eigenen berühmt gemacht weit über die +bisherigen Grenzen. Seine Schuld war beglichen. + +Aus dem armen Knaben war ein junger Mensch geworden, auf den alle mit +Stolz und Bewunderung sahen, der keine Not mehr zu leiden brauchte, +so viele waren der hilfreichen Hände, die sich ihm entgegenstreckten. + +Nein, es war nicht richtig, daß er erreicht, was er gewollt. Nie +hatte er so hoch gewollt. Er war dahin getragen, wohin er sich nie zu +sehnen gewagt. + +Und so hoch war er getragen, daß er sich fragen mußte: wohin nun?--So +viel hatte er erreicht, daß ihm nichts mehr zu wünschen übrig blieb. + +Welcher Weg führte noch über die Höhe hinaus, auf der er stand?--Denn +sich dort zu behaupten erschien ihm selbstverständlich. + +Die Welt nannte seinen Namen. + +Er vergaß nur zweierlei: daß die Welt, die er so nannte, nur ein +unendlich kleiner Teil der wirklichen weiten Welt war--wenn es auch +die Welt war, in der er lebte; und daß selbst dieser kleine Teil von +Menschen, die ihn heute anstaunten und bejubelten, sich seiner +vielleicht morgen noch erinnern, ihn aber ganz sicher übermorgen +vergessen haben würden. + +Aber wie ihm seine Sache von jeher allein nur als die einzig wichtige +erschienen war, so konnte er die Welt nie richtig messen, weil ihm +von jeher jeder andere Maßstab gefehlt hatte. So war er allmählich +dahin gekommen, sie nur unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen, +und jetzt folgerichtig dahin, sich als ihren Mittelpunkt zu +betrachten. + +Das einzige, was er sich noch wirklich klar machte, war, daß er jetzt +die Höhe seiner Kraft erreicht hatte. Über sie hinaus konnte er nun +nicht mehr. + +Übertraf ihn, ja erreichte ihn nur irgendein anderer, so war es aus. + +Es galt daher, sich auf dieser Höhe zu erhalten. Das mußte nun sein +nächstes Ziel sein. Aber es war kein Ziel mehr, das ihn reizte. + +Daher war er jetzt, auf der Höhe, nicht mehr so glücklich, wie er +gewesen war, als er sie erklommen und jede seiner Bewegungen von +tausend Augen verfolgt sah. Aber glücklich war er doch noch. + +Daß einmal ein Tag kommen mußte, mochte er sich auch noch so lange +behaupten, an dem er herabsteigen mußte, um einem anderen Platz zu +machen, das wußte er. Darüber gab es keine Täuschung. Das war so +sicher wie der Tod. + +Aber er dachte nie an diesen Tag. Er wollte es nicht!-- + +Er stand oben und sah hinab auf den Weg, den er gemacht. Und aus der +Tiefe zu ihm heraufklang berauschend Jubel und Neid gleich stark in +seine Ohren.-- + +In dieser Zeit brachte jenes größte und angesehenste Sportblatt der +Welt, das seinen Namen "Welt-Sport" daher nicht mit Unrecht führte, +abermals sein Bild und erzählte seinen Lesern die einfache Geschichte +seines Lebens und die beispiellose Geschichte seiner Erfolge. + +Die Biographie konnte nicht mehr sein als die einfache Wiedergabe +schlichter Tatsachen. Das Bild war die Reproduktion nach einer +vorzüglichen Photographie. Sie zeigte den Meister von Europa im +Brustbild, bekleidet, und neben den allerhöchsten Ehrungen nur die +eine kleine, schlichte--und doch vielleicht die höchste von allen--, +kaum erkennbar neben den schweren Medaillen von Gold und Silber, die +kleine Münze, die er sich als erste Ehre einst, vor langen Jahren, +geholt, indem er das Leben eines Menschen gerettet. + +Das Bild selbst zeigte ein ernstes, schönes und stolzes Gesicht. Es +war nicht mehr das Gesicht des Knaben. Derselbe war nur noch der +seltsame Zug von Entschlossenheit um den Mund, und unverändert war +noch die etwas niedrige, trotzige Stirn. Aber die Weichheit, die +Rundung der Wangen und des Kinns, und vor allem der gutmütige, +vertrauende Blick der blauen Augen waren verschwunden und einem +frühernsten Ausdruck gewichen, so daß das Gesicht an Bedeutung +gewann, was es an Liebenswürdigkeit verloren hatte. Es war das +Gesicht eines Menschen geworden, der ruhig, selbstbewußt und +entschlossen in steter Wachsamkeit um sich und in die Ferne blickt, +damit ihm niemand zu nahe komme; der Ausdruck einer stets bereiten +Abwehr, der in seiner furchtlosen Kühnheit ersetzte, was dem Gesicht +an tieferer geistiger Intelligenz mangelte. In dem Augenblick der +Aufnahme war er so lebendig geworden, daß er es eigentümlich belebte +und interessant machte. + +Es war noch immer ein sympathisches Gesicht, aber das liebenswürdige, +gute Gesicht des Knaben war es nicht mehr. + +Ein anderes Bild aber--aus derselben Zeit--, das den Meisterschwimmer +in voller Figur und im Trikot zeigte und auf dem das Gesicht gegen +den Körper zurücktrat, störte in keiner Linie. Es war das Bild einer +wundervoll sicher und gleichmäßig entwickelten, vom Leben noch völlig +unangetasteten, ganz einzigen Kraft in der Siegessicherheit ihrer +Jugend. + + +14 + +Mit schweren Füßen gehen wir über die schwere Erde. Ewig ist in uns +die Sehnsucht, uns über sie erheben zu können, und noch im Tode +bitten wir, sie möge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie +das Leben. + +Aber wir können nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vögeln nach, +die sich in die Luft erheben, die für uns zu leicht ist. + +Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft. + +Aber wir können schwimmen. + +Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns +hinab, halb trägt es uns hinauf. + +Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns +das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu +sein, wenn es uns trägt. + +Wir haben keine Flügel, aber wir fühlen die Schwere der Erde nicht +mehr. + +Wunderbares Element!--Warum haben wir uns aus dir, das unser aller +Heimat und Wiege war, auf die Erde geflüchtet?--Warum sind wir nicht +in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das +Getöse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten?--Warum keuchen +wir aus schweren Lungen, statt mühelos aus leichten Kiemen zu atmen?-- + +Weil wir Wärme, Licht und Leben brauchten?--Ach, die Wärme der Erde +ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unerträglich +ist uns meisten das Leben. + +Dort unten war Kühle, Dämmerung und Traum. + +Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann +wollten wir höher und höher, von der Erde in den Himmel. Wir können +es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht +hinauf kann und nicht mehr hinab. + +Wunderbares Element!--Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist +du ihnen geworden, daß sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir +anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern +vor der Berührung mit dir. Mit dir!--Mit dir, das du sie trägst und +wiegst und ihnen neues Leben geben möchtest, das du ihnen den Staub +aus den Augen und die Qualen vom Herzen wäschest und sie nur sinken +läßt, wenn sie, dumm und ungebärdig, dich mißhandeln mit plumpen +Gebärden und ungeschickten Fäusten, und, das Unmögliche heischend, in +dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, daß du nicht wie ein +Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie +sich im Zorn empört und die ungebetene Last von sich abschüttelt und +begräbt. + +Aber nicht alle haben dich vergessen. + +In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen +nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so +nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, küssest sie und vergiltst +tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer +sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr +und kehrt nur auf die Erde zurück, weil ihr Staub ihn gebar und ihn +nährt, der kehrt zu dir zurück, wann immer er kann, der ist dein +eigen geworden für Lebenszeit... + +Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen, +dicken Kinderfäuste von der Mutterbrustgelöst, hatte ihn das erste, +selbständige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde, +sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser +hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in +der Kunst des Lebens, ihn verhätschelt, ihn auf alle Weise der +gehaßten Erde zu entreißen versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle +Art genährt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele. + +So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger +geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde, +als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich +eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm +riß, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war +zwischen ihnen die Blutsbrüderschaft entstanden, die sich erst lösen +konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie +wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte +gewissermaßen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen +und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und ließ sie von ihm +heilen, die offenen und die verschwiegenen. + +Nun war das Wasser sein Gegner geworden. + +Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr +des Augenblicks, vergessen im nächsten. Aus der knabenhaften Balgerei +war ein ernsthaftes Messen der Kräfte geworden. Aber es war noch +immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach +ihm die Hand schütteln und voneinander gehen ohne jeden Groll. + +Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen +ihnen. + + + +Dritter Teil + + +1 + +Franz Felder wohnte noch immer bei seinen Eltern. Zwar nicht mehr in +dem dumpfen Keller, in dem er einen Teil seiner Jugend verbracht, +aber doch immer noch in einer Hofwohnung, ohne viel Licht und Wärme. +Er hatte sein eigenes Zimmer. Hier hingen alle seine Trophäen. Die +Ehrenpreise, die in Gegenständen bestanden und nicht in den +Klubbesitz übergegangen waren und dort das Vereinszimmer schmückten, +hatte er zum Teil seiner Mutter überlassen, die mit ihnen die +dürftige Armut der vorderen Wohnstube zu verdecken suchte. Dort stand +das große Bierservice, die Fruchtschale aus Cuivre, der Rauchtisch +und manches mehr--Dinge, die oft mehr dem guten Willen als dem +Geschmack ihrer Stifter Ehre machten. Aber alles, was er sich sonst +errungen in seinen vielen Kämpfen, hing hier in seinem eigenen +kleinen Zimmer in Gestalt dorrender Lorbeerkränze und mehr oder +minder künstlerisch ausgeführter Diplome an den Wänden, und von den +bunten Schleifen leuchteten goldene Inschriften. Bis an die niedrige +Decke hinauf hingen sie, und über dem Bette war fast schon kein Platz +mehr für neue Ankömmlinge. Auch hatte Felder es längst aufgeben +müssen, sich alle seine Urkunden einrahmen zu lassen. + +Auf der Kommode in einem großen Glaskasten--dem Geschenk eines +Klubfreundes, eines Schreiners, zu Weihnachten--lagen auf roter +Sammetunterlage alle seine Medaillen, goldene und silberne, große und +kleine, alle an ihren Schleifen, eine ganze Sammlung von nicht +geringem Wert. Sie war sein höchster Stolz!--Mit welcher Liebe nahm +er nicht zu den Festen Stück für Stück heraus, um es, eins nach dem +andern, auf seiner Brust zu befestigen; mit welcher Sorgfalt legte er +nicht jedes einzelne an seinen rechten Platz zurück!--Bei jedem neuen +Siege verrückte der neue Erwerb den Platz und die Stellung der +anderen, und in immer neuer Gruppierung lagerte sich um die schweren, +goldenen Rundstücke erster Siege die Schar der kleinen Trabanten, +alle gleich gekannt, alle gleich geliebt. Denn an jeden knüpfte sich +eine unvergeßliche Erinnerung. + +So viele waren ihrer geworden, daß sie längst nicht mehr auf der +breiten Brust des Meisterschwimmers Platz fanden. Auf seiner letzten +Photographie trug er daher nur die wichtigsten selbst--die breiten +Bänder um den Hals und die großen goldenen und silbernen Münzen auf +den Rockschlägen; die anderen waren auf einem Schilde reihenweise +geordnet, das auf einer Art Staffelei neben ihm stand, auf die er die +Hand legte. Das ganze Bild des beutebeladenen Siegers erschien +ebenfalls alsbald in einer Sportzeitung und übte stellenweise auf +unwissende Laien eine erheiternde Wirkung aus, die keineswegs +beabsichtigt war. + +Auch dieses Bild prangte in der kleinen Stube, und was außer ihm an +Bildern dort noch zu sehen war, es stellte immer nur ihn dar: Franz +Felder. Da war er als kleiner Junge mit seiner Rettungsmedaille auf +der Brust, dick und ernst; als junges Mitglied des S.-C. B. 1879 mit +der hellen Mütze und dem Zeichen seines ersten Sieges auf der Brust; +ein Jahr später als neugebackener Berliner Meister--noch ohne Band um +den Hals, aber doch schon gekrönt mit einem ersten Preise und mit +jenem seltsamen Zug um den Mund, der auf keinem der späteren Bilder +mehr fehlte. Endlich all diese Bilder der späteren Jahre, aufgenommen +in all den verschiedenen Städten, wo man ihn mit zum Photographen +genommen oder ihn beim Fest selbst noch schnell vor den Kasten +gestellt, ehe er ins Wasser ging, immer um ein paar Zoll größer, +immer etwas selbstbewußter in der Haltung, je mehr die Zahl der +Zeichen auf seiner Brust wuchs--da waren sie alle bis auf dies +letzte, wo die Zahl der Ehren so groß geworden war, daß er ihre Last +nicht mehr selbst tragen konnte... Und da waren die anderen Bilder, +die Gruppenaufnahmen, auf deren keinem er fehlte: erst mehr an der +Seite, fastversteckt unter den anderen, dann immer mehr in die Miete +gerückt, bis seine Person die Mitte selbst bildete--diese Aufnahmen, +ausgeführt zum größten Teile von irgendeinem Amateurphotographen, +mehr oder minder gut gelungen, aber jede einzelne eine liebe +Erinnerung an die fröhlichen Stunden eines Ausfluges, einer +Veranstaltung des Klubs, erfüllt von Gelächter und immer überstrahlt +von der unversiegbaren Fröhlichkeit der Jugend. + +Und endlich die Bilder, die ihn darstellten unter seinen +Mitschwimmern bei den Konkurrenzen, Aufnahmen, wie sie in letzter +Zeit bei den wichtigsten Hauptschwimmen gewöhnlich gemacht wurden, +bevor man an den Start ging. Alle Namen, die überhaupt in der +Schwimmerwelt in den letzten Jahren genannt wurden, waren da +vertreten, alle die mehr oder minder gefährlichen Gegner, alle, mit +denen er, Franz Felder, gerungen, alle, die er besiegt hatte... Er +kannte sie alle und lächelte, wenn sein Blick auf ihren Gesichtern +ruhte. Im Momente der Aufnahme noch ruhig, fast gleichgültig--wie +verändert waren sie alle wenige Minuten später, wo es drauf und dran +ging!--Wie verschieden waren diese nackten, nur mit dem Trikot +bekleideten Gestalten: der eine lang und hoch aufgeschossen wie ein +Turm und sehnig wie ein Pferd; der andere kurz und untersetzt mit +mächtigen Schenkeln und einer phänomenalen Brustweite; der dritte +ebenmäßig und schlank, in nichts fast seine Kraft verratend; und +immer war es Felder, der diesem Dritten glich. Auf allen Bildern +stand seine schöne, schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und ruhig +unter den anderen, und seine ernsten und mutigen Augen verliehen +seinem Gesicht einen Zug von Leidenschaftlichkeit und Intelligenz, +den man vergebens auf denen der anderen suchte... + +Schließlich füllte eine Ecke des Zimmers ein großer Stoß von +Programmen und Zeitungen: die Programme der Wettschwimmen, an denen +er teilgenommen, und die Zeitungen, die über sie berichtet hatten. Es +war schon ein ganzer Haufen, und Felder hatte ihn sorgfältig +gesammelt. Koepke hatte ihm dabei geholfen und sorgte dafür, daß +nichts fehlte. + +So hatte er alles um sich herum in dem kleinen Raum, was seines +Lebens ganzen Inhalt ausmachte, und darum fühlte er sich wohl in ihm. + +Seine Familie bedeutete ihm schon seit langem nur so viel, als sie +ihm diese Heimat erhielt. Ihre Interessen waren nur noch in wenigen +äußerlichen Dingen die seinen. Jeder ging seine eigenen Wege, und man +war es beiderseits zufrieden. Wenn er seiner Mutter zur Ausschmückung +des Vorderzimmers die Wertpreise überließ, so tat er es nicht nur, +weil sie ihn in seinem kleinen Zimmer beengten, sondern +hauptsächlich, weil er auf sie weit weniger Wert legte als auf seine +Diplome und Medaillen. Er wußte nichts mit ihnen anzufangen. + +Ganz Herr seiner selbst, mit eigenem Schlüssel zu eigenem Eingang, +kam und ging er, wie er wollte, und längst war jeder Anspruch seiner +Familie an seine Zeit verstummt. Von den heranwachsenden Geschwistern +zeigte keiner besondere Lust zu seinem Sport; daher interessierten +sie ihn nicht. Sie gehörten für ihn zu dem "anderen Teile" der +Menschheit. + +So war die einzige Veränderung in seinem äußeren Leben eigentlich nur +die, daß er seine Stellung aufgegeben. Als seine Beteiligung an den +ausländischen Konkurrenzen immer wieder die Bitte um Urlaub nötig +machte, wurde der sonst ziemlich geduldige Chef unwirsch, und vor +Felders englischer Reise sagte er ihm, er möge zwar ein großer +Schwimmer sein, aber das könne ihm doch für seinen eigentlichen Beruf +nichts nützen, und er möge lieber seinem Sport etwas weniger Zeit +opfern... Wie der kleine Junge vor Jahren unter den Worten des +Rektors, so bäumte sich jetzt der gefeierte Meisterschwimmer auf; +aber er war zu stolz geworden, um überhaupt ein Wort der Entgegnung +zu verlieren. Er ging. Wenn man nicht wußte, wer er war, so sollte +man es bleiben lassen oder es lernen.--Daß er zeitweilig ohne +Stellung war, kümmerte ihn wenig. Als er dann von England kam, war er +durch die ihm gebotene Ehrensumme jeder augenblicklichen Not +enthoben, und er arbeitete von da an nur, wenn es ihm gefiel... + +Größer war die innerliche Veränderung, die mit ihm vorgegangen war in +diesem Jahre. Als er von England als der unangefochtene Meister +Europas zurückkehrte, fiel sie zum ersten Male seinen Klubbrüdern +auf. Ernst und schweigsam war er eigentlich immer gewesen, aber nie +hatte sich seine große Gutmütigkeit und Freundlichkeit verleugnet. +Jetzt war etwas Strenges und Hartes in sein Wesen gekommen, das ihm +nicht eigen gewesen war. Wie er gegen sich war, so wurde er nun auch +gegen andere. + +Auch seine Unbefangenheit war nicht mehr dieselbe. Er wußte, was er +seiner Würde schuldig war, und war eifersüchtig auf sie. Er +verlangte, daß sie respektiert werden sollte, und hatte angefangen, +darauf zu achten. Leichtigkeit im Umgang hatte er nie besessen, aber +die Schwerfälligkeit seines Wesens war nie so hervorgetreten wie +jetzt, wo er nicht mehr im Hintergrunde stand. Bei den Sitzungen +glaubte er an den Beratungen teilnehmen, in die Verhandlungen +eingreifen zu müssen. Da ihm die Gabe der Rede jedoch völlig abging, +so vermochte er sich nur unbeholfen auszudrücken, und man fand +allgemein mit Recht, daß er besser täte, zu schweigen wie +bisher. Dennoch hatte man so viel Achtung vor ihm und seinem +leidenschaftlichen Ernst, seiner hingebenden Liebe zur Sache, daß +man ihn geduldig anhörte. + +Eine bisher fremde Ungeduld hatte ihn ergriffen; er wollte immer +weiter und weiter, ohne doch recht Zuwissen, wohin noch. Bei den +meisten Mitgliedern des Klubs aber, besonders bei den älteren, machte +sich eine gewisse Ermüdung nach so vielen großen und lauten äußeren +Erfolgen geltend, und sie verlangten mit größerer Entschiedenheit +nach einer einheitlichen Ausbildung des Ganzen, nach einer ruhigeren +Entwickelung als bisher. + +Noch hatte Felder nichts an Freundschaft und Achtung verloren. Im +Gegenteil: seine Siege hatten ihm begeisterte Bewunderer erworben, +die mit ihm durch dick und dünn gingen und bei denen er alles galt. +Aber man fand den Verkehr mit ihm nicht mehr so bequem wie früher. +Man fühlte, hier mit Bedauern, dort mit Unmut, daß er nicht zufrieden +war. + +Und so war es auch: in dieser Zeit, die nach beispiellosen Erfolgen +die glücklichste und schönste seines Lebens hätte sein müssen, war er +nicht glücklich. + + +2 + +Ein Winter der Ruhe sollte diesem aufgeregten Sommer voll höchster +Triumphe folgen. Der Verein hatte nach langen Debatten beschlossen, +Felder nur auf ein einziges Winterfest zu senden, auf dem er den +Wanderpreis der Stadt Charlottenburg zum dritten Male erkämpfen +mußte. Sonst sollte er ruhen, nicht trainieren und, wie Brüning +lächelnd sagte, sich "in seinem eigenen Glänze sonnen". "Im nächsten +Sommer würde es schon genug Arbeit geben, um das Gewonnene mit Ehren +zu behaupten", fügte Nagel in seiner bedächtigen Weise hinzu. Er +hatte sich übrigens verlobt und sein Amt als Schwimmwart nieder +gelegt. + +Auch Brüning war in diesem Winter meist von Berlin fort, und so war +Felder mehr als vorher auf die Gesellschaft seiner anderen Klubbrüder +angewiesen. Obwohl er mit allen mehr öder minder vertraut war, +verband ihn doch mit keinem eigentlich die enge Freundschaft wie mit +jenen beiden, und sein Vertrauen genoß nur noch Koepke. Aber der war +immer da und zählte nur mit, wenn Felder ihn gerade brauchte. + +Eine der stürmischen Klubsitzungen war vorüber. Es hatte irgendeine +Streitigkeit mit einem anderen Vereine gegeben, bei der die +Mitglieder verschieden Partei ergriffen. Obwohl Felder von der ganzen +im Grunde gleichgültigen Geschichte wenig begriff und sie ihn +obendrein nicht besonders interessierte, glaubte er es doch seiner +Würde schuldig zu sein, ein paar Worte mitzureden, und die waren +wieder schlecht genug ausgefallen. Daß man seine unklaren und +unbeholfenen Auseinandersetzungen so ruhig und ohne zu lächeln +hingenommen hatte, verdankte er nur seinem Ruhm... + +Nun ging es noch in ein Café mit zwei anderen, denn man war noch viel +zu erhitzt und aufgeregt, um schlafen zu können. Es war das übrigens +für Felder in letzter Zeit eine Gewohnheit geworden, an die er vor +einem Jahre noch gar nicht gedacht hatte. Jetzt aber: Geld hatte er +ja, und ausschlafen konnte er morgen auch... + +Man saß in einem Cafe in der Leipziger Straße. In Felder nagte noch +der Ärger über sich selbst, und er sprach kein Wort mehr. Um so +lauter waren die beiden anderen; in leidenschaftlicher Debatte +suchten sie sich gegenseitig zu überzeugen. + +Felder hatte sich eine Zeitung geben lassen, las aber nicht, sondern +sah sich bewundernd um. Er war zum ersten Male hier. Er war nicht +mehr der unerfahrene Junge aus dem Osten Berlins, der nichts außer +seinem Stadtteil kannte, sondern ein gereister Mann, der Vergleiche +anstellen konnte. Aber dies schien ihm doch eines der schönsten Cafés +zu sein, das er je gesehen hatte. Überall Gold und Marmor und Spiegel +bis an die Decke hinauf; und dazu stimmte die Eleganz des Publikums, +der ruhig-vornehme Ton, der hier herrschte und der selbst seine +Kameraden zwang, ihre lauten Stimmen zu dämpfen; und die leise Art +der Kellner, die in ihren blendendweißen Schürzen kamen und gingen, +ohne daß man es merkte. + +Es waren nicht sehr viele Gäste außer ihnen in diesem Teil des +Saales. An einem Tisch unweit von ihnen saß ein Herr mit einer Dame, +dessen Gesicht er nicht sehen konnte, da er ihm den Rücken zudrehte. +Die Dame war sehr elegant gekleidet, saß zurückgelehnt in ihrem +Stuhl, und während Felders Blick von der Betrachtung des Saales zu +ihr zurückkehrte, bemerkte er, wie sie ihn ansah. Er blickte fort. +Als er dann zufällig nach einer Weile wieder zu dem Tisch hinübersah, +sah er noch immer ihre Augen auf sich gerichtet, so fest und +unverwandt, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war, und er konnte sich +des Gedankens nicht erwehren, daß sie ihn während dieser ganzen Weile +so angesehen haben mußte. Diesmal wandte er sich noch schneller ab +und betrachtete noch aufmerksamer die Decke, die Wände und die +übrigen Gäste. Es war ihm unbehaglich, so angestiert zuwerden. + +Dann--als er nach einigen Minuten wieder hinschaute, überzeugt, dem +eigentümlich festen und ruhigen Blicke nicht mehr zu begegnen, sah er +die Dame unverändert wie vorher zurückgelehnt in ihrem Stuhle sitzen +und ihre Augen unverwandt auf seinem Gesichte ruhen. Diesmal +begegneten sich ihre Blicke: der Felders unruhig, herausfordernd- +fragend, der der Fremden unverändert ruhig, überlegen, fast +gleichgültig, als sei es selbstverständlich, daß sie ihn in dieser +Weise mustere; und ohne die geringste Veränderung, wie ihr Blick, +blieb auch der Ausdruck ihrer Züge. + +Er wurde unruhig. Jetzt wußte er, daß er sich nicht täuschen konnte. + +Er ergriff eine Zeitung, starrte verständnislos auf eine politische +Karikatur der "Lustigen Blätter" und war entschlössen, nicht mehr +aufzusehen. + +Was sollte denn das eigentlich heißen?-- + +Warum starrte die ihn denn so an?-- + +So viel hatte er gesehen, daß sie außergewöhnlich schön war und +kostbar gekleidet. Sie trug ein über und über besticktes graues +Seidenkleid und einen Hut mit großen Federn von gleicher Farbe. Auch +glitzerte es überall von Steinen an ihr--an ihren Händen, in ihren +Ohren, auf ihrer Brust. + +Er wollte nicht aufsehen, um nicht nochmals ihrem Blick zu begegnen. +Als er aber dann, wie neugierig, sich nach den anderen Tischen umsah +und seine Augen ebenfalls scheinbar gleichgültig über den ihren +schweifen ließ, sah er, wie sie sich zur Seite gewandt hatte, da ihr +Begleiter mit ihr sprach und sie sich ihm zuwenden mußte, um zu +antworten. Nun konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie zu +betrachten, und er sah, daß sie noch weit schöner war, als er dachte. +Er hatte noch nie ein so schmales, feines Gesicht gesehen, solche +zarte Haut, die weiß aussah wie gepudert, und solch eigentümlich +rote, schön geschwungene Lippen, dabei so viel Selbstbewußtsein und +zugleich Gleichgültigkeit in der aufrechten Haltung des Körpers... Er +konnte nicht fortsehen, so seltsam schön erschien sie ihm, und er +ließ sie nicht mehr aus den Augen, wie sie sich jetzt etwas +vornüberbeugte, um irgendeine Stelle in der Zeitung besser zu sehen, +auf die ihr Begleiter sie hinwies. + +Als wenn sie fühle, daß er sie anblickte, sah sie plötzlich wieder +auf, und wieder begegnete dem seinen der Blick dieser großen, +dunklen, von langen, schwarzen Wimpern beschatteten Augen, die wieder +ruhig und prüfend, ohne Frage, aber mit durchaus unverhohlenem +Interesse auf ihm ruhten. Diesmal stieg eine jähe Röte in sein +Gesicht, und mit einer hastigen Bewegung, die nur zu deutlich zeigte, +wie sehr er sich erraten sah, wandte er sich ab. + +Er war verlegen und ärgerte sich. Er wäre am liebsten fortgegangen, +wenn es möglich gewesen wäre ohne die anderen, die unbekümmert weiter +schwatzten. + +Von jetzt an schaute er nur von Zeit zu Zeit auf, und jedesmal +begegnete er dem Blicke dieser Augen, der immer größer und immer +willensfester zu werden schien, als wollte er sagen: ich erkenne +dich... + +Eine schwüle Beklemmung stieg in dem jungen Manne empor, wie er sie +noch nie empfunden. Er fühlte, daß diese Frau etwas von ihm wollte.-- +Aber was?--Wer war sie?--War der Herr mit den ergrauten Haaren ihr +Mann?--Ihr Freund?--War sie eine anständige Frau oder war sie--etwas +anderes? + +Eine anständige Frau war sie sicherlich nicht. Eine anständige Frau +sah einen fremden Mann nicht so an, aber eine öffentliche noch +weniger. Die wäre übrigens gar nicht in dieses Café eingelassen +worden. + +Einerlei wer sie war. Er war er, Franz Felder, und er wußte, wer er +war, und er ließ sich nicht so ansehen. Mit einer fast verächtlich- +ausdrucksvollen Gebärde kehrte er sich ab und dem Gespräch seiner +Freunde zu. Man sprach jetzt laut und ohne Rücksicht auf die Ruhe des +Cafés vom nächsten Schwimmfest. + +Felder hatte sich fest vorgenommen, überhaupt nicht mehr nach dem +Nachbartische hinzusehen. Mochte die ihn doch anstarren, soviel sie +wollte!--Er konnte es ihr nicht verbieten, aber er wollte ihr schon +zeigen, was er von ihrem Benehmen dachte! + +Aber dann, nach einer Weile, während der er vergebens versuchte, sich +am Gespräch zu beteiligen, vernahm er ein Geräusch (ein Kellner hatte +einen Löffel fallen lassen), das ihn auf und nach der Seite sehen +ließ, und unwillkürlich streifte sein Blick wieder den ihren wie +vorher. Und jetzt sah er, daß sich der Ausdruck ihrer unbeweglichen +Züge geändert hatte: es war ihm, als höbe sich die Brust unter der +grauen Seide, als hätte sich der festgeschlossene rote Mund ein wenig +geöffnet, nur so weit, daß er die weißen Zähne durchschimmern ließ, +und als sei in diese dunklen, kalten Augen das Feuer eines heimlichen +Begehrens getreten, das nach ihm verlangte... Und jetzt war ihm nicht +mehr ungemütlich, sondern plötzlich unheimlich zumute. + +Wieder sah er fort und wieder auf: abermals hatte der Ausdruck dieses +fremden, rätselvollen Gesichtes gewechselt und an die Stelle +drohenden Begehrens war der triumphierender Freude getreten, der zu +sagen schien: Aha, jetzt fürchtest du mich schon! + +Er konnte es nicht mehr ertragen. + +Schon wollte er das Gespräch seiner Genossen unterbrechen und sagen, +er sei müde und wolle fort, als er sah, wie sich der alte Herr halb +erhob und sich fragend an seine Begleiterin wandte, die bejahend den +Kopf neigte. Er blieb sitzen. Jetzt würde es kommen. Beim Hinausgehen +würde er irgendein Zeichen von ihr empfangen, und an ihm würde er +erfahren, was sie von ihm wollte. Aber nichts von dem allen geschah. + +Ruhig stand sie auf, ließ sich den kostbaren Pelz um die Schultern +legen, und ging hochaufgerichtet und mit leichten Schritten, und ohne +ihn anzusehen, an ihm vorüber: Felder sah auf, aber ihr Blick ging +gleichgültig über ihn weg, und nur leise streifte seinen Stuhl die +Schleppe ihres Kleides, während der starke Duft eines seltsamen +Parfüms von ihr ausging. Hinter ihr her der alte Herr, mager und +straff, der Typus eines hochmütigen, aristokratischen Roués, mit +seinen kalten und leeren Zügen, unnahbarer noch als sie... + +Felder blieb ganz verdutzt sitzen. Er hatte so bestimmt irgend etwas +erwartet--was, wußte er selbst nicht, aber irgend etwas +Ungewöhnliches. Aber so: erst starrte sie ihn eine halbe Stunde lang +mit ihren schwarzen Augen an, wie ein Wundertier, sich förmlich an +ihm festsaugend, und dann ging sie fort und sah über ihn hinweg, als +sei er Luft--Luft--Luft!-- + +Unbewußt war seine Eitelkeit geschmeichelt, und nun fühlte er sich +plötzlich in ihr verletzt. Sie saßen noch lange im Cafe, die drei, +aber Felder war noch mißgestimmter als vorher und fast grob. In der +Nacht, unter den heißen und schweren Kissen, träumte er von ihr: von +ihrer schlanken Gestalt in dem grauen Seidenkleide, ihren drohenden +Augen und dem seltsamen Rot ihrer gemalten Lippen... Und noch nach +Tagen glaubte er zuweilen den Duft zu spüren, der von ihr ausgeströmt +war, als sie an ihm vorbeischritt, diesen starken Duft eines ihm +unbekannten Parfüms. + +Dann hatte er bald die "ganze blödsinnige Geschichte" vergessen, denn +ein anderer Gedanke begann ihn zu beherrschen ganz--und gar... + + +3 + +In dieser Zeit, die die glücklichste seines Lebens hätte sein müssen, +war Franz Felder nicht glücklich. + +Alles, was er je in seinen kühnsten Träumen kaum zu hoffen gewagt, +hatte er erreicht; alle Siege, die überhaupt erlangbar waren, waren +ihm zugefallen; was keinem je zuteil geworden: höchste Ehren in so +frühen Jahren, er besaß sie... + +Dennoch war er nicht zufrieden. + +Alles konnte er ertragen, nur nicht diese Ruhe nach solchen Siegen. + +Ihn dürstete nach neuen und größeren Erfolgen, gleich dem Trinker, +dessen Durst sich mit jedem neuen Glase vermehrt--er begehrte etwas +Neues, noch nie Dagewesenes... + +Größere Siege gab es nicht, so konnten es nur außergewöhnlichere +sein. + +Eine Idee tauchte wieder in ihm auf, die ihn schon oft beschäftigt, +und ließ ihn nicht mehr los. + +Er war Schwimmer, ausschließlich Schwimmer. Als Schwimmer war er vom +besten seines Klubs allmählich der Meister Europas geworden. + +Ein ausgezeichneter Taucher war er schon als kleiner Kerl gewesen, +und er wühlte immer noch zuweilen unter dem Wasser herum, um die +Kraft seiner Lungen zu erproben und aus reiner Lust. Aber an den +Konkurrenzen der Teller und Hechttauchen hatte er nie teilgenommen. +Sie waren ihm immer als etwas Minderwertiges vorgekommen. + +Im Springen dagegen hatte er es über den glatten und schönen +Kopfsprung, mit dem er stets ins Wasser ging, nicht hinausgebracht. +Andere Sprünge hatte er früher wohl gekonnt und noch manchmal +versucht--aber immer nur ungern, und dann war er regelmäßig so +aufgeschlagen wie alle anderen, die sie nicht ständig übten. Endlich +waren sie gänzlich gegen sein Schwimmtraining zurückgetreten und über +ihm in Vergessenheit geraten. Er konnte keinen einzigen mehr +ordentlich. + +Daher hatte er sich an den Mehrkämpfen im Schwimmen, Springen und +Tauchen, aus denen der als Sieger hervorgeht, der die größte Anzahl +von Punkten in allen drei Arten aufweist, nie beteiligt und nie daran +denken können, es zu tun. Aber nie hatte er in den letzten beiden +Jahren seiner beispiellosen Triumphe ein Gefühl des Mißmuts +ganz unterdrücken können, wenn er sehen mußte, wie bei den +Preisverteilungen noch andere als er zu Meistern ernannt wurden, zu +Meistern im Mehrkampf und Springen, und gleiche, wenn auch nie so +beispiellose Ehren genossen wie er. Besonders stark war dieses +Gefühl--mehr ein Gefühl der Unbefriedigung, kein Gefühl des Neides, +denn kleinlich war er nicht--im letzten Jahre geworden, wo es dem +Verwöhnten schwerer und schwerer wurde, mit anderen zu teilen. + +Sein Ehrgeiz ließ den Gedanken nicht ruhen und schürte ihn immer von +neuem: sollte es denn nicht möglich sein, auch dieses Gebiet für sich +zu erobern, auf ihm gleiche oder doch ähnliche Triumphe zu erlangen +wie auf seinem eigensten, und wenigstens einzelne Mehrkampfpreise an +sich zu reißen?--Im Tauchen würde es ihm leicht gelingen, sich durch +einfache Übung ohne große Anstrengung so lange "unter Wasser zu +halten" wie die anderen; Übung und eine normale Lunge genügten hier +vollkommen. Und erst die seine!-- + +Aber im Springen?!--Er hatte bei seiner Einseitigkeit die anderen +Sports so gänzlich vernachlässigt, z. B. nie geturnt; er war kein +Knabe mehr, dessen Muskeln noch weich und nachgiebig waren gegenüber +allen Anforderungen, sich auszubilden,--und hier kam nicht nur +Ausdauer und Übung in Betracht, sondern jene spezifische Begabung, +die ihn gerade auf seinem Gebiet zu dem einzigen Schwimmer gemacht +hatte.-- + +Die Frage war: Konnte ein erster Schwimmer überhaupt ein erster +Springer sein, und umgekehrt? + +Die Erfahrung sprach dagegen. Es gab erstklassige Schwimmer, +die hervorragend gute Springer waren, und umgekehrt. Die einen +oder anderen waren es gewöhnlich, die sich daher die ersten +Mehrkampfpreise holten, indem sie durch die eine Fertigkeit +ersetzten, was ihnen an der anderen fehlte, und nur selten +verscherzte sich einer von ihnen durch schlechtes Tauchen den Preis. +Aber daß sich ein und derselbe auf einem Feste an zwei ersten +Einzelkonkurrenzen auf verschiedenen Gebieten beteiligt hatte, das +war wohl noch fast nie dagewesen und hätte jedenfalls mit der +sicheren Niederlage auf dem einen der beiden Gebiete geendet. Daher +fielen die Preise hierhin und dorthin, und der Klub genoß die höchste +Ehre, dem es gelungen war, nicht nur erste Schwimmer, sondern auch +erste Springer heranzubilden. So besaß der S.-C. B. 1879 neben dem +Meisterschwimmer Felder den unübertrefflichen Springer Grafenberger. + +Felder wußte dies alles ganz wohl. + +Aber er kam von seinem Gedanken nicht mehr los. Es nutzte alles +nichts. Er ertrug es schon nicht länger, andere neben sich als +ebenbürtige Meister gleich gefeiert zu sehen--einmal, einmal mußte er +das Hochgefühl ganz auskosten, allein, ganz allein unter dem Jubel +des Tages dahin zu schreiten--: keinen neben, alle hinter sich... + +Wenigstens mußte er versuchen, ob es ihm nicht gelang, durchzusetzen, +was er plante. + +Mit der alten, zähen Entschlossenheit, der ganzen Verbissenheit in +sein neues Ziel, ging er auch diesmal ans Werk. Er wollte vorab +nichts verlauten lassen. Einmal, weil er nicht ausgelacht werden +wollte, wenn die Sache mißlang; dann aber, weil er ganz gut wußte, +daß mit seinen beispiellosen Erfolgen ihm überall Neider entstanden +waren, die es sicher an gehässigen Bemerkungen nicht fehlen lassen +würden, wenn sie sahen, wie er, immer noch nicht zufrieden, weiter +und weiter die Hände nach den Lorbeeren anderer streckte... + +Überhaupt war es ganz ausgeschlossen, daß er sich unter aller Augen +plötzlich im Springen versuchte. Er konnte ja nicht mehr im Bade +erscheinen, ohne daß man ihm auf Schritt und Tritt nachging und jede +seiner Bewegungen verfolgte. Beim Schwimmen störte es ihn nicht, und +er hatte sich längst an die leise geflüsterten Worte und die +neugierigen Blicke gewöhnt. Aber bei dem, was er jetzt vorhatte, +hätte es jeden Versuch von vornherein vereitelt. + +Er mußte einen Ort ausfindig machen, an dem er ungestört seine neuen +Übungen anstellen und sich so weit ausbilden konnte, um mit einiger +Sicherheit vor seinen Klub an den Übungsabenden hintreten zu können. +Das war nicht einmal schwer. Berlin, so arm an Winterschwimmhallen, +besaß neben seinen am meisten besuchten Volksbadeanstalten und den +ein, zwei großen privaten Hallen in dem einen oder anderen Stadtteil +noch ein oder zwei Bassins, unbrauchbar für die Schwimmfeste ihrer +Kleinheit wegen, gekannt nur von wenigen alten Stammgästen und +gehalten von ihren Besitzern nur als unfruchtbarer Anhang zu ihren +Etablissements, weil sie nun einmal da waren. Ein solches Bad lag +ganz im Süden der Stadt, jenseits des Halleschen Tores--verlassen von +aller Welt und als Schwimmbad seit langer Zeit vergessen und kaum +mehr genannt. Ob es noch existierte, wußte selbst Felder nicht, der +hier vor Jahren einmal gewesen war, um der kleinen Veranstaltung +irgendeines längst eingegangenen Klubs beizuwohnen. + +Das war, was Felder jetzt brauchte, und eines Abends unternahm er +eine heimliche Orientierungsreise nach dem Süden der Stadt. + +Er fand ein dunkles, tiefes Loch, gefüllt mit einer schwarzen, kalten +Flüssigkeit, völlig ungeeignet zum Schwimmen, da Felder es mit einem +einzigen seiner Stöße in die Länge und einem halben in die Breite +durchmaß, aber von genügender Tiefe, selbst für die geraden Sprünge, +und leidlich erhaltenen Sprungbrettern in zweifach verschiedener +Höhe. Einmal in der Woche übte hier der Schwimmklub einer Schule, der +mit sportlichen Kreisen in keiner Berührung stand; sonst badeten nur +morgens ganz früh und abends nach der Arbeit ein paar Täglichschwimmer +hier, die es "nicht lassen konnten", wie der verschlafene Bademeister +meinte, der Felder nicht einmal dem Namen nach kannte. + +Dieser entschloß sich sogleich, nachdem er einige Versuchssprünge +gemacht hatte. Hier würde ihn sicher niemand finden. Wenn er +allwöchentlich einmal auf den Übungsabenden (wenn hier die Lehrer +mit ihren Schülern hierherkamen) und ein anderes Mal auf den +Sitzungen seines Klubs erschien, wenn er zudem nach wie vor die +Sonntage mit seinen Leuten verbrachte, so konnte es nicht weiter +auffallen, daß er regelmäßig die vier anderen Abende fortblieb. +Außerdem erwartete jetzt auch kein Mensch mehr von ihm, daß er wie +bisher weitertrainierte. Und schließlich war er doch eben auch der +berühmte Franz Felder, der tun und lassen konnte, was er wollte, +und den so leicht keiner mehr danach fragen durfte. + +Zustatten kam ihm, daß die Arbeitszeit in der großen mechanischen +Werkstätte, in der er jetzt wieder eine Stelle angenommen hatte, nur +bis sechs Uhr dauerte. Wenn er auf den Weg eine Stunde rechnete, so +konnte er um sieben am Halleschen Tor sein. Die Kasse des Bades +schloß um acht; das Bad selbst um neun Uhr. Es blieben ihm also zwei +Stunden--viel zuviel für jeden anderen, noch zu wenig für ihn und für +das, was er vorhatte. + +Vom Entschluß zur Ausführung war für Felder nur ein Schritt. Die +ganze Hartnäckigkeit seines Willens zeigte sich jetzt von neuem. +Viermal die Woche, jeden Montag und Dienstag, jeden Donnerstag und +Freitag, machte er nach der Arbeit den weiten Weg nach dem Süden, +übte frisch, als wenn er nicht von der Arbeit, sondern aus dem Bette +käme, seine Sprünge, von den einfachsten allmählich zu den +schwierigeren übergehend, und endlich die schwierigsten--treu, +unermüdlich, täglich von neuem die Kraft seines Körpers in dem +fremden und ungewohnten Kampfe erprobend, und nie beruhigt über seine +Fortschritte, nie zufrieden... + +Wie er früher geschwommen und nur geschwommen hatte, so sprang und +sprang er jetzt. Alles Gelernte durchging er jeden Abend von neuem, +um sicher zu sein, nichts gegen gestern eingebüßt zu haben, und +täglich ging er einen Schritt weiter. Zunächst wiederholte er die +einfachen Sprünge, die er als kleiner Knabe dort draußen in dem +Kasten an der Spree halb im Spiel gelernt, aber fast vergessen hatte, +und sah mit Freude, daß er sie noch konnte: das einfache Abfallen und +den "Abrenner" sowie die leichtesten Formen der Kopfsprünge, in ihren +verschiedenen Arm- und Beinhaltungen, das Anlegen, Anziehen, +Strecken, Spreizen derselben. Dann diese selben Kopfsprünge in ihren +verschiedenen Drehungen, der viertel, halben und ganzen Drehung um +die Längsachse, vorwärts und rückwärts, und wiederum dieselben mit +Anlegen oder Hochheben der Arme, alle diese sogenannten "Schrauben". +Alsdann die Hechtsprünge, die Bohrer, bei denen man ins Wasser schoß +wie ein Pfeil, und auch diese in ihren mehrfachen Armhaltungen und +Drehungen beim Niedergehen. Endlich die "Schlußsprünge", diese +schwierigen Sprünge mit ihren wunderbaren Drehungen um die +Breitenachse, die bis zur eineinhalb-, ja zweieinhalbfachen Drehung +des ganzen Körpers gingen, die so berühmten "Saltos", bei denen der +Springer sich in der Luft um sich selbst dreht wie ein Ball, Sprünge, +die in ihrer Vollendung von ungeheurer Schwierigkeit sind und daher +selten mit der höchsten Nummer sechs gewertet werden konnten, da sie +nur dem Geübtesten gelangen. Ganz zuletzt noch die Spreizsprünge, +jene sogenannten Auerbachsprünge, bei denen das regelrechte Spreizen +der Beine die Hauptsache war... + +Daneben aber galt es einen großen Teil aller dieser unendlich +verschiedenfachen Sprünge zu üben in ihren wiederum so verschiedenen +Ansätzen: aus dem Stand oder mit Anlauf; und sodann die aus dem Stand +in ihrer beim Abspringen angenommenen Haltung: vorwärts, rückwärts, +seitwärts. Endlich aber sie noch zu beherrschen von verschiedener +Sprungbretthöhe aus, der niedrigen von einem, der mittleren von drei, +der hohen von sechs Metern aus. + +Selbstverständlich war es ein Unding, alle diese Sprünge in allen +ihren verschiedenen Ausführungsarten sich zu eigen zu machen. Kein +Mensch konnte das, und Felder dachte auch gar nicht daran: Worauf es +ihm ankam, war nur, sich einige der schwierigen, und wenn möglich die +schwierigsten, bis zur Sicherheit einzulernen, vor allem die, welche +bei den Konkurrenzen gewöhnlich verlangt wurden; und sich sodann +einige andere ebenfalls bis zur Vollendung zu eigen zu machen, um sie +als selbstgewählte Sprünge, im "Kürspringen", ins Treffen zu führen. + +Vorerst durfte er an die Erreichung dieses Zieles noch gar nicht +denken und mußte froh sein, wenn er die einfachen Sprünge, die, +"welche jeder konnte", lernte. Denn eigentlich konnte er noch gar +nichts und war sich auch ganz klar darüber. + +So übte er einstweilen und war froh, es so ungestört und unter den +Augen seiner eigenen Kritik tun zu können. + +Denn seine Berechnung täuschte ihn nicht. Er konnte ruhig sein, daß +ihn hier niemand suchte und fand. Die Schwimmklubs hatten sämtlich +ihre bestimmten Abende in den anderen Bädern, an die sich ihre +Mitglieder hielten, und sonst waren es immer dieselben paar Gäste, +die den alten mürrisch-schweigsamen Bademeister abends aus seinem +Winterschlaf für eine Weile aufstörten: ein fanatischer Naturmensch, +der durch den tiefsten Schnee in bloßen Sandalen herkam, um sich +unter der kältesten Dusche zu erwärmen; ein uralter Doktor, +Medizinalrat usw., der auf den Schlag der Stunde kam, sich +geräuschlos entkleidete und seinen dürren Körper für genau zwei +Minuten am untersten Ende des Bassins ins Wasser tauchte, wobei er +sich krampfhaft an der Leiter festklammerte; ein kleiner Judenjunge, +der auf den Befehl seiner Eltern kam, die es offenbar für sehr gesund +hielten, wenn er sich nach langem Zaudern endlich entschloß, ins +Wasser zu springen, einmal herumzuschwimmen und dann eine halbe +Stunde lang noch bebend vor Angst und zitternd vor Frost mit bloßen +Füßen auf dem kalten Steinboden zu stehen und mit großen, staunenden +Augen Felders Sprüngen zuzusehen; und dann noch einer oder zwei von +denen, die es "nicht lassen konnten"--keine großen Schwimmer, aber +passionierte Wasserratten, denen diese köstliche Erfrischung einer +täglichen Hautreizung Bedürfnis geworden war. + +Keiner von ihnen allen wußte, wer Felder war und was ihn hierher +brachte. Er trug ein einfaches Trikot und eine Badehose ohne jedes +Abzeichen, die er sich zu diesem Zwecke gekauft hatte--das erstemal +seit für ihn undenkbarer Zeit, daß er die blauweißen Farben seines +Klubs nicht führte... + +Ein seltsames Bild, dieses jeden Abend: der nicht große, aber hohe +Raum halb im Dunkeln, nur schlecht beleuchtet von ein paar +flackernden Gasflammen, und unregelmäßig, oft kaum erwärmt. Das +schwarze, stille Wasserbecken, eine hohle Tiefe ohne Grund. Hier und +da hinter den verhängten Nischen ein vereinzelter Badegast, der sich +langsam auszieht, langsam ins Wasser geht und langsam wieder heraus. +Kein Rufen und Lärmen wie sonst in allen Bädern--kaum ein Gespräch; +ein eisiges, unheimliches Schweigen, einzig unterbrochen zuweilen +durch das plötzliche Schnauben des Dampfes, der an einer fehlerhaften +Stelle der Wärmeröhren pfeifend herausschießt, um wie eine +Sommerwolke schnell zu verfliegen. Dann kommt Felder, greift rasch +mit einem kurzangebundenen "Guten Abend" nach seinen Sachen, steigt +zur Galerie hinauf, wo er sich schnell entkleidet--und nach wenigen +Minuten bereits hallt und rauscht das Wasser unter seinen ersten +Sprüngen. Da gibt es nicht erst lange Abkühlung und Abreibung und +bedächtiges Überlegen: ein einziges Emporstrecken der Arme, ein +Dehnen des dampfenden Körpers, dann ein festes Aufsetzen, und er ist +in seinem Element. Und nun bebt und dröhnt für die nächste Stunde das +Sprungbrett wieder und wieder unter den unermüdlichen Füßen, und das +schlafende Wasser gurgelt und grollt leise bei den Sprüngen, die +gelingen, wenn der Körper es wie ein Pfeil durchschneidet; und es +knallt und spritzt hoch auf zu den Wänden bei denen, die mißlingen +und die ihn flach aufschlagen lassen, wie ein Brett... und es hat +nicht Zeit mehr sich zu beruhigen, bis Felder endlich atemlos, rot +wie ein Krebs und völlig erschöpft--eine Pause machen muß, in der er +in irgendeiner Ecke auf einer Bank liegt und, die Hände unter dem +Kopf gefaltet, zu dem schmutzigen Glasdach emporsieht... + +Kaum wieder zu Atem gekommen, beginnt er das Spiel von neuem und von +neuem: immer schwieriger werden seine Sprünge, immer intensiver die +Anspannung seiner Muskeln und immer peinlich-genauer ihre Ausführung, +und wieder gellt und schreit das Wasser unter den Schlägen dieser +Hände, und grollt und schäumt und murrt noch, wenn Felder schon +wieder auf dem Brett steht, während der kleine Junge zitternd vor +Kälte mit seinen immer erschrockenen Augen den rätselhaften Springer +verfolgt und in der Ecke fauchend der Dampf für eine Minute aus der +zerplatzten Röhre schießt... + +Fast ein Vierteljahr--von Weihnachten bis zum beginnenden Frühjahr-- +dauerte dieses neue zähe und seltsame Training: in den ersten Wochen +sprang Felder stets allein, denn es kam ihm zunächst darauf an, seine +Glieder für die neuen Anforderungen gelenkig zu machen. Dann, als er +von den einfacheren zu den schwierigeren Sprüngen übergehen mußte und +sie nicht mehr selbst kontrollieren konnte, brauchte er jemand, der +sie wenigstens einigermaßen zu bewerten vermochte, und er vertraute +sich nach Abnahme eines heiligen Ehrenwortes seinem getreuen Koepke +an. Der hatte sich so lange im Schwimmerleben umhergetrieben, daß er +wenigstens etwas von der Sache verstand; und daß er Feuer und Flamme +für die neue Idee war, verstand sich von selbst--erwartete er doch +immer das Unmöglichste von seinem großen, genialen Freunde. Von da an +mußte Koepke fast alle Abende dabeistehen, wenn Felder sprang, und er +tat es mit Wonne. + +Vorher machte Felder indessen noch eine neue Bekanntschaft. + + +4 + +Er hatte wieder ein Ziel und war wieder glücklich. + +Was ihn eine Zeitlang in seinen Strudel gezogen, der Rausch seines +Ruhmes und fremder, lauter Vergnügungen, war in dieser Zeit fast von +ihm vergessen und lag unbegehrt hinter ihm. Zuweilen vergaß er ganz, +wer er war, und im Klub fand man wieder, daß er den "Meisterschwimmer" +nicht mehr so stark herauskehre wie nach seiner Rückkehr von England. +So stellte sich bald das alte, trauliche Verhältnis mit seinen +Genossen wieder her und die festlichen Veranstaltungen des Winters +strahlten auch auf Felder ihre alte Fröhlichkeit aus. Daß er nicht +mehr ganz so oft wie früher unter "den Seinen" erschien, fiel nicht +weiter auf; selten, daß er gefragt wurde und eine ausweichende +Antwort geben mußte. + +Noch hatte er sein Geheimnis auch an Koepke nicht verraten. + +Abend für Abend machte er nach der Arbeit den weiten Weg vom Norden +der Stadt nach dem Süden, fuhr erst eine Zehnpfennigstrecke mit der +Pferdebahn und ging dann den Rest des Weges mit seinen festen +elastischen Schritten die breite Lindenstraße hinunter, an den +glänzenden Läden und den Stätten der Erholung und Freude, wie an +seinem eigenen Klublokal vorüber, seiner neuen Arbeit zu--mit dem +Ausdrucke innerer Entschlossenheit in den Zügen, als ginge es schon +zu neuen Siegen. + +Mit dem Streben nach seinem neuen Ziel war er wieder ganz zu der +Einfachheit der Gewohnheiten seiner bedürfnislosen Jugend +zurückgekehrt. Nie hatte er seine Tagesarbeit unverdrossener und +stiller getan und nie waren seine Gedanken weniger bei äußerlichen +Vergnügungen und Zerstreuungen gewesen als jetzt. Wie früher trug er +sein Abendbrot, ein paar belegte Stullen, in der Tasche mit sich und +verzehrte es beim Ankleiden oder auf dem Heimweg aus der Hand. Das +war das einfachste und das billigste und es nahm ihm nichts von +seiner Zeit.-- + +Obwohl er zu seinen heimlichen Übungen kam und ging, ohne sich +umzusehen, machte sich eine Bekanntschaft schon in den ersten Wochen +wie von selbst. Unter den paar abendlichen Stammgästen erschien auch +ziemlich regelmäßig ein Arzt, Dr. König, wie ihn der Bademeister +nannte. Ein guter Schwimmer, nahm er sein Bad der Gesundheit wegen, +ließ sich Zeit beim An- und Auskleiden, und nachdem man sich erst +guten Abend gewünscht und der Doktor des öfteren stillschweigend den +rätselhaften Sprüngen Felders zugesehen hatte, wechselten sich die +ersten Worte ohne viel beiderseitiges Zutun. Dann traf es sich das +eine Mal, daß man zusammen hinausging, und ein anderes Mal, daß der +Doktor Felder traf, wie er in dem dunklen Torweg des Hauses seine +Stulle aus der Tasche zog und kräftig hineinbiß. Nach ein paar Tagen +stellte es sich heraus, daß der Doktor wußte, wer Felder war, da er +die Sportzeitschriften las und ihn nach den Bildern erkannt hatte, +worauf Felder nichts weiter übrig blieb, als ihm den Grund seiner +Besuche in diesem entlegenen Bade zu erklären und die Bitte +auszusprechen, sie einstweilen geheimzuhalten. + +Gewiß hätte Felder nach seiner gewohnten, unverändert mißtrauischen +und zurückhaltenden Art diese unfreiwillige Bekanntschaft von +vornherein abgeschnitten, wenn ihm die einfache und freundliche Art +des Doktors nicht sympathisch gewesen wäre. Dazu kam das große +Interesse, das dieser an seinem Plane faßte. Kurz, nachdem ein Wort +das andere gegeben und zu einer stetigen Unterhaltung geworden war, +war es nur natürlich, daß man ein paarmal das Stück des +gemeinschaftlichen Heimweges zusammen ging und gelegentlich noch +irgendwo ein Glas Bier trank. So konnte es auch Felder nicht +abschlagen, als ihn der Doktor in seiner liebenswürdigen Weise eines +Abends bat, sein Abendessen in einem Restaurant zu teilen (von der +Stulle war nie die Rede gewesen), und ebensowenig mehr nein sagen, +als aus dieser Einladung ein nächstes Mal die zu einer Tasse Tee in +des Doktors eigener Wohnung wurde. Diese Einladung wiederholte sich +dann im Laufe des Frühjahres noch einige Male. + +Zum ersten Male tat Felder einen Blick in die ihm völlig fremde Welt +einer höheren Lebensführung, erfüllt von geistigen Interessen und +gelenkt von sicherem Geschmack. Denn der Dr. König war ein +weitgereister Mann, ein tüchtiger Arzt von Ruf und ein guter +Psychologe, der die freie Zeit seines Lebens auf jede Weise zu einer +Art Kunstwerk zu gestalten bestrebt war. + +Er erkannte natürlich bald die ungeheure Einseitigkeit Felders, und +daß man mit ihm eigentlich nur über _eine_ Sache ernstlich reden +konnte. Für alles andere taub und blind, existierte es einfach nicht +für ihn, setzte er jeder anderen Unterhaltung das Schweigen absoluter +Interesselosigkeit und eines geradezu krassen Unverständnisses +entgegen, und war erst wieder zugänglich, wenn die Rede wieder auf +jenes eine zurückkam, oder er selbst sie naiv oder brüsk dahin +zurückgezwungen hatte. Das hätte den so vielseitigen Älteren und +Erfahreneren bald langweilen müssen, sollte man meinen. Aber im +Gegenteil: der Doktor war, wie gesagt, Psychologe, und ihn hätte +diese unglaubliche, auf so eisernen Willen gestützte Beschränktheit +interessiert, auch wenn sie sich nicht auf dies spezielle Gebiet +erstreckt hätte, für das er selbst eine besondere Vorliebe hegte und +dem er als Arzt eine so große Bedeutung in der Gesundheitspflege +zuschrieb. + +So gab er denn schon nach wenigen Gesprächen jeden Versuch auf, mit +dem "Meisterschwimmer" über irgend etwas anderes zu sprechen, als was +ihn und seine Kunst betraf, und beschränkte sich darauf, ihm gutmütig +zuzuhören, wenn er in weitschweifiger Weise von seinen Erfolgen +sprach; oder zu versuchen, den Horizont des jungen Mannes wenigstens +auf seinem eigensten Gebiete zu erweitern, indem er ihm von der +Entwicklung des Badewesens in früheren Epochen erzählte. Über diese +Zeiten fehlte nun zwar Felder jeder Begriff; aber er hörte doch mit +gesteigertem Interesse zu, wenn der Doktor in seiner ruhigen Weise +und vertieft in die Erinnerung an seine Reisen nach den klassischen +Stätten, erst von dem Leben jener alten Römer sprach, die den halben +Tag in ihren wunderbaren Bädern verbrachten; wenn er diese in +anschaulicher Schilderung aus ihren braunen Trümmern wiedererstehen +ließ: die unerhörte Pracht jener Thermen des Caracalla und des +Diokletian, die in jener Zeit zu öffentlichen Wohnstätten geworden +waren, in denen die Römer den größten Teil ihres Lebens lebten und +die sie zuletzt nur noch verließen, um sich zu ihren üppigen +Mahlzeiten und den blutigen Schaustellungen der Arenen und des +Kolosseums zu begeben. Das mußte eine Zeit nach Felders Herzen +gewesen sein, und er wünschte, in ihr gelebt zu haben: den ganzen Tag +im Bade und den halben im Wasser--was konnte es Schöneres geben!-- + +Und er hörte dem Erzähler weiter zu, wenn dieser von dem +wasserscheuen Mittelalter mit seiner Verpönung des freien Badens und +den langen Jahrhunderten des Daniederliegens des Schwimmens sprach +und so gemach auf die Wiederbelebung der Schwimmkunst am Anfange des +eigenen Jahrhunderts und hier in Berlin kam, um endlich bei der +Jetztzeit und damit, wie von selbst, bei ihm, Franz Felder, +gewissermaßen als der Krone des Ganzen, zu enden... + +Wenn es so weit gekommen war, wurde auch der Zuhörer warm, und ein +Gespräch über alle möglichen die Schwimmkunst betreffenden Fragen +entstand zwischen den beiden, das sich bei einer Tasse Tee oder einem +Glase Bier in dem gemütlichen, warmen, von dem Duft des Karbols +leicht durchzogenen Zimmer des Arztes oft bis zur Zeit von Felders +letzter Pferdebahn nach dem Norden hinzog. + +Man war ganz zufrieden miteinander: Felder hatte jemand, der ihm +freundlich zuhörte, und der Doktor machte eine psychologische Studie, +von der der Betroffene allerdings nichts ahnte. + + +5 + +Es war die Bekanntschaft mit Dr. König, die für Felder eine zweite +nach sich zog. Eines Abends erschien im Bade ein großer, +starkknochiger Herr in guter, aber schlechtsitzender Kleidung, mit +großen Händen und scharfem Blick, den der Doktor als seinen Freund +vorstellte. Er badete nicht selbst, sah aber den Sprüngen Felders mit +höchstem Interesse zu und ließ ihn nicht aus den Augen, so daß dieser +schon wieder mißtrauisch geworden wäre, wenn der Fremde ihm nicht als +Bildhauer vorgestellt worden wäre. Man trank noch zu dritt ein Glas +Bier zusammen, plauderte über allerhand und ging auseinander. + +Das nächstemal, als sie wieder allein waren, erfuhr Felder den Zweck +dieses Besuches. Der Fremde war ein alter Bekannter des Doktors und +einer der bedeutendsten, wenn auch nicht berühmtesten Künstler +Deutschlands. Eines Tages war die Rede in seinem Atelier auf seine +neuen Werke und damit auf die Modellnot gekommen. + +Der Bildhauer trug sich seit Jahren mit der Idee der Darstellung +eines jugendlichen Läufers, verzweifelte aber immer von neuem an der +Ausführung, da es ihm völlig an einem Modell fehlte, das auch nur +einigermaßen seinen Ansprüchen entsprach. Dr. König hatte von seinem +jungen Freunde erzählt, und der andere war aus reiner Neugier +mitgegangen, um ihn sich einmal anzuschauen. + +Er war Feuer und Flamme--ja, das wäre ein Modell!--Aber er wisse +wohl, daß nichts daraus werden könne. Einmal werde Felder sich wohl +nie zum Modellstehen hergeben, und dann habe er ja auch keine Zeit.-- +Nun fragte der Doktor, mitleidig mit der fast komischen Verzweiflung +des Künstlers, behutsam bei Felder an: er erzählte ihm von der Würde +und der Größe echter Kunst, von dem unausgesetzten Ringen einer +vornehmen Künstlerseele, ihren Kämpfen und ihren Streben, das nur zu +oft an nichtigen, äußerlichen Umständen vor dem Ziele scheitert, von +der harten und unbelohnten Arbeit seines Freundes, und es gelang ihm, +besser und schneller als er gehofft, in Felder Interesse und +Verständnis zu erwecken. So deutete er denn einmal an, wie sehr er +selbst zum Gelingen eines solchen Werkes beitragen könne. + +Felder war durchaus nicht abgeneigt, doch machte auch er gleich den +Mangel an der nötigen Zeit geltend. Einen Versuch könne man ja an den +freien Sonntagen einmal machen, meinte er naiv... Als dann aber der +Doktor mit seinem letzten Trumpf herausrückte und davon sprach, wie +beim Gelingen des Werkes sein Ruhm sich mit dem des Künstlers +verbinden und beider Name in einer unvergänglichen und vielleicht +unsterblichen Schöpfung weiterleben würde, da war Felder bereits ganz +gewonnen, und nun war er es, der den Vorschlag zur weiteren +Besprechung der Sache machte... Was die Zeit anbelangte--nun, er +hatte ja ausgelernt und war sein eigener Herr, und wenn er seine +Arbeit wieder für einige Wochen (länger würde die Geschichte wohl +nicht dauern) aufgäbe, so wäre das nicht so schlimm; er fände danach +schon wieder andere. + +Er würde reichlich entschädigt werden, versicherte Dr. König. Da aber +empörte sich der Stolz des Meisterschwimmers. Davon könne keine Rede +sein. So sei es bei ihm nicht, "wie bei armen Leuten". Wenn er +einwillige, so tue er es um der Kunst willen und des Ruhmes wegen. +Der Doktor konnte nichts darauf erwidern, und man traf sich im +Atelier des Künstlers. + +Als Schwimmer, der er war, müsse er dargestellt werden, meinte +Felder, während der Bildhauer nicht von seiner ursprünglichen Idee +des Läufers lassen wollte. Ein Schwimmer?--wie sich Felder denn das +denke?--In welcher Lage denn?--liegend wohl?--Und das Wasser?--aus +blauem Glase, nicht wahr?--Und dabei der Körper aus Marmor?--Felder +nahm das für Ernst, und es gefiel ihm. Aber der Künstler wurde +wütend.--Dann wiederholte Felder zum zwanzigsten Male: er sei der +Meisterschwimmer von Europa und kein Läufer... Keiner wollte +nachgeben, und die Sache war auf dem besten Wege, an der +Hartnäckigkeit der beiden zu scheitern, als der lachende Doktor den +Vorschlag des Springers machte. Er gefiel. So wurde der eine beruhigt +durch die Idee, daß die Gestalt des Körpers im Moment des Abspringens +sich nicht zu sehr von der des Läufers im Augenblick des Anlaufs +unterscheide; und der andere, daß, wenn er auch noch nicht der +Meisterspringer sei, er es doch unzweifelhaft werden würde, und daß +die Zeit seines ersten Triumphes als solcher, wenn alles gut ging, +mit der der Ausstellung seiner Statue vor den Augen der Welt +zusammenfallen könne... + +Die Sitzungen in dem großen Atelier in Wilmersdorf begannen. Obwohl +Felder nicht mehr arbeitete und mehr Ruhe und Schlaf hatte, als +vorher, war er doch schon gegen Abend, wenn er zu seinem Training +ging, von den ausgedehnten Stunden der Sitzungen und von den langen +Fahrten nach dem Vorort müder, als je zuvor. + +Er hatte nie gedacht, daß er so müde werden könne. Erst hatten ihn +die langwierigen Vorarbeiten interessiert, das neue der Umgebung und +die ganze Art des Künstlers. Dann sah er sich selbst mehr und mehr +aus dem rohen Ton hervortreten, immergleicher und ähnlicher werden. +Als dann aber die stundenlangen, mühsamen Ausarbeitungen des +einzelnen begannen, ohne daß er mit seinen ungeübten Augen +irgendeinen Fortschritt wahrnehmen konnte, da hatte er oft die ganze +Kraft seines Willens nötig, um auszuhalten. Er hatte sich +vorgenommen, so lange zu stehen, bis der andere selbst das Holz aus +der Hand legte; aber wenn der Künstler--nach einer, nach zwei +Stunden--ganz in sein Werk vertieft und völlig entrückt, keine Miene +machte, eine Pause eintreten zulassen, dann war Felder oft einfach so +erschöpft, daß er plötzlich abbrach. Erstaunt über die Zeit, die +verflossen war, brummte der Bildhauer etwas, das wie eine +Entschuldigung klang, und beide warfen sich in irgendeinen Sessel, +froh, nicht miteinander sprechen zu brauchen. + +Denn zu einer rechten Unterhaltung kam es nie zwischen ihnen. Diese +beiden so verschlossenen, nur mit sich und ihren eigenen Zielen +lebenden Menschen, von denen keiner die Leichtigkeit und +Freundlichkeit des Dr. König besaß, hatten sich nichts zu sagen. Wohl +entstand ab und zu ein Gespräch, da man, um keine Zeit zu verlieren, +jetzt des öfteren auch draußen in einem mäßigen Restaurant zusammen +aß. Aber wenn der eine oder der andere nach so viel Stunden +schweigenden Beisammenseins in dem natürlichen Bedürfnis, sich zu +äußern, dieser von seinem Werk und seinen Hoffnungen, und jener +ebenfalls von seinen Plänen und seinen Hoffnungen anfing, dann +konnten sie beide sicher sein, daß sie aneinander vorbeisprachen und +keiner dem andern auch nur zuhörte... Denn was wußten, was verstanden +sie voneinander?--beide so einseitig, beide so verloren in ihre +Ziele: ungleich in ihrer Weite und Größe, gleich nur in ihrer +Außergewöhnlichkeit und der Energie, mit der sie verfolgt wurden. In +einem aber verstanden sie sich ganz, und dieses eine hielt sie diese +lange Zeit--weit länger, als vorausgedacht--zusammen. + +Felder bewunderte den rastlosen Eifer, die unwillige und doch so +gänzliche Hingabe des Künstlers an sein Werk; er verstand insgeheim +dies schmerzliche, heiße Ringen um ein Letztes, nie sich Erfüllendes, +und die Art, in der es sich äußerte: in fieberhafter Arbeit, ewigem +Gemurr und wilden Flüchen... Und dieser, der Künstler, war sich +völlig darüber klar, daß er nie ein Modell wie dieses je gefunden +hatte und wiederfinden würde, das so mit ihm bis zur beiderseitigen +Ermattung ging und instinktiv mit ihm arbeitete... Er hätte es nie +gesagt, vielleicht nicht einmal zugegeben, aber in seiner Art und +Weise sprach sich deutlich seine Dankbarkeit aus: ob er Felder eine +Zigarette drehte oder ihm von den Tiefen seiner Künstlersehnsucht +sprach, die er vor jedem anderen scheu verschloß. Gegen Ende der +Sitzungen ging ihm sogar eine Ahnung davon auf, an was dieser junge +Mensch _sein_ Leben gesetzt hatte und was die nächste Zeit für ihn +bedeutete. Durch Abgründe in ihren Zielen voneinander getrennt, +verstanden sie sich in dem, worin sie gleich waren: in dem ungestümen +Drang, diese Ziele zu erreichen. + +Zwei Flammen schlugen ineinander, und so entstand ein wundervolles +Werk, an das sie beide ihre Kräfte gaben. Es kam zu Ende. Es +gelang.-- + +Auch Felder kam seinem Ziel näher und näher. Seine Sprünge wurden +sicherer und sicherer. + +In seinem Klub sprach er weder von dem einen, noch von dem anderen. +Ein Erzählen des einen wäre ein Preisgeben des anderen gewesen. + +Er schwieg, verschlossener und unzugänglicher, als je zuvor. + + +6 + +Eines Tages hielt er seine Stunde für gekommen. + +Er erschien--seit langer Zeit zum ersten Male wieder--auf dem +Übungsabend des Klubs. Die enorme Halle der Wasserfreunde war noch +hell erleuchtet, aber außer den Mitgliedern des S.-C. B. 1879 waren +fast keine fremden Gäste mehr anwesend. Die letzten kleideten sich +eben an; die Kasse war bereits geschlossen und niemand wurde mehr +zugelassen. + +Überall sah man die weißblauen Farben. Das Bassin gehörte für den +Rest des Abends ausschließlich dem Klub, der es zweimal wöchentlich +für seine Mitglieder mietete. + +Felder zog sich aus und trat an das eine der kleinen Bretter, wo +Grafenberger, der Meisterspringer Deutschlands, eben übte. + +Eine Weile sah er ihm stillschweigend zu. Grafenberger machte einen +Salto rückwärts mit halber Drehung. + +--Das kann ich auch, sagte Felder. + +Der andere lachte: + +--So leichte nu nich!-- + +Aber Felder ließ langsam das Tuch von seinen Schultern gleiten und +trat an die äußerste Kante des Brettes. Er stand mit dem Rücken dem +Wasser zu. Leicht hob sich sein Körper auf den Zehen in die Höhe, +fest legten sich die Arme an die Schenkel, und sich tief +hintenüberneigend, tat er den Sprung. + +Als er aus dem Wasser stieg, sah er in lauter erstaunte und +verblüffte Gesichter. Am erstauntesten war Grafenberger selbst. + +Und nun ging dieser eine Reihe mehr oder minder schwieriger Sprünge +durch, und jedesmal, wenn er aus dem Wasser stieg, stand Felder +bereits auf dem Brett und machte den Sprung nach, einen nach dem +andern. Das Erstaunen wurde immer größer und die meisten wollten gar +nicht glauben, was sie sahen. + +Von dem kleinen Sprungbrett ging man zu dem großen über, und alle +stiegen die Treppe zu der Galerie empor. Dort stand bald der ganze +Klub bis auf den letzten Mann um seine berühmten Mitglieder herum und +verfolgte in atemloser Spannung Sprung auf Sprung. Und es gab nicht +einen unter allen, den der Schwimmer dem Springer nicht nachgemacht +hätte. Freilich dachte in dieser Stunde keiner an die Wertung der +Leistungen, und nur wenige machten sich klar, wie sich die äußerlich +gleichenden Sprünge der beiden doch in Sicherheit und Exaktheit +himmelweit voneinander unterschieden. Man wollte jetzt nur sehen, ob +Felder überhaupt imstande war, die Sprünge auszuführen, und man +geriet bei jedem neuen in immer größere Aufregung, die sich bald in +Lachen, Zurufen und lauten, wie leisen Bemerkungen jeder Art Luft zu +machen suchte. + +Felder genoß das Vorgefühl kommender Triumphe und setzte allen Fragen +sein geheimnisvolles Schweigen entgegen. Aber als der Springer +meinte: + +--Na, dann kann ich ja nächstens an zu schwimmen fangen!--lächelte er +bedeutsam. Nur Nagel äußerte wieder kein Wort. Als jedoch Felder an +ihm vorbeiging und vor ihm stehen blieb, sagte er kurz: + +--Du kannst sie alle. Wo du sie gelernt hast, weiß ich nicht, und es +geht mich ja auch nichts an. Aber glaube nur nicht, daß du auch nur +einen ordentlich kannst, wie er sein soll...--worauf Felder blaß +wurde und weiterging. + +Er vermochte nur noch zu erwidern: + +--Das werden wir sehen!-- + +Seine Freude war dahin für diesen Abend und er begann seinen alten +Freund und Lehrer zu hassen. Schon auf der nächsten Sitzung trat er +mit seiner Forderung hervor, bei der nächsten Gelegenheit im Springen +um eine bedeutende Meisterschaft gemeldet zu werden. Man hielt sie +erst für Scherz; dann erhoben sich von allen Seiten Proteste. So viel +hatte man schon gesehen, um zu wissen, daß ein solches Vorhaben ganz +aussichtslos war. War es auch erstaunlich, was er bei seinem geheimen +Training--man wußte jetzt ganz genau, wo und wie er dazu gekommen +war--in so kurzer Zeit zustande gebracht hatte, so reichte das alles +doch noch lange nicht aus, um mit ersten Meistern in Konkurrenz zu +treten. Dazu gehörte vor allem eine jahrelange, stetige, sorgsame +Ausbildung unter den Augen von Kennern--das sollte er, der +Sportsmann, doch wohl am besten wissen... Von allen Seiten redete man +auf ihn ein, suchte ihn zu überzeugen, aber es war alles vergebens. +Man sprach zu Ohren, die überhaupt nicht mehr zuhörten. + +Felder bestand hartnäckig auf seiner Forderung. Wenn er gefragt +wurde, zu welcher Schwimmnummer er gemeldet werden wollte, antwortete +er: zum Springen um die Meisterschaft... und je dringender die Frage +wurde, um so mehr klang diese Antwort als Drohung: entweder--oder... + +Man lachte nicht mehr. Dazu war die Sache zu ernst. Zuviel stand in +diesem Sommer im Schwimmen auf dem Spiel: die Meisterschaft +Deutschlands sollte behauptet, die größte über Europa zum zweiten +Male gewonnen werden; der große Staatspreis Sachsens und der +Stadtpreis Breslaus, zum dritten Male durch Felder erobert, in den +endgültigen Besitz des Klubs übergehen; unzählige Anforderungen von +allen Seiten nach des jungen Meisters Teilnahme an den diesjährigen +Schwimmkämpfen mußten beantwortet werden--und dieser Mensch, was tat +er?-- + +Statt in diesem Sommer seine glorreichen Siege zu erneuern, mühelos +und ehrenvoll, verbohrte er sich in eine Idee, auf die noch kein +anderer vor ihm gekommen war und auf die auch nur er verfallen +konnte. Je mehr man auf ihn eindrang, von seinem aussichtslosen +Vorhaben abzustehen, desto erbitterter wurde er. Da er die Gründe +gegen seine Meldung nicht verstand, da er sie nicht begreifen wollte, +sah er in ihnen nur den Ausfluß einer feindseligen Stimmung gegen +sich und ganz allmählich in den guten, alten Kameraden und treuen +Freunden seines Klubs Gegner seiner Person und damit der Sache. + +Denn daß _er_ der Sache mit seinem Vorhaben schaden könne, daran +dachte er nicht einmal. Er--und der Sache schaden!-- + +Man begriff, daß nicht mit ihm zu reden war, als er an einem anderen +Abend nach langer, vergeblicher Debatte einfach das Zimmer verließ. + +Dann sprach Nagel, und was er sagte, wurde als das richtige +empfunden. Er schloß seine Ausführungen, in denen er ein kurzes und +klares Bild von Felders Entwickelung gab, mit den Worten: "Tun wir +ihm seinen Willen; denn was er nötig hat, um ihn zur Besinnung zu +bringen, sind nicht neue Siege, sondern es ist eine gründliche +Niederlage."-- + +So wurde der Meisterschwimmer von Europa von seinem Klub auf dem +ersten diesjährigen Eröffnungsschwimmen der vereinigten Berliner +Klubs nicht nur zu seiner alten Meisterschaft Berlins über die kurze +Strecke, sondern auch zu dem Haupt-Mehrkampf im Schwimmen, Springen +und Tauchen, sowie zum Hauptspringen gemeldet, und diese Meldungen +wurden mit grenzenlosem Erstaunen, aber unbeanstandet angenommen. + + +7 + +Eine gründliche Niederlage! + +Und die erlebte er.-- + +Das erste große Schwimmfest Berlins in diesem Sommer--veranstaltet +von dem Bund der Berliner Vereine--fiel zusammen mit der feierlichen +Eröffnung der diesjährigen Kunstausstellung im großen Glaspalast, +beides auf einen Sonntag, einen klaren, aber noch frischen +Frühlingstag.-- + +Es sollte der Tag höchsten und beispiellosen Triumphes für ihn +werden, so dachte Felder, der Tag, der allen anderen der letzten +Jahre die Krone aufsetzen, seinen Ruhm vor den Augen einer Welt +verkünden sollte, wie keiner vor ihm: hier in einem unvergleichlichen +Siege, dort dieser Sieg bereits verkörpert in einem hohen Werke, das +seinen Namen trug; der Tag, um den er gekämpft hatte, wie um keinen +anderen, monatelang, mit zäher Ausdauer--nicht nur in der eisernen +Arbeit eigener Übung, sondern fast noch mehr in der mühsamen und +aufreibenden Hilfe beim Gelingen einer fremden. + +Es kam alles anders, wie er es sich dachte.-- + +Der Morgen brachte die erste Enttäuschung. + +Sie waren hinausgefahren nach dem Glashaus am Lehrter Bahnhof, er und +zwei seiner Sportsfreunde, hatten mit der Karte des Bildhauers +unbeanstandet Eintritt erhalten und drängten mit der festlich +gekleideten Menge--allem, was Berlin an geistigem Leben besaß--der +großen Eingangshalle zu. Sie fanden dort leicht, was sie suchten. +Denn um den "Springer" herum stand bereits ein dichter Haufen von +Menschen, alle ergriffen von der Schönheit und Kraft des Werkes, und +in der ersten Stunde bereits seinen Ruhm mit ihrer einstimmigen +Bewunderung besiegelnd. + +Und es war ein herrliches Werk, das hier, fast in der Mitte der +großen Halle, in dem leuchtenden Weiß seines Marmors vor dem +sattgrünen Hintergrunde hoher Blattpflanzen stand: + +Erst zum Sprunge sich anschickend, noch nicht ganz zu ihm bereit, +erhob sich die jugendliche Gestalt des "Springers" in vollendet +ebenmäßiger Schönheit leicht auf den Zehen empor, streckte wie +flehend die schlanken Arme in die Höhe, um dem Körper Schwung zu +verleihen, und hielt die Augen fest und entschlossen in die Ferne +gerichtet--gewiß des Gelingens, sicher des nahen Sieges... Über der +ganzen Gestalt aber lag zugleich bei aller Kraft eine solche Anmut, +eine solche Frische, daß man den kühlen Duft dieses vielleicht eben +erst dem Wasser entstiegenen Körpers zu spüren glaubte, der sich nun +zu neuem und schwierigerem Sprunge anschickte, und den das Trikot nur +wie ein dünner Schleier umschloß, hinter dessen zartem Gewebe jeder +Muskel, ja die Adern erkennbar hervorzutreten schienen; und obwohl +zum Teil mit diesem Schleier bekleidet, erschien auf den ersten Blick +der ganze Körper wie nackt, bis man die unsäglich feine Arbeit des +Meisters gewährte, für den die leichte Hülle kein Hindernis gewesen +war, das nackte Leben in seiner Wärme zu bilden. + +--"Klassisch schön und doch von modernem Geiste beseelt"--"raffiniert +schlicht"--"einfach antik"--"wo kann er das Modell herhaben?"--"ein +Meisterwerk, ganz ohne Zweifel"--das waren die Ausdrücke, die mit +vielen anderen Namen und Vergleichen, von denen er nichts verstand, +Felders Ohren umschwirrten, als er sich mit seinen Begleitern näher +herangedrängt und nun fast vor der Statue stand. Er fühlte sich sehr +unbehaglich. Alles war ihm hier fremd. Selbst dieses Werk, sein +anderes Ich, das er doch so genau kannte, erschien ihm nicht mehr +dasselbe. War er das?--So trat er doch nicht auf das Brett, wenn er +sprang? + +Er allein unter all den Anwesenden vielleicht stand der Schönheit des +eigenen Körpers verständnislos gegenüber, er und seine Freunde. Sie, +so sehr an den täglichen Anblick nackter Gestalten gewöhnt, hatten +nie über deren Schönheit und Häßlichkeit nachgedacht, und von der +Kunst, die hier zu ihnen redete, verstanden sie nichts. Felder selbst +war zum ersten Male in einer Kunstausstellung, und der Blick auf die +vielen anderen Marmorwerke in dieser hohen Halle, in die lange Flucht +der Säle, von deren Wänden herab die Farben unzähliger Gemälde +leuchteten, machte ihn wirr und beraubte ihn. + +Zudem ärgerte er sich zu sehr, als daß er sich ruhig irgendeiner +Betrachtung hätte hingeben können. Er hatte sich diesen Morgen ganz +anders gedacht. Wie, das wußte er wohl selbst nicht, aber etwa so: +daß er mit dem Künstler vor der Statue stehen würde, aller Augen auf +sich gerichtet, als auf das Modell usw.... So aber geschah nichts +dergleichen. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, man drückte und stieß +ihn von allen Seiten, und wenn ihn zufällig jemand ansah, so hatte er +das Bewußtsein, mit diesem Blicke gefragt zu werden: Was wollen Sie +denn hier? + +Wie hätte aber auch irgend jemand in dem modisch gekleideten jungen +Mann mit dem hohen Hemdkragen und dem steifen Hut, der aussah wie ein +Kommis von Hertzog oder Wertheim, das Urbild dieses Hellenenjünglings +erkennen sollen, dessen Schönheit die Gedanken der Beschauer weit +zurückführte in die seligen Zeiten göttergleicher Menschen? + +Unmutig forderte Felder seine Freunde zum Weitergehen auf; er wollte +versuchen, den Bildhauer und Dr. König zu finden. Die beiden anderen +waren gern bereit: der eine hatte Durst nach einem Frühschoppen, und +der andere fand auch, daß er eine solche Stellung bei einem Springer +noch nie gesehen habe. + +Da--während sie sich hinausstießen--fühlte Felder plötzlich, wie er +angesehen wurde. Der starke Duft eines seltsamen Parfüms, den er +irgendwo und irgendwann schon einmal gespürt hatte, umwehte ihn, und +aufschauend, erblickte er dicht vor sich jene Dame aus dem Café, die +ihn den ganzen Abend so auffallend angesehen hatte und nun ihren +Blick mit demselben festen Ausdruck forschenden Interesses auf seinem +Gesicht ruhen ließ; wie an jenem Abend. Wieder war der alte Herr mit +ihr, und wieder trug sie ein Kleid von heller Seide und einen +auffallend großen Rembrandthut mit schwarzer Feder. Felder hatte kaum +Zeit, sich nach ihr umzusehen; im nächsten Augenblick schon war sie +weiter gegangen, und viele Menschen hatten sich zwischen sie und ihn +geschoben. Er hätte zurückkehren müssen, um sie wiederzufinden. + +Er dachte noch an sie im Weitergehen, als er am Ausgang auf den +Bildhauer traf, der ebenfalls in einer dichten Menschenmenge stand. +Er machte sich sofort los und kam auf Felder zu, als er ihn sah, und +man ging durch den Garten in langem Zuge nach der Osteria. Dort wurde +nun Felder genug und von allen Seiten angesehen, als die Künstler +erfuhren, wer er war, aber er wurde nie das Gefühl los, daß alle +diese fremden Menschen in ihm nur das Modell sahen, und keine Ahnung +davon hatten, wer er eigentlich war... Nach Dr. König sah er sich +vergebens um; er war wohl noch in den Sälen oder überhaupt noch nicht +gekommen. Der Bildhauer, äußerlich borstig und wortkarg wie immer, +war doch durch seinen großen Erfolg erregt und mußte sich immer von +neuem frei machen, um ein paar Worte mit Felder zu sprechen. Dieser +wollte gerne wissen, ob sein Name auch im Katalog stünde. Nein, dort +stand nur "der Springer", meinte der Künstler lächelnd, anders ginge +es nicht, aber er wolle schon dafür sorgen, daß es in möglichst +vielen Zeitungen zu lesen sei, wer ihm Modell gestanden--darauf könne +sich Felder verlassen... "Und am Nachmittage komme ich zu _Ihrem_ +Siege!"--sagte er noch, als Felder sich mit seinem Freunde +verabschiedete und, innerlich recht mißmutig, ging.--Dieser +Nachmittag! + +Wieder einmal erglänzte die weite Halle der Wasserfreunde in dem +festlichen Schmuck der Fahnen und Fähnchen; wieder füllten ihre +Galerien bis auf den letzten Platz die dichten Reihen einer bunten +Zuschauermenge; wieder bot sie das bis in die Einzelheiten immer sich +gleichende, unveränderte Bild eines "Schwimmfestes"... + +Und in eintöniger Gleichförmigkeit verlief Nummer um Nummer des +wiederum viel zu lang ausgesponnenen Programms. Das ganze Interesse +der engeren Kreise konzentrierte sich heute nicht auf die +Schwimmkonkurrenz--Felders Sieg war ganz sicher--sondern auf dessen +Beteiligung am Springen. Längst hatte sich über die Grenzen des S.-C. +B. 1879 hinaus herumgesprochen, wie gänzlich aussichtslos und +vermessen sie war, und überall, in allen Ecken, lauerte das süßeste +und reinste der menschlichen Gefühle, die Schadenfreude, auf seine +Gelegenheit. + +Nur Felder sah und hörte nichts von allem. Still und ernst wie immer +stand er unter seinen Leuten, und seine Augen blickten so ruhig und +siegesgewiß wie immer. + +Heute, heute war sein großer Tag, und kein Zweifel durfte in ihm +aufkommen; kein Zweifel der anderen das eigene, felsenfeste Vertrauen +stören. Er fühlte nur instinktiv die Feindseligkeit um sich herum an +der Art, wie man ihn allein ließ oder ihn dies oder jenes fragte. Was +kümmerten sie ihn?--Nach einer Stunde würde er sie besiegt haben, und +selbst die Widerstrebendsten lagen bezwungen zu seinen Füßen!... + +Als er daher seinen Namen hörte und auf das Sprungbrett trat, um den +ersten der für den Mehrmeisterkampf vorgeschriebenen Sprünge zu tun, +hob er seinen Kopfhöher als je, sah zu der hohen Wölbung der schönen +Halle empor, und in seinen Augen lag (für niemand erkennbar) das alte +Leuchten, tiefer und siegesgewisser, als je zuvor. + +Dann sprang er, und er sprang nicht schlecht. Ein Murmeln nur +begleitete sein Aussteigen aus dem Wasser--Erstaunen bei jenen unter +den Sportsgenossen, die ihn zum ersten Male springen sahen, halber +Beifall bei denen, die den Sprung an seinen eigenen Leistungen, die +sie seit einigen Wochen kannten, verglichen. Noch hatte die +Schadenfreude keinen Grund, sich zu äußern und wagte sich noch nicht +hervor. Weder besonders gut, aber ebenfalls nicht schlecht waren auch +die nächsten Sprünge. Jeder Kenner sah indessen, daß sie einfach nur +besser aussahen, als sie in Wirklichkeit waren, und daß Felder jede +Hoffnung auf einen Sieg hätte begraben müssen, wäre es auf dieses +Springen angekommen. So aber erledigte er nicht nur den zweiten Teil +des Mehrkampfs, das Schwimmen mit einer Bahnlänge von 150 Metern, in +seiner alten glänzenden Weise, so daß er hier die Höchstzahl der +überhaupt erreichbaren Punkte erlangte, sondern er stellte sich auch +im dritten Teile, dem Tauchen, ebenbürtig an die Seite seiner drei +Gegner, indem er, wie sie, alle zwanzig Teller hervorholte, und zwar +in einer Zeit, die sich nur unwesentlich von der ihren unterschied. + +Keiner der Konkurrenten war vor Ablauf von 32 Sekunden aus dem Wasser +gestiegen, Felder 45 unter ihm geblieben. Die Teller hatten bei ihm +weit auseinander gelegen. + +Der Mehrkampfpreis wurde daher trotz der im Springen erreichten +geringen Punktzahl--nicht vergleichbar mit der der anderen--von ihm +gewonnen. Seinem Verein fiel ein Ehrenpreis zu, ihm selbst ein +Andenken, und das eine der gesetzten Ziele war somit von ihm +erreicht: in seinen Lorbeerkranz ein neues Blatt geflochten. Der +Meister im Schwimmen nannte die erste Mehrkampfmeisterschaft sein!-- + +Aber das stille und erwartungsvolle Lächeln, das von den Gesichtern +so manches Kenners unter den Anwesenden nicht wich, zeigte, daß es +noch nicht aller Tage Abend war. Vor allem das Lächeln Grafenbergers. + +Denn das Ereignis des Tages, das Hauptspringen, sollte erst noch +kommen. Und wenn Grafenberger so lächelte, dann hatte er seinen Grund +dazu. + +Heute mehr als je. Denn dieses Hauptspringen, das als dritte +Konkurrenz nach der eben beendeten folgen sollte, hatte eine ganze, +vielbesprochene Geschichte in den letzten Wochen gezeitigt. Als +Felder brüsk und ungestüm seine plötzliche Meldung zu diesem +Hauptspringen im Klub äußerte, und als nach endlosen privaten und +internen Debatten die Furcht vor seiner Drohung die Schale zu seinen +Gunsten neigen ließ, da erklärte Grafenberger ebenso brüsk und mit +weit größerer Berechtigung natürlich: wenn sein Klub denn so +unverhofft einen so großen Springer in seinem bisherigen +Meisterschwimmer "entdeckt" habe und ihm denselben vorziehen wollte, +so möge er das doch tun, und da selbstverständlich jeder Klub nur +einen Konkurrenten zu den Kämpfen entsenden könne, so sei es doch das +beste und einfachste, wenn er, Grafenberger, aus- und in einen +anderen Verein eintrete. Dann könne er ja mit Leichtigkeit beweisen, +wie lächerlich eine solche Bevorzugung sei. So sehr traf jedes seiner +Worte den Nagel auf den Kopf, daß nur übrig blieb, dem Empörten +klarzumachen, wie es sich ja nur darum handele, Felder ad absurdum zu +führen, wie er, dem an dieser Beteiligung gar nichts gelegen sein +könne, ja gerade durch Felders unvermeidliche Niederlage nur seinen, +Grafenbergers, Ruhm als den des ersten Springers im S.-C. B. 1879 +befestigen würde; und so sehr sah dieser selbst auch den Grund aller +Einwendungen ein, daß die Sache in aller Ruhe verlaufen wäre, wenn +nicht--wie immer bei solchen Gelegenheiten--so viel bisher +Unausgesprochenes zutage getreten wäre, was dann endlich doch +Grafenbergers Austritt zur unvermeidlichen Folge hatte. Er, eine weit +weniger ernste und vornehme Natur als Felder, hatte einen Ton +angeschlagen, den der Klub unter keinen Umständen dulden durfte, und +so war er gegangen von dort, wo niemand gegen seinen Willen gehalten +wurde. + +Mit Jubel sofort in einen anderen, ebenfalls altangesehenen Verein, +in die "Privat-Schwimmgesellschaft von 1885", aufgenommen, noch in +letzter Stunde von ihm zu heute gemeldet, erwartete der berühmte +Springer nun im Kreise seiner neuen Klubgenossen das Hauptspringen +mit innerlichster Freude; und schärfer und klarer als er hatte keiner +Felders kümmerliche Sprünge beim Mehrkampf betrachtet und gewertet. + +Vergebens suchte er dem Blick seines früheren Genossen zu begegnen, +mit dem er so manche Jahre Schulter an Schulter um die Ehre des Klubs +gekämpft, und dem er--wie oft nicht in denselben Stunden desselben +Tages--gemeinsam mit ihm zu den höchsten verholfen. + +Felder sah ihn nicht. Nicht sein Lächeln; nicht die boshafte +Erwartung um sich her; nicht die ängstliche Sorge seiner wahren +Freunde, Nagels und anderer. Er sah überhaupt nichts mehr von allem, +was um ihn hervorging. Er fühlte nur die große Erwartung um sich +herum, und als Koepke, der äußerlich Aufgeregteste wieder unter +allen, ihm mit irgendeiner unnützen Frage zu nahe kam, wies er ihn +mit einem barschen Wort zur Ruhe. + +Als das Hauptspringen endlich begann, trat die atemlose Spannung der +Stille ein, die allen Entscheidungen von Bedeutung vorausgeht, und +teilte sich unwillkürlich auch dem Gleichgültigen unter den +Zuschauern mit. Fünf Springer aus den ersten Berliner Klubs, unter +ihnen drei mit bekannten Namen, waren gemeldet. Wie sie ausgelost +waren, kamen sie an die Reihe. Felder hatte die vierte Nummer und die +weiße Kappe erhalten. + +Er sah seine Vorgänger auf das Brett treten, er hörte die Stimme des +Starters, der Namen und Art des Sprunges verkündete, er sah die +Sprünge, er hörte das Wasser klatschen und rauschen, das Murmeln und +den Beifall der Zuschauer; er trat selbst hinter das Brett, sah vor +sich hin, vernahm die gleichmäßige ruhige und klare Stimme des +Starters neben sich, die rief: "Hechtsprung mit Anlegen der Arme und +Anlauf, ein Meter. Herr Franz Felder...", lief, sprang, tauchte unter +und wieder auf, ging hinaus und hinauf zu dem hohen Brett, stellte +sich auf seine äußerste Kante, hob den ganzen Körper auf den +Fußspitzen in die Höhe, sah gradeaus, hörte wieder die Stimme, +diesmal unter sich: "Doppelsalto, rücklings, sechs Meter, +derselbe...", sprang ab, drehte sich in der Luft um sich selbst, +fühlte den Anprall des Wassers wie glühendes Feuer, kam in die Hohe +und stieg hinaus--aber worauf er lauschte, die alten, ihm so +vertrauten Laute des Beifalls vernahm er nicht. + +Stumm und ohne zu wissen, wie er gesprungen, mischte er sich unter +seine Freunde. + +Nach den zwei vorgeschriebenen Pflichtsprüngen kamen die zwei +Pfostensprünge an die Reihe, die, an demselben Tage aus den +Schwierigkeitsgraden fünf und sechs ausgelost und jedem Bewerber vor +einer Stunde mitgeteilt worden waren. + +Auf Felder waren gefallen: + +Als erster ein Seitlingssprung mit 1/4-Drehung um die Längsachse +vorwärts, mit Hochheben beider Arme, bei einer Bretthöhe von drei +Metern: nicht allzuschwer gut auszuführen, und als zweiter ein +Schlußsprung mit ganzer Drehung um die Breitenachse, schwierig bei +genauer Durchführung und der Sechsmeter-Höhe des Brettes. Den ersten +machte er gut; daß ihm der zweite nicht so gelingen würde, wie er +mußte, war ihm seit einer Stunde bereits ganz klar, und er sprang ihn +infolgedessen völlig schlecht, so daß das Publikum zu lachen begann, +während es dieselben beiden Sprünge der anderen des öfteren mit +Beifall begleitete. + +Felder sah und hörte noch immer nichts um sich her. Auch dieses +Lachen nicht. Nur ein Zwischenfall erregte die allgemeine und damit +auch seine Aufmerksamkeit. Als der Nachspringer Felders seine Sprünge +ausführte, erscholl von allen Seiten her, wahrscheinlich mit infolge +des vorhergegangenen, so augenscheinlich verunglückten Sprunges, +lauter Beifall. Die Pause zwischen den Sprüngen dauerte etwas länger +als sonst, und bevor der nächste, letzte Springer an die Reihe kam, +trat der Starter vorn auf das Sprungbrett und sprach mit erhobener +Stimme zu den Zuschauern gewendet: "Die Herren Schiedsrichter lassen +die verehrlichen Anwesenden, Damen und Herren, bitten, bei den +Sprüngen jedes Zeichen des Beifalls und des Mißfallens im Interesse +der Springer selbst zu unterlassen, und den Herren Richtern in keiner +Weise in ihrem Urteil vorzugreifen..." + +Ein Zwischenfall solcher Art war eine Seltenheit und wurde daher +gebührend bemerkt. Einstweilen aber schwieg der ganze Raum, und der +dritte Teil des Hauptspringens, die beiden Kürspringe, begannen unter +allgemeiner Stille. Die "Kürspringe", vom Springer nach freier Wahl +"gekürt", bei denen er an keine Schwierigkeitsgrade und keine Art der +Ausführung gebunden ist, und somit nur die Kraft und Fähigkeit, die +er sich selbst zutraut, entscheidet, sind gewöhnlich lange vorher +eingeübte und in vollendeter Sicherheit ausgeführte Sprünge, die das +Können des Springers in hellstem Lichte zeigen. Da die Zuschauer +ihrem Beifall keinen Ausdruck mehr geben konnten, verliefen die +Sprünge der drei ersten Springer unter dem achtungsvollen Schweigen +des Publikums, bis Felder an die Reihe kam. Statt daß dieser--wie es +nach der ganzen Art und der Kürze der Zeit seines Trainings +eigentlich selbstverständlich gewesen wäre--sich zwei der weniger +komplizierten Sprünge ausgesucht, sie in guter Ausführung gezeigt und +damit wenigstens in ihnen die höchste Wertungszahl erreicht hätte, +erlaubte es ihm sein Ehrgeiz nicht, sein neuerworbenes, noch so +unsicheres Können anders, als in Sprüngen ersten Ranges zu zeigen, +und unter dem Kopfschütteln seiner Freunde, die indessen auf jede +Einmischung verzichteten, hatte er zwei Sprünge gewählt, die ihm hier +und da--wenigstens zur Zufriedenheit Koepkes--gelungen waren und die +er in seiner grenzenlosen Verblendung auch heute vor den Augen aller +ausführen zu dürfen glaubte. Kein anderer Klub hätte einem Mitgliede +jemals etwas Ähnliches erlaubt. Aber der seine war eben +übereingekommen, ihn gewähren zu lassen, und so kam, was +unausbleiblich kommen mußte, und wozu es keines Propheten bedurfte, +es vorherzusagen. + +Gereizt, erregt und wie im Fieber verlor Felder bei diesen letzten +Sprüngen jede Ruhe und jede Besinnung. Er sprang, wie er geschwommen +hatte in den Augenblicken höchster Anstrengung, und vergaß +vollkommen, daß, was dort noch zum Siege führen kann, hier, wo es +einzig im gegebenen Moment auf Selbstbeherrschung und Ruhe ankommt, +unrettbar zur Niederlage werden muß. + +Er sprang, wie er schwamm: wie er zweimal, dreimal--es war schon +lange her--geschwommen hatte, um den enteilenden Sieg noch zu +ergreifen--: mit dem Mut der Verzweiflung. Aber was er bot, das waren +schon keine regelrechten Sprünge mehr, das hatte überhaupt keine +Ähnlichkeit mehr mit den Aufgaben, die er selbst gewählt und sich +vorgeschrieben, das waren krampfhafte Verzerrungen des Körpers, ein +unschönes Sich-Überschlagen in der Luft ohne jede Haltung der Arme +mehr, die um sich griffen, wie um sich zu halten, und endlich ein +wüstes Aufklatschen auf die Oberfläche des Wassers... + +Und während die Richter auf jede Wertung mit dem Niederlegen ihrer +Bleistifte überhaupt verzichteten, während sich auf den Gesichtern +der Umstehenden erst starres Erstaunen ob solcher, nie gesehener +Leistungen malte, das allmählich in offene Fröhlichkeit überging, +während Felders Freunde überlegten, ob sie ihn nicht lieber an dem +letzten der Sprünge hindern und der Blamage ein Ende machen sollten, +begann das Publikum, gereizt durch das Verbot des Beifalls, zu +lachen. Es lachte erst leise, dann ganz laut beim zweiten Sprunge, +und als Felder aus dem Wasser kam, da lachten selbst die Sportsleute +um ihn her, ja die eigenen Genossen, so komisch war der Kontrast +zwischen seiner siegesbewußten Miene und seinen kläglichen Leistungen +gewesen... + +Felder hörte das Lachen, jetzt hörte und sah er es, und er wurde +totenblaß. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich auf den +ersten besten der Nächststehenden stürzen, dann überzog eine dunkle +Röte sein Gesicht, und wortlos verließ er die Reihen, die sich noch +nicht beruhigen wollten, bis das nächste Rennen die Aufmerksamkeit +von dem beendeten abzog. + +Eine furchtbare Wut kochte in Felder, als er allein in einer Ecke des +kleineren Damenschwimmbades, das heute als Auskleideraum für die +Beteiligten galt, saß. Man hatte es gewagt und ihn ausgelacht--ihn, +Franz Felder, den Meister Europas, ihn, ihn!-- + +Er ging auf und ab, auf und ab, aber er wurde nicht ruhiger. Er wurde +das Lachen aus seinen Ohren nicht los. Er würde es nie vergessen +können, das wußte er. Kein Beifall würde es jemals mehr ganz +übertönen können. + +Alles, was er tun konnte, war, die erlittene Wunde so unter neuen +Lorbeeren zu verbergen, daß niemand sie mehr gewahren konnte. + +Das aber wenigstens wollte er, und als er--nach einer halben Stunde-- +geholt wurde und er zum letzten Male an diesem Tage an den Start +ging, nicht zum Springen mehr, sondern zum Hauptschwimmen über die +250 Meter, da waren die Nebel von seinen Augen gefallen, und mit +seinem alten, klaren Blick sah er alles um sich her, die Freunde und +die Feinde, und jetzt war er es, der lächelte. + +Jetzt durfte er es allein, und wer es etwa noch wagen sollte außer +ihm, dem würde er das Lachen von den Lippen vertreiben! + +Nicht wie sonst, ruhig, stet und überlegen seine Bahn +durchschneidend, nichts als das Ziel im Auge, nicht fair und vornehm, +wie man es an ihm gewöhnt war selbst in den schwierigsten Kämpfen, +sondern auf seine Gegner achtend, sie herankommen und voraufgehen +lassend, sie durch die eigene Ungleichmäßigkeit störend, um sie dann +zuletzt rücksichtslos, fast brutal zu schlagen, so schwamm er dieses +Rennen, und als er den Jubel über seine Waghalsigkeit und +Überlegenheit in seinen Ohren erklingen hörte, war er wieder ganz er +selbst. Nie vorher hatte er so geschwommen, und erwußte es. Er wußte +auch, daß er mit diesem Siege keinen Beifall unter seinen Freunden +finden würde. Aber das war es gerade, was er wollte. Sie hatten ihn +ausgelacht, das verzieh er ihnen nicht. Jetzt war ihm auch an ihrem +Beifall nichts mehr gelegen. + +Wie er zum letztenmal für heute sich so die Leiter emporschwang, bis +zu der sich die erste Reihe der Zuschauer hinzog, da, wo die besten +Plätze nahe dem Start waren, die man durch Auflegen von Leinentüchern +gegen das Aufspritzen des Wassers zu schützen versucht hatte, war es +ihm wieder, als stiege der Duft eines seltsamen Parfüms, den er schon +einmal gespürt, zu ihm auf, und als er sich zur Seite wandte, sah er, +daß der erste dieser Plätze, die er beim Hinaussteigen fast streifte, +von der Dame besetzt war, die er an jenem Abend im Café und heute +morgen erst wieder gesehen hatte. Für eine Sekunde begegneten sich +ihre Blicke: sie hielt ihr Kleid mit der Hand zusammen, damit es +nicht naß werden sollte, und lächelte leise, wie heimlich mit ihm +triumphierend über seinen Sieg. Ein neuer Ausdruck schien in ihrem +Blicke zu liegen, etwa wie: wir kennen uns doch, nicht wahr?--Felder +war ganz verwirrt und wandte sich ab. + +Als er angekleidet wieder in die Halle trat, galt sein erster Blick +dem Platze, wo sie gesessen. Aber er war leer, und die ihn +innegehabt, war nirgends mehr zu finden.--Was bedeutete das nun +wieder?--Wie kam sie hierher?--Und warum?--Warum nur?--Es war +seltsam, sehr seltsam. + +Doch er hatte nicht lange Zeit, an den Vorfall zu denken. Zuviel +wogte noch in ihm, und immer von neuem kehrten seine Gedanken zu dem +unverhofften Verlauf des Tages zurück. + +Erst der Morgen. Dann der Nachmittag. Und der Bildhauer und Dr. König +fielen ihm ein, die beide nicht gekommen oder schon wieder +fortgegangen waren, da sie ihm doch nicht Glück wünschen konnten. + +Eines wie das andere--alles war umsonst gewesen! + +Umsonst die zähe, eiserne Mühe langer Monate; umsonst die inneren, +bitteren Kämpfe und alles heiße Ringen; umsonst alle Kraft und Zeit, +die er an diese Sache gesetzt! + +Deutlich hatte er heute die Grenze seiner Kraft erkannt, über die er +sich in unbegreiflicher Verblendung so sehr täuschen konnte. + +Zum ersten und zum letzten Male in seinem Leben hatte er heute +öffentlich gesprungen. Nie würde er von jetzt an wieder einen Fuß auf +das Sprungbrett setzen. Sein Traum war zu Ende.--Er war ganz erwacht, +und er war sich ganz klar. + +Aber nicht, daß er mit seinem Plan gescheitert war, sondern, daß er +sich lächerlich gemacht hatte--das war es, was Felder mit immer +tiefer sich einbohrender, innerlicher Wut gegen sich selbst und gegen +die andern erfüllte. Er war ausgelacht worden. Er--Franz Felder!--Und +er haßte sie alle, die es gewagt hatten!-- + +Aber er durfte jetzt nur noch den einzigen Gedanken haben, nicht zu +zeigen, wie sehr er sich ärgerte. Das beste war jetzt zu tun, als +habe er selbst das Ganze als einen im Grunde nur scherzhaft gemeinten +Versuch betrachtet, um zu beweisen, daß es möglich sei, in ganz +kurzer Zeit fast sämtliche möglichen Sprünge zu erlernen, auch ohne +jahrelange Übung. + +Daher ging er nicht fort, wie er es am liebsten getan, sondern blieb +den ganzen Abend und die halbe Nacht unter seinen Kameraden, war so +lustig, wie es ihm überhaupt möglich war, nahm seinen ersten und auf +immer einzigen Mehrkampfpreis ebenso überlegen lächelnd und +gleichgültig entgegen, wie die Schwimmeisterschaft für Berlin für +dieses vierte Jahr, und brachte es sogar fertig, die Witze, die über +ihn als Springer gemacht wurden, anzuhören, ja, auf sie einzugehen. + +Aber in ihm war etwas gebrochen an diesem Tage des großen +Enttäuschungen. + +Er hatte geglaubt, daß ihm, der so vieles erreicht, nun alles möglich +sein müsse, woran er die Hand legte. Er hatte sich überzeugt, daß er +sich schmählich getaucht--daß es nur ein Gebiet gab, auf dem er +Meister war, und daß er nichts anderes zu tun hatte, als möglichst +lange Meister auf ihm zu bleiben: ob es ihm nun gefiel oder nicht! + +Alles andere war ihm verschlossen. + +Und eine Ahnung dämmerte ihm auf, wie eng der Kreis seiner Welt war. +Es gab andere, weitere Gebiete, von denen er nichts verstand, von +denen er nicht einmal wußte. Ewig unerreichbar für ihn. + +Wohin nun aber sollte er mit dieser ungestillten Sehnsucht seiner +Wünsche, dieser begehrlichen Kraft, die nicht zufrieden war, wie ein +Zirkuspferd im Kreise herum zu trotten?--Wohin mit ihr?!-- + +Es war nur erst eine Ahnung, die ihm gekommen war mit dem heutigen +Tage. Aber schon begann sie ihn zu beunruhigen. + + +8 + +Alles ging wieder seinen alten Gang. + +Äußerlich veränderte sich zunächst nichts im Leben des Vereins. + +Die Springerei Felders betrachtete man als eine Laune, einen +verrückten Einfall, wert höchstens noch eines schlechten Witzes, +hätte man nicht seine unbeschreibliche Aufregung und plötzlich +hervorbrechende Wut gesehen, wenn jemand ihn gelegentlich zu machen +versuchte. So rührte man nicht mehr daran. + +Innerlich aber war zwischen Franz Felder und seinem Klub ein Riß +entstanden, den keine Aussprache heilte und der sich fast täglich +mehr verschärfte. + +Entstanden war er durch Felders eigenmächtige Handlungsweise. Wann +war es je dagewesen, daß das Mitglied eines Klubs auf eigene Faust zu +trainieren begann und daraus sogar vor seinen eigenen Klubbrüdern ein +Geheimnis machte?--Wenn man das wollte, brauchte man keinem Klub +anzugehören. Wäre es nicht Felder und zudem die Idee nicht gar so +absurd gewesen, so würde man ja der Sache noch auf andere Weise näher +getreten sein. So aber... Außerdem würde er wohl jetzt eingesehen +haben, was er davon gehabt hatte!... + +Man sprach mit ihm nicht mehr darüber, aber Felder fühlte wohl, +wieviel an Unmut und Mißtrauen gegen ihn zurückgeblieben war. + +Schlimmer aber war, daß er in den Zeitungen, die in diesen Wochen so +laut den Ruhm des Künstlers, der nach ihm seinen "Springer" gebildet, +verkündeten, als der "Meisterspringer von Europa" bezeichnet wurde. +Es war Felders ehrgeiziger Wunsch gewesen, daß sein Name genannt +werden sollte; und der Bildhauer, von Dankbarkeit gegen seinen +selbstlosen und treuen Helfer getrieben, hatte alles getan, was in +seinen Kräften stand, um ihn zu erfüllen. Daß dabei der Irrtum +unterlaufen war, war zwar nicht seine Schuld, da er wohl wußte, daß +Felder nur Schwimmer war, und da er ja selbst seinem verunglückten +Debüt als Springer beigewohnt hatte; aber immerhin entschuldbar bei +den Kunstschreibern, die wenig von solchen Unterschieden wußten und +sich beim Beschauen der Statue wohl gedacht haben mochten, daß der, +der als Springer dargestellt worden war, auch als solcher sich seinen +Meisternamen erworben haben müßte. + +Wer Felder kannte, wußte, daß ihm am wenigsten an diesem Irrtum +irgendwelche Schuld beizumessen war. Er hätte sich lieber die Hand +abhauen lassen, als einen Erfolg für sich in Anspruch zu nehmen, den +er nicht voll verdient zu haben sich bewußt war. + +Er war außer sich über das Versehen. Er ließ sich von dem Künstler-- +noch einmal führ er zu diesem Zweck den langen Weg nach Wilmersdorf +hinaus und betrat das staubige, nüchterne Atelier wieder, in dem +bereits an einem neuen, großen Werk gearbeitet wurde--eine +schriftliche Erklärung geben, daß er sich ihm nie gegenüber als etwas +anderes ausgegeben habe, als was er wirklich war, und nahm zudem das +Versprechen mit sich, daß alles getan werden würde, um den +bedauerlichen Irrtum wieder gutzumachen. Das Papier stellte er zur +Verfügung des Klubs und dieser betrachtete natürlich die +Angelegenheit als seine eigene. Aber was half das alles! Felder hätte +keine Feinde haben müssen, so zahlreich wie seine Erfolge, als daß +das Versehen nicht gegen ihn ausgenützt worden wäre; und wenn man ihn +auch nicht öffentlich als den Urheber desselben bezeichnete, so gab +es doch genug Stimmen in den feindlichen Lagern, die der Behauptung +nicht widersprachen, daß er geduldet habe, was er so gerne als +Wirklichkeit gesehen hätte... + +Für die immerwährenden Streitigkeiten und Eifersüchteleien zwischen +den Klubs war die ganze Sache Öl ins Feuer, und sie entbrannten zu +Beginn dieses Sommers öffentlich und heimlich heißer als je. Felder, +der so stolz darauf gewesen war, daß seine Person nie den Anlaß zu +irgend solchen gehässigen und die Sache schädigenden Fehden gegeben, +erlebte, daß sie und sein Name in sie hineingerissen wurden und fürs +erste überhaupt von ihnen nicht mehr zu trennen waren. + +Immer wieder kehrte der Gedanke zurück, der an jenem Abend, als er, +äußerlich ruhig und lächelnd, aber innerlich aufs tiefste erbittert +über seine Niederlage, unter seinen Genossen saß und sich zum ersten +Male unter ihnen wieder fremd fühlte, zuerst in ihm aufgetaucht war: +der Gedanke des Austritts. Ein Austritt aus dem einen und der +Übergang in einen anderen Verein war nichts Außergewöhnliches. Es kam +alle Tage vor, daß Träger bekannter Namen aus irgendwelchen, oft ganz +geringfügigen Ursachen ihren angestammten Klub verließen und in einen +anderen übergingen, gewöhnlich eine Anzahl anderer Mitglieder mit +sich ziehend und nicht selten eine Spaltung herbeiführend, die die +Gründung eines neuen Vereins zur Folge hatte. Eine ganze Reihe der +wie Pilze aus der Erde schießenden Klubs war auf diese Weise +entstanden und hatte das Eingehen anderer, älterer, verursacht. Ja, +es geschah, daß manche die Gründung solcher neuen Vereins geradezu +als Sport betrachteten, und es war vorgekommen, daß Träger von Namen, +die zu den allerersten in der Schwimmerwelt zählten, im Laufe weniger +Jahre drei, vier Vereinen angehörten und sie ganz nach ihrem Belieben +wechselten. + +Aber Felder konnte sich doch noch nicht mit dem Gedanken eines +Austritts vertraut machen. Es erschien ihm noch immer als etwas +Undenkbares, daß er den S.-C. B. 1879 verlassen sollte, mit dem er +verwachsen war mit jeder Faser, dem er die glücklichen Jahre seiner +Entwicklung verdankte, und den er durch seine Siege wieder zum ersten +und meistgenannten unter allen gemacht hatte. + +Noch liebte er ihn und alles, was mit ihm zusammenhing. Noch konnte +er nicht von ihm lassen... Er wehrte sich gegen seine Gedanken. + +Aber dann kam ein Tag, der gewissermaßen die Entscheidung über ihn +hinwegnahm. + +Felder reiste nach Hamburg, um zum zweiten Male die Elbmeisterschaft +sich zu eigen zu machen. + +Ein älteres Mitglied, ein Kaufmann, der gerade in Hamburg Geschäfte +hatte, schloß sich ihm an, und Felder konnte es nicht hindern, daß +während der Fahrt die Rede auf die Vorgänge und allen Klatsch und +Tratsch der letzten Zeit kam. So erführ er die Äußerung Nagels bei +Beratung seiner Meldung zum Springen: "daß er ihm eine Niederlage +wünsche, eine gründliche Niederlage"... Das Wort traf ihn wie ein +Schlag. Er ließ es sich zweimal wiederholen, ehe er es glaubte. Dann +wurde er ganz still. + +Er sprach kaum ein Wort mehr an diesem Tage: nicht während der Fahrt, +nicht während der Begrüßung in Hamburg, nicht während des Festes... +Man glaubte dort, er müsse krank sein; aber man sah ihn schwimmen, +mit einer solchen verbissenen Wut und Kraft, daß die bloße Vermutung +lächerlich schien. Sofort nach seinem Siege--und was für ein Sieg war +es wieder!--ging er allein zum Bahnhof, ohne sich von einem Menschen +zu verabschieden, und fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin zurück. + +Er ging sofort in das Restaurant des Klublokals, wo er gewiß war, +seine Leute zu treffen. Er fand einige von ihnen beim Billard. Auch +Nagel. Er wartete, bis die Partie zu Ende war, ohne auf irgendwelche +Fragen Antwort zu geben. + +Dann gingen er und sein alter Schwimmwart in das noch leere +Klubzimmer, und hier, in dem Räume, der die Spuren jeder Etappe in +Felders Laufbahn in irgendeinem Preisstück, von dem einfachsten bis +zu dem kostbarsten, aufwies, hier erfolgte die Auseinandersetzung +zwischen den alten Freunden. + +Felder war maßlos erregt; Nagel blieb ruhig wie immer. Und nichts +reizte den anderen so sehr, wie diese kühle Ruhe. + +--Ist es wahr, daß du mir eine Niederlage, eine _Niederlage_ +gewünscht hast?--begann Felder, und die Antwort, die er bekam, +brachte ihn außer sich: + +--Ich habe sie dir nicht gewünscht; aber ich habe gesagt, eine +gründliche Niederlage sei das einzige, was dich noch zur Besinnung +bringen könne... + +--Er sei also nicht bei Besinnung? + +--Er sei seit einem halben Jahre so völlig von Ehrgeiz und Ruhmsucht +verblendet, das er jede Direktive verloren habe und nach dem +Unmöglichen strebe. + +Und nun sprach Nagel ruhig und lange, und wenn manches auch wahr war, +was er sagte, so war anderes doch auch einseitig und unverständig, +und alles war hart und scharf und unfreundlich. Felder hörte es bis +zum letzten Worte an. + +Er möge sich doch nicht einbilden, setzte Nagel auseinander, daß man +die Wandlung in seinem Wesen nicht schon seit langem und mit immer +größerem Mißfallen beobachtet habe. Daß er der Entwicklung in dem +Ausbau des Klubs nie das nötige Interesse entgegengebracht habe, +darüber war man sich ja schon lange klar gewesen. Wann habe er sich +wohl jemals um den inneren Fortschritt des Vereins gekümmert?--Habe +er zum Beispiel jemals der Jugendabteilung in ihrer Ausbildung +geholfen?--Sei er auch nur ein einziges Mal einem der Jüngeren mit +Rat und Hilfe zu Seite gestanden?--Sei er nicht immer nur mit +Widerstreben an die Beteiligung bei dem Wasserpolo gegangen, und nur +dann, wenn es unumgänglich nötig gewesen war?--Habe er nicht noch +letzthin seine Beteiligung am Staffettenschwimmen aus reinem Hochmut +einfach abgelehnt?--Immer habe er nur an sich gedacht, schon als +kleiner Junge, immer nur an sich, und alles andere sei ihm schnuppe +gewesen. Auch mit den Kämpfen des Vereins um seine Existenz innerhalb +der Bewegung (damit meinte Nagel die Streitigkeiten mit anderen +Vereinen) habe er sich nie befaßt, sondern sei immer gleichgültig +und mürrisch nebenher gegangen, und wenn er sich in letzter Zeit +beteiligt habe, so sei es nur geschehen, um seine Person auch hier +in den Vordergrund zu drängen. Denn im Vordergrunde müsse er jetzt +natürlich überall stehen. Nicht zufrieden mit seinen unvergleichlichen +Erfolgen in Deutschland und im Auslande als Schwimmer, habe er dann +endlich sogar seine Hände nach den Lorbeeren anderer gestreckt und +sie an sich zu reißen versucht. Das sei ihm zwar nun nicht gelungen, +und darüber freue er sich, er, Nagel, der ihn immer gewarnt habe, +seinem Ehrgeiz allzusehr nachzugeben... + +Denn wohin könne ihn dieser jetzt noch führen?--Höchstens noch zur +Spezialität, zum Berufsschwimmer. Dann aber sei es mit seiner +Entwickelung zu Ende, dann sei er kein Sportschwimmer mehr, sondern +nur noch eine Abnormität. Ein Professional, der seine Kunst für Geld +zeige. Aber es sei nie der Zweck des Klubs gewesen, dem anzugehören +sie beide die Ehre hatten, solche hors-concours-Größen heranzuzüchten; +sein Ziel und einziger Zweck sei die gedeihliche Pflege des +Schwimmsportes, und nichts anderes... + +So redete Nagel, und er sprach noch in seiner weitschweifigen und +langsamen Art, als die anderen von ihrem Billard aus dem Nebenzimmer +und immer mehr Mitglieder, ältere und jüngere, hereinkamen, sich um +den Tisch setzten und gespannt zuhörten. + +Leider war Brüning nicht unter ihnen, Brüning, der einzige, der mit +seiner Gemütlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner +Zuneigung für Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die +Sache noch hätte ins rechte Geleise bringen können. Er war nicht in +Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner plötzlichen Reisen. +Felder saß stumm und blaß da. Jedes der Worte Nagels ließ den Groll +und die Bitterkeit in seinem Herzen höher und höher steigen. Das war +ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der +Vorwürfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er hätte sich +nicht um das Gedeihen des Klubs gekümmert, er, der nur für ihn, nur +in ihm all diese Jahre gelebt hatte?--Zwar mit der Jugendabteilung +hatte er sich wenig befaßt, das war richtig; aber er verstand nun +einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht +der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, daß er +selbst in unermüdlichem Eifer sich ausgebildet hatte?--Wie hätte er +es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen können? Wie hätte +er sich dankbarer erweisen können, als dadurch, daß er alle Erfolge +mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu +Ehren brachte?--Er habe sich früher nicht an den Debatten beteiligt. +--Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten +ihn nun einmal an. Dafür habe er geschwommen, geschwommen, siegreich +geschwommen!... War das nicht mehr wert, als alle Worte?-- + +So wies er innerlich jeden der Vorwürfe, einen nach dem anderen, +zurück, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden +Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so daß er, als Nagel +endlich geendet und er blaß und verwirrt aufstand, um zu antworten, +fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfällige, dem +Redegewandten entgegnen wollte. + +Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhängende +Worte und halbe Sätze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrücken-- +und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine +Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als +suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhörten Beleidigungen und +Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht +vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt +sah. Sie war heute gekommen, während er nach Hamburg gefahren war. +Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit für Felder +einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher +Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude +zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen +so berühmt gewordenen Werkes für das Vereinszimmer stiftete... Nun +stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder. + +Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals +wallte ein mächtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er +ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor +Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her +auch nur eine Spur von Verständnis für seine Gefühle fand, über den +ganzen Tisch hinweg: + +--Ja, Niederlagen wünscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern! + +Das hätte er nicht sagen dürfen, und er merkte es sofort an der +Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe, +höhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners: + +--Sogar von dem Meisterspringer... + +Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wußte nicht mehr, was er tat. +Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, daß ein +Arm abbrach, faßte sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in +tausend Splitter zerbrach. + +Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging +ihm nach. + +Als er im Torwege des Hauses an der Straße stand, fühlte er +plötzlich, daß seine Augen naß waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit +dem Handrücken über sie hin. Dann merkte er, daß es Tränen waren. Er +wunderte sich. + +Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, daß er weinte. + +Dann lachte er laut auf, trotzig und verächtlich. + + +9 + +Koepke mußte den Brief aufsetzen, in dem Felder seinen Austritt +anmeldete. Kein Entwurf genügte dem im Innersten Gekränkten. Sogar +der übliche "Schwimmergruß" am Ende mußte fortbleiben und wurde durch +das steife "Hochachtend" ersetzt. Endlich entschied er sich für die +kürzeste Fassung. Trotzdem dauerten Vorbereitungen und Ausführung der +Abschrift fast eine Stunde.--Daß Koepke zugleich mit ihm austrat, war +ebenso selbstverständlich, wie nebensächlich. + +Es war kaum bekannt geworden, daß Felder den S.-C. B. 1879 verlassen +wollte, als sich bereits mehrere der ersten Berliner Schwimmvereine +um seine Mitgliedschaft bewarben. Alle wären stolz darauf gewesen, +den Meisterschwimmer ihr eigen zu nennen. Aber Felder hatte bereits +entschieden, und es war mehr ein Zufall, als Absicht, der ihn den +Klub "Hecht" wählen ließ. Er traf eines Abends mit mehreren der ihm +gut bekannten Mitglieder zusammen, ein Wort gab das andere, und +Felder war sein Mitglied, ehe er sich dessen versah. Es war kein +besonders hervorragender, aber geachteter und strebsamer Verein, der +sich natürlich mit dem S.-C. B. 1879 in keiner Beziehung messen +konnte, aber doch auch nicht zu jenen kleinen Klubs gehörte, die +lediglich aus Vereinssimpelei entstanden waren und das Schwimmen nur +so nebenbei betrieben. Er setzte sich in seiner Herrenabteilung meist +aus kleinen Gewerbetreibenden und Beamten, in seinen jüngeren Leuten +aus deren Angehörigen und Bekannten zusammen und bildete +gewissermaßen eine große Familie. + +Für Felder war die Art und Weise entscheidend, mit der man ihm +entgegenkam. Man betrachtete seinen Eintritt als hohe Ehre und nahm +die Gelegenheit sofort wahr, den Tag als Fest zu feiern, wie man +überhaupt in geselligen Zusammenkünften groß war. + +Felder gebot von der ersten Stunde an unumschränkt in allem, was er +wollte und wünschte. Das war nun zwar niemals mehr, als Beteiligung +an jeder irgendwie bedeutsamen Schwimmkonkurrenz. Denn jetzt, wo er +sich endgültig auf dieses, sein Gebiet, beschränkte, war seine +Eifersucht, unumschränkt auf ihm zu herrschen, größer als je. Keiner +widersprach seinen Wünschen. Dafür erwartete man Wunderdinge von ihm, +als Geringstes einen ganz neuen Aufschwung des Klubs. + +Der Anfang war vielverheißend. Man leerte die Kasse willig, um Felder +auf möglichst viele auswärtige Feste senden zu können, und freute +sich kindlich an den eroberten Preisen, mit denen man das noch recht +kahle Klubzimmer schmückte. So siegte er im Laufe der Sommermonate +nacheinander: im Schwimmen um die "Havelmeisterschaft", bei dem neben +ihm nur noch einer startete; in Magdeburg im Schwimmen um die +"Elbmeisterschaft", die er nun schon zweimal sein nannte; in dem +großen "Müggelseeschwimmen", einem heißen Kampfe; in Hannover, wo er +allein an den Start ging, und daneben in mehreren lokalen +Veranstaltungen der Berliner Klubs. Er unterlag eigentlich nur ein +einziges Mal, als er auf dem Gastschwimmen des "Triton" sich von dem +Favorit dieses Klubs im Brustschwimmen zu dessen eigenem Erstaunen +schlagen ließ. + +Aber die Kämpfe dieses Jahres standen unter keinem günstigen Zeichen +und nicht auf der Höhe derer der Vorjahre. Die Europameisterschaft +wurde nicht in England ausgefochten, sondern in Wien. Als Felder im +August dort hinreiste, fand er weder von England, noch von Italien +Konkurrenten vor. England hatte, wie gewöhnlich, keine entsandt, und +der italienische Meister, mit dem er nun schon zweimal so erfolgreich +gerungen und der Stein und Bein geschworen, ihn beim dritten Male +unterzukriegen, war nicht erschienen. Er sei krank, hieß es... +Deutschland hatte überhaupt keinen geschickt außer ihm. Es +konnte nichts Besseres tun. Aber die Freude an der diesjährigen +Europameisterschaft war Felder getrübt. Er wäre nur zufrieden +gewesen, wenn er sie gegen die ersten Meister der Welt auch diesmal +hätte verteidigen können, vor allem gegen jenen australischen +Schwimmer, von dessen phänomenalen Leistungen die internationalen +Sportblätter so viel sprachen, dessen Rekord über die 1000-Meter- +Strecke den seinen um zwei Minuten übertraf und dessen Porträt +deshalb in der letzten Nummer des "Sport im Bilde" neben das seine +gestellt war. Aber der war nicht gekommen und auch nicht erwartet +worden... Er messe sich nur in Australien und England, hieß es. + +Als Sieger kehrte er zurück, mit Jubel empfangen. Als Sieger ging er +auch aus dem diesjährigen großen Verbandsschwimmen in Charlottenburg +hervor, wo er einen doppelten Triumph davontrug. Denn hier führte er +zum ersten Male die neuen schwarz-gelben Farben gegen die blauweißen +ins Feld. Der S.-C. B. 1879 wagte es und hatte zum Schwimmen über +dreihundert Meter--wie früher ihn--ein Mitglied gemeldet. Felder +lachte, als er es hörte.--Gegen ihn!--Man wollte ihn ersetzen?--Man +sollte sich täuschen. Er wollte ihnen zeigen, was sie an ihm verloren +hatten. Und es machte ihm ein grausames Vergnügen, den früheren +Klubgenossen, mit dem er so manches Mal zusammen im Spiel geübt +hatte, noch neben sich liegen zu lassen, als die anderen drei +Konkurrenten schon längst hinter ihnen geblieben waren, ihm zu +erlauben, bis auf Körperlänge ans Ziel zu kommen, schon die Rufe zu +hören, die früher ihm gegolten, und ihn dann unter dem tosenden +Beifall der Schwarz-Gelben und aller Zuschauer um diese eine +Körperlänge zu schlagen, indem er mit seinem gefürchteten und +berühmten Anschlag ans Ziel ging... + +An diesem Abend, als er neben diesem 300-Meter-Siege auch noch den +neu gestifteten "Kaiserpreis" für den "Hecht" erwarb und seine neuen +Genossen nicht genug tun konnten, ihm ihre Freude und Dankbarkeit zu +beweisen, während der S.-C. B. 1879 in corpore das Lokal der +Preisverteilung verließ, genoß er ganz das Gefühl der Genugtuung +gesättigter Rache. + +Aber in nächster Zeit, in den langen Tagen und Wochen zwischen den +großen Festen, sonst stets so ausgefüllt durch ruhige Arbeit und +frohen Verkehr mit lieben Freunden, fühlte er mehr als je, was er in +diesem Sommer verloren. Keinen der beiden Schläge--die ersten, die er +in seinem Leben empfangen,--vermochte er zu verwinden: weder die +Niederlage im Springen, noch den Verlust seines Klubs. Der eine hatte +ihn noch trotziger und eifersüchtiger gemacht, obwohl sie ihn tief +verletzt; aber an dem anderen litt er. Es war eine Wunde, die sich +nicht schließen wollte. + +Denn unter seinen neuen Genossen fühlte er sich fremd. Wie als Knabe +schon, war er auch jetzt noch nicht imstande, sich schnell an neue +Menschen anzuschließen und im Verkehr sich leicht zu geben. Das wurde +natürlich auf der anderen Seite ebenfalls empfunden und manche +Versuche vertraulicher Annäherung hörten von selbst auf. + +Felder war nicht mehr zufrieden und glücklich. Noch standen seine +Siege ganz auf der Höhe derer vom Vorjahre. Er schwamm noch ebenso +tadellos, sein Stil war unanfechtbar, wie seine Siege, aber sie +machten nicht mehr dasselbe Aufsehen wie bisher. Man hatte sich an +sie gewöhnt und erwartete nichts anderes von ihm. Er selbst legte +ihnen nicht den Wert mehr bei, wie früher.--Manche sagten, eine +gewisse Gier und Rücksichtslosigkeit habe sich seiner bemächtigt, die +ihm früher nicht eigen gewesen sei. + +Vielleicht täuschten sie sich, weil er nicht mehr so ruhig war, wie +sonst, nicht mehr mit derselben frohen Unbekümmertheit und Heiterkeit +an den Start ging. Aber in einem hatten sie recht: Felder war +wirklich ein anderer geworden. Er war nicht mehr zufrieden, nicht +mehr glücklich. + +Außerdem beschlich ihn jetzt zuweilen ein ganz neues Gefühl, das er +nie vorher gekannt hatte: er fühlte sich einsam. + + +10 + +Es war nichts Besonderes, daß sich im Briefkasten des Klubs Sendungen +für Felder befanden. Glückwünsche, Einladungen zur Beteiligung an +Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und +Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, daß sich +unter all diesen geschäftlichen Dingen, die sämtlich von Koepke mit +rührender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so +daß Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte-- +es war nicht das erstemal, daß sich unter den Eingängen Schreiben von +zarter Hand befanden, auf die der Empfänger zwar nie reagierte und +die er meistens dem Gelächter seiner Freunde preisgab, Briefe, die +ihn aber doch dazu veranlaßt hatten, seine Korrespondenz erst selbst +durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretär auslieferte. Eines +Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in +der Hand, als er wußte, von wem er kam. Er spürte einen schwachen, +unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er +allein war, öffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden +Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die +schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und +nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese +Zeilen: + +"--Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich weiß, Sie werden kommen. +Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten- +und Taubenstraße, der südwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort, +wo die Litfaßsäule steht, erwarten, um Sie zu mir zu führen. Ich +weiß, Sie werden kommen!..." + +Felder war ganz verblüfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief +war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch +dessen Schriftführer, wie schon so mancher andere, einfach an den +"Hecht" weitergesandt worden. Es war kein Zweifel möglich. + +Und plötzlich, während er noch das Papier in der Hand hielt und nicht +wußte, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame +Duft eines bestimmten Parfüms auf und mit ihm die hohe, schlanke +Gestalt in grauer Seide mit dem kühnen und festen Blick. + +Das war sie, die ihn damals im Café so unverwandt angeblickt, die er +in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben +Tages--er biß die Zähne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte--zum +dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder... + +Sie mußte es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein. +Der Brief war von ihr. + +Aber was fiel dieser Person denn ein?--Das war ja der reine Wahnsinn, +einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton! +Aber sie irrte sich, diese "Dame". Er war keiner von denen... Sie +konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in +einen unförmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bückte er sich, +las die Zeilen noch einmal und zerriß den Brief in lauter kleine +Stücke, die er fallen ließ. + +Also _das_ wollte sie von ihm!-- + +Aber sie konnte lange warten. Einstweilen würde sie sich schon mit +ihrem Alten begnügen müssen. + + +11 + +So ging auch dieser Sommer zu Ende, und Franz Felder war fast froh +darüber. Viele neue Ehren hatte er ihm gebracht, keine neuen, keine +reinen Freuden mehr. + +Alles war anders geworden gegen den vorigen. Ein kurzes Jahr, und +welche Veränderungen!-- + +Getrennt von seinen alten Freunden, fremd und unheimisch unter den +neuen; nicht mehr dumpf in den engen Bezirk eines abgeschlossenen +Lebens gebannt, sondern beunruhigt durch Einblicke in die +Lebensführung anderer Kreise, erworben auf weiten und +abwechslungsreichen Reisen beim Streifen weiterer Fernen; neben +unerhörten, nicht endenwollenden Siegen eine lächerliche, zwecklose, +einzig selbstverschuldete Niederlage--hatte er Gefühle von +Bitterkeit, Groll und wiederum gesättigter Rache kennen gelernt, die +der schlichten, frohen Unbekümmertheit seiner Jugend bisher völlig +fremd gewesen waren. + +Er hatte die höchste Höhe erreicht. Keine bewundernden Augen folgten +seinem Aufstieg mehr. + +Er stand oben, ganz allein, wie er es gewollt. Nun ging es in +schwindelnder Höhe von Grat zu Grat, und wer ihm nachsah bei seiner +hastigen Wanderung von Sieg zu Sieg, ohne Ausruhen, ohne Freude mehr, +der konnte sich eines bangen Gefühles für ihn nicht erwehren. + +Eines Tages würde er fallen in den Abgrund der Vergessenheit. + +Felder selbst wußte es. Aber wie der tollkühne Wagehals, der in +atemloser Hast von Gipfel zu Gipfel eilt und keinen Blick rückwärts +mehr in die Tiefe zu tun wagt, weil er fürchtet, der Schwindel könne +ihn ergreifen und niederreißen, so wollte auch er nicht mehr daran +denken, woher er gekommen war, und nicht wissen, wohin er ging. + +Statt in ruhiger Wahl sich die schönsten der Früchte von dem Baume zu +pflücken und sie zu genießen, rüttelte er in unersättlicher Begierde +an ihm und ließ sie zur Erde fallen, ohne sich kaum noch die Mühe zu +geben, sie zu zählen. + +Die stille Wut des Gehetzten überfiel ihn zuweilen, von dem man das +Unmögliche verlangt und der doch über seine eigene Kraft nicht hinaus +kann. + +Und doch war er es ganz allein, der sich unaufhörlich antrieb mit den +quälenden Zurufen seines Innern: "Weiter!--weiter!--Immer weiter!-- +Nur kein Stillstehen! "... + +Er schwamm nicht mehr, wie bisher. + +Er hatte keine Achtung mehr vor seiner eigenen Kunst, weil sie ihm +nicht mehr die höchste Freude war. + +Wie er angefangen, in seinen Gegnern seine Feinde zu sehen, so sah er +einen Feind jetzt auch in seinem Wasser. + +Nie tummelte er sich mehr in ihm, wie als Knabe im kindlichen Spiel; +nie rang er mehr mit ihm, um die Kraft des Jünglings in ehrenvollem +Kampfe mit dem Gegner zu messen. + +Das Wasser war sein _Feind_ geworden. Er kämpfte mit ihm auf Tod und +Leben--um sein Leben! + +Und er behandelte es, wie einen Feind. Er grüßte es nicht mehr mit +frohem, leuchtendem Blick, wenn er seine glitzernde Fläche sah. Er +koste es nicht mehr mit warmer Hand und hielt keine vertrauliche, +heimliche Zwiesprache mehr mit ihm. + +Hastig kam er, griff beim Sprunge mit den Händen in die Flut, als +wolle er sie würgend bei der Gurgel packen, schlug und mißhandelte +sie, wenn sie ihn nicht schnell genug zum Ziele trug, und das Wasser +schien es zu fühlen. + +Er bildete sich ein, es setze ihm seit einiger Zeit einen geheimen +Widerstand entgegen, als trüge es ihn nicht mehr so leicht wie bisher +zu seinen Zielen, und rasend vor Wut mißhandelte er es mit den +Fäusten, um es seinem Willen gefügig zu machen. + +Und das Wasser murrte und grollte und schrie unter diesen ungewohnten +grausamen und rohen Schlägen, und bäumte sich auf, und ließ ihn doch +immer noch gewähren, weil es ihn vor allen so lange geliebt hatte und +immer noch liebte. + +Aber Felder hörte die heimliche Warnung der vertrauten Stimme schon +nicht mehr. + + + + +Vierter Teil + + +1 + +Er war nicht mehr zufrieden und nicht mehr glücklich. + +Es schien ihm, als habe sein Leben keinen Inhalt mehr. Was seine +Freude gewesen war, war es nicht mehr. + +Und stärker und stärker wurde das Gefühl der Einsamkeit in ihm. Er +hatte zwar jetzt jeden Abend etwas vor, ging hierhin in ein +Varietétheater, und dorthin zum Bier, aber wiewohl er in Gesellschaft +war, fühlte er sich doch allein. + +Eines Tages erhielt er einen zweiten Brief, auf demselben starken, +rauhen Papier mit dem unbeschnittenen Rande: "--Vergessen Sie nicht: +_jeden_ Freitag Abend um 8 Uhr erwartet man Sie an der Ecke der +Tauben- und Charlottenstraße, dort, wo die Litfaßsäule steht, denn +ich weiß, Sie werden kommen. Einmal werden Sie kommen--ganz +sicher!"... + +Wieder knitterte er ihn zusammen, und wieder faltete er ihn +auseinander, um ihn abermals zu lesen. Die Geschichte wurde ihm +unheimlich. Der bestimmte, überlegene Ton des Briefes ließ diesmal +kein Lachen in ihm aufkommen. Wenn er noch seine alten Freunde gehabt +hätte, würde er einem von ihnen, zum Beispiel Brüning, den Brief +gezeigt haben. Unter seinen neuen war keiner, dem er sich anvertrauen +mochte. + +Er dachte zuweilen an die erste Begegnung im Café und die beiden ihr +folgenden. Manchmal, wenn er eine schöne Frau oder ein hübsches +Mädchen sah, kam ihm die Fremde ins Gedächtnis, und immer fiel der +Vergleich zu ihren Gunsten aus. Immer dachte er auch daran, daß sie +an jenem Nachmittag seinem Unterliegen beigewohnt--weshalb war sie +damals gekommen, wenn nicht seinetwegen?--Wußte sie, wer er war?--Und +was mußte sie nun von ihm denken?-- + +Das Rätselhafte der ganzen Sache begann ihn zu beschäftigen. Diese +geheimnisvollen Briefe--woher hatte sie seinen Namen erfahren und den +des Klubs?--Sie mußte ihn an jenem ersten Abend im Café gehört haben, +anders war es überhaupt nicht möglich. + +Und dieses Rendezvous?--Ecke Tauben- und Charlottenstraße. Das war am +Schauspielhause. Auf dem Gendarmenmarkte. Wer erwartete ihn dort?-- +Und was wollte sie von ihm?--Was konnte sie von ihm wollen?--Nur +eines! + +Nie wäre er hingegangen, wenn er sich nicht so einsam gefühlt hätte, +wenn sie ihn nicht an jenem Nachmittage gesehen und--wenn sie nicht +so schön gewesen wäre! + +Denn sie war so schön, daß er sie nie vergessen hatte. Als er diesen +zweiten Brief bekam, fühlte er es; und er zerriß ihn nicht, sondern +steckte ihn zu sich. + +Dann wieder kamen ihm diese Aufforderungen dumm und schamlos vor. Er +wußte ganz gut, was sie von ihm wollte. Er war kein kleiner Junge +mehr, und zudem war er ein Berliner. Mit ihm "sich amüsieren"--das +wollte sie!... Schließlich, nachdem er den ersten Freitag und den +zweiten hatte verstreichen lassen, beschloß er, an einem nächsten +einmal an der bezeichneten Ecke vorbei zu gehen. Er wollte doch +einmal nachsehen, wer denn dort auf ihn wartete. Wahrscheinlich +niemand... Sie hatte es jetzt wohl aufgegeben, nachdem sie einmal +gesehen, daß "mit ihm nichts zu machen war".-- + +Um sieben Uhr kam er von der Arbeit. Um acht war er an der Ecke. Er +hatte recht: es war niemand da, um ihn zu "erwarten". Er war doch ein +rechter Esel. Da--schon wandte er sich zum Gehen--stand, wie aus der +Erde gewachsen, dicht neben ihm eine alte, kleine Frau, in einen +weiten Mantel gehüllt und den Kopf halb unter einer großen Kapuze +verborgen, so daß Felder nur die scharfe Nase und die dunklen, +funkelnden Augen sah, und sagte mit einem fremden Akzent hastig und +bestimmt: "Bitte mir nur zu folgen!--Nicht weit..." + +Wo war sie so plötzlich hergekommen?--Hatte sie hinter der Säule +gestanden?--Oder war sie aus einer der wartenden Droschken +gestiegen?--Felder erfuhr es nie. Aber er folgte ihr fast willenlos, +so überrascht war er. + +Die Alte ging schnell vor ihm her. Noch überlegte er, ob er nicht +umkehren sollte, als sie bereits vor einem Hause halt machte und die +Tür öffnete. Er hatte nur Zeit, zu fragen: "Wohin führen Sie mich +denn eigentlich?"--Aber die Alte verstand seine Frage offenbar gar +nicht. Sowie er die ersten Worte sprach, unterbrach sie ihn und sagte +wieder nur (und es war wie eine eingelernte Redensart) schnell und in +hartem Deutsch: "Bitte mir nur zu folgen!--Gar nicht weit!--Schon +hier!"--Nochmals, als sie dann die Treppen hinaufstiegen und er immer +weiter, wie gebannt, folgte, wollte er fragen und sich wehren, aber +wieder wurde eine Tür geöffnet, aus dem Entree strömte es ihm hell +und warm entgegen, und die Alte wiederholte, indem sie ihn durch +Gebärden aufforderte, seinen Überzieher abzulegen und ihm dabei +behilflich war: "Schon hier!--Schon hier!"-- + +Im nächsten Augenblick stand Franz Felder in einem hohen, dämmerigen +Gemach: schwere Teppiche auf dem Boden, schwere Portieren über den +Türen und Fenstern, schwere Fauteuils und Ruhestätten, aber sonst +alles klein und leicht, die tausend verschiedenen Luxusdinge aus der +Umgebung einer verwöhnten Frau. + +In der Mitte des Zimmers stand sie selbst, in einem dünnen fast +durchsichtigen Gewande, ihn erwartend. Als sie ihn sah, ging +sie langsam auf ihn zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sie waren +allein. Sie sah ihn an, aber ganz anders, wie sonst: mit einem +unbeschreiblichen Lächeln. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und +ihr Körper preßte sich dicht an den seinen. + +Dann küßte sie ihn, und es war wie ein Aufatmen, als sie dann das +erste Wort sagte: "Endlich!..." + +Er stand ganz still. Er wußte nicht, was er tun sollte. Aber das Blut +stieg ihm zu Kopf: wie schön sie war!--Und der Duft, der fremde, +seltsame Duft, der von ihr ausging, dieser Duft, den er kannte, +berauschte ihn und brachte ihn um seine letzten Sinne. + +Noch wollte er nicht. Aber er mußte. Wie schön sie war!... Er wußte +schon nicht mehr, wo er war und was er tat. + +Sie sah es. Sie empfand es. + +Und da regte sich in ihr, die diesen Augenblick seit Monaten mit +verhaltener Gier ersehnt, und in ihm, der sich vor diesem Augenblick, +ohne es sich klar zu machen, gefürchtet hatte, die Lust ihn zu +verlängern, und Auge in Auge, mit heißem Atem und glühenden Händen, +maßen sie ihre Stärke aneinander--diese schönen Menschen, beide in +der Fülle einer in stetiger Ausdauer geübten Kraft. + +Aber in ihm erwachte der Mann. Und da er der Stärkere war, nahm er +sie, wie sie es wollte und gewollt hatte seit der Stunde, in der sie +ihn zum ersten Male gesehen und für sich begehrt. + + +2 + +Sie wurde sein Leben von da an. + +Sie wurde es so sehr, daß er über ihr sogar sein Liebstes vergaß. Er +hätte es bisher für eine Unmöglichkeit gehalten, mehr als zwei Tage +vergehen zu lassen, ohne im Wasser gewesen zu sein. Ganz selten war +einmal einer gegangen, an dem er sich nicht in sein Element gestürzt +hätte, und zwei wohl nie, solange er denken konnte. Nun geschah es, +daß drei oder vier vergingen, ohne daß es ihm in den Sinn kam, zu +schwimmen. + +Er dachte nur noch an sie: an ihren Mund, an ihre Augen, an jede +Einzelheit ihres Körpers, der sein geworden war und es jeden Tag von +neuem wurde. + +Es war ein seltsames Verhältnis. Als er eine Woche fast jeden Abend +bei ihr gewesen war, wußte er noch nicht einmal ihren Namen; als er +sie vier Wochen kannte, wußte er nicht viel mehr, als daß sie +Georgette hieß. Vielleicht nannte sie sich auch nur so. + +Erst wollte er alles wissen. Er wollte schon dahinter kommen. Aber er +gelangte selten dahin, eine Frage zu tun; und dann hatte sie eine so +eigentümliche Art, auf Frägen, die ihr nicht paßten, zu erwidern, +ohne sie zu beantworten. Nie erfuhr er das, was er eigentlich wissen +wollte. Und wenn sie nicht mehr ausweichen konnte, dann konnte sie so +leise bei seiner Frage lachen, als sei diese Frage nur ein guter Witz +von ihm.--Es kam nie zwischen ihnen zu einem Gespräch. Er so +schwerfällig, so unerfahren und selbst so schweigsam, war unfähig, +ein solches in Gang zu bringen; und sie--entweder hatte sie nur die +kurzen, abgerissenen Worte der Leidenschaft, oder sie lag ihm +gegenüber, rauchend und ihn unverwandt anblickend, bis sie aufsprang, +die Zigarette fortwarf und sich von neuem an ihn schmiegte. + +Etwas Fremdes haftete allem an, was sie tat und sagte. Ihre Sprache +war kein reines Deutsch, sondern ein Gemisch von Ausdrücken, die sie +auf ihren Fahrten durch aller Herren Länder aufgelesen. Denn sie +kannte alles, war überall gewesen, hatte alles gesehen--und wenn dem +jungen Manne hier und da einer der vielen fremden Gegenstände, mit +denen ihre Zimmer überladen waren, in die Augen fiel und er sie nach +seinem Ursprung fragte, dann geschah es auch wohl, daß sie eine Art +von Geschichte daran knüpfte: aber nie zusammenhängend, nie so, daß +sie ein Stück ihres Lebens wurde. + +Und so war und blieb sie: immer schlagfertig, immer bereit und im +Gründe nie direkt ausweichend, aber doch nie und nichts wirklich +gebend... nichts, außer sich selbst!... + +Sie selbst fragte ihn nie nach irgend etwas. Aber sie unterbrach ihn +auch nie und schien sogar interessevoll zuzuhören, wenn es einmal +geschah, daß er sein Schweigen brach und von sich und seinen Erfolgen +anfing zu erzählen. Lange hatte es schwer auf ihm gelegen, daß sie +ihn gerade an jenem Unglückstage gesehen, an dem er seinen ersten un4 +letzten Versuch in der fremden Kunst machte, und er suchte ihr +weitschweifig zu erklären, wie alles gekommen war... Sie begriff +indessen durchaus nicht die Wichtigkeit, die er der Sache beilegte. +Genügte es nicht, daß er unbestrittener Sieger im Schwimmen war?--Kam +ihm da einer gleich?--Was wollte er denn noch mehr?--Im Grunde sagte +sie ihm dasselbe, was seine Freunde ihm auch gesagt hatten. Ihr war +er recht so. Er war ja so schön, so jung und so stark--ah, so stark! + +Aber sie versprach ihm, dem nächsten großen Schwimmen beizuwohnen, +"wenn es ihr möglich sein würde", wie sie hinzufügte. + +Allmählich gab er es auf, zu fragen, als er sah, daß er ihr durch +keine Antwort näher kam. Er beruhigte sich bei dem Bilde, das er sich +machte: eine reiche Ausländerin, die in Berlin lebte, nachdem sie +früh Witwe und völlig unabhängig geworden war (etwas derartiges hatte +sie einmal geäußert); die wohl Bekannte und Freunde hier hatte +(natürlich nur Freunde in gutem Sinne, zum Beispiel den alten Herrn, +mit dem Felder sie zusammen gesehen); die sich in ihn verliebt hatte +und ihn liebte (das hatte sie ihm in der ersten Stunde in neun +verschiedenen Sprachen gesagt, und sagte es ihm täglich hundertmal in +einem Gemisch von dreien)... + +Es war nicht viel, was er von ihr wußte, und er fühlte, daß es nicht +das richtige Bild war, das er vor sich sah. Aber was wollte er +machen, da es sich ihm nun einmal nicht klarer, als in diesen +schattenhaften Umrissen, zeigte?-- + +Und er liebte sie!-- + +Er liebte sie, wie er seinen Ruhm liebte: er konnte das Glücksgefühl, +die beide ihm gaben, nicht mehr entbehren. Sie hatte ihn gewonnen, +weil es seinem Ehrgeiz schmeichelte, von einer so schönen und +eleganten Frau begehrt zu werden, und weil ihr Wille der stärkere +gewesen war; und sie hielt ihn fest, indem sie seine erregte +Sinnlichkeit mit allen Künsten ihrer Erfahrung immer und immer wieder +aufs neue anstachelte. + +Er war in der ersten Zeit fast alle Abende bei ihr. Dann mindestens +drei-, viermal in der Woche. Nie durfte er ihre Wohnung ungerufen +betreten. Immer, wenn er von der Arbeit kam, hatte er zuerst auf dem +Postamte in der Nähe nachzufragen: zuweilen war ein Brief da, der die +Verabredung dieses Abends auf den nächsten oder übernächsten +verschob; jedesmal aber mußte er an der Ecke der Straße erst nach der +Alten sehen, bevor er zu ihr kam: war sie da, so huschte sie +schweigend vor ihm her, und er folgte ihr die Straße hinunter und die +in ewiger Dämmerung liegenden, teppichbelegten Stufen der Treppen +hinauf bis in das hohe, schwüle Gemach. Öfter und öfter jedoch kam es +vor, daß er noch in dieser letzten Minute durch ein hastig ihm in die +Hand geschobenes Billett gebeten wurde, heute "nicht zu kommen", da +das bekannte "unvorhergesehene Ereignis" eine Zusammenkunft für +diesen Abend unmöglich machte. + +So wurde er in einer beständigen Aufregung erhalten, ob er sie sehen +würde oder nicht. Nach einer so plötzlichen und ihn immer tief +verstimmenden Absage lag der Abend zweck- und inhaltslos vor ihm; und +traf diese Absage nicht ein, sah er sie wirklich wieder, so war ein +Teil seiner Freude schon durch die Unruhe der Unbestimmtheit +zerstört, in der er den Tag bis zum Abend verbrachte. + +So gewöhnte er sich mehr und mehr daran, die leeren Abende +durch Vergnügungen auszufüllen, an die er bisher schon ihrer +Kostspieligkeit wegen nur selten gedacht hatte. Er ging in den +Wintergarten, an Orte, wo Laune und Leben herrschten, nur um nicht +allein zu sein; trank in Cafés und Lokalen, die er bisher nie +betreten, hier einen Kognak, dort ein Glas Bier; kam später nach +Hause, als er wollte, und tat seine Arbeit am nächsten Tage +widerwillig und in der ewig gespannten Erwartung, ob ihm der Abend +eine neue Enttäuschung oder seinen Sinnen wieder die ersehnte +Erfüllung und Beruhigung bringen würde. Er fühlte sich nicht mehr +einsam, aber unruhig, und konnte den Abend nicht mehr erwarten +während eines Tages, der ihm zu lang wurde... + +Der Rest der von England mitgebrachten Summe wurde öfter und öfter in +Anspruch genommen und schmolz immer mehr zusammen, denn sein +Verdienst reichte natürlich nicht entfernt aus, um die erhöhten +Ansprüche des jetzigen Lebens zu befriedigen. Felder gab für seinen +Schneider jetzt in einem Monat mehr aus, als sonst in einem Jahre, +und doch wurde er nie das Gefühl los, nicht gut genug gekleidet zu +sein, wenn er zu ihr ging, obwohl er dort niemals einen anderen +Menschen außer ihr sah und sie nie ein Wort über sein Aussehen +verlor. Er achtete auch schon nicht mehr darauf, wieviel er der +Sparkasse entnahm. Er brauchte ja nur nochmals nach England zu gehen, +um einen neuen Fond heimzubringen. Überhaupt war es ein Skandal, daß +er noch auf seine Arbeit angewiesen sein mußte, während die Meister +der anderen Sports--die Radler zum Beispiel--längst herrlich und in +Freuden von den Einkünften ihrer Siege lebten. Nur in seiner Sache, +bei den Schwimmern, gab es das nicht... + +Ganz langsam und allmählich begann er, seine Kunst auch von dieser +Seite aus zu betrachten. Früher hätte er sich dessen geschämt. Und +alles das, weil der Luxus, den er so plötzlich täglich einatmete, in +so schreiendem Gegensatz stand zu seinem bisherigen Leben der Armut, +Einfachheit und Genügsamkeit.-- + +Sie hatte ihn. + +Sie besaß ihn, weil er sie nicht mehr entbehren konnte. + +Sie änderte ihn, ohne es zu wollen. Denn sie hatte ihn so gewollt, +wie er gewesen war: frisch und unberührt und jung. + +Er war es nicht mehr in dieser Leidenschaft zu ihr. + +Er, der früher so mäßig gewesen war, trank jetzt, nicht regelmäßig, +aber unbekümmert, je nach Lust und Laune. Es tat ihm nichts. Er +fühlte keine Wirkungen. Sein Körper überwand die leichten Folgen +schnell. + +Vielleicht war sein Kopf etwas benommener. Aber er lebte jetzt +überhaupt in einer dumpfen Schwere, in einem täglich neu erweckten +Rausch aller Sinne, durch dessen Nebel er immer, wo er ging und +stand, nur ihren bräunlich-hellen Körper sah, ihre seltsam roten +Lippen und ihr dunkles Haar, eingehüllt in die Duftwolke ihres +aufreizenden Parfüms, einen Nebel, süß und weich wie ihre Küsse, warm +und weich und entnervend wie die weißen Dämpfe der Winterbäder im +Schwimmbade. + +Er verlor seine ewige Sehnsucht nach frischem, klarem Wasser, nach +kalter, reiner Luft in dieser Atmosphäre. Er verlor sie, ohne es zu +fühlen, ohne es zu merken. Ganz allmählich glitt er in sie hinein--in +diese abgründige Leidenschaft, in die immer geöffneten, immer +begehrenden Arme dieser fremden Frau. Er, der nicht wußte, was Nerven +waren, fühlte sie erwachen und zittern unter den Liebkosungen ihrer +Hände, und ehe sie Zeit hatten, sich zu beruhigen, wieder erwachen, +bis sie--von einem Tag zum anderen in steter Erregung gehalten-- +diesen Reiz nicht mehr zu entbehren vermochten, wie der Trinker sein +Gift. + +Gewiß, er schwamm noch. Ja, er war jetzt wieder, wo ihre Absagen sich +mehrten und immer öfter die unvorhergesehene Abhaltung, nach deren +Grund er nicht mehr zu fragen gewagt hätte, eintrat, die flüchtige +Zeile, die ihn bat, "_nicht_ zu kommen", er war jetzt wieder mehr +unter seinen neuen Klubbrüdern, als vorher, denn er konnte diese +einsamen Abende nicht mehr ertragen, in denen er in unterdrückter +Begierde nach ihr von Kneipe zu Kneipe lief, um den Schlaf zu finden, +der nicht mehr, wie bisher, in der Minute ungerufen zu ihm kam, in +der er sich auf sein Bett warf. Aber er wir kein guter Sportgenosse +und kein angenehmer Gesellschafter unter den "Hechten". Sie wußten es +vorher, hatten es oft genug gehört, als sie sich um seine +Mitgliedschaft bewarben, daß sie im Grunde nur seinen Namen bekamen, +und sie sahen ihm alles nach. Daß er ihnen so fremd bleiben würde +hatten sie wohl nicht gedacht. + +Keiner hatte eine Ahnung davon, was ihn der Sportsache innerlich zu +entziehen begann. Felder selbst sah und hörte nicht, was um ihn her +vorging. + +Er sah nur noch _sie_. + +Eines Abends gab sie ihm ihr erstes Geschenk. Sie saßen sich müde und +schweigsam gegenüber und wußten nicht wovon sie sprechen sollten. Sie +zeigte ihm ihre Schmucksachen und erklärte ihm ihren Wert. Er sah +Dinge, die er nie geahnt hatte. Wenn er nach ihrem Ursprung fragte, +lachte sie mit ihrem überlegenen Lachen: "O, das war, als sie in +Buenos-Aires gewesen war, der weiße Pflanzer"--und dies Halsband kam +aus London "von einem Herrn, der mit dem Prinzen von Wales sehr +befreundet war... ja, dieser 'Prince des Galles'!..."...Und so ging +es weiter, und Felder verstand nichts und begriff noch immer nichts +und wollte auch nichts mehr begreifen. + +Sie legte ihm die Ketten und Spangen um, wie einem Kinde, mit dem man +spielt. Und dann kam, was Felder so lange heimlich gefürchtet, und +was er so entschlossen war, schon beim ersten Versuch energisch +abzuweisen: dies Armband, das für ihr Gelenk etwas zu weit war und +sich so fest um das seine schmiegte, dies goldene Band mit dem daran +baumelnden Schloß sollte er immer tragen als Andenken an sie--so +taten es jetzt die Männer; und als sie sein Widerstreben sah, kam +dieser maßlose Zorn über sie, den er nicht zum ersten Male an ihr +sah--ihre Augen blitzten, und ihre Lippen, die bebten, sprachen +fremde und unverständliche Worte der Entrüstung und der Beschimpfung, +bis sie dann bei seinen vergeblichen Versuchen, das Geschenk +abzustreifen, ihre Wut ebenso schnell wieder vergaß und in ein Lachen +ausbrach: Oh, er mußte es ja behalten, er kam ja nicht los, sie hatte +ja den Schlüssel, und den bekam er nicht, nein, den Schlüssel +nicht... Und er, erschreckt durch ihren Zorn und gedemütigt durch ihr +Lachen, wagte nicht mehr, ihre erste Gabe zurückzuweisen. Es sollte +nur ihre letzte bleiben,--so beruhigte er sich selbst. + +Er trug es, das Armband von Gold. + +Nie hatte einer seiner Siege, selbst der des Vorjahres in England +nicht, ein solches Aufsehen gemacht, wie dieses einfache Armband; nie +sprach man so viel von Felder, wie in diesen Wochen, als er mit dem +Goldreif am Arm an den Start ging und schwamm. Man lachte, man +spottete, man schimpfte und forschte nach; man empörte sich, man +zuckte die Achseln, man machte Vorstellungen und--man erriet... +Allerseits aber war man sich einig, daß es einfach lächerlich sei für +einen Mann wie Felder, die dümmste und weibischste aller Moden +mitzumachen, die man den Gigerln und Narren überließ. Ein deutscher +Schwimmer und--ein goldenes Armband!--Es war der unerhörteste +Widerspruch!-- + +Felder sah und hörte nichts. Höchstens, daß er verächtlich lächelte, +wenn die Blicke und Worte allzu zudringlich auf seinem Handgelenk +ruhten. + +Höher als sonst streckte er seinen Arm empor, unter die Augen der +Zuschauer: an ihm glänzte der schmale Reif und leise klirrte das +winzige Schloß beim Ansprung gegen die goldene Kette. + + +3 + +Er stand noch nicht im Zeichen des Rückganges, wie die bösen und +durch "das Armband" von neuem aufgereizten Stimmen behaupteten. Aber +selbst ruhigere Beobachter, die sich durch äußere Dinge nicht oder +doch nur wenig beeinflussen ließen, fanden seit einiger Zeit Felders +Stil nicht mehr so sicher, sein Tempo nicht mehr so fließend wie +bisher. + +Vor allem nicht mehr so rein. Er schien Rücksichten auf seine Gegner +überhaupt nicht mehr zu kennen. Es genügte ihm nicht mehr, seine +Siege, wie bisher, in leichtem Kanter nach Hause zu bringen, sondern +er strebte danach, sie auch dem Publikum recht deutlich zum +Bewußtsein zu bringen, indem er ihm seine Überlegenheit über die +andern auf alle Weise zeigte. Darunter mußte sein Stil natürlich +leiden. + +Er fühlte es selbst und sogar einzelne Bemerkungen darüber kamen ihm +zu Ohren. + +Er war zum zweiten Winterfest des Schwimmerbundes zu einem +Seitenschwimmen gemeldet. Es fiel in den Anfang des Februar. Felder +hatte nicht die Absicht, zu starten; aber da er auf der Sitzung des +"Hecht" wieder einmal nicht anwesend gewesen war, hatte sein Klub für +ihn die Meldung erlassen, in der Überzeugung, damit seinen Wünschen-- +die nach möglichster Beteiligung strebten--zu entsprechen. Er war +ärgerlich. Man hätte ihn doch wenigstens fragen müssen. Wann denn?-- +entgegnete man ihm. Man sah ihn ja so unregelmäßig. Und wenn man ihn +nicht gemeldet hätte, wäre er ebenfalls böse gewesen und hätte von +Zurücksetzung gesprochen. + +Er zog die Meldung nicht zurück; es war ihm einerlei. Ein Sieg mehr, +darauf kam es nicht an! Aber das sagte er gleich: zu der langweiligen +Preisverteilung und zu dem noch langweiligeren Tanzvergnügen nachher +kam er nicht. Er hatte keine Zeit am Abend; er war eingeladen. + +Er war jetzt immer eingeladen, kein Mensch wußte, von wem. Aber man +wagte nichts zu entgegnen und war froh, daß er keine weiteren +Schwierigkeiten machte. Er erschien, wie jetzt immer, spät auf dem +Fest. Er war die ganze Nacht bei ihr gewesen, und auch am Morgen +wollte sie ihn nicht fortlassen. Er blieb nur zu gern. Sie +frühstückten im Bett, spät, und die Stunden wurden verschleudert bis +über den Mittag hinaus. + +Schnell kleidete er sich aus und trat in die überfüllte Halle mit +seinem hochmütigen und finsteren Lächeln auf dem Gesicht. Diese Feste +hatten keinen Reiz mehr für ihn. Er fühlte weder Erwartung, noch +Aufregung. Er nahm seine Mitwirkung jetzt nur als eine Pflicht, die +von ihm erledigt werden mußte, da er nun einmal der Franz Felder war. +Je bälder sie getan war, desto besser. Um so eher konnte er wieder +bei ihr sein... + +Ungeduldig wartend stand er unter seiner Mannschaft. Er hielt die +Arme gekreuzt über der Brust und an seinem rechten Handgelenk glänzte +herausfordernd das goldene Armband, als wolle er die Blicke aller +darauf lenken. Kaum, daß er seinen Klubgenossen antwortete, wenn sie +mit einer Frage zu ihm traten.... Gleichgültig glitt sein Blick über +die Wasserfläche hin, wo eben ein Rennen zu Ende ging und schnaufende +Gestalten die Länge des Bassins durchkreuzten. + +Sonst hatte Felder nie den Augenblick erwarten können, in dem er +selbst ins Wasser durfte. Heute kümmerte er sich nicht einmal mehr um +seine Konkurrenten; er hatte sich kaum die Zeit genommen, ihre Namen +auf dem Programm zu lesen. Wie gewöhnlich jetzt, ließ er sich Zeit +während der ersten Länge. Bei der zweiten arbeitete er sich vor; bei +der dritten wollte er sich dann nach den anderen umschauen. + +Er war gut in der Form heute, aber nicht so frisch wie sonst, so-- +schien es ihm. Er nahm daher schon die zweite Länge von Anfang an mit +Ernst. Bei der dritten wollte ihm der Vorsprung nicht gelingen. +Irgend jemand, er wußte nicht wer, lag immer dicht neben ihm und +blieb es bis ans Ende. Er konnte ihn nicht los werden, nicht mit +aller Anstrengung, und die ungewöhnliche Erregung am Start brachte +ihn zu der Überzeugung, daß sein Sieg diesmal sehr gefährdet worden +war. + +Aber es war noch mehr als das. Es war ein totes Rennen. Die Richter +konnten sich nicht einigen und es blieb unentschieden. + +Ein totes Rennen--das war weiter nicht schlimm. Ein totes Rennen war +keine Niederlage. Aber es wurmte ihn doch, und er nahm sich vor, in +nächster Zeit wieder einmal zu trainieren. "Sie" erleichterte ihm +seinen Vorsatz, da sie ihm jetzt noch öfter absagte, als bisher; so +übte Felder denn wieder fast jeden Abend, teils für sich allein, +teils auch unbekümmert an den Übungsabenden des "Hecht", und er +fühlte sich Herr seiner Kraft, wie immer. Sich die Zeit, wie früher, +nehmen zu lassen, verschmähte er. + +Er freute sich besonders auf das nächste Meeting: auf dem Feste des +"Poseidon" wollte er seinem alten Gegner im Gastschwimmen über die +200 Meter einmal wieder gegenüber treten und ihm--was er bisher gern +vermieden--auf dem Fest eines Brudervereins unter den Augen der +Seinen den Lorbeer entreißen. + +Eine Bemerkung Wenzels gelegentlich seines Springdebuts war ihm zu +Ohren gekommen. Felder hatte sie nicht vergessen, wie er nie etwas +vergaß, was man ihm zugefügt. Dies sollte seine Rache sein. + +Die Konkurrenz war merkwürdig stark besetzt: sechs Schwimmer von sechs +bedeutenden Klubs rangen um den ehrenvollen "Poseidonjahrespreis". +Felder freute sich auf seinen Sieg; er freute sich noch, als er an +den Start ging, obwohl er sich wiederum nicht ganz frisch fühlte. +Aber er war so sicher wie immer. + +Dann, als er im Wasser und in der zweiten Länge lag, geschah etwas, +was er nie für möglich gehalten hätte: er fühlte, wie ihn eine +plötzliche Mattigkeit überkam, und als er--gegen sie mit aller Kraft +ankämpfend--etwa in der Mitte der dritten nicht nur Wenzel leicht +vorauseilen, sondern auch rechts und links je einen Gegner neben sich +liegen sah, da hatte er zum ersten Male seit Jahren das deutliche +Gefühl, daß er diesmal nie als Erster ans Ziel gelangen würde. Und +mit gleicher Deutlichkeit empfand er, daß es in diesem Augenblicke +nur einen Ausweg für ihn gab, um dieser unvermeidlichen Niederlage zu +entfliehen: "Aussetzen!"-- + +Plötzlich im Schwimmen aufhörend und tief bis zum Grunde des Bassins +niedertauchend, schwamm er dort bis zum Fußende der Leiter, während +er über sich das Rauschen des Wassers unter dem hastigen Wenden der +Konkurrenten hörte, und stieg an ihr hinter ihnen, die ihm seinen +Sieg entführten, aus dem Wasser unter die verblüfften Zuschauer, +seinem triefenden Körper rücksichtslos Platz schaffend... + +Er war an diesem Abend nicht einmal böse, um so mehr, als er hörte, +daß nicht Wenzel, sondern ein junger Magdeburger vom dortigen +"Neptun", dessen Namen bisher nie genannt war, Sieger geworden war.-- +Er hatte "ausgesetzt". Nun, was war dabei weiter!--Das taten die +größten Schwimmer aller Zeiten und Länder alle Augenblicke, und das +Wunderbare bei ihm war nur das, daß es das erstemal war. Und weil es +das erstemal war, so war er über jeden Verdacht erhaben, daß er den +alten, bekannten Kniff angewandt habe, um einer Niederlage zu +entgehen. + +Er--Franz Felder--fürchtete keinen Schwimmer der ganzen Welt und +brauchte keinen zu fürchten. Das wußte jeder. Aber selbst er konnte +einmal unpäßlich sein, und das war er heute. Denn hätte er sonst wohl +das Rennen aufgegeben? + +Und _den_ Triumph genoß er wenigstens an diesem Tage, daß keiner, +auch sein ärgster Gegner nicht, es wagte, den Verdacht dieses Kniffs +auszusprechen. Die Mutmaßungen und Prophezeiungen indessen, in denen +man sich erging, hörte Felder glücklicherweise nicht. Sonst wäre +seine Stimmung an diesem Abend doch getrübt worden, die durch die +ungeäußerte leise Enttäuschung seiner Genossen vom "Hecht" nicht +beeinträchtigt, aber durch die Aussicht auf das nächste Schwimmen +sogar noch bedeutend gehoben wurde. + +Denn als Felder sich die erreichten Zeiten des 200-Meter-Schwimmens +geben ließ, sah er, daß die Leistung dieses jungen, unbekannten +Magdeburgers nicht nur mit Hinsicht auf seine erstklassigen +Konkurrenten, sondern auch in bezug auf die erreichte Zeit eine +außerordentliche genannt werden mußte. Sie erreichte natürlich nicht +den von Felder vor zwei Jahren aufgestellten und seitdem von ihm +selbst nie wieder erreichten Rekord von 3:02, aber sie kam doch +bedenklich nahe an ihn heran. + +Der junge Seubert hatte die 200 Meter in 3:25 1/5, Minuten gemacht. + +Das reizte Felder. Da war das nächste große Fest, zugleich das letzte +dieses Winters, das erste Jahresschwimmen des neugegründeten +"Norddeutschen Schwimmkartells", das besonders großartig und +feierlich gestaltet werden sollte, um Zweck und Bedeutung dieser +natürlich wieder aus vielen eifersüchtigen Fehden hervorgegangenen +Neugründung recht zur Wirkung zu bringen, da war dies große Fest so +recht die Gelegenheit, um sich auch diesmal einen glänzenden Abgang +von der Saison zu sichern und einmal wieder "sich selbst zu +übertreffen", das einzige, was er noch konnte. + +Er hatte ja nur nötig, etwas mäßiger zu leben und etwas mehr zu +trainieren. Daß allerdings beides nötig war, leuchtete sogar ihm ein. +Dieses plötzliche Versagen der Kraft heute konnte doch kein reiner +Zufall sein. Es durfte jedenfalls nie wieder vorkommen; denn er +konnte wohl einmal "aussetzen", aber nun auch nicht wieder.-- + +Er tat beides: er war jetzt nicht nur nicht enttäuscht, sondern +begrüßte es sogar mit Befriedigung, wenn eine Absage von ihr eintraf. +Gab sie ihm doch einen freien Abend der unausgesetzten Übung, so +eifrig und ernst, wie er seit langem nicht mehr betrieben. + +Daran, daß es doch eigentlich nur ganz bei ihm stand, ob er zu ihr +gehen wollte oder nicht, daß er ihr ebenso abschreiben konnte, wie +sie ihm, daran dachte er nicht einmal. So groß war ihre Überlegenheit +in jeder Beziehung und so sehr verstand sie es, wenn er bei ihr war, +ihn durch immer neue Liebkosungen und Liebesbeweise an sich zu +fesseln, daß ihm noch immer die Stunden die seligsten waren, in denen +er in ihren Armen liegen konnte, und diesen wundervollen, bräunlichen +Körper, dieses hohe, geheimnisvolle Gemach mit dem Glanz seiner +Lichter und seinem verschwenderischen Luxus, diese stillen, faulen +Stunden des späten Abends und der Nacht, ja, die leisen, unmerklichen +Dienste der schattenhaft auf den schrillen Ruf der Gebieterin herein- +und heraushuschenden Alten sein eigen nennen konnte; und alles, was +er versuchte, war, sich in Augenblicken, wo seine trägen Gedanken, +durch die Freude auf seinen nächsten Sieg und durch eine keinen +Sportmeister je ganz verlassende Angst, seiner Kraft zu schaden, +aufgestachelt, in beklemmender Ahnung sich von ihr wandten, alles, +was er vermochte, war: sich dieser unersättlichen Leidenschaft, +diesen erschlaffenden Umarmungen einmal, nur für heute, zu +entziehen... + +Diese Frau, die ihm, ihm unter allen, ihre Liebe geschenkt hatte, wie +er glaubte, und die er darum, darum vor allen wieder liebte--sie war +noch immer sein Leben. + + +4 + +An diesem Tage kam, was kommen mußte: seine erste Niederlage--der +Anfang vom Ende. + +Seit drei Tagen hatte er sie nicht gesehen, und als er das letztemal +bei ihr gewesen war, hatte er sich ihren Umarmungen wortlos und +entschieden entzogen, so daß ihr Zusammensein ein ganz kurzes war. +Sie biß die Lippen aufeinander, aber sie sagte kein Wort. + +Felder kleidete sich heute mit besonderer Sorgfalt an und ließ seine +Brust an Bändern und Münzen tragen, was sie nur fassen konnte. Das +Armband, bei der täglichen Arbeit so hoch wie möglich hinaufgeschoben +und von dem wollenen Hemde so bedeckt, daß es noch von niemand in der +Fabrik entdeckt worden war, wurde auf das Handgelenk heruntergezogen +und abgerieben, so daß es glänzte und funkelte. + +In diesem bei allen so verhaßten Zeichen wollte er heute siegen, und +so wollte er siegen, daß nicht nur das letzte Lächeln über "das +Armband" verstummen, sondern auch das andere Lachen, das, welches er +noch immer in seinen Ohren fühlte, das Lachen jenes schrecklichen +Tages, schweigen sollte auf immer, um nie mehr gehört zu werden. + +Das erste Fest des "Norddeutschen Schwimmkartells" wollte zugleich +das erste sein, das die neuerbaute Schwimmhalle der Stadt +Charlottenburg erlebte, und man hoffte, es besonders glänzend zu +gestalten, obwohl die größten und angesehensten Berliner Vereine, +unter ihnen der S.-C. B. 1879, wie überhaupt alle dem "Verbande" +angehörenden Vereine naturgemäß fehlten. Aber es stand von Anfang an +unter keinem guten Zeichen. Obwohl die Stadt Charlottenburg ihre +Vertreter geschickt hatte, war doch das große Publikum, das sich +offenbar an den Winterfesten satt gesehen und die Sommerschwimmen +erwarten wollte, nur schwach vertreten und füllte kaum die erste +Reihe der weiten Galerien. Zudem war das Wetter miserabel: ein +naßkalter, grauer Märztag, und mancher, der gekommen wäre, war noch +in letzter Stunde zu Hause geblieben. + +Felder war heute pünktlich und verlor sich mit der kleinen Mannschaft +der Gelb-Schwarzen in einer Ecke der weiten, schönen Halle, in der +bereits jetzt alle Bogenlampen brannten. + +Das Programm wickelte sich langsam und ohne besondere Teilnahme von +irgendeiner Seite ab. Nur gegen seine Mitte brachte ein +unvorhergesehener Zwischenfall etwas Leben unter die Anwesenden. Es +war beim Tauchen nach Tellern. Dreißig flache Emailleteller waren +bereits dreimal sämtlich aus einer Tiefe von vier Metern hervorgeholt +worden--eine hervorragende Leistung--und es schien auch dem Vierten +gelingen zu wollen, so lange blieb er unter Wasser. + +Felder stand bereits ausgekleidet dicht neben dem Starter und sah zu. +Dann merkte er plötzlich mit seinem erfahrenen Blick, daß irgend +etwas dort unten nicht in Ordnung war, und als er fragend den neben +ihm Stehenden ansah, hörte er auch schon dessen halblaut +hervorgepreßten bestimmten Befehl: "Hinunter!"-- + +Er ging sofort in die Tiefe und sah dort den Taucher bereits +bewußtlos mit dem Gesicht nach unten über den zuzammengerafften +Tellern liegen. Mit Felder war ein zweiter ins Wasser gegangen, und +beide hoben den leblosen Körper bis zur Leiter und an ihr hinauf zum +Wasserspiegel, wo er von vielen Händen sofort in die Höhe gezogen und +nach hinten getragen wurde. + +Als Felder, der erst nach dem nächsten Lauf an die Reihe kam, dorthin +folgte, war der Bewußtlose bereits unter den Händen des Arztes wieder +zu Atem gekommen, und Felder hörte, wie seine erste Frage der +Tellerzahl galt, die er ans Land geschafft zu haben glaubte. Als er +vernahm, was geschehen war, wurde er auch noch böse darüber, daß man +ihn nicht länger drunten gelassen, denn er würde auch die letzten +sicher noch bekommen haben!... + +Die andern lachten und ärgerten sich, aber Felder war es nicht ums +Lachen. Soweit war es also gekommen, daß diesen jungen Leuten ihr +Leben schon nichts mehr galt, wenn es darauf ankam, ihren +lächerlichen Ehrgeiz zu befriedigen--so hörte er neben sich einen +alten Herrn zu einem anderen sagen; und er mußte sich unwillkürlich +fragen: War es mit ihm anders?--Hätte er nicht auch sein Leben um +einen Sieg gegeben?-- + +Draußen hatte sich die Stimmung der Anwesenden nach dem peinlichen +Vorfall nicht gebessert, und man beeilte sich mit der Abwicklung der +nächsten Nummern, um die Aufmerksamkeit abzulenken. + +Dann kam das große Rennen des Tages mit seinem unerwarteten, in +seinen Resultaten geradezu verblüffenden Verlauf, das Hauptschwimmen +über 175 Meter, in dem zwei der jüngsten Schwimmer aus dem Nachwuchs +die Preise errangen, während nicht nur Wenzel vom "Poseidon", und +Karl Becker, der Meister Süddeutschlands, sondern auch Felder, Franz +Felder, der vierfache Meister Berlins, der Meister Deutschlands, der +"Champion der Welt", nicht nur zurück-, sondern überhaupt unplaziert +blieben!-- + +Wie es geschah, wie es geschehen konnte, das Unerhörte--keiner +begriff es recht. + +Felders Vorsatz ging auf einen glatten Sieg in gutem Stil ohne +völlige Kraftausgabe. Er hielt ihn inne während der beiden ersten +Längen, gab ihn auf bei der dritten und vergaß ihn völlig bei der +vierten. Aber es nützte ihm alles nichts. + +Er kam nicht vorwärts. Er sah immer die alten Gegner neben sich, die +neuen sich voraus; diese beiden jungen Leute, von denen er den einen +nur aus einem einzigen Schwimmen und den anderen überhaupt nicht +kannte. Und als er zum letzten Male bei dem plötzlichen Aufhören der +Musik wandte und mit seinem wahnsinnigen Seitenschlage den einen fast +erreicht hatte, schlug der andere bereits an, und der Sieg war +verloren. + +Er ging erst ans Ziel gleich hinter dem zweiten. + +Was geschehen war, begriff er erst recht, als er den jungen Seubert, +keuchend, aber selig, die Glückwünsche in Empfang nehmen sah und in +das junge, glückliche Gesicht blickte, das auch ihm zulächelte, als +erwarte es auch von ihm ein freundliches Wort oder einen Händedruck. + +So, ganz so, etwas verlegen, aber doch mit einer gewissen naiven +Selbstverständlichkeit, als gehöre es sich so, hatte er seine ersten +Triumphe entgegengenommen und seinen besiegten Gegnern ins Gesicht +gesehen. + +Er dachte natürlich nicht daran. Er fühlte einzig nur die Schmach, +die er--seiner Ansicht nach--in diesem Augenblicke erlitt, wo er +seinen Stern lautlos fallen und in den Tiefen verschwinden sah, und +das harmlose Lächeln auf dem Gesicht dieses jungen Menschen schien +ihm nur Spott und Hohn zu bedeuten, so daß er am liebsten +hineingeschlagen hätte. + +Kein Mensch kümmerte sich um ihn, keiner trat, wie sonst immer, zu +ihm und sprach mit ihm. Mit hastiger Wendung kehrte er sich zu den +anderen Schwimmern um, seinen alten Gegnern, mit denen er sich in +dieser Minute fast verwandt fühlte. Denn sie erlitten das gleiche. +Aber klüger als er waren sie am andern Ende des Bassins ans Land +gegangen und so allen Erörterungen entflohen. + +Da griff auch er nach seinem Tuch und eilte zu seinen Kleidern. Als +er an der ganz bestürzten und heftig debattierenden Gruppe des +"Hecht" vorbeikam, wehrte er mit ungeduldiger Gebärde jede Frage und +Begleitung von sich. + +Er fühlte jetzt nur, daß er allein sein mußte. + +Er konnte niemanden um sich haben. + +Ohne aufzusehen und ohne sich von einem Menschen zu verabschieden +verließ er das Fest.-- + +Es war noch früh, aber auf den Straßen brannten bereits die gelben +und weißen Lichter. Ein dichter und kühler Regen ging nieder wie +Staub. + +Felder ging die breite, gerade Straße bis zum Tiergarten, er +durchschritt ihn auf kotigen, dunklen Wegen, bis er ans Brandenburger +Tor kam, ging die Allee der Linden herunter, verlor sich in dem +Straßengewühl des Zentrums, immer noch ohne zu wissen, wohin er +wollte, und sah erst auf, als der Regen sein heißes Gesicht wie +Schläge zu treffen begann. Er war zwei Stunden gegangen wie zwei +Minuten. Er wußte es nicht einmal. Er befand sich in der Nähe des +Moritzplatzes. + +Er mußte allein sein, ganz allein... Schon die wenigen Menschen um +ihn herum auf den Straßen störten ihn. Der Name einer alten Weinstube +in der Nähe fiel ihm ein. Er war dort ein- oder zweimal früher +gewesen, mit seinen Freunden. Vielleicht war das Hinterzimmer frei. + +Er traf es so. + +Erst als er eintrat und den Überzieher zurückschlug, wurde er gewahr, +daß er sich im Schmucke seiner Ehrenzeichen befand, der hastig beim +Ankleiden übergestreiften Bänder und der Münzenmenge auf seiner +Brust. Schnell verdeckte er sie wieder, und während er seinen Rock +auszog, streifte er alles ab und verbarg es in den Taschen, wie +geraubtes Gut. + +Er war ganz allein in seiner Ecke, nachdem ihm der Wirt den Wein +gebracht. Sogar im Vorderzimmer spielten nur ein paar Stammgäste, die +sein Eintreten überhaupt nicht bemerkt hatten, einen stillen Skat. + +Er trank, sah vor sich hin und grübelte nach. Er konnte es noch immer +nicht begreifen, was geschehen war!-- + +Dann zog er zögernd ein kleines, abgenütztes, in braunes Leder +gebundenes Buch aus der Brusttasche, das er stets bei sich trug. +Dieses Buch war ihm nach einem seiner ersten Aufsehen erregenden +Siege--wie lange war es schon her!--von einem älteren Mitglied seines +alten Klubs geschenkt worden, und der Geber hatte ihm dabei gesagt: +"Immer können Sie nicht siegen, aber so viele Seiten dieses kleine +Buch hat, so viel Siege wünsche ich Ihnen und uns..." Und Felder +hatte wie zum Scherz die Seiten gezählt: 103. Koepke nahm das Buch +mit nach Hause, und als er es Felder wiedergab, fand dieser in +tadelloser Rundschrift und mit kaufmännischer Genauigkeit von Anfang +an bis heute seine sämtlichen Beteiligungen an den Festen des +Schwimmsports eingetragen: ihren Tag und Ort, ihre Veranstalter, die +Art der Konkurrenz und wer an ihr teilnahm, ja die Stunden--alles war +registriert und seine Siege schön unterliniert und mit roter Tinte +prächtig hervorgehoben: ihre Art, die gemachten Zeiten, die +errungenen Preise aufs genaueste verzeichnet... Und jedesmal nach +einer neuen Beteiligung oder nach einer Reise erhielt Koepke das +kleine, braune Buch, um es am nächsten Tage wieder zurückzugeben, +bereichert um ein neues Blatt, das in nüchternen Worten und Zahlen, +aber doch so beredt von herrlichen Mühen und herrlichen Siegen +sprach. + +Über kein Geschenk hatte Felder sich je so gefreut, wie über dieses. + +Oft hatte er in stiller Stunde in dem Buche geblättert, aber noch nie +hatte er so sorgfältig Blatt um Blatt gewandt, vom ersten bis zum +letzten, wie heute. Selten erst, dann immer öfter, endlich fast auf +jeder Seite zeigte sich die rote Linie unter seinem Namen, und immer +öfter kehrten die Worte wieder: "Erster: Franz Felder..." + +Da stand sein Name, immer und immer wieder als der Erste, der +Erste..., der Erste!--und unter ihm standen die Namen seiner +Gegner--alle diese berühmten, gefürchteten Namen, die großen Kanonen +der Schwimmkunst, aus allen Gegenden Deutschlands und so vielen +Ländern Europas... Und immer wieder _sein_ Name über allen als +Sieger!... + +Er blätterte und blätterte--jedes neue Blatt ein neuer Sieg: ein +Lorbeerblattmehr in einem dichten Kranze!-- + +Fast keine Niederlagen, hier und da ein zweiter Preis, sonst immer +nur erste, erste, erste... + +Er fing von vorn an und zählte die beschriebenen Seiten: 82. Und er +zählte die siegreichen: 73. + +Bis zur letzten!--Bis--heute!-- + +Und auf diesem leeren Blatt, dem dreiundachtzigsten, sollte zum +dritten Male nacheinander nicht nur der rote Strich, sondern sein +Name überhaupt fehlen--oder es sollte leer bleiben, leer... Nein, das +durfte nicht sein!-- + +Der Schrecken griff plötzlich wieder nach seinem Herzen, derselbe +Schrecken, den er vorhin empfunden, als er seine Gegner vor sich sah +und fühlte, wie seine Kraft versagte, sie noch zu erreichen; aber +nicht die Furcht über die Gefahr einer Niederlage war es gewesen, +sondern etwas anderes, ein Neues, ein Unbekanntes: das Erschrecken +über etwas Unglaubliches, Unerhörtes--über die Unwillfährigkeit +seiner Kraft!-- + +Was war das?--Was war das auf einmal, das so plötzlich gekommen?-- + +War er wirklich schon dort angelangt, wo es kein über sich selbst +Hinausgehen mehr gab?--Dann konnte jeder ihn schlagen, der ihm nur +gleich kam!--Dann war er schon am Ende. + +Alle düsteren Prophezeiungen seiner Gegner fielen ihm ein: "Schneller +Aufgang, schneller Abstieg..." Und ein Mahnwort Nagels: "Du hast früh +angefangen, früh wirst du deshalb aufhören..." + +Bis heute hatte er darüber gelacht. Aber jetzt lachte er nicht mehr. +Es war ihm nicht mehr ums Lachen. Denn er war sich bewußt, in diesen +letzten Wochen nichts versäumt zu haben. Es hatte ein totes Rennen +gegeben, dann ein Aussetzen--aber beides war erklärlich, sogar +natürlich bei der Nachlässigkeit, mit der er in den vergangenen +Monaten seine Sache behandelt. Aber zu heute hatte er trainiert-- +trainiert wie immer sonst--was war das also?!-- + +Er saß und grübelte, und trank und grübelte, und grübelte... + +Und wieder griff die Angst nach seinem Herzen, die furchtbare, die +unbekannte Angst!-- + +War es etwa schon mehr?--War es schon eine Abnahme seiner Kraft?--War +er schon nicht mehr derselbe?--Blieb er schon hinter sich selbst +zurück?--Unmöglich!--Mit zwanzig Jahren?--Da, wo die Kraft noch wuchs +von Tag zu Tag.-- + +Lächerlich!--Mit fünfundzwanzig wollte er anfangen, daran zu denken. +--Aber bis dahin wollte er sie, seine Kraft, wachsen, wachsen und +siegen sehen über alles, was sich ihr in den Weg stellte! + +Es war eine Indisposition heute, was war das weiter!--Wer hatte die +nicht zuweilen? Deshalb nützten auch die verdammten Sinnierereien +nichts. Jetzt mußte geschwommen werden, darauf kam es an. + +Er trank und klappte das Buch zu. Die Seite blieb nicht leer, das war +sicher: die dreiundachtzigste. Auf der sollte ein Sieg stehen. Und +zwar bald!-- + +Denn es konnte einfach schon deshalb nicht sein, weil es nicht sein +_durfte!_ + +Wie Felder das Buch in die Rocktasche schieben wollte, stopfte es +sich dort gegen knisternde Papiere. Er zog sie hervor und sah, daß es +ihre Briefe waren. Der süßliche, fahle Duft eines seltsamen Parfüms +stieg zu ihm aus den zerknitterten Blättern auf, und er fühlte, wie +es plötzlich wieder aus war mit seinem neuen Mut und seiner Frische. + +Dieser Duft machte ihn schwach, und es half ihm nichts, daß er die +Blätter zusammenballte. Wie er sie losließ, legte sich das steife, +englische Papier auseinander, und es entströmte ihm dieser Duft, den +er so gut kannte, der allem anhaftete, was von ihr ausging: ihren +Kleidern, ihren Handschuhen, ihrem Atem, diesem Papier--ihm selbst!-- +Ja, ihn selbst hatte dieser Duft förmlich durchtränkt in diesen +letzten Monaten, so daß er ihn plötzlich verspürte, wenn er eines +seiner Kleidungsstücke zur Hand nahm... Er wurde ihn nicht mehr los, +diesen Duft, der ihn überall umgab, wo er ging und stand--lockend, +begehrlich, geheimnisvoll und aufreizend wie sie selbst, so daß er an +sie denken mußte ohne Aufhören. + +Was nützte es, daß er diese Papiere von sich schob, diese Rufe nach +ihm, die er nun schon Monate lang hörte: erst stürmisch und +sehnsuchtsvoll, erst alle Tage, dann, je seltener sie wurden, immer +herrischer und kürzer, bis sie nur noch der Befehl waren: "Heute +abend um 9"--oder "Erst morgen!"-- + +Welche Macht sie über ihn gewonnen, diese Frau, von der er noch immer +nicht einmal wußte, wer sie war!-- + +Und wie Felder saß und grübelte, und grübelte, wurde es ihm klar, +warum er heute unterlegen war, warum er in der letzten Zeit nicht +mehr die alte Kraft in sich fühlte, die unbesieglich gewesen war; und +eine maßlose Wut kam über ihn gegen die, die ihm seine Kraft geraubt. +Er ballte die Hand um den Rand des Tisches, daß er sich bog und das +Glas klirrte. + +Und dann kam, blitzgleich, auch die wahre Erkenntnis dieses +Verhältnisses über ihn. + +Was sie begehrt hatte, das war seine Jugend, seine Kraft und seine +Frische gewesen. Und was sie begehrte, hatte sie ihm genommen: die +Jugend, die Kraft und die Frische seines Körpers!--Stück für Stück, +in unersättlicher Habgier war ihm, ohne daß er es fühlte und ahnte, +eines nach dem anderen von ihr genommen, in unzähligen Umarmungen, +mit Küssen und Schmeicheln, bis sie ihn zu dem gemacht, was er heute +war! + +Alles, was er besaß, das einzige, das er sein eigen nannte, hatte sie +ihm geraubt: seinen Ruhm!--Sein Ruhm aber war sein Leben. Sie hatte +es zerstört. + +Er aber, er war so blind und so töricht gewesen, nicht zu merken, was +sie eigentlich von ihm wollte. Wie ein dummes Tier war er in die +Falle gegangen; wie ein Hund war er ihr nachgelaufen; wie ein ... +nein, er vermochte nicht weiter zu denken. + +Denn jetzt wußte er auf einmal auch, wer sie war. + +Eine große Abenteuerin, irgendwo in einem Winkel von +zusammengelaufenen Eltern erzeugt, früh verdorben, früh gelehrt, ihre +Schönheit als erstes und einträglichstes Erwerbsmittel zu betrachten, +sie gelehrig in unstetem Wanderleben durch alle Länder der Welt +schleifend, und alles mitnehmend, was sich ihr bot: hier die Alten +und dort die Jungen. + +Die Alten, die sie begehrten und bezahlten, und die Jungen, die von +ihr ausgesucht und bezahlt Wurden!--Und einer von diesen Jungen war +er gewesen--er, Franz Felder!-- + +Nicht mit solchen Worten sagte er sich dies alles, aber er empfand es +alles so und fühlte, daß es wahr war. Und er hätte schreien mögen, +schreien vor Wut und vor Scham... Ihn, ihn hatte sie nicht bezahlt, +nein, das hatte sie nicht gewagt!--Aber wie lange noch, und es wäre +auch dahin gekommen. Wieviel versteckte Anerbietungen hatte sie ihm +nicht schon gemacht, wie oft nicht versucht, mit ihm scherzhaft oder +gleichgültig von Geld zu sprechen, diesem Gelde, das sie verachtete, +weil sie es durch Arbeit nicht verdiente: damit er es nehmen solle +von ihr als--Lohn... + +War ihm selbst nicht eines Tages, wenn auch nur ganz flüchtig, der +Gedanke gekommen, eines dieser Anerbietungen, nicht anzunehmen, o +nein, aber als Darlehen zu benutzen, da es mit seinem Gelde zu Ende +ging, als Darlehen für eine kurze Zeit, bis er sich in England durch +neue Siege neues geholt?--Es war nicht dazu gekommen, es war bei dem +flüchtigen Gedanken geblieben. Aber er hatte ihn doch gedacht... + +Auch gegen Geschenke hatte er sich bis heute gewehrt. Das einzige, +was er je angenommen, war das Band an seinem Handgelenk, die Kette +von Gold. + +Aber sie war nicht unzerbrechlich. Sie band ihn nicht an sie. + +Er griff mit den Fingern der lenken Hand zwischen sie und das Fleisch +und versuchte sie abzustreifen, obwohl er wußte, daß es nicht ging. +Und seine Wut stieg, als er sah, wie vergeblich es war. + +Aber das sollte ein Ende nehmen, jetzt gleich, noch heute abend! + +Er riß sich aus dem Hinbrüten auf und rief nach dem Wirt. Er hatte +vier Stunden auf diesem Fleck gesessen. Als er nach der Uhr sah, war +es gegen Elf. + +Der Regen draußen war stärker geworden. Felder fühlte ihn nicht. Er +ging der Friedrichstadt zu. + +Das Haus war offen. Natürlich: dieses Haus war nachts immer offen, +und die Treppen lagen in ihrem ewigen Zwielicht. Weshalb war ihm das +nie so aufgefallen, wie heute?-- + +Er klingelte an ihrer Tür. Er klingelte nochmals. Endlich hörte er +die schlürfenden Schritte der Alten und ihre Stimme. Er schlug gegen +die Tür und rief um Einlaß. + +Als sie sich öffnete, schob er das Weib beiseite, das bei seinem +Anblick wie erstarrt war. Es war das erstemal, daß er unerwartet kam. +Er kümmerte sich nicht im geringsten um die Fragen und Beteuerungen, +daß Madame nicht zu Hause sei. Er hörte nicht hin, er verstand das +Kauderwelsch nicht. Er wollte Madame erwarten, sagte er kurz. Sie +würde schon kommen. + +Er riß die Tür zu dem großen Zimmer auf. Es war beleuchtet und warm, +wie immer. Aber sie war nicht da. Sie war auch nicht im Schlafzimmer. +"Ich werde Madame erwarten," sagte er nochmals, und mit solchem +Ausdruck in dem blassen Gesicht, daß sich die Alte endlich mit +Jammern und Wimmern zurückzog. Felder merkte es nicht einmal. + +Er lief im Zimmer umher und warf überall rücksichtslos die +Gegenstände durcheinander. Er suchte den kleinen Schlüssel zu dem +Armband. Als er nicht fand, was er suchte, begann er die Arbeit an +seinem Handgelenk von neuem: er zerbrach eine goldene Hutnadel und +eine Schere, er zerrte, bis seine Finger bluteten. Endlich gab er es +auf, warf sich in einen Sessel und wartete. + +Wie lange?--Er hatte keine Ahnung. + +Das Licht der Ampel trieb das Dunkel in die Ecken des Gemaches und +ein schwaches Rot auf seine Wangen, wie die Röte der Scham. + +Ja, er schämte sich. O, wie er sich schämte!-- + +Er hätte weinen mögen und konnte es nicht. Die innere Wut erstickte +seine Tränen. + +Er lag wie in einem Halbschlummer. + +Plötzlich führ er empor. Er hörte draußen Stimmen: das klagende +Wimmern der Alten und ihren herrischen, empörten Aufschrei der +Verwunderung. Die Tür wurde aufgestoßen, und sie stand vor ihm: +hochaufgerichtet, in großer Toilette, die Arme und die herrlichen +Schultern entblößt, Zorn in den Augen und auf den roten Lippen. "Wer +ist hier?--Du?--Was willst du hier?--Wer hat dir erlaubt--" + +Er ging auf sie zu. Die ganze Raserei dieser Nacht brach in ihm los. +Als sie seine Augen sah, wußte sie alles. Aber sie hatte keine Angst. +Sie kannte keine Furcht und ihre Lippen verzogen sich leise und +spöttisch. + +Wie er das sah, griff er sie bei den Armen. Er wußte nicht, was er +mit ihr tun sollte, er wußte nur, daß er sich rächen wollte an diesem +Geschöpf, das ihn beraubt. + +Sie bog sich wie eine Katze unter dem Druck seiner rauhen Hände. Und +auf diesem selben Platze, auf dem sie an jenem ersten Abend +miteinander gerungen in begehrender Liebe, rangen sie nun in +widerstrebendem Haß. + +Von seinem mißhandelten Handgelenk floß Blut und befleckte die Seide +ihres Kleides und ihre weiche, bräunliche Haut, während ihre Lippen +unerhörte Beschimpfungen, die er nicht verstand, von sich +schleuderten. + +Immer wieder versuchte er, sie niederzuzwingen, und immer wieder flog +ihr schlanker Körper empor wie eine Gerte unter seinen Händen. + +Es war, als ob er seine Kraft an sie gegeben habe in diesen paar +Monaten... + +War es das, oder war es der Duft, der von ihr ausging und ihn +betäubte, daß er sie nicht niederkriegen konnte?-- + +Kurz: er fühlte, daß er auch hier der Schwächere geworden war... + +Da gab er sie frei und taumelte hinaus, verfolgt von ihrem höhnischen +und triumphierenden Lachen. + + +5 + +Bis zum Morgen ging er durch die Straßen. Als es dämmerte, schlug er +die Richtung nach dem Norden ein. + +Um sechs Uhr war er an den Toren der Fabrik und der erste, der +eintrat. Er ging in die mechanische Werkstätte. An einem der +Schraubstöcke stand er eine kurze Weile. Als er zurück kam, hielt er +das gesprengte Armband in der Hand. + +Noch fast eine Stunde ging er durch die öden Gassen dieser Gegend. +Irgendwo schleuderte er das Armband auf einen Kehrichthaufen. Dann +erst wusch er sich an einem Brunnen die Hände, verband sich das +blutende Gelenk und trank in einer Destillation eine Tasse Kaffee. Um +sieben Uhr war er an seiner Arbeit. Den Morgen über sprach er kein +Wort. Am Mittag führ er nach Hause, warf sich auf sein Bett und +schlief wie ein Toter. + +Als er erwachte, war ein neuer Tag angebrochen. Mit ihm begann ein +neues Leben für Franz Felder.-- + +Wenn das Leben, welches er vor einem Jahre vor seinem neuen, großen +Ziele der Springmeisterschaft geführt hatte, ein einfaches und +enthaltsames gewesen war, so war das, welches er jetzt lebte, noch +spartanisch dagegen zu nennen. Es zerfloß zwischen Arbeit und Ruhe, +und sein einziger Zweck war für Felder einstweilen: die +Wiedererringung seiner Kraft. Nicht dessen, was andere Menschen +Gesundheit und Kraft nennen. Die allermeisten hätten ihn um die seine +beneidet. Nein, jener überlegenen, herkulischen Kraft, die er nötig +hatte. + +Daher strich er von einem Tage zum anderen alles aus seinem Leben, +wodurch er glaubte, sie auch nur um ein Minimum vermindert zu haben: +das Glas und die Frau, denn beides war Gift und Krankheit; jeden +Verkehr, denn der nahm ihm die Zeit zur nötigen Ruhe; jede Freude, +denn er wollte von ihr nichts mehr wissen; und um ganz sicher zu +sein, strich er gleich alles auf einmal! + +Das einzige, was er sich noch gönnte an Genüssen, war eine möglichst +gute und nahrhafte Kost und zuweilen ein Glas starken Weines. Und +Schlaf, viel Schlaf!-- + +Die Arbeit war ihm lieb. Sie hielt seine Kräfte im Gleichgewicht, +ohne sie zu verbrauchen. + +Außerdem verlieh sie seinem Leben die nötige Regelmäßigkeit. Da er +mit seinem Gelde zu Ende und ganz auf sie angewiesen war, hütete er +sich vor jeder unnötigen Ausgabe. Er kleidete sich wieder wie früher +und achtete selbst an den Feiertagen kaum auf sein Äußeres. Wozu +auch? Es sah ihn ja niemand mehr. + +Er nahm sich nicht die Mühe, seinen Austritt aus dem Verein "Hecht" +diesem anzuzeigen. Er sandte gelegentlich sein Trikot zurück. Sie +hatten seinen Namen wohl bereits aus der Mitgliederliste gestrichen. +Was lag ihm daran!--Er hatte nie Fühlung mit diesen Leuten gehabt, +unter denen er fremd, denen er nur der Meisterschwimmer Europas +gewesen war, die ihn für Siege, aber nicht für Niederlagen gebrauchen +konnten. + +Er sah selbst Koepke kaum mehr, und damit zerriß auch, das letzte +Band, das ihn noch an sein früheres Leben knüpfte. Wenn er ihn +gelegentlich traf, tranken sie ein Glas Bier zusammen. Dann erzählte +der alte Getreue Felder, wie er "ebenfalls der Schwimmsache Valet +gesagt habe", da sie ihm keinen Spaß mehr mache, seitdem Felder nicht +mehr dabei sei. Er war in einen kaufmännischen und in einen Kegelklub +eingetreten und spielte in beiden bereits seine alte Rolle des +Lasttieres mit unverhohlener Wonne weiter. + +Felder lächelte krampfhaft. Also er hatte dem Schwimmen Adieu +gesagt!--Das sagte man also von ihm!--Nun, man würde ja sehen... + +Das neue Leben fiel ihm nicht schwer. Er dachte wenig und er fühlte +sich ganz wohl. + +Nur die langen Sonntage waren schlimm. Es wäre ihm am liebsten +gewesen, sie hätten nicht existiert. Wenn er sie hätte durcharbeiten +können, alle diese Wochen, einen Tag wie den anderen, ihm wäre es +Recht, dachte er oft. Nun mußte er sich mit den Sonntagen abfinden, +diesen endloslangen Nachmittagen, mit denen er nichts mehr anzufangen +wußte, und er ging jetzt sogar das eine oder andere Mal mit seinen +stillen Eltern und den lauten Geschwistern, die darüber höchst +erstaunt waren. Aber auch das gab er bald auf, denn er wußte mit +ihnen nichts zu reden. Die häuslichen Dinge langweilten ihn, und über +das eine konnte er doch nicht sprechen, weder mit ihnen, noch mit +irgend jemand auf der Welt... Wer verstand das?--Er kannte keinen. + +So ging er denn schließlich auch an diesen Nachmittagen seine +einsamen Wege: zu all den Orten, wo er früher so glücklich gewesen +war und die jetzt öde und verlassen unter dem ewig grauen Himmel +lagen. Denn es wollte dieses Jahr nicht Frühling werden. Eine dünne +Eisschicht bedeckte noch den Kochsee, als er eines Tages dort durch +die Spalten der festverschlossenen Umzäunung sah, und kahl und +traurig starrten die Gerüste und Planken der anderen Badeplätze in +die Höhe--am Plötzensee und in Grünau, wohin er auch kam,--kahl und +frostig wie die Bäume, deren laublose Stämme sich regungslos von dem +braunen Boden der Landschaft abhoben. Sie stimmten ihn nicht +fröhlicher, diese einsamen Ausflüge, auf denen unvergessene +Erinnerungen ihn immer von neuem in ihrem Bann zogen. Aber er wußte +nichts anderes zu tun, und so fuhr er immer wieder hinaus und ging +oder stand oft stundenlang, in Gedanken versunken, auf den +verlassenen Stätten seiner Siege und seines Glückes... + +Besser wurde es erst, als es Frühling wurde.-- + +In der ersten Zeit schwamm er nur selten. Er wagte sich nicht in die +Schwimmhallen, aus Besorgnis, dort Bekannte zutreffen. Er fürchtete +geradezu jede Frage, jedes Wort, jede Anspielung auf seine +Niederlage... Er hätte sie nicht ertragen. Dann, als er wieder +allabendlich nach der Arbeit badete, vermied er mit derselben +Sorgfalt, wie im Vorjahre, die Übungsabende der Klubs und ging an dem +einen Tage hier-, an dem anderen dorthin, wo er sicher sein konnte, +möglichst allein zu sein. So besuchte er alle Winterbäder, wie es +gerade kam. Nur in jene kleine, dunkle Halle im Süden der Stadt, wo +er vor einem Jahre täglicher Gast gewesen war, ging er nie mehr... +Diese Erinnerungen sollten begraben bleiben und durften ihn jetzt +nicht stören. Er schwamm einstweilen noch ohne jeden Gedanken an ein +neues Training. Alles, was er wollte, war, seine ganze Kraft +wiederzufühlen, ehe er daran dachte, sie von neuem zu üben. Er +glaubte nämlich allen Ernstes, das Gefühl seiner Kraft verloren zu +haben. Einmal schwankend geworden an ihr, war er wie der eingebildete +Kranke, der stets die Krankheit zu haben glaubt, von der er hört. Er +war irre an sich geworden, weil er angefangen hatte, über sich +nachzudenken. + +Er fürchtete sich, die Zeit nehmen zu lassen. So schwamm er +vorderhand noch in allen möglichen Stilarten und alle möglichen +Längen, wie es ihm gerade in den Sinn kam, ohne auf sich und seine +Umgebung zu achten. Und das ungeheure Wohlbehagen, das er immer +empfand, wenn er im Wasser war, ergriff ihn wieder, und täglich mehr +und mehr... Mit dem Wohlbehagen aber fühlte er zugleich seine Kraft +wieder, und seine Übungen wurden ernster, wenn er sie auch noch nicht +prüfen ließ. + +Dann hörte er eines Abends, als er seine hundert Meter zum dritten +Male so ganz für sich geschwommen, wie ein Herr, den er nicht kannte, +der ihn aber beobachtet und zu seinem eigenen Vergnügen nach der Uhr +gesehen hatte, sagte: 1:21. + +1:21?!--Aber das war ja seine eigene, frühere gute Zeit, das kam nahe +an den von ihm selbst vor zwei Jahren in Wien aufgestellten Rekord +heran, als er so glänzend disponiert war?--Dann, dann--besaß er sie +ja wieder, seine verlorene Kraft!--Dann ging es ja wieder!-- + +Er bat den Fremden, ihm doch nochmals die Zeit zu nehmen. Er schwamm +die hundert Meter zum vierten Male, und zwar bewußt ohne besonderen +Kraftaufwand. Und seine Zeit blieb gut.-- + +Er freute sich noch nicht. Er wagte es nicht. Aber in seine wahllosen +Übungen kam von jetzt ab wieder ein gewisser Sinn. + +Er schwamm von neuem alle Stilarten und alle Längen durch, ließ sich +die Zeit nehmen, wenn er gerade den Bademeister oder sonst einen +Bereitwilligen dazu fand, und ohne noch in ein bestimmtes Training zu +treten, erprobte er doch schon--vorsichtig und unsicher wie ein +Anfänger--seine Fertigkeit. + +Allmählich wurde er ruhiger, je sicherer er wurde. Er konnte sich +nicht mehr verhehlen, daß sein furchtbares Erschrecken nach jenen +ersten, im Grunde belanglosen Niederlagen töricht und übertrieben, +und daß von einer ernstlichen Erschütterung seiner Kraft wohl nie die +Rede gewesen war; daß ein paar Wochen ruhigen Lebens sie vielleicht +ganz von selbst in das alte Geleise gebracht hätten und so eigentlich +dieser ganze Bruch unnötig und im Gründe etwas lächerlich und darum +eigentlich beschämend war... + +Aber eines blieb trotz allem. Wenn auch seine Kraft nicht erschüttert +war, sein Selbstvertrauen war es auf jeden Fall!--Dieses stolze +Selbstvertrauen, entstanden nicht im einer Stunde, sondern aus +empfangsfähigem Boden schüchtern und langsam emporgewachsen, stetig +erst bewässert durch kleine, dann genährt durch immer größere +Erfolge, Wurzel schlagend in beispiellosen Siegen und endlich +untrennbar, Wesen und Eins, mit der Persönlichkeit, mit ihm, ihm-- +Franz Felder!-- + +Dieses Insichselbstvertrauen war erschüttert. Nicht seine Kraft, sein +Selbstvertrauen mußte er daher wiedergewinnen!-- + +Dazu war nun das Leben, wie er es führte, am wenigsten geeignet. +Unfähig, Vergleiche zu ziehen, Eindrücke zu empfangen und +wiederzugeben, konnte er es nur nähren an den Maßen seiner +Einbildung. Und mit jedem neuen _über sich_ erfochtenen Sieg seiner +Kraft nahm es Dimensionen an, an die Felder früher nicht gedacht +hatte. Schon aus dem einfachen Grunde nicht gedacht, weil er früher +geschwommen, so gut er es konnte, ohne zu denken. Zahlen waren es, +die er jetzt verglich: Zahlen gegen Zahlen. Nicht Leistungen--warme +Leistungen des Lebens--gegen Leistungen. Wie er aber den Tag +ersehnte, an dem ihm das zum ersten Male wieder möglich sein würde!-- + +Dann würde er wieder leben. Denn dies Leben der Einsamkeit, wie er es +jetzt führte, war kein Leben mehr. Er litt unter seiner eigenen +Einsamkeit. Wie sehr er litt, wußte er selbst nicht einmal mehr. + +Er war immer allein, und allmählich kam es ihm wie ein Traum vor: die +alten, lieben Freunde, die lauten, fröhlichen Feste, seine +sensationellen Siege--waren sie in der Tat jemals Wirklichkeit +gewesen?--Der Taumel seiner Sicherheit, seine Wagnisse, seine +Reisen?-- + +Er wollte nicht an die Vergangenheit denken. Er wollte sich +vorbereiten auf die Zukunft. Denn alles lag erst noch vor ihm. Hinter +ihm lag nur ein Anfang, ein in seinem Ende mißglückter Anfang. + +Aber was er nicht hindern konnte, war: daß zuweilen Bilder dieser +Vergangenheit vor ihm aufstiegen, und vor allem Bilder des letzten +Jahres, der Zeit, als er schon nicht mehr so ganz und gar in dem +engen Kreise der Genossen gelebt, sondern neue, fremde Menschen und +andere Lebensweiten sich ihm aufgetan. Und er sah noch zuweilen das +hohe, nüchterne Atelier des Bildhauers vor sich, die kahlen Wände und +die seltsamen Figuren, und den Künstler selbst, schweißbedeckt, +schweratmend und in innerlichen Kämpfen qualvoll ringend; und das +warme, gemütliche Zimmer des Doktors, den fröhlichen, freundlichen +Mann mit den blitzenden Augen und der lebhaften Stimme, unermüdlich +im Erzählen und voll Interesse für ihn; und zuweilen--sah er auch +sie... Aber da wandten sich schnell seine Gedanken. Er wollte davon +nichts mehr wissen und zwang sich zum Vergessen. Und nur in seinen +Träumen erregte sie ihn zuweilen noch, wie sie es damals getan. Doch +auch diese Träume wurden seltener und seltener und schwanden endlich +ganz, wie ihr Duft allmählich aus seinen Kleidern gewichen war, +dieses ekelhafte Parfüm, das seinen Körper vergiftet hatte. + +Und endlich wurden die Gestalten blasser und blasser und schwanden +ganz, so wie Felder es wollte. + +Alles, was hinter ihm lag, wurde wesenlos und verlor seine letzte +Macht selbst über seine Erinnerung. + +Hatte er es überhaupt erlebt?-- + +Oft vermochte er kaum mehr daran zu glauben. Aber er hieß doch Franz +Felder!--Er war es doch noch, der diesen Namen trug?--Aber wer fragte +noch nach ihm! + +Er wußte, er war vergessen. Er war nicht mehr Franz Felder, wenn er +auch noch so hieß. + +Es war ein Name, den er erst erobern sollte. + +Und erobern würde er ihn, dessen wurde er mit jedem Tage sicherer. + +Denn wenn er auch vergessen war, noch lebte er. + +Noch war er nicht tot! + + +6 + +Wenn man ihn vergaß--_er_ hatte nichts vergessen. In der ganzen +deutschen Schwimmerwelt gab es keinen, der mit schärferem Auge alle +Vorgänge in ihr verfolgte, keinen, der mit größerer Hast nach den +Berichten griff, als Franz Felder. Kein Ereignis von irgendwelcher +Bedeutung entging ihm. Er las alle Zeitschriften, die irgendwie in +Betracht kamen; er war unterrichtet über alle Veranstaltungen und +über den Verlauf einer jeden. Kein neuer Name blieb ihm fremd, kein +Sieg von irgendwelcher Bedeutung unbekannt. + +Es wurde seine Beschäftigung, an manchen langen, einsamen Abenden die +Sportszeitschriften durchzusehen, alte und neue, und Vergleiche über +Vergleiche anzustellen zwischen dem, was geleistet wurde und +geleistet war--von ihm selbst. + +Er wurde innerlich immer sicherer. + +Als das erste große Sommerschwimmen des Berliner Schwimmbundes +herannahte, drängte es ihn mit Macht zur Beteiligung. Aber er bezwang +sich und dachte an den Schwur, den er sich selbst in jener Nacht der +Verzweiflung getan. + +Nein, er wollte nicht!--Was er tun wollte--nicht Berlin, nicht +Deutschland, Europa sollte es sehen. Dazu gab es nur eine +Gelegenheit. Er mußte sie erwarten. Noch war seine Stunde nicht +gekommen. + +Er blieb fern. Aber es wurde ihm schwer. Zum ersten Male sah er den +Preis seiner Vaterstadt über die kurze Strecke, der vor vier Jahren +sein erster großer Sieg gewesen und den er seitdem Jahr für Jahr +behauptet, in fremden Besitz übergehen. Freiwillig gab er den +Meistertitel Berlins aus den Händen und seinen Namen neuer +Vergessenheit preis!--Freiwillig--denn an demselben Tage schwamm er, +für sich allein, einmal am Morgen und einmal am Nachmittage in einer +eben geöffneten, entlegenen Badeanstalt der Umgegend die hundert +Meter in einer Zeit, die seinem eigenen Rekord vor zwei Jahren fast +gleichkam und die Zeit des Siegers--auch eines alten Gegners--beide +Male übertraf. + +Er biß die Zähne aufeinander. Er wollte noch nicht. Denn er _durfte_ +noch nicht!-- + +Wieder vergingen Wochen, und der Sommer war da. Das Wasser wurde +täglich wärmer. Langsam nahte sein Tag: der Tag des großen Festes des +Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes, der größten internationalen +schwimmsportlichen Veranstaltung des Jahres, nicht nur für +Deutschland, sondern alle benachbarten Länder; der Tag der großen +Entscheidungskämpfe über die allerersten Meisterschaften des +Weltteiles. + +Und er erwartete ihn. + +Dann fiel sein Blick eines Tages im "Welt-Sport" auf seinen Namen, +seit langer Zeit zum erstenmal wieder, und sein Herz schlug höher bei +dem, was er las. Es war eine Kritik des letzten Berliner +Bundesschwimmens und in der Hauptsache die Besprechung des Sieges des +jungen Georg Bauer vom "Triton", wo es am Schluß hieß: + +--"Die Leistung dieses jungen Mannes erinnert uns in ihrer +selbstbewußten Kraft und der idealen Schönheit ihres Stils an +diejenigen des noch vor kurzem überall genannten Meisters von Europa +vom Vorjahre. Unsere Leser wissen, daß wir von Franz Felder sprechen. +Sie wissen auch, wie sehr wir stets gerade für diesen Schwimmer +eingetreten sind, und erinnern sich, welche Hoffnungen und Wünsche +wir noch auf Jahre hinaus für ihn gehegt und ausgesprochen haben. Um +so schmerzlicher war--wie wohl überall--unser Bedauern und um so +größer unsere Enttäuschung, diesen in Haltung und Kraft einzigen +Schwimmer so jäh niedergehen und dann von einem Tage zum anderen, +nach einigen äußerlich gar nichts bedeutenden Mißerfolgen, plötzlich +von der Bildfläche verschwinden zu sehen: aus Gründen, die offenbar +tiefer liegen, als daß wir ihnen hier öffentlich nachgehen dürften. + +Es wäre sicherlich ein einziger Genuß für jeden feineren Kenner +gewesen, am vergangenen Sonntag zum Beispiel ihn und Bauer zugleich +an den Start gehen und die reifende Kraft des Jüngeren mit der +gereiften des Meisters in einer Form wetteifern zu sehen, die bei der +rohen, immer mehr eingreifenden Preisjägerei gänzlich in +Vergessenheit zu geraten scheint. + +Werden wir ein Schauspiel dieser Art nie mehr erleben?--Fast scheint +es so. Aber wir können die Hoffnung noch nicht aufgeben, Felder eines +Tages wieder an der Arbeit zu sehen, und möchten heute nur nochmals-- +auch im Hinblick auf manchen ungerechten Angriff, der den Meister mit +zu seinem sonst rätselhaften Entschluß, sich so ganz zurückzuziehen, +getrieben haben mag--betonen: wenn auch die neuerlichen Leistungen +des Nachwuchses jedes Lobes würdig sind und manchen zum Nachfolger +Felders geradezu prädestinieren, so scheint allen doch völlig zu +fehlen, was der Persönlichkeit dieses Meisters so sehr eigen war-- +diese innerliche Leidenschaft und Liebe zur Sache, dieses Aufgehen in +ihr mit Leib und Seele, diese unbedenkliche Hingabe der Begeisterung, +die wir in seinen phänomenalen, oft über die eigene Kraft +hinausgehenden Leistungen zu oft bewundert haben, als daß wir uns +über sie täuschen könnten. Dadurch--nicht durch die Teilnahme an dem +äußeren Ausbau des Schwimmwesens, wie er in den Klubs betrieben wird, +und auch nicht durch seine Siege--hat Felder seiner geliebten Sache +den größten Dienst geleistet und ihr in den Augen vieler eine höhere, +gewissermaßen edlere Bedeutung gegeben, als sie bis dahin besaß. Das +sollte ihm unvergessen bleiben und seine Gegner daran erinnern, daß +Menschen dieser Art ihre eigenen Wege gehen und gehen müssen, weil +sie nur auf ihnen ihre--oft nur von ihnen selbst geahnten oder +erkannten--Ziele, erreichen können..." + +Wie das Herz des Lesenden schlug! + +Was er selbst sich nie klar gemacht, was er aber ahnte und dem er +nachging--dieser Mann, der das geschrieben, hatte ihm Worte gegeben! +--Er war der einzige, der ihn ganz verstand! + +--"Menschen dieser Art gehen ihre eigenen Wege..." + +Ging er nicht die seinen, war er sie nicht stets gegangen, getrieben +von einer inneren Stimme, die das Rauschen und Brausen auch des +lautesten Beifalls übertönt hatte?--Und wenn er sie eine Zeitlang +nicht mehr vernommen, war sie es nicht gewesen, die ihn zurückgelockt +hatte zu sich?--Hörte er sie nicht wieder?--Und rief sie ihn nicht, +wie damals den armen, kleinen Jungen, jetzt wieder, ihn, den Meister, +zu Zielen, von denen niemand wußte, auch er selbst nicht?!-- + +Ja, sie rief ihn wieder, und er hörte sie: rein und klar, wie nur +je!-- + +Ein paar Tage später holte er eines Abends Koepke aus seinem +Geschäft ab. Die Ausschreibungen zu dem großen internationalen +Verbandsschwimmen waren soeben erlassen. + +Felders Tag war gekommen. + +In einem Restaurant setzten sie seine Meldung auf: in dem üblichen, +geschäftsmäßigen Stil, aber doch noch Wort für Wort überlegend. Und +als Koepke sie abgeschrieben, setzte Felder das übliche: "Mit +Schwimmergruß..." und seinen Namen darunter in seiner klobigen, +mühsamen Handschrift. Auch die Einzahlung des Einsatzes von zwanzig +Mark, die Felder schon lange zurückgelegt, versprach Koepke zu +besorgen, und Felder durfte sicher sein, daß es pünktlich geschehen +würde. Befriedigt legte er die Feder aus der Hand und lächelte zum +ersten Male seit langer Zeit wieder. + +Dann aber, als sie nach geschehener Arbeit noch zusammensaßen, da +brach es plötzlich aus Felder hervor!--Er wußte selbst nicht, wie es +so plötzlich kam, aber er mußte sprechen, um endlich einmal wieder +die eigene Stimme zu hören. Und während der kleine Kaufmann erst +erstaunt und dann betroffen, ganz betäubt wortlos zuhörte, Strömte +vor ihm aus gequälter Brust alles hervor, was sie seit Monaten zum +Ersticken bedrückte. + +Man hatte ihn vergessen!--Ja, er wußte es wohl. Er hatte sich von der +Schwimmerei zurückgezogen. Er konnte nichts mehr. Er war fertig. Er +war tot... + +Aber wie sie sich alle täuschten!--Sie alle miteinander!--Was wußten +sie denn von ihm?--Verstanden sie ihn überhaupt?--Ahnten sie auch +nur, was er gewollt hatte?-- + +Wie sollten sie begreifen, was er erst wollte?! + +Sie glaubten ihn fertig, und er war erst am Anfang. Sie glaubten ihn +gestürzt, die aus dem Tale Zuschauenden. Aber er war nur für eine +kurze Weile hinter einer Felsecke verschwunden, um auszuruhen zur +neuen Wanderung von Gipfel zu Gipfel! + +In vierzehn Tagen würde er wieder vor ihren Augen erscheinen und eine +Wanderung beginnen, auf der sie ihm überhaupt nicht mehr folgen +konnten. + +Er war noch nicht einundzwanzig Jahre alt. Er war noch gar nicht im +Vollbesitz seiner Kraft. Wenn er sich einen Augenblick je +eingebildet, sie verloren zu haben, so war er ganz einfach ein Narr +gewesen. Auf jeden Fall fühlte er sie jetzt wieder, so mächtig und +ungebärdig, daß er den Tag nicht mehr erwarten konnte, sie zu +erproben. Und da er jetzt wußte, wodurch er ihr schaden konnte, +brauchte er nur alles zu vermeiden, um sie ungeschwächt sich die +nächsten zehn Jahre zu ihrer Höhe entwickeln zu lassen und sie dann +noch zehn Jahre auf ihrer Höhe zu erhalten. Das aber waren zwanzig +Jahre!-- + +Und in diesen zwanzig Jahren wollte er es in seiner Sache zu +Leistungen bringen, wie sie bisher überhaupt noch nicht dagewesen +waren. Und zwar nicht in dem engen Rahmen des Sports, unter der +Vormundschaft und beengt durch die Regeln der Klubs und Verbände, +sondern als freier Schwimmer der Welt, seinetwegen auch als +"Professional", wenn sie es denn so nennen wollten... + +Wenn er in Grünau noch einmal innerhalb des bisherigen Rahmens +schwimmen sollte, so tat er es, weil er hier noch eine alte Rechnung +einzulösen hatte. Aber es sollte nur ein Wiederbeginn sein. +Unzweifelhaft würde ihm der S.-C. B. 1879 nach seinem Siege von +selbst die Mitgliedschaft wieder anbieten, wahrscheinlich ihn gleich +zu seinem Ehrenmitgliede ernennen. + +Er wollte sie annehmen. + +Dann aber sollte sein Weg in die Weite beginnen. Berlin--was war +Berlin?--Das war ein abgegraster Boden, auf dem es nichts mehr zu +holen gab. Und auch in Deutschland waren der Städte wenige, wo er +noch Ehren erlangen konnte, die er noch nicht besaß. + +Aber das Ausland!--Dahin mußte er. Zunächst nach England. Und wenn er +von dort mit neuen Ehren und neuen Mitteln zurückgekehrt war, dann +sollten seine großen Reisen von einer Hauptstadt zu der anderen +beginnen, und überall würde er seine Kunst--wenn es sein mußte: vor +der ganzen Öffentlichkeit zeigen und den Ruhm seines Namens über die +ganze Welt tragen... + +So sprach Felder. Seine ungelenken Worte überstürzten sich, und seine +Augen glänzten wie im Fieber, während seine heißen Hände heute abend +immer und immer wieder nach dem Glase griffen. + +Und der kleine Kaufmann sah mit seinen weit geöffneten Augen ganz +stumm und erschrocken auf seinen großen Freund und hörte ihm zu, ohne +ihn zu verstehen, und wußte nicht mehr: redete ein Genie da vor ihm +oder ein Irrer. + + +7 + +In unsäglicher Spannung erwartete Felder seinen Tag. Er lebte nur +noch in dem Gedanken an ihn. Nie vorher hatte er mit solcher Sorgfalt +sich auf alles vorbereitet. + +Seine Meldung war angenommen worden. Natürlich. Sie hätten sie gar +nicht abweisen können. Es lag nicht das geringste gegen ihn vor. + +Dann wurden die Teilnehmer bekannt gemacht. Felder verschlang die +Namen, und er hätte aufschreien mögen vor Freude--das war, was er +gewollt, und mehr, als er je zu hoffen gewagt: die allerersten Namen, +nicht nur Deutschlands, sondern Europas!--Er kannte alle, vom ersten +bis zum letzten! Da war zunächst Riesecker, der der Meister +Deutschlands gewesen war bis zur Stunde, wo er ihn zurückgedrängt +hatte--aha, jetzt wagte er sich wieder hervor, sein alter Gegner; +dann Scarpetta, der Meister Italiens, dem wohl wieder einmal nach +einer Niederlage gelüstete; Anton Riegler, der Meister Österreichs +und Ungarns zu gleicher Zeit--der Europas würde er nie werden, so +lange Felder lebte, Magelsdorffer, der im vorigen Jahre die große +Rheinmeisterschaft über 7500 Meter erfochten--er sollte aber doch +lieber in seinem heimatlichen Strom bleiben. Dann der junge +Nachwuchs: vor allem der junge Magdeburger Seubert wieder--nun, nur +nicht so eilig, junger Mann; und auch du nicht, Georg Bauer--ihr +jungen Hähne kräht zu früh... + +Sie wurden alle kommen, mit Ausnahme der Engländer wieder. Nun, mit +denen würde er ja bei der nächsten Gelegenheit noch ein Wort reden... + +Sie waren alle da, und Felders innere Freude kannte keine Grenzen. +Jetzt erst war er wieder ganz ruhig. + +Was für ein Schwimmen sollte das werden!--Langsam, viel zu langsam +kam endlich der Tag für den Einsamen heran. + +Felder lag im Bett bis gegen Mittag. Mit offenen Augen starrte er die +Kränze und Bilder an den Wänden an. Endlich hielt er es nicht mehr +aus. + +Früh am Nachmittag fuhr er hinaus nach Grünau. In dem kleinen Paket +in der Hand trug er sein Trikot. Der Zug war überfüllt mit +Ausflüglern. + +In Grünau ging er gleich zum Sportplatz und dort hinter den Reihen +der Zuschauer entlang zu den ihm so wohlbekannten Auskleidestellen, +wo bereits überall Kleider hingen. Er suchte sich die entlegenste +freie Ecke und zog sich langsam aus. + +Es war vier Uhr. Vor fünf konnte das 600-Meter-Rennen kaum beginnen. +Als er das Trikot über seine glühenden Glieder zog, war er noch immer +ganz allein in dieser Ecke hier oben. Dieses Trikot hatte er sich für +sein heutiges Schwimmen als Einzelschwimmer machen lassen, und +wochenlang hatte er darüber nachgedacht, was er wählen sollte und +durfte. Endlich hatte er sich entschieden: ganz weiß, nur am Rande +mit einem goldenen Streifen; und ebenso die Badehose: ganz weiß, mit +goldenen, schmalen Streifen und vorn mit einem einfachen goldenen +Stern. Das waren die Farben keines Klubs, das war kein Abzeichen, das +war noch von niemand jemals gewählt worden--es sollten die +selbstgewählten Farben sein, unter denen er heute für sich ganz +allein siegen wollte, heute, dies eine Mal, bevor--bevor er wieder +für andere kämpfen wollte. Leicht und straff legte sich der dünne, +fast durchsichtige Stoff um seinen Körper, nur Arme und Beine frei +lassend, nirgends beengend, jeder Bewegung nachgebend, wie die +Trikots der Akrobaten und Athleten. Felder hätte keine einfacheren +und bescheideneren und doch herausfordernd-bedeutungsvolleren Farben +wählen können als diese beiden: Weiß und Gold!-- + +Noch immer kam niemand, und er stand bereits fertig. Von diesem Fleck +aus konnte er nicht nur den ganzen Sportplatz unter sich, sondern +weithin die ganze Gegend überblicken. Vor ihm unter den Bäumen fielen +die langen Bankreihen stufenförmig bis zum Wasserspiegel nieder, +dicht besetzt mit den Zuschauern, um so dichter, je näher der +Kampfplatz, alle es sich so bequem wie möglich machend, die Frauen in +luftigen Sommerkleidern, die Männer oft in Hemdsärmeln, trinkend, +lachend, sich den Schweiß abtrocknend und immer wieder die +Aufmerksamkeit den Spielen zuwendend... Kinder, die sich langweilten +und balgten, zwischen sich... Weiter unten die Farben der Klubs, die +schwarzen Röcke und Fräcke der offiziell Beteiligten, der geladenen +Gäste, der Richter, der Veranstalter... dann die nackten, hellen +Gestalten der Kämpfer... endlich der abgesteckte Platz mit seinen +fahnengeschmückten Gerüsten, die auf Tonnen schwammen... auf dem +Sprungbrett die schnell sich ablösenden Gestalten, in seltsamen +Formen die Luft durchschneidend und in dem aufspritzenden Wasser +verschwindend... Leben, Bewegung überall, überall Kommen und Gehen: +der erregte und doch verhaltene Ernst, die gespannte Aufmerksamkeit +dieses Festes, nur unterbrochen durch den zeitweiligen, tosenden +Jubel der Zuschauer, aber alles gebannt, etwas gelähmt durch die +drohende Schwüle dieses Julitages... + +Und darüber hinaus die ganze, weite Landschaft, das leuchtende +Wasserbecken, hier sich zum See verbreiternd, dort, gegen +Westen, sich in trägem Flusse verengernd, an seinen Ufern die +menschenüberfüllten Sommergärten, von denen Musik herüberschallte, +besät mit Booten und Fahrzeugen, aufweichen die sonntagsfreudigen und +arbeitsmüden Großstadtmenschen sich dahintreiben ließen; dann dort +drüben das einfache und in seiner Einförmigkeit doch so tiefe Bild +dunkler Kiefern und des weißen, märkischen Sandes: die sanften Linien +der Müggelberge, gebrochen am Horizonte durch den scharfen Strich +eines Aussichtsturmes, aber sonst leise und wellig dahingleitend, in +ihrer milden Freundlichkeit mehr geschaffen für den stillen Ernst des +Herbstes, als für diese grelle Sonne, der die geraden Stämme +regungslos, ohne Erzittern, wie betäubt, standhielten... + +Felder wußte nichts von der Schönheit und von der Einförmigkeit +dieser Gegend. Er hatte nie etwas anderes gekannt, als sie, und die +Bilder seiner Reisen hatte er gesehen, wie andere sie für zehn +Pfennig im Automaten sahen. Er sah nur das Wasser. Und es glitzerte +und glänzte und lockte und rief; und ungeduldig griff er nach seinem +Tuch. + +Dies Wasser war seine Heimat; dies Wasser war sein Land.-- + +Genau war mit Koepke der Zeitpunkt verabredet, an dem dieser ihn +abholen sollte: bei Beendigung der sechsten Konkurrenz, des +Hindernisschwimmens; spätestens aber vor Beginn der siebenten: des +Springens um die Deutschland-Meisterschaft, der als achte dann das +große Hauptschwimmen folgen sollte. Zeit genug also. Und Felder war +schon fertig. Er wußte, daß Koepke kommen würde. Hierher. Die +Ungeduld ergriff ihn. Wurde denn das Sprungbrett dort unten niemals +leer?--Immer von neuem erschienen die Springer. Und mit der Ungeduld +kam die Angst über ihn, jene Angst, die er nur ein einziges Mal in +seinem Leben gespürt: damals, vor seinem ersten großen Siege, an +jenem grauen Wintertage, in der trüben Ecke des Winterbades der +Wasserfreunde, als er so wie heute darauf wartete, daß man ihn holen +sollte. + +Aber wie durfte er _heute_ Angst haben!--Und doch fühlte er sie, wie +eine Drohung, über sich, und er atmete erleichtert auf, als dort +unten eine Bewegung durch die Reihen ging, die das Ende eines Rennens +andeutete. Dann stürzten nasse Gestalten herauf, ohne sich um ihn zu +kümmern, rissen sich, lachend und lärmend und noch schweratmend von +der Arbeit, die Trikots vom Leibe, nach Hemd und Hose greifend, und +sogleich er schien auch--pünktlich zur Sekunde--Koepke. + +Da fiel die Unruhe von Felders Brust, und hocherhobenen Hauptes, das +Badetuch lässig um die Schultern geschlagen, stieg er langsam und +ohne sich umzusehen, durch die Reihen der Zuschauer hernieder und +schritt auf die Bahn zu. Auch dort vermied er, irgend jemand mit dem +Blicke zu streifen, sondern lehnte sich ruhig an das Geländer, das +nächste Rennen erwartend, und als es begann, ihm aufmerksam mit den +Augen folgend. Aber er fühlte, wie man ihn ansah von allen Seiten; er +wußte, daß in diesem Augenblicke aller Augen auf ihm ruhten. Nicht +jetzt wollte er ihnen begegnen. Nach dem Siege--dann!--Nur einmal sah +er auf und maß mit dem Blicke die lange Bahn, die man für das 6oo- +Meter-Rennen besonders abgesteckt hatte. Welche der sieben Nummern +war wohl die seine?--Würde er in der Mitte oder an der Seite +liegen?-- + +Die Hitze wurde immer drückender; der Himmel war nicht mehr so rein, +wie am Mittag, sondern färbte sich ins Graue, und leichte Wolken +lagerten sich hier und da. Er war wie geladen mit Spannung, und ein +Gewitter konnte jede Minute losbrechen. Luft und Wasser lagen starr, +und die Blätter der Bäume hingen schlaff hernieder. Es war +unerträglich, aber alle hielt die Erwartung auf das Kommende +aufrecht. + +Dann war auch dieses Rennen zu Ende, und irgend jemand, den er nicht +kannte, sagte etwas zu Felder, was dieser nicht recht verstand. Ach +so, es sollte vor dem Beginne des Wettkampfes das übliche Bild +aufgenommen werden. Und er stellte sich auf den bezeichneten Platz, +aber erwußte nicht, wer neben ihm stand. War es Scarpetta oder der +junge Seubert? Er sah nur immer gerade aus, seine Augen hatten einen +ganz starren Ausdruck angenommen, und in diesem Moment sah jeder, der +ihn früher gekannt und ihn nun zum ersten Male seit Monaten +wiedersah, wie sehr er sich verändert hatte. + +Das war nicht mehr das weiche, runde, gutmütige Gesicht Franz +Felders, wie man es kannte von früheren Zeiten her und so vielen +Bildern, das unbekümmerte Gesicht des Knaben und des glückstrahlenden +Jünglings; das war nicht mehr der vertrauende, freundliche Blick, der +diesen Zügen auch dann noch geblieben war, als die letzten Jahre +schon die Linie der Entschlossenheit bis zur Härte vertieft hatten: +das war das frühalte, herbe Gesicht eines Mannes, in dem die +Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen haben; und in diesen Augen, +die über alles hinweg in eine weite Ferne blickten, brannte nur noch +das Feuer eines düsteren Willens, der entschlossen war, sich +durchzusetzen, und sei es über Leichen... Und wie sein Gesicht, so +hatte auch Felders Gestalt alle Weichheit verloren; jetzt sah man +deutlich, welche Kraft in dieser hageren Sehnigkeit und in diesen +straffen, eisernen Muskeln lag. + +Das Bild war aufgenommen. Irgendein anderer, dessen Stimme ihm +bekannt in die Ohren schlug, gab Felder die schwarze Mütze und nannte +ihm die Nummer seines Platzes--den zweiten links. Aber Felder sah und +hörte überhaupt nichts mehr, als nur diese eine Zahl; und während er +sich zu ihr durchdrängte, verschwammen alle diese Gesichter um ihn +her völlig in ein großes Ganzes--die Starter, die Festteilnehmer, die +Sportsleute, die Zuschauer--und erst, als er im Wasser mit der Hand +an seiner Nummer lag, kam er wieder zur Besinnung. Jetzt schaute er +sich um: links neben ihm als Nummer eins lag der junge Georg Bauer +mit seinem lachenden Gesicht, als sei dies Schwimmen ein Spiel; +rechts neben ihm, totenblaß und mit aufeinandergebissenen Zähnen +Riesecker; dann, als er den Kopf nach hinten bog und empor sah, ob +das Zeichen noch nicht gegeben wurde, erkannte er unter den +Gesichtern dort oben über ihm, wie im Fluge, aber ganz deutlich vier, +fünf Gesichter seiner alten Freunde aus dem S.-C. B. 1879, unter +ihnen das ernste Gesicht Nagels. + +Aber er durfte jetzt nur noch eines denken; und als er, wie um nichts +mehr zu sehen, sein heißes Gesicht für eine kurze Sekunde in das +Wasser tauchte, wurde über ihm das Zeichen gegeben. Die anderen +hatten bereits abgestoßen. + +Mit einem Schlage war er unter ihnen... + +Die ersten Längen schwamm er unter dem Bann des einzigen Gedankens, +seinen Stil möglichst innezuhalten und sich nicht unnütz auszugeben. +Er mußte sich zügeln, so groß war das Übermaß von Kraft in ihm. Über +die kurze Strecke--eigentlich immer sein Favoritgebiet--hätte er +bereits gewinnen können. Dann kamen ihm in der dritten Länge gegen +den Strom zu beiden Seiten die Gegner wieder nach. Er hielt indessen +seinen Stil inne, ohne sich zu überhasten, und erst in einer der +nächsten--es mußte nach seiner Berechnung die fünfte sein--ergriff +ihn die Unruhe, ihn aufgeben zu müssen, da er glaubte, sich sonst +nicht behaupten zu können. Eine Länge, die mit dem Strom, wenigstens +wollte er es indessen noch versuchen, bevor er dann mit seinem +Endspurt etwa Verlorenes wieder einbringen mußte. Er sah sich jetzt +nicht mehr um. + +Er schwamm, und er wußte, wie gut und sicher er schwamm... + +Jetzt noch eine Länge, und dann noch eine. Und während dieser einen, +die er für die vorletzte hielt, wurde er die Gegner nicht los. Er +fühlte, es war unmöglich auf diese Weise. Er mußte seinen Stil +aufgeben und sich durchs Ziel arbeiten, so gut es ging. + +Er schlug an. + +Und nochmals stieß er ab. + +Und jetzt--er fühlte es, wie er am Ende seiner Kraft war. Er würde +auch diese Länge noch zu Ende bringen, die wie endlos vor ihm lag, +aber so wie die anderen nicht mehr. Wer war denn noch neben ihm?... +Er sah zur Seite. Niemand?--Das gab ihm neuen Mut, und er holte zu +neuen Stößen aus. Zugleich aber war es ihm, als ob man ihm zurief, +und als er nochmals unwillkürlich den Blick erhob, sah er, wie auf +dem Seitensteg ein Herr neben ihm herlief, mit den Händen fuchtelte +und ihm fortwährend zuschrie:--Genug!--genug!--es ist ja zu Ende!-- + +Zu Ende?--Was?--Darum lag niemand mehr neben ihm. Er wandte sich um +und stieg ans Land. + +Die Musik blies immer von neuem Tusch; die ganze Zuschauermenge hatte +sich wie ein Mann erhoben und schrie und winkte mit Tüchern und +Hüten, und Felder trat in ein wirres Gewühl von durcheinander +redenden und durcheinander laufenden Menschen. + +Aber wer war es denn, dem man zujubelte?--Wem galt all diese +Erregung?--Wer war der Sieger?--Einer konnte es doch nur sein. + +Niemand schien es zu wissen. + +Nur daß _er_ es nicht war, das sah er!--Niemand kam zu ihm, niemand +kümmerte sich um ihn. + +Da ging er langsam an dem Ufer entlang und an der Seite der Umzäunung +empor zu seinem Platze. Mechanisch kleidete er sich an, und seine +Augen hatten wieder den starren, abwesenden Ausdruck. Er war wie +zerschlagen. Er begriff noch nichts. Nichts, als das eine; daß er +unterlegen war!--Mechanisch streifte er sich das breite Band der +Ehrenmitgliedschaft der "Life Saving Society" um den Hals, die +höchste Ehrung, die ihm je zuteil geworden war, und die einzige, die +er neben den großen goldenen Medaillen seiner Europa-Meisterschaft an +diesem bedeutungsvollen Tage angelegt hatte. + +Er strich es noch unter dem Rock glatt, als Koepke in höchster +Aufregung heraufstürmte. + +--Mensch, rief er ihm schon von weitem zu, was wartest du denn +nicht!--Na, da unten geht es schön zu!... Aber was wollen sie denn +machen!--Du warst es doch nun einmal... + +Felder starrte ihn an. Der Kleine wiederholte nur immer in einem +fort:--Großartig!--aber wirklich großartig!--Ah, was die sich ärgern +dort unten, das ist ja ein Schauspiel für Götter! + +Felder begriff noch immer nichts. Er packte ihn am Arme. Er wollte +wenigstens wissen, gegen wen er unterlegen war. + +--Wer hat gesiegt?--stieß er hervor. + +--Wer gesiegt hat.?--schrie da der andere.--Wer gesiegt hat, fragt +er, und ist es selbst! + +Mit einem Ruck zog Felder die Jacke fest, fuhr mit der Hand durch die +Haare und richtete sich auf. Mit einem Blicke übersah er, wie vorhin, +das Bild zu seinen Füßen. Es hatte sich völlig geändert. + +Vom Himmel fielen, jede Minute dichter, die ersten Tropfen, und ein +Teil der Zuschauer hatte bereits die Plätze verlassen. Die übrigen +schickten sich an, zu flüchten; die Frauen rafften ihre Kleider +zusammen, und die Männer schlüpften in ihre Röcke. Nur dort unten +beim Kampfplatz standen dicht zusammen die erregten Gruppen. Selbst +von hier oben aus konnte man erkennen, daß etwas Außergewöhnliches +geschehen sein mußte. + +Langsam von seinem Freunde gefolgt, den Strohhut in der Hand, stieg +Felder den Abhang hinunter. Er war wie verwandelt. Er lächelte. + +Denn jetzt war seine Stunde gekommen!... Und er hatte nur noch einen +Gedanken: möglichst ruhig zu erscheinen, die wilde, unbändige Freude, +die ihn wie neugeschenktes Leben durchrann, nicht zu sehr merken +zulassen. Aber ganz konnte er sie nicht verbergen: sie lag auf seinen +Lippen, sie schien aus seinen Augen, und sein verhärmtes Gesicht +bedeckte eine schwache Röte. + +Er kam zu der ersten Gruppe, wo heftig durcheinander geschrieen +wurde--es war Felder, als ob einige ihn erkannten, schwiegen und ihm +Platz machten, als er an ihnen vorbei ging. + +Die nächste war die der "Borussia". Er sah den ihm bekannten +Schwimmwart des Vereins an: der wandte sich ab, und die anderen +machten ihm Platz. + +Er zögerte einen Augenblick. Dann ging er an der Wasserseite entlang +auf den Platz zu, wo der Tisch der Veranstalter stand und das Komitee +der Richter saß. Sie waren alle beschäftigt, und niemand kümmerte +sich um ihn. Er stand vor der großen Tafel, auf der soeben der letzte +der drei Sieger angekreidet wurde. Er las zunächst seinen eigenen +Namen: + +1. Felder . . . . . 10:48 + +dann weiter: + +2. Bauer . . . . . 11:12 2/5 + +3. Riegler . . . . . 11:20 + +Der Schreibende wandte sich um, als er seine Arbeit getan, lächelte, +als er Felder erkannte, und ging fort, ohne ihn anzusprechen. + +Felder atmete schwer. Er fühlte die feuchten Tropfen nicht, die +dichter und dichter fielen; er fühlte die drückende Hitze dieses +Tages wie nie. + +Also Bauer und Riegler!--Welcher Sieg: er hatte den berühmten Meister +Österreich-Ungarns gleichermaßen geschlagen, wie die hoffnungsvollste +Kraft der Jugend. Er wußte, daß er vorzüglich geschwommen hatte. Wenn +die erreichten Zeiten sich so nah lagen--eine Außergewöhnlichkeit bei +einem Rennen über eine so lange Strecke--so lag das bei ihm nur +daran, weil er durchaus seinen Stil beibehalten hatte. Ohne diese +überflüssige Zugabe hätte er leicht heute noch den Weltrekord über +600 Meter--10:05 1/2--verbessern können. + +Es war ein Sieg wie keiner. Vielleicht sein größter. Weshalb schien +man das nicht zu begreifen?--Was sollte das alles überhaupt heißen?-- +Warum kam man denn nicht zu ihm?-- + +Auf der linken Seite, der Wasserseite, dem Ufer gegenüber, lagen die +für die Klubs und die geladenen Gäste reservierten Plätze. Man saß +dort nicht mehr, sondern alles stand dicht durcheinander, kam und +ging. Nur die Klubmannschaften bildeten noch einzelne Gruppen. + +Dort sah Felder die blau-weißen Farben. Und mit plötzlichem Entschluß +drängte er sich durch die Menschen und Stühle, ohne daß ihn jemand +beachtete. In seinen Augen war alles Licht erloschen und er lächelte +nicht mehr. + +Nach ein paar Schritten stand er still. Er konnte nicht weiter. Er +wartete. Er stand jetzt der Gruppe so nah, daß man ihn von dort aus +sehen mußte. + +Jetzt würden sie zu ihm kommen... + +Er stand da und wartete, und Koepke, der ihm gefolgt war, ohne zu +wissen, wohin Felder wollte, stand neben ihm. + +Er hörte die Stimmen, bekannte Stimmen, und er wußte, wer sprach. Das +war der Vorsitzende, und das, das--war Nagels ruhige, sichere Stimme. + +Niemand kam. Niemand schien nach ihm hinzusehen. Niemand sprach ihn +an. Was sollte es bedeuten!--Was konnte das bedeuten?-- + +Er ertrug es nicht mehr. Und er ging weiter, und dicht an den +Mitgliedern des S.-C. B. 1879 vorüber. Er sah sie an und sie sahen +ihn an. + +Aber keiner grüßte ihn; keiner machte eine Bewegung zu ihm hin. + +Er ging weiter. Er begriff noch immer nichts. Aber er fühlte einen +Schmerz, wie er ihn noch nie in seinem Leben gefühlt. + +Er ging weiter und blieb irgendwo am Geländer stehen, mitten unter +den Mitgliedern des "Neptun", von denen er fast keinen kannte. + +Das große Hechttauchen war im Gange. Es regnete schon stark. Ein +Kämpfer nach dem anderen erschien am Start: ging ins Wasser, erschien +dort halb mit seinem Rücken, aber das Gesicht noch immer unter +Wasser, verschwamm sich, fühlte es am Anstoßen, schwamm geradeaus, +ging ans Land, wurde beklatscht--Felder sah immer auf das Wasser vor +sich und begriff noch immer nichts. Er wartete und wartete und wußte +selbst nicht, worauf eigentlich noch.... + +Dann war auch das Hechttauchen zu Ende, und in die Umstehenden, die-- +ebenso wie er--ihre Blicke nur auf die unbewegte Wasserfläche +geheftet hatten, _unter_ der der Sieg erfochten wurde, kam neue +Bewegung. + +Da führ auch Felder auf. + +Irgend etwas mußte geschehen. + +Er mußte Gewißheit haben. + +Was ging hier vor um ihn?--Entweder war etwas gegen ihn im Gange, von +dem er nichts wußte, oder ein unbegreifliches Mißverständnis-- +vielleicht auf seiner eigenen Seite--täuschte und verwirrte ihn. + +Jedenfalls mußte ein Ende gemacht werden. + +Und wieder ging er an seinem alten Klub vorüber. Aber diesmal blickte +er nicht vor sich hin, sondern fest und entschlossen sah er von Mann +zu Mann--ohne zuerst zu grüßen, den Hut noch immer in der Hand--aber +wartend--wartend ... worauf?--Und überall, wohin er auch sah, wich +man seinem Blick aus, nicht brüsk und unfreundlich, aber hier in +offenbarer Verlegenheit, dort in bewußter Absichtlichkeit, und +meistens wie erstaunt. Seine Füße wurden schwer und schwerer. Aber er +ging weiter. + +An der nächsten Gruppe, der des "Poseidon", wurden seine Blicke von +einzelnen erwidert. Aber nicht freundlich, sondern herausfordernd, +mit offenbarer Feindseligkeit, wie er es kaum anders erwartet. Er +konnte sich nicht täuschen. Die Worte: "Größenwahn!"--"Verrückt!"-- +"Der Meisterspringer"--und mehrfach das höhnisch betönte +"Einzelschwimmer" klangen zu vernehmlich an sein Ohr. Er hörte es und +ging weiter. + +Weiter und weiter, den Steg entlang. Und wohin er kam, erkannte und +beachtete man ihn entweder gar nicht, oder man machte ihm Platz. Nur +als er den "Hechten" näher kam, schien es, als ob der eine oder +andere von dort Miene machte, ihm entgegen zu kommen. Aber da wendete +er sich ab und schritt schnell zu den nun fast völlig geleerten +Sitzreihen. + +Außer den Vereinen war nun fast niemand mehr anwesend. + +Er suchte die Vertreter der Zeitungen, aber sie mußten bereits +gegangen sein. + +Nur Koepke war plötzlich wieder neben ihm. Da führ er ihn an: "Was +willst du denn noch?--Was läufst du mir denn immer nach?--So laß mich +doch endlich einmal in Ruhe!" + +Das war selbst für den kleinen Kaufmann zuviel. Mit gekränkter Miene +und ohne Antwort ging er von dannen. Felder war jetzt ganz allein. + +Noch einmal übersah er das ganze Gelände. Es war fast ganz leer und +der dichte Regen schlag durch die Blätter der Bäume. Jedes Interesse +schien erlahmt und man trieb zum Biere und zu anderer Unterhaltung. + +Dort unten gingen die letzten Wettkämpfe zu Ende. Die Richter saßen +unter Regenschirmen, und nur die Buntbemützten harrten bis zu Ende +aus. + +Da wandte sich Felder zum Gehen. + +Er dachte nicht daran, seinen Preis in Empfang zu nehmen. + +Er kämpfte nicht mehr um Preise. + +Um seinen Namen, um seine Ehre kämpfte er. + +Nein, auch das nicht. + +Um sein _Leben_ hatte er heute gekämpft, um sein ganzes vergangenes +und zukünftiges Leben. + +Nie hatte er so gesiegt wie heute. + +Und doch war er unterlegen! + + +8 + +Er sah ganz klar. + +Er begriff plötzlich alles. Er täuschte sich nicht mehr. Er erblickte +alles in anderem Lichte, dem grellen, nüchternen Lichte der +Wirklichkeit.-- + +Er war ein Narr gewesen. + +Ein Narr, als er geglaubt, daß er die Welt erobern könne mit seinen +Siegen. Ein Narr, als er wähnte, sie drehte sich forthin nur noch um +ihn, nachdem er diese Siege errungen. Ein Narr, als er sich +einbildete, er sei der allmächtige und unbezwingliche Sieger. Und der +größte aller Narren, als er von diesem Tage eine unerhörte Wendung +der Dinge erwartet. + +Er kannte doch das Schwimmerleben und wußte, wie es in ihm zuging!-- +Wie im Leben des Tages, so auch dort überall gegenseitiger Neid und +Haß! Hatte er ihn nicht in aller Blicken gelesen?--Nie würde man ihm +diesen Sieg vergessen. Daß er gewagt, seine eigenen Wege zu gehen, +war schon ein Vergehen gegen die Gewohnheit des Herkommens; daß er +aber als einzelner Schwimmer den großen Preis an sich gerissen, der +doch von Rechts wegen einem Klub gehören sollte, das war ein +Verbrechen, das man ihm nie verzeihen würde. + +Und wie hatte er auch nur eine Minute glauben können, daß sein alter +Klub ihn wieder aufnehmen, ja zuerst zu ihm kommen und ihm gar noch +die Ehrenmitgliedschaft antragen würden?--Gerade die 79er waren es +doch, denen am wenigsten noch von allen Klubs an den Preisen lag--das +wußte er doch am besten!--Er war von ihnen gegangen, und damit war +alles zu Ende gewesen zwischen ihm und den Genossen seiner Jugend. +Das war es gewesen, worunter er mehr gelitten, als er es sich jemals +selbst zugestanden. An dem Schmerz, als er an ihnen vorbeiging und +seine Blicke unerwidert geblieben waren, hatte er gefühlt, wieviel er +in diesem letzten Jahre innerlich entbehrt. Er wußte es jetzt: nicht +um die Ehre, nicht um die Preise, nicht um seinen Namen hatte er +gekämpft, sondern um seinen alten Klub. Um seine alte Liebe, um die +Wiederkehr jener glücklichen Stunden im Kreise der Freunde, um das +trauliche und schöne Beisammensein mit ihnen in allen Stunden, um +ihre Achtung und Freundschaft... Um alles, was seinem Leben jahrelang +Wärme und Licht verliehen--um sein Leben hatte er gekämpft. + +Dafür hatte er zu siegen gehofft. + +Er hatte gesiegt. + +Und er hatte verloren. + +Sie würden ihn nicht wiedernehmen, auch wenn er selbst zu ihnen +zurückkehren wollte; und wenn sie ihn aufnehmen würden, dann war +alles anders geworden.-- + +Was nun aber?-- + +So ging es doch nicht weiter. + +Er täuschte sich nicht mehr, und er wußte jetzt, wie furchtbar er +gelitten in dieser letzten Zeit. So konnte er nicht weiterleben. Er +konnte die Einsamkeit einfach nicht mehr ertragen. + +Gewiß: es standen ihm andere, die besten Klubs offen. Nichts lag vor, +was seinen Eintritt hinderte, und nach dem heutigen Siege würden sich +gar bald die gehässigen in freundliche Mienen verwandeln und sich ihm +überall die Hände entgegenstrecken, wo er sie nur ergreifen wollte. +Aber es würde niemals wieder so werden, wie es gewesen war. Er würde +so sein, wie im "Hecht": ein Fremder unter Fremden. + +Aber was sollte denn nun werden?--Ihm begann vor der Zukunft zu +grauen, denn er sah jetzt in allem ganz klar. + +Er erkannte, wie sehr er sich zunächst in bezug auf sich selbst +getäuscht. Allmählich in diesen letzten Jahren, und immer mehr und +mehr, hatte er sich daran gewöhnt, nur sich zu sehen, nur seine +Siege, nur seine Triumphe. So war er dahin gekommen, den Erfolgen +anderer keine Bedeutung beizulegen, sie zu übersehen, soweit es +anging. Gewiß, darüber war kein Zweifel: sein Name war der +berühmteste unter allen, sein Erfolg beispiellos, sein Ruhm weiter +gedrungen, als der Ruhm irgendeines deutschen Schwimmers bisher... + +Aber wieviel andere Namen wurden nicht auch neben, nicht mit dem +seinen zusammen genannt, wenn man von den Meistern des Schwimmens +sprach: alte Namen und neue, alle Tage neue... Er war nicht der +einzige, der Meister hieß. Da gab es eine Menge von Meisterschaften, +selbst in Deutschland, die in anderen Händen waren, an denen er sich +nicht beteiligt hatte, gar nicht hatte beteiligen können, schon +allein, weil Zeit und Raumentfernung und Satzungen es verboten. Da +gab es ferner die Meisterschaften im Mehrkampf, unter denen er nur +eine einzige, die bei seinem ersten und letzten Versuch errungene, +sein eigen nannte. Dann endlich die Springmeisterschaften... Doch +daran mochte er gar nicht mehr denken!--Also: nicht auf einer Brust +wurden alle Ehren vereinigt. Genug, daß die seine die höchsten trug. +Er hatte einen Namen, den besten und berühmtesten. Aber es war doch +nur ein Name neben und mit anderen. + +Noch immer der erste. Heute mehr als je der erste, und nach diesem +letzten Siege lauter genannt, als jemals zuvor.--Aber wie lange +noch?-- + +Denn auch darin sah Felder jetzt zum ersten Male klar: daß es eine +Grenze gab, über die keiner hinauskam. Nie hatte er sich das selbst +gegenüber eingestanden, nie daran auch nur denken wollen... Aber +jetzt täuschte er sich auch hierin nicht mehr, und manches Wort fiel +ihm ein, das Nagel und auch andere schon vor Jahren warnend zu ihm +gesprochen. + +Wie lange dauerte denn die Siegeslaufbahn einer Sportgroße?--So +lange, wie seine beste Kraft. Eine Reihe von Jahren, ein paar +weniger, ein paar mehr. Aber über ein gewisses Maß ging es nie +hinaus. + +Und im Schwimmen?--Wenn einer dieselben Meisterschaften und einige +Wanderpreise drei Jahre hintereinander errang, so war das schon eine +große Ausnahme. Meist kam irgendeine andere Kraft dazwischen und +entriß sie ihm vor der Entscheidung.--Wenn ein Schwimmer ein paar +Jahre lang die Meisterschaft über die kurze oder lange Strecke, oder +in irgendeiner besonderen Art des Schwimmens, in der er es zur +besonderen Fertigkeit gebracht, behauptete, so war das gerade genug. +Sicher war kein Sieg, und je zahlreicher sie sich auf eine Person +häuften, um so näher lag die Gefahr, daß diese bald von ihrem Platze +verdrängt werden würde. War einer aber gar, wie Felder, jahrelang der +überall Siegreiche, überall Gefürchtete und Beneidete gewesen, dann +waren sie alle hinter ihm her, sie, die "auch etwas konnten", und es +galt, sich zu verteidigen nach links und rechts und keinen der Gegner +aus den Augen zu lassen. + +Das war nicht leicht. Jetzt erst fühlte Felder, wie schwer es war, +wieviel schwerer es wurde von Jahr zu Jahr!-- + +Eine Zeitlang hatte er sich auch hierüber täuschen können. In stolze +Sicherheit gewiegt, hatte er sich für unüberwindlich gehalten, bis +ihm die Augen geöffnet wurden. In erster Bestürzung wollte er die +Schuld einer Abnahme seiner Kraft und sich selbst zuschreiben. Längst +wußte er, daß er sich auch darin geirrt. Sein eigener lässiger +Hochmut und Dünkel, das waren die hauptsächlichsten Gründe, die alles +verschuldet, was geschehen war. + +Er besaß sie nicht mehr: nicht Hochmut, nicht Dünkel mehr. Er wußte +seit langem wieder, was auf dem Spiele stand, und wie es zu ringen +galt, um sich auf der neu gewonnenen Höhe zu behaupten. Er war +bereit. Wie am ersten Tage der kleine Knabe bereit gewesen war, an +seinen ersten kleinen Sieg seine ganze, kleine Kraft zu setzen--so +war er willig, jetzt zu ringen um seine letzten Siege. Aber wozu?-- +Und für wen?-- + +Die Freude an Siegen war dahin, die er mit niemandem mehr teilen +konnte. Nicht nur mehr gefürchtet und beneidet, gehaßt würden seine +Siege werden, wenn er sie in dieser Weise weiter erfocht. Man würde +sie ihm erschweren auf alle Weise. Hatte er nicht heute erlebt, wie +man wie auf geheime Abmachung hin ihn überall auch dort ostentativ +geschnitten, wo er nicht das geringste verschuldet?--Hatte nicht +Feindseligkeit, ja Haß gegen den "Einzelschwimmer" in den Blicken +gelegen?--Ruhiger geworden, sagte er sich, daß auch der Zufall, der +Ausbruch des Regens und andere Umstände mitgewirkt hatten, um ihm +diese furchtbare Enttäuschung zu bereiten. Sonst würden doch der eine +oder andere von seinen älteren Bekannten aus irgendeinem der +befreundeten Klubs und sicherlich auch die passiven Sportfreunde und +die Kenner, wie zum Beispiel sein alter Bewunderer, der +Berichterstatter des "Welt-Sport", und andere zu ihm gekommen sein. + +Aber die allgemeine Animosität gegen den "Einzelschwimmer" würde +immer bestehen bleiben, und allgemeine Freude würden seine Siege nie +mehr hervorrufen. Sollte er immer so stehen bleiben, er, der +Einzelne, gegen die geschlossenen Mächte der Klubs? + +Und die anderen Träume, in die er sich gewiegt in dieser letzten, +einsamen Zeit--waren sie nicht ebenso haltlos und töricht?--Nach +England wollte er gehen?--Ganz allein, ohne Kenntnis der Sprache in +das fremde Land, um dort sich zu messen mit diesen unbekannten +Kräften, von denen er nichts wußte, als daß sie die allerersten der +Welt waren? Woher sollte er die Mittel zur Reise nehmen? Und selbst +wenn er hinging, wenn er alle Schwierigkeiten überwand--was dann, +wenn er unterlag und mit Hohn und Spott heimgeschickt wurde?--Dann +war es endgültig aus... + +Oder sollte er wirklich die wahnwitzige Idee zur Ausführung bringen +und seine Kunst zum Beruf machen? Dem ganzen Sportwesen den Rücken +kehren und als Professional die Welt durchreisen? Jede andere Arbeit +aufgeben, sich auf einige Dinge bis zur Abnormität einüben und dann +von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ziehen und sich als "Artist" +anstaunen lassen?--Das war sicherlich die törichtste seiner +Einbildungen gewesen, und er lachte sich selbst aus. Das konnte er +einfach gar nicht!-- + +Alles, was also übrigblieb, war, sich noch ein paar Jahre, so lange, +wie nur eben möglich, auf der wiedergewonnenen Höhe zu halten, den +schmalen, schwindelnden Grat zu verteidigen, bis eines Tages der +Abgrund des Vergessens auch ihn verschlang. Denn wie lange konnte die +ganze Herrlichkeit noch dauern?--Im besten Falle ein paar Jahre. Dann +war auch das vorbei. Dann waren die neuen, frischen, jungen Kräfte +ins Feld gerückt, die jetzt bereits in der Stille heranreiften, mit +flatternden Fahnen und klingendem Spiel; und wer ihnen nicht selbst +klug genug zur rechten Zeit auswich, der wurde einfach überholt, zu +Boden gerissen, niedergestampft. Dann würden die ersten wirklichen +Niederlagen kommen, die, nach denen es kein Aufstehen mehr gab. Denn +während er schon stillstand und über die eigene Kraft nicht mehr +hinaus konnte, marschierten jene, und "Platz!--Platz endlich für +uns!" war ihr Geschrei. Sie würden siegen, ganz einfach, weil sie +jung waren. Ihre neuen Namen würden die alten verschlingen, und noch +ein paar Jahre eines letzten, aussichtslosen, verzweifelnden Ringens, +in denen der alte Glanz immer mehr und mehr erblaßte,--und alles war +vorbei, sie alle miteinander vergessen; und während sie noch +weiterlebten, waren sie in Wirklichkeit schon tot, und niemand +kümmerte sich mehr um ihre verblaßten Bänder und Medaillen, diese +letzten Zeugen einstiger Triumphe, von denen sie nur den geduldigsten +ihrer Freunde noch erzählen durften, und auch das nicht, ohne bei +ihnen das Gähnen der Langeweile oder das Lächeln des Mitleids +hervorzurufen. + +So war es bei allen. + +So würde es auch bei ihm, bei Franz Felder, sein!-- + +Denn es gab keine Ausnahme, _keine_. + +Bei den meisten bildete die Militärzeit die Grenze. Diese Jahre einer +für den Sport brachgelegten Kraft überstanden nur wenige. Das +Abschiedsfest, das der Klub alljährlich seinen einberufenen +Mitgliedern gab, bedeutete für die meisten von ihnen auch den +Abschied von ihrer sportlichen Laufbahn. Nur wenige hatten nach ihrer +Rückkehr noch die Kraft und die Lust, die Ziele ihrer Jugend wieder +aufzunehmen und sich in neuen Verhältnissen an neue Kämpfe zu wagen. +Viele bewahrten der Sache wohl noch ihr Interesse, aber das Leben +forderte sie ein, und wie der Student ins Philisterium, so gingen sie +in ihren Beruf, und bald in ihm und der neugegründeten Familie auf. + +Nicht alle. Durchaus nicht alle. Es gab manche, die selbst während +dieser Militärzeit noch Energie und Lust gefunden hatten, die alte +Fertigkeit nicht ganz einschlafen zu lassen und weiterzupflegen. Sie +kehrten zurück und waren nach kurzer Zeit wieder auf der alten Höhe. +Manche errangen erst jetzt ihre größten Erfolge; bei anderen wieder +schien die Übung "in den Waffen" erst ihre ganze Leibeskraft +herausgearbeitet zu haben. + +Bei Felder traf das alles nicht zu. In seiner ausgesprochenen +Einseitigkeit, die nie eine andere Betätigung, als diese eine, +erlaubt hatte, die ihn scheitern ließ an jenem Versuch des Springens, +graute ihm vor der Zeit, die doch schon so dicht vor ihm lag. Er +wußte nicht, wie er sie überstehen sollte: in einer schmutzigen +Kaserne ohne Wasser!-- + +Und wenn er sie überstand--was dann?-- + +Noch die paar Jahre. Noch eine Zeitlang neue, unerhörte +Anstrengungen. Nochmals neue Erfolge, wie dieser heutige, die den +verschollenen Namen noch einmal vor die Augen aller stellten, +nochmals beneidet, gefürchtet, gehaßt--und dann der unerbittliche +Absturz von der Höhe, entweder: schnelles Stürzen oder ein stetes, +qualvolles Weichen Schritt für Schritt. + +Er täuschte sich nicht mehr. Er sah ganz klar. + +Er wußte, er würde es können: die zwei Dienstjahre überstehen, in +neues Training treten und sich noch Jahre--länger als irgendeiner vor +ihm--auf ehrenvoller Höhe halten. Er brauchte nicht zu verzweifeln. +So groß war seine Liebe zur Sache--er hatte sie erprobt; sie würde +ihm auch diesmal helfen. + +Er wußte, er würde das fast Unmögliche können. + +_Aber so nicht_. Nicht unter diesen Umständen. + +Nicht allein, nicht so allein. + +Es war vergeblich, es zu versuchen. + +Denn die Freude fehlte, die Freude, die ihm Mut und Kraft verliehen, +so hoch zu Steigen, die Freude der Hoffnung, die ihm geholfen, die +letzte bittere Zeit zu überstehen: die mit anderen geteilte Freude.-- + +Aber was sollte denn nun werden?-- + +Er hatte sich rettungslos verstiegen und wußte nicht mehr, wohin. + +Wie sollte er nun leben?-- + +Er fand keine Antwort. + + +9 + +Eine unerträgliche Hitze brütete über Berlin. Die Menschen atmeten +schwer in dieser Atmosphäre von Staub und Dunst. + +Felder tat noch seine Arbeit, aber er schwamm nicht mehr. Abends saß +er irgendwo und sah vor sich hin, wie ein Mensch, der keinen Ausweg +aus seinen Gedanken mehr findet; oder er ging mit demselben starren +Blick durch die heißen Straßen, bis er müde wurde. + +Er lebte, wie er gelebt hatte, die schrecklichen Monate in dieser +letzten Zeit, ganz für sich, und doch anders--denn wenn ihn damals +noch eine große Hoffnung begleitet hatte, so ging er jetzt ganz +allein: er sah und hörte nichts mehr, selbst von dem, was in seiner +Welt, der engen, der kleinen und doch für ihn alles bedeutenden, +vorging; auch durch die Zeitungen nicht mehr; und die Seite, die +dreiundachtzigste in dem kleinen, braunen Buch, das er nicht mehr mit +sich trug, blieb leer: die Seite, auf die der größte aller Siege +eingezeichnet werden durfte und nicht wurde... + +Es war alles wie abgeschnitten. Es war alles vorbei.-- + +Er sprach überhaupt kaum ein Wort mehr. + +So lebte er noch vierzehn Tage. + +Dann fühlte er eines Tages, daß er das Leben nicht mehr ertragen +konnte. + +Irgend etwas, er wußte selbst nicht was, war gebrochen in ihm, und +damit seine Kraft zum Leben. Er fühlte es deutlich. + +Es nutzte nichts, dies Denken, um herauszukommen. Er kam nicht +darüber hinweg. + +Es war, als wenn alles tot in ihm wäre: alle Sehnen plötzlich +durchschnitten von einer ungeheueren Enttäuschung.-- + +Es war wieder ein Sonntag, einer dieser leeren, durch keine Arbeit +und keine Freude mehr erträglich gemachten Tage, und erwälzte sich +auf seinem harten Bett in seinem kleinen Zimmer in dumpfer +Verzweiflung hin und her. Was sollte er tun?--Er wußte es nicht mehr. + +Er hatte keine Eltern, keine Geschwister, keine Freunde, keine +Geliebte mehr. Sinnlos war sein Leben geworden, zwecklos und +freudlos. + +Und wie er mit den Händen schlug, raschelte etwas auf ihn nieder: +verdorrte Lorbeerblätter, die beim Niederfallen in Staub zerfielen. + +Er nahm die Spreu in die Hand. + +Es war sein erster Siegeskranz: erfochten als Knabe in dem ersten +kleinen Schwimmen, seinem ersten schüchternen Versuch, seinem ersten +Siege. Und wie er sah, was es war, was er in seiner Hand hielt, da +sah er zugleich sich und sein ganzes Leben; und es schien ihm, als +seien alle diese Kränze, die bedruckten und beschriebenen Urkunden, +diese Bilder an den Wänden, zerstaubt, zerfallen und zu nichts +geworden, wie dieser hier, und nichts von allem übriggeblieben, als +ein kleiner Haufen dürren Staubes, zu dem am Ende alles Leben wird. + +Da wandte er sich ab von diesen zerfallenden und leblosen Dingen, +diesen modernden Leichen des Gewesenen, und eine schreckliche +Sehnsucht nach dem, was allein noch Leben für ihn war, ergriff ihn. + +Er kleidete sich hastig an und ließ alles hinter sich.-- + +Er ging den ganzen Nachmittag durch die Hitze und den Staub und das +Menschengewühl des Sonntags: durch den Park von Treptow, grau und +nüchtern unter dem Sommerstaube, an den Eierhäuschen an der Spree +vorbei, teils am Ufer, dann auf der trostlosen Landstraße, die +bedeckt war mit Fuhrwerken und Radlern, bis Köpenick, wo er in dem +Vorgarten irgendeiner Wirtschaft ein Glas Bier trank. Und so ging er +weiter, bis er nach Grünau kam--Stunde auf Stunde ging er so den +langen, dunstigen Nachmittag, und überall, wo er hinkam, waren die +Gärten voll von Menschen, und auf den dämmernden Uferwegen tauchten +immer neue Gestalten auf, die sich noch nicht entschließen konnten, +die köstliche Frische des Abends einzutauschen gegen die dumpfe +Häusermasse der großen Stadt. + +Er aber mußte allein sein, ganz allein, und so ging er, ohne Hunger +und Durst zu empfinden, durch Grünau und vorbei an dem Sportplatz, +der dunkel und leer dalag; und sein Herz war so müde und mutlos, daß +es selbst hier nicht einmal mehr höher schlug ... weiter und weiter, +immer an den wegelosen Ufern der weiten Seen entlang... + +Endlich war er allein. Endlich begegnete ihm niemand mehr. + +Es war spät in der Nacht. + +Kein lebendes Wesen zeigte sich hier mehr in dem weiten Umkreise von +Himmel, Wald und Wasser... + +Da stand er still und entledigte sich seiner Kleider. + +Nackt stand er da, und die Luft der Nacht umspielte seinen heißen, +staub- und schweißbedeckten Körper. + +Langsam trat Franz Felder zum Wasser und sah es an, nachdem er den +ganzen Nachmittag--und wie lange vorher schon!--seinen Anblick +gemieden. + +Aber zum ersten Male schien es ihm, als würde sein Gruß nicht +erwidert. Stumm und gleichgültig lag es da. + +Warum vernahm es denn nicht die stumme Bitte seiner Verzweiflung?-- + +Und zögernd, fast ängstlich, setzte er Fuß vor Fuß, bis es seine Knie +erreichte, versank dann in den Schlamm und umarmte es leise. Nackt, +wie damals als kleiner Knabe, schmiegte er sich an seine dunkle +Brust. + +Und schwamm. + +Behutsam, wie um es nicht zu kränken, schwamm er bis in die Mitte des +Sees, bis dahin, wo es am tiefsten war. Dort wartete er: ließ sich +sinken und verschwand tief unter der Oberfläche. + +Aber das Wasser trieb ihn empor, und wieder lag der Himmel über ihm, +tiefblau, und der Mond und die glitzernden Sterne. + +Begriff es denn nicht, was er heute von ihm wollte?-- + +Das Wasser war sein Freund gewesen, sein bester Freund, von jeher. + +Es hatte den kleinen Kerl, der noch fast nicht gehen konnte, +liebreich getragen, wie es nur die trägt, die es liebt gleich seinen +eigenen Wesen, und seine Liebe war ihm treu geblieben während seines +Lebens bis heute. + +Der ehrgeizige Ungestüm des Knaben und der ungeduldige Groll des +Jünglings hatten sie nicht zu vermindern vermocht. + +Alles hatte es seinem Liebling gegeben, was es überhaupt geben +konnte: Frische, Gesundheit, Kraft und Ruhm und unendliche Freuden, +die sich erneuten von Tag zu Tag: und alles hatte Felder genommen als +etwas Selbstverständliches, wie andere Kinder die Liebe der Eltern +nehmen. + +Nun kam er noch einmal zu ihm, um bei ihm die letzte Erlösung--vom +Leben--zu suchen. + +Aber das Wasser nahm ihn nicht. + +Es schien nicht zu begreifen, was er so plötzlich von ihm wollte; und +als könne er gar nichts anderes, als Lust und Freude bei ihm suchen, +so trug und wiegte und umschmeichelte es ihn, gleich als sei es froh, +ihn so versöhnt wieder zu haben nach der langen Zeit der +Entfremdung... + +Und Felder empfand die kühle und linde Berührung mit erschauernder +Wonne, und noch einmal vergaß er die schwere Erde, ihre Kämpfe und +ihr unerträgliches Leid und gab sich ganz der starken und reinen +Umarmung des Wassers hin. + +Das war nicht mehr der Meister, der große Schulschwimmer, der +"Champion of the World", der in dieser nächtlichen Stunde weit da +draußen und ganz allein seine Kunst übte; das war der Freund, der +wieder zum Freunde kam, um ihm seinen Kummer und seine Sorgen +anzuvertrauen und auszuruhen an seiner Brust von der Mühsal des +Lebens. Und so schwamm Felder zum letzten Male: ohne an etwas anderes +zu denken, als an die Lust dieser Stunde, ließ er sich treiben, +breitete nur zuweilen die Arme, als wolle er die silbernen Wellen +fassen und an sich ziehen; ließ das Wasser durch seine halbgeöffneten +Lippen dringen und erwiderte Umarmung und Kuß. Und wie er sich wandte +und drehte, sich bald auf den Rücken legte, bald hier untertauchte +und dort wieder emporkam, empfand er noch einmal die ganze Seligkeit, +die ihm das Wasser gegeben, die himmlische Leichtigkeit, mit der es +ihn trug... + +Lange schwamm er so...-- + +Aber dann wurde sein Herz bei dem plötzlichen Gedanken an die Erde +wieder schwer. + +Doch die Schwere seines Herzens zog ihn nicht hinunter. Und da +begriff er, daß ihn dieses Element nie töten würde, dieses Element, +das ihn liebte und das sein Leben wollte, nicht seinen Tod. So +unermeßlich stark, daß es ihn mit einem Schlage hätte niederstrecken +können, war es doch schwach ihm gegenüber, der der Stärkere war, weil +er geliebt wurde... + +Endlich begriff er, weshalb es so war und immer so gewesen war, +begriff seine ganze eigene Schwäche und die ungeheure Stärke dieser +Liebe!-- + +Da schwamm er zurück zum Ufer, entnahm seinen Kleidern sein +Taschenmesser, öffnete es und durchschnitt beim hellen Lichte des +Mondes mit schnellem, scharfem Schnitt die Pulsadern seiner rechten +Hand, ganz nahe der Stelle, wo die Narbe war, die das Armband +zurückgelassen. Sein Blut spritzte empor und er empfand einen kurzen, +heftigen Schmerz. + +Von neuem warf er sich ins Wasser und erreichte mit wenigen hastigen +Schlägen fast noch die Mitte des Sees. Sein rotes, warmes Blut +mischte sich mit der warmen, schwarzen Flut. + +Er fühlte, wie mit ihm seine Kraft schwand. + +Noch einmal breitete er die Arme weit auseinander, warf sich in der +jähen Angst des Todes herum und griff um sich, als wollte er sich +halten. + +Aber zum ersten Male ließ das Wasser ihn fallen, und er sank. + +Den Lebenden hatte es geliebt. + +Der Tote war ihm nichts als eine Last, die es achtlos in seinen +Tiefen begrub. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER*** + + +******* This file should be named 15068-8.txt or 15068-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/0/6/15068 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/15068-8.zip b/15068-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5be96d0 --- /dev/null +++ b/15068-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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