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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:43:20 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13953 ***
+
+Celsissimus.
+
+
+
+Salzburger Roman
+
+
+
+von
+
+Arthur Achleitner.
+
+
+
+Berlin.
+
+
+Alfred Schall,
+
+Königliche Hofbuchhandlung.
+
+Verein der Bücherfreunde.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.
+
+Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit
+denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16.
+Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der
+damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines
+Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
+erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen
+Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche
+Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.
+
+In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
+Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des
+Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
+der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates,
+Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen
+mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der
+Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.
+
+Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
+sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
+unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne
+Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird.
+
+München, im Herbst 1900.
+
+Der Verfasser.
+
+
+
+
+1.
+
+
+Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
+glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert
+werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
+in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles
+aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich
+zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese
+hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
+Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
+kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden
+Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man
+männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
+Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
+einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
+Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht
+bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen
+kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
+keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
+den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem
+Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige
+Feste verstehen.
+
+So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
+in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
+jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.
+
+Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
+kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter
+Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte
+die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
+werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen
+grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener
+Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult
+durch viele Reisen in Italien und Griechenland; „Vater Puchner“, der
+Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten
+Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten
+besorgen und die Anleit zum Balle geben.
+
+Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der
+Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
+großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine
+besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche
+Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht
+nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste
+herauszuputzen.
+
+Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren
+der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und
+erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
+sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig
+parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den
+vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
+bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
+daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
+wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
+auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
+kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese
+schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien,
+hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn
+der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen
+Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht,
+und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es
+erlaubt und wessen der Inhalt sei. „Was man hat, besitzt man!“ gröhlte
+ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.
+
+Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser
+logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
+wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu
+beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
+aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
+Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
+senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
+Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein
+herniederrieselten.
+
+Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
+Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten
+Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man
+nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
+lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
+Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
+Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte
+die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
+Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte.
+
+Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
+in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie
+die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur
+Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
+wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank
+der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
+ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der
+schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle
+reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen
+muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die
+Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
+Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
+Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
+die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu
+drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
+ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen.
+Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten
+blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
+silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
+Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit
+golddurchwirktem Tuch.
+
+„Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!“ lispelte Salome und erwies der
+Bürgermeisterin gebührende Reverenz.
+
+Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst
+verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: „Salome! Wie eine Fürstin
+siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
+fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!“
+
+„Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater
+ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!“
+
+„Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das
+ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat
+mein Ahnl schon gesagt!“
+
+„Des will ich warten, Muhme!“ lachte silberhell die schöne Salome, „ich
+habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
+die anderen Frauen ich begrüßen!“
+
+Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den
+Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der
+hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln
+begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
+besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
+Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die
+köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer
+bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne
+hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
+opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
+„Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
+sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
+Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat
+besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
+dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!“
+
+Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
+Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. „Die Pest
+hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
+das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und
+die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!“
+
+„Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
+städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
+Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!“
+
+„Wollt Ihr gleich stille sein!“ mischte sich Vater Puchner dazwischen,
+dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu
+eben erwarteten Landesfürsten. „Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere
+Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten
+Herrn!“
+
+Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
+unbekümmert los: „Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
+Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich
+will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die
+Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das
+Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
+Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!“
+
+Bestürzt rief Rat Thalhammer: „Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den
+Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns
+entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!“
+
+Grimmig pfauchte Lechner: „So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es
+staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen
+Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem
+geckenhaften Junker!“
+
+Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
+Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
+Landesherrn anzublasen.
+
+Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf
+stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der
+Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein
+zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
+Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
+den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem
+Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
+Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging
+von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
+an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
+atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
+an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum
+Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und
+lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann „geschwinden
+Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes“, der infolge seiner
+Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
+seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden
+Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen
+beherrschte.
+
+Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
+liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
+Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
+geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von
+Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
+zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau
+liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden,
+wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
+Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
+Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und
+stürmisch auf zu Rom wie — verspürbar allenthalben zu Salzburg.
+
+Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
+Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
+in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst
+Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu
+heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle
+Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte.
+
+Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den
+Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
+als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.
+
+„So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
+in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück
+hat....“
+
+„Will nicht hoffen! Liebe ‚zitternde‘ Häuser nicht! Soll ich aber den
+Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!“ sprach ironisch
+lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit
+seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich
+schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da
+drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche
+Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
+die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im
+Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der
+Stiegenmauer.
+
+Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter,
+dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
+überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich:
+„Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
+die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und
+Frauen soll man niemals warten lassen!“
+
+Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des
+Frauenwartegemaches und sprach: „Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die
+Damen bitten, in den großen Saal zu treten!“
+
+Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich
+wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen
+schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht.
+
+„Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!“ wisperte die
+verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor
+dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
+einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft
+bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
+verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: „Geh
+du voraus, dein Kleid verträgt es!“
+
+„Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen
+Grund zu Angst und Sorge!“ erwiderte leise die schöne Salome, und
+schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
+nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund
+nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht.
+
+Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für
+das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
+in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und
+lebhaft rief der Fürst: „Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des
+Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
+entgegennehmen!“ Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
+zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf.
+
+„Hochfürstliche Gnaden!“ stammelte überrascht die schöne Salome und
+wollte die Hand zurückziehen.
+
+„Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg
+Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
+geruhen, das Fest zu eröffnen!“
+
+Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
+Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend
+schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist,
+und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen
+runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den
+Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten
+Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem
+sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
+Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
+Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der
+neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen,
+sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren
+und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da
+doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so
+schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
+fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist,
+hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
+wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
+Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
+viel Perlen zu tragen!
+
+Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
+als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
+Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch
+dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der
+junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so
+plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
+gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel
+gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
+Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die
+Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
+Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die
+Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen
+Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die
+Tochter aus dem Arm zu reißen.
+
+Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
+Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
+Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
+stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
+Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige
+Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze
+Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß,
+welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem
+Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
+Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
+ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur
+für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit
+ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn
+solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt
+als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe,
+alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, — der
+Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich
+fester auf den Arm des Schwagers.
+
+Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker,
+auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
+aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
+gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
+viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und
+sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister
+wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
+sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des
+Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit,
+hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche
+Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte:
+„Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der
+alten Schachtel hinterdrein zu laufen!“
+
+Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit
+heiserer Stimme: „Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein
+spanischer Junker!“
+
+Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte
+schluckend heraus: „Fein — wird—'s im E—e—er—z—st—st—stift!“
+
+Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
+der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und
+sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter
+Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: „Lieber Alt! Niente
+di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure
+Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in
+persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt
+mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich
+ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg,
+dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber
+Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen,
+doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin
+verbleibe!“
+
+Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
+Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen
+Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der
+Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche
+Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
+denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
+verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. „Hochfürstliche
+Gnaden haben geruht!“ Das war der erste Anlauf, und nun muß einen
+Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte.
+
+Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: „Ihr seid also nimmer
+ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn
+des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
+Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade
+ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
+ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!“
+
+Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
+Bürgermeisters unter.
+
+„Eure Gemahlin nehmen wir mit!“ rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
+dem darob die Ohren sausten.
+
+Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende
+Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein
+Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in
+lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
+Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht
+hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre
+Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
+verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte,
+lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der
+Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau
+bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
+wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte.
+
+„Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!“ flüsterte Wolf Dietrich,
+als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte.
+
+„Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in
+unverdientem Maße!“ erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die
+Lider.
+
+„Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
+vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
+gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde
+trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!“
+Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
+seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
+Bedienung der Dame.
+
+Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
+Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
+Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten
+placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
+die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern
+Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und
+Ehrengastes.
+
+Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
+Tischgenossin gewendet: „Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
+einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
+Palazzo geführt?“
+
+Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
+lispelte: „Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich
+in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
+muß zum Einhub die Tochter kommen.“
+
+„So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!“
+
+Salome nickte.
+
+„Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
+Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?“
+
+Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
+genommen habe.
+
+„Und die Mutter?“
+
+„Die Teure ist seit langem uns entrissen!“
+
+„Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
+wollen wir in der Gegenwart bleiben!“ Wolf Dietrich lehnte sich in
+seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
+bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm
+Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender
+Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann
+kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich,
+mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
+Handelsherrn zu: „Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet
+ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und
+den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes
+zur Partnerin zu haben!“
+
+Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
+Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
+der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
+als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe
+und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein
+zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch
+zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
+wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache.
+Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und
+ehrerbietig, aber fühlbar frostig.
+
+Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den
+Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch
+weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
+Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich,
+lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: „Wir danken
+Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
+länger entziehen!“
+
+Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
+ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige
+Herr gesprochen. „Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
+ist daran schuld!“ fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm
+Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: „Einen Hopser will
+er später mit Euch machen!“ Frau Alt schien das Geflüster doch
+vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
+heraus: „Nicht möglich?“ Das klang so drollig, daß auch Salome ein
+Kichern nicht unterdrücken konnte.
+
+Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang:
+„Ein gelb Essen ist lind zu essen“[1] serviert worden war, und sprach
+zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: „Nun wir die linde Speise
+hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
+was die Herzen meiner Salzburger beweget.“
+
+Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
+bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem
+Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe
+schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
+Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare
+Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte.
+
+Ludwig Alt traute aber der „linden“ Stimmung des jungen Gebieters nicht
+völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
+namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
+auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: „Wenn wir in schuldiger
+Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das
+Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen
+hätten!“
+
+Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
+hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er
+die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: „Wie meint Er das?“
+
+„Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
+noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
+getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen
+Behörde übertragen wurde, und —“
+
+In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
+in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder
+warnend auf den Fuß.
+
+„Und?“ fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.
+
+Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und
+im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: „Und diese Exekutive
+erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist
+und nichts zu sagen hat!“
+
+Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
+erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der
+nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe.
+
+Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch
+sprach er: „Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
+zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!“
+
+Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: „Verstattet
+gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!“
+
+Überrascht rief Wolf Dietrich: „wie? Majestät Schönheit will sich ins
+Gebiet der Politik begeben?“
+
+„Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in
+den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
+Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im
+Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
+Ein Weib —“
+
+„Ein fürstlich Weib!“ murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
+schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.
+
+Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: „Ein Weib
+versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
+Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
+kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen
+beeinflußt ist.“
+
+„Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!“ lachte der Fürst amüsiert.
+
+Tapfer behauptete Salome: „Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben,
+daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
+beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
+meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
+bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber
+hinaus.“
+
+„O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die
+Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen
+Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
+holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
+kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!“
+
+„Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch,
+gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe —“
+
+„Hört ihr es!“ wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, „so
+spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen
+Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine
+Freud' und Lust, Herr zu sein! — Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
+mag!“
+
+„Mein Ohm,“ erwiderte Salome, „der allverehrte Bürgermeister hat es
+ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel
+genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu
+bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
+nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite
+des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!“
+
+Galant erwiderte Wolf Dietrich: „Schönheit adelt und erhebt!“
+
+„Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren,
+das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei
+engelschön sein!“
+
+„Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!“
+schmeichelte der Fürst, und fügte bei: „Doch Eure Prämisse stimmt nicht:
+Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von
+niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur
+nicht von Adel! — Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht
+richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter
+Sache?“
+
+„Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein
+gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen
+sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem
+leisesten Befehl des Herrn!“
+
+Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis
+Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub:
+„Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die
+Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses
+mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!“
+
+Salome wagte einen legten Versuch: „Verzeiht mir, hoher Herr! Die
+Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme
+zugestimmt!“
+
+„Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die
+Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne
+Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge
+Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht
+aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne
+Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung
+war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die
+Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den
+früheren Rechten zurückzuerlangen!“
+
+„Und täuschte sothane Hoffnung?“ fragte Salome unter Augenaufschlag und
+richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge.
+
+Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf
+Dietrich kein schroffes, wahres „Ja“ zu sagen, er griff zu Worten der
+Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit
+zusicherte.
+
+Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah
+dieses Wölkchen sofort. „Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden
+Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer
+Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die
+bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir
+ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus
+auch! Und damit dixi!“
+
+Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu
+thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: „Muß der Bürger und
+Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!“
+
+Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort „zahlen“
+verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche
+Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von
+bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein
+Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen
+ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den
+Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das
+sei nur in der Ordnung.
+
+„O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!“ meinte Frau Alt.
+
+„Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint,
+sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch
+zahlen, der Fürst hat da ganz recht!“
+
+Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen,
+und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen
+Fürsten in rosige Laune. „Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden
+den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und
+Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten.“
+Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: „Will die Wolke nicht weichen
+von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der
+Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den
+Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl
+Eurer Gnade!“
+
+Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten
+sich zu leisem, gutmütigem Spott: „Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir
+schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der
+Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen
+Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!“
+
+„Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte
+von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit
+Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave
+möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!“
+
+Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome:
+„So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die
+Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche
+Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu
+dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!“
+
+„Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter
+Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der
+unter Vicenzas Himmel gedeiht!“ sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum
+Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben
+sei.
+
+„Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen,
+gehört — Thalhammers feinerprobte Zunge!“ schnatterte Ludwig Alt, dem die
+unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.
+
+„Wie? Was meint Er?“ rief erstaunt der Fürst.
+
+„Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte
+meines Ohms erhelle!“ warf Salome schnell ein, „der gute Ohm wollte
+sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel
+gewünschter Edelwein vorhanden sei!“
+
+Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen
+Tischgenossin: „Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir
+können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!“
+
+„Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?“ spottete
+Salome.
+
+„Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten
+gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend
+will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische
+Alter!“
+
+Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der
+Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte
+Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf
+Dietrich stieß mit Salome an: „Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen
+dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe
+und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute
+eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe
+Salzburgs holdeste Mädchenblume!“
+
+Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der
+Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.
+
+„Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?“
+flüsterte Wolf Dietrich.
+
+Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd
+sprach sie: „Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend
+wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der
+Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im
+Erdreich, in dem nur ich gedeihe! —“
+
+„Ist das Euer Trinkspruch, Salome?“ fragte etwas gedehnt der Fürst.
+
+„Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.
+Hochfürstlichen Gnaden und —“
+
+„Und?“
+
+„Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!“
+
+„Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade
+und —“
+
+„Und?“
+
+„Und Liebe!“ flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen
+flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte.
+
+Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden,
+doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet,
+daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch
+Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem
+Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister
+auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei
+sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und
+zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich,
+des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die
+Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall
+gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des
+Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben
+jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung
+bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2]
+Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und
+hatte angeordnet, daß zum „Fasanen-Gang“ dieser Gebrauchsgegenstand
+solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am
+meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde.
+
+Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft
+und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft.
+
+Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles
+herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und
+sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch
+ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes
+legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach
+nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie
+ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von
+einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen
+Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen
+nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den
+überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just
+recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den
+Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt,
+und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin.
+
+Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig
+wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr
+doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele
+zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den
+Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der
+neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung.
+
+Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die
+Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und
+enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: „Der
+kennt alles!“
+
+Und Wilhelm raunte zurück: „Stimmt! Der wird uns in allem über!“
+
+Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und
+dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn
+der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf
+Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. „Meine Salzburger lieben den
+süffigen Wein!“ meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich
+beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte,
+denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen
+Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar.
+
+„Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?“
+
+„Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet
+auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom
+Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus
+Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus
+Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von
+Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und
+Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und
+dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero
+unterthäniger Knecht!“
+
+„Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel
+der schweren und teuren Weine trinken!“
+
+Voreilig sprach Ludwig Alt: „Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn!
+Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so
+viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten
+Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut
+und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern
+lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem
+Weinteufel!“
+
+„Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu
+steuern?“ fragte der Landesherr.
+
+„Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten
+kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!“
+
+„So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß,
+ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu
+publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den
+Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“
+
+„Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!“ sprach
+Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich
+berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht
+auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen
+zusprachen.
+
+„Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt!
+Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die
+Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?“
+
+Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte
+schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren
+Körper, bebenden Tones erwiderte sie: „Wie sollt' ich je in solche Lage
+kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach
+Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will
+ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier
+in dumpfer Kemenate!“
+
+„So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?“
+
+„Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die
+gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne
+heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns
+einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die
+uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren
+von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt
+zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom.“
+
+„Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche
+Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram
+herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die
+feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die
+Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur
+staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon
+einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und
+warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum
+der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten
+Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe
+Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich
+die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen!
+Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!“
+
+Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte
+beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof,
+sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit
+Salome noch gesprochen. „Ich sehe Euch bald wieder!“ flüsterte er dem
+schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen
+geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der
+Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten.
+
+Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in
+formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher
+Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest
+und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den
+Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich
+von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach
+allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und
+Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten.
+
+Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube
+zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen
+Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein
+Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten
+gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst
+fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen
+zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele
+Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar
+ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat
+Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die
+Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.
+
+Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen,
+nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme
+Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren
+einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt,
+den Damen die Leuchte vorauszutragen.
+
+Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten
+Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der
+Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen
+Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der
+Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden
+auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß
+Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe
+Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige
+Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte:
+
+„Die Schlanke ist's! Schnell!“
+
+Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward
+von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen
+herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu
+weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die
+entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre
+Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle
+menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht
+schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen
+von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?
+
+Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus
+seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der
+Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse.
+„Ist 'leicht etwas passiert?“ fragte er.
+
+„Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist
+verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!“
+kreischte verzweifelnd Frau Alt.
+
+Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr
+mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als
+wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen.
+
+„Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister,
+vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die
+Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein
+schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!“
+
+Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie
+mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im
+Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die
+Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und
+verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu
+fassen und rief immer wieder: „Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer
+stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!“
+
+Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen,
+wer immer der Mädchenräuber sein möge.
+
+Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause
+verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch
+nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie
+ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach
+erleuchteten Gassen Salzburgs.
+
+Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter
+Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und
+hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer
+Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten
+Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre
+Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein
+furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten
+Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig
+festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
+höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom
+Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
+zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
+Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.
+
+Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu
+Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen,
+treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im
+ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
+schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung.
+
+Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung
+unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
+Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
+geheimnisvoll gesprochen ward.
+
+Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
+näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines
+Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem
+Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
+selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein
+und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien,
+die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
+vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
+der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte
+kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
+Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
+an. „Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in
+meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?“
+
+Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
+ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
+Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not.
+
+„Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
+einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!“ grollte der Fürst.
+
+„Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
+warten, derweil stirbt mir der Mann!“
+
+In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er
+nach dem Begehr des armen Weibes.
+
+„Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
+der fürstlichen Kuchel....“
+
+„Ist jemand schwer krank bei dir?“
+
+„Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!“
+
+„Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?“
+
+Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am
+üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
+können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in
+später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen
+Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das
+gemeine Volk.
+
+Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
+augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
+verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte
+sich der junge Fürst zum Kämmerer: „Du besorgst, was ich dir befohlen.
+Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen
+nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!“
+
+Der Kämmerer wagte zu sagen: „Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und
+schlecht der Weg hinan zum Berg!“
+
+„Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten
+Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
+Beine!“
+
+Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen
+schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute
+Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte
+des Elends.
+
+Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster
+noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
+nach Luft und Fassung schnappend.
+
+Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf
+Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den
+an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf
+einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
+gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.
+
+Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
+die Arme zum Fürsten empor: „Habt Dank, o Herr, und helft in größter
+Not!“
+
+„Schrecklich!“ flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, „dieweilen man prasset
+am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!“ Auf einen
+Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die
+inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein
+Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht
+ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie
+Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse.
+
+Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile,
+frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
+kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht.
+
+Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
+für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er
+einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
+ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen
+Fürsten.
+
+In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
+seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu
+fragen begann: „Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?“
+
+In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: „Es ging alles nach
+Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst,
+als alles längst vorüber und verschwunden war.“
+
+„Und hier?“
+
+„Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
+bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt.“
+
+„Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?“
+
+„Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!“
+
+„Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die
+Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
+Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
+stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling
+bis nach Kärnten.“
+
+„Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?“
+
+„Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein!
+Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du
+bewachst deren Thür selbst!“
+
+„Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero
+treuer Diener wird wachen und sorgen!“
+
+Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war
+unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
+Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre
+dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
+vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß
+des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]:
+
+ „Thuerhuetter.
+
+ Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
+ auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer
+ lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß
+ personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte
+ officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
+ sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem
+ andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
+ anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
+ stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
+ einander vnderweilen abwexlen.“
+
+Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten
+gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
+Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
+Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige
+Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
+denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu
+unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
+Kämmerlingen gelassen werden dürfe.
+
+Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
+hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
+ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde.
+
+Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
+Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
+das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar
+kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der
+reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
+totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso
+das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam
+zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
+erfolgen könne.
+
+Alt erwiderte barsch: „Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
+dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich
+augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!“
+
+„Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
+gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
+zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
+Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir
+befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!“
+
+„Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte
+noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die
+Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
+kaum mehr werden!“
+
+Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und
+der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen.
+
+Alt rief: „Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt
+keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!“
+
+„Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
+regierenden Fürsten!“
+
+„Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht,
+schlimmer denn wie im welschen Reich!“
+
+Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
+Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
+Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. „In welchem
+Betreff soll ich Euch melden?“ „Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
+schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne
+stark und lang genug sei!“
+
+Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren
+Apartements.
+
+Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
+Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: „Was
+soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!“
+
+„Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein
+außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub — der Handelsherr Wilhelm Alt —“
+
+„Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
+Maße aufgeregt?“
+
+„Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe,
+den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
+ermöglichet“
+
+„Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
+war ja zu erwarten!“
+
+Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich
+erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte
+er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts
+vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.
+
+Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende
+Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich
+nimmer meistern, heiser rief er: „Wo ist meine Tochter?“
+
+Kühl erwiderte Wolf Dietrich: „Wie soll ich das wissen? Was ist
+geschehen, was wollt Ihr von mir?“
+
+Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
+klangen seine Worte: „Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener
+Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!“
+
+„Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem
+Fürsten!“ rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg.
+
+„Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und
+wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
+Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
+Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
+Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr
+verhalten, Euer Eid lastet darauf!“
+
+„Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
+gehört zu Füßen seines Herrn!“
+
+„Helft mir zu meinem Kinde!“ flehte der angstgepeinigte Vater.
+
+„Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!“
+
+„Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
+fordere ich von Euch!“
+
+„Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab,
+das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte
+Worte mehr vernehmen!“
+
+„Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
+um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
+Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
+den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß
+gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!“
+
+„Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?“
+
+Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: „Ihr wißt um Salome!
+Es kann kein Zweifel sein!“
+
+„Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die
+erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
+Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner
+Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des
+längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
+Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen
+Sippen!“
+
+„Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
+seiner Priester!“
+
+„Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!“
+
+„Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
+trüben mir den Sinn!“
+
+„Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!“
+
+„Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu
+meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt
+wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der
+Wirkung!“
+
+„Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
+Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
+in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu
+erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
+unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
+keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!“
+
+„Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
+rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!“
+
+Wolf Dietrich flüsterte: „Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das
+Bürgerpack!“
+
+„Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
+Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
+zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!“
+
+„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
+Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
+aufgeblasenen Bürgerstolz?!“
+
+„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“
+
+„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
+drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen
+ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
+Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
+Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
+gesehen!“
+
+„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte
+im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich
+irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre!
+Fluch!“
+
+Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
+Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des
+Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum
+Nächtigen dienten.
+
+In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf
+Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich
+erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit
+der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten
+anzunehmen.
+
+Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen
+Willen!“
+
+Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
+Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin
+Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
+Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach:
+„Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“
+
+Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
+Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
+mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse
+wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“
+
+Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen
+Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des
+Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet
+mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
+erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure
+Gunst!“
+
+„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
+Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
+verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“
+
+„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
+verdammet!“
+
+„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
+gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
+schwergekränkten Vater!“
+
+„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie
+sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
+auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
+Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
+zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
+so er Euren Sinn verletzt!“
+
+„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und
+Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“
+
+„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich
+verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei:
+offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche
+Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
+Worten!“
+
+„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin
+bereit zu hören!“
+
+„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
+gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der
+Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
+Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
+wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir!
+Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß
+südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
+Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
+für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
+dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt,
+die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
+kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das
+schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr
+sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und
+Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
+beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt
+Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
+halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir
+schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
+soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes!
+Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht
+und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
+Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens:
+Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“
+
+Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome
+in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
+den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
+schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein
+Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
+strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann
+nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
+schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“
+
+„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort,
+hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite,
+seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein
+stiftisch Land!“
+
+Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine
+Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin,
+ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk,
+reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg
+groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu
+handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“
+
+„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“
+rief erregt der feurige Fürst.
+
+„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“
+
+„Wie?“
+
+„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der
+Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“
+
+„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
+Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“
+
+„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben
+Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
+verbotene Ehe?“
+
+„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech'
+das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
+ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“
+
+„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome.
+
+„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt
+Salome zu mir zurück!“
+
+Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
+zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
+Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
+ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“
+
+„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
+Wiederkehr der — Fürstin!“
+
+Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
+Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie
+auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der
+Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
+geraubte Mädchen völlig frei zu sehen.
+
+Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
+in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu
+Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei.
+
+Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
+Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da
+Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
+Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“
+
+„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“
+
+Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der
+verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
+hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
+Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.
+
+Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids
+geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
+Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“
+
+„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“
+
+„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“
+
+„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
+schlimmen That!“
+
+„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
+die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er
+soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“
+
+Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.
+
+„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder
+unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden
+meiner Tochter sonst so heller Verstand?“
+
+Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt
+forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte.
+
+„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein
+Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
+verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der
+ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
+Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
+furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
+meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir
+gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend
+giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn
+dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
+bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
+Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich
+lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“
+
+Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
+Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen.
+
+„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
+der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher
+Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
+ihm und dir! Mein Fluch —“
+
+„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
+erscheinen lassen könnte!“
+
+„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
+Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters
+Haft und Gewalt?“
+
+„Ja, aber —“
+
+„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist
+eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste
+Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach,
+ich will meine Rache haben und mein —“
+
+„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt,
+makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt
+gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“
+
+„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt
+eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
+hat er sonst gesprochen?“
+
+„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
+mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
+zurückzuweisen —“
+
+„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“
+
+Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt'
+die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur
+Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“
+
+Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones
+rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert
+sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens
+Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das
+Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug
+davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
+wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
+zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
+dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
+aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
+Niemals!“
+
+Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb
+Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
+Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt
+das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte
+Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
+geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
+ich zu gehen habe!“
+
+Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie
+nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die
+Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
+sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
+Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung
+fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des
+Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
+Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört
+seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor
+Schmerzen.
+
+Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee
+herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
+Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er
+schien Salome meiden zu wollen.
+
+Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht
+zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber
+wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“
+den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag
+abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der
+Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
+Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
+beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten
+Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn
+gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden?
+
+Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
+der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
+Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
+Bist du hier?“
+
+„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“
+
+„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
+Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
+dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem
+Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome!
+Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei
+gelobt, daß wir dich wieder haben!“
+
+Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und
+geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
+Sitzplätze dienten.
+
+„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“
+
+Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick
+und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.
+
+„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus.
+
+„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“
+
+„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so
+huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für
+unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“
+
+„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen
+Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
+von Schande!“
+
+„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf!
+Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder
+sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
+da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine
+Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr
+und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
+mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
+Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
+ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes!
+Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom
+könnten in Beziehung kommen!“
+
+„Was kümmert mich der Papst!“
+
+„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
+und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“
+
+„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen.
+
+„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst?
+Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
+sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“
+
+„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so
+unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“
+
+Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste
+gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und
+drang auf eine völlige, genaue Beichte.
+
+Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
+auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
+erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen
+und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu
+erheben.
+
+„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme.
+
+„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“
+
+„Das faß' ich nicht!“
+
+„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist
+empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden
+an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort
+sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“
+
+„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es
+genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
+ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
+verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig
+genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
+eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
+gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
+dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun,
+mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs
+Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
+dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“
+
+„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
+Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“
+
+„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“
+
+„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er
+einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
+ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten
+Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“
+
+„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
+treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
+ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß
+du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
+verbanden?!“
+
+„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch
+fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“
+
+„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner
+Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das
+klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese
+Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
+meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher!
+Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes
+Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“
+
+„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich
+vor dem gestrengen Vater!“
+
+Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
+reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
+beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker
+auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse.
+
+Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er
+den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde.
+Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das
+eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen.
+
+Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
+Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
+des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
+Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
+wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die
+Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
+möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief
+beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
+und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von
+der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
+der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der
+Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
+eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.
+
+Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
+Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung
+in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder
+verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
+Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und
+Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den
+nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
+zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den
+Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
+sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied
+zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
+Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle
+Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne.
+
+Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
+Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
+später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
+einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine
+Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
+Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
+Weibergeschwätz kalt gelassen hat.
+
+Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
+Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den
+des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die
+Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner
+Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr
+Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein
+auswärtiges Kloster thun möge.
+
+In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge,
+weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die
+Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der
+Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein
+Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
+eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung
+des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
+auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn
+Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.
+
+Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete
+lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine
+Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit
+dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
+dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
+fürstliche Palais zu verbringen sei.
+
+Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
+kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach
+Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde.
+Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
+diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und
+heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
+über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu
+sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause
+der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung.
+
+Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin
+schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
+Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
+kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
+was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg
+sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
+Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme
+zu Hof, ich komme zu Hof!“
+
+Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der
+Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst
+hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
+bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst
+getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
+überglückliche Frau nicht sehen.
+
+In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
+Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und
+galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend
+vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ.
+
+Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge
+Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir
+neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende
+Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
+fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
+ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
+hartköpfigen Pfefferkrämers?“
+
+Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
+etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer
+Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
+handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“
+
+„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
+Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des
+Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“
+
+Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer
+Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
+auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung.
+
+„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich
+und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
+gestützt hatte.
+
+„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“
+
+„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des
+Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für
+gewöhnlich konfiterieret!“
+
+„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur
+demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich
+glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
+hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas
+erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero
+unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“
+
+„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“
+
+„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
+aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran
+teilhaben, bloß ich allein!“
+
+Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann
+sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch
+und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige
+Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“
+
+„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
+ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
+Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher
+selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
+Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere
+schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im
+stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für
+Lebenszeit!“
+
+„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und
+Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“
+
+„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr
+bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
+in fürstlichem Gewande!“
+
+„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt.
+
+„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen
+Rabenvater Mores zu lehren!“
+
+„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome
+aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“
+
+„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis
+besser wird und trocken der Weg.“
+
+„Und wohin?“
+
+„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
+Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten
+und hinab ins Welschland!“
+
+„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“
+
+„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
+Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit
+wohl auf Erden geben!“
+
+„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“
+sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu.
+auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und
+nebstbei bin auch ich geehrt,
+
+[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
+ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]
+
+„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte
+Fürstin ist!“
+
+„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“
+
+Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs
+Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
+was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere
+Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein
+Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame
+und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.
+
+Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
+sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die
+Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß
+Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das
+Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte.
+
+„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte
+Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in
+den Füßen endlich das Heim erreichte.
+
+Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
+Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte
+mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den
+Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
+beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
+wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
+war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
+Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
+von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens
+nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf
+die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz
+empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
+verbreitet sei.
+
+Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte
+sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt
+gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters.
+
+Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste,
+daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte.
+Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch
+morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
+ich's erfahren!“
+
+„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
+eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein
+ganzes Leben!“
+
+„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“
+
+Geräuschlos entfernte sich die Magd.
+
+Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
+um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
+Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
+Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
+Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit,
+die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome
+empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung
+beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
+Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens
+inniger, hingebender Dank dargebracht werden.
+
+In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend
+Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei,
+mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
+bestellen.
+
+Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
+Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
+Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
+strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen
+wissen.
+
+Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte
+Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
+fortschaffen zu können.
+
+Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das
+Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
+und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
+Leibe trage.
+
+„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara.
+
+Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst
+wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“
+
+Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
+Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
+hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses
+selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
+nach rückwärts giebt es keinen Ausweg.
+
+Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
+dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
+lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten.
+
+Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die
+arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
+mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung,
+wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten.
+
+Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
+schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus
+Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht
+verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.
+
+Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
+Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
+geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und
+verschwanden um die erste Ecke.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden
+Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als
+sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
+Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen
+Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
+bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im
+Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.
+
+Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des
+gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des
+Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste
+thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
+Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
+von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten
+zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen.
+
+Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
+balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens
+gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
+urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen
+Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an
+fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in
+einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ
+zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen
+Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal.
+Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
+Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
+Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's
+mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen
+Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der
+Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
+eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
+Gestalt Salomes ansichtig ward.
+
+Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte
+Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand
+strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
+brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde.
+Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
+Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb,
+die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende
+Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein
+rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.
+
+Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der
+Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
+rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der
+Ursache der Verstörtheit fragend.
+
+Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
+wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe.
+
+Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ
+sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
+bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
+Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
+und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“
+
+„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich
+verschreckte!“
+
+„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“
+
+„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten
+Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst
+nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“
+
+„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte
+der galante Fürst.
+
+„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur,
+die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der
+fördernden Hand —“
+
+„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer
+Schlichtheit!“
+
+„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“
+
+Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
+„Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“
+
+Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens.
+
+„Was ist dir nur, Geliebte?“
+
+„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
+Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“
+
+„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
+meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
+meines Daseins oberstes Gesetz!“
+
+„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
+eine Edelrose wird es niemals werden!“
+
+„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
+meiner Seite einer Fürstin gleich —“
+
+„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
+Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
+ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“
+
+„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich
+will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als
+Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
+Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
+aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch
+meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten
+Paar von Euren Unterthanen!“
+
+Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur
+Antwort leicht geöffneten Lippen.
+
+Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
+schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen
+Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen
+Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
+Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges.
+
+„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete
+Salome in die Burg.
+
+Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
+das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
+Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
+von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab.
+
+Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen
+Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
+Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an
+priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
+Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
+in allen Dingen zu sein.
+
+Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
+die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut
+durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte
+Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen
+Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
+noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
+Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
+fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles
+andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.
+
+Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
+Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war,
+wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
+der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend
+scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei
+und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘
+begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“
+
+Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer
+keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
+höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
+sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
+kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis!
+Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß
+Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten
+Erzbischof!“
+
+Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit
+dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet
+sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
+Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
+aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin
+kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
+„Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem
+schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu
+entfernen.
+
+Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an
+Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.
+
+Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte
+das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“
+
+„Euer erzbischöfliche Gnaden....“
+
+„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“
+
+„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung
+zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
+blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im
+kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“
+
+„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
+Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“
+
+„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
+wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“
+
+„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon
+geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis
+höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche
+Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“
+
+„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren,
+wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
+Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
+wurde.“
+
+„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“
+
+„In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
+gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer
+davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
+Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb
+Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
+so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch
+einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
+Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
+Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum
+infamia, conjugatus est....“
+
+„Wer ist das?“
+
+„Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und
+verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen
+Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt
+gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib,
+hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
+unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
+Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
+Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand!
+Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige
+Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
+der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
+scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die
+Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
+können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
+schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich
+lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
+soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke,
+zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum
+Himmel schreien!“
+
+Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte
+innezuhalten und Atem zu schöpfen.
+
+Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
+des Asketen: „Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
+Den Mann will ich sprechen!“
+
+„So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren
+ein Exemplum?!“
+
+„Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag,
+das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!“
+
+„Das Paar?“ fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.
+
+„Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
+Meinung fassen über Mann und Weib!“
+
+„Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
+Sprengels?“
+
+„Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind
+sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
+wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese
+Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
+nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
+Euch hiezu als Gast!“
+
+„Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
+und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!“
+
+Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam
+unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
+des Fürsterzbischofes.
+
+Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
+Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
+in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: „Conjugatus
+est!“
+
+Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche
+Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf
+Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg
+Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige
+der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
+zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
+hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
+und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
+Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde.
+
+Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der
+Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
+der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief
+verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.
+
+Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
+über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete,
+fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und
+Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen
+und der Mund weit offen stand.
+
+Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert
+und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der
+Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
+rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch
+die Schwester des Erzbischofes sei.
+
+Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
+abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er
+geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
+den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
+gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“
+
+„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten
+Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen.
+
+Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin
+Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“
+
+Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte,
+doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.
+
+Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est
+archiepiscopus?“
+
+Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
+des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.
+
+Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
+Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die
+Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
+Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein,
+Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn
+setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen
+Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
+nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für
+alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
+zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges
+Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund?
+Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach
+des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
+geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der
+höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum,
+vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
+Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
+mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
+mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“
+
+Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
+Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
+geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
+Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.
+
+„Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!“ rief gellend der fanatische
+Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
+führten.
+
+Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
+ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
+konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine
+Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung.
+
+Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
+Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
+ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
+Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der
+Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
+Körper erbeben machte und nach Rache lechzte.
+
+Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
+hieß barsch, jedermann abzuweisen.
+
+„Es ist Domkapitular Graf Lamberg!“ wagte der Kämmerer schüchtern
+einzuwenden.
+
+„Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ'
+ihn sogleich zu mir!“ Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die
+Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
+gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
+aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
+Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz.
+
+„Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!“ rief Wolf Dietrich und
+schritt dem Kapitular entgegen.
+
+„Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme
+in dringlicher Angelegenheit!“
+
+„Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg
+kommt mir sehr gelegen!“
+
+Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen
+ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen,
+besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
+Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen
+ließ.
+
+Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: „Lamberg, du kommst wie
+gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
+schreite über einen Vermessenen!“
+
+Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
+flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen.
+
+Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
+umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler
+Gewitternacht.
+
+„Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
+gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!“
+
+Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick
+herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
+Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit
+beruhigen wollte, und erwiderte: „Hochfürstliche Gnaden wollen in dem
+tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
+Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
+hochwürdigsten Erzbischofs!“
+
+„Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
+Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
+weisen?!“
+
+„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
+Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
+Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß
+in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten
+Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde
+erblickt im Wandel seines Bischofs.“
+
+„Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?“ rief vorwurfsvoll
+der Fürst.
+
+„Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und
+Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
+Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der
+Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
+nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
+Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein.“
+
+„So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
+lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!“
+
+„Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
+fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
+Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
+juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
+Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
+vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
+kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten,
+dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen
+Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten
+Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde,
+für Verbrechen wider die Kirche hält!“
+
+„Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
+meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!“
+
+„Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts
+von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann
+meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
+Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen....“
+
+„Und den Erzbischof?“
+
+„Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen,
+so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
+einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!“
+
+„So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?“
+
+„Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur,
+jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig
+wirken beim Ausmaß der Strafe!“
+
+Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
+durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: „Ja, so spricht
+ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
+lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
+wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert.“
+
+„So ist es unerschütterlicher Wille?“
+
+„Ja! Und — Dir will ich's anvertrauen — erst heute wieder bat meines
+Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!“
+
+„Nunquam!“
+
+„Wie?“
+
+„Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
+zu thun!“
+
+„Perchè?“
+
+„Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?“
+
+„Ich bitte dich darum, mein Freund!“
+
+„Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
+Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
+eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!“
+
+Stolz erwiderte Wolf Dietrich: „Ich bin der Fürst und Herr des Landes!
+Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
+Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio,
+ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
+Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die
+größte, kann gestatten?“
+
+„Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg
+man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
+Verzichtet auf das ehlich Band!“
+
+„Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
+ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in
+weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
+gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
+Papst — sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
+verstattet ist —?“
+
+„Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären
+nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
+Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie
+beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
+unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
+kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
+gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
+Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des
+Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr,
+obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider
+päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den
+Verdacht des Luthertumes bringet?!“
+
+„Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?“
+
+„Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
+Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
+unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
+eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten,
+achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt
+an Bayern, Kaiser und Papst!“
+
+Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
+vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
+der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: „Was kümmert
+mich der Bayer, was der Kaiser!“
+
+„Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
+ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
+Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über
+des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten
+können!“
+
+„Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!“
+
+„Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach
+als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es,
+zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!“
+
+„Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
+sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?“
+
+„Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
+Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!“
+
+„Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!“
+
+„Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!“
+
+„Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und
+manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
+büßen für die Wonne des profanen Lebens!“
+
+„Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug
+wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! — Doch wenn Hochfürstliche
+Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich
+veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!“
+
+„Was soll es sein?“
+
+„Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich,
+die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs
+Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!“
+
+„Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!“
+
+„Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
+Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen
+lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
+helfen.“
+
+„Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt
+sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
+zahlen soll, schreit immer! — Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
+dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
+Abendbrot sehen wir uns wieder.“ Launig fügte Wolf Dietrich bei: „Graf
+Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
+Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner — Fürstin?“
+
+„Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane
+Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die
+Honneur bezeigen zu dürfen!“
+
+„Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
+Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
+verständigen!“
+
+Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
+holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
+Burg anzuweisen.
+
+Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
+Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar,
+die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich,
+hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
+Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte
+und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
+der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem
+Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen
+Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
+Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem
+Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
+hochwürdigsten Erzbischof.
+
+Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
+Geistlichen gemahnende Gestalt. „Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur
+Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?“
+
+Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
+herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen.
+
+„Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
+unten im Dorf gereicht!“ rief grob der Vogt.
+
+„Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
+mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!“
+
+„Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
+hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
+mache Euch Beine!“
+
+Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
+gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem
+Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
+gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
+insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen
+Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf
+das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: „Vogt!
+Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube;
+der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!“
+
+Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und
+erwiderte unterwürfig: „Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat,
+sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug
+darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!“
+
+Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
+die Frage: „Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?“
+
+Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: „I freilich,
+schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
+Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
+Erzbischof von uns will?“
+
+„Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
+vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
+erquicken!“
+
+„I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
+lohnen dereinst an Euren Kindern!“
+
+„Pst, pst!“ mahnte der Kurat.
+
+„I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
+Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
+schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
+Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd'
+und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
+und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!“
+
+Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
+Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
+Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken.
+
+Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
+murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: „Gott vergelt'
+Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und
+Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
+und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!“
+
+„Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!“ lispelte die Greisin und
+nippte dann vom goldigklaren Wein.
+
+„Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr
+nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!“ sprach Salome,
+der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
+zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
+in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
+Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome,
+dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen
+Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig
+machen.
+
+„O,“ meinte die Greisin, „fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
+Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
+Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
+gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
+das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!“
+
+„Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!“ lächelte Salome.
+
+Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
+um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
+einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
+Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: „Ei, Salome und in
+Gesellschaft?“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom
+beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh'
+vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
+Stube wir geraten!“
+
+„Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so
+wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!“
+
+Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
+bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
+sogleich verschwand.
+
+Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den
+ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: „Wie lang seid Ihr
+schon Priester?“
+
+„Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit
+zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
+ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der
+Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr.“
+
+„Vierzig Jahre in der Einöd'!“ sprach mit besonderer Betonung Wolf
+Dietrich und nickte Salome zu.
+
+Voreilig meinte die Greisin: „In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
+die Jährlein wie der Bergbach geschwind!“
+
+Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: „Verzeihet, Hochwürdigste
+Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
+nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!“
+
+„Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von
+Cölibat und päpstlicher Verordnung?“
+
+Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig,
+zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß
+damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen
+Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß
+genommen habe an der Priesterehe.
+
+„Beklagenswerte Zustände im Landklerus!“ sprach Kapitular Graf Lamberg.
+
+Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich
+regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome
+bewegen mochte.
+
+Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen:
+„Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem
+Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
+in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit
+hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von
+Priesters Hand!“ Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
+plapperte eilig: „I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich
+lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
+Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der
+schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was
+hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund,
+ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
+und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
+und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein
+harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
+heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der
+jeglicher Pflege bedarf, — kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen
+mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib
+nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
+gegeben vor dem heiligen Altar?“
+
+Wolf Dietrich nahm das Wort: „Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein
+Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
+ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört
+zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
+und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!“
+
+Angstvoll rief Salome: „Gnädiger Herr!“
+
+Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte:
+„Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben
+greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich
+gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet!
+Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten
+Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!“
+
+Graf Lamberg wollte mahnen: „Exempla trahunt!“
+
+Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: „Das mag im allgemeinen gelten,
+und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
+mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der
+Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in
+seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
+ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
+mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
+lassen Euch in Ruhe!“
+
+Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in
+innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf
+die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte.
+
+Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: „Hab' ich's nach
+Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum
+Küchenmeister!“
+
+„O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!“ lispelte erglühend Salome
+und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube.
+
+Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
+Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
+leisten. „Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
+Salzburgs Stift und Dom?“
+
+„So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
+sagen, zu schweigen und zu gehorchen!“
+
+„Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im
+Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch
+möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab'
+gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von
+meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
+mein Freund?“
+
+„Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!“
+
+„Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern.
+Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?“
+
+„Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb'
+und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger
+dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger
+so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
+Ordnung werden im Erzstift!“
+
+„Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher
+Einsicht!“
+
+„Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden
+ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
+gegen....“
+
+„Du meinst Salome!“ sprach hastig Wolf Dietrich. „Du bist klug und weit
+reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit
+stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger
+Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
+verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
+Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
+einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!“
+
+„Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
+paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen
+Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!“
+
+Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ
+sich völlig tiefem Sinnen.
+
+Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
+schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
+genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der
+schönen Salome.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da
+der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die
+bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im
+Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese
+steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu
+begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen
+finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton
+dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die
+Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst
+den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal
+bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung
+gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen
+überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur
+veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu
+beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten
+die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften
+Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den „Saufteufel“. Es
+konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen
+nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die
+Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein
+hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat
+faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur
+Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen
+wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst
+gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig
+erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im
+eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung
+jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die
+Hofkammer abgeliefert werden.
+
+Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die
+Weinsteuer „für ewige Zeiten“ Geltung haben solle, brachte das Blut auch
+der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur
+Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel
+treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.
+
+Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den
+Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ.
+
+Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren
+verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute
+der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände
+gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.
+
+So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und
+Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den
+Beschwerdeweg beschritten.
+
+Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als
+durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte
+Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu
+verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte.
+
+Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und
+Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu
+treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch
+berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu
+gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die
+Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich
+stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch
+einige Erholung zu gönnen.
+
+Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines
+raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr
+losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog.
+
+Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich
+vorgelassen.
+
+Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in
+Händen und rief dem Freunde zu: „Komm nur schnell heran, setze dich zu
+mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe
+ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie
+wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in
+einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn
+aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!“
+
+Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: „Auf welche
+Privilegien beruft man sich?“
+
+„Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!“
+
+„Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den
+früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst
+eingebüßt haben.“
+
+„Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im
+Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von
+den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten
+gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen
+eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!“
+
+Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.
+
+„Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs
+nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer
+sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist
+der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist
+perpetuell, — so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die
+Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen.“
+
+„Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!“
+
+Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: „So
+werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat
+der Mauten und Zölle!“
+
+Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er
+eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: „Du
+hast Bedenken? Sprich, Lamberg!“
+
+„Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte
+Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise.“
+
+„Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!
+Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!“
+
+Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: „Die Zeit ist schlimm, die
+Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender
+Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und
+weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen
+Fürsten....“
+
+„Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!“
+
+„Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst!
+Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten!
+Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen
+wollen und zum Wanken bringen?!“
+
+„So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die
+Rebellen in den Sand!“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom
+Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als
+treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in
+bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen.“
+
+„Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet,
+ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir
+brauchen Geld!“
+
+„Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein
+partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst
+empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch
+gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern.“
+
+„Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der
+Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes
+Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil
+nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher
+Hinsicht von Segen begleitet finden.“
+
+„Wie meinst du das, Freund Lamberg?“
+
+„Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß
+gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und
+Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages
+durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und
+unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält
+vor — Auswanderung!“
+
+Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im
+Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und
+gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: „Niemals
+ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu
+zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!“
+
+„Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und
+Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der
+Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion
+zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert.“
+
+„Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!“ warf Wolf Dietrich
+ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: „Traurig genug, daß der
+regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach
+meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!“
+
+„Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege
+einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu
+einer Auflösung raten!“
+
+„Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung
+können sie warten bis — in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!“
+
+Überrascht fragte Lamberg: „Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere
+Bauten?“
+
+„Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich
+später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim
+schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch
+noch einzufordern —!“
+
+„Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?“ fragte
+Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau
+kannte.
+
+„Sprich, Freund!“
+
+„Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in
+Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei
+bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von
+Küenburg noch nicht bezahlt ist....“
+
+„Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst
+muß darben! — Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf
+berechtigten Weihsteuer?“
+
+„Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück
+Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses
+allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen,
+an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande,
+neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer
+müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und
+Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber
+erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen
+allenthalben!“
+
+Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für
+das ehrlich offene Wort. „Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!
+Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich
+begrüßen zu können!“
+
+Ausweichend erwiderte Lamberg: „Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten,
+möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,
+um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!“
+
+„Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und
+haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.
+Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg
+meiner Salome Gesellschaft leisten!“ Dies sprechend gab der Fürst ein
+Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der
+Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. „Auf Wiedersehen, Graf, bei
+Tisch!“
+
+Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das
+fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der
+Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern
+als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf
+Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche
+vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten
+aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre
+machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete
+dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom
+Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen
+Originals zu sein schien.
+
+Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst
+vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei.
+
+Lamberg erwiderte kühl: „Ich kenne das Original zu Rom!“
+
+„Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines
+Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!“ meinte der Kämmerling.
+
+„Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen
+Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!“ sprach
+abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös
+ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der
+Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab.
+
+Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt
+hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen
+Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer
+Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in
+Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den
+herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der
+Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn
+auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die
+Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf
+gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird
+sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch
+keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne
+Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu
+erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen
+guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich
+Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine
+wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des
+Freundes.
+
+In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und
+schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin
+bereit sei, den Grafen zu empfangen.
+
+Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten
+Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das
+mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome
+auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt
+saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres
+blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in
+diesem Augenblick wirklich entschuldigen.
+
+Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick
+gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: „Willkommen, Graf, in meinem
+Reich!“ und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz
+zu nehmen.
+
+Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und
+erwiderte: „Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen
+und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste
+Aufwartung zu machen!“
+
+Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie:
+„So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl
+des gnädigen Fürsten?!“
+
+„Gewiß!“ klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: „Wie
+sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges
+ohne Befehl gelangen!“
+
+„Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig
+sein!“
+
+Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: „Ich kann nur heißen Dank
+für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als
+guten gnädigen Frau!“
+
+„Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf
+dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter
+sothanem Mangel der Legitimität!“
+
+„Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero
+unterthänigsten Diener!“
+
+„Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes
+Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!“
+
+„Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige
+Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu
+beeinflussen?!“
+
+„Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur
+will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?“
+
+Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome,
+senkte dann wieder die Lider und sprach leise: „Was könnt' meine
+Freundschaft Euch auch nützen?!“
+
+„Mein Ohr vernimmt das ‚Nein‘, so warm auch klingt der Ton der leise
+abwehrenden Rede!“
+
+„Nicht doch, gnädige Gebieterin!“
+
+Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: „Ihr wollet nicht, ich
+ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des
+legitimen Bundes!“
+
+Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das
+Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: „Streng und scharf
+umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen
+müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist
+jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch
+verhängnisvollem Schritt!“
+
+Höhnisch klangen der Favoritin Worte: „Die Strafe Roms! Wie straft Rom
+wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?“
+
+Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: „Ihr wißt davon?!“
+
+„Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des
+verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes
+Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal
+gelten müssen?“
+
+„Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und
+Rom ist nicht Salzburg!“
+
+„Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann
+beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das
+pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?“
+
+„Das wißt Ihr auch?“ stammelte in maßloser Überraschung über solche
+intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg.
+
+„Nimmt Euch das Wunder?“
+
+„Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!“
+
+„Was soll unmöglich sein?“
+
+„Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst
+gegeben!“
+
+„Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die
+vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat
+eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir! — Ihr
+möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen
+Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes
+Gewebe....“
+
+„So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich
+wahrlich nicht!“
+
+„Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr
+fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr
+nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu
+wehren wissen!“
+
+„Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn
+und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern
+bis zu meinem dereinstigen Ende!“
+
+„Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones
+Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!“
+
+Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: „In diesen
+Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe
+schaffen!“
+
+Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige
+Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende
+Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret
+zurück.
+
+Leise sprach Salome: „Wie will Graf Lamberg es nun halten?“ und erhob
+sich von dem Sitze.
+
+Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: „Die gnädige Gebieterin wolle
+verfügen über mich!“
+
+„Gut denn, kommt des öfteren als Freund!“
+
+Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte
+noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete
+die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in
+welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits
+harrten.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes,
+ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in
+welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den
+faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten,
+daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.
+
+Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick,
+doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher
+infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem
+Faktor zurief: „Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!“
+
+In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen,
+ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt,
+um rasch wieder zu verschwinden.
+
+Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß.
+
+„Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch
+nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen
+mag! Willkommen, Puchner!“
+
+„Gott zum Gruß, Freund Alt!“
+
+„Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf,
+zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich
+kann's nicht länger leugnen!“
+
+Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: „Sag' doch dergleichen nicht!
+Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem
+Sturm!“
+
+„Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die
+Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart
+oder hast ein Geschäft im Aug'?“
+
+„Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder
+liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch
+noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und
+fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist
+nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!“
+
+„Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf
+die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!“
+
+„Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?“
+
+Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen:
+„Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die
+Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben,
+Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!“
+
+„Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!“
+
+„Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage,
+ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf
+würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!“
+
+Puchner seufzte und schwieg.
+
+„Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als
+Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug! — Was ist in der Landschaft
+wohl des Neuen verhandelt worden?“
+
+„Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die
+Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie
+sollen gleich dem Bürgersmann.“
+
+„Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies
+Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!“
+
+„Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!“
+
+„Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!“
+
+„Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht
+übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen. — Die Landschaft hat
+zugestimmt.“
+
+„Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte
+gelten ‚für ewige Zeiten‘? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die
+Schlinge um den Hals nicht gefühlt?“
+
+„Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an
+Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei,
+so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen.“
+
+„Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!“
+
+„Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von
+Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!“
+
+„Trau einer diesem list'gen Fuchs!“
+
+„An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns
+wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß
+der Handelssteuer um ein Dritteil.“
+
+„Und das habt Ihr frischweg geglaubt?“
+
+„Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich.“
+
+„O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!“
+
+„So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen
+Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er
+wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich
+glaub' es selber!“
+
+„Puchner, mir bangt um dich!“
+
+„Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die
+bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes
+will und Edelmann ist jeder Zoll.“
+
+„So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das
+Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen.“
+
+„Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den
+Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die
+Hast in den Mandaten.“
+
+„Wie meint Freund Puchner?“
+
+„Der Fürst ist schlecht bei Cassa!“
+
+„Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen
+wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der
+Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft
+findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim
+Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler
+ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei
+den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der
+Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes
+Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!“
+
+„Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht
+Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen.
+Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!“
+
+„Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!“
+
+„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu
+streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich
+wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt....“
+
+„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner,
+und komm' bald wieder!“
+
+Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte;
+Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem
+Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden
+Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand
+jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der
+Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen
+über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung,
+über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches
+Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf
+Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe.
+Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter
+beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der
+höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit
+Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren,
+daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden
+Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre
+bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen
+einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in
+weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die
+wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es
+ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
+Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur
+der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
+Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
+Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
+Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die
+Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu
+finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert
+werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
+mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
+zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche
+Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein.
+Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
+Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem
+Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein
+stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
+Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner
+und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
+Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.
+
+Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
+schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
+Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen
+und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.
+
+Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
+Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg
+über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
+Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her
+wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum
+Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
+Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die
+gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der
+Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die
+Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen
+durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im
+letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den
+vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
+Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
+Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
+Nebelschleier stark verdichtet.
+
+Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
+die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
+Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der
+Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
+Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden
+Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der
+Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit
+totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe.
+Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
+diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
+Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
+einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu
+erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und
+schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte,
+erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
+noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der
+Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.
+
+Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
+den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu
+überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.
+
+Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten,
+behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt
+werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
+reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem
+Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick
+der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere
+Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die
+nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist
+unvollendet geblieben.
+
+Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht
+verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen,
+milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.
+
+Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein
+gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige
+Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“
+
+Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
+Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“
+
+Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten
+Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.
+
+„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
+danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte
+Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt
+mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz,
+geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
+bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe
+Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“
+
+„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern
+gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
+betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
+Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen
+und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
+Weibes!“
+
+„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz
+mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich
+nicht klären —“
+
+„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“
+
+„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
+Weg bis zur schweren Stunde!“
+
+Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
+flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief
+durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih',
+Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
+wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem
+Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
+nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
+Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“
+
+Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.
+
+„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich
+geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
+vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und
+stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“
+
+Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.
+
+„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste
+mit dem roten Hut —“
+
+„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin.
+
+Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
+doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich
+stelle gegen meine Promotion.“
+
+„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“
+
+„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich
+dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
+wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier
+fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser
+Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
+davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei
+gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu
+gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines
+Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
+Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
+mir, bist Gattin mir und —“
+
+„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
+sich nicht wird zu erfreuen haben!“
+
+„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit
+Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
+so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“
+
+Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige
+Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
+ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
+verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
+zurückblieb.
+
+Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
+war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte,
+Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den
+Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
+möchten.
+
+Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus
+nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das
+bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
+Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers
+Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“
+
+Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für
+deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.
+
+So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät
+abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
+Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“
+
+Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre
+Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
+fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten
+Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so
+namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie
+immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.
+
+Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
+von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
+Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
+den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter
+Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch
+hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr
+versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller
+Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden
+wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum
+Klagen brachten.
+
+Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
+Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste
+Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
+Landsknechtbrauch.
+
+Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen
+erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in
+Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
+schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
+geschlagen hatte.
+
+An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
+von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von
+fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
+Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
+war.
+
+Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten
+Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
+Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich
+geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem
+Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
+liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
+solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen
+Fürsten!“
+
+Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.
+
+Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort
+verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe
+seine Hand auf!“
+
+Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände
+auf.
+
+Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
+Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
+Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
+gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf
+bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.
+
+Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne,
+brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von
+der Stirne lief, kein Wort hervor.
+
+Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
+ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
+Schluß um Gnade.
+
+Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
+dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
+laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere
+Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das
+Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche
+Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
+Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
+jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein
+wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen
+zusteht.“
+
+In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den
+beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger
+weißbekrustete.
+
+„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief
+der Feldwebel.
+
+Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein
+sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
+Knechte zur Beratung beizugeben.
+
+„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und
+bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
+Besprechung untereinander pflogen.
+
+Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals
+einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.
+
+Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten.
+Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
+geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann,
+der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
+„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die
+Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte
+Hand!“
+
+Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen
+Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder
+zu einigem Ansehen zu gelangen.
+
+Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist
+schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
+Fähnrich nach Brauch!“
+
+Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die
+Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die
+Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.
+
+Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
+und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach
+innen gefällter Fahne verschlossen.
+
+Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
+Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
+gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein
+eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
+der den sicheren Tod bringen muß.
+
+„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den
+Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
+des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
+und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den
+Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.
+
+Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und
+fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“
+
+Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße,
+ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der
+Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot
+aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein
+Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
+Leben entflohen ist.
+
+„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.
+
+Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen.
+Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von
+tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.
+
+Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
+Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen
+abschossen.
+
+Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die
+Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen,
+es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die
+Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe.
+Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus
+eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,
+sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus
+der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So
+mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe
+anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung
+ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite
+debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse
+Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der
+Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die
+eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit
+leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels
+durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den
+Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn
+völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen
+scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren,
+auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr
+aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen
+Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der
+Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja
+und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr
+bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der
+Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn
+müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft
+werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine
+neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.
+
+Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“
+zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste
+Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle
+der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das
+aus eigenem Säckel bestreiten.
+
+Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte
+und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der
+praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt
+überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf
+Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen
+Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst
+möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus
+unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im
+Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene
+Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich
+hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige
+Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen
+war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch
+auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden
+einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus
+Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei
+seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen,
+sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg
+sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister
+eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich
+schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den
+Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.
+
+Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die
+Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien
+schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und
+vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der
+Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die
+vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus
+der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde
+sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen
+können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der
+Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem
+Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,
+daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“
+
+Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche
+Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal
+geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt
+sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in
+passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer
+Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er
+kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden
+Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie
+hätt' es nicht geglaubt....“
+
+„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte.
+
+„Ich hätt's nicht geglaubt!“
+
+„Was?“
+
+„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's
+eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“
+
+Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.
+
+„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede!
+Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“
+stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.
+
+„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,
+deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten
+Herrn!“
+
+„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den
+schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und
+derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen
+die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank
+dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und
+Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“
+
+„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,
+daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“
+
+„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die
+Gab' der Rede nicht beschieden!“
+
+Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte
+sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.
+
+Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen
+einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer
+erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.
+
+Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten,
+Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im
+Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge,
+wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und
+Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.
+
+Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der
+Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur
+die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl
+gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen
+von den Armen.
+
+Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur
+Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde
+gleich vorgelassen.
+
+Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf
+Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale
+entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.
+
+Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch
+raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und
+ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,
+ich komme nicht...!“
+
+„Wie meint der Bürgermeister?“
+
+„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!
+Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und
+Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und
+Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen
+für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“
+
+„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des
+Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.
+Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in
+solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in
+der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich
+der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben.
+Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich
+nicht überlaufen werden!“
+
+„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen
+wirst!“ plapperte Alt heraus.
+
+Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der
+Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner
+Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“
+
+„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die
+Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“
+
+„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher
+hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir
+erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores
+lehren.“
+
+„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker
+rebellisch machen!“
+
+„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den
+Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten
+Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“
+
+Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das
+Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand
+plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem
+Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten
+Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen
+hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel
+teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht
+erzwingen ohne Gewichtsverringerung.
+
+„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“
+
+„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“
+
+Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den
+letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug
+davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den
+Unterthanen!“
+
+Damit war der Bürgermeister entlassen.
+
+Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher
+einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger
+befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch
+der Kapitular weilte auswärts.
+
+Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da
+niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf
+Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und
+fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner
+ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung
+vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr.
+Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,
+welche die Ritterzehrung verursache.
+
+Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine
+Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß
+eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert
+Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
+
+Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die
+Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit,
+neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs
+Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei
+Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der
+Finanzgewaltige im Rate nicht aus.
+
+Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:
+„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf
+Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein
+Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe
+empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“
+
+Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer
+Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“
+
+Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei
+war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein
+dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im
+salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger
+wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese
+Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte
+er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen
+bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe,
+den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der
+Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,
+daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas
+gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das
+gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem
+einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte,
+eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.
+
+Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der
+fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für
+Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt
+werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse
+Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang
+einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten
+Almosenschatulle[9], beinahe leer.
+
+Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die
+Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,
+Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue
+Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon
+graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten
+Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen
+Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das
+„Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder
+Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes
+an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu
+warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten
+eingeholt.
+
+Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in
+höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die
+remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die
+Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.
+
+Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand
+er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und
+Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also
+fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der
+Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen
+werden!
+
+Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide
+gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die
+Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.
+
+Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens
+als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was
+an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die
+Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld
+wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.
+
+Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die
+Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der
+wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig
+gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die
+Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu
+verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des
+Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer
+schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land
+hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im
+Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der
+lutherischen Seite war.
+
+Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den
+Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der
+Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern
+nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie
+die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger
+hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die
+Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das
+heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf
+Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen
+und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.
+
+Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die
+Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken,
+die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel
+ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.
+
+ * * * * *
+
+Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner
+Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und
+Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell
+auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie
+betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen
+Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung
+der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten
+höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof
+kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller
+Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in
+dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer
+schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige
+Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er
+war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen
+hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und
+Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft
+gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt
+dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines
+viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne
+ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht
+Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in
+Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern
+brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung
+that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.
+
+Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf
+seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten
+Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun
+hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte
+Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die
+Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“
+
+Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise
+Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag
+abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein,
+denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich
+schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter
+erreichten.
+
+Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles
+hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen
+Schluck vorher!“
+
+Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut
+ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut
+not!“
+
+„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg
+flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein
+Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.
+
+Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre
+Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz
+richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen
+Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer
+ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und
+schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht
+über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt
+das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der
+Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof
+hören!“
+
+Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf
+standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es
+ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen
+ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die
+Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen
+verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht
+erschwingen!“
+
+„So ist es!“ riefen die erregten Bauern.
+
+Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen
+supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten
+Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen,
+sonst ist's g'fehlt!“
+
+Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau
+erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch
+nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden
+bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja
+ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.
+Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“
+
+Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum
+Fürsten!“
+
+Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr
+Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,
+und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.
+Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“
+
+Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!
+Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind
+verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es
+kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht
+in unser Gericht!“
+
+Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach'
+ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!
+Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller
+Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“
+
+„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns
+selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns
+supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann
+merken!“
+
+Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht
+dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,
+wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch
+gehalten werden!“
+
+„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,
+den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der
+Steuerteufel nicht verkümmern!“
+
+In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das
+Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“
+
+Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches
+Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch
+andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit
+erklärt hätten.
+
+Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung
+der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr
+sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der
+leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden
+pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich
+will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur
+demütigen Supplikation geraten!“
+
+Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt
+uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission
+durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“
+
+Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft
+akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“
+
+Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen
+und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,
+die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an
+der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der
+Steuerkommission.
+
+Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte
+Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das
+Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und
+Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und
+steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger
+muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein
+Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu
+dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern
+gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht
+widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist
+unser Herr!“
+
+Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein
+geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit
+Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“
+
+„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten.
+
+In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es
+so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem
+Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis
+erhält.
+
+Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie
+durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen
+Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben
+könne.
+
+Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist
+im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“
+
+„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,
+Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln
+Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“
+
+Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und
+fluchend.
+
+Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach,
+das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.
+
+Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit
+zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung
+vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse,
+erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich,
+weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten,
+gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von
+den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten
+das Leben kosten kann.
+
+Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß,
+das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in
+Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel
+nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von
+einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die
+Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist
+vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.
+
+In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill
+zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte
+diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in
+Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte
+erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen
+hat.
+
+Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten
+Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten
+Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
+Kaiser vorfand.
+
+Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem
+Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach
+gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die
+Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern
+rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An
+150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des
+Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau
+gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller
+Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun
+erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht
+zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft
+dauern werde.
+
+Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der
+Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska
+erfüllte ihn mit Angst.
+
+In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
+Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.
+
+Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur
+rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der
+Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte
+begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich
+Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche
+Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle
+Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und
+von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald
+von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die
+eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr
+schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben
+an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben
+schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens
+abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche
+Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit
+fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein
+anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von
+achtzig Gulden versprochen sein.
+
+In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für
+Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung
+erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl,
+die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden
+und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.
+
+Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter
+zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.
+
+Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der
+Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.
+
+Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht,
+hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die
+Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus
+abgeliefert werden.
+
+Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der
+größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben
+für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod
+durch das Schwert.
+
+Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf
+Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant
+seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab
+und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise
+Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung
+Hohensalzburg.
+
+Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in
+einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:
+
+ „Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.
+ Juli ist besonderes nichts vorgekommen.
+
+ Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg
+ Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse
+ ankommen.
+
+ Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt
+ worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer
+ zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer
+ geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.
+
+ Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin,
+ darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle
+ Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1
+ Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein,
+ 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die
+ Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli
+ 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch
+ die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden
+ genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen
+ Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen
+ zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich
+ ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden
+ hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren.
+ Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen
+ aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles
+ verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst
+ beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären
+ zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich
+ Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen
+ und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die
+ Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen
+ gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl.
+ Gnaden Bericht.
+
+ Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag
+ 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum
+ Ende.
+
+ Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine
+ Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste
+ nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen
+ ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.
+
+ Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.
+
+ Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr
+ hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche
+ ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.
+
+ Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl
+ schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.
+
+ Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz
+ im Zimmer gehabt, ausblieben.
+
+ Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung.
+ Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.
+
+ Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder
+ ausgeblieben.
+
+ Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.
+
+ Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren
+ angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen
+ meiner Urbargüter gethan haben sollen.
+
+ 22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß.
+ Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir
+ bald mit Glück wieder daraus.
+
+ (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)
+
+ Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.
+
+ Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der
+ Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen
+ Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder,
+ Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen
+ darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für
+ Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem
+ Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe
+ ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,
+ unterschrieben.
+
+ Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein.
+ Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich
+ hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und
+ Urbarsbeschreibung examinirt worden.
+
+ Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen
+ und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott
+ verleihe bald glückselige Erledigung.
+
+ Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den
+
+ Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October
+ ausgesagt, unterschrieben.
+
+ Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer
+ gelegen.
+
+ Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament
+ empfangen.“
+
+Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut
+gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des
+Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus
+den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise
+hervor.
+
+ „Herr Ehinger.
+
+ Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig
+ zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller
+ Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch
+ gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich
+ Urlaub.“
+
+ „Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer
+ Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich
+ treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte
+ ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch
+ die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner
+ Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes
+ Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß
+ sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges
+ und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten
+ Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung
+ zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“
+
+ „Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer
+ Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist
+ ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht
+ um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager
+ Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern
+ Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne
+ sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß
+ hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns
+ Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott
+ meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier
+ 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei
+ es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich
+ guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder
+ Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal
+ durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die
+ Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich
+ 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr
+ Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer
+ Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich
+ Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen,
+ ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“
+
+Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in
+aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern
+eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von
+den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies,
+da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das
+Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten
+supplizieren.
+
+Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche
+Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein
+gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die
+Gemüter für immer im Bann halten solle.
+
+Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor,
+zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen
+Lande still.
+
+Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür
+einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein.
+Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt
+die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: „Man hat auch keinem
+nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer
+sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in
+der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine
+Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat
+nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das
+allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und
+Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat.“
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von Hohen-Salzburg donnerten die großen „Stücke“ und ihr mächtig Krachen
+brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch
+die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur
+Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung
+lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des
+Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten
+den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und
+Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz
+verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden
+sei, das erste Kind!
+
+Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der
+Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das
+unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller
+Lungenkraft.
+
+Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung
+durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward
+Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker
+Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch
+nicht Vater sein könne, und die „Stücke“ seien nicht dazu auf der Veste,
+um ein Kind anzudonnern.
+
+Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn
+bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr
+sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer.
+Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf
+Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige
+Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei
+Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden
+die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur
+Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der
+Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann
+zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie
+jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend
+zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines
+fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch
+die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste
+Kritik provozierend.
+
+All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen
+und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es
+wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an
+den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten
+sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs
+schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner
+nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig
+schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in
+solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller
+Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch
+Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß
+Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren
+Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der
+Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome
+verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte
+Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine
+Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica
+zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter
+Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand
+lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht
+vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.
+
+Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung
+des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den
+Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren.
+
+So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu
+in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen
+Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf
+Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame
+eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse
+erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das
+ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.
+
+So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um
+jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der
+ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag,
+und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte.
+
+Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und
+flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende
+Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit
+keinen Ausdruck gäbe.
+
+Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen
+flüsterten: „Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?“
+
+Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das
+Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da
+lachte der Fürst herzlich auf: „So gebrechlich wird ein Raittenau nicht
+sein!“
+
+Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach
+bewegt: „So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!“
+
+„Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!“
+
+„O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!“
+
+„Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den
+Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem
+kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!“
+
+„Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens
+wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!“
+
+In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände,
+hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die
+Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt.
+
+Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig
+unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.
+
+Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht
+mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner
+Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen
+Zügen.
+
+In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob
+niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen
+zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und
+sogleich vorgelassen.
+
+Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch
+den Ruf: „Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens
+Dank dafür! Herzlich willkommen!“
+
+„Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die
+Glückwünsche zu Füßen zu legen!“ sprach Graf Lamberg ehrerbietig und
+verbeugte sich tief vor dem Gebieter.
+
+„Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine
+freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs
+Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe
+keine Meldung!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr
+überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird
+klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch
+kommen an den Hof.“
+
+Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage:
+„Glaubt Lamberg wirklich?“
+
+Der Kapitular antwortete vorsichtig: „Es wäre Pflicht nur und schuldige
+Dankbarkeit!“
+
+„Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der
+Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden
+will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf
+Raittenau.“
+
+Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu
+richten, sprach aber nichts.
+
+Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art
+hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden
+solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein
+Raittenau.
+
+Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen
+aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht,
+unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als
+der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit
+verhaßt.
+
+Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und
+gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in
+diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner
+Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der
+Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die
+Residenz müsse verlegt werden.
+
+„Die ganze Residenz?“ fragte überrascht Graf Lamberg.
+
+„Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden
+ist, das ‚Altenau‘ ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei
+Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk,
+meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen,
+daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in
+Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge
+Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd'
+ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut'
+hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei
+andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem
+Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis.
+Wird nicht zu frühe sein damit!“
+
+„Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich
+erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der
+gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten....“
+
+„Was?“
+
+„... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im
+Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß
+in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich
+informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!“
+
+„Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es
+ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es
+ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat
+bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das
+Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen.“
+
+Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen
+ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte.
+
+In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: „Warum nicht jetzt? Wer kann mich
+hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich
+will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so
+einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner
+Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!“
+
+Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst
+nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur
+gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe;
+der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: „Es wird Euer
+Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu
+mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und
+Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens.“
+
+Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als
+horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur
+Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ,
+bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit,
+die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben
+zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen
+getroffen werden sollen.
+
+Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um
+ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis
+auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder
+gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem
+hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf
+Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende
+Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem
+fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.
+
+Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit
+der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der
+erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß
+doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes
+ohne gültigen Ehebund folge, — der Fürst, der das Warten nicht kannte,
+durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so
+mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme
+Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift
+citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen
+das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche
+Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der
+Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über
+den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso
+überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe.
+
+So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden
+Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am
+nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung
+verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu
+gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur
+Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen
+Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig
+Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend,
+auch als die Ausweisung angedroht wurde.
+
+Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich
+zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung
+„zu verhütung mehreren unraths“ über den Wegzug der ketzerisch
+Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis
+ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis
+zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut
+war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren
+Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder
+schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen
+Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie
+verfügen würde.
+
+Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und
+Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden,
+sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift
+verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden,
+übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung
+der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel
+sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine
+Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die
+Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.
+
+Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den
+Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere
+vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren
+Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht
+rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin
+belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit
+brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten.
+
+Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der
+Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja
+doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein,
+wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich
+in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu
+jeglicher Stunde.
+
+Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward
+der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der
+auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet
+knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider
+der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf
+Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der
+Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn
+schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen
+aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen
+Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte
+der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige
+Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller
+Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.
+
+Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich
+nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord
+und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten
+übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und
+drohte mit dem Malefizrichter.
+
+Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde
+von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens
+Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm
+geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte
+Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die
+Todesstrafe ausgesprochen werden.
+
+Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör
+ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat
+nicht begangen habe. Auch konnte eine „Beschädigung“ (Verletzung) des
+Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst
+verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den
+Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf
+Hinrichtung durch das Schwert.
+
+Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem
+Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm
+gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten
+Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der
+Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren
+nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.
+
+Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den
+Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der
+gnädige Fürst habe Pardon gegeben.
+
+Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der
+Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt
+bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den
+Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden,
+gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im
+letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.
+
+Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen
+unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein
+Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man
+wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate
+fanden Beachtung.
+
+Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den
+Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu
+dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die
+Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der
+Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal
+wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die
+Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion
+zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als
+Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern.
+Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten
+werden.
+
+Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die
+mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen.
+Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der
+zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am
+Gründonnerstag bringen.
+
+Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in
+eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln
+die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der
+brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten,
+zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.
+
+Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich
+ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu
+nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der
+Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.
+
+Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die
+Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren
+und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte
+dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das
+Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der
+massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan.
+
+Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund
+flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun
+predigen werde.
+
+Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm
+eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen.
+
+Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede
+zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel
+Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher,
+häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen
+durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß
+die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen
+erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen
+Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_
+Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist
+der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der
+Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel
+gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr
+und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander
+die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur
+Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen
+vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und
+Gebieter.“
+
+Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den
+Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach
+der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche
+die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten
+schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen
+Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und
+Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich
+auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser
+sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde;
+besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er
+führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an
+vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum.
+
+Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige
+Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge
+erkennen sollen.
+
+In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren,
+es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu
+Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen
+habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im
+Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.
+
+Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu
+seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels.
+Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren
+die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie
+zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des
+Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden.
+
+Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen
+Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange
+Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die
+Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war
+nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den
+salzburgischen — Hunden.
+
+Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof
+verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit
+einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen,
+bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe
+des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je
+kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der
+Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von
+einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister)
+erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen
+Gassen einzufangen und abzuschlagen.
+
+Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer
+alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten
+Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und
+fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der
+Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager
+konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf
+Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund
+lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund
+nicht aufsichtlos lassen.
+
+Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor
+ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies
+sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus
+und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese
+Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl
+zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher
+Auffassung überhaupt zu viel Hunde.
+
+Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der
+Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem
+Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach
+auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten
+Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und
+gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die
+Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde
+erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den
+Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer
+vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als
+sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde
+davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen
+wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die
+Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die
+Verhaftung des Schlagers.
+
+Die Aburteilung endete mit Entlassung „mit Spot und Schant“.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
+auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
+das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der
+Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
+gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende
+Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
+lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
+jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.
+
+Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das
+Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener
+Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
+Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom
+Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner
+zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten
+essen würden.
+
+Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
+schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
+Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der
+Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne
+trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain
+sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
+schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.
+
+Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
+Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen,
+müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
+beizuspringen.
+
+„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“
+
+Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine
+unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig
+einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“
+
+„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke
+tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“
+
+Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall
+einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung.
+
+„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug
+den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine
+Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
+der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
+Humpen Weines gereicht wurde.
+
+Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder
+wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den
+Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
+wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
+Terminierung gelegentlich wieder holen.
+
+In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
+fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
+Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte
+Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd.
+
+Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
+armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
+ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
+Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.
+
+Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
+schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen
+bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
+übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.
+
+Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
+Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
+benebst dessen Almosensack.
+
+Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
+Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
+vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
+Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht
+wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.
+
+Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
+fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
+gehöre.
+
+„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es
+pressierte, in die Stadt zu kommen.
+
+„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen
+werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei.
+
+Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
+Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
+bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
+abliefern.
+
+Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
+mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
+gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom
+Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
+heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
+Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
+klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“
+
+Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
+Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun
+hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben
+dem Einstellhause zu.
+
+Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
+engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
+dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen.
+
+„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer,
+und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg.
+
+Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
+Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend.
+
+Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf
+Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
+zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
+und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
+alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
+Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
+müssen.
+
+Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher
+beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
+Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten,
+erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
+Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer
+Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte
+mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
+Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen.
+
+Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
+zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur
+Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
+worden war.
+
+Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern,
+doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
+sich einzumengen.
+
+Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu
+besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts.
+
+Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
+an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen
+erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
+schnell hinab. Die Mönche beteten laut....
+
+Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
+der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
+ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
+war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
+verschiedenen Leuten in Berührung gekommen.
+
+Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung
+wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
+strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
+Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
+der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser
+Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.
+
+Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte
+die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
+die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein
+Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem
+Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die
+Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer
+fordere.
+
+An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
+Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
+aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
+Rückkehr war aufs strengste verboten.
+
+Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im
+Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen.
+
+Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den
+Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die
+umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
+abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
+und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte
+und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.
+
+Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
+frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.
+
+Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten
+sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof
+doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
+doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen,
+wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
+wolle.
+
+Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank,
+erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger
+als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert
+Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden.
+
+Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.
+
+Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu
+ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
+den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster
+vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
+neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus
+verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
+Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden
+Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte.
+
+Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in
+leuchtenden Farben.
+
+Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter
+zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte
+zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
+für die Armenbeköstigung zu erhalten.
+
+Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
+gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
+Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.
+
+Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen
+nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich.
+
+Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
+Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
+Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
+eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast
+eintrat.
+
+Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige
+Beherbergung für Gotteslohn.
+
+Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu
+beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung
+äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen
+ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer
+einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern
+umschlossenen Hof zu.
+
+Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
+fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis,
+hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
+schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward
+unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß
+nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“
+
+Und eine andere Stimme antwortete: „Ist recht, Wirt!“
+
+Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts
+anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse
+und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen
+darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen
+leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause.
+
+Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein
+vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens
+ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die
+Magd muß das Schloß von außen versperrt haben.
+
+Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im
+Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst
+gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit
+zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner
+Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken
+fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der
+Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im
+Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das
+Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins
+Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen,
+eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten
+Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder
+hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer
+verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich
+nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein.
+Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer
+erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche
+Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein
+kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen.
+
+Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete
+zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und
+Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.
+Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen
+Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß.
+
+Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und
+weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es
+lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof,
+und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton
+der Mönch erzitterte: „Also Jackel, fang den ‚Franziskaner‘ 'raus und
+hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!“
+
+Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt
+murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der
+göttlichen Barmherzigkeit.
+
+Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick
+faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich
+durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan,
+der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und
+warf den Knecht über den Haufen.
+
+„Hui!“ schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht
+zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner
+Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.
+
+Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich
+wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an
+den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die
+Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die
+Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft
+vermehrend.
+
+„Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?“ schrie der Wirt und
+machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch.
+
+Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht,
+kann kein Mörder sein. Er rief: „Im Namen Gottes des Herrn frag' ich
+Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?“
+
+„Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?“
+
+„Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!“ Jetzt änderte sich
+die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel,
+das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, „Franziskaner“
+genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel
+abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem
+Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als
+daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein „Franziskaner“ genannt zu
+haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden
+sei.
+
+Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen
+Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte.
+
+Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er
+um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem
+Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen.
+
+Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über
+die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner
+lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und
+gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich
+ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem
+schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.
+
+Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung,
+daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der
+Pest verstorben sei.
+
+Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich
+erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine
+Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor
+einfahren.
+
+Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und
+weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem
+Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen
+konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen
+war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für
+die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus
+eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin
+und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.
+Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel,
+sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren
+Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden
+respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende
+Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens
+offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus
+Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis
+sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde
+umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien
+bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des
+Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“
+einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender
+Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet
+werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein
+unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten
+werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden
+haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und
+beschirmt werden.“
+
+So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der
+immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater
+steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt
+Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das
+kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur
+Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am
+geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes
+Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden
+weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden
+habe.
+
+Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des
+Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn
+Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei.
+
+Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten
+Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei
+zur Vergebung!“
+
+Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen
+sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine
+Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.
+
+Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im
+Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß
+Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden.
+
+Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm
+eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und
+fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln,
+grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“
+
+Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht
+nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte,
+die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube.
+
+Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier
+brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun
+Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie
+abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der
+fürstlichen Buhle!“
+
+Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte
+schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir!
+Verzeiht!“
+
+„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“
+
+„Vater, habt Erbarmen!“
+
+„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“
+
+„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde
+meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir
+Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein
+schmerzdurchwühltes Herz!“
+
+„Hinaus! Ich will nichts hören!“
+
+„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die
+Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“
+
+„Das wußt' ich zum voraus!“
+
+„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All'
+äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“
+
+„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem
+ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“
+
+„Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie
+ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig
+Kind!“
+
+„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“
+
+„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das
+meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“
+
+„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will
+ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen
+soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam
+Schicksal verdientermaßen!“
+
+Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist
+ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen
+mußte.
+
+Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an
+des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände
+flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.
+
+„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen.
+Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt
+gestorben.
+
+Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die
+Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend.
+
+Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und
+verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und
+Trauerkleider anzulegen.
+
+Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht
+in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal
+zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der
+Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters
+gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine
+Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als
+Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit
+allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten
+zu lassen.
+
+Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger
+Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht
+begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“
+
+„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater
+meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist
+geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“
+
+„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“
+
+„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich
+um sein Erbarmen —“
+
+Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich
+verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge
+Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“
+
+Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen
+geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf
+den bitteren Gang!“
+
+„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein
+Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer
+er wolle; die Kluft ist zu hoch!“
+
+„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen.
+
+Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,
+er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und
+gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.
+
+Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens
+und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den
+Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen
+Verbeugungen begrüßten.
+
+Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die
+Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres
+Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig
+waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde.
+
+Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich
+strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward
+gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des
+Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.
+
+Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf
+den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen
+haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich
+halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und
+schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,
+werd' ich dem Freunde dankbar sein!“
+
+Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im
+Verhalten des Fürsten.
+
+Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das
+Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen
+hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,
+verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die
+Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt
+meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu
+veranlassen.“
+
+Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten
+wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein
+Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles
+hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun
+speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum
+Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die
+inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais
+verließen.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen,
+es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum
+Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine
+Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen
+das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes
+geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser,
+teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren
+als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für
+die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“,
+Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu
+Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,
+nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der
+Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt
+gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in
+früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und
+Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,
+welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises
+zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun
+der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom
+Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie
+alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge
+abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen
+und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst
+erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe
+des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt
+hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung,
+zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung
+des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich
+hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der
+Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem
+Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog
+schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung
+durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor
+wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers
+über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern
+für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch
+einen Kreuzer darüber gestattete.
+
+Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und
+demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu
+erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen
+Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und
+berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang
+ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute
+Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte.
+
+Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin
+er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern
+teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten
+Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach
+einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so
+geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten
+Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst
+bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen
+vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die
+keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines
+Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem
+Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf
+Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des
+weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden,
+konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in
+Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht
+genannt werden mußten.
+
+Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen
+Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu
+finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig
+besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote
+Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch
+empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl
+erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu
+hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem
+klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder
+zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den
+Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst
+nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche
+Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht
+immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer
+Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,
+besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn
+Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die
+Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die
+Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht
+auf Rom fallen gelassen werde?
+
+„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und
+ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer
+bemühen.
+
+Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,
+anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen,
+doch mit fragenden Augen.
+
+Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen,
+richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an
+Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen
+hervorgerufen habe.
+
+„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast
+du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu
+besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“
+
+Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die
+jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war.
+
+Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt
+nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.
+
+Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem,
+was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das
+Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine
+bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet,
+genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich
+soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis
+steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“
+
+Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer
+hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen
+finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies
+auch der Kaiser thut.“
+
+„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“
+
+„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl
+eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben
+Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“
+
+„Weiß das der Bayernherzog?“
+
+Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt;
+ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München
+gekommen ist.“
+
+„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen
+vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß
+Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz
+nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch
+zahlen.“
+
+„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis
+des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es
+ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“
+
+„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt
+man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des
+Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so
+sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben,
+sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“
+
+„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer
+Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist
+feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im
+neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem
+alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist
+genehm.“
+
+Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und
+erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.
+
+Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst
+sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der
+Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam
+geschwinden Kopf“ zu nennen.
+
+Salome warf ein: „Das ist doch weiter nichts Schlechtes?“
+
+„Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der
+freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß
+der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als
+ein „periculosum ingenium“ betrachten —“
+
+„Was heißt das?“ fragte Salome.
+
+„Man kann es verdeutschen mit ‚gefährlicher Kopf‘!“
+
+„Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue
+Papst nicht schlimme Absichten heget.“
+
+„Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den
+Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem
+wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen.“
+
+„Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein
+klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer
+Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten
+Hut!“
+
+Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch
+hier den Kern der Sache erfaßte.
+
+„Hab' ich recht geraten?“ fragte die kluge Frau.
+
+„Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist
+meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der
+Erzbischof Wolf Dieter wird — nicht Kardinal!“
+
+„Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit
+mit Bayern und dem Kaiser!“
+
+Trotzig rief der hochfahrende Fürst: „Kommt dazu es jemals, stell' ich
+meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der
+leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner
+Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken.“
+Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und
+geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb.
+
+Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf
+den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung
+erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu
+merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des
+Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu
+spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag
+nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um
+seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim
+zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen
+der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch
+Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm
+gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in
+Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten „goldenen Steiges“ nach Böhmen,
+wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man
+klagte beim Reichskammergericht in Speyer.
+
+Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg
+gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der
+Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun
+auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische
+Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den
+Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von
+Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das
+kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem
+Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren
+konnte.
+
+Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim
+Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller
+Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr
+verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das
+Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen.
+
+Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich
+abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der
+Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt,
+von welcher der Chronist berichtet: „Er (der Erzbischof) ist ainesmales
+ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von
+wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig
+stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch
+und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit
+Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung
+habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch
+ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die
+zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit
+abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches
+Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet;
+ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es
+darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch
+mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch.“
+
+Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an
+Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte
+eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über
+ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu
+dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet.
+
+Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten
+Zorn hervor und setzte seinen ohnehin „geschwinden Sinn“ in lebhafteste
+Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen
+Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben
+einhändigen.
+
+Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des
+fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum
+Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten
+schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten
+Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam
+an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten
+lassen.
+
+Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht
+aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die
+Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies
+der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen.
+
+Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche
+hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos
+kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen
+Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in
+jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.
+
+Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die
+Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche
+Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer
+offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag
+ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem
+Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe.
+Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof
+gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen
+marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant
+befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die
+Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine
+Gesandten ab.
+
+Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu
+versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf
+den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben.
+Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs
+Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_.
+
+Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch
+war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die
+Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger
+seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.
+
+In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und
+salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen
+neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo
+verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man
+der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst
+verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des
+kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für
+den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb
+gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu
+festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von
+jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf
+Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden
+werden.
+
+Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.
+
+Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser
+begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit
+dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform
+des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf
+dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des
+Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung
+des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu
+vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der
+protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den
+Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der
+Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.
+
+Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander,
+die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen
+Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter
+Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den
+gleichfalls dissentierenden Pfälzern.
+
+Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach
+Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die
+Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu
+Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für
+Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig
+Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich
+verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten
+zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die
+ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich
+Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht
+Römermonaten bereit.
+
+Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen
+Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen,
+über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses
+seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden,
+als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und
+Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des
+Reichs.
+
+Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die
+Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher
+Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich
+jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich
+nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen
+die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich,
+weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.
+
+Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er
+urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die
+Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil
+der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne.
+
+Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
+in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche
+leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des
+Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
+abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
+Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen,
+wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten
+Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in
+überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend
+ausgeliehen wurden.
+
+Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten
+angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
+am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
+uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
+abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung,
+die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
+gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
+Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz
+bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
+des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
+vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für
+seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
+nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die
+geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
+verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder,
+Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
+wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach
+Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen
+und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und
+Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu
+verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
+verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein
+italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den
+eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten
+fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu
+machen.
+
+Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie
+seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große
+Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
+prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des
+Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt.
+Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
+Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
+Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in
+diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
+konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
+aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
+hindurch bis zum nächsten Frühling.
+
+Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die
+Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie
+Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
+den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von
+solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim
+Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
+wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von
+Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser
+der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
+Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
+erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
+Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
+Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.
+
+Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte
+sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum
+Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
+Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später
+kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der
+Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
+ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.
+
+Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
+willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten
+das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch
+eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde,
+ein Meisterwerk der Baukunst.
+
+Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
+Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
+Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und
+Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
+Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein
+Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom
+mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich
+in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie
+Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem
+Geschmack.
+
+Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen
+Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte
+im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger,
+die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
+zweifellos enormen Kosten.
+
+Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
+steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt
+in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
+frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
+in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
+und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
+erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
+Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome
+zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
+Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille
+Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten
+Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach
+Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
+vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche
+freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß
+Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so
+wurde die Übernachtung beschlossen.
+
+Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
+es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht
+schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.
+
+In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre
+Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
+durch die Fenster.
+
+Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule
+aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
+Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
+knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
+Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
+nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer
+leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer
+zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern
+nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die
+Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.
+
+Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:
+„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der
+Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.
+
+Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen
+feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf
+die Residenz.
+
+Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte;
+man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei.
+Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
+die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die
+Residenz zu retten.
+
+Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
+Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
+ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
+begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.
+
+Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die
+Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die
+Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
+anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden
+sollen.
+
+In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte
+zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
+Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein
+Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.
+
+Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große
+Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht
+hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
+Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.
+
+Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des
+Landesherrn.
+
+Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
+richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
+Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.
+
+Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur
+Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
+alles fragte nach dem Erzbischof.
+
+Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
+nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.
+
+„Wo ist der Fürst?“ hieß es.
+
+Heiser rief der Meldereiter: „Er kommt nicht!“
+
+Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
+konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
+durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
+Not.
+
+Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
+dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom
+Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es
+brennen!“
+
+Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
+Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs
+gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
+ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den
+Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
+verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht,
+das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte
+dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst
+der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.
+
+Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
+diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
+verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man,
+dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
+nach Rom übermittelte.
+
+Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige
+Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
+Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ.
+
+Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in
+der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
+abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen
+Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder
+celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt.
+Peter abgehalten.
+
+Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
+nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
+fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
+Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
+diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.
+
+Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
+zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
+Dietrich eine Audienz.
+
+Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund,
+sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß
+der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag.
+
+Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
+Kapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
+Kunde von Prag eingelaufen?“
+
+„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
+ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“
+
+„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu
+vermelden wäre in meiner Stadt!“
+
+„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
+will gefährlich erscheinen.“
+
+Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
+durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
+hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig.
+
+„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
+gefährlich werden.“
+
+„Wohinaus will Lamberg zielen?“
+
+„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung,
+die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“
+
+„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein
+Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“
+
+„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
+verstatten?“
+
+„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“
+
+„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
+vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
+deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit
+zugleich.“
+
+„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und
+Herr zu thun und lassen habe?!“
+
+„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine
+unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
+eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“
+
+„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
+mir wohl anjetzo eingekerbt?!“
+
+„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“
+
+„Wie?“
+
+„Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und
+zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“
+
+„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“
+
+„Der Brand....“
+
+„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
+nieder!“
+
+Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit
+hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst
+ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di
+male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
+das heiße Blut.“
+
+„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“
+
+„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb
+wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
+nicht....“
+
+Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch'
+infamen Argwohn entschuldbar?“
+
+„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß
+widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die
+Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward
+zum Brandstifter.“
+
+Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung
+nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte
+sich Wolf Dietrich amüsiert.
+
+„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen
+lassen?“
+
+„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
+abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“
+
+„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“
+
+„So sprich, teurer Freund!“
+
+„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
+Domes.“
+
+„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“
+
+„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag
+vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“
+
+„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
+Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
+einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“
+
+Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben,
+konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.
+
+Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus
+Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
+geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht
+schlummerte ein.
+
+Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie
+im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
+Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
+der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig
+Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein.
+
+Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom
+noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
+die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
+Kirchen provisorisch untergebracht.
+
+Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen
+zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als
+Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer
+Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig
+und müsse daher abgetragen werden.
+
+Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
+massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
+Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis
+auf den Grund geräumt.
+
+Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
+erbauen.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch,
+seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen
+Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder
+Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt.
+Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit
+am Hofe des baulustigen Erzbischofs.
+
+Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach
+nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu
+Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen
+Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten
+damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs
+entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie
+ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche
+Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu
+wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu
+bringen.
+
+Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II.,
+dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus
+den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen.
+Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten
+den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche
+sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer
+unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen
+Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der
+Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die
+Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch,
+daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben,
+wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen
+hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag
+geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem
+Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem
+bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte,
+als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang
+des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte.
+
+Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar
+im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über
+Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem
+Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen
+erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen
+Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in
+München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der
+Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de
+Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den
+Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht
+nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den
+Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse.
+
+Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte,
+wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner
+wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels
+Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche
+Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener
+Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der
+Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen.
+
+Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation
+nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn
+auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als
+Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg,
+indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der
+gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener
+Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes
+gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende
+Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten
+frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen
+verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an
+Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift
+anheimfallen.
+
+Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft
+vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem
+diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen
+sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das
+Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der
+regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als
+Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit
+hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel
+bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom
+Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im
+Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz
+machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit
+ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit
+Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel
+obwalten konnte.
+
+Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der
+Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe
+der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem
+fürstlichen Fiskus eingeliefert.
+
+Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten
+zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen
+Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer
+weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch
+imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten
+des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die
+Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig
+empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es
+überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und
+Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.
+
+Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten
+manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer
+wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den
+Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen.
+
+In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß
+kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms.
+„Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues
+Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des
+kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig
+Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich
+überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!“
+
+Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu
+trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt
+werden könne.
+
+Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: „Das sagt
+Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich
+gebrochen?!“ „Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt
+heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im
+innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle
+eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren
+Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden
+könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!“
+
+Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte
+die weiße Stirn Salomens.
+
+Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: „Mein
+gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!“
+
+„Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!“
+
+„In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den
+Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen
+Kräften sorgen —“
+
+„Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß
+Ursach' ist zur geringsten Klage?!“
+
+„Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die
+Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich
+richten....“
+
+„Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder
+Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für
+unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!“
+
+„Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der
+Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt
+solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen
+Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?“
+
+„Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt'
+kalt dies lassen!“ erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst.
+
+„Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein,
+anzuerkennen solche Urkunde“
+
+Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick,
+wohinaus Salome wolle. „Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht
+nicht wohl aus!“
+
+„Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!“
+
+„Der — Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins
+Staunen!“
+
+„Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort,
+mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des
+Stiftsherrn Urkund' — —!“
+
+„Hm!“ Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten
+Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen
+Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum
+Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei
+Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und
+von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf
+Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht
+nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: „Solch' wichtige Sache
+will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug'
+behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!“
+
+„Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht,
+es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht
+viel des Guten zu versehen ist!“
+
+„Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!“
+
+Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher
+Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur
+das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte
+aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines
+gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf,
+den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht
+aus dem Auge verlieren zu wollen.
+
+Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine
+Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben
+gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg
+berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der
+Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und
+katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die
+Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die
+protestantische Bewegungspartei habe nun die „Union“ errichtet, eifrige
+Katholiken seien daran, als Gegengewicht die „Liga“ zu gründen, und so
+frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen
+oder nicht.
+
+Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es
+unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend
+welchen Ausdruck zu geben.
+
+Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und
+überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend
+aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: „Will der Bayer und
+sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe
+genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der
+Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf
+Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am
+Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen
+Jesuiten-Max dazu!“
+
+Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit
+ward mit keinem Wort erwähnt.
+
+Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom
+Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter
+Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob
+der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.
+
+Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf
+ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. „Willst wissen, Geliebte, was
+meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!“
+
+„Betrifft es mich, gnädiger Herr?“ fragte, schalkhaft werdend, Salome.
+
+„Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!“
+
+„Wen meint mein Gebieter mit sothanem ‚Max‘?“
+
+„Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen,
+der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in
+Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!“
+
+„Und das wäre?“
+
+„Der Herzog führte Krieg gegen — der hübschen Weiber kurze Röcke und
+pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!“
+
+„So streng soll der Bayern-Herzog sein?“
+
+„Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich
+Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu,
+die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das
+Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine
+kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome
+gepönt, verliert den schönen Kopf!“
+
+Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich
+überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm
+den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger
+wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige
+Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu
+orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der
+Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch
+Salome nicht schwer.
+
+Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet
+ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine
+Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in
+lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs
+Raten verlegen und deutete das „aut Caesar aut nihil“ dahin, daß der
+Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun
+wolle.
+
+Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: „Wo
+der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit,
+wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die
+Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von
+Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!“
+
+Vorsichtig fragte Salome: „So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft
+im Erzstift an?“
+
+Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: „Soll er wie er
+will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger
+Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!“
+
+„Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!“
+
+„Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins
+Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich
+kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem
+Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und
+österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta
+salisburgensis, von dem ich gesprochen!“
+
+Ängstlich fragte Salome: „Mußte das sein?“
+
+„Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein
+Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen.
+Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es
+fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron
+verschlossen!“
+
+„Was sagt der Bayer zu solchem Statut?“
+
+„Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in
+Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern,
+wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!“
+
+„Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?“
+
+„Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich
+weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten
+angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will
+nicht!“
+
+„Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?“
+
+„Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken
+haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist
+nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes
+Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr
+kräftigt es den Bayer.“
+
+In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt
+gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich
+keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema
+wechselnd fragte Salome: „Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl
+zur Tafel führen?“
+
+Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach
+mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen
+und Kämmerlinge.
+
+Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der
+Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos
+erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf.
+
+Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der
+Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen
+aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch
+die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf
+Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit
+ausweichendem Bescheid heimkehren ließ.
+
+Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat
+Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag,
+zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche
+Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer
+Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten,
+auf „daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden“.
+
+Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine
+Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu
+präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser
+Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes
+zur Verfügung haben sollte.
+
+Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das
+kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem
+schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern.
+
+Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl
+gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis
+zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit
+den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald
+erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur
+schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in
+München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das
+Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war.
+
+So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel
+auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind
+gegen die aufziehenden Gefahren.
+
+Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und
+beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und
+ihrer Ersparnisse.
+
+Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich
+keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug
+vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die
+Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen
+und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem
+Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen
+eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit
+feenhafte Schloß ‚Altenau‘[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an
+Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von
+Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse:
+
+ Raittnaviae stirpis divino e munere princeps
+ Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas
+ Impatiens otii, spirans magis ardua quondam,
+ Nunc, ubi per morbos corpore deficio,
+ Has tacitas aedes fessus portumque silentem
+ Hunc mihi semestri tempore constituo.
+
+Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer
+und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges
+Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere
+Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben.
+
+Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben
+Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur
+Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses
+nach ‚Altenau‘, und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf
+Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte
+der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer
+dräuenderen Sorgen hinter sich.
+
+Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich
+in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:
+
+ „Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf
+ Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß
+ oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten
+ Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von
+ allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen,
+ pauen und aufrichten lassen, — auch solchen Pau Altenauen genennt. In
+ solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich
+ oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten
+ daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil
+ darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem
+ fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die
+ Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und
+ gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet
+ vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu
+ Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen
+ merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg
+ schaffen können.
+
+ Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im
+ Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es
+ sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven
+ nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch
+ vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten
+ worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn
+ welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen
+ recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis
+ und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib
+ von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß
+ ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid
+ herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert
+ wirdet.“
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl
+in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch
+Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine
+Unterstützung gebeten hatte.
+
+Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser
+erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad
+vorgeschützt.
+
+Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von
+zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel
+verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken,
+vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein
+unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig,
+auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig.
+
+Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens,
+erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen
+Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler
+Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu
+erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an
+eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund
+entbehrt.
+
+Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome
+mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom
+Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem
+Kaiser Meldung zu erstatten.
+
+Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten
+und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer
+Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen
+um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen
+Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort
+„Salzburg“ fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie
+geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling
+diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte.
+
+Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: „Frau von Altenau aus Salzburg
+bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang.“
+
+Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und
+murmelte: „Altenau aus Salzburg — kenn' ich nicht! Salzburg — der
+widerhaarige Fürst — ja ich weiß — bin müde, führ' er den Bittsteller
+herein, soll kurz es machen!“
+
+Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: „Euer Majestät
+unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!“
+
+Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die
+Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob
+sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.
+
+Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand
+führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der
+tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die
+Dame bat, sich zu erheben.
+
+Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde
+freundlicher.
+
+„Gnädigster Kaiser und Herr!“ sprach bebenden Tones Salome und richtete
+den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, „wollen
+Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen
+vorbringen zu dürfen.“
+
+Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach
+der Kaiser: „Ihr seid verheiratet? Mit wem?“
+
+Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das
+schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach
+Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: „Gnädigster Herr und Kaiser!
+Mein Bund entbehrt — des kirchlichen Segens!“
+
+„Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!“ rief Rudolf und wich einen Schritt
+zurück.
+
+„Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!“
+
+„Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern
+vor jeder österlichen Beichte! — Wer ist der Mann, der sich nicht scheut,
+den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?“
+
+Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:
+„Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von
+Salzburg.“
+
+„Des Erzbischofs Wolf Dietrich?“ rief überrascht und betroffen der
+Kaiser aus.
+
+Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den
+Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in
+seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.
+
+„Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue
+Dienerin ihres geliebten Herrn!“ flehte Salome.
+
+Herb klangen des Kaisers Worte: „Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz,
+verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen
+Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das
+Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der
+heiligen Kirche! —“
+
+„Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und
+verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!“
+
+Unwillig und erregt rief Rudolf: „Weiß der Erzbischof nichts von
+Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür
+ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom
+Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß
+ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem
+keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den
+Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?“
+
+Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in
+bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau:
+„Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die
+Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich,
+die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und
+kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im
+salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und
+Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet,
+konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger
+Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen,
+die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich
+unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen. —“
+
+„Ihr seid verblieben dennoch?!“
+
+„Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr'
+ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola
+nicht —“
+
+„Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte —“ rief
+erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.
+
+„Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue
+bewahrte mir der Herr!“
+
+„Und Verdammnis wird sein Euer Los!“
+
+„In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die
+Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie
+lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von
+Köln!“
+
+„Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!“
+
+„Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da
+nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben
+schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!“
+
+Zaghaft und scheu sprach Rudolf: „Hab' recht ich Euch verstanden, so hat
+unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er
+doch die kirchliche Trauung hat vermieden?“
+
+Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.
+
+„Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat
+geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?“
+
+Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: „Des
+Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für — meine
+Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!“
+
+Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben.
+
+Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und
+hoben die Händchen bittend empor.
+
+Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: „Was ist
+Euer Begehr?“
+
+Innig flehte Salome: „Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer
+Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten,
+will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich
+des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den
+Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund'
+meines Herrn und Gebieters!“
+
+„So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?“
+
+„Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen
+Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu
+Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den
+unschuldigen Kindern!“
+
+„Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!“ sprach mild der
+Kaiser.
+
+„Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches
+mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb
+Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen
+Bitte aus tiefstem Herzensgrund!“
+
+„Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen
+gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch
+den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein
+kaiserliches Wort!“
+
+Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie
+entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die
+kaiserliche Rechte.
+
+„Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit
+keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter
+ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer
+Landsassen....“
+
+„O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche
+Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank....“
+
+„Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?“
+
+„Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es
+Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt.“
+
+„So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht
+fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott,
+kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures
+gnädigen Kaisers!“
+
+Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln
+lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.
+
+Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das
+Gemach.
+
+Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin:
+„Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt
+gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!
+Mir grauet vor solcher Beicht'!“
+
+Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er
+selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen
+seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung.
+
+Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau
+und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte
+ehelicher Geburt.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr
+und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch
+seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in
+leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga
+unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs
+Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das
+Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der
+Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle,
+hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich,
+genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die
+bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich
+erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen
+Salzburgs den Titel „celsissimus“ (der „erhabenste“) beilegte.
+
+Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen
+diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig
+hin; aber in München ärgerte man sich über den „celsissimus“, man
+verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die
+Liga.
+
+Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche
+Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt
+wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße
+auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und
+Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der
+Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde.
+
+Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen
+empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer
+nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener
+Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des
+Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch
+auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag
+und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu
+Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz
+des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher
+Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden.
+
+Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im
+Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der
+Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse
+Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr
+plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war
+gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich
+nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen.
+
+Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte:
+„unbeschadet seiner Gefälle“, es mußte daher der Herzog die Summe von
+34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei
+nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog
+der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse
+im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um
+Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede
+Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden
+mußten.
+
+So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden
+übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den
+Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.
+
+Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl
+zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu
+sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch
+von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn
+der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im
+Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das
+Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten
+führten, ausgedehnt wurde.
+
+Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des
+Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre
+Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie
+zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem
+Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden
+belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der
+denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und
+ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern
+selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also,
+so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und
+recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn
+eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.
+
+Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres „Nein“, worauf
+Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen
+ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch
+nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche
+Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen
+Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf
+Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als
+Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf
+Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren
+bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer
+Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge
+gerne zur Kenntnis genommen worden sei.
+
+Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten
+Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen
+Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu,
+die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch
+sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu
+München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf
+Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu:
+„Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für
+Straßenbau zur Stelle!“ Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein
+neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang,
+Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu
+konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise
+könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.
+
+Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende
+von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl
+aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee
+führte.
+
+Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von
+statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt
+werden.
+
+Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur
+noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die
+Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt.
+Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und
+Rossen stationiert worden war.
+
+Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit
+seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er
+den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit
+dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte
+sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede
+Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.
+
+In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern
+erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei
+Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz
+nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten.
+
+Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land
+von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische
+Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des
+salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für
+Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die
+Forderung Maximilians zurück.
+
+So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten
+die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf
+einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von
+Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000
+Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue
+Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18].
+
+Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch
+einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet,
+Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von
+Böhmen — Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig — Tirol auf
+neuen Wegen einzuführen.
+
+So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens
+verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste
+hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem
+Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern
+dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen
+Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg
+durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der
+schwersten Geldstrafen.
+
+Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der
+Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte
+Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach
+Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem
+Erzbischof Beistand an.
+
+Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr
+mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem
+geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der
+Unions-Bewegung war.
+
+Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern
+für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur
+Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen
+zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr.
+Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern
+abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.
+
+Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und
+eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des
+Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß
+Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu
+besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch
+den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ,
+die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge,
+weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des
+Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten
+Worten vor einem Krieg.
+
+An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im
+Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß
+gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst
+liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf
+Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu
+fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen
+Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.
+
+Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm,
+ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft,
+will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende
+mache und die Propstei dem Bayer nehme.“
+
+Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller
+Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“
+
+„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille,
+befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich
+geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit
+langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der
+Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“
+
+„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird
+der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und
+rächen solche That!“
+
+„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe
+gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann
+sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“
+
+„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu
+klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein
+Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“
+
+„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als
+Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir
+bei!“
+
+„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen,
+Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß
+abfällt das Stift von Rom!“
+
+Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge,
+und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich
+wechseln!“
+
+„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger
+Herr!“
+
+„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die
+Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich
+nichts!“
+
+„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug,
+verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil....“
+
+„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen?
+Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München
+machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's
+nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land
+wird nimmer bayerisch!“
+
+„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die
+vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“
+
+„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,
+Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“
+
+In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten
+und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort!
+Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt
+der ergrimmte Bayer!“
+
+„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst
+und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir,
+die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue
+mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“
+
+Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte
+verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der
+deutschen Fürsten?“
+
+„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und
+das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“
+
+Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den
+kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf
+Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und
+Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten.
+
+Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein
+Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem
+militärischen Kleide weichen müssen.
+
+Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den
+Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten
+gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang
+anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas
+ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und
+Domherren.
+
+Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit
+langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln
+huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte
+der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher
+Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis
+spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach
+Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein
+waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand
+wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle
+erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger
+Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab!
+Gott befohlen!“
+
+Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des
+Befehles und verließen sogleich die Residenz.
+
+Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611
+erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten
+der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß
+der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen,
+die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage
+beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen
+Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle.
+
+Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine
+bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher
+Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos
+erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf
+Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis
+schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der
+Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe
+den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der
+Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein
+Schiedsgericht.
+
+Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den
+Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof
+von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden
+einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den
+durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen.
+
+Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im
+Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig
+geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter
+Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände.
+
+Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen
+seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest
+sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog
+schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“
+
+Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab'
+ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“
+
+„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat
+das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die
+Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“
+
+„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“
+
+Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den
+Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht
+einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern
+bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin
+aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu
+öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der
+Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.
+
+Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt
+der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert,
+ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh
+sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“
+
+„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das
+Reichskammergericht wendet!“
+
+Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum
+jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme
+Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“
+
+„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das
+Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet,
+meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“
+
+Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann,
+Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich
+sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der
+Herzog wird mit Krieg überziehen und —“
+
+„Und?“
+
+„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“
+
+„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“
+
+„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden
+nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem
+Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer....“
+
+„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers
+Sieg wünschet über das Erzstift!“
+
+„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der
+Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“
+
+Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen
+seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“
+
+„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In
+letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich
+beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den
+unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder!
+Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers
+Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder,
+wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch,
+so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre
+Euch in dieser letzten Stunde!“
+
+„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel!
+Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem
+Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren
+Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!
+Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie
+ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den
+Bayer!“
+
+Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben,
+Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört
+das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“
+
+Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen!
+Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und
+Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring'
+den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist
+deine Freundschaft!“
+
+Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er
+zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund:
+„Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist
+Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller! — Dem
+Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte....“
+
+„Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!“
+
+Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus
+dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue
+Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die
+beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring,
+Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und
+Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war
+dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus
+Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg
+bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus
+gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in
+der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue
+Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter
+Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit
+bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei
+der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte,
+wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im
+Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege.
+
+„Jacta est alea!“ flüsterte der treue Freund und kehrte über die
+Salzachbrücke in die innere Stadt zurück.
+
+Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400
+Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben
+und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee,
+100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach
+Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und
+Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der
+Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur
+Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit
+100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt.
+
+Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der
+in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich
+unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm
+gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu
+seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von
+Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und
+zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max
+mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet
+gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen
+und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.
+
+Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß
+Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben
+dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu
+beseitigen.
+
+Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das
+Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren.
+
+Graf Lodron erwiderte: „Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn
+und Fürsten zu unterstützen!“
+
+„Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine
+Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des
+eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom
+Kapitel beauftragt bin!“
+
+Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: „Vom
+Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst
+behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird
+verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich
+aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den
+alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem
+jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!“
+
+Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des
+Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: „Ich habe im
+Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache
+angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein.“
+Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren
+und ging.
+
+Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum
+Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel
+auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die
+Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen
+bemüht war.
+
+Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des
+Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler,
+Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung
+gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das
+Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen
+werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ
+die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es
+besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.
+
+Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten,
+sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser
+Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich
+den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge,
+um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf
+flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog
+weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.
+
+Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit
+Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max
+Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in
+Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr
+entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten
+ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene
+machten, die Waffen wegzuwerfen.
+
+Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich
+so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen
+in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden
+bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe
+mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen
+Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er
+an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief
+seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.
+
+Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich
+um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber
+ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen.
+
+Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den
+Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben
+möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen.
+
+Barsch rief der Erzbischof: „Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel
+versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich
+bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange
+nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren
+mögen sich nach Hause begeben!“
+
+Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich.
+
+Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die
+Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den
+Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben
+heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu
+kommen.
+
+Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich
+ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu
+welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte.
+
+Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg
+holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum
+Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.
+
+Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs
+Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern
+eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß
+dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch
+dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.
+
+Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger
+Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich
+geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei
+Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden.
+
+Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges,
+katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand
+bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die
+Friedensbedingungen verhandeln sollten.
+
+Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom
+Herzog empfangen worden.
+
+Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht
+Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des
+Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.
+
+Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf
+Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des
+Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei.
+Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die
+salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den
+nächsten Tag.
+
+Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und
+alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand
+genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der
+Kapitelsgesandtschaft von „schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des
+Erzstiftes“, Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß
+Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation
+des Erzstiftes beabsichtige.
+
+Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten
+Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der
+bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit
+bewaffneter Hand auszubreiten.
+
+Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf
+Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel
+unterliegen.
+
+So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des
+Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu
+verjagen.
+
+Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es
+beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo
+ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns
+Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und
+Entscheid binnen zwei Tagen.
+
+Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof
+die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete:
+Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge
+einschießen.
+
+Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des
+Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich
+zurück.
+
+Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in
+Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen
+hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn
+rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen.
+
+Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen,
+wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer
+nicht viel Federlesens machen werde.
+
+„Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer
+zwingen!“ prahlte Wolf Dietrich. „Ihr seid jeden Mutes bar, feige
+Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog
+den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde
+ich Euch türmen lassen in der Feste!“
+
+Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des
+Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen
+geradezu undenkbaren Sieg.
+
+Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde
+ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter
+Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des
+Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe.
+
+Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: „Macht nichts!
+Tittmoning ist nicht Salzburg!“ und entwickelte nun eine die verzagte
+Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein
+kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die
+Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und
+Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden.
+
+Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz
+zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er
+abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich
+neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit
+24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen.
+
+Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht
+bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur
+Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit
+zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen
+Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein
+Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der
+fürstlichen Hofkutsche.
+
+Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder
+mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission
+übernehmen wolle.
+
+Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell
+und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem
+Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese
+Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht,
+der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen:
+Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor
+er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke.
+
+Demütig sprach der Guardian: „Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber
+es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und....“
+
+„Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!“
+
+Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte
+Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in
+rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen
+Grenze.
+
+Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er
+warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen.
+Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war
+übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst
+auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine
+Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die
+Unschuldigen für den Vater?
+
+Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer
+Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur
+Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze
+und Geld verpacken.
+
+Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in
+den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten
+Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert
+ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten
+holen und ankleiden.
+
+So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte
+sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und
+von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte.
+
+Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten.
+
+„Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht,
+spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen
+Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins
+Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!“
+
+„Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die
+Flucht ergriffen werden?“
+
+„Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei!
+Rette dich und die Kinder!“
+
+„Und mein gnädiger Herr?“
+
+„Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!“
+
+„Dann ist es meine Pflicht auszuharren....“
+
+„Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!“
+
+Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu
+besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz
+niederkämpfend.
+
+In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt.
+Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile
+zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen
+verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach
+Golling abgeschickt.
+
+Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen
+Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick
+galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen
+Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den
+in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch,
+der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat!
+Ein Sturz von schwindelnder Höhe! — —
+
+Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller
+Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das
+Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe
+in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat
+und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug
+durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der
+Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof
+lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem „Türken“
+befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der
+Erzbischof unschädlich gemacht sei.
+
+Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an
+Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden
+war.
+
+Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner;
+wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der
+gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung
+des gefürchteten Herzogs.
+
+In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er
+sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg
+bitten, ihn zu besuchen.
+
+Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der
+Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange
+Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die
+Verhandlungen dadurch erleichtert werden.
+
+Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen
+zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu
+leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach
+er denn schmerzbewegt: „Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe,
+sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines
+Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!“
+
+Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht
+nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu
+erwarten.
+
+Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er
+verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der
+Kapuziner.
+
+Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum
+Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen
+die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten
+korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. „Daran geschehe ihm
+unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle.
+Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt,
+begehre derowegen Gnad und Verzeihung.“ — Das zweite Schreiben war an das
+Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner
+Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun,
+was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde.
+
+Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit
+sie leicht gefunden werden konnten.
+
+Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
+noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf
+und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
+Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
+Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
+Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten
+Kämmerern sprach: „Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen
+Herrn!“
+
+Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
+Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten.
+
+Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten
+Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
+Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
+schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde.
+
+Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor
+dem anrückenden Feinde.
+
+Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das
+zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden,
+und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln.
+Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen
+Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen,
+jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und
+Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog
+entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens
+des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun
+nach seinem Gefallen schaffen könne.
+
+Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der
+Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das
+Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang
+darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife,
+den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder
+zurückzubringen.
+
+Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof,
+einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen
+und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs
+einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels
+erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf
+Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25.
+Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter
+dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg
+aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte.
+
+Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber
+begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und
+Schützen, in Salzburg ein.
+
+Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig.
+Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten
+und durch den Profoßen verkünden: „Wenn sich ein Knecht ungebührlich
+halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß
+Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den
+lichten Galgen zu henken.“
+
+Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an
+der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen.
+
+Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben,
+ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den
+Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen „schönen
+Schreibkasten“ anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit
+bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte.
+
+Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während
+desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis
+betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen
+wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die
+großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten
+Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine
+Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem
+Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des
+geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von
+Erklärungen legitimiert erschien.
+
+Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den
+Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte
+von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der
+Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und
+seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels:
+der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden,
+wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit,
+aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu — resignieren.
+
+Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder.
+
+ * * * * *
+
+Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den
+Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg
+Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie
+glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser
+Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in
+rascher Flucht suchen!
+
+Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende
+Raben flogen über die Burg hinweg.
+
+Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes.
+
+Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille,
+traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte,
+als Hufgeklapper hörbar wurde.
+
+Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am
+Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
+begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des
+Erzbischofes zu Salome.
+
+„Ruh' in Frieden!“ flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann
+der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern.
+Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird?
+Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich.
+Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe
+Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.
+
+Weiter!
+
+Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die
+Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf
+Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige
+Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr
+von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des
+mißgünstigen Bergortes Schladming.
+
+Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den
+Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann
+ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise
+nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee
+und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war.
+Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte
+nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort,
+grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf.
+
+Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier
+genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu
+schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch
+wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer
+entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß
+zurück nach Salzburg reiten.
+
+Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten
+Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von
+Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite
+Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten.
+
+Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit
+wenigen Worten. „Ein schmerzlich Wiedersehen!“ meinte er unter bitterem
+Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen
+Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte.
+
+Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die
+Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende
+Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt
+nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden.
+
+So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in
+dem elenden Nest.
+
+Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte
+gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück
+nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über
+etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des
+flüchtigen Erzbischofs einzuziehen.
+
+In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück
+und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen
+Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und
+salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen
+und nach Salzburg einzuliefern.
+
+Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der
+Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester
+Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der
+Aufbruch.
+
+Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg.
+Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte
+salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben
+und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß
+vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein
+Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich
+an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen.
+
+Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck,
+es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde.
+
+Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war
+erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne.
+Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd
+fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren.
+
+„Die Ross' müssen getränkt werden!“ erklärte der für den Troß
+verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem
+Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu
+Schanden reiten lasse.
+
+Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und
+gab Befehl zum Tränken der Rosse.
+
+„Im Sattel bleiben!“ rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante.
+
+So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die
+Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte.
+
+Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja
+einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen
+ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen
+Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den
+Katschberg.
+
+Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel,
+ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht
+bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen.
+
+Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur
+schleunigsten Flucht.
+
+„Rottmayer an die Spitze!“ befahl der bleichgewordene Fürst.
+
+Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und
+erklärte höhnisch: „Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich
+bin hier nicht mehr Euer Diener!“
+
+Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen,
+doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts.
+„Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!“ schrie der besorgte
+Bruder.
+
+Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren
+und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch
+die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte
+sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische
+Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen.
+
+„Halt!“ rief Hercelles und hob die Schußwaffe.
+
+Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem
+sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den
+Troß mit blank gezogenen Pallaschen.
+
+„Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!“ rief Rittmeister
+Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab.
+
+Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine
+Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis
+der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr.
+
+Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und
+überreichte es Hercelles mit den Worten: „Nun ist alles verloren! O
+Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott
+der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das
+Rappier, ich bin Euer Gefangener!“
+
+„Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es
+zurück nach Moosheim!“ sprach Hercelles.
+
+„Ich gehorche!“ erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt
+nach vorne sinken.
+
+Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden
+ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie
+die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur
+willkommenen Beute.
+
+Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte
+aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei
+und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden
+würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt
+zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt.
+
+Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als
+Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen
+Raittenau für „vogelfrei“ erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem
+Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden.
+
+Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden.
+Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über
+den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert
+und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen.
+
+Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome
+mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch
+konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer
+Verbringung erfahren.
+
+Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter
+Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach
+mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten
+Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde.
+
+Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und
+überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens.
+
+Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem
+Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge
+seines Amtes als Kerkermeister waltete.
+
+ * * * * *
+
+Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in
+Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß
+Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten
+Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit
+bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche
+beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den
+Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß
+es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung
+Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände
+und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog
+geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an
+den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß
+der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei,
+daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere.
+Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine
+Truppen auf bayerisches Gebiet zurück.
+
+Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen
+könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten.
+Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen
+eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner
+Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden.
+
+Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu
+geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den
+Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und
+Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus.
+
+Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und
+Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen
+zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst
+ein.
+
+Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof
+rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl
+hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen
+Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg
+zurückfahren.
+
+Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach
+München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne
+Zuspruch gefangen in Hohenwerfen.
+
+Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen
+mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof
+Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der
+Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht
+und dem Kapitel ausgefolgt werden.
+
+Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring,
+v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet,
+die alsbald — es war der November ins erregte Land gezogen — nach Werfen
+übersiedelten.
+
+Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau
+und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit
+Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach
+vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden.
+
+Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab;
+später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern
+blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren
+beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen.
+
+Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz
+wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der
+Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen
+Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle
+Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte.
+
+An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im
+Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die
+Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz
+totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart
+umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten
+Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und
+begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch
+hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch
+nur mit wenigen Worten.
+
+Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort
+nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: „Ein Wort zuvor!
+Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?“
+
+Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln.
+
+„Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von
+Resignation ich nimmer hören!“
+
+Zögernd sprach Graf Lodron: „In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden
+Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher
+muß die Haft bis dahin währen!“
+
+Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: „Nimmer werd' ich
+einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das
+den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!“
+
+Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm
+der Stimme des Gefangenen.
+
+Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung
+eines bayerischen Büttels.
+
+Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender
+Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem
+Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen
+werden würde.
+
+Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: „Wollt selbst die Büttelwach' Ihr
+halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem
+Anblick!“
+
+Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen.
+Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg
+weile.
+
+Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den
+Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen.
+
+Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte,
+ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines
+Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem
+Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben
+dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und
+Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum
+Gefangenen erhielt.
+
+Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu
+bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den
+mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein
+zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten
+Landesherrn.
+
+Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum
+Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich
+ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und
+kleinmütig.
+
+Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf
+Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger
+zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor
+seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim
+Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte
+und nach Rudolf und Salome fragte.
+
+Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach
+Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die
+Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein
+wird.
+
+Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der
+Kinder gehalten werden solle.
+
+Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur
+bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation.
+
+In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und
+schluchzte.
+
+Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren
+Entschluß gefaßt und sprach: „Wohlan! Ich will die Urkund'
+unterzeichnen! Führe mich!“
+
+Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen
+Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen
+Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des
+Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten.
+
+Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit
+sei zur Anhörung der Urkunde.
+
+Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken.
+
+Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen
+Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau
+freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2.
+soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß
+gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von
+Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer
+jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch
+besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt
+des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße
+Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen
+dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen
+demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des
+Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden
+sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das
+Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll
+auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was
+vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles
+dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung
+kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach,
+bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen
+durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden;
+11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß
+dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als
+bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit
+und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern
+vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht
+werden.
+
+Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren
+Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst
+wehmutsvoll. „Und was wird aus meiner Gemahlin?“
+
+Kalt erwiderte Lodron: „Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge
+tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist.“
+
+Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen
+Körper, er rang nach Atem und Entschluß.
+
+Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt.
+Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem
+entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich
+hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück.
+
+Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und
+Feder.
+
+Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf
+und trat an des Erzbischofes Seite.
+
+Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem
+verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer — dann ergriff
+der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter.
+
+Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung.
+
+Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um
+Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder.
+
+Kühl erwiderte Graf Lodron: „Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt
+werden!“ Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: „Die Kommission hat
+zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen.“
+
+Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen
+Augenblick zu verweilen.
+
+„Was soll noch geschehen?“ rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus.
+
+„Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung
+Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc
+liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!“
+
+Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses
+Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome
+zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine
+Fürsorge galt nur Salome und den Kindern.
+
+Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine
+finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken.
+
+Herleberg trat in den Saal und fragte: „Sind die Herren fertig?“
+
+Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des
+Gefangenen in den Kerker.
+
+Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte,
+nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von
+gleichmütigen bayerischen Soldaten.
+
+Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene
+harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden
+malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und
+den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch
+Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände,
+der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde
+an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog.
+
+Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der
+Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser
+sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer
+Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe.
+
+Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht
+erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten
+gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg
+hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein
+bayerischer Offizier bereits saß.
+
+Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der
+Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl
+bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den
+Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste
+Hohensalzburg.
+
+Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf
+Dietrich in einer bitteren Vorahnung.
+
+Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der
+ersten Reichsfürsten.
+
+Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines
+abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst
+zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag,
+die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt.
+
+Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf
+Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof.
+Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser
+umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach
+der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen
+und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen
+Erzbischofes zu schreiten.
+
+Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der
+bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner
+Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über
+des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte.
+
+Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift
+gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles
+Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit
+Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das
+Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf
+Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen.
+Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der
+katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet
+Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt,
+dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte
+mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die
+Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und
+Apostaten.
+
+Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche
+durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen
+hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die
+Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille
+untersuchen.
+
+Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht,
+Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2.
+die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht
+vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe.
+
+Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet
+haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg
+zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus
+entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion
+ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um „diesen Mann“
+beiseite zu schaffen.
+
+Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf
+Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels
+verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan
+schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz
+regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur
+Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei.
+
+Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein
+mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg
+gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher
+Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige
+Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen.
+
+Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein
+Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die
+Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum
+dicht besetzt.
+
+Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in
+diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst
+drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt.
+
+Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als
+Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde
+vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf
+die Brust zu legen.
+
+Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der
+Nuntius gelobte.
+
+Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof
+nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben.
+
+Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine
+waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles
+verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die
+Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden.
+
+Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur
+Veste.
+
+Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum
+Sommer freilassen werde.
+
+Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte
+in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen
+nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich
+zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe
+ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr
+kommen müßte.
+
+Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur
+Freilassung kam nicht.
+
+Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster
+Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die
+heilige Schrift und das Brevier gelassen.
+
+Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein
+menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten
+und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich.
+
+In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im
+Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache
+eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche
+Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und
+Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage
+erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum
+Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine
+Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant.
+
+Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den
+Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische
+Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um
+Beförderung zur Post.
+
+Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt,
+die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben
+Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof
+erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines
+größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen
+Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem
+Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung.
+Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene
+Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert.
+
+Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der
+Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit
+dem Gefangenen.
+
+Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg
+abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste.
+
+Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den
+Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die
+Gefangenschaft wurde nun — verschärft.
+
+Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung
+gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die
+Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und
+die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den
+Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst
+und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg.
+Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst
+wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den
+apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren
+sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die
+großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen
+Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten.
+
+So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu
+ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends
+apathisch gemacht oder aufgerieben sei.
+
+Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit
+Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte
+eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und
+Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine
+Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe.
+
+Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim
+Alten.
+
+Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen
+letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun
+befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens
+die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden.
+
+Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die
+Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom
+geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich
+überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag.
+
+Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen;
+man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln
+und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen.
+
+Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den
+Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine
+Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte
+sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den
+Paulinischen Briefen.
+
+Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und
+ein Steinleiden.
+
+Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist
+Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den
+Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen.
+
+Es hatte ausgelitten Celsissimus!
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Eierspeise.
+
+[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert
+auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871.
+
+[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde
+XII, 1872.
+
+[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf
+zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen
+der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu
+ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns
+und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des
+Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von
+lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen
+Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr
+und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck.
+Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des
+Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die
+Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte,
+bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder
+zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs
+gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt
+teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des
+Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche
+zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur
+Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, „Wolf
+Dietrich von Raitenau“ München 1886. Rieger.)
+
+[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges.
+
+[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die
+Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten
+war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben.
+
+[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder
+angeworben werden. Sie „garteten“, d.h. bettelten u.s.w., und wurden
+„Gartbrüder“ genannt.
+
+[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die
+deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg.
+
+[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen,
+besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der
+alten Steinhauserschen Chronik „Diser Erzbischoff kan und mag auch
+billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit
+allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern
+auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich
+spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten
+zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl
+armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller,
+andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen
+und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben.
+Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten
+haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das
+Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen
+Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis
+insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch
+wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und
+genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach
+gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit
+etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein
+und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue
+geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch
+die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und
+genossen.“
+
+[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der
+Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors
+Kaiserl. Rat Dr. A. Petter.
+
+[11] Gerhab = Vormund
+
+[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung,
+daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle!
+
+[13] Keuche = Gefängnisort.
+
+[14] So meldet der Chronist Steinhauser.
+
+[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals
+86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine
+Kufe hielt 130-148 Pfund.
+
+[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk „Wolf Dietrich“, München
+1886. — Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an
+den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe,
+nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von
+Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden
+veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger.
+
+[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form
+aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf
+Dietrichs „Mirabella“ genannt.
+
+[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch
+einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen
+Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen
+ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von
+Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war
+holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit.
+Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin
+durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk
+vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die
+Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg
+erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III.
+
+[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs
+Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg
+vollständig und historisch getreu renovieren.
+
+[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard
+von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den
+Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit
+und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen
+Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13953 ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Celsissimus
+
+Author: Arthur Achleitner
+
+Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953]
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
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+
+
+
+
+Celsissimus.
+
+
+
+Salzburger Roman
+
+
+
+von
+
+Arthur Achleitner.
+
+
+
+Berlin.
+
+
+Alfred Schall,
+
+Königliche Hofbuchhandlung.
+
+Verein der Bücherfreunde.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.
+
+Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit
+denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16.
+Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der
+damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines
+Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
+erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen
+Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche
+Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.
+
+In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
+Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des
+Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
+der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates,
+Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen
+mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der
+Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.
+
+Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
+sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
+unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne
+Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird.
+
+München, im Herbst 1900.
+
+Der Verfasser.
+
+
+
+
+1.
+
+
+Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
+glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert
+werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
+in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles
+aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich
+zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese
+hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
+Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
+kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden
+Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man
+männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
+Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
+einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
+Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht
+bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen
+kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
+keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
+den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem
+Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige
+Feste verstehen.
+
+So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
+in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
+jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.
+
+Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
+kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter
+Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte
+die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
+werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen
+grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener
+Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult
+durch viele Reisen in Italien und Griechenland; „Vater Puchner“, der
+Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten
+Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten
+besorgen und die Anleit zum Balle geben.
+
+Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der
+Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
+großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine
+besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche
+Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht
+nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste
+herauszuputzen.
+
+Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren
+der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und
+erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
+sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig
+parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den
+vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
+bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
+daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
+wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
+auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
+kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese
+schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien,
+hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn
+der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen
+Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht,
+und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es
+erlaubt und wessen der Inhalt sei. „Was man hat, besitzt man!“ gröhlte
+ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.
+
+Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser
+logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
+wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu
+beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
+aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
+Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
+senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
+Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein
+herniederrieselten.
+
+Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
+Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten
+Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man
+nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
+lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
+Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
+Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte
+die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
+Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte.
+
+Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
+in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie
+die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur
+Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
+wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank
+der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
+ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der
+schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle
+reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen
+muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die
+Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
+Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
+Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
+die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu
+drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
+ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen.
+Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten
+blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
+silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
+Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit
+golddurchwirktem Tuch.
+
+„Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!“ lispelte Salome und erwies der
+Bürgermeisterin gebührende Reverenz.
+
+Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst
+verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: „Salome! Wie eine Fürstin
+siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
+fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!“
+
+„Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater
+ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!“
+
+„Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das
+ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat
+mein Ahnl schon gesagt!“
+
+„Des will ich warten, Muhme!“ lachte silberhell die schöne Salome, „ich
+habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
+die anderen Frauen ich begrüßen!“
+
+Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den
+Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der
+hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln
+begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
+besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
+Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die
+köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer
+bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne
+hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
+opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
+„Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
+sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
+Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat
+besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
+dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!“
+
+Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
+Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. „Die Pest
+hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
+das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und
+die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!“
+
+„Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
+städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
+Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!“
+
+„Wollt Ihr gleich stille sein!“ mischte sich Vater Puchner dazwischen,
+dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu
+eben erwarteten Landesfürsten. „Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere
+Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten
+Herrn!“
+
+Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
+unbekümmert los: „Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
+Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich
+will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die
+Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das
+Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
+Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!“
+
+Bestürzt rief Rat Thalhammer: „Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den
+Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns
+entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!“
+
+Grimmig pfauchte Lechner: „So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es
+staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen
+Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem
+geckenhaften Junker!“
+
+Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
+Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
+Landesherrn anzublasen.
+
+Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf
+stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der
+Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein
+zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
+Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
+den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem
+Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
+Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging
+von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
+an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
+atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
+an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum
+Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und
+lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann „geschwinden
+Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes“, der infolge seiner
+Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
+seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden
+Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen
+beherrschte.
+
+Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
+liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
+Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
+geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von
+Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
+zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau
+liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden,
+wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
+Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
+Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und
+stürmisch auf zu Rom wie — verspürbar allenthalben zu Salzburg.
+
+Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
+Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
+in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst
+Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu
+heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle
+Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte.
+
+Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den
+Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
+als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.
+
+„So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
+in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück
+hat....“
+
+„Will nicht hoffen! Liebe ‚zitternde‘ Häuser nicht! Soll ich aber den
+Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!“ sprach ironisch
+lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit
+seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich
+schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da
+drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche
+Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
+die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im
+Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der
+Stiegenmauer.
+
+Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter,
+dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
+überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich:
+„Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
+die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und
+Frauen soll man niemals warten lassen!“
+
+Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des
+Frauenwartegemaches und sprach: „Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die
+Damen bitten, in den großen Saal zu treten!“
+
+Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich
+wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen
+schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht.
+
+„Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!“ wisperte die
+verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor
+dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
+einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft
+bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
+verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: „Geh
+du voraus, dein Kleid verträgt es!“
+
+„Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen
+Grund zu Angst und Sorge!“ erwiderte leise die schöne Salome, und
+schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
+nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund
+nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht.
+
+Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für
+das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
+in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und
+lebhaft rief der Fürst: „Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des
+Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
+entgegennehmen!“ Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
+zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf.
+
+„Hochfürstliche Gnaden!“ stammelte überrascht die schöne Salome und
+wollte die Hand zurückziehen.
+
+„Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg
+Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
+geruhen, das Fest zu eröffnen!“
+
+Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
+Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend
+schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist,
+und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen
+runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den
+Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten
+Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem
+sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
+Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
+Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der
+neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen,
+sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren
+und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da
+doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so
+schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
+fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist,
+hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
+wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
+Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
+viel Perlen zu tragen!
+
+Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
+als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
+Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch
+dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der
+junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so
+plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
+gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel
+gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
+Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die
+Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
+Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die
+Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen
+Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die
+Tochter aus dem Arm zu reißen.
+
+Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
+Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
+Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
+stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
+Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige
+Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze
+Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß,
+welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem
+Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
+Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
+ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur
+für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit
+ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn
+solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt
+als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe,
+alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, — der
+Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich
+fester auf den Arm des Schwagers.
+
+Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker,
+auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
+aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
+gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
+viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und
+sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister
+wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
+sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des
+Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit,
+hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche
+Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte:
+„Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der
+alten Schachtel hinterdrein zu laufen!“
+
+Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit
+heiserer Stimme: „Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein
+spanischer Junker!“
+
+Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte
+schluckend heraus: „Fein — wird—'s im E—e—er—z—st—st—stift!“
+
+Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
+der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und
+sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter
+Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: „Lieber Alt! Niente
+di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure
+Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in
+persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt
+mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich
+ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg,
+dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber
+Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen,
+doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin
+verbleibe!“
+
+Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
+Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen
+Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der
+Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche
+Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
+denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
+verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. „Hochfürstliche
+Gnaden haben geruht!“ Das war der erste Anlauf, und nun muß einen
+Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte.
+
+Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: „Ihr seid also nimmer
+ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn
+des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
+Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade
+ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
+ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!“
+
+Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
+Bürgermeisters unter.
+
+„Eure Gemahlin nehmen wir mit!“ rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
+dem darob die Ohren sausten.
+
+Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende
+Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein
+Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in
+lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
+Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht
+hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre
+Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
+verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte,
+lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der
+Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau
+bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
+wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte.
+
+„Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!“ flüsterte Wolf Dietrich,
+als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte.
+
+„Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in
+unverdientem Maße!“ erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die
+Lider.
+
+„Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
+vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
+gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde
+trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!“
+Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
+seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
+Bedienung der Dame.
+
+Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
+Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
+Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten
+placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
+die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern
+Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und
+Ehrengastes.
+
+Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
+Tischgenossin gewendet: „Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
+einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
+Palazzo geführt?“
+
+Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
+lispelte: „Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich
+in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
+muß zum Einhub die Tochter kommen.“
+
+„So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!“
+
+Salome nickte.
+
+„Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
+Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?“
+
+Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
+genommen habe.
+
+„Und die Mutter?“
+
+„Die Teure ist seit langem uns entrissen!“
+
+„Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
+wollen wir in der Gegenwart bleiben!“ Wolf Dietrich lehnte sich in
+seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
+bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm
+Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender
+Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann
+kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich,
+mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
+Handelsherrn zu: „Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet
+ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und
+den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes
+zur Partnerin zu haben!“
+
+Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
+Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
+der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
+als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe
+und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein
+zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch
+zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
+wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache.
+Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und
+ehrerbietig, aber fühlbar frostig.
+
+Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den
+Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch
+weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
+Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich,
+lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: „Wir danken
+Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
+länger entziehen!“
+
+Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
+ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige
+Herr gesprochen. „Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
+ist daran schuld!“ fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm
+Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: „Einen Hopser will
+er später mit Euch machen!“ Frau Alt schien das Geflüster doch
+vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
+heraus: „Nicht möglich?“ Das klang so drollig, daß auch Salome ein
+Kichern nicht unterdrücken konnte.
+
+Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang:
+„Ein gelb Essen ist lind zu essen“[1] serviert worden war, und sprach
+zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: „Nun wir die linde Speise
+hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
+was die Herzen meiner Salzburger beweget.“
+
+Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
+bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem
+Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe
+schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
+Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare
+Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte.
+
+Ludwig Alt traute aber der „linden“ Stimmung des jungen Gebieters nicht
+völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
+namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
+auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: „Wenn wir in schuldiger
+Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das
+Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen
+hätten!“
+
+Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
+hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er
+die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: „Wie meint Er das?“
+
+„Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
+noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
+getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen
+Behörde übertragen wurde, und —“
+
+In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
+in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder
+warnend auf den Fuß.
+
+„Und?“ fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.
+
+Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und
+im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: „Und diese Exekutive
+erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist
+und nichts zu sagen hat!“
+
+Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
+erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der
+nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe.
+
+Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch
+sprach er: „Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
+zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!“
+
+Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: „Verstattet
+gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!“
+
+Überrascht rief Wolf Dietrich: „wie? Majestät Schönheit will sich ins
+Gebiet der Politik begeben?“
+
+„Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in
+den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
+Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im
+Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
+Ein Weib —“
+
+„Ein fürstlich Weib!“ murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
+schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.
+
+Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: „Ein Weib
+versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
+Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
+kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen
+beeinflußt ist.“
+
+„Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!“ lachte der Fürst amüsiert.
+
+Tapfer behauptete Salome: „Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben,
+daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
+beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
+meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
+bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber
+hinaus.“
+
+„O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die
+Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen
+Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
+holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
+kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!“
+
+„Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch,
+gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe —“
+
+„Hört ihr es!“ wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, „so
+spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen
+Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine
+Freud' und Lust, Herr zu sein! — Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
+mag!“
+
+„Mein Ohm,“ erwiderte Salome, „der allverehrte Bürgermeister hat es
+ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel
+genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu
+bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
+nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite
+des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!“
+
+Galant erwiderte Wolf Dietrich: „Schönheit adelt und erhebt!“
+
+„Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren,
+das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei
+engelschön sein!“
+
+„Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!“
+schmeichelte der Fürst, und fügte bei: „Doch Eure Prämisse stimmt nicht:
+Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von
+niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur
+nicht von Adel! — Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht
+richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter
+Sache?“
+
+„Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein
+gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen
+sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem
+leisesten Befehl des Herrn!“
+
+Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis
+Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub:
+„Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die
+Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses
+mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!“
+
+Salome wagte einen legten Versuch: „Verzeiht mir, hoher Herr! Die
+Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme
+zugestimmt!“
+
+„Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die
+Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne
+Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge
+Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht
+aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne
+Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung
+war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die
+Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den
+früheren Rechten zurückzuerlangen!“
+
+„Und täuschte sothane Hoffnung?“ fragte Salome unter Augenaufschlag und
+richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge.
+
+Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf
+Dietrich kein schroffes, wahres „Ja“ zu sagen, er griff zu Worten der
+Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit
+zusicherte.
+
+Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah
+dieses Wölkchen sofort. „Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden
+Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer
+Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die
+bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir
+ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus
+auch! Und damit dixi!“
+
+Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu
+thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: „Muß der Bürger und
+Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!“
+
+Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort „zahlen“
+verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche
+Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von
+bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein
+Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen
+ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den
+Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das
+sei nur in der Ordnung.
+
+„O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!“ meinte Frau Alt.
+
+„Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint,
+sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch
+zahlen, der Fürst hat da ganz recht!“
+
+Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen,
+und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen
+Fürsten in rosige Laune. „Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden
+den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und
+Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten.“
+Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: „Will die Wolke nicht weichen
+von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der
+Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den
+Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl
+Eurer Gnade!“
+
+Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten
+sich zu leisem, gutmütigem Spott: „Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir
+schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der
+Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen
+Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!“
+
+„Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte
+von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit
+Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave
+möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!“
+
+Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome:
+„So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die
+Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche
+Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu
+dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!“
+
+„Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter
+Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der
+unter Vicenzas Himmel gedeiht!“ sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum
+Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben
+sei.
+
+„Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen,
+gehört — Thalhammers feinerprobte Zunge!“ schnatterte Ludwig Alt, dem die
+unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.
+
+„Wie? Was meint Er?“ rief erstaunt der Fürst.
+
+„Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte
+meines Ohms erhelle!“ warf Salome schnell ein, „der gute Ohm wollte
+sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel
+gewünschter Edelwein vorhanden sei!“
+
+Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen
+Tischgenossin: „Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir
+können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!“
+
+„Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?“ spottete
+Salome.
+
+„Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten
+gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend
+will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische
+Alter!“
+
+Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der
+Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte
+Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf
+Dietrich stieß mit Salome an: „Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen
+dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe
+und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute
+eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe
+Salzburgs holdeste Mädchenblume!“
+
+Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der
+Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.
+
+„Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?“
+flüsterte Wolf Dietrich.
+
+Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd
+sprach sie: „Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend
+wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der
+Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im
+Erdreich, in dem nur ich gedeihe! —“
+
+„Ist das Euer Trinkspruch, Salome?“ fragte etwas gedehnt der Fürst.
+
+„Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.
+Hochfürstlichen Gnaden und —“
+
+„Und?“
+
+„Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!“
+
+„Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade
+und —“
+
+„Und?“
+
+„Und Liebe!“ flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen
+flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte.
+
+Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden,
+doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet,
+daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch
+Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem
+Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister
+auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei
+sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und
+zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich,
+des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die
+Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall
+gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des
+Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben
+jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung
+bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2]
+Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und
+hatte angeordnet, daß zum „Fasanen-Gang“ dieser Gebrauchsgegenstand
+solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am
+meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde.
+
+Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft
+und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft.
+
+Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles
+herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und
+sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch
+ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes
+legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach
+nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie
+ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von
+einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen
+Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen
+nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den
+überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just
+recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den
+Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt,
+und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin.
+
+Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig
+wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr
+doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele
+zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den
+Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der
+neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung.
+
+Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die
+Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und
+enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: „Der
+kennt alles!“
+
+Und Wilhelm raunte zurück: „Stimmt! Der wird uns in allem über!“
+
+Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und
+dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn
+der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf
+Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. „Meine Salzburger lieben den
+süffigen Wein!“ meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich
+beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte,
+denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen
+Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar.
+
+„Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?“
+
+„Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet
+auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom
+Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus
+Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus
+Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von
+Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und
+Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und
+dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero
+unterthäniger Knecht!“
+
+„Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel
+der schweren und teuren Weine trinken!“
+
+Voreilig sprach Ludwig Alt: „Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn!
+Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so
+viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten
+Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut
+und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern
+lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem
+Weinteufel!“
+
+„Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu
+steuern?“ fragte der Landesherr.
+
+„Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten
+kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!“
+
+„So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß,
+ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu
+publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den
+Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“
+
+„Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!“ sprach
+Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich
+berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht
+auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen
+zusprachen.
+
+„Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt!
+Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die
+Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?“
+
+Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte
+schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren
+Körper, bebenden Tones erwiderte sie: „Wie sollt' ich je in solche Lage
+kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach
+Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will
+ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier
+in dumpfer Kemenate!“
+
+„So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?“
+
+„Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die
+gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne
+heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns
+einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die
+uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren
+von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt
+zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom.“
+
+„Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche
+Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram
+herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die
+feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die
+Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur
+staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon
+einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und
+warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum
+der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten
+Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe
+Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich
+die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen!
+Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!“
+
+Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte
+beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof,
+sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit
+Salome noch gesprochen. „Ich sehe Euch bald wieder!“ flüsterte er dem
+schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen
+geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der
+Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten.
+
+Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in
+formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher
+Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest
+und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den
+Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich
+von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach
+allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und
+Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten.
+
+Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube
+zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen
+Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein
+Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten
+gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst
+fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen
+zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele
+Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar
+ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat
+Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die
+Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.
+
+Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen,
+nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme
+Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren
+einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt,
+den Damen die Leuchte vorauszutragen.
+
+Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten
+Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der
+Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen
+Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der
+Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden
+auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß
+Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe
+Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige
+Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte:
+
+„Die Schlanke ist's! Schnell!“
+
+Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward
+von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen
+herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu
+weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die
+entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre
+Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle
+menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht
+schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen
+von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?
+
+Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus
+seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der
+Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse.
+„Ist 'leicht etwas passiert?“ fragte er.
+
+„Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist
+verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!“
+kreischte verzweifelnd Frau Alt.
+
+Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr
+mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als
+wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen.
+
+„Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister,
+vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die
+Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein
+schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!“
+
+Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie
+mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im
+Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die
+Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und
+verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu
+fassen und rief immer wieder: „Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer
+stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!“
+
+Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen,
+wer immer der Mädchenräuber sein möge.
+
+Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause
+verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch
+nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie
+ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach
+erleuchteten Gassen Salzburgs.
+
+Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter
+Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und
+hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer
+Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten
+Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre
+Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein
+furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten
+Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig
+festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
+höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom
+Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
+zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
+Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.
+
+Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu
+Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen,
+treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im
+ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
+schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung.
+
+Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung
+unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
+Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
+geheimnisvoll gesprochen ward.
+
+Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
+näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines
+Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem
+Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
+selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein
+und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien,
+die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
+vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
+der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte
+kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
+Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
+an. „Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in
+meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?“
+
+Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
+ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
+Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not.
+
+„Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
+einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!“ grollte der Fürst.
+
+„Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
+warten, derweil stirbt mir der Mann!“
+
+In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er
+nach dem Begehr des armen Weibes.
+
+„Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
+der fürstlichen Kuchel....“
+
+„Ist jemand schwer krank bei dir?“
+
+„Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!“
+
+„Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?“
+
+Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am
+üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
+können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in
+später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen
+Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das
+gemeine Volk.
+
+Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
+augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
+verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte
+sich der junge Fürst zum Kämmerer: „Du besorgst, was ich dir befohlen.
+Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen
+nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!“
+
+Der Kämmerer wagte zu sagen: „Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und
+schlecht der Weg hinan zum Berg!“
+
+„Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten
+Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
+Beine!“
+
+Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen
+schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute
+Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte
+des Elends.
+
+Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster
+noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
+nach Luft und Fassung schnappend.
+
+Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf
+Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den
+an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf
+einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
+gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.
+
+Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
+die Arme zum Fürsten empor: „Habt Dank, o Herr, und helft in größter
+Not!“
+
+„Schrecklich!“ flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, „dieweilen man prasset
+am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!“ Auf einen
+Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die
+inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein
+Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht
+ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie
+Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse.
+
+Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile,
+frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
+kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht.
+
+Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
+für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er
+einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
+ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen
+Fürsten.
+
+In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
+seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu
+fragen begann: „Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?“
+
+In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: „Es ging alles nach
+Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst,
+als alles längst vorüber und verschwunden war.“
+
+„Und hier?“
+
+„Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
+bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt.“
+
+„Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?“
+
+„Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!“
+
+„Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die
+Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
+Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
+stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling
+bis nach Kärnten.“
+
+„Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?“
+
+„Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein!
+Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du
+bewachst deren Thür selbst!“
+
+„Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero
+treuer Diener wird wachen und sorgen!“
+
+Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war
+unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
+Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre
+dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
+vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß
+des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]:
+
+ „Thuerhuetter.
+
+ Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
+ auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer
+ lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß
+ personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte
+ officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
+ sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem
+ andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
+ anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
+ stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
+ einander vnderweilen abwexlen.“
+
+Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten
+gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
+Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
+Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige
+Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
+denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu
+unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
+Kämmerlingen gelassen werden dürfe.
+
+Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
+hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
+ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde.
+
+Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
+Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
+das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar
+kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der
+reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
+totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso
+das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam
+zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
+erfolgen könne.
+
+Alt erwiderte barsch: „Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
+dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich
+augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!“
+
+„Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
+gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
+zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
+Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir
+befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!“
+
+„Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte
+noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die
+Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
+kaum mehr werden!“
+
+Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und
+der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen.
+
+Alt rief: „Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt
+keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!“
+
+„Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
+regierenden Fürsten!“
+
+„Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht,
+schlimmer denn wie im welschen Reich!“
+
+Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
+Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
+Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. „In welchem
+Betreff soll ich Euch melden?“ „Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
+schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne
+stark und lang genug sei!“
+
+Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren
+Apartements.
+
+Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
+Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: „Was
+soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!“
+
+„Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein
+außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub — der Handelsherr Wilhelm Alt —“
+
+„Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
+Maße aufgeregt?“
+
+„Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe,
+den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
+ermöglichet“
+
+„Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
+war ja zu erwarten!“
+
+Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich
+erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte
+er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts
+vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.
+
+Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende
+Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich
+nimmer meistern, heiser rief er: „Wo ist meine Tochter?“
+
+Kühl erwiderte Wolf Dietrich: „Wie soll ich das wissen? Was ist
+geschehen, was wollt Ihr von mir?“
+
+Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
+klangen seine Worte: „Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener
+Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!“
+
+„Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem
+Fürsten!“ rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg.
+
+„Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und
+wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
+Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
+Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
+Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr
+verhalten, Euer Eid lastet darauf!“
+
+„Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
+gehört zu Füßen seines Herrn!“
+
+„Helft mir zu meinem Kinde!“ flehte der angstgepeinigte Vater.
+
+„Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!“
+
+„Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
+fordere ich von Euch!“
+
+„Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab,
+das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte
+Worte mehr vernehmen!“
+
+„Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
+um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
+Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
+den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß
+gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!“
+
+„Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?“
+
+Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: „Ihr wißt um Salome!
+Es kann kein Zweifel sein!“
+
+„Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die
+erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
+Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner
+Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des
+längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
+Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen
+Sippen!“
+
+„Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
+seiner Priester!“
+
+„Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!“
+
+„Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
+trüben mir den Sinn!“
+
+„Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!“
+
+„Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu
+meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt
+wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der
+Wirkung!“
+
+„Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
+Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
+in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu
+erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
+unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
+keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!“
+
+„Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
+rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!“
+
+Wolf Dietrich flüsterte: „Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das
+Bürgerpack!“
+
+„Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
+Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
+zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!“
+
+„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
+Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
+aufgeblasenen Bürgerstolz?!“
+
+„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“
+
+„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
+drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen
+ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
+Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
+Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
+gesehen!“
+
+„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte
+im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich
+irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre!
+Fluch!“
+
+Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
+Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des
+Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum
+Nächtigen dienten.
+
+In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf
+Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich
+erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit
+der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten
+anzunehmen.
+
+Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen
+Willen!“
+
+Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
+Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin
+Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
+Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach:
+„Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“
+
+Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
+Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
+mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse
+wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“
+
+Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen
+Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des
+Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet
+mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
+erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure
+Gunst!“
+
+„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
+Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
+verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“
+
+„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
+verdammet!“
+
+„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
+gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
+schwergekränkten Vater!“
+
+„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie
+sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
+auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
+Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
+zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
+so er Euren Sinn verletzt!“
+
+„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und
+Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“
+
+„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich
+verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei:
+offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche
+Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
+Worten!“
+
+„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin
+bereit zu hören!“
+
+„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
+gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der
+Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
+Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
+wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir!
+Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß
+südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
+Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
+für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
+dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt,
+die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
+kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das
+schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr
+sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und
+Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
+beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt
+Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
+halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir
+schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
+soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes!
+Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht
+und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
+Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens:
+Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“
+
+Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome
+in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
+den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
+schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein
+Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
+strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann
+nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
+schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“
+
+„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort,
+hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite,
+seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein
+stiftisch Land!“
+
+Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine
+Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin,
+ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk,
+reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg
+groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu
+handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“
+
+„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“
+rief erregt der feurige Fürst.
+
+„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“
+
+„Wie?“
+
+„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der
+Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“
+
+„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
+Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“
+
+„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben
+Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
+verbotene Ehe?“
+
+„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech'
+das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
+ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“
+
+„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome.
+
+„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt
+Salome zu mir zurück!“
+
+Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
+zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
+Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
+ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“
+
+„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
+Wiederkehr der — Fürstin!“
+
+Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
+Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie
+auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der
+Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
+geraubte Mädchen völlig frei zu sehen.
+
+Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
+in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu
+Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei.
+
+Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
+Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da
+Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
+Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“
+
+„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“
+
+Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der
+verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
+hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
+Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.
+
+Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids
+geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
+Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“
+
+„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“
+
+„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“
+
+„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
+schlimmen That!“
+
+„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
+die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er
+soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“
+
+Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.
+
+„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder
+unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden
+meiner Tochter sonst so heller Verstand?“
+
+Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt
+forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte.
+
+„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein
+Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
+verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der
+ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
+Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
+furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
+meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir
+gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend
+giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn
+dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
+bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
+Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich
+lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“
+
+Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
+Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen.
+
+„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
+der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher
+Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
+ihm und dir! Mein Fluch —“
+
+„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
+erscheinen lassen könnte!“
+
+„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
+Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters
+Haft und Gewalt?“
+
+„Ja, aber —“
+
+„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist
+eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste
+Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach,
+ich will meine Rache haben und mein —“
+
+„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt,
+makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt
+gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“
+
+„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt
+eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
+hat er sonst gesprochen?“
+
+„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
+mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
+zurückzuweisen —“
+
+„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“
+
+Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt'
+die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur
+Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“
+
+Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones
+rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert
+sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens
+Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das
+Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug
+davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
+wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
+zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
+dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
+aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
+Niemals!“
+
+Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb
+Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
+Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt
+das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte
+Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
+geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
+ich zu gehen habe!“
+
+Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie
+nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die
+Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
+sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
+Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung
+fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des
+Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
+Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört
+seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor
+Schmerzen.
+
+Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee
+herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
+Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er
+schien Salome meiden zu wollen.
+
+Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht
+zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber
+wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“
+den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag
+abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der
+Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
+Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
+beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten
+Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn
+gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden?
+
+Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
+der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
+Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
+Bist du hier?“
+
+„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“
+
+„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
+Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
+dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem
+Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome!
+Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei
+gelobt, daß wir dich wieder haben!“
+
+Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und
+geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
+Sitzplätze dienten.
+
+„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“
+
+Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick
+und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.
+
+„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus.
+
+„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“
+
+„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so
+huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für
+unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“
+
+„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen
+Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
+von Schande!“
+
+„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf!
+Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder
+sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
+da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine
+Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr
+und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
+mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
+Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
+ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes!
+Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom
+könnten in Beziehung kommen!“
+
+„Was kümmert mich der Papst!“
+
+„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
+und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“
+
+„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen.
+
+„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst?
+Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
+sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“
+
+„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so
+unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“
+
+Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste
+gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und
+drang auf eine völlige, genaue Beichte.
+
+Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
+auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
+erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen
+und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu
+erheben.
+
+„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme.
+
+„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“
+
+„Das faß' ich nicht!“
+
+„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist
+empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden
+an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort
+sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“
+
+„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es
+genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
+ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
+verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig
+genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
+eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
+gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
+dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun,
+mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs
+Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
+dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“
+
+„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
+Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“
+
+„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“
+
+„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er
+einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
+ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten
+Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“
+
+„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
+treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
+ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß
+du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
+verbanden?!“
+
+„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch
+fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“
+
+„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner
+Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das
+klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese
+Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
+meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher!
+Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes
+Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“
+
+„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich
+vor dem gestrengen Vater!“
+
+Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
+reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
+beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker
+auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse.
+
+Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er
+den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde.
+Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das
+eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen.
+
+Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
+Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
+des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
+Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
+wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die
+Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
+möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief
+beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
+und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von
+der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
+der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der
+Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
+eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.
+
+Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
+Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung
+in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder
+verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
+Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und
+Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den
+nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
+zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den
+Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
+sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied
+zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
+Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle
+Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne.
+
+Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
+Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
+später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
+einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine
+Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
+Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
+Weibergeschwätz kalt gelassen hat.
+
+Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
+Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den
+des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die
+Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner
+Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr
+Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein
+auswärtiges Kloster thun möge.
+
+In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge,
+weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die
+Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der
+Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein
+Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
+eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung
+des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
+auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn
+Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.
+
+Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete
+lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine
+Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit
+dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
+dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
+fürstliche Palais zu verbringen sei.
+
+Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
+kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach
+Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde.
+Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
+diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und
+heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
+über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu
+sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause
+der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung.
+
+Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin
+schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
+Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
+kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
+was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg
+sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
+Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme
+zu Hof, ich komme zu Hof!“
+
+Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der
+Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst
+hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
+bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst
+getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
+überglückliche Frau nicht sehen.
+
+In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
+Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und
+galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend
+vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ.
+
+Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge
+Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir
+neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende
+Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
+fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
+ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
+hartköpfigen Pfefferkrämers?“
+
+Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
+etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer
+Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
+handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“
+
+„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
+Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des
+Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“
+
+Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer
+Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
+auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung.
+
+„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich
+und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
+gestützt hatte.
+
+„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“
+
+„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des
+Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für
+gewöhnlich konfiterieret!“
+
+„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur
+demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich
+glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
+hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas
+erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero
+unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“
+
+„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“
+
+„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
+aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran
+teilhaben, bloß ich allein!“
+
+Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann
+sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch
+und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige
+Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“
+
+„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
+ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
+Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher
+selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
+Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere
+schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im
+stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für
+Lebenszeit!“
+
+„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und
+Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“
+
+„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr
+bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
+in fürstlichem Gewande!“
+
+„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt.
+
+„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen
+Rabenvater Mores zu lehren!“
+
+„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome
+aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“
+
+„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis
+besser wird und trocken der Weg.“
+
+„Und wohin?“
+
+„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
+Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten
+und hinab ins Welschland!“
+
+„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“
+
+„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
+Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit
+wohl auf Erden geben!“
+
+„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“
+sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu.
+auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und
+nebstbei bin auch ich geehrt,
+
+[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
+ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]
+
+„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte
+Fürstin ist!“
+
+„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“
+
+Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs
+Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
+was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere
+Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein
+Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame
+und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.
+
+Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
+sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die
+Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß
+Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das
+Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte.
+
+„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte
+Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in
+den Füßen endlich das Heim erreichte.
+
+Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
+Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte
+mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den
+Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
+beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
+wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
+war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
+Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
+von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens
+nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf
+die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz
+empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
+verbreitet sei.
+
+Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte
+sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt
+gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters.
+
+Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste,
+daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte.
+Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch
+morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
+ich's erfahren!“
+
+„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
+eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein
+ganzes Leben!“
+
+„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“
+
+Geräuschlos entfernte sich die Magd.
+
+Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
+um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
+Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
+Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
+Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit,
+die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome
+empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung
+beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
+Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens
+inniger, hingebender Dank dargebracht werden.
+
+In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend
+Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei,
+mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
+bestellen.
+
+Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
+Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
+Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
+strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen
+wissen.
+
+Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte
+Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
+fortschaffen zu können.
+
+Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das
+Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
+und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
+Leibe trage.
+
+„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara.
+
+Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst
+wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“
+
+Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
+Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
+hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses
+selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
+nach rückwärts giebt es keinen Ausweg.
+
+Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
+dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
+lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten.
+
+Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die
+arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
+mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung,
+wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten.
+
+Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
+schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus
+Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht
+verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.
+
+Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
+Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
+geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und
+verschwanden um die erste Ecke.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden
+Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als
+sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
+Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen
+Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
+bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im
+Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.
+
+Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des
+gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des
+Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste
+thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
+Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
+von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten
+zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen.
+
+Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
+balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens
+gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
+urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen
+Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an
+fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in
+einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ
+zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen
+Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal.
+Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
+Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
+Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's
+mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen
+Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der
+Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
+eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
+Gestalt Salomes ansichtig ward.
+
+Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte
+Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand
+strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
+brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde.
+Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
+Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb,
+die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende
+Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein
+rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.
+
+Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der
+Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
+rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der
+Ursache der Verstörtheit fragend.
+
+Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
+wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe.
+
+Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ
+sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
+bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
+Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
+und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“
+
+„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich
+verschreckte!“
+
+„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“
+
+„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten
+Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst
+nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“
+
+„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte
+der galante Fürst.
+
+„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur,
+die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der
+fördernden Hand —“
+
+„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer
+Schlichtheit!“
+
+„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“
+
+Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
+„Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“
+
+Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens.
+
+„Was ist dir nur, Geliebte?“
+
+„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
+Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“
+
+„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
+meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
+meines Daseins oberstes Gesetz!“
+
+„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
+eine Edelrose wird es niemals werden!“
+
+„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
+meiner Seite einer Fürstin gleich —“
+
+„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
+Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
+ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“
+
+„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich
+will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als
+Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
+Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
+aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch
+meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten
+Paar von Euren Unterthanen!“
+
+Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur
+Antwort leicht geöffneten Lippen.
+
+Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
+schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen
+Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen
+Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
+Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges.
+
+„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete
+Salome in die Burg.
+
+Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
+das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
+Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
+von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab.
+
+Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen
+Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
+Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an
+priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
+Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
+in allen Dingen zu sein.
+
+Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
+die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut
+durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte
+Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen
+Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
+noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
+Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
+fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles
+andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.
+
+Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
+Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war,
+wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
+der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend
+scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei
+und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘
+begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“
+
+Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer
+keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
+höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
+sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
+kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis!
+Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß
+Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten
+Erzbischof!“
+
+Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit
+dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet
+sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
+Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
+aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin
+kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
+„Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem
+schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu
+entfernen.
+
+Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an
+Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.
+
+Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte
+das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“
+
+„Euer erzbischöfliche Gnaden....“
+
+„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“
+
+„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung
+zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
+blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im
+kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“
+
+„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
+Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“
+
+„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
+wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“
+
+„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon
+geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis
+höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche
+Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“
+
+„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren,
+wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
+Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
+wurde.“
+
+„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“
+
+„In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
+gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer
+davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
+Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb
+Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
+so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch
+einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
+Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
+Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum
+infamia, conjugatus est....“
+
+„Wer ist das?“
+
+„Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und
+verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen
+Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt
+gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib,
+hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
+unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
+Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
+Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand!
+Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige
+Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
+der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
+scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die
+Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
+können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
+schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich
+lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
+soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke,
+zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum
+Himmel schreien!“
+
+Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte
+innezuhalten und Atem zu schöpfen.
+
+Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
+des Asketen: „Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
+Den Mann will ich sprechen!“
+
+„So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren
+ein Exemplum?!“
+
+„Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag,
+das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!“
+
+„Das Paar?“ fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.
+
+„Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
+Meinung fassen über Mann und Weib!“
+
+„Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
+Sprengels?“
+
+„Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind
+sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
+wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese
+Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
+nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
+Euch hiezu als Gast!“
+
+„Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
+und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!“
+
+Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam
+unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
+des Fürsterzbischofes.
+
+Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
+Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
+in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: „Conjugatus
+est!“
+
+Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche
+Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf
+Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg
+Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige
+der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
+zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
+hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
+und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
+Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde.
+
+Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der
+Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
+der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief
+verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.
+
+Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
+über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete,
+fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und
+Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen
+und der Mund weit offen stand.
+
+Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert
+und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der
+Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
+rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch
+die Schwester des Erzbischofes sei.
+
+Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
+abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er
+geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
+den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
+gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“
+
+„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten
+Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen.
+
+Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin
+Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“
+
+Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte,
+doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.
+
+Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est
+archiepiscopus?“
+
+Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
+des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.
+
+Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
+Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die
+Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
+Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein,
+Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn
+setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen
+Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
+nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für
+alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
+zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges
+Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund?
+Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach
+des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
+geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der
+höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum,
+vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
+Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
+mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
+mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“
+
+Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
+Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
+geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
+Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.
+
+„Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!“ rief gellend der fanatische
+Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
+führten.
+
+Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
+ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
+konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine
+Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung.
+
+Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
+Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
+ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
+Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der
+Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
+Körper erbeben machte und nach Rache lechzte.
+
+Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
+hieß barsch, jedermann abzuweisen.
+
+„Es ist Domkapitular Graf Lamberg!“ wagte der Kämmerer schüchtern
+einzuwenden.
+
+„Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ'
+ihn sogleich zu mir!“ Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die
+Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
+gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
+aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
+Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz.
+
+„Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!“ rief Wolf Dietrich und
+schritt dem Kapitular entgegen.
+
+„Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme
+in dringlicher Angelegenheit!“
+
+„Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg
+kommt mir sehr gelegen!“
+
+Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen
+ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen,
+besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
+Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen
+ließ.
+
+Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: „Lamberg, du kommst wie
+gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
+schreite über einen Vermessenen!“
+
+Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
+flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen.
+
+Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
+umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler
+Gewitternacht.
+
+„Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
+gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!“
+
+Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick
+herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
+Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit
+beruhigen wollte, und erwiderte: „Hochfürstliche Gnaden wollen in dem
+tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
+Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
+hochwürdigsten Erzbischofs!“
+
+„Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
+Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
+weisen?!“
+
+„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
+Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
+Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß
+in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten
+Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde
+erblickt im Wandel seines Bischofs.“
+
+„Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?“ rief vorwurfsvoll
+der Fürst.
+
+„Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und
+Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
+Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der
+Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
+nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
+Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein.“
+
+„So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
+lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!“
+
+„Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
+fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
+Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
+juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
+Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
+vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
+kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten,
+dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen
+Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten
+Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde,
+für Verbrechen wider die Kirche hält!“
+
+„Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
+meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!“
+
+„Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts
+von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann
+meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
+Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen....“
+
+„Und den Erzbischof?“
+
+„Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen,
+so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
+einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!“
+
+„So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?“
+
+„Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur,
+jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig
+wirken beim Ausmaß der Strafe!“
+
+Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
+durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: „Ja, so spricht
+ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
+lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
+wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert.“
+
+„So ist es unerschütterlicher Wille?“
+
+„Ja! Und — Dir will ich's anvertrauen — erst heute wieder bat meines
+Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!“
+
+„Nunquam!“
+
+„Wie?“
+
+„Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
+zu thun!“
+
+„Perchè?“
+
+„Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?“
+
+„Ich bitte dich darum, mein Freund!“
+
+„Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
+Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
+eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!“
+
+Stolz erwiderte Wolf Dietrich: „Ich bin der Fürst und Herr des Landes!
+Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
+Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio,
+ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
+Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die
+größte, kann gestatten?“
+
+„Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg
+man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
+Verzichtet auf das ehlich Band!“
+
+„Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
+ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in
+weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
+gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
+Papst — sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
+verstattet ist —?“
+
+„Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären
+nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
+Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie
+beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
+unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
+kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
+gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
+Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des
+Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr,
+obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider
+päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den
+Verdacht des Luthertumes bringet?!“
+
+„Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?“
+
+„Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
+Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
+unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
+eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten,
+achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt
+an Bayern, Kaiser und Papst!“
+
+Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
+vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
+der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: „Was kümmert
+mich der Bayer, was der Kaiser!“
+
+„Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
+ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
+Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über
+des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten
+können!“
+
+„Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!“
+
+„Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach
+als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es,
+zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!“
+
+„Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
+sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?“
+
+„Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
+Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!“
+
+„Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!“
+
+„Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!“
+
+„Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und
+manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
+büßen für die Wonne des profanen Lebens!“
+
+„Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug
+wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! — Doch wenn Hochfürstliche
+Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich
+veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!“
+
+„Was soll es sein?“
+
+„Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich,
+die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs
+Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!“
+
+„Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!“
+
+„Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
+Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen
+lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
+helfen.“
+
+„Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt
+sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
+zahlen soll, schreit immer! — Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
+dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
+Abendbrot sehen wir uns wieder.“ Launig fügte Wolf Dietrich bei: „Graf
+Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
+Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner — Fürstin?“
+
+„Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane
+Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die
+Honneur bezeigen zu dürfen!“
+
+„Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
+Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
+verständigen!“
+
+Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
+holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
+Burg anzuweisen.
+
+Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
+Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar,
+die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich,
+hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
+Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte
+und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
+der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem
+Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen
+Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
+Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem
+Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
+hochwürdigsten Erzbischof.
+
+Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
+Geistlichen gemahnende Gestalt. „Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur
+Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?“
+
+Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
+herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen.
+
+„Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
+unten im Dorf gereicht!“ rief grob der Vogt.
+
+„Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
+mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!“
+
+„Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
+hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
+mache Euch Beine!“
+
+Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
+gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem
+Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
+gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
+insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen
+Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf
+das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: „Vogt!
+Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube;
+der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!“
+
+Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und
+erwiderte unterwürfig: „Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat,
+sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug
+darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!“
+
+Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
+die Frage: „Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?“
+
+Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: „I freilich,
+schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
+Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
+Erzbischof von uns will?“
+
+„Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
+vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
+erquicken!“
+
+„I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
+lohnen dereinst an Euren Kindern!“
+
+„Pst, pst!“ mahnte der Kurat.
+
+„I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
+Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
+schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
+Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd'
+und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
+und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!“
+
+Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
+Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
+Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken.
+
+Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
+murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: „Gott vergelt'
+Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und
+Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
+und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!“
+
+„Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!“ lispelte die Greisin und
+nippte dann vom goldigklaren Wein.
+
+„Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr
+nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!“ sprach Salome,
+der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
+zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
+in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
+Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome,
+dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen
+Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig
+machen.
+
+„O,“ meinte die Greisin, „fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
+Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
+Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
+gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
+das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!“
+
+„Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!“ lächelte Salome.
+
+Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
+um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
+einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
+Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: „Ei, Salome und in
+Gesellschaft?“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom
+beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh'
+vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
+Stube wir geraten!“
+
+„Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so
+wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!“
+
+Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
+bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
+sogleich verschwand.
+
+Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den
+ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: „Wie lang seid Ihr
+schon Priester?“
+
+„Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit
+zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
+ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der
+Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr.“
+
+„Vierzig Jahre in der Einöd'!“ sprach mit besonderer Betonung Wolf
+Dietrich und nickte Salome zu.
+
+Voreilig meinte die Greisin: „In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
+die Jährlein wie der Bergbach geschwind!“
+
+Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: „Verzeihet, Hochwürdigste
+Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
+nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!“
+
+„Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von
+Cölibat und päpstlicher Verordnung?“
+
+Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig,
+zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß
+damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen
+Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß
+genommen habe an der Priesterehe.
+
+„Beklagenswerte Zustände im Landklerus!“ sprach Kapitular Graf Lamberg.
+
+Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich
+regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome
+bewegen mochte.
+
+Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen:
+„Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem
+Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
+in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit
+hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von
+Priesters Hand!“ Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
+plapperte eilig: „I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich
+lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
+Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der
+schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was
+hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund,
+ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
+und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
+und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein
+harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
+heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der
+jeglicher Pflege bedarf, — kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen
+mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib
+nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
+gegeben vor dem heiligen Altar?“
+
+Wolf Dietrich nahm das Wort: „Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein
+Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
+ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört
+zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
+und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!“
+
+Angstvoll rief Salome: „Gnädiger Herr!“
+
+Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte:
+„Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben
+greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich
+gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet!
+Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten
+Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!“
+
+Graf Lamberg wollte mahnen: „Exempla trahunt!“
+
+Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: „Das mag im allgemeinen gelten,
+und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
+mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der
+Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in
+seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
+ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
+mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
+lassen Euch in Ruhe!“
+
+Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in
+innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf
+die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte.
+
+Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: „Hab' ich's nach
+Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum
+Küchenmeister!“
+
+„O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!“ lispelte erglühend Salome
+und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube.
+
+Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
+Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
+leisten. „Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
+Salzburgs Stift und Dom?“
+
+„So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
+sagen, zu schweigen und zu gehorchen!“
+
+„Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im
+Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch
+möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab'
+gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von
+meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
+mein Freund?“
+
+„Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!“
+
+„Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern.
+Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?“
+
+„Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb'
+und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger
+dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger
+so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
+Ordnung werden im Erzstift!“
+
+„Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher
+Einsicht!“
+
+„Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden
+ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
+gegen....“
+
+„Du meinst Salome!“ sprach hastig Wolf Dietrich. „Du bist klug und weit
+reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit
+stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger
+Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
+verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
+Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
+einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!“
+
+„Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
+paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen
+Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!“
+
+Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ
+sich völlig tiefem Sinnen.
+
+Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
+schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
+genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der
+schönen Salome.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da
+der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die
+bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im
+Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese
+steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu
+begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen
+finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton
+dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die
+Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst
+den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal
+bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung
+gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen
+überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur
+veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu
+beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten
+die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften
+Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den „Saufteufel“. Es
+konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen
+nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die
+Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein
+hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat
+faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur
+Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen
+wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst
+gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig
+erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im
+eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung
+jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die
+Hofkammer abgeliefert werden.
+
+Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die
+Weinsteuer „für ewige Zeiten“ Geltung haben solle, brachte das Blut auch
+der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur
+Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel
+treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.
+
+Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den
+Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ.
+
+Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren
+verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute
+der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände
+gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.
+
+So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und
+Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den
+Beschwerdeweg beschritten.
+
+Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als
+durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte
+Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu
+verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte.
+
+Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und
+Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu
+treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch
+berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu
+gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die
+Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich
+stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch
+einige Erholung zu gönnen.
+
+Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines
+raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr
+losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog.
+
+Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich
+vorgelassen.
+
+Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in
+Händen und rief dem Freunde zu: „Komm nur schnell heran, setze dich zu
+mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe
+ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie
+wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in
+einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn
+aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!“
+
+Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: „Auf welche
+Privilegien beruft man sich?“
+
+„Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!“
+
+„Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den
+früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst
+eingebüßt haben.“
+
+„Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im
+Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von
+den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten
+gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen
+eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!“
+
+Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.
+
+„Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs
+nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer
+sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist
+der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist
+perpetuell, — so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die
+Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen.“
+
+„Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!“
+
+Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: „So
+werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat
+der Mauten und Zölle!“
+
+Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er
+eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: „Du
+hast Bedenken? Sprich, Lamberg!“
+
+„Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte
+Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise.“
+
+„Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!
+Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!“
+
+Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: „Die Zeit ist schlimm, die
+Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender
+Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und
+weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen
+Fürsten....“
+
+„Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!“
+
+„Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst!
+Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten!
+Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen
+wollen und zum Wanken bringen?!“
+
+„So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die
+Rebellen in den Sand!“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom
+Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als
+treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in
+bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen.“
+
+„Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet,
+ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir
+brauchen Geld!“
+
+„Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein
+partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst
+empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch
+gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern.“
+
+„Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der
+Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes
+Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil
+nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher
+Hinsicht von Segen begleitet finden.“
+
+„Wie meinst du das, Freund Lamberg?“
+
+„Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß
+gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und
+Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages
+durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und
+unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält
+vor — Auswanderung!“
+
+Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im
+Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und
+gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: „Niemals
+ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu
+zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!“
+
+„Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und
+Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der
+Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion
+zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert.“
+
+„Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!“ warf Wolf Dietrich
+ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: „Traurig genug, daß der
+regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach
+meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!“
+
+„Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege
+einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu
+einer Auflösung raten!“
+
+„Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung
+können sie warten bis — in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!“
+
+Überrascht fragte Lamberg: „Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere
+Bauten?“
+
+„Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich
+später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim
+schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch
+noch einzufordern —!“
+
+„Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?“ fragte
+Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau
+kannte.
+
+„Sprich, Freund!“
+
+„Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in
+Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei
+bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von
+Küenburg noch nicht bezahlt ist....“
+
+„Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst
+muß darben! — Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf
+berechtigten Weihsteuer?“
+
+„Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück
+Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses
+allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen,
+an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande,
+neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer
+müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und
+Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber
+erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen
+allenthalben!“
+
+Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für
+das ehrlich offene Wort. „Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!
+Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich
+begrüßen zu können!“
+
+Ausweichend erwiderte Lamberg: „Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten,
+möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,
+um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!“
+
+„Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und
+haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.
+Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg
+meiner Salome Gesellschaft leisten!“ Dies sprechend gab der Fürst ein
+Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der
+Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. „Auf Wiedersehen, Graf, bei
+Tisch!“
+
+Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das
+fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der
+Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern
+als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf
+Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche
+vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten
+aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre
+machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete
+dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom
+Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen
+Originals zu sein schien.
+
+Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst
+vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei.
+
+Lamberg erwiderte kühl: „Ich kenne das Original zu Rom!“
+
+„Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines
+Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!“ meinte der Kämmerling.
+
+„Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen
+Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!“ sprach
+abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös
+ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der
+Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab.
+
+Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt
+hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen
+Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer
+Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in
+Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den
+herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der
+Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn
+auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die
+Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf
+gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird
+sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch
+keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne
+Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu
+erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen
+guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich
+Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine
+wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des
+Freundes.
+
+In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und
+schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin
+bereit sei, den Grafen zu empfangen.
+
+Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten
+Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das
+mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome
+auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt
+saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres
+blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in
+diesem Augenblick wirklich entschuldigen.
+
+Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick
+gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: „Willkommen, Graf, in meinem
+Reich!“ und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz
+zu nehmen.
+
+Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und
+erwiderte: „Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen
+und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste
+Aufwartung zu machen!“
+
+Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie:
+„So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl
+des gnädigen Fürsten?!“
+
+„Gewiß!“ klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: „Wie
+sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges
+ohne Befehl gelangen!“
+
+„Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig
+sein!“
+
+Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: „Ich kann nur heißen Dank
+für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als
+guten gnädigen Frau!“
+
+„Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf
+dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter
+sothanem Mangel der Legitimität!“
+
+„Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero
+unterthänigsten Diener!“
+
+„Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes
+Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!“
+
+„Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige
+Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu
+beeinflussen?!“
+
+„Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur
+will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?“
+
+Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome,
+senkte dann wieder die Lider und sprach leise: „Was könnt' meine
+Freundschaft Euch auch nützen?!“
+
+„Mein Ohr vernimmt das ‚Nein‘, so warm auch klingt der Ton der leise
+abwehrenden Rede!“
+
+„Nicht doch, gnädige Gebieterin!“
+
+Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: „Ihr wollet nicht, ich
+ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des
+legitimen Bundes!“
+
+Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das
+Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: „Streng und scharf
+umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen
+müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist
+jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch
+verhängnisvollem Schritt!“
+
+Höhnisch klangen der Favoritin Worte: „Die Strafe Roms! Wie straft Rom
+wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?“
+
+Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: „Ihr wißt davon?!“
+
+„Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des
+verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes
+Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal
+gelten müssen?“
+
+„Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und
+Rom ist nicht Salzburg!“
+
+„Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann
+beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das
+pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?“
+
+„Das wißt Ihr auch?“ stammelte in maßloser Überraschung über solche
+intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg.
+
+„Nimmt Euch das Wunder?“
+
+„Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!“
+
+„Was soll unmöglich sein?“
+
+„Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst
+gegeben!“
+
+„Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die
+vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat
+eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir! — Ihr
+möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen
+Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes
+Gewebe....“
+
+„So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich
+wahrlich nicht!“
+
+„Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr
+fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr
+nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu
+wehren wissen!“
+
+„Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn
+und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern
+bis zu meinem dereinstigen Ende!“
+
+„Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones
+Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!“
+
+Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: „In diesen
+Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe
+schaffen!“
+
+Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige
+Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende
+Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret
+zurück.
+
+Leise sprach Salome: „Wie will Graf Lamberg es nun halten?“ und erhob
+sich von dem Sitze.
+
+Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: „Die gnädige Gebieterin wolle
+verfügen über mich!“
+
+„Gut denn, kommt des öfteren als Freund!“
+
+Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte
+noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete
+die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in
+welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits
+harrten.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes,
+ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in
+welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den
+faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten,
+daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.
+
+Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick,
+doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher
+infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem
+Faktor zurief: „Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!“
+
+In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen,
+ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt,
+um rasch wieder zu verschwinden.
+
+Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß.
+
+„Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch
+nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen
+mag! Willkommen, Puchner!“
+
+„Gott zum Gruß, Freund Alt!“
+
+„Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf,
+zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich
+kann's nicht länger leugnen!“
+
+Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: „Sag' doch dergleichen nicht!
+Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem
+Sturm!“
+
+„Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die
+Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart
+oder hast ein Geschäft im Aug'?“
+
+„Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder
+liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch
+noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und
+fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist
+nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!“
+
+„Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf
+die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!“
+
+„Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?“
+
+Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen:
+„Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die
+Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben,
+Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!“
+
+„Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!“
+
+„Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage,
+ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf
+würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!“
+
+Puchner seufzte und schwieg.
+
+„Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als
+Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug! — Was ist in der Landschaft
+wohl des Neuen verhandelt worden?“
+
+„Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die
+Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie
+sollen gleich dem Bürgersmann.“
+
+„Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies
+Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!“
+
+„Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!“
+
+„Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!“
+
+„Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht
+übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen. — Die Landschaft hat
+zugestimmt.“
+
+„Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte
+gelten ‚für ewige Zeiten‘? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die
+Schlinge um den Hals nicht gefühlt?“
+
+„Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an
+Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei,
+so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen.“
+
+„Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!“
+
+„Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von
+Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!“
+
+„Trau einer diesem list'gen Fuchs!“
+
+„An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns
+wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß
+der Handelssteuer um ein Dritteil.“
+
+„Und das habt Ihr frischweg geglaubt?“
+
+„Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich.“
+
+„O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!“
+
+„So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen
+Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er
+wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich
+glaub' es selber!“
+
+„Puchner, mir bangt um dich!“
+
+„Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die
+bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes
+will und Edelmann ist jeder Zoll.“
+
+„So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das
+Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen.“
+
+„Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den
+Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die
+Hast in den Mandaten.“
+
+„Wie meint Freund Puchner?“
+
+„Der Fürst ist schlecht bei Cassa!“
+
+„Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen
+wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der
+Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft
+findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim
+Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler
+ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei
+den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der
+Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes
+Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!“
+
+„Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht
+Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen.
+Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!“
+
+„Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!“
+
+„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu
+streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich
+wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt....“
+
+„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner,
+und komm' bald wieder!“
+
+Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte;
+Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem
+Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden
+Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand
+jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der
+Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen
+über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung,
+über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches
+Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf
+Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe.
+Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter
+beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der
+höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit
+Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren,
+daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden
+Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre
+bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen
+einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in
+weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die
+wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es
+ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
+Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur
+der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
+Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
+Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
+Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die
+Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu
+finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert
+werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
+mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
+zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche
+Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein.
+Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
+Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem
+Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein
+stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
+Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner
+und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
+Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.
+
+Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
+schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
+Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen
+und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.
+
+Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
+Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg
+über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
+Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her
+wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum
+Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
+Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die
+gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der
+Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die
+Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen
+durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im
+letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den
+vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
+Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
+Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
+Nebelschleier stark verdichtet.
+
+Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
+die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
+Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der
+Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
+Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden
+Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der
+Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit
+totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe.
+Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
+diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
+Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
+einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu
+erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und
+schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte,
+erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
+noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der
+Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.
+
+Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
+den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu
+überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.
+
+Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten,
+behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt
+werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
+reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem
+Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick
+der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere
+Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die
+nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist
+unvollendet geblieben.
+
+Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht
+verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen,
+milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.
+
+Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein
+gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige
+Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“
+
+Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
+Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“
+
+Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten
+Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.
+
+„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
+danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte
+Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt
+mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz,
+geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
+bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe
+Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“
+
+„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern
+gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
+betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
+Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen
+und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
+Weibes!“
+
+„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz
+mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich
+nicht klären —“
+
+„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“
+
+„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
+Weg bis zur schweren Stunde!“
+
+Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
+flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief
+durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih',
+Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
+wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem
+Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
+nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
+Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“
+
+Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.
+
+„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich
+geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
+vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und
+stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“
+
+Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.
+
+„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste
+mit dem roten Hut —“
+
+„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin.
+
+Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
+doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich
+stelle gegen meine Promotion.“
+
+„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“
+
+„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich
+dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
+wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier
+fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser
+Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
+davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei
+gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu
+gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines
+Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
+Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
+mir, bist Gattin mir und —“
+
+„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
+sich nicht wird zu erfreuen haben!“
+
+„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit
+Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
+so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“
+
+Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige
+Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
+ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
+verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
+zurückblieb.
+
+Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
+war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte,
+Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den
+Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
+möchten.
+
+Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus
+nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das
+bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
+Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers
+Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“
+
+Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für
+deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.
+
+So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät
+abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
+Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“
+
+Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre
+Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
+fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten
+Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so
+namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie
+immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.
+
+Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
+von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
+Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
+den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter
+Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch
+hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr
+versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller
+Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden
+wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum
+Klagen brachten.
+
+Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
+Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste
+Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
+Landsknechtbrauch.
+
+Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen
+erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in
+Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
+schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
+geschlagen hatte.
+
+An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
+von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von
+fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
+Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
+war.
+
+Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten
+Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
+Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich
+geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem
+Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
+liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
+solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen
+Fürsten!“
+
+Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.
+
+Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort
+verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe
+seine Hand auf!“
+
+Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände
+auf.
+
+Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
+Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
+Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
+gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf
+bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.
+
+Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne,
+brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von
+der Stirne lief, kein Wort hervor.
+
+Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
+ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
+Schluß um Gnade.
+
+Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
+dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
+laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere
+Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das
+Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche
+Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
+Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
+jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein
+wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen
+zusteht.“
+
+In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den
+beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger
+weißbekrustete.
+
+„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief
+der Feldwebel.
+
+Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein
+sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
+Knechte zur Beratung beizugeben.
+
+„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und
+bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
+Besprechung untereinander pflogen.
+
+Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals
+einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.
+
+Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten.
+Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
+geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann,
+der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
+„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die
+Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte
+Hand!“
+
+Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen
+Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder
+zu einigem Ansehen zu gelangen.
+
+Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist
+schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
+Fähnrich nach Brauch!“
+
+Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die
+Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die
+Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.
+
+Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
+und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach
+innen gefällter Fahne verschlossen.
+
+Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
+Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
+gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein
+eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
+der den sicheren Tod bringen muß.
+
+„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den
+Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
+des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
+und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den
+Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.
+
+Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und
+fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“
+
+Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße,
+ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der
+Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot
+aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein
+Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
+Leben entflohen ist.
+
+„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.
+
+Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen.
+Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von
+tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.
+
+Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
+Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen
+abschossen.
+
+Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die
+Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen,
+es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die
+Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe.
+Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus
+eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,
+sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus
+der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So
+mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe
+anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung
+ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite
+debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse
+Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der
+Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die
+eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit
+leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels
+durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den
+Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn
+völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen
+scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren,
+auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr
+aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen
+Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der
+Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja
+und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr
+bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der
+Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn
+müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft
+werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine
+neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.
+
+Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“
+zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste
+Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle
+der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das
+aus eigenem Säckel bestreiten.
+
+Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte
+und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der
+praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt
+überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf
+Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen
+Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst
+möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus
+unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im
+Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene
+Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich
+hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige
+Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen
+war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch
+auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden
+einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus
+Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei
+seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen,
+sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg
+sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister
+eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich
+schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den
+Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.
+
+Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die
+Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien
+schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und
+vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der
+Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die
+vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus
+der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde
+sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen
+können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der
+Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem
+Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,
+daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“
+
+Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche
+Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal
+geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt
+sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in
+passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer
+Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er
+kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden
+Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie
+hätt' es nicht geglaubt....“
+
+„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte.
+
+„Ich hätt's nicht geglaubt!“
+
+„Was?“
+
+„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's
+eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“
+
+Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.
+
+„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede!
+Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“
+stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.
+
+„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,
+deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten
+Herrn!“
+
+„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den
+schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und
+derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen
+die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank
+dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und
+Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“
+
+„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,
+daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“
+
+„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die
+Gab' der Rede nicht beschieden!“
+
+Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte
+sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.
+
+Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen
+einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer
+erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.
+
+Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten,
+Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im
+Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge,
+wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und
+Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.
+
+Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der
+Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur
+die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl
+gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen
+von den Armen.
+
+Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur
+Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde
+gleich vorgelassen.
+
+Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf
+Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale
+entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.
+
+Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch
+raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und
+ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,
+ich komme nicht...!“
+
+„Wie meint der Bürgermeister?“
+
+„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!
+Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und
+Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und
+Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen
+für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“
+
+„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des
+Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.
+Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in
+solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in
+der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich
+der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben.
+Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich
+nicht überlaufen werden!“
+
+„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen
+wirst!“ plapperte Alt heraus.
+
+Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der
+Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner
+Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“
+
+„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die
+Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“
+
+„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher
+hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir
+erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores
+lehren.“
+
+„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker
+rebellisch machen!“
+
+„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den
+Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten
+Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“
+
+Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das
+Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand
+plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem
+Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten
+Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen
+hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel
+teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht
+erzwingen ohne Gewichtsverringerung.
+
+„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“
+
+„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“
+
+Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den
+letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug
+davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den
+Unterthanen!“
+
+Damit war der Bürgermeister entlassen.
+
+Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher
+einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger
+befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch
+der Kapitular weilte auswärts.
+
+Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da
+niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf
+Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und
+fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner
+ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung
+vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr.
+Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,
+welche die Ritterzehrung verursache.
+
+Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine
+Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß
+eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert
+Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
+
+Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die
+Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit,
+neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs
+Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei
+Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der
+Finanzgewaltige im Rate nicht aus.
+
+Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:
+„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf
+Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein
+Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe
+empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“
+
+Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer
+Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“
+
+Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei
+war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein
+dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im
+salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger
+wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese
+Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte
+er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen
+bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe,
+den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der
+Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,
+daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas
+gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das
+gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem
+einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte,
+eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.
+
+Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der
+fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für
+Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt
+werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse
+Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang
+einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten
+Almosenschatulle[9], beinahe leer.
+
+Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die
+Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,
+Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue
+Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon
+graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten
+Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen
+Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das
+„Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder
+Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes
+an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu
+warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten
+eingeholt.
+
+Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in
+höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die
+remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die
+Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.
+
+Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand
+er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und
+Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also
+fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der
+Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen
+werden!
+
+Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide
+gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die
+Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.
+
+Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens
+als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was
+an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die
+Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld
+wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.
+
+Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die
+Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der
+wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig
+gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die
+Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu
+verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des
+Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer
+schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land
+hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im
+Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der
+lutherischen Seite war.
+
+Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den
+Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der
+Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern
+nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie
+die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger
+hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die
+Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das
+heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf
+Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen
+und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.
+
+Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die
+Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken,
+die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel
+ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.
+
+ * * * * *
+
+Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner
+Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und
+Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell
+auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie
+betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen
+Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung
+der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten
+höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof
+kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller
+Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in
+dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer
+schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige
+Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er
+war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen
+hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und
+Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft
+gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt
+dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines
+viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne
+ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht
+Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in
+Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern
+brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung
+that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.
+
+Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf
+seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten
+Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun
+hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte
+Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die
+Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“
+
+Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise
+Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag
+abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein,
+denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich
+schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter
+erreichten.
+
+Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles
+hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen
+Schluck vorher!“
+
+Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut
+ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut
+not!“
+
+„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg
+flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein
+Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.
+
+Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre
+Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz
+richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen
+Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer
+ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und
+schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht
+über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt
+das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der
+Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof
+hören!“
+
+Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf
+standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es
+ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen
+ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die
+Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen
+verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht
+erschwingen!“
+
+„So ist es!“ riefen die erregten Bauern.
+
+Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen
+supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten
+Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen,
+sonst ist's g'fehlt!“
+
+Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau
+erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch
+nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden
+bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja
+ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.
+Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“
+
+Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum
+Fürsten!“
+
+Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr
+Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,
+und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.
+Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“
+
+Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!
+Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind
+verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es
+kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht
+in unser Gericht!“
+
+Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach'
+ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!
+Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller
+Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“
+
+„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns
+selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns
+supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann
+merken!“
+
+Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht
+dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,
+wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch
+gehalten werden!“
+
+„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,
+den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der
+Steuerteufel nicht verkümmern!“
+
+In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das
+Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“
+
+Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches
+Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch
+andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit
+erklärt hätten.
+
+Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung
+der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr
+sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der
+leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden
+pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich
+will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur
+demütigen Supplikation geraten!“
+
+Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt
+uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission
+durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“
+
+Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft
+akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“
+
+Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen
+und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,
+die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an
+der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der
+Steuerkommission.
+
+Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte
+Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das
+Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und
+Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und
+steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger
+muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein
+Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu
+dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern
+gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht
+widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist
+unser Herr!“
+
+Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein
+geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit
+Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“
+
+„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten.
+
+In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es
+so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem
+Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis
+erhält.
+
+Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie
+durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen
+Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben
+könne.
+
+Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist
+im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“
+
+„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,
+Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln
+Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“
+
+Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und
+fluchend.
+
+Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach,
+das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.
+
+Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit
+zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung
+vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse,
+erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich,
+weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten,
+gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von
+den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten
+das Leben kosten kann.
+
+Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß,
+das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in
+Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel
+nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von
+einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die
+Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist
+vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.
+
+In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill
+zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte
+diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in
+Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte
+erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen
+hat.
+
+Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten
+Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten
+Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
+Kaiser vorfand.
+
+Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem
+Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach
+gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die
+Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern
+rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An
+150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des
+Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau
+gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller
+Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun
+erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht
+zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft
+dauern werde.
+
+Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der
+Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska
+erfüllte ihn mit Angst.
+
+In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
+Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.
+
+Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur
+rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der
+Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte
+begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich
+Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche
+Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle
+Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und
+von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald
+von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die
+eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr
+schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben
+an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben
+schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens
+abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche
+Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit
+fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein
+anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von
+achtzig Gulden versprochen sein.
+
+In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für
+Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung
+erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl,
+die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden
+und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.
+
+Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter
+zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.
+
+Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der
+Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.
+
+Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht,
+hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die
+Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus
+abgeliefert werden.
+
+Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der
+größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben
+für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod
+durch das Schwert.
+
+Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf
+Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant
+seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab
+und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise
+Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung
+Hohensalzburg.
+
+Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in
+einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:
+
+ „Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.
+ Juli ist besonderes nichts vorgekommen.
+
+ Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg
+ Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse
+ ankommen.
+
+ Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt
+ worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer
+ zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer
+ geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.
+
+ Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin,
+ darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle
+ Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1
+ Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein,
+ 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die
+ Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli
+ 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch
+ die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden
+ genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen
+ Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen
+ zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich
+ ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden
+ hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren.
+ Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen
+ aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles
+ verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst
+ beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären
+ zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich
+ Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen
+ und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die
+ Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen
+ gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl.
+ Gnaden Bericht.
+
+ Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag
+ 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum
+ Ende.
+
+ Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine
+ Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste
+ nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen
+ ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.
+
+ Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.
+
+ Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr
+ hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche
+ ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.
+
+ Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl
+ schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.
+
+ Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz
+ im Zimmer gehabt, ausblieben.
+
+ Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung.
+ Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.
+
+ Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder
+ ausgeblieben.
+
+ Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.
+
+ Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren
+ angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen
+ meiner Urbargüter gethan haben sollen.
+
+ 22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß.
+ Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir
+ bald mit Glück wieder daraus.
+
+ (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)
+
+ Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.
+
+ Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der
+ Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen
+ Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder,
+ Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen
+ darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für
+ Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem
+ Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe
+ ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,
+ unterschrieben.
+
+ Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein.
+ Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich
+ hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und
+ Urbarsbeschreibung examinirt worden.
+
+ Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen
+ und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott
+ verleihe bald glückselige Erledigung.
+
+ Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den
+
+ Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October
+ ausgesagt, unterschrieben.
+
+ Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer
+ gelegen.
+
+ Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament
+ empfangen.“
+
+Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut
+gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des
+Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus
+den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise
+hervor.
+
+ „Herr Ehinger.
+
+ Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig
+ zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller
+ Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch
+ gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich
+ Urlaub.“
+
+ „Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer
+ Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich
+ treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte
+ ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch
+ die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner
+ Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes
+ Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß
+ sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges
+ und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten
+ Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung
+ zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“
+
+ „Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer
+ Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist
+ ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht
+ um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager
+ Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern
+ Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne
+ sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß
+ hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns
+ Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott
+ meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier
+ 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei
+ es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich
+ guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder
+ Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal
+ durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die
+ Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich
+ 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr
+ Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer
+ Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich
+ Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen,
+ ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“
+
+Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in
+aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern
+eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von
+den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies,
+da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das
+Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten
+supplizieren.
+
+Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche
+Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein
+gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die
+Gemüter für immer im Bann halten solle.
+
+Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor,
+zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen
+Lande still.
+
+Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür
+einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein.
+Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt
+die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: „Man hat auch keinem
+nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer
+sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in
+der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine
+Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat
+nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das
+allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und
+Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat.“
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von Hohen-Salzburg donnerten die großen „Stücke“ und ihr mächtig Krachen
+brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch
+die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur
+Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung
+lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des
+Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten
+den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und
+Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz
+verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden
+sei, das erste Kind!
+
+Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der
+Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das
+unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller
+Lungenkraft.
+
+Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung
+durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward
+Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker
+Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch
+nicht Vater sein könne, und die „Stücke“ seien nicht dazu auf der Veste,
+um ein Kind anzudonnern.
+
+Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn
+bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr
+sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer.
+Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf
+Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige
+Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei
+Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden
+die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur
+Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der
+Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann
+zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie
+jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend
+zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines
+fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch
+die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste
+Kritik provozierend.
+
+All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen
+und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es
+wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an
+den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten
+sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs
+schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner
+nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig
+schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in
+solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller
+Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch
+Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß
+Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren
+Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der
+Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome
+verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte
+Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine
+Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica
+zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter
+Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand
+lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht
+vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.
+
+Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung
+des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den
+Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren.
+
+So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu
+in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen
+Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf
+Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame
+eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse
+erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das
+ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.
+
+So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um
+jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der
+ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag,
+und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte.
+
+Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und
+flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende
+Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit
+keinen Ausdruck gäbe.
+
+Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen
+flüsterten: „Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?“
+
+Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das
+Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da
+lachte der Fürst herzlich auf: „So gebrechlich wird ein Raittenau nicht
+sein!“
+
+Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach
+bewegt: „So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!“
+
+„Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!“
+
+„O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!“
+
+„Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den
+Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem
+kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!“
+
+„Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens
+wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!“
+
+In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände,
+hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die
+Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt.
+
+Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig
+unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.
+
+Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht
+mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner
+Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen
+Zügen.
+
+In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob
+niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen
+zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und
+sogleich vorgelassen.
+
+Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch
+den Ruf: „Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens
+Dank dafür! Herzlich willkommen!“
+
+„Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die
+Glückwünsche zu Füßen zu legen!“ sprach Graf Lamberg ehrerbietig und
+verbeugte sich tief vor dem Gebieter.
+
+„Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine
+freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs
+Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe
+keine Meldung!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr
+überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird
+klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch
+kommen an den Hof.“
+
+Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage:
+„Glaubt Lamberg wirklich?“
+
+Der Kapitular antwortete vorsichtig: „Es wäre Pflicht nur und schuldige
+Dankbarkeit!“
+
+„Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der
+Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden
+will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf
+Raittenau.“
+
+Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu
+richten, sprach aber nichts.
+
+Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art
+hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden
+solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein
+Raittenau.
+
+Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen
+aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht,
+unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als
+der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit
+verhaßt.
+
+Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und
+gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in
+diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner
+Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der
+Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die
+Residenz müsse verlegt werden.
+
+„Die ganze Residenz?“ fragte überrascht Graf Lamberg.
+
+„Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden
+ist, das ‚Altenau‘ ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei
+Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk,
+meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen,
+daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in
+Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge
+Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd'
+ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut'
+hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei
+andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem
+Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis.
+Wird nicht zu frühe sein damit!“
+
+„Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich
+erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der
+gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten....“
+
+„Was?“
+
+„... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im
+Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß
+in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich
+informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!“
+
+„Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es
+ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es
+ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat
+bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das
+Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen.“
+
+Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen
+ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte.
+
+In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: „Warum nicht jetzt? Wer kann mich
+hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich
+will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so
+einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner
+Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!“
+
+Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst
+nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur
+gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe;
+der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: „Es wird Euer
+Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu
+mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und
+Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens.“
+
+Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als
+horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur
+Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ,
+bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit,
+die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben
+zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen
+getroffen werden sollen.
+
+Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um
+ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis
+auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder
+gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem
+hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf
+Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende
+Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem
+fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.
+
+Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit
+der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der
+erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß
+doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes
+ohne gültigen Ehebund folge, — der Fürst, der das Warten nicht kannte,
+durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so
+mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme
+Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift
+citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen
+das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche
+Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der
+Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über
+den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso
+überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe.
+
+So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden
+Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am
+nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung
+verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu
+gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur
+Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen
+Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig
+Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend,
+auch als die Ausweisung angedroht wurde.
+
+Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich
+zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung
+„zu verhütung mehreren unraths“ über den Wegzug der ketzerisch
+Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis
+ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis
+zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut
+war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren
+Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder
+schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen
+Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie
+verfügen würde.
+
+Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und
+Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden,
+sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift
+verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden,
+übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung
+der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel
+sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine
+Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die
+Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.
+
+Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den
+Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere
+vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren
+Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht
+rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin
+belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit
+brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten.
+
+Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der
+Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja
+doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein,
+wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich
+in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu
+jeglicher Stunde.
+
+Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward
+der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der
+auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet
+knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider
+der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf
+Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der
+Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn
+schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen
+aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen
+Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte
+der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige
+Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller
+Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.
+
+Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich
+nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord
+und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten
+übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und
+drohte mit dem Malefizrichter.
+
+Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde
+von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens
+Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm
+geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte
+Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die
+Todesstrafe ausgesprochen werden.
+
+Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör
+ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat
+nicht begangen habe. Auch konnte eine „Beschädigung“ (Verletzung) des
+Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst
+verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den
+Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf
+Hinrichtung durch das Schwert.
+
+Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem
+Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm
+gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten
+Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der
+Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren
+nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.
+
+Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den
+Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der
+gnädige Fürst habe Pardon gegeben.
+
+Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der
+Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt
+bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den
+Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden,
+gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im
+letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.
+
+Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen
+unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein
+Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man
+wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate
+fanden Beachtung.
+
+Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den
+Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu
+dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die
+Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der
+Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal
+wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die
+Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion
+zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als
+Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern.
+Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten
+werden.
+
+Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die
+mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen.
+Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der
+zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am
+Gründonnerstag bringen.
+
+Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in
+eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln
+die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der
+brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten,
+zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.
+
+Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich
+ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu
+nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der
+Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.
+
+Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die
+Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren
+und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte
+dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das
+Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der
+massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan.
+
+Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund
+flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun
+predigen werde.
+
+Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm
+eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen.
+
+Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede
+zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel
+Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher,
+häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen
+durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß
+die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen
+erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen
+Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_
+Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist
+der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der
+Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel
+gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr
+und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander
+die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur
+Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen
+vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und
+Gebieter.“
+
+Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den
+Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach
+der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche
+die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten
+schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen
+Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und
+Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich
+auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser
+sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde;
+besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er
+führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an
+vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum.
+
+Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige
+Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge
+erkennen sollen.
+
+In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren,
+es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu
+Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen
+habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im
+Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.
+
+Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu
+seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels.
+Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren
+die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie
+zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des
+Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden.
+
+Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen
+Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange
+Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die
+Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war
+nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den
+salzburgischen — Hunden.
+
+Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof
+verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit
+einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen,
+bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe
+des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je
+kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der
+Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von
+einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister)
+erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen
+Gassen einzufangen und abzuschlagen.
+
+Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer
+alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten
+Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und
+fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der
+Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager
+konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf
+Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund
+lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund
+nicht aufsichtlos lassen.
+
+Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor
+ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies
+sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus
+und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese
+Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl
+zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher
+Auffassung überhaupt zu viel Hunde.
+
+Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der
+Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem
+Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach
+auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten
+Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und
+gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die
+Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde
+erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den
+Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer
+vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als
+sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde
+davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen
+wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die
+Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die
+Verhaftung des Schlagers.
+
+Die Aburteilung endete mit Entlassung „mit Spot und Schant“.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
+auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
+das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der
+Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
+gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende
+Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
+lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
+jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.
+
+Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das
+Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener
+Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
+Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom
+Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner
+zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten
+essen würden.
+
+Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
+schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
+Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der
+Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne
+trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain
+sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
+schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.
+
+Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
+Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen,
+müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
+beizuspringen.
+
+„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“
+
+Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine
+unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig
+einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“
+
+„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke
+tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“
+
+Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall
+einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung.
+
+„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug
+den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine
+Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
+der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
+Humpen Weines gereicht wurde.
+
+Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder
+wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den
+Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
+wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
+Terminierung gelegentlich wieder holen.
+
+In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
+fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
+Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte
+Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd.
+
+Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
+armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
+ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
+Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.
+
+Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
+schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen
+bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
+übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.
+
+Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
+Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
+benebst dessen Almosensack.
+
+Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
+Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
+vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
+Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht
+wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.
+
+Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
+fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
+gehöre.
+
+„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es
+pressierte, in die Stadt zu kommen.
+
+„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen
+werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei.
+
+Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
+Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
+bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
+abliefern.
+
+Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
+mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
+gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom
+Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
+heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
+Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
+klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“
+
+Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
+Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun
+hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben
+dem Einstellhause zu.
+
+Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
+engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
+dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen.
+
+„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer,
+und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg.
+
+Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
+Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend.
+
+Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf
+Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
+zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
+und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
+alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
+Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
+müssen.
+
+Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher
+beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
+Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten,
+erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
+Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer
+Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte
+mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
+Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen.
+
+Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
+zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur
+Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
+worden war.
+
+Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern,
+doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
+sich einzumengen.
+
+Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu
+besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts.
+
+Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
+an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen
+erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
+schnell hinab. Die Mönche beteten laut....
+
+Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
+der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
+ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
+war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
+verschiedenen Leuten in Berührung gekommen.
+
+Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung
+wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
+strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
+Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
+der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser
+Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.
+
+Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte
+die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
+die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein
+Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem
+Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die
+Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer
+fordere.
+
+An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
+Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
+aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
+Rückkehr war aufs strengste verboten.
+
+Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im
+Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen.
+
+Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den
+Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die
+umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
+abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
+und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte
+und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.
+
+Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
+frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.
+
+Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten
+sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof
+doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
+doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen,
+wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
+wolle.
+
+Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank,
+erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger
+als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert
+Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden.
+
+Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.
+
+Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu
+ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
+den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster
+vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
+neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus
+verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
+Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden
+Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte.
+
+Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in
+leuchtenden Farben.
+
+Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter
+zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte
+zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
+für die Armenbeköstigung zu erhalten.
+
+Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
+gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
+Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.
+
+Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen
+nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich.
+
+Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
+Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
+Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
+eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast
+eintrat.
+
+Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige
+Beherbergung für Gotteslohn.
+
+Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu
+beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung
+äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen
+ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer
+einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern
+umschlossenen Hof zu.
+
+Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
+fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis,
+hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
+schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward
+unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß
+nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“
+
+Und eine andere Stimme antwortete: „Ist recht, Wirt!“
+
+Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts
+anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse
+und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen
+darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen
+leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause.
+
+Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein
+vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens
+ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die
+Magd muß das Schloß von außen versperrt haben.
+
+Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im
+Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst
+gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit
+zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner
+Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken
+fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der
+Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im
+Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das
+Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins
+Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen,
+eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten
+Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder
+hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer
+verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich
+nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein.
+Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer
+erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche
+Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein
+kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen.
+
+Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete
+zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und
+Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.
+Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen
+Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß.
+
+Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und
+weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es
+lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof,
+und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton
+der Mönch erzitterte: „Also Jackel, fang den ‚Franziskaner‘ 'raus und
+hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!“
+
+Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt
+murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der
+göttlichen Barmherzigkeit.
+
+Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick
+faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich
+durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan,
+der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und
+warf den Knecht über den Haufen.
+
+„Hui!“ schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht
+zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner
+Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.
+
+Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich
+wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an
+den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die
+Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die
+Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft
+vermehrend.
+
+„Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?“ schrie der Wirt und
+machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch.
+
+Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht,
+kann kein Mörder sein. Er rief: „Im Namen Gottes des Herrn frag' ich
+Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?“
+
+„Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?“
+
+„Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!“ Jetzt änderte sich
+die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel,
+das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, „Franziskaner“
+genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel
+abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem
+Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als
+daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein „Franziskaner“ genannt zu
+haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden
+sei.
+
+Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen
+Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte.
+
+Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er
+um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem
+Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen.
+
+Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über
+die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner
+lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und
+gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich
+ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem
+schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.
+
+Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung,
+daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der
+Pest verstorben sei.
+
+Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich
+erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine
+Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor
+einfahren.
+
+Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und
+weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem
+Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen
+konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen
+war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für
+die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus
+eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin
+und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.
+Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel,
+sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren
+Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden
+respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende
+Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens
+offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus
+Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis
+sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde
+umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien
+bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des
+Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“
+einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender
+Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet
+werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein
+unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten
+werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden
+haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und
+beschirmt werden.“
+
+So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der
+immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater
+steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt
+Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das
+kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur
+Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am
+geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes
+Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden
+weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden
+habe.
+
+Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des
+Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn
+Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei.
+
+Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten
+Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei
+zur Vergebung!“
+
+Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen
+sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine
+Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.
+
+Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im
+Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß
+Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden.
+
+Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm
+eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und
+fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln,
+grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“
+
+Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht
+nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte,
+die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube.
+
+Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier
+brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun
+Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie
+abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der
+fürstlichen Buhle!“
+
+Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte
+schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir!
+Verzeiht!“
+
+„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“
+
+„Vater, habt Erbarmen!“
+
+„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“
+
+„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde
+meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir
+Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein
+schmerzdurchwühltes Herz!“
+
+„Hinaus! Ich will nichts hören!“
+
+„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die
+Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“
+
+„Das wußt' ich zum voraus!“
+
+„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All'
+äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“
+
+„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem
+ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“
+
+„Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie
+ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig
+Kind!“
+
+„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“
+
+„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das
+meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“
+
+„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will
+ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen
+soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam
+Schicksal verdientermaßen!“
+
+Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist
+ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen
+mußte.
+
+Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an
+des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände
+flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.
+
+„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen.
+Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt
+gestorben.
+
+Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die
+Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend.
+
+Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und
+verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und
+Trauerkleider anzulegen.
+
+Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht
+in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal
+zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der
+Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters
+gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine
+Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als
+Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit
+allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten
+zu lassen.
+
+Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger
+Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht
+begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“
+
+„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater
+meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“
+
+„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist
+geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“
+
+„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“
+
+„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich
+um sein Erbarmen —“
+
+Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich
+verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge
+Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“
+
+Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen
+geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf
+den bitteren Gang!“
+
+„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein
+Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer
+er wolle; die Kluft ist zu hoch!“
+
+„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen.
+
+Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,
+er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und
+gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.
+
+Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens
+und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den
+Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen
+Verbeugungen begrüßten.
+
+Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die
+Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres
+Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig
+waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde.
+
+Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich
+strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward
+gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des
+Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.
+
+Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf
+den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen
+haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich
+halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und
+schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,
+werd' ich dem Freunde dankbar sein!“
+
+Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im
+Verhalten des Fürsten.
+
+Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das
+Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen
+hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,
+verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die
+Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt
+meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu
+veranlassen.“
+
+Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten
+wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein
+Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles
+hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun
+speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum
+Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die
+inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais
+verließen.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen,
+es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum
+Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine
+Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen
+das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes
+geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser,
+teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren
+als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für
+die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“,
+Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu
+Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,
+nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der
+Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt
+gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in
+früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und
+Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,
+welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises
+zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun
+der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom
+Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie
+alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge
+abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen
+und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst
+erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe
+des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt
+hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung,
+zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung
+des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich
+hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der
+Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem
+Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog
+schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung
+durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor
+wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers
+über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern
+für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch
+einen Kreuzer darüber gestattete.
+
+Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und
+demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu
+erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen
+Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und
+berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang
+ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute
+Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte.
+
+Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin
+er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern
+teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten
+Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach
+einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so
+geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten
+Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst
+bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen
+vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die
+keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines
+Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem
+Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf
+Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des
+weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden,
+konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in
+Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht
+genannt werden mußten.
+
+Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen
+Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu
+finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig
+besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote
+Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch
+empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl
+erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu
+hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem
+klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder
+zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den
+Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst
+nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche
+Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht
+immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer
+Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,
+besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn
+Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die
+Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die
+Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht
+auf Rom fallen gelassen werde?
+
+„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und
+ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer
+bemühen.
+
+Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,
+anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen,
+doch mit fragenden Augen.
+
+Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen,
+richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an
+Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen
+hervorgerufen habe.
+
+„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast
+du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu
+besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“
+
+Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die
+jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war.
+
+Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt
+nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.
+
+Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem,
+was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das
+Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine
+bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet,
+genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich
+soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis
+steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“
+
+Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer
+hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen
+finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies
+auch der Kaiser thut.“
+
+„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“
+
+„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl
+eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben
+Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“
+
+„Weiß das der Bayernherzog?“
+
+Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt;
+ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München
+gekommen ist.“
+
+„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen
+vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß
+Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz
+nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch
+zahlen.“
+
+„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis
+des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es
+ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“
+
+„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt
+man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des
+Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so
+sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben,
+sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“
+
+„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer
+Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist
+feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im
+neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem
+alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist
+genehm.“
+
+Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und
+erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.
+
+Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst
+sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der
+Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam
+geschwinden Kopf“ zu nennen.
+
+Salome warf ein: „Das ist doch weiter nichts Schlechtes?“
+
+„Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der
+freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß
+der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als
+ein „periculosum ingenium“ betrachten —“
+
+„Was heißt das?“ fragte Salome.
+
+„Man kann es verdeutschen mit ‚gefährlicher Kopf‘!“
+
+„Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue
+Papst nicht schlimme Absichten heget.“
+
+„Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den
+Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem
+wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen.“
+
+„Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein
+klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer
+Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten
+Hut!“
+
+Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch
+hier den Kern der Sache erfaßte.
+
+„Hab' ich recht geraten?“ fragte die kluge Frau.
+
+„Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist
+meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der
+Erzbischof Wolf Dieter wird — nicht Kardinal!“
+
+„Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit
+mit Bayern und dem Kaiser!“
+
+Trotzig rief der hochfahrende Fürst: „Kommt dazu es jemals, stell' ich
+meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der
+leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner
+Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken.“
+Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und
+geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb.
+
+Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf
+den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung
+erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu
+merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des
+Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu
+spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag
+nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um
+seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim
+zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen
+der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch
+Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm
+gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in
+Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten „goldenen Steiges“ nach Böhmen,
+wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man
+klagte beim Reichskammergericht in Speyer.
+
+Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg
+gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der
+Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun
+auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische
+Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den
+Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von
+Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das
+kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem
+Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren
+konnte.
+
+Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim
+Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller
+Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr
+verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das
+Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen.
+
+Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich
+abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der
+Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt,
+von welcher der Chronist berichtet: „Er (der Erzbischof) ist ainesmales
+ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von
+wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig
+stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch
+und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit
+Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung
+habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch
+ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die
+zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit
+abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches
+Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet;
+ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es
+darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch
+mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch.“
+
+Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an
+Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte
+eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über
+ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu
+dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet.
+
+Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten
+Zorn hervor und setzte seinen ohnehin „geschwinden Sinn“ in lebhafteste
+Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen
+Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben
+einhändigen.
+
+Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des
+fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum
+Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten
+schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten
+Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam
+an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten
+lassen.
+
+Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht
+aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die
+Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies
+der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen.
+
+Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche
+hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos
+kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen
+Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in
+jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.
+
+Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die
+Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche
+Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer
+offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag
+ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem
+Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe.
+Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof
+gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen
+marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant
+befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die
+Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine
+Gesandten ab.
+
+Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu
+versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf
+den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben.
+Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs
+Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_.
+
+Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch
+war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die
+Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger
+seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.
+
+In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und
+salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen
+neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo
+verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man
+der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst
+verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des
+kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für
+den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb
+gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu
+festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von
+jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf
+Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden
+werden.
+
+Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.
+
+Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser
+begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit
+dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform
+des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf
+dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des
+Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung
+des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu
+vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der
+protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den
+Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der
+Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.
+
+Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander,
+die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen
+Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter
+Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den
+gleichfalls dissentierenden Pfälzern.
+
+Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach
+Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die
+Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu
+Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für
+Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig
+Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich
+verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten
+zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die
+ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich
+Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht
+Römermonaten bereit.
+
+Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen
+Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen,
+über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses
+seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden,
+als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und
+Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des
+Reichs.
+
+Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die
+Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher
+Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich
+jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich
+nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen
+die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich,
+weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.
+
+Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er
+urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die
+Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil
+der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne.
+
+Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
+in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche
+leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des
+Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
+abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
+Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen,
+wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten
+Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in
+überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend
+ausgeliehen wurden.
+
+Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten
+angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
+am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
+uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
+abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung,
+die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
+gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
+Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz
+bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
+des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
+vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für
+seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
+nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die
+geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
+verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder,
+Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
+wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach
+Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen
+und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und
+Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu
+verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
+verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein
+italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den
+eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten
+fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu
+machen.
+
+Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie
+seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große
+Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
+prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des
+Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt.
+Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
+Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
+Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in
+diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
+konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
+aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
+hindurch bis zum nächsten Frühling.
+
+Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die
+Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie
+Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
+den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von
+solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim
+Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
+wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von
+Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser
+der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
+Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
+erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
+Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
+Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.
+
+Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte
+sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum
+Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
+Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später
+kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der
+Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
+ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.
+
+Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
+willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten
+das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch
+eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde,
+ein Meisterwerk der Baukunst.
+
+Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
+Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
+Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und
+Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
+Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein
+Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom
+mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich
+in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie
+Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem
+Geschmack.
+
+Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen
+Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte
+im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger,
+die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
+zweifellos enormen Kosten.
+
+Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
+steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt
+in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
+frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
+in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
+und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
+erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
+Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome
+zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
+Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille
+Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten
+Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach
+Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
+vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche
+freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß
+Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so
+wurde die Übernachtung beschlossen.
+
+Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
+es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht
+schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.
+
+In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre
+Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
+durch die Fenster.
+
+Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule
+aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
+Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
+knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
+Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
+nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer
+leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer
+zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern
+nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die
+Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.
+
+Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:
+„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der
+Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.
+
+Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen
+feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf
+die Residenz.
+
+Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte;
+man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei.
+Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
+die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die
+Residenz zu retten.
+
+Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
+Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
+ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
+begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.
+
+Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die
+Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die
+Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
+anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden
+sollen.
+
+In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte
+zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
+Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein
+Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.
+
+Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große
+Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht
+hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
+Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.
+
+Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des
+Landesherrn.
+
+Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
+richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
+Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.
+
+Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur
+Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
+alles fragte nach dem Erzbischof.
+
+Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
+nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.
+
+„Wo ist der Fürst?“ hieß es.
+
+Heiser rief der Meldereiter: „Er kommt nicht!“
+
+Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
+konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
+durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
+Not.
+
+Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
+dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom
+Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es
+brennen!“
+
+Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
+Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs
+gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
+ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den
+Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
+verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht,
+das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte
+dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst
+der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.
+
+Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
+diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
+verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man,
+dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
+nach Rom übermittelte.
+
+Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige
+Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
+Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ.
+
+Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in
+der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
+abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen
+Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder
+celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt.
+Peter abgehalten.
+
+Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
+nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
+fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
+Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
+diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.
+
+Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
+zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
+Dietrich eine Audienz.
+
+Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund,
+sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß
+der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag.
+
+Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
+Kapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
+Kunde von Prag eingelaufen?“
+
+„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
+ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“
+
+„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu
+vermelden wäre in meiner Stadt!“
+
+„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
+will gefährlich erscheinen.“
+
+Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
+durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
+hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig.
+
+„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
+gefährlich werden.“
+
+„Wohinaus will Lamberg zielen?“
+
+„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung,
+die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“
+
+„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein
+Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“
+
+„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
+verstatten?“
+
+„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“
+
+„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
+vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
+deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit
+zugleich.“
+
+„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und
+Herr zu thun und lassen habe?!“
+
+„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine
+unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
+eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“
+
+„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
+mir wohl anjetzo eingekerbt?!“
+
+„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“
+
+„Wie?“
+
+„Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und
+zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“
+
+„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“
+
+„Der Brand....“
+
+„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
+nieder!“
+
+Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit
+hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst
+ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di
+male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
+das heiße Blut.“
+
+„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“
+
+„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb
+wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
+nicht....“
+
+Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch'
+infamen Argwohn entschuldbar?“
+
+„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß
+widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die
+Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward
+zum Brandstifter.“
+
+Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung
+nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte
+sich Wolf Dietrich amüsiert.
+
+„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen
+lassen?“
+
+„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
+abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“
+
+„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“
+
+„So sprich, teurer Freund!“
+
+„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
+Domes.“
+
+„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“
+
+„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag
+vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“
+
+„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
+Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
+einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“
+
+Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben,
+konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.
+
+Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus
+Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
+geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht
+schlummerte ein.
+
+Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie
+im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
+Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
+der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig
+Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein.
+
+Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom
+noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
+die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
+Kirchen provisorisch untergebracht.
+
+Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen
+zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als
+Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer
+Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig
+und müsse daher abgetragen werden.
+
+Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
+massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
+Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis
+auf den Grund geräumt.
+
+Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
+erbauen.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch,
+seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen
+Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder
+Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt.
+Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit
+am Hofe des baulustigen Erzbischofs.
+
+Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach
+nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu
+Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen
+Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten
+damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs
+entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie
+ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche
+Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu
+wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu
+bringen.
+
+Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II.,
+dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus
+den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen.
+Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten
+den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche
+sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer
+unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen
+Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der
+Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die
+Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch,
+daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben,
+wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen
+hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag
+geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem
+Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem
+bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte,
+als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang
+des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte.
+
+Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar
+im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über
+Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem
+Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen
+erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen
+Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in
+München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der
+Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de
+Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den
+Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht
+nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den
+Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse.
+
+Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte,
+wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner
+wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels
+Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche
+Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener
+Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der
+Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen.
+
+Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation
+nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn
+auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als
+Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg,
+indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der
+gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener
+Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes
+gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende
+Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten
+frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen
+verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an
+Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift
+anheimfallen.
+
+Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft
+vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem
+diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen
+sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das
+Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der
+regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als
+Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit
+hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel
+bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom
+Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im
+Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz
+machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit
+ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit
+Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel
+obwalten konnte.
+
+Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der
+Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe
+der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem
+fürstlichen Fiskus eingeliefert.
+
+Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten
+zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen
+Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer
+weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch
+imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten
+des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die
+Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig
+empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es
+überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und
+Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.
+
+Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten
+manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer
+wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den
+Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen.
+
+In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß
+kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms.
+„Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues
+Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des
+kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig
+Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich
+überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!“
+
+Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu
+trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt
+werden könne.
+
+Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: „Das sagt
+Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich
+gebrochen?!“ „Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt
+heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im
+innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle
+eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren
+Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden
+könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!“
+
+Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte
+die weiße Stirn Salomens.
+
+Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: „Mein
+gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!“
+
+„Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!“
+
+„In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den
+Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen
+Kräften sorgen —“
+
+„Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß
+Ursach' ist zur geringsten Klage?!“
+
+„Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die
+Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich
+richten....“
+
+„Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder
+Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für
+unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!“
+
+„Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der
+Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt
+solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen
+Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?“
+
+„Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt'
+kalt dies lassen!“ erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst.
+
+„Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein,
+anzuerkennen solche Urkunde“
+
+Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick,
+wohinaus Salome wolle. „Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht
+nicht wohl aus!“
+
+„Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!“
+
+„Der — Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins
+Staunen!“
+
+„Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort,
+mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des
+Stiftsherrn Urkund' — —!“
+
+„Hm!“ Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten
+Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen
+Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum
+Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei
+Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und
+von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf
+Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht
+nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: „Solch' wichtige Sache
+will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug'
+behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!“
+
+„Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht,
+es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht
+viel des Guten zu versehen ist!“
+
+„Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!“
+
+Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher
+Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur
+das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte
+aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines
+gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf,
+den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht
+aus dem Auge verlieren zu wollen.
+
+Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine
+Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben
+gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg
+berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der
+Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und
+katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die
+Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die
+protestantische Bewegungspartei habe nun die „Union“ errichtet, eifrige
+Katholiken seien daran, als Gegengewicht die „Liga“ zu gründen, und so
+frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen
+oder nicht.
+
+Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es
+unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend
+welchen Ausdruck zu geben.
+
+Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und
+überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend
+aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: „Will der Bayer und
+sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe
+genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der
+Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf
+Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am
+Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen
+Jesuiten-Max dazu!“
+
+Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit
+ward mit keinem Wort erwähnt.
+
+Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom
+Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter
+Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob
+der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.
+
+Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf
+ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. „Willst wissen, Geliebte, was
+meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!“
+
+„Betrifft es mich, gnädiger Herr?“ fragte, schalkhaft werdend, Salome.
+
+„Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!“
+
+„Wen meint mein Gebieter mit sothanem ‚Max‘?“
+
+„Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen,
+der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in
+Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!“
+
+„Und das wäre?“
+
+„Der Herzog führte Krieg gegen — der hübschen Weiber kurze Röcke und
+pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!“
+
+„So streng soll der Bayern-Herzog sein?“
+
+„Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich
+Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu,
+die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das
+Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine
+kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome
+gepönt, verliert den schönen Kopf!“
+
+Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich
+überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm
+den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger
+wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige
+Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu
+orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der
+Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch
+Salome nicht schwer.
+
+Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet
+ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine
+Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in
+lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs
+Raten verlegen und deutete das „aut Caesar aut nihil“ dahin, daß der
+Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun
+wolle.
+
+Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: „Wo
+der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit,
+wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die
+Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von
+Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!“
+
+Vorsichtig fragte Salome: „So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft
+im Erzstift an?“
+
+Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: „Soll er wie er
+will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger
+Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!“
+
+„Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!“
+
+„Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins
+Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich
+kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem
+Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und
+österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta
+salisburgensis, von dem ich gesprochen!“
+
+Ängstlich fragte Salome: „Mußte das sein?“
+
+„Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein
+Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen.
+Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es
+fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron
+verschlossen!“
+
+„Was sagt der Bayer zu solchem Statut?“
+
+„Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in
+Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern,
+wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!“
+
+„Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?“
+
+„Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich
+weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten
+angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will
+nicht!“
+
+„Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?“
+
+„Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken
+haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist
+nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes
+Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr
+kräftigt es den Bayer.“
+
+In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt
+gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich
+keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema
+wechselnd fragte Salome: „Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl
+zur Tafel führen?“
+
+Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach
+mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen
+und Kämmerlinge.
+
+Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der
+Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos
+erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf.
+
+Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der
+Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen
+aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch
+die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf
+Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit
+ausweichendem Bescheid heimkehren ließ.
+
+Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat
+Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag,
+zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche
+Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer
+Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten,
+auf „daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden“.
+
+Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine
+Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu
+präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser
+Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes
+zur Verfügung haben sollte.
+
+Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das
+kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem
+schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern.
+
+Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl
+gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis
+zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit
+den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald
+erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur
+schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in
+München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das
+Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war.
+
+So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel
+auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind
+gegen die aufziehenden Gefahren.
+
+Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und
+beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und
+ihrer Ersparnisse.
+
+Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich
+keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug
+vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die
+Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen
+und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem
+Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen
+eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit
+feenhafte Schloß ‚Altenau‘[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an
+Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von
+Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse:
+
+ Raittnaviae stirpis divino e munere princeps
+ Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas
+ Impatiens otii, spirans magis ardua quondam,
+ Nunc, ubi per morbos corpore deficio,
+ Has tacitas aedes fessus portumque silentem
+ Hunc mihi semestri tempore constituo.
+
+Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer
+und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges
+Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere
+Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben.
+
+Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben
+Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur
+Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses
+nach ‚Altenau‘, und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf
+Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte
+der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer
+dräuenderen Sorgen hinter sich.
+
+Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich
+in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:
+
+ „Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf
+ Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß
+ oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten
+ Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von
+ allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen,
+ pauen und aufrichten lassen, — auch solchen Pau Altenauen genennt. In
+ solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich
+ oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten
+ daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil
+ darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem
+ fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die
+ Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und
+ gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet
+ vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu
+ Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen
+ merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg
+ schaffen können.
+
+ Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im
+ Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es
+ sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven
+ nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch
+ vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten
+ worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn
+ welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen
+ recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis
+ und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib
+ von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß
+ ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid
+ herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert
+ wirdet.“
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl
+in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch
+Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine
+Unterstützung gebeten hatte.
+
+Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser
+erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad
+vorgeschützt.
+
+Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von
+zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel
+verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken,
+vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein
+unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig,
+auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig.
+
+Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens,
+erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen
+Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler
+Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu
+erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an
+eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund
+entbehrt.
+
+Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome
+mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom
+Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem
+Kaiser Meldung zu erstatten.
+
+Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten
+und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer
+Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen
+um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen
+Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort
+„Salzburg“ fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie
+geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling
+diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte.
+
+Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: „Frau von Altenau aus Salzburg
+bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang.“
+
+Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und
+murmelte: „Altenau aus Salzburg — kenn' ich nicht! Salzburg — der
+widerhaarige Fürst — ja ich weiß — bin müde, führ' er den Bittsteller
+herein, soll kurz es machen!“
+
+Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: „Euer Majestät
+unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!“
+
+Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die
+Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob
+sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.
+
+Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand
+führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der
+tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die
+Dame bat, sich zu erheben.
+
+Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde
+freundlicher.
+
+„Gnädigster Kaiser und Herr!“ sprach bebenden Tones Salome und richtete
+den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, „wollen
+Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen
+vorbringen zu dürfen.“
+
+Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach
+der Kaiser: „Ihr seid verheiratet? Mit wem?“
+
+Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das
+schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach
+Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: „Gnädigster Herr und Kaiser!
+Mein Bund entbehrt — des kirchlichen Segens!“
+
+„Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!“ rief Rudolf und wich einen Schritt
+zurück.
+
+„Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!“
+
+„Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern
+vor jeder österlichen Beichte! — Wer ist der Mann, der sich nicht scheut,
+den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?“
+
+Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:
+„Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von
+Salzburg.“
+
+„Des Erzbischofs Wolf Dietrich?“ rief überrascht und betroffen der
+Kaiser aus.
+
+Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den
+Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in
+seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.
+
+„Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue
+Dienerin ihres geliebten Herrn!“ flehte Salome.
+
+Herb klangen des Kaisers Worte: „Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz,
+verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen
+Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das
+Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der
+heiligen Kirche! —“
+
+„Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und
+verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!“
+
+Unwillig und erregt rief Rudolf: „Weiß der Erzbischof nichts von
+Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür
+ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom
+Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß
+ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem
+keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den
+Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?“
+
+Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in
+bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau:
+„Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die
+Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich,
+die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und
+kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im
+salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und
+Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet,
+konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger
+Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen,
+die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich
+unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen. —“
+
+„Ihr seid verblieben dennoch?!“
+
+„Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr'
+ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola
+nicht —“
+
+„Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte —“ rief
+erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.
+
+„Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue
+bewahrte mir der Herr!“
+
+„Und Verdammnis wird sein Euer Los!“
+
+„In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die
+Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie
+lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von
+Köln!“
+
+„Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!“
+
+„Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da
+nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben
+schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!“
+
+Zaghaft und scheu sprach Rudolf: „Hab' recht ich Euch verstanden, so hat
+unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er
+doch die kirchliche Trauung hat vermieden?“
+
+Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.
+
+„Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat
+geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?“
+
+Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: „Des
+Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für — meine
+Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!“
+
+Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben.
+
+Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und
+hoben die Händchen bittend empor.
+
+Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: „Was ist
+Euer Begehr?“
+
+Innig flehte Salome: „Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer
+Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten,
+will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich
+des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den
+Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund'
+meines Herrn und Gebieters!“
+
+„So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?“
+
+„Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen
+Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu
+Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den
+unschuldigen Kindern!“
+
+„Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!“ sprach mild der
+Kaiser.
+
+„Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches
+mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb
+Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen
+Bitte aus tiefstem Herzensgrund!“
+
+„Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen
+gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch
+den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein
+kaiserliches Wort!“
+
+Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie
+entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die
+kaiserliche Rechte.
+
+„Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit
+keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter
+ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer
+Landsassen....“
+
+„O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche
+Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank....“
+
+„Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?“
+
+„Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es
+Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt.“
+
+„So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht
+fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott,
+kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures
+gnädigen Kaisers!“
+
+Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln
+lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.
+
+Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das
+Gemach.
+
+Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin:
+„Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt
+gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!
+Mir grauet vor solcher Beicht'!“
+
+Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er
+selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen
+seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung.
+
+Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau
+und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte
+ehelicher Geburt.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr
+und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch
+seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in
+leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga
+unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs
+Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das
+Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der
+Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle,
+hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich,
+genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die
+bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich
+erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen
+Salzburgs den Titel „celsissimus“ (der „erhabenste“) beilegte.
+
+Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen
+diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig
+hin; aber in München ärgerte man sich über den „celsissimus“, man
+verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die
+Liga.
+
+Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche
+Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt
+wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße
+auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und
+Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der
+Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde.
+
+Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen
+empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer
+nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener
+Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des
+Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch
+auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag
+und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu
+Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz
+des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher
+Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden.
+
+Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im
+Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der
+Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse
+Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr
+plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war
+gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich
+nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen.
+
+Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte:
+„unbeschadet seiner Gefälle“, es mußte daher der Herzog die Summe von
+34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei
+nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog
+der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse
+im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um
+Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede
+Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden
+mußten.
+
+So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden
+übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den
+Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.
+
+Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl
+zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu
+sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch
+von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn
+der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im
+Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das
+Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten
+führten, ausgedehnt wurde.
+
+Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des
+Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre
+Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie
+zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem
+Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden
+belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der
+denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und
+ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern
+selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also,
+so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und
+recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn
+eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.
+
+Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres „Nein“, worauf
+Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen
+ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch
+nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche
+Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen
+Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf
+Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als
+Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf
+Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren
+bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer
+Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge
+gerne zur Kenntnis genommen worden sei.
+
+Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten
+Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen
+Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu,
+die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch
+sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu
+München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf
+Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu:
+„Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für
+Straßenbau zur Stelle!“ Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein
+neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang,
+Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu
+konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise
+könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.
+
+Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende
+von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl
+aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee
+führte.
+
+Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von
+statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt
+werden.
+
+Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur
+noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die
+Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt.
+Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und
+Rossen stationiert worden war.
+
+Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit
+seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er
+den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit
+dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte
+sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede
+Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.
+
+In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern
+erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei
+Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz
+nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten.
+
+Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land
+von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische
+Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des
+salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für
+Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die
+Forderung Maximilians zurück.
+
+So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten
+die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf
+einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von
+Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000
+Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue
+Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18].
+
+Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch
+einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet,
+Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von
+Böhmen — Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig — Tirol auf
+neuen Wegen einzuführen.
+
+So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens
+verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste
+hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem
+Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern
+dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen
+Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg
+durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der
+schwersten Geldstrafen.
+
+Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der
+Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte
+Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach
+Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem
+Erzbischof Beistand an.
+
+Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr
+mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem
+geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der
+Unions-Bewegung war.
+
+Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern
+für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur
+Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen
+zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr.
+Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern
+abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.
+
+Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und
+eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des
+Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß
+Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu
+besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch
+den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ,
+die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge,
+weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des
+Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten
+Worten vor einem Krieg.
+
+An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im
+Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß
+gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst
+liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf
+Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu
+fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen
+Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.
+
+Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm,
+ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft,
+will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende
+mache und die Propstei dem Bayer nehme.“
+
+Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller
+Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“
+
+„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille,
+befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich
+geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit
+langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der
+Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“
+
+„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird
+der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und
+rächen solche That!“
+
+„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe
+gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann
+sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“
+
+„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu
+klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein
+Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“
+
+„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als
+Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir
+bei!“
+
+„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen,
+Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß
+abfällt das Stift von Rom!“
+
+Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge,
+und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich
+wechseln!“
+
+„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger
+Herr!“
+
+„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die
+Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich
+nichts!“
+
+„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug,
+verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil....“
+
+„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen?
+Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München
+machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's
+nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land
+wird nimmer bayerisch!“
+
+„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die
+vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“
+
+„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,
+Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“
+
+In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten
+und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort!
+Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt
+der ergrimmte Bayer!“
+
+„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst
+und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir,
+die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue
+mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“
+
+Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte
+verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der
+deutschen Fürsten?“
+
+„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und
+das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“
+
+Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den
+kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf
+Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und
+Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten.
+
+Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein
+Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem
+militärischen Kleide weichen müssen.
+
+Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den
+Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten
+gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang
+anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas
+ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und
+Domherren.
+
+Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit
+langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln
+huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte
+der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher
+Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis
+spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach
+Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein
+waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand
+wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle
+erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger
+Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab!
+Gott befohlen!“
+
+Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des
+Befehles und verließen sogleich die Residenz.
+
+Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611
+erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten
+der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß
+der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen,
+die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage
+beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen
+Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle.
+
+Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine
+bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher
+Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos
+erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf
+Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis
+schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der
+Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe
+den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der
+Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein
+Schiedsgericht.
+
+Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den
+Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof
+von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden
+einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den
+durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen.
+
+Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im
+Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig
+geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter
+Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände.
+
+Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen
+seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest
+sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog
+schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“
+
+Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab'
+ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“
+
+„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat
+das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die
+Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“
+
+„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“
+
+Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den
+Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht
+einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern
+bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin
+aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu
+öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der
+Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.
+
+Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt
+der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert,
+ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh
+sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“
+
+„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das
+Reichskammergericht wendet!“
+
+Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum
+jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme
+Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“
+
+„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das
+Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet,
+meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“
+
+Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann,
+Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich
+sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der
+Herzog wird mit Krieg überziehen und —“
+
+„Und?“
+
+„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“
+
+„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“
+
+„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden
+nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem
+Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer....“
+
+„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers
+Sieg wünschet über das Erzstift!“
+
+„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der
+Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“
+
+Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen
+seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“
+
+„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In
+letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich
+beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den
+unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder!
+Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers
+Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder,
+wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch,
+so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre
+Euch in dieser letzten Stunde!“
+
+„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel!
+Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem
+Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren
+Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!
+Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie
+ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den
+Bayer!“
+
+Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben,
+Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört
+das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“
+
+Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen!
+Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und
+Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring'
+den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist
+deine Freundschaft!“
+
+Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er
+zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund:
+„Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist
+Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller! — Dem
+Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte....“
+
+„Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!“
+
+Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus
+dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue
+Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die
+beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring,
+Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und
+Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war
+dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus
+Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg
+bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus
+gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in
+der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue
+Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter
+Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit
+bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei
+der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte,
+wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im
+Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege.
+
+„Jacta est alea!“ flüsterte der treue Freund und kehrte über die
+Salzachbrücke in die innere Stadt zurück.
+
+Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400
+Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben
+und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee,
+100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach
+Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und
+Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der
+Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur
+Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit
+100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt.
+
+Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der
+in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich
+unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm
+gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu
+seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von
+Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und
+zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max
+mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet
+gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen
+und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.
+
+Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß
+Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben
+dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu
+beseitigen.
+
+Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das
+Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren.
+
+Graf Lodron erwiderte: „Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn
+und Fürsten zu unterstützen!“
+
+„Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!“
+
+„Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine
+Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des
+eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom
+Kapitel beauftragt bin!“
+
+Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: „Vom
+Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst
+behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird
+verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich
+aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den
+alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem
+jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!“
+
+Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des
+Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: „Ich habe im
+Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache
+angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein.“
+Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren
+und ging.
+
+Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum
+Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel
+auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die
+Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen
+bemüht war.
+
+Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des
+Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler,
+Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung
+gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das
+Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen
+werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ
+die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es
+besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.
+
+Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten,
+sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser
+Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich
+den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge,
+um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf
+flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog
+weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.
+
+Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit
+Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max
+Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in
+Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr
+entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten
+ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene
+machten, die Waffen wegzuwerfen.
+
+Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich
+so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen
+in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden
+bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe
+mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen
+Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er
+an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief
+seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.
+
+Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich
+um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber
+ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen.
+
+Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den
+Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben
+möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen.
+
+Barsch rief der Erzbischof: „Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel
+versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich
+bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange
+nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren
+mögen sich nach Hause begeben!“
+
+Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich.
+
+Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die
+Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den
+Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben
+heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu
+kommen.
+
+Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich
+ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu
+welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte.
+
+Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg
+holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum
+Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.
+
+Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs
+Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern
+eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß
+dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch
+dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.
+
+Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger
+Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich
+geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei
+Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden.
+
+Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges,
+katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand
+bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die
+Friedensbedingungen verhandeln sollten.
+
+Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom
+Herzog empfangen worden.
+
+Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht
+Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des
+Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.
+
+Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf
+Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des
+Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei.
+Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die
+salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den
+nächsten Tag.
+
+Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und
+alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand
+genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der
+Kapitelsgesandtschaft von „schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des
+Erzstiftes“, Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß
+Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation
+des Erzstiftes beabsichtige.
+
+Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten
+Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der
+bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit
+bewaffneter Hand auszubreiten.
+
+Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf
+Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel
+unterliegen.
+
+So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des
+Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu
+verjagen.
+
+Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es
+beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo
+ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns
+Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und
+Entscheid binnen zwei Tagen.
+
+Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof
+die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete:
+Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge
+einschießen.
+
+Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des
+Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich
+zurück.
+
+Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in
+Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen
+hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn
+rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen.
+
+Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen,
+wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer
+nicht viel Federlesens machen werde.
+
+„Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer
+zwingen!“ prahlte Wolf Dietrich. „Ihr seid jeden Mutes bar, feige
+Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog
+den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde
+ich Euch türmen lassen in der Feste!“
+
+Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des
+Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen
+geradezu undenkbaren Sieg.
+
+Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde
+ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter
+Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des
+Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe.
+
+Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: „Macht nichts!
+Tittmoning ist nicht Salzburg!“ und entwickelte nun eine die verzagte
+Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein
+kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die
+Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und
+Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden.
+
+Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz
+zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er
+abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich
+neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit
+24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen.
+
+Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht
+bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur
+Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit
+zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen
+Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein
+Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der
+fürstlichen Hofkutsche.
+
+Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder
+mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission
+übernehmen wolle.
+
+Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell
+und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem
+Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese
+Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht,
+der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen:
+Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor
+er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke.
+
+Demütig sprach der Guardian: „Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber
+es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und....“
+
+„Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!“
+
+Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte
+Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in
+rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen
+Grenze.
+
+Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er
+warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen.
+Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war
+übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst
+auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine
+Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die
+Unschuldigen für den Vater?
+
+Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer
+Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur
+Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze
+und Geld verpacken.
+
+Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in
+den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten
+Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert
+ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten
+holen und ankleiden.
+
+So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte
+sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und
+von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte.
+
+Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten.
+
+„Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht,
+spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen
+Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins
+Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!“
+
+„Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die
+Flucht ergriffen werden?“
+
+„Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei!
+Rette dich und die Kinder!“
+
+„Und mein gnädiger Herr?“
+
+„Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!“
+
+„Dann ist es meine Pflicht auszuharren....“
+
+„Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!“
+
+Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu
+besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz
+niederkämpfend.
+
+In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt.
+Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile
+zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen
+verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach
+Golling abgeschickt.
+
+Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen
+Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick
+galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen
+Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den
+in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch,
+der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat!
+Ein Sturz von schwindelnder Höhe! — —
+
+Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller
+Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das
+Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe
+in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat
+und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug
+durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der
+Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof
+lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem „Türken“
+befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der
+Erzbischof unschädlich gemacht sei.
+
+Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an
+Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden
+war.
+
+Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner;
+wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der
+gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung
+des gefürchteten Herzogs.
+
+In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er
+sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg
+bitten, ihn zu besuchen.
+
+Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der
+Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange
+Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die
+Verhandlungen dadurch erleichtert werden.
+
+Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen
+zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu
+leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach
+er denn schmerzbewegt: „Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe,
+sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines
+Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!“
+
+Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht
+nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu
+erwarten.
+
+Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er
+verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der
+Kapuziner.
+
+Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum
+Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen
+die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten
+korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. „Daran geschehe ihm
+unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle.
+Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt,
+begehre derowegen Gnad und Verzeihung.“ — Das zweite Schreiben war an das
+Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner
+Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun,
+was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde.
+
+Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit
+sie leicht gefunden werden konnten.
+
+Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
+noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf
+und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
+Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
+Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
+Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten
+Kämmerern sprach: „Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen
+Herrn!“
+
+Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
+Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten.
+
+Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten
+Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
+Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
+schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde.
+
+Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor
+dem anrückenden Feinde.
+
+Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das
+zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden,
+und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln.
+Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen
+Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen,
+jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und
+Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog
+entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens
+des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun
+nach seinem Gefallen schaffen könne.
+
+Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der
+Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das
+Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang
+darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife,
+den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder
+zurückzubringen.
+
+Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof,
+einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen
+und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs
+einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels
+erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf
+Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25.
+Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter
+dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg
+aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte.
+
+Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber
+begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und
+Schützen, in Salzburg ein.
+
+Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig.
+Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten
+und durch den Profoßen verkünden: „Wenn sich ein Knecht ungebührlich
+halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß
+Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den
+lichten Galgen zu henken.“
+
+Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an
+der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen.
+
+Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben,
+ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den
+Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen „schönen
+Schreibkasten“ anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit
+bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte.
+
+Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während
+desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis
+betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen
+wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die
+großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten
+Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine
+Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem
+Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des
+geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von
+Erklärungen legitimiert erschien.
+
+Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den
+Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte
+von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der
+Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und
+seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels:
+der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden,
+wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit,
+aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu — resignieren.
+
+Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder.
+
+ * * * * *
+
+Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den
+Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg
+Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie
+glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser
+Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in
+rascher Flucht suchen!
+
+Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende
+Raben flogen über die Burg hinweg.
+
+Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes.
+
+Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille,
+traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte,
+als Hufgeklapper hörbar wurde.
+
+Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am
+Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
+begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des
+Erzbischofes zu Salome.
+
+„Ruh' in Frieden!“ flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann
+der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern.
+Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird?
+Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich.
+Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe
+Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.
+
+Weiter!
+
+Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die
+Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf
+Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige
+Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr
+von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des
+mißgünstigen Bergortes Schladming.
+
+Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den
+Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann
+ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise
+nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee
+und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war.
+Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte
+nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort,
+grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf.
+
+Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier
+genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu
+schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch
+wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer
+entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß
+zurück nach Salzburg reiten.
+
+Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten
+Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von
+Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite
+Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten.
+
+Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit
+wenigen Worten. „Ein schmerzlich Wiedersehen!“ meinte er unter bitterem
+Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen
+Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte.
+
+Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die
+Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende
+Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt
+nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden.
+
+So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in
+dem elenden Nest.
+
+Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte
+gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück
+nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über
+etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des
+flüchtigen Erzbischofs einzuziehen.
+
+In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück
+und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen
+Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und
+salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen
+und nach Salzburg einzuliefern.
+
+Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der
+Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester
+Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der
+Aufbruch.
+
+Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg.
+Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte
+salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben
+und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß
+vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein
+Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich
+an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen.
+
+Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck,
+es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde.
+
+Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war
+erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne.
+Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd
+fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren.
+
+„Die Ross' müssen getränkt werden!“ erklärte der für den Troß
+verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem
+Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu
+Schanden reiten lasse.
+
+Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und
+gab Befehl zum Tränken der Rosse.
+
+„Im Sattel bleiben!“ rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante.
+
+So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die
+Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte.
+
+Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja
+einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen
+ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen
+Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den
+Katschberg.
+
+Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel,
+ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht
+bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen.
+
+Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur
+schleunigsten Flucht.
+
+„Rottmayer an die Spitze!“ befahl der bleichgewordene Fürst.
+
+Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und
+erklärte höhnisch: „Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich
+bin hier nicht mehr Euer Diener!“
+
+Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen,
+doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts.
+„Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!“ schrie der besorgte
+Bruder.
+
+Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren
+und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch
+die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte
+sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische
+Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen.
+
+„Halt!“ rief Hercelles und hob die Schußwaffe.
+
+Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem
+sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den
+Troß mit blank gezogenen Pallaschen.
+
+„Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!“ rief Rittmeister
+Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab.
+
+Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine
+Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis
+der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr.
+
+Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und
+überreichte es Hercelles mit den Worten: „Nun ist alles verloren! O
+Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott
+der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das
+Rappier, ich bin Euer Gefangener!“
+
+„Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es
+zurück nach Moosheim!“ sprach Hercelles.
+
+„Ich gehorche!“ erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt
+nach vorne sinken.
+
+Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden
+ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie
+die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur
+willkommenen Beute.
+
+Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte
+aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei
+und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden
+würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt
+zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt.
+
+Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als
+Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen
+Raittenau für „vogelfrei“ erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem
+Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden.
+
+Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden.
+Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über
+den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert
+und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen.
+
+Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome
+mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch
+konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer
+Verbringung erfahren.
+
+Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter
+Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach
+mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten
+Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde.
+
+Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und
+überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens.
+
+Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem
+Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge
+seines Amtes als Kerkermeister waltete.
+
+ * * * * *
+
+Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in
+Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß
+Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten
+Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit
+bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche
+beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den
+Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß
+es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung
+Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände
+und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog
+geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an
+den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß
+der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei,
+daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere.
+Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine
+Truppen auf bayerisches Gebiet zurück.
+
+Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen
+könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten.
+Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen
+eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner
+Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden.
+
+Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu
+geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den
+Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und
+Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus.
+
+Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und
+Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen
+zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst
+ein.
+
+Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof
+rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl
+hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen
+Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg
+zurückfahren.
+
+Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach
+München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne
+Zuspruch gefangen in Hohenwerfen.
+
+Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen
+mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof
+Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der
+Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht
+und dem Kapitel ausgefolgt werden.
+
+Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring,
+v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet,
+die alsbald — es war der November ins erregte Land gezogen — nach Werfen
+übersiedelten.
+
+Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau
+und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit
+Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach
+vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden.
+
+Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab;
+später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern
+blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren
+beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen.
+
+Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz
+wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der
+Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen
+Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle
+Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte.
+
+An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im
+Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die
+Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz
+totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart
+umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten
+Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und
+begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch
+hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch
+nur mit wenigen Worten.
+
+Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort
+nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: „Ein Wort zuvor!
+Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?“
+
+Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln.
+
+„Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von
+Resignation ich nimmer hören!“
+
+Zögernd sprach Graf Lodron: „In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden
+Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher
+muß die Haft bis dahin währen!“
+
+Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: „Nimmer werd' ich
+einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das
+den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!“
+
+Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm
+der Stimme des Gefangenen.
+
+Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung
+eines bayerischen Büttels.
+
+Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender
+Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem
+Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen
+werden würde.
+
+Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: „Wollt selbst die Büttelwach' Ihr
+halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem
+Anblick!“
+
+Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen.
+Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg
+weile.
+
+Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den
+Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen.
+
+Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte,
+ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines
+Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem
+Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben
+dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und
+Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum
+Gefangenen erhielt.
+
+Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu
+bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den
+mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein
+zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten
+Landesherrn.
+
+Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum
+Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich
+ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und
+kleinmütig.
+
+Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf
+Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger
+zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor
+seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim
+Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte
+und nach Rudolf und Salome fragte.
+
+Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach
+Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die
+Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein
+wird.
+
+Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der
+Kinder gehalten werden solle.
+
+Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur
+bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation.
+
+In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und
+schluchzte.
+
+Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren
+Entschluß gefaßt und sprach: „Wohlan! Ich will die Urkund'
+unterzeichnen! Führe mich!“
+
+Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen
+Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen
+Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des
+Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten.
+
+Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit
+sei zur Anhörung der Urkunde.
+
+Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken.
+
+Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen
+Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau
+freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2.
+soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß
+gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von
+Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer
+jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch
+besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt
+des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße
+Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen
+dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen
+demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des
+Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden
+sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das
+Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll
+auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was
+vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles
+dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung
+kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach,
+bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen
+durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden;
+11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß
+dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als
+bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit
+und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern
+vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht
+werden.
+
+Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren
+Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst
+wehmutsvoll. „Und was wird aus meiner Gemahlin?“
+
+Kalt erwiderte Lodron: „Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge
+tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist.“
+
+Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen
+Körper, er rang nach Atem und Entschluß.
+
+Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt.
+Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem
+entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich
+hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück.
+
+Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und
+Feder.
+
+Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf
+und trat an des Erzbischofes Seite.
+
+Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem
+verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer — dann ergriff
+der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter.
+
+Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung.
+
+Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um
+Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder.
+
+Kühl erwiderte Graf Lodron: „Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt
+werden!“ Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: „Die Kommission hat
+zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen.“
+
+Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen
+Augenblick zu verweilen.
+
+„Was soll noch geschehen?“ rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus.
+
+„Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung
+Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc
+liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!“
+
+Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses
+Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome
+zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine
+Fürsorge galt nur Salome und den Kindern.
+
+Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine
+finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken.
+
+Herleberg trat in den Saal und fragte: „Sind die Herren fertig?“
+
+Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des
+Gefangenen in den Kerker.
+
+Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte,
+nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von
+gleichmütigen bayerischen Soldaten.
+
+Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene
+harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden
+malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und
+den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch
+Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände,
+der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde
+an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog.
+
+Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der
+Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser
+sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer
+Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe.
+
+Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht
+erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten
+gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg
+hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein
+bayerischer Offizier bereits saß.
+
+Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der
+Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl
+bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den
+Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste
+Hohensalzburg.
+
+Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf
+Dietrich in einer bitteren Vorahnung.
+
+Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der
+ersten Reichsfürsten.
+
+Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines
+abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst
+zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag,
+die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt.
+
+Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf
+Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof.
+Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser
+umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach
+der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen
+und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen
+Erzbischofes zu schreiten.
+
+Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der
+bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner
+Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über
+des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte.
+
+Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift
+gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles
+Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit
+Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das
+Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf
+Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen.
+Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der
+katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet
+Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt,
+dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte
+mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die
+Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und
+Apostaten.
+
+Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche
+durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen
+hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die
+Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille
+untersuchen.
+
+Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht,
+Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2.
+die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht
+vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe.
+
+Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet
+haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg
+zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus
+entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion
+ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um „diesen Mann“
+beiseite zu schaffen.
+
+Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf
+Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels
+verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan
+schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz
+regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur
+Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei.
+
+Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein
+mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg
+gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher
+Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige
+Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen.
+
+Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein
+Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die
+Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum
+dicht besetzt.
+
+Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in
+diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst
+drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt.
+
+Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als
+Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde
+vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf
+die Brust zu legen.
+
+Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der
+Nuntius gelobte.
+
+Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof
+nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben.
+
+Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine
+waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles
+verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die
+Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden.
+
+Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur
+Veste.
+
+Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum
+Sommer freilassen werde.
+
+Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte
+in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen
+nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich
+zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe
+ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr
+kommen müßte.
+
+Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur
+Freilassung kam nicht.
+
+Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster
+Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die
+heilige Schrift und das Brevier gelassen.
+
+Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein
+menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten
+und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich.
+
+In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im
+Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache
+eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche
+Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und
+Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage
+erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum
+Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine
+Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant.
+
+Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den
+Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische
+Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um
+Beförderung zur Post.
+
+Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt,
+die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben
+Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof
+erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines
+größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen
+Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem
+Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung.
+Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene
+Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert.
+
+Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der
+Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit
+dem Gefangenen.
+
+Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg
+abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste.
+
+Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den
+Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die
+Gefangenschaft wurde nun — verschärft.
+
+Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung
+gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die
+Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und
+die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den
+Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst
+und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg.
+Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst
+wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den
+apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren
+sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die
+großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen
+Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten.
+
+So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu
+ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends
+apathisch gemacht oder aufgerieben sei.
+
+Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit
+Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte
+eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und
+Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine
+Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe.
+
+Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim
+Alten.
+
+Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen
+letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun
+befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens
+die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden.
+
+Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die
+Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom
+geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich
+überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag.
+
+Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen;
+man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln
+und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen.
+
+Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den
+Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine
+Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte
+sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den
+Paulinischen Briefen.
+
+Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und
+ein Steinleiden.
+
+Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist
+Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den
+Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen.
+
+Es hatte ausgelitten Celsissimus!
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Eierspeise.
+
+[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert
+auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871.
+
+[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde
+XII, 1872.
+
+[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf
+zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen
+der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu
+ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns
+und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des
+Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von
+lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen
+Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr
+und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck.
+Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des
+Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die
+Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte,
+bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder
+zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs
+gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt
+teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des
+Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche
+zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur
+Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, „Wolf
+Dietrich von Raitenau“ München 1886. Rieger.)
+
+[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges.
+
+[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die
+Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten
+war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben.
+
+[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder
+angeworben werden. Sie „garteten“, d.h. bettelten u.s.w., und wurden
+„Gartbrüder“ genannt.
+
+[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die
+deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg.
+
+[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen,
+besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der
+alten Steinhauserschen Chronik „Diser Erzbischoff kan und mag auch
+billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit
+allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern
+auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich
+spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten
+zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl
+armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller,
+andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen
+und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben.
+Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten
+haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das
+Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen
+Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis
+insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch
+wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und
+genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach
+gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit
+etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein
+und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue
+geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch
+die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und
+genossen.“
+
+[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der
+Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors
+Kaiserl. Rat Dr. A. Petter.
+
+[11] Gerhab = Vormund
+
+[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung,
+daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle!
+
+[13] Keuche = Gefängnisort.
+
+[14] So meldet der Chronist Steinhauser.
+
+[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals
+86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine
+Kufe hielt 130-148 Pfund.
+
+[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk „Wolf Dietrich“, München
+1886. — Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an
+den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe,
+nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von
+Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden
+veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger.
+
+[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form
+aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf
+Dietrichs „Mirabella“ genannt.
+
+[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch
+einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen
+Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen
+ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von
+Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war
+holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit.
+Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin
+durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk
+vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die
+Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg
+erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III.
+
+[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs
+Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg
+vollständig und historisch getreu renovieren.
+
+[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard
+von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den
+Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit
+und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen
+Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS ***
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Celsissimus
+
+Author: Arthur Achleitner
+
+Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS ***
+
+
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+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+Celsissimus.
+
+
+
+Salzburger Roman
+
+
+
+von
+
+Arthur Achleitner.
+
+
+
+Berlin.
+
+
+Alfred Schall,
+
+Königliche Hofbuchhandlung.
+
+Verein der Bücherfreunde.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.
+
+Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit
+denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16.
+Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der
+damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines
+Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
+erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen
+Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche
+Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.
+
+In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
+Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des
+Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
+der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates,
+Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen
+mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der
+Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.
+
+Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
+sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
+unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne
+Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird.
+
+München, im Herbst 1900.
+
+Der Verfasser.
+
+
+
+
+1.
+
+
+Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
+glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert
+werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
+in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles
+aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich
+zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese
+hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
+Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
+kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden
+Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man
+männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
+Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
+einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
+Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht
+bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen
+kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
+keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
+den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem
+Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige
+Feste verstehen.
+
+So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
+in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
+jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.
+
+Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
+kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter
+Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte
+die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
+werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen
+grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener
+Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult
+durch viele Reisen in Italien und Griechenland; "Vater Puchner", der
+Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten
+Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten
+besorgen und die Anleit zum Balle geben.
+
+Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der
+Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
+großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine
+besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche
+Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht
+nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste
+herauszuputzen.
+
+Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren
+der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und
+erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
+sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig
+parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den
+vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
+bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
+daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
+wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
+auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
+kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese
+schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien,
+hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn
+der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen
+Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht,
+und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es
+erlaubt und wessen der Inhalt sei. "Was man hat, besitzt man!" gröhlte
+ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.
+
+Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser
+logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
+wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu
+beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
+aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
+Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
+senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
+Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein
+herniederrieselten.
+
+Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
+Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten
+Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man
+nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
+lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
+Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
+Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte
+die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
+Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte.
+
+Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
+in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie
+die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur
+Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
+wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank
+der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
+ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der
+schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle
+reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen
+muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die
+Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
+Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
+Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
+die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu
+drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
+ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen.
+Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten
+blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
+silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
+Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit
+golddurchwirktem Tuch.
+
+"Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der
+Bürgermeisterin gebührende Reverenz.
+
+Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst
+verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: "Salome! Wie eine Fürstin
+siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
+fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!"
+
+"Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater
+ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!"
+
+"Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das
+ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat
+mein Ahnl schon gesagt!"
+
+"Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die schöne Salome, "ich
+habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
+die anderen Frauen ich begrüßen!"
+
+Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den
+Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der
+hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln
+begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
+besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
+Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die
+köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer
+bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne
+hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
+opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
+"Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
+sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
+Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat
+besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
+dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!"
+
+Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
+Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. "Die Pest
+hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
+das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und
+die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!"
+
+"Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
+städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
+Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!"
+
+"Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen,
+dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu
+eben erwarteten Landesfürsten. "Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere
+Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten
+Herrn!"
+
+Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
+unbekümmert los: "Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
+Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich
+will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die
+Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das
+Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
+Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!"
+
+Bestürzt rief Rat Thalhammer: "Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den
+Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns
+entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!"
+
+Grimmig pfauchte Lechner: "So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es
+staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen
+Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem
+geckenhaften Junker!"
+
+Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
+Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
+Landesherrn anzublasen.
+
+Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf
+stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der
+Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein
+zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
+Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
+den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem
+Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
+Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging
+von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
+an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
+atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
+an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum
+Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und
+lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann "geschwinden
+Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner
+Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
+seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden
+Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen
+beherrschte.
+
+Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
+liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
+Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
+geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von
+Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
+zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau
+liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden,
+wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
+Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
+Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und
+stürmisch auf zu Rom wie--verspürbar allenthalben zu Salzburg.
+
+Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
+Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
+in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst
+Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu
+heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle
+Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte.
+
+Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den
+Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
+als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.
+
+"So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
+in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück
+hat...."
+
+"Will nicht hoffen! Liebe 'zitternde' Häuser nicht! Soll ich aber den
+Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch
+lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit
+seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich
+schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da
+drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche
+Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
+die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im
+Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der
+Stiegenmauer.
+
+Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter,
+dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
+überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich:
+"Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
+die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und
+Frauen soll man niemals warten lassen!"
+
+Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des
+Frauenwartegemaches und sprach: "Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die
+Damen bitten, in den großen Saal zu treten!"
+
+Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich
+wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen
+schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht.
+
+"Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die
+verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor
+dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
+einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft
+bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
+verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: "Geh
+du voraus, dein Kleid verträgt es!"
+
+"Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen
+Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die schöne Salome, und
+schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
+nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund
+nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht.
+
+Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für
+das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
+in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und
+lebhaft rief der Fürst: "Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des
+Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
+entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
+zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf.
+
+"Hochfürstliche Gnaden!" stammelte überrascht die schöne Salome und
+wollte die Hand zurückziehen.
+
+"Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg
+Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
+geruhen, das Fest zu eröffnen!"
+
+Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
+Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend
+schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist,
+und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen
+runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den
+Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten
+Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem
+sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
+Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
+Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der
+neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen,
+sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren
+und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da
+doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so
+schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
+fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist,
+hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
+wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
+Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
+viel Perlen zu tragen!
+
+Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
+als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
+Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch
+dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der
+junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so
+plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
+gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel
+gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
+Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die
+Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
+Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die
+Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen
+Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die
+Tochter aus dem Arm zu reißen.
+
+Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
+Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
+Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
+stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
+Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige
+Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze
+Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß,
+welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem
+Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
+Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
+ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur
+für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit
+ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn
+solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt
+als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe,
+alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen,--der
+Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich
+fester auf den Arm des Schwagers.
+
+Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker,
+auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
+aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
+gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
+viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und
+sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister
+wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
+sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des
+Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit,
+hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche
+Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte:
+"Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der
+alten Schachtel hinterdrein zu laufen!"
+
+Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit
+heiserer Stimme: "Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein
+spanischer Junker!"
+
+Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte
+schluckend heraus: "Fein--wird--'s im E--e--er--z--st--st--stift!"
+
+Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
+der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und
+sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter
+Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: "Lieber Alt! Niente
+di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure
+Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in
+persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt
+mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich
+ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg,
+dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber
+Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen,
+doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin
+verbleibe!"
+
+Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
+Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen
+Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der
+Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche
+Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
+denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
+verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. "Hochfürstliche
+Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun muß einen
+Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte.
+
+Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: "Ihr seid also nimmer
+ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn
+des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
+Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade
+ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
+ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!"
+
+Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
+Bürgermeisters unter.
+
+"Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
+dem darob die Ohren sausten.
+
+Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende
+Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein
+Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in
+lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
+Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht
+hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre
+Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
+verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte,
+lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der
+Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau
+bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
+wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte.
+
+"Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!" flüsterte Wolf Dietrich,
+als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte.
+
+"Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in
+unverdientem Maße!" erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die
+Lider.
+
+"Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
+vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
+gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde
+trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!"
+Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
+seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
+Bedienung der Dame.
+
+Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
+Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
+Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten
+placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
+die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern
+Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und
+Ehrengastes.
+
+Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
+Tischgenossin gewendet: "Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
+einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
+Palazzo geführt?"
+
+Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
+lispelte: "Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich
+in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
+muß zum Einhub die Tochter kommen."
+
+"So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!"
+
+Salome nickte.
+
+"Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
+Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?"
+
+Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
+genommen habe.
+
+"Und die Mutter?"
+
+"Die Teure ist seit langem uns entrissen!"
+
+"Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
+wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in
+seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
+bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm
+Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender
+Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann
+kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich,
+mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
+Handelsherrn zu: "Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet
+ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und
+den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes
+zur Partnerin zu haben!"
+
+Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
+Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
+der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
+als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe
+und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein
+zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch
+zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
+wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache.
+Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und
+ehrerbietig, aber fühlbar frostig.
+
+Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den
+Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch
+weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
+Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich,
+lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: "Wir danken
+Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
+länger entziehen!"
+
+Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
+ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige
+Herr gesprochen. "Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
+ist daran schuld!" fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm
+Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: "Einen Hopser will
+er später mit Euch machen!" Frau Alt schien das Geflüster doch
+vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
+heraus: "Nicht möglich?" Das klang so drollig, daß auch Salome ein
+Kichern nicht unterdrücken konnte.
+
+Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang:
+"Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach
+zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: "Nun wir die linde Speise
+hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
+was die Herzen meiner Salzburger beweget."
+
+Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
+bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem
+Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe
+schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
+Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare
+Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte.
+
+Ludwig Alt traute aber der "linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht
+völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
+namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
+auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: "Wenn wir in schuldiger
+Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das
+Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen
+hätten!"
+
+Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
+hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er
+die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: "Wie meint Er das?"
+
+"Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
+noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
+getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen
+Behörde übertragen wurde, und--"
+
+In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
+in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder
+warnend auf den Fuß.
+
+"Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.
+
+Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und
+im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: "Und diese Exekutive
+erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist
+und nichts zu sagen hat!"
+
+Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
+erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der
+nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe.
+
+Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch
+sprach er: "Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
+zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!"
+
+Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: "Verstattet
+gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!"
+
+Überrascht rief Wolf Dietrich: "wie? Majestät Schönheit will sich ins
+Gebiet der Politik begeben?"
+
+"Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in
+den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
+Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im
+Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
+Ein Weib--"
+
+"Ein fürstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
+schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.
+
+Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: "Ein Weib
+versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
+Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
+kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen
+beeinflußt ist."
+
+"Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Fürst amüsiert.
+
+Tapfer behauptete Salome: "Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben,
+daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
+beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
+meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
+bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber
+hinaus."
+
+"O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die
+Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen
+Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
+holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
+kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!"
+
+"Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch,
+gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe--"
+
+"Hört ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, "so
+spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen
+Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine
+Freud' und Lust, Herr zu sein!--Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
+mag!"
+
+"Mein Ohm," erwiderte Salome, "der allverehrte Bürgermeister hat es
+ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel
+genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu
+bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
+nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite
+des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!"
+
+Galant erwiderte Wolf Dietrich: "Schönheit adelt und erhebt!"
+
+"Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren,
+das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei
+engelschön sein!"
+
+"Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!"
+schmeichelte der Fürst, und fügte bei: "Doch Eure Prämisse stimmt nicht:
+Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von
+niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur
+nicht von Adel!--Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht
+richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter
+Sache?"
+
+"Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein
+gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen
+sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem
+leisesten Befehl des Herrn!"
+
+Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis
+Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub:
+"Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die
+Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses
+mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!"
+
+Salome wagte einen legten Versuch: "Verzeiht mir, hoher Herr! Die
+Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme
+zugestimmt!"
+
+"Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die
+Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne
+Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge
+Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht
+aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne
+Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung
+war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die
+Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den
+früheren Rechten zurückzuerlangen!"
+
+"Und täuschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und
+richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge.
+
+Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf
+Dietrich kein schroffes, wahres "Ja" zu sagen, er griff zu Worten der
+Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit
+zusicherte.
+
+Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah
+dieses Wölkchen sofort. "Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden
+Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer
+Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die
+bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir
+ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus
+auch! Und damit dixi!"
+
+Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu
+thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: "Muß der Bürger und
+Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!"
+
+Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort "zahlen"
+verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche
+Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von
+bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein
+Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen
+ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den
+Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das
+sei nur in der Ordnung.
+
+"O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt.
+
+"Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint,
+sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch
+zahlen, der Fürst hat da ganz recht!"
+
+Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen,
+und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen
+Fürsten in rosige Laune. "Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden
+den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und
+Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten."
+Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: "Will die Wolke nicht weichen
+von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der
+Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den
+Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl
+Eurer Gnade!"
+
+Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten
+sich zu leisem, gutmütigem Spott: "Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir
+schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der
+Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen
+Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!"
+
+"Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte
+von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit
+Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave
+möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!"
+
+Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome:
+"So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die
+Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche
+Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu
+dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!"
+
+"Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter
+Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der
+unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum
+Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben
+sei.
+
+"Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen,
+gehört--Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die
+unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.
+
+"Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Fürst.
+
+"Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte
+meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, "der gute Ohm wollte
+sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel
+gewünschter Edelwein vorhanden sei!"
+
+Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen
+Tischgenossin: "Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir
+können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!"
+
+"Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?" spottete
+Salome.
+
+"Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten
+gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend
+will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische
+Alter!"
+
+Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der
+Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte
+Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf
+Dietrich stieß mit Salome an: "Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen
+dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe
+und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute
+eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe
+Salzburgs holdeste Mädchenblume!"
+
+Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der
+Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.
+
+"Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?"
+flüsterte Wolf Dietrich.
+
+Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd
+sprach sie: "Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend
+wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der
+Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im
+Erdreich, in dem nur ich gedeihe!--"
+
+"Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Fürst.
+
+"Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.
+Hochfürstlichen Gnaden und--"
+
+"Und?"
+
+"Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!"
+
+"Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade
+und--"
+
+"Und?"
+
+"Und Liebe!" flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen
+flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte.
+
+Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden,
+doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet,
+daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch
+Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem
+Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister
+auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei
+sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und
+zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich,
+des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die
+Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall
+gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des
+Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben
+jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung
+bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2]
+Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und
+hatte angeordnet, daß zum "Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand
+solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am
+meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde.
+
+Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft
+und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft.
+
+Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles
+herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und
+sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch
+ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes
+legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach
+nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie
+ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von
+einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen
+Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen
+nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den
+überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just
+recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den
+Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt,
+und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin.
+
+Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig
+wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr
+doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele
+zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den
+Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der
+neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung.
+
+Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die
+Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und
+enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: "Der
+kennt alles!"
+
+Und Wilhelm raunte zurück: "Stimmt! Der wird uns in allem über!"
+
+Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und
+dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn
+der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf
+Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. "Meine Salzburger lieben den
+süffigen Wein!" meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich
+beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte,
+denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen
+Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar.
+
+"Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?"
+
+"Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet
+auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom
+Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus
+Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus
+Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von
+Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und
+Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und
+dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero
+unterthäniger Knecht!"
+
+"Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel
+der schweren und teuren Weine trinken!"
+
+Voreilig sprach Ludwig Alt: "Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn!
+Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so
+viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten
+Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut
+und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern
+lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem
+Weinteufel!"
+
+"Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu
+steuern?" fragte der Landesherr.
+
+"Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten
+kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!"
+
+"So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß,
+ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu
+publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den
+Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!"
+
+"Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach
+Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich
+berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht
+auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen
+zusprachen.
+
+"Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt!
+Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die
+Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?"
+
+Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte
+schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren
+Körper, bebenden Tones erwiderte sie: "Wie sollt' ich je in solche Lage
+kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach
+Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will
+ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier
+in dumpfer Kemenate!"
+
+"So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?"
+
+"Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die
+gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne
+heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns
+einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die
+uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren
+von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt
+zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom."
+
+"Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche
+Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram
+herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die
+feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die
+Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur
+staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon
+einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und
+warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum
+der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten
+Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe
+Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich
+die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen!
+Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!"
+
+Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte
+beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof,
+sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit
+Salome noch gesprochen. "Ich sehe Euch bald wieder!" flüsterte er dem
+schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen
+geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der
+Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten.
+
+Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in
+formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher
+Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest
+und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den
+Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich
+von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach
+allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und
+Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten.
+
+Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube
+zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen
+Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein
+Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten
+gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst
+fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen
+zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele
+Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar
+ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat
+Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die
+Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.
+
+Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen,
+nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme
+Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren
+einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt,
+den Damen die Leuchte vorauszutragen.
+
+Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten
+Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der
+Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen
+Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der
+Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden
+auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß
+Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe
+Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige
+Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte:
+
+"Die Schlanke ist's! Schnell!"
+
+Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward
+von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen
+herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu
+weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die
+entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre
+Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle
+menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht
+schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen
+von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?
+
+Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus
+seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der
+Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse.
+"Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er.
+
+"Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist
+verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!"
+kreischte verzweifelnd Frau Alt.
+
+Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr
+mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als
+wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen.
+
+"Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister,
+vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die
+Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein
+schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!"
+
+Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie
+mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im
+Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die
+Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und
+verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu
+fassen und rief immer wieder: "Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer
+stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!"
+
+Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen,
+wer immer der Mädchenräuber sein möge.
+
+Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause
+verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch
+nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie
+ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach
+erleuchteten Gassen Salzburgs.
+
+Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter
+Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und
+hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer
+Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten
+Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre
+Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein
+furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten
+Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig
+festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
+höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom
+Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
+zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
+Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.
+
+Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu
+Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen,
+treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im
+ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
+schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung.
+
+Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung
+unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
+Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
+geheimnisvoll gesprochen ward.
+
+Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
+näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines
+Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem
+Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
+selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein
+und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien,
+die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
+vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
+der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte
+kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
+Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
+an. "Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in
+meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?"
+
+Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
+ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
+Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not.
+
+"Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
+einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Fürst.
+
+"Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
+warten, derweil stirbt mir der Mann!"
+
+In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er
+nach dem Begehr des armen Weibes.
+
+"Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
+der fürstlichen Kuchel...."
+
+"Ist jemand schwer krank bei dir?"
+
+"Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!"
+
+"Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?"
+
+Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am
+üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
+können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in
+später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen
+Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das
+gemeine Volk.
+
+Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
+augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
+verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte
+sich der junge Fürst zum Kämmerer: "Du besorgst, was ich dir befohlen.
+Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen
+nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!"
+
+Der Kämmerer wagte zu sagen: "Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und
+schlecht der Weg hinan zum Berg!"
+
+"Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten
+Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
+Beine!"
+
+Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen
+schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute
+Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte
+des Elends.
+
+Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster
+noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
+nach Luft und Fassung schnappend.
+
+Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf
+Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den
+an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf
+einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
+gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.
+
+Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
+die Arme zum Fürsten empor: "Habt Dank, o Herr, und helft in größter
+Not!"
+
+"Schrecklich!" flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, "dieweilen man prasset
+am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen
+Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die
+inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein
+Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht
+ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie
+Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse.
+
+Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile,
+frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
+kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht.
+
+Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
+für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er
+einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
+ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen
+Fürsten.
+
+In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
+seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu
+fragen begann: "Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?"
+
+In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: "Es ging alles nach
+Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst,
+als alles längst vorüber und verschwunden war."
+
+"Und hier?"
+
+"Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
+bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt."
+
+"Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?"
+
+"Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!"
+
+"Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die
+Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
+Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
+stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling
+bis nach Kärnten."
+
+"Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?"
+
+"Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein!
+Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du
+bewachst deren Thür selbst!"
+
+"Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero
+treuer Diener wird wachen und sorgen!"
+
+Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war
+unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
+Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre
+dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
+vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß
+des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]:
+
+ "Thuerhuetter.
+
+ Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
+ auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer
+ lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß
+ personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte
+ officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
+ sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem
+ andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
+ anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
+ stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
+ einander vnderweilen abwexlen."
+
+Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten
+gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
+Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
+Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige
+Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
+denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu
+unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
+Kämmerlingen gelassen werden dürfe.
+
+Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
+hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
+ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde.
+
+Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
+Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
+das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar
+kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der
+reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
+totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso
+das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam
+zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
+erfolgen könne.
+
+Alt erwiderte barsch: "Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
+dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich
+augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!"
+
+"Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
+gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
+zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
+Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir
+befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!"
+
+"Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte
+noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die
+Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
+kaum mehr werden!"
+
+Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und
+der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen.
+
+Alt rief: "Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt
+keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!"
+
+"Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
+regierenden Fürsten!"
+
+"Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht,
+schlimmer denn wie im welschen Reich!"
+
+Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
+Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
+Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. "In welchem
+Betreff soll ich Euch melden?" "Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
+schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne
+stark und lang genug sei!"
+
+Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren
+Apartements.
+
+Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
+Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: "Was
+soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!"
+
+"Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein
+außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub--der Handelsherr Wilhelm Alt--"
+
+"Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
+Maße aufgeregt?"
+
+"Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe,
+den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
+ermöglichet"
+
+"Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
+war ja zu erwarten!"
+
+Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich
+erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte
+er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts
+vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.
+
+Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende
+Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich
+nimmer meistern, heiser rief er: "Wo ist meine Tochter?"
+
+Kühl erwiderte Wolf Dietrich: "Wie soll ich das wissen? Was ist
+geschehen, was wollt Ihr von mir?"
+
+Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
+klangen seine Worte: "Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener
+Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!"
+
+"Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem
+Fürsten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg.
+
+"Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und
+wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
+Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
+Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
+Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr
+verhalten, Euer Eid lastet darauf!"
+
+"Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
+gehört zu Füßen seines Herrn!"
+
+"Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater.
+
+"Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!"
+
+"Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
+fordere ich von Euch!"
+
+"Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab,
+das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte
+Worte mehr vernehmen!"
+
+"Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
+um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
+Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
+den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß
+gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!"
+
+"Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?"
+
+Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: "Ihr wißt um Salome!
+Es kann kein Zweifel sein!"
+
+"Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die
+erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
+Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner
+Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des
+längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
+Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen
+Sippen!"
+
+"Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
+seiner Priester!"
+
+"Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!"
+
+"Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
+trüben mir den Sinn!"
+
+"Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!"
+
+"Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu
+meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt
+wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der
+Wirkung!"
+
+"Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
+Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
+in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu
+erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
+unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
+keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!"
+
+"Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
+rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!"
+
+Wolf Dietrich flüsterte: "Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das
+Bürgerpack!"
+
+"Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
+Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
+zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!"
+
+"Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
+Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
+aufgeblasenen Bürgerstolz?!"
+
+"Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!"
+
+"Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
+drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen
+ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
+Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
+Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
+gesehen!"
+
+"Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte
+im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. "Nun werd' ich
+irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre!
+Fluch!"
+
+Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
+Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des
+Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum
+Nächtigen dienten.
+
+In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf
+Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich
+erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit
+der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten
+anzunehmen.
+
+Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: "Eine Gefangene hat keinen
+Willen!"
+
+Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
+Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin
+Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
+Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach:
+"Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!"
+
+Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
+Gemaches. "Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
+mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse
+wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?"
+
+Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen
+Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des
+Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: "Mit welchem Recht? Erlaubet
+mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
+erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure
+Gunst!"
+
+"Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
+Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
+verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!"
+
+"Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
+verdammet!"
+
+"Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
+gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
+schwergekränkten Vater!"
+
+"Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie
+sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
+auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
+Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
+zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
+so er Euren Sinn verletzt!"
+
+"Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und
+Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!"
+
+"Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich
+verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei:
+offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche
+Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
+Worten!"
+
+"Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin
+bereit zu hören!"
+
+"Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
+gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der
+Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
+Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
+wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir!
+Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß
+südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
+Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
+für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
+dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt,
+die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
+kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das
+schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr
+sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und
+Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
+beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt
+Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
+halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir
+schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
+soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes!
+Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht
+und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
+Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens:
+Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?"
+
+Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome
+in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
+den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
+schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein
+Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
+strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. "Es kann
+nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
+schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!"
+
+"Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort,
+hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite,
+seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein
+stiftisch Land!"
+
+Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine
+Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin,
+ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk,
+reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg
+groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu
+handeln nach eigenen Gedanken!--"Es kann nicht sein!"
+
+"Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?"
+rief erregt der feurige Fürst.
+
+"Es kann nicht sein, o Herr!--Euer Kleid--"
+
+"Wie?"
+
+"Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der
+Geistlichen muß--unbeweibt verbleiben wie der höchste--!"
+
+"Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
+Klerus meines Landes ungepönt gethan?!"
+
+"So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben
+Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
+verbotene Ehe?"
+
+"Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech'
+das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
+ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!"
+
+"Laßt mich zum Vater!" rief erregt Salome.
+
+"Solch' Antwort vermag ich nur als 'nein' zu deuten, und niemals kehrt
+Salome zu mir zurück!"
+
+Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
+zum Fürsten und rief ihm zu: "Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
+Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
+ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!"
+
+"Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
+Wiederkehr der--Fürstin!"
+
+Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
+Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie
+auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der
+Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
+geraubte Mädchen völlig frei zu sehen.
+
+Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
+in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu
+Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei.
+
+Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
+Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da
+Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
+Jubelruf eilte sie in seine Arme. "Vater, lieber Vater!"
+
+"Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!"
+
+Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der
+verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
+hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
+Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.
+
+Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: "Ist dir kein Leids
+geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
+Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!"
+
+"Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!"
+
+"Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!"
+
+"Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
+schlimmen That!"
+
+"Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
+die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er
+soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!"
+
+Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.
+
+"Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder
+unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden
+meiner Tochter sonst so heller Verstand?"
+
+Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt
+forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte.
+
+"Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein
+Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
+verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der
+ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
+Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
+furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
+meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir
+gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend
+giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn
+dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
+bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
+Ehren sterben, als--ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich
+lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!"
+
+Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
+Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen.
+
+"Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
+der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher
+Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
+ihm und dir! Mein Fluch--"
+
+"Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
+erscheinen lassen könnte!"
+
+"Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
+Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters
+Haft und Gewalt?"
+
+"Ja, aber--"
+
+"Ich brauch' dein 'aber' nicht und weiß genug! Die Schande ist
+eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste
+Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach,
+ich will meine Rache haben und mein--"
+
+"Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt,
+makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt
+gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!"
+
+"Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt
+eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
+hat er sonst gesprochen?"
+
+"Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
+mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
+zurückzuweisen--"
+
+"Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?"
+
+Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: "Ich konnt'
+die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur
+Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben...."
+
+Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones
+rief Wilhelm Alt: "Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert
+sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens
+Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das
+Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug
+davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
+wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
+zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
+dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
+aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
+Niemals!"
+
+Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb
+Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
+Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt
+das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? "Ich weiß es nicht!" flüsterte
+Salome, "ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
+geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
+ich zu gehen habe!"
+
+Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie
+nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die
+Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
+sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
+Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung
+fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des
+Landes und Volkes,--und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
+Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört
+seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor
+Schmerzen.
+
+Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee
+herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
+Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er
+schien Salome meiden zu wollen.
+
+Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht
+zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber
+wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein "nein"
+den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag
+abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der
+Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
+Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
+beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten
+Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn
+gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden?
+
+Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
+der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
+Gemach und rief: "Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
+Bist du hier?"
+
+"Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!"
+
+"Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
+Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
+dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem
+Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome!
+Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei
+gelobt, daß wir dich wieder haben!"
+
+Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und
+geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
+Sitzplätze dienten.
+
+"Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!"
+
+Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick
+und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.
+
+"Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus.
+
+"Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?"
+
+"I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so
+huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für
+unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!"
+
+"Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen
+Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
+von Schande!"
+
+"Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf!
+Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder
+sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
+da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine
+Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr
+und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
+mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
+Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
+ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes!
+Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom
+könnten in Beziehung kommen!"
+
+"Was kümmert mich der Papst!"
+
+"Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
+und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!"
+
+"Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das Mädchen.
+
+"Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst?
+Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
+sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!"
+
+"Er kam am andern Morgen und--o Gott, das ist es ja, was mich so
+unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!"
+
+Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste
+gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und
+drang auf eine völlige, genaue Beichte.
+
+Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
+auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
+erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen
+und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu
+erheben.
+
+"O diese Ehre!" stammelte in maßloser Überraschung die Muhme.
+
+"Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!"
+
+"Das faß' ich nicht!"
+
+"Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist
+empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden
+an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort
+sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!"
+
+"Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es
+genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
+ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
+verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig
+genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
+eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
+gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
+dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun,
+mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs
+Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
+dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?"
+
+"Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
+Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!"
+
+"Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?"
+
+"Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er
+einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
+ich unglücklich! Doch lieber sag' ich 'nein' und weise des Fürsten
+Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!"
+
+"Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
+treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
+ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß
+du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
+verbanden?!"
+
+"Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch
+fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!"
+
+"Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner
+Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das
+klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese
+Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
+meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher!
+Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes
+Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen."
+
+"Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich
+vor dem gestrengen Vater!"
+
+Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
+reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
+beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker
+auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse.
+
+Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er
+den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde.
+Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das
+eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen.
+
+Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
+Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
+des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
+Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
+wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die
+Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
+möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief
+beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
+und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von
+der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
+der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der
+Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
+eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.
+
+Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
+Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung
+in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder
+verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
+Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und
+Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den
+nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
+zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den
+Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
+sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied
+zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
+Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle
+Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne.
+
+Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
+Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
+später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
+einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine
+Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
+Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
+Weibergeschwätz kalt gelassen hat.
+
+Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
+Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den
+des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die
+Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner
+Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr
+Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein
+auswärtiges Kloster thun möge.
+
+In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge,
+weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die
+Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der
+Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein
+Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
+eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung
+des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
+auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn
+Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.
+
+Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete
+lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine
+Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit
+dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
+dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
+fürstliche Palais zu verbringen sei.
+
+Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
+kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach
+Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde.
+Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
+diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und
+heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
+über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu
+sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause
+der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung.
+
+Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin
+schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
+Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
+kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
+was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg
+sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
+Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: "Ich komme
+zu Hof, ich komme zu Hof!"
+
+Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der
+Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst
+hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
+bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst
+getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
+überglückliche Frau nicht sehen.
+
+In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
+Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und
+galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend
+vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ.
+
+Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge
+Fürst: "Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir
+neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende
+Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
+fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
+ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
+hartköpfigen Pfefferkrämers?"
+
+Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
+etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: "Euer
+Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
+handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!"
+
+"Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
+Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des
+Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!"
+
+Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer
+Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
+auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung.
+
+"Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich
+und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
+gestützt hatte.
+
+"Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!"
+
+"O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des
+Ausdruckes, "zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für
+gewöhnlich konfiterieret!"
+
+"Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur
+demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich
+glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
+hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas
+erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero
+unterthänigste Dienerin in Rom kostet!"
+
+"Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?"
+
+"Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
+aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran
+teilhaben, bloß ich allein!"
+
+Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann
+sprach der Fürst freundlich herablassend: "Sothaner Wunsch ehret Euch
+und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige
+Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?"
+
+"Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
+ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
+Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher
+selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
+Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere
+schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im
+stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für
+Lebenszeit!"
+
+"Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und
+Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!"
+
+"O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr
+bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
+in fürstlichem Gewande!"
+
+"Auch ich!" hüstelte Wolf Dietrich belustigt.
+
+"Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen
+Rabenvater Mores zu lehren!"
+
+"Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome
+aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?"
+
+"Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis
+besser wird und trocken der Weg."
+
+"Und wohin?"
+
+"Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
+Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten
+und hinab ins Welschland!"
+
+"Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?"
+
+"Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
+Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit
+wohl auf Erden geben!"
+
+"Nein, gewiß nicht! Ein 'undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!"
+sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu.
+auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und
+nebstbei bin auch ich geehrt,
+
+[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
+ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]
+
+"Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte
+Fürstin ist!"
+
+"Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!"
+
+Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs
+Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
+was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere
+Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein
+Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame
+und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.
+
+Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
+sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die
+Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß
+Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das
+Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte.
+
+"Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!" zischte die vergrämte
+Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in
+den Füßen endlich das Heim erreichte.
+
+Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
+Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte
+mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den
+Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
+beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
+wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
+war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
+Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
+von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens
+nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf
+die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz
+empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
+verbreitet sei.
+
+Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte
+sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt
+gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters.
+
+Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste,
+daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte.
+Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: "Ein Wagen soll Euch
+morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
+ich's erfahren!"
+
+"Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
+eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein
+ganzes Leben!"
+
+"Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!"
+
+Geräuschlos entfernte sich die Magd.
+
+Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
+um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
+Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
+Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
+Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit,
+die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome
+empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung
+beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
+Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens
+inniger, hingebender Dank dargebracht werden.
+
+In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend
+Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei,
+mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
+bestellen.
+
+Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
+Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
+Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
+strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen
+wissen.
+
+Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte
+Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
+fortschaffen zu können.
+
+Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das
+Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
+und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
+Leibe trage.
+
+"Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara.
+
+Salome errötete und flüsterte: "Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst
+wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!"
+
+Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
+Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
+hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses
+selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
+nach rückwärts giebt es keinen Ausweg.
+
+Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
+dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
+lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten.
+
+Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die
+arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
+mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung,
+wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten.
+
+Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
+schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus
+Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht
+verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.
+
+Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
+Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
+geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und
+verschwanden um die erste Ecke.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden
+Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als
+sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
+Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen
+Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
+bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im
+Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.
+
+Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des
+gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des
+Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste
+thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
+Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
+von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten
+zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen.
+
+Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
+balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens
+gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
+urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen
+Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an
+fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in
+einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ
+zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen
+Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal.
+Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
+Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
+Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's
+mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen
+Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der
+Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
+eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
+Gestalt Salomes ansichtig ward.
+
+Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte
+Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand
+strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
+brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde.
+Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
+Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb,
+die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende
+Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein
+rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.
+
+Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der
+Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
+rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der
+Ursache der Verstörtheit fragend.
+
+Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
+wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe.
+
+Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ
+sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
+bei Salome. "Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
+Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
+und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!"
+
+"Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich
+verschreckte!"
+
+"Ein Mahnen? Was sollt' es sein?"
+
+"Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten
+Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst
+nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume...."
+
+"Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte
+der galante Fürst.
+
+"Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur,
+die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der
+fördernden Hand--"
+
+"Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer
+Schlichtheit!"
+
+"Doch niemals wird sie eine Edelrose!"
+
+Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
+"Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!"
+
+Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens.
+
+"Was ist dir nur, Geliebte?"
+
+"Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
+Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!"
+
+"Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
+meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
+meines Daseins oberstes Gesetz!"
+
+"Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
+eine Edelrose wird es niemals werden!"
+
+"Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
+meiner Seite einer Fürstin gleich--"
+
+"Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
+Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
+ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!"
+
+"Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich
+will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als
+Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
+Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!"
+
+"Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
+aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch
+meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten
+Paar von Euren Unterthanen!"
+
+Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur
+Antwort leicht geöffneten Lippen.
+
+Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
+schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen
+Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen
+Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
+Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges.
+
+"Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Fürst, und geleitete
+Salome in die Burg.
+
+Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
+das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
+Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
+von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab.
+
+Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen
+Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
+Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an
+priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
+Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
+in allen Dingen zu sein.
+
+Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
+die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut
+durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte
+Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen
+Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
+noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
+Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
+fassungslos und schluckte, er brachte nur das "salve" heraus, alles
+andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.
+
+Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
+Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war,
+wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
+der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend
+scharf rief: "Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei
+und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit 'salve'
+begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!"
+
+Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer
+keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
+höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
+sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
+kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: "Mit gnädiger Verlaubnis!
+Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß
+Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten
+Erzbischof!"
+
+Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit
+dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet
+sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
+Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
+aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin
+kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
+"Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt--mit dem
+schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu
+entfernen.
+
+Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an
+Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.
+
+Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte
+das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein "Nun?"
+
+"Euer erzbischöfliche Gnaden...."
+
+"Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!"
+
+"Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung
+zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
+blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im
+kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen...."
+
+"Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
+Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?"
+
+"Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
+wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel."
+
+"Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon
+geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis
+höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche
+Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!"
+
+"Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren,
+wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
+Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
+wurde."
+
+"Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?"
+
+"In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
+gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer
+davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
+Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb
+Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
+so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch
+einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
+Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
+Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum
+infamia, conjugatus est...."
+
+"Wer ist das?"
+
+"Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und
+verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen
+Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt
+gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib,
+hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
+unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
+Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
+Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand!
+Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige
+Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
+der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
+scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die
+Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
+können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
+schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich
+lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
+soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke,
+zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum
+Himmel schreien!"
+
+Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte
+innezuhalten und Atem zu schöpfen.
+
+Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
+des Asketen: "Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
+Den Mann will ich sprechen!"
+
+"So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren
+ein Exemplum?!"
+
+"Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag,
+das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!"
+
+"Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.
+
+"Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
+Meinung fassen über Mann und Weib!"
+
+"Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
+Sprengels?"
+
+"Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind
+sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
+wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese
+Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
+nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
+Euch hiezu als Gast!"
+
+"Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
+und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!"
+
+Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam
+unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
+des Fürsterzbischofes.
+
+Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
+Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
+in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: "Conjugatus
+est!"
+
+Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche
+Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf
+Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg
+Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige
+der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
+zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
+hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
+und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
+Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde.
+
+Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der
+Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
+der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief
+verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.
+
+Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
+über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete,
+fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und
+Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen
+und der Mund weit offen stand.
+
+Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert
+und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der
+Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
+rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch
+die Schwester des Erzbischofes sei.
+
+Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
+abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er
+geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
+den verblüfften Pfarrer an: "Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
+gewähret, zu huldigen der--Fürstin!"
+
+"I--ich--!" schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten
+Satz: "Ich glaub's gleich?!" herauszubringen.
+
+Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: "Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin
+Salome, meines Lebens Sonne und Glück!"
+
+Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte,
+doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.
+
+Der Pfarrer aber stotterte: "Fürstin? Ergo conjugatus est
+archiepiscopus?"
+
+Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
+des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.
+
+Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
+Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die
+Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
+Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: "Haltet ein,
+Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn
+setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen
+Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
+nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für
+alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
+zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges
+Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund?
+Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach
+des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
+geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der
+höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum,
+vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
+Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
+mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
+mit mir, Euch aber droht Verdammnis und----"
+
+Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
+Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
+geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
+Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.
+
+"Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!" rief gellend der fanatische
+Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
+führten.
+
+Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
+ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
+konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine
+Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung.
+
+Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
+Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
+ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
+Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der
+Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
+Körper erbeben machte und nach Rache lechzte.
+
+Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
+hieß barsch, jedermann abzuweisen.
+
+"Es ist Domkapitular Graf Lamberg!" wagte der Kämmerer schüchtern
+einzuwenden.
+
+"Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ'
+ihn sogleich zu mir!" Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die
+Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
+gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
+aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
+Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz.
+
+"Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!" rief Wolf Dietrich und
+schritt dem Kapitular entgegen.
+
+"Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme
+in dringlicher Angelegenheit!"
+
+"Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg
+kommt mir sehr gelegen!"
+
+Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen
+ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen,
+besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
+Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen
+ließ.
+
+Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: "Lamberg, du kommst wie
+gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
+schreite über einen Vermessenen!"
+
+Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
+flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen.
+
+Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
+umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler
+Gewitternacht.
+
+"Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
+gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!"
+
+Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick
+herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
+Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit
+beruhigen wollte, und erwiderte: "Hochfürstliche Gnaden wollen in dem
+tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
+Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
+hochwürdigsten Erzbischofs!"
+
+"Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
+Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
+weisen?!"
+
+"Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
+Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
+Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß
+in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten
+Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde
+erblickt im Wandel seines Bischofs."
+
+"Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?" rief vorwurfsvoll
+der Fürst.
+
+"Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und
+Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
+Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der
+Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
+nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
+Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein."
+
+"So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
+lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!"
+
+"Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
+fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
+Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
+juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
+Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
+vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
+kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten,
+dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen
+Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten
+Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde,
+für Verbrechen wider die Kirche hält!"
+
+"Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
+meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!"
+
+"Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts
+von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann
+meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
+Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen...."
+
+"Und den Erzbischof?"
+
+"Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen,
+so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
+einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!"
+
+"So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?"
+
+"Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur,
+jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig
+wirken beim Ausmaß der Strafe!"
+
+Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
+durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: "Ja, so spricht
+ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
+lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
+wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert."
+
+"So ist es unerschütterlicher Wille?"
+
+"Ja! Und--Dir will ich's anvertrauen--erst heute wieder bat meines
+Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!"
+
+"Nunquam!"
+
+"Wie?"
+
+"Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
+zu thun!"
+
+"Perchè?"
+
+"Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?"
+
+"Ich bitte dich darum, mein Freund!"
+
+"Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
+Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
+eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!"
+
+Stolz erwiderte Wolf Dietrich: "Ich bin der Fürst und Herr des Landes!
+Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
+Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio,
+ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
+Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die
+größte, kann gestatten?"
+
+"Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg
+man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
+Verzichtet auf das ehlich Band!"
+
+"Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
+ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in
+weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
+gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
+Papst--sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
+verstattet ist--?"
+
+"Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären
+nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
+Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie
+beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
+unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
+kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
+gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
+Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des
+Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr,
+obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider
+päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den
+Verdacht des Luthertumes bringet?!"
+
+"Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?"
+
+"Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
+Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
+unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
+eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten,
+achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt
+an Bayern, Kaiser und Papst!"
+
+Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
+vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
+der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: "Was kümmert
+mich der Bayer, was der Kaiser!"
+
+"Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
+ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
+Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über
+des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten
+können!"
+
+"Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!"
+
+"Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach
+als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es,
+zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!"
+
+"Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
+sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?"
+
+"Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
+Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!"
+
+"Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!"
+
+"Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!"
+
+"Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und
+manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
+büßen für die Wonne des profanen Lebens!"
+
+"Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug
+wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit!--Doch wenn Hochfürstliche
+Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich
+veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!"
+
+"Was soll es sein?"
+
+"Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich,
+die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs
+Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!"
+
+"Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!"
+
+"Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
+Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen
+lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
+helfen."
+
+"Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt
+sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
+zahlen soll, schreit immer!--Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
+dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
+Abendbrot sehen wir uns wieder." Launig fügte Wolf Dietrich bei: "Graf
+Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
+Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner--Fürstin?"
+
+"Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane
+Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die
+Honneur bezeigen zu dürfen!"
+
+"Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
+Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
+verständigen!"
+
+Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
+holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
+Burg anzuweisen.
+
+Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
+Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar,
+die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich,
+hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
+Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte
+und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
+der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem
+Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen
+Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
+Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem
+Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
+hochwürdigsten Erzbischof.
+
+Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
+Geistlichen gemahnende Gestalt. "Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur
+Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?"
+
+Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
+herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen.
+
+"Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
+unten im Dorf gereicht!" rief grob der Vogt.
+
+"Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
+mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!"
+
+"Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
+hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
+mache Euch Beine!"
+
+Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
+gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem
+Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
+gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
+insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen
+Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf
+das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: "Vogt!
+Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube;
+der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!"
+
+Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und
+erwiderte unterwürfig: "Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat,
+sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug
+darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!"
+
+Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
+die Frage: "Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?"
+
+Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: "I freilich,
+schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
+Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
+Erzbischof von uns will?"
+
+"Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
+vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
+erquicken!"
+
+"I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
+lohnen dereinst an Euren Kindern!"
+
+"Pst, pst!" mahnte der Kurat.
+
+"I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
+Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
+schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
+Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd'
+und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
+und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!"
+
+Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
+Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
+Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken.
+
+Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
+murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: "Gott vergelt'
+Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und
+Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
+und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!"
+
+"Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!" lispelte die Greisin und
+nippte dann vom goldigklaren Wein.
+
+"Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr
+nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!" sprach Salome,
+der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
+zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
+in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
+Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome,
+dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen
+Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig
+machen.
+
+"O," meinte die Greisin, "fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
+Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
+Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
+gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
+das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!"
+
+"Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!" lächelte Salome.
+
+Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
+um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
+einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
+Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: "Ei, Salome und in
+Gesellschaft?"
+
+"Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom
+beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh'
+vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
+Stube wir geraten!"
+
+"Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so
+wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!"
+
+Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
+bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
+sogleich verschwand.
+
+Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den
+ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: "Wie lang seid Ihr
+schon Priester?"
+
+"Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit
+zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
+ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der
+Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr."
+
+"Vierzig Jahre in der Einöd'!" sprach mit besonderer Betonung Wolf
+Dietrich und nickte Salome zu.
+
+Voreilig meinte die Greisin: "In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
+die Jährlein wie der Bergbach geschwind!"
+
+Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: "Verzeihet, Hochwürdigste
+Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
+nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!"
+
+"Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von
+Cölibat und päpstlicher Verordnung?"
+
+Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig,
+zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß
+damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen
+Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß
+genommen habe an der Priesterehe.
+
+"Beklagenswerte Zustände im Landklerus!" sprach Kapitular Graf Lamberg.
+
+Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich
+regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome
+bewegen mochte.
+
+Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen:
+"Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem
+Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
+in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit
+hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von
+Priesters Hand!" Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
+plapperte eilig: "I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich
+lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
+Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der
+schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was
+hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund,
+ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
+und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
+und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein
+harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
+heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der
+jeglicher Pflege bedarf,--kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen
+mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib
+nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
+gegeben vor dem heiligen Altar?"
+
+Wolf Dietrich nahm das Wort: "Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein
+Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
+ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört
+zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
+und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!"
+
+Angstvoll rief Salome: "Gnädiger Herr!"
+
+Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte:
+"Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben
+greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich
+gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet!
+Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten
+Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!"
+
+Graf Lamberg wollte mahnen: "Exempla trahunt!"
+
+Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: "Das mag im allgemeinen gelten,
+und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
+mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der
+Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in
+seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
+ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
+mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
+lassen Euch in Ruhe!"
+
+Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in
+innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf
+die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte.
+
+Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: "Hab' ich's nach
+Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum
+Küchenmeister!"
+
+"O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!" lispelte erglühend Salome
+und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube.
+
+Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
+Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
+leisten. "Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
+Salzburgs Stift und Dom?"
+
+"So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
+sagen, zu schweigen und zu gehorchen!"
+
+"Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im
+Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch
+möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab'
+gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von
+meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
+mein Freund?"
+
+"Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!"
+
+"Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern.
+Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?"
+
+"Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb'
+und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger
+dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger
+so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
+Ordnung werden im Erzstift!"
+
+"Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher
+Einsicht!"
+
+"Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden
+ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
+gegen...."
+
+"Du meinst Salome!" sprach hastig Wolf Dietrich. "Du bist klug und weit
+reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit
+stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger
+Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
+verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
+Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
+einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!"
+
+"Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
+paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen
+Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!"
+
+Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ
+sich völlig tiefem Sinnen.
+
+Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
+schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
+genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der
+schönen Salome.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da
+der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die
+bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im
+Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese
+steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu
+begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen
+finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton
+dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die
+Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst
+den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal
+bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung
+gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen
+überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur
+veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu
+beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten
+die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften
+Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den "Saufteufel". Es
+konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen
+nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die
+Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein
+hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat
+faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur
+Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen
+wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst
+gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig
+erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im
+eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung
+jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die
+Hofkammer abgeliefert werden.
+
+Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die
+Weinsteuer "für ewige Zeiten" Geltung haben solle, brachte das Blut auch
+der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur
+Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel
+treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.
+
+Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den
+Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ.
+
+Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren
+verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute
+der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände
+gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.
+
+So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und
+Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den
+Beschwerdeweg beschritten.
+
+Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als
+durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte
+Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu
+verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte.
+
+Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und
+Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu
+treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch
+berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu
+gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die
+Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich
+stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch
+einige Erholung zu gönnen.
+
+Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines
+raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr
+losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog.
+
+Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich
+vorgelassen.
+
+Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in
+Händen und rief dem Freunde zu: "Komm nur schnell heran, setze dich zu
+mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe
+ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie
+wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in
+einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn
+aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!"
+
+Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: "Auf welche
+Privilegien beruft man sich?"
+
+"Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!"
+
+"Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den
+früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst
+eingebüßt haben."
+
+"Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im
+Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von
+den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten
+gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen
+eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!"
+
+Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.
+
+"Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs
+nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer
+sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist
+der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist
+perpetuell,--so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die
+Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen."
+
+"Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!"
+
+Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: "So
+werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat
+der Mauten und Zölle!"
+
+Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er
+eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: "Du
+hast Bedenken? Sprich, Lamberg!"
+
+"Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte
+Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise."
+
+"Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!
+Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!"
+
+Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: "Die Zeit ist schlimm, die
+Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender
+Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und
+weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen
+Fürsten...."
+
+"Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!"
+
+"Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst!
+Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten!
+Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen
+wollen und zum Wanken bringen?!"
+
+"So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die
+Rebellen in den Sand!"
+
+"Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom
+Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als
+treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in
+bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen."
+
+"Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet,
+ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir
+brauchen Geld!"
+
+"Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein
+partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst
+empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch
+gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern."
+
+"Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der
+Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes
+Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil
+nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!"
+
+"Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher
+Hinsicht von Segen begleitet finden."
+
+"Wie meinst du das, Freund Lamberg?"
+
+"Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß
+gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und
+Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages
+durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und
+unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält
+vor--Auswanderung!"
+
+Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im
+Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und
+gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: "Niemals
+ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu
+zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!"
+
+"Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und
+Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der
+Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion
+zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert."
+
+"Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!" warf Wolf Dietrich
+ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: "Traurig genug, daß der
+regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach
+meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!"
+
+"Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege
+einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu
+einer Auflösung raten!"
+
+"Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung
+können sie warten bis--in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!"
+
+Überrascht fragte Lamberg: "Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere
+Bauten?"
+
+"Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich
+später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim
+schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch
+noch einzufordern--!"
+
+"Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?" fragte
+Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau
+kannte.
+
+"Sprich, Freund!"
+
+"Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in
+Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei
+bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von
+Küenburg noch nicht bezahlt ist...."
+
+"Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst
+muß darben!--Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf
+berechtigten Weihsteuer?"
+
+"Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück
+Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses
+allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen,
+an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande,
+neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer
+müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und
+Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber
+erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen
+allenthalben!"
+
+Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für
+das ehrlich offene Wort. "Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!
+Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich
+begrüßen zu können!"
+
+Ausweichend erwiderte Lamberg: "Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten,
+möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,
+um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!"
+
+"Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und
+haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.
+Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg
+meiner Salome Gesellschaft leisten!" Dies sprechend gab der Fürst ein
+Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der
+Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. "Auf Wiedersehen, Graf, bei
+Tisch!"
+
+Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das
+fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der
+Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern
+als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf
+Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche
+vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten
+aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre
+machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete
+dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom
+Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen
+Originals zu sein schien.
+
+Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst
+vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei.
+
+Lamberg erwiderte kühl: "Ich kenne das Original zu Rom!"
+
+"Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines
+Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!" meinte der Kämmerling.
+
+"Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen
+Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!" sprach
+abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös
+ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der
+Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab.
+
+Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt
+hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen
+Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer
+Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in
+Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den
+herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der
+Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn
+auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die
+Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf
+gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird
+sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch
+keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne
+Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu
+erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen
+guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich
+Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine
+wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des
+Freundes.
+
+In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und
+schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin
+bereit sei, den Grafen zu empfangen.
+
+Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten
+Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das
+mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome
+auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt
+saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres
+blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in
+diesem Augenblick wirklich entschuldigen.
+
+Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick
+gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: "Willkommen, Graf, in meinem
+Reich!" und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz
+zu nehmen.
+
+Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und
+erwiderte: "Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen
+und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste
+Aufwartung zu machen!"
+
+Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie:
+"So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl
+des gnädigen Fürsten?!"
+
+"Gewiß!" klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: "Wie
+sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges
+ohne Befehl gelangen!"
+
+"Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig
+sein!"
+
+Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: "Ich kann nur heißen Dank
+für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als
+guten gnädigen Frau!"
+
+"Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf
+dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter
+sothanem Mangel der Legitimität!"
+
+"Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero
+unterthänigsten Diener!"
+
+"Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes
+Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!"
+
+"Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige
+Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu
+beeinflussen?!"
+
+"Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur
+will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?"
+
+Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome,
+senkte dann wieder die Lider und sprach leise: "Was könnt' meine
+Freundschaft Euch auch nützen?!"
+
+"Mein Ohr vernimmt das 'Nein', so warm auch klingt der Ton der leise
+abwehrenden Rede!"
+
+"Nicht doch, gnädige Gebieterin!"
+
+Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: "Ihr wollet nicht, ich
+ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des
+legitimen Bundes!"
+
+Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das
+Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: "Streng und scharf
+umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen
+müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist
+jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch
+verhängnisvollem Schritt!"
+
+Höhnisch klangen der Favoritin Worte: "Die Strafe Roms! Wie straft Rom
+wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?"
+
+Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: "Ihr wißt davon?!"
+
+"Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des
+verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes
+Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal
+gelten müssen?"
+
+"Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und
+Rom ist nicht Salzburg!"
+
+"Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann
+beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das
+pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?"
+
+"Das wißt Ihr auch?" stammelte in maßloser Überraschung über solche
+intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg.
+
+"Nimmt Euch das Wunder?"
+
+"Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!"
+
+"Was soll unmöglich sein?"
+
+"Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst
+gegeben!"
+
+"Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die
+vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat
+eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir!--Ihr
+möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen
+Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes
+Gewebe...."
+
+"So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich
+wahrlich nicht!"
+
+"Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr
+fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr
+nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu
+wehren wissen!"
+
+"Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn
+und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern
+bis zu meinem dereinstigen Ende!"
+
+"Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones
+Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!"
+
+Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: "In diesen
+Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe
+schaffen!"
+
+Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige
+Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende
+Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret
+zurück.
+
+Leise sprach Salome: "Wie will Graf Lamberg es nun halten?" und erhob
+sich von dem Sitze.
+
+Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: "Die gnädige Gebieterin wolle
+verfügen über mich!"
+
+"Gut denn, kommt des öfteren als Freund!"
+
+Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte
+noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete
+die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in
+welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits
+harrten.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes,
+ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in
+welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den
+faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten,
+daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.
+
+Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick,
+doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher
+infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem
+Faktor zurief: "Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!"
+
+In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen,
+ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt,
+um rasch wieder zu verschwinden.
+
+Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß.
+
+"Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch
+nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen
+mag! Willkommen, Puchner!"
+
+"Gott zum Gruß, Freund Alt!"
+
+"Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf,
+zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich
+kann's nicht länger leugnen!"
+
+Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: "Sag' doch dergleichen nicht!
+Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem
+Sturm!"
+
+"Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die
+Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart
+oder hast ein Geschäft im Aug'?"
+
+"Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder
+liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch
+noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und
+fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist
+nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!"
+
+"Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf
+die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!"
+
+"Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?"
+
+Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen:
+"Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die
+Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben,
+Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!"
+
+"Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!"
+
+"Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage,
+ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf
+würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!"
+
+Puchner seufzte und schwieg.
+
+"Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als
+Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug!--Was ist in der Landschaft
+wohl des Neuen verhandelt worden?"
+
+"Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die
+Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie
+sollen gleich dem Bürgersmann."
+
+"Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies
+Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!"
+
+"Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!"
+
+"Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!"
+
+"Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht
+übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen.--Die Landschaft hat
+zugestimmt."
+
+"Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte
+gelten 'für ewige Zeiten'? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die
+Schlinge um den Hals nicht gefühlt?"
+
+"Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an
+Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei,
+so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen."
+
+"Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!"
+
+"Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von
+Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!"
+
+"Trau einer diesem list'gen Fuchs!"
+
+"An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns
+wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß
+der Handelssteuer um ein Dritteil."
+
+"Und das habt Ihr frischweg geglaubt?"
+
+"Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich."
+
+"O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!"
+
+"So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen
+Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er
+wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich
+glaub' es selber!"
+
+"Puchner, mir bangt um dich!"
+
+"Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die
+bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes
+will und Edelmann ist jeder Zoll."
+
+"So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das
+Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen."
+
+"Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den
+Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die
+Hast in den Mandaten."
+
+"Wie meint Freund Puchner?"
+
+"Der Fürst ist schlecht bei Cassa!"
+
+"Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen
+wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der
+Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft
+findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim
+Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler
+ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei
+den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der
+Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes
+Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!"
+
+"Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht
+Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen.
+Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!"
+
+"Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!"
+
+"Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu
+streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich
+wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt...."
+
+"Den find' ich auf Erden nimmer!--Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner,
+und komm' bald wieder!"
+
+Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte;
+Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem
+Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden
+Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand
+jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der
+Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen
+über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung,
+über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches
+Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf
+Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe.
+Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter
+beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der
+höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit
+Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren,
+daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden
+Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre
+bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen
+einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in
+weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die
+wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es
+ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
+Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur
+der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
+Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
+Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
+Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die
+Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu
+finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert
+werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
+mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
+zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche
+Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein.
+Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
+Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem
+Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein
+stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
+Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner
+und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
+Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.
+
+Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
+schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
+Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen
+und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.
+
+Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
+Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg
+über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
+Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her
+wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum
+Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
+Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die
+gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der
+Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die
+Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen
+durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im
+letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den
+vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
+Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
+Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
+Nebelschleier stark verdichtet.
+
+Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
+die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
+Halbtages ein Trupp "Gartbrüder"[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der
+Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
+Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden
+Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der
+Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit
+totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe.
+Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
+diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
+Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
+einen Besuch abzustatten und die "Ritterzehrung" vom Erzbischof zu
+erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und
+schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte,
+erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
+noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der
+Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.
+
+Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
+den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu
+überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.
+
+Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten,
+behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt
+werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
+reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem
+Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick
+der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere
+Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die
+nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist
+unvollendet geblieben.
+
+Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht
+verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen,
+milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.
+
+Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: "Nein, mein
+gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige
+Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!"
+
+Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
+Frauenbild an seiner Seite. "Salome, was ist dir?"
+
+Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten
+Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.
+
+"Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
+danken!" rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte
+Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. "Welches Glück gewährt
+mir mein süßes, holdes Weib!" Ein Schatten flog über Salomes Antlitz,
+geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
+bebenden Tones sprach Salome: "Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe
+Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!"
+
+"Sorgen, du--?" rief Wolf Dietrich und erhob sich. "Ich dachte, fern
+gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
+betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
+Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen
+und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
+Weibes!"
+
+"Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz
+mit banger Sorge--der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich
+nicht klären--"
+
+"Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!"
+
+"Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
+Weg bis zur schweren Stunde!"
+
+Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
+flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief
+durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: "Verzeih',
+Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
+wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem
+Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
+nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
+Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom."
+
+Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.
+
+"Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich
+geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
+vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und
+stören würde die Legitimität die Pläne Roms...."
+
+Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.
+
+"Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste
+mit dem roten Hut--"
+
+"So wird Kardinal mein gnädiger Herr?" fragte zitternd die Favoritin.
+
+Wolf nickte. "Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
+doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich
+stelle gegen meine Promotion."
+
+"Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!"
+
+"Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich
+dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
+wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier
+fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser
+Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
+davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei
+gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu
+gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines
+Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
+Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
+mir, bist Gattin mir und--"
+
+"--Mutter!" hauchte Salome, "Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
+sich nicht wird zu erfreuen haben!"
+
+"Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit
+Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
+so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!"
+
+Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige
+Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
+ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
+verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
+zurückblieb.
+
+Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
+war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte,
+Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den
+Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
+möchten.
+
+Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus
+nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: "Ha, Landsknechte! Das
+bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
+Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers
+Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!"
+
+Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für
+deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.
+
+So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät
+abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
+Landsknechtart der charakteristische Ruf: "Hüt' dich, Bauer, ich komm'!"
+
+Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre
+Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
+fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten
+Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so
+namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie
+immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.
+
+Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
+von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
+Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
+den kriegerischen Bischof als ihren "Patron". Die Kunde von solch' guter
+Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch
+hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr
+versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller
+Art in Haufen, die alle der noblen "Ritterzehrung" teilhaft werden
+wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum
+Klagen brachten.
+
+Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
+Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste
+Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
+Landsknechtbrauch.
+
+Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen
+erlittenen Schaden aufwog. Das "Recht der langen Spieße" sollte in
+Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
+schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
+geschlagen hatte.
+
+An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
+von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von
+fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
+Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
+war.
+
+Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. "Guten
+Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
+Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich
+geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem
+Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
+liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
+solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen
+Fürsten!"
+
+Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.
+
+Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: "Ihr habet des Profoßen Wort
+verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe
+seine Hand auf!"
+
+Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände
+auf.
+
+Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
+Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
+Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
+gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf
+bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.
+
+Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne,
+brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von
+der Stirne lief, kein Wort hervor.
+
+Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
+ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
+Schluß um Gnade.
+
+Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
+dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
+laut: "Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere
+Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das
+Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche
+Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
+Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
+jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein
+wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen
+zusteht."
+
+In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den
+beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger
+weißbekrustete.
+
+"Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!" rief
+der Feldwebel.
+
+Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein
+sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
+Knechte zur Beratung beizugeben.
+
+"Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!" verkündete der Weibel und
+bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
+Besprechung untereinander pflogen.
+
+Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals
+einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.
+
+Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten.
+Auf ihr schallendes "Ja!" wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
+geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann,
+der auf "schuldig" lautete. "Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
+"Schuldig" zu bestätigen?" fragte er mit dröhnender Stimme die
+Soldateska, "so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte
+Hand!"
+
+Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen
+Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder
+zu einigem Ansehen zu gelangen.
+
+Der Weibel verkündete: "Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist
+schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
+Fähnrich nach Brauch!"
+
+Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die
+Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die
+Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.
+
+Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
+und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach
+innen gefällter Fahne verschlossen.
+
+Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
+Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
+gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein
+eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
+der den sicheren Tod bringen muß.
+
+"Hierher mit dem 'armen Mann'!" befahl der Profoß, der nun den
+Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
+des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
+und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den
+Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.
+
+Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: "Nun auf! Lauf flink und
+fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!"
+
+Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße,
+ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der
+Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot
+aufging. Ein Schrei--ein Röcheln--der Sterbende liegt im Schnee, ein
+Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
+Leben entflohen ist.
+
+"Die Spieße auf! Zum Gebet!" befahl der Weibel.
+
+Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen.
+Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von
+tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.
+
+Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
+Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen
+abschossen.
+
+Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die
+Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen,
+es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die
+Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe.
+Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus
+eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,
+sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus
+der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So
+mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe
+anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung
+ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite
+debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse
+Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der
+Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die
+eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit
+leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels
+durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den
+Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn
+völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen
+scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren,
+auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr
+aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen
+Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der
+Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja
+und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr
+bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der
+Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn
+müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft
+werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine
+neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.
+
+Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein "Haltet ein!"
+zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste
+Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle
+der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das
+aus eigenem Säckel bestreiten.
+
+Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte
+und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der
+praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt
+überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf
+Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen
+Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst
+möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus
+unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im
+Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene
+Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich
+hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige
+Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen
+war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch
+auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden
+einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus
+Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei
+seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen,
+sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg
+sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister
+eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich
+schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den
+Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.
+
+Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die
+Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien
+schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und
+vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der
+Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die
+vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus
+der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde
+sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen
+können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der
+Beamte fügte dem bei: "Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem
+Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,
+daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen."
+
+Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche
+Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal
+geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt
+sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in
+passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer
+Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er
+kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden
+Lippen: "Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie
+hätt' es nicht geglaubt...."
+
+"Wie meint der Herr Bürgermeister?" fragte erstaunt der Beamte.
+
+"Ich hätt's nicht geglaubt!"
+
+"Was?"
+
+"Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's
+eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich...."
+
+Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.
+
+"Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede!
+Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben...."
+stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.
+
+"Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,
+deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten
+Herrn!"
+
+"Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr--den
+schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und
+derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen
+die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank
+dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und
+Mitgefühl für die notleidende Menschheit!"
+
+"Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,
+daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!"
+
+"Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die
+Gab' der Rede nicht beschieden!"
+
+Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte
+sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.
+
+Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen
+einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer
+erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.
+
+Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten,
+Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im
+Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge,
+wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und
+Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.
+
+Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der
+Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur
+die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl
+gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen
+von den Armen.
+
+Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur
+Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde
+gleich vorgelassen.
+
+Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf
+Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale
+entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.
+
+Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch
+raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und
+ohne Stottern: "Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,
+ich komme nicht...!"
+
+"Wie meint der Bürgermeister?"
+
+"Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!
+Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und
+Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und
+Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen
+für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!"
+
+"Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des
+Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.
+Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in
+solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in
+der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich
+der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben.
+Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich
+nicht überlaufen werden!"
+
+"Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen
+wirst!" plapperte Alt heraus.
+
+Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der
+Fürst: "Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner
+Meinung schuld an bemeldter Teuerung?"
+
+"Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die
+Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!"
+
+"Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher
+hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir
+erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores
+lehren."
+
+"Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker
+rebellisch machen!"
+
+"Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den
+Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten
+Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen."
+
+Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das
+Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand
+plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem
+Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten
+Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen
+hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel
+teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht
+erzwingen ohne Gewichtsverringerung.
+
+"Ich werde solche Verringerung bestrafen!"
+
+"Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!"
+
+Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den
+letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. "Genug
+davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den
+Unterthanen!"
+
+Damit war der Bürgermeister entlassen.
+
+Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher
+einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger
+befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch
+der Kapitular weilte auswärts.
+
+Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da
+niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf
+Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und
+fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner
+ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung
+vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr.
+Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,
+welche die Ritterzehrung verursache.
+
+Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine
+Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß
+eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert
+Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
+
+Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die
+Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit,
+neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs
+Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei
+Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der
+Finanzgewaltige im Rate nicht aus.
+
+Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:
+"Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf
+Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein
+Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe
+empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!"
+
+Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: "Euer
+Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!"
+
+Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei
+war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein
+dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im
+salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger
+wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese
+Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte
+er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen
+bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe,
+den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der
+Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,
+daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas
+gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das
+gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem
+einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte,
+eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.
+
+Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der
+fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für
+Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt
+werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse
+Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang
+einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten
+Almosenschatulle[9], beinahe leer.
+
+Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die
+Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,
+Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue
+Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon
+graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten
+Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen
+Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das
+"Wie" sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder
+Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes
+an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu
+warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten
+eingeholt.
+
+Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in
+höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die
+remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die
+Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.
+
+Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand
+er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und
+Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also
+fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der
+Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen
+werden!
+
+Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide
+gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die
+Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.
+
+Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens
+als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was
+an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die
+Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld
+wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.
+
+Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die
+Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der
+wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig
+gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die
+Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu
+verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des
+Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer
+schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land
+hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im
+Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der
+lutherischen Seite war.
+
+Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den
+Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der
+Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern
+nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie
+die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger
+hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die
+Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das
+heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf
+Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen
+und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.
+
+Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die
+Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken,
+die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel
+ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.
+
+ * * * * *
+
+Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner
+Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und
+Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell
+auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie
+betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen
+Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung
+der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten
+höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof
+kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller
+Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in
+dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer
+schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige
+Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er
+war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen
+hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und
+Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft
+gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt
+dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines
+viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne
+ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht
+Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in
+Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern
+brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung
+that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.
+
+Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf
+seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten
+Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun
+hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte
+Vogel: "Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die
+Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!"
+
+Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise
+Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag
+abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein,
+denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich
+schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter
+erreichten.
+
+Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: "Nur Zeit lassen, Männer! Alles
+hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen
+Schluck vorher!"
+
+Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut
+ab und erwiderte: "Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut
+not!"
+
+"Wirst es wohl erwarten können, Rieder!" gab Vogel zur Antwort und stieg
+flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein
+Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.
+
+Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre
+Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz
+richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen
+Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer
+ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und
+schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht
+über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt
+das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der
+Pfleger: "Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof
+hören!"
+
+Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf
+standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: "Mit Verlaub! Es
+ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen
+ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die
+Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen
+verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht
+erschwingen!"
+
+"So ist es!" riefen die erregten Bauern.
+
+Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: "Wir müssen
+supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten
+Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen,
+sonst ist's g'fehlt!"
+
+Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau
+erkannte, und langsam sprach er: "Wegen dem Supplizieren kann ich Euch
+nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden
+bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja
+ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.
+Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun."
+
+Rieder unterbrach den Beamten: "Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum
+Fürsten!"
+
+Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: "Übereilt nichts! Der Herr
+Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,
+und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.
+Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!"
+
+Erregt schrie Rieder: "Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!
+Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind
+verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es
+kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht
+in unser Gericht!"
+
+Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: "Leut', seid gescheit! Die Sach'
+ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!
+Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller
+Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!"
+
+"Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns
+selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns
+supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann
+merken!"
+
+Nochmals mahnte Vogel: "Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht
+dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,
+wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch
+gehalten werden!"
+
+"Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,
+den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der
+Steuerteufel nicht verkümmern!"
+
+In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: "So reicht das
+Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!"
+
+Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches
+Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch
+andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit
+erklärt hätten.
+
+Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung
+der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr
+sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der
+leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden
+pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: "Ich
+will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur
+demütigen Supplikation geraten!"
+
+Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: "Selle Demut nutzt
+uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission
+durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!"
+
+Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft
+akklamierten und brüllten: "Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!"
+
+Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen
+und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,
+die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an
+der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der
+Steuerkommission.
+
+Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte
+Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: "Habt Ihr das
+Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und
+Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und
+steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger
+muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein
+Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu
+dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern
+gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht
+widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist
+unser Herr!"
+
+Rieder schrie dazwischen: "Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein
+geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit
+Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!"
+
+"Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!" gröhlten die Rabiaten.
+
+In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es
+so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem
+Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis
+erhält.
+
+Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie
+durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen
+Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben
+könne.
+
+Wehmütig sprach Vogel: "Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist
+im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!"
+
+"So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,
+Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln
+Pinzgauer Fäuste kennen lernen!"
+
+Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und
+fluchend.
+
+Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach,
+das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.
+
+Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit
+zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung
+vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse,
+erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich,
+weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten,
+gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von
+den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten
+das Leben kosten kann.
+
+Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß,
+das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in
+Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel
+nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von
+einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die
+Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist
+vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.
+
+In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill
+zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte
+diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in
+Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte
+erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen
+hat.
+
+Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten
+Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten
+Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
+Kaiser vorfand.
+
+Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem
+Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach
+gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die
+Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern
+rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An
+150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des
+Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau
+gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller
+Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun
+erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht
+zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft
+dauern werde.
+
+Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der
+Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska
+erfüllte ihn mit Angst.
+
+In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
+Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.
+
+Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur
+rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der
+Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte
+begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich
+Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche
+Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle
+Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und
+von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald
+von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die
+eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr
+schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben
+an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben
+schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens
+abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche
+Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit
+fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein
+anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von
+achtzig Gulden versprochen sein.
+
+In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für
+Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung
+erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl,
+die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden
+und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.
+
+Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter
+zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.
+
+Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der
+Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.
+
+Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht,
+hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die
+Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus
+abgeliefert werden.
+
+Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der
+größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben
+für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod
+durch das Schwert.
+
+Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf
+Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant
+seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab
+und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise
+Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung
+Hohensalzburg.
+
+Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in
+einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:
+
+ "Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.
+ Juli ist besonderes nichts vorgekommen.
+
+ Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg
+ Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse
+ ankommen.
+
+ Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt
+ worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer
+ zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer
+ geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.
+
+ Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin,
+ darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle
+ Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1
+ Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein,
+ 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die
+ Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli
+ 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch
+ die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden
+ genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen
+ Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen
+ zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich
+ ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden
+ hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren.
+ Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen
+ aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles
+ verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst
+ beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären
+ zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich
+ Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen
+ und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die
+ Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen
+ gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl.
+ Gnaden Bericht.
+
+ Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag
+ 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum
+ Ende.
+
+ Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine
+ Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste
+ nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen
+ ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.
+
+ Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.
+
+ Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr
+ hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche
+ ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.
+
+ Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl
+ schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.
+
+ Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz
+ im Zimmer gehabt, ausblieben.
+
+ Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung.
+ Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.
+
+ Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder
+ ausgeblieben.
+
+ Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.
+
+ Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren
+ angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen
+ meiner Urbargüter gethan haben sollen.
+
+ 22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß.
+ Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir
+ bald mit Glück wieder daraus.
+
+ (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)
+
+ Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.
+
+ Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der
+ Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen
+ Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder,
+ Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen
+ darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für
+ Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem
+ Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe
+ ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,
+ unterschrieben.
+
+ Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein.
+ Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich
+ hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und
+ Urbarsbeschreibung examinirt worden.
+
+ Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen
+ und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott
+ verleihe bald glückselige Erledigung.
+
+ Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den
+
+ Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October
+ ausgesagt, unterschrieben.
+
+ Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer
+ gelegen.
+
+ Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament
+ empfangen."
+
+Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut
+gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des
+Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus
+den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise
+hervor.
+
+ "Herr Ehinger.
+
+ Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig
+ zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller
+ Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch
+ gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich
+ Urlaub."
+
+ "Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer
+ Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich
+ treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte
+ ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch
+ die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner
+ Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes
+ Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß
+ sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges
+ und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten
+ Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung
+ zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen."
+
+ "Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer
+ Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist
+ ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht
+ um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager
+ Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern
+ Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne
+ sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß
+ hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns
+ Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott
+ meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier
+ 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei
+ es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich
+ guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder
+ Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal
+ durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die
+ Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich
+ 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr
+ Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer
+ Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich
+ Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen,
+ ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode."
+
+Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in
+aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern
+eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von
+den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies,
+da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das
+Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten
+supplizieren.
+
+Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche
+Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein
+gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die
+Gemüter für immer im Bann halten solle.
+
+Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor,
+zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen
+Lande still.
+
+Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür
+einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein.
+Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt
+die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: "Man hat auch keinem
+nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer
+sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in
+der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine
+Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat
+nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das
+allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und
+Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat."
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von Hohen-Salzburg donnerten die großen "Stücke" und ihr mächtig Krachen
+brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch
+die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur
+Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung
+lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des
+Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten
+den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und
+Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz
+verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden
+sei, das erste Kind!
+
+Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der
+Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das
+unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller
+Lungenkraft.
+
+Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung
+durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward
+Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker
+Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch
+nicht Vater sein könne, und die "Stücke" seien nicht dazu auf der Veste,
+um ein Kind anzudonnern.
+
+Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn
+bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr
+sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer.
+Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf
+Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige
+Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei
+Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden
+die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur
+Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der
+Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann
+zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie
+jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend
+zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines
+fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch
+die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste
+Kritik provozierend.
+
+All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen
+und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es
+wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an
+den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten
+sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs
+schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner
+nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig
+schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in
+solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller
+Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch
+Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß
+Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren
+Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der
+Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome
+verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte
+Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine
+Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica
+zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter
+Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand
+lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht
+vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.
+
+Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung
+des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den
+Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren.
+
+So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu
+in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen
+Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf
+Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame
+eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse
+erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das
+ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.
+
+So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um
+jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der
+ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag,
+und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte.
+
+Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und
+flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende
+Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit
+keinen Ausdruck gäbe.
+
+Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen
+flüsterten: "Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?"
+
+Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das
+Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da
+lachte der Fürst herzlich auf: "So gebrechlich wird ein Raittenau nicht
+sein!"
+
+Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach
+bewegt: "So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!"
+
+"Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!"
+
+"O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!"
+
+"Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den
+Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem
+kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!"
+
+"Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens
+wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!"
+
+In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände,
+hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die
+Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt.
+
+Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig
+unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.
+
+Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht
+mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner
+Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen
+Zügen.
+
+In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob
+niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen
+zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und
+sogleich vorgelassen.
+
+Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch
+den Ruf: "Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens
+Dank dafür! Herzlich willkommen!"
+
+"Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die
+Glückwünsche zu Füßen zu legen!" sprach Graf Lamberg ehrerbietig und
+verbeugte sich tief vor dem Gebieter.
+
+"Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine
+freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs
+Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe
+keine Meldung!"
+
+"Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr
+überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird
+klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch
+kommen an den Hof."
+
+Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage:
+"Glaubt Lamberg wirklich?"
+
+Der Kapitular antwortete vorsichtig: "Es wäre Pflicht nur und schuldige
+Dankbarkeit!"
+
+"Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der
+Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden
+will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf
+Raittenau."
+
+Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu
+richten, sprach aber nichts.
+
+Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art
+hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden
+solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein
+Raittenau.
+
+Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen
+aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht,
+unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als
+der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit
+verhaßt.
+
+Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und
+gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in
+diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner
+Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der
+Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die
+Residenz müsse verlegt werden.
+
+"Die ganze Residenz?" fragte überrascht Graf Lamberg.
+
+"Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden
+ist, das 'Altenau' ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei
+Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk,
+meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen,
+daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in
+Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge
+Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd'
+ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut'
+hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei
+andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem
+Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis.
+Wird nicht zu frühe sein damit!"
+
+"Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich
+erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der
+gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten...."
+
+"Was?"
+
+"... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im
+Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß
+in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich
+informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!"
+
+"Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es
+ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es
+ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat
+bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das
+Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen."
+
+Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen
+ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte.
+
+In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: "Warum nicht jetzt? Wer kann mich
+hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich
+will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so
+einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner
+Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!"
+
+Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst
+nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur
+gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe;
+der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: "Es wird Euer
+Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu
+mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und
+Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens."
+
+Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als
+horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur
+Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ,
+bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit,
+die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben
+zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen
+getroffen werden sollen.
+
+Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um
+ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis
+auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder
+gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem
+hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf
+Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende
+Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem
+fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.
+
+Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit
+der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der
+erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß
+doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes
+ohne gültigen Ehebund folge,--der Fürst, der das Warten nicht kannte,
+durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so
+mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme
+Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift
+citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen
+das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche
+Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der
+Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über
+den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso
+überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe.
+
+So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden
+Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am
+nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung
+verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu
+gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur
+Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen
+Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig
+Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend,
+auch als die Ausweisung angedroht wurde.
+
+Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich
+zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung
+"zu verhütung mehreren unraths" über den Wegzug der ketzerisch
+Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis
+ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis
+zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut
+war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren
+Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder
+schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen
+Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie
+verfügen würde.
+
+Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und
+Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden,
+sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift
+verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden,
+übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung
+der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel
+sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine
+Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die
+Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.
+
+Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den
+Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere
+vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren
+Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht
+rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin
+belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit
+brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten.
+
+Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der
+Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja
+doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein,
+wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich
+in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu
+jeglicher Stunde.
+
+Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward
+der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der
+auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet
+knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider
+der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf
+Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der
+Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn
+schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen
+aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen
+Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte
+der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige
+Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller
+Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.
+
+Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich
+nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord
+und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten
+übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und
+drohte mit dem Malefizrichter.
+
+Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde
+von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens
+Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm
+geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte
+Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die
+Todesstrafe ausgesprochen werden.
+
+Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör
+ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat
+nicht begangen habe. Auch konnte eine "Beschädigung" (Verletzung) des
+Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst
+verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den
+Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf
+Hinrichtung durch das Schwert.
+
+Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem
+Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm
+gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten
+Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der
+Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren
+nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.
+
+Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den
+Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der
+gnädige Fürst habe Pardon gegeben.
+
+Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der
+Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt
+bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den
+Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden,
+gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im
+letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.
+
+Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen
+unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein
+Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man
+wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate
+fanden Beachtung.
+
+Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den
+Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu
+dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die
+Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der
+Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal
+wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die
+Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion
+zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als
+Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern.
+Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten
+werden.
+
+Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die
+mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen.
+Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der
+zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am
+Gründonnerstag bringen.
+
+Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in
+eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln
+die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der
+brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten,
+zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.
+
+Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich
+ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu
+nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der
+Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.
+
+Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die
+Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren
+und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte
+dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das
+Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der
+massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan.
+
+Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund
+flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun
+predigen werde.
+
+Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm
+eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen.
+
+Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede
+zu verlieren, die also begann: "Am heutigen Tage folgen dem Beispiel
+Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher,
+häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen
+durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß
+die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen
+erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen
+Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_
+Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist
+der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der
+Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: 'Ich habe euch ein Beispiel
+gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr
+und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander
+die Füße waschen.'--Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur
+Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen
+vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und
+Gebieter."
+
+Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den
+Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach
+der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche
+die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten
+schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen
+Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und
+Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich
+auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser
+sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde;
+besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er
+führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an
+vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum.
+
+Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige
+Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge
+erkennen sollen.
+
+In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren,
+es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu
+Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen
+habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im
+Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.
+
+Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu
+seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels.
+Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren
+die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie
+zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des
+Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden.
+
+Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen
+Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange
+Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die
+Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war
+nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den
+salzburgischen----Hunden.
+
+Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof
+verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit
+einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen,
+bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe
+des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je
+kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der
+Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von
+einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister)
+erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen
+Gassen einzufangen und abzuschlagen.
+
+Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer
+alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten
+Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und
+fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der
+Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager
+konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf
+Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund
+lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund
+nicht aufsichtlos lassen.
+
+Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor
+ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies
+sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus
+und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese
+Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl
+zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher
+Auffassung überhaupt zu viel Hunde.
+
+Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der
+Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem
+Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach
+auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten
+Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und
+gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die
+Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde
+erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den
+Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer
+vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als
+sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde
+davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen
+wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die
+Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die
+Verhaftung des Schlagers.
+
+Die Aburteilung endete mit Entlassung "mit Spot und Schant".
+
+
+
+
+IX.
+
+
+An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
+auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
+das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der
+Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
+gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende
+Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
+lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
+jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.
+
+Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das
+Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener
+Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
+Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom
+Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner
+zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten
+essen würden.
+
+Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
+schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
+Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der
+Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne
+trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain
+sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
+schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.
+
+Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
+Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen,
+müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
+beizuspringen.
+
+"Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!"
+
+Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine
+unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. "Reichet mir barmherzig
+einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!"
+
+"Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke
+tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?"
+
+Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall
+einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung.
+
+"Gern soll das geschehen!" sprach der mönchefreundliche Wirt und trug
+den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine
+Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
+der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
+Humpen Weines gereicht wurde.
+
+Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder
+wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den
+Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
+wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
+Terminierung gelegentlich wieder holen.
+
+In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
+fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
+Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte
+Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd.
+
+Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
+armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
+ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
+Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.
+
+Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
+schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen
+bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
+übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.
+
+Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
+Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
+benebst dessen Almosensack.
+
+Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
+Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
+vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
+Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht
+wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.
+
+Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
+fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
+gehöre.
+
+"Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!" beteuerte der Bauer, dem es
+pressierte, in die Stadt zu kommen.
+
+"Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen
+werden!" argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei.
+
+Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
+Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
+bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
+abliefern.
+
+Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
+mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
+gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom
+Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
+heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
+Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
+klösterliche Medikus zurück und rief: "Großer Gott! Ein Pestfall!"
+
+Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
+Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun
+hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben
+dem Einstellhause zu.
+
+Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
+engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
+dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen.
+
+"Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!" zeterte der entsetzte Bauer,
+und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg.
+
+Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
+Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend.
+
+Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf
+Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
+zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
+und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
+alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
+Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
+müssen.
+
+Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher
+beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
+Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten,
+erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
+Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer
+Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte
+mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
+Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen.
+
+Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
+zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur
+Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
+worden war.
+
+Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern,
+doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
+sich einzumengen.
+
+Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu
+besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts.
+
+Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
+an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen
+erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
+schnell hinab. Die Mönche beteten laut....
+
+Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
+der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
+ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
+war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
+verschiedenen Leuten in Berührung gekommen.
+
+Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung
+wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
+strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
+Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
+der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser
+Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.
+
+Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte
+die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
+die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein
+Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem
+Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die
+Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer
+fordere.
+
+An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
+Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
+aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
+Rückkehr war aufs strengste verboten.
+
+Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im
+Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen.
+
+Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den
+Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die
+umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
+abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
+und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte
+und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.
+
+Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
+frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.
+
+Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten
+sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof
+doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
+doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen,
+wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
+wolle.
+
+Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank,
+erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger
+als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert
+Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden.
+
+Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.
+
+Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu
+ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
+den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster
+vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
+neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus
+verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
+Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden
+Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte.
+
+Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in
+leuchtenden Farben.
+
+Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter
+zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte
+zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
+für die Armenbeköstigung zu erhalten.
+
+Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
+gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
+Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.
+
+Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen
+nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich.
+
+Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
+Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
+Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
+eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast
+eintrat.
+
+Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige
+Beherbergung für Gotteslohn.
+
+Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu
+beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung
+äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen
+ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer
+einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern
+umschlossenen Hof zu.
+
+Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
+fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis,
+hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
+schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward
+unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: "Jackel! Vergiß
+nicht, morgen gleich in der Früh wird der 'Franziskaner' abg'stochen!"
+
+Und eine andere Stimme antwortete: "Ist recht, Wirt!"
+
+Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts
+anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse
+und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen
+darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen
+leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause.
+
+Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein
+vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens
+ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die
+Magd muß das Schloß von außen versperrt haben.
+
+Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im
+Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst
+gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit
+zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner
+Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken
+fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der
+Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im
+Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das
+Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins
+Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen,
+eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten
+Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder
+hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer
+verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich
+nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein.
+Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer
+erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche
+Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein
+kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen.
+
+Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete
+zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und
+Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.
+Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen
+Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß.
+
+Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und
+weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es
+lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof,
+und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton
+der Mönch erzitterte: "Also Jackel, fang den 'Franziskaner' 'raus und
+hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!"
+
+Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt
+murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der
+göttlichen Barmherzigkeit.
+
+Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick
+faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich
+durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan,
+der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und
+warf den Knecht über den Haufen.
+
+"Hui!" schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht
+zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner
+Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.
+
+Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich
+wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an
+den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die
+Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die
+Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft
+vermehrend.
+
+"Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?" schrie der Wirt und
+machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch.
+
+Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht,
+kann kein Mörder sein. Er rief: "Im Namen Gottes des Herrn frag' ich
+Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?"
+
+"Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?"
+
+"Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!" Jetzt änderte sich
+die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel,
+das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, "Franziskaner"
+genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel
+abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem
+Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als
+daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein "Franziskaner" genannt zu
+haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden
+sei.
+
+Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen
+Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte.
+
+Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er
+um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem
+Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen.
+
+Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über
+die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner
+lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und
+gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich
+ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem
+schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.
+
+Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung,
+daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der
+Pest verstorben sei.
+
+Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich
+erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine
+Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor
+einfahren.
+
+Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und
+weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem
+Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen
+konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen
+war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für
+die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus
+eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin
+und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.
+Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel,
+sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren
+Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden
+respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende
+Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens
+offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus
+Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis
+sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde
+umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien
+bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des
+Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten "ewigen Statut"
+einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender
+Weise lautete: "Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet
+werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein
+unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten
+werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden
+haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und
+beschirmt werden."
+
+So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der
+immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater
+steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt
+Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das
+kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur
+Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am
+geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes
+Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden
+weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden
+habe.
+
+Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des
+Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn
+Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei.
+
+Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten
+Körper, bebend jammerte sie: "Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei
+zur Vergebung!"
+
+Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen
+sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine
+Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.
+
+Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im
+Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß
+Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden.
+
+Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm
+eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und
+fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln,
+grüßte höflich und flüsterte: "Es kann nicht lange mehr dauern!"
+
+Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht
+nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte,
+die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube.
+
+Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier
+brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun
+Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie
+abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: "Hinweg mit der
+fürstlichen Buhle!"
+
+Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte
+schluchzend im bittersten Weh: "Vater, lieber Vater, vergebt mir!
+Verzeiht!"
+
+"Hinweg! Ich will in Ehren sterben!"
+
+"Vater, habt Erbarmen!"
+
+"Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!"
+
+"Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde
+meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir
+Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein
+schmerzdurchwühltes Herz!"
+
+"Hinaus! Ich will nichts hören!"
+
+"Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die
+Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen--"
+
+"Das wußt' ich zum voraus!"
+
+"Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All'
+äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!"
+
+"Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem
+ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!"
+
+"Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie
+ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig
+Kind!"
+
+"Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!"
+
+"Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das
+meines Lebens höchste Sehnsucht ist!"
+
+"Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will
+ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen
+soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam
+Schicksal verdientermaßen!"
+
+Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist
+ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen
+mußte.
+
+Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an
+des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände
+flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.
+
+"Nein!" flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen.
+Ein Zucken, ein Seufzer--das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt
+gestorben.
+
+Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die
+Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend.
+
+Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und
+verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und
+Trauerkleider anzulegen.
+
+Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht
+in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal
+zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der
+Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters
+gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine
+Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als
+Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit
+allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten
+zu lassen.
+
+Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: "Mein gnädiger
+Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht
+begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!"
+
+"Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater
+meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!"
+
+"Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist
+geschieden im Zorn--unversöhnt mein Flehen war vergeblich!"
+
+"So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?"
+
+"Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich
+um sein Erbarmen--"
+
+Wolf Dietrich rief mißmutig: "Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich
+verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge
+Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben."
+
+Aufschluchzend jammerte Salome: "Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen
+geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf
+den bitteren Gang!"
+
+"Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein
+Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer
+er wolle; die Kluft ist zu hoch!"
+
+"Weh' mir!" rief Salome und brach zusammen.
+
+Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,
+er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und
+gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.
+
+Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens
+und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den
+Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen
+Verbeugungen begrüßten.
+
+Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die
+Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres
+Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig
+waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde.
+
+Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich
+strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward
+gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des
+Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.
+
+Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf
+den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen
+haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich
+halblaut zum Kapitular: "Will Lamberg dafür sorgen, daß still und
+schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,
+werd' ich dem Freunde dankbar sein!"
+
+Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im
+Verhalten des Fürsten.
+
+Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das
+Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: "Salzburg hat einen
+hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,
+verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die
+Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt
+meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu
+veranlassen."
+
+Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten
+wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein
+Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles
+hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun
+speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum
+Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die
+inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais
+verließen.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen,
+es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum
+Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine
+Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen
+das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes
+geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser,
+teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren
+als Lagerorte oder "Legstätten" für dieses Salz bestimmt; Hallein für
+die Ausfuhr zu Lande "auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren",
+Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu
+Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,
+nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der
+Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt
+gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in
+früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und
+Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,
+welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises
+zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun
+der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom
+Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie
+alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge
+abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen
+und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst
+erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe
+des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt
+hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung,
+zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung
+des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich
+hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der
+Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem
+Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog
+schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung
+durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor
+wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers
+über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern
+für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch
+einen Kreuzer darüber gestattete.
+
+Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und
+demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu
+erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen
+Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und
+berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang
+ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute
+Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte.
+
+Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin
+er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern
+teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten
+Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach
+einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so
+geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten
+Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst
+bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen
+vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die
+keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines
+Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem
+Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf
+Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des
+weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden,
+konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in
+Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht
+genannt werden mußten.
+
+Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen
+Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu
+finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig
+besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote
+Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch
+empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl
+erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu
+hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem
+klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder
+zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den
+Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst
+nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche
+Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht
+immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer
+Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,
+besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn
+Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die
+Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die
+Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht
+auf Rom fallen gelassen werde?
+
+"Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!" flüsterte der Fürst und
+ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer
+bemühen.
+
+Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,
+anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen,
+doch mit fragenden Augen.
+
+Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen,
+richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an
+Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen
+hervorgerufen habe.
+
+"Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast
+du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu
+besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage."
+
+Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die
+jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war.
+
+Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt
+nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.
+
+Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: "Nach allem,
+was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das
+Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine
+bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet,
+genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich
+soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis
+steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe."
+
+Überrascht rief Wolf Dietrich: "Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer
+hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen
+finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies
+auch der Kaiser thut."
+
+"Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?"
+
+"Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl
+eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben
+Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen."
+
+"Weiß das der Bayernherzog?"
+
+Wolf Dietrich zuckte die Achseln: "Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt;
+ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München
+gekommen ist."
+
+"Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen
+vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß
+Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz
+nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch
+zahlen."
+
+"Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis
+des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es
+ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!"
+
+"Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt
+man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des
+Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so
+sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben,
+sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern"
+
+"Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer
+Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist
+feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im
+neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem
+alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist
+genehm."
+
+Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und
+erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.
+
+Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst
+sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der
+Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen "seltsam
+geschwinden Kopf" zu nennen.
+
+Salome warf ein: "Das ist doch weiter nichts Schlechtes?"
+
+"Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der
+freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß
+der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als
+ein "periculosum ingenium" betrachten--"
+
+"Was heißt das?" fragte Salome.
+
+"Man kann es verdeutschen mit 'gefährlicher Kopf'!"
+
+"Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue
+Papst nicht schlimme Absichten heget."
+
+"Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den
+Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem
+wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen."
+
+"Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein
+klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer
+Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten
+Hut!"
+
+Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch
+hier den Kern der Sache erfaßte.
+
+"Hab' ich recht geraten?" fragte die kluge Frau.
+
+"Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist
+meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der
+Erzbischof Wolf Dieter wird--nicht Kardinal!"
+
+"Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit
+mit Bayern und dem Kaiser!"
+
+Trotzig rief der hochfahrende Fürst: "Kommt dazu es jemals, stell' ich
+meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der
+leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner
+Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken."
+Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und
+geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb.
+
+Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf
+den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung
+erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu
+merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des
+Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu
+spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag
+nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um
+seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim
+zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen
+der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch
+Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm
+gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in
+Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten "goldenen Steiges" nach Böhmen,
+wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man
+klagte beim Reichskammergericht in Speyer.
+
+Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg
+gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der
+Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun
+auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische
+Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den
+Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von
+Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das
+kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem
+Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren
+konnte.
+
+Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim
+Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller
+Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr
+verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das
+Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen.
+
+Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich
+abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der
+Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt,
+von welcher der Chronist berichtet: "Er (der Erzbischof) ist ainesmales
+ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von
+wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig
+stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch
+und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit
+Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung
+habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch
+ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die
+zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit
+abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches
+Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet;
+ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es
+darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch
+mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch."
+
+Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an
+Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte
+eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über
+ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu
+dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet.
+
+Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten
+Zorn hervor und setzte seinen ohnehin "geschwinden Sinn" in lebhafteste
+Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen
+Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben
+einhändigen.
+
+Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des
+fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum
+Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten
+schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten
+Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam
+an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten
+lassen.
+
+Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht
+aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die
+Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies
+der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen.
+
+Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche
+hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos
+kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen
+Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in
+jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.
+
+Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die
+Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche
+Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer
+offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag
+ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem
+Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe.
+Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof
+gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen
+marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant
+befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die
+Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine
+Gesandten ab.
+
+Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu
+versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf
+den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben.
+Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs
+Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_.
+
+Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch
+war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die
+Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger
+seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.
+
+In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und
+salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen
+neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo
+verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man
+der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst
+verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des
+kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für
+den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb
+gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu
+festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von
+jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf
+Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden
+werden.
+
+Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.
+
+Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser
+begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit
+dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform
+des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf
+dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des
+Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung
+des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu
+vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der
+protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den
+Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der
+Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.
+
+Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander,
+die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen
+Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter
+Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den
+gleichfalls dissentierenden Pfälzern.
+
+Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach
+Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die
+Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu
+Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für
+Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig
+Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich
+verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten
+zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die
+ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich
+Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht
+Römermonaten bereit.
+
+Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen
+Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen,
+über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses
+seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden,
+als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und
+Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des
+Reichs.
+
+Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die
+Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher
+Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich
+jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich
+nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen
+die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich,
+weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.
+
+Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er
+urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die
+Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil
+der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne.
+
+Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
+in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche
+leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des
+Erzstiftes "armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
+abgefallen seien",--zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
+Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen,
+wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten
+Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in
+überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend
+ausgeliehen wurden.
+
+Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten
+angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
+am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
+uralte mit der "Freyung" begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
+abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung,
+die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
+gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
+Dietrichs Werk, ebenso der "Neubau", welcher zur zweiten Residenz
+bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
+des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
+vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für
+seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
+nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die
+geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
+verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder,
+Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
+wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach
+Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen
+und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und
+Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu
+verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
+verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein
+italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den
+eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten
+fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu
+machen.
+
+Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie
+seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große
+Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
+prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des
+Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt.
+Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
+Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
+Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in
+diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
+konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
+aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
+hindurch bis zum nächsten Frühling.
+
+Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die
+Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie
+Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
+den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von
+solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim
+Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
+wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von
+Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser
+der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
+Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
+erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
+Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
+Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.
+
+Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte
+sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum
+Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
+Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später
+kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der
+Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
+ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.
+
+Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
+willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten
+das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch
+eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde,
+ein Meisterwerk der Baukunst.
+
+Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
+Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
+Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und
+Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
+Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein
+Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom
+mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich
+in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie
+Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem
+Geschmack.
+
+Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen
+Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte
+im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger,
+die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
+zweifellos enormen Kosten.
+
+Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
+steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt
+in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
+frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
+in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
+und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
+erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
+Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome
+zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
+Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille
+Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten
+Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach
+Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
+vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche
+freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß
+Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so
+wurde die Übernachtung beschlossen.
+
+Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
+es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht
+schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.
+
+In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre
+Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
+durch die Fenster.
+
+Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule
+aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
+Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
+knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
+Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
+nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer
+leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer
+zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern
+nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die
+Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.
+
+Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:
+"Der Thuemb brinnet!" brachte die Bürger auf die Beine. Der
+Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.
+
+Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen
+feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf
+die Residenz.
+
+Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte;
+man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei.
+Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
+die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die
+Residenz zu retten.
+
+Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
+Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
+ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
+begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.
+
+Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die
+Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die
+Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
+anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden
+sollen.
+
+In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte
+zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
+Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein
+Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.
+
+Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große
+Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht
+hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
+Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.
+
+Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des
+Landesherrn.
+
+Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
+richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
+Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.
+
+Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur
+Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
+alles fragte nach dem Erzbischof.
+
+Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
+nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.
+
+"Wo ist der Fürst?" hieß es.
+
+Heiser rief der Meldereiter: "Er kommt nicht!"
+
+Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
+konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
+durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
+Not.
+
+Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
+dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom
+Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: "Brennt es, so lasse man es
+brennen!"
+
+Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
+Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs
+gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
+ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den
+Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
+verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht,
+das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte
+dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst
+der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.
+
+Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
+diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
+verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man,
+dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
+nach Rom übermittelte.
+
+Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige
+Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
+Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ.
+
+Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in
+der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
+abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen
+Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder
+celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt.
+Peter abgehalten.
+
+Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
+nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
+fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
+Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
+diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.
+
+Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
+zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
+Dietrich eine Audienz.
+
+Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund,
+sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß
+der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag.
+
+Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
+Kapitulator forschend an. "Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
+Kunde von Prag eingelaufen?"
+
+"Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
+ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn."
+
+"Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu
+vermelden wäre in meiner Stadt!"
+
+"Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
+will gefährlich erscheinen."
+
+Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
+durchdringend. "Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
+hindern!" meinte der Fürst dann geringschätzig.
+
+"Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
+gefährlich werden."
+
+"Wohinaus will Lamberg zielen?"
+
+"Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung,
+die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß."
+
+"So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein
+Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!"
+
+"Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
+verstatten?"
+
+"Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!"
+
+"Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
+vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
+deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit
+zugleich."
+
+"Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und
+Herr zu thun und lassen habe?!"
+
+"Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine
+unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
+eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen."
+
+"Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
+mir wohl anjetzo eingekerbt?!"
+
+"Viel schlimmer, gnädiger Herr!"
+
+"Wie?"
+
+"Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und
+zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte."
+
+"Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?"
+
+"Der Brand...."
+
+"Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
+nieder!"
+
+Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit
+hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst
+ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: "Niente di
+male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
+das heiße Blut."
+
+"Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?"
+
+"Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb
+wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
+nicht...."
+
+Jetzt rief Lamberg überrascht: "Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch'
+infamen Argwohn entschuldbar?"
+
+"Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß
+widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die
+Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward
+zum Brandstifter."
+
+Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung
+nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte
+sich Wolf Dietrich amüsiert.
+
+"Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen
+lassen?"
+
+"Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
+abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!"
+
+"Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!"
+
+"So sprich, teurer Freund!"
+
+"Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
+Domes."
+
+"Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!"
+
+"Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag
+vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft."
+
+"Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
+Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
+einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen."
+
+Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben,
+konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.
+
+Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus
+Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
+geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht
+schlummerte ein.
+
+Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie
+im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
+Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
+der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig
+Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein.
+
+Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom
+noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
+die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
+Kirchen provisorisch untergebracht.
+
+Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen
+zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als
+Erzbischof--nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer
+Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig
+und müsse daher abgetragen werden.
+
+Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
+massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
+Ziel doch erreicht,--der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis
+auf den Grund geräumt.
+
+Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
+erbauen.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch,
+seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen
+Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder
+Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt.
+Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit
+am Hofe des baulustigen Erzbischofs.
+
+Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach
+nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu
+Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen
+Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten
+damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs
+entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie
+ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche
+Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu
+wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu
+bringen.
+
+Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II.,
+dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus
+den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen.
+Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten
+den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche
+sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer
+unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen
+Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der
+Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die
+Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch,
+daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben,
+wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen
+hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag
+geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem
+Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem
+bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte,
+als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang
+des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte.
+
+Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar
+im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über
+Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem
+Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen
+erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen
+Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in
+München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der
+Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de
+Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den
+Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht
+nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den
+Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse.
+
+Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte,
+wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner
+wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels
+Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche
+Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener
+Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der
+Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen.
+
+Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation
+nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn
+auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als
+Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg,
+indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der
+gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener
+Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes
+gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende
+Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten
+frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen
+verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an
+Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift
+anheimfallen.
+
+Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft
+vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem
+diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen
+sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das
+Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der
+regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als
+Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit
+hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel
+bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom
+Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im
+Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz
+machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit
+ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit
+Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel
+obwalten konnte.
+
+Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der
+Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe
+der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem
+fürstlichen Fiskus eingeliefert.
+
+Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten
+zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen
+Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer
+weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch
+imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten
+des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die
+Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig
+empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es
+überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und
+Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.
+
+Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten
+manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer
+wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den
+Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen.
+
+In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß
+kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms.
+"Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues
+Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des
+kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig
+Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich
+überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!"
+
+Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu
+trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt
+werden könne.
+
+Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: "Das sagt
+Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich
+gebrochen?!" "Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt
+heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im
+innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle
+eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren
+Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden
+könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!"
+
+Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte
+die weiße Stirn Salomens.
+
+Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: "Mein
+gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!"
+
+"Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!"
+
+"In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den
+Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen
+Kräften sorgen--"
+
+"Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß
+Ursach' ist zur geringsten Klage?!"
+
+"Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die
+Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich
+richten...."
+
+"Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder
+Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für
+unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!"
+
+"Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der
+Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt
+solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen
+Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?"
+
+"Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt'
+kalt dies lassen!" erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst.
+
+"Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein,
+anzuerkennen solche Urkunde"
+
+Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick,
+wohinaus Salome wolle. "Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht
+nicht wohl aus!"
+
+"Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!"
+
+"Der--Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins
+Staunen!"
+
+"Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort,
+mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des
+Stiftsherrn Urkund'----!"
+
+"Hm!" Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten
+Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen
+Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum
+Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei
+Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und
+von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf
+Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht
+nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: "Solch' wichtige Sache
+will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug'
+behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!"
+
+"Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht,
+es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht
+viel des Guten zu versehen ist!"
+
+"Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!"
+
+Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher
+Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur
+das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte
+aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines
+gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf,
+den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht
+aus dem Auge verlieren zu wollen.
+
+Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine
+Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben
+gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg
+berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der
+Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und
+katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die
+Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die
+protestantische Bewegungspartei habe nun die "Union" errichtet, eifrige
+Katholiken seien daran, als Gegengewicht die "Liga" zu gründen, und so
+frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen
+oder nicht.
+
+Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es
+unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend
+welchen Ausdruck zu geben.
+
+Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und
+überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend
+aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: "Will der Bayer und
+sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe
+genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der
+Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf
+Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am
+Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen
+Jesuiten-Max dazu!"
+
+Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit
+ward mit keinem Wort erwähnt.
+
+Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom
+Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter
+Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob
+der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.
+
+Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf
+ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. "Willst wissen, Geliebte, was
+meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!"
+
+"Betrifft es mich, gnädiger Herr?" fragte, schalkhaft werdend, Salome.
+
+"Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!"
+
+"Wen meint mein Gebieter mit sothanem 'Max'?"
+
+"Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen,
+der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in
+Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!"
+
+"Und das wäre?"
+
+"Der Herzog führte Krieg gegen--der hübschen Weiber kurze Röcke und
+pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!"
+
+"So streng soll der Bayern-Herzog sein?"
+
+"Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich
+Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu,
+die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das
+Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine
+kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome
+gepönt, verliert den schönen Kopf!"
+
+Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich
+überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm
+den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger
+wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige
+Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu
+orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der
+Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch
+Salome nicht schwer.
+
+Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet
+ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine
+Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in
+lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs
+Raten verlegen und deutete das "aut Caesar aut nihil" dahin, daß der
+Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun
+wolle.
+
+Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: "Wo
+der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit,
+wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die
+Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von
+Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!"
+
+Vorsichtig fragte Salome: "So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft
+im Erzstift an?"
+
+Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: "Soll er wie er
+will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger
+Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!"
+
+"Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!"
+
+"Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins
+Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich
+kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem
+Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und
+österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta
+salisburgensis, von dem ich gesprochen!"
+
+Ängstlich fragte Salome: "Mußte das sein?"
+
+"Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein
+Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen.
+Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es
+fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron
+verschlossen!"
+
+"Was sagt der Bayer zu solchem Statut?"
+
+"Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in
+Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern,
+wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!"
+
+"Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?"
+
+"Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich
+weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten
+angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will
+nicht!"
+
+"Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?"
+
+"Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken
+haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist
+nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes
+Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr
+kräftigt es den Bayer."
+
+In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt
+gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich
+keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema
+wechselnd fragte Salome: "Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl
+zur Tafel führen?"
+
+Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach
+mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen
+und Kämmerlinge.
+
+Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der
+Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos
+erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf.
+
+Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der
+Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen
+aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch
+die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf
+Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit
+ausweichendem Bescheid heimkehren ließ.
+
+Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat
+Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag,
+zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche
+Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer
+Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten,
+auf "daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden".
+
+Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine
+Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu
+präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser
+Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes
+zur Verfügung haben sollte.
+
+Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das
+kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem
+schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern.
+
+Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl
+gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis
+zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit
+den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald
+erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur
+schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in
+München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das
+Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war.
+
+So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel
+auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind
+gegen die aufziehenden Gefahren.
+
+Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und
+beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und
+ihrer Ersparnisse.
+
+Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich
+keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug
+vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die
+Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen
+und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem
+Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen
+eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit
+feenhafte Schloß 'Altenau'[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an
+Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von
+Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse:
+
+ Raittnaviae stirpis divino e munere princeps
+ Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas
+ Impatiens otii, spirans magis ardua quondam,
+ Nunc, ubi per morbos corpore deficio,
+ Has tacitas aedes fessus portumque silentem
+ Hunc mihi semestri tempore constituo.
+
+Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer
+und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges
+Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere
+Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben.
+
+Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben
+Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur
+Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses
+nach 'Altenau', und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf
+Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte
+der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer
+dräuenderen Sorgen hinter sich.
+
+Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich
+in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:
+
+ "Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf
+ Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß
+ oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten
+ Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von
+ allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen,
+ pauen und aufrichten lassen,--auch solchen Pau Altenauen genennt. In
+ solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich
+ oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten
+ daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil
+ darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem
+ fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die
+ Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und
+ gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet
+ vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu
+ Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen
+ merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg
+ schaffen können.
+
+ Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im
+ Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es
+ sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven
+ nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch
+ vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten
+ worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn
+ welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen
+ recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis
+ und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib
+ von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß
+ ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid
+ herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert
+ wirdet."
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl
+in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch
+Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine
+Unterstützung gebeten hatte.
+
+Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser
+erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad
+vorgeschützt.
+
+Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von
+zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel
+verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken,
+vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein
+unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig,
+auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig.
+
+Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens,
+erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen
+Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler
+Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu
+erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an
+eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund
+entbehrt.
+
+Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome
+mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom
+Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem
+Kaiser Meldung zu erstatten.
+
+Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten
+und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer
+Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen
+um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen
+Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort
+"Salzburg" fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie
+geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling
+diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte.
+
+Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: "Frau von Altenau aus Salzburg
+bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang."
+
+Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und
+murmelte: "Altenau aus Salzburg--kenn' ich nicht! Salzburg--der
+widerhaarige Fürst--ja ich weiß--bin müde, führ' er den Bittsteller
+herein, soll kurz es machen!"
+
+Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: "Euer Majestät
+unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!"
+
+Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die
+Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob
+sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.
+
+Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand
+führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der
+tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die
+Dame bat, sich zu erheben.
+
+Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde
+freundlicher.
+
+"Gnädigster Kaiser und Herr!" sprach bebenden Tones Salome und richtete
+den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, "wollen
+Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen
+vorbringen zu dürfen."
+
+Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach
+der Kaiser: "Ihr seid verheiratet? Mit wem?"
+
+Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das
+schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach
+Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: "Gnädigster Herr und Kaiser!
+Mein Bund entbehrt--des kirchlichen Segens!"
+
+"Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!" rief Rudolf und wich einen Schritt
+zurück.
+
+"Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!"
+
+"Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern
+vor jeder österlichen Beichte!--Wer ist der Mann, der sich nicht scheut,
+den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?"
+
+Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:
+"Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von
+Salzburg."
+
+"Des Erzbischofs Wolf Dietrich?" rief überrascht und betroffen der
+Kaiser aus.
+
+Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den
+Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in
+seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.
+
+"Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue
+Dienerin ihres geliebten Herrn!" flehte Salome.
+
+Herb klangen des Kaisers Worte: "Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz,
+verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen
+Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das
+Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der
+heiligen Kirche!--"
+
+"Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und
+verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!"
+
+Unwillig und erregt rief Rudolf: "Weiß der Erzbischof nichts von
+Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür
+ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom
+Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß
+ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem
+keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den
+Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?"
+
+Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in
+bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau:
+"Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die
+Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich,
+die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und
+kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im
+salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und
+Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet,
+konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger
+Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen,
+die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich
+unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen.--"
+
+"Ihr seid verblieben dennoch?!"
+
+"Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr'
+ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola
+nicht--"
+
+"Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte--" rief
+erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.
+
+"Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue
+bewahrte mir der Herr!"
+
+"Und Verdammnis wird sein Euer Los!"
+
+"In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die
+Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie
+lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von
+Köln!"
+
+"Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!"
+
+"Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da
+nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben
+schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!"
+
+Zaghaft und scheu sprach Rudolf: "Hab' recht ich Euch verstanden, so hat
+unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er
+doch die kirchliche Trauung hat vermieden?"
+
+Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.
+
+"Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat
+geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?"
+
+Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: "Des
+Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für--meine
+Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!"
+
+Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben.
+
+Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und
+hoben die Händchen bittend empor.
+
+Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: "Was ist
+Euer Begehr?"
+
+Innig flehte Salome: "Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer
+Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten,
+will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich
+des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den
+Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund'
+meines Herrn und Gebieters!"
+
+"So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?"
+
+"Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen
+Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu
+Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den
+unschuldigen Kindern!"
+
+"Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!" sprach mild der
+Kaiser.
+
+"Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches
+mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb
+Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen
+Bitte aus tiefstem Herzensgrund!"
+
+"Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen
+gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch
+den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein
+kaiserliches Wort!"
+
+Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie
+entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die
+kaiserliche Rechte.
+
+"Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit
+keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter
+ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer
+Landsassen...."
+
+"O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche
+Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank...."
+
+"Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?"
+
+"Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es
+Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt."
+
+"So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht
+fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott,
+kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures
+gnädigen Kaisers!"
+
+Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln
+lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.
+
+Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das
+Gemach.
+
+Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin:
+"Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt
+gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!
+Mir grauet vor solcher Beicht'!"
+
+Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er
+selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen
+seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung.
+
+Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau
+und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte
+ehelicher Geburt.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr
+und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch
+seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in
+leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga
+unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs
+Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das
+Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der
+Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle,
+hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich,
+genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die
+bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich
+erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen
+Salzburgs den Titel "celsissimus" (der "erhabenste") beilegte.
+
+Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen
+diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig
+hin; aber in München ärgerte man sich über den "celsissimus", man
+verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die
+Liga.
+
+Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche
+Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt
+wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße
+auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und
+Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der
+Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde.
+
+Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen
+empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer
+nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener
+Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des
+Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch
+auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag
+und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu
+Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz
+des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher
+Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden.
+
+Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im
+Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der
+Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse
+Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr
+plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war
+gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich
+nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen.
+
+Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte:
+"unbeschadet seiner Gefälle", es mußte daher der Herzog die Summe von
+34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei
+nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog
+der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse
+im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um
+Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede
+Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden
+mußten.
+
+So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden
+übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den
+Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.
+
+Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl
+zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu
+sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch
+von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn
+der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im
+Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das
+Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten
+führten, ausgedehnt wurde.
+
+Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des
+Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre
+Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie
+zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem
+Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden
+belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der
+denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und
+ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern
+selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also,
+so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und
+recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn
+eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.
+
+Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres "Nein", worauf
+Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen
+ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch
+nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche
+Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen
+Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf
+Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als
+Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf
+Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren
+bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer
+Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge
+gerne zur Kenntnis genommen worden sei.
+
+Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten
+Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen
+Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu,
+die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch
+sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu
+München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf
+Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu:
+"Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für
+Straßenbau zur Stelle!" Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein
+neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang,
+Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu
+konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise
+könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.
+
+Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende
+von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl
+aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee
+führte.
+
+Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von
+statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt
+werden.
+
+Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur
+noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die
+Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt.
+Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und
+Rossen stationiert worden war.
+
+Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit
+seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er
+den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit
+dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte
+sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede
+Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.
+
+In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern
+erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei
+Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz
+nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten.
+
+Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land
+von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische
+Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des
+salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für
+Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die
+Forderung Maximilians zurück.
+
+So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten
+die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf
+einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von
+Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000
+Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue
+Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18].
+
+Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch
+einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet,
+Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von
+Böhmen--Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig--Tirol auf
+neuen Wegen einzuführen.
+
+So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens
+verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste
+hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem
+Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern
+dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen
+Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg
+durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der
+schwersten Geldstrafen.
+
+Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der
+Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte
+Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach
+Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem
+Erzbischof Beistand an.
+
+Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr
+mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem
+geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der
+Unions-Bewegung war.
+
+Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern
+für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur
+Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen
+zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr.
+Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern
+abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.
+
+Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und
+eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des
+Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß
+Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu
+besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch
+den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ,
+die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge,
+weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des
+Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten
+Worten vor einem Krieg.
+
+An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im
+Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß
+gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst
+liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf
+Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu
+fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen
+Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.
+
+Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: "Ob schlimm,
+ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft,
+will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende
+mache und die Propstei dem Bayer nehme."
+
+Erschreckt fiel Salome ein: "Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller
+Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!"
+
+"Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille,
+befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich
+geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit
+langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der
+Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!"
+
+"O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird
+der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und
+rächen solche That!"
+
+"Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe
+gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann
+sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!"
+
+"Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu
+klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein
+Feldherr und stark sein Kriegsvolk!"
+
+"Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als
+Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir
+bei!"
+
+"Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen,
+Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß
+abfällt das Stift von Rom!"
+
+Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge,
+und sprach: "Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich
+wechseln!"
+
+"Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger
+Herr!"
+
+"Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die
+Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich
+nichts!"
+
+"Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug,
+verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil...."
+
+"Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen?
+Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München
+machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's
+nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land
+wird nimmer bayerisch!"
+
+"O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die
+vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!"
+
+"Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,
+Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!"
+
+In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten
+und rief mit flehend erhobenen Händen: "Höret nimmer auf Soldatenwort!
+Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt
+der ergrimmte Bayer!"
+
+"Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!" sprach mild der Fürst
+und hob Salome zu sich empor. "Die treulich Mutterliebe spricht aus dir,
+die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue
+mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!"
+
+Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: "Könnte
+verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der
+deutschen Fürsten?"
+
+"Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und
+das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!"
+
+Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den
+kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf
+Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und
+Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten.
+
+Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein
+Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem
+militärischen Kleide weichen müssen.
+
+Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den
+Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten
+gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang
+anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas
+ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und
+Domherren.
+
+Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit
+langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln
+huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte
+der Erzbischof: "Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher
+Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis
+spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach
+Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein
+waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand
+wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle
+erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger
+Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab!
+Gott befohlen!"
+
+Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des
+Befehles und verließen sogleich die Residenz.
+
+Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611
+erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten
+der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß
+der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen,
+die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage
+beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen
+Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle.
+
+Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine
+bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher
+Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos
+erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf
+Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis
+schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der
+Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe
+den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der
+Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein
+Schiedsgericht.
+
+Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den
+Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof
+von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden
+einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den
+durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen.
+
+Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im
+Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig
+geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter
+Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände.
+
+Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen
+seine Worte, als er sprach: "Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest
+sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog
+schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!"
+
+Wolf Dietrich fuhr auf: "Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab'
+ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!"
+
+"Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat
+das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die
+Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!"
+
+"Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!"
+
+Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den
+Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht
+einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern
+bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin
+aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu
+öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der
+Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.
+
+Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: "Da kommt
+der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert,
+ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh
+sein, wenn man ihn lasset unbehelligt."
+
+"Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das
+Reichskammergericht wendet!"
+
+Wieder lachte Wolf Dietrich: "Dann kann der Bayer warten bis zum
+jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!"
+
+"Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme
+Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?"
+
+"Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das
+Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet,
+meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!"
+
+Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: "Dann,
+Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich
+sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der
+Herzog wird mit Krieg überziehen und--"
+
+"Und?"
+
+"Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!"
+
+"Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!"
+
+"Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden
+nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem
+Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer...."
+
+"Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers
+Sieg wünschet über das Erzstift!"
+
+"Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der
+Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!"
+
+Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen
+seine Worte: "Du glaubst--an meinen--Sturz?!"
+
+"Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In
+letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich
+beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den
+unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder!
+Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers
+Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder,
+wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch,
+so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre
+Euch in dieser letzten Stunde!"
+
+"Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel!
+Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem
+Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren
+Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!
+Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie
+ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den
+Bayer!"
+
+Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: "Nehmt mein Leben,
+Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört
+das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!"
+
+Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: "Ich trotz' allen!
+Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und
+Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring'
+den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist
+deine Freundschaft!"
+
+Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er
+zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund:
+"Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist
+Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller!--Dem
+Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte...."
+
+"Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!"
+
+Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus
+dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue
+Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die
+beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring,
+Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und
+Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war
+dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus
+Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg
+bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus
+gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in
+der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue
+Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter
+Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit
+bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei
+der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte,
+wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im
+Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege.
+
+"Jacta est alea!" flüsterte der treue Freund und kehrte über die
+Salzachbrücke in die innere Stadt zurück.
+
+Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400
+Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben
+und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee,
+100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach
+Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und
+Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der
+Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur
+Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit
+100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt.
+
+Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der
+in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich
+unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm
+gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu
+seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von
+Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und
+zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max
+mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet
+gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen
+und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.
+
+Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß
+Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben
+dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu
+beseitigen.
+
+Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das
+Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren.
+
+Graf Lodron erwiderte: "Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn
+und Fürsten zu unterstützen!"
+
+"Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!"
+
+"Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine
+Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des
+eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom
+Kapitel beauftragt bin!"
+
+Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: "Vom
+Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst
+behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird
+verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich
+aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den
+alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem
+jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!"
+
+Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des
+Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: "Ich habe im
+Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache
+angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein."
+Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren
+und ging.
+
+Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum
+Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel
+auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die
+Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen
+bemüht war.
+
+Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des
+Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler,
+Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung
+gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das
+Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen
+werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ
+die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es
+besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.
+
+Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten,
+sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser
+Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich
+den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge,
+um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf
+flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog
+weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.
+
+Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit
+Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max
+Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in
+Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr
+entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten
+ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene
+machten, die Waffen wegzuwerfen.
+
+Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich
+so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen
+in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden
+bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe
+mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen
+Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er
+an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief
+seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.
+
+Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich
+um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber
+ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen.
+
+Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den
+Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben
+möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen.
+
+Barsch rief der Erzbischof: "Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel
+versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich
+bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange
+nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren
+mögen sich nach Hause begeben!"
+
+Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich.
+
+Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die
+Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den
+Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben
+heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu
+kommen.
+
+Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich
+ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu
+welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte.
+
+Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg
+holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum
+Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.
+
+Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs
+Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern
+eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß
+dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch
+dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.
+
+Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger
+Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich
+geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei
+Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden.
+
+Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges,
+katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand
+bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die
+Friedensbedingungen verhandeln sollten.
+
+Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom
+Herzog empfangen worden.
+
+Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht
+Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des
+Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.
+
+Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf
+Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des
+Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei.
+Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die
+salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den
+nächsten Tag.
+
+Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und
+alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand
+genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der
+Kapitelsgesandtschaft von "schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des
+Erzstiftes", Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß
+Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation
+des Erzstiftes beabsichtige.
+
+Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten
+Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der
+bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit
+bewaffneter Hand auszubreiten.
+
+Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf
+Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel
+unterliegen.
+
+So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des
+Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu
+verjagen.
+
+Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es
+beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo
+ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns
+Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und
+Entscheid binnen zwei Tagen.
+
+Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof
+die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete:
+Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge
+einschießen.
+
+Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des
+Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich
+zurück.
+
+Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in
+Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen
+hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn
+rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen.
+
+Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen,
+wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer
+nicht viel Federlesens machen werde.
+
+"Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer
+zwingen!" prahlte Wolf Dietrich. "Ihr seid jeden Mutes bar, feige
+Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog
+den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde
+ich Euch türmen lassen in der Feste!"
+
+Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des
+Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen
+geradezu undenkbaren Sieg.
+
+Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde
+ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter
+Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des
+Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe.
+
+Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: "Macht nichts!
+Tittmoning ist nicht Salzburg!" und entwickelte nun eine die verzagte
+Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein
+kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die
+Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und
+Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden.
+
+Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz
+zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er
+abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich
+neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit
+24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen.
+
+Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht
+bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur
+Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit
+zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen
+Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein
+Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der
+fürstlichen Hofkutsche.
+
+Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder
+mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission
+übernehmen wolle.
+
+Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell
+und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem
+Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese
+Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht,
+der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen:
+Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor
+er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke.
+
+Demütig sprach der Guardian: "Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber
+es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und...."
+
+"Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!"
+
+Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte
+Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in
+rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen
+Grenze.
+
+Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er
+warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen.
+Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war
+übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst
+auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine
+Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die
+Unschuldigen für den Vater?
+
+Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer
+Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur
+Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze
+und Geld verpacken.
+
+Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in
+den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten
+Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert
+ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten
+holen und ankleiden.
+
+So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte
+sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und
+von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte.
+
+Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten.
+
+"Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht,
+spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen
+Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins
+Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!"
+
+"Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die
+Flucht ergriffen werden?"
+
+"Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei!
+Rette dich und die Kinder!"
+
+"Und mein gnädiger Herr?"
+
+"Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!"
+
+"Dann ist es meine Pflicht auszuharren...."
+
+"Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!"
+
+Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu
+besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz
+niederkämpfend.
+
+In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt.
+Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile
+zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen
+verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach
+Golling abgeschickt.
+
+Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen
+Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick
+galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen
+Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den
+in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch,
+der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat!
+Ein Sturz von schwindelnder Höhe!----
+
+Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller
+Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das
+Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe
+in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat
+und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug
+durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der
+Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof
+lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem "Türken"
+befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der
+Erzbischof unschädlich gemacht sei.
+
+Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an
+Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden
+war.
+
+Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner;
+wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der
+gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung
+des gefürchteten Herzogs.
+
+In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er
+sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg
+bitten, ihn zu besuchen.
+
+Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der
+Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange
+Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die
+Verhandlungen dadurch erleichtert werden.
+
+Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen
+zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu
+leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach
+er denn schmerzbewegt: "Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe,
+sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines
+Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!"
+
+Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht
+nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu
+erwarten.
+
+Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er
+verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der
+Kapuziner.
+
+Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum
+Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen
+die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten
+korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. "Daran geschehe ihm
+unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle.
+Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt,
+begehre derowegen Gnad und Verzeihung."--Das zweite Schreiben war an das
+Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner
+Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun,
+was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde.
+
+Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit
+sie leicht gefunden werden konnten.
+
+Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
+noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf
+und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
+Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
+Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
+Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten
+Kämmerern sprach: "Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen
+Herrn!"
+
+Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
+Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten.
+
+Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten
+Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
+Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
+schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde.
+
+Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor
+dem anrückenden Feinde.
+
+Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das
+zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden,
+und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln.
+Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen
+Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen,
+jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und
+Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog
+entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens
+des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun
+nach seinem Gefallen schaffen könne.
+
+Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der
+Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das
+Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang
+darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife,
+den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder
+zurückzubringen.
+
+Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof,
+einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen
+und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs
+einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels
+erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf
+Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25.
+Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter
+dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg
+aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte.
+
+Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber
+begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und
+Schützen, in Salzburg ein.
+
+Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig.
+Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten
+und durch den Profoßen verkünden: "Wenn sich ein Knecht ungebührlich
+halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß
+Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den
+lichten Galgen zu henken."
+
+Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an
+der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen.
+
+Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben,
+ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den
+Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen "schönen
+Schreibkasten" anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit
+bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte.
+
+Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während
+desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis
+betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen
+wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die
+großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten
+Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine
+Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem
+Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des
+geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von
+Erklärungen legitimiert erschien.
+
+Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den
+Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte
+von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der
+Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und
+seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels:
+der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden,
+wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit,
+aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu--resignieren.
+
+Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder.
+
+ * * * * *
+
+Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den
+Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg
+Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie
+glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser
+Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in
+rascher Flucht suchen!
+
+Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende
+Raben flogen über die Burg hinweg.
+
+Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes.
+
+Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille,
+traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte,
+als Hufgeklapper hörbar wurde.
+
+Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am
+Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
+begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des
+Erzbischofes zu Salome.
+
+"Ruh' in Frieden!" flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann
+der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern.
+Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird?
+Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich.
+Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe
+Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.
+
+Weiter!
+
+Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die
+Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf
+Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige
+Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr
+von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des
+mißgünstigen Bergortes Schladming.
+
+Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den
+Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann
+ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise
+nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee
+und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war.
+Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte
+nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort,
+grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf.
+
+Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier
+genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu
+schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch
+wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer
+entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß
+zurück nach Salzburg reiten.
+
+Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten
+Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von
+Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite
+Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten.
+
+Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit
+wenigen Worten. "Ein schmerzlich Wiedersehen!" meinte er unter bitterem
+Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen
+Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte.
+
+Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die
+Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende
+Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt
+nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden.
+
+So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in
+dem elenden Nest.
+
+Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte
+gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück
+nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über
+etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des
+flüchtigen Erzbischofs einzuziehen.
+
+In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück
+und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen
+Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und
+salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen
+und nach Salzburg einzuliefern.
+
+Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der
+Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester
+Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der
+Aufbruch.
+
+Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg.
+Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte
+salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben
+und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß
+vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein
+Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich
+an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen.
+
+Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck,
+es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde.
+
+Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war
+erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne.
+Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd
+fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren.
+
+"Die Ross' müssen getränkt werden!" erklärte der für den Troß
+verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem
+Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu
+Schanden reiten lasse.
+
+Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und
+gab Befehl zum Tränken der Rosse.
+
+"Im Sattel bleiben!" rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante.
+
+So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die
+Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte.
+
+Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja
+einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen
+ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen
+Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den
+Katschberg.
+
+Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel,
+ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht
+bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen.
+
+Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur
+schleunigsten Flucht.
+
+"Rottmayer an die Spitze!" befahl der bleichgewordene Fürst.
+
+Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und
+erklärte höhnisch: "Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich
+bin hier nicht mehr Euer Diener!"
+
+Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen,
+doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts.
+"Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!" schrie der besorgte
+Bruder.
+
+Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren
+und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch
+die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte
+sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische
+Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen.
+
+"Halt!" rief Hercelles und hob die Schußwaffe.
+
+Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem
+sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den
+Troß mit blank gezogenen Pallaschen.
+
+"Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!" rief Rittmeister
+Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab.
+
+Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine
+Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis
+der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr.
+
+Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und
+überreichte es Hercelles mit den Worten: "Nun ist alles verloren! O
+Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott
+der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das
+Rappier, ich bin Euer Gefangener!"
+
+"Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es
+zurück nach Moosheim!" sprach Hercelles.
+
+"Ich gehorche!" erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt
+nach vorne sinken.
+
+Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden
+ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie
+die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur
+willkommenen Beute.
+
+Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte
+aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei
+und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden
+würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt
+zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt.
+
+Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als
+Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen
+Raittenau für "vogelfrei" erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem
+Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden.
+
+Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden.
+Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über
+den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert
+und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen.
+
+Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome
+mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch
+konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer
+Verbringung erfahren.
+
+Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter
+Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach
+mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten
+Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde.
+
+Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und
+überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens.
+
+Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem
+Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge
+seines Amtes als Kerkermeister waltete.
+
+ * * * * *
+
+Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in
+Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß
+Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten
+Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit
+bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche
+beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den
+Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß
+es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung
+Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände
+und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog
+geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an
+den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß
+der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei,
+daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere.
+Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine
+Truppen auf bayerisches Gebiet zurück.
+
+Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen
+könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten.
+Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen
+eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner
+Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden.
+
+Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu
+geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den
+Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und
+Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus.
+
+Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und
+Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen
+zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst
+ein.
+
+Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof
+rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl
+hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen
+Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg
+zurückfahren.
+
+Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach
+München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne
+Zuspruch gefangen in Hohenwerfen.
+
+Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen
+mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof
+Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der
+Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht
+und dem Kapitel ausgefolgt werden.
+
+Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring,
+v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet,
+die alsbald--es war der November ins erregte Land gezogen--nach Werfen
+übersiedelten.
+
+Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau
+und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit
+Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach
+vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden.
+
+Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab;
+später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern
+blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren
+beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen.
+
+Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz
+wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der
+Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen
+Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle
+Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte.
+
+An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im
+Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die
+Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz
+totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart
+umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten
+Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und
+begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch
+hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch
+nur mit wenigen Worten.
+
+Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort
+nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: "Ein Wort zuvor!
+Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?"
+
+Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln.
+
+"Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von
+Resignation ich nimmer hören!"
+
+Zögernd sprach Graf Lodron: "In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden
+Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher
+muß die Haft bis dahin währen!"
+
+Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: "Nimmer werd' ich
+einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das
+den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!"
+
+Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm
+der Stimme des Gefangenen.
+
+Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung
+eines bayerischen Büttels.
+
+Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender
+Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem
+Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen
+werden würde.
+
+Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: "Wollt selbst die Büttelwach' Ihr
+halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem
+Anblick!"
+
+Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen.
+Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg
+weile.
+
+Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den
+Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen.
+
+Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte,
+ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines
+Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem
+Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben
+dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und
+Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum
+Gefangenen erhielt.
+
+Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu
+bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den
+mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein
+zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten
+Landesherrn.
+
+Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum
+Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich
+ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und
+kleinmütig.
+
+Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf
+Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger
+zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor
+seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim
+Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte
+und nach Rudolf und Salome fragte.
+
+Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach
+Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die
+Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein
+wird.
+
+Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der
+Kinder gehalten werden solle.
+
+Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur
+bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation.
+
+In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und
+schluchzte.
+
+Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren
+Entschluß gefaßt und sprach: "Wohlan! Ich will die Urkund'
+unterzeichnen! Führe mich!"
+
+Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen
+Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen
+Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des
+Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten.
+
+Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit
+sei zur Anhörung der Urkunde.
+
+Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken.
+
+Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen
+Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau
+freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2.
+soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß
+gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von
+Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer
+jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch
+besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt
+des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße
+Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen
+dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen
+demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des
+Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden
+sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das
+Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll
+auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was
+vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles
+dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung
+kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach,
+bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen
+durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden;
+11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß
+dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als
+bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit
+und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern
+vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht
+werden.
+
+Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren
+Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst
+wehmutsvoll. "Und was wird aus meiner Gemahlin?"
+
+Kalt erwiderte Lodron: "Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge
+tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist."
+
+Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen
+Körper, er rang nach Atem und Entschluß.
+
+Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt.
+Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem
+entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich
+hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück.
+
+Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und
+Feder.
+
+Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf
+und trat an des Erzbischofes Seite.
+
+Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem
+verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer--dann ergriff
+der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter.
+
+Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung.
+
+Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um
+Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder.
+
+Kühl erwiderte Graf Lodron: "Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt
+werden!" Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: "Die Kommission hat
+zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen."
+
+Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen
+Augenblick zu verweilen.
+
+"Was soll noch geschehen?" rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus.
+
+"Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung
+Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc
+liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!"
+
+Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses
+Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome
+zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine
+Fürsorge galt nur Salome und den Kindern.
+
+Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine
+finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken.
+
+Herleberg trat in den Saal und fragte: "Sind die Herren fertig?"
+
+Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des
+Gefangenen in den Kerker.
+
+Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte,
+nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von
+gleichmütigen bayerischen Soldaten.
+
+Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene
+harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden
+malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und
+den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch
+Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände,
+der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde
+an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog.
+
+Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der
+Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser
+sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer
+Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe.
+
+Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht
+erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten
+gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg
+hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein
+bayerischer Offizier bereits saß.
+
+Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der
+Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl
+bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den
+Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste
+Hohensalzburg.
+
+Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf
+Dietrich in einer bitteren Vorahnung.
+
+Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der
+ersten Reichsfürsten.
+
+Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines
+abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst
+zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag,
+die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt.
+
+Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf
+Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof.
+Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser
+umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach
+der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen
+und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen
+Erzbischofes zu schreiten.
+
+Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der
+bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner
+Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über
+des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte.
+
+Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift
+gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles
+Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit
+Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das
+Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf
+Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen.
+Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der
+katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet
+Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt,
+dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte
+mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die
+Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und
+Apostaten.
+
+Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche
+durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen
+hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die
+Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille
+untersuchen.
+
+Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht,
+Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2.
+die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht
+vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe.
+
+Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet
+haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg
+zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus
+entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion
+ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um "diesen Mann"
+beiseite zu schaffen.
+
+Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf
+Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels
+verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan
+schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz
+regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur
+Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei.
+
+Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein
+mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg
+gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher
+Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige
+Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen.
+
+Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein
+Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die
+Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum
+dicht besetzt.
+
+Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in
+diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst
+drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt.
+
+Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als
+Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde
+vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf
+die Brust zu legen.
+
+Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der
+Nuntius gelobte.
+
+Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof
+nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben.
+
+Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine
+waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles
+verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die
+Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden.
+
+Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur
+Veste.
+
+Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum
+Sommer freilassen werde.
+
+Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte
+in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen
+nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich
+zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe
+ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr
+kommen müßte.
+
+Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur
+Freilassung kam nicht.
+
+Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster
+Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die
+heilige Schrift und das Brevier gelassen.
+
+Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein
+menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten
+und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich.
+
+In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im
+Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache
+eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche
+Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und
+Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage
+erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum
+Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine
+Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant.
+
+Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den
+Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische
+Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um
+Beförderung zur Post.
+
+Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt,
+die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben
+Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof
+erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines
+größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen
+Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem
+Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung.
+Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene
+Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert.
+
+Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der
+Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit
+dem Gefangenen.
+
+Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg
+abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste.
+
+Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den
+Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die
+Gefangenschaft wurde nun--verschärft.
+
+Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung
+gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die
+Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und
+die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den
+Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst
+und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg.
+Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst
+wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den
+apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren
+sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die
+großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen
+Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten.
+
+So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu
+ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends
+apathisch gemacht oder aufgerieben sei.
+
+Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit
+Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte
+eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und
+Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine
+Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe.
+
+Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim
+Alten.
+
+Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen
+letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun
+befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens
+die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden.
+
+Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die
+Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom
+geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich
+überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag.
+
+Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen;
+man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln
+und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen.
+
+Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den
+Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine
+Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte
+sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den
+Paulinischen Briefen.
+
+Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und
+ein Steinleiden.
+
+Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist
+Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den
+Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen.
+
+Es hatte ausgelitten Celsissimus!
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Eierspeise.
+
+[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert
+auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871.
+
+[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde
+XII, 1872.
+
+[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf
+zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen
+der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu
+ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns
+und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des
+Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von
+lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen
+Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr
+und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck.
+Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des
+Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die
+Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte,
+bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder
+zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs
+gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt
+teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des
+Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche
+zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur
+Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, "Wolf
+Dietrich von Raitenau" München 1886. Rieger.)
+
+[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges.
+
+[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die
+Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten
+war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben.
+
+[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder
+angeworben werden. Sie "garteten", d.h. bettelten u.s.w., und wurden
+"Gartbrüder" genannt.
+
+[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die
+deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg.
+
+[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen,
+besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der
+alten Steinhauserschen Chronik "Diser Erzbischoff kan und mag auch
+billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit
+allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern
+auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich
+spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten
+zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl
+armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller,
+andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen
+und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben.
+Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten
+haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das
+Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen
+Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis
+insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch
+wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und
+genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach
+gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit
+etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein
+und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue
+geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch
+die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und
+genossen."
+
+[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der
+Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors
+Kaiserl. Rat Dr. A. Petter.
+
+[11] Gerhab = Vormund
+
+[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung,
+daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle!
+
+[13] Keuche = Gefängnisort.
+
+[14] So meldet der Chronist Steinhauser.
+
+[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals
+86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine
+Kufe hielt 130-148 Pfund.
+
+[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk "Wolf Dietrich", München
+1886.--Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an
+den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe,
+nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von
+Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden
+veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger.
+
+[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form
+aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf
+Dietrichs "Mirabella" genannt.
+
+[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch
+einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen
+Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen
+ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von
+Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war
+holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit.
+Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin
+durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk
+vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die
+Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg
+erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III.
+
+[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs
+Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg
+vollständig und historisch getreu renovieren.
+
+[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard
+von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den
+Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit
+und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen
+Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+The Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Celsissimus
+
+Author: Arthur Achleitner
+
+Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+Celsissimus.
+
+
+
+Salzburger Roman
+
+
+
+von
+
+Arthur Achleitner.
+
+
+
+Berlin.
+
+
+Alfred Schall,
+
+Koenigliche Hofbuchhandlung.
+
+Verein der Buecherfreunde.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.
+
+Der geneigte Leser wolle nicht an Bischoefe und Priester unserer Zeit
+denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfuersten des 16.
+Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhaeltnisse der
+damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch fuer die Erwaehlung eines
+Kirchenfuersten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
+erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und eintraeglichen
+Wuerden der Kirche, er allein war stiftsfaehig und bestrebt, solche
+Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.
+
+In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
+Restaurationsbewegung, von diesem Fuersten erwartete man Ausrottung des
+Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
+der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Coelibates,
+Anforderungen, die ueber eines selbst genialen Mannes Kraefte gehen
+mussten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in roemischen Palaesten der
+Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.
+
+Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
+suehnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
+unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schoene
+Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepraege gegeben, bestehen wird.
+
+Muenchen, im Herbst 1900.
+
+Der Verfasser.
+
+
+
+
+1.
+
+
+Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
+glaenzenden Fest, Schmaus und Tanz der Buergergeschlechter gefeiert
+werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
+in Gnaden der Buergerdeputation versprochen hatte. Demgemaess musste alles
+aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitlaeufen moeglich
+zu gestalten; der sonst behaebige Buergermeister Ludwig Alt hat diese
+hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
+Stadtraete, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
+kraeftige Unterstuetzung angegangen, wasmassen es gilt, dem prunkliebenden
+Fuersten ein seiner wuerdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wusste man
+maenniglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
+Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
+einen Begriff, die unerhoerte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
+Salzburger Regen nicht zu beeintraechtigen vermochte, blendete nicht
+bloss Bauern und Buerger, sie verblueffte auch den Adel. Einem solchen
+kunstverstaendigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
+keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
+den Willen, und die reichen Patrizier das noetige Geld; man will dem
+Landesfuersten zeigen, dass auch die Buerger der Residenz sich auf ueppige
+Feste verstehen.
+
+So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
+in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
+jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.
+
+Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
+kaufmaennischen Talente, noch mehr aber durch seine schoene Tochter
+Salome, die als das herrlichste Geschoepf Europas gepriesen ward, hatte
+die Fuersorge um das Mahl uebernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
+werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tuechtigen
+grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Fuer Beschaffung erlesener
+Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fuernehmer Art, geschult
+durch viele Reisen in Italien und Griechenland; "Vater Puchner", der
+Zaepfler, hatte es uebernommen, etwaigen Wuenschen nach einem Trunk guten
+Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoss musste die Musikanten
+besorgen und die Anleit zum Balle geben.
+
+Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmueckung der Raeumlichkeiten der
+Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
+grosses Ansehen genoss, und schliesslich ward fuer diesen Festabend eine
+besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die maennliche
+Buergerschaft zu richten hat, dieweilen das fuer die Weiberwelt nicht
+noetig ist, denn diese weiss sich schon selber aufs schoenste
+herauszuputzen.
+
+Zu Fuss und vielfach nach welscher Art in Saenften waren die Honoratioren
+der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmueckt und
+erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
+sich Salzburgs Frauen und Maedchen, in einer Gruppe standen eifrig
+parlierend die Junker und jungen Buergersoehne, die Ratsherren hielten den
+vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
+bange murmelnd. Ein Teil der Buergerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
+dass ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
+wohlbesetzt mit Zinnkruegen, Silberkoepfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
+auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
+kontrastierten dagegen die hoelzernen Bierbitschen. Dass alle diese
+schoenen Gefaesse teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefuellt seien,
+hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, dass vor Tafelbeginn
+der Schenktisch nicht gepluendert werden duerfe, doch von den gewaltigen
+Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwaerter fragte man nicht,
+und so schluckte so mancher aus den Gefaessen, ohne lang zu fragen, ob es
+erlaubt und wessen der Inhalt sei. "Was man hat, besitzt man!" groehlte
+ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.
+
+Im Hauptsaale, so schoen und grossartig, dass darin ein roemischer Kaiser
+logieren koennte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
+wie silbernen Kannen, Bechern und Schuesseln, ausgestellt, wundersam zu
+beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
+aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
+Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
+senkrecht aufragendem Stoss, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
+Untersberg, aus dessen Quellen Weisswein als Bergbruennlein
+herniederrieselten.
+
+Lustige Weisen der Zinkenblaeser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
+Schellengeklingel toenten von der Galerie herab, den buntgeschmueckten
+Festgaesten die Wartezeit bis zum Beginn zu verkuerzen, doch hoerte man
+nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
+laermende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
+Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
+Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschoene Tochter bot, versetzte
+die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
+Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides aeusserte.
+
+Salome, ein Maedchen mittlerer Groesse von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
+in den fuer die Frauen reservierten Raum getreten; laechelnd begruesste sie
+die Damen, nickte den Maedchen zu und schritt langsam zur
+Buergermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
+wusste, wiewohl sie wahrlich weiss, dass Salome ueber Prachtgewaender dank
+der Freigebigkeit des Vaters zu verfuegen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
+ist ueber das runde Madonnenantlitz des Maedchens ausgegossen, der
+schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmass auf mit einer Fuelle
+reizendster Formen, die ein Maennerauge in hellstes Entzuecken versetzen
+muss. Blendend weiss die reine Stirne, von blonden Loeckchen umrahmt, die
+Zaehnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
+Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
+Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
+die es vermeidet, das eigene schoene Ich irgendwie in den Vordergrund zu
+draengen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
+ein Laecheln inneren Triumphes auf den leicht geoeffneten Lippen.
+Fuerstlich muss die Erscheinung des Maedchens genannt werden im weiten
+blauen, mit Noerzpelz gefuetterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
+silbernen Schnueren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
+Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Aermel verbraemt mit
+golddurchwirktem Tuch.
+
+"Gott zum Gruss, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der
+Buergermeisterin gebuehrende Reverenz.
+
+Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Ueberraschung und musste erst
+verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: "Salome! Wie eine Fuerstin
+siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
+fuenfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!"
+
+"Gefaellt Euch das Kleid nicht? Das thaet' mich schmerzen, der gute Vater
+ist zufrieden, und das macht mich immer gluecklich!"
+
+"Schon, gewiss auch! Aber Perlen, so viel Perlen fuer eine junge Maid! Das
+ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zaehren, das hat
+mein Ahnl schon gesagt!"
+
+"Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die schoene Salome, "ich
+habe Zeit und fuerchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
+die anderen Frauen ich begruessen!"
+
+Indes Salome einer Fuerstin gleich und doch buergerlich bescheiden den
+Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drueben, wo der
+hastig geschluckte starke Suedwein die Geister bereits zu entfesseln
+begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
+besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
+Getraenkevorraete vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, dass die
+koestlichen Weine fuer das fuerstliche Gefolge, nicht aber fuer Schmarotzer
+bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Buergersoehne
+hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
+opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
+"Festgaeste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
+sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
+Und auf diesen Wein wird der Fuerst wohl nicht reflektieren, der hat
+besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
+dieser Raifel, und der Hoepfwein gar, der hat einen Stich!"
+
+Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
+Weinen, die seine Zunge als fuertrefflich erkieset, beleidigte. "Die Pest
+hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
+das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer ueberhaupt vorhanden war! Und
+die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!"
+
+"Die lasst nur huebsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
+staedtisch und gehoert uns Buergern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
+Platz genug darin, fuer Euch und den Erzbischof!"
+
+"Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen,
+dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwaehnung des noch dazu
+eben erwarteten Landesfuersten. "Wollet Ihr groehlen, wartet bessere
+Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr ueber den erleuchteten erlauchten
+Herrn!"
+
+Dem Lechner sass der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
+unbekuemmert los: "Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
+Wappen! Wisst Ihr, Bierwanst, was der Woelfen Dieter im Schilde fuehrt? Ich
+will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weissen Felde! Das ist die
+Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen ueber das
+Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
+Erlauchte koennte Euch darauftreten, dass Ihr zwillt!"
+
+Bestuerzt rief Rat Thalhammer: "Haltet ein, Ihr schwaetzt Euch um den
+Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spass von solcher Seite und laesst uns
+entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!"
+
+Grimmig pfauchte Lechner: "So lasst Euch auf den Koepfen tanzen, dass es
+staubt, Ihr Memmen! Ich fuercht' ihn nicht, den Woelfen Dieter samt seinen
+Degen! Haha! Ein Kirchenfuerst, der spanisch herumstolziert gleich einem
+geckenhaften Junker!"
+
+Laermender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
+Buergermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
+Landesherrn anzublasen.
+
+Die mit Tannengruen und den Farben Salzburgs geschmueckte Treppe herauf
+stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Wuerdentraegern seines Hofes. Der
+Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfuerst schmaechtig, fast klein
+zu nennen, unschoen die Zuege seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
+Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
+den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte ueber diesem
+Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
+Augenblick bereit, ueberraschend loszubrechen. Kaum dreissigjaehrig ging
+von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
+an eine unbeugsame Willensstaerke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
+atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
+an einen duldsamen Kirchenfuersten. Aristokrat von der Sohle bis zum
+Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwaebischen und
+lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann "geschwinden
+Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner
+Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
+seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Grossneffe des regierenden
+Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch ueberragte und sechs Sprachen
+beherrschte.
+
+Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
+liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
+Baretts benoetigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
+geschlagen. In dieser Kleidung war der schwaebische Landjunker von
+Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
+zum Fuerst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwaehlte Herr von Raittenau
+liebte es auch nicht, an seine schwaebische Abkunft erinnert zu werden,
+wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
+Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
+Hohenems, ihr medizaeisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiss und
+stuermisch auf zu Rom wie--verspuerbar allenthalben zu Salzburg.
+
+Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
+Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
+in tiefster Verbeugung gehenden Buergermeister Alt, der ehrerbietigst
+Seine Hochfuerstliche Gnaden begruesste, ohne den gekruemmten Ruecken zu
+heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank fuer das huldvolle
+Erscheinen des gnaedigen Fuersten stammelte.
+
+Ein hochmuetiger Blick flog ueber des Buergermeisters Ruecken hinweg zu den
+Saalthueren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
+als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.
+
+"So moegen denn Ew. Hochfuerstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
+in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glueck
+hat...."
+
+"Will nicht hoffen! Liebe 'zitternde' Haeuser nicht! Soll ich aber den
+Fuss in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch
+laechelnd der junge Fuerst, worauf sich der Buergermeister erschrocken mit
+seinem gutgenaehrten Baeuchlein an die Stiegenmauer drueckte. Wolf Dietrich
+schritt an ihm vorueber, und Alt wollte eben dem Fuersten folgen, da
+drueckte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fuerstliche
+Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
+die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich laengst im
+Hauptsaal angelangt, und der Buergermeister stand verdutzt an der
+Stiegenmauer.
+
+Die Stadtraete beugten sich wie ein Aehrenfeld im Winde vor dem Gebieter,
+dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
+ueberraschender wie gewinnender Liebenswuerdigkeit sprach Wolf Dietrich:
+"Meinen Dank allen fuer den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
+die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzoegerung, und
+Frauen soll man niemals warten lassen!"
+
+Auf einen Wink des Fuersten schritt der Kaemmerling an die offene Thuer des
+Frauenwartegemaches und sprach: "Seine Hochfuerstliche Gnaden lassen die
+Damen bitten, in den grossen Saal zu treten!"
+
+Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch aengstlich zugleich
+wollte von den Frauen keine vortreten, und fuer die jungen Maedchen
+schickte sich ein Vortritt ueberhaupt nicht.
+
+"Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die
+verdatterte Buergermeisterin in einer schier unueberwindbaren Scheu vor
+dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
+einigermassen Anteil zu haben, auf dass sothane Ehre in der Verwandtschaft
+bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
+verstaendlichen Stoss mit der knoecherigen Faust und tuschelte dazu: "Geh
+du voraus, dein Kleid vertraegt es!"
+
+"Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fuerchte mich nicht und wuesste auch keinen
+Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die schoene Salome, und
+schritt durch die offene Thuer in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
+nun die Frauen und Toechter und guckten sich die Augen und Haelse wund
+nach dem jungen Fuersten in der spanischen Tracht.
+
+Noch ehe Salome die Lippen geoeffnet, um den Dank von Salzburgs Damen fuer
+das gnaedige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
+in seiner impulsiven Art dem schoenen Fraeulein entgegengegangen, und
+lebhaft rief der Fuerst: "Ah, welches Glueck lacht mir entgegen, des
+Festes Koenigin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
+entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
+zierlichen Haendchen Salomes und drueckte galant die Lippen darauf.
+
+"Hochfuerstliche Gnaden!" stammelte ueberrascht die schoene Salome und
+wollte die Hand zurueckziehen.
+
+"Nicht doch, bellissima! Gewaehrt die Gnade, dass des Stiftes Salzburg
+Herr der Schoenheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
+geruhen, das Fest zu eroeffnen!"
+
+Salome hatte sich gefasst, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
+Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wusste, dass sie strahlend
+schoen, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Maedchen ist,
+und in diesem Triumph legte das Fraeulein, holdselig laechelnd, den vollen
+runden Arm in jenen des jungen Fuersten. Das Paar schritt nun durch den
+Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die ueberraschten
+Patrizier und deren Frauen, Soehne und Toechter thaten das kluegste, indem
+sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
+Gelegenheit zum schwaetzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
+Muendchen der Damen schnurrten wie Spinnraedchen. Neues genug bringt der
+neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eroeffnen,
+sich ein Fraeulein herauszufischen, und das zur Festeskoenigin erkueren
+und auszurufen, welch neues, ungewoehnliches Vorgehen! Wenn der Fuerst da
+doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt haette! Aber so
+schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
+fuerstlichem Gebluet! Es muss ihr ja der Neid lassen, dass sie schoen ist,
+huebscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
+waere es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
+Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
+viel Perlen zu tragen!
+
+Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
+als er mit der Schwaegerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
+Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiss auch
+dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmuetig ist und der
+junge Gebieter viel auf hoefische Formen haelt. Aber eben die so
+ploetzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
+gefallen, sie verletzt durch ihre Ausserordentlichkeit. Einem Stachel
+gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
+Bruder-Buergermeister von den Herren des fuerstlichen Gefolges an die
+Stiegenwand gedrueckt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
+Uebermut zu viel heraus, der Buergerstolz ist verletzt und stolz waren die
+Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewoehnlichen
+Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fuersten die
+Tochter aus dem Arm zu reissen.
+
+Die Muhme-Schwaegerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
+Glueckseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
+Ahnung, sie hat nur die beglueckende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
+stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
+Gebieter die Hand Salomes gekuesst, als waere die Nichte eine wahrhaftige
+Prinzessin. Welches Glueck, welche Auszeichnung fuer Salome, fuer die ganze
+Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiss,
+welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fuerstlichen Hofe, mit dem
+Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
+Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
+ein Wort kosten, und die Muhme erhaelt den paepstlichen Segen separat, nur
+fuer sich! Die Buergermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kuehnheit
+ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, dass der Gemahl nichts weniger denn
+solche roemische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit hoeher schaetzt
+als Fuerstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen liesse,
+alles und just das brauchte der Buergermeister ja nicht zu wissen,--der
+Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkuerlich stuetzte sie sich
+fester auf den Arm des Schwagers.
+
+Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die juengeren Buerger, Junker,
+auch die Pluenderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
+aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
+gruendlich vergraemte Buergermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
+viel Gutes zu kuenden schienen. Manches bissige Wort ueber den Fuersten und
+sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Buergermeister
+wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
+sein Blut erhitzt. Nicht minder aergert es Alt, dass sein Eheweib an des
+Bruders Seite ersichtlich verklaert, schwimmend in Glueckseligkeit,
+hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fuerstliche
+Karessieren gewissermassen sanktioniert. Buergermeister Alt knurrte:
+"Dumme Gans! Und Wilhelm koennte auch etwas Besseres thun, als mit der
+alten Schachtel hinterdrein zu laufen!"
+
+Einer der Jungen, die vom Suedwein zu viel erwischten, kraehte mit
+heiserer Stimme: "Guckt ihn an, den Erzbischof, der taenzelt wie ein
+spanischer Junker!"
+
+Und ein anderer, dessen Augen bereits glaesern geworden, brachte
+schluckend heraus: "Fein--wird--'s im E--e--er--z--st--st--stift!"
+
+Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
+der Fuerst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jaeh abbrach, und
+sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Buergermeister mit vollendeter
+Liebenswuerdigkeit und Herablassung wohlwollend an: "Lieber Alt! Niente
+di male! Ihr verzeiht mir wohl, dass ich im Banne der Schoenheit auf Eure
+Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Koenigin in
+persona eroeffnet habe. Salzburgs schoenste Maedchenblume rechtfertigt
+mein Verhalten und erklaert die Begeisterung meiner Gefuehle! Gluecklich
+ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen bluehen, glueckliches Salzburg,
+dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfuellt! Nun, mein lieber
+Buergermeister, ist es nach Eurer Absicht, so lasst uns das Mahl beginnen,
+doch wuensche ich, dass zu Tisch mir des Festes Koenigin zur Partnerin
+verbleibe!"
+
+Der Buergermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
+Ansprache warf alle Rachegedanken ueber den Haufen, sie musste einen
+Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fuehlte der
+Stadtvater deutlich genug, gehoert auf solche Huld eine hoefliche
+Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
+denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
+verlangen eine ueberlegte gemaechliche Aneinanderreihung. "Hochfuerstliche
+Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun muss einen
+Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefuegt werden koennte.
+
+Doch der lebhafte Fuerst sprach dazwischen: "Ihr seid also nimmer
+ungehalten, solche Versoehnlichkeit ehrt Euch und laesst den milden Sinn
+des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
+Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Buergermeister, lade
+ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
+ich die Verkoerperung der Schoenheit, des Festes Koenigin!"
+
+Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
+Buergermeisters unter.
+
+"Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
+dem darob die Ohren sausten.
+
+Die Herablassung des Landesherrn wirkte zuendend, die glaenzende
+Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fuersten, ein
+Tusch der Musikanten verstaerkte die brausenden Hochrufe, und in
+lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
+Buergermeisterin, welche die Worte des Gebieters gluecklich erhascht
+hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Ueberglueckliche ihre
+Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
+verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite draengte,
+lachten auf ob der Beteuerung, dass der Fuerst Verlangen trage nach der
+Stadtmutter, und liessen die in ihrer Glueckseligkeit drollige Frau
+bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
+wohl oder uebel zu Tisch geleiten musste.
+
+"Der Schoenheit Majestaet wolle mich begluecken!" fluesterte Wolf Dietrich,
+als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel naeherte.
+
+"Hochfuerstliche Gnaden ueberschuetten mich mit Huld und Gunst in
+unverdientem Masse!" erwiderte laechelnd Salome und senkte bescheiden die
+Lider.
+
+"Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
+vermag wahre Schoenheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
+gebuehrend zu preisen. Ich huldige der schoensten Koenigin, so die Erde
+traegt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!"
+Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
+seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
+Bedienung der Dame.
+
+Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
+Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
+Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fuersten
+placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
+die Ausnahme gemacht. Dafuer sass nun die Stadtmutter zwischen den Bruedern
+Alt, also immer noch in auszeichnendster Naehe des Landesherrn und
+Ehrengastes.
+
+Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
+Tischgenossin gewendet: "Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
+einmal guenstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
+Palazzo gefuehrt?"
+
+Salome erhob das strahlend schoene Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
+lispelte: "Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag fuehrte mich
+in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
+muss zum Einhub die Tochter kommen."
+
+"So waret Ihr es doch, die ich fluechtig nur bei meinem Kastner sah!"
+
+Salome nickte.
+
+"Und Euer Vater, gluecklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
+Liebreiz in sich verkoerpert, ist er hier in unserem Kreise?"
+
+Leise erwiderte Salome, dass der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
+genommen habe.
+
+"Und die Mutter?"
+
+"Die Teure ist seit langem uns entrissen!"
+
+"Wie schmerzlich muss es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
+wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in
+seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
+bischoeflichen Farben geschmueckt war, zurueck, um den Blick auf Wilhelm
+Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, pruefender, stechender
+Blick, der dem Antlitz des Fuersten einen harten Ausdruck gab, dann
+kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurueck, und freundlich,
+mit gewinnender Guete und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
+Handelsherrn zu: "Wilhelm Alt, meinen Gruss! Verzeiht, dass so verspaetet
+ich an Euch mich wende, Euch gluecklich preise ob der schoenen Tochter und
+den Dank Euch sage dafuer, dass es mir vergoennt, die Koenigin des Festes
+zur Partnerin zu haben!"
+
+Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
+Fuersten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
+der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
+als ein seiner Bedeutung wohlbewusster, reicher Patrizier. Ein von Liebe
+und vaeterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinueber, ein
+zweiter galt dem Fuersten, und dieser Blick schien pruefend, misstrauisch
+zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
+wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung fuer die Tochter mache.
+Der Dank fuer die Ansprache fiel etwas kuehl aus, vollendet hoeflich und
+ehrerbietig, aber fuehlbar frostig.
+
+Sofort zeigte des Fuersten Antlitz den Zug unbeugsamer Haerte, den
+Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und hoehnisch; doch
+weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
+Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glaettete sich,
+laechelnd gruesste der junge Kirchenfuerst unter den Worten: "Wir danken
+Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
+laenger entziehen!"
+
+Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
+ein, sofort von der Schwaegerin interpelliert, was denn alles der gnaedige
+Herr gesprochen. "Ich hoer' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
+ist daran schuld!" fuegte die neugierige Buergermeisterin hinzu. Wilhelm
+Alt war boshaft genug, um der Schwaegerin zuzuwispern: "Einen Hopser will
+er spaeter mit Euch machen!" Frau Alt schien das Gefluester doch
+vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
+heraus: "Nicht moeglich?" Das klang so drollig, dass auch Salome ein
+Kichern nicht unterdruecken konnte.
+
+Wolf Dietrich hatte sich an den Buergermeister gewendet, als der Gang:
+"Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach
+zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: "Nun wir die linde Speise
+hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
+was die Herzen meiner Salzburger beweget."
+
+Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
+bitter genug empfunden hatte, dass der Landesherr kaum nach seinem
+Regierungsantritt von den Errungenschaften frueherer Erzbischoefe
+schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
+Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fuehlbare
+Veraenderung dieser Instanz hervorrufen musste.
+
+Ludwig Alt traute aber der "linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht
+voellig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
+namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
+auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: "Wenn wir in schuldiger
+Ehrfurcht eines vom gnaedigen Herrn erbitten duerften, so waere es, dass das
+Stadthaupt und der Rat gewissermassen doch auch noch etwas zu sagen
+haetten!"
+
+Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
+hatte im Nu erfasst, wohinaus der Buergermeister zielte, doch wollte er
+die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: "Wie meint Er das?"
+
+"Wenn Hochfuerstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
+noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
+getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischoeflichen
+Behoerde uebertragen wurde, und--"
+
+In diesem gewichtigen, ja gefaehrlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
+in hoechster Spannung dem bedeutungsvollen Gespraech zugehoert, dem Bruder
+warnend auf den Fuss.
+
+"Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.
+
+Der Buergermeister konnte die bruederliche Warnung nicht recht deuten und
+im Banne der fuerstlichen Frage rutschte ihm heraus: "Und diese Exekutive
+erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibuettel, der sonst nichts ist
+und nichts zu sagen hat!"
+
+Wolf Dietrichs Wangen faerbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
+erblasste. Ahnunglos plauderten und assen die Festgaeste, nur in der
+naechsten Umgebung des Fuersten herrschte beklemmende Ruhe.
+
+Wieder meisterte der Landesherr sein heisses Blut, kuehl, fast hoehnisch
+sprach er: "Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
+zu deuten, so spukt in euren Koepfen der Geist der Rebellion!"
+
+Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: "Verstattet
+gnaedigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!"
+
+Ueberrascht rief Wolf Dietrich: "wie? Majestaet Schoenheit will sich ins
+Gebiet der Politik begeben?"
+
+"Verzeihung, gnaedigster Landesvater! Ich fuehle wohl den herben Tadel in
+den Worten Ew. Hochfuerstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
+Berechtigung zu. Ein Weib, ein Maedchen nun gar soll schweigen, so im
+Kreise bedeutender Maenner das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
+Ein Weib--"
+
+"Ein fuerstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
+schien die schoene Gestalt Salomes umfassen zu wollen.
+
+Klug nuetzte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: "Ein Weib
+versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
+Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
+kluger Manneskopf, wasmassen das Weib meist nicht von Nebendingen
+beeinflusst ist."
+
+"Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Fuerst amuesiert.
+
+Tapfer behauptete Salome: "Ew. Hochfuerstliche Gnaden werden mir zugeben,
+dass ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
+beeinflusst bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
+meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
+bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darueber
+hinaus."
+
+"O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschoepf der Erde die
+Schrecken des Alters heraufbeschwoeren, stoeren den harmonisch schoenen
+Eindruck, der mein Herz entzueckt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
+holde Goettin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
+kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!"
+
+"Und dennoch wird jene Zeit auch ueber mich kommen! Doch Euer Wunsch,
+gnaedigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe--"
+
+"Hoert ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, "so
+spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fuerstlichen
+Willen, und waeren der Unterthanen alle wie Schoensalome, es waere eine
+Freud' und Lust, Herr zu sein!--Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
+mag!"
+
+"Mein Ohm," erwiderte Salome, "der allverehrte Buergermeister hat es
+ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, dass zu viel
+genommen ward von den Rechten Salzburgs, dass der Rat erniedrigt sei zu
+bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
+nicht viel anderes als des Stadtbuettels Nichte, nicht wert an der Seite
+des gnaedigsten Fuersten und Landesherrn zu sitzen!"
+
+Galant erwiderte Wolf Dietrich: "Schoenheit adelt und erhebt!"
+
+"Mit nichten, gnaedigster Herr! Ein Fuerst wird niemals ein Weib erkueren,
+das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei
+engelschoen sein!"
+
+"Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wuenschen kann!"
+schmeichelte der Fuerst, und fuegte bei: "Doch Eure Praemisse stimmt nicht:
+Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von
+niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur
+nicht von Adel!--Ist irrig die Praemisse, kann die Folgerung nicht
+richtig sein! Was aber wuenscht die verkoerperte Anmut in so bemeldter
+Sache?"
+
+"Gebt, gnaedigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, lasst ihr ein
+gewisses Mass der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen
+sicher: Je lockerer der Zuegel, desto freudiger gehorcht das Ross dem
+leisesten Befehl des Herrn!"
+
+Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis
+Wolf Dietrich leise, fast mehr fuer sich zu sprechen anhub:
+"Verfuehrerische Worte, suesser Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die
+Landschaft stoerrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses
+muehevolle Werk meiner Juristen, impossibile!"
+
+Salome wagte einen legten Versuch: "Verzeiht mir, hoher Herr! Die
+Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermassnahme
+zugestimmt!"
+
+"Ja doch! Laestig ist genug die hergebrachte Pflicht, dass der Fuerst die
+Landschaft angehen muss bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schoene
+Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefuege
+Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht
+aus! Wisst Ihr, warum die Staende so steuerfreudig gewesen und immer ohne
+Straeuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Raetsel loesen: Hoffnung
+war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fuersten Gutmuetigkeit, die
+Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den
+frueheren Rechten zurueckzuerlangen!"
+
+"Und taeuschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und
+richtete den Blick direkt in des Fuersten Auge.
+
+Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schoenen Maedchen, vermochte Wolf
+Dietrich kein schroffes, wahres "Ja" zu sagen, er griff zu Worten der
+Ausflucht, indem er eine spaetere Reformierung der Angelegenheit
+zusicherte.
+
+Ein Schatten des Unmutes huschte ueber das Antlitz Salomes, und Wolf sah
+dieses Woelkchen sofort. "Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden
+Tischgenossin einen Trost gewaehrt zu wissen, dass Privilegien anderer
+Klassen noch reformfaehig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die
+bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir
+ungerecht. Muss der Buerger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus
+auch! Und damit dixi!"
+
+Beide Alts wussten in ihrer grenzenlosen Ueberraschung nichts anderes zu
+thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: "Muss der Buerger und
+Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!"
+
+Die Frau Buergermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort "zahlen"
+verstanden, und dieses Wort uebte auch auf die wuerdige Frau die gleiche
+Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhaeufung von
+bischoeflichen Lasten, das staendige Anziehen der Steuerschraube ein
+Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen
+ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwaegerin zu beruhigen durch den
+Hinweis, dass es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das
+sei nur in der Ordnung.
+
+"O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt.
+
+"Schweigt doch, Schwaegerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint,
+sondern die reichen Kloester und Stiftsherren, die sollen nur auch
+zahlen, der Fuerst hat da ganz recht!"
+
+Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Aeusserung vernommen,
+und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen
+Fuersten in rosige Laune. "Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden
+den modus viviendi; der Anfang zu einer Verstaendigung zwischen Fuerst und
+Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten."
+Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: "Will die Wolke nicht weichen
+von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der
+Majestaet Schoenheit einen Dienst erweisen, sprecht, Goettin, Ihr seht den
+Fuersten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl
+Eurer Gnade!"
+
+Salome laechelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kraeuselten
+sich zu leisem, gutmuetigem Spott: "Das zu glauben, hoher Herr, faellt mir
+schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfuerstlichen Gnaden, hoch der
+Sinn, hoch der Geist wie hoch die Wuerde! Ich moechte meinen gnaedigen
+Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!"
+
+"Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius koennte
+von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit
+Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave
+moecht' ich sein, so Eure Huld wuerde mich begluecken!"
+
+Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann fluesterte Salome:
+"So mein gnaediger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die
+Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfuerstliche
+Gnaden um die Verlaubnis, ein Glaeschen rheinischen Weines trinken zu
+duerfen auf das Wohl unseres gnaedigen Herrn!"
+
+"Das wollen wir freudig thun, schoene Goettin; doch nicht harter
+Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der
+unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum
+Buergermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben
+sei.
+
+"Zum hohen Glueck, Ew. Hochfuerstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen,
+gehoert--Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die
+unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.
+
+"Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Fuerst.
+
+"Gnaediger Herr wollen mir erlauben, dass ich den dunklen Sinn der Worte
+meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, "der gute Ohm wollte
+sagen, dass nur Rat Thalhammer wissen koenne, ob fuer diese Tafel
+gewuenschter Edelwein vorhanden sei!"
+
+Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schoenen
+Tischgenossin: "Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir
+koennen solche Redekunst fuerwahr gebrauchen!"
+
+"Ob die wuerdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden wuerden?" spottete
+Salome.
+
+"Ihr moeget recht haben; fuer die alten Federfuchser sind die Folianten
+gut, doch nicht die Bluete weiblicher Schoenheit und Anmut! Die Jugend
+will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das muerrische
+Alter!"
+
+Der Buergermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der
+Tafel sass, citiert, und alsbald konnte der vom Fuersten gewuenschte
+Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefuellt, und Wolf
+Dietrich stiess mit Salome an: "Auf Euer Wohl, Koenigin! Jeder Tropfen
+dieses edlen Weines aus dem sonnigen Sueden, der Heimat von Kunst, Liebe
+und Wein, verlaengere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute
+eine Fuelle von Glueck hienieden! Es lebe die Goettin Schoenheit, es lebe
+Salzburgs holdeste Maedchenblume!"
+
+Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Roete bedeckte ihre Wangen, der
+Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.
+
+"Will meine Koenigin mir nicht einen Blick aus den suessen Augen goennen?"
+fluesterte Wolf Dietrich.
+
+Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zoegernd
+sprach sie: "Zu viel des Lobes und der Gnade faellt auf mich! Bethoerend
+wirken die Worte! Zu gross ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der
+Fuerst und hohe Herr, ich eines schlichten Buergers Tochter! Lasst mich im
+Erdreich, in dem nur ich gedeihe!--"
+
+"Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Fuerst.
+
+"Mein gnaediger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.
+Hochfuerstlichen Gnaden und--"
+
+"Und?"
+
+"Und bitte, es moege mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!"
+
+"Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade
+und--"
+
+"Und?"
+
+"Und Liebe!" fluesterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen
+flammenden Blick zu Salome, die jaeh erroetete und verstummte.
+
+Verschiedene Gaenge des ueppigen Mahles waren inzwischen serviert worden,
+doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet,
+dass er nicht im Gespraech gestoert sein wolle. Diesem Beispiel war auch
+Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es fuer seine Pflicht, zu jeglichem
+Augenblick dem Fuersten zur Verfuegung zu sein, daher der Buergermeister
+auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei
+sich hatte, sollte nun koestlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und
+zwar mit einer Neuerung im Gedeck fuer diese Zeit. Bisher war es ueblich,
+des oefteren Handwasser mit Handtuechern herumreichen zu lassen, damit die
+Tafelnden sich die Haende reinigen koennten. Auch heute war das der Fall
+gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhoehung des
+Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben
+jetzt der Tafelrunde vorgefuehrt werden sollte, und diese Neuerung
+bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2]
+Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und
+hatte angeordnet, dass zum "Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand
+solle vorgelegt werden. Natuerlich interessierte es den Buergermeister am
+meisten zu erfahren, was der Fuerst zu sothaner Neuerung sagen werde.
+
+Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespraech mit Salome vertieft
+und hatte weder Aug' noch Ohr fuer die uebrige Gesellschaft.
+
+Laengeres Zaudern wuerde eine auffaellige Unterbrechung des Mahles
+herbeifuehren, der Buergermeister musste daher das Zeichen geben, und
+sogleich erschienen die Aufwaerter, deren jeder eine in der Form noch
+ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes
+legte. Von der schwaetzenden Menge ward das neue Instrument vielfach
+nicht beachtet; einigen Gaesten aber fiel es doch sofort auf, sie
+ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von
+einigen vielgereisten aelteren Buergern der Gebrauch dieser neuen
+Tischinstrumente erklaert wurde, konnte es an praktischen Erprobungen
+nicht fehlen. Unter grosser Lebhaftigkeit ward aufgespiesst, was den
+ueberraschten Gaesten erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just
+recht. Voellig unbeachtet blieb die Neuerung am Praesidium der Tafel; den
+Altschen Familien war sie bekannt, fuer das heutige Mahl eigens bestimmt,
+und der Landesvater widmete sich ausschliesslich seiner Tischnachbarin.
+
+Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig
+wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es moege der gnaedige Herr
+doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmassen diese Leib und Seele
+zusammenhalte. So liess sich denn der fuerstliche Ehrengast von den
+Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der
+neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Ueberraschung.
+
+Von Salome wunderte das den Buergermeister ja nicht, aber die
+Vertrautheit des Fuersten mit dem neuen Instrument verblueffte und
+enttaeuschte ihn derart, dass Ludwig Alt dem Bruder zufluesterte: "Der
+kennt alles!"
+
+Und Wilhelm raunte zurueck: "Stimmt! Der wird uns in allem ueber!"
+
+Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und
+dann einen Blick ueber die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn
+der in grossen Mengen genossene schwere Suedwein aus Welschland uebte auf
+Maennlein und Weiblein seine Wirkung aus. "Meine Salzburger lieben den
+sueffigen Wein!" meinte der Fuerst zum Buergermeister, der sogleich
+beteuerte, dass das gewoehnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte,
+denn suesse Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen
+Transport nur den bemittelten Staenden erreichbar.
+
+"Wird denn viel solchen Weines eingefuehrt ins Erzstift?"
+
+"Ew. Hochfuerstliche Gnaden unterthaenigst aufzuwarten, ja; man bringet
+auf Wasser und Land ueberfluessig aus allen Landen herzu, als naemlich vom
+Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsass, Franken, auch Osterwein (aus
+Oesterreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus
+Welschland, so man sie heisset Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von
+Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und
+Farnaetscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Hoepfwein und
+dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero
+unterthaeniger Knecht!"
+
+"Ich staune! Wusste wahrlich nicht, dass meine Salzburger so gern und viel
+der schweren und teuren Weine trinken!"
+
+Voreilig sprach Ludwig Alt: "Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn!
+Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so
+viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten
+Wandels befleissigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Maennerleut
+und Weibes, ein Halbes koennen Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern
+lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem
+Weinteufel!"
+
+"Und der Buergermeister weiss sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu
+steuern?" fragte der Landesherr.
+
+"Dero Gnaden unterthaenigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten
+kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!"
+
+"So! Nun es erscheinet mir guenstig, dass der Landesherr sich Rats weiss,
+ich weiss ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu
+publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel ruecke ich an den
+Leib, ich zwing' ihn, darauf koennt Ihr Euch verlassen!"
+
+"Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach
+Salome, der die uebermaessige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich
+beruehrte zu sehen, wie namentlich die jungen Buergersoehne ohne Ruecksicht
+auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in grossen Mengen
+zusprachen.
+
+"Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergoetzt!
+Ich wuensche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die
+Massnahmen der Regierung beraten zu koennen. Seid Ihr dazu gewillt?"
+
+Salome fuehlte den tieferen, verhuellten Sinn dieser Frage, und heisse Roete
+schoss in des klugen Maedchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren
+Koerper, bebenden Tones erwiderte sie: "Wie sollt' ich je in solche Lage
+kommen? Gebannt in die engen Schranken der Haeuslichkeit, gezwungen nach
+Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will
+ich sagen, da Fuerstentoechter es kaum anders haben und verdorren schier
+in dumpfer Kemenate!"
+
+"So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfuellter Welt?"
+
+"Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnaedigster Herr! Ich kenne die
+gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne
+heiss, waer' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns
+einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die
+uns Maedchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren
+von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genuegt
+zu wissen, dass fern im Sueden liegt das heilige, ewige Rom."
+
+"Sothanes will auch mich nicht viel beduenken, doch mag's fuer deutsche
+Fuerstentoechter genuegen. Ihr aber, Schoen-Salome, wollt mit Gram
+herabdruecken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespraech, die
+feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die
+Klage ueber geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur
+staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon
+einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und
+warum? Weil Eures Verstandes Schaerfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum
+der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethaetigt ist vom aufgeweckten
+Kopf. Ihr duerstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe
+Ziele, die in Maedchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich
+die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes hoehere Regionen!
+Mein Fuerstenwort geb' ich zum Pfand!"
+
+Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte
+beginnen. Die hoefische Etikette verlangte vom Fuersten und Erzbischof,
+sich nun ins Palais zurueckzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit
+Salome noch gesprochen. "Ich sehe Euch bald wieder!" fluesterte er dem
+schoenen Fraeulein zu, und ein heisses Verlangen flog durch seinen
+geschmeidigen Koerper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der
+Fuerst, um den nun die Hoeflinge sich scharten.
+
+Leutselig wandte sich der Fuerst nun an den Buergermeister und sprach in
+formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzueglicher
+Kanzelredner voll entsprach, seinen fuerstlichen Dank aus fuer das Fest
+und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den
+Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich
+von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach
+allen Seiten schritt der junge Fuerst durch den Saal, Trompetenschall und
+Trommelwirbel ertoente, bis die Ratsherren vom Geleite zurueckkehrten.
+
+Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube
+zurueck, um sich vom Buergermeister Naeheres ueber die fuerstlichen
+Aeusserungen erzaehlen zu lassen, und die Frauen hielten ein
+Plauderstuendchen ab, das voellig Salome und den ihr vom jungen Fuersten
+gewordenen, geradezu auffaelligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst
+fuehlte sich erschoepft und muede; jetzt sich von Junkern und Buergersoehnen
+zum Tanz fuehren zu lassen, war dem Fraeulein unmoeglich. Zu viele
+Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar
+ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat
+Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die
+Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.
+
+Ein durchdringender Blick schien in des Maedchens Seele lesen zu wollen,
+nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifuegen, dass die Muhme
+Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren
+einige im Erdgeschoss des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt,
+den Damen die Leuchte vorauszutragen.
+
+Unauffaellig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten
+Gasse der Knecht das Laempchen vorantrug. Die frische Luft der
+Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen
+Odem ein. Frau Alt kam ausser Atem durch das hastige Fragen, was der
+Fuerst denn alles zu erzaehlen wusste, und durch die begeisterten Lobreden
+auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, dass
+Salome sich schweigend verhielt, und dass der Knecht um eine halbe
+Gassenlaenge vorausgegangen ist. Jaeh verstummte die geschwaetzige
+Buergermeisterin, als hinter ihrem Ruecken eine Maennerstimme ertoente:
+
+"Die Schlanke ist's! Schnell!"
+
+Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward
+von vermummten Maennern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen
+herangebrachte Saenfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu
+weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die
+entsetzte Buergermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre
+Jammertoene. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle
+menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht
+schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben boese Geister das Maedchen
+von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?
+
+Der Knecht kam missmutig ob solcher Verzoegerung zurueck und machte aus
+seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der
+Buergermeisterin, dass sich etwas Absonderliches ereignet haben muesse.
+"Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er.
+
+"Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist
+verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschuetzer in Nacht und Not!"
+kreischte verzweifelnd Frau Alt.
+
+Fassungslos starrte der Knecht die Buergermeisterin an und leuchtete ihr
+mit dem Laempchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als
+wollte er im Schnee das verschwundene Fraeulein suchen.
+
+"Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Buergermeister,
+vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die
+Buettel fahnden! Lasst Sturm laeuten! Huhu, dort kommt wieder so ein
+schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!"
+
+Erschrocken griff der Knecht die Buergermeisterin beim Arm und riss sie
+mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im
+Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entfuehrung Salomes wirkte auf die
+Festgesellschaft geradezu laehmend, sie ernuechterte die Maenner und
+verursachte Weibern Kraempfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu
+fassen und rief immer wieder: "Nicht moeglich! Ein Maedchenraub in unserer
+stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!"
+
+Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach raechen zu wollen,
+wer immer der Maedchenraeuber sein moege.
+
+Saemtliche Rumorknechte und Buettel wurden aufgeboten, die nun nach Hause
+verlangenden Festgaeste auf dem Heimweg schuetzend zu begleiten. Doch
+nichts von Raeubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie
+ausgestorben scheinenden, schneeerfuellten, vom Mondlicht schwach
+erleuchteten Gassen Salzburgs.
+
+Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter
+Anfuehrung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und
+hielten bei den Tuermern Umfrage, ob jemand zu Ross, Wagen oder mit einer
+Saenfte Auslass begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten
+Erklaerungen der Tuermer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre
+Behausungen zurueck. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein
+furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Im Keutschachhofe, der erzbischoeflichen Residenz, war trotz der spaeten
+Stunde reges Leben gemaess der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhaendig
+festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
+hoeheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rueckkehr des Fuersten vom
+Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
+zurueckzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
+Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.
+
+Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fuerst den Weg zur Residenz zu
+Fuss genommen, neben sich den Kaemmerer vom Dienst, einen jungen,
+treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die uebrigen (im
+ganzen vier) Kaemmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
+schritten die Lichttraeger, Lakaien bildeten rueckwaerts die Bedeckung.
+
+Was der Fuerst mit seinem Kaemmerer besprach, blieb der Begleitung
+unverstaendlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
+Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
+geheimnisvoll gesprochen ward.
+
+Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
+naeherte, ertoente ungebuehrlicher Laerm im Palais, den des Fuersten seines
+Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlasste, dem
+Vorlaeufer und den Lichttraegern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
+selbst, vom Kaemmerling auf dem Fusse gefolgt, trat rasch und leise ein
+und ueberrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thuerhuetern und Lakaien,
+die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
+vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
+der Fuerst auch schon mitten im Knaeuel und sein Begleiter draengte
+kraftvoll die Leute zurueck. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
+Ruhe, Zornesroete bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
+an. "Wer erfrecht sich bei Hof solcher Auffuehrung? Was soll der Laerm in
+meinem fuerstlichen Hause? Was will das Weib zu spaeter Stunde?"
+
+Vor Schreck und Ueberraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
+ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
+Fuersten und bat um Barmherzigkeit in hoechster Not.
+
+"Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
+einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Fuerst.
+
+"Gnaediger Herr! Uebet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
+warten, derweil stirbt mir der Mann!"
+
+In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefuehl, weichen Tones fragte er
+nach dem Begehr des armen Weibes.
+
+"Euer Gnaden Leibmedikus haett' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
+der fuerstlichen Kuchel...."
+
+"Ist jemand schwer krank bei dir?"
+
+"Ja, gnaediger Herr, der Mann und zwei Kinder!"
+
+"Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?"
+
+Einer der Lakaien erkannte die guenstige Gelegenheit, alle Schuld am
+ueblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
+koennen, und erstattete Bericht, dass der Medikus es abgelehnt habe, in
+spaeter Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Haeuschen des armen
+Weibes, wasmassen der Medikus nur fuer den Fuersten da sei, nicht fuer das
+gemeine Volk.
+
+Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
+augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
+verabreicht werden. Und einer ploetzlichen Gefuehlsregung folgend, wandte
+sich der junge Fuerst zum Kaemmerer: "Du besorgst, was ich dir befohlen.
+Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende fuer die Armen
+nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichttraeger voraus!"
+
+Der Kaemmerer wagte zu sagen: "Hochfuerstliche Gnaden! Es ist spaet, und
+schlecht der Weg hinan zum Berg!"
+
+"Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schoensten
+Aufgaben eines Fuersten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
+Beine!"
+
+Auf Befehl musste das Weib mit dem Vorlaeufer vorausgehen, der Armen
+schwindelte ob der jaehen Wendung und der Gewissheit, dass der hochgemute
+Fuersterzbischof selbst zu spaeter Stunde Einkehr halten will in der Huette
+des Elends.
+
+Man hatte das schier verfallene Haeuschen am Wege zum Nonnbergkloster
+noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
+nach Luft und Fassung schnappend.
+
+Einer der Lichttraeger musste mit in die Stube, das Weib fuehrte Wolf
+Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Duerftigkeit den
+an Prunk gewohnten Fuersten erschaudern liess. Auf Stroh lag der Mann, auf
+einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
+gelbfarbig, hohlaeugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.
+
+Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
+die Arme zum Fuersten empor: "Habt Dank, o Herr, und helft in groesster
+Not!"
+
+"Schrecklich!" fluesterte ergriffen Wolf Dietrich, "dieweilen man prasset
+am ueppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen
+Wink begann der Hofarzt seine Thaetigkeit; Wolf Dietrich liess die
+inzwischen herbeigeschafften Vorraete an Wein, Fleisch und Brot in ein
+Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurueck, nicht
+ohne Auftrag gegeben zu haben, dass von nun an taeglich der armen Familie
+Proviant aus der Hofkueche geliefert werden muesse.
+
+Mit einem Frohgefuehle in der Brust, schritt der Fuerst die steile,
+frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
+kuendeten vom nahen Dom die Glockenschlaege Mitternacht.
+
+Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
+fuer seinen Vertrauten, dem ersten der Kaemmerer, ein Auge, ihm warf er
+einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
+ein Laecheln des Triumphes ueber das Antlitz des jungen, heissbluetigen
+Fuersten.
+
+In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
+seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen liess und nun zu
+fragen begann: "Ist's ohne Aufsehen geglueckt? Gab's Laerm?"
+
+In diskretem Fluestertone erstattete Mathias Bericht: "Es ging alles nach
+Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Laerm, doch erst,
+als alles laengst vorueber und verschwunden war."
+
+"Und hier?"
+
+"Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
+bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt."
+
+"Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?"
+
+"Ja, Hochfuerstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!"
+
+"Gut! Ich hoffe, es ist fuer alle Bequemlichkeit Fuersorge getroffen, die
+Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
+Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
+stellen zu lassen, auf alle Faelle soll einfouriert werden ueber Golling
+bis nach Kaernten."
+
+"Wollen Hochfuerstliche Gnaden selbst verreisen?"
+
+"Nein, Mathias! Jedoch soll fuer eine ploetzliche Reise alles parat sein!
+Du haftest mir mit deinem Kopf fuer unberuehrte Sicherheit der Dame! Du
+bewachst deren Thuer selbst!"
+
+"Mein gnaediger Herr moege beruhigt sein und guten Schlaf geniessen! Dero
+treuer Diener wird wachen und sorgen!"
+
+Eine praktische Einrichtung in der erzbischoeflichen Residenz war
+unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
+Dienerklasse in deren betreffenden Raeumen, sodass jede Schranze ihre
+dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
+vorausgesetzt, dass der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelass
+des Thuerhueters nach dem Konzept Wolf Dietrichs woertlich zu lesen[3]:
+
+ "Thuerhuetter.
+
+ Dess Thuerhueterss ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
+ auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in dass Wart Zimmer
+ lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich ausser der adelss
+ personen vndt ettlichen fuernemen officieren geringe vndt schlechte
+ officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
+ sondern heraussen pleiben, undt so sehr sy wass bei einem oder dem
+ andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
+ anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
+ stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
+ einander vnderweilen abwexlen."
+
+Die Kaemmerer hatten dafuer gesorgt, dass sothane Verordnung des Fuersten
+gebuehrende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
+Thuerhueter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
+Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstoessen nicht mangelte. Haeufige
+Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
+denn die beiden erzbischoeflichen Thuerhueter scharf darauf aus zu
+unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
+Kaemmerlingen gelassen werden duerfe.
+
+Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
+hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
+ungehalten, wenn vorher Gehoer erbeten wurde.
+
+Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
+Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
+das Misstrauen des dienstgetreuen Thuerhueters sogleich wachrief. Zwar
+kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wusste, dass Alt der
+reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
+totenblasse, uebernaechtige Gesicht, machte den Thuerhueter stutzig, ebenso
+das verfruehte Erscheinen, und veranlasste den Mann, Herrn Alt aufmerksam
+zu machen, dass die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
+erfolgen koenne.
+
+Alt erwiderte barsch: "Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
+dringlich ist, was mit dem Fuersten ich zu reden habe! Meld' er mich
+augenblicklich beim Kaemmerling vom Dienst!"
+
+"Oho! Ihr moeget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
+gnaedigen Fuersten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
+zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
+Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, dass wir
+befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!"
+
+"Die Knochen hau' ich Ihm entzwei fuer seine Unverschaemtheit! Das fehlte
+noch fuerwahr, um dem Fass den Boden vollends auszuschlagen! Die
+Wirtschaft hier die schreit fuerwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
+kaum mehr werden!"
+
+Vom Laerm angelockt, trat der Kaemmerling vom Dienst aus dem Gemach und
+der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Hoefling stutzen.
+
+Alt rief: "Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen vertraegt
+keine Verzoegerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!"
+
+"Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
+regierenden Fuersten!"
+
+"Ein netter Fuerst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blueht,
+schlimmer denn wie im welschen Reich!"
+
+Der Kaemmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
+Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
+Verhalten, bis die Meldung beim Fuersten erfolgt sein wuerde. "In welchem
+Betreff soll ich Euch melden?" "Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
+schaendlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fuersten Arm zur Suehne
+stark und lang genug sei!"
+
+Kopfschuettelnd verfuegte sich der Kaemmerer vom Dienst in die inneren
+Apartements.
+
+Wolf Dietrich durchmass in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
+Schritten und unmutig ob der Stoerung rief er dem Kaemmerling zu: "Was
+soll es? Ich wuensche allein zu bleiben!"
+
+"Eure Hochfuerstliche Gnaden wollen die Stoerung verzeihen! Ein
+aussergewoehnlicher Vorfall, Maedchenraub--der Handelsherr Wilhelm Alt--"
+
+"Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
+Masse aufgeregt?"
+
+"Eure Hochfuerstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Muehe,
+den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
+ermoeglichet"
+
+"Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
+war ja zu erwarten!"
+
+Wenige Minuten spaeter standen sich beide Maenner gegenueber; Wolf Dietrich
+erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nuetzte
+er das durch die Fenster einstroemende Tageslicht, das grell auf Alts
+vergraemtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.
+
+Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fuersten gebuehrende
+Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, foermlichen Anrede konnte er sich
+nimmer meistern, heiser rief er: "Wo ist meine Tochter?"
+
+Kuehl erwiderte Wolf Dietrich: "Wie soll ich das wissen? Was ist
+geschehen, was wollt Ihr von mir?"
+
+Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
+klangen seine Worte: "Ihr wisst so gut wie ich, dass Salome in vergangener
+Nacht von der Gasse weg entfuehrt worden ist!"
+
+"Was unterfaengt Er sich?! Vergess' Er nicht, Er stehet vor seinem
+Fuersten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiss aufstieg.
+
+"Ich weiss, doch vermag ich laenger nicht zu meistern das Wort, zu jaeh und
+wild stuermt Unglueck wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
+Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
+Luestlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
+Fuerst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu ueben seid Ihr
+verhalten, Euer Eid lastet darauf!"
+
+"Erst maessigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
+gehoert zu Fuessen seines Herrn!"
+
+"Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater.
+
+"Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!"
+
+"Ist das des Fuersten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
+fordere ich von Euch!"
+
+"Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Buettel ab,
+das merk' Er sich! Und nicht laenger will mein Ohr des Frevels unerhoerte
+Worte mehr vernehmen!"
+
+"Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
+um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
+Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
+den Tuermern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muss
+gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!"
+
+"Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?"
+
+Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: "Ihr wisst um Salome!
+Es kann kein Zweifel sein!"
+
+"Genug davon! Die Anmassung geht zu weit; uebermuetig war von je die
+erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
+Kraemer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhaendler in meiner
+Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Uebermut des
+laengeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
+Herrschers starke Hand sollt fuehlen Ihr wie alle anderen uebermuet'gen
+Sippen!"
+
+"Habt Gnade! Uebet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
+seiner Priester!"
+
+"Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!"
+
+"Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
+trueben mir den Sinn!"
+
+"Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!"
+
+"Seid barmherzig! Nur der Hoechste im Stiftland hat die Macht, mir zu
+meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr koennt
+wirksam helfen! Die Stadtbehoerde und die Polizei, sie versagen in der
+Wirkung!"
+
+"Ein spaet Erkennen meiner Fuerstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
+Thalern, weiss vor Uebermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
+in Euch zu gross. In Not und Sorge aber weiss die Sippschaft sich zu
+erinnern, dass ueber ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
+unwuerdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
+keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Buerger!"
+
+"Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
+rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Maedchen gestern habt gehuldigt!"
+
+Wolf Dietrich fluesterte: "Ein fuerstlich Weib fuerwahr, zu fuernehm fuer das
+Buergerpack!"
+
+"Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
+Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
+zur That, gebietet, Herr, lasst fahnden nach dem Schaender meiner Ehre!"
+
+"Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
+Fuerst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
+aufgeblasenen Buergerstolz?!"
+
+"Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen ueber sein Kind!"
+
+"Maehlich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
+drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muss wissen
+ich von naechtlicher Raeuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
+Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
+Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
+gesehen!"
+
+"Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurueck, trat wieder vor und suchte
+im Antlitz des im Schatten stehenden Fuersten zu lesen. "Nun werd' ich
+irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schaender meiner Ehre!
+Fluch!"
+
+Indes der gramerfuellte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
+Dietrich durch eine Flucht von Gemaechern in jenen Teil des
+Keutschachhofes, dessen Zimmer, von aussen abgesperrt, Salome Alt zum
+Naechtigen dienten.
+
+In einem Vorzimmer harrte als Beschliesserin und Dienerin Brigitte auf
+Befehle des gefangenen Fraeuleins wie des Fuersten, der nun persoenlich
+erschien, die Dienerin aufschliessen hiess und sie zu Salome schickte mit
+der Anfrage, ob das Fraeulein gewillt sei, den Besuch des Fuersten
+anzunehmen.
+
+Die von Brigitte ueberbrachte Antwort lautete: "Eine Gefangene hat keinen
+Willen!"
+
+Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
+Degen zur Seite trug, trat in das ueppig ausgestattete Gemach, worin
+Salome ueber Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
+Maedchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fuerst tief und sprach:
+"Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!"
+
+Das Maedchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
+Gemaches. "Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
+mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Maedchen von der Gasse
+wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?"
+
+Heiss wallte es auf im liebegluehenden Herzen des jungen, feurigen
+Fuersten, der Salome doppelt schoen fand in dieser koeniglichen Haltung des
+Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: "Mit welchem Recht? Erlaubet
+mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
+erfuellet, mich niederzwingt zu Euren Fuessen, mich betteln macht um Eure
+Gunst!"
+
+"Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
+Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
+veruebt, ist Strassenraub und Schaendung meines Rufes!"
+
+"Seid gnaedig, Salome! Hoert mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
+verdammet!"
+
+"Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
+gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
+schwergekraenkten Vater!"
+
+"Hoert mich, Salome, und uebet Gnade, ich, der Fuerst, ich bitte Euch! Wie
+sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
+auszuschuetten die Gefuehle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
+Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
+zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
+so er Euren Sinn verletzt!"
+
+"Der Fuerst muesst' wissen, dass eines Maedchens hoechstes Gut ist Ehr' und
+Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!"
+
+"Verzeiht den uebereilten Schritt, zu dem mein heisses Fuehlen mich
+verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hoeren nur wenn frei:
+offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rueckkehr ins elterliche
+Haus! Koennt hoeren Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
+Worten!"
+
+"Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fuerstlich Wort, und bin
+bereit zu hoeren!"
+
+"Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
+gewaehrt: Begeisterung fuer Eure Schoenheit! Bezaubert von der
+Liebreizfuelle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
+Schritt und liess verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
+wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fuerder mit mir!
+Messt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, dass
+suedlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
+Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
+fuer Schoenheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
+duerstet nach Verwirklichung von Pracht und Schoenheit in meiner Stadt,
+die Bluete Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
+kleinen will ich errichten hier und ueber alles gebieten soll das
+schoenste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fuerstin sollt Ihr
+sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glueck und
+Ehren, Herrin ueber mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
+beglueckende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plaenen, gebt
+Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
+halten Hof so stolz wie Frankreichs Koenig es nicht besser kann! Wir
+schaffen fuer des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
+soll erbluehen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glueckes!
+Ich will Salzburg gross gestalten, zur Heimstatt fuer die Kunst, Pracht
+und Schoenheit! Kuenden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
+Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Goettin meines Lebens:
+Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?"
+
+Der flammende Ton hoechster Begeisterung, die heisse Werbung hatte Salome
+in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
+den Sinn und machte das Maedchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
+schone Bueste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Koerper, ein
+Stoehnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
+strich Salome mit der zarten Hand ueber die reine, weisse Stirne. "Es kann
+nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
+schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!"
+
+"Sagt das nicht, Koenigin meines Herzens! Ich pfaend' mein fuerstlich Wort,
+hier meine Hand: Goennt Ihr mir das Glueck meines Lebens an Eurer Seite,
+seid gehalten Ihr der Fuerstin gleich und Herrin ueber Salzburg und mein
+stiftisch Land!"
+
+Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefuehle. Eine
+Tochter Salzburgs aus buergerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fuerstin,
+ausgeruestet mit der Machtfuelle eines Fuersten, Herrin ueber Land und Volk,
+reich und maechtig zu helfen den Kleinen und Armen, maechtig, Salzburg
+gross zu machen im Sinne des prachtliebenden Fuersten, und selbst zu
+handeln nach eigenen Gedanken!--"Es kann nicht sein!"
+
+"Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zoegert Ihr?"
+rief erregt der feurige Fuerst.
+
+"Es kann nicht sein, o Herr!--Euer Kleid--"
+
+"Wie?"
+
+"Euer Kleid soll sein des hoechsten Priesters, und der niedrigste der
+Geistlichen muss--unbeweibt verbleiben wie der hoechste--!"
+
+"Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
+Klerus meines Landes ungepoent gethan?!"
+
+"So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen ueber Roms Gebot, beweiben
+Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
+verbotene Ehe?"
+
+"Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fuerst in meinem Lande! Ich sprech'
+das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
+ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!"
+
+"Lasst mich zum Vater!" rief erregt Salome.
+
+"Solch' Antwort vermag ich nur als 'nein' zu deuten, und niemals kehrt
+Salome zu mir zurueck!"
+
+Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
+zum Fuersten und rief ihm zu: "Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
+Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewaehrt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
+ungezwungen vermag einen Entschluss ich zu fassen!"
+
+"Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
+Wiederkehr der--Fuerstin!"
+
+Waehrend Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
+Keutschachhofe in einem Zustande groesster seelischer Erregung, die sie
+auf Leute wie Gassen nicht achten liess. Sie hoerte nicht die Rufe der
+Ueberraschung von Buergern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
+geraubte Maedchen voellig frei zu sehen.
+
+Bis Salome das vaeterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
+in der Stadt verbreitet, die ueberraschende Nachricht flog von Mund zu
+Mund und eine Flut von Mutmassungen floss nebenbei.
+
+Das Maedchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
+Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betaeubung wich im Momente, da
+Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
+Jubelruf eilte sie in seine Arme. "Vater, lieber Vater!"
+
+"Salome! Du wieder daheim! Grosser Gott! Mein Kind, mein Kind!"
+
+Nach der innigen, stuermischen Begruessung und Freude der Wiederkehr der
+verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
+hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
+Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.
+
+Aengstlich forschenden Blickes fragte der Vater: "Ist dir kein Leids
+geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
+Sprich, ich werde den unerhoerten Raub zu raechen wissen!"
+
+"Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!"
+
+"Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!"
+
+"Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
+schlimmen That!"
+
+"Den Namen nenne! Doch nein, ich weiss ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
+die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fuerst selbst gewesen, er
+soll mir buessen und kostet es mein eigen Leben!"
+
+Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.
+
+"Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten fuer den Schaender
+unserer Ehre? Ich fass' es nicht! Was ist geschehen, dass wirr geworden
+meiner Tochter sonst so heller Verstand?"
+
+Die Umarmung aufloesend, trat Wilhelm Alt zurueck, sein Blick galt
+forschend der Tochter, die jaeh erroetete und dann wieder erblasste.
+
+"Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist raetselhaft dein
+Wesen! Ist verraucht dein Maedchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
+verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hoer' es, dein Vater, der
+ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
+Wahrheit zu hoeren! Du zoegerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
+furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
+meinem Zorn, sprich: Hat der Fuerst im span'schen Gewand der Gecken dir
+gar von Liebe gesprochen? Ihm saeh' es gleich! Hast du den fressend
+giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiss' ihn
+dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
+bleiben, hoerst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
+Ehren sterben, als--ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich saeh' dich
+lieber tot, denn in jenes Luestlings Armen!"
+
+Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
+Salome zurueck, weinend die Haende vors Gesicht geschlagen.
+
+"Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
+der Fant und sei er zehnmal Fuerst und Bischof, mit listig falscher
+Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
+ihm und dir! Mein Fluch--"
+
+"Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
+erscheinen lassen koennte!"
+
+"Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
+Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Woelfen Dieters
+Haft und Gewalt?"
+
+"Ja, aber--"
+
+"Ich brauch' dein 'aber' nicht und weiss genug! Die Schande ist
+eingekehrt in meiner Eltern ehrwuerdig hochgehalten Haus! Der naechste
+Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Raechen werd' ich diese Schmach,
+ich will meine Rache haben und mein--"
+
+"Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurueckgekehrt,
+makellos, und nicht meine Schuld ist's, dass der Fuerst den Schritt
+gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!"
+
+"Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und saeuselt
+eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
+hat er sonst gesprochen?"
+
+"Erlass mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
+mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
+zurueckzuweisen--"
+
+"Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?"
+
+Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: "Ich konnt'
+die Red' ihm nicht verbieten, der Fuerst warb um meine Hand, er will zur
+Gattin mich erwaehlen und teilen Thron und Leben...."
+
+Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, hoehnend gellenden Tones
+rief Wilhelm Alt: "Bravo! Um Coelibat und sonstige Vorschriften kuemmert
+sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfaeltigen Maedchens
+Sinn und Herz! Er schwaetzt von Thron und Fuerstenehren! Haha, das
+Throenchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fuerstlein meint! Genug
+davon! Mag der Klerus draussen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
+wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
+zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
+dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
+aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
+Niemals!"
+
+Grollend verliess Alt die Stube; in Thraenen aufgeloest, ausser sich blieb
+Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
+Maedchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefuehl hegt
+das Herz fuer Wolf Dietrich? Ist es Liebe? "Ich weiss es nicht!" fluesterte
+Salome, "ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
+geschaendet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
+ich zu gehen habe!"
+
+Salome ward maehlich ruhiger, doch Klarheit fuer ihr Beginnen fand sie
+nicht; je mehr sie darueber nachdachte, desto verworrener wurden die
+Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
+sie sich an des Fuersten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
+Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wuensche in demuetiger Eile Erfuellung
+fanden, einflussreich, den Fuersten beglueckend, wirkend zum Wohle des
+Landes und Volkes,--und ploetzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
+Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hoert
+seine Flueche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stoehnte vor
+Schmerzen.
+
+Frueh daemmerte es an diesem Tage; draussen wirbelte ununterbrochen Schnee
+herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
+Vater Alt hielt sich laenger denn sonst in den Geschaeftsraeumen auf, er
+schien Salome meiden zu wollen.
+
+Der Einsamkeit und Stille dankte das Maedchen, Salome scheute sich, Licht
+zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten muessen. Was aber
+wird der Morgen, was werden die naechsten Tage bringen? Soll ein "nein"
+den Wirren ein wohlthaetig Ende machen? Und wenn des Fuersten Antrag
+abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde ueben? Wird der
+Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
+Buergerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
+beschraenkter Art? Wer wird es glauben, dass Salome freiwillig des Fuersten
+Antrag zurueckgewiesen? Wird es nicht eher heissen, sie habe sich an ihn
+gedraengt und sei verdientermassen weggestossen worden?
+
+Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
+der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
+Gemach und rief: "Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
+Bist du hier?"
+
+"Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!"
+
+"Nicht doch, Maedchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
+Dumper (Daemmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
+dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Buergermeister, sagte vor einem
+Stuendchen erst die grosse Kunde, dass frei heimgekehrt ist unsere Salome!
+Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich musst' zu dir! Gott sei
+gelobt, dass wir dich wieder haben!"
+
+Salome war der Muhme entgegengeschritten, fasste die Hand derselben, und
+geleitete die Buergermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
+Sitzplaetze dienten.
+
+"Nun erzaehle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!"
+
+Mit einem Seufzer ergab sich das Maedchen in das unvermeidliche Geschick
+und schilderte in kurzen Umrissen die Entfuehrung in den Keutschachhof.
+
+"Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus.
+
+"Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?"
+
+"I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fuerst ist doch so
+huldvoll und gnaedig gewesen, er war ganz Feuer fuer dich, hatte nur fuer
+unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!"
+
+"Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entfuehrung eine Ehre, ich finde meinen
+Maedchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
+von Schande!"
+
+"Der Schwager ist empfindlichen Gemuetes und nimmt alles gar zu scharf!
+Gewisslich waer' die Entfuehrung eine boese Sache, haett' ein Junker oder
+sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
+da unser gnaediger Fuerst erglueht fuer dich! Das finde ich eine
+Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fuerst, des Erzstiftes Herr
+und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
+mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
+Wolf Dietrich wird ueber kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
+ritterlicher Fuerst und Herr ist er heute schon, maechtig, hohen Sinnes!
+Mir schwindelt, denk' ich es aus, dass wir gar mit dem Papst zu Rom
+koennten in Beziehung kommen!"
+
+"Was kuemmert mich der Papst!"
+
+"Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
+und Koenige sich beugen! O, wenn ich es erleben koennte!"
+
+"Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das Maedchen.
+
+"Lassen wir das! Sprich und erzaehle mir lieber: Was sprach der Fuerst?
+Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
+sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!"
+
+"Er kam am andern Morgen und--o Gott, das ist es ja, was mich so
+ungluecklich macht und in Zerwuerfnis brachte mit dem guten Vater!"
+
+Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs hoechste
+gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur moeglich hin zu Salome und
+drang auf eine voellige, genaue Beichte.
+
+Dem Maedchen ward es wohliges Beduerfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
+auszuschuetten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
+erzaehlte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plaenen
+und Absichten, den Thron zu teilen, das Buergermaedchen zur Fuerstin zu
+erheben.
+
+"O diese Ehre!" stammelte in massloser Ueberraschung die Muhme.
+
+"Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!"
+
+"Das fass' ich nicht!"
+
+"Unschluessig bin ich, nicht maechtig meines Empfindens! Der Vater ist
+empoert, der Fuerst als Erzbischof koenne gar nicht heiraten, sei gebunden
+an die Kirche und ans Coelibat! Der Papst selbst koenne da kein Machtwort
+sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!"
+
+"Der Papst kann alles und ein Fuerst sehr viel! Im Erzstift giebt es
+genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
+ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
+verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und maechtig
+genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
+eignem Willen! Fuerstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
+gesehen! Dass ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
+dankbar eingewilligt? O, das soll eine fuernehme Hochzeit werden! Traun,
+mir wird heiss im Kopf, ich die Buergermeisterin verwandt mit Salzburgs
+Fuerstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
+dem Fuersten gesagt auf seine Werbung?"
+
+"Ich weiss ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
+Fuerst mich freigegeben, mich heimkehren liess, ins vaeterliche Haus!"
+
+"Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?"
+
+"Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hoeren, niemals will er
+einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
+ich ungluecklich! Doch lieber sag' ich 'nein' und weise des Fuersten
+Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!"
+
+"Nur keine Uebereilung, Kind! Lass' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
+treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
+ins richtige Licht! Auf jedem Fall lass du aber dem Fuersten wissen, dass
+du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
+verbanden?!"
+
+"Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fuersten gut, doch
+fuehl' ich kein Stuermen und Draengen im Herzen!"
+
+"Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fuerstin, das ist nach meiner
+Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fuerstin! Wie stolz das
+klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Buergermeisterin werde diese
+Angelegenheit durchfuehren, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
+meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den stoerrischen Schwaher!
+Ich will verwandt werden mit dem Fuersten! Also gehorchst du, suesses
+Taeubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen."
+
+"Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fuerchte mich
+vor dem gestrengen Vater!"
+
+Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
+reden. Ueber die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
+beobachtet werden, damit die spaetere, ploetzliche Verlobung um so staerker
+auf Salzburgs Frauen wirken koenne und muesse.
+
+Bald nach dem Weggang der Muhme liess Herr Alt der Tochter sagen, dass er
+den Abend auswaerts verbringen und demgemaess nicht zu Tisch kommen werde.
+Salome fuehlte es nur zu deutlich heraus, dass der Vater absichtlich das
+eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Maedchen.
+
+Wenn sich die Buergermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
+Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
+des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
+Aehnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
+wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhaeltnisse, nannte die
+Schwaegerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
+moeglich die Thuere von aussen zumachen und niemals wiederkehren moege. Tief
+beleidigt, racheduerstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
+und in den naechsten Stunden wussten Salzburgs Buergerkreise bereits von
+der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
+der Buergermeister derart bearbeitet, dass er, gegen seinen Willen, der
+Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
+eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.
+
+Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
+Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natuerlich mit der Entfuehrung
+in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Aeusserungen, mehr minder
+verhuellt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
+Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spoetter und
+Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht ueber den
+nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
+zu machen und zu berechnen, wieviel der Fuerst wohl fuer den Handel an den
+Kraemer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
+sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurueck und mied
+zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
+Schande hasste und zu beseitigen trachtete, bevor der verhaengnisvolle
+Schritt einer Allianz mit dem Fuersten zur That werden koenne.
+
+Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
+Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
+spaeter einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
+einer Gefangenen gleich gehalten und schaerfstens ueberwacht, auf dass eine
+Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
+Schwaegerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
+Weibergeschwaetz kalt gelassen hat.
+
+Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
+Fuersten Wolf Dietrich und rachegluehend bereit, ihren Willen gegen den
+des Schwagers durchzusetzen, liess den Erzbischof wissen, dass die
+Buergermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plaenen Seiner
+Hochfuerstlichen Gnaden einverstanden sei, und dass der gnaedige Herr
+Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Maedchens in ein
+auswaertiges Kloster thun moege.
+
+In seiner Leidenschaft fuer die schoene Salome, deren Besitz der junge,
+weltlich gesinnte Kirchenfuerst heiss begehrte, konnte Wolf Dietrich die
+Beihilfe der Muhme nur freudigst begruessen; die Mitteilungen der
+Buergermeisterin erklaerten auch zur Genuege, weshalb von Salome kein
+Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
+eines Wolf Dietrich musste die Information von einer Unschaedlichmachung
+des geliebten Maedchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
+auffordern und der heissbluetige Fuerst ging denn auch sofort daran, Herrn
+Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.
+
+Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fuersten bewacht, Bewaffnete
+lauerten Tag und Nacht in der Naehe verborgen, und ebenso lag eine
+Abteilung der erzbischoeflichen Miliz auf der Strasse nach Teisendorf mit
+dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
+dem Fraeulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
+fuerstliche Palais zu verbringen sei.
+
+Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
+kaum misslingen; es muesste denn sein, dass das Fraeulein auf dem Wege nach
+Golling ins Gebirge oder ueber Berchtesgaden verschleppt werden wuerde.
+Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
+diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hiess es warten, und
+heissbluetige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
+ueber das geliebte Maedchen zu erfahren, liess Wolf Dietrich Frau Alt zu
+sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Saenfte, die vor dem Hause
+der Altschen Familie warten musste, zur Verfuegung.
+
+Diese Einladung an den Fuerstlichen Hof brachte die Buergermeisterin
+schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
+Geistestruebung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
+kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
+was sie ueberhaupt besass, und so ueberladen mit Tand und Schaetzen stieg
+sie pfauenstolz in die Saenfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
+Gasse durch Haendewinken gruessend und sich selber vormurmelnd: "Ich komme
+zu Hof, ich komme zu Hof!"
+
+Viel Etikettumstaende beim Empfang wurden zur Enttaeuschung der
+Buergermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fuerst
+hatte ausdruecklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
+bringen. Immerhin walteten die Thuersteher und der Kaemmerling vom Dienst
+getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
+ueberglueckliche Frau nicht sehen.
+
+In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
+Buergermeisterin, muehsam den Lachreiz niederkaempfend, liebenswuerdig und
+galant, so dass Frau Alt wie in einem Himmel zu sein waehnte und strahlend
+vor Vergnuegen sich in einen wappengeschmueckten Stuhl fallen liess.
+
+Auf einen Wink entfernte sich der Kaemmerling, und nun sprach der junge
+Fuerst: "Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, dass Ihr mir
+neue Kunde geben koennt von Salome! Fuer Eure mich erfreuende
+Unterstuetzung meiner Plaene sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
+fuerstlich Wort, dass es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
+ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
+hartkoepfigen Pfefferkraemers?"
+
+Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
+etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Buergermeisterin: "Euer
+Fuerstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
+handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!"
+
+"Mi perdoni! Ich wusste das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
+Geringschaetzung verueben, was undenkbar waere, so ich gerne mit des
+Kaufherrn Schwaeherin und Muhme der schoenen Salome spreche!"
+
+Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fuersten ihrer
+Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
+auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung paepstlicher Anerkennung.
+
+"Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigermassen ueberrascht Wolf Dietrich
+und liess den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
+gestuetzt hatte.
+
+"Hochfuerstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!"
+
+"O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtuemlicher Auffassung des
+Ausdruckes, "zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr fuer
+gewoehnlich konfiterieret!"
+
+"Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnaediger Herr! Ich moechte nur
+demuetig vorbringen, dass gerne ich Euer Gnaden willfaehrig bin und mich
+gluecklich schaetze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
+hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn moecht' ich mir etwas
+erbitten, was Euer Fuerstliche Gnaden nur ein gutes Wort fuer Hochdero
+unterthaenigste Dienerin in Rom kostet!"
+
+"Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?"
+
+"Meine hoechste Seligkeit waere ein paepstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
+aber ganz alleinig fuer mich gespendet; es darf niemand anderes daran
+teilhaben, bloss ich allein!"
+
+Ein spoettisches Laecheln huschte ueber die Lippen Wolf Dietrichs, dann
+sprach der Fuerst freundlich herablassend: "Sothaner Wunsch ehret Euch
+und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfaehrige
+Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wisst Neues Ihr von Salome?"
+
+"Das Maedchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
+ist selbst mir nicht moeglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
+Dienerschaft konnte ich erfahren, dass in Baelde schon der Schwaher
+selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
+Klostermauern! Denkt nur, gnaediger Herr, ein lieblich Kind, unsere
+schoene Salome, die schoenste Maid wohl von ganz Salzburg und im
+stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden fuer
+Lebenszeit!"
+
+"Das werd' ich zu verhueten wissen! Das Fraeulein will ich fuer mich, und
+Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!"
+
+"O, habt Dank, gnaediger Herr, fuer solche Rettung! Wohl bin ich sehr
+bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
+in fuerstlichem Gewande!"
+
+"Auch ich!" huestelte Wolf Dietrich belustigt.
+
+"Ich moechte Euer Hochfuerstliche Gnaden bitten, dem blutduerstigen
+Rabenvater Mores zu lehren!"
+
+"Das soll prompt geschehen! Ihr koennt darob beruhigt sein! Wann Salome
+aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?"
+
+"Es soll nicht laenger mehr waehren, vielleicht noch einige Tage, bis
+besser wird und trocken der Weg."
+
+"Und wohin?"
+
+"Das weiss ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
+Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kaernten
+und hinab ins Welschland!"
+
+"Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?"
+
+"Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
+Buergermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es groessere Undankbarkeit
+wohl auf Erden geben!"
+
+"Nein, gewiss nicht! Ein 'undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!"
+sprach ironisch der Fuerst und seine Augen lachten vergnuegt dazu.
+auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glueck und
+nebstbei bin auch ich geehrt,
+
+[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
+ist aber 1:1 aus dem Original uebernommen]
+
+"Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel haelt wenn meine Nichte
+Fuerstin ist!"
+
+"Kein Zweifel, eine grosse Ehre sothane Liaison!"
+
+Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch uebergehen, doch Wolf Dietrichs
+Geduld war bereits erschoepft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
+was die Sippen ueber ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die laengere
+Anwesenheit der alten Schwaetzerin ward dem Fuersten laestig. Er gab ein
+Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Hoehe fahrenden Dame
+und gab Befehl, die Frau Buergermeisterin hinauszugeleiten.
+
+Verdutzt, in einem Gefuehle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
+sein, folgte Frau Alt dem hoeflichen und doch spoettischen Kaemmerling, die
+Glueckseligkeit der Fuerstenaudienz war zu Ende, so gruendlich vorbei, dass
+Frau Alt unten keine Saenfte mehr vorfand und geaergert durch das
+Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln musste.
+
+"Sind doch das launische Leute, diese Fuersten!" zischte die vergraemte
+Frau und huepfte kroetengleich ueber die Wasserlachen, bis sie tropfnass in
+den Fuessen endlich das Heim erreichte.
+
+Unertraeglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
+Maedchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemuet und bewirkte
+maehlich, dass Salome im Drang nach Freiheit nur im Fuersten allein den
+Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
+beglueckend suessen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
+wohl vom Hausmaedchen, der blondzoepfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
+war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
+Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
+von herzlichstem Mitleid erfasst, vermochte Klara dem Flehen Salomens
+nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab fluesternd Red' und Antwort auf
+die hastigen Fragen und erzaehlte, dass die Muhme beim Fuersten in Audienz
+empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
+verbreitet sei.
+
+Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestuermte
+sie die Magd um weitere Nachrichten bezueglich der etwa bekannt
+gewordenen Plaene des hartherzigen Vaters.
+
+Aengstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fraeulein durch eine Geste,
+dass ein laermend Wort den Gebieter herbeifuehren und Strafe bringen muesste.
+Das Essgeschirr zusammenraffend, fluesterte die Magd: "Ein Wagen soll Euch
+morgen in frueher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
+ich's erfahren!"
+
+"Grosser Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
+eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen fuer dein
+ganzes Leben!"
+
+"Still! Ich hoere Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!"
+
+Geraeuschlos entfernte sich die Magd.
+
+Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
+um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
+Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
+Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
+Aussaetzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewissheit,
+die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu muessen. Salome
+empfand ein Gefuehl der Dankbarkeit fuer die Muhme und deren Vermittelung
+beim Fuersten, das Maedchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
+Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fuersten zeitlebens
+inniger, hingebender Dank dargebracht werden.
+
+In trostloser Oede vergingen quaelend langsam die Stunden, bis zum Abend
+Klara wieder erschien und vermeldete, dass Herr Alt ausgegangen sei,
+mutmasslich, um fuer morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
+bestellen.
+
+Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
+Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
+Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
+strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fuerst werde beide zu schuetzen
+wissen.
+
+Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklaerte
+Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
+fortschaffen zu koennen.
+
+Salome bedeutete dem Hausmaedchen, dass es unnoetig sei, auch nur das
+Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
+und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
+Leibe trage.
+
+"Koennt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara.
+
+Salome erroetete und fluesterte: "Ich nehme nichts mit! Der gnaedige Fuerst
+wird fuer uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!"
+
+Nun war die Magd auch hierueber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
+Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
+hindurchwindend konnte man dem Eichenportale naeher kommen. Doch dieses
+selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
+nach rueckwaerts giebt es keinen Ausweg.
+
+Peitschenknall ertoente draussen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
+droehnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
+lebendig. Schnell huschten die Maedchen hinter die Kisten.
+
+Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend ueber die
+arg verspaetete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
+mit dem schlechten Zustand der Strasse und drang auf rasche Abladung,
+wasmassen seine Rosse schwitzen und in den Stall kommen muessten.
+
+Bei truebem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
+schwere Last von Frachtguetern aus dem Sueden wurde abgeladen. Aus
+Unachtsamkeit stiess einer der Knechte die Laterne um, das Licht
+verloeschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.
+
+Waehrend die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
+Salome auf dem Fusse folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
+geschuetzt flohen beide laengs den Haeusern die Gasse hinauf und
+verschwanden um die erste Ecke.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Ein linder Fruehling war dem langen, hartnaeckig um sein Recht kaempfenden
+Winter gefolgt, weiche, warme Lueste wehten, der Foehn hatte schneller als
+sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
+Thaelern gruente und spross es aufs neue, die Auen prangten im frischen
+Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
+bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, dass es tief drinnen im
+Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Fruehling geworden.
+
+Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwaende des
+gigantischen Tennengebirges und westwaerts von dem Felsgewirr des
+Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhuegel, auf welchem eine alte Veste
+thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
+Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
+von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf dass sie dem Fuersten
+zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfaellen.
+
+Die linde Fruehlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
+balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Luefte Italiens
+gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
+urploetzlich nach Werfen ausgebrochen, und so sass er nun im bequemen
+Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbraemung immer noch an
+fuerstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiss in
+einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und liess
+zeitweilig den Blick schweifen hinueber in das Felsgewirr der wuchtigen
+Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das gruene Salzachthal.
+Fuer eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
+Blaetter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
+Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Traeumen ist's
+mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefuehle errungenen
+Glueckes, und ein zufriedenes Laecheln zeigte sich auf den Lippen, so der
+Fuerst im winzigen Ziergaertchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
+eigentlichen Burggebaeude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
+Gestalt Salomes ansichtig ward.
+
+Die schoene Salome liebkoste manche Bluetenknospe, eine herrlich erbluehte
+Blume selbst unter den Bluemelein des Gaertchens, und ihre weiche Hand
+strich sanft ueber eine halberbluehte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
+bruechigen Gemaeuer zu wurzeln schien, denn in der ueppigen Gartenerde.
+Mitten im taendelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
+Bluete schien sie an etwas zu gemahnen; das glueckliche Laecheln erstarb,
+die Stirn umduesterte sich, das suesse Wangenrot verblasste. Die bebende
+Hand brach das Heckenroeslein ab, ein Dorn riss ein, und ein Troepflein
+rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.
+
+Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und liess ihn aufblicken, der
+Fuerst gewahrte die Veraenderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
+rief er, sich ueber die Loggienbruestung beugend, hinunter, nach der
+Ursache der Verstoertheit fragend.
+
+Jaeh ergluehte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
+wollte, dass nichts von Belang sich ereignet habe.
+
+Doch der lebhafte Fuerst liess sich damit nicht beschwichtigen, er verliess
+sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
+bei Salome. "Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
+Rosen pflueckt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
+und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!"
+
+"Nicht doch, mein gnaediger Herr! Ein Mahnen war es, das ploetzlich mich
+verschreckte!"
+
+"Ein Mahnen? Was sollt' es sein?"
+
+"Ja, ein Mahnen, gnaediger Gebieter! Beim Anblick dieses halberbluehten
+Roesleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, dass ich wohl selbst
+nichts anders bin denn diese kaum erbluehte, schlichte Blume...."
+
+"Ein suess Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte
+der galante Fuerst.
+
+"Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenroeslein nur,
+die wilde Rose, wie sie waechst in Rain und Wald, entbehrend der
+foerdernden Hand--"
+
+"Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schoen in ihrer
+Schlichtheit!"
+
+"Doch niemals wird sie eine Edelrose!"
+
+Der klagende Ton fiel dem Fuersten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
+"Graeme dich nicht darob, es muss auch wilde Rosen geben!"
+
+Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Maedchens.
+
+"Was ist dir nur, Geliebte?"
+
+"Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
+Heckenroeslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!"
+
+"Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
+meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
+meines Daseins oberstes Gesetz!"
+
+"Steckt dieses Heckenroeslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
+eine Edelrose wird es niemals werden!"
+
+"Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
+meiner Seite einer Fuerstin gleich--"
+
+"Doch niemals ebenbuertig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
+Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
+ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!"
+
+"Salome! Ich bitte, jag' die trueben Gedanken weg! Nur froh und gluecklich
+will meine Herzenskoenigin ich wissen, ein zufrieden suesses Laecheln als
+Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
+Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!"
+
+"Verzeiht mir, gnaediger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
+aufheitern Euch und verschoenern gern das Leben! Doch erhoeret, Herr, auch
+meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewaehrt ist dem aermsten
+Paar von Euren Unterthanen!"
+
+Eine Falte zeigte sich in des Fuersten Stirne und Unmut auf den zur
+Antwort leicht geoeffneten Lippen.
+
+Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
+schoenen Maedchens, kam der Kaemmerling heran, der unter einer tiefen
+Verbeugung meldete, dass der Dechant von Werfen Seiner Hochfuerstlichen
+Gnaden unterthaenigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
+Audienzzimmer harre des gnaedigen Empfanges.
+
+"Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Fuerst, und geleitete
+Salome in die Burg.
+
+Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
+das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
+Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
+von Pagen und dem Kaemmerer sich in das Audienzgemach begab.
+
+Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgrosse Gestalt mit strengen
+Zuegen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
+Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfuellt vom Gedanken an
+priesterliche Wuerde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
+Gestalt die Verkoerperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
+in allen Dingen zu sein.
+
+Beim Eintritt des Fuersten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
+die Eiseskaelte und Starrheit, die Lippen oeffneten sich, ohne einen Laut
+durchzulassen, grenzenlose Ueberraschung bekundete die vorgebeugte
+Haltung des Koerpers und die ausgespreizten Finger beider Haende. Einen
+Kirchenfuersten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
+noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
+Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
+fassungslos und schluckte, er brachte nur das "salve" heraus, alles
+andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.
+
+Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
+Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefuehle war,
+wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
+der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fuerst hoehnend, ja aetzend
+scharf rief: "Kaemmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer hoefische Sitte bei
+und lehr' Er ihm, dass man den gnaedigsten Landesherrn nicht mit 'salve'
+begruesst, den Fuersten auch nicht angafft!"
+
+Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem aeltlichen Pfarrer
+keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
+hoechsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
+sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
+kleinen Fuersten. Kalt sprach der Pfarrherr: "Mit gnaediger Verlaubnis!
+Einer Lektion von Hoeflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiss
+Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwuerdigsten
+Erzbischof!"
+
+Wolf Dietrich stutzte unwillkuerlich, die Gemessenheit wie Kuehnheit
+dieser Ansprache liess ihn ahnen, dass dieser Pfarrer doch anders geartet
+sein duerfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
+Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
+aufbrausende Temperament des Fuersten hierzu treiben wollte. Immerhin
+kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
+"Es wird sich zeigen, was Er weiss und wie es bestellt--mit dem
+schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Fuerst den Begleitern, sich zu
+entfernen.
+
+Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenueber; letzterer an
+Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.
+
+Wolf Dietrich stuetzte die Linke auf den Degenknauf, waehrend seine Rechte
+das Schnurrbaertchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein "Nun?"
+
+"Euer erzbischoefliche Gnaden...."
+
+"Man tituliert mich: Hochfuerstliche Gnaden!"
+
+"Euer erzbischoefliche Gnaden wollen meiner Ueberraschung, ja Verblueffung
+zu Gute halten, dass mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
+blieb in der Kehle! Den hochwuerdigsten Erzbischof glaubt' ich im
+kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu duerfen...."
+
+"Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
+Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?"
+
+"Euer erzbischoeflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
+wasmassen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel."
+
+"Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und haette vor Tagen schon
+geschehen koennen. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafuer an Verstaendnis
+hoefischer Sitte wie an schuldiger Unterwuerfigkeit! Merk' Er sich solche
+Lehre! Und nun bericht' Er ueber Stand und Verhaeltnis seiner Pfarre!"
+
+"Es ist viel des Ueblen dem hochwuerdigsten Oberhirten zu referieren,
+wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
+Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
+wurde."
+
+"Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?"
+
+"In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
+gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleissig, einer
+davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
+Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleissig von der Mess', hat ein frumb
+Voelkel, braucht katholische Buecher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
+so lang er Priester ist, keine Koechin, haust mit seiner Schwester. Auch
+einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
+Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
+Kurat von Skt. Jodok in der Einoede ist renitent, reif zum davonjagen cum
+infamia, conjugatus est...."
+
+"Wer ist das?"
+
+"Der Kurat von Skt. Jodok in der Einoede, an die 70 Jahre alt und
+verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande fuer meinen
+Sprengel! Ich aber leid' es laenger nicht und muesst' ich nochmal Gewalt
+gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers laesterliches Weib,
+hinausgepruegelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
+unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
+Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
+Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schaenden unsern Stand!
+Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Coelibat und sonstige
+Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
+der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
+scientivische Unfaehigkeit der Gsellpriester und Einoedkuraten! Die
+Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
+koennen die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
+schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kuemmerlich
+lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
+soll sich ergiessen ueber solche Suender! O, helft mit beim Rettungswerke,
+zur Purifikation der verderbten Sittenzustaende im Erzstift, die zum
+Himmel schreien!"
+
+Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn noetigte
+innezuhalten und Atem zu schoepfen.
+
+Kuehl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
+des Asketen: "Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
+Den Mann will ich sprechen!"
+
+"So wollt Ihr, gnaediger, hochwuerdigster Herr und Erzbischof, statuieren
+ein Exemplum?!"
+
+"Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf naechsten Freitag,
+das ist also uebermorgen Vormittag zehn Uhr!"
+
+"Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.
+
+"Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
+Meinung fassen ueber Mann und Weib!"
+
+"Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
+Sprengels?"
+
+"Das wird sich alles finden! Erst muss gepruefet werden! Davongejagt sind
+sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
+wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch fuer diese
+Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
+nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
+Euch hiezu als Gast!"
+
+"Euer erzbischoeflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
+und Geheiss mich rechtzeitig einfinden!"
+
+Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuss und gehorsam
+unterthaenig drueckte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
+des Fuersterzbischofes.
+
+Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
+Burggaertchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
+in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals fluesterte: "Conjugatus
+est!"
+
+Der Ueberraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fuerstliche
+Hoftafel bringen, die gemaess dem eigenhaendig entworfenen Ceremoniell Wolf
+Dietrichs nach hoefischer und foermlicher Weise auch in der einsamen Burg
+Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kaemmerer waren mit, ebenso einige
+der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
+zur Betreuung von Kueche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
+hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
+und Chef der fuerstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
+Zeichen der Ankunft des Fuersten gegeben wurde.
+
+Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kaemmerer vom Dienst und der
+Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
+der am Arm die schoene Salome fuehrte und durch das Spalier der sich tief
+verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.
+
+Waehrend Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
+ueber ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fuersten erroetete,
+fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Ueberraschung und
+Schrecken ueber den unerwarteten Anblick die Augen aus den Hoehlen quollen
+und der Mund weit offen stand.
+
+Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genaehert
+und hoefischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so dass der
+Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
+rettende Gedanke durch den Kopf schoss, dass die Dame moeglicherweise doch
+die Schwester des Erzbischofes sei.
+
+Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
+abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bisschen Quaelen Spass, er
+geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
+den verbluefften Pfarrer an: "Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
+gewaehret, zu huldigen der--Fuerstin!"
+
+"I--ich--!" schluckte der Pfarrer und wuergte, ohne den beabsichtigten
+Satz: "Ich glaub's gleich?!" herauszubringen.
+
+Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: "Ihre Hochfuerstliche Gnaden Fuerstin
+Salome, meines Lebens Sonne und Glueck!"
+
+Salome drueckte den Arm des Fuersten und fluesterte flehentliche Worte,
+doch dieser Qual und beschaemenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.
+
+Der Pfarrer aber stotterte: "Fuerstin? Ergo conjugatus est
+archiepiscopus?"
+
+Wolf Dietrich nickte vergnuegt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
+des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblueffung.
+
+Doch ploetzlich veraenderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
+Herrschaft ueber sein Denken und Fuehlen wiedergewonnen und damit die
+Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
+Ueberzeugung, durchglueht von fanatischem Feuer, rief er: "Haltet ein,
+Herr, Fuerst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuss, ehe ich ihn
+setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des grossen
+Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
+nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies grosse Wort gilt heilig fuer
+alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
+zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Suende wider der Kirche heiliges
+Gebot? Koennet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Suende Bund?
+Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Hoechste ueber uns nach
+des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
+gelaeutert, befreit von der Suende Banden, wenn solches Beispiel von der
+hoechsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Suende allum,
+vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
+Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
+mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
+mit mir, Euch aber droht Verdammnis und----"
+
+Kaemmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
+Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
+geoeffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
+Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.
+
+"Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!" rief gellend der fanatische
+Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
+fuehrten.
+
+Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
+aerztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
+konnte dem Fuersten gemeldet werden, dass der Anfall vorueber und keine
+Gefahr vorhanden sei, doch beduerfe die Gnaedige der Ruhe und Schonung.
+
+Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
+Regierungsgeschaeften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
+ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
+Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedaechtnis und damit der
+Zorn ueber die unerhoerte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
+Koerper erbeben machte und nach Rache lechzte.
+
+Doch ward eben vom Kaemmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
+hiess barsch, jedermann abzuweisen.
+
+"Es ist Domkapitular Graf Lamberg!" wagte der Kaemmerer schuechtern
+einzuwenden.
+
+"Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Fuehr'
+ihn sogleich zu mir!" Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten ueber die
+Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
+gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
+aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
+Thuer und erwies dem Fuersten tiefste Reverenz.
+
+"Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!" rief Wolf Dietrich und
+schritt dem Kapitular entgegen.
+
+"Euer Hochfuerstliche Gnaden wollen die Stoerung permittieren, ich komme
+in dringlicher Angelegenheit!"
+
+"Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefueget, dass Lamberg
+kommt mir sehr gelegen!"
+
+Nach herzlicher Begruessung, die auf vertraute Freundschaft schliessen
+liess, wenngleich der Kapitular die hoefisch zeremoniellen Formen,
+besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
+Erker Platz, wohin der Fuerst Erfrischungen fuer seinen Gast schaffen
+liess.
+
+Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: "Lamberg, du kommst wie
+gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
+schreite ueber einen Vermessenen!"
+
+Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
+flackernden Auge des fuerstlichen Freundes zu lesen.
+
+Rasch erzaehlte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
+umduesterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwueler
+Gewitternacht.
+
+"Ein Affront, den ich zu raechen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
+gut fuer den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!"
+
+Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Fuer einen Augenblick
+herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
+Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fuersten, wie wenn er damit
+beruhigen wollte, und erwiderte: "Hochfuerstliche Gnaden wollen in dem
+tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
+Fuersten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
+hochwuerdigsten Erzbischofs!"
+
+"Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
+Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
+weisen?!"
+
+"Mit nichten, Hochfuerstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
+Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
+Moeglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, dass
+in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen hoechsten
+Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Suende
+erblickt im Wandel seines Bischofs."
+
+"Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?" rief vorwurfsvoll
+der Fuerst.
+
+"Mit nichten ist es meine Absicht, des gnaedigsten Fuersten Thun und
+Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
+Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto groesserem Freimut. Der
+Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
+nicht an den Fuersten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
+Rechtslage duerfte der Fall zu erledigen sein."
+
+"So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
+lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!"
+
+"Ich kenne meinen gnaedigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
+froehlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
+Hochfuerstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
+juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
+Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
+vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
+kann in Ekstase eine Coelibatsverletzung fuer ein Verbrechen halten,
+dessen Groesse den Verstand verwirrt. Getruebten Sinnes, doch ehrlichen
+Herzens dabei, laesst sich der Fanatiker hinreissen, am hoechsten
+Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er fuer die gleiche Suende,
+fuer Verbrechen wider die Kirche haelt!"
+
+"Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
+meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!"
+
+"Gnaedigster Herr! Uebet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiss nichts
+von hoefischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefuehl und Takt. Der Mann
+meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
+Weiblichkeit. Den Fuersten kann er nicht beleidigen...."
+
+"Und den Erzbischof?"
+
+"Auch den nicht! Will der gnaedigste Herr aber strafen den Vermessenen,
+so moege eine Erwaegung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
+einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfuersten!"
+
+"So missbilligt ein Lamberg meine Wahl....?"
+
+"Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu missbilligen. Ich bitte nur,
+jener Erwaegung eine kleine Beachtung zu goennen, sie wird wohlthaetig
+wirken beim Ausmass der Strafe!"
+
+Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
+durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: "Ja, so spricht
+ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
+lassen, faellt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
+wasmassen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert."
+
+"So ist es unerschuetterlicher Wille?"
+
+"Ja! Und--Dir will ich's anvertrauen--erst heute wieder bat meines
+Herzens Koenigin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!"
+
+"Nunquam!"
+
+"Wie?"
+
+"Niemals! Ich bitte Euer Hochfuerstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
+zu thun!"
+
+"Perche?"
+
+"Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?"
+
+"Ich bitte dich darum, mein Freund!"
+
+"Lebt mit Salome, gnaediger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
+Hofes, erhebt sie zur Fuerstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
+eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!"
+
+Stolz erwiderte Wolf Dietrich: "Ich bin der Fuerst und Herr des Landes!
+Weit und maechtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
+Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Gross ist die exceptio,
+ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
+Bin ich aber nicht ein Fuerst, dem man eine Ausnahme und sei es die
+groesste, kann gestatten?"
+
+"Ein Fuerst zum Glueck und Wohl des Landes, ein Fuerst, um den Salzburg
+man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
+Verzichtet auf das ehlich Band!"
+
+"Du kennst sie nicht, die suesse, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
+ihr demuetig Bitten um Legitimitaet des Bundes! Der letzte Kurat in
+weltverschlagener Einoed' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
+gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
+Papst--sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
+verstattet ist--?"
+
+"Verstattet ist es Keinem, und Rom missbilligt jede Priesterehe! Waeren
+nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
+Priesterstand unserer Tage, es gaebe keine Coelibatsverletzung, wie sie
+beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
+uneroertert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
+kirchlicher und paepstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
+gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
+Aufgabe der Kirchenfuersten unserer Zeit ist Purifikation des
+Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnaedigster Herr,
+obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie loesen, wenn eine Ehe wider
+paepstliches Gebot Euch die Haende bindet, Euch notgedrungen in den
+Verdacht des Luthertumes bringet?!"
+
+"Bist du nicht paepstlicher denn der Papst, Lamberg?"
+
+"Nein, gnaediger Herr und Fuerst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
+Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
+unvergleichlichen Schoenheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
+eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Hoeret nicht auf Weiberbitten,
+achtet nicht der Thraenen! Der Kirchenfuerst hat hoehere Pflichten! Denkt
+an Bayern, Kaiser und Papst!"
+
+Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
+vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
+der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: "Was kuemmert
+mich der Bayer, was der Kaiser!"
+
+"Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
+ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
+Friktionen, mein' ich unterthaenigst, wird es niemals fehlen! Und ueber
+des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fuerst nicht schreiten
+koennen!"
+
+"Du wirst kuehn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!"
+
+"Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnaediger Fuerst und Herr! Ich sprach
+als Freund, der zu sein mich hoch beglueckt, und Freundespflicht ist es,
+zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!"
+
+"Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
+sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in ruehrend suesser Weise?"
+
+"Vertroestet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
+Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!"
+
+"Du kennst Salome nicht und ihr suesses Bitten!"
+
+"Wie kaem' der Unterthan zu solchem Gluecke!"
+
+"Ja, ein irdisch Glueck ist mir geworden, ein traumhaft Glueck! Und
+manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
+buessen fuer die Wonne des profanen Lebens!"
+
+"Noch lebt mein gnaediger Herr im Glueck und in der Bluete! Sorgen genug
+wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit!--Doch wenn Hochfuerstliche
+Gnaden verstatten, moecht' ich erwaehnen der Angelegenheit, die mich
+veranlasst hat, so schnell es ging, zum gnaedigen Fuersten zu eilen!"
+
+"Was soll es sein?"
+
+"Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fuerstlicher Hofkammer, bat mich,
+die Meldung fuer ihn, den Vielbeschaeftigten, zu uebernehmen, dass Salzburgs
+Buergerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!"
+
+"Sollen dankbar sein, dass ich den Saufteufel ihnen fasse!"
+
+"Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
+Adels wie des hoeheren Klerus und der Kloester sich nicht durchfuehren
+lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
+helfen."
+
+"Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgefuehrt
+sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
+zahlen soll, schreit immer!--Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
+dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
+Abendbrot sehen wir uns wieder." Launig fuegte Wolf Dietrich bei: "Graf
+Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
+Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner--Fuerstin?"
+
+"Euer Hochfuerstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank fuer sothane
+Einladung und werd' mich gluecklich preisen, der gnaedigen Gebieterin die
+Honneur bezeigen zu duerfen!"
+
+"Das klingt fuerwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
+Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
+verstaendigen!"
+
+Nach kraeftigem Handschlag verliess Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
+holte der Kaemmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
+Burg anzuweisen.
+
+Puenktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
+Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einoede. Ein Greisenpaar,
+die duennen Kopfhaare weiss, muede, abgehaermte Gestalten, gebrechlich,
+hinfaellig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
+Kutte aehnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe voellig verloren hatte
+und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
+der Kopf des Einoedgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weissem
+Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenloechern hingen
+Haarbuescheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
+Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einoeder dem
+Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
+hochwuerdigsten Erzbischof.
+
+Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
+Geistlichen gemahnende Gestalt. "Ich weiss, dass der Jodoker Kurat zur
+Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?"
+
+Vor Muedigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
+herab, bat der alte Mann, sich setzen zu duerfen.
+
+"Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
+unten im Dorf gereicht!" rief grob der Vogt.
+
+"Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
+mein braves Weib, das der gnaedige Herr gleich mir zu sehen wuenscht!"
+
+"Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
+hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
+mache Euch Beine!"
+
+Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
+gekleidet, das Blondhaar offen tragend ueber die Schultern gleich einem
+Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
+gehoert, und Mitleid erfasste sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
+insonders fuehlte Salome Erbarmen fuer die Greisin, die den aengstlichen
+Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knoecherige Hand auf
+das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: "Vogt!
+Sind die Leute von Skt. Jodok, so fuehrt sie herein in die Erkerstube;
+der gnaedige Herr hat Mann und Weib befohlen!"
+
+Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, hoeflich verbeugte er sich und
+erwiderte unterwuerfig: "Der Mann sagt wohl, er waer der Jodoker Kurat,
+sein Aussehen straft seine Rede Luegen! Mich will beduenken, in dem Verzug
+darf niemand vor dem gnaedigen Herrn erscheinen!"
+
+Salome war naeher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
+die Frage: "Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?"
+
+Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: "I freilich,
+schoenes Fraeulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
+Einoed', der Welt voellig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
+Erzbischof von uns will?"
+
+"Das wird der gnaedige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
+vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
+erquicken!"
+
+"I, ist das schoene Fraeulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
+lohnen dereinst an Euren Kindern!"
+
+"Pst, pst!" mahnte der Kurat.
+
+"I, freilich! Solche Schoenheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
+Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
+schoenes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
+Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einoed'
+und um meinen Brummbaeren besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
+und mit dem Beissen hatt' es nie Gefahr!"
+
+Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
+Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
+Salome goss die Becher voll und hiess die Leutchen trinken.
+
+Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
+murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: "Gott vergelt'
+Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Mueden und
+Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
+und Preis und auf Eure Gesundheit, Glueck und Wohlergehen hienieden!"
+
+"Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!" lispelte die Greisin und
+nippte dann vom goldigklaren Wein.
+
+"Dank' Euch fuer die frumben Wuensche! In der Einoed' habt Froemmigkeit Ihr
+nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!" sprach Salome,
+der es ein wohlig Beduerfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
+zu sprechen. Zufaellig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
+in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
+Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlasst Salome,
+dem Greisenpaar zu sagen, dass der Empfang nun wohl in wenigen
+Augenblicken werde stattfinden, es moege sich das Paar daher fertig
+machen.
+
+"O," meinte die Greisin, "fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
+Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
+Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
+gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
+das ist ein boeser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!"
+
+"Nun, das ist unser gnaediger Herr gerade nicht!" laechelte Salome.
+
+Ein Edelknabe riss die Thuere zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
+um den Fuersten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
+einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
+Paar wahr und verwundert sprach der Fuerst: "Ei, Salome und in
+Gesellschaft?"
+
+"Verzeiht mir, gnaediger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, muede vom
+beschwerlichen Marsch wollt' rasch staerken ich mit einem Labetrunk, eh'
+vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
+Stube wir geraten!"
+
+"Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfuehlig zartes Herz! Nun gut, so
+wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!"
+
+Graf Lamberg wollte sich zurueckziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
+bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
+sogleich verschwand.
+
+Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fuerst an den
+ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: "Wie lang seid Ihr
+schon Priester?"
+
+"Hochwuerdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Juengling mit
+zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
+ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einoed'. Auf der
+Jaehrlein eines oder zwei weiss ich's genau nicht mehr."
+
+"Vierzig Jahre in der Einoed'!" sprach mit besonderer Betonung Wolf
+Dietrich und nickte Salome zu.
+
+Voreilig meinte die Greisin: "In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
+die Jaehrlein wie der Bergbach geschwind!"
+
+Abwehrend dem Redefluss sprach der Kurat: "Verzeihet, Hochwuerdigste
+Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
+nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!"
+
+"Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiss der Kurat nichts von
+Coelibat und paepstlicher Verordnung?"
+
+Der alte Leutpriester liess das Haupt sinken und stand demuetig,
+zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, dass
+damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgaenger des jetzigen
+Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoss
+genommen habe an der Priesterehe.
+
+"Beklagenswerte Zustaende im Landklerus!" sprach Kapitular Graf Lamberg.
+
+Zitternd blickte der Kurat zum Fuersten auf, in dem das Mitgefuehl sich
+regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhaeltnis zu Salome
+bewegen mochte.
+
+Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geoeffnet, wagte Salome zu sagen:
+"Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und paepstlichem
+Gebot! Getraut das Paar, gluecklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
+in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestossen von der Menschheit
+hoch droben in der Einoede, und doch ein gluecklich Weib, getraut von
+Priesters Hand!" Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
+plapperte eilig: "I freilich, schoene Frau! Zufrieden und gluecklich
+lebten wir in fleissiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
+Zeit, dass er uns hat zusammengegeben! Gluecklich waren wir, bis der
+schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Huette! O Gott! Was
+hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein raeudiger Hund,
+ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
+und Verdammnis fuer mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
+und den Leuten ein gutes Beispiel von der Naechstenliebe geben soll! Ein
+harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
+heimgeschlichen, wohin ich gehoere als treues Eheweib, zum Gatten, der
+jeglicher Pflege bedarf,--kein Stuendlein bin ich sicher und sie jagen
+mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schoene Frau, muss ein Eheweib
+nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
+gegeben vor dem heiligen Altar?"
+
+Wolf Dietrich nahm das Wort: "Das paepstliche Gebot bestand, es ist ein
+Konzilsbeschluss, und fuer den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
+ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehoert
+zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
+und Ordnung, das Erzstift muss purifizieret werden!"
+
+Angstvoll rief Salome: "Gnaediger Herr!"
+
+Der Fuerst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte:
+"Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben
+greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich
+gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles ueberwindet!
+Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten
+Fuersprecherin, die ihr gefunden in Salome!"
+
+Graf Lamberg wollte mahnen: "Exempla trahunt!"
+
+Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: "Das mag im allgemeinen gelten,
+und ich verschliesse mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
+mich beduenken: In jener unwirtlich schaurigen Einoed' wird die Gefahr der
+Verfuehrung junger Kleriker nicht werden uebergross. Bleibt der Alte in
+seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
+ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
+mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
+lassen Euch in Ruhe!"
+
+Glueckstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Haenden und dankte in
+innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuss der Ehrfurcht auf
+die Rechte des Erzbischofs drueckte und seinen Dank stammelte.
+
+Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich laechelnd: "Hab' ich's nach
+Wunsch gethan? Nun aber sorg' fuer Atzung, schick' das Paar zum
+Kuechenmeister!"
+
+"O, heissen Dank, gnaediger Herr und Gebieter!" lispelte ergluehend Salome
+und verliess, gefolgt von den alten, glueckseligen Leuten die Erkerstube.
+
+Der Fuerst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
+Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
+leisten. "Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
+Salzburgs Stift und Dom?"
+
+"So der gnaedige Fuerst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
+sagen, zu schweigen und zu gehorchen!"
+
+"Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stuetze, die ich habe im
+Kapitel! Allzeit ergeben, gefuegig stets dem Willen des Fuersten! Dennoch
+moecht' deine Meinung hoeren ich ad hoc! Dass nach Salomens Sinn ich hab'
+gehandelt, dess' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglueckt von
+meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
+mein Freund?"
+
+"Ich fuerchte, gnaediger Herr, es ist Zwietracht gesaeet in diesem Falle!"
+
+"Nicht Unglueck kraechzen, Lamberg! Du weisst, ich hoer' derlei nicht gern.
+Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?"
+
+"Kaum haett' ich anders mich erklaeret; zu ruehrend ist der Bund, die Lieb'
+und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht laenger
+dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht laenger
+so, und eingreifen muss des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
+Ordnung werden im Erzstift!"
+
+"Ich fuehl' es selber und kann nicht laenger mich verschliessen solcher
+Einsicht!"
+
+"Je frueher, gnaediger Herr, desto besser! Und wenn Hochfuerstliche Gnaden
+ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
+gegen...."
+
+"Du meinst Salome!" sprach hastig Wolf Dietrich. "Du bist klug und weit
+reicht dein Blick voraus! Meine suesse, liebe Salome! Im Widerstreit
+stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, dass Salomens kluger
+Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
+verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
+Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
+einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimitaet des Bundes!"
+
+"Nur das nicht, gnaediger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
+paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnaedigen
+Fuersten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!"
+
+Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und ueberliess
+sich voellig tiefem Sinnen.
+
+Still sass ihm gegenueber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
+schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
+genial veranlagten Fuersten, und doch wieder bangend vor dem Einfluss der
+schoenen Salome.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+In der Bischofstadt gaerte es im milden Lenz aerger, denn in den Tagen, da
+der junge Fuerst ein Reformationsedikt erlassen, welches die
+bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im
+Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese
+steuerkraeftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu
+beguenstigen, denn zu schaedigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen
+finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stiess sich am Ton
+dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die
+Fuerstengewalt und ausserdem brauchte er Geld. Vielleicht waere der Fuerst
+den Mahnungen zugaenglicher gewesen, wenn nicht der bischoefliche Fiskal
+bald nach der Erwaehlung Wolf Dietrichs in den Buechern die Entdeckung
+gemacht haette, dass die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen
+ueberstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fuersten nur
+veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu
+beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten
+die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften
+Verbrauch und die Klagen des Buergermeisters ueber den "Saufteufel". Es
+konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, dass die Unterthanen
+nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die
+Steuer aber zur Einfuehrung gebracht wurde, das bekundete ein
+hervorragendes Verstaendnis fuer finanzielle Ertraegnisse, denn das Mandat
+fasste die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur
+Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen
+waeren. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst
+gebaut[5] oder von auswaerts eingefuehrt waren, wurden steuerpflichtig
+erklaert; von allem ausgeschenkten Wein musste der zehnte Teil, von dem im
+eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung
+jeden Monat, bei Grosskonsumenten oder Haendlern jedes Quartal an die
+Hofkammer abgeliefert werden.
+
+Diese Verfuegung wurmte die Salzburger, die Ankuendigung aber, dass die
+Weinsteuer "fuer ewige Zeiten" Geltung haben solle, brachte das Blut auch
+der Sanftmuetigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur
+Buerger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel
+treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.
+
+Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den
+Domkapitular Grafen Lamberg dem Fuersten melden liess.
+
+Zugleich aber war eine Erhoehung der Mauten und Zoelle fuer Kaufmannswaren
+verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute
+der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Haende
+gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.
+
+So musste es denn kommen, dass Buerger- und Kaufmannschaft, Adel und
+Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den
+Beschwerdeweg beschritten.
+
+Dr. Lueger wusste sich gegen dieses Anstuermen nicht anders zu helfen als
+durch Berichterstattung an den Fuersten, und seine Meldung veranlasste
+Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu
+verlegen, wohin auch kurze Zeit spaeter Salome wieder uebersiedelte.
+
+Zunaechst hoerte der Fuerst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und
+Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezueglich der zu
+treffenden Massnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch
+berief Wolf Dietrich den treubewaehrten klugen Freund Lamberg zu
+gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die
+Aktenstuecke verbracht wurden, ueber welchen nun Wolf Dietrich
+stundenlang sass und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch
+einige Erholung zu goennen.
+
+Liebreich doch bestimmt wies der Fuerst auf die Notwendigkeit eines
+raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr
+losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemaecher zurueckzog.
+
+Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich
+vorgelassen.
+
+Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in
+Haenden und rief dem Freunde zu: "Komm nur schnell heran, setze dich zu
+mir an den Sorgentisch, hoere und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe
+ich die Beschwernis des Stadtrates ueber Verletzung alter Freiheiten! Sie
+wollen die neuen Mauten und Zoelle nicht zahlen und beklagen sich in
+einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn
+aufzueglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!"
+
+Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: "Auf welche
+Privilegien beruft man sich?"
+
+"Die Freiheiten gehen um einige Saekula zurueck!"
+
+"Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, dass sothane Privilegia unter den
+frueheren durchlauchtigsten Fuersten ihre Kraft und Wirksamkeit laengst
+eingebuesst haben."
+
+"Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im
+Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von
+den Errungenschaften aus frueheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fuersten
+gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen
+eine Erneuerung alter, laengst erloschener Rechte!"
+
+Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.
+
+"Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig koennen die Kaufleute Salzburgs
+nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil wuerde die klugen Kraemer
+sicherlich veranlasst haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist
+der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist
+perpetuell,--so muss es vollkommen berechtigt erscheinen, die
+Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen."
+
+"Euer Hochfuerstliche Gnaden argumentieren voellig richtig!"
+
+Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: "So
+werd' ich den Querulanten zu wissen thun, dass es verbleibt beim Mandat
+der Mauten und Zoelle!"
+
+Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fuersten, als er
+eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlassten zu fragen: "Du
+hast Bedenken? Sprich, Lamberg!"
+
+"Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu aeussern, zumal bemeldte
+Angelegenheiten sich voellig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise."
+
+"Keine Ausfluechte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!
+Sag' deine Meinung mir als treubewaehrter Freund!"
+
+Zoegernd begann der Kapitular zu sprechen: "Die Zeit ist schlimm, die
+Erregung gross in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender
+Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gaert allenthalben, und
+weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stuetze fuer den gnaedigen
+Fuersten...."
+
+"Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!"
+
+"Gewiss, Euer Hochfuerstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fuerst!
+Doch aller Stuetzen kann fueglich nur der Allmaechtige ueber alle entraten!
+Was ist ein Thron, wenn Buerger, Adel und Geistlichkeit ihn stuerzen
+wollen und zum Wanken bringen?!"
+
+"So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die
+Rebellen in den Sand!"
+
+"Verzeiht mir, gnaediger Fuerst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom
+Thema, das zu eroertern ich sollte beflissen sein. Darf ich als
+treuergebener Unterthan raten, so moechte ich submissest bitten, in
+bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen."
+
+"Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwuerdige verschwendet,
+ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir
+brauchen Geld!"
+
+"Trotzdem moecht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenueber! Ein
+partieller Nachlass der geplanten Steuer wuerde als Wohlwollen dankbarst
+empfunden werden, und sothanes Wohlwollen koennte zum Beispiel immer noch
+gut ein Dritteil Zollertraegnis in die Hofkammer liefern."
+
+"Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der
+Rat an sich will gut mich beduenken, doch zu gross scheint mir sothanes
+Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnuegung mit dem Dritteil
+nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!"
+
+"Hochfuerstliche Gnaden werden hinfuero solches Wohlwollen in mehrfacher
+Hinsicht von Segen begleitet finden."
+
+"Wie meinst du das, Freund Lamberg?"
+
+"Ein Nachgeben just jetzt daempft die Erregung, macht den Staendeausschuss
+gefuegig fuer die Weinsteuer, und die Ermaessigung der Zoll- und
+Mautgebuehren koennte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages
+durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und
+unmassgeblichst, dass beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhaelt
+vor--Auswanderung!"
+
+Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im
+Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und
+gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Ueberlegung sprach der Fuerst: "Niemals
+ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu
+zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!"
+
+"Ein Edikt kann desgleichen verhueten! Ermaessigung der Mauten und
+Zollgebuehren waere eine Gnade, deren Missbrauch mit Aufhebung der
+Beguenstigung geahndet werden kann. Ebenso waere Erlass einer Instruktion
+zur Durchfuehrung der Weinsteuer empfehlenswert."
+
+"Erst muss ich ja das Votum der Landschaft haben!" warf Wolf Dietrich
+ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: "Traurig genug, dass der
+regierende Fuerst das Volk um Zustimmung angehen muss! Ging' es nach
+meinem Kopf, ich schickte die Staende heim fuer immer!"
+
+"Das koennen Hochfuerstliche Gnaden bei naechster Gelegenheit thun im Wege
+einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber koennte ich ob der Folgen zu
+einer Aufloesung raten!"
+
+"Ein kluger Rat fuerwahr! Entlassung fuer immer! Auf die Wiederberufung
+koennen sie warten bis--in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!"
+
+Ueberrascht fragte Lamberg: "Hochfuerstliche Gnaden beabsichtigen groessere
+Bauten?"
+
+"Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich
+spaeter finden! Muss ja fuer Salome ein ihrer Schoenheit wuerdiges Heim
+schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch
+noch einzufordern--!"
+
+"Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?" fragte
+Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau
+kannte.
+
+"Sprich, Freund!"
+
+"Submissest wuerde ich bitten, jetzt und auch fuer das naechste Jahr in
+Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei
+bemerkt, auch fuer den hochseligen Erzbischof und Fuersten Georg von
+Kueenburg noch nicht bezahlt ist...."
+
+"Nun also! Die Grundholden machen Schulden ueber Schulden, und der Fuerst
+muss darben!--Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf
+berechtigten Weihsteuer?"
+
+"Gnaedigster Fuerst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glueck
+Eurer Erwaehlung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses
+allseitig tiefempfundene Glueck getruebt durch Misswachs, die Unterthanen,
+an sich nicht reich, sind andurch schwer geschaedigt und kaum im stande,
+neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer
+muesste vielen, grossen Schwierigkeiten begegnen, muesste den neuen Herrn und
+Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenueber
+erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn moechte ich geliebt wissen
+allenthalben!"
+
+Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte fuer
+das ehrlich offene Wort. "Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!
+Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich
+begruessen zu koennen!"
+
+Ausweichend erwiderte Lamberg: "Wenn Hochfuerstliche Gnaden verstatten,
+moechte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,
+um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!"
+
+"Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnuegt zusammen speisen und
+haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.
+Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg
+meiner Salome Gesellschaft leisten!" Dies sprechend gab der Fuerst ein
+Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kaemmerer, den Domkapitular der
+Fuerstin anzumelden und dorthin zu geleiten. "Auf Wiedersehen, Graf, bei
+Tisch!"
+
+Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verliess Lamberg das
+fuerstliche Arbeitsgemach und folgte den Kaemmerer in die Apartements der
+Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmueckten Zimmern
+als auch an den Korridorwaenden viele neue Gemaelde erblickte, die Wolf
+Dietrich wohl erst vor kurzem musste angeschafft haben und welche
+vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten
+aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fuersten alle Ehre
+machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete
+dem Bild eine fluechtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom
+Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen
+Originals zu sein schien.
+
+Dienstbereit glaubte der Kaemmerer sagen zu sollen, dass dieses Bild erst
+vor wenigen Tagen aus Rom fuer den gnaedigen Fuersten angekommen sei.
+
+Lamberg erwiderte kuehl: "Ich kenne das Original zu Rom!"
+
+"Das waere etwas fuer die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines
+Erzbischofes duerfen nur Heiligenbilder sein!" meinte der Kaemmerling.
+
+"Es wird ausschliesslich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen
+Fuersten sein, den Palast nach Gutduenken auszuschmuecken!" sprach
+abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxurioes
+ausgeschmueckten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der
+Kaemmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab.
+
+Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Haeusern verkehrt
+hatte, wunderte sich ueber die kostbare Ausstattung der fuerstlichen
+Gemaecher keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer
+Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in
+Zusammenhang mit der eben gehoerten Klage des Fuersten ueber den
+herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der
+Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn
+auch in dieser Richtung und fuehrten zu Bedenken schwerer Art fuer die
+Zukunft. So kurze Zeit der Fuerst regiert, er ist bereits auf
+gefaehrlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird
+sicher noch zu den aergerlichsten Folgen fuehren. Dass Rom daran noch
+keinen Anstoss genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne
+Zeit seit Entrierung dieses Verhaeltnisses sowie aus dem Umstand zu
+erklaeren, dass der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen
+guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darueber ist sich
+Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Moeglichkeit wenigstens eine
+wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des
+Freundes.
+
+In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und
+schreckte fast zusammen, als der Kaemmerling meldete, dass die Gebieterin
+bereit sei, den Grafen zu empfangen.
+
+Lamberg zwang sich zu hoefischen Formen und scheuchte die ernsten
+Gedanken hinweg. Ganz Hoefling und mit laechelnder Miene trat er in das
+mit fuerstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome
+auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschaeftigt
+sass. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres
+blonden Haares wahrhaft entzueckend aus, und Lamberg musste den Fuersten in
+diesem Augenblick wirklich entschuldigen.
+
+Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick
+gemustert, dann aber sprach sie laechelnd: "Willkommen, Graf, in meinem
+Reich!" und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz
+zu nehmen.
+
+Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und
+erwiderte: "Seine Hochfuerstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen
+und mir aufgetragen, vorher in diesen Raeumen meine submisseste
+Aufwartung zu machen!"
+
+Salome hatte augenblicklich die Situation erfasst und schnell sprach sie:
+"So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl
+des gnaedigen Fuersten?!"
+
+"Gewiss!" klang es trocken, doch fuegte der Kapitular sogleich hinzu: "Wie
+sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges
+ohne Befehl gelangen!"
+
+"Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewaertig
+sein!"
+
+Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: "Ich kann nur heissen Dank
+fuer die wohlwollende Gesinnung zu Fuessen legen der ebenso schoenen als
+guten gnaedigen Frau!"
+
+"Frau?! Ihr wisst so gut wie ich, dass keinen Anspruch ich geniesse auf
+dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter
+sothanem Mangel der Legitimitaet!"
+
+"Gnaedige Gebieterin leiden zu wissen, beruehrt schmerzlich Dero
+unterthaenigsten Diener!"
+
+"Wenn Ihr heget Mitgefuehl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes
+Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!"
+
+"Ihr ueberschaetzet wohl im heissen Drange meine schwache Kraft, gnaedige
+Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermoegen des hohen Herrn Plaene zu
+beeinflussen?!"
+
+"Graf Lamberg ist des Fuersten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur
+will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfuehlender Freund?"
+
+Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome,
+senkte dann wieder die Lider und sprach leise: "Was koennt' meine
+Freundschaft Euch auch nuetzen?!"
+
+"Mein Ohr vernimmt das 'Nein', so warm auch klingt der Ton der leise
+abwehrenden Rede!"
+
+"Nicht doch, gnaedige Gebieterin!"
+
+Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: "Ihr wollet nicht, ich
+ahnt' es laengst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des
+legitimen Bundes!"
+
+Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das
+Spiel mit Ausfluechten auf, trocken erwiderte er: "Streng und scharf
+umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spraech' ich im Amte, missbilligen
+muesst' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmoeglich ist
+jedoch die Legitimitaet, die Strafe Roms wird folgen rasch solch
+verhaengnisvollem Schritt!"
+
+Hoehnisch klangen der Favoritin Worte: "Die Strafe Roms! Wie straft Rom
+wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?"
+
+Erstaunt, voellig ueberrascht rief Lamberg: "Ihr wisst davon?!"
+
+"Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoss an der Ehe des
+verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes
+Robert und der Tochter Althaea den Gesetzen, die auch fuer einen Kardinal
+gelten muessen?"
+
+"Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und
+Rom ist nicht Salzburg!"
+
+"Ausfluechte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann
+beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das
+pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?"
+
+"Das wisst Ihr auch?" stammelte in massloser Ueberraschung ueber solche
+intime Kenntnis roemischer Verhaeltnisse Graf Lamberg.
+
+"Nimmt Euch das Wunder?"
+
+"Wenn ich denke an das Unmoegliche: ja!"
+
+"Was soll unmoeglich sein?"
+
+"Unmoeglich ist, dass der gnaedige Fuerst solche Informationen selbst
+gegeben!"
+
+"Meint Ihr?! Schlimm waere es, saehe der Fuerst in mir nicht auch die
+vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat
+eingeloest der Fuerst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir!--Ihr
+moeget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen
+Ratschlag, eine Instanz steht dennoch ueber Eurer Plaene feingesponnenes
+Gewebe...."
+
+"So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wusst' ich
+wahrlich nicht!"
+
+"Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergaenzen ich: Seid Ihr
+fuerder nicht fuer mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr
+nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu
+wehren wissen!"
+
+"Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnaedigen Herrn
+und habe dessen hoechstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu foerdern
+bis zu meinem dereinstigen Ende!"
+
+"Fuer des Fuersten Wohl lasst mich nur sorgen! Und seines Thrones
+Sicherheit weiss Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schuetzen!"
+
+Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spoettisch sagte er: "In diesen
+Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe
+schaffen!"
+
+Ein diskretes Klopfen an der Thuere veranlasste die sofortige
+Unterbrechung des Gespraeches, die auf Geheiss Salomes eintretende
+Kammerfrau meldete das Nahen des Fuersten und zog sich dann diskret
+zurueck.
+
+Leise sprach Salome: "Wie will Graf Lamberg es nun halten?" und erhob
+sich von dem Sitze.
+
+Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: "Die gnaedige Gebieterin wolle
+verfuegen ueber mich!"
+
+"Gut denn, kommt des oefteren als Freund!"
+
+Der Eintritt Wolf Dietrichs ueberhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte
+noch ein Weilchen, dann reichte der Fuerst Salome den Arm und geleitete
+die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in
+welchem Hoeflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits
+harrten.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schluerfenden Schrittes,
+aengstlich besorgt, jeglichen Laerm zu vermeiden, in das Gemach, in
+welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den
+faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten,
+dass der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.
+
+Das vergraemte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich fuer einen Augenblick,
+doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher
+infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kraenkelte, dem
+Faktor zurief: "Lass ihn herein und hindere jegliche Stoerung!"
+
+In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen,
+ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte ueber Alts Gestalt,
+um rasch wieder zu verschwinden.
+
+Leise trat Peter Puchner ein und drueckte die Thuer sanft ins Schloss.
+
+"Ei, Freund Puchner! Nur nicht so aengstlich! So schlimm steht es noch
+nicht um mich, dass ein kleines Geraeusch mich schon von dannen bringen
+mag! Willkommen, Puchner!"
+
+"Gott zum Gruss, Freund Alt!"
+
+"Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf,
+zu schwach sind geworden die Fuesse! Der Alt ist alt geworden bass, ich
+kann's nicht laenger leugnen!"
+
+Puchner sass an der Bettlade und wehrte ab: "Sag' doch dergleichen nicht!
+Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem
+Sturm!"
+
+"Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die
+Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart
+oder hast ein Geschaeft im Aug'?"
+
+"Nicht von Geschaeft soll die Rede sein, wasmassen ja alles darnieder
+liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch
+noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und
+fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist
+nimmer allzufrueh, dass der Freund kommt fragen!"
+
+"Hab' Dank, Puchner! Es muss ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf
+die Fuesse, mit dem Saldo raeum' ich auf!"
+
+"Bist immer unversoehnlich noch, Freund Alt?"
+
+Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn hoehnisch aufgezogenen Lippen:
+"Unversoehnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die
+Ehr', mein Leben hat geschaendet und vergiftet! Rache will ich haben,
+Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!"
+
+"Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!"
+
+"Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Waerst du in meiner Lage,
+ich denk', Taubenblut floess' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf
+wuerd' sinnen auf Rache und Vergeltung!"
+
+Puchner seufzte und schwieg.
+
+"Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als
+Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug!--Was ist in der Landschaft
+wohl des Neuen verhandelt worden?"
+
+"Heut war Sitzung, die stuermisch arg verlaufen. Die Stifter wie die
+Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, dass zahlen sie
+sollen gleich dem Buergersmann."
+
+"Das will ich gerne glauben! Was der Fuerst bis jetzt gethan, dies
+Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!"
+
+"Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!"
+
+"Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spueren!"
+
+"Er spuert das, glaub' ich, laengst; doch versteht er's wahrlich, nicht
+uebergross werden zu lassen die Last der Sorgen.--Die Landschaft hat
+zugestimmt."
+
+"Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hiess, die Steuer sollte
+gelten 'fuer ewige Zeiten'? Hat solche Fussangel keiner gesehen, die
+Schlinge um den Hals nicht gefuehlt?"
+
+"Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an
+Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Hoeheres zu gewinnen sei,
+so man jetzund ist dem Fuersten zu Willen."
+
+"Mit dem Strick um den Hals kann man nicht Koenig werden!"
+
+"Das ist wohl richtig. Aber des Fuersten Freund, der Domherr Graf von
+Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuss!"
+
+"Trau einer diesem list'gen Fuchs!"
+
+"An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg liess uns
+wissen, dass die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlass
+der Handelssteuer um ein Dritteil."
+
+"Und das habt Ihr frischweg geglaubt?"
+
+"Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich."
+
+"O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsaeglich dumm!"
+
+"So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schoenen
+Zug erzaehlt man sich von ihm. Wird er erst aelter sein, gereifter, er
+wird noch gut und recht fuer unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich
+glaub' es selber!"
+
+"Puchner, mir bangt um dich!"
+
+"Aus dir spricht nur der Hass und Zorn. Hast ueberwunden einmal die
+bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fuersten, der Grosses
+will und Edelmann ist jeder Zoll."
+
+"So kann's nicht fehlen: Lobt der Buerger den Edelmann, hat der Adel das
+Recht, den Dummen die Haut ueber den Kopf zu ziehen."
+
+"Derweil will fuer dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den
+Fuersten! Bin ich recht berichtet, will erklaerlich mir erscheinen die
+Hast in den Mandaten."
+
+"Wie meint Freund Puchner?"
+
+"Der Fuerst ist schlecht bei Cassa!"
+
+"Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Haenden
+wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, presst der
+Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft
+findet das in schoenster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim
+Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler
+ist zwar erst jung im Amt und tuechtig, hat sein Geschaeft gut erlernt bei
+den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne ueber. Wenn der
+Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklaerlich jedes
+Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!"
+
+"Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht
+Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen.
+Was weisst du, wie zu Mute sein mag einem Fuersten ohne Mittel?!"
+
+"Dann haett' er sich nicht lassen sollen waehlen!"
+
+"Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn truebet dir den Sinn. Und zu
+streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich
+wuensch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemuet...."
+
+"Den find' ich auf Erden nimmer!--Hab' Dank fuer deinen Besuch, Puchner,
+und komm' bald wieder!"
+
+Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte;
+Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem
+Heimweg war Puchner dessen froh, dass er dem kranken, rachegluehenden
+Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzaehlte, was Alts Zustand
+jedenfalls noch staerker wuerde erregt haben, als es ohnedies schon der
+Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuss doch gefallen
+ueber die Prunksucht des geldgierigen Fuersten, ueber die Verschwendung,
+ueber das Leben Salomens am fuerstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches
+Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf
+Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe.
+Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter
+beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der
+hoefischen Verhaeltnisse haette! Und wie wuerde der gebrochene Mann mit
+Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, haette er erfahren,
+dass die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden
+Tuerkensteuer, sondern auch die Bezahlung fuer die naechstfolgenden Jahre
+bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen
+einigermassen ertraeglichen modus vivendi zu kommen.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiss waren die Fluren in
+weiter Thalung, der Fruehwinter zog ins stiftische Land. Daempften die
+wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stuerme, es
+ward auch ruhiger im Buergerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
+Landschaftsmitglieder den Buergern auseinandergesetzt worden, dass man nur
+der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
+Fuersten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
+Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
+Misswirtschaft, so hielten verstaendigere Leute entgegen, dass die
+Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fuersten zunaechst ein Auskommen zu
+finden, ansonsten es weit schlimmer werden muesste. Was jetzt gefordert
+werde, koenne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
+mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
+zufrieden gegeben. Dafuer muesse aber Ruhe werden. Maehlich wirkte solche
+Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schlaeferte das Leben ein.
+Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
+Prunktafeln oder sonstiges Schaugepraenge zu; Salzburg trug mit dem
+Schnee auf den Daechern eine gewaltige Schlafmuetze auf dem Kopf. Ein
+stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
+Kanzleien der Behoerden; lauter ward es in den Arbeitsstaetten der Wagner
+und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
+Wagenbereifung ja das ganze Jahr ueber nicht aus.
+
+Der Winter liess sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
+schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
+Schneeschicht rasch erhaertete, so dass die Kaerrner nach den Kufen griffen
+und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.
+
+Haar und Bart weissbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
+Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Strasse vom Pass Lueg
+ueber Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
+Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geraeusch. Vom Staufen her
+wirft die zur Rueste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbuendel zum
+Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
+Gaisberges wogt nebliger roetlichblauer Dunst, der sich rasch ueber die
+gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstuermchen der
+Salinenstadt erfuellt. Die Kaerrner wandern peitschenknallend durch die
+Daemmerung und fluchen ueber die Verspaetung, das langsame Vorwaertskommen
+durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglueht im
+letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinueber zum Goehl und den
+vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
+Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
+Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
+Nebelschleier stark verdichtet.
+
+Die Kaerrner wussten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
+die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
+Halbtages ein Trupp "Gartbrueder"[7], denen ein uebler Ruf vorauslief. Der
+Trupp, so hiess es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
+Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kaernten den gartierenden
+Knechten nichts verabreicht werden duerfte, ja weil ein Punkt der
+Verordnung ausdruecklich besagte, dass ein Gartbruder in Widerlichkeit
+totgeschlagen, der Thaeter aber nicht zur Strafe gezogen werden duerfe.
+Die Kaerntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
+diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
+Gartbruedern nichts anderes uebrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
+einen Besuch abzustatten und die "Ritterzehrung" vom Erzbischof zu
+erbitten. Mit solchem Gesindel im Ruecken wird jeder Fuhrmann eilig, und
+schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken moeglich halten sollte,
+erreichten die Kaerrner die schuetzende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
+noch voellig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anruecken der
+Gartbrueder durch die Stadt, ueberall Aufregung und Schrecken erzeugend.
+
+Im Keutschachhofe, der fuerstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
+den Thuerstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kaemmerern zu
+ueberbringen, auf dass der Landesherr verstaendigt werde.
+
+Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwaermten,
+behaglichen Raeumen Salomens, wo er nicht von Aussendingen behelligt
+werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
+reichgeschmueckte Gemach und liess Salomes Blondhaar in zauberhaftem
+Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, muede der Blick
+der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kraenklich, die fruehere
+Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der spruehende Witz ist verflogen, die
+nimmermueden Haende ruhen unthaetig im Schoss, die Perlenarbeit ist
+unvollendet geblieben.
+
+Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veraenderung nicht
+verborgen, von Sorge erfuellt trat er naeher und fragte in liebreichen,
+milden Worten, ob er den Medikus senden duerfe.
+
+Den lieblichen Blondkopf schuettelnd erwidere Salome: "Nein, mein
+gnaediger Fuerst und Herr! Ich danke Euch inniglich fuer sothane gnaedige
+Fuersorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht noetig!"
+
+Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
+Frauenbild an seiner Seite. "Salome, was ist dir?"
+
+Da neigte Salome das Koepfchen und fluesterte ergluehend dem geliebten
+Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.
+
+"Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
+danken!" rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und ueberdeckte
+Salomes zusammengefasste Haende mit heissen Kuessen. "Welches Glueck gewaehrt
+mir mein suesses, holdes Weib!" Ein Schatten flog ueber Salomes Antlitz,
+geisterhafte Blaesse machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
+bebenden Tones sprach Salome: "Glueck? Meinem gnaedigen Herrn mag es frohe
+Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!"
+
+"Sorgen, du--?" rief Wolf Dietrich und erhob sich. "Ich dachte, fern
+gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
+betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
+Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Huetten! Koeniginnen
+und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
+Weibes!"
+
+"Nicht das, geliebter Herr und Fuerst, erfuellt mein dankbar Frauenherz
+mit banger Sorge--der Blick in der Zukunft Tage ist trueb, will sich
+nicht klaeren--"
+
+"Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!"
+
+"Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
+Weg bis zur schweren Stunde!"
+
+Jetzt wusste Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
+flog ein Schatten des Unmutes ueber sein Antlitz, und ein Zucken lief
+durch seinen schmaechtigen Koerper. Hastig sprach der Fuerst: "Verzeih',
+Salome! Schon einmal musst' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
+wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt uebel sich zu diesem
+Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
+nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
+Nachahmung wuerde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom."
+
+Salome brach in Thraenen aus und schluchzte bitterlich.
+
+"Gebeut der Zaehren, mein holdes, suesses Weib! Mein fuerstlich Wort, ich
+geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
+vermag ich's nicht, die Zeit ist staerker als mein eigner Wille, und
+stoeren wuerde die Legitimitaet die Plaene Roms...."
+
+Salome blickte thraenenerfuellten Auges fragend auf.
+
+"Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, dass lohnen will Rom meine Dienste
+mit dem roten Hut--"
+
+"So wird Kardinal mein gnaediger Herr?" fragte zitternd die Favoritin.
+
+Wolf nickte. "Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
+doch liess er zugleich wissen mir, dass Bayerns Herzog feindlich sich
+stelle gegen meine Promotion."
+
+"Wer kann Feind sein meinem gnaedigen Herrn!"
+
+"Salome, meines Herzens Glueck und Wonne freilich nicht und das dank' ich
+dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
+wuehlt, seit gekuendigt ich aus guten Gruenden den Landsberger Bund. Schier
+fuercht' ich, es werden erwachsen stuermische Zeiten noch aus dieser
+Sache, fuer Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
+davon, in holder Damen Naehe sei verpoent die Politik. So viel nur sei
+gesagt und nur fuer deine Ohren: Bestrebt muss ich sein, Bauern zu
+gewinnen oder doch des Herzogs Neutralitaet erreichen in der Frage meines
+Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
+Fuerstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
+mir, bist Gattin mir und--"
+
+"--Mutter!" hauchte Salome, "Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
+sich nicht wird zu erfreuen haben!"
+
+"Nicht doch, Salome! Als Fuerst geb' ich dem Sproessling meinen Namen, mit
+Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
+so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoss!"
+
+Ueber Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heissbluetige
+Fuerst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
+ab, kuesste Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
+verliess das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
+zurueckblieb.
+
+Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
+war, erhielt der Fuerst nun die Meldung, dass ein Haufen Landsknechte,
+Gartbrueder von der ungarischen Grenze und aus Kaernten verwiesen, vor den
+Thoren stuenden und vom gnaedigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
+moechten.
+
+Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fuersten, der durchaus
+nicht etwa besorgt, im Gegenteil amuesiert rief: "Ha, Landsknechte! Das
+bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
+Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und laengst schon wartet des Kaisers
+Majestaet auf Salzburgs Tuerkenfaehndlein!"
+
+Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und fuer
+deren Unterkunft auf Kosten des Fuersten zu sorgen.
+
+So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spaet
+abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
+Landsknechtart der charakteristische Ruf: "Huet' dich, Bauer, ich komm'!"
+
+Es nuetzte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, dass die Buerger ihre
+Haeuser aengstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
+fuerstlichen Befehl musste vollzogen werden, doch brachte man den groessten
+Teil der Soldateska in bischoeflichen Gebaeulichkeiten unter, und so
+namentlich die Weiber, Maegde, Buben, Marketender und Haendler, die wie
+immer den Beschluss des letzten Haufens bildeten.
+
+Die Noblesse des Fuersten, fuer die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
+von den Landsknechten fuers erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
+Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
+den kriegerischen Bischof als ihren "Patron". Die Kunde von solch' guter
+Aufnahme in Salzburg und der fuerstlichen Munificenz lief aber rasch
+hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, dass noch mehr
+versorgungslustige Landsknechte zustroemten, mit ihnen Abenteurer aller
+Art in Haufen, die alle der noblen "Ritterzehrung" teilhaft werden
+wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Uebelthaten zum
+Klagen brachten.
+
+Beschwerden ueber Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
+Fuersten, der schliesslich gebot, es solle Gericht gehalten und der aergste
+Uebelthaeter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
+Landsknechtbrauch.
+
+Das gab denn eine Augenweide fuer die Salzburger, welche manchen
+erlittenen Schaden aufwog. Das "Recht der langen Spiesse" sollte in
+Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
+schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
+geschlagen hatte.
+
+An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
+von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoss, umgeben von
+fuerstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
+Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
+war.
+
+Feierlich erklang die Ansprache des gefuerchteten Profossen. "Guten
+Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
+Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfaenglich
+geschworen haben, gut Regiment zu fuehren, dem Armen wie dem Reichen, dem
+Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
+liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
+solches Uebel zu strafen, dass wir es verantworten koennen bei dem gnaedigen
+Fuersten!"
+
+Kreideweiss ward des Delinquenten Gesicht.
+
+Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: "Ihr habet des Profossen Wort
+verstanden; welchem es lieb ist, dass wir demselben nachkommen, der hebe
+seine Hand auf!"
+
+Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Haende
+auf.
+
+Der Profoss erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
+Missbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
+Schlaegerei veruebet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
+gemacht habe und auf fuerstlichen Befehl gepoent werden muesse. Auf
+bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spiesse.
+
+Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten koenne,
+brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkaelte der Angstschweiss von
+der Stirne lief, kein Wort hervor.
+
+Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
+ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
+Schluss um Gnade.
+
+Die zwei anwesenden Faehnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
+dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
+laut: "Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profossen schwere
+Klage wohl vernommen, darauf wir unser Faehnlein zuthun, und es in das
+Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis ueber solche
+Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
+Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
+jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Faehnlein
+wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Faehnrichen
+zusteht."
+
+In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fuehlte niemand den
+beissenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Buerger
+weissbekrustete.
+
+"Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu faellen das Urteil!" rief
+der Feldwebel.
+
+Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklaerte aber, des Urteils allein
+sich nicht gewachsen zu fuehlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
+Knechte zur Beratung beizugeben.
+
+"Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!" verkuendete der Weibel und
+bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
+Besprechung untereinander pflogen.
+
+Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurueck, worauf nochmals
+einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.
+
+Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig haetten.
+Auf ihr schallendes "Ja!" wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
+geschlossenen Ring und verkuendete den Beschluss der zweiundachtzig Mann,
+der auf "schuldig" lautete. "Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
+"Schuldig" zu bestaetigen?" fragte er mit droehnender Stimme die
+Soldateska, "so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Faehnrich, die rechte
+Hand!"
+
+Vielhundertfach flogen die Haende auf, die Schar schien ernstlichen
+Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fuerst und Volk wieder
+zu einigem Ansehen zu gelangen.
+
+Der Weibel verkuendete: "Das Regiment hat gesprochen, der Uebelthaeter ist
+schuldig. Man fuehre ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
+Faehnrich nach Brauch!"
+
+Das geschah in der Weise, dass einer der Faehnriche sich bedankte fuer die
+Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Faehnriche die
+Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.
+
+Der Profoss uebernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
+und liess eine Gasse bilden, deren eine Oeffnung die Faehnriche mit nach
+innen gefaellter Fahne verschlossen.
+
+Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
+Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
+gebracht; die Knechte senkten ihre Spiesse, so dass die Gasse ein
+eisenstarrender Engpass wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
+der den sicheren Tod bringen muss.
+
+"Hierher mit dem 'armen Mann'!" befahl der Profoss, der nun den
+Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
+des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
+und dann der Soldateska verkuendete, dass der Knecht, welcher den
+Verurteilten ausbrechen liesse, gleichfalls ins Eisen laufen muesse.
+
+Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoss: "Nun auf! Lauf flink und
+fest ins Eisen, dann bist schneller erloeset! Marsch!"
+
+Ein Zoegern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spiesse,
+ein Stoss von der Faust des unerbittlichen Profossen, dann sprang der
+Aermste los und rannte in die spitzen Eisen, dass es aus der Brust rot
+aufging. Ein Schrei--ein Roecheln--der Sterbende liegt im Schnee, ein
+Halbdutzend Spiesse stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
+Leben entflohen ist.
+
+"Die Spiesse auf! Zum Gebet!" befahl der Weibel.
+
+Die Soldateska kniete nieder und betete fuer die Seele des Vermiedenen.
+Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Buergerschaft mit, von
+tiefstem Mitleid fuer den Gerichteten ergriffen.
+
+Wieder ertoente ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
+Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschuetzen dreimal ihre Buechsen
+abschossen.
+
+Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Streng ward der Winter, der fruehzeitig mit Kaelte begonnen hatte. Die
+Folgen des Misswachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fuehlen,
+es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen ueberliefen die
+Ratsherren, bestuermten den Buergermeister, auf dass dieser Hilfe schaffe.
+Ludwig Alt hatte ein Herz fuer die Notleidenden, er gab willig aus
+eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,
+sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus
+der Stadtkasse konnte der Kalamitaet in keiner Weise begegnet werden. So
+musste von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe
+anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung
+ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite
+debattiert, wobei an verschiedenen Massnahmen des Fuersten bitterboese
+Kritik geuebt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, dass die Verabreichung der
+Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die
+eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit
+leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schaedigung des Handels
+durch die ruecksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den
+Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn
+voellig auspressen liessen. Vergeblich wehrte der Buergermeister solchen
+scharfen Worten durch die Glocke, die Redner liessen sich nicht beirren,
+auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr
+aufmerksam machte, die entstaende, wenn der Fuerst von solchen boesen
+Worten Kenntnis erlange. Buerger, die nicht stimmberechtigt in der
+Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, dass der Ausschuss stets Ja
+und Amen zu den unertraeglichen Steuermandaten sage und sogar mehr
+bewillige, als der Fuerst gefordert, wie das bei der Tuerkensteuer der
+Fall gewesen sei. Bei einem so ueberaus klugen, scharfsehenden Herrn
+muesse die Ueberzeugung kommen, dass die Buergerschaft noch mehr geschroepft
+werden koenne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine
+neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.
+
+Schwitzend vor Angst rief der Buergermeister dem Redner ein "Haltet ein!"
+zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und fuehrte aus, dass es hoechste
+Zeit sei, dem Fuersten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle
+der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das
+aus eigenem Saeckel bestreiten.
+
+Stundenlang waehrte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschoepfte
+und der Buergermeister die Sitzung schliessen konnte, die nach der
+praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt
+ueberlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf
+Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer staedtischen
+Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fuerst
+moeglicherweise von den abfaelligen Reden Kenntnis haben oder aus
+unvorsichtigen Bemerkungen mutmassen koennte, dass scharfe Kritik im
+Stadthause geuebt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene
+Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich
+hinterdrein selbst die bittersten Vorwuerfe ueber die seinerzeitige
+Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen
+war, dass der in Steuerangelegenheiten so ueberaus findige Landesherr auch
+auf die Weinbelastung gekommen waere. Nach den gefaehrlich scharfen Reden
+einzelner Ratsherren dem Fuersten persoenlich die Bitte um Hilfe aus
+Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Buergermeister nicht; zwei
+seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube sassen,
+sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, dass der schriftliche Weg
+sicherer und weniger gefaehrlich sei. Und so liess denn der Buergermeister
+eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus saeuberlich
+schreiben, die dann mit den noetigen Unterschriften versehen und an den
+Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.
+
+Grosse Erwartungen hegte der Buergermeister nicht, so sehr er fuer die
+Armen baldige Hilfe wuenschte. Zum grossen Erstaunen Ludwig Alts erschien
+schon am naechsten Tage ein Beamter im fuerstlichen Auftrage und
+vermeldete dem Stadtoberhaupt, dass der Landesherr mit Betruebnis von der
+Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die
+vom Buergermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus
+der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestuende
+sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermassen ueber Geldmittel verfuegen
+koennen, so sollten diese Sippen Korn zu ermaessigtem Preise erhalten. Der
+Beamte fuegte dem bei: "Hochfuerstliche Gnaden versehen sich bei diesem
+Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,
+dass das Herz des Landesherrn allzeit schlage fuer die Unterthanen."
+
+Der Buergermeister in massloser Ueberraschung empfand das missliche
+Schlingen und Wuergen im Hals, das ihm schon einigemal so ueberaus fatal
+geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt
+sprechen sollte. Jetzt heisst es den tiefgefuehlten Dank der Stadt in
+passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schoen in einer
+Ueberraschung, die jeglichen Gedanken laehmt! Ludwig Alt aechzte, er
+kaempfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es ueber die zuckenden
+Lippen: "Die unterthaenige Stadt dankt Seiner Hochfuerstlichen Gnaden, sie
+haett' es nicht geglaubt...."
+
+"Wie meint der Herr Buergermeister?" fragte erstaunt der Beamte.
+
+"Ich haett's nicht geglaubt!"
+
+"Was?"
+
+"Die Hilf' vom gnaedigen Fuersten, nein, will sagen, ich glaub's
+eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich...."
+
+Die Augen des fuerstlichen Beamten wurden immer groesser.
+
+"Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Ueberraschung die Gab' der Rede!
+Auf die boesen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben...."
+stammelte in hoechster Verwirrung der Buergermeister.
+
+"Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,
+deutlicher zu werden, auf dass Bericht ich kann erstatten dem gnaedigsten
+Herrn!"
+
+"Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr--den
+schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und
+derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen
+die Verteilung! Nicht laenger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank
+dem gnaedigen Fuersten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und
+Mitgefuehl fuer die notleidende Menschheit!"
+
+"Das haben Hochfuerstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,
+daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!"
+
+"Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die
+Gab' der Rede nicht beschieden!"
+
+Der fuerstliche Hofbeamte schuettelte verwundert den Kopf und erklaerte
+sich bereit, die Kornkammer oeffnen zu lassen.
+
+Der Vereinfachung halber liess der Buergermeister ausschellen, dass binnen
+einer Stunde die Armen der Stadt an der fuerstlichen Kornkammer
+erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.
+
+Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Buetten,
+Tonnen, was eben den Leuten in die Haende kam, ward ausgezogen, im
+Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestuem draengte die Menge,
+wobei es Pueffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und
+Faeusten der armen Leute Bekanntschaft machten.
+
+Der Akt solcher Wohlthaetigkeit brachte einen voelligen Umschwung in der
+Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur
+die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kuehl
+gegenueber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen
+von den Armen.
+
+Ludwig Alt konnte es nun wagen, persoenlich in der Residenz zur
+Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde
+gleich vorgelassen.
+
+Mit gewinnender Liebenswuerdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf
+Dietrich dem Buergermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale
+entgegen und begruesste ihn mit herzlichen Worten.
+
+Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Wuergen im Halse, doch energisch
+raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und
+ohne Stottern: "Hochfuerstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,
+ich komme nicht...!"
+
+"Wie meint der Buergermeister?"
+
+"Meinen thaet' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!
+Mein Gott, der Unterschied ist halt zu gross: Da der gnaedigste Herr und
+Fuerst, der hochwuerdigste Erzbischof und ich, der einfache Buerger und
+Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthaenigsten Dank der Armen
+fuer die gnaedige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedraengnis!"
+
+"Recht so, mein lieber Buergermeister! Es ist ganz gut, so er des
+Unterschiedes sich bewusst bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.
+Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Beduerfnis, in
+solcher Not zu helfen nach Kraeften. Ich danke Ihm fuer seine Meldung, in
+der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich
+der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fuersten haben.
+Zur rechten Zeit solche Meldung ueber Vorgaenge lob' ich; nur will ich
+nicht ueberlaufen werden!"
+
+"Ganz richtig! Draeng' dich nicht an deinen Fuerst', so du nicht gerufen
+wirst!" plapperte Alt heraus.
+
+Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der
+Fuerst: "Lass Er solch' Gerede! Dafuer sage Er mir, wer ist nach seiner
+Meinung schuld an bemeldter Teuerung?"
+
+"Allweil der Misswachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die
+Baecker, die immer hoeher hinauffahren mit den Preisen!"
+
+"Fuer den Misswachs koennen wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher
+hoff' ich noch zu stuerzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir
+erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Baecker aber werd' ich Mores
+lehren."
+
+"Hochfuerstliche Gnaden! Das koennt' nicht schaden, wird aber die Baecker
+rebellisch machen!"
+
+"Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den
+Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten
+Verkaufsordnung fuer die Baecker, und darnach Entschliessung erlassen."
+
+Im Buergermeister daemmerte eine Ahnung auf, dass eine solche Massregel das
+Uebel nur verschlimmern muesse, weil ganz unzeitgemaess. Ludwig Alt fand
+ploetzlich die Gewalt ueber Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem
+Gebieter klar auseinander, dass Wiederaufrichtung einer veralteten
+Ordnung nicht nur bei den Baeckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen
+hervorrufen muesse. Es liege im Zug der Zeit, dass alle Lebensmittel
+teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus frueherer Zeit nicht
+erzwingen ohne Gewichtsverringerung.
+
+"Ich werde solche Verringerung bestrafen!"
+
+"Dann wandern uns auch noch die Baecker aus!"
+
+Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den
+letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. "Genug
+davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruss den
+Unterthanen!"
+
+Damit war der Buergermeister entlassen.
+
+Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher
+einige Hofraete und der in Steuerangelegenheiten massgebende Dr. Lueger
+befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch
+der Kapitular weilte auswaerts.
+
+Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da
+niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fuersten zu widersprechen. Wolf
+Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und
+fahrenden Habe fuer jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner
+ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung
+vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhaengnisvoll ward der Vortrag Dr.
+Luegers ueber die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,
+welche die Ritterzehrung verursache.
+
+Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehoert und blieb eine
+Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkuendete er den Raeten, dass
+eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert
+Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
+
+Fr. Lueger wagte einzuwenden, dass in dieser Zeit der Teuerung die
+Einhebung auf Schwierigkeiten stossen werde; ueber die Ungeheuerlichkeit,
+neben der Tuerkensteuer, welche von je hundert Gulden jaehrlich sechs
+Schillinge nimmt, und all' den neueingefuehrten Steuern der letzten zwei
+Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der
+Finanzgewaltige im Rate nicht aus.
+
+Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:
+"Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf
+Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein
+Vermoegen anzugeben. Wer luegt, soll die ganze Schwere der Strafe
+empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!"
+
+Dr. Lueger guckte ueberrascht, verbeugte sich und murmelte: "Euer
+Hochfuerstliche Gnaden Befehl soll puenktlich befolget werden!"
+
+Nach Schluss dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei
+war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein
+dumpfes Gefuehl, dass die Augsburger Art einer Steuereinhebung im
+salzburgischen Lande kaum sich glatt durchfuehren lassen werde. Lueger
+wusste wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, dass diese
+Art nach Augsburger Muster auch fuer Tirol geplant sei, ebenso gut wusste
+er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen
+bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwuerfe,
+den Fuersten nicht auf die thatsaechlich bestehende Schwaechung der
+Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,
+dass zum mindesten mit der Ausfuehrung des fuerstlichen Befehles etwas
+gewartet werden muesse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das
+gefaehrliche Aktenstueck zur Seite, hoffend auf eine Ruecksprache mit dem
+einflussreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen koennte,
+eine Sinnesaenderung beim Fuersten herbeizufuehren.
+
+Allein schon die naechsten Tage brachten andere Verhaeltnisse. Der
+fuerstliche Kastner musste erklaeren, dass die Neuforderungen fuer
+Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt
+werden koennten, ja dass der Fuerst ihn habe wissen lassen, es muesse
+Geld in groesserer Menge bereit gehalten werden fuer wuerdigen Empfang
+einiger zu Besuch angesagten Herren, und ausserdem sei des Fuersten
+Almosenschatulle[9], beinahe leer.
+
+Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die
+Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,
+Steuerrestanten ueberall, die Steuerkraft geschwaecht, und eine neue
+Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon
+graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am naechsten
+Tage liess der Fuerst wissen, dass seine Armen ihr Almosen unter allen
+Umstaenden bekommen muessten, also Dr. Lueger Geld beschaffen muesse. Das
+"Wie" sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder
+Finanzkuenstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes
+an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rueckkehr zu
+warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fuersten
+eingeholt.
+
+Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevoelkerung in
+hoechst aufregender Weise. Zuerst waren es die Staedter, die
+remonstrierten, den Eid zur Vermoegensangabe nicht leisten wollten. Die
+Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.
+
+Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermoegensangaben vorliegen hatte, fand
+er schon bei fluechtiger Durchsicht, dass die ihm nach Geschaeft und
+Vermoegen einigermassen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also
+faelschlich angegeben hatten. Wenn solche Faelschungen in der
+Residenzstadt schon vorkommen, wie muss es da erst im Lande draussen
+werden!
+
+Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide
+gingen nun gemaess dem fuerstlichen Befehl mit aller Strenge an die
+Durchfuehrung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.
+
+Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermoegens
+als Strafe fuer die veruebte Falschmeldung verhaengt und weggenommen, was
+an Bargeld vorgefunden ward. Um Laerm und Protest kuemmerte sich die
+Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld
+wanderte in die fuerstlichen Kassen, das war zunaechst die Hauptsache.
+
+Lueger befand sich im schoensten Fahrwasser und griff auch alsbald in die
+Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der
+wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch uebrig
+gelassen hatte, bestand darin, dass die Adeligen allein die
+Verlassenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darueber zu
+verfuegen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des
+Fuersten hinweg, was natuerlich den Adel erbittern musste. Die Hofkammer
+schickte dann die schaerfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land
+hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im
+Steuerzahlen immer etwas saeumig und in Bezug auf Religion mehr auf der
+lutherischen Seite war.
+
+Der erste eingelaufene Bericht liess erkennen, dass Faelschungen in den
+Vermoegensangaben in groesserem Umfange vorgekommen sein mussten, der
+Pfleger hatte dazugeschrieben, dass man amtlicherseits mit den Bergbauern
+nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun wuerde, wenn sie
+die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger
+hierueber Meldung beim Fuersten und sprach den Verdacht aus, dass die
+Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Faelschungen sein duerften. Das
+heisse Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf
+Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen
+und mit ruecksichtsloser Schaerfe gegen die Betrueger vorzugehen.
+
+Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die
+Verantwortung, Lueger und Riz koennen schalten und walten nach Gutduenken,
+die Schuld faellt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise uebel
+ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.
+
+ * * * * *
+
+Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschoenen Kapruner
+Tauernthales beherrscht und einen entzueckenden Blick auf die Fluren und
+Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell
+auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie
+betruebt. Der seit reichlich dreissig Jahren den salzburgischen
+Landesfuersten und Erzbischoefen dienende Beamte genoss bei der Bevoelkerung
+der Bergwelt des Pinzgaues grosses Vertrauen, und auch zu Salzburg wussten
+hoehere fuerstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schaetzen. Bei Hof
+kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller
+Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in
+dringlichen Amtsgeschaeften nach Salzburg musste, so ward der Dienst immer
+schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der wuerdige
+Greis fuehlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er
+war zu sehr an die Bergwelt gewoehnt und nahm willig alle Entbehrungen
+hin, die ein staendiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und
+Kinder haetten wohl manchmal Luft verspuert, all' die maerchenhaft
+gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt
+dergleichen Ausfluege nicht und erklaerte, dass ein Humpen guten Weines
+viel schoener und zutraeglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne
+ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht
+Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in
+Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thaeler zu Einoedbauern
+brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuss, und solche Entbehrung
+that dem alten Pfleger weher denn etwa die koerperlichen Strapazen.
+
+Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf
+seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten
+Gemaeuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun
+hinueber, und beim Anblick einer groesseren Menge von Bergbauern fluesterte
+Vogel: "Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die
+Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!"
+
+Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfuellen, ritt der greise
+Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag
+abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen musste bemerkt worden sein,
+denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich
+schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter
+erreichten.
+
+Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: "Nur Zeit lassen, Maenner! Alles
+hat seine Zeit! Lasst mich nur mein Ross versorgen, und mir goennt einen
+Schluck vorher!"
+
+Ein staemmiger aelterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut
+ab und erwiderte: "Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut
+not!"
+
+"Wirst es wohl erwarten koennen, Rieder!" gab Vogel zur Antwort und stieg
+flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein
+Knecht vom Schlosse kam hinzu und fuehrte den Braunen in den Stall.
+
+Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu laermen, aber ihre
+Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz
+richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen
+Vorgehen der fuerstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer
+ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgeruettelte Leute in Angst und
+schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht
+ueber das Herz, lieber verzichtet er auf den staerkenden Trunk und nimmt
+das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Raedelsfuehrer gewendet, sprach der
+Pfleger: "Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof
+hoeren!"
+
+Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf
+standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: "Mit Verlaub! Es
+ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen
+ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die
+Abgaben erhoeht). So viel wert ist kein Gehoeft und kein Grund, wir muessen
+verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer koennen wir nicht
+erschwingen!"
+
+"So ist es!" riefen die erregten Bauern.
+
+Und Rieder sprach in grosser Beweglichkeit weiter: "Wir muessen
+supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten
+Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muss nun helfen,
+sonst ist's g'fehlt!"
+
+Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau
+erkannte, und langsam sprach er: "Wegen dem Supplizieren kann ich Euch
+nichts sagen. Schon zu Zell sind die Buergermeister von den Landgemeinden
+bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja
+ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.
+Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun."
+
+Rieder unterbrach den Beamten: "Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum
+Fuersten!"
+
+Vogel erwiderte in seiner bedaechtigen Art: "Uebereilt nichts! Der Herr
+Riz wird demnaechst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,
+und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.
+Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befuerchtet!"
+
+Erregt schrie Rieder: "Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!
+Kommt der Riz und faengt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind
+verloren! Soweit duerfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es
+kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht
+in unser Gericht!"
+
+Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: "Leut', seid gescheit! Die Sach'
+ist gefaehrlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!
+Gerichtet wird ueberall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller
+Gericht keine Ausnahm' gemacht werden koennen!"
+
+"Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns
+selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns
+supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann
+merken!"
+
+Nochmals mahnte Vogel: "Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht
+dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,
+wird die Supplikation fuer Rebellion angesehen, Ihr fuer rebellisch
+gehalten werden!"
+
+"Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,
+den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der
+Steuerteufel nicht verkuemmern!"
+
+In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu ueberlegen: "So reicht das
+Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fuerst vertraegt kein ander Wort!"
+
+Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf dass er ihnen ein solches
+Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, dass noch
+andere Gerichte sich zum Anschluss an die Zeller Bittschrift bereit
+erklaert haetten.
+
+Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung
+der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr
+sehr wohl kannte und wusste, wie schlimm die kleinste Weigerung, der
+leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden
+pflegte. In seiner Bestuerzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: "Ich
+will Euch wohl helfen, Ihr duerft aber nichts sagen, dass ich euch zur
+demuetigen Supplikation geraten!"
+
+Aus der Menge groehlte ein besonders Unzufriedener: "Selle Demut nutzt
+uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission
+durchs Landl aussi, sie vergisst aftn (hernach) schon das Wiederkommen!"
+
+Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft
+akklamierten und bruellten: "Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!"
+
+Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen
+und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,
+die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdaechtigten der Mitschuld an
+der Bauernvernichtung und des Einverstaendnisses mit der
+Steuerkommission.
+
+Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benuetzte
+Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: "Habt Ihr das
+Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vaetern schon Freund und
+Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und
+steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger
+muss ich Ordnung schaffen und halten, der Fuerst und Erzbischof ist mein
+Herr, seiner Regierung Befehle muss ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu
+dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern
+gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht
+widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fuerst hat befohlen, er ist
+unser Herr!"
+
+Rieder schrie dazwischen: "Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein
+geldgieriger Verschwender ist er, der Woelfen Dieter! Derweil er mit
+Weibern das Geld verjubelt, muessen wir verhungern!"
+
+"Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!" groehlten die Rabiaten.
+
+In tiefster Betruebnis liess Vogel das weisshaarige Haupt sinken; steht es
+so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem
+Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis
+erhaelt.
+
+Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, groehlend schritten sie
+durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen
+Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben
+koenne.
+
+Wehmuetig sprach Vogel: "Das nuetzt nun alles nichts mehr! Der Stein ist
+im Rollen, das Unglueck nimmt seinen Lauf!"
+
+"So steht Ihr um in der Stunde der groessten Gefahr? Das sollt Ihr buessen,
+Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr muesst mit! Aber erst sollen die Teufeln
+Pinzgauer Faeuste kennen lernen!"
+
+Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und
+fluchend.
+
+Aechzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloss und nahm in dem Gemach,
+das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.
+
+Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefaehrlichen Zeit
+zu thun sei. Dass der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung
+vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden muesse,
+erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefaehrlich,
+weil moeglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen koennten,
+gewissermassen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von
+den Rebellen aufgefangen werden koennte, was dem Pfleger wie dem Boten
+das Leben kosten kann.
+
+Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluss,
+das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmasslich in
+Tagesrittnaehe sein duerfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel
+nahm schnell einen Schluck Weines und liess den Braunen satteln. Von
+einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die
+Bauern hoeren ja nicht mehr auf die Behoerde, jegliche Autoritaet ist
+vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.
+
+In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill
+zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwaerts und erreichte
+diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in
+Mittersill. Am scheuen, misstrauischen Verhalten konnte der greise Beamte
+erkennen, dass der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen
+hat.
+
+Vogel uebernachtete im Schloss zu Mittersill und ritt am naechsten
+Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner groessten
+Ueberraschung fuerstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
+Kaiser vorfand.
+
+Kaum aus dem Sattel gestiegen, kuendigte der herbeigeholte Offizier dem
+Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach
+gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die
+Mitteilung, dass die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern
+rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fuersten verlangt habe. An
+150 Mann Landsknechte und bewehrte Buerger seien unter Fuehrung des
+Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmaerschen ueber Werfen in den Pinzgau
+gerueckt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller
+Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloss Kaprun
+erfahren. Weitere Auskunft wusste der Offizier nicht zu geben, auch nicht
+zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft
+dauern werde.
+
+Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der
+Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Haenden der Soldateska
+erfuellte ihn mit Angst.
+
+In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
+Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.
+
+Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fuersten den Befehl zur
+ruecksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der
+Soldatenfuehrer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte
+begannen eine Menschenjagd und fingen die fluechtigen Bauern gleich
+Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte maennliche
+Bevoelkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle
+Maenner, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und
+von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald
+von Spiessen im Kreise zur Unmoeglichkeit. Der Obrist zu Ross hielt an die
+eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr
+schaendlich Verhalten vor und kuendigte schwere Strafe an Leib und Leben
+an, so die Leute nicht allsogleich dem gnaedigen Fuersten Treu und Glauben
+schwoeren und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens
+abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche
+Wehr und Waffen abzuliefern, wasmassen schon der Besitz von Waffen mit
+fuenfzig Gulden pro Kopf gepoent werde. Wer im Geheimb offenbare, dass ein
+anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von
+achtzig Gulden versprochen sein.
+
+In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann fuer
+Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung
+erfolgte unter solchem militaerischen Zwang, worauf der Obrist befahl,
+die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden
+und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.
+
+Schreie der Angst, der Wut ertoenten; Weiber, Muetter und Toechter
+zeterten. Ruecksichtslos trieben die Spiessknechte das Volk von dannen.
+
+Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der
+Strasse ueber Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.
+
+Wer von Salzburgs Bevoelkerung diese kriegsmaessige Exkursion mitgemacht,
+hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die
+Waffen mussten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fuerstliche Zeughaus
+abgeliefert werden.
+
+Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der
+groesste Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Raedelsfuehrer blieben
+fuer lange Zeit im Gefaengnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod
+durch das Schwert.
+
+Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf
+Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemaess liess der Leutnant
+seinen Haeftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab
+und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise
+Ueberfuehrung Vogels durch den Profossen und zwei Schuetzen in die Festung
+Hohensalzburg.
+
+Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in
+einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermassen:
+
+ "Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.
+ Juli ist besonderes nichts vorgekommen.
+
+ Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebuerg
+ Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse
+ ankommen.
+
+ Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt
+ worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer
+ zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer
+ geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.
+
+ Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, dass ich von zu hause fort bin,
+ darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe ausser des letzten alle
+ Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1
+ Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Mass Wein,
+ 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Mass Wein, 23. detto 1 Mass Wein, ist die
+ Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli
+ 1 Mass Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfuerstl. Gnaden durch
+ die Herren Commissarii mir anzeigt worden, dass Ihr hochfuerstl. Gnaden
+ genuegsamen Bericht habe, dass ich nicht allein der Unterthanen
+ Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen
+ zum Suppliciren selbst gerathen: Sie muessten nur mehr Gerichte an sich
+ ziehen, sonst wuerde es kein Ansehen haben. Ihre hochfuerstl. Gnaden
+ haetten Ursach auf voriges Verlaeugnen der Schaerfe nach zu verfahren.
+ Und dann Gott behuethe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen
+ aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles
+ verloffen und was mir dieser Sachen halber bewusst sei, selbst
+ beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissaeren
+ zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich
+ Ihr hochfuerstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloss sitzen lassen
+ und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die
+ Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, dass ich Ihnen
+ gerathen, da ich nichts gestehen wuerde. Also ist Ihrer hochfuerstl.
+ Gnaden Bericht.
+
+ Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Mass Wein, Sonntag
+ 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum
+ Ende.
+
+ Mittwoch 9. August l Mass. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine
+ Schrift ueberschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste
+ nichts gehoert, in meinem Zimmer ungestuem gewesen, hat einen
+ ungewoehnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.
+
+ Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.
+
+ Freitag 1 Mass. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr
+ hochfuerstl. Gnaden Zimmer Bethschnuere[12] heruntergeschickt, welche
+ ich Ihnen den 12. dieses wieder zurueckstellen lassen.
+
+ Freitag 18. dieses 1 Mass, fast betruebt. Mein Pathe, der Jacob Riedl
+ schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.
+
+ Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz
+ im Zimmer gehabt, ausblieben.
+
+ Freitag 1 Mass Muskateller und gute Vertroestung baldiger Erledigung.
+ Gott schicke es, dass mit Glueck erfolge.
+
+ Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder
+ ausgeblieben.
+
+ Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.
+
+ Kann mich nicht erinnern, dass ich die Unterthanen zum Suppliciren
+ angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen
+ meiner Urbargueter gethan haben sollen.
+
+ 22 September 1 Mass Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betruebniss.
+ Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir
+ bald mit Glueck wieder daraus.
+
+ (Es folgen Tag fuer Tag Notizen ueber erhaltenen Wein und Branntwein.)
+
+ Donnerstag 12. October 1 Mass Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.
+
+ Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Mass, diese beiden Tage bei der
+ Strenge examinirt, habe bekannt, dass ich nicht allein der Unterthanen
+ Suppliciren laengst zeitlich gewusst, dessen durch den Carl Rieder,
+ Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen
+ darzu gerathen und dass sie andere Gericht, damit sie nicht fuer
+ Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem
+ Krug Meth, als 1 Mass Wein. Mehr ein Mass Muskateller. Eodem die habe
+ ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,
+ unterschrieben.
+
+ Donnerstag den 26. dieses 1/2 Maessl Branntwein, sonst keinen Wein.
+ Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich
+ hatte ohngefehr fuenfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und
+ Urbarsbeschreibung examinirt worden.
+
+ Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen
+ und diesen Tag hat man mich in ein Stuebel im Pfaffenthurm gethan, Gott
+ verleihe bald glueckselige Erledigung.
+
+ Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den
+
+ Herren Commissaeren gewesen und was ich den 22. und 24. October
+ ausgesagt, unterschrieben.
+
+ Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoss im Zimmer
+ gelegen.
+
+ Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwuerdige Sacrament
+ empfangen."
+
+Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut
+gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des
+Hosprofossen und dessen Naechtigung im gleichen Zimmer erfasste, geht aus
+den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschuetternder Weise
+hervor.
+
+ "Herr Ehinger.
+
+ Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleissig
+ zahlen, man ist euch viel fuer mich schuldig und danke auch Gott aller
+ Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch
+ gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich
+ Urlaub."
+
+ "Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer
+ Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich
+ treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte
+ ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch dass ihr euch
+ die Holzwerkssachen und von dannen herruehrenden Rechnungen zu meiner
+ Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes
+ Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muss
+ sterben, ich muss mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnaediges
+ und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am juengsten
+ Tage mit allen christglaeubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung
+ zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen."
+
+ "Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer
+ Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist
+ ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiss, ob ich recht oder unrecht
+ um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager
+ Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern
+ Abends, jeden absonderlich, dass wir morgen frueh mit dem Schwert ohne
+ sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniss
+ hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns
+ Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behuethe Gott
+ meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier
+ 40jaehrigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei
+ es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich
+ guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder
+ Unredliches nachreden koennen, wollet mich defendiren, noch einmal
+ durch Gottes Willen bittend fuer mein liebes Weib und Kinder werdet die
+ Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich
+ 19 Wochen in grossen Banden und Bekuemmerniss gefangen gewesen und 2 Uhr
+ Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer
+ Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich
+ Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, dass mir dieselben verzeihen,
+ ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode."
+
+Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in
+aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Gestaendnis, den Bauern
+eine demuetige Bittschrift um Steuernachlass angeraten zu haben, ward von
+den Kommissaeren schon als crimen angesehen, das sich todeswuerdig erwies,
+da erhaertet wurde, dass der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das
+Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfuersten
+supplizieren.
+
+Dieses auf so schwachen Fuessen stehende Urteil fand die landesherrliche
+Bestaetigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein
+gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die
+Gemueter fuer immer im Bann halten solle.
+
+Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entruestung und Wut hervor,
+zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fuersten, es ward im ganzen
+Lande still.
+
+Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkuer
+einschaetzen; die Furcht vor blutiger Strafe schuechterte gruendlich ein.
+Wie von der Hofkammer eingeschaetzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt
+die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: "Man hat auch keinem
+nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, dass er aermer
+sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in
+der Steuerzeit anzeigen muessen, hat er anders gewollt, dass seine
+Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat
+nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das
+allerschlechteste und geringste geschaetzt und in einen Anschlag und
+Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat."
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von Hohen-Salzburg donnerten die grossen "Stuecke" und ihr maechtig Krachen
+brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Buerger eilten durch
+die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur
+Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine grosse Erregung
+lief durch das staedtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des
+Geschuetzspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten
+den Weg zum Keutschachhof genommen und bestuermten Trabanten und
+Thuersteher mit Fragen, worauf ein maechtig langer Spiesstraeger stolz
+verkuendete, dass Seiner Hochfuerstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden
+sei, das erste Kind!
+
+Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der
+Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das
+unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller
+Lungenkraft.
+
+Wirr genug schwirrten die Ausdruecke hoechster Ueberraschung
+durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Buerger ward
+Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da groehlte ein dicker
+Baecker wild, dass ein Erzbischof ueberhaupt nicht verheiratet, also auch
+nicht Vater sein koenne, und die "Stuecke" seien nicht dazu auf der Veste,
+um ein Kind anzudonnern.
+
+Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fuersten standen und mit Korn
+bedacht worden, laermte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr
+sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer.
+Und Angehoerige der Sippen und Zuenfte noergelten an dem Verhaeltnis Wolf
+Dietrichs zur schoenen Salome, schimpften weidlich ueber offenkundige
+Coelibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmassen der Papst derlei
+Lebenswandel nicht dulden koenne, duerfe und werde. Immer hitziger wurden
+die Ausdruecke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schliesslich zur
+Behauptung, dass solches Stueckspiel eine Schande fuer das Erzstift, der
+Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Buergersmann
+zahlen muesse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber maehlich zu arg, sie
+jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und raeumten den Hof. Laermend
+zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines
+fuerstlichen Sproesslings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch
+die Stadt, ueberall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schaerfste
+Kritik provozierend.
+
+All' der Unmut ueber das Verhaeltnis des Fuersten mit Salome, ihr Weilen
+und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es
+wagte, den Erzbischof zu verteidigen, musste sich grimmigen Schimpf an
+den Kopf werfen lassen, sodass die Reihen der dem Fuersten Gutgesinnten
+sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs
+schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner
+nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fuerst selbst verdaechtig
+schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am uebelsten kam in
+solchen wilden Eroerterungen die schoene Salome weg, die als Ausbund aller
+Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch
+Angehoerige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, dass
+Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren
+Kreisen beizuzaehlen ist. Schliesslich verdichtete sich all' der
+Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fuerst-Erzbischof mit Salome
+verheiratet sei oder nicht, und hierueber wusste niemand bestimmte
+Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darueber, dass eine
+Gewissensehe vorliege, dass Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica
+zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter
+Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand
+lebhafte Unterstuetzung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht
+vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.
+
+Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung
+des Fuersten mit Salome, niemand weiss Bestimmtes. Kein Wunder, dass den
+Geruechten und Verleumdungen Thuer und Thor geoeffnet waren.
+
+So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu
+in den Gemaechern der Woechnerin, wo auf Befehl des uebergluecklichen
+Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden musste. Wolf
+Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete fuer eine Coeurdame
+eine zaertliche Fuersorge, die sich bis in die kleinsten Beduerfnisse
+erstreckte. Der Fuerst ging auf im Gedanken, fuer das Weib zu sorgen, das
+ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.
+
+So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um
+jegliches Geraeusch zu vermeiden, sein aengstlich besorgter Blick galt der
+ihm so teuren Frau, die mild laechelnd, bleich und schwach zu Bette lag,
+und dem Gebieter einen Gruss aus den sanften Augen zusandte.
+
+Der Fuerst trat an das Bett, kuesste die schmale Rechte Salomes und
+fluesterte in bewegten Worten seinen heissen Dank fuer diese herzerfreuende
+Gabe, die ihn gluecklich mache, so gluecklich, dass es fuer solche Seligkeit
+keinen Ausdruck gaebe.
+
+Ein Schimmer milder Wonne verklaerte Salomes Zuege, ihre Lippen
+fluesterten: "Gefaellt der Kleine meinem gnaedigen Herrn?"
+
+Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das
+Knaeblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da
+lachte der Fuerst herzlich auf: "So gebrechlich wird ein Raittenau nicht
+sein!"
+
+Ein gluecklich Laecheln flog auf die Lippen der Woechnerin, Salome sprach
+bewegt: "So traegt der Kleine den Namen des Vaters?!"
+
+"Gewiss, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!"
+
+"O Dank, heissen Dank, gnaediger Herr!"
+
+"Ich muss danken dir, larissima! Fuer alles weitere lass sorgen mich, den
+Vater und Fuersten! Soll ein tuechtiger Bursch und Mann werden aus dem
+kleinen Woelflein, darauf geb' ich mein fuerstlich Wort!"
+
+"Habt Dank, gnaediger, guetiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens
+wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!"
+
+In aufwallender Glueckseligkeit kuesste der Fuerst zaertlich Salomens Haende,
+hauchte einen Kuss auf die weisse Stirne, und bat besorgt, es moege die
+Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fuerstin ziemt.
+
+Ergebungsvoll liess Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig
+unterdrueckte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.
+
+Still verliess Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht
+mehrer Raeume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner
+Gewohnheit, und der Hauch inniger Zaertlichkeit verschwand von seinen
+Zuegen.
+
+In seinen Wohngemaechern angelangt, wollte der Fuerst eben fragen, ob
+niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glueckwuensche auszusprechen
+zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und
+sogleich vorgelassen.
+
+Das hoefische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch
+den Ruf: "Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens
+Dank dafuer! Herzlich willkommen!"
+
+"Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnaedigen Fuersten die
+Glueckwuensche zu Fuessen zu legen!" sprach Graf Lamberg ehrerbietig und
+verbeugte sich tief vor dem Gebieter.
+
+"Sei meines innigen Dankes ueberzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine
+freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs
+Buergerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe
+keine Meldung!"
+
+"Hochfuerstliche Gnaden wollen Geduld ueben! Die Kunde wird zu sehr
+ueberrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird
+klar erst werden muessen in den Koepfen, dann wird wohl der Glueckwunsch
+kommen an den Hof."
+
+Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fuersten Frage:
+"Glaubt Lamberg wirklich?"
+
+Der Kapitular antwortete vorsichtig: "Es waere Pflicht nur und schuldige
+Dankbarkeit!"
+
+"Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der
+Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden
+will ich in naechster Zeit, dass tragen soll der Spross den Namen Wolf
+Raittenau."
+
+Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu
+richten, sprach aber nichts.
+
+Mehr fuer sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art
+hochfliegende Plaene, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden
+solle, auf dass er gebuehrend seinen Platz dereinst einnehme als ein
+Raittenau.
+
+Lamberg drueckte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen
+aus und behielt seine Gedanken fuer sich. Liebt doch der Fuerst nicht,
+unterbrochen zu werden, und Andeutungen, dass es anders werden koenne, als
+der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit
+verhasst.
+
+Der Fuerst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und
+gelangte schliesslich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in
+diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich fuer den Plan, seiner
+Salome ein wuerdig, fuerstlich Heim zu gruenden. Unzureichend sei der
+Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die
+Residenz muesse verlegt werden.
+
+"Die ganze Residenz?" fragte ueberrascht Graf Lamberg.
+
+"Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebaeu erstanden
+ist, das 'Altenau' ich werde heissen. Zuvoerderst will meine Wohnung bei
+Hof ich veraendern, es stoeret vieler Laerm mich hier. Ein lautes Volk,
+meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen,
+dass laut und im Uebermass es zugeht vielfach auf dem Lande wie in
+Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kraeft'ge
+Steuer, will scheinen, die Leute spueren wenig und saufen weiter. Werd'
+ein kraeftig Wort sprechen muessen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut'
+hungern und entbehren des Noetigsten, herrscht Frass und Voellerei bei
+andern! Will mich beduenken, werd' examinieren lassen muessen auf dem
+Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis.
+Wird nicht zu fruehe sein damit!"
+
+"Gewiss nicht! Euer Hochfuerstliche Gnaden werden den Dank Roms sich
+erwerben mit bemeldter restauratio. Nur moechte ich, sothanermassen der
+gnaedige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten...."
+
+"Was?"
+
+"... raten, eine laengere Frist zu setzen gleich manchen Fuersten im
+Reich, auf dass die Leute sich werden schluessig zur Umkehr und Einschluss
+in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich
+informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!"
+
+"Zu lang' waehrt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezoegert. Es
+ist mir lieb, dass kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es
+ist mein Wille, dass citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat
+bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das
+Trienter Bekenntnis, soll es beschwoeren lassen."
+
+Lamberg wagte den Hinweis, dass vielleicht doch jetzt in diesen Tagen
+ein solches Vorgehen nicht den gewuenschten Erfolg haben koennte.
+
+In seinem Ungestuem rief Wolf Dietrich: "Warum nicht jetzt? Wer kann mich
+hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich
+will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so
+einer will zum Buerger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner
+Buerger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermoegen zum mindest!"
+
+Lamberg mochte wohl nicht naeher seine Meinung eroertern, da der Fuerst
+nicht selbst erkannte, dass die Geburt eines Sprossen wenig zur
+gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe;
+der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: "Es wird Euer
+Hochfuerstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu
+mandatieren ueber Pruefung bei Aufnahmen von neuen Buergern und
+Mindestforderung eines festgesetzten Vermoegens."
+
+Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als
+horche der Fuerst ab und zu auf, wie in Erwartung, dass Deputationen zur
+Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden liess,
+bemaechtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit,
+die den Kapitular veranlasste, um gnaedige Entlassung unter dem Vorgeben
+zu bitten, dass sogleich bezueglich der Citation die noetigen Ordnungen
+getroffen werden sollen.
+
+Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um
+ihre ehrerbietigen Glueckwuensche zum erfreulichen Ereignis
+auszusprechen; die einen in ueberschwaenglicher Weise, andere wieder
+gelassen und trocken, alle aber auf hoeflichste Art, demuetig, wie es dem
+hochfahrenden Sinn des Fuersten entsprechen und gefallen musste. Wolf
+Dietrich entfaltete, hiervon angenehm beruehrt, all seine fascinierende
+Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem
+fuerstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.
+
+Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit
+der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemuetern der
+erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf dass
+doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes
+ohne gueltigen Ehebund folge,--der Fuerst, der das Warten nicht kannte,
+durchkreuzte solche feinfuehlige Absicht durch scharfes Monieren, und so
+musste denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme
+Thaetigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift
+citierte den Buergermeister und die Stadtraete in den Palast, legte ihnen
+das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche
+Beschwoerung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zoegern, einige der
+Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden ueber
+den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, dass die Citierung ebenso
+ueberraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fuerstlichen Hofe.
+
+So in eine fatale Notlage gebracht, musste der Kommissar den zoegernden
+Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewaehren. Dafuer aber wurde am
+naechsten Tage von den uebrigen Buergern Erscheinen und Beschwoerung
+verlangt, und zwar in einem schaerferen Tone und unter Androhung der zu
+gewaertigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fuersten, die Liebe zur
+Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies uebte auf die Buerger einen
+Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Ueber zwanzig
+Buerger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend,
+auch als die Ausweisung angedroht wurde.
+
+Eine abermalige Gaerung in der Bevoelkerung griff um sich. Wolf Dietrich
+zeigte sich erbost und erliess nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung
+"zu verhuetung mehreren unraths" ueber den Wegzug der ketzerisch
+Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis
+ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebuehr fuer die Erlaubnis
+zum Wegzug zahlen mussten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut
+war dem Fiskus verfallen; ihre Gueter im Lande mussten an Personen, deren
+Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fuersten zu betaetigen ist, entweder
+schleunigst verkauft oder mit der ausdruecklichen Bedingung des baldigen
+Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof ueber sie
+verfuegen wuerde.
+
+Die von dieser Verordnung Betroffenen waren grossenteils Kaufleute und
+Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden,
+sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift
+verboten ward. Da nun auch Muendel von diesem Mandat betroffen wurden,
+uebernahm die fuerstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifuegung
+der Bestimmung, dass alle an ketzerischen Orten befindlichen Muendel
+sobald als moeglich nach Salzburg zurueckkehren muessen. Wer seine
+Geschaefte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die
+Stadt verlassen; der aeusserste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.
+
+Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fuehlte Erbarmen mit den
+Leuten, seinen Bemuehungen gelang es, dass der Fuerst die Frist um weitere
+vier Wochen verlaengerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren
+Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht
+rechtzeitig eingehalten, mit einer aeusserlich sichtbaren Strafe dahin
+belegt wurde, dass diese Saeumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit
+brennenden Lichtern in der Hand Busse thun mussten.
+
+Darueber vergingen Monde, und allmaehlich verliefen sich die Wogen der
+Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fuerstliche Macht und Gewalt ja
+doch aussichtslos erscheinen musste. Die Leute durften maehlich froh sein,
+wenn keine neuen Mandate erfliessen, die bei diesen Zeitlaeufen foermlich
+in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln koennen zu
+jeglicher Stunde.
+
+Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward
+der Erzbischof darin gestoert durch einen leichtfertigen Schuljungen, der
+auf den heiligen Ort gaenzlich vergass und den im andaechtigen Gebet
+knieenden Buergern Schnecken auf den Ruecken setzte, so dass die Kleider
+der Andaechtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf
+Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfasste ihn Zorn und Entruestung, der
+Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, fasste ihn
+schlankweg beim Schopf und fuehrte den auf den Tod erschrockenen Jungen
+aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen
+Missethaeter zur Inhaftierung uebergab. Noch am selben Tage dekretierte
+der Fuerst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige
+Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller
+Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.
+
+Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich
+nun gegen jegliches Laster ueberhaupt mit grosser Schaerfe vorging. Mord
+und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten
+uebel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und
+drohte mit dem Malefizrichter.
+
+Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde
+von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Maedchen Namens
+Susanna Pauser seinen Geluesten gefuegig machen wollte, und in den Turm
+geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im hoechsten Masse erzuernte
+Fuerst, es solle sogleich Gericht ueber den Missethaeter gehalten und die
+Todesstrafe ausgesprochen werden.
+
+Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhoer
+liess aber doch die Moeglichkeit offen, dass der Verhaftete die Unthat
+nicht begangen habe. Auch konnte eine "Beschaedigung" (Verletzung) des
+Maedchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fuerst
+verstaendigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den
+Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf
+Hinrichtung durch das Schwert.
+
+Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem
+Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab ueber ihm
+gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten
+Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der
+Scharfrichter riss dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren
+nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.
+
+Da kamen ploetzlich zwei Franziskaner in grosser Hast und Aufregung in den
+Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der
+gnaedige Fuerst habe Pardon gegeben.
+
+Thatsaechlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fuerbitte der
+Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt
+bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Franziskaner den
+Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen muessten. Als dies gelobt worden,
+gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im
+letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.
+
+Fuerder aber blieb der Fuerst in allen Mord- und sonstigen Lasterfaellen
+unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein
+Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man
+wusste nun, dass jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate
+fanden Beachtung.
+
+Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fuersten auch auf den
+Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu
+dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die
+Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Buecher der Lehrer wie der
+Schueler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal
+woechentlich gelehrt, den Kindern tuechtig eingepraegt werden solle. Die
+Lehrer wurden verhalten, Sorge fuer die oesterliche Beichte und Kommunion
+zu tragen, die Kinder schaerfstens zu ueberwachen, auch brave Knaben als
+Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuraeuchern.
+Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten
+werden.
+
+Ueber Mangel an fuerstlicher Initiative und Ueberraschungen durch die
+mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen.
+Eine eigenartige, unerhoerte Ueberraschung sollte aber die Fusswaschung der
+zwoelf armen Maenner, welche die Apostel darzustellen hatten, am
+Gruendonnerstag bringen.
+
+Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fuerst-Erzbischof in
+eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln
+die Fuesse wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der
+bruederlichen Liebe einzupraegen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten,
+zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.
+
+Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, liess sich
+ein Vortuch reichen, und begann den zwoelf Greisen die entbloessten Fuesse zu
+naessen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der
+Apostelkuss, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.
+
+Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und haette nun die
+Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen muessen. Die Domherren
+und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte
+dieses Arrangement, schritt ploetzlich wortlos quer durch das
+Kirchenschiff und stieg zur groessten Ueberraschung des Kapitels wie der
+massenhaft anwesenden Glaeubigen die Kanzeltreppe hinan.
+
+Ein Fluestern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund
+flog es, dass der Erzbischof gegen allen Brauch unerhoerterweise nun
+predigen werde.
+
+Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm
+eigenen Gabe hinreissend schon nach wenigen Saetzen zu predigen.
+
+Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser ueberraschenden Kanzelrede
+zu verlieren, die also begann: "Am heutigen Tage folgen dem Beispiel
+Jesu der Papst und die Bischoefe, in den Klostern die Aebte und Vorsteher,
+haeufig auch christliche Kaiser, Koenige und Fuersten, und alle beweisen
+durch Fusswaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, dass
+die erhabene Wuerde, so sie als Erdenbeherrscher ueber die Unterthanen
+erhebet, sie nicht trennen duerfe von den Banden der christlichen
+Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_
+Leibes sind. Wir haben uns zu befleissigen, aufzunehmen in uns den Geist
+der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der
+Fusswaschung zu den Aposteln gesprochen: 'Ich habe euch ein Beispiel
+gegeben, dass ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr
+und Lehrmeister, euch die Fuesse gewaschen habe, sollet auch ihr einander
+die Fuesse waschen.'--Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur
+Einkehr, zur Demut, und demuetigen muessen sich alle wahrhaft Glaeubigen
+vor Gott dem Herrn, demuetigen auch die Unterthanen vor ihrem Fuersten und
+Gebieter."
+
+Wolf Dietrich hatte damit den gewuenschten Uebergang gefunden, um den
+Zuhoerern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach
+der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche
+die schuldige Demut auch vor dem Fuersten und seinen Regierungsakten
+schwer vermissen liessen. Mit flammenden Worten ruegte der Redner solchen
+Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geisselte Unbotmaessigkeit und
+Noergelsucht und fuehrte aus, dass jeder Fuerst ein Recht darauf habe, sich
+auch als Mensch zu fuehlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser
+sei da ein menschlich Leben in weiser Beschraenkung als verhuellte Suende;
+besser, es haelt der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er
+fuehre ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an
+vielen Orten und leider auch in Priesterhaeusern und im Widum.
+
+Die Rede schloss mit einem Appell an den guten Sinn und demuetige
+Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge
+erkennen sollen.
+
+In hoechster Ueberraschung fluesterten die Zuhoerer wie die Kapitelherren,
+es kann kein Zweifel sein, dass Wolf Dietrich ueber sein Verhaeltnis zu
+Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen
+habe. Ein unerhoertes Beginnen, ueberraschend, verblueffend, aber echt im
+Charakter des Fuersten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.
+
+Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu
+seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestuehl des Kapitels.
+Zoegernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren
+die Funktionen wieder anzunehmen und durchzufuehren. Graf Lamberg sass wie
+zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des
+Erzbischofs, ist grenzenlos ueberrascht worden.
+
+Salzburgs Bevoelkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen
+Eroerterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gespraechsstoff auf lange
+Zeit. Allein ein ebenfalls gaenzlich unerwartetes Ereignis lenkte die
+Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Ueber Nacht war
+naemlich von Seite des Fuersten ein Krieg erklaert worden, und zwar den
+salzburgischen----Hunden.
+
+Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof
+verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit
+einem Laerm, dass von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen,
+bellenden Biester kuemmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe
+des Landesfuersten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so aerger, je
+kraeftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der
+Krieg schon erklaert; ein Wachthuettlein musste im Hof aufgestellt und von
+einem Nachtwaechter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister)
+erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen
+Gassen einzufangen und abzuschlagen.
+
+Der Hundschlager verstand keinen Spass und begann sein Handwerk mit einer
+alle Hundefreunde mit Schrecken erfuellenden Gruendlichkeit. Vom fruehesten
+Morgen bis zur Daemmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und
+fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der
+Strasse, unbekuemmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager
+konnte ruecksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf
+Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund
+lieb hatte, musste sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund
+nicht aufsichtlos lassen.
+
+Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor
+ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies
+sich ueberaus findig, er warf lange Schlingen mit grosser Sicherheit aus
+und fing die Koeter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese
+Weise bald von vierfuessigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl
+zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fuerstlicher
+Auffassung ueberhaupt zu viel Hunde.
+
+Dem Schlager erwuchs zu grosse Arbeit durch das Wegfuehren der
+Hundekadaver, er toetete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem
+Kopf um die Erde oder Haeuserecken schlug, und liess die Kadaver einfach
+auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Toetung konnten
+Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und
+gemeuchelt wurden, die einflussreichen Leuten bei Hof gehoerten. Die
+Metzger beschwerten sich, dass einerseits der Viehtrieb ohne Hunde
+erschwert sei, und dass der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den
+Fleischbaenken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer
+vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Auflaeufe. Kurz es schien, als
+sollte Salzburgs Bevoelkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde
+davon kam auch dem Fuersten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen
+wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die
+Beschwerden wurden geprueft, fuer begruendet befunden, und nun erfolgte die
+Verhaftung des Schlagers.
+
+Die Aburteilung endete mit Entlassung "mit Spot und Schant".
+
+
+
+
+IX.
+
+
+An einem furchtbar heissen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
+auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
+das am Fusse des dichtbewaldeten Geissberges bei Salzburg gelegen war. Der
+Bettelmoench keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
+gefuellten, maechtigen Sackes, und ausserdem trug der krank aussehende
+Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
+lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
+jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.
+
+Und so oft der Bruder unwillig den Sack schuettelte, quieckste das
+Almosen aus Leibeskraeften, wasmassen die Spende ein Spanferkel war. Jener
+Aelpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
+Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besass, er spendete eben vom
+Ferkelueberfluss, der ihm geworden, in der Meinung, dass die Franziskaner
+zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiss gerne mal einen Ferkelbraten
+essen wuerden.
+
+Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
+schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
+Wirtshauses am Fusse des Geissberges aber ward die Muedigkeit zu gross, der
+Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiss trat ihm auf die Stirne
+trotz der uebermaessigen Hitze, stoehnend musste der Frater am Strassenrain
+sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
+schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.
+
+Angelockt von solchem Laerm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
+Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behaebige Zapfler den blassen,
+mueden Moench erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
+beizuspringen.
+
+"Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet bass uebel aus!"
+
+Der Frater stoehnte, mit Muehe brachte er heraus, dass ihm eine
+unerklaerliche Krankheit angeflogen sein muesse. "Reichet mir barmherzig
+einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!"
+
+"Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Lasst mich die Saecke
+tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?"
+
+Der Klosterbruder nickte und bat, es moege der Wirt das Ferkel im Stall
+einstweilen einstellen und fuettern bis zur Abholung.
+
+"Gern soll das geschehen!" sprach der moenchefreundliche Wirt und trug
+den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiss des Zapflers holte eine
+Dirn den andern grossen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
+der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
+Humpen Weines gereicht wurde.
+
+Ein Stuendlein Ruhe und der kraeftigende Wein halfen dem armen Bruder
+wieder auf die Beine, sodass er nach Erstattung herzlichen Dankes den
+Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
+wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
+Terminierung gelegentlich wieder holen.
+
+In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
+fuehlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
+Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Strassenrain und machte
+Reu' und Leid, die Sterbgebete fluesternd.
+
+Ein Baeuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
+armen Bettelmoench mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
+ringender Mensch, bat, es moege der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
+Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.
+
+Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
+schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt ueber seine Gliedmassen
+bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
+uebrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.
+
+Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
+Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
+benebst dessen Almosensack.
+
+Der Tuermer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
+Stadt zu lassen, wasmassen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
+vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
+Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, dass er das nicht
+wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.
+
+Der Tuermer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
+fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
+gehoere.
+
+"Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!" beteuerte der Bauer, dem es
+pressierte, in die Stadt zu kommen.
+
+"Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehoert, muss er wohl eingelassen
+werden!" argumentierte der Waechter und gab die Einfahrt frei.
+
+Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
+Bruecke uebersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
+bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
+abliefern.
+
+Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
+mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
+gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, dass ein Frater vom
+Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
+heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
+Zeichen fuer die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
+kloesterliche Medikus zurueck und rief: "Grosser Gott! Ein Pestfall!"
+
+Das hoerte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
+Leiche geblieben war, und mit rasenden Saetzen fluechtete der Mann nun
+hinweg, sprang auf sein Gefaehrt und jagte das Ross unter Peitschenhieben
+dem Einstellhause zu.
+
+Die rasende Fahrt musste auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
+engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
+dem Ross in die Zuegel und brachten es zum Stehen.
+
+"Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!" zeterte der entsetzte Bauer,
+und scheu wichen die Trabanten von dem Gefaehrt hinweg.
+
+Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
+Pestfalle, ueberall Schrecken und Todesangst erzeugend.
+
+Waehrend man im Rathause noch nicht wusste, was beginnen, hatte Wolf
+Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
+zahlreicher Mannschaft rueckte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
+und ueberbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
+alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
+Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
+muessen.
+
+Wohl protestierte der Guardian, die Moenche baten, den Frater doch vorher
+beerdigen zu duerfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
+Befehl, und als die Moenche keinerlei Miene zum Abruecken machten,
+erklaerte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
+Musketiere darunter, drangen in die Klosterraeume, es ward bitterer
+Ernst. Wie die Moenche standen, mussten sie abziehen, nichts durfte
+mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
+Toten mussten die Fraters auf der Bahre wegtragen.
+
+Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
+zur Salzach getrieben, wo auf fuerstlichen Befehl ein Salzschiff zur
+Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
+worden war.
+
+Der Transport erregte Erbitterung bei den moenchefreundlichen Buergern,
+doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
+sich einzumengen.
+
+Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plaette zu
+besteigen, laut und beweglich, aber es nuetzte nichts.
+
+Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
+an Bord zu haben, zogen das Laendseil ein, und stiessen ab. Von den Wellen
+erfasst, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
+schnell hinab. Die Moenche beteten laut....
+
+Scharf griff der Fuerst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
+der den toten Bettelmoench in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
+ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
+war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
+verschiedenen Leuten in Beruehrung gekommen.
+
+Nach wenigen Tagen gab es Pestfaelle in der Stadt, Angst und Aufregung
+wuchsen. Aerzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
+strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
+Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
+der Riedenburg geschafft, ruecksichtslos, unerbittlich wurde dieser
+Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.
+
+Still ward es in Salzburg und heiss ueber alle Massen. Unbarmherzig brannte
+die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
+die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstaedtlein
+Hallein herrschte ein grosses Sterben, es hiess, es starben oft an einem
+Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, dass die
+Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Oesterreichischen viele Opfer
+fordere.
+
+An fuenfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
+Auf Befehl des Fuersten mussten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
+aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
+Rueckkehr war aufs strengste verboten.
+
+Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsueber auf einige Stunden sich im
+Freien zu ergehen, auf dass sie doch etwas an die Luft kaemen.
+
+Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, dass die Ausgestossenen auf den
+Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung haetten, indem die
+umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
+abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
+und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mussten auf seinen Befehl Aerzte
+und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.
+
+Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
+frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.
+
+Die Salzburger fassten wieder Mut und wurden beweglich; Buerger thaten
+sich zusammen und supplizierten zum Fuersten, es solle der Erzbischof
+doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
+doch wenigstens auf der Schanz zu Muehlen (Muelln) unter Dach bringen,
+wofuer die Buergerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
+wolle.
+
+Diese Supplikation, hauptsaechlich wohl der anmassende Ton und Undank,
+erbitterte den Fuersten schwer, es erfloss ein Mandat, worin die Buerger
+als Aufwiegler und Unruhestifter erklaert und mit insgesamt achthundert
+Gulden Strafe wegen ihrer Ungebuehr belegt wurden.
+
+Die kuehle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.
+
+Auf Befehl des Fuersten durften die Exilierten, nachdem die Aerzte hierzu
+ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
+den Franziskanern wurde die Rueckkehr wieder gestattet, deren Kloster
+vorher voellig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
+neunzehn Haeuser infiziert gewesen und etwa fuenfzig Personen daraus
+verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
+Schrecken wichen. Zurueck blieb nur der Aerger ueber die achthundert Gulden
+Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden musste.
+
+Spaetherbst war ins stiftische Land gezogen, die Waelder prangten in
+leuchtenden Farben.
+
+Vom Franziskanerkloster wurden die Brueder ein letztes Mal vor dem Winter
+zum Terminieren ausgeschickt, einmal um fuer den eigenen Bedarf Vorraete
+zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
+fuer die Armenbekoestigung zu erhalten.
+
+Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
+gegen Golling, und mit einem maechtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
+Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.
+
+Viel war im von Steuern, Missernte und der Pest heimgesuchten Laendchen
+nicht zu holen, die Gaben flossen spaerlich.
+
+Auf dem Rueckweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
+Geissberg am spaeten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
+Magd wusch hoelzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
+eben erbaut davon, dass knapp vor Hausthorschluss noch ein spaeter Gast
+eintrat.
+
+Frater Anselm gruesste mit frommen Worten und bat um barmherzige
+Beherbergung fuer Gotteslohn.
+
+Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Moenchhabit schien sie zu
+beruhigen, und da der Frater sonst keine Wuensche auf Verpflegung
+aeusserte, war die Magd bereit, ihm ein duerftig Kaemmerlein im niederen
+ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der duesteren Kammer, die ausser
+einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersaecke enthielt, ging dem von Mauern
+umschlossenen Hof zu.
+
+Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
+fleissigen Terminieren an frische Luft gewoehnt, war es ihm Beduerfnis,
+hier das Fenster zu oeffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
+schoepfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch ploetzlich ward
+unten im Hof eine Thuer geoeffnet und eine Stimme rief: "Jackel! Vergiss
+nicht, morgen gleich in der Frueh wird der 'Franziskaner' abg'stochen!"
+
+Und eine andere Stimme antwortete: "Ist recht, Wirt!"
+
+Todesangst erfasste den Frater, der jedes Wort gehoert hat und nichts
+anderes denken kann, als dass er in eine Raeuberhoehle geraten sein muesse
+und dass man ihm, dem armen Bettelmoench, ans Leben wolle. Bis zum Morgen
+darf nicht gewartet werden, Frater Anselm moechte noch ein Weilchen
+leben, er muss fliehen aus dem Moerderhause.
+
+Wie aber entweichen, ohne den Moerdern in die Haende zu laufen? Ein
+vorsichtig Betasten des Thuerschlosses, der Versuch des Aufklinkens
+ergab die Gewissheit, dass der spaete Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die
+Magd muss das Schloss von aussen versperrt haben.
+
+Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muss alles im
+Schlafe liegen. So wartete der Moench eine lange Zeit, von Todesangst
+gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch guenstig erschien. Mit
+zitternden Haenden loeste der Franziskaner den weissen Strick von seiner
+Kutte, knuepfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken
+fest und liess sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der
+Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glueck befand sich kein Hund im
+Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das
+Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thuer duerfte direkt ins
+Haus der Moerderbande fuehren. Also ist der Moench rettungslos gefangen,
+eine Flucht unmoeglich. Die Nachtkaelte zwingt dazu, einen geschuetzten
+Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder
+hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer
+verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich
+nicht eben einladend duftet. Die Thuer ist unverschlossen, also hinein.
+Am Grunzen der ueberraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer
+erkennen, dass er im Schweinestall sich befindet. Eine missliche
+Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein
+kann, denn im Schweinestall werden die Moerder ihr Opfer kaum suchen.
+
+Maehlich beruhigten sich die Borstentraeger, nur ein Ferkel bekundete
+zudringliche Neugierde und liess erst nach energischen Stoessen und
+Fausthieben von naeheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.
+Zusammengekauert hockte der Moench im Stall und trotz der fuerchterlichen
+Angst ueberfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Muedigkeit war zu gross.
+
+Ein Haushahn kraehte sein Kickeriki in die frische Morgendaemmerung und
+weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es
+lebendig im Hause. Eine Thuer wurde geoeffnet, Menschen traten in den Hof,
+und in naechster Naehe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton
+der Moench erzitterte: "Also Jackel, fang den 'Franziskaner' 'raus und
+hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schaedel!"
+
+Frater Anselm fuehlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfasst
+murmelte er ein Stossgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der
+goettlichen Barmherzigkeit.
+
+Die Thuer zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick
+fasste der Moench blitzschnell den Entschluss, durch vehemente Flucht sich
+durchzuschlagen, den ersten der Moerder niederzustossen. Gedacht, gethan,
+der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und
+warf den Knecht ueber den Haufen.
+
+"Hui!" schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht
+zeterte ueber Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner
+Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.
+
+Alle Hausinsassen kamen ob des Laermes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich
+wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwoerungsworte an
+den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die
+Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthuere aber huepften die
+Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehoeft
+vermehrend.
+
+"Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?" schrie der Wirt und
+machte das Kreuzzeichen gegen den Moench.
+
+Frater Anselm fasste augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht,
+kann kein Moerder sein. Er rief: "Im Namen Gottes des Herrn frag' ich
+Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?"
+
+"Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?"
+
+"Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!" Jetzt aenderte sich
+die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, dass er ein Ferkel,
+das vor geraumer Zeit ein Bettelmoench eingestellt, "Franziskaner"
+genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel
+abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmoench aus dem
+Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als
+dass wegen des begangenen Frevels, ein Schwein "Franziskaner" genannt zu
+haben, das Ferkel in einen Bettelmoench verwandelt und ein Geist geworden
+sei.
+
+Flink nuetzte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig ueber solchen
+Frevel loszog und die Strafe Gottes in naechste Aussicht stellte.
+
+Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er
+um Verzeihung und gelobte das aufgefuetterte Ferkel sogleich dem
+Franziskanerkloster zurueckstellen zu wollen.
+
+Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schliesslich lachte er ueber
+die ausgestandene Angst und sein Missgeschick, und die Gehoeftbewohner
+lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und
+gebunden, dann musste Frater Anselm sich bewirten lassen, und schliesslich
+ward angespannt, der Wirt fuhr den Moench mit dem Terminiersack und dem
+schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.
+
+Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung,
+dass jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der
+Pest verstorben sei.
+
+Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr liess den Wirt nachtraeglich
+erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine
+Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor
+einfahren.
+
+Im Kloster lachte man weidlich ueber diese Franziskanergeschichte, und
+weil das Ferkel so praechtig aufgefuettert worden war, veruebelte man dem
+Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen
+konnte, dass jener anspruchsberechtigte Moenchsbruder mit Tod abgegangen
+war. Fuerder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender fuer
+die wackeren Franziskaner und alljaehrlich lieferte er dem Kloster aus
+eigenem Antrieb ein Ferkel zur Suehne.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Wahrhaft fuerstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschraenkte Gebieterin
+und Herrin ueber eine grosse Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.
+Salome speiste mit Wolf Dietrich taeglich an der ueppig bestellten Tafel,
+sie erwies die Honneurs des fuerstlichen Hauses, wie sie im engeren
+Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfuerstlichen Gnaden
+respektiert wurde. Der Fuerst bekundete fuer Weib und Kind eine ruehrende
+Fuersorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmuetigen Wesens
+offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schoensten Masse. Aus
+Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis
+sechstausend Gulden ueberwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde
+umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien
+bemueht, die Existenz seiner heissgeliebten Salome vor Wechselfaellen des
+Lebens sicherzustellen dadurch, dass er dem sogenannten "ewigen Statut"
+einen speziellen Paragraphen einfuegte, der in nicht misszuverstehender
+Weise lautete: "Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet
+werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein
+unter irgend einem Schein, heisse er wie er wolle, nicht angefochten
+werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden
+haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschuetzt und
+beschirmt werden."
+
+So geschirmt, beschuetzt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der
+immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversoehnlichen Vater
+steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt
+Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das
+kleine Woelfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur
+Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am
+geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, dass ein besonderes
+Ereignis vorgefallen sein muesse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden
+weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden
+habe.
+
+Zoegernd nur sagte die vertraute Dienerin, dass sie die Haeuserin des
+Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stuende uebel mit Herrn
+Wilhelm Alt, wasmassen um den Geistlichen geschickt worden sei.
+
+Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten
+Koerper, bebend jammerte sie: "Grosser Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei
+zur Vergebung!"
+
+Und ein Gedanke fand sofortige Ausfuehrung. Salome kleidete Woelfchen
+sogleich an, ruestete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine
+Saenfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.
+
+Eine Stunde spaeter war Salome mit ihrem Soehnchen zitternd und zagend im
+Altschen Hause; Klara bemuehte sich, die Haeuserin zu beschwatzen, auf dass
+Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen wuerden.
+
+Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verliess die Stube; ihm
+eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequaelt Salome entgegen und
+fragte, wie es um den Vater stuende. Der Geistliche zuckte die Achseln,
+gruesste hoeflich und fluesterte: "Es kann nicht lange mehr dauern!"
+
+Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fuehlte eine Ohnmacht
+nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Woelfchen in die Arme und wankte,
+die Haeuserin zur Seite draengend, in Vaters Krankenstube.
+
+Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier
+brechenden Augen waren fragend auf den Stoerenfried gerichtet. Wie nun
+Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knoecherigen Haende wie
+abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: "Hinweg mit der
+fuerstlichen Buhle!"
+
+Salome warf sich in die Knie, hielt Woelfchen entgegen und flehte
+schluchzend im bittersten Weh: "Vater, lieber Vater, vergebt mir!
+Verzeiht!"
+
+"Hinweg! Ich will in Ehren sterben!"
+
+"Vater, habt Erbarmen!"
+
+"Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!"
+
+"Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde
+meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf dass mir
+Verzeihung werde, nach welcher duerstet meine Seele, verlangt mein
+schmerzdurchwuehltes Herz!"
+
+"Hinaus! Ich will nichts hoeren!"
+
+"Schwer hat sich geraecht die Flucht vom Elternhause, ich fand die
+Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen--"
+
+"Das wusst' ich zum voraus!"
+
+"Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfuellet! All'
+aeusserer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!"
+
+"Die Strafe ist gerecht fuer das ungeratene Kind, dessen Leben jedem
+ehrlichen Buerger Salzburgs muss die Schamroet' ins Gesicht nur treiben!"
+
+"Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie
+ertragen werden! Lasst Euer Herz reden fuer mich und mein unschuldig
+Kind!"
+
+"Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Muehe!"
+
+"Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das
+meines Lebens hoechste Sehnsucht ist!"
+
+"Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will
+ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fuerstlichen Buhlen
+soll sich raechen der Fluch des Vaters, erfuellen sich ein grausam
+Schicksal verdientermassen!"
+
+Wilhelm Alt begann zu roecheln, seinem todesmatten Koerper und mueden Geist
+ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen
+musste.
+
+Von Verzweiflung erfuellt setzte Salome das Knaeblein zu Boden, eilte an
+des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Haende
+flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.
+
+"Nein!" fluesterte der Sterbende und liess das Haupt in die Kissen fallen.
+Ein Zucken, ein Seufzer--das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversoehnt
+gestorben.
+
+Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich ueber die
+Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal kuessend.
+
+Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Woelfchen auf den Arm und
+verliess das Sterbezimmer, um in der Saenfte ins Palais zurueckzukehren und
+Trauerkleider anzulegen.
+
+Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht
+in Salomens Gemaechern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal
+zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fuerst nach der
+Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters
+gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu troesten. Die Frage, ob eine
+Aussoehnung erfolgt sei, fuehlte der Fuerst auf der Zunge liegen, doch als
+Schonung sprach er sie nicht aus. Dafuer gelobte er, Wilhelm Alt mit
+allem Gepraenge, wie die familiaeren Beziehungen dies heischen, bestatten
+zu lassen.
+
+Salome draengte die Thraenen zurueck und bat weichen Tones: "Mein gnaediger
+Herr moege davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht
+begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!"
+
+"Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich beduenken, der Vater
+meiner Frau soll mit fuerstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!"
+
+"Verzeiht mir, gnaediger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist
+geschieden im Zorn--unversoehnt mein Flehen war vergeblich!"
+
+"So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?"
+
+"Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Woelfchen in den Armen flehte ich
+um sein Erbarmen--"
+
+Wolf Dietrich rief missmutig: "Was sollt' mein Soehnlein dabei? Will ich
+verargen nicht, dass du den kranken Vater wolltest sehen, der junge
+Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben."
+
+Aufschluchzend jammerte Salome: "Ist doch Woelfchen von mir in Schmerzen
+geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf
+den bitteren Gang!"
+
+"Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein
+Spross aber sollt' nicht betteln um eines Buergers Gnade, sei dieser wer
+er wolle; die Kluft ist zu hoch!"
+
+"Weh' mir!" rief Salome und brach zusammen.
+
+Der Fuerst mochte fuehlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,
+er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome ueberliess, und
+gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.
+
+Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens
+und Missmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den
+Saal, wo die geladenen Gaeste des Fuersten harrten und ihn mit tiefen
+Verbeugungen begruessten.
+
+Unter den Gaesten befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die
+Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres
+Vaters in Verbindung zu bringen wussten und nicht wenig darauf neugierig
+waren, ob der Fuerst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwaehnen werde.
+
+Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich
+strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward
+gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des
+Fuersten liess keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.
+
+Neben dem Erzbischofe sass Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf
+den Gebieter warf und darueber nachsann, was die ueble Laune hervorgerufen
+haben koennte. Zu seiner Ueberraschung sprach ploetzlich Wolf Dietrich
+halblaut zum Kapitular: "Will Lamberg dafuer sorgen, dass still und
+schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,
+werd' ich dem Freunde dankbar sein!"
+
+Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im
+Verhalten des Fuersten.
+
+Ausblickend und der Gaeste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das
+Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: "Salzburg hat einen
+hervorragenden Buerger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,
+verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die
+Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begraebnis an meiner Statt
+meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Noetige zu
+veranlassen."
+
+Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fuersten
+wirkten ergreifend auf die Gaeste, besonders auf die Patrizier, die ein
+Dankgefuehl empfanden, dass der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles
+hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun
+speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum
+Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fuerst mit Lamberg in die
+inneren Gemaecher zurueckzog, die Herren aber ergriffen das Palais
+verliessen.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Missmut wachriefen,
+es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhaeltnis Salzburgs zum
+Herzogtum Bayern zu trueben sehr geeignet schienen. Eine
+Haupteinnahmequelle fuer Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen
+das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes
+geschah durch das bayerische Land und nach Boehmen, teils zu Wasser,
+teils zu Lande. Verschiedene Orte laengs der Salzach und des Inns waren
+als Lagerorte oder "Legstaetten" fuer dieses Salz bestimmt; Hallein fuer
+die Ausfuhr zu Lande "auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumross und Fuhren",
+Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schaerding fuer die Ausfuhr zu
+Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,
+nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der
+Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt
+gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluss zu ueben. Schon in
+frueheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und
+Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,
+welche dem Erzstift Salzburg die eigenmaechtige Erhoehung des Salzpreises
+zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun
+der Erzbischof Mathaeus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom
+Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, dass diese wie
+alle zukuenftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzoege
+abhaengen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen
+und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst
+erschien daher als staendiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rueckgabe
+des laestigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt
+hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fuegend, fuer eine Preissteigerung,
+zu welcher ihn die missliche finanzielle Lage veranlasste, die Bewilligung
+des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich
+hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der
+Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem
+Domkapitel nicht wuerdig dem Verhaeltnis des Erzbischofs und einem Herzog
+schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung
+durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor
+wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers
+ueber die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern
+fuer ein Fuder Salz (ungefaehr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch
+einen Kreuzer darueber gestattete.
+
+Wolf Dietrich, der bereits seine Bauplaene zu realisieren begonnen und
+demgemaess kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu
+erhoehen, und diesmal fuehrte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen
+Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und
+berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang
+ein leidliches Verhaeltnis herzustellen, das aber durch erneute
+Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getruebt werden musste.
+
+Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin
+er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern
+teilen zu sollen, empfand der Fuerst schwer; er wuenschte, den verhassten
+Vertrag so bald als moeglich abschuetteln zu koennen, und forschte nach
+einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezoegert, so
+geschah es in der Hoffnung, dass inzwischen die Verleihung des roten
+Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fuerst
+bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen
+vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischoeflichen Palais vor, die
+keinen Zweifel darueber liessen, dass Bayern den Erzbischof wegen seines
+Verhaeltnisses zu Salome als auch wegen seiner laessigen Haltung dem
+Protestantismus gegenueber beim Vatikan denunziert hat, ja dass Wolf
+Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdaechtigt worden sei. Da des
+weiteren auf Sixtus V. der wankelmuetige Klemens VIII. Papst geworden,
+konnte Wolf Dietrich sich bei gruendlicher Wuerdigung der Verhaeltnisse in
+Rom nicht verhehlen, dass die Aussichten fuer das Kardinalat sehr schlecht
+genannt werden mussten.
+
+Wolf Dietrich bruetete in seinem Arbeitszimmer ueber diesen geheimen
+Briefen und bemuehte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu
+finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig
+besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, dass der rote
+Hut so gut wie verloren sei, dem Fuersten zu peinlich erschien. Dennoch
+empfand Wolf Dietrich das Beduerfnis, die Lage mit einer klugen, kuehl
+erwaegenden Person zu eroertern, im Gefuehle, dass sein eigener Kopf zu
+hitzig, sein Gemuet zu rasch erzuernt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem
+klugen, schoenen Weibe, doch draengte der Fuerst diesen Gedanken wieder
+zurueck. Die Lage ist doch zu verwickelt, als dass ein Weiberkopf den
+Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fuerst
+nicht erkluegeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche
+Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht
+immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer
+Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,
+besser als es die geriebensten Hofraete haetten bemeistern koennen? Wenn
+Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, dass die
+Hoffnung auf das Kardinalat hinfaellig geworden, wird Salome nicht die
+Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und draengen, dass nun jede Ruecksicht
+auf Rom fallen gelassen werde?
+
+"Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!" fluesterte der Fuerst und
+liess bitten, es moege die Fuerstin sich guetigst zu ihm ins Arbeitszimmer
+bemuehen.
+
+Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,
+anmutig, mit dem bezaubernden Laecheln inniger Hingebung auf den Lippen,
+doch mit fragenden Augen.
+
+Als die Pagen, welche die Fuerstin begleitet hatten, sich zurueckgezogen,
+richtete Salome, an der Seite des Fuersten Platz nehmend, die Frage an
+Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen
+hervorgerufen habe.
+
+"Wie klug du bist, Salome! So klug wie schoen, Geliebte! Und richtig hast
+du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu
+besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage."
+
+Wolf Dietrich eroerterte alles der aufmerksam zuhoerenden Freundin, die
+jetzt nur fuer seine Ausfuehrungen Aug' und Ohr war.
+
+Zunaechst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt
+nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.
+
+Langsam sprach nun, jedes Wort ueberlegend, die Favoritin: "Nach allem,
+was mein gnaediger Herr eben eroertert, deucht mich: Im Vorteil waere das
+Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine
+bestimmte Frist festgelegt werden wuerde und Bayern sich verpflichtet,
+genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszufuehren. Zugleich
+soll Salzburg darauf hinwirken, dass nur das Stiftsland den Preis
+steigern koenne, Bayern hierauf aber keinen Einfluss habe."
+
+Ueberrascht rief Wolf Dietrich: "Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer
+hoert viel auf seine Raete und deren einer wird doch wohl solches Fusseisen
+finden! Richtig ist, dass mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies
+auch der Kaiser thut."
+
+"Will mein gnaediger Herr das nicht naeher auseinandersetzen?"
+
+"Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl
+eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben
+Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen."
+
+"Weiss das der Bayernherzog?"
+
+Wolf Dietrich zuckte die Achseln: "Ob er es weiss, ist mir nicht bekannt;
+ich glaube nicht, dass von dieser Urkunde eine Abschrift nach Muenchen
+gekommen ist."
+
+"Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnaediger Herr nach eigenem Willen
+vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muss. Bayern muss
+Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz
+nicht verschleissen, so ist das seine Sache, an Salzburg muss er dennoch
+zahlen."
+
+"Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedraenge kommen, so der Preis
+des kaiserlichen Salzes in die Hoehe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es
+ist kaum zu denken, dass Bayern solche Moeglichkeiten nicht bedenkt!"
+
+"Darauf kann es mein gnaediger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt
+man nach Muenchen freundlich und proponiert die Festlegung des
+Salzbezuges fuer eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so
+sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muss er sich bestreben,
+sein Absatzgebiet fuer das uebernommene Salz zu vergroessern"
+
+"Bewunderungswuerdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer
+Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist
+feiner, die Moeglichkeit besteht, dass des Herzogs Raete die Gefahren im
+neuen Vertrag uebersehen. Wenn nicht, dann muss ich freilich nach meinem
+alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist
+genehm."
+
+Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit ueber und
+erzaehlte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.
+
+Salome interessierte sich hierfuer ersichtlich mehr, weshalb der Fuerst
+sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, dass der
+Papst Klemens die Guete hatte, den Salzburger Erzbischof einen "seltsam
+geschwinden Kopf" zu nennen.
+
+Salome warf ein: "Das ist doch weiter nichts Schlechtes?"
+
+"Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der
+freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzaehlt haben, auf dass
+der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als
+ein "periculosum ingenium" betrachten--"
+
+"Was heisst das?" fragte Salome.
+
+"Man kann es verdeutschen mit 'gefaehrlicher Kopf'!"
+
+"Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue
+Papst nicht schlimme Absichten heget."
+
+"Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den
+Vorgaengen schliessen zu sollen, dass man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem
+wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen."
+
+"Lasst sie blasen, gnaediger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein
+klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen truegerischer
+Hoffnungen. Der Fuerst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten
+Hut!"
+
+Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Ueberraschung, dass Salome so schnell auch
+hier den Kern der Sache erfasste.
+
+"Hab' ich recht geraten?" fragte die kluge Frau.
+
+"Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist
+meine Hoffnung, ich kann damit nicht laenger hinterm Berge halten. Der
+Erzbischof Wolf Dieter wird--nicht Kardinal!"
+
+"Das wird der Uebel groesstes noch nicht sein. Schlimmer waer' ein Streit
+mit Bayern und dem Kaiser!"
+
+Trotzig rief der hochfahrende Fuerst: "Kommt dazu es jemals, stell' ich
+meinen Mann und werd' das Schwert zu fuehren wissen. Doch nun genug der
+leidigen Politik, es giebt schoenere Dinge noch auf Erden, und meiner
+Salome dankbar die Hand zu kuessen, will mich ein schoenes Ding beduenken."
+Galant kuesste der Fuerst die schmale Rechte seiner Herzensdame und
+geleitete Salome in ihre Gemaecher, wo er laengere Zeit verblieb.
+
+Wochen vergingen. Zur grossen und angenehmen Ueberraschung war Bayern auf
+den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung
+erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu
+merken, uebervorteilen lassen, und allen Einfluss bei der Steigerung des
+Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu
+spaet erkannte man in Muenchen den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag
+nicht rueckgaengig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um
+seinen Salzverschleiss zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim
+zu grossen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Bruecke bei Vilshofen
+der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch
+Erbauung einer Bruecke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm
+gelegt wurden. Natuerlich protestierten beide Staedte, und Prachatitz in
+Boehmen, der Hauptplatz des sogenannten "goldenen Steiges" nach Boehmen,
+wohin das Salz von Passau aus ging, schloss sich dem Protest an, man
+klagte beim Reichskammergericht in Speyer.
+
+Einstweilen konnte dieser Prozess dem Erzbischof von Salzburg
+gleichgueltig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der
+Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun
+auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische
+Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den
+Vertrag mit Bayern bestaendig billiger als das aus den Werken von
+Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das
+kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem
+Erzstift, dass es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren
+konnte.
+
+Kaiser Rudolf unterstuetzte daher die Klage Regensburgs beim
+Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller
+Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr
+verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das
+Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu loesen.
+
+Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, dass Wolf Dietrich
+abermals und zur grossen Ueberraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der
+Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Glaeubigen hielt,
+von welcher der Chronist berichtet: "Er (der Erzbischof) ist ainesmales
+ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von
+wegen des Tuergkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig
+stuendigen Gebet ganz treulich und vaetterlichen vermant, auch wie hoch
+und gross das von Noetten und wie grossen Nuzen man damit, wo solches mit
+Andacht beschicht, koenne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung
+habe und was vor alten Zeiten solches gewuerkt und ausgericht habe. Auch
+ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Tuerggen-Gebet taeglich umb die
+zwoelfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit
+abdoecken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches
+Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hueet;
+ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen muessten, oder wie sie es
+darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch
+mit der Weil wider verloren, aber leuetten thuet man noch."
+
+Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an
+Reich, Kaiser und Tuerkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte
+eine jaehe Sinnesaenderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um ueber
+ein Hilfsgesuch des Kaisers fuer den Tuerkenkrieg zu beraten, und zu
+dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Raete entsendet.
+
+Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den groessten
+Zorn hervor und setzte seinen ohnehin "geschwinden Sinn" in lebhafteste
+Bewegung. Ein Kurier musste mit unterlegten Pferden zum bayerischen
+Kreistag reiten und den salzburgischen Raeten das Abberufungsschreiben
+einhaendigen.
+
+Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestuerzt ob des bruesken Vorgehens des
+fuerstlichen Nachbars, bemuehte sich, die salzburgischen Gesandten zum
+Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rueckten
+schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten
+Hofraete vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam
+an den Kaiser senden und ihn um Zuruecknahme des Speyerer Urteils bitten
+lassen.
+
+Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hoeren, seinen Vorteil nicht
+aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die
+Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstuetzen. Verweigere dies
+der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Tuerkenhilfe nicht bewilligen.
+
+Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das groesste Aufsehen im Reiche
+hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands ueber das beispiellos
+kuehne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen
+Fuersten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in
+jener Prozessangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.
+
+Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die
+Erkenntnis des Fuersten, dass Bayern doch auch empfindliche
+Schwierigkeiten bereiten koennte, zumal die Uebervorteilung immer
+offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag
+liess er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, dass er dem
+Kaiser wohl Unterstuetzung gewaehre, jedoch nicht in der verlangten Hoehe.
+Auf Salzburg trafen naemlich 844 Mann Tuerkenhilfe, der Erzbischof
+gewaehrte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen
+marschieren duerfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant
+befehligt werden muessen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die
+Majoritaet des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine
+Gesandten ab.
+
+Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gaenzlich die Hilfe zu
+versagen, immer weniger zu gewaehren als gefordert wurde, um dadurch auf
+den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuueben.
+Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, dass _durch Salzburgs
+Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschuettert wurde_.
+
+Kaiser Rudolf spuerte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch
+war; er fand es geraten, eine Verstaendigung anzubahnen ueber die
+Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger
+seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.
+
+In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und
+salzburgische Hofraete zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen
+neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo
+verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja dass man
+der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen duerfe, als diese selbst
+verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des
+kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Boehmen einigermassen fuer
+den Kaiser ertraeglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb
+gestattet werden, selbst jaehrlich 250000 Kufen von Bayern zu
+festgesetztem Preise und fuer bestimmte Staedte in Boehmen zu beziehen; von
+jeder dort eingefuehrten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fuenf
+Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber moeglichst vermieden
+werden.
+
+Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.
+
+Wolf Dietrich beschloss daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser
+begreiflich zu machen. Schon frueher einmal hatte der Erzbischof sich mit
+dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform
+des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf
+dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkaempfer des
+Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung
+des Kaisers in der Salzfrage veranlassten den Fuersten eine Schwenkung zu
+vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der
+protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den
+Frieden mit den Tuerken unbedingt zu befuerworten, obgleich die Lage der
+Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.
+
+Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander,
+die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemaess den kaiserlichen
+Wuenschen sogleich entgegen, sie verzoegerten die Beratungen unter
+Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den
+gleichfalls dissentierenden Pfaelzern.
+
+Als aber die Mehrheit fuer die Bewilligung einer Geldhilfe nach
+Roemermonaten[16] entschied, erklaerten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die
+Hilfe freiwillig sei, so koenne niemand ueber sein Vermoegen hinaus zu
+Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluss sei also fuer
+Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig
+Roemermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich
+verpflichte, diese Tuerkensteuer erst nach Ablauf der frueher bewilligten
+zu verlangen, und wenn ausserdem auch die Reichsritter, die Hansa und die
+auslaendischen Staaten zu Leistungen herangezogen wuerden, so erklaere sich
+Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht
+Roemermonaten bereit.
+
+Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen
+Erklaerung, ueber die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fuegen,
+ueber die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses
+seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen musste um so groesser werden,
+als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und
+Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschuetterte die Grundlage des
+Reichs.
+
+Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die
+Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher
+Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts aendern. Er bemuehte sich
+jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich
+nur mit dem Resultat, dass Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kaemen
+die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Buerde auf sich,
+weil er wuensche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.
+
+Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thaetig, er
+urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die
+Zusicherung, dass die Ratifizierung in spaeterer Zeit erfolgen werde, weil
+der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten koenne.
+
+Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Liess Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
+in beweglichen Worten klagen, dass er gerne alles Menschenmoegliche
+leisten wuerde, aber nichts Namhaftes bewilligen koenne, weil in des
+Erzstiftes "armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
+abgefallen seien",--zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
+Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eroeffneten Quellen,
+wie er auch fuer sich, Salome und den inzwischen erfolgten
+Familienzuwachs, sowie fuer seine nach Salzburg berufenen Brueder in
+ueberreichem Masse sorgte und Kapitalien anhaeufte, die zinsbringend
+ausgeliehen wurden.
+
+Wo immer es angaengig ward, wurden alte Haeuser, Keuchen und Huetten
+angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
+am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
+uralte mit der "Freyung" begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
+abgebrochen und dadurch verschwand fuer immer die kaiserliche Freyung,
+die einem Totschlaeger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
+gewaehrte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
+Dietrichs Werk, ebenso der "Neubau", welcher zur zweiten Residenz
+bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
+des Fuersten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
+vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des oefteren. Fuer
+seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
+noerdlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Haeuser standen, die
+geschleift wurden, einen grossen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
+verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brueder,
+Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
+wohlgezaehlten achtzehn Wagen voll Schaetzen in Gold und Silber nach
+Schwaben ab. Im Zorn liess Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreissen
+und der Erde gleich machen. Unzaehlig sind die Verschoenerungs- und
+Verbesserungsbauten, die maehlich der Stadt einen anderen Charakter zu
+verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
+verwirklichen, Salzburg veraenderte sein Stadtbild und nahm ein
+italienisches Gepraege an durch die Neubauten, es gewann den
+eigentuemlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mussten
+fuenfundfuenfzig Haeuser verschwinden, um praechtigen Neubauten Platz zu
+machen.
+
+Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu ueberwinden, so sie
+seinen Bauplaenen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso grosse
+Energie wie Faehigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
+prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fusse des
+Moenchsberges erstreckte sich bis zum Buergerspittel eine dem Stift Skt.
+Peter gehoerige Flaeche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
+Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
+Fruehling bis auf Georgi war es den Buergern Salzburgs gestattet, in
+diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
+konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
+aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
+hindurch bis zum naechsten Fruehling.
+
+Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Buerger hatten die
+Erlaubnis ersehnt, die Rueckseiten ihrer Haeuser zu oeffnen, auf dass sie
+Fenster und Thueren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
+den Frongarten Gewinn erzielen koennten. Die Benediktiner wollten von
+solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Buerger beim
+Fuersten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
+wusste Rat. Auf sein Geheiss boten die beteiligten Buerger die Reichung von
+Burgrechtspfennigen an, wofuer richtig die Moenche die Oeffnung der Haeuser
+der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
+Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
+erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
+Frongartens fuer seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
+Benediktiner zoegerten, sie mochten wohl Unheil wittern.
+
+Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, liess monieren, und erreichte
+sein Ziel. Sofort liess er einen langen und breiten Tummelplatz zum
+Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
+Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr spaeter
+kam es dazu, was die Patres befuerchtet hatten vom Anbeginn: der
+Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
+ihm gehoerende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.
+
+Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
+willigten ein. Nun gab der Fuerst seinen Unterthanen den ganzen Garten
+das ganze Jahr hindurch frei, liess im Winter dortselbst einen Steinbruch
+eroeffnen, aus dessen Material der grosse herrliche Marstall erbaut wurde,
+ein Meisterwerk der Baukunst.
+
+Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
+Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
+Opfer zurueck. Und gluecklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plaenen und
+Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
+Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwaermte. Ein
+Fuerst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem duesteren wuchtigen Dom
+mit den fuenf Tuermen keine Freude haben. Des oefteren klagte Wolf Dietrich
+in stillen Stunden seiner Salome, dass er sich nicht Rats wisse, wie
+Salzburg einen schoenen Dom bekommen koennte, ein Gotteshaus nach seinem
+Geschmack.
+
+Und Salome, die kluge Frau, wusste da auch keinen Rat, denn an einen
+Abbruch des zwar duesteren, doch immer majestaetischen alten Domes konnte
+im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Buerger,
+die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
+zweifellos enormen Kosten.
+
+Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
+steife Kaelte. So zart Salome gewesen, an einer froehlichen Schlittenfahrt
+in warmer Pelzumhuellung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
+frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
+in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
+und Kuemmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
+erzbischoeflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
+Kuechenpersonal bereitete Mahl eingenommen und froehlich gezecht. Salome
+zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
+Luft hatte sie erquickt, und als fruehzeitig der Abend sich ins stille
+Gelaende senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwaermten
+Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am naechsten Tage nach
+Salzburg zurueckzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
+vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kaemmerer, welche
+freilich lieber ins Palais gekehrt waeren, devot verkuendeten, dass
+Nachtquartier bereit gestellt, die Raeume gut geheizt werden koennten, so
+wurde die Uebernachtung beschlossen.
+
+Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
+es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weissstarrend, im Silberlicht
+schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.
+
+In der Stadt waren die letzten Zecher laengst aus der Trinkstube in ihre
+Haeuser zurueckgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
+durch die Fenster.
+
+Vom Dom kuendete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsaeule
+aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
+Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
+knisterte es, bald zuengelten Flaemmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
+Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
+nach dem andern auf, bald gluehten alle fuenf Tuerme des Domes, das Feuer
+leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidaecher
+zum Schmelzen, die gluehende Masse floss zischend an den Quadermauern
+nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heissen Gischt. Die
+Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.
+
+Nun wurde es lebendig in den Haeusern des Domviertels, der Schreckensruf:
+"Der Thuemb brinnet!" brachte die Buerger auf die Beine. Der
+Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.
+
+Die ungeheuere Flamme lohte zum naechtlichen Himmel und schon flogen
+feurige Braende hernieder zu den Daechern der umliegenden Haeuser und auf
+die Residenz.
+
+Die Hitze war so gross, dass niemand sich der Brandstaette naehern konnte;
+man musste warten, bis das gluehende Blei voellig abgeflossen sei.
+Inzwischen bemuehten sich die Buerger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
+die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Haeuser und die
+Residenz zu retten.
+
+Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
+Altaere, Schmuckgegenstaende, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
+ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
+begreifliche Beschaedigung einzelner Pfeifen.
+
+Im Jammer um das verlorene, maechtige Gotteshaus erinnerten sich die
+Salzburger ihres Erzbischofs und Fuersten und schickten nach ihm in die
+Residenz, auf dass der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
+anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstaende getragen werden
+sollen.
+
+In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fuerst weilte
+zudem auswaerts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
+Gut zusammenzuraffen in der Angst, dass auch noch das Palais werde ein
+Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.
+
+Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fuersten das grosse
+Unglueck eiligst zu vermelden, der Mann musste in bitterkalter Winternacht
+hinaus auf die Strasse gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
+Gefolge wachzubringen, auf dass dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.
+
+Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstaette das Erscheinen des
+Landesherrn.
+
+Die Tuerme stuerzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
+richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
+Funken erloschen auf den schneebedeckten Daechern der umliegenden Haeuser.
+
+Endlich jagte ein Reiter ueber die Salzachbruecke und kam im Galopp zur
+Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
+alles fragte nach dem Erzbischof.
+
+Der erschoepfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
+nur mit Muehe den erschreckten Gaul meistern.
+
+"Wo ist der Fuerst?" hiess es.
+
+Heiser rief der Meldereiter: "Er kommt nicht!"
+
+Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
+konnten, dass der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
+durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
+Not.
+
+Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
+dem ueberraschenden Ergebnis, dass der Bote meldete, der Erzbischof, vom
+Kaemmerling aufgeweckt, habe gesagt: "Brennt es, so lasse man es
+brennen!"
+
+Das war den Buergern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
+Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgueltigkeit Wolf Dietrichs
+gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
+ausgesprochen, dass der Erzbischof, von dem es bekannt war, dass er den
+Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
+verursacht habe! Geschaeftige boshafte Zungen verbreiteten das Geruecht,
+das Feuer sei im erzbischoeflichen Oratorium entstanden, der Fuerst haette
+dort einen brennenden Wachsstock zurueckgelassen, und dadurch waere erst
+der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.
+
+Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
+diese gehaessige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
+verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und Muenchen, wo man,
+dem Fuersten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
+nach Rom uebermittelte.
+
+Am naechsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurueck. Seine ruhige
+Haltung verstaerkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
+Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden liess.
+
+Auf sein Geheiss wurden die geretteten Gegenstaende bei Skt. Peter und in
+der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
+abgehalten werden konnte, liess Wolf Dietrich sogleich einen hoelzernen
+Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fuerder
+celebriert werden musste. Die Hochaemter und Predigten wurden bei Skt.
+Peter abgehalten.
+
+Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
+nicht anders sein, als dass auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
+fuerchterliche Verdacht einer fuerstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
+Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
+diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.
+
+Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
+zur Entkraeftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
+Dietrich eine Audienz.
+
+Lamberg traf den Fuersten uebelgelaunt, fast bereute der treue Freund,
+sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwaegung, dass
+der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten duerfe, gab den Ausschlag.
+
+Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
+Kapitulator forschend an. "Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
+Kunde von Prag eingelaufen?"
+
+"Nein, Hochfuerstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
+ich unterbreiten moechte unserem gnaedigen Herrn."
+
+"Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wuesste nicht, was ansonsten Neues zu
+vermelden waere in meiner Stadt!"
+
+"Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
+will gefaehrlich erscheinen."
+
+Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
+durchdringend. "Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
+hindern!" meinte der Fuerst dann geringschaetzig.
+
+"Mit Vergunst, gnaediger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
+gefaehrlich werden."
+
+"Wohinaus will Lamberg zielen?"
+
+"Ein Ziel moechte ich gesetzt wissen einer niedertraechtigen Verleumdung,
+die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiss."
+
+"So zuengelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Hoehe? Pah, ein
+Tritt und es endigt schmaehlich solch' Gewuerm!"
+
+"Will mein gnaediger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
+verstatten?"
+
+"Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!"
+
+"Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
+vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
+deucht mir ein Akt fuerstlicher Noblesse und politischer Klugheit
+zugleich."
+
+"Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fuerst und
+Herr zu thun und lassen habe?!"
+
+"Mit nichten, Hochfuerstliche Gnaden! In Treuen nur waer' meine
+unterthaenige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
+eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen."
+
+"Ha, capisco! Dass ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
+mir wohl anjetzo eingekerbt?!"
+
+"Viel schlimmer, gnaediger Herr!"
+
+"Wie?"
+
+"Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Fluegel hat gefunden und
+zweifelsbar das Ohr haemischer Freunde zu Muenchen erreicht haben duerfte."
+
+"Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdaechtigt?"
+
+"Der Brand...."
+
+"Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
+nieder!"
+
+Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, waehrend Wolf Dietrich mit
+hastigem Schritt das Gemach durchmass. Zurueckkehrend war der Fuerst
+ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: "Niente di
+male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
+das heisse Blut."
+
+"Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?"
+
+"Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdaechtigen mich, den Thuemb
+wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
+nicht...."
+
+Jetzt rief Lamberg ueberrascht: "Wie? Hochfuerstliche Gnaden finden solch'
+infamen Argwohn entschuldbar?"
+
+"Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, dass
+widerwaertig ist mir das alt' Gebaeu des Thuembes! Wissen das die
+Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, dass Missgunst ward
+zum Brandstifter."
+
+Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Ueberraschung
+nicht zu verbergen, und ueber diese Anzeichen seiner Verblueffung zeigte
+sich Wolf Dietrich amuesiert.
+
+"Gnaediger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schiessen
+lassen?"
+
+"Nein! Doch weiss ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
+abgehauen wird des Giftbaumes zaehe Wurzel!"
+
+"Mit Vergunst, die Stelle fuer die trennend' Axt kann ich bezeichnen!"
+
+"So sprich, teurer Freund!"
+
+"Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
+Domes."
+
+"Das haessliche Gebaeu restaurieren? Das ist fuerwahr nicht nach Geschmack!"
+
+"Es bleibt kein ander Weg, gnaediger Herr! Was spaeter wird, mag
+vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft."
+
+"Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
+Tuerme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
+einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen."
+
+Froh dieses Erfolges, den wankelmuetigen Fuersten umgestimmt zu haben,
+konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.
+
+Wolf Dietrich hielt Wort; er liess von welschen Maurern ein Dach aus
+Estrich und Moertel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
+geblieben. Diese Vorkehrungen besaenftigten die Murrenden, der Verdacht
+schlummerte ein.
+
+Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fuerst; wie
+im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
+Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
+der Regen sickerte durch das duenne Mauerwerk, es begann ein stetig
+Abbroeckeln, und eines Tages stuerzte ein grosser Teil des Notdaches ein.
+
+Nun hatte Wolf Dietrich den gewuenschten Vorwand. Was an Altaeren im Dom
+noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
+die Gruefte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
+Kirchen provisorisch untergebracht.
+
+Die Salzburger errieten maehlich des Erzbischofs Absichten und begannen
+zu murren. Da erliess Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, dass er als
+Erzbischof--nicht verantworten koenne, das Leben der Dombesucher einer
+Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Masse gefaehrlich baufaellig
+und muesse daher abgetragen werden.
+
+Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
+massigen Quadermauern, worueber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
+Ziel doch erreicht,--der alte haessliche Dom niedergelegt, der Platz bis
+auf den Grund geraeumt.
+
+Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
+erbauen.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch,
+seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen
+Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailaender
+Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt.
+Baumeister des Fuersten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persoenlichkeit
+am Hofe des baulustigen Erzbischofs.
+
+Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach
+nur Italiener zur Wuerde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu
+Einfluss zu gelangen. Indes hielt der Fuerst in politischen
+Angelegenheiten doch am bewaehrten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten
+damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs
+entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie
+ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofraete bekamen dann die missliche
+Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu
+wirken und den verfahrenen Karren wo moeglich wieder ins Geleise zu
+bringen.
+
+Ein Sprung dieser Art war das ploetzliche Angebot an Kaiser Rudolf II.,
+dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus
+den Waeldern des salzburgischen Pfleggerichts Huettenstein zu versorgen.
+Natuerlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr sproeden Fuersten
+den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofraete, welche
+sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer
+unfasslichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen
+Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, dass der
+Fuerst eine Annaeherung an den Kaiser wuenschte, und mit Muehe setzten die
+Raete bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschliessung die Klausel durch,
+dass es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben,
+wenn Oesterreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Boehmen
+hindern oder sperren wuerde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag
+geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem
+Kaiser auf guten Fuss, verdarb es aber dementsprechend mit dem
+bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte,
+als den geglueckten Versuch, dass Salzburg sich den ungehemmten Ausgang
+des Halleiner Salzes nach Boehmen sichern wollte.
+
+Das fuerstliche Geschenk musste zu Muenchen geradezu verblueffen, und zwar
+im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fuersten auf Reichstagen ueber
+Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem
+Kaiser die erbetene Hilfe in der gewuenschten Hoehe verweigern zu muessen
+erklaert hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen
+Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch uebertrumpfte, als in
+Muenchen bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der
+Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de
+Mendoza empfing und mit einer Pracht und Ueppigkeit bewirtete, die den
+Admiral veranlasste, zu verkuenden, dass der Erzfuerst von Salzburg nicht
+nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den
+Kirchenfuersten Deutschlands sein muesse.
+
+Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte,
+wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner
+wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels
+Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche
+Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfuellung jener
+Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der
+Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit uebernommen.
+
+Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation
+nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn
+auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zaehlen, der doch als
+Kapitular dem Kapitel angehoerte. Der Fuerst fand den ersehnten Ausweg,
+indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der
+gewaehlte Erzbischof uebt die Regierung aus, also ist er vollkommener
+Nutzniesser und Herr aller Einkuenfte, Regalien und Gefaelle des Erzstiftes
+gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Buerden; der regierende
+Fuerst koenne also auch mit etwaig erspartem Vermoegen bei seinen Lebzeiten
+frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen
+verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an
+Gebaeuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift
+anheimfallen.
+
+Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertroestung auf die Erbschaft
+vermochte der kluge Fuerst thatsaechlich das Kapitel zu einem
+diesbezueglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen
+sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Draenglern Ruhe zu bekommen. Das
+Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muss warten, bis der
+regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als
+Nachlass, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit
+hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel
+bis auf die noergelnden alten Domherren ebenso gut bewaehrt, wie die vom
+Fuersten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im
+Stadtrat. Dort hatte Buergermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz
+machen muessen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persoenlichkeit
+ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit
+Buergern besetzt, ueber deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel
+obwalten konnte.
+
+Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Tuerkensteuer, welche der
+Fuerst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewaehrte, voll in der Hoehe
+der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Ueberplus dem
+fuerstlichen Fiskus eingeliefert.
+
+Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fuersten
+zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Noergler an seinen
+Beziehungen zur schoenen Frau unter der Buergerschaft wurden immer
+weniger, sie fanden das Verhaeltnis zwar nicht in Ordnung, doch
+imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten
+des Fuersten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die
+Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstoessig
+empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es
+ueberhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes fuer Wolf Dietrich und
+Salome, deren Wohlthaetigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.
+
+Im trauten Zusammensein mit Salome ueberkamen aber doch den Fuersten
+manchmal truebe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer
+wieder wachriefen, Berichte ueber Bayerns stetige Versuche, den
+Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhaeltnisses zu Salome wegen.
+
+In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, dass
+kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfasslich das Zoegern Roms.
+"Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekraenkt dadurch mein treues
+Weib, nicht eingeloest mein fuerstlich Wort, entbehrt der Bund des
+kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig
+Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich
+ueberdruessig, saeh' lieber ein feindlich Andringen!"
+
+Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu
+troesten ueber das Ungemach, das schliesslich ja nicht unverdient genannt
+werden koenne.
+
+Im Gefuehle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: "Das sagt
+Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich
+gebrochen?!" "Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt
+heiss die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im
+innerst Fuehlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle
+eracht' ich es als hoechste Pflicht, zu unterordnen mich den hoeheren
+Geboten, zu fuegen mich und alles verhindern nach Kraeften was gefaehrden
+koennte Thron und Leben meines gnaedigen Herrn!"
+
+Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und kuesste
+die weisse Stirn Salomens.
+
+Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: "Mein
+gnaediger Herr! Ein Wort im Vertrauen moege mir verstattet sein!"
+
+"Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr fuer dich!"
+
+"In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den
+Hintergrund. Als Mutter aber muss ich fuer unsere Kinder nach meinen
+Kraeften sorgen--"
+
+"Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, dass
+Ursach' ist zur geringsten Klage?!"
+
+"Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fuerstlich ist zu nennen die
+Fuersorge fuer mich und die Kleinen. Allein der Blick muss weit hinaus sich
+richten...."
+
+"Ich verstehe maehlich! Geurkundet ist bereits, dass fuehren wird jeder
+Spross aus unserem gluecklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt fuer
+unseren Erstling Wolf wie fuer unsere andern Kinder!"
+
+"Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Goenner! Geurkundet hat der
+Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt
+solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen
+Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?"
+
+"Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich koennt'
+kalt dies lassen!" erwiderte in trotziger Geringschaetzung der Fuerst.
+
+"Doch nicht, gnaediger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein,
+anzuerkennen solche Urkunde"
+
+Ueberrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wusste nicht im Augenblick,
+wohinaus Salome wolle. "Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht
+nicht wohl aus!"
+
+"Nicht Salzburg haette ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!"
+
+"Der--Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fuerwahr ins
+Staunen!"
+
+"Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiss dies nicht. Ein bittend Wort,
+mein' ich, und gerne wird des Reiches hoechster Herr betaetigen des
+Stiftsherrn Urkund'----!"
+
+"Hm!" Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmueckten
+Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm beruehrt von den Plaenen
+Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhaeltnis Salzburgs zum
+Kaiser sehr erschwert. Ist der Fuerst in diesen Tagen persona grata bei
+Rudolf, es kann solche Beziehung sich aendern binnen wenigen Tagen, und
+von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spuert Wolf
+Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht
+nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fuerst: "Solch' wichtige Sache
+will ueberlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug'
+behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!"
+
+"Wie mein gnaediger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht,
+es moege nicht zu lang gezoegert werden, wasmassen vom Herzog Max nicht
+viel des Guten zu versehen ist!"
+
+"Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Ruecken kaempft und salzhungrig ist!"
+
+Salome kannte den Fuersten zu genau, um in Momenten solcher
+Geringschaetzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur
+das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht wuerde. Die kluge Frau wollte
+aber auch nicht beitragen, die Missachtung und Unterschaetzung eines
+gefaehrlichen Gegners zu foerdern, und so beschraenkte sich Salome darauf,
+den Gebieter zu bitten, die fuer die Kinder wichtige Angelegenheit nicht
+aus dem Auge verlieren zu wollen.
+
+Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine
+Apartements zurueck. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben
+gebracht, konnten die Laune des Fuersten nicht verbessern. Lamberg
+berichtete, dass der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der
+Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und
+katholischen Staenden ausgebrochenen Streitigkeiten, und dass bisher die
+Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die
+protestantische Bewegungspartei habe nun die "Union" errichtet, eifrige
+Katholiken seien daran, als Gegengewicht die "Liga" zu gruenden, und so
+frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten duerfen
+oder nicht.
+
+Das umfangreiche Schreiben schloss mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es
+unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend
+welchen Ausdruck zu geben.
+
+Wolf Dietrich erfasste sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und
+ueberlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend
+aus der Hand zu legen, wobei der Fuerst murmelte: "Will der Bayer und
+sein Anhang die Liga, soll er sie gruenden, ich thu' nicht mit; habe
+genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der
+Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Koepfen! Wolf
+Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fuenfte Rad am
+Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen
+Jesuiten-Max dazu!"
+
+Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit
+ward mit keinem Wort erwaehnt.
+
+Es schien, als haette Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Aerger vom
+Halse weggeschrieben, in fast froehlicher, zum mindesten aber boshafter
+Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob
+der Veraenderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.
+
+Der Fuerst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf
+ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. "Willst wissen, Geliebte, was
+meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein koestlich Erinnern!"
+
+"Betrifft es mich, gnaediger Herr?" fragte, schalkhaft werdend, Salome.
+
+"Ging es nach Maxens Sinn, koennt' es schon sein!"
+
+"Wen meint mein Gebieter mit sothanem 'Max'?"
+
+"Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gruenden,
+der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in
+Erinnerung, was Maximilian Praechtiges geleistet, excellentissime!"
+
+"Und das waere?"
+
+"Der Herzog fuehrte Krieg gegen--der huebschen Weiber kurze Roecke und
+poente die nackten Knie seiner Bergbauern!"
+
+"So streng soll der Bayern-Herzog sein?"
+
+"Noch mehr! Er giebt Fanggeld fuer Ehebruch-Denunzianten! Muss lieblich
+Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswuechsen mutet man mir zu,
+die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das
+Erzstift. Koennen lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, lass deine
+kleinen Fuesschen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome
+gepoent, verliert den schoenen Kopf!"
+
+Die Favoritin staunte ueber solche Spottlust, die Wolf Dietrich
+ueberkommen; der Fuerst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm
+den Kopf roetete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger
+wurde, und Salome nuetzte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige
+Fragen einigermassen ueber die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu
+orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spoettelt, kann es mit der
+Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch
+Salome nicht schwer.
+
+Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet
+ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz ueberwunden, Beduerfnis, seine
+Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in
+lateinischer Sprache der Dame unverstaendlich, Salome musste sich aufs
+Raten verlegen und deutete das "aut Caesar aut nihil" dahin, dass der
+Gebieter entweder zu oeberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun
+wolle.
+
+Die weiteren Bemerkungen des Fuersten bekraeftigten diese Auffassung: "Wo
+der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit,
+wasmassen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Sueden. Die
+Vorherrschaft gebuehret aber dem Erzstift, ich bin Primas von
+Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!"
+
+Vorsichtig fragte Salome: "So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft
+im Erzstift an?"
+
+Hoehnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: "Soll er wie er
+will und mag! Wird ihm nichts nuetzen, an meiner Thuer ist ein tuechtiger
+Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!"
+
+"Mein gnaediger Herr spricht in Raetseln!"
+
+"Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins
+Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Oesterreich
+kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem
+Kapitel aufgestellte Statut schliesst die Wahl von bayrischen und
+oesterreichischen Prinzen fuer immer aus. Das ist der Riegel vor der porta
+salisburgensis, von dem ich gesprochen!"
+
+Aengstlich fragte Salome: "Musste das sein?"
+
+"Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein
+Recht darauf, seinen Herrn und Fuersten nach eigenem Gutduenken zu waehlen.
+Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwaehlet, so soll es
+fuerder bleiben, und fuer hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron
+verschlossen!"
+
+"Was sagt der Bayer zu solchem Statut?"
+
+"Kaum, so will mich duenken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in
+Inneroesterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es aendern,
+wenn sie koennen! Zwang zur Wahl ist exkludieret!"
+
+"Und was wird man sagen, wenn mein gnaediger Herr der Liga ferne bleibt?"
+
+"Was frag' ich darum?! Misslich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich
+weigert, betreiben wird er sothanen Anschluss, die Kirchenfuersten
+angehen, so den Mainzer und die Herren von Koeln und Trier, aber ich will
+nicht!"
+
+"Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?"
+
+"Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken
+haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist
+nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes
+Beduerfnis ist schaedlich ihm und dem Hause Oesterreich, weil zu sehr
+kraeftigt es den Bayer."
+
+In Salome stieg eine duestere Ahnung auf, dass dieser Sachverhalt
+gefaehrlich fuer Salzburg werden koenne, doch schwieg sie, da sie sich
+keines Ausweges sicher war und keines Rates wusste. Gewandt das Thema
+wechselnd fragte Salome: "Will mein Fuerst und Herr mich anjetzto wohl
+zur Tafel fuehren?"
+
+Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verliess das Frauengemach
+mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen
+und Kaemmerlinge.
+
+Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der
+Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, masslos
+erzuernt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Fuessen darauf.
+
+Wie der Fuerst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der
+Kirchenfuersten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen
+aus Muenchen, Mainz und Koeln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch
+die Bischoefe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf
+Dietrich der Reihe nach vorliess, ihren Vortrag anhoerte und dann mit
+ausweichendem Bescheid heimkehren liess.
+
+Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat
+Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmueller nach Passau mit dem Auftrag,
+zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche
+Majestaet vor der Liga und der damit verbundenen Staerkung bayerischer
+Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten,
+auf "dass dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten wuerden".
+
+Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine
+Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu
+praesentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern wuerde, dass Kaiser
+Rudolf nicht die Mittel fuer die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes
+zur Verfuegung haben sollte.
+
+Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das
+kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem
+schlauen Salzburger einen gewissen Rueckhalt gegen Bayern.
+
+Herzog Max fasste diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl
+gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis
+zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, dass der Salzburger es mit
+den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald
+erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur
+schweren Verdaechtigung, Rom ward verstimmt und misstrauisch, und in
+Muenchen begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das
+Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begruenden war.
+
+So tuermten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken ueber Salzburgs Himmel
+auf. Der Fuerst aber glaubte allen trotzen zu koennen und blieb blind
+gegen die aufziehenden Gefahren.
+
+Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und
+beriet sich mit Lamberg ueber Schritte zur Sicherung der Familie und
+ihrer Ersparnisse.
+
+Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kaempfe vergass Wolf Dietrich
+keineswegs seiner Bauten, fuer welche Geldmittel reichlich genug
+vorhanden waren, dank der stetig fliessenden Steuerquellen. Es fuellt die
+Aufzaehlung kleiner Bauten, Kapellen, Choere, Restaurierungen in Kirchen
+und Kloestern, Aufrichtung neuer Altaere, Kirchenfenstern von hoechstem
+Kunstwert &c. allein ganze Baende. Der Fuerst aber wollte fuer Salome einen
+eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das fuer diese Zeit
+feenhafte Schloss 'Altenau'[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an
+Salome Alt. Eine Marmortafel ueber dem Einfahrtsthore enthielt die von
+Wolf Dietrich selbst verfassten Verse:
+
+ Raittnaviae stirpis divino e munere princeps
+ Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas
+ Impatiens otii, spirans magis ardua quondam,
+ Nunc, ubi per morbos corpore deficio,
+ Has tacitas aedes fessus portumque silentem
+ Hunc mihi semestri tempore constituo.
+
+Dieses Schloss stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer
+und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentuemliches, fremdartiges
+Gepraege. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoss fuer weitere
+Bebauung dieses Ufergelaendes gegeben haben.
+
+Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben
+Toechter und drei Soehne) bisher in der alten Muenze, dem Anbau zur
+Residenz, gewohnt, uebersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses
+nach 'Altenau', und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf
+Dietrich seine Mussestunden und lebte seinem idyllischen Glueck, pflegte
+der schoenen Kuenste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer
+draeuenderen Sorgen hinter sich.
+
+Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich
+in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:
+
+ "Um dise Zeit auch hat der hochwuerdigst Fuerst und Herr, Herr Wolf
+ Dietrich ain schoens, gross, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloss
+ oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten
+ Thurn, und inwendig, auch aussen herumb, mit schoennen Gaerten von
+ allerlai Kreuethwerch, Paumbgewaechs und Fruechten geziert und versehen,
+ pauen und aufrichten lassen,--auch solchen Pau Altenauen genennt. In
+ solchem schoenen Gepeue hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich
+ oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten
+ daselbst genossen und allerlai ehrliche Freuedenspill und Kurzweil
+ darinnen getriben. Dieses herrliche, schoene, Gepeue, gleich einem
+ fuerstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die
+ Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schoen fuerstliches Werk und
+ gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet
+ vor dem Pergstrassthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu
+ Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Duerftigen
+ merklich kuenen zu Huelf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg
+ schaffen koennen.
+
+ Ich will aber darueber auch nit pergen, dass gemelter Erzbischoff im
+ Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fuergesehen, wann es
+ sich begeben.... Dieses Lob ainem Fuersten oder Erzbischoven
+ nachzusagen, ist widerumben ain ruehmliches Werk, zuedeme, so sind auch
+ vil armer Handwerchsleuet, Tagloehner und dergleichen darbei erhalten
+ worden und solcher Bau dannach etlicher Massen zue Nuz kommen, denn
+ welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen
+ recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis
+ und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib
+ von ihme, was man woell, so hoere ich, die Wahrhait zu bekennen, dass
+ ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid
+ herzlichen gewuenschet wuert, er noch vilmahls gewuenschet und begert
+ wirdet."
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Graf Lamberg, vom Fuersten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl
+in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch
+Salomens, als diese ihn in ihre Plaene eingeweiht und um seine
+Unterstuetzung gebeten hatte.
+
+Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser
+erwirkt, zur Verhuellung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad
+vorgeschuetzt.
+
+Salome mit den aeltesten, praechtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von
+zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel
+verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken,
+vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hiess, Rudolf II. sei ein
+unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsuechtig,
+auffahrend, grausam und dennoch des waermsten Mitleids beduerftig.
+
+Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens,
+erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fuerstlichen
+Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten oeffnete die Herzen vieler
+Adeliger, die darin wetteiferten, der schoenen Frau die Honneurs zu
+erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an
+eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens fuer ihren Bund
+entbehrt.
+
+Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome
+mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom
+Dienstkaemmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem
+Kaiser Meldung zu erstatten.
+
+Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, sass an einem mit Folianten
+und Geraeten ueberladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer
+Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen
+um das Reich oft vergass. Kaum hoerte der Monarch die leise gesprochenen
+Worte des Kammerherrn, kaum, dass Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort
+"Salzburg" fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie
+geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kaemmerling
+diesbezuegliche Meldung eben erstattet hatte.
+
+Ehrerbietig sprach der Dienstkaemmerer: "Frau von Altenau aus Salzburg
+bittet Euer Majestaet unterthaenigst um gnaedigen Empfang."
+
+Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten ueber die bleiche Stirne und
+murmelte: "Altenau aus Salzburg--kenn' ich nicht! Salzburg--der
+widerhaarige Fuerst--ja ich weiss--bin muede, fuehr' er den Bittsteller
+herein, soll kurz es machen!"
+
+Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kaemmerling: "Euer Majestaet
+unterthaenigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!"
+
+Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die
+Ritterlichkeit, als er hoerte, dass eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob
+sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.
+
+Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand
+fuehrend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der
+tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die
+Dame bat, sich zu erheben.
+
+Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde
+freundlicher.
+
+"Gnaedigster Kaiser und Herr!" sprach bebenden Tones Salome und richtete
+den Blick aus den suessen blauen Augen voll auf den Monarchen, "wollen
+Euer Kaiserliche Majestaet in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen
+vorbringen zu duerfen."
+
+Rudolf verstand und winkte dem Kaemmerer, sich zu entfernen. Dann sprach
+der Kaiser: "Ihr seid verheiratet? Mit wem?"
+
+Salome erbebte, der gefuerchtete Augenblick ist gekommen, das
+schreckliche Wort muss gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach
+Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: "Gnaedigster Herr und Kaiser!
+Mein Bund entbehrt--des kirchlichen Segens!"
+
+"Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!" rief Rudolf und wich einen Schritt
+zurueck.
+
+"Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhaeltnisse!"
+
+"Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie muesst Ihr zittern
+vor jeder oesterlichen Beichte!--Wer ist der Mann, der sich nicht scheut,
+den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?"
+
+Demuetig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:
+"Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnaedigen Herrn und Fuersten von
+Salzburg."
+
+"Des Erzbischofs Wolf Dietrich?" rief ueberrascht und betroffen der
+Kaiser aus.
+
+Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den
+Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kaempfte und in
+seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.
+
+"Gnade, Majestaet! Gnade fuer ein armes, schwaches Weib, die treue
+Dienerin ihres geliebten Herrn!" flehte Salome.
+
+Herb klangen des Kaisers Worte: "Gnade? Ein Leben voll Suende und Trotz,
+verachtend alle Gebote, gelebt im ueberschaeumend Uebermut der unbesonnenen
+Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das
+Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der
+heiligen Kirche!--"
+
+"Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und
+verspricht Vergebung jedem Suender, so er reumuetig Einkehr haelt!"
+
+Unwillig und erregt rief Rudolf: "Weiss der Erzbischof nichts von
+Coelibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muss das wissen, dafuer
+ist er Bischof, steht an des Klerus hoechster Spitze! Erwaehlet vom
+Kapitel, vom Papst bestaetigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfuerst, muss
+ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem
+keine Spur beim Salzburger! Fuerchtet er nicht Gottes Zorn, den
+Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?"
+
+Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfuellte ihr Herz, in
+bewegten Worten sprach die liebende, fuer ihre Kinder ringende Frau:
+"Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die
+Menschen verdammen. Mein gnaediger Landesherr hat in jungen Jahren mich,
+die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wussten wir und
+kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im
+salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und
+Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet,
+konnte doch auch gewaehrt werden dem Hoechsten im Klerus! Mein gnaediger
+Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich fueglich unterworfen,
+die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich
+unter solchem Entschluss gelitten, ich hab' es durchgerungen.--"
+
+"Ihr seid verblieben dennoch?!"
+
+"Ja, Kaiserliche Majestaet! Es ist ein Bund fuers Leben, in Treue harr'
+ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola
+nicht--"
+
+"Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hoerte--" rief
+erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.
+
+"Die Treu' muss im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fuersten, Treue
+bewahrte mir der Herr!"
+
+"Und Verdammnis wird sein Euer Los!"
+
+"In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die
+Priester paepstlicher sein als der Papst? Ist es weniger suendhaft wie
+lebet mancher Kirchenfuerst gleich dem Tuerken, der Bamberger und der von
+Koeln!"
+
+"Still davon! Man darf nicht reden ueber solche Dinge!"
+
+"Verzeihet gnaedigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da
+nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben
+schmachwuerdig? Nimmer kann ich's glauben!"
+
+Zaghaft und scheu sprach Rudolf: "Hab' recht ich Euch verstanden, so hat
+unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er
+doch die kirchliche Trauung hat vermieden?"
+
+Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.
+
+"Das mildert wohl den ansonsten boesen Fall in etwas. Und Rom hat
+geschwiegen! Was soll nun ich? Was fuehrt Euch zu mir?"
+
+Salome kniete nieder, hob flehend die Haende empor und sprach: "Des
+Kaisers Gnade moecht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund fuer--meine
+Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!"
+
+Rudolf bat wiederholt, es moege die Dame sich erheben.
+
+Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und
+hoben die Haendchen bittend empor.
+
+Dieser Anblick ruehrte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: "Was ist
+Euer Begehr?"
+
+Innig flehte Salome: "Gnaedigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer
+Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts fuer mich will ich erbitten,
+will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich
+des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den
+Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestaetigt in Gnaden die Urkund'
+meines Herrn und Gebieters!"
+
+"So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?"
+
+"Ja, Kaiserliche Majestaet! Mein Herr und Gebieter will geben seinen
+Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu
+Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnaedigster Herr und Kaiser mit den
+unschuldigen Kindern!"
+
+"Ihr habet gross Vertrauen zu mir, will mich beduenken!" sprach mild der
+Kaiser.
+
+"Mein Denken wie mein Fuehlen gilt naechst Gott des grossen Reiches
+maechtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmaechtige erhoeret ein frumb
+Geber, wird oeffnen Ohr und Herz auch der maechtige Kaiser einer innigen
+Bitte aus tiefstem Herzensgrund!"
+
+"Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Haendchen
+gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch
+den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein
+kaiserliches Wort!"
+
+Uebergluecklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie
+entziehen konnte, drueckte Salome eine Kuss der Dankbarkeit auf die
+kaiserliche Rechte.
+
+"Nicht doch! Gewaehret sei Euch die ruehrend Bitte! Und da nichts, mit
+keinem Wort Ihr fuer Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter
+ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer
+Landsassen...."
+
+"O welche Gnade, Kaiserliche Majestaet! Nicht fassen kann ich solche
+Huld, weiss der Worte nicht zum tiefsten Dank...."
+
+"Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?"
+
+"Mein gnaediger Gebieter und Herr erbaute ein Schloss mir und nannte es
+Altenau, wasmassen ich fuehre den Namen Salome Alt."
+
+"So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet fuehren zu Recht
+fuerder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott,
+kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures
+gnaedigen Kaisers!"
+
+Huldvoll gruesste Rudolf II. durch einen Haendewink, ein sonniges Laecheln
+lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.
+
+Glueckstrahlend dankte Salome nochmals und verliess mit den Kindern das
+Gemach.
+
+Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und fluesterte vor sich hin:
+"Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt
+gefangen! Doch moecht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!
+Mir grauet vor solcher Beicht'!"
+
+Des Kaisers Antlitz verduesterte sich wieder und trueb ward sein Sinn, er
+selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Haenden
+seiner herrschsuechtigen, fanatischen Umgebung.
+
+Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau
+und bestaetigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte
+ehelicher Geburt.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr
+und Kirchenfuerst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch
+seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in
+leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga
+unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs
+Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, musste das
+Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefuehl der
+Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefuehle,
+hochdenkend von eigener Wuerde und Stellung im Stiftsland wie im Reich,
+genuegte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die
+bayerische Zumutung forderte eine Antwort im hoeheren Wege, Wolf Dietrich
+erliess ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischoefen
+Salzburgs den Titel "celsissimus" (der "erhabenste") beilegte.
+
+Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen
+diese Verfuegung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmuetig
+hin; aber in Muenchen aergerte man sich ueber den "celsissimus", man
+verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die
+Liga.
+
+Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche
+Anerkennung ehelicher Geburtsrechte fuer Wolf Dietrichs Kinder bekannt
+wurde, da flammte in Muenchens Residenz die Entruestung in staerkstem Masse
+auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Suenden und
+Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der
+Hoffnung, dass der Papst willfaehriger denn der Kaiser sein werde.
+
+Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte uebrigens einen
+empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer
+nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener
+Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des
+Erzbischofs direkt schaedlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch
+auf einen Teil der herzoglichen Einkuenfte. Durch den Pilsener Vertrag
+und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu
+Ischl so sehr gefoerdert, dass es dem Kaiser moeglich ward, die Konkurrenz
+des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Boehmen, wo bisher
+Bayern den Markt beherrscht hatte, zu ueberwinden.
+
+Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im
+Nachteil, den seine Raete erst hinterdrein entdeckten. Der
+Salzverschleiss bayerischerseits ging stetig zurueck, man konnte die Masse
+Salz, welche vertragsmaessig von Salzburg zu uebernehmen war, nicht mehr
+plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein musste: er war
+gezwungen, um Minderung der Salzuebernahmen nachzusuchen, also taeglich
+nur drei statt fuenf Hallfahrten zu uebernehmen.
+
+Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte:
+"unbeschadet seiner Gefaelle", es musste daher der Herzog die Summe von
+34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefaehr dem Wert der zwei
+nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hiess es zahlen, und dabei bezog
+der Herzog nicht einmal die Salzmenge fuer seine Summe. Die Verhaeltnisse
+im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich musste um
+Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede
+Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden
+mussten.
+
+So kam es dazu, dass Herzog Maximilian an Salzburg jaehrlich 38000 Gulden
+uebergeben musste, ohne irgend etwas dafuer zu erhalten. Das mochte den
+Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.
+
+Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian raechte sich, indem er wohl
+zahlte nach Verpflichtung, doch waehlte er im Gefuehl, uebervorteilt zu
+sein, schlechte Muenze, und ausserdem machte nun auch der Bayer Gebrauch
+von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhoehung, die bei Wiederbeginn
+der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heisst die im
+Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das
+Salz in Hallein uebernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstaetten
+fuehrten, ausgedehnt wurde.
+
+Bisher war es ueblich, dass diese Salzfertiger bei Ablieferung des
+Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn fuer ihre
+Spedition und ausserdem eine Verguetung des formellen Zolles, den sie
+zuvor an die bayerischen Behoerden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem
+Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden
+belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der
+denn auch sogleich seinen energischen Protest nach Muenchen schickte und
+ganz richtig auseinandersetzte, dass nicht die Fertiger, sondern Bayern
+selbst Eigentuemer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also,
+so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und
+recht waere, von dem Eigentuemer fordern wolle, so muesste der Herzog ihn
+eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.
+
+Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres "Nein", worauf
+Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Aerger hinreissen
+liess, zu erklaeren: der Herzog koenne das Halleiner Salz nehmen oder auch
+nicht; wolle er solches beziehen, so koenne er es gegen monatliche
+Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen
+Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entruestung hatte Wolf
+Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklaerung gar nicht gedacht. Als
+Lamberg sowie die salzburgischen Raete hiervon erfuhren, war Wolf
+Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren
+bereits reif: Bayern liess dem Erzbischof kuehl, doch mit unverkennbarer
+Schadenfreude wissen, dass die Nichtigkeitserklaerung der Salzvertraege
+gerne zur Kenntnis genommen worden sei.
+
+Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spaet, den in der Uebereilung veruebten
+Fehler, und berief seine Raete, die nun einen Ausweg aus der fatalen
+Klemme finden sollten. So erregt der Fuerst auch war, er zwang sich dazu,
+die oft weitschweifigen Eroerterungen seiner Raete ruhig anzuhoeren, doch
+sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu
+Muenchen irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf
+Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Raeten zu:
+"Ich bringe mein Salz direkt nach Boehmen! Schafft mir den Baumeister fuer
+Strassenbau zur Stelle!" Und hitzig wie immer erlaeuterte der Fuerst sein
+neues Projekt: Bau einer neuen Strasse von Salzburg nach Skt. Wolfgang,
+Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu
+konstruierenden Faessern auf Saumtieren nach Boehmen. Auf diese Weise
+koenne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.
+
+Der klug ersonnene Plan wurde unverzueglich ins Werk gesetzt, Tausende
+von Arbeitern wurden aufgeboten, der Strassenbau begonnen, der bei Gnigl
+aufwaerts zum sogenannten Guckinsthal und hinueber zum Wolfgangssee
+fuehrte.
+
+Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit befluegelt von
+statten, und dieser Strassenbau musste auf fuerstlichen Befehl beschleunigt
+werden.
+
+Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplaetten kamen nur
+noch bis Salzburg, an der Einlaende daselbst wurde umgeladen, die
+Salzwagen fuhren auf der notduerftig fahrbar gemachten Strasse nach Skt.
+Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und
+Rossen stationiert worden war.
+
+Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spueren. Mit
+seinen eigenen Salzvorraeten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er
+den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit
+dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte
+sich auf die Bitte um Aussoehnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede
+Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.
+
+In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern
+erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Inneroesterreich und bei
+Kaiser Rudolf darauf drang, dass diese Machthaber das Halleiner Salz
+nicht ueber ihre Landesgrenzen lassen moechten.
+
+Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, dass der Salzhandel fuer sein Land
+von grossem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische
+Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des
+salzburgischen Salzes trotz der Ertraegnisse des Ischler Sudwerkes fuer
+Boehmen noetig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die
+Forderung Maximilians zurueck.
+
+So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Raete befuerworteten
+die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Strassenbaues, um auf
+einem, salzburgisches Gebiet nicht beruehrenden, neuen Wege das Salz von
+Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000
+Mann auf zu diesem Strassenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue
+Pfanne, um das Salz rascher versieden zu koennen[18].
+
+Kaum hoerte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch
+einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, ausserdem wurde angeordnet,
+Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von
+Boehmen--Inneroesterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig--Tirol auf
+neuen Wegen einzufuehren.
+
+So trieb ein Keil den anderen; die Raete Salzburgs und Muenchens
+verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste
+hueben und drueben, bis Wolf Dietrich gebot, dass seine Forstbeamten dem
+Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmaessige Holz nicht mehr liefern
+duerfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen
+Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehoerigen in Salzburg
+durften keinerlei Salzgeschaefte mehr betreiben unter Androhung der
+schwersten Geldstrafen.
+
+Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fuersten der
+Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte
+Maximilian zu unterstuetzen. Gesandte der Unionfuersten kamen nach
+Salzburg, die Reichsstadt Nuernberg mengte sich ein und bot dem
+Erzbischof Beistand an.
+
+Wolf Dietrich stand schon in frueheren Jahren in schriftlichem Verkehr
+mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem
+geistreichen Fuersten Christian von Anhalt, der die Seele der
+Unions-Bewegung war.
+
+Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern
+fuer guenstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur
+Union herueberzuziehen, Unterstuetzung anzubieten, und so liefen
+zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr.
+Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern
+abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.
+
+Im Palais zu Salzburg herrschte demgemaess fieberhafte Thaetigkeit und
+eine gefaehrliche, ueberreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des
+Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloss
+Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu
+besprechen, kam es doch dazu, dass Wolf Dietrich mit der Freundin auch
+den Salzstreit eroerterte und dabei sich zu Aeusserungen hinreissen liess,
+die Salome in Angst und Schrecken versetzen mussten. Die kluge,
+weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des
+Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewaehlten
+Worten vor einem Krieg.
+
+An einem Abend war es, dass nach dem Imbiss Wolf Dietrich mit Salome im
+Park von Altenau spazieren ging. Der Fuerst war erregt schon ins Schloss
+gekommen, hatte waehrend des Mahles fast kein Wort fuer die sonst
+liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel frueh auf. Nun Wolf
+Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu
+fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnaedigen
+Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.
+
+Aufbrausend, mit den Haenden gestikulierend, rief der Fuerst: "Ob schlimm,
+ich weiss es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft,
+will etzlich Faehnlein mir gewaehren, so ich dem leidig Streit ein Ende
+mache und die Propstei dem Bayer nehme."
+
+Erschreckt fiel Salome ein: "Thut das nicht, gnaediger Herr, um aller
+Heiligen Willen nicht! Es wuerd' zum Unglueck nur fuer uns!"
+
+"Was hast du zu befuerchten? Geruestet hab' ich in aller Stille,
+befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Mass ist voll und unertraeglich
+geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit
+langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der
+Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!"
+
+"O, gnaediger Herr! Verbannet solch' gefaehrlichen Gedanken! Nimmer wird
+der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anruecken mit grosser Macht und
+raechen solche That!"
+
+"Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Fuesse bringen! Ich habe
+gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann
+sein, ehe der Herzog nur ein Ross von Muenchen in Bewegung setzt!"
+
+"Grosser Gott! Verbannt den unglueckseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu
+klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein
+Feldherr und stark sein Kriegsvolk!"
+
+"Was schert mich der gruenseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als
+Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir
+bei!"
+
+"Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trueben fischen,
+Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, dass
+abfaellt das Stift von Rom!"
+
+Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge,
+und sprach: "Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich
+wechseln!"
+
+"Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnaediger
+Herr!"
+
+"Was weiss ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die
+Faehnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kuemmern mich
+nichts!"
+
+"Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug,
+verdaechtigt ist geschwind und rasch kann faellen Rom ein Urteil...."
+
+"Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen?
+Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus Muenchen
+machen ein neues Rom und die Haeuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's
+nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land
+wird nimmer bayerisch!"
+
+"O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnaediger Herr! Auch Lodron kennt die
+vielverschlungenen Pfade Muenchens! Hoert diese Herren, Fuerst!"
+
+"Ich bin muede dieses staendigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,
+Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!"
+
+In hoechster Bestuerzung vollfuehrte Salome einen Kniefall vor dem Fuersten
+und rief mit flehend erhobenen Haenden: "Hoeret nimmer auf Soldatenwort!
+Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrueckt
+der ergrimmte Bayer!"
+
+"Du siehst zu schwarz in deiner aengstlich Sorge!" sprach mild der Fuerst
+und hob Salome zu sich empor. "Die treulich Mutterliebe spricht aus dir,
+die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue
+mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!"
+
+Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: "Koennte
+verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der
+deutschen Fuersten?"
+
+"Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und
+das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als moeglich!"
+
+Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den
+kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloss. Bald darauf verliess Wolf
+Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und
+Hauptmann Auer auftragsgemaess bereits des Fuersten harrten.
+
+Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein
+Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem
+militaerischen Kleide weichen muessen.
+
+Der Fuerst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den
+Offizieren, die stumm zuhoerten und zum Schlusse in knappen Worten
+gelobten, den hochfuerstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang
+anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die hoeflichen, doch immer etwas
+aergerlichen Erwaegungen, Einwaende, und Befuerchtungen der Kammerraete und
+Domherren.
+
+Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstaende, die er seit
+langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Laecheln
+huschte ueber des Fuersten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte
+der Erzbischof: "Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher
+Waffen im Gebiet der Propstei. Die Bruecke bei Reichenhall wird bis
+spaetestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach
+Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein
+waffenfaehiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand
+wird niedergeworfen. Soviel fuer die naechste Zeit! Weitere Befehle
+erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger
+Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab!
+Gott befohlen!"
+
+Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfuellung des
+Befehles und verliessen sogleich die Residenz.
+
+Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611
+erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militaermacht wurde dem Fuersten
+der Bericht des Obristen Ehrgott eingehaendigt, eine kurze Meldung, dass
+der fuerstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergiessen vollzogen,
+die Propstei also in Haenden Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage
+beigefuegt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen
+Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fuersten zwingen solle.
+
+Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine
+baengliche Stimmung erfasste den Fuersten, eine Scheu vor solcher
+Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung muesste den Herzog masslos
+erbittern, die Reichsstaende rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf
+Dietrich doch zurueck; aber aergern moechte er den Nachbar, aergern bis
+schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der
+Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialitaet und Verstandesschaerfe
+den Herzog Maximilian gruendlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der
+Worte Salomens betreffend Ueberweisung des Salzstreites an ein
+Schiedsgericht.
+
+Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fuersten citiert und musste an den
+Herzog schreiben, dass Celsissimus Wolf Dietrich, Fuerst und Erzbischof
+von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfuerstliche Gnaden
+einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den
+durch den Salzstreit beeintraechtigten Reichsstaenden.
+
+Als dieses gefaehrliche Schreiben abgegangen, erzaehlte Wolf Dietrich im
+Hochgefuehle, durch den beissenden Spott den bayerischen Gegner grimmig
+geaergert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter
+Zwiesprache und rieb sich vergnuegt die Haende.
+
+Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestuerzte Miene und ernst klangen
+seine Worte, als er sprach: "Hochfuerstliche Gnaden, das war, submissest
+sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog
+schwer kraenken, zu einer Gewaltthat reizen muss!"
+
+Wolf Dietrich fuhr auf: "Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab'
+ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!"
+
+"Gnaediger Herr! Zum Kriegfuehren gehoert vor allem Geld, und zu viel hat
+das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die
+Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!"
+
+"Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!"
+
+Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den
+Erzbischof nur zu gut kannte und daher wusste, dass das Kapitel nicht
+einen Gulden fuer den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern
+bewilligen werde, wollte dies dem Fuersten nicht direkt sagen, immerhin
+aber versuchen, Wolf Dietrich ueber die furchtbare Gefahr die Augen zu
+oeffnen. So deutete denn Lamberg an, dass Herzog Max sich wegen Bruchs der
+Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.
+
+Der Erzbischof lachte hellauf, spoettisch erwiderte er dann: "Da kommt
+der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert,
+ein Spielball in den Haenden seiner geliebten Jesuiten, der wird froh
+sein, wenn man ihn lasset unbehelligt."
+
+"Es besteht auch die Moeglichkeit, dass Herzog Max sich nach Speyer an das
+Reichskammergericht wendet!"
+
+Wieder lachte Wolf Dietrich: "Dann kann der Bayer warten bis zum
+juengsten Tag; frueher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!"
+
+"Hochfuerstliche Gnaden glauben also, dass der Herzog sich die Wegnahme
+Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?"
+
+"Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das
+Faustpfand nicht frueher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet,
+meine Bedingungen erfuellet Punkt fuer Punkt!"
+
+Tiefernst blickte Lamberg den Fuersten an und traurig sprach er: "Dann,
+Hochfuerstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich
+sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung fuer das Erzstift, das der
+Herzog wird mit Krieg ueberziehen und--"
+
+"Und?"
+
+"Erlasst mir das harte Wort, gnaediger Herr!"
+
+"Ein echter Freund muss auch ein solches Wort offen sagen!"
+
+"Ich kann es nicht bringen ueber die Lippen. Wollen Hochfuerstliche Gnaden
+nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem
+Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer...."
+
+"Du kraechzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers
+Sieg wuenschet ueber das Erzstift!"
+
+"Gott behuete mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der
+Unterthan wuenschen den Sturz des geliebten Fuersten!"
+
+Wolf Dietrich erblasste, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen
+seine Worte: "Du glaubst--an meinen--Sturz?!"
+
+"Ich fuerchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In
+letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnaediger Fuerst und Herr! Ich
+beschwoere Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den
+unglueckseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder!
+Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers
+Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder,
+wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstossen! Und Rom verlaesst Euch,
+so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnaediger Herr! Ich beschwoere
+Euch in dieser letzten Stunde!"
+
+"Genug! Ich durchschaue dich, wie laengst misstraute ich auch dem Kapitel!
+Blasse Angst ist's, schnoede Furcht, dass kosten koennte der Krieg dem
+Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren
+Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!
+Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie
+ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den
+Bayer!"
+
+Lamberg beugte das Knie vor dem Fuersten und rief: "Nehmt mein Leben,
+Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hoert
+das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil fuer Euch!"
+
+Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: "Ich trotz' allen!
+Fuerst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und
+Kinder werd' ich zu schuetzen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring'
+den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist
+deine Freundschaft!"
+
+Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Zuege, er
+zitterte, in abgerufenen Saetzen erwiderte der schwergekraenkte Freund:
+"Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist
+Euer, gnaediger Herr, verfueget darueber bis zum letzten Heller!--Dem
+Kapitel werd' ich melden des Fuersten Begehr! Ich fuerchte...."
+
+"Ich weiss genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verraeter!"
+
+Ein gebieterischer Wink des erzuernten Fuersten, und Lamberg wankte aus
+dem Gemach. Trotz erlittener Kraenkung und Schmach wollte der treue
+Freund nach Moeglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die
+beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Toerring,
+Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und
+Welsberg an, dem Fuersten die Hilfe zu gewaehren, allein das Kapitel war
+dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus
+Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg
+bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus
+gewusst, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in
+der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue
+Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter
+Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fuerstlichen Kinder in Sicherheit
+bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloss Altenau und liess sich bei
+der Fuerstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte,
+wurde der Warner nicht angenommen, der vergraemte Fuerst liess Lamberg im
+Namen Salomes wissen, dass zu einem Empfang kein Anlass vorliege.
+
+"Jacta est alea!" fluesterte der treue Freund und kehrte ueber die
+Salzachbruecke in die innere Stadt zurueck.
+
+Wolf Dietrich liess mobilisieren; von Salzburgs Buergerschaft wurden 400
+Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfaehige Leute ausgehoben
+und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee,
+100 laengs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach
+Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und
+Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Muehlen bekam 800 Mann Besatzung, der
+Moenchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur
+Salzachbruecke schuetzten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit
+100 Mann, die Traidkaesten mit 700 Mann belegt.
+
+Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fuehlte sich Wolf Dietrich, der
+in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gaenzlich
+unterschaetzte, nicht nur sicher, er ward geradezu uebermuetig, als ihm
+gemeldet wurde, dass insgesamt 13000 Mann Buerger, Bauer und Kriegsvolk zu
+seinem Schutz in Waffen staenden. So harrte der Fuerst eines Angriffes von
+Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und
+zwar nicht mehr an den Fuersten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max
+mochte wohl ueber die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet
+gewesen sein, dass er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen
+und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.
+
+Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, dass
+Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben
+dem Erzbischof zu ueberreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu
+beseitigen.
+
+Bruesk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das
+Kapitel bereit sei, dem Fuersten Hilfe zu gewaehren.
+
+Graf Lodron erwiderte: "Gewiss ist das Kapitel bereit, den gnaedigen Herrn
+und Fuersten zu unterstuetzen!"
+
+"Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!"
+
+"Hochfuerstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine
+Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des
+eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu ueberreichen ich vom
+Kapitel beauftragt bin!"
+
+Zornerfuellt, ergrimmt ueber solche Enttaeuschung rief Wolf Dietrich: "Vom
+Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit koennt fuer Euch selbst
+behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, dass hinter meinem Ruecken wird
+verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fuerst und Herr, sich
+aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den
+alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem
+jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!"
+
+Wuerdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des
+Fuersten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: "Ich habe im
+Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache
+angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht muessig sein."
+Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebuehrenden fuerstlichen Ehren
+und ging.
+
+Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum
+Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort fuer das Kapitel
+auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis fuer die
+Widerrechtlichkeit der vom Fuersten vorgenommenen Schritte darzulegen
+bemueht war.
+
+Dieses Konzept ueberbrachte am naechsten Morgen der Untermarschall des
+Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler,
+Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung
+gab der Kanzler die Erklaerung des Fuersten ab, dass der Erzbischof das
+Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schuetzen wissen
+werde. Das fuerstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entliess
+die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, dass das Kapitel es
+besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.
+
+Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten,
+saemtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser
+Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich
+den Herzog von Bayern zu ersuchen, dass er die Gelegenheit benutzen moege,
+um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote musste auf
+flinkem Ross dieses Schriftstueck nach Burghausen bringen, wo der Herzog
+weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.
+
+Der truebe Oktobertag neigte zur Rueste, da verbreitete sich mit
+Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, dass Herzog Max
+Muehldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in
+Eilmaerschen mit 20000 Mann gegen Laufen ruecke. Ein allgemeiner Wirrwarr
+entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das aergste befuerchten
+liess, so dass Begueterte zur Flucht sich ruesteten und viele Buerger Miene
+machten, die Waffen wegzuwerfen.
+
+Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich
+so sehr, dass er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen
+in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden
+bat, ohne jedoch Zugestaendnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe
+musste der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen
+Abreise ward der Fuerst wieder ruhiger, und am naechsten Morgen dachte er
+an keine Gefahr mehr, von der Ueberzeugung durchdrungen, dass der Brief
+seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.
+
+Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und liess feierlich
+um Audienz bitten, die sofort gewaehrt wurde. Der Fuerst zeigte sich aber
+ungnaedig und befahl, es moegen sich die Herren kurz fassen.
+
+Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, fuehrte aus, dass das Kapitel den
+Frieden selbst betreiben moechte, weshalb Hochfuerstliche Gnaden erlauben
+moege, dass vier Kapitulare zum Herzog reisen duerfen.
+
+Barsch rief der Erzbischof: "Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel
+versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich
+bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange
+nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren
+moegen sich nach Hause begeben!"
+
+Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kuehl entfernten sie sich.
+
+Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die
+Kapitulare stuermischen Protest erhoben haetten. Sie schuechterte den
+Fuersten geradezu ein, und in seiner Angst liess er den eben
+heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu
+kommen.
+
+Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich
+ihn bat, zum Herzog zu reisen und ueber den Frieden zu verhandeln, zu
+welchem Zweck der Fuerst dem Dechant eine Legitimation einhaendigte.
+
+Kaum war Weittingen fort, liess der Erzbischof den Kapitular von Freyberg
+holen, klagte diesem seine Beaengstigung und bat ihn, ebenfalls zum
+Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.
+
+Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs
+Ferdinand von Inneroesterreich, worin dieser, der auf Bayern
+eifersuechtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, dass
+dadurch der Anmarsch gehemmt werden koennte, schickte Wolf Dietrich auch
+dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.
+
+Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger
+Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich
+geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei
+Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden wuerden.
+
+Demuetig schrieb Wolf Dietrich wieder zurueck, es moege kein unschuldiges,
+katholisches Blut vergossen und ein zehntaegiger Waffenstillstand
+bewilligt werden, waehrend dessen die beiderseitigen Gesandten ueber die
+Friedensbedingungen verhandeln sollten.
+
+Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom
+Herzog empfangen worden.
+
+Zur groessten Ueberraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht
+Frieden um jeden Preis, sie baten, es moege der Herzog den Urheber des
+Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.
+
+Im Flug ueberdachte Maximilian alle Kraenkungen und Schaedigungen, die Wolf
+Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, dass mit diesem Ansinnen des
+Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst fuer Bayern zu gewinnen sei.
+Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, liess die
+salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertroestete sie auf den
+naechsten Tag.
+
+Mit seinen Raeten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und
+alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand
+genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfassten Worte der
+Kapitelsgesandtschaft von "schweren Praktiken zu hoechstem Nachteil des
+Erzstiftes", Worte, die der herzogliche Kanzler dahin uebersetzte, dass
+Wolf Dietrich den Uebertritt zum Protestantismus und die Saekularisation
+des Erzstiftes beabsichtige.
+
+Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fuersten
+Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, dass der
+bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gaebe, die Union mit
+bewaffneter Hand auszubreiten.
+
+Dass in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf
+Seite der letzteren stehen wuerde, konnte fuer Herzog Max keinem Zweifel
+unterliegen.
+
+So endete die lange Sitzung mit dem Beschluss, auf den Vorschlag des
+Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu
+verjagen.
+
+Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es
+beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo
+ante, Leistung einer Kaution, auf dass der Fuerst nicht zu Bayerns
+Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und
+Entscheid binnen zwei Tagen.
+
+Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurueck und meldeten dem Erzbischof
+die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete:
+Mit dem Dutzend Feldstuecke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge
+einschiessen.
+
+Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des
+Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich
+zurueck.
+
+Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in
+Salzburg ein, empoert darueber, dass der Herzog sie gar nicht empfangen
+hatte. Diese Missachtung seiner Sendboten aergerte Wolf Dietrich, im Zorn
+rief er, diesen Affront bitter raechen zu wollen.
+
+Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen,
+wasmassen der Stadt wie dem Erzstift grosse Bedraengnis drohe und der Bayer
+nicht viel Federlesens machen werde.
+
+"Blaset doch nicht Truebsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer
+zwingen!" prahlte Wolf Dietrich. "Ihr seid jeden Mutes bar, feige
+Memmen! Schaut Euch um, ueberall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog
+den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde
+ich Euch tuermen lassen in der Feste!"
+
+Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Uebermut des
+Fuersten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen
+geradezu undenkbaren Sieg.
+
+Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde
+ein, dass Herzog Max Stadt und Schloss Tittmoning trotz heldenhafter
+Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des
+Hauptmannes Schneeweiss bestehenden Besatzung erobert habe.
+
+Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: "Macht nichts!
+Tittmoning ist nicht Salzburg!" und entwickelte nun eine die verzagte
+Bevoelkerung der Bischofsstadt ueberraschende Thaetigkeit, indem er sein
+kleines, falbes Ross bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die
+Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und
+Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen wuerden.
+
+Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fuerst in die Residenz
+zurueck, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er
+abermals auf die Schanzen und revidierte persoenlich die Wachen, die sich
+neuerdings verzagt zeigten, da es hiess, der Bayern-Herzog ruecke mit
+24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen.
+
+Wolf Dietrich verstummte, es erfasste ihn eine Angst, die er nicht
+bezwingen konnte. Jaeh riss er sein Ross herum und jagte im Galopp zur
+Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit
+zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen
+Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein
+Domherr sofort dem Herzog solchen Brief ueberbringen und zwar in der
+fuerstlichen Hofkutsche.
+
+Die Boten sprangen hinueber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder
+mit der Meldung zurueck, dass keiner der Domherren eine solche Mission
+uebernehmen wolle.
+
+Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch fasste er sich schnell
+und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem
+Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief ueberbringen. Diese
+Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fuersten gebracht,
+der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen:
+Der Erzbischof wolle fuer seine Person lieber das Aeusserste dulden, bevor
+er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke.
+
+Demuetig sprach der Guardian: "Hochfuerstliche Gnaden, ich gehorche! Aber
+es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und...."
+
+"Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!"
+
+Die Patres wussten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte
+Dienerschaft draengte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in
+rasender Eile rasselte das Gefaehrt durch die Stadt zur bayerischen
+Grenze.
+
+Allein in seinem Gemach ueberliess sich Wolf Dietrich voellig der Angst, er
+warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmaechtigen.
+Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war
+uebergross, die Gedanken jagten einander; jaeh schrie der gepeinigte Fuerst
+auf, ein Gedanke war ueber ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine
+Familie dem rachegierigen Herzog in die Haende fallen, buessen die
+Unschuldigen fuer den Vater?
+
+Aufspringend, zitternd am ganzen Koerper, rief Wolf Dietrich mit heiserer
+Stimme die Kaemmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur
+Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schaetze
+und Geld verpacken.
+
+Dieser Befehl rief voelligen Wirrwarr hervor. Der Fuerst eilte hinueber in
+den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schaerfsten
+Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloss Altenau, das alsbald alarmiert
+ward. Kammerfrauen mussten Salome wecken und die Kinder aus den Betten
+holen und ankleiden.
+
+So gross der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte
+sich gefasst, als Wolf Dietrich verstoert zu ihr ins Nebengemach trat und
+von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht draengte.
+
+Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fuersten.
+
+"Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht,
+spute dich! Ich muss dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen
+Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins
+Gebirg, in Friesach oder Gmuend treffen wir zusammen!"
+
+"Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muss aber so ueberstuerzt die
+Flucht ergriffen werden?"
+
+"Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei!
+Rette dich und die Kinder!"
+
+"Und mein gnaediger Herr?"
+
+"Ich will auf die Rueckkunft der Kapuziner warten!"
+
+"Dann ist es meine Pflicht auszuharren...."
+
+"Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!"
+
+Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu
+besorgen, und entfernte sich, muehsam den Trennungsschmerz
+niederkaempfend.
+
+In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt.
+Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in grosser Eile
+zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen
+verpackt, beladen und in der Morgendaemmerung in der Richtung nach
+Golling abgeschickt.
+
+Mit zwei Soehnen und drei Toechtern samt grossem Gefolge fuhr Salome diesen
+Wagen nach, gefasst, doch mit Thraenen in den Augen. Ein letzter Blick
+galt, als das Steinthor im Ruecken lag, der Stadt, der nun verlorenen
+Heimat. Da laehmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den
+in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch,
+der sich nun zu erfuellen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat!
+Ein Sturz von schwindelnder Hoehe!----
+
+Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller
+Schaetze und Kostbarkeiten gab fuer die wohlhabenderen Salzburger das
+Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe
+in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat
+und Waren fortzubringen. Fuer die Zurueckbleibenden gab es Schrecken genug
+durch die immer drohender lautenden Geruechte; hiess es doch, der
+Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstoeren, den Erzbischof
+lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem "Tuerken"
+befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der
+Erzbischof unschaedlich gemacht sei.
+
+Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an
+Lebensmitteln, so dass in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden
+war.
+
+Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rueckkehr der ausgesandten Kapuziner;
+wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der
+gebrochene, verzweifelnde Fuerst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung
+des gefuerchteten Herzogs.
+
+In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er
+sehnte sich nach Zuspruch und liess die Kapitulare Toerring und Freyberg
+bitten, ihn zu besuchen.
+
+Die Herren kamen und troesteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der
+Fuerst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange
+Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch wuerden die
+Verhandlungen dadurch erleichtert werden.
+
+Hatte Wolf Dietrich Thraenen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen
+zu gehen, rief Misstrauen wach, der Fuerst mochte ahnen, dass er nur zu
+leicht wuerde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach
+er denn schmerzbewegt: "Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe,
+sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schoensten Stunden meines
+Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kaernten!"
+
+Graf Toerring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnaedige Fuerst nicht
+nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu
+erwarten.
+
+Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er
+verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kuemmernis der
+Kapuziner.
+
+Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum
+Schreiben von Erklaerungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen
+die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfuersten
+korrespondiert und daher kein guter Katholik waere. "Daran geschehe ihm
+unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle.
+Er wisse auch wohl, dass er wider Ihre fuerstliche Durchlaucht gehandelt,
+begehre derowegen Gnad und Verzeihung."--Das zweite Schreiben war an das
+Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, waehrend seiner
+Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun,
+was den Unterthanen am zutraeglichsten sein wuerde.
+
+Wolf Dietrich liess diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit
+sie leicht gefunden werden konnten.
+
+Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
+noch immer nicht zurueckgekehrt waren, gab der Fuerst alle Hoffnung auf
+und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
+Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
+Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
+Kopf und schritt durch die Gemaecher, wobei er zu den bestuerzten
+Kaemmerern sprach: "Behuet' euch Gott und sehet euch um einen anderen
+Herrn!"
+
+Ordregemaess harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
+Koch, zwei Rossbuben, dem Kammerdiener Maertl und drei reisigen Knechten.
+
+Beim Scheine der Fackellichter warf der Fuerst einen letzten
+Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
+Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
+schneller Gangart der Pferde die Strasse gen Golling genommen wurde.
+
+Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg aerger als die Furcht vor
+dem anrueckenden Feinde.
+
+Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das
+zurueckgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehaendigt worden,
+und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbstaendigem Handeln.
+Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen
+Kriegsvolkes gegeben, auch die Buerger mussten die Waffen niederlegen,
+jede Verteidigungsmassregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und
+Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog
+entgegen, um die Flucht des Fuersten und die Regierungsuebernahme seitens
+des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, dass der Herzog im Erzstift nun
+nach seinem Gefallen schaffen koenne.
+
+Das erste Verlangen Maximilians galt der Raeumung Berchtesgadens und der
+Holzlieferungen fuer das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das
+Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang
+darauf, dass die Salzfrage geloest werde und der Herzog auch eingreife,
+den Erzbischof in persona und die Gueter dem Erzstift wieder
+zurueckzubringen.
+
+Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Missliches, den Erzbischof,
+einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Wuerdentraeger verfolgen
+und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofraete des Herzogs
+einer solchen Massregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels
+erklaerten, dass im Erzstift nicht frueher Ruhe werde bis nicht Wolf
+Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25.
+Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter
+dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg
+aufbrach und hinter dem Fluechtling einherjagte.
+
+Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber
+begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und
+Schuetzen, in Salzburg ein.
+
+Scheu hielten sich die Buerger in den Haeusern, der Pluenderung gewaertig.
+Doch zum freudigen Erstaunen liess der Herzog auf dem Marktplatz halten
+und durch den Profossen verkuenden: "Wenn sich ein Knecht ungebuehrlich
+halten wuerde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoss
+Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Uebelthaeter an den
+lichten Galgen zu henken."
+
+Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an
+der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerueste aufschlagen.
+
+Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben,
+ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den
+Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen "schoenen
+Schreibkasten" anbot, den Wolf Dietrich dem Koenig Mathias zur Hochzeit
+bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte.
+
+Ein Festmahl schloss sich dem feierlichen Empfang an, und waehrend
+desselben erklaerte der Herzog, dass er sich nur als Protector urbis
+betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen
+wolle. Inmitten dieses glaenzenden Mahles, das allerdings nur durch die
+grossen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten
+Staedten und Doerfern ermoeglicht werden konnte und wofuer das Kapitel keine
+Kosten scheute, traf erschoepft und wund geritten zu allseitigem
+Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des
+geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von
+Erklaerungen legitimiert erschien.
+
+Um eine Stoerung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den
+Vizemarschall erst am naechsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte
+von dessen Ankunft bereits gehoert und war neugierig darauf, was der
+Fluechtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und
+seine Erklaerung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels:
+der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden,
+wollte auch niemals das Erzstift saekularisieren, er sei vielmehr bereit,
+aus Liebe zum Frieden gegen eine jaehrliche Pension zu--resignieren.
+
+Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder.
+
+ * * * * *
+
+Wolf Dietrich hatte in maessigem Tempo die Nacht hindurch den Weg ueber den
+Pass Lueg zurueckgelegt; im Morgengrauen ritt er vorueber an seiner Burg
+Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie
+gluecklich fuehlte sich der damals junge Fuerst an Salomes Seite auf dieser
+Feste, und jetzt muss Wolf Dietrich auf Pferdesruecken sein Heil in
+rascher Flucht suchen!
+
+Kalt und starr ragte das Gemaeuer aus dem Tannengruen auf, und kraechzende
+Raben flogen ueber die Burg hinweg.
+
+Es froestelte den Fuersten trotz des anstrengenden Rittes.
+
+Die vom Nachtnebel genaesste Reichsstrasse fuehrte durch das stille,
+traumumfangene Dorf Werfen. Kaum dass ein Hund die Kavalkade anbellte,
+als Hufgeklapper hoerbar wurde.
+
+Tiefernst ward des fluechtigen Fuersten Blick, als Wolf Dietrich am
+Friedhof des einsamen Dorfes vorueberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
+begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhaeltnis des
+Erzbischofes zu Salome.
+
+"Ruh' in Frieden!" fluesterte der Fuerst, und seine Gedanken galten dann
+der geliebten Frau, die mit ins Unglueck gerissen ward samt den Kindern.
+Ob Salome wohl die sichere Grenze Kaerntens schon erreicht haben wird?
+Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, waere dies moeglich.
+Gerne haette der Fuerst hierueber Erkundigung eingezogen, doch um so fruehe
+Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.
+
+Weiter!
+
+Der Nebel in den tiefverhaengten Bergen ging in Regen ueber, als die
+Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt naeherte. Gerne wollte Wolf
+Dietrich zukehren, Nachfrage ueber Salome halten; doch der vorsichtige
+Untermarschall Perger bangte fuer seinen Herrn, er wagte keine Einkehr
+von wegen der bedrohlichen Naehe der nahen steierischen Grenze und des
+missguenstigen Bergortes Schladming.
+
+Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefuettert, fuer den
+Fuersten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiss bereitet. Dann
+ward weitergeritten, den Tauern zu, hinueber auf beschwerlicher Reise
+nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee
+und Regen mussten durchgekostet werden, bis die Tauernhoehe ueberquert war.
+Im einsamen Oertchen Tweng hielt der muede Fuerst einen Bauer an und fragte
+nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort,
+grinste den Reiter an und schuettelte den struppigen Kopf.
+
+Spaet abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier
+genommen. Wolf Dietrich entschloss sich, einen Brief an das Kapitel zu
+schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch
+wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer
+entsprechenden Information musste Perger auf frischem, requiriertem Ross
+zurueck nach Salzburg reiten.
+
+Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten
+Herren Rudolf v. Raittenau, des Fuersten juengerer Bruder und Vizedom von
+Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite
+Wolf Dietrichs nach Kaernten zu uebernehmen hatten.
+
+Der Fuerst begruesste die Herren durch freundlichen Haendedruck und mit
+wenigen Worten. "Ein schmerzlich Wiedersehen!" meinte er unter bitterem
+Laecheln zum Bruder, der troesten wollte und aengstlich zur alsbaldigen
+Fortsetzung der Flucht zur Grenze draengte.
+
+Doch Wolf Dietrich wollte laengere Rast hier halten und glaubte, die
+Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genuegende
+Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt
+nochmals zur Passhoehe des Katschberges drohte strapazioes zu werden.
+
+So blieb der Fuerst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in
+dem elenden Nest.
+
+Rudolf Raittenau misstraute der Situation in hoechstem Masse und hatte
+gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurueck
+nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft ueber
+etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine moegliche Verfolgung des
+fluechtigen Erzbischofs einzuziehen.
+
+In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Ross zurueck
+und ueberbrachte die alarmierende Kunde, dass Salzburg von bayerischen
+Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und
+salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen
+und nach Salzburg einzuliefern.
+
+Nun gab es fuer den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der
+Fuerst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in fruehester
+Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der
+Aufbruch.
+
+Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg.
+Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Fuehrung bestimmte
+salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben
+und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich sass
+vertieft in trueben Gedanken im Sattel, sodass er fuer alles um sich kein
+Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie moeglich
+an die Grenze von Kaernten und damit in Sicherheit zu kommen.
+
+Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rueckwaerts Ausguck,
+es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde.
+
+Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbruecken, war
+erreicht, die erschoepften Rosse draengten instinktmaessig zur Taverne.
+Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kaerntnerischen Gmuend
+fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren.
+
+"Die Ross' muessen getraenkt werden!" erklaerte der fuer den Tross
+verantwortliche Postmeister und fuegte in auffallend despektierlichem
+Tone bei, dass er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschaedigung zu
+Schanden reiten lasse.
+
+Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo fuer unnoetig und
+gab Befehl zum Traenken der Rosse.
+
+"Im Sattel bleiben!" rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante.
+
+So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die
+Sattelgurten anziehen liess und den Hufbeschlag revidierte.
+
+Misstrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja
+einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mussten. Und wie fortgezogen
+ritt der juengere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen
+Eisentratten-Gmuend fuehrenden Strasse Umschau, insbesondere zurueck gen den
+Katschberg.
+
+Ploetzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schaerfer hin, kein Zweifel,
+ein Reitertrupp jagte heran. Das koennen nur Feinde sein, vielleicht
+bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen.
+
+Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und draengte zur
+schleunigsten Flucht.
+
+"Rottmayer an die Spitze!" befahl der bleichgewordene Fuerst.
+
+Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Ross zu besteigen und
+erklaerte hoehnisch: "Wir sind hier bereits auf kaernterischem Boden, ich
+bin hier nicht mehr Euer Diener!"
+
+Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen,
+doch Rudolf griff in des Falben Zuegel und riss das Ross mit sich vorwaerts.
+"Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!" schrie der besorgte
+Bruder.
+
+Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde voellig auf der Strasse waren
+und in Galopp uebergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch
+die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte
+sich zusehends, und knapp vor dem Staedtchen Gmuend war der bayerische
+Rittmeister Hercelles auf Pferdelaenge in die Naehe des Fuersten gekommen.
+
+"Halt!" rief Hercelles und hob die Schusswaffe.
+
+Wie Sturmgebraus prasselten fuenf bayerische Reiter heran, bogen vor dem
+sein Pferd parierenden Fuersten aus, und umringten die Brueder wie den
+Tross mit blank gezogenen Pallaschen.
+
+"Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!" rief Rittmeister
+Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fuersten und forderte den Degen ab.
+
+Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine
+Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis
+der Unmoeglichkeit eines Durchschlagens die Wehr.
+
+Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehaenge und
+ueberreichte es Hercelles mit den Worten: "Nun ist alles verloren! O
+Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott
+der Allmaechtige muss mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das
+Rappier, ich bin Euer Gefangener!"
+
+"Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunaechst geht es
+zurueck nach Moosheim!" sprach Hercelles.
+
+"Ich gehorche!" erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und liess das Haupt
+nach vorne sinken.
+
+Gierig stuerzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden
+ihn fest auf den Sattel gleich einem Raeuber und Moerder, dann jagten sie
+die Dienerschaft davon und nahmen das fuerstliche Reisegepaeck zur
+willkommenen Beute.
+
+Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte
+aber lediglich die brueske Antwort Hercelles', dass das Kriegsrecht sei
+und mit einem vogelfreien Fluechtling keine Umstaende gemacht werden
+wuerden. Passe es dem jungen Herrn nicht, wuerde auch er gefesselt
+zuruecktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getuermt.
+
+Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als
+Edelmann, worueber der Rittmeister so zornig ward, dass er auch diesen
+Raittenau fuer "vogelfrei" erklaerte, worauf die bayerischen Reiter dem
+Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden.
+
+Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Ross gebunden.
+Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Strasse ueber
+den Katschberg zurueck nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert
+und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen.
+
+Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, dass Salome
+mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch
+konnte der nun voellig gebrochene Fuerst nichts ueber den Ort ihrer
+Verbringung erfahren.
+
+Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter
+Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach
+mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten
+Fuersten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde.
+
+Allein hinter Schloss und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und
+ueberliess sich weinend dem Jammer um das verlorene Glueck des Lebens.
+
+Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem
+Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge
+seines Amtes als Kerkermeister waltete.
+
+ * * * * *
+
+Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in
+Salzburg, doch genuegte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufuehlen, dass
+Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso misstraute als es dem vielgeschmaehten
+Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhaenglichkeit
+bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche
+beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, dass der Kaiser den
+Gewaltakt missbillige, verschiedene Reichsstaende den Verdacht hegten, dass
+es dem Herzog von Bayern ueberhaupt nur um Eroberung und Einverleibung
+Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstaende
+und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog
+geraten, solchen Verdacht von sich abzuwaelzen, und zwar durch Briefe an
+den Kaiser und einige an die Reichsstaende inhaltlich der Erklaerung, dass
+der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei,
+daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere.
+Zugleich reiste Maximilian zurueck nach Muenchen und rief auch seine
+Truppen auf bayerisches Gebiet zurueck.
+
+Dass man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen
+koenne, fuehlte man im Kapitel doch bei allem Hass gegen den Fuersten.
+Zunaechst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen
+eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, dass bezueglich seiner
+Zukunft Verhandlungen angeknuepft werden wuerden.
+
+Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu
+geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den
+Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fuerst sein Brevier und
+Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus.
+
+Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und
+Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen
+zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst
+ein.
+
+Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof
+rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl
+hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen
+Gebieter zu sehen, sie mussten unverrichteter Dinge nach Salzburg
+zurueckfahren.
+
+Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach
+Muenchen. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne
+Zuspruch gefangen in Hohenwerfen.
+
+Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen
+mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, dass der Erzbischof
+Gefangener Bayerns(!) sei; auch duerfen die Gueterwagen, welche man der
+Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurueckgebracht
+und dem Kapitel ausgefolgt werden.
+
+Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Toerring,
+v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet,
+die alsbald--es war der November ins erregte Land gezogen--nach Werfen
+uebersiedelten.
+
+Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau
+und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit
+Juwelen samt Schluessel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach
+vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden.
+
+Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab;
+spaeter uebersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern
+blieb, viel weinte und ihr Leben in verhaeltnismaessig jungen Jahren
+beschloss[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen.
+
+Im Kerker fand Wolf Dietrich maehlich seinen alten Stolz und Trotz
+wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der
+Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brueske Liegeois durch den rauhen
+Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle
+Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte.
+
+An einem trueben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im
+Burgsaale, wohin Wolf Dietrich gefuehrt wurde, die Verhandlung. Die
+Herren erschraken ob des ueblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz
+totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart
+umwuchert war. Geroetet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten
+Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und
+begruesste die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch
+hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch
+nur mit wenigen Worten.
+
+Als man Platz in den hohen Stuehlen genommen und Graf Lodron das Wort
+nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: "Ein Wort zuvor!
+Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg waehren?"
+
+Lodron raeusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln.
+
+"Eh' ich nicht weiss vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von
+Resignation ich nimmer hoeren!"
+
+Zoegernd sprach Graf Lodron: "In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden
+Euer Gnaden nicht nach Wunsch die noetige Urkund' unterzeichnen, daher
+muss die Haft bis dahin waehren!"
+
+Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: "Nimmer werd' ich
+einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das
+den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!"
+
+Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Laerm
+der Stimme des Gefangenen.
+
+Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung
+eines bayerischen Buettels.
+
+Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklaerte mit zornbebender
+Stimme, dass die Haft verschaerft werde durch Entzug von allem
+Schreibmaterial und kuenftig niemand ausser den Kapitularen zugelassen
+werden wuerde.
+
+Hochfahrend hoehnte Wolf Dietrich: "Wollt selbst die Buettelwach' Ihr
+halten, sei's drum, nur bleibet aussen und verschont mich vor Eurem
+Anblick!"
+
+Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurueckzufuehren.
+Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg
+weile.
+
+Die Auskunft, dass der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den
+Erzbischof ersichtlich truebe, ruhig liess er sich hinwegfuehren.
+
+Mit groesster Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte,
+ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines
+Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so dass nur gedaempft in mattem
+Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben
+dem an geistige Thaetigkeit gewoehnten Fuersten entzogen, und
+Obristleutnant Herleberg wachte darueber, dass niemand Zutritt zum
+Gefangenen erhielt.
+
+Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu
+bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft ueber den
+mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nuetzte ein
+zorniger Befehl so wenig wie die ruehrende Bitte des gestuerzten
+Landesherrn.
+
+Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum
+Allmaechtigen um Beistand und verrichtete inbruenstig die Gebete. Maehlich
+ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und
+kleinmuetig.
+
+Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf
+Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger
+zunaechst allein in den Kerker gefuehrt. Erschuettert stand Perger vor
+seinem gedemuetigten Herrn und Fuersten und weinte bittere Thraenen beim
+Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begruesste
+und nach Rudolf und Salome fragte.
+
+Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach
+Steiermark; bezueglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die
+Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein
+wird.
+
+Aengstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der
+Kinder gehalten werden solle.
+
+Perger konnte nur sagen, dass auch hierfuer Sorge getragen werde, nur
+bestuende das Kapitel zunaechst auf der Resignation.
+
+In Thraenen ausbrechend schlug der Fuerst die Haende vor das Antlitz und
+schluchzte.
+
+Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren
+Entschluss gefasst und sprach: "Wohlan! Ich will die Urkund'
+unterzeichnen! Fuehre mich!"
+
+Der Kerker wurde geoeffnet; von Perger geleitet und von bayerischen
+Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgraeume zum grossen
+Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des
+Fuersten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen gruessten.
+
+Kuehl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit
+sei zur Anhoerung der Urkunde.
+
+Der Fuerst nickte und liess sich dann seufzend in einen Stuhl sinken.
+
+Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstueck, dessen
+Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau
+freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2.
+soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemaess
+gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von
+Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer
+jaehrlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch
+besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt
+des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemaesse
+Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen
+dem Erzbischof zur freien Verfuegung eingehaendigt werden; 7. sollen
+demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des
+Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden
+sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das
+Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll
+auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was
+vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles
+dieses erst nach eingelangter paepstlicher Bestaetigung in seine Wirkung
+kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach,
+bei allen seinen Guetern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen
+durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden;
+11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, dass
+dem Erzbischof bis zu voelliger Entledigung eine groessere Freiheit als
+bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit
+und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern
+vorzueglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht
+werden.
+
+Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren
+Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fuerst
+wehmutsvoll. "Und was wird aus meiner Gemahlin?"
+
+Kalt erwiderte Lodron: "Fuer Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge
+tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist."
+
+Wolf Dietrich kaempfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen
+Koerper, er rang nach Atem und Entschluss.
+
+Still war es im Saale, die Kapitulare sassen wie zu Stein erstarrt.
+Perger hatte Thraenen in den Augen und fuehlte sich versucht, dem
+entthronten Gebieter einige Trostworte zuzufluestern, doch als er sich
+hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurueck.
+
+Aechzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und
+Feder.
+
+Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf
+und trat an des Erzbischofes Seite.
+
+Fluechtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem
+verlesenen Wortlaut voellig entsprach. Ein tiefer Seufzer--dann ergriff
+der Fuerst die Feder und schrieb seinen Namen darunter.
+
+Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfasste die Versammlung.
+
+Ergriffen trat Wolf Dietrich zurueck und bat in erschuetternden Worten um
+Mitleid fuer Salome und die unschuldigen Kinder.
+
+Kuehl erwiderte Graf Lodron: "Es wird nach Moeglichkeit dafuer gesorgt
+werden!" Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: "Die Kommission hat
+zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen."
+
+Schon wollte der Fuerst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen
+Augenblick zu verweilen.
+
+"Was soll noch geschehen?" rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus.
+
+"Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung
+Eurer Hochfuerstlichen Person am paepstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc
+liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!"
+
+Wolf Dietrich unterschrieb nach fluechtiger Durchlesung auch dieses
+Schriftstueck und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome
+zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fuerst seiner selbst, seine
+Fuersorge galt nur Salome und den Kindern.
+
+Schluchzend gelobte Perger, nach Kraeften einzustehen und eine
+finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken.
+
+Herleberg trat in den Saal und fragte: "Sind die Herren fertig?"
+
+Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des
+Gefangenen in den Kerker.
+
+Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thraenen kuesste,
+nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von
+gleichmuetigen bayerischen Soldaten.
+
+Truebe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene
+harrte der ersehnten Befreiung; in duesteren, langen, qualvollen Stunden
+malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und
+den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch
+Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstaende,
+der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf dass die Gewaltthat gepoent werde
+an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog.
+
+Am 22. November zu spaeter Abendstunde ward der Kerker geoeffnet, der
+Eisenmeister von Hohenwerfen verkuendete dem Erzbischof, dass dieser
+sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer
+Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe.
+
+Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht
+erwartet, eher auf Verbringung ueber die Landesgrenze nach Kaernten
+gehofft. Doch willig liess sich der Fuerst bei Fackelschein den Steilberg
+hinabfuehren, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein
+bayerischer Offizier bereits sass.
+
+Die Nacht wurde durchgefahren. Frueh morgens gegen fuenf Uhr hielt der
+Wagen am Fusse des Nonnbergs, Wolf Dietrich musste aussteigen. Eine Anzahl
+bayerischer Fusssoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den
+Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste
+Hohensalzburg.
+
+Wie das breite Thor hinter dem Fuersten geschlossen ward, aechzte Wolf
+Dietrich in einer bitteren Vorahnung.
+
+Gefangen in seinem Hauptschloss der Erzbischof von Salzburg, einer der
+ersten Reichsfuersten.
+
+Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines
+abgesetzten Oberherrn die noetigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst
+zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag,
+die besten Redner waren zu Sprechern auserwaehlt.
+
+Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestaet verwies Graf
+Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof.
+Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser
+umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach
+der Kaiser bat, es moege Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen
+und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen
+Erzbischofes zu schreiten.
+
+Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der
+bei aller Wertschaetzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner
+Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Missfallen ueber
+des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte.
+
+Dieser Tadel veranlasste den Herzog, durch seine Raete eine Anklageschrift
+gegen den gehassten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles
+Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit
+Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das
+Verhaeltnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf
+Dietrich sei trotz des Zoelibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen.
+Ein ungeheures Suendenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der
+katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet
+Saekularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt,
+dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte
+mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die
+Exkommunikation und oeffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und
+Apostaten.
+
+Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche
+durch die bayerische Anklageschrift einen gehaessigen Charakter bekommen
+hatte, zur oeffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. liess die
+Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille
+untersuchen.
+
+Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht,
+Wolf Dietrich habe Ketzer beguenstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2.
+die Resignation ist solange ungueltig, bis Wolf Dietrich den Verzicht
+vor einem paepstlichen Nuntius abgegeben habe.
+
+Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befuerchtet
+haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg
+zu erklaeren, dass der Herzog von Bayern die Verantwortung fuer alle daraus
+entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion
+ablehne und von neuem das Aeusserste versuchen werde, um "diesen Mann"
+beiseite zu schaffen.
+
+Diese Erklaerung unter erneutem Hinweis fuer die Kardinaele, dass Wolf
+Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Draengen des Kapitels
+verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan
+schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz
+regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur
+Erklaerung, dass Wolf Dietrich nun paepstlicher Gefangener sei.
+
+Der Winter wich zoegernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfruehling setzte ein
+mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich sass noch immer auf Hohensalzburg
+gefangen, abgeschlossen von der Aussenwelt, und genoss bei ertraeglicher
+Verpflegung nur die minimale Beguenstigung, an regenlosen Tagen einige
+Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu duerfen.
+
+Im Maerz endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein
+Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die
+Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum
+dicht besetzt.
+
+Unter militaerischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in
+diese Kirche und wurde in die Sakristei gefuehrt, wo der Nuntius nebst
+drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt.
+
+Einer der Diener musste die Stelle des Notars, die uebrigen Dienste als
+Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die paepstliche Verzichturkunde
+vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf
+die Brust zu legen.
+
+Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu aendern der
+Nuntius gelobte.
+
+Nun in die von Soldaten gefuellte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof
+nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben.
+
+Mit einem verzweiflungsvollen Blick uebersah Wolf Dietrich seine
+waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles
+verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die
+Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskraeftig geworden.
+
+Eine militaerische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur
+Veste.
+
+Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, dass der Papst ihn vielleicht zum
+Sommer freilassen werde.
+
+Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte
+in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen hoechst gefaehrlichen Menschen
+nannte, und Herzog Max liess an den Vatikan berichten, dass Wolf Dietrich
+zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe
+ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die groesste Gefahr
+kommen muesste.
+
+Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschliessen, der Befehl zur
+Freilassung kam nicht.
+
+Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster
+Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektuere; man hatte ihm nur die
+heilige Schrift und das Brevier gelassen.
+
+Von den bewachenden Soldaten fuehlte im Laufe der Zeit einer ein
+menschlich Ruehren, der Bayer empfand Mitleid fuer den gestuerzten Fuersten
+und zeigte sich fuer dessen Bitten um Schreibzeug zugaenglich.
+
+In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewuenschte, und im
+Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache
+eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmaehliche
+Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwuerfe und
+Verdaechtigungen zurueckwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage
+erhob. Sein Verhaeltnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum
+Schlusse um Abberufung des ihm gehaessigen Nuntius und um eine
+Untersuchung durch die Bischoefe von Seckau und Lavant.
+
+Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages ueber vor den
+Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische
+Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um
+Befoerderung zur Post.
+
+Am naechsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt,
+die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben
+Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof
+erhaltenen Lohn eine Staerkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines
+groesseren Geldstueckes wie die Bestellung einer fuer einen Soldaten ueppigen
+Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem
+Offizier gestand der eingeschuechterte Soldat die Briefbefoerderung.
+Sofort wurde die Post militaerisch besetzt und das leicht herausgefundene
+Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert.
+
+Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der
+Veste und Androhung schwerster Strafen fuer den geringsten Verkehr mit
+dem Gefangenen.
+
+Im Juli 1612 wurde die bayerische Militaerbesatzung von Hohensalzburg
+abberufen, dafuer kam eine salzburgische Soeldnerwache auf die Veste.
+
+Als Gefangener des Papstes musste Wolf Dietrich nun dem Nuntius den
+Treueid schwoeren und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die
+Gefangenschaft wurde nun--verschaerft.
+
+Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdruecklich die Freilassung
+gewaehrleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die
+Gesuche mehrerer deutscher Fuersten, die empoert ueber den Wortbruch und
+die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfuersten sich fuer den
+Ungluecklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst
+und legte Fuerbitte fuer Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg.
+Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewaehlt und der neue Kirchenfuerst
+wusste dem Papst begreiflich zu machen, dass es eine Schande fuer den
+apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem frueheren
+suendhaften Leben zurueckkehren wuerde; auch wies der neue Herr auf die
+grossen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen
+Kopfes mit den Ketzern fuer ganz Deutschland entstehen koennten.
+
+So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Laenge zu
+ziehen, bis der ohnehin kraenkliche depossedierte Erzbischof vollends
+apathisch gemacht oder aufgerieben sei.
+
+Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit
+Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte
+eines Tages geltend, dass er allerdings seine geistlichen Befugnisse und
+Wuerden an den Papst zurueckgegeben, nicht aber zugleich auf seine
+Stellung als deutscher Reichsfuerst verzichtet habe.
+
+Dies schreckte das Kapitel fuer die ersten Tage, dann blieb alles beim
+Alten.
+
+Drei Jahre vergingen in solcher schmaehlichen Gefangenschaft. Einen
+letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun
+befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens
+die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden.
+
+Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die
+Gefaehrlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom
+geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich
+ueberdruessig und liess sie ruhen, wie sie eben lag.
+
+Trotz aller Vertraege und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen;
+man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln
+und suchte den Wortbruch mit politischen Ruecksichten zu rechtfertigen.
+
+Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den
+Jahren alle Energie, ein voellig gebrochener Mann begann er seine
+Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschaeftigte
+sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den
+Paulinischen Briefen.
+
+Ein Schlagfluss laehmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und
+ein Steinleiden.
+
+Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist
+Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den
+Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen.
+
+Es hatte ausgelitten Celsissimus!
+
+
+
+
+Fussnoten:
+
+[1] Eierspeise.
+
+[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert
+auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871.
+
+[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft fuer Salzburger Landeskunde
+XII, 1872.
+
+[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf
+zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen
+der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht voellig zu
+ersticken. Spaeter gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns
+und des Kaisers einigen Dioezesen (auch Salzburg) den Empfang des
+Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, dass sich das (von
+lutherischen Praedikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der roemischen
+Kirche anschliessen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr
+und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck.
+Erzbischof Johann Jakob erliess ein strenges Mandat zur Bekaempfung des
+Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die
+Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte,
+bestaetigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder
+zurueckgezogen. Infolgedessen gaehrte es in den Landstaedten Salzburgs
+gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt
+teilweise zum Schweigen, Hartnaeckige aber wurden unnachsichtig des
+Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche
+zweifellos von den Praedikanten beguenstigt wurde, noch bis zur
+Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, "Wolf
+Dietrich von Raitenau" Muenchen 1886. Rieger.)
+
+[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Suedseite des Festungsberges.
+
+[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die
+Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten
+war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben.
+
+[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder
+angeworben werden. Sie "garteten", d.h. bettelten u.s.w., und wurden
+"Gartbrueder" genannt.
+
+[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die
+deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg.
+
+[9] Dass Wolf Dietrich im hoechstem Masse ein Wohltaeter der Armen gewesen,
+besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der
+alten Steinhauserschen Chronik "Diser Erzbischoff kan und mag auch
+billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, dass er nit
+allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern
+auch den Armen im ganzen Erzstift dermassen so reiche Almusen taeglich
+spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fuersten
+zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr grosse Anzahl
+armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller,
+andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fuenf oder vier Pazen raichen
+und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben.
+Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten
+haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das
+Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtaegigen
+Fasten hat er den hausarmen Duerftigen zu Erkaufung der Fastenspeis
+insonderhaft ain grosse Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch
+wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und
+genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Taeg nach Mitfasten nach
+gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit
+etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein
+und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue
+geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch
+die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und
+genossen."
+
+[10] Das Original befindet sich im staedtischen Museum zu Salzburg. Der
+Herausgeber verdankt eine Kopie der Guete des Herrn Museumdirektors
+Kaiserl. Rat Dr. A. Petter.
+
+[11] Gerhab = Vormund
+
+[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine ueberaus bezeichnende Aufforderung,
+dass der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle!
+
+[13] Keuche = Gefaengnisort.
+
+[14] So meldet der Chronist Steinhauser.
+
+[15] Die Hallfahrt, ein Salzmass hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals
+86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine
+Kufe hielt 130-148 Pfund.
+
+[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk "Wolf Dietrich", Muenchen
+1886.--Roemermonate, die im frueheren deutschen Reich von den Staenden an
+den Kaiser zum Behuf der damals ueblichen Roemerzuege zu zahlende Abgabe,
+nach Aufhoeren der Roemerzuege in eine regelmaessige Abgabe zur Fuehrung von
+Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Roemermonat war auf 128000 Gulden
+veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger.
+
+[17] Brannte spaeter ab, wurde in veraenderter, heute noch erhaltener Form
+aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf
+Dietrichs "Mirabella" genannt.
+
+[18] Fuer Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, dass Maximilian durch
+einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen
+Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene kuenstliche Wasserleitung anlegen
+liess, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von
+Reichenhall bis zur Stadt Traunheim gefuehrt wird. Diese Gegend war
+holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit.
+Auch grosse Brunnenhaeuser wurden gebaut und eine Strasse an den Bergen hin
+durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk
+vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die
+Kriegsentschaedigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg
+erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III.
+
+[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs
+Eugen von Oesterreich, und laesst Seine Kaiserliche Hoheit die Burg
+vollstaendig und historisch getreu renovieren.
+
+[20] Einer ihrer Soehne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard
+von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den
+Benediktinerorden zu Kremsmuenster und zeichnete sich durch Froemmigkeit
+und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen
+Wissenschaften aus. Als beruehmter Architekt starb er 1675.
+
+
+
+
+
+
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+
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+opportunities to fix the problem.
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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