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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:43:20 -0700 |
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Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen +Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche +Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen. + +In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die +Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des +Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung +der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates, +Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen +mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der +Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben. + +Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft +sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die +unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne +Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird. + +München, im Herbst 1900. + +Der Verfasser. + + + + +1. + + +Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem +glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert +werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich, +in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles +aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich +zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese +hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die +Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um +kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden +Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man +männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein +Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon +einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige +Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht +bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen +kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher +keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu +den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem +Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige +Feste verstehen. + +So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als +in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit, +jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen. + +Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine +kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter +Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte +die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht +werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen +grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener +Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult +durch viele Reisen in Italien und Griechenland; „Vater Puchner“, der +Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten +Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten +besorgen und die Anleit zum Balle geben. + +Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der +Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und +großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine +besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche +Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht +nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste +herauszuputzen. + +Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren +der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und +erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten +sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig +parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den +vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung +bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt, +daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht, +wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja +auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb +kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese +schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien, +hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn +der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen +Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht, +und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es +erlaubt und wessen der Inhalt sei. „Was man hat, besitzt man!“ gröhlte +ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug. + +Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser +logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen +wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu +beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit +aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher +Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit +senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der +Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein +herniederrieselten. + +Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und +Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten +Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man +nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell +lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im +Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der +Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte +die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des +Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte. + +Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben +in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie +die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur +Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen +wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank +der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz +ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der +schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle +reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen +muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die +Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im +Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein +Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art, +die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu +drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen, +ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen. +Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten +blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und +silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am +Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit +golddurchwirktem Tuch. + +„Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!“ lispelte Salome und erwies der +Bürgermeisterin gebührende Reverenz. + +Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst +verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: „Salome! Wie eine Fürstin +siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die +fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!“ + +„Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater +ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!“ + +„Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das +ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat +mein Ahnl schon gesagt!“ + +„Des will ich warten, Muhme!“ lachte silberhell die schöne Salome, „ich +habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will +die anderen Frauen ich begrüßen!“ + +Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den +Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der +hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln +begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres +besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der +Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die +köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer +bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne +hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner +opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung. +„Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt +sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken. +Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat +besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als +dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!“ + +Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von +Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. „Die Pest +hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg, +das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und +die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!“ + +„Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist +städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist +Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!“ + +„Wollt Ihr gleich stille sein!“ mischte sich Vater Puchner dazwischen, +dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu +eben erwarteten Landesfürsten. „Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere +Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten +Herrn!“ + +Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte +unbekümmert los: „Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam +Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich +will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die +Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das +Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der +Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!“ + +Bestürzt rief Rat Thalhammer: „Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den +Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns +entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!“ + +Grimmig pfauchte Lechner: „So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es +staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen +Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem +geckenhaften Junker!“ + +Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des +Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen +Landesherrn anzublasen. + +Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf +stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der +Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein +zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften +Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und +den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem +Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden +Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging +von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes, +an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs +atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs +an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum +Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und +lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann „geschwinden +Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes“, der infolge seiner +Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo +seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden +Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen +beherrschte. + +Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II. +liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und +Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern +geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von +Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren +zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau +liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden, +wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen. +Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der +Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und +stürmisch auf zu Rom wie — verspürbar allenthalben zu Salzburg. + +Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die +Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem +in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst +Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu +heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle +Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte. + +Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den +Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien, +als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit. + +„So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen +in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück +hat....“ + +„Will nicht hoffen! Liebe ‚zitternde‘ Häuser nicht! Soll ich aber den +Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!“ sprach ironisch +lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit +seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich +schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da +drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche +Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben +die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im +Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der +Stiegenmauer. + +Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter, +dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso +überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich: +„Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst +die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und +Frauen soll man niemals warten lassen!“ + +Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des +Frauenwartegemaches und sprach: „Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die +Damen bitten, in den großen Saal zu treten!“ + +Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich +wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen +schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht. + +„Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!“ wisperte die +verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor +dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch +einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft +bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie +verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: „Geh +du voraus, dein Kleid verträgt es!“ + +„Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen +Grund zu Angst und Sorge!“ erwiderte leise die schöne Salome, und +schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten +nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund +nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht. + +Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für +das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich +in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und +lebhaft rief der Fürst: „Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des +Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung +entgegennehmen!“ Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem +zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf. + +„Hochfürstliche Gnaden!“ stammelte überrascht die schöne Salome und +wollte die Hand zurückziehen. + +„Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg +Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir +geruhen, das Fest zu eröffnen!“ + +Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem +Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend +schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist, +und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen +runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den +Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten +Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem +sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten. +Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die +Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der +neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen, +sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren +und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da +doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so +schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus +fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist, +hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist, +wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte! +Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so +viel Perlen zu tragen! + +Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig, +als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner +Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch +dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der +junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so +plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht +gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel +gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der +Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die +Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem +Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die +Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen +Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die +Tochter aus dem Arm zu reißen. + +Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in +Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine +Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den +stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der +Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige +Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze +Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß, +welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem +Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten +Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur +ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur +für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit +ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn +solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt +als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe, +alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, — der +Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich +fester auf den Arm des Schwagers. + +Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker, +auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand +aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der +gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht +viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und +sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister +wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat +sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des +Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit, +hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche +Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte: +„Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der +alten Schachtel hinterdrein zu laufen!“ + +Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit +heiserer Stimme: „Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein +spanischer Junker!“ + +Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte +schluckend heraus: „Fein — wird—'s im E—e—er—z—st—st—stift!“ + +Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen; +der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und +sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter +Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: „Lieber Alt! Niente +di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure +Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in +persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt +mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich +ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg, +dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber +Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen, +doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin +verbleibe!“ + +Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle +Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen +Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der +Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche +Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann, +denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken +verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. „Hochfürstliche +Gnaden haben geruht!“ Das war der erste Anlauf, und nun muß einen +Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte. + +Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: „Ihr seid also nimmer +ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn +des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure +Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade +ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte +ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!“ + +Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des +Bürgermeisters unter. + +„Eure Gemahlin nehmen wir mit!“ rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu, +dem darob die Ohren sausten. + +Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende +Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein +Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in +lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die +Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht +hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre +Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen +verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte, +lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der +Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau +bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun +wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte. + +„Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!“ flüsterte Wolf Dietrich, +als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte. + +„Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in +unverdientem Maße!“ erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die +Lider. + +„Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom, +vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie +gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde +trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!“ +Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich +seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur +Bedienung der Dame. + +Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei +Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die +Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten +placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde +die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern +Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und +Ehrengastes. + +Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine +Tischgenossin gewendet: „Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon +einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen +Palazzo geführt?“ + +Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und +lispelte: „Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich +in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb +muß zum Einhub die Tochter kommen.“ + +„So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!“ + +Salome nickte. + +„Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen +Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?“ + +Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz +genommen habe. + +„Und die Mutter?“ + +„Die Teure ist seit langem uns entrissen!“ + +„Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch +wollen wir in der Gegenwart bleiben!“ Wolf Dietrich lehnte sich in +seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den +bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm +Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender +Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann +kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich, +mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem +Handelsherrn zu: „Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet +ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und +den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes +zur Partnerin zu haben!“ + +Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem +Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb +der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen +als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe +und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein +zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch +zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so +wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache. +Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und +ehrerbietig, aber fühlbar frostig. + +Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den +Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch +weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den +Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich, +lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: „Wir danken +Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht +länger entziehen!“ + +Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder +ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige +Herr gesprochen. „Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter +ist daran schuld!“ fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm +Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: „Einen Hopser will +er später mit Euch machen!“ Frau Alt schien das Geflüster doch +vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie +heraus: „Nicht möglich?“ Das klang so drollig, daß auch Salome ein +Kichern nicht unterdrücken konnte. + +Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang: +„Ein gelb Essen ist lind zu essen“[1] serviert worden war, und sprach +zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: „Nun wir die linde Speise +hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen, +was die Herzen meiner Salzburger beweget.“ + +Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat +bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem +Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe +schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des +Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare +Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte. + +Ludwig Alt traute aber der „linden“ Stimmung des jungen Gebieters nicht +völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt, +namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit +auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: „Wenn wir in schuldiger +Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das +Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen +hätten!“ + +Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn +hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er +die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: „Wie meint Er das?“ + +„Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur +noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft +getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen +Behörde übertragen wurde, und —“ + +In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der +in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder +warnend auf den Fuß. + +„Und?“ fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene. + +Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und +im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: „Und diese Exekutive +erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist +und nichts zu sagen hat!“ + +Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende, +erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der +nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe. + +Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch +sprach er: „Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer +zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!“ + +Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: „Verstattet +gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!“ + +Überrascht rief Wolf Dietrich: „wie? Majestät Schönheit will sich ins +Gebiet der Politik begeben?“ + +„Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in +den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen +Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im +Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird. +Ein Weib —“ + +„Ein fürstlich Weib!“ murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick +schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen. + +Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: „Ein Weib +versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches +Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein +kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen +beeinflußt ist.“ + +„Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!“ lachte der Fürst amüsiert. + +Tapfer behauptete Salome: „Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben, +daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht +beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in +meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu +bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber +hinaus.“ + +„O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die +Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen +Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte, +holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich +kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!“ + +„Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch, +gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe —“ + +„Hört ihr es!“ wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, „so +spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen +Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine +Freud' und Lust, Herr zu sein! — Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen +mag!“ + +„Mein Ohm,“ erwiderte Salome, „der allverehrte Bürgermeister hat es +ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel +genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu +bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist +nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite +des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!“ + +Galant erwiderte Wolf Dietrich: „Schönheit adelt und erhebt!“ + +„Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren, +das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei +engelschön sein!“ + +„Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!“ +schmeichelte der Fürst, und fügte bei: „Doch Eure Prämisse stimmt nicht: +Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von +niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur +nicht von Adel! — Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht +richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter +Sache?“ + +„Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein +gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen +sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem +leisesten Befehl des Herrn!“ + +Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis +Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub: +„Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die +Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses +mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!“ + +Salome wagte einen legten Versuch: „Verzeiht mir, hoher Herr! Die +Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme +zugestimmt!“ + +„Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die +Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne +Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge +Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht +aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne +Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung +war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die +Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den +früheren Rechten zurückzuerlangen!“ + +„Und täuschte sothane Hoffnung?“ fragte Salome unter Augenaufschlag und +richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge. + +Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf +Dietrich kein schroffes, wahres „Ja“ zu sagen, er griff zu Worten der +Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit +zusicherte. + +Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah +dieses Wölkchen sofort. „Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden +Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer +Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die +bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir +ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus +auch! Und damit dixi!“ + +Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu +thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: „Muß der Bürger und +Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!“ + +Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort „zahlen“ +verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche +Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von +bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein +Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen +ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den +Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das +sei nur in der Ordnung. + +„O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!“ meinte Frau Alt. + +„Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint, +sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch +zahlen, der Fürst hat da ganz recht!“ + +Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen, +und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen +Fürsten in rosige Laune. „Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden +den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und +Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten.“ +Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: „Will die Wolke nicht weichen +von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der +Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den +Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl +Eurer Gnade!“ + +Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten +sich zu leisem, gutmütigem Spott: „Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir +schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der +Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen +Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!“ + +„Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte +von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit +Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave +möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!“ + +Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome: +„So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die +Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche +Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu +dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!“ + +„Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter +Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der +unter Vicenzas Himmel gedeiht!“ sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum +Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben +sei. + +„Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen, +gehört — Thalhammers feinerprobte Zunge!“ schnatterte Ludwig Alt, dem die +unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte. + +„Wie? Was meint Er?“ rief erstaunt der Fürst. + +„Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte +meines Ohms erhelle!“ warf Salome schnell ein, „der gute Ohm wollte +sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel +gewünschter Edelwein vorhanden sei!“ + +Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen +Tischgenossin: „Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir +können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!“ + +„Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?“ spottete +Salome. + +„Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten +gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend +will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische +Alter!“ + +Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der +Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte +Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf +Dietrich stieß mit Salome an: „Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen +dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe +und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute +eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe +Salzburgs holdeste Mädchenblume!“ + +Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der +Becher zitterte in ihrer schmalen Hand. + +„Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?“ +flüsterte Wolf Dietrich. + +Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd +sprach sie: „Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend +wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der +Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im +Erdreich, in dem nur ich gedeihe! —“ + +„Ist das Euer Trinkspruch, Salome?“ fragte etwas gedehnt der Fürst. + +„Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew. +Hochfürstlichen Gnaden und —“ + +„Und?“ + +„Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!“ + +„Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade +und —“ + +„Und?“ + +„Und Liebe!“ flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen +flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte. + +Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden, +doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet, +daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch +Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem +Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister +auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei +sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und +zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich, +des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die +Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall +gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des +Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben +jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung +bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2] +Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und +hatte angeordnet, daß zum „Fasanen-Gang“ dieser Gebrauchsgegenstand +solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am +meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde. + +Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft +und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft. + +Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles +herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und +sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch +ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes +legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach +nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie +ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von +einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen +Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen +nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den +überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just +recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den +Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt, +und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin. + +Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig +wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr +doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele +zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den +Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der +neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung. + +Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die +Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und +enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: „Der +kennt alles!“ + +Und Wilhelm raunte zurück: „Stimmt! Der wird uns in allem über!“ + +Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und +dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn +der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf +Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. „Meine Salzburger lieben den +süffigen Wein!“ meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich +beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte, +denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen +Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar. + +„Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?“ + +„Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet +auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom +Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus +Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus +Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von +Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und +Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und +dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero +unterthäniger Knecht!“ + +„Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel +der schweren und teuren Weine trinken!“ + +Voreilig sprach Ludwig Alt: „Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn! +Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so +viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten +Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut +und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern +lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem +Weinteufel!“ + +„Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu +steuern?“ fragte der Landesherr. + +„Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten +kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!“ + +„So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß, +ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu +publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den +Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“ + +„Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!“ sprach +Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich +berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht +auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen +zusprachen. + +„Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt! +Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die +Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?“ + +Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte +schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren +Körper, bebenden Tones erwiderte sie: „Wie sollt' ich je in solche Lage +kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach +Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will +ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier +in dumpfer Kemenate!“ + +„So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?“ + +„Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die +gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne +heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns +einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die +uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren +von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt +zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom.“ + +„Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche +Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram +herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die +feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die +Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur +staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon +einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und +warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum +der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten +Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe +Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich +die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen! +Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!“ + +Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte +beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof, +sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit +Salome noch gesprochen. „Ich sehe Euch bald wieder!“ flüsterte er dem +schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen +geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der +Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten. + +Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in +formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher +Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest +und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den +Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich +von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach +allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und +Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten. + +Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube +zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen +Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein +Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten +gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst +fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen +zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele +Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar +ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat +Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die +Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause. + +Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen, +nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme +Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren +einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt, +den Damen die Leuchte vorauszutragen. + +Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten +Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der +Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen +Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der +Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden +auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß +Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe +Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige +Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte: + +„Die Schlanke ist's! Schnell!“ + +Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward +von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen +herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu +weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die +entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre +Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle +menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht +schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen +von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken? + +Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus +seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der +Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse. +„Ist 'leicht etwas passiert?“ fragte er. + +„Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist +verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!“ +kreischte verzweifelnd Frau Alt. + +Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr +mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als +wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen. + +„Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister, +vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die +Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein +schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!“ + +Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie +mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im +Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die +Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und +verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu +fassen und rief immer wieder: „Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer +stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!“ + +Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen, +wer immer der Mädchenräuber sein möge. + +Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause +verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch +nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie +ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach +erleuchteten Gassen Salzburgs. + +Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter +Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und +hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer +Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten +Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre +Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein +furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte. + + + + +II. + + +Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten +Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig +festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die +höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom +Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich +zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in +Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren. + +Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu +Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen, +treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im +ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus +schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung. + +Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung +unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen +Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und +geheimnisvoll gesprochen ward. + +Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes +näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines +Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem +Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er +selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein +und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien, +die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu +vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand +der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte +kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche +Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar +an. „Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in +meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?“ + +Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand +ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem +Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not. + +„Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde +einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!“ grollte der Fürst. + +„Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer +warten, derweil stirbt mir der Mann!“ + +In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er +nach dem Begehr des armen Weibes. + +„Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus +der fürstlichen Kuchel....“ + +„Ist jemand schwer krank bei dir?“ + +„Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!“ + +„Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?“ + +Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am +üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu +können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in +später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen +Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das +gemeine Volk. + +Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus +augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe +verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte +sich der junge Fürst zum Kämmerer: „Du besorgst, was ich dir befohlen. +Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen +nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!“ + +Der Kämmerer wagte zu sagen: „Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und +schlecht der Weg hinan zum Berg!“ + +„Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten +Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke +Beine!“ + +Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen +schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute +Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte +des Elends. + +Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster +noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet, +nach Luft und Fassung schnappend. + +Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf +Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den +an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf +einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett, +gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger. + +Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich +die Arme zum Fürsten empor: „Habt Dank, o Herr, und helft in größter +Not!“ + +„Schrecklich!“ flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, „dieweilen man prasset +am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!“ Auf einen +Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die +inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein +Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht +ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie +Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse. + +Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile, +frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte, +kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht. + +Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur +für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er +einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt +ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen +Fürsten. + +In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch +seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu +fragen begann: „Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?“ + +In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: „Es ging alles nach +Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst, +als alles längst vorüber und verschwunden war.“ + +„Und hier?“ + +„Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau, +bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt.“ + +„Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?“ + +„Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!“ + +„Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die +Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde +Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel +stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling +bis nach Kärnten.“ + +„Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?“ + +„Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein! +Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du +bewachst deren Thür selbst!“ + +„Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero +treuer Diener wird wachen und sorgen!“ + +Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war +unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder +Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre +dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte, +vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß +des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]: + + „Thuerhuetter. + + Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts + auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer + lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß + personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte + officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen + sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem + andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter + anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen + stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt + einander vnderweilen abwexlen.“ + +Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten +gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der +Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem +Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige +Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren +denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu +unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den +Kämmerlingen gelassen werden dürfe. + +Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde +hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist +ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde. + +Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer +Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche +das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar +kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der +reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das +totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso +das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam +zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer +erfolgen könne. + +Alt erwiderte barsch: „Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig, +dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich +augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!“ + +„Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des +gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts +zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und +Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir +befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!“ + +„Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte +noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die +Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es +kaum mehr werden!“ + +Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und +der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen. + +Alt rief: „Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt +keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!“ + +„Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines +regierenden Fürsten!“ + +„Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht, +schlimmer denn wie im welschen Reich!“ + +Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das +Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles +Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. „In welchem +Betreff soll ich Euch melden?“ „Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter +schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne +stark und lang genug sei!“ + +Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren +Apartements. + +Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen +Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: „Was +soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!“ + +„Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein +außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub — der Handelsherr Wilhelm Alt —“ + +„Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem +Maße aufgeregt?“ + +„Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe, +den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe +ermöglichet“ + +„Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es +war ja zu erwarten!“ + +Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich +erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte +er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts +vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete. + +Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende +Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich +nimmer meistern, heiser rief er: „Wo ist meine Tochter?“ + +Kühl erwiderte Wolf Dietrich: „Wie soll ich das wissen? Was ist +geschehen, was wollt Ihr von mir?“ + +Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf +klangen seine Worte: „Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener +Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!“ + +„Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem +Fürsten!“ rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg. + +„Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und +wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt, +Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines +Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der +Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr +verhalten, Euer Eid lastet darauf!“ + +„Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan +gehört zu Füßen seines Herrn!“ + +„Helft mir zu meinem Kinde!“ flehte der angstgepeinigte Vater. + +„Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!“ + +„Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind +fordere ich von Euch!“ + +„Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab, +das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte +Worte mehr vernehmen!“ + +„Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge +um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die +Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei +den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß +gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!“ + +„Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?“ + +Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: „Ihr wißt um Salome! +Es kann kein Zweifel sein!“ + +„Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die +erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der +Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner +Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des +längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des +Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen +Sippen!“ + +„Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem +seiner Priester!“ + +„Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!“ + +„Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge +trüben mir den Sinn!“ + +„Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!“ + +„Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu +meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt +wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der +Wirkung!“ + +„Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den +Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist +in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu +erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein +unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut +keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!“ + +„Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter, +rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!“ + +Wolf Dietrich flüsterte: „Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das +Bürgerpack!“ + +„Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an +Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch +zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!“ + +„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der +Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem +aufgeblasenen Bürgerstolz?!“ + +„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“ + +„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich +drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen +ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist +Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe +Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' +gesehen!“ + +„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte +im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich +irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre! +Fluch!“ + +Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf +Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des +Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum +Nächtigen dienten. + +In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf +Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich +erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit +der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten +anzunehmen. + +Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen +Willen!“ + +Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem +Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin +Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem +Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach: +„Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“ + +Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des +Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit +mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse +wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“ + +Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen +Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des +Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet +mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz +erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure +Gunst!“ + +„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! +Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr +verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“ + +„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz +verdammet!“ + +„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr +gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem +schwergekränkten Vater!“ + +„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie +sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch +auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung +Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch +zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, +so er Euren Sinn verletzt!“ + +„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und +Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“ + +„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich +verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei: +offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche +Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen +Worten!“ + +„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin +bereit zu hören!“ + +„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird +gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der +Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den +Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen +wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir! +Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß +südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu +Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung +für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele +dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt, +die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im +kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das +schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr +sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und +Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich +beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt +Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir +halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir +schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben +soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes! +Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht +und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf +Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens: +Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“ + +Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome +in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte +den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch +schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein +Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, +strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann +nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich +schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“ + +„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort, +hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite, +seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein +stiftisch Land!“ + +Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine +Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin, +ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk, +reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg +groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu +handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“ + +„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“ +rief erregt der feurige Fürst. + +„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“ + +„Wie?“ + +„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der +Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“ + +„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im +Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“ + +„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben +Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine +verbotene Ehe?“ + +„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech' +das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' +ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“ + +„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome. + +„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt +Salome zu mir zurück!“ + +Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals +zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um +Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur +ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“ + +„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der +Wiederkehr der — Fürstin!“ + +Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem +Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie +auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der +Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich +geraubte Mädchen völlig frei zu sehen. + +Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung +in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu +Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei. + +Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im +Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da +Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem +Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“ + +„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“ + +Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der +verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube +hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen +Aussprache zwischen Vater und Tochter sein. + +Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids +geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? +Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“ + +„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“ + +„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“ + +„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer +schlimmen That!“ + +„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh' +die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er +soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“ + +Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde. + +„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder +unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden +meiner Tochter sonst so heller Verstand?“ + +Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt +forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte. + +„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein +Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn +verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der +ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine +Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein +furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei +meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir +gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend +giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn +dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet +bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in +Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich +lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“ + +Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich +Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen. + +„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat +der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher +Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe +ihm und dir! Mein Fluch —“ + +„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht +erscheinen lassen könnte!“ + +„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht? +Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters +Haft und Gewalt?“ + +„Ja, aber —“ + +„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist +eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste +Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach, +ich will meine Rache haben und mein —“ + +„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt, +makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt +gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“ + +„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt +eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was +hat er sonst gesprochen?“ + +„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich +mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, +zurückzuweisen —“ + +„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“ + +Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt' +die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur +Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“ + +Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones +rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert +sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens +Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das +Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug +davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten, +wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein +zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat +dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich +aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! +Niemals!“ + +Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb +Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem +Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt +das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte +Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf +geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den +ich zu gehen habe!“ + +Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie +nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die +Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah +sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als +Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung +fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des +Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das +Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört +seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor +Schmerzen. + +Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee +herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. +Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er +schien Salome meiden zu wollen. + +Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht +zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber +wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“ +den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag +abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der +Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die +Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in +beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten +Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn +gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden? + +Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich +der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle +Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du? +Bist du hier?“ + +„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“ + +„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der +Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren +dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem +Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome! +Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei +gelobt, daß wir dich wieder haben!“ + +Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und +geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als +Sitzplätze dienten. + +„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“ + +Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick +und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof. + +„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus. + +„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“ + +„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so +huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für +unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“ + +„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen +Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht +von Schande!“ + +„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf! +Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder +sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, +da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine +Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr +und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, +mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! +Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein +ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes! +Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom +könnten in Beziehung kommen!“ + +„Was kümmert mich der Papst!“ + +„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser +und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“ + +„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen. + +„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst? +Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte +sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“ + +„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so +unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“ + +Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste +gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und +drang auf eine völlige, genaue Beichte. + +Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme +auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome +erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen +und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu +erheben. + +„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme. + +„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“ + +„Das faß' ich nicht!“ + +„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist +empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden +an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort +sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“ + +„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es +genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig +ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht +verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig +genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach +eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht +gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch +dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun, +mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs +Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du +dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“ + +„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der +Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“ + +„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“ + +„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er +einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin +ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten +Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“ + +„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich +treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar +ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß +du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, +verbanden?!“ + +„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch +fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“ + +„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner +Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das +klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese +Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit +meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher! +Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes +Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“ + +„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich +vor dem gestrengen Vater!“ + +Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu +reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen +beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker +auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse. + +Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er +den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde. +Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das +eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen. + +Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und +Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt +des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte +Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede +wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die +Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als +möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief +beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, +und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von +der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward +der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der +Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in +eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte. + +Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im +Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung +in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder +verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und +Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und +Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den +nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig +zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den +Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und +sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied +zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser +Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle +Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne. + +Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf +Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und +später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause +einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine +Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der +Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang +Weibergeschwätz kalt gelassen hat. + +Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem +Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den +des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die +Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner +Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr +Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein +auswärtiges Kloster thun möge. + +In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge, +weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die +Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der +Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein +Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft +eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung +des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu +auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn +Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten. + +Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete +lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine +Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit +dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach +dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins +fürstliche Palais zu verbringen sei. + +Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes +kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach +Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde. +Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch +diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und +heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde +über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu +sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause +der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung. + +Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin +schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine +Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit +kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, +was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg +sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der +Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme +zu Hof, ich komme zu Hof!“ + +Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der +Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst +hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu +bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst +getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die +überglückliche Frau nicht sehen. + +In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende +Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und +galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend +vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ. + +Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge +Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir +neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende +Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein +fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so +ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des +hartköpfigen Pfefferkrämers?“ + +Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in +etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer +Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und +handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“ + +„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine +Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des +Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“ + +Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer +Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung +auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung. + +„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich +und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher +gestützt hatte. + +„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“ + +„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des +Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für +gewöhnlich konfiterieret!“ + +„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur +demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich +glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was +hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas +erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero +unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“ + +„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“ + +„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit, +aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran +teilhaben, bloß ich allein!“ + +Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann +sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch +und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige +Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“ + +„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es +ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der +Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher +selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in +Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere +schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im +stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für +Lebenszeit!“ + +„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und +Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“ + +„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr +bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber +in fürstlichem Gewande!“ + +„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt. + +„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen +Rabenvater Mores zu lehren!“ + +„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome +aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“ + +„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis +besser wird und trocken der Weg.“ + +„Und wohin?“ + +„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an +Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten +und hinab ins Welschland!“ + +„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“ + +„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe +Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit +wohl auf Erden geben!“ + +„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“ +sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu. +auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und +nebstbei bin auch ich geehrt, + +[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, +ist aber 1:1 aus dem Original übernommen] + +„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte +Fürstin ist!“ + +„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“ + +Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs +Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten, +was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere +Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein +Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame +und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten. + +Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu +sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die +Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß +Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das +Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte. + +„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte +Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in +den Füßen endlich das Heim erreichte. + +Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das +Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte +mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den +Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs +beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen +wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch +war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit +Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, +von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens +nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf +die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz +empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein +verbreitet sei. + +Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte +sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt +gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters. + +Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste, +daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte. +Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch +morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe +ich's erfahren!“ + +„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich +eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein +ganzes Leben!“ + +„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“ + +Geräuschlos entfernte sich die Magd. + +Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill +um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem +Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das +Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer +Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit, +die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome +empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung +beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch +Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens +inniger, hingebender Dank dargebracht werden. + +In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend +Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei, +mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu +bestellen. + +Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur +Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den +Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem +strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen +wissen. + +Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte +Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und +fortschaffen zu können. + +Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das +Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach +und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am +Leibe trage. + +„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara. + +Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst +wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“ + +Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein +Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich +hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses +selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und +nach rückwärts giebt es keinen Ausweg. + +Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk +dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es +lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten. + +Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die +arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich +mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung, +wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten. + +Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die +schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus +Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht +verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse. + +Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der +Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit +geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und +verschwanden um die erste Ecke. + + + + +III. + + +Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden +Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als +sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den +Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen +Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach +bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im +Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden. + +Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des +gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des +Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste +thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen +Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt +von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten +zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen. + +Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem +balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens +gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, +urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen +Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an +fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in +einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ +zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen +Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal. +Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden +Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf +Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's +mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen +Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der +Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem +eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden +Gestalt Salomes ansichtig ward. + +Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte +Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand +strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im +brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde. +Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene +Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb, +die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende +Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein +rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger. + +Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der +Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt +rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der +Ursache der Verstörtheit fragend. + +Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen +wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe. + +Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ +sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er +bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer +Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht +und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“ + +„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich +verschreckte!“ + +„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“ + +„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten +Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst +nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“ + +„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte +der galante Fürst. + +„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur, +die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der +fördernden Hand —“ + +„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer +Schlichtheit!“ + +„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“ + +Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich: +„Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“ + +Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens. + +„Was ist dir nur, Geliebte?“ + +„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das +Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“ + +„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, +meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist +meines Daseins oberstes Gesetz!“ + +„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, +eine Edelrose wird es niemals werden!“ + +„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an +meiner Seite einer Fürstin gleich —“ + +„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine +Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn +ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“ + +„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich +will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als +Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames +Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, +aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch +meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten +Paar von Euren Unterthanen!“ + +Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur +Antwort leicht geöffneten Lippen. + +Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des +schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen +Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen +Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im +Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges. + +„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete +Salome in die Burg. + +Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias +das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge +Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt +von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab. + +Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen +Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem +Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an +priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere +Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit +in allen Dingen zu sein. + +Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge +die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut +durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte +Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen +Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant +noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs +Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer +fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles +andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken. + +Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in +Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war, +wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, +der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend +scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei +und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘ +begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“ + +Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer +keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und +höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete +sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, +kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis! +Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß +Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten +Erzbischof!“ + +Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit +dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet +sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein +Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das +aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin +kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: +„Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem +schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu +entfernen. + +Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an +Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar. + +Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte +das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“ + +„Euer erzbischöfliche Gnaden....“ + +„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“ + +„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung +zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken +blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im +kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“ + +„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und +Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“ + +„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, +wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“ + +„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon +geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis +höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche +Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“ + +„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren, +wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen +Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten +wurde.“ + +„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“ + +„In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein +gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer +davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela. +Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb +Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat +so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch +einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im +Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der +Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum +infamia, conjugatus est....“ + +„Wer ist das?“ + +„Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und +verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen +Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt +gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib, +hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die +unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr +Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem +Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand! +Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige +Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache +der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die +scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die +Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben +können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den +schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich +lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel +soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke, +zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum +Himmel schreien!“ + +Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte +innezuhalten und Atem zu schöpfen. + +Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika +des Asketen: „Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet! +Den Mann will ich sprechen!“ + +„So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren +ein Exemplum?!“ + +„Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag, +das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!“ + +„Das Paar?“ fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant. + +„Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine +Meinung fassen über Mann und Weib!“ + +„Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines +Sprengels?“ + +„Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind +sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an +wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese +Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten, +nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade +Euch hiezu als Gast!“ + +„Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen +und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!“ + +Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam +unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand +des Fürsterzbischofes. + +Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das +Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich +in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: „Conjugatus +est!“ + +Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche +Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf +Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg +Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige +der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge +zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der +hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk +und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das +Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde. + +Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der +Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich, +der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief +verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete. + +Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham +über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete, +fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und +Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen +und der Mund weit offen stand. + +Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert +und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der +Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der +rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch +die Schwester des Erzbischofes sei. + +Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne +abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er +geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach +den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade +gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“ + +„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten +Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen. + +Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin +Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“ + +Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte, +doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten. + +Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est +archiepiscopus?“ + +Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck +des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung. + +Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die +Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die +Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger +Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein, +Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn +setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen +Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, +nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für +alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch +zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges +Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund? +Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach +des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, +geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der +höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum, +vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner +Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet +mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist +mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“ + +Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen; +Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch +geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um +Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen. + +„Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!“ rief gellend der fanatische +Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg +führten. + +Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des +ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa +konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine +Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung. + +Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen +Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler +ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener +Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der +Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den +Körper erbeben machte und nach Rache lechzte. + +Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich +hieß barsch, jedermann abzuweisen. + +„Es ist Domkapitular Graf Lamberg!“ wagte der Kämmerer schüchtern +einzuwenden. + +„Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ' +ihn sogleich zu mir!“ Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die +Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch +gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die +aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der +Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz. + +„Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!“ rief Wolf Dietrich und +schritt dem Kapitular entgegen. + +„Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme +in dringlicher Angelegenheit!“ + +„Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg +kommt mir sehr gelegen!“ + +Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen +ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen, +besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im +Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen +ließ. + +Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: „Lamberg, du kommst wie +gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht +schreite über einen Vermessenen!“ + +Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig +flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen. + +Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich +umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler +Gewitternacht. + +„Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu +gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!“ + +Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick +herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der +Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit +beruhigen wollte, und erwiderte: „Hochfürstliche Gnaden wollen in dem +tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des +Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des +hochwürdigsten Erzbischofs!“ + +„Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem +Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu +weisen?!“ + +„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches +Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die +Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß +in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten +Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde +erblickt im Wandel seines Bischofs.“ + +„Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?“ rief vorwurfsvoll +der Fürst. + +„Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und +Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger +Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der +Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war +nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser +Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein.“ + +„So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen +lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!“ + +„Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten +fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer +Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam +juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach +Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann +vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer, +kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten, +dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen +Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten +Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde, +für Verbrechen wider die Kirche hält!“ + +„Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in +meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!“ + +„Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts +von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann +meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde +Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen....“ + +„Und den Erzbischof?“ + +„Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen, +so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit +einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!“ + +„So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?“ + +„Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur, +jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig +wirken beim Ausmaß der Strafe!“ + +Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte +durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: „Ja, so spricht +ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu +lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken, +wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert.“ + +„So ist es unerschütterlicher Wille?“ + +„Ja! Und — Dir will ich's anvertrauen — erst heute wieder bat meines +Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!“ + +„Nunquam!“ + +„Wie?“ + +„Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals +zu thun!“ + +„Perchè?“ + +„Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?“ + +„Ich bitte dich darum, mein Freund!“ + +„Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures +Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an +eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!“ + +Stolz erwiderte Wolf Dietrich: „Ich bin der Fürst und Herr des Landes! +Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem +Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio, +ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt! +Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die +größte, kann gestatten?“ + +„Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg +man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an: +Verzichtet auf das ehlich Band!“ + +„Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz +ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in +weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund +gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der +Papst — sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen +verstattet ist —?“ + +„Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären +nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der +Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie +beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom, +unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung +kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals +gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen! +Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des +Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr, +obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider +päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den +Verdacht des Luthertumes bringet?!“ + +„Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?“ + +„Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die +Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der +unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich +eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten, +achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt +an Bayern, Kaiser und Papst!“ + +Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des +vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn +der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: „Was kümmert +mich der Bayer, was der Kaiser!“ + +„Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und +ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An +Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über +des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten +können!“ + +„Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!“ + +„Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach +als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es, +zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!“ + +„Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber +sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?“ + +„Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die +Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!“ + +„Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!“ + +„Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!“ + +„Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und +manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst +büßen für die Wonne des profanen Lebens!“ + +„Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug +wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! — Doch wenn Hochfürstliche +Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich +veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!“ + +„Was soll es sein?“ + +„Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich, +die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs +Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!“ + +„Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!“ + +„Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des +Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen +lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu +helfen.“ + +„Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt +sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer +zahlen soll, schreit immer! — Doch genug von solchen Dingen. Behagt es +dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum +Abendbrot sehen wir uns wieder.“ Launig fügte Wolf Dietrich bei: „Graf +Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem +Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner — Fürstin?“ + +„Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane +Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die +Honneur bezeigen zu dürfen!“ + +„Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir, +Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft +verständigen!“ + +Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald +holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen +Burg anzuweisen. + +Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte +Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar, +die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich, +hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer +Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte +und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch +der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem +Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen +Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters +Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem +Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom +hochwürdigsten Erzbischof. + +Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen +Geistlichen gemahnende Gestalt. „Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur +Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?“ + +Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge +herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen. + +„Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird +unten im Dorf gereicht!“ rief grob der Vogt. + +„Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist +mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!“ + +„Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und +hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich +mache Euch Beine!“ + +Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand +gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem +Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung +gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares, +insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen +Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf +das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: „Vogt! +Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube; +der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!“ + +Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und +erwiderte unterwürfig: „Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat, +sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug +darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!“ + +Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild +die Frage: „Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?“ + +Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: „I freilich, +schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der +Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr +Erzbischof von uns will?“ + +„Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und +vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch +erquicken!“ + +„I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch +lohnen dereinst an Euren Kindern!“ + +„Pst, pst!“ mahnte der Kurat. + +„I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid +Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so +schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang! +Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd' +und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber +und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!“ + +Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte +Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot; +Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken. + +Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und +murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: „Gott vergelt' +Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und +Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr' +und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!“ + +„Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!“ lispelte die Greisin und +nippte dann vom goldigklaren Wein. + +„Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr +nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!“ sprach Salome, +der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk +zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster +in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des +Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome, +dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen +Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig +machen. + +„O,“ meinte die Greisin, „fertig sind wir allzeit, da giebt's kein +Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist +Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein +gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O, +das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!“ + +„Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!“ lächelte Salome. + +Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite, +um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter +einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das +Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: „Ei, Salome und in +Gesellschaft?“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom +beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh' +vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese +Stube wir geraten!“ + +„Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so +wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!“ + +Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich +bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der +sogleich verschwand. + +Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den +ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: „Wie lang seid Ihr +schon Priester?“ + +„Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit +zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd' +ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der +Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr.“ + +„Vierzig Jahre in der Einöd'!“ sprach mit besonderer Betonung Wolf +Dietrich und nickte Salome zu. + +Voreilig meinte die Greisin: „In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen +die Jährlein wie der Bergbach geschwind!“ + +Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: „Verzeihet, Hochwürdigste +Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt', +nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!“ + +„Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von +Cölibat und päpstlicher Verordnung?“ + +Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig, +zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß +damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen +Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß +genommen habe an der Priesterehe. + +„Beklagenswerte Zustände im Landklerus!“ sprach Kapitular Graf Lamberg. + +Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich +regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome +bewegen mochte. + +Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen: +„Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem +Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen +in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit +hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von +Priesters Hand!“ Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein +plapperte eilig: „I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich +lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle +Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der +schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was +hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund, +ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch +und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen +und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein +harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder +heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der +jeglicher Pflege bedarf, — kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen +mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib +nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott +gegeben vor dem heiligen Altar?“ + +Wolf Dietrich nahm das Wort: „Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein +Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen +ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört +zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht +und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!“ + +Angstvoll rief Salome: „Gnädiger Herr!“ + +Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte: +„Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben +greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich +gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet! +Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten +Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!“ + +Graf Lamberg wollte mahnen: „Exempla trahunt!“ + +Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: „Das mag im allgemeinen gelten, +und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will +mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der +Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in +seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem +ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim +mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll +lassen Euch in Ruhe!“ + +Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in +innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf +die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte. + +Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: „Hab' ich's nach +Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum +Küchenmeister!“ + +„O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!“ lispelte erglühend Salome +und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube. + +Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine +Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu +leisten. „Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von +Salzburgs Stift und Dom?“ + +„So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu +sagen, zu schweigen und zu gehorchen!“ + +„Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im +Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch +möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab' +gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von +meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt +mein Freund?“ + +„Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!“ + +„Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern. +Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?“ + +„Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb' +und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger +dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger +so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll +Ordnung werden im Erzstift!“ + +„Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher +Einsicht!“ + +„Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden +ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch +gegen....“ + +„Du meinst Salome!“ sprach hastig Wolf Dietrich. „Du bist klug und weit +reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit +stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger +Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar +verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden! +Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit +einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!“ + +„Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag +paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen +Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!“ + +Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ +sich völlig tiefem Sinnen. + +Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der +schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des +genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der +schönen Salome. + + + + +IV. + + +In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da +der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die +bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im +Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese +steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu +begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen +finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton +dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die +Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst +den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal +bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung +gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen +überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur +veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu +beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten +die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften +Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den „Saufteufel“. Es +konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen +nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die +Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein +hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat +faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur +Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen +wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst +gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig +erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im +eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung +jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die +Hofkammer abgeliefert werden. + +Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die +Weinsteuer „für ewige Zeiten“ Geltung haben solle, brachte das Blut auch +der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur +Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel +treffen, und das machte die Landschaft rebellisch. + +Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den +Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ. + +Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren +verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute +der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände +gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen. + +So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und +Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den +Beschwerdeweg beschritten. + +Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als +durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte +Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu +verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte. + +Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und +Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu +treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch +berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu +gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die +Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich +stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch +einige Erholung zu gönnen. + +Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines +raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr +losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog. + +Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich +vorgelassen. + +Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in +Händen und rief dem Freunde zu: „Komm nur schnell heran, setze dich zu +mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe +ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie +wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in +einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn +aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!“ + +Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: „Auf welche +Privilegien beruft man sich?“ + +„Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!“ + +„Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den +früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst +eingebüßt haben.“ + +„Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im +Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von +den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten +gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen +eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!“ + +Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung. + +„Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs +nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer +sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist +der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist +perpetuell, — so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die +Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen.“ + +„Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!“ + +Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: „So +werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat +der Mauten und Zölle!“ + +Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er +eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: „Du +hast Bedenken? Sprich, Lamberg!“ + +„Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte +Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise.“ + +„Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil! +Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!“ + +Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: „Die Zeit ist schlimm, die +Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender +Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und +weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen +Fürsten....“ + +„Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!“ + +„Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst! +Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten! +Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen +wollen und zum Wanken bringen?!“ + +„So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die +Rebellen in den Sand!“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom +Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als +treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in +bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen.“ + +„Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet, +ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir +brauchen Geld!“ + +„Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein +partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst +empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch +gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern.“ + +„Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der +Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes +Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil +nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!“ + +„Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher +Hinsicht von Segen begleitet finden.“ + +„Wie meinst du das, Freund Lamberg?“ + +„Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß +gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und +Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages +durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und +unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält +vor — Auswanderung!“ + +Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im +Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und +gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: „Niemals +ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu +zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!“ + +„Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und +Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der +Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion +zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert.“ + +„Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!“ warf Wolf Dietrich +ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: „Traurig genug, daß der +regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach +meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!“ + +„Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege +einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu +einer Auflösung raten!“ + +„Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung +können sie warten bis — in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!“ + +Überrascht fragte Lamberg: „Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere +Bauten?“ + +„Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich +später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim +schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch +noch einzufordern —!“ + +„Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?“ fragte +Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau +kannte. + +„Sprich, Freund!“ + +„Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in +Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei +bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von +Küenburg noch nicht bezahlt ist....“ + +„Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst +muß darben! — Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf +berechtigten Weihsteuer?“ + +„Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück +Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses +allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen, +an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande, +neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer +müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und +Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber +erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen +allenthalben!“ + +Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für +das ehrlich offene Wort. „Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen! +Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich +begrüßen zu können!“ + +Ausweichend erwiderte Lamberg: „Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten, +möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen, +um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!“ + +„Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und +haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung. +Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg +meiner Salome Gesellschaft leisten!“ Dies sprechend gab der Fürst ein +Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der +Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. „Auf Wiedersehen, Graf, bei +Tisch!“ + +Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das +fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der +Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern +als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf +Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche +vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten +aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre +machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete +dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom +Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen +Originals zu sein schien. + +Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst +vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei. + +Lamberg erwiderte kühl: „Ich kenne das Original zu Rom!“ + +„Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines +Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!“ meinte der Kämmerling. + +„Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen +Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!“ sprach +abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös +ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der +Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab. + +Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt +hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen +Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer +Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in +Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den +herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der +Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn +auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die +Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf +gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird +sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch +keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne +Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu +erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen +guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich +Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine +wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des +Freundes. + +In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und +schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin +bereit sei, den Grafen zu empfangen. + +Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten +Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das +mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome +auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt +saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres +blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in +diesem Augenblick wirklich entschuldigen. + +Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick +gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: „Willkommen, Graf, in meinem +Reich!“ und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz +zu nehmen. + +Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und +erwiderte: „Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen +und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste +Aufwartung zu machen!“ + +Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie: +„So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl +des gnädigen Fürsten?!“ + +„Gewiß!“ klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: „Wie +sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges +ohne Befehl gelangen!“ + +„Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig +sein!“ + +Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: „Ich kann nur heißen Dank +für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als +guten gnädigen Frau!“ + +„Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf +dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter +sothanem Mangel der Legitimität!“ + +„Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero +unterthänigsten Diener!“ + +„Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes +Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!“ + +„Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige +Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu +beeinflussen?!“ + +„Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur +will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?“ + +Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome, +senkte dann wieder die Lider und sprach leise: „Was könnt' meine +Freundschaft Euch auch nützen?!“ + +„Mein Ohr vernimmt das ‚Nein‘, so warm auch klingt der Ton der leise +abwehrenden Rede!“ + +„Nicht doch, gnädige Gebieterin!“ + +Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: „Ihr wollet nicht, ich +ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des +legitimen Bundes!“ + +Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das +Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: „Streng und scharf +umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen +müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist +jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch +verhängnisvollem Schritt!“ + +Höhnisch klangen der Favoritin Worte: „Die Strafe Roms! Wie straft Rom +wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?“ + +Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: „Ihr wißt davon?!“ + +„Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des +verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes +Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal +gelten müssen?“ + +„Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und +Rom ist nicht Salzburg!“ + +„Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann +beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das +pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?“ + +„Das wißt Ihr auch?“ stammelte in maßloser Überraschung über solche +intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg. + +„Nimmt Euch das Wunder?“ + +„Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!“ + +„Was soll unmöglich sein?“ + +„Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst +gegeben!“ + +„Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die +vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat +eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir! — Ihr +möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen +Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes +Gewebe....“ + +„So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich +wahrlich nicht!“ + +„Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr +fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr +nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu +wehren wissen!“ + +„Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn +und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern +bis zu meinem dereinstigen Ende!“ + +„Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones +Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!“ + +Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: „In diesen +Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe +schaffen!“ + +Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige +Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende +Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret +zurück. + +Leise sprach Salome: „Wie will Graf Lamberg es nun halten?“ und erhob +sich von dem Sitze. + +Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: „Die gnädige Gebieterin wolle +verfügen über mich!“ + +„Gut denn, kommt des öfteren als Freund!“ + +Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte +noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete +die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in +welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits +harrten. + + + + +V. + + +Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes, +ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in +welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den +faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten, +daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei. + +Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick, +doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher +infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem +Faktor zurief: „Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!“ + +In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen, +ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt, +um rasch wieder zu verschwinden. + +Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß. + +„Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch +nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen +mag! Willkommen, Puchner!“ + +„Gott zum Gruß, Freund Alt!“ + +„Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf, +zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich +kann's nicht länger leugnen!“ + +Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: „Sag' doch dergleichen nicht! +Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem +Sturm!“ + +„Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die +Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart +oder hast ein Geschäft im Aug'?“ + +„Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder +liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch +noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und +fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist +nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!“ + +„Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf +die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!“ + +„Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?“ + +Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen: +„Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die +Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben, +Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!“ + +„Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!“ + +„Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage, +ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf +würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!“ + +Puchner seufzte und schwieg. + +„Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als +Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug! — Was ist in der Landschaft +wohl des Neuen verhandelt worden?“ + +„Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die +Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie +sollen gleich dem Bürgersmann.“ + +„Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies +Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!“ + +„Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!“ + +„Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!“ + +„Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht +übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen. — Die Landschaft hat +zugestimmt.“ + +„Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte +gelten ‚für ewige Zeiten‘? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die +Schlinge um den Hals nicht gefühlt?“ + +„Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an +Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei, +so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen.“ + +„Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!“ + +„Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von +Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!“ + +„Trau einer diesem list'gen Fuchs!“ + +„An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns +wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß +der Handelssteuer um ein Dritteil.“ + +„Und das habt Ihr frischweg geglaubt?“ + +„Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich.“ + +„O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!“ + +„So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen +Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er +wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich +glaub' es selber!“ + +„Puchner, mir bangt um dich!“ + +„Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die +bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes +will und Edelmann ist jeder Zoll.“ + +„So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das +Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen.“ + +„Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den +Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die +Hast in den Mandaten.“ + +„Wie meint Freund Puchner?“ + +„Der Fürst ist schlecht bei Cassa!“ + +„Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen +wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der +Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft +findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim +Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler +ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei +den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der +Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes +Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!“ + +„Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht +Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen. +Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!“ + +„Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!“ + +„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu +streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich +wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt....“ + +„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner, +und komm' bald wieder!“ + +Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte; +Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem +Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden +Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand +jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der +Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen +über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung, +über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches +Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf +Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe. +Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter +beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der +höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit +Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren, +daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden +Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre +bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen +einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen. + + + + +VI. + + +Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in +weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die +wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es +ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der +Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur +der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des +Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei +Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die +Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die +Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu +finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert +werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches +mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich +zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche +Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein. +Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne +Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem +Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein +stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den +Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner +und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und +Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus. + +Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es +schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die +Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen +und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden. + +Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an +Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg +über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen +Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her +wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum +Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des +Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die +gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der +Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die +Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen +durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im +letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den +vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der +Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das +Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der +Nebelschleier stark verdichtet. + +Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und +die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines +Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der +Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen +Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden +Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der +Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit +totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe. +Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben +diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten +Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung +einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu +erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und +schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte, +erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe +noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der +Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend. + +Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und +den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu +überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde. + +Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten, +behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt +werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das +reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem +Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick +der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere +Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die +nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist +unvollendet geblieben. + +Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht +verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen, +milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe. + +Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein +gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige +Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“ + +Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde +Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“ + +Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten +Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr. + +„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs +danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte +Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt +mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz, +geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig, +bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe +Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“ + +„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern +gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher +betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl +Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen +und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des +Weibes!“ + +„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz +mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich +nicht klären —“ + +„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“ + +„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den +Weg bis zur schweren Stunde!“ + +Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun +flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief +durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih', +Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo +wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem +Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann +nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach +Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“ + +Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich. + +„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich +geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund +vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und +stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“ + +Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf. + +„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste +mit dem roten Hut —“ + +„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin. + +Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten, +doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich +stelle gegen meine Promotion.“ + +„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“ + +„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich +dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern +wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier +fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser +Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug +davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei +gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu +gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines +Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld! +Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich +mir, bist Gattin mir und —“ + +„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt +sich nicht wird zu erfreuen haben!“ + +„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit +Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich, +so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“ + +Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige +Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache +ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und +verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend +zurückblieb. + +Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden +war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte, +Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den +Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten +möchten. + +Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus +nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das +bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf +Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers +Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“ + +Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für +deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen. + +So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät +abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach +Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“ + +Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre +Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf +fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten +Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so +namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie +immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten. + +Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde +von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher +Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd +den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter +Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch +hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr +versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller +Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden +wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum +Klagen brachten. + +Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des +Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste +Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach +Landsknechtbrauch. + +Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen +erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in +Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der +schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut +geschlagen hatte. + +An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer +von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von +fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis. +Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern +war. + +Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten +Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns +Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich +geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem +Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich, +liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen +solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen +Fürsten!“ + +Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht. + +Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort +verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe +seine Hand auf!“ + +Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände +auf. + +Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter +Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und +Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig +gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf +bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße. + +Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne, +brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von +der Stirne lief, kein Wort hervor. + +Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und +ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum +Schluß um Gnade. + +Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit +dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und +laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere +Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das +Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche +Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten +Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines +jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein +wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen +zusteht.“ + +In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den +beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger +weißbekrustete. + +„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief +der Feldwebel. + +Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein +sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig +Knechte zur Beratung beizugeben. + +„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und +bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit +Besprechung untereinander pflogen. + +Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals +einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden. + +Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten. +Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder +geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann, +der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes +„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die +Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte +Hand!“ + +Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen +Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder +zu einigem Ansehen zu gelangen. + +Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist +schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein +Fähnrich nach Brauch!“ + +Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die +Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die +Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind. + +Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches +und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach +innen gefällter Fahne verschlossen. + +Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter +Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse +gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein +eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und +der den sicheren Tod bringen muß. + +„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den +Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes +des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte +und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den +Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse. + +Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und +fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“ + +Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße, +ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der +Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot +aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein +Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das +Leben entflohen ist. + +„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel. + +Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen. +Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von +tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen. + +Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal +Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen +abschossen. + +Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende. + + + + +VII. + + +Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die +Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen, +es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die +Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe. +Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus +eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates, +sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus +der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So +mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe +anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung +ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite +debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse +Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der +Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die +eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit +leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels +durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den +Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn +völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen +scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren, +auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr +aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen +Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der +Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja +und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr +bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der +Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn +müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft +werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine +neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer. + +Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“ +zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste +Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle +der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das +aus eigenem Säckel bestreiten. + +Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte +und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der +praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt +überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf +Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen +Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst +möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus +unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im +Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene +Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich +hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige +Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen +war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch +auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden +einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus +Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei +seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen, +sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg +sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister +eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich +schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den +Erzbischof in die Residenz geschickt wurde. + +Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die +Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien +schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und +vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der +Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die +vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus +der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde +sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen +können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der +Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem +Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen, +daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“ + +Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche +Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal +geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt +sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in +passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer +Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er +kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden +Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie +hätt' es nicht geglaubt....“ + +„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte. + +„Ich hätt's nicht geglaubt!“ + +„Was?“ + +„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's +eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“ + +Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer. + +„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede! +Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“ +stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister. + +„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch, +deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten +Herrn!“ + +„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den +schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und +derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen +die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank +dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und +Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“ + +„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet, +daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“ + +„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die +Gab' der Rede nicht beschieden!“ + +Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte +sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen. + +Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen +einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer +erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten. + +Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten, +Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im +Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge, +wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und +Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten. + +Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der +Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur +die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl +gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen +von den Armen. + +Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur +Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde +gleich vorgelassen. + +Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf +Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale +entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten. + +Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch +raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und +ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein, +ich komme nicht...!“ + +„Wie meint der Bürgermeister?“ + +„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht! +Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und +Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und +Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen +für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“ + +„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des +Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset. +Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in +solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in +der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich +der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben. +Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich +nicht überlaufen werden!“ + +„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen +wirst!“ plapperte Alt heraus. + +Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der +Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner +Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“ + +„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die +Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“ + +„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher +hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir +erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores +lehren.“ + +„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker +rebellisch machen!“ + +„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den +Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten +Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“ + +Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das +Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand +plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem +Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten +Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen +hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel +teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht +erzwingen ohne Gewichtsverringerung. + +„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“ + +„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“ + +Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den +letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug +davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den +Unterthanen!“ + +Damit war der Bürgermeister entlassen. + +Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher +einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger +befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch +der Kapitular weilte auswärts. + +Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da +niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf +Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und +fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner +ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung +vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr. +Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten, +welche die Ritterzehrung verursache. + +Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine +Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß +eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert +Gulden vierundzwanzig Kreuzer. + +Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die +Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit, +neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs +Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei +Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der +Finanzgewaltige im Rate nicht aus. + +Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf: +„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf +Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein +Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe +empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“ + +Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer +Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“ + +Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei +war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein +dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im +salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger +wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese +Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte +er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen +bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe, +den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der +Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger, +daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas +gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das +gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem +einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte, +eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen. + +Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der +fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für +Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt +werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse +Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang +einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten +Almosenschatulle[9], beinahe leer. + +Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die +Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen, +Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue +Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon +graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten +Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen +Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das +„Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder +Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes +an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu +warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten +eingeholt. + +Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in +höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die +remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die +Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid. + +Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand +er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und +Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also +fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der +Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen +werden! + +Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide +gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die +Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder. + +Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens +als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was +an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die +Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld +wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache. + +Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die +Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der +wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig +gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die +Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu +verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des +Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer +schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land +hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im +Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der +lutherischen Seite war. + +Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den +Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der +Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern +nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie +die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger +hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die +Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das +heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf +Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen +und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen. + +Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die +Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken, +die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel +ausgeht, die Bauern rebellieren sollten. + + * * * * * + +Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner +Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und +Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell +auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie +betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen +Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung +der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten +höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof +kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller +Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in +dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer +schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige +Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er +war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen +hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und +Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft +gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt +dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines +viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne +ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht +Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in +Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern +brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung +that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen. + +Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf +seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten +Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun +hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte +Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die +Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“ + +Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise +Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag +abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein, +denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich +schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter +erreichten. + +Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles +hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen +Schluck vorher!“ + +Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut +ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut +not!“ + +„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg +flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein +Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall. + +Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre +Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz +richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen +Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer +ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und +schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht +über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt +das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der +Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof +hören!“ + +Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf +standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es +ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen +ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die +Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen +verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht +erschwingen!“ + +„So ist es!“ riefen die erregten Bauern. + +Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen +supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten +Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen, +sonst ist's g'fehlt!“ + +Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau +erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch +nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden +bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja +ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden. +Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“ + +Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum +Fürsten!“ + +Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr +Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill, +und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen. +Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“ + +Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut! +Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind +verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es +kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht +in unser Gericht!“ + +Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach' +ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten! +Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller +Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“ + +„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns +selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns +supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann +merken!“ + +Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht +dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen, +wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch +gehalten werden!“ + +„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht, +den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der +Steuerteufel nicht verkümmern!“ + +In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das +Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“ + +Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches +Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch +andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit +erklärt hätten. + +Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung +der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr +sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der +leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden +pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich +will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur +demütigen Supplikation geraten!“ + +Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt +uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission +durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“ + +Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft +akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“ + +Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen +und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte, +die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an +der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der +Steuerkommission. + +Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte +Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das +Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und +Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und +steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger +muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein +Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu +dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern +gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht +widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist +unser Herr!“ + +Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein +geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit +Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“ + +„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten. + +In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es +so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem +Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis +erhält. + +Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie +durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen +Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben +könne. + +Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist +im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“ + +„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen, +Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln +Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“ + +Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und +fluchend. + +Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach, +das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt. + +Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit +zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung +vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse, +erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich, +weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten, +gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von +den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten +das Leben kosten kann. + +Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß, +das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in +Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel +nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von +einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die +Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist +vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau. + +In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill +zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte +diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in +Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte +erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen +hat. + +Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten +Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten +Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants +Kaiser vorfand. + +Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem +Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach +gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die +Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern +rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An +150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des +Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau +gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller +Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun +erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht +zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft +dauern werde. + +Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der +Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska +erfüllte ihn mit Angst. + +In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der +Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen. + +Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur +rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der +Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte +begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich +Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche +Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle +Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und +von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald +von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die +eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr +schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben +an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben +schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens +abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche +Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit +fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein +anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von +achtzig Gulden versprochen sein. + +In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für +Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung +erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl, +die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden +und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben. + +Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter +zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen. + +Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der +Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert. + +Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht, +hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die +Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus +abgeliefert werden. + +Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der +größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben +für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod +durch das Schwert. + +Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf +Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant +seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab +und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise +Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung +Hohensalzburg. + +Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in +einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen: + + „Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1. + Juli ist besonderes nichts vorgekommen. + + Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg + Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse + ankommen. + + Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt + worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer + zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer + geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung. + + Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin, + darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle + Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1 + Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein, + 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die + Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli + 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch + die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden + genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen + Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen + zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich + ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden + hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren. + Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen + aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles + verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst + beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären + zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich + Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen + und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die + Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen + gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl. + Gnaden Bericht. + + Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag + 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum + Ende. + + Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine + Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste + nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen + ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade. + + Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel. + + Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr + hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche + ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen. + + Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl + schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein. + + Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz + im Zimmer gehabt, ausblieben. + + Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung. + Gott schicke es, daß mit Glück erfolge. + + Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder + ausgeblieben. + + Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden. + + Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren + angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen + meiner Urbargüter gethan haben sollen. + + 22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß. + Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir + bald mit Glück wieder daraus. + + (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.) + + Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt. + + Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der + Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen + Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder, + Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen + darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für + Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem + Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe + ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden, + unterschrieben. + + Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein. + Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich + hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und + Urbarsbeschreibung examinirt worden. + + Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen + und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott + verleihe bald glückselige Erledigung. + + Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den + + Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October + ausgesagt, unterschrieben. + + Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer + gelegen. + + Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament + empfangen.“ + +Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut +gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des +Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus +den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise +hervor. + + „Herr Ehinger. + + Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig + zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller + Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch + gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich + Urlaub.“ + + „Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer + Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich + treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte + ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch + die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner + Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes + Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß + sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges + und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten + Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung + zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“ + + „Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer + Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist + ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht + um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager + Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern + Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne + sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß + hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns + Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott + meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier + 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei + es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich + guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder + Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal + durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die + Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich + 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr + Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer + Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich + Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen, + ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“ + +Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in +aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern +eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von +den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies, +da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das +Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten +supplizieren. + +Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche +Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein +gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die +Gemüter für immer im Bann halten solle. + +Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor, +zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen +Lande still. + +Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür +einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein. +Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt +die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: „Man hat auch keinem +nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer +sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in +der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine +Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat +nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das +allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und +Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat.“ + + + + +VIII. + + +Von Hohen-Salzburg donnerten die großen „Stücke“ und ihr mächtig Krachen +brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch +die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur +Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung +lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des +Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten +den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und +Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz +verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden +sei, das erste Kind! + +Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der +Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das +unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller +Lungenkraft. + +Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung +durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward +Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker +Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch +nicht Vater sein könne, und die „Stücke“ seien nicht dazu auf der Veste, +um ein Kind anzudonnern. + +Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn +bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr +sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer. +Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf +Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige +Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei +Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden +die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur +Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der +Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann +zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie +jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend +zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines +fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch +die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste +Kritik provozierend. + +All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen +und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es +wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an +den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten +sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs +schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner +nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig +schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in +solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller +Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch +Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß +Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren +Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der +Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome +verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte +Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine +Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica +zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter +Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand +lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht +vom Arm des Gebieters getroffen worden waren. + +Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung +des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den +Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren. + +So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu +in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen +Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf +Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame +eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse +erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das +ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt. + +So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um +jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der +ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag, +und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte. + +Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und +flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende +Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit +keinen Ausdruck gäbe. + +Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen +flüsterten: „Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?“ + +Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das +Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da +lachte der Fürst herzlich auf: „So gebrechlich wird ein Raittenau nicht +sein!“ + +Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach +bewegt: „So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!“ + +„Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!“ + +„O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!“ + +„Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den +Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem +kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!“ + +„Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens +wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!“ + +In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände, +hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die +Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt. + +Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig +unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte. + +Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht +mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner +Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen +Zügen. + +In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob +niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen +zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und +sogleich vorgelassen. + +Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch +den Ruf: „Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens +Dank dafür! Herzlich willkommen!“ + +„Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die +Glückwünsche zu Füßen zu legen!“ sprach Graf Lamberg ehrerbietig und +verbeugte sich tief vor dem Gebieter. + +„Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine +freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs +Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe +keine Meldung!“ + +„Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr +überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird +klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch +kommen an den Hof.“ + +Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage: +„Glaubt Lamberg wirklich?“ + +Der Kapitular antwortete vorsichtig: „Es wäre Pflicht nur und schuldige +Dankbarkeit!“ + +„Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der +Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden +will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf +Raittenau.“ + +Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu +richten, sprach aber nichts. + +Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art +hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden +solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein +Raittenau. + +Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen +aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht, +unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als +der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit +verhaßt. + +Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und +gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in +diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner +Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der +Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die +Residenz müsse verlegt werden. + +„Die ganze Residenz?“ fragte überrascht Graf Lamberg. + +„Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden +ist, das ‚Altenau‘ ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei +Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk, +meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen, +daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in +Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge +Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd' +ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut' +hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei +andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem +Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis. +Wird nicht zu frühe sein damit!“ + +„Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich +erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der +gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten....“ + +„Was?“ + +„... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im +Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß +in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich +informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!“ + +„Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es +ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es +ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat +bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das +Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen.“ + +Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen +ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte. + +In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: „Warum nicht jetzt? Wer kann mich +hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich +will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so +einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner +Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!“ + +Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst +nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur +gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe; +der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: „Es wird Euer +Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu +mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und +Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens.“ + +Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als +horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur +Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ, +bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit, +die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben +zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen +getroffen werden sollen. + +Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um +ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis +auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder +gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem +hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf +Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende +Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem +fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen. + +Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit +der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der +erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß +doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes +ohne gültigen Ehebund folge, — der Fürst, der das Warten nicht kannte, +durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so +mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme +Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift +citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen +das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche +Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der +Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über +den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso +überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe. + +So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden +Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am +nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung +verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu +gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur +Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen +Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig +Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend, +auch als die Ausweisung angedroht wurde. + +Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich +zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung +„zu verhütung mehreren unraths“ über den Wegzug der ketzerisch +Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis +ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis +zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut +war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren +Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder +schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen +Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie +verfügen würde. + +Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und +Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden, +sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift +verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden, +übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung +der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel +sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine +Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die +Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt. + +Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den +Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere +vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren +Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht +rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin +belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit +brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten. + +Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der +Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja +doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein, +wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich +in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu +jeglicher Stunde. + +Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward +der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der +auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet +knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider +der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf +Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der +Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn +schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen +aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen +Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte +der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige +Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller +Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde. + +Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich +nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord +und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten +übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und +drohte mit dem Malefizrichter. + +Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde +von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens +Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm +geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte +Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die +Todesstrafe ausgesprochen werden. + +Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör +ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat +nicht begangen habe. Auch konnte eine „Beschädigung“ (Verletzung) des +Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst +verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den +Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf +Hinrichtung durch das Schwert. + +Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem +Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm +gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten +Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der +Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren +nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches. + +Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den +Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der +gnädige Fürst habe Pardon gegeben. + +Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der +Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt +bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den +Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden, +gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im +letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten. + +Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen +unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein +Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man +wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate +fanden Beachtung. + +Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den +Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu +dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die +Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der +Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal +wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die +Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion +zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als +Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern. +Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten +werden. + +Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die +mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen. +Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der +zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am +Gründonnerstag bringen. + +Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in +eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln +die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der +brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten, +zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen. + +Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich +ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu +nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der +Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm. + +Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die +Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren +und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte +dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das +Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der +massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan. + +Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund +flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun +predigen werde. + +Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm +eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen. + +Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede +zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel +Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher, +häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen +durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß +die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen +erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen +Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_ +Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist +der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der +Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel +gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr +und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander +die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur +Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen +vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und +Gebieter.“ + +Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den +Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach +der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche +die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten +schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen +Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und +Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich +auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser +sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde; +besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er +führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an +vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum. + +Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige +Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge +erkennen sollen. + +In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren, +es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu +Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen +habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im +Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt. + +Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu +seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels. +Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren +die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie +zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des +Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden. + +Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen +Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange +Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die +Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war +nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den +salzburgischen — Hunden. + +Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof +verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit +einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen, +bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe +des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je +kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der +Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von +einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister) +erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen +Gassen einzufangen und abzuschlagen. + +Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer +alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten +Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und +fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der +Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager +konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf +Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund +lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund +nicht aufsichtlos lassen. + +Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor +ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies +sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus +und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese +Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl +zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher +Auffassung überhaupt zu viel Hunde. + +Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der +Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem +Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach +auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten +Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und +gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die +Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde +erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den +Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer +vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als +sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde +davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen +wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die +Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die +Verhaftung des Schlagers. + +Die Aburteilung endete mit Entlassung „mit Spot und Schant“. + + + + +IX. + + +An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater +auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu, +das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der +Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck +gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende +Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine +lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei +jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack. + +Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das +Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener +Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder +Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom +Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner +zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten +essen würden. + +Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und +schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des +Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der +Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne +trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain +sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste +schrecklich und versuchte im Sack die Flucht. + +Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der +Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen, +müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend +beizuspringen. + +„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“ + +Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine +unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig +einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“ + +„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke +tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“ + +Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall +einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung. + +„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug +den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine +Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte +der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein +Humpen Weines gereicht wurde. + +Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder +wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den +Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu +wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer +Terminierung gelegentlich wieder holen. + +In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde +fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der +Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte +Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd. + +Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den +armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode +ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins +Franziskanerkloster nach Salzburg bringen. + +Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen, +schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen +bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes +übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen. + +Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der +Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen +benebst dessen Almosensack. + +Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die +Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen +vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem +Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht +wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen. + +Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon +fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster +gehöre. + +„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es +pressierte, in die Stadt zu kommen. + +„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen +werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei. + +Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der +Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater +bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann +abliefern. + +Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch +mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich +gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom +Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein +heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein +Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der +klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“ + +Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der +Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun +hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben +dem Einstellhause zu. + +Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den +engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten +dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen. + +„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer, +und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg. + +Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten +Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend. + +Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf +Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit +zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster +und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde +alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen +Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren +müssen. + +Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher +beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen +Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten, +erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch +Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer +Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte +mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den +Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen. + +Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch +zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur +Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen +worden war. + +Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern, +doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab, +sich einzumengen. + +Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu +besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts. + +Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen +an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen +erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert, +schnell hinab. Die Mönche beteten laut.... + +Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer, +der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in +ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden +war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit +verschiedenen Leuten in Berührung gekommen. + +Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung +wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten +strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein +Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in +der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser +Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen. + +Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte +die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in +die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein +Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem +Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die +Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer +fordere. + +An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg. +Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner +aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die +Rückkehr war aufs strengste verboten. + +Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im +Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen. + +Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den +Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die +umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung +abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich +und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte +und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus. + +Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies +frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute. + +Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten +sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof +doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder +doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen, +wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen +wolle. + +Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank, +erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger +als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert +Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden. + +Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande. + +Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu +ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch +den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster +vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg +neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus +verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die +Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden +Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte. + +Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in +leuchtenden Farben. + +Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter +zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte +zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien +für die Armenbeköstigung zu erhalten. + +Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis +gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der +Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen. + +Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen +nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich. + +Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am +Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine +Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht +eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast +eintrat. + +Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige +Beherbergung für Gotteslohn. + +Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu +beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung +äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen +ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer +einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern +umschlossenen Hof zu. + +Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom +fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis, +hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem +schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward +unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß +nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“ + +Und eine andere Stimme antwortete: „Ist recht, Wirt!“ + +Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts +anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse +und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen +darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen +leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause. + +Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein +vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens +ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die +Magd muß das Schloß von außen versperrt haben. + +Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im +Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst +gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit +zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner +Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken +fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der +Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im +Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das +Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins +Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen, +eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten +Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder +hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer +verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich +nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein. +Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer +erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche +Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein +kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen. + +Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete +zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und +Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab. +Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen +Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß. + +Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und +weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es +lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof, +und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton +der Mönch erzitterte: „Also Jackel, fang den ‚Franziskaner‘ 'raus und +hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!“ + +Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt +murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der +göttlichen Barmherzigkeit. + +Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick +faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich +durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan, +der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und +warf den Knecht über den Haufen. + +„Hui!“ schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht +zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner +Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu. + +Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich +wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an +den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die +Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die +Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft +vermehrend. + +„Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?“ schrie der Wirt und +machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch. + +Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht, +kann kein Mörder sein. Er rief: „Im Namen Gottes des Herrn frag' ich +Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?“ + +„Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?“ + +„Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!“ Jetzt änderte sich +die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel, +das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, „Franziskaner“ +genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel +abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem +Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als +daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein „Franziskaner“ genannt zu +haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden +sei. + +Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen +Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte. + +Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er +um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem +Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen. + +Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über +die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner +lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und +gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich +ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem +schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster. + +Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung, +daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der +Pest verstorben sei. + +Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich +erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine +Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor +einfahren. + +Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und +weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem +Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen +konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen +war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für +die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus +eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne. + + + + +X. + + +Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin +und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen. +Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel, +sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren +Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden +respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende +Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens +offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus +Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis +sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde +umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien +bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des +Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“ +einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender +Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet +werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein +unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten +werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden +haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und +beschirmt werden.“ + +So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der +immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater +steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt +Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das +kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur +Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am +geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes +Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden +weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden +habe. + +Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des +Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn +Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei. + +Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten +Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei +zur Vergebung!“ + +Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen +sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine +Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus. + +Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im +Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß +Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden. + +Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm +eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und +fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln, +grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“ + +Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht +nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte, +die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube. + +Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier +brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun +Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie +abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der +fürstlichen Buhle!“ + +Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte +schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir! +Verzeiht!“ + +„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“ + +„Vater, habt Erbarmen!“ + +„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“ + +„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde +meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir +Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein +schmerzdurchwühltes Herz!“ + +„Hinaus! Ich will nichts hören!“ + +„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die +Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“ + +„Das wußt' ich zum voraus!“ + +„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All' +äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“ + +„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem +ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“ + +„Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie +ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig +Kind!“ + +„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“ + +„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das +meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“ + +„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will +ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen +soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam +Schicksal verdientermaßen!“ + +Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist +ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen +mußte. + +Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an +des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände +flehend ringend, um Erbarmen wimmernd. + +„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen. +Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt +gestorben. + +Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die +Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend. + +Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und +verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und +Trauerkleider anzulegen. + +Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht +in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal +zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der +Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters +gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine +Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als +Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit +allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten +zu lassen. + +Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger +Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht +begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“ + +„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater +meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist +geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“ + +„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“ + +„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich +um sein Erbarmen —“ + +Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich +verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge +Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“ + +Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen +geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf +den bitteren Gang!“ + +„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein +Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer +er wolle; die Kluft ist zu hoch!“ + +„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen. + +Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein, +er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und +gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche. + +Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens +und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den +Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen +Verbeugungen begrüßten. + +Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die +Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres +Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig +waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde. + +Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich +strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward +gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des +Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen. + +Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf +den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen +haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich +halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und +schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde, +werd' ich dem Freunde dankbar sein!“ + +Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im +Verhalten des Fürsten. + +Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das +Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen +hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist, +verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die +Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt +meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu +veranlassen.“ + +Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten +wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein +Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles +hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun +speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum +Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die +inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais +verließen. + + + + +XI. + + +Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen, +es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum +Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine +Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen +das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes +geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser, +teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren +als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für +die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“, +Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu +Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben, +nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der +Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt +gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in +früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und +Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III., +welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises +zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun +der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom +Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie +alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge +abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen +und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst +erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe +des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt +hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung, +zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung +des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich +hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der +Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem +Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog +schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung +durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor +wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers +über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern +für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch +einen Kreuzer darüber gestattete. + +Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und +demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu +erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen +Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und +berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang +ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute +Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte. + +Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin +er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern +teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten +Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach +einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so +geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten +Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst +bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen +vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die +keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines +Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem +Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf +Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des +weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden, +konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in +Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht +genannt werden mußten. + +Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen +Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu +finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig +besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote +Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch +empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl +erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu +hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem +klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder +zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den +Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst +nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche +Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht +immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer +Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht, +besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn +Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die +Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die +Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht +auf Rom fallen gelassen werde? + +„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und +ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer +bemühen. + +Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt, +anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen, +doch mit fragenden Augen. + +Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen, +richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an +Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen +hervorgerufen habe. + +„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast +du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu +besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“ + +Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die +jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war. + +Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt +nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet. + +Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem, +was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das +Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine +bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet, +genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich +soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis +steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“ + +Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer +hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen +finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies +auch der Kaiser thut.“ + +„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“ + +„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl +eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben +Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“ + +„Weiß das der Bayernherzog?“ + +Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt; +ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München +gekommen ist.“ + +„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen +vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß +Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz +nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch +zahlen.“ + +„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis +des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es +ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“ + +„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt +man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des +Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so +sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben, +sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“ + +„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer +Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist +feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im +neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem +alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist +genehm.“ + +Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und +erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien. + +Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst +sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der +Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam +geschwinden Kopf“ zu nennen. + +Salome warf ein: „Das ist doch weiter nichts Schlechtes?“ + +„Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der +freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß +der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als +ein „periculosum ingenium“ betrachten —“ + +„Was heißt das?“ fragte Salome. + +„Man kann es verdeutschen mit ‚gefährlicher Kopf‘!“ + +„Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue +Papst nicht schlimme Absichten heget.“ + +„Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den +Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem +wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen.“ + +„Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein +klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer +Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten +Hut!“ + +Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch +hier den Kern der Sache erfaßte. + +„Hab' ich recht geraten?“ fragte die kluge Frau. + +„Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist +meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der +Erzbischof Wolf Dieter wird — nicht Kardinal!“ + +„Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit +mit Bayern und dem Kaiser!“ + +Trotzig rief der hochfahrende Fürst: „Kommt dazu es jemals, stell' ich +meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der +leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner +Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken.“ +Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und +geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb. + +Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf +den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung +erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu +merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des +Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu +spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag +nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um +seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim +zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen +der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch +Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm +gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in +Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten „goldenen Steiges“ nach Böhmen, +wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man +klagte beim Reichskammergericht in Speyer. + +Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg +gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der +Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun +auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische +Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den +Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von +Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das +kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem +Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren +konnte. + +Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim +Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller +Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr +verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das +Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen. + +Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich +abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der +Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt, +von welcher der Chronist berichtet: „Er (der Erzbischof) ist ainesmales +ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von +wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig +stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch +und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit +Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung +habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch +ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die +zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit +abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches +Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet; +ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es +darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch +mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch.“ + +Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an +Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte +eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über +ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu +dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet. + +Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten +Zorn hervor und setzte seinen ohnehin „geschwinden Sinn“ in lebhafteste +Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen +Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben +einhändigen. + +Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des +fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum +Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten +schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten +Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam +an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten +lassen. + +Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht +aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die +Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies +der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen. + +Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche +hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos +kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen +Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in +jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen. + +Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die +Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche +Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer +offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag +ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem +Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe. +Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof +gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen +marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant +befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die +Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine +Gesandten ab. + +Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu +versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf +den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben. +Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs +Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_. + +Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch +war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die +Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger +seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke. + +In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und +salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen +neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo +verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man +der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst +verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des +kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für +den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb +gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu +festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von +jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf +Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden +werden. + +Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab. + +Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser +begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit +dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform +des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf +dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des +Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung +des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu +vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der +protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den +Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der +Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte. + +Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander, +die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen +Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter +Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den +gleichfalls dissentierenden Pfälzern. + +Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach +Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die +Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu +Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für +Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig +Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich +verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten +zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die +ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich +Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht +Römermonaten bereit. + +Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen +Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen, +über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses +seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden, +als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und +Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des +Reichs. + +Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die +Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher +Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich +jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich +nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen +die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich, +weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen. + +Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er +urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die +Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil +der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne. + +Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg. + + + + +XII. + + +Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten +in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche +leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des +Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark +abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der +Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen, +wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten +Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in +überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend +ausgeliehen wurden. + +Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten +angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse, +am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der +uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls +abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung, +die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten +gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf +Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz +bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut +des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und +vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für +seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er +nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die +geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten +verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder, +Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit +wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach +Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen +und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und +Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu +verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu +verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein +italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den +eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten +fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu +machen. + +Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie +seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große +Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des +prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des +Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt. +Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den +Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im +Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in +diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend +konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage +aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr +hindurch bis zum nächsten Frühling. + +Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die +Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie +Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in +den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von +solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim +Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und +wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von +Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser +der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein +Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung +erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des +Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die +Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern. + +Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte +sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum +Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu +Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später +kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der +Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die +ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte. + +Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner +willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten +das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch +eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde, +ein Meisterwerk der Baukunst. + +Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf +Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem +Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und +Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um +Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein +Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom +mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich +in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie +Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem +Geschmack. + +Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen +Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte +im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger, +die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der +zweifellos enormen Kosten. + +Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und +steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt +in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem +frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich +in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft +und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem +erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten +Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome +zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer +Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille +Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten +Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach +Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln +vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche +freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß +Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so +wurde die Übernachtung beschlossen. + +Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber, +es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht +schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg. + +In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre +Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still +durch die Fenster. + +Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule +aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare +Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich +knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das +Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm +nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer +leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer +zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern +nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die +Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall. + +Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf: +„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der +Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf. + +Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen +feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf +die Residenz. + +Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte; +man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei. +Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie +die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die +Residenz zu retten. + +Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen +Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und +ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne +begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen. + +Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die +Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die +Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und +anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden +sollen. + +In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte +zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und +Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein +Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden. + +Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große +Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht +hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das +Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde. + +Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des +Landesherrn. + +Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf, +richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die +Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser. + +Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur +Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen, +alles fragte nach dem Erzbischof. + +Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte +nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern. + +„Wo ist der Fürst?“ hieß es. + +Heiser rief der Meldereiter: „Er kommt nicht!“ + +Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen +konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr +durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher +Not. + +Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit +dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom +Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es +brennen!“ + +Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die +Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs +gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht +ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den +Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst +verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht, +das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte +dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst +der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden. + +Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich +diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter +verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man, +dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar +nach Rom übermittelte. + +Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige +Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des +Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ. + +Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in +der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr +abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen +Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder +celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt. +Peter abgehalten. + +Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es +nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der +fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam. +Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof +diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen. + +Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit +zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf +Dietrich eine Audienz. + +Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund, +sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß +der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag. + +Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den +Kapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue +Kunde von Prag eingelaufen?“ + +„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die +ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“ + +„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu +vermelden wäre in meiner Stadt!“ + +„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir +will gefährlich erscheinen.“ + +Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen +durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht +hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig. + +„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann +gefährlich werden.“ + +„Wohinaus will Lamberg zielen?“ + +„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung, +die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“ + +„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein +Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“ + +„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir +verstatten?“ + +„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“ + +„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch +vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser +deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit +zugleich.“ + +„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und +Herr zu thun und lassen habe?!“ + +„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine +unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch +eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“ + +„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird +mir wohl anjetzo eingekerbt?!“ + +„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“ + +„Wie?“ + +„Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und +zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“ + +„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“ + +„Der Brand....“ + +„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn +nieder!“ + +Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit +hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst +ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di +male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen +das heiße Blut.“ + +„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“ + +„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb +wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber +nicht....“ + +Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch' +infamen Argwohn entschuldbar?“ + +„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß +widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die +Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward +zum Brandstifter.“ + +Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung +nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte +sich Wolf Dietrich amüsiert. + +„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen +lassen?“ + +„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der +abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“ + +„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“ + +„So sprich, teurer Freund!“ + +„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten +Domes.“ + +„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“ + +„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag +vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“ + +„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch +Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will +einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“ + +Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben, +konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen. + +Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus +Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt +geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht +schlummerte ein. + +Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie +im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute +Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen, +der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig +Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein. + +Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom +noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch +die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen +Kirchen provisorisch untergebracht. + +Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen +zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als +Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer +Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig +und müsse daher abgetragen werden. + +Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der +massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das +Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis +auf den Grund geräumt. + +Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung +erbauen. + + + + +XIII. + + +Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch, +seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen +Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder +Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt. +Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit +am Hofe des baulustigen Erzbischofs. + +Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach +nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu +Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen +Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten +damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs +entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie +ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche +Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu +wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu +bringen. + +Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II., +dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus +den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen. +Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten +den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche +sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer +unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen +Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der +Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die +Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch, +daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben, +wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen +hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag +geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem +Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem +bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte, +als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang +des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte. + +Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar +im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über +Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem +Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen +erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen +Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in +München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der +Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de +Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den +Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht +nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den +Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse. + +Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte, +wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner +wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels +Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche +Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener +Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der +Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen. + +Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation +nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn +auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als +Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg, +indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der +gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener +Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes +gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende +Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten +frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen +verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an +Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift +anheimfallen. + +Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft +vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem +diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen +sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das +Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der +regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als +Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit +hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel +bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom +Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im +Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz +machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit +ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit +Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel +obwalten konnte. + +Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der +Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe +der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem +fürstlichen Fiskus eingeliefert. + +Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten +zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen +Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer +weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch +imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten +des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die +Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig +empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es +überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und +Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war. + +Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten +manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer +wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den +Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen. + +In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß +kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms. +„Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues +Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des +kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig +Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich +überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!“ + +Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu +trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt +werden könne. + +Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: „Das sagt +Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich +gebrochen?!“ „Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt +heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im +innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle +eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren +Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden +könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!“ + +Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte +die weiße Stirn Salomens. + +Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: „Mein +gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!“ + +„Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!“ + +„In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den +Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen +Kräften sorgen —“ + +„Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß +Ursach' ist zur geringsten Klage?!“ + +„Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die +Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich +richten....“ + +„Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder +Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für +unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!“ + +„Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der +Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt +solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen +Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?“ + +„Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt' +kalt dies lassen!“ erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst. + +„Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein, +anzuerkennen solche Urkunde“ + +Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick, +wohinaus Salome wolle. „Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht +nicht wohl aus!“ + +„Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!“ + +„Der — Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins +Staunen!“ + +„Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort, +mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des +Stiftsherrn Urkund' — —!“ + +„Hm!“ Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten +Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen +Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum +Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei +Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und +von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf +Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht +nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: „Solch' wichtige Sache +will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug' +behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!“ + +„Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht, +es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht +viel des Guten zu versehen ist!“ + +„Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!“ + +Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher +Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur +das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte +aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines +gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf, +den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht +aus dem Auge verlieren zu wollen. + +Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine +Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben +gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg +berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der +Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und +katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die +Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die +protestantische Bewegungspartei habe nun die „Union“ errichtet, eifrige +Katholiken seien daran, als Gegengewicht die „Liga“ zu gründen, und so +frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen +oder nicht. + +Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es +unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend +welchen Ausdruck zu geben. + +Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und +überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend +aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: „Will der Bayer und +sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe +genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der +Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf +Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am +Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen +Jesuiten-Max dazu!“ + +Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit +ward mit keinem Wort erwähnt. + +Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom +Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter +Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob +der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete. + +Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf +ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. „Willst wissen, Geliebte, was +meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!“ + +„Betrifft es mich, gnädiger Herr?“ fragte, schalkhaft werdend, Salome. + +„Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!“ + +„Wen meint mein Gebieter mit sothanem ‚Max‘?“ + +„Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen, +der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in +Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!“ + +„Und das wäre?“ + +„Der Herzog führte Krieg gegen — der hübschen Weiber kurze Röcke und +pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!“ + +„So streng soll der Bayern-Herzog sein?“ + +„Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich +Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu, +die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das +Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine +kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome +gepönt, verliert den schönen Kopf!“ + +Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich +überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm +den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger +wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige +Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu +orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der +Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch +Salome nicht schwer. + +Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet +ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine +Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in +lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs +Raten verlegen und deutete das „aut Caesar aut nihil“ dahin, daß der +Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun +wolle. + +Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: „Wo +der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit, +wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die +Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von +Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!“ + +Vorsichtig fragte Salome: „So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft +im Erzstift an?“ + +Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: „Soll er wie er +will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger +Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!“ + +„Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!“ + +„Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins +Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich +kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem +Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und +österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta +salisburgensis, von dem ich gesprochen!“ + +Ängstlich fragte Salome: „Mußte das sein?“ + +„Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein +Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen. +Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es +fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron +verschlossen!“ + +„Was sagt der Bayer zu solchem Statut?“ + +„Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in +Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern, +wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!“ + +„Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?“ + +„Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich +weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten +angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will +nicht!“ + +„Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?“ + +„Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken +haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist +nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes +Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr +kräftigt es den Bayer.“ + +In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt +gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich +keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema +wechselnd fragte Salome: „Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl +zur Tafel führen?“ + +Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach +mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen +und Kämmerlinge. + +Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der +Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos +erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf. + +Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der +Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen +aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch +die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf +Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit +ausweichendem Bescheid heimkehren ließ. + +Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat +Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag, +zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche +Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer +Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten, +auf „daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden“. + +Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine +Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu +präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser +Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes +zur Verfügung haben sollte. + +Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das +kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem +schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern. + +Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl +gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis +zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit +den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald +erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur +schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in +München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das +Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war. + +So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel +auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind +gegen die aufziehenden Gefahren. + +Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und +beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und +ihrer Ersparnisse. + +Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich +keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug +vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die +Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen +und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem +Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen +eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit +feenhafte Schloß ‚Altenau‘[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an +Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von +Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse: + + Raittnaviae stirpis divino e munere princeps + Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas + Impatiens otii, spirans magis ardua quondam, + Nunc, ubi per morbos corpore deficio, + Has tacitas aedes fessus portumque silentem + Hunc mihi semestri tempore constituo. + +Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer +und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges +Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere +Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben. + +Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben +Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur +Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses +nach ‚Altenau‘, und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf +Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte +der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer +dräuenderen Sorgen hinter sich. + +Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich +in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet: + + „Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf + Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß + oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten + Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von + allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen, + pauen und aufrichten lassen, — auch solchen Pau Altenauen genennt. In + solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich + oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten + daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil + darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem + fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die + Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und + gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet + vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu + Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen + merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg + schaffen können. + + Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im + Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es + sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven + nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch + vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten + worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn + welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen + recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis + und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib + von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß + ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid + herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert + wirdet.“ + + + + +XIV. + + +Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl +in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch +Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine +Unterstützung gebeten hatte. + +Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser +erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad +vorgeschützt. + +Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von +zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel +verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken, +vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein +unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig, +auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig. + +Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens, +erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen +Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler +Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu +erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an +eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund +entbehrt. + +Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome +mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom +Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem +Kaiser Meldung zu erstatten. + +Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten +und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer +Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen +um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen +Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort +„Salzburg“ fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie +geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling +diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte. + +Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: „Frau von Altenau aus Salzburg +bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang.“ + +Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und +murmelte: „Altenau aus Salzburg — kenn' ich nicht! Salzburg — der +widerhaarige Fürst — ja ich weiß — bin müde, führ' er den Bittsteller +herein, soll kurz es machen!“ + +Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: „Euer Majestät +unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!“ + +Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die +Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob +sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten. + +Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand +führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der +tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die +Dame bat, sich zu erheben. + +Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde +freundlicher. + +„Gnädigster Kaiser und Herr!“ sprach bebenden Tones Salome und richtete +den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, „wollen +Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen +vorbringen zu dürfen.“ + +Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach +der Kaiser: „Ihr seid verheiratet? Mit wem?“ + +Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das +schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach +Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: „Gnädigster Herr und Kaiser! +Mein Bund entbehrt — des kirchlichen Segens!“ + +„Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!“ rief Rudolf und wich einen Schritt +zurück. + +„Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!“ + +„Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern +vor jeder österlichen Beichte! — Wer ist der Mann, der sich nicht scheut, +den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?“ + +Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie: +„Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von +Salzburg.“ + +„Des Erzbischofs Wolf Dietrich?“ rief überrascht und betroffen der +Kaiser aus. + +Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den +Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in +seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob. + +„Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue +Dienerin ihres geliebten Herrn!“ flehte Salome. + +Herb klangen des Kaisers Worte: „Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz, +verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen +Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das +Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der +heiligen Kirche! —“ + +„Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und +verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!“ + +Unwillig und erregt rief Rudolf: „Weiß der Erzbischof nichts von +Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür +ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom +Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß +ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem +keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den +Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?“ + +Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in +bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau: +„Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die +Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich, +die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und +kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im +salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und +Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet, +konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger +Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen, +die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich +unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen. —“ + +„Ihr seid verblieben dennoch?!“ + +„Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr' +ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola +nicht —“ + +„Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte —“ rief +erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser. + +„Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue +bewahrte mir der Herr!“ + +„Und Verdammnis wird sein Euer Los!“ + +„In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die +Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie +lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von +Köln!“ + +„Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!“ + +„Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da +nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben +schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!“ + +Zaghaft und scheu sprach Rudolf: „Hab' recht ich Euch verstanden, so hat +unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er +doch die kirchliche Trauung hat vermieden?“ + +Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit. + +„Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat +geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?“ + +Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: „Des +Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für — meine +Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!“ + +Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben. + +Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und +hoben die Händchen bittend empor. + +Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: „Was ist +Euer Begehr?“ + +Innig flehte Salome: „Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer +Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten, +will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich +des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den +Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund' +meines Herrn und Gebieters!“ + +„So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?“ + +„Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen +Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu +Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den +unschuldigen Kindern!“ + +„Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!“ sprach mild der +Kaiser. + +„Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches +mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb +Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen +Bitte aus tiefstem Herzensgrund!“ + +„Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen +gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch +den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein +kaiserliches Wort!“ + +Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie +entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die +kaiserliche Rechte. + +„Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit +keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter +ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer +Landsassen....“ + +„O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche +Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank....“ + +„Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?“ + +„Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es +Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt.“ + +„So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht +fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott, +kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures +gnädigen Kaisers!“ + +Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln +lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht. + +Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das +Gemach. + +Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin: +„Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt +gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten! +Mir grauet vor solcher Beicht'!“ + +Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er +selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen +seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung. + +Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau +und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte +ehelicher Geburt. + + + + +XV. + + +Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr +und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch +seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in +leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga +unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs +Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das +Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der +Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle, +hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich, +genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die +bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich +erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen +Salzburgs den Titel „celsissimus“ (der „erhabenste“) beilegte. + +Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen +diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig +hin; aber in München ärgerte man sich über den „celsissimus“, man +verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die +Liga. + +Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche +Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt +wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße +auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und +Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der +Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde. + +Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen +empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer +nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener +Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des +Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch +auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag +und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu +Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz +des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher +Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden. + +Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im +Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der +Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse +Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr +plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war +gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich +nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen. + +Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte: +„unbeschadet seiner Gefälle“, es mußte daher der Herzog die Summe von +34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei +nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog +der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse +im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um +Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede +Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden +mußten. + +So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden +übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den +Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga. + +Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl +zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu +sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch +von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn +der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im +Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das +Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten +führten, ausgedehnt wurde. + +Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des +Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre +Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie +zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem +Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden +belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der +denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und +ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern +selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also, +so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und +recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn +eher von sich selbst als von den Fertigern fordern. + +Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres „Nein“, worauf +Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen +ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch +nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche +Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen +Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf +Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als +Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf +Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren +bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer +Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge +gerne zur Kenntnis genommen worden sei. + +Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten +Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen +Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu, +die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch +sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu +München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf +Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu: +„Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für +Straßenbau zur Stelle!“ Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein +neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang, +Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu +konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise +könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden. + +Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende +von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl +aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee +führte. + +Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von +statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt +werden. + +Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur +noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die +Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt. +Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und +Rossen stationiert worden war. + +Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit +seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er +den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit +dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte +sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede +Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen. + +In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern +erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei +Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz +nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten. + +Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land +von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische +Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des +salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für +Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die +Forderung Maximilians zurück. + +So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten +die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf +einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von +Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000 +Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue +Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18]. + +Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch +einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet, +Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von +Böhmen — Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig — Tirol auf +neuen Wegen einzuführen. + +So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens +verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste +hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem +Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern +dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen +Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg +durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der +schwersten Geldstrafen. + +Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der +Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte +Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach +Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem +Erzbischof Beistand an. + +Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr +mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem +geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der +Unions-Bewegung war. + +Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern +für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur +Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen +zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr. +Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern +abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert. + +Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und +eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des +Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß +Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu +besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch +den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ, +die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge, +weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des +Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten +Worten vor einem Krieg. + +An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im +Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß +gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst +liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf +Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu +fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen +Herrn die Ruhe und den Frieden rauben. + +Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm, +ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft, +will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende +mache und die Propstei dem Bayer nehme.“ + +Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller +Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“ + +„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille, +befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich +geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit +langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der +Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“ + +„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird +der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und +rächen solche That!“ + +„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe +gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann +sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“ + +„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu +klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein +Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“ + +„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als +Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir +bei!“ + +„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen, +Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß +abfällt das Stift von Rom!“ + +Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge, +und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich +wechseln!“ + +„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger +Herr!“ + +„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die +Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich +nichts!“ + +„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug, +verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil....“ + +„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen? +Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München +machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's +nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land +wird nimmer bayerisch!“ + +„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die +vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“ + +„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich, +Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“ + +In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten +und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort! +Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt +der ergrimmte Bayer!“ + +„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst +und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir, +die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue +mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“ + +Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte +verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der +deutschen Fürsten?“ + +„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und +das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“ + +Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den +kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf +Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und +Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten. + +Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein +Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem +militärischen Kleide weichen müssen. + +Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den +Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten +gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang +anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas +ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und +Domherren. + +Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit +langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln +huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte +der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher +Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis +spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach +Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein +waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand +wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle +erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger +Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab! +Gott befohlen!“ + +Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des +Befehles und verließen sogleich die Residenz. + +Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611 +erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten +der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß +der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen, +die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage +beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen +Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle. + +Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine +bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher +Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos +erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf +Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis +schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der +Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe +den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der +Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein +Schiedsgericht. + +Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den +Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof +von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden +einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den +durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen. + +Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im +Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig +geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter +Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände. + +Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen +seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest +sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog +schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“ + +Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab' +ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“ + +„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat +das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die +Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“ + +„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“ + +Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den +Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht +einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern +bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin +aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu +öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der +Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden. + +Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt +der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert, +ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh +sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“ + +„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das +Reichskammergericht wendet!“ + +Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum +jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“ + +„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme +Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“ + +„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das +Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet, +meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“ + +Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann, +Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich +sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der +Herzog wird mit Krieg überziehen und —“ + +„Und?“ + +„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“ + +„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“ + +„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden +nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem +Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer....“ + +„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers +Sieg wünschet über das Erzstift!“ + +„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der +Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“ + +Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen +seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“ + +„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In +letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich +beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den +unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder! +Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers +Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder, +wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch, +so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre +Euch in dieser letzten Stunde!“ + +„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel! +Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem +Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren +Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar! +Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie +ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den +Bayer!“ + +Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben, +Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört +das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“ + +Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen! +Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und +Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring' +den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist +deine Freundschaft!“ + +Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er +zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund: +„Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist +Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller! — Dem +Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte....“ + +„Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!“ + +Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus +dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue +Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die +beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring, +Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und +Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war +dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus +Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg +bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus +gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in +der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue +Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter +Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit +bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei +der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte, +wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im +Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege. + +„Jacta est alea!“ flüsterte der treue Freund und kehrte über die +Salzachbrücke in die innere Stadt zurück. + +Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400 +Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben +und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee, +100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach +Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und +Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der +Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur +Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit +100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt. + +Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der +in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich +unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm +gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu +seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von +Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und +zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max +mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet +gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen +und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten. + +Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß +Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben +dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu +beseitigen. + +Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das +Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren. + +Graf Lodron erwiderte: „Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn +und Fürsten zu unterstützen!“ + +„Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!“ + +„Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine +Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des +eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom +Kapitel beauftragt bin!“ + +Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: „Vom +Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst +behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird +verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich +aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den +alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem +jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!“ + +Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des +Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: „Ich habe im +Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache +angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein.“ +Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren +und ging. + +Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum +Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel +auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die +Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen +bemüht war. + +Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des +Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler, +Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung +gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das +Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen +werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ +die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es +besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen. + +Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten, +sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser +Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich +den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge, +um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf +flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog +weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog. + +Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit +Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max +Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in +Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr +entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten +ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene +machten, die Waffen wegzuwerfen. + +Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich +so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen +in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden +bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe +mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen +Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er +an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief +seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde. + +Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich +um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber +ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen. + +Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den +Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben +möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen. + +Barsch rief der Erzbischof: „Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel +versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich +bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange +nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren +mögen sich nach Hause begeben!“ + +Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich. + +Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die +Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den +Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben +heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu +kommen. + +Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich +ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu +welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte. + +Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg +holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum +Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben. + +Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs +Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern +eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß +dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch +dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian. + +Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger +Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich +geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei +Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden. + +Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges, +katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand +bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die +Friedensbedingungen verhandeln sollten. + +Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom +Herzog empfangen worden. + +Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht +Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des +Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen. + +Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf +Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des +Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei. +Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die +salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den +nächsten Tag. + +Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und +alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand +genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der +Kapitelsgesandtschaft von „schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des +Erzstiftes“, Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß +Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation +des Erzstiftes beabsichtige. + +Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten +Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der +bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit +bewaffneter Hand auszubreiten. + +Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf +Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel +unterliegen. + +So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des +Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu +verjagen. + +Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es +beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo +ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns +Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und +Entscheid binnen zwei Tagen. + +Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof +die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete: +Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge +einschießen. + +Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des +Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich +zurück. + +Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in +Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen +hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn +rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen. + +Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen, +wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer +nicht viel Federlesens machen werde. + +„Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer +zwingen!“ prahlte Wolf Dietrich. „Ihr seid jeden Mutes bar, feige +Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog +den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde +ich Euch türmen lassen in der Feste!“ + +Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des +Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen +geradezu undenkbaren Sieg. + +Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde +ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter +Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des +Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe. + +Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: „Macht nichts! +Tittmoning ist nicht Salzburg!“ und entwickelte nun eine die verzagte +Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein +kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die +Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und +Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden. + +Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz +zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er +abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich +neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit +24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen. + +Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht +bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur +Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit +zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen +Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein +Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der +fürstlichen Hofkutsche. + +Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder +mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission +übernehmen wolle. + +Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell +und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem +Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese +Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht, +der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen: +Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor +er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke. + +Demütig sprach der Guardian: „Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber +es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und....“ + +„Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!“ + +Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte +Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in +rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen +Grenze. + +Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er +warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen. +Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war +übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst +auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine +Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die +Unschuldigen für den Vater? + +Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer +Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur +Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze +und Geld verpacken. + +Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in +den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten +Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert +ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten +holen und ankleiden. + +So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte +sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und +von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte. + +Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten. + +„Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht, +spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen +Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins +Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!“ + +„Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die +Flucht ergriffen werden?“ + +„Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei! +Rette dich und die Kinder!“ + +„Und mein gnädiger Herr?“ + +„Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!“ + +„Dann ist es meine Pflicht auszuharren....“ + +„Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!“ + +Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu +besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz +niederkämpfend. + +In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt. +Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile +zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen +verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach +Golling abgeschickt. + +Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen +Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick +galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen +Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den +in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch, +der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat! +Ein Sturz von schwindelnder Höhe! — — + +Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller +Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das +Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe +in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat +und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug +durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der +Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof +lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem „Türken“ +befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der +Erzbischof unschädlich gemacht sei. + +Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an +Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden +war. + +Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner; +wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der +gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung +des gefürchteten Herzogs. + +In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er +sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg +bitten, ihn zu besuchen. + +Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der +Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange +Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die +Verhandlungen dadurch erleichtert werden. + +Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen +zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu +leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach +er denn schmerzbewegt: „Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe, +sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines +Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!“ + +Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht +nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu +erwarten. + +Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er +verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der +Kapuziner. + +Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum +Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen +die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten +korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. „Daran geschehe ihm +unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle. +Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt, +begehre derowegen Gnad und Verzeihung.“ — Das zweite Schreiben war an das +Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner +Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun, +was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde. + +Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit +sie leicht gefunden werden konnten. + +Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner +noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf +und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden. +Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen +Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den +Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten +Kämmerern sprach: „Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen +Herrn!“ + +Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem +Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten. + +Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten +Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben. +Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in +schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde. + +Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor +dem anrückenden Feinde. + +Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das +zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden, +und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln. +Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen +Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen, +jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und +Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog +entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens +des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun +nach seinem Gefallen schaffen könne. + +Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der +Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das +Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang +darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife, +den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder +zurückzubringen. + +Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof, +einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen +und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs +einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels +erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf +Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25. +Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter +dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg +aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte. + +Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber +begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und +Schützen, in Salzburg ein. + +Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig. +Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten +und durch den Profoßen verkünden: „Wenn sich ein Knecht ungebührlich +halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß +Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den +lichten Galgen zu henken.“ + +Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an +der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen. + +Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben, +ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den +Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen „schönen +Schreibkasten“ anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit +bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte. + +Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während +desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis +betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen +wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die +großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten +Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine +Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem +Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des +geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von +Erklärungen legitimiert erschien. + +Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den +Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte +von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der +Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und +seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels: +der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden, +wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit, +aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu — resignieren. + +Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder. + + * * * * * + +Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den +Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg +Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie +glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser +Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in +rascher Flucht suchen! + +Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende +Raben flogen über die Burg hinweg. + +Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes. + +Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille, +traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte, +als Hufgeklapper hörbar wurde. + +Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am +Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer +begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des +Erzbischofes zu Salome. + +„Ruh' in Frieden!“ flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann +der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern. +Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird? +Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich. +Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe +Stunde ist keine Menschenseele sichtbar. + +Weiter! + +Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die +Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf +Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige +Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr +von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des +mißgünstigen Bergortes Schladming. + +Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den +Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann +ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise +nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee +und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war. +Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte +nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort, +grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf. + +Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier +genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu +schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch +wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer +entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß +zurück nach Salzburg reiten. + +Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten +Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von +Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite +Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten. + +Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit +wenigen Worten. „Ein schmerzlich Wiedersehen!“ meinte er unter bitterem +Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen +Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte. + +Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die +Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende +Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt +nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden. + +So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in +dem elenden Nest. + +Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte +gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück +nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über +etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des +flüchtigen Erzbischofs einzuziehen. + +In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück +und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen +Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und +salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen +und nach Salzburg einzuliefern. + +Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der +Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester +Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der +Aufbruch. + +Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg. +Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte +salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben +und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß +vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein +Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich +an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen. + +Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck, +es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde. + +Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war +erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne. +Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd +fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren. + +„Die Ross' müssen getränkt werden!“ erklärte der für den Troß +verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem +Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu +Schanden reiten lasse. + +Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und +gab Befehl zum Tränken der Rosse. + +„Im Sattel bleiben!“ rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante. + +So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die +Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte. + +Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja +einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen +ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen +Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den +Katschberg. + +Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel, +ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht +bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen. + +Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur +schleunigsten Flucht. + +„Rottmayer an die Spitze!“ befahl der bleichgewordene Fürst. + +Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und +erklärte höhnisch: „Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich +bin hier nicht mehr Euer Diener!“ + +Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen, +doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts. +„Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!“ schrie der besorgte +Bruder. + +Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren +und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch +die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte +sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische +Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen. + +„Halt!“ rief Hercelles und hob die Schußwaffe. + +Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem +sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den +Troß mit blank gezogenen Pallaschen. + +„Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!“ rief Rittmeister +Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab. + +Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine +Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis +der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr. + +Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und +überreichte es Hercelles mit den Worten: „Nun ist alles verloren! O +Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott +der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das +Rappier, ich bin Euer Gefangener!“ + +„Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es +zurück nach Moosheim!“ sprach Hercelles. + +„Ich gehorche!“ erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt +nach vorne sinken. + +Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden +ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie +die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur +willkommenen Beute. + +Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte +aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei +und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden +würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt +zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt. + +Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als +Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen +Raittenau für „vogelfrei“ erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem +Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden. + +Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden. +Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über +den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert +und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen. + +Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome +mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch +konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer +Verbringung erfahren. + +Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter +Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach +mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten +Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde. + +Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und +überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens. + +Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem +Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge +seines Amtes als Kerkermeister waltete. + + * * * * * + +Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in +Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß +Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten +Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit +bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche +beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den +Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß +es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung +Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände +und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog +geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an +den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß +der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei, +daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere. +Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine +Truppen auf bayerisches Gebiet zurück. + +Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen +könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten. +Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen +eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner +Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden. + +Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu +geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den +Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und +Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus. + +Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und +Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen +zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst +ein. + +Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof +rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl +hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen +Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg +zurückfahren. + +Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach +München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne +Zuspruch gefangen in Hohenwerfen. + +Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen +mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof +Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der +Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht +und dem Kapitel ausgefolgt werden. + +Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring, +v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet, +die alsbald — es war der November ins erregte Land gezogen — nach Werfen +übersiedelten. + +Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau +und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit +Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach +vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden. + +Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab; +später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern +blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren +beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen. + +Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz +wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der +Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen +Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle +Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte. + +An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im +Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die +Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz +totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart +umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten +Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und +begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch +hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch +nur mit wenigen Worten. + +Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort +nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: „Ein Wort zuvor! +Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?“ + +Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln. + +„Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von +Resignation ich nimmer hören!“ + +Zögernd sprach Graf Lodron: „In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden +Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher +muß die Haft bis dahin währen!“ + +Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: „Nimmer werd' ich +einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das +den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!“ + +Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm +der Stimme des Gefangenen. + +Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung +eines bayerischen Büttels. + +Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender +Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem +Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen +werden würde. + +Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: „Wollt selbst die Büttelwach' Ihr +halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem +Anblick!“ + +Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen. +Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg +weile. + +Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den +Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen. + +Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte, +ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines +Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem +Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben +dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und +Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum +Gefangenen erhielt. + +Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu +bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den +mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein +zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten +Landesherrn. + +Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum +Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich +ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und +kleinmütig. + +Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf +Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger +zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor +seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim +Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte +und nach Rudolf und Salome fragte. + +Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach +Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die +Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein +wird. + +Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der +Kinder gehalten werden solle. + +Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur +bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation. + +In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und +schluchzte. + +Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren +Entschluß gefaßt und sprach: „Wohlan! Ich will die Urkund' +unterzeichnen! Führe mich!“ + +Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen +Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen +Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des +Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten. + +Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit +sei zur Anhörung der Urkunde. + +Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken. + +Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen +Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau +freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2. +soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß +gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von +Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer +jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch +besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt +des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße +Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen +dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen +demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des +Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden +sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das +Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll +auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was +vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles +dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung +kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach, +bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen +durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden; +11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß +dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als +bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit +und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern +vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht +werden. + +Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren +Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst +wehmutsvoll. „Und was wird aus meiner Gemahlin?“ + +Kalt erwiderte Lodron: „Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge +tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist.“ + +Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen +Körper, er rang nach Atem und Entschluß. + +Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt. +Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem +entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich +hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück. + +Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und +Feder. + +Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf +und trat an des Erzbischofes Seite. + +Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem +verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer — dann ergriff +der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter. + +Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung. + +Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um +Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder. + +Kühl erwiderte Graf Lodron: „Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt +werden!“ Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: „Die Kommission hat +zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen.“ + +Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen +Augenblick zu verweilen. + +„Was soll noch geschehen?“ rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus. + +„Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung +Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc +liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!“ + +Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses +Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome +zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine +Fürsorge galt nur Salome und den Kindern. + +Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine +finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken. + +Herleberg trat in den Saal und fragte: „Sind die Herren fertig?“ + +Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des +Gefangenen in den Kerker. + +Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte, +nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von +gleichmütigen bayerischen Soldaten. + +Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene +harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden +malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und +den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch +Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände, +der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde +an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog. + +Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der +Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser +sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer +Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe. + +Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht +erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten +gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg +hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein +bayerischer Offizier bereits saß. + +Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der +Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl +bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den +Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste +Hohensalzburg. + +Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf +Dietrich in einer bitteren Vorahnung. + +Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der +ersten Reichsfürsten. + +Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines +abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst +zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag, +die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt. + +Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf +Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof. +Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser +umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach +der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen +und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen +Erzbischofes zu schreiten. + +Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der +bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner +Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über +des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte. + +Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift +gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles +Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit +Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das +Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf +Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen. +Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der +katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet +Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt, +dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte +mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die +Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und +Apostaten. + +Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche +durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen +hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die +Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille +untersuchen. + +Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht, +Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2. +die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht +vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe. + +Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet +haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg +zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus +entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion +ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um „diesen Mann“ +beiseite zu schaffen. + +Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf +Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels +verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan +schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz +regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur +Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei. + +Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein +mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg +gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher +Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige +Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen. + +Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein +Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die +Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum +dicht besetzt. + +Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in +diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst +drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt. + +Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als +Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde +vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf +die Brust zu legen. + +Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der +Nuntius gelobte. + +Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof +nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben. + +Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine +waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles +verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die +Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden. + +Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur +Veste. + +Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum +Sommer freilassen werde. + +Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte +in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen +nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich +zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe +ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr +kommen müßte. + +Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur +Freilassung kam nicht. + +Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster +Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die +heilige Schrift und das Brevier gelassen. + +Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein +menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten +und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich. + +In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im +Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache +eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche +Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und +Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage +erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum +Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine +Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant. + +Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den +Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische +Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um +Beförderung zur Post. + +Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt, +die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben +Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof +erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines +größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen +Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem +Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung. +Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene +Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert. + +Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der +Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit +dem Gefangenen. + +Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg +abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste. + +Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den +Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die +Gefangenschaft wurde nun — verschärft. + +Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung +gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die +Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und +die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den +Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst +und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg. +Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst +wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den +apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren +sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die +großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen +Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten. + +So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu +ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends +apathisch gemacht oder aufgerieben sei. + +Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit +Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte +eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und +Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine +Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe. + +Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim +Alten. + +Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen +letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun +befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens +die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden. + +Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die +Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom +geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich +überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag. + +Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen; +man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln +und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen. + +Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den +Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine +Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte +sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den +Paulinischen Briefen. + +Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und +ein Steinleiden. + +Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist +Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den +Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen. + +Es hatte ausgelitten Celsissimus! + + + + +Fußnoten: + +[1] Eierspeise. + +[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert +auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871. + +[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde +XII, 1872. + +[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf +zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen +der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu +ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns +und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des +Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von +lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen +Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr +und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck. +Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des +Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die +Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte, +bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder +zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs +gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt +teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des +Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche +zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur +Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, „Wolf +Dietrich von Raitenau“ München 1886. Rieger.) + +[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges. + +[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die +Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten +war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben. + +[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder +angeworben werden. Sie „garteten“, d.h. bettelten u.s.w., und wurden +„Gartbrüder“ genannt. + +[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die +deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg. + +[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen, +besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der +alten Steinhauserschen Chronik „Diser Erzbischoff kan und mag auch +billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit +allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern +auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich +spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten +zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl +armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller, +andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen +und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben. +Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten +haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das +Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen +Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis +insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch +wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und +genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach +gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit +etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein +und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue +geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch +die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und +genossen.“ + +[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der +Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors +Kaiserl. Rat Dr. A. Petter. + +[11] Gerhab = Vormund + +[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung, +daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle! + +[13] Keuche = Gefängnisort. + +[14] So meldet der Chronist Steinhauser. + +[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals +86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine +Kufe hielt 130-148 Pfund. + +[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk „Wolf Dietrich“, München +1886. — Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an +den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe, +nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von +Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden +veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger. + +[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form +aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf +Dietrichs „Mirabella“ genannt. + +[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch +einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen +Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen +ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von +Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war +holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit. +Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin +durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk +vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die +Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg +erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III. + +[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs +Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg +vollständig und historisch getreu renovieren. + +[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard +von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den +Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit +und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen +Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13953 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Celsissimus + +Author: Arthur Achleitner + +Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Celsissimus. + + + +Salzburger Roman + + + +von + +Arthur Achleitner. + + + +Berlin. + + +Alfred Schall, + +Königliche Hofbuchhandlung. + +Verein der Bücherfreunde. + + + + +Vorwort. + + +Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt. + +Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit +denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16. +Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der +damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines +Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt +erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen +Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche +Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen. + +In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die +Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des +Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung +der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates, +Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen +mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der +Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben. + +Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft +sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die +unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne +Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird. + +München, im Herbst 1900. + +Der Verfasser. + + + + +1. + + +Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem +glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert +werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich, +in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles +aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich +zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese +hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die +Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um +kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden +Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man +männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein +Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon +einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige +Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht +bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen +kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher +keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu +den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem +Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige +Feste verstehen. + +So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als +in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit, +jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen. + +Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine +kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter +Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte +die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht +werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen +grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener +Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult +durch viele Reisen in Italien und Griechenland; „Vater Puchner“, der +Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten +Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten +besorgen und die Anleit zum Balle geben. + +Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der +Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und +großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine +besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche +Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht +nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste +herauszuputzen. + +Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren +der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und +erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten +sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig +parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den +vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung +bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt, +daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht, +wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja +auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb +kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese +schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien, +hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn +der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen +Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht, +und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es +erlaubt und wessen der Inhalt sei. „Was man hat, besitzt man!“ gröhlte +ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug. + +Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser +logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen +wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu +beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit +aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher +Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit +senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der +Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein +herniederrieselten. + +Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und +Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten +Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man +nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell +lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im +Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der +Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte +die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des +Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte. + +Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben +in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie +die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur +Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen +wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank +der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz +ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der +schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle +reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen +muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die +Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im +Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein +Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art, +die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu +drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen, +ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen. +Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten +blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und +silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am +Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit +golddurchwirktem Tuch. + +„Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!“ lispelte Salome und erwies der +Bürgermeisterin gebührende Reverenz. + +Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst +verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: „Salome! Wie eine Fürstin +siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die +fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!“ + +„Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater +ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!“ + +„Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das +ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat +mein Ahnl schon gesagt!“ + +„Des will ich warten, Muhme!“ lachte silberhell die schöne Salome, „ich +habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will +die anderen Frauen ich begrüßen!“ + +Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den +Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der +hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln +begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres +besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der +Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die +köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer +bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne +hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner +opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung. +„Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt +sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken. +Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat +besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als +dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!“ + +Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von +Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. „Die Pest +hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg, +das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und +die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!“ + +„Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist +städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist +Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!“ + +„Wollt Ihr gleich stille sein!“ mischte sich Vater Puchner dazwischen, +dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu +eben erwarteten Landesfürsten. „Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere +Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten +Herrn!“ + +Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte +unbekümmert los: „Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam +Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich +will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die +Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das +Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der +Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!“ + +Bestürzt rief Rat Thalhammer: „Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den +Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns +entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!“ + +Grimmig pfauchte Lechner: „So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es +staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen +Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem +geckenhaften Junker!“ + +Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des +Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen +Landesherrn anzublasen. + +Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf +stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der +Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein +zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften +Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und +den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem +Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden +Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging +von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes, +an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs +atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs +an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum +Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und +lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann „geschwinden +Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes“, der infolge seiner +Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo +seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden +Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen +beherrschte. + +Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II. +liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und +Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern +geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von +Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren +zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau +liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden, +wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen. +Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der +Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und +stürmisch auf zu Rom wie — verspürbar allenthalben zu Salzburg. + +Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die +Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem +in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst +Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu +heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle +Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte. + +Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den +Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien, +als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit. + +„So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen +in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück +hat....“ + +„Will nicht hoffen! Liebe ‚zitternde‘ Häuser nicht! Soll ich aber den +Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!“ sprach ironisch +lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit +seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich +schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da +drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche +Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben +die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im +Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der +Stiegenmauer. + +Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter, +dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso +überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich: +„Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst +die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und +Frauen soll man niemals warten lassen!“ + +Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des +Frauenwartegemaches und sprach: „Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die +Damen bitten, in den großen Saal zu treten!“ + +Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich +wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen +schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht. + +„Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!“ wisperte die +verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor +dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch +einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft +bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie +verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: „Geh +du voraus, dein Kleid verträgt es!“ + +„Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen +Grund zu Angst und Sorge!“ erwiderte leise die schöne Salome, und +schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten +nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund +nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht. + +Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für +das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich +in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und +lebhaft rief der Fürst: „Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des +Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung +entgegennehmen!“ Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem +zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf. + +„Hochfürstliche Gnaden!“ stammelte überrascht die schöne Salome und +wollte die Hand zurückziehen. + +„Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg +Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir +geruhen, das Fest zu eröffnen!“ + +Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem +Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend +schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist, +und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen +runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den +Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten +Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem +sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten. +Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die +Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der +neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen, +sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren +und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da +doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so +schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus +fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist, +hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist, +wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte! +Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so +viel Perlen zu tragen! + +Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig, +als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner +Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch +dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der +junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so +plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht +gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel +gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der +Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die +Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem +Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die +Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen +Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die +Tochter aus dem Arm zu reißen. + +Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in +Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine +Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den +stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der +Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige +Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze +Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß, +welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem +Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten +Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur +ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur +für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit +ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn +solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt +als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe, +alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, — der +Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich +fester auf den Arm des Schwagers. + +Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker, +auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand +aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der +gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht +viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und +sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister +wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat +sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des +Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit, +hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche +Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte: +„Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der +alten Schachtel hinterdrein zu laufen!“ + +Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit +heiserer Stimme: „Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein +spanischer Junker!“ + +Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte +schluckend heraus: „Fein — wird—'s im E—e—er—z—st—st—stift!“ + +Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen; +der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und +sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter +Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: „Lieber Alt! Niente +di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure +Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in +persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt +mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich +ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg, +dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber +Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen, +doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin +verbleibe!“ + +Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle +Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen +Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der +Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche +Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann, +denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken +verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. „Hochfürstliche +Gnaden haben geruht!“ Das war der erste Anlauf, und nun muß einen +Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte. + +Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: „Ihr seid also nimmer +ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn +des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure +Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade +ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte +ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!“ + +Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des +Bürgermeisters unter. + +„Eure Gemahlin nehmen wir mit!“ rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu, +dem darob die Ohren sausten. + +Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende +Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein +Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in +lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die +Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht +hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre +Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen +verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte, +lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der +Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau +bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun +wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte. + +„Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!“ flüsterte Wolf Dietrich, +als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte. + +„Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in +unverdientem Maße!“ erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die +Lider. + +„Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom, +vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie +gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde +trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!“ +Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich +seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur +Bedienung der Dame. + +Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei +Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die +Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten +placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde +die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern +Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und +Ehrengastes. + +Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine +Tischgenossin gewendet: „Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon +einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen +Palazzo geführt?“ + +Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und +lispelte: „Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich +in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb +muß zum Einhub die Tochter kommen.“ + +„So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!“ + +Salome nickte. + +„Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen +Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?“ + +Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz +genommen habe. + +„Und die Mutter?“ + +„Die Teure ist seit langem uns entrissen!“ + +„Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch +wollen wir in der Gegenwart bleiben!“ Wolf Dietrich lehnte sich in +seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den +bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm +Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender +Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann +kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich, +mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem +Handelsherrn zu: „Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet +ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und +den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes +zur Partnerin zu haben!“ + +Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem +Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb +der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen +als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe +und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein +zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch +zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so +wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache. +Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und +ehrerbietig, aber fühlbar frostig. + +Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den +Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch +weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den +Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich, +lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: „Wir danken +Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht +länger entziehen!“ + +Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder +ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige +Herr gesprochen. „Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter +ist daran schuld!“ fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm +Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: „Einen Hopser will +er später mit Euch machen!“ Frau Alt schien das Geflüster doch +vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie +heraus: „Nicht möglich?“ Das klang so drollig, daß auch Salome ein +Kichern nicht unterdrücken konnte. + +Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang: +„Ein gelb Essen ist lind zu essen“[1] serviert worden war, und sprach +zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: „Nun wir die linde Speise +hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen, +was die Herzen meiner Salzburger beweget.“ + +Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat +bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem +Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe +schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des +Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare +Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte. + +Ludwig Alt traute aber der „linden“ Stimmung des jungen Gebieters nicht +völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt, +namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit +auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: „Wenn wir in schuldiger +Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das +Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen +hätten!“ + +Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn +hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er +die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: „Wie meint Er das?“ + +„Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur +noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft +getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen +Behörde übertragen wurde, und —“ + +In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der +in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder +warnend auf den Fuß. + +„Und?“ fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene. + +Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und +im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: „Und diese Exekutive +erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist +und nichts zu sagen hat!“ + +Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende, +erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der +nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe. + +Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch +sprach er: „Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer +zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!“ + +Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: „Verstattet +gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!“ + +Überrascht rief Wolf Dietrich: „wie? Majestät Schönheit will sich ins +Gebiet der Politik begeben?“ + +„Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in +den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen +Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im +Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird. +Ein Weib —“ + +„Ein fürstlich Weib!“ murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick +schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen. + +Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: „Ein Weib +versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches +Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein +kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen +beeinflußt ist.“ + +„Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!“ lachte der Fürst amüsiert. + +Tapfer behauptete Salome: „Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben, +daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht +beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in +meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu +bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber +hinaus.“ + +„O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die +Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen +Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte, +holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich +kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!“ + +„Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch, +gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe —“ + +„Hört ihr es!“ wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, „so +spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen +Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine +Freud' und Lust, Herr zu sein! — Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen +mag!“ + +„Mein Ohm,“ erwiderte Salome, „der allverehrte Bürgermeister hat es +ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel +genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu +bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist +nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite +des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!“ + +Galant erwiderte Wolf Dietrich: „Schönheit adelt und erhebt!“ + +„Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren, +das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei +engelschön sein!“ + +„Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!“ +schmeichelte der Fürst, und fügte bei: „Doch Eure Prämisse stimmt nicht: +Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von +niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur +nicht von Adel! — Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht +richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter +Sache?“ + +„Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein +gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen +sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem +leisesten Befehl des Herrn!“ + +Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis +Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub: +„Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die +Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses +mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!“ + +Salome wagte einen legten Versuch: „Verzeiht mir, hoher Herr! Die +Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme +zugestimmt!“ + +„Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die +Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne +Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge +Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht +aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne +Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung +war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die +Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den +früheren Rechten zurückzuerlangen!“ + +„Und täuschte sothane Hoffnung?“ fragte Salome unter Augenaufschlag und +richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge. + +Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf +Dietrich kein schroffes, wahres „Ja“ zu sagen, er griff zu Worten der +Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit +zusicherte. + +Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah +dieses Wölkchen sofort. „Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden +Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer +Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die +bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir +ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus +auch! Und damit dixi!“ + +Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu +thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: „Muß der Bürger und +Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!“ + +Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort „zahlen“ +verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche +Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von +bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein +Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen +ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den +Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das +sei nur in der Ordnung. + +„O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!“ meinte Frau Alt. + +„Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint, +sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch +zahlen, der Fürst hat da ganz recht!“ + +Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen, +und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen +Fürsten in rosige Laune. „Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden +den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und +Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten.“ +Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: „Will die Wolke nicht weichen +von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der +Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den +Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl +Eurer Gnade!“ + +Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten +sich zu leisem, gutmütigem Spott: „Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir +schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der +Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen +Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!“ + +„Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte +von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit +Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave +möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!“ + +Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome: +„So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die +Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche +Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu +dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!“ + +„Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter +Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der +unter Vicenzas Himmel gedeiht!“ sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum +Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben +sei. + +„Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen, +gehört — Thalhammers feinerprobte Zunge!“ schnatterte Ludwig Alt, dem die +unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte. + +„Wie? Was meint Er?“ rief erstaunt der Fürst. + +„Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte +meines Ohms erhelle!“ warf Salome schnell ein, „der gute Ohm wollte +sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel +gewünschter Edelwein vorhanden sei!“ + +Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen +Tischgenossin: „Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir +können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!“ + +„Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?“ spottete +Salome. + +„Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten +gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend +will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische +Alter!“ + +Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der +Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte +Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf +Dietrich stieß mit Salome an: „Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen +dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe +und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute +eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe +Salzburgs holdeste Mädchenblume!“ + +Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der +Becher zitterte in ihrer schmalen Hand. + +„Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?“ +flüsterte Wolf Dietrich. + +Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd +sprach sie: „Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend +wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der +Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im +Erdreich, in dem nur ich gedeihe! —“ + +„Ist das Euer Trinkspruch, Salome?“ fragte etwas gedehnt der Fürst. + +„Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew. +Hochfürstlichen Gnaden und —“ + +„Und?“ + +„Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!“ + +„Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade +und —“ + +„Und?“ + +„Und Liebe!“ flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen +flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte. + +Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden, +doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet, +daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch +Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem +Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister +auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei +sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und +zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich, +des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die +Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall +gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des +Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben +jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung +bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2] +Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und +hatte angeordnet, daß zum „Fasanen-Gang“ dieser Gebrauchsgegenstand +solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am +meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde. + +Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft +und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft. + +Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles +herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und +sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch +ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes +legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach +nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie +ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von +einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen +Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen +nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den +überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just +recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den +Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt, +und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin. + +Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig +wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr +doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele +zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den +Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der +neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung. + +Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die +Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und +enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: „Der +kennt alles!“ + +Und Wilhelm raunte zurück: „Stimmt! Der wird uns in allem über!“ + +Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und +dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn +der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf +Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. „Meine Salzburger lieben den +süffigen Wein!“ meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich +beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte, +denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen +Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar. + +„Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?“ + +„Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet +auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom +Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus +Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus +Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von +Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und +Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und +dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero +unterthäniger Knecht!“ + +„Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel +der schweren und teuren Weine trinken!“ + +Voreilig sprach Ludwig Alt: „Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn! +Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so +viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten +Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut +und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern +lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem +Weinteufel!“ + +„Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu +steuern?“ fragte der Landesherr. + +„Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten +kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!“ + +„So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß, +ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu +publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den +Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“ + +„Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!“ sprach +Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich +berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht +auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen +zusprachen. + +„Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt! +Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die +Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?“ + +Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte +schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren +Körper, bebenden Tones erwiderte sie: „Wie sollt' ich je in solche Lage +kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach +Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will +ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier +in dumpfer Kemenate!“ + +„So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?“ + +„Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die +gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne +heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns +einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die +uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren +von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt +zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom.“ + +„Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche +Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram +herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die +feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die +Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur +staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon +einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und +warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum +der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten +Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe +Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich +die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen! +Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!“ + +Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte +beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof, +sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit +Salome noch gesprochen. „Ich sehe Euch bald wieder!“ flüsterte er dem +schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen +geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der +Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten. + +Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in +formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher +Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest +und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den +Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich +von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach +allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und +Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten. + +Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube +zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen +Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein +Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten +gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst +fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen +zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele +Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar +ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat +Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die +Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause. + +Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen, +nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme +Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren +einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt, +den Damen die Leuchte vorauszutragen. + +Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten +Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der +Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen +Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der +Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden +auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß +Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe +Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige +Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte: + +„Die Schlanke ist's! Schnell!“ + +Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward +von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen +herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu +weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die +entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre +Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle +menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht +schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen +von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken? + +Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus +seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der +Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse. +„Ist 'leicht etwas passiert?“ fragte er. + +„Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist +verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!“ +kreischte verzweifelnd Frau Alt. + +Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr +mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als +wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen. + +„Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister, +vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die +Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein +schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!“ + +Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie +mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im +Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die +Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und +verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu +fassen und rief immer wieder: „Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer +stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!“ + +Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen, +wer immer der Mädchenräuber sein möge. + +Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause +verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch +nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie +ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach +erleuchteten Gassen Salzburgs. + +Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter +Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und +hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer +Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten +Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre +Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein +furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte. + + + + +II. + + +Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten +Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig +festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die +höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom +Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich +zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in +Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren. + +Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu +Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen, +treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im +ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus +schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung. + +Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung +unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen +Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und +geheimnisvoll gesprochen ward. + +Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes +näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines +Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem +Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er +selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein +und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien, +die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu +vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand +der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte +kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche +Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar +an. „Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in +meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?“ + +Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand +ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem +Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not. + +„Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde +einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!“ grollte der Fürst. + +„Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer +warten, derweil stirbt mir der Mann!“ + +In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er +nach dem Begehr des armen Weibes. + +„Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus +der fürstlichen Kuchel....“ + +„Ist jemand schwer krank bei dir?“ + +„Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!“ + +„Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?“ + +Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am +üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu +können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in +später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen +Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das +gemeine Volk. + +Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus +augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe +verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte +sich der junge Fürst zum Kämmerer: „Du besorgst, was ich dir befohlen. +Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen +nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!“ + +Der Kämmerer wagte zu sagen: „Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und +schlecht der Weg hinan zum Berg!“ + +„Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten +Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke +Beine!“ + +Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen +schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute +Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte +des Elends. + +Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster +noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet, +nach Luft und Fassung schnappend. + +Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf +Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den +an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf +einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett, +gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger. + +Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich +die Arme zum Fürsten empor: „Habt Dank, o Herr, und helft in größter +Not!“ + +„Schrecklich!“ flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, „dieweilen man prasset +am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!“ Auf einen +Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die +inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein +Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht +ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie +Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse. + +Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile, +frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte, +kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht. + +Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur +für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er +einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt +ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen +Fürsten. + +In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch +seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu +fragen begann: „Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?“ + +In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: „Es ging alles nach +Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst, +als alles längst vorüber und verschwunden war.“ + +„Und hier?“ + +„Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau, +bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt.“ + +„Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?“ + +„Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!“ + +„Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die +Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde +Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel +stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling +bis nach Kärnten.“ + +„Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?“ + +„Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein! +Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du +bewachst deren Thür selbst!“ + +„Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero +treuer Diener wird wachen und sorgen!“ + +Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war +unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder +Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre +dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte, +vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß +des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]: + + „Thuerhuetter. + + Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts + auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer + lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß + personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte + officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen + sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem + andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter + anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen + stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt + einander vnderweilen abwexlen.“ + +Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten +gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der +Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem +Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige +Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren +denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu +unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den +Kämmerlingen gelassen werden dürfe. + +Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde +hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist +ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde. + +Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer +Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche +das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar +kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der +reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das +totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso +das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam +zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer +erfolgen könne. + +Alt erwiderte barsch: „Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig, +dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich +augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!“ + +„Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des +gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts +zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und +Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir +befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!“ + +„Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte +noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die +Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es +kaum mehr werden!“ + +Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und +der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen. + +Alt rief: „Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt +keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!“ + +„Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines +regierenden Fürsten!“ + +„Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht, +schlimmer denn wie im welschen Reich!“ + +Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das +Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles +Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. „In welchem +Betreff soll ich Euch melden?“ „Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter +schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne +stark und lang genug sei!“ + +Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren +Apartements. + +Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen +Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: „Was +soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!“ + +„Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein +außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub — der Handelsherr Wilhelm Alt —“ + +„Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem +Maße aufgeregt?“ + +„Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe, +den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe +ermöglichet“ + +„Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es +war ja zu erwarten!“ + +Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich +erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte +er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts +vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete. + +Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende +Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich +nimmer meistern, heiser rief er: „Wo ist meine Tochter?“ + +Kühl erwiderte Wolf Dietrich: „Wie soll ich das wissen? Was ist +geschehen, was wollt Ihr von mir?“ + +Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf +klangen seine Worte: „Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener +Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!“ + +„Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem +Fürsten!“ rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg. + +„Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und +wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt, +Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines +Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der +Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr +verhalten, Euer Eid lastet darauf!“ + +„Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan +gehört zu Füßen seines Herrn!“ + +„Helft mir zu meinem Kinde!“ flehte der angstgepeinigte Vater. + +„Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!“ + +„Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind +fordere ich von Euch!“ + +„Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab, +das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte +Worte mehr vernehmen!“ + +„Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge +um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die +Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei +den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß +gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!“ + +„Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?“ + +Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: „Ihr wißt um Salome! +Es kann kein Zweifel sein!“ + +„Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die +erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der +Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner +Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des +längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des +Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen +Sippen!“ + +„Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem +seiner Priester!“ + +„Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!“ + +„Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge +trüben mir den Sinn!“ + +„Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!“ + +„Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu +meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt +wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der +Wirkung!“ + +„Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den +Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist +in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu +erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein +unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut +keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!“ + +„Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter, +rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!“ + +Wolf Dietrich flüsterte: „Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das +Bürgerpack!“ + +„Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an +Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch +zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!“ + +„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der +Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem +aufgeblasenen Bürgerstolz?!“ + +„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“ + +„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich +drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen +ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist +Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe +Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' +gesehen!“ + +„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte +im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich +irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre! +Fluch!“ + +Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf +Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des +Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum +Nächtigen dienten. + +In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf +Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich +erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit +der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten +anzunehmen. + +Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen +Willen!“ + +Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem +Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin +Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem +Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach: +„Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“ + +Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des +Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit +mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse +wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“ + +Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen +Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des +Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet +mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz +erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure +Gunst!“ + +„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! +Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr +verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“ + +„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz +verdammet!“ + +„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr +gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem +schwergekränkten Vater!“ + +„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie +sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch +auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung +Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch +zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, +so er Euren Sinn verletzt!“ + +„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und +Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“ + +„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich +verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei: +offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche +Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen +Worten!“ + +„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin +bereit zu hören!“ + +„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird +gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der +Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den +Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen +wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir! +Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß +südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu +Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung +für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele +dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt, +die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im +kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das +schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr +sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und +Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich +beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt +Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir +halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir +schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben +soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes! +Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht +und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf +Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens: +Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“ + +Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome +in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte +den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch +schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein +Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, +strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann +nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich +schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“ + +„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort, +hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite, +seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein +stiftisch Land!“ + +Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine +Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin, +ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk, +reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg +groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu +handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“ + +„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“ +rief erregt der feurige Fürst. + +„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“ + +„Wie?“ + +„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der +Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“ + +„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im +Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“ + +„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben +Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine +verbotene Ehe?“ + +„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech' +das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' +ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“ + +„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome. + +„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt +Salome zu mir zurück!“ + +Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals +zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um +Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur +ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“ + +„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der +Wiederkehr der — Fürstin!“ + +Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem +Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie +auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der +Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich +geraubte Mädchen völlig frei zu sehen. + +Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung +in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu +Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei. + +Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im +Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da +Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem +Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“ + +„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“ + +Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der +verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube +hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen +Aussprache zwischen Vater und Tochter sein. + +Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids +geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? +Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“ + +„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“ + +„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“ + +„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer +schlimmen That!“ + +„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh' +die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er +soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“ + +Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde. + +„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder +unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden +meiner Tochter sonst so heller Verstand?“ + +Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt +forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte. + +„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein +Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn +verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der +ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine +Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein +furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei +meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir +gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend +giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn +dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet +bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in +Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich +lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“ + +Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich +Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen. + +„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat +der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher +Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe +ihm und dir! Mein Fluch —“ + +„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht +erscheinen lassen könnte!“ + +„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht? +Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters +Haft und Gewalt?“ + +„Ja, aber —“ + +„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist +eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste +Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach, +ich will meine Rache haben und mein —“ + +„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt, +makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt +gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“ + +„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt +eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was +hat er sonst gesprochen?“ + +„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich +mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, +zurückzuweisen —“ + +„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“ + +Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt' +die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur +Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“ + +Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones +rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert +sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens +Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das +Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug +davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten, +wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein +zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat +dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich +aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! +Niemals!“ + +Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb +Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem +Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt +das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte +Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf +geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den +ich zu gehen habe!“ + +Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie +nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die +Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah +sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als +Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung +fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des +Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das +Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört +seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor +Schmerzen. + +Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee +herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. +Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er +schien Salome meiden zu wollen. + +Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht +zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber +wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“ +den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag +abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der +Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die +Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in +beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten +Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn +gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden? + +Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich +der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle +Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du? +Bist du hier?“ + +„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“ + +„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der +Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren +dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem +Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome! +Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei +gelobt, daß wir dich wieder haben!“ + +Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und +geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als +Sitzplätze dienten. + +„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“ + +Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick +und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof. + +„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus. + +„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“ + +„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so +huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für +unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“ + +„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen +Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht +von Schande!“ + +„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf! +Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder +sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, +da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine +Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr +und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, +mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! +Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein +ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes! +Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom +könnten in Beziehung kommen!“ + +„Was kümmert mich der Papst!“ + +„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser +und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“ + +„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen. + +„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst? +Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte +sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“ + +„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so +unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“ + +Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste +gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und +drang auf eine völlige, genaue Beichte. + +Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme +auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome +erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen +und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu +erheben. + +„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme. + +„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“ + +„Das faß' ich nicht!“ + +„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist +empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden +an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort +sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“ + +„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es +genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig +ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht +verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig +genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach +eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht +gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch +dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun, +mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs +Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du +dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“ + +„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der +Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“ + +„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“ + +„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er +einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin +ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten +Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“ + +„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich +treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar +ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß +du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, +verbanden?!“ + +„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch +fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“ + +„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner +Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das +klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese +Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit +meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher! +Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes +Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“ + +„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich +vor dem gestrengen Vater!“ + +Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu +reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen +beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker +auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse. + +Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er +den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde. +Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das +eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen. + +Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und +Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt +des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte +Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede +wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die +Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als +möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief +beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, +und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von +der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward +der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der +Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in +eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte. + +Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im +Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung +in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder +verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und +Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und +Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den +nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig +zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den +Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und +sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied +zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser +Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle +Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne. + +Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf +Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und +später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause +einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine +Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der +Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang +Weibergeschwätz kalt gelassen hat. + +Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem +Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den +des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die +Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner +Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr +Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein +auswärtiges Kloster thun möge. + +In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge, +weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die +Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der +Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein +Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft +eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung +des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu +auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn +Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten. + +Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete +lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine +Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit +dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach +dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins +fürstliche Palais zu verbringen sei. + +Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes +kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach +Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde. +Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch +diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und +heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde +über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu +sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause +der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung. + +Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin +schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine +Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit +kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, +was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg +sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der +Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme +zu Hof, ich komme zu Hof!“ + +Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der +Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst +hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu +bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst +getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die +überglückliche Frau nicht sehen. + +In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende +Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und +galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend +vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ. + +Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge +Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir +neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende +Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein +fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so +ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des +hartköpfigen Pfefferkrämers?“ + +Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in +etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer +Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und +handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“ + +„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine +Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des +Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“ + +Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer +Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung +auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung. + +„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich +und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher +gestützt hatte. + +„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“ + +„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des +Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für +gewöhnlich konfiterieret!“ + +„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur +demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich +glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was +hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas +erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero +unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“ + +„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“ + +„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit, +aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran +teilhaben, bloß ich allein!“ + +Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann +sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch +und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige +Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“ + +„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es +ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der +Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher +selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in +Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere +schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im +stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für +Lebenszeit!“ + +„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und +Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“ + +„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr +bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber +in fürstlichem Gewande!“ + +„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt. + +„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen +Rabenvater Mores zu lehren!“ + +„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome +aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“ + +„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis +besser wird und trocken der Weg.“ + +„Und wohin?“ + +„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an +Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten +und hinab ins Welschland!“ + +„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“ + +„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe +Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit +wohl auf Erden geben!“ + +„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“ +sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu. +auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und +nebstbei bin auch ich geehrt, + +[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, +ist aber 1:1 aus dem Original übernommen] + +„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte +Fürstin ist!“ + +„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“ + +Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs +Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten, +was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere +Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein +Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame +und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten. + +Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu +sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die +Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß +Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das +Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte. + +„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte +Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in +den Füßen endlich das Heim erreichte. + +Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das +Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte +mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den +Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs +beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen +wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch +war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit +Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, +von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens +nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf +die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz +empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein +verbreitet sei. + +Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte +sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt +gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters. + +Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste, +daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte. +Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch +morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe +ich's erfahren!“ + +„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich +eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein +ganzes Leben!“ + +„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“ + +Geräuschlos entfernte sich die Magd. + +Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill +um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem +Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das +Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer +Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit, +die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome +empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung +beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch +Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens +inniger, hingebender Dank dargebracht werden. + +In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend +Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei, +mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu +bestellen. + +Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur +Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den +Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem +strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen +wissen. + +Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte +Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und +fortschaffen zu können. + +Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das +Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach +und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am +Leibe trage. + +„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara. + +Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst +wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“ + +Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein +Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich +hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses +selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und +nach rückwärts giebt es keinen Ausweg. + +Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk +dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es +lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten. + +Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die +arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich +mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung, +wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten. + +Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die +schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus +Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht +verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse. + +Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der +Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit +geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und +verschwanden um die erste Ecke. + + + + +III. + + +Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden +Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als +sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den +Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen +Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach +bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im +Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden. + +Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des +gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des +Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste +thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen +Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt +von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten +zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen. + +Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem +balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens +gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, +urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen +Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an +fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in +einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ +zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen +Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal. +Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden +Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf +Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's +mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen +Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der +Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem +eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden +Gestalt Salomes ansichtig ward. + +Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte +Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand +strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im +brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde. +Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene +Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb, +die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende +Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein +rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger. + +Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der +Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt +rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der +Ursache der Verstörtheit fragend. + +Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen +wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe. + +Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ +sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er +bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer +Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht +und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“ + +„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich +verschreckte!“ + +„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“ + +„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten +Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst +nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“ + +„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte +der galante Fürst. + +„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur, +die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der +fördernden Hand —“ + +„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer +Schlichtheit!“ + +„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“ + +Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich: +„Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“ + +Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens. + +„Was ist dir nur, Geliebte?“ + +„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das +Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“ + +„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, +meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist +meines Daseins oberstes Gesetz!“ + +„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, +eine Edelrose wird es niemals werden!“ + +„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an +meiner Seite einer Fürstin gleich —“ + +„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine +Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn +ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“ + +„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich +will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als +Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames +Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, +aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch +meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten +Paar von Euren Unterthanen!“ + +Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur +Antwort leicht geöffneten Lippen. + +Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des +schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen +Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen +Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im +Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges. + +„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete +Salome in die Burg. + +Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias +das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge +Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt +von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab. + +Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen +Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem +Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an +priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere +Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit +in allen Dingen zu sein. + +Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge +die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut +durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte +Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen +Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant +noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs +Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer +fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles +andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken. + +Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in +Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war, +wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, +der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend +scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei +und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘ +begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“ + +Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer +keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und +höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete +sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, +kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis! +Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß +Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten +Erzbischof!“ + +Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit +dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet +sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein +Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das +aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin +kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: +„Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem +schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu +entfernen. + +Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an +Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar. + +Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte +das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“ + +„Euer erzbischöfliche Gnaden....“ + +„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“ + +„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung +zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken +blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im +kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“ + +„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und +Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“ + +„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, +wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“ + +„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon +geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis +höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche +Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“ + +„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren, +wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen +Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten +wurde.“ + +„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“ + +„In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein +gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer +davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela. +Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb +Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat +so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch +einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im +Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der +Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum +infamia, conjugatus est....“ + +„Wer ist das?“ + +„Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und +verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen +Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt +gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib, +hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die +unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr +Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem +Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand! +Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige +Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache +der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die +scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die +Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben +können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den +schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich +lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel +soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke, +zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum +Himmel schreien!“ + +Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte +innezuhalten und Atem zu schöpfen. + +Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika +des Asketen: „Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet! +Den Mann will ich sprechen!“ + +„So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren +ein Exemplum?!“ + +„Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag, +das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!“ + +„Das Paar?“ fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant. + +„Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine +Meinung fassen über Mann und Weib!“ + +„Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines +Sprengels?“ + +„Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind +sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an +wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese +Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten, +nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade +Euch hiezu als Gast!“ + +„Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen +und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!“ + +Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam +unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand +des Fürsterzbischofes. + +Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das +Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich +in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: „Conjugatus +est!“ + +Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche +Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf +Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg +Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige +der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge +zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der +hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk +und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das +Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde. + +Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der +Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich, +der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief +verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete. + +Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham +über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete, +fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und +Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen +und der Mund weit offen stand. + +Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert +und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der +Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der +rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch +die Schwester des Erzbischofes sei. + +Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne +abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er +geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach +den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade +gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“ + +„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten +Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen. + +Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin +Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“ + +Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte, +doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten. + +Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est +archiepiscopus?“ + +Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck +des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung. + +Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die +Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die +Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger +Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein, +Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn +setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen +Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, +nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für +alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch +zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges +Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund? +Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach +des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, +geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der +höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum, +vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner +Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet +mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist +mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“ + +Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen; +Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch +geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um +Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen. + +„Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!“ rief gellend der fanatische +Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg +führten. + +Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des +ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa +konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine +Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung. + +Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen +Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler +ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener +Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der +Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den +Körper erbeben machte und nach Rache lechzte. + +Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich +hieß barsch, jedermann abzuweisen. + +„Es ist Domkapitular Graf Lamberg!“ wagte der Kämmerer schüchtern +einzuwenden. + +„Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ' +ihn sogleich zu mir!“ Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die +Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch +gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die +aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der +Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz. + +„Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!“ rief Wolf Dietrich und +schritt dem Kapitular entgegen. + +„Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme +in dringlicher Angelegenheit!“ + +„Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg +kommt mir sehr gelegen!“ + +Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen +ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen, +besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im +Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen +ließ. + +Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: „Lamberg, du kommst wie +gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht +schreite über einen Vermessenen!“ + +Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig +flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen. + +Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich +umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler +Gewitternacht. + +„Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu +gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!“ + +Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick +herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der +Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit +beruhigen wollte, und erwiderte: „Hochfürstliche Gnaden wollen in dem +tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des +Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des +hochwürdigsten Erzbischofs!“ + +„Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem +Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu +weisen?!“ + +„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches +Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die +Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß +in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten +Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde +erblickt im Wandel seines Bischofs.“ + +„Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?“ rief vorwurfsvoll +der Fürst. + +„Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und +Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger +Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der +Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war +nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser +Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein.“ + +„So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen +lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!“ + +„Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten +fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer +Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam +juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach +Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann +vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer, +kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten, +dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen +Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten +Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde, +für Verbrechen wider die Kirche hält!“ + +„Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in +meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!“ + +„Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts +von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann +meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde +Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen....“ + +„Und den Erzbischof?“ + +„Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen, +so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit +einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!“ + +„So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?“ + +„Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur, +jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig +wirken beim Ausmaß der Strafe!“ + +Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte +durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: „Ja, so spricht +ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu +lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken, +wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert.“ + +„So ist es unerschütterlicher Wille?“ + +„Ja! Und — Dir will ich's anvertrauen — erst heute wieder bat meines +Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!“ + +„Nunquam!“ + +„Wie?“ + +„Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals +zu thun!“ + +„Perchè?“ + +„Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?“ + +„Ich bitte dich darum, mein Freund!“ + +„Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures +Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an +eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!“ + +Stolz erwiderte Wolf Dietrich: „Ich bin der Fürst und Herr des Landes! +Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem +Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio, +ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt! +Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die +größte, kann gestatten?“ + +„Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg +man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an: +Verzichtet auf das ehlich Band!“ + +„Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz +ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in +weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund +gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der +Papst — sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen +verstattet ist —?“ + +„Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären +nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der +Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie +beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom, +unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung +kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals +gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen! +Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des +Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr, +obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider +päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den +Verdacht des Luthertumes bringet?!“ + +„Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?“ + +„Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die +Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der +unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich +eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten, +achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt +an Bayern, Kaiser und Papst!“ + +Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des +vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn +der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: „Was kümmert +mich der Bayer, was der Kaiser!“ + +„Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und +ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An +Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über +des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten +können!“ + +„Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!“ + +„Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach +als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es, +zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!“ + +„Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber +sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?“ + +„Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die +Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!“ + +„Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!“ + +„Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!“ + +„Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und +manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst +büßen für die Wonne des profanen Lebens!“ + +„Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug +wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! — Doch wenn Hochfürstliche +Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich +veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!“ + +„Was soll es sein?“ + +„Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich, +die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs +Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!“ + +„Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!“ + +„Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des +Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen +lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu +helfen.“ + +„Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt +sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer +zahlen soll, schreit immer! — Doch genug von solchen Dingen. Behagt es +dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum +Abendbrot sehen wir uns wieder.“ Launig fügte Wolf Dietrich bei: „Graf +Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem +Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner — Fürstin?“ + +„Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane +Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die +Honneur bezeigen zu dürfen!“ + +„Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir, +Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft +verständigen!“ + +Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald +holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen +Burg anzuweisen. + +Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte +Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar, +die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich, +hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer +Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte +und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch +der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem +Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen +Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters +Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem +Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom +hochwürdigsten Erzbischof. + +Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen +Geistlichen gemahnende Gestalt. „Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur +Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?“ + +Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge +herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen. + +„Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird +unten im Dorf gereicht!“ rief grob der Vogt. + +„Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist +mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!“ + +„Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und +hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich +mache Euch Beine!“ + +Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand +gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem +Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung +gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares, +insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen +Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf +das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: „Vogt! +Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube; +der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!“ + +Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und +erwiderte unterwürfig: „Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat, +sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug +darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!“ + +Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild +die Frage: „Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?“ + +Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: „I freilich, +schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der +Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr +Erzbischof von uns will?“ + +„Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und +vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch +erquicken!“ + +„I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch +lohnen dereinst an Euren Kindern!“ + +„Pst, pst!“ mahnte der Kurat. + +„I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid +Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so +schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang! +Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd' +und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber +und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!“ + +Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte +Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot; +Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken. + +Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und +murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: „Gott vergelt' +Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und +Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr' +und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!“ + +„Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!“ lispelte die Greisin und +nippte dann vom goldigklaren Wein. + +„Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr +nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!“ sprach Salome, +der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk +zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster +in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des +Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome, +dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen +Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig +machen. + +„O,“ meinte die Greisin, „fertig sind wir allzeit, da giebt's kein +Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist +Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein +gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O, +das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!“ + +„Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!“ lächelte Salome. + +Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite, +um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter +einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das +Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: „Ei, Salome und in +Gesellschaft?“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom +beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh' +vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese +Stube wir geraten!“ + +„Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so +wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!“ + +Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich +bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der +sogleich verschwand. + +Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den +ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: „Wie lang seid Ihr +schon Priester?“ + +„Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit +zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd' +ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der +Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr.“ + +„Vierzig Jahre in der Einöd'!“ sprach mit besonderer Betonung Wolf +Dietrich und nickte Salome zu. + +Voreilig meinte die Greisin: „In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen +die Jährlein wie der Bergbach geschwind!“ + +Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: „Verzeihet, Hochwürdigste +Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt', +nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!“ + +„Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von +Cölibat und päpstlicher Verordnung?“ + +Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig, +zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß +damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen +Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß +genommen habe an der Priesterehe. + +„Beklagenswerte Zustände im Landklerus!“ sprach Kapitular Graf Lamberg. + +Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich +regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome +bewegen mochte. + +Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen: +„Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem +Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen +in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit +hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von +Priesters Hand!“ Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein +plapperte eilig: „I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich +lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle +Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der +schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was +hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund, +ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch +und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen +und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein +harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder +heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der +jeglicher Pflege bedarf, — kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen +mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib +nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott +gegeben vor dem heiligen Altar?“ + +Wolf Dietrich nahm das Wort: „Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein +Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen +ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört +zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht +und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!“ + +Angstvoll rief Salome: „Gnädiger Herr!“ + +Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte: +„Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben +greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich +gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet! +Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten +Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!“ + +Graf Lamberg wollte mahnen: „Exempla trahunt!“ + +Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: „Das mag im allgemeinen gelten, +und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will +mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der +Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in +seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem +ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim +mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll +lassen Euch in Ruhe!“ + +Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in +innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf +die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte. + +Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: „Hab' ich's nach +Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum +Küchenmeister!“ + +„O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!“ lispelte erglühend Salome +und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube. + +Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine +Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu +leisten. „Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von +Salzburgs Stift und Dom?“ + +„So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu +sagen, zu schweigen und zu gehorchen!“ + +„Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im +Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch +möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab' +gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von +meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt +mein Freund?“ + +„Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!“ + +„Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern. +Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?“ + +„Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb' +und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger +dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger +so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll +Ordnung werden im Erzstift!“ + +„Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher +Einsicht!“ + +„Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden +ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch +gegen....“ + +„Du meinst Salome!“ sprach hastig Wolf Dietrich. „Du bist klug und weit +reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit +stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger +Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar +verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden! +Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit +einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!“ + +„Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag +paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen +Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!“ + +Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ +sich völlig tiefem Sinnen. + +Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der +schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des +genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der +schönen Salome. + + + + +IV. + + +In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da +der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die +bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im +Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese +steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu +begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen +finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton +dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die +Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst +den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal +bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung +gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen +überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur +veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu +beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten +die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften +Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den „Saufteufel“. Es +konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen +nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die +Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein +hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat +faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur +Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen +wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst +gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig +erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im +eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung +jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die +Hofkammer abgeliefert werden. + +Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die +Weinsteuer „für ewige Zeiten“ Geltung haben solle, brachte das Blut auch +der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur +Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel +treffen, und das machte die Landschaft rebellisch. + +Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den +Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ. + +Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren +verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute +der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände +gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen. + +So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und +Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den +Beschwerdeweg beschritten. + +Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als +durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte +Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu +verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte. + +Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und +Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu +treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch +berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu +gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die +Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich +stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch +einige Erholung zu gönnen. + +Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines +raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr +losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog. + +Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich +vorgelassen. + +Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in +Händen und rief dem Freunde zu: „Komm nur schnell heran, setze dich zu +mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe +ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie +wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in +einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn +aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!“ + +Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: „Auf welche +Privilegien beruft man sich?“ + +„Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!“ + +„Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den +früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst +eingebüßt haben.“ + +„Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im +Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von +den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten +gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen +eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!“ + +Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung. + +„Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs +nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer +sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist +der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist +perpetuell, — so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die +Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen.“ + +„Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!“ + +Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: „So +werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat +der Mauten und Zölle!“ + +Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er +eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: „Du +hast Bedenken? Sprich, Lamberg!“ + +„Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte +Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise.“ + +„Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil! +Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!“ + +Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: „Die Zeit ist schlimm, die +Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender +Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und +weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen +Fürsten....“ + +„Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!“ + +„Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst! +Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten! +Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen +wollen und zum Wanken bringen?!“ + +„So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die +Rebellen in den Sand!“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom +Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als +treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in +bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen.“ + +„Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet, +ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir +brauchen Geld!“ + +„Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein +partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst +empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch +gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern.“ + +„Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der +Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes +Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil +nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!“ + +„Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher +Hinsicht von Segen begleitet finden.“ + +„Wie meinst du das, Freund Lamberg?“ + +„Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß +gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und +Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages +durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und +unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält +vor — Auswanderung!“ + +Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im +Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und +gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: „Niemals +ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu +zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!“ + +„Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und +Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der +Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion +zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert.“ + +„Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!“ warf Wolf Dietrich +ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: „Traurig genug, daß der +regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach +meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!“ + +„Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege +einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu +einer Auflösung raten!“ + +„Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung +können sie warten bis — in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!“ + +Überrascht fragte Lamberg: „Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere +Bauten?“ + +„Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich +später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim +schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch +noch einzufordern —!“ + +„Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?“ fragte +Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau +kannte. + +„Sprich, Freund!“ + +„Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in +Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei +bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von +Küenburg noch nicht bezahlt ist....“ + +„Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst +muß darben! — Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf +berechtigten Weihsteuer?“ + +„Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück +Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses +allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen, +an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande, +neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer +müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und +Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber +erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen +allenthalben!“ + +Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für +das ehrlich offene Wort. „Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen! +Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich +begrüßen zu können!“ + +Ausweichend erwiderte Lamberg: „Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten, +möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen, +um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!“ + +„Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und +haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung. +Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg +meiner Salome Gesellschaft leisten!“ Dies sprechend gab der Fürst ein +Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der +Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. „Auf Wiedersehen, Graf, bei +Tisch!“ + +Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das +fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der +Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern +als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf +Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche +vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten +aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre +machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete +dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom +Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen +Originals zu sein schien. + +Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst +vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei. + +Lamberg erwiderte kühl: „Ich kenne das Original zu Rom!“ + +„Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines +Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!“ meinte der Kämmerling. + +„Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen +Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!“ sprach +abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös +ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der +Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab. + +Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt +hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen +Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer +Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in +Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den +herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der +Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn +auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die +Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf +gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird +sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch +keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne +Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu +erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen +guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich +Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine +wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des +Freundes. + +In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und +schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin +bereit sei, den Grafen zu empfangen. + +Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten +Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das +mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome +auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt +saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres +blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in +diesem Augenblick wirklich entschuldigen. + +Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick +gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: „Willkommen, Graf, in meinem +Reich!“ und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz +zu nehmen. + +Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und +erwiderte: „Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen +und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste +Aufwartung zu machen!“ + +Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie: +„So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl +des gnädigen Fürsten?!“ + +„Gewiß!“ klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: „Wie +sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges +ohne Befehl gelangen!“ + +„Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig +sein!“ + +Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: „Ich kann nur heißen Dank +für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als +guten gnädigen Frau!“ + +„Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf +dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter +sothanem Mangel der Legitimität!“ + +„Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero +unterthänigsten Diener!“ + +„Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes +Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!“ + +„Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige +Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu +beeinflussen?!“ + +„Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur +will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?“ + +Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome, +senkte dann wieder die Lider und sprach leise: „Was könnt' meine +Freundschaft Euch auch nützen?!“ + +„Mein Ohr vernimmt das ‚Nein‘, so warm auch klingt der Ton der leise +abwehrenden Rede!“ + +„Nicht doch, gnädige Gebieterin!“ + +Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: „Ihr wollet nicht, ich +ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des +legitimen Bundes!“ + +Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das +Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: „Streng und scharf +umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen +müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist +jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch +verhängnisvollem Schritt!“ + +Höhnisch klangen der Favoritin Worte: „Die Strafe Roms! Wie straft Rom +wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?“ + +Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: „Ihr wißt davon?!“ + +„Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des +verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes +Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal +gelten müssen?“ + +„Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und +Rom ist nicht Salzburg!“ + +„Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann +beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das +pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?“ + +„Das wißt Ihr auch?“ stammelte in maßloser Überraschung über solche +intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg. + +„Nimmt Euch das Wunder?“ + +„Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!“ + +„Was soll unmöglich sein?“ + +„Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst +gegeben!“ + +„Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die +vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat +eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir! — Ihr +möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen +Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes +Gewebe....“ + +„So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich +wahrlich nicht!“ + +„Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr +fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr +nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu +wehren wissen!“ + +„Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn +und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern +bis zu meinem dereinstigen Ende!“ + +„Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones +Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!“ + +Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: „In diesen +Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe +schaffen!“ + +Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige +Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende +Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret +zurück. + +Leise sprach Salome: „Wie will Graf Lamberg es nun halten?“ und erhob +sich von dem Sitze. + +Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: „Die gnädige Gebieterin wolle +verfügen über mich!“ + +„Gut denn, kommt des öfteren als Freund!“ + +Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte +noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete +die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in +welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits +harrten. + + + + +V. + + +Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes, +ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in +welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den +faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten, +daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei. + +Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick, +doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher +infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem +Faktor zurief: „Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!“ + +In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen, +ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt, +um rasch wieder zu verschwinden. + +Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß. + +„Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch +nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen +mag! Willkommen, Puchner!“ + +„Gott zum Gruß, Freund Alt!“ + +„Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf, +zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich +kann's nicht länger leugnen!“ + +Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: „Sag' doch dergleichen nicht! +Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem +Sturm!“ + +„Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die +Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart +oder hast ein Geschäft im Aug'?“ + +„Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder +liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch +noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und +fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist +nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!“ + +„Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf +die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!“ + +„Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?“ + +Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen: +„Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die +Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben, +Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!“ + +„Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!“ + +„Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage, +ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf +würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!“ + +Puchner seufzte und schwieg. + +„Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als +Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug! — Was ist in der Landschaft +wohl des Neuen verhandelt worden?“ + +„Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die +Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie +sollen gleich dem Bürgersmann.“ + +„Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies +Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!“ + +„Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!“ + +„Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!“ + +„Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht +übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen. — Die Landschaft hat +zugestimmt.“ + +„Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte +gelten ‚für ewige Zeiten‘? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die +Schlinge um den Hals nicht gefühlt?“ + +„Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an +Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei, +so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen.“ + +„Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!“ + +„Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von +Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!“ + +„Trau einer diesem list'gen Fuchs!“ + +„An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns +wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß +der Handelssteuer um ein Dritteil.“ + +„Und das habt Ihr frischweg geglaubt?“ + +„Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich.“ + +„O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!“ + +„So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen +Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er +wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich +glaub' es selber!“ + +„Puchner, mir bangt um dich!“ + +„Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die +bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes +will und Edelmann ist jeder Zoll.“ + +„So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das +Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen.“ + +„Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den +Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die +Hast in den Mandaten.“ + +„Wie meint Freund Puchner?“ + +„Der Fürst ist schlecht bei Cassa!“ + +„Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen +wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der +Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft +findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim +Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler +ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei +den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der +Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes +Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!“ + +„Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht +Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen. +Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!“ + +„Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!“ + +„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu +streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich +wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt....“ + +„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner, +und komm' bald wieder!“ + +Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte; +Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem +Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden +Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand +jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der +Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen +über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung, +über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches +Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf +Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe. +Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter +beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der +höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit +Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren, +daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden +Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre +bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen +einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen. + + + + +VI. + + +Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in +weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die +wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es +ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der +Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur +der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des +Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei +Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die +Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die +Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu +finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert +werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches +mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich +zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche +Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein. +Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne +Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem +Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein +stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den +Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner +und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und +Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus. + +Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es +schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die +Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen +und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden. + +Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an +Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg +über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen +Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her +wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum +Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des +Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die +gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der +Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die +Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen +durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im +letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den +vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der +Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das +Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der +Nebelschleier stark verdichtet. + +Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und +die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines +Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der +Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen +Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden +Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der +Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit +totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe. +Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben +diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten +Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung +einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu +erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und +schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte, +erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe +noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der +Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend. + +Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und +den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu +überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde. + +Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten, +behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt +werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das +reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem +Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick +der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere +Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die +nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist +unvollendet geblieben. + +Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht +verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen, +milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe. + +Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein +gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige +Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“ + +Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde +Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“ + +Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten +Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr. + +„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs +danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte +Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt +mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz, +geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig, +bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe +Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“ + +„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern +gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher +betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl +Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen +und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des +Weibes!“ + +„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz +mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich +nicht klären —“ + +„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“ + +„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den +Weg bis zur schweren Stunde!“ + +Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun +flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief +durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih', +Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo +wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem +Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann +nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach +Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“ + +Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich. + +„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich +geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund +vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und +stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“ + +Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf. + +„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste +mit dem roten Hut —“ + +„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin. + +Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten, +doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich +stelle gegen meine Promotion.“ + +„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“ + +„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich +dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern +wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier +fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser +Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug +davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei +gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu +gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines +Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld! +Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich +mir, bist Gattin mir und —“ + +„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt +sich nicht wird zu erfreuen haben!“ + +„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit +Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich, +so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“ + +Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige +Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache +ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und +verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend +zurückblieb. + +Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden +war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte, +Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den +Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten +möchten. + +Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus +nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das +bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf +Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers +Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“ + +Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für +deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen. + +So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät +abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach +Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“ + +Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre +Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf +fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten +Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so +namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie +immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten. + +Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde +von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher +Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd +den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter +Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch +hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr +versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller +Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden +wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum +Klagen brachten. + +Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des +Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste +Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach +Landsknechtbrauch. + +Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen +erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in +Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der +schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut +geschlagen hatte. + +An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer +von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von +fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis. +Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern +war. + +Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten +Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns +Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich +geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem +Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich, +liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen +solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen +Fürsten!“ + +Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht. + +Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort +verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe +seine Hand auf!“ + +Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände +auf. + +Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter +Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und +Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig +gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf +bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße. + +Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne, +brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von +der Stirne lief, kein Wort hervor. + +Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und +ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum +Schluß um Gnade. + +Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit +dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und +laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere +Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das +Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche +Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten +Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines +jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein +wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen +zusteht.“ + +In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den +beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger +weißbekrustete. + +„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief +der Feldwebel. + +Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein +sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig +Knechte zur Beratung beizugeben. + +„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und +bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit +Besprechung untereinander pflogen. + +Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals +einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden. + +Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten. +Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder +geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann, +der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes +„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die +Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte +Hand!“ + +Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen +Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder +zu einigem Ansehen zu gelangen. + +Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist +schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein +Fähnrich nach Brauch!“ + +Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die +Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die +Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind. + +Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches +und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach +innen gefällter Fahne verschlossen. + +Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter +Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse +gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein +eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und +der den sicheren Tod bringen muß. + +„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den +Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes +des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte +und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den +Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse. + +Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und +fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“ + +Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße, +ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der +Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot +aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein +Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das +Leben entflohen ist. + +„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel. + +Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen. +Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von +tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen. + +Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal +Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen +abschossen. + +Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende. + + + + +VII. + + +Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die +Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen, +es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die +Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe. +Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus +eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates, +sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus +der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So +mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe +anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung +ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite +debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse +Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der +Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die +eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit +leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels +durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den +Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn +völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen +scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren, +auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr +aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen +Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der +Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja +und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr +bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der +Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn +müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft +werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine +neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer. + +Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“ +zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste +Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle +der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das +aus eigenem Säckel bestreiten. + +Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte +und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der +praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt +überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf +Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen +Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst +möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus +unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im +Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene +Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich +hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige +Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen +war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch +auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden +einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus +Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei +seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen, +sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg +sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister +eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich +schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den +Erzbischof in die Residenz geschickt wurde. + +Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die +Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien +schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und +vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der +Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die +vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus +der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde +sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen +können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der +Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem +Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen, +daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“ + +Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche +Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal +geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt +sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in +passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer +Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er +kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden +Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie +hätt' es nicht geglaubt....“ + +„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte. + +„Ich hätt's nicht geglaubt!“ + +„Was?“ + +„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's +eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“ + +Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer. + +„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede! +Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“ +stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister. + +„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch, +deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten +Herrn!“ + +„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den +schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und +derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen +die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank +dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und +Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“ + +„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet, +daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“ + +„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die +Gab' der Rede nicht beschieden!“ + +Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte +sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen. + +Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen +einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer +erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten. + +Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten, +Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im +Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge, +wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und +Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten. + +Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der +Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur +die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl +gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen +von den Armen. + +Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur +Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde +gleich vorgelassen. + +Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf +Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale +entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten. + +Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch +raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und +ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein, +ich komme nicht...!“ + +„Wie meint der Bürgermeister?“ + +„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht! +Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und +Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und +Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen +für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“ + +„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des +Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset. +Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in +solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in +der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich +der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben. +Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich +nicht überlaufen werden!“ + +„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen +wirst!“ plapperte Alt heraus. + +Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der +Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner +Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“ + +„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die +Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“ + +„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher +hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir +erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores +lehren.“ + +„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker +rebellisch machen!“ + +„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den +Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten +Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“ + +Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das +Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand +plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem +Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten +Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen +hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel +teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht +erzwingen ohne Gewichtsverringerung. + +„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“ + +„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“ + +Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den +letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug +davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den +Unterthanen!“ + +Damit war der Bürgermeister entlassen. + +Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher +einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger +befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch +der Kapitular weilte auswärts. + +Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da +niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf +Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und +fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner +ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung +vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr. +Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten, +welche die Ritterzehrung verursache. + +Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine +Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß +eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert +Gulden vierundzwanzig Kreuzer. + +Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die +Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit, +neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs +Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei +Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der +Finanzgewaltige im Rate nicht aus. + +Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf: +„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf +Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein +Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe +empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“ + +Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer +Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“ + +Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei +war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein +dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im +salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger +wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese +Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte +er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen +bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe, +den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der +Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger, +daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas +gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das +gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem +einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte, +eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen. + +Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der +fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für +Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt +werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse +Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang +einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten +Almosenschatulle[9], beinahe leer. + +Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die +Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen, +Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue +Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon +graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten +Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen +Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das +„Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder +Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes +an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu +warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten +eingeholt. + +Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in +höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die +remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die +Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid. + +Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand +er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und +Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also +fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der +Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen +werden! + +Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide +gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die +Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder. + +Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens +als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was +an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die +Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld +wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache. + +Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die +Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der +wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig +gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die +Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu +verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des +Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer +schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land +hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im +Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der +lutherischen Seite war. + +Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den +Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der +Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern +nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie +die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger +hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die +Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das +heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf +Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen +und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen. + +Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die +Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken, +die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel +ausgeht, die Bauern rebellieren sollten. + + * * * * * + +Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner +Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und +Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell +auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie +betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen +Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung +der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten +höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof +kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller +Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in +dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer +schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige +Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er +war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen +hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und +Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft +gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt +dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines +viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne +ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht +Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in +Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern +brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung +that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen. + +Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf +seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten +Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun +hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte +Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die +Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“ + +Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise +Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag +abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein, +denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich +schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter +erreichten. + +Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles +hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen +Schluck vorher!“ + +Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut +ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut +not!“ + +„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg +flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein +Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall. + +Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre +Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz +richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen +Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer +ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und +schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht +über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt +das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der +Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof +hören!“ + +Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf +standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es +ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen +ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die +Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen +verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht +erschwingen!“ + +„So ist es!“ riefen die erregten Bauern. + +Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen +supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten +Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen, +sonst ist's g'fehlt!“ + +Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau +erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch +nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden +bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja +ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden. +Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“ + +Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum +Fürsten!“ + +Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr +Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill, +und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen. +Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“ + +Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut! +Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind +verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es +kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht +in unser Gericht!“ + +Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach' +ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten! +Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller +Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“ + +„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns +selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns +supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann +merken!“ + +Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht +dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen, +wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch +gehalten werden!“ + +„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht, +den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der +Steuerteufel nicht verkümmern!“ + +In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das +Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“ + +Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches +Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch +andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit +erklärt hätten. + +Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung +der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr +sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der +leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden +pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich +will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur +demütigen Supplikation geraten!“ + +Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt +uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission +durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“ + +Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft +akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“ + +Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen +und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte, +die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an +der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der +Steuerkommission. + +Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte +Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das +Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und +Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und +steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger +muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein +Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu +dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern +gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht +widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist +unser Herr!“ + +Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein +geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit +Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“ + +„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten. + +In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es +so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem +Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis +erhält. + +Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie +durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen +Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben +könne. + +Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist +im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“ + +„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen, +Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln +Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“ + +Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und +fluchend. + +Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach, +das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt. + +Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit +zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung +vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse, +erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich, +weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten, +gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von +den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten +das Leben kosten kann. + +Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß, +das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in +Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel +nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von +einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die +Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist +vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau. + +In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill +zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte +diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in +Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte +erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen +hat. + +Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten +Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten +Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants +Kaiser vorfand. + +Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem +Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach +gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die +Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern +rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An +150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des +Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau +gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller +Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun +erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht +zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft +dauern werde. + +Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der +Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska +erfüllte ihn mit Angst. + +In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der +Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen. + +Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur +rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der +Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte +begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich +Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche +Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle +Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und +von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald +von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die +eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr +schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben +an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben +schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens +abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche +Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit +fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein +anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von +achtzig Gulden versprochen sein. + +In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für +Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung +erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl, +die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden +und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben. + +Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter +zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen. + +Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der +Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert. + +Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht, +hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die +Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus +abgeliefert werden. + +Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der +größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben +für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod +durch das Schwert. + +Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf +Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant +seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab +und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise +Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung +Hohensalzburg. + +Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in +einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen: + + „Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1. + Juli ist besonderes nichts vorgekommen. + + Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg + Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse + ankommen. + + Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt + worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer + zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer + geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung. + + Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin, + darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle + Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1 + Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein, + 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die + Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli + 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch + die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden + genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen + Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen + zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich + ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden + hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren. + Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen + aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles + verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst + beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären + zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich + Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen + und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die + Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen + gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl. + Gnaden Bericht. + + Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag + 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum + Ende. + + Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine + Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste + nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen + ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade. + + Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel. + + Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr + hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche + ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen. + + Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl + schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein. + + Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz + im Zimmer gehabt, ausblieben. + + Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung. + Gott schicke es, daß mit Glück erfolge. + + Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder + ausgeblieben. + + Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden. + + Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren + angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen + meiner Urbargüter gethan haben sollen. + + 22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß. + Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir + bald mit Glück wieder daraus. + + (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.) + + Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt. + + Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der + Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen + Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder, + Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen + darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für + Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem + Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe + ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden, + unterschrieben. + + Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein. + Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich + hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und + Urbarsbeschreibung examinirt worden. + + Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen + und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott + verleihe bald glückselige Erledigung. + + Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den + + Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October + ausgesagt, unterschrieben. + + Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer + gelegen. + + Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament + empfangen.“ + +Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut +gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des +Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus +den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise +hervor. + + „Herr Ehinger. + + Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig + zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller + Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch + gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich + Urlaub.“ + + „Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer + Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich + treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte + ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch + die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner + Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes + Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß + sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges + und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten + Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung + zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“ + + „Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer + Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist + ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht + um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager + Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern + Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne + sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß + hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns + Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott + meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier + 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei + es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich + guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder + Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal + durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die + Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich + 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr + Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer + Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich + Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen, + ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“ + +Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in +aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern +eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von +den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies, +da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das +Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten +supplizieren. + +Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche +Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein +gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die +Gemüter für immer im Bann halten solle. + +Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor, +zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen +Lande still. + +Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür +einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein. +Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt +die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: „Man hat auch keinem +nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer +sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in +der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine +Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat +nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das +allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und +Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat.“ + + + + +VIII. + + +Von Hohen-Salzburg donnerten die großen „Stücke“ und ihr mächtig Krachen +brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch +die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur +Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung +lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des +Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten +den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und +Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz +verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden +sei, das erste Kind! + +Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der +Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das +unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller +Lungenkraft. + +Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung +durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward +Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker +Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch +nicht Vater sein könne, und die „Stücke“ seien nicht dazu auf der Veste, +um ein Kind anzudonnern. + +Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn +bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr +sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer. +Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf +Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige +Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei +Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden +die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur +Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der +Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann +zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie +jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend +zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines +fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch +die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste +Kritik provozierend. + +All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen +und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es +wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an +den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten +sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs +schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner +nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig +schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in +solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller +Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch +Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß +Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren +Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der +Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome +verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte +Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine +Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica +zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter +Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand +lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht +vom Arm des Gebieters getroffen worden waren. + +Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung +des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den +Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren. + +So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu +in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen +Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf +Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame +eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse +erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das +ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt. + +So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um +jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der +ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag, +und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte. + +Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und +flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende +Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit +keinen Ausdruck gäbe. + +Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen +flüsterten: „Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?“ + +Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das +Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da +lachte der Fürst herzlich auf: „So gebrechlich wird ein Raittenau nicht +sein!“ + +Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach +bewegt: „So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!“ + +„Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!“ + +„O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!“ + +„Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den +Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem +kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!“ + +„Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens +wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!“ + +In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände, +hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die +Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt. + +Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig +unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte. + +Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht +mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner +Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen +Zügen. + +In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob +niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen +zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und +sogleich vorgelassen. + +Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch +den Ruf: „Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens +Dank dafür! Herzlich willkommen!“ + +„Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die +Glückwünsche zu Füßen zu legen!“ sprach Graf Lamberg ehrerbietig und +verbeugte sich tief vor dem Gebieter. + +„Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine +freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs +Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe +keine Meldung!“ + +„Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr +überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird +klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch +kommen an den Hof.“ + +Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage: +„Glaubt Lamberg wirklich?“ + +Der Kapitular antwortete vorsichtig: „Es wäre Pflicht nur und schuldige +Dankbarkeit!“ + +„Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der +Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden +will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf +Raittenau.“ + +Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu +richten, sprach aber nichts. + +Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art +hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden +solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein +Raittenau. + +Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen +aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht, +unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als +der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit +verhaßt. + +Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und +gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in +diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner +Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der +Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die +Residenz müsse verlegt werden. + +„Die ganze Residenz?“ fragte überrascht Graf Lamberg. + +„Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden +ist, das ‚Altenau‘ ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei +Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk, +meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen, +daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in +Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge +Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd' +ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut' +hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei +andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem +Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis. +Wird nicht zu frühe sein damit!“ + +„Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich +erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der +gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten....“ + +„Was?“ + +„... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im +Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß +in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich +informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!“ + +„Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es +ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es +ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat +bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das +Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen.“ + +Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen +ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte. + +In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: „Warum nicht jetzt? Wer kann mich +hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich +will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so +einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner +Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!“ + +Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst +nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur +gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe; +der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: „Es wird Euer +Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu +mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und +Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens.“ + +Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als +horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur +Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ, +bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit, +die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben +zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen +getroffen werden sollen. + +Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um +ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis +auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder +gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem +hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf +Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende +Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem +fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen. + +Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit +der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der +erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß +doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes +ohne gültigen Ehebund folge, — der Fürst, der das Warten nicht kannte, +durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so +mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme +Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift +citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen +das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche +Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der +Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über +den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso +überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe. + +So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden +Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am +nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung +verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu +gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur +Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen +Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig +Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend, +auch als die Ausweisung angedroht wurde. + +Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich +zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung +„zu verhütung mehreren unraths“ über den Wegzug der ketzerisch +Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis +ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis +zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut +war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren +Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder +schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen +Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie +verfügen würde. + +Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und +Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden, +sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift +verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden, +übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung +der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel +sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine +Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die +Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt. + +Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den +Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere +vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren +Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht +rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin +belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit +brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten. + +Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der +Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja +doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein, +wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich +in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu +jeglicher Stunde. + +Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward +der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der +auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet +knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider +der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf +Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der +Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn +schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen +aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen +Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte +der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige +Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller +Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde. + +Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich +nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord +und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten +übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und +drohte mit dem Malefizrichter. + +Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde +von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens +Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm +geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte +Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die +Todesstrafe ausgesprochen werden. + +Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör +ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat +nicht begangen habe. Auch konnte eine „Beschädigung“ (Verletzung) des +Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst +verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den +Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf +Hinrichtung durch das Schwert. + +Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem +Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm +gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten +Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der +Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren +nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches. + +Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den +Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der +gnädige Fürst habe Pardon gegeben. + +Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der +Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt +bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den +Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden, +gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im +letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten. + +Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen +unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein +Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man +wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate +fanden Beachtung. + +Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den +Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu +dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die +Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der +Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal +wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die +Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion +zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als +Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern. +Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten +werden. + +Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die +mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen. +Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der +zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am +Gründonnerstag bringen. + +Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in +eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln +die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der +brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten, +zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen. + +Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich +ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu +nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der +Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm. + +Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die +Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren +und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte +dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das +Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der +massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan. + +Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund +flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun +predigen werde. + +Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm +eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen. + +Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede +zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel +Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher, +häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen +durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß +die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen +erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen +Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_ +Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist +der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der +Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel +gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr +und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander +die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur +Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen +vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und +Gebieter.“ + +Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den +Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach +der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche +die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten +schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen +Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und +Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich +auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser +sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde; +besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er +führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an +vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum. + +Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige +Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge +erkennen sollen. + +In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren, +es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu +Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen +habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im +Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt. + +Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu +seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels. +Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren +die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie +zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des +Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden. + +Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen +Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange +Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die +Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war +nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den +salzburgischen — Hunden. + +Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof +verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit +einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen, +bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe +des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je +kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der +Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von +einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister) +erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen +Gassen einzufangen und abzuschlagen. + +Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer +alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten +Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und +fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der +Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager +konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf +Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund +lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund +nicht aufsichtlos lassen. + +Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor +ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies +sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus +und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese +Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl +zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher +Auffassung überhaupt zu viel Hunde. + +Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der +Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem +Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach +auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten +Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und +gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die +Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde +erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den +Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer +vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als +sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde +davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen +wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die +Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die +Verhaftung des Schlagers. + +Die Aburteilung endete mit Entlassung „mit Spot und Schant“. + + + + +IX. + + +An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater +auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu, +das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der +Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck +gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende +Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine +lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei +jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack. + +Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das +Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener +Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder +Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom +Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner +zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten +essen würden. + +Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und +schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des +Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der +Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne +trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain +sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste +schrecklich und versuchte im Sack die Flucht. + +Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der +Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen, +müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend +beizuspringen. + +„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“ + +Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine +unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig +einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“ + +„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke +tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“ + +Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall +einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung. + +„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug +den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine +Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte +der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein +Humpen Weines gereicht wurde. + +Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder +wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den +Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu +wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer +Terminierung gelegentlich wieder holen. + +In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde +fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der +Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte +Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd. + +Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den +armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode +ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins +Franziskanerkloster nach Salzburg bringen. + +Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen, +schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen +bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes +übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen. + +Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der +Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen +benebst dessen Almosensack. + +Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die +Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen +vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem +Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht +wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen. + +Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon +fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster +gehöre. + +„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es +pressierte, in die Stadt zu kommen. + +„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen +werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei. + +Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der +Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater +bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann +abliefern. + +Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch +mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich +gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom +Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein +heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein +Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der +klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“ + +Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der +Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun +hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben +dem Einstellhause zu. + +Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den +engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten +dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen. + +„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer, +und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg. + +Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten +Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend. + +Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf +Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit +zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster +und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde +alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen +Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren +müssen. + +Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher +beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen +Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten, +erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch +Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer +Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte +mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den +Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen. + +Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch +zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur +Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen +worden war. + +Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern, +doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab, +sich einzumengen. + +Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu +besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts. + +Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen +an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen +erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert, +schnell hinab. Die Mönche beteten laut.... + +Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer, +der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in +ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden +war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit +verschiedenen Leuten in Berührung gekommen. + +Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung +wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten +strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein +Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in +der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser +Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen. + +Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte +die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in +die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein +Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem +Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die +Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer +fordere. + +An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg. +Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner +aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die +Rückkehr war aufs strengste verboten. + +Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im +Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen. + +Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den +Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die +umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung +abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich +und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte +und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus. + +Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies +frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute. + +Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten +sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof +doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder +doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen, +wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen +wolle. + +Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank, +erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger +als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert +Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden. + +Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande. + +Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu +ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch +den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster +vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg +neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus +verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die +Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden +Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte. + +Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in +leuchtenden Farben. + +Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter +zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte +zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien +für die Armenbeköstigung zu erhalten. + +Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis +gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der +Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen. + +Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen +nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich. + +Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am +Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine +Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht +eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast +eintrat. + +Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige +Beherbergung für Gotteslohn. + +Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu +beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung +äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen +ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer +einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern +umschlossenen Hof zu. + +Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom +fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis, +hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem +schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward +unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß +nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“ + +Und eine andere Stimme antwortete: „Ist recht, Wirt!“ + +Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts +anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse +und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen +darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen +leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause. + +Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein +vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens +ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die +Magd muß das Schloß von außen versperrt haben. + +Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im +Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst +gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit +zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner +Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken +fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der +Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im +Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das +Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins +Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen, +eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten +Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder +hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer +verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich +nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein. +Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer +erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche +Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein +kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen. + +Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete +zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und +Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab. +Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen +Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß. + +Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und +weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es +lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof, +und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton +der Mönch erzitterte: „Also Jackel, fang den ‚Franziskaner‘ 'raus und +hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!“ + +Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt +murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der +göttlichen Barmherzigkeit. + +Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick +faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich +durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan, +der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und +warf den Knecht über den Haufen. + +„Hui!“ schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht +zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner +Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu. + +Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich +wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an +den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die +Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die +Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft +vermehrend. + +„Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?“ schrie der Wirt und +machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch. + +Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht, +kann kein Mörder sein. Er rief: „Im Namen Gottes des Herrn frag' ich +Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?“ + +„Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?“ + +„Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!“ Jetzt änderte sich +die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel, +das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, „Franziskaner“ +genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel +abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem +Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als +daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein „Franziskaner“ genannt zu +haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden +sei. + +Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen +Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte. + +Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er +um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem +Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen. + +Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über +die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner +lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und +gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich +ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem +schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster. + +Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung, +daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der +Pest verstorben sei. + +Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich +erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine +Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor +einfahren. + +Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und +weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem +Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen +konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen +war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für +die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus +eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne. + + + + +X. + + +Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin +und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen. +Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel, +sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren +Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden +respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende +Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens +offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus +Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis +sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde +umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien +bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des +Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“ +einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender +Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet +werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein +unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten +werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden +haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und +beschirmt werden.“ + +So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der +immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater +steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt +Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das +kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur +Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am +geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes +Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden +weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden +habe. + +Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des +Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn +Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei. + +Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten +Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei +zur Vergebung!“ + +Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen +sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine +Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus. + +Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im +Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß +Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden. + +Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm +eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und +fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln, +grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“ + +Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht +nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte, +die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube. + +Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier +brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun +Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie +abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der +fürstlichen Buhle!“ + +Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte +schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir! +Verzeiht!“ + +„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“ + +„Vater, habt Erbarmen!“ + +„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“ + +„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde +meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir +Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein +schmerzdurchwühltes Herz!“ + +„Hinaus! Ich will nichts hören!“ + +„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die +Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“ + +„Das wußt' ich zum voraus!“ + +„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All' +äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“ + +„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem +ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“ + +„Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie +ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig +Kind!“ + +„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“ + +„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das +meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“ + +„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will +ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen +soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam +Schicksal verdientermaßen!“ + +Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist +ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen +mußte. + +Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an +des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände +flehend ringend, um Erbarmen wimmernd. + +„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen. +Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt +gestorben. + +Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die +Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend. + +Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und +verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und +Trauerkleider anzulegen. + +Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht +in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal +zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der +Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters +gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine +Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als +Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit +allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten +zu lassen. + +Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger +Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht +begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“ + +„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater +meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“ + +„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist +geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“ + +„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“ + +„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich +um sein Erbarmen —“ + +Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich +verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge +Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“ + +Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen +geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf +den bitteren Gang!“ + +„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein +Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer +er wolle; die Kluft ist zu hoch!“ + +„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen. + +Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein, +er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und +gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche. + +Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens +und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den +Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen +Verbeugungen begrüßten. + +Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die +Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres +Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig +waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde. + +Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich +strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward +gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des +Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen. + +Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf +den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen +haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich +halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und +schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde, +werd' ich dem Freunde dankbar sein!“ + +Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im +Verhalten des Fürsten. + +Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das +Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen +hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist, +verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die +Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt +meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu +veranlassen.“ + +Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten +wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein +Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles +hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun +speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum +Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die +inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais +verließen. + + + + +XI. + + +Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen, +es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum +Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine +Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen +das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes +geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser, +teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren +als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für +die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“, +Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu +Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben, +nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der +Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt +gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in +früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und +Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III., +welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises +zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun +der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom +Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie +alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge +abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen +und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst +erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe +des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt +hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung, +zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung +des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich +hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der +Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem +Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog +schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung +durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor +wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers +über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern +für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch +einen Kreuzer darüber gestattete. + +Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und +demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu +erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen +Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und +berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang +ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute +Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte. + +Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin +er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern +teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten +Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach +einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so +geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten +Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst +bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen +vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die +keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines +Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem +Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf +Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des +weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden, +konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in +Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht +genannt werden mußten. + +Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen +Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu +finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig +besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote +Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch +empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl +erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu +hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem +klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder +zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den +Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst +nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche +Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht +immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer +Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht, +besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn +Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die +Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die +Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht +auf Rom fallen gelassen werde? + +„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und +ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer +bemühen. + +Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt, +anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen, +doch mit fragenden Augen. + +Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen, +richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an +Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen +hervorgerufen habe. + +„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast +du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu +besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“ + +Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die +jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war. + +Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt +nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet. + +Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem, +was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das +Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine +bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet, +genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich +soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis +steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“ + +Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer +hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen +finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies +auch der Kaiser thut.“ + +„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“ + +„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl +eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben +Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“ + +„Weiß das der Bayernherzog?“ + +Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt; +ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München +gekommen ist.“ + +„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen +vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß +Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz +nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch +zahlen.“ + +„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis +des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es +ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“ + +„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt +man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des +Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so +sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben, +sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“ + +„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer +Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist +feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im +neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem +alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist +genehm.“ + +Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und +erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien. + +Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst +sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der +Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam +geschwinden Kopf“ zu nennen. + +Salome warf ein: „Das ist doch weiter nichts Schlechtes?“ + +„Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der +freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß +der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als +ein „periculosum ingenium“ betrachten —“ + +„Was heißt das?“ fragte Salome. + +„Man kann es verdeutschen mit ‚gefährlicher Kopf‘!“ + +„Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue +Papst nicht schlimme Absichten heget.“ + +„Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den +Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem +wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen.“ + +„Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein +klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer +Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten +Hut!“ + +Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch +hier den Kern der Sache erfaßte. + +„Hab' ich recht geraten?“ fragte die kluge Frau. + +„Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist +meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der +Erzbischof Wolf Dieter wird — nicht Kardinal!“ + +„Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit +mit Bayern und dem Kaiser!“ + +Trotzig rief der hochfahrende Fürst: „Kommt dazu es jemals, stell' ich +meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der +leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner +Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken.“ +Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und +geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb. + +Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf +den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung +erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu +merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des +Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu +spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag +nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um +seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim +zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen +der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch +Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm +gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in +Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten „goldenen Steiges“ nach Böhmen, +wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man +klagte beim Reichskammergericht in Speyer. + +Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg +gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der +Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun +auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische +Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den +Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von +Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das +kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem +Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren +konnte. + +Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim +Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller +Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr +verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das +Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen. + +Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich +abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der +Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt, +von welcher der Chronist berichtet: „Er (der Erzbischof) ist ainesmales +ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von +wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig +stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch +und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit +Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung +habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch +ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die +zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit +abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches +Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet; +ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es +darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch +mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch.“ + +Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an +Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte +eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über +ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu +dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet. + +Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten +Zorn hervor und setzte seinen ohnehin „geschwinden Sinn“ in lebhafteste +Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen +Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben +einhändigen. + +Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des +fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum +Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten +schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten +Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam +an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten +lassen. + +Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht +aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die +Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies +der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen. + +Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche +hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos +kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen +Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in +jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen. + +Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die +Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche +Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer +offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag +ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem +Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe. +Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof +gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen +marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant +befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die +Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine +Gesandten ab. + +Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu +versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf +den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben. +Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs +Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_. + +Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch +war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die +Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger +seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke. + +In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und +salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen +neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo +verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man +der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst +verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des +kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für +den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb +gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu +festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von +jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf +Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden +werden. + +Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab. + +Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser +begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit +dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform +des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf +dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des +Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung +des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu +vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der +protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den +Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der +Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte. + +Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander, +die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen +Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter +Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den +gleichfalls dissentierenden Pfälzern. + +Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach +Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die +Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu +Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für +Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig +Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich +verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten +zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die +ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich +Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht +Römermonaten bereit. + +Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen +Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen, +über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses +seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden, +als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und +Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des +Reichs. + +Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die +Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher +Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich +jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich +nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen +die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich, +weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen. + +Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er +urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die +Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil +der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne. + +Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg. + + + + +XII. + + +Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten +in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche +leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des +Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark +abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der +Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen, +wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten +Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in +überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend +ausgeliehen wurden. + +Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten +angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse, +am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der +uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls +abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung, +die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten +gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf +Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz +bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut +des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und +vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für +seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er +nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die +geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten +verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder, +Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit +wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach +Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen +und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und +Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu +verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu +verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein +italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den +eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten +fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu +machen. + +Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie +seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große +Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des +prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des +Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt. +Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den +Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im +Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in +diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend +konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage +aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr +hindurch bis zum nächsten Frühling. + +Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die +Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie +Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in +den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von +solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim +Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und +wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von +Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser +der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein +Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung +erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des +Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die +Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern. + +Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte +sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum +Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu +Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später +kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der +Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die +ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte. + +Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner +willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten +das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch +eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde, +ein Meisterwerk der Baukunst. + +Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf +Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem +Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und +Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um +Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein +Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom +mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich +in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie +Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem +Geschmack. + +Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen +Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte +im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger, +die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der +zweifellos enormen Kosten. + +Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und +steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt +in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem +frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich +in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft +und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem +erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten +Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome +zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer +Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille +Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten +Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach +Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln +vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche +freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß +Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so +wurde die Übernachtung beschlossen. + +Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber, +es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht +schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg. + +In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre +Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still +durch die Fenster. + +Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule +aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare +Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich +knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das +Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm +nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer +leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer +zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern +nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die +Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall. + +Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf: +„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der +Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf. + +Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen +feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf +die Residenz. + +Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte; +man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei. +Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie +die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die +Residenz zu retten. + +Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen +Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und +ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne +begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen. + +Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die +Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die +Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und +anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden +sollen. + +In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte +zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und +Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein +Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden. + +Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große +Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht +hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das +Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde. + +Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des +Landesherrn. + +Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf, +richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die +Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser. + +Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur +Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen, +alles fragte nach dem Erzbischof. + +Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte +nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern. + +„Wo ist der Fürst?“ hieß es. + +Heiser rief der Meldereiter: „Er kommt nicht!“ + +Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen +konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr +durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher +Not. + +Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit +dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom +Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es +brennen!“ + +Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die +Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs +gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht +ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den +Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst +verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht, +das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte +dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst +der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden. + +Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich +diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter +verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man, +dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar +nach Rom übermittelte. + +Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige +Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des +Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ. + +Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in +der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr +abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen +Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder +celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt. +Peter abgehalten. + +Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es +nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der +fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam. +Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof +diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen. + +Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit +zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf +Dietrich eine Audienz. + +Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund, +sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß +der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag. + +Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den +Kapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue +Kunde von Prag eingelaufen?“ + +„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die +ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“ + +„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu +vermelden wäre in meiner Stadt!“ + +„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir +will gefährlich erscheinen.“ + +Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen +durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht +hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig. + +„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann +gefährlich werden.“ + +„Wohinaus will Lamberg zielen?“ + +„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung, +die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“ + +„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein +Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“ + +„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir +verstatten?“ + +„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“ + +„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch +vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser +deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit +zugleich.“ + +„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und +Herr zu thun und lassen habe?!“ + +„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine +unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch +eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“ + +„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird +mir wohl anjetzo eingekerbt?!“ + +„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“ + +„Wie?“ + +„Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und +zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“ + +„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“ + +„Der Brand....“ + +„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn +nieder!“ + +Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit +hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst +ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di +male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen +das heiße Blut.“ + +„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“ + +„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb +wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber +nicht....“ + +Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch' +infamen Argwohn entschuldbar?“ + +„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß +widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die +Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward +zum Brandstifter.“ + +Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung +nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte +sich Wolf Dietrich amüsiert. + +„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen +lassen?“ + +„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der +abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“ + +„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“ + +„So sprich, teurer Freund!“ + +„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten +Domes.“ + +„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“ + +„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag +vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“ + +„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch +Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will +einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“ + +Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben, +konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen. + +Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus +Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt +geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht +schlummerte ein. + +Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie +im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute +Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen, +der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig +Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein. + +Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom +noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch +die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen +Kirchen provisorisch untergebracht. + +Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen +zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als +Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer +Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig +und müsse daher abgetragen werden. + +Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der +massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das +Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis +auf den Grund geräumt. + +Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung +erbauen. + + + + +XIII. + + +Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch, +seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen +Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder +Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt. +Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit +am Hofe des baulustigen Erzbischofs. + +Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach +nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu +Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen +Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten +damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs +entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie +ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche +Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu +wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu +bringen. + +Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II., +dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus +den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen. +Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten +den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche +sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer +unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen +Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der +Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die +Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch, +daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben, +wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen +hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag +geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem +Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem +bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte, +als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang +des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte. + +Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar +im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über +Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem +Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen +erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen +Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in +München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der +Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de +Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den +Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht +nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den +Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse. + +Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte, +wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner +wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels +Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche +Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener +Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der +Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen. + +Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation +nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn +auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als +Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg, +indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der +gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener +Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes +gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende +Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten +frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen +verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an +Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift +anheimfallen. + +Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft +vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem +diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen +sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das +Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der +regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als +Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit +hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel +bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom +Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im +Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz +machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit +ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit +Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel +obwalten konnte. + +Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der +Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe +der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem +fürstlichen Fiskus eingeliefert. + +Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten +zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen +Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer +weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch +imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten +des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die +Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig +empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es +überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und +Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war. + +Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten +manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer +wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den +Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen. + +In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß +kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms. +„Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues +Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des +kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig +Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich +überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!“ + +Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu +trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt +werden könne. + +Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: „Das sagt +Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich +gebrochen?!“ „Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt +heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im +innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle +eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren +Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden +könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!“ + +Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte +die weiße Stirn Salomens. + +Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: „Mein +gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!“ + +„Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!“ + +„In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den +Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen +Kräften sorgen —“ + +„Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß +Ursach' ist zur geringsten Klage?!“ + +„Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die +Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich +richten....“ + +„Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder +Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für +unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!“ + +„Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der +Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt +solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen +Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?“ + +„Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt' +kalt dies lassen!“ erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst. + +„Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein, +anzuerkennen solche Urkunde“ + +Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick, +wohinaus Salome wolle. „Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht +nicht wohl aus!“ + +„Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!“ + +„Der — Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins +Staunen!“ + +„Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort, +mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des +Stiftsherrn Urkund' — —!“ + +„Hm!“ Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten +Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen +Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum +Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei +Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und +von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf +Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht +nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: „Solch' wichtige Sache +will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug' +behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!“ + +„Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht, +es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht +viel des Guten zu versehen ist!“ + +„Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!“ + +Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher +Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur +das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte +aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines +gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf, +den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht +aus dem Auge verlieren zu wollen. + +Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine +Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben +gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg +berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der +Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und +katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die +Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die +protestantische Bewegungspartei habe nun die „Union“ errichtet, eifrige +Katholiken seien daran, als Gegengewicht die „Liga“ zu gründen, und so +frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen +oder nicht. + +Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es +unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend +welchen Ausdruck zu geben. + +Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und +überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend +aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: „Will der Bayer und +sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe +genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der +Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf +Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am +Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen +Jesuiten-Max dazu!“ + +Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit +ward mit keinem Wort erwähnt. + +Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom +Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter +Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob +der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete. + +Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf +ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. „Willst wissen, Geliebte, was +meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!“ + +„Betrifft es mich, gnädiger Herr?“ fragte, schalkhaft werdend, Salome. + +„Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!“ + +„Wen meint mein Gebieter mit sothanem ‚Max‘?“ + +„Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen, +der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in +Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!“ + +„Und das wäre?“ + +„Der Herzog führte Krieg gegen — der hübschen Weiber kurze Röcke und +pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!“ + +„So streng soll der Bayern-Herzog sein?“ + +„Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich +Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu, +die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das +Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine +kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome +gepönt, verliert den schönen Kopf!“ + +Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich +überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm +den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger +wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige +Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu +orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der +Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch +Salome nicht schwer. + +Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet +ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine +Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in +lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs +Raten verlegen und deutete das „aut Caesar aut nihil“ dahin, daß der +Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun +wolle. + +Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: „Wo +der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit, +wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die +Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von +Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!“ + +Vorsichtig fragte Salome: „So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft +im Erzstift an?“ + +Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: „Soll er wie er +will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger +Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!“ + +„Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!“ + +„Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins +Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich +kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem +Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und +österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta +salisburgensis, von dem ich gesprochen!“ + +Ängstlich fragte Salome: „Mußte das sein?“ + +„Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein +Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen. +Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es +fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron +verschlossen!“ + +„Was sagt der Bayer zu solchem Statut?“ + +„Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in +Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern, +wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!“ + +„Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?“ + +„Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich +weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten +angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will +nicht!“ + +„Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?“ + +„Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken +haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist +nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes +Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr +kräftigt es den Bayer.“ + +In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt +gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich +keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema +wechselnd fragte Salome: „Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl +zur Tafel führen?“ + +Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach +mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen +und Kämmerlinge. + +Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der +Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos +erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf. + +Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der +Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen +aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch +die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf +Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit +ausweichendem Bescheid heimkehren ließ. + +Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat +Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag, +zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche +Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer +Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten, +auf „daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden“. + +Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine +Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu +präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser +Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes +zur Verfügung haben sollte. + +Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das +kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem +schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern. + +Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl +gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis +zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit +den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald +erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur +schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in +München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das +Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war. + +So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel +auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind +gegen die aufziehenden Gefahren. + +Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und +beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und +ihrer Ersparnisse. + +Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich +keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug +vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die +Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen +und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem +Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen +eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit +feenhafte Schloß ‚Altenau‘[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an +Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von +Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse: + + Raittnaviae stirpis divino e munere princeps + Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas + Impatiens otii, spirans magis ardua quondam, + Nunc, ubi per morbos corpore deficio, + Has tacitas aedes fessus portumque silentem + Hunc mihi semestri tempore constituo. + +Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer +und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges +Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere +Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben. + +Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben +Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur +Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses +nach ‚Altenau‘, und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf +Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte +der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer +dräuenderen Sorgen hinter sich. + +Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich +in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet: + + „Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf + Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß + oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten + Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von + allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen, + pauen und aufrichten lassen, — auch solchen Pau Altenauen genennt. In + solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich + oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten + daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil + darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem + fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die + Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und + gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet + vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu + Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen + merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg + schaffen können. + + Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im + Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es + sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven + nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch + vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten + worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn + welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen + recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis + und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib + von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß + ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid + herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert + wirdet.“ + + + + +XIV. + + +Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl +in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch +Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine +Unterstützung gebeten hatte. + +Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser +erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad +vorgeschützt. + +Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von +zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel +verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken, +vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein +unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig, +auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig. + +Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens, +erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen +Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler +Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu +erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an +eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund +entbehrt. + +Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome +mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom +Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem +Kaiser Meldung zu erstatten. + +Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten +und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer +Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen +um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen +Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort +„Salzburg“ fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie +geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling +diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte. + +Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: „Frau von Altenau aus Salzburg +bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang.“ + +Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und +murmelte: „Altenau aus Salzburg — kenn' ich nicht! Salzburg — der +widerhaarige Fürst — ja ich weiß — bin müde, führ' er den Bittsteller +herein, soll kurz es machen!“ + +Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: „Euer Majestät +unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!“ + +Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die +Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob +sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten. + +Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand +führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der +tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die +Dame bat, sich zu erheben. + +Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde +freundlicher. + +„Gnädigster Kaiser und Herr!“ sprach bebenden Tones Salome und richtete +den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, „wollen +Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen +vorbringen zu dürfen.“ + +Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach +der Kaiser: „Ihr seid verheiratet? Mit wem?“ + +Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das +schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach +Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: „Gnädigster Herr und Kaiser! +Mein Bund entbehrt — des kirchlichen Segens!“ + +„Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!“ rief Rudolf und wich einen Schritt +zurück. + +„Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!“ + +„Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern +vor jeder österlichen Beichte! — Wer ist der Mann, der sich nicht scheut, +den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?“ + +Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie: +„Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von +Salzburg.“ + +„Des Erzbischofs Wolf Dietrich?“ rief überrascht und betroffen der +Kaiser aus. + +Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den +Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in +seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob. + +„Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue +Dienerin ihres geliebten Herrn!“ flehte Salome. + +Herb klangen des Kaisers Worte: „Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz, +verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen +Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das +Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der +heiligen Kirche! —“ + +„Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und +verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!“ + +Unwillig und erregt rief Rudolf: „Weiß der Erzbischof nichts von +Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür +ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom +Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß +ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem +keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den +Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?“ + +Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in +bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau: +„Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die +Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich, +die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und +kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im +salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und +Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet, +konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger +Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen, +die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich +unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen. —“ + +„Ihr seid verblieben dennoch?!“ + +„Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr' +ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola +nicht —“ + +„Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte —“ rief +erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser. + +„Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue +bewahrte mir der Herr!“ + +„Und Verdammnis wird sein Euer Los!“ + +„In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die +Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie +lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von +Köln!“ + +„Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!“ + +„Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da +nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben +schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!“ + +Zaghaft und scheu sprach Rudolf: „Hab' recht ich Euch verstanden, so hat +unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er +doch die kirchliche Trauung hat vermieden?“ + +Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit. + +„Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat +geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?“ + +Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: „Des +Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für — meine +Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!“ + +Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben. + +Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und +hoben die Händchen bittend empor. + +Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: „Was ist +Euer Begehr?“ + +Innig flehte Salome: „Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer +Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten, +will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich +des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den +Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund' +meines Herrn und Gebieters!“ + +„So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?“ + +„Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen +Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu +Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den +unschuldigen Kindern!“ + +„Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!“ sprach mild der +Kaiser. + +„Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches +mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb +Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen +Bitte aus tiefstem Herzensgrund!“ + +„Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen +gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch +den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein +kaiserliches Wort!“ + +Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie +entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die +kaiserliche Rechte. + +„Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit +keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter +ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer +Landsassen....“ + +„O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche +Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank....“ + +„Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?“ + +„Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es +Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt.“ + +„So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht +fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott, +kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures +gnädigen Kaisers!“ + +Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln +lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht. + +Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das +Gemach. + +Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin: +„Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt +gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten! +Mir grauet vor solcher Beicht'!“ + +Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er +selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen +seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung. + +Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau +und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte +ehelicher Geburt. + + + + +XV. + + +Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr +und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch +seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in +leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga +unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs +Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das +Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der +Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle, +hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich, +genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die +bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich +erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen +Salzburgs den Titel „celsissimus“ (der „erhabenste“) beilegte. + +Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen +diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig +hin; aber in München ärgerte man sich über den „celsissimus“, man +verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die +Liga. + +Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche +Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt +wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße +auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und +Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der +Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde. + +Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen +empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer +nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener +Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des +Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch +auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag +und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu +Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz +des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher +Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden. + +Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im +Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der +Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse +Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr +plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war +gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich +nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen. + +Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte: +„unbeschadet seiner Gefälle“, es mußte daher der Herzog die Summe von +34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei +nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog +der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse +im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um +Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede +Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden +mußten. + +So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden +übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den +Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga. + +Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl +zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu +sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch +von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn +der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im +Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das +Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten +führten, ausgedehnt wurde. + +Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des +Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre +Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie +zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem +Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden +belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der +denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und +ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern +selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also, +so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und +recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn +eher von sich selbst als von den Fertigern fordern. + +Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres „Nein“, worauf +Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen +ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch +nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche +Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen +Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf +Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als +Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf +Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren +bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer +Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge +gerne zur Kenntnis genommen worden sei. + +Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten +Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen +Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu, +die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch +sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu +München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf +Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu: +„Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für +Straßenbau zur Stelle!“ Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein +neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang, +Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu +konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise +könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden. + +Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende +von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl +aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee +führte. + +Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von +statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt +werden. + +Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur +noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die +Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt. +Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und +Rossen stationiert worden war. + +Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit +seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er +den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit +dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte +sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede +Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen. + +In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern +erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei +Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz +nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten. + +Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land +von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische +Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des +salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für +Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die +Forderung Maximilians zurück. + +So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten +die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf +einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von +Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000 +Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue +Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18]. + +Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch +einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet, +Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von +Böhmen — Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig — Tirol auf +neuen Wegen einzuführen. + +So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens +verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste +hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem +Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern +dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen +Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg +durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der +schwersten Geldstrafen. + +Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der +Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte +Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach +Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem +Erzbischof Beistand an. + +Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr +mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem +geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der +Unions-Bewegung war. + +Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern +für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur +Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen +zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr. +Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern +abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert. + +Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und +eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des +Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß +Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu +besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch +den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ, +die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge, +weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des +Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten +Worten vor einem Krieg. + +An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im +Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß +gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst +liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf +Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu +fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen +Herrn die Ruhe und den Frieden rauben. + +Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm, +ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft, +will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende +mache und die Propstei dem Bayer nehme.“ + +Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller +Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“ + +„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille, +befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich +geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit +langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der +Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“ + +„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird +der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und +rächen solche That!“ + +„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe +gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann +sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“ + +„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu +klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein +Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“ + +„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als +Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir +bei!“ + +„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen, +Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß +abfällt das Stift von Rom!“ + +Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge, +und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich +wechseln!“ + +„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger +Herr!“ + +„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die +Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich +nichts!“ + +„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug, +verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil....“ + +„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen? +Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München +machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's +nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land +wird nimmer bayerisch!“ + +„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die +vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“ + +„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich, +Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“ + +In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten +und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort! +Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt +der ergrimmte Bayer!“ + +„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst +und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir, +die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue +mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“ + +Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte +verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der +deutschen Fürsten?“ + +„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und +das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“ + +Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den +kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf +Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und +Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten. + +Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein +Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem +militärischen Kleide weichen müssen. + +Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den +Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten +gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang +anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas +ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und +Domherren. + +Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit +langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln +huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte +der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher +Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis +spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach +Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein +waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand +wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle +erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger +Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab! +Gott befohlen!“ + +Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des +Befehles und verließen sogleich die Residenz. + +Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611 +erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten +der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß +der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen, +die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage +beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen +Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle. + +Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine +bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher +Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos +erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf +Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis +schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der +Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe +den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der +Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein +Schiedsgericht. + +Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den +Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof +von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden +einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den +durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen. + +Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im +Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig +geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter +Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände. + +Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen +seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest +sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog +schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“ + +Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab' +ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“ + +„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat +das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die +Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“ + +„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“ + +Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den +Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht +einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern +bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin +aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu +öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der +Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden. + +Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt +der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert, +ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh +sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“ + +„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das +Reichskammergericht wendet!“ + +Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum +jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“ + +„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme +Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“ + +„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das +Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet, +meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“ + +Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann, +Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich +sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der +Herzog wird mit Krieg überziehen und —“ + +„Und?“ + +„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“ + +„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“ + +„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden +nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem +Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer....“ + +„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers +Sieg wünschet über das Erzstift!“ + +„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der +Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“ + +Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen +seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“ + +„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In +letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich +beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den +unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder! +Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers +Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder, +wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch, +so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre +Euch in dieser letzten Stunde!“ + +„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel! +Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem +Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren +Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar! +Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie +ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den +Bayer!“ + +Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben, +Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört +das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“ + +Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen! +Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und +Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring' +den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist +deine Freundschaft!“ + +Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er +zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund: +„Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist +Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller! — Dem +Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte....“ + +„Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!“ + +Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus +dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue +Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die +beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring, +Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und +Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war +dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus +Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg +bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus +gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in +der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue +Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter +Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit +bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei +der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte, +wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im +Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege. + +„Jacta est alea!“ flüsterte der treue Freund und kehrte über die +Salzachbrücke in die innere Stadt zurück. + +Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400 +Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben +und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee, +100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach +Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und +Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der +Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur +Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit +100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt. + +Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der +in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich +unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm +gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu +seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von +Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und +zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max +mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet +gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen +und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten. + +Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß +Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben +dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu +beseitigen. + +Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das +Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren. + +Graf Lodron erwiderte: „Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn +und Fürsten zu unterstützen!“ + +„Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!“ + +„Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine +Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des +eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom +Kapitel beauftragt bin!“ + +Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: „Vom +Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst +behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird +verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich +aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den +alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem +jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!“ + +Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des +Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: „Ich habe im +Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache +angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein.“ +Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren +und ging. + +Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum +Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel +auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die +Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen +bemüht war. + +Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des +Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler, +Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung +gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das +Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen +werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ +die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es +besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen. + +Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten, +sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser +Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich +den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge, +um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf +flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog +weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog. + +Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit +Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max +Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in +Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr +entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten +ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene +machten, die Waffen wegzuwerfen. + +Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich +so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen +in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden +bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe +mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen +Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er +an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief +seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde. + +Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich +um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber +ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen. + +Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den +Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben +möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen. + +Barsch rief der Erzbischof: „Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel +versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich +bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange +nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren +mögen sich nach Hause begeben!“ + +Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich. + +Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die +Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den +Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben +heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu +kommen. + +Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich +ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu +welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte. + +Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg +holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum +Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben. + +Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs +Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern +eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß +dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch +dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian. + +Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger +Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich +geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei +Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden. + +Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges, +katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand +bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die +Friedensbedingungen verhandeln sollten. + +Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom +Herzog empfangen worden. + +Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht +Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des +Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen. + +Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf +Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des +Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei. +Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die +salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den +nächsten Tag. + +Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und +alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand +genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der +Kapitelsgesandtschaft von „schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des +Erzstiftes“, Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß +Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation +des Erzstiftes beabsichtige. + +Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten +Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der +bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit +bewaffneter Hand auszubreiten. + +Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf +Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel +unterliegen. + +So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des +Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu +verjagen. + +Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es +beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo +ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns +Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und +Entscheid binnen zwei Tagen. + +Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof +die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete: +Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge +einschießen. + +Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des +Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich +zurück. + +Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in +Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen +hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn +rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen. + +Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen, +wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer +nicht viel Federlesens machen werde. + +„Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer +zwingen!“ prahlte Wolf Dietrich. „Ihr seid jeden Mutes bar, feige +Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog +den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde +ich Euch türmen lassen in der Feste!“ + +Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des +Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen +geradezu undenkbaren Sieg. + +Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde +ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter +Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des +Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe. + +Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: „Macht nichts! +Tittmoning ist nicht Salzburg!“ und entwickelte nun eine die verzagte +Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein +kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die +Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und +Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden. + +Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz +zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er +abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich +neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit +24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen. + +Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht +bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur +Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit +zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen +Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein +Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der +fürstlichen Hofkutsche. + +Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder +mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission +übernehmen wolle. + +Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell +und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem +Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese +Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht, +der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen: +Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor +er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke. + +Demütig sprach der Guardian: „Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber +es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und....“ + +„Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!“ + +Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte +Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in +rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen +Grenze. + +Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er +warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen. +Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war +übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst +auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine +Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die +Unschuldigen für den Vater? + +Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer +Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur +Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze +und Geld verpacken. + +Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in +den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten +Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert +ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten +holen und ankleiden. + +So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte +sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und +von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte. + +Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten. + +„Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht, +spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen +Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins +Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!“ + +„Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die +Flucht ergriffen werden?“ + +„Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei! +Rette dich und die Kinder!“ + +„Und mein gnädiger Herr?“ + +„Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!“ + +„Dann ist es meine Pflicht auszuharren....“ + +„Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!“ + +Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu +besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz +niederkämpfend. + +In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt. +Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile +zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen +verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach +Golling abgeschickt. + +Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen +Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick +galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen +Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den +in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch, +der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat! +Ein Sturz von schwindelnder Höhe! — — + +Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller +Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das +Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe +in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat +und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug +durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der +Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof +lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem „Türken“ +befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der +Erzbischof unschädlich gemacht sei. + +Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an +Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden +war. + +Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner; +wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der +gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung +des gefürchteten Herzogs. + +In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er +sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg +bitten, ihn zu besuchen. + +Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der +Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange +Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die +Verhandlungen dadurch erleichtert werden. + +Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen +zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu +leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach +er denn schmerzbewegt: „Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe, +sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines +Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!“ + +Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht +nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu +erwarten. + +Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er +verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der +Kapuziner. + +Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum +Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen +die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten +korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. „Daran geschehe ihm +unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle. +Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt, +begehre derowegen Gnad und Verzeihung.“ — Das zweite Schreiben war an das +Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner +Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun, +was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde. + +Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit +sie leicht gefunden werden konnten. + +Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner +noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf +und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden. +Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen +Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den +Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten +Kämmerern sprach: „Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen +Herrn!“ + +Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem +Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten. + +Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten +Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben. +Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in +schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde. + +Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor +dem anrückenden Feinde. + +Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das +zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden, +und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln. +Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen +Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen, +jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und +Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog +entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens +des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun +nach seinem Gefallen schaffen könne. + +Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der +Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das +Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang +darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife, +den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder +zurückzubringen. + +Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof, +einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen +und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs +einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels +erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf +Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25. +Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter +dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg +aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte. + +Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber +begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und +Schützen, in Salzburg ein. + +Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig. +Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten +und durch den Profoßen verkünden: „Wenn sich ein Knecht ungebührlich +halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß +Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den +lichten Galgen zu henken.“ + +Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an +der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen. + +Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben, +ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den +Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen „schönen +Schreibkasten“ anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit +bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte. + +Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während +desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis +betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen +wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die +großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten +Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine +Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem +Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des +geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von +Erklärungen legitimiert erschien. + +Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den +Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte +von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der +Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und +seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels: +der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden, +wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit, +aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu — resignieren. + +Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder. + + * * * * * + +Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den +Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg +Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie +glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser +Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in +rascher Flucht suchen! + +Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende +Raben flogen über die Burg hinweg. + +Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes. + +Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille, +traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte, +als Hufgeklapper hörbar wurde. + +Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am +Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer +begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des +Erzbischofes zu Salome. + +„Ruh' in Frieden!“ flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann +der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern. +Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird? +Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich. +Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe +Stunde ist keine Menschenseele sichtbar. + +Weiter! + +Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die +Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf +Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige +Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr +von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des +mißgünstigen Bergortes Schladming. + +Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den +Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann +ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise +nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee +und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war. +Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte +nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort, +grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf. + +Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier +genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu +schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch +wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer +entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß +zurück nach Salzburg reiten. + +Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten +Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von +Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite +Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten. + +Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit +wenigen Worten. „Ein schmerzlich Wiedersehen!“ meinte er unter bitterem +Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen +Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte. + +Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die +Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende +Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt +nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden. + +So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in +dem elenden Nest. + +Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte +gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück +nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über +etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des +flüchtigen Erzbischofs einzuziehen. + +In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück +und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen +Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und +salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen +und nach Salzburg einzuliefern. + +Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der +Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester +Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der +Aufbruch. + +Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg. +Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte +salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben +und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß +vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein +Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich +an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen. + +Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck, +es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde. + +Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war +erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne. +Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd +fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren. + +„Die Ross' müssen getränkt werden!“ erklärte der für den Troß +verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem +Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu +Schanden reiten lasse. + +Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und +gab Befehl zum Tränken der Rosse. + +„Im Sattel bleiben!“ rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante. + +So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die +Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte. + +Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja +einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen +ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen +Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den +Katschberg. + +Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel, +ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht +bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen. + +Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur +schleunigsten Flucht. + +„Rottmayer an die Spitze!“ befahl der bleichgewordene Fürst. + +Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und +erklärte höhnisch: „Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich +bin hier nicht mehr Euer Diener!“ + +Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen, +doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts. +„Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!“ schrie der besorgte +Bruder. + +Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren +und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch +die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte +sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische +Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen. + +„Halt!“ rief Hercelles und hob die Schußwaffe. + +Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem +sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den +Troß mit blank gezogenen Pallaschen. + +„Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!“ rief Rittmeister +Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab. + +Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine +Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis +der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr. + +Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und +überreichte es Hercelles mit den Worten: „Nun ist alles verloren! O +Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott +der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das +Rappier, ich bin Euer Gefangener!“ + +„Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es +zurück nach Moosheim!“ sprach Hercelles. + +„Ich gehorche!“ erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt +nach vorne sinken. + +Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden +ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie +die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur +willkommenen Beute. + +Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte +aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei +und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden +würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt +zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt. + +Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als +Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen +Raittenau für „vogelfrei“ erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem +Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden. + +Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden. +Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über +den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert +und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen. + +Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome +mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch +konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer +Verbringung erfahren. + +Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter +Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach +mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten +Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde. + +Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und +überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens. + +Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem +Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge +seines Amtes als Kerkermeister waltete. + + * * * * * + +Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in +Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß +Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten +Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit +bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche +beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den +Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß +es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung +Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände +und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog +geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an +den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß +der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei, +daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere. +Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine +Truppen auf bayerisches Gebiet zurück. + +Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen +könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten. +Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen +eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner +Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden. + +Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu +geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den +Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und +Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus. + +Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und +Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen +zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst +ein. + +Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof +rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl +hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen +Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg +zurückfahren. + +Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach +München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne +Zuspruch gefangen in Hohenwerfen. + +Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen +mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof +Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der +Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht +und dem Kapitel ausgefolgt werden. + +Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring, +v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet, +die alsbald — es war der November ins erregte Land gezogen — nach Werfen +übersiedelten. + +Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau +und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit +Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach +vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden. + +Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab; +später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern +blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren +beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen. + +Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz +wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der +Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen +Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle +Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte. + +An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im +Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die +Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz +totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart +umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten +Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und +begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch +hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch +nur mit wenigen Worten. + +Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort +nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: „Ein Wort zuvor! +Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?“ + +Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln. + +„Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von +Resignation ich nimmer hören!“ + +Zögernd sprach Graf Lodron: „In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden +Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher +muß die Haft bis dahin währen!“ + +Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: „Nimmer werd' ich +einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das +den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!“ + +Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm +der Stimme des Gefangenen. + +Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung +eines bayerischen Büttels. + +Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender +Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem +Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen +werden würde. + +Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: „Wollt selbst die Büttelwach' Ihr +halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem +Anblick!“ + +Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen. +Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg +weile. + +Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den +Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen. + +Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte, +ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines +Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem +Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben +dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und +Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum +Gefangenen erhielt. + +Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu +bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den +mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein +zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten +Landesherrn. + +Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum +Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich +ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und +kleinmütig. + +Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf +Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger +zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor +seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim +Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte +und nach Rudolf und Salome fragte. + +Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach +Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die +Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein +wird. + +Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der +Kinder gehalten werden solle. + +Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur +bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation. + +In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und +schluchzte. + +Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren +Entschluß gefaßt und sprach: „Wohlan! Ich will die Urkund' +unterzeichnen! Führe mich!“ + +Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen +Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen +Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des +Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten. + +Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit +sei zur Anhörung der Urkunde. + +Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken. + +Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen +Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau +freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2. +soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß +gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von +Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer +jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch +besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt +des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße +Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen +dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen +demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des +Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden +sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das +Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll +auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was +vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles +dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung +kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach, +bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen +durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden; +11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß +dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als +bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit +und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern +vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht +werden. + +Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren +Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst +wehmutsvoll. „Und was wird aus meiner Gemahlin?“ + +Kalt erwiderte Lodron: „Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge +tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist.“ + +Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen +Körper, er rang nach Atem und Entschluß. + +Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt. +Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem +entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich +hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück. + +Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und +Feder. + +Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf +und trat an des Erzbischofes Seite. + +Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem +verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer — dann ergriff +der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter. + +Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung. + +Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um +Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder. + +Kühl erwiderte Graf Lodron: „Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt +werden!“ Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: „Die Kommission hat +zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen.“ + +Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen +Augenblick zu verweilen. + +„Was soll noch geschehen?“ rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus. + +„Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung +Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc +liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!“ + +Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses +Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome +zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine +Fürsorge galt nur Salome und den Kindern. + +Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine +finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken. + +Herleberg trat in den Saal und fragte: „Sind die Herren fertig?“ + +Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des +Gefangenen in den Kerker. + +Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte, +nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von +gleichmütigen bayerischen Soldaten. + +Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene +harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden +malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und +den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch +Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände, +der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde +an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog. + +Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der +Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser +sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer +Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe. + +Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht +erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten +gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg +hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein +bayerischer Offizier bereits saß. + +Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der +Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl +bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den +Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste +Hohensalzburg. + +Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf +Dietrich in einer bitteren Vorahnung. + +Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der +ersten Reichsfürsten. + +Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines +abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst +zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag, +die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt. + +Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf +Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof. +Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser +umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach +der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen +und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen +Erzbischofes zu schreiten. + +Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der +bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner +Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über +des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte. + +Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift +gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles +Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit +Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das +Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf +Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen. +Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der +katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet +Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt, +dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte +mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die +Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und +Apostaten. + +Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche +durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen +hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die +Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille +untersuchen. + +Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht, +Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2. +die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht +vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe. + +Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet +haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg +zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus +entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion +ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um „diesen Mann“ +beiseite zu schaffen. + +Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf +Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels +verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan +schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz +regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur +Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei. + +Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein +mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg +gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher +Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige +Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen. + +Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein +Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die +Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum +dicht besetzt. + +Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in +diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst +drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt. + +Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als +Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde +vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf +die Brust zu legen. + +Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der +Nuntius gelobte. + +Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof +nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben. + +Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine +waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles +verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die +Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden. + +Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur +Veste. + +Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum +Sommer freilassen werde. + +Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte +in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen +nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich +zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe +ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr +kommen müßte. + +Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur +Freilassung kam nicht. + +Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster +Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die +heilige Schrift und das Brevier gelassen. + +Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein +menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten +und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich. + +In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im +Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache +eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche +Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und +Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage +erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum +Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine +Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant. + +Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den +Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische +Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um +Beförderung zur Post. + +Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt, +die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben +Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof +erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines +größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen +Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem +Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung. +Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene +Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert. + +Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der +Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit +dem Gefangenen. + +Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg +abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste. + +Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den +Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die +Gefangenschaft wurde nun — verschärft. + +Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung +gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die +Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und +die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den +Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst +und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg. +Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst +wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den +apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren +sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die +großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen +Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten. + +So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu +ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends +apathisch gemacht oder aufgerieben sei. + +Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit +Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte +eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und +Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine +Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe. + +Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim +Alten. + +Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen +letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun +befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens +die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden. + +Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die +Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom +geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich +überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag. + +Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen; +man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln +und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen. + +Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den +Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine +Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte +sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den +Paulinischen Briefen. + +Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und +ein Steinleiden. + +Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist +Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den +Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen. + +Es hatte ausgelitten Celsissimus! + + + + +Fußnoten: + +[1] Eierspeise. + +[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert +auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871. + +[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde +XII, 1872. + +[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf +zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen +der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu +ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns +und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des +Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von +lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen +Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr +und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck. +Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des +Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die +Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte, +bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder +zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs +gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt +teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des +Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche +zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur +Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, „Wolf +Dietrich von Raitenau“ München 1886. Rieger.) + +[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges. + +[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die +Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten +war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben. + +[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder +angeworben werden. Sie „garteten“, d.h. bettelten u.s.w., und wurden +„Gartbrüder“ genannt. + +[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die +deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg. + +[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen, +besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der +alten Steinhauserschen Chronik „Diser Erzbischoff kan und mag auch +billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit +allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern +auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich +spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten +zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl +armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller, +andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen +und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben. +Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten +haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das +Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen +Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis +insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch +wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und +genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach +gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit +etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein +und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue +geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch +die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und +genossen.“ + +[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der +Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors +Kaiserl. Rat Dr. A. Petter. + +[11] Gerhab = Vormund + +[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung, +daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle! + +[13] Keuche = Gefängnisort. + +[14] So meldet der Chronist Steinhauser. + +[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals +86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine +Kufe hielt 130-148 Pfund. + +[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk „Wolf Dietrich“, München +1886. — Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an +den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe, +nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von +Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden +veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger. + +[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form +aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf +Dietrichs „Mirabella“ genannt. + +[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch +einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen +Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen +ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von +Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war +holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit. +Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin +durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk +vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die +Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg +erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III. + +[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs +Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg +vollständig und historisch getreu renovieren. + +[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard +von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den +Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit +und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen +Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** + +***** This file should be named 13953-0.txt or 13953-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/9/5/13953/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Celsissimus + +Author: Arthur Achleitner + +Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Celsissimus. + + + +Salzburger Roman + + + +von + +Arthur Achleitner. + + + +Berlin. + + +Alfred Schall, + +Königliche Hofbuchhandlung. + +Verein der Bücherfreunde. + + + + +Vorwort. + + +Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt. + +Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit +denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16. +Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der +damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines +Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt +erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen +Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche +Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen. + +In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die +Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des +Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung +der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates, +Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen +mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der +Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben. + +Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft +sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die +unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne +Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird. + +München, im Herbst 1900. + +Der Verfasser. + + + + +1. + + +Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem +glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert +werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich, +in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles +aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich +zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese +hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die +Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um +kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden +Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man +männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein +Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon +einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige +Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht +bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen +kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher +keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu +den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem +Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige +Feste verstehen. + +So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als +in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit, +jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen. + +Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine +kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter +Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte +die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht +werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen +grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener +Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult +durch viele Reisen in Italien und Griechenland; "Vater Puchner", der +Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten +Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten +besorgen und die Anleit zum Balle geben. + +Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der +Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und +großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine +besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche +Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht +nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste +herauszuputzen. + +Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren +der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und +erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten +sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig +parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den +vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung +bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt, +daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht, +wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja +auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb +kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese +schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien, +hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn +der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen +Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht, +und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es +erlaubt und wessen der Inhalt sei. "Was man hat, besitzt man!" gröhlte +ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug. + +Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser +logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen +wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu +beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit +aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher +Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit +senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der +Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein +herniederrieselten. + +Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und +Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten +Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man +nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell +lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im +Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der +Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte +die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des +Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte. + +Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben +in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie +die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur +Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen +wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank +der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz +ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der +schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle +reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen +muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die +Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im +Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein +Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art, +die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu +drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen, +ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen. +Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten +blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und +silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am +Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit +golddurchwirktem Tuch. + +"Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der +Bürgermeisterin gebührende Reverenz. + +Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst +verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: "Salome! Wie eine Fürstin +siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die +fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!" + +"Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater +ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!" + +"Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das +ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat +mein Ahnl schon gesagt!" + +"Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die schöne Salome, "ich +habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will +die anderen Frauen ich begrüßen!" + +Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den +Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der +hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln +begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres +besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der +Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die +köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer +bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne +hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner +opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung. +"Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt +sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken. +Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat +besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als +dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!" + +Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von +Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. "Die Pest +hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg, +das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und +die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!" + +"Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist +städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist +Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!" + +"Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen, +dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu +eben erwarteten Landesfürsten. "Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere +Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten +Herrn!" + +Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte +unbekümmert los: "Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam +Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich +will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die +Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das +Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der +Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!" + +Bestürzt rief Rat Thalhammer: "Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den +Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns +entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!" + +Grimmig pfauchte Lechner: "So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es +staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen +Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem +geckenhaften Junker!" + +Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des +Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen +Landesherrn anzublasen. + +Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf +stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der +Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein +zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften +Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und +den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem +Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden +Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging +von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes, +an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs +atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs +an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum +Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und +lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann "geschwinden +Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner +Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo +seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden +Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen +beherrschte. + +Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II. +liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und +Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern +geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von +Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren +zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau +liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden, +wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen. +Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der +Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und +stürmisch auf zu Rom wie--verspürbar allenthalben zu Salzburg. + +Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die +Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem +in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst +Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu +heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle +Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte. + +Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den +Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien, +als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit. + +"So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen +in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück +hat...." + +"Will nicht hoffen! Liebe 'zitternde' Häuser nicht! Soll ich aber den +Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch +lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit +seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich +schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da +drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche +Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben +die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im +Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der +Stiegenmauer. + +Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter, +dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso +überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich: +"Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst +die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und +Frauen soll man niemals warten lassen!" + +Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des +Frauenwartegemaches und sprach: "Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die +Damen bitten, in den großen Saal zu treten!" + +Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich +wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen +schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht. + +"Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die +verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor +dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch +einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft +bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie +verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: "Geh +du voraus, dein Kleid verträgt es!" + +"Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen +Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die schöne Salome, und +schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten +nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund +nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht. + +Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für +das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich +in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und +lebhaft rief der Fürst: "Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des +Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung +entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem +zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf. + +"Hochfürstliche Gnaden!" stammelte überrascht die schöne Salome und +wollte die Hand zurückziehen. + +"Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg +Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir +geruhen, das Fest zu eröffnen!" + +Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem +Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend +schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist, +und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen +runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den +Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten +Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem +sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten. +Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die +Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der +neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen, +sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren +und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da +doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so +schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus +fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist, +hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist, +wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte! +Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so +viel Perlen zu tragen! + +Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig, +als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner +Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch +dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der +junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so +plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht +gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel +gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der +Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die +Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem +Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die +Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen +Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die +Tochter aus dem Arm zu reißen. + +Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in +Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine +Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den +stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der +Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige +Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze +Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß, +welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem +Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten +Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur +ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur +für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit +ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn +solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt +als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe, +alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen,--der +Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich +fester auf den Arm des Schwagers. + +Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker, +auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand +aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der +gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht +viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und +sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister +wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat +sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des +Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit, +hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche +Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte: +"Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der +alten Schachtel hinterdrein zu laufen!" + +Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit +heiserer Stimme: "Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein +spanischer Junker!" + +Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte +schluckend heraus: "Fein--wird--'s im E--e--er--z--st--st--stift!" + +Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen; +der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und +sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter +Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: "Lieber Alt! Niente +di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure +Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in +persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt +mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich +ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg, +dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber +Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen, +doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin +verbleibe!" + +Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle +Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen +Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der +Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche +Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann, +denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken +verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. "Hochfürstliche +Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun muß einen +Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte. + +Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: "Ihr seid also nimmer +ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn +des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure +Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade +ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte +ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!" + +Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des +Bürgermeisters unter. + +"Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu, +dem darob die Ohren sausten. + +Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende +Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein +Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in +lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die +Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht +hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre +Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen +verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte, +lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der +Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau +bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun +wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte. + +"Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!" flüsterte Wolf Dietrich, +als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte. + +"Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in +unverdientem Maße!" erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die +Lider. + +"Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom, +vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie +gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde +trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!" +Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich +seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur +Bedienung der Dame. + +Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei +Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die +Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten +placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde +die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern +Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und +Ehrengastes. + +Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine +Tischgenossin gewendet: "Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon +einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen +Palazzo geführt?" + +Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und +lispelte: "Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich +in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb +muß zum Einhub die Tochter kommen." + +"So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!" + +Salome nickte. + +"Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen +Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?" + +Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz +genommen habe. + +"Und die Mutter?" + +"Die Teure ist seit langem uns entrissen!" + +"Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch +wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in +seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den +bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm +Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender +Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann +kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich, +mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem +Handelsherrn zu: "Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet +ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und +den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes +zur Partnerin zu haben!" + +Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem +Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb +der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen +als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe +und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein +zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch +zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so +wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache. +Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und +ehrerbietig, aber fühlbar frostig. + +Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den +Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch +weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den +Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich, +lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: "Wir danken +Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht +länger entziehen!" + +Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder +ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige +Herr gesprochen. "Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter +ist daran schuld!" fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm +Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: "Einen Hopser will +er später mit Euch machen!" Frau Alt schien das Geflüster doch +vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie +heraus: "Nicht möglich?" Das klang so drollig, daß auch Salome ein +Kichern nicht unterdrücken konnte. + +Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang: +"Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach +zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: "Nun wir die linde Speise +hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen, +was die Herzen meiner Salzburger beweget." + +Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat +bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem +Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe +schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des +Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare +Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte. + +Ludwig Alt traute aber der "linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht +völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt, +namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit +auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: "Wenn wir in schuldiger +Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das +Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen +hätten!" + +Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn +hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er +die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: "Wie meint Er das?" + +"Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur +noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft +getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen +Behörde übertragen wurde, und--" + +In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der +in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder +warnend auf den Fuß. + +"Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene. + +Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und +im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: "Und diese Exekutive +erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist +und nichts zu sagen hat!" + +Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende, +erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der +nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe. + +Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch +sprach er: "Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer +zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!" + +Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: "Verstattet +gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!" + +Überrascht rief Wolf Dietrich: "wie? Majestät Schönheit will sich ins +Gebiet der Politik begeben?" + +"Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in +den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen +Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im +Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird. +Ein Weib--" + +"Ein fürstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick +schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen. + +Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: "Ein Weib +versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches +Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein +kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen +beeinflußt ist." + +"Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Fürst amüsiert. + +Tapfer behauptete Salome: "Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben, +daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht +beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in +meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu +bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber +hinaus." + +"O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die +Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen +Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte, +holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich +kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!" + +"Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch, +gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe--" + +"Hört ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, "so +spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen +Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine +Freud' und Lust, Herr zu sein!--Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen +mag!" + +"Mein Ohm," erwiderte Salome, "der allverehrte Bürgermeister hat es +ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel +genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu +bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist +nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite +des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!" + +Galant erwiderte Wolf Dietrich: "Schönheit adelt und erhebt!" + +"Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren, +das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei +engelschön sein!" + +"Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!" +schmeichelte der Fürst, und fügte bei: "Doch Eure Prämisse stimmt nicht: +Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von +niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur +nicht von Adel!--Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht +richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter +Sache?" + +"Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein +gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen +sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem +leisesten Befehl des Herrn!" + +Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis +Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub: +"Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die +Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses +mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!" + +Salome wagte einen legten Versuch: "Verzeiht mir, hoher Herr! Die +Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme +zugestimmt!" + +"Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die +Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne +Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge +Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht +aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne +Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung +war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die +Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den +früheren Rechten zurückzuerlangen!" + +"Und täuschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und +richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge. + +Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf +Dietrich kein schroffes, wahres "Ja" zu sagen, er griff zu Worten der +Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit +zusicherte. + +Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah +dieses Wölkchen sofort. "Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden +Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer +Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die +bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir +ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus +auch! Und damit dixi!" + +Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu +thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: "Muß der Bürger und +Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!" + +Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort "zahlen" +verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche +Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von +bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein +Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen +ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den +Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das +sei nur in der Ordnung. + +"O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt. + +"Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint, +sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch +zahlen, der Fürst hat da ganz recht!" + +Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen, +und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen +Fürsten in rosige Laune. "Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden +den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und +Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten." +Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: "Will die Wolke nicht weichen +von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der +Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den +Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl +Eurer Gnade!" + +Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten +sich zu leisem, gutmütigem Spott: "Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir +schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der +Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen +Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!" + +"Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte +von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit +Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave +möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!" + +Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome: +"So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die +Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche +Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu +dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!" + +"Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter +Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der +unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum +Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben +sei. + +"Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen, +gehört--Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die +unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte. + +"Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Fürst. + +"Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte +meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, "der gute Ohm wollte +sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel +gewünschter Edelwein vorhanden sei!" + +Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen +Tischgenossin: "Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir +können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!" + +"Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?" spottete +Salome. + +"Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten +gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend +will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische +Alter!" + +Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der +Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte +Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf +Dietrich stieß mit Salome an: "Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen +dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe +und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute +eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe +Salzburgs holdeste Mädchenblume!" + +Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der +Becher zitterte in ihrer schmalen Hand. + +"Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?" +flüsterte Wolf Dietrich. + +Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd +sprach sie: "Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend +wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der +Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im +Erdreich, in dem nur ich gedeihe!--" + +"Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Fürst. + +"Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew. +Hochfürstlichen Gnaden und--" + +"Und?" + +"Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!" + +"Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade +und--" + +"Und?" + +"Und Liebe!" flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen +flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte. + +Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden, +doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet, +daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch +Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem +Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister +auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei +sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und +zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich, +des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die +Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall +gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des +Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben +jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung +bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2] +Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und +hatte angeordnet, daß zum "Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand +solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am +meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde. + +Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft +und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft. + +Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles +herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und +sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch +ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes +legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach +nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie +ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von +einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen +Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen +nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den +überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just +recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den +Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt, +und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin. + +Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig +wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr +doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele +zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den +Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der +neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung. + +Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die +Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und +enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: "Der +kennt alles!" + +Und Wilhelm raunte zurück: "Stimmt! Der wird uns in allem über!" + +Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und +dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn +der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf +Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. "Meine Salzburger lieben den +süffigen Wein!" meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich +beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte, +denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen +Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar. + +"Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?" + +"Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet +auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom +Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus +Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus +Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von +Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und +Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und +dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero +unterthäniger Knecht!" + +"Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel +der schweren und teuren Weine trinken!" + +Voreilig sprach Ludwig Alt: "Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn! +Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so +viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten +Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut +und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern +lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem +Weinteufel!" + +"Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu +steuern?" fragte der Landesherr. + +"Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten +kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!" + +"So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß, +ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu +publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den +Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!" + +"Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach +Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich +berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht +auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen +zusprachen. + +"Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt! +Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die +Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?" + +Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte +schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren +Körper, bebenden Tones erwiderte sie: "Wie sollt' ich je in solche Lage +kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach +Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will +ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier +in dumpfer Kemenate!" + +"So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?" + +"Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die +gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne +heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns +einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die +uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren +von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt +zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom." + +"Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche +Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram +herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die +feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die +Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur +staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon +einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und +warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum +der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten +Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe +Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich +die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen! +Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!" + +Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte +beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof, +sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit +Salome noch gesprochen. "Ich sehe Euch bald wieder!" flüsterte er dem +schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen +geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der +Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten. + +Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in +formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher +Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest +und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den +Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich +von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach +allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und +Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten. + +Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube +zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen +Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein +Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten +gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst +fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen +zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele +Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar +ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat +Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die +Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause. + +Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen, +nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme +Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren +einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt, +den Damen die Leuchte vorauszutragen. + +Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten +Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der +Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen +Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der +Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden +auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß +Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe +Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige +Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte: + +"Die Schlanke ist's! Schnell!" + +Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward +von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen +herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu +weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die +entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre +Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle +menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht +schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen +von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken? + +Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus +seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der +Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse. +"Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er. + +"Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist +verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!" +kreischte verzweifelnd Frau Alt. + +Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr +mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als +wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen. + +"Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister, +vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die +Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein +schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!" + +Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie +mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im +Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die +Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und +verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu +fassen und rief immer wieder: "Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer +stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!" + +Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen, +wer immer der Mädchenräuber sein möge. + +Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause +verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch +nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie +ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach +erleuchteten Gassen Salzburgs. + +Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter +Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und +hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer +Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten +Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre +Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein +furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte. + + + + +II. + + +Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten +Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig +festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die +höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom +Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich +zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in +Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren. + +Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu +Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen, +treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im +ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus +schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung. + +Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung +unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen +Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und +geheimnisvoll gesprochen ward. + +Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes +näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines +Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem +Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er +selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein +und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien, +die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu +vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand +der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte +kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche +Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar +an. "Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in +meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?" + +Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand +ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem +Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not. + +"Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde +einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Fürst. + +"Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer +warten, derweil stirbt mir der Mann!" + +In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er +nach dem Begehr des armen Weibes. + +"Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus +der fürstlichen Kuchel...." + +"Ist jemand schwer krank bei dir?" + +"Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!" + +"Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?" + +Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am +üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu +können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in +später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen +Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das +gemeine Volk. + +Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus +augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe +verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte +sich der junge Fürst zum Kämmerer: "Du besorgst, was ich dir befohlen. +Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen +nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!" + +Der Kämmerer wagte zu sagen: "Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und +schlecht der Weg hinan zum Berg!" + +"Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten +Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke +Beine!" + +Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen +schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute +Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte +des Elends. + +Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster +noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet, +nach Luft und Fassung schnappend. + +Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf +Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den +an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf +einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett, +gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger. + +Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich +die Arme zum Fürsten empor: "Habt Dank, o Herr, und helft in größter +Not!" + +"Schrecklich!" flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, "dieweilen man prasset +am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen +Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die +inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein +Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht +ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie +Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse. + +Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile, +frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte, +kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht. + +Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur +für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er +einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt +ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen +Fürsten. + +In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch +seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu +fragen begann: "Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?" + +In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: "Es ging alles nach +Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst, +als alles längst vorüber und verschwunden war." + +"Und hier?" + +"Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau, +bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt." + +"Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?" + +"Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!" + +"Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die +Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde +Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel +stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling +bis nach Kärnten." + +"Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?" + +"Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein! +Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du +bewachst deren Thür selbst!" + +"Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero +treuer Diener wird wachen und sorgen!" + +Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war +unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder +Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre +dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte, +vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß +des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]: + + "Thuerhuetter. + + Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts + auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer + lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß + personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte + officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen + sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem + andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter + anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen + stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt + einander vnderweilen abwexlen." + +Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten +gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der +Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem +Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige +Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren +denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu +unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den +Kämmerlingen gelassen werden dürfe. + +Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde +hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist +ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde. + +Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer +Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche +das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar +kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der +reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das +totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso +das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam +zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer +erfolgen könne. + +Alt erwiderte barsch: "Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig, +dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich +augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!" + +"Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des +gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts +zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und +Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir +befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!" + +"Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte +noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die +Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es +kaum mehr werden!" + +Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und +der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen. + +Alt rief: "Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt +keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!" + +"Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines +regierenden Fürsten!" + +"Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht, +schlimmer denn wie im welschen Reich!" + +Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das +Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles +Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. "In welchem +Betreff soll ich Euch melden?" "Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter +schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne +stark und lang genug sei!" + +Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren +Apartements. + +Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen +Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: "Was +soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!" + +"Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein +außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub--der Handelsherr Wilhelm Alt--" + +"Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem +Maße aufgeregt?" + +"Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe, +den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe +ermöglichet" + +"Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es +war ja zu erwarten!" + +Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich +erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte +er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts +vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete. + +Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende +Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich +nimmer meistern, heiser rief er: "Wo ist meine Tochter?" + +Kühl erwiderte Wolf Dietrich: "Wie soll ich das wissen? Was ist +geschehen, was wollt Ihr von mir?" + +Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf +klangen seine Worte: "Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener +Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!" + +"Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem +Fürsten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg. + +"Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und +wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt, +Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines +Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der +Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr +verhalten, Euer Eid lastet darauf!" + +"Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan +gehört zu Füßen seines Herrn!" + +"Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater. + +"Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!" + +"Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind +fordere ich von Euch!" + +"Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab, +das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte +Worte mehr vernehmen!" + +"Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge +um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die +Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei +den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß +gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!" + +"Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?" + +Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: "Ihr wißt um Salome! +Es kann kein Zweifel sein!" + +"Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die +erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der +Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner +Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des +längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des +Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen +Sippen!" + +"Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem +seiner Priester!" + +"Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!" + +"Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge +trüben mir den Sinn!" + +"Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!" + +"Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu +meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt +wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der +Wirkung!" + +"Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den +Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist +in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu +erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein +unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut +keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!" + +"Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter, +rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!" + +Wolf Dietrich flüsterte: "Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das +Bürgerpack!" + +"Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an +Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch +zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!" + +"Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der +Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem +aufgeblasenen Bürgerstolz?!" + +"Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!" + +"Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich +drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen +ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist +Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe +Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' +gesehen!" + +"Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte +im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. "Nun werd' ich +irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre! +Fluch!" + +Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf +Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des +Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum +Nächtigen dienten. + +In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf +Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich +erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit +der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten +anzunehmen. + +Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: "Eine Gefangene hat keinen +Willen!" + +Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem +Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin +Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem +Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach: +"Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!" + +Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des +Gemaches. "Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit +mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse +wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?" + +Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen +Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des +Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: "Mit welchem Recht? Erlaubet +mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz +erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure +Gunst!" + +"Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! +Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr +verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!" + +"Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz +verdammet!" + +"Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr +gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem +schwergekränkten Vater!" + +"Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie +sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch +auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung +Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch +zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, +so er Euren Sinn verletzt!" + +"Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und +Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!" + +"Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich +verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei: +offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche +Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen +Worten!" + +"Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin +bereit zu hören!" + +"Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird +gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der +Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den +Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen +wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir! +Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß +südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu +Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung +für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele +dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt, +die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im +kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das +schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr +sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und +Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich +beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt +Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir +halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir +schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben +soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes! +Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht +und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf +Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens: +Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?" + +Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome +in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte +den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch +schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein +Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, +strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. "Es kann +nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich +schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!" + +"Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort, +hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite, +seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein +stiftisch Land!" + +Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine +Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin, +ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk, +reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg +groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu +handeln nach eigenen Gedanken!--"Es kann nicht sein!" + +"Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?" +rief erregt der feurige Fürst. + +"Es kann nicht sein, o Herr!--Euer Kleid--" + +"Wie?" + +"Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der +Geistlichen muß--unbeweibt verbleiben wie der höchste--!" + +"Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im +Klerus meines Landes ungepönt gethan?!" + +"So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben +Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine +verbotene Ehe?" + +"Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech' +das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' +ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!" + +"Laßt mich zum Vater!" rief erregt Salome. + +"Solch' Antwort vermag ich nur als 'nein' zu deuten, und niemals kehrt +Salome zu mir zurück!" + +Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals +zum Fürsten und rief ihm zu: "Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um +Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur +ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!" + +"Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der +Wiederkehr der--Fürstin!" + +Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem +Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie +auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der +Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich +geraubte Mädchen völlig frei zu sehen. + +Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung +in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu +Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei. + +Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im +Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da +Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem +Jubelruf eilte sie in seine Arme. "Vater, lieber Vater!" + +"Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!" + +Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der +verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube +hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen +Aussprache zwischen Vater und Tochter sein. + +Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: "Ist dir kein Leids +geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? +Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!" + +"Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!" + +"Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!" + +"Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer +schlimmen That!" + +"Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh' +die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er +soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!" + +Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde. + +"Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder +unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden +meiner Tochter sonst so heller Verstand?" + +Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt +forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte. + +"Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein +Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn +verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der +ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine +Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein +furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei +meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir +gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend +giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn +dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet +bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in +Ehren sterben, als--ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich +lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!" + +Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich +Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen. + +"Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat +der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher +Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe +ihm und dir! Mein Fluch--" + +"Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht +erscheinen lassen könnte!" + +"Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht? +Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters +Haft und Gewalt?" + +"Ja, aber--" + +"Ich brauch' dein 'aber' nicht und weiß genug! Die Schande ist +eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste +Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach, +ich will meine Rache haben und mein--" + +"Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt, +makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt +gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!" + +"Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt +eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was +hat er sonst gesprochen?" + +"Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich +mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, +zurückzuweisen--" + +"Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?" + +Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: "Ich konnt' +die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur +Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben...." + +Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones +rief Wilhelm Alt: "Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert +sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens +Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das +Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug +davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten, +wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein +zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat +dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich +aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! +Niemals!" + +Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb +Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem +Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt +das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? "Ich weiß es nicht!" flüsterte +Salome, "ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf +geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den +ich zu gehen habe!" + +Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie +nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die +Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah +sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als +Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung +fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des +Landes und Volkes,--und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das +Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört +seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor +Schmerzen. + +Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee +herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. +Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er +schien Salome meiden zu wollen. + +Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht +zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber +wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein "nein" +den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag +abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der +Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die +Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in +beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten +Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn +gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden? + +Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich +der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle +Gemach und rief: "Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du? +Bist du hier?" + +"Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!" + +"Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der +Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren +dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem +Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome! +Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei +gelobt, daß wir dich wieder haben!" + +Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und +geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als +Sitzplätze dienten. + +"Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!" + +Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick +und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof. + +"Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus. + +"Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?" + +"I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so +huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für +unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!" + +"Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen +Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht +von Schande!" + +"Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf! +Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder +sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, +da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine +Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr +und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, +mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! +Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein +ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes! +Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom +könnten in Beziehung kommen!" + +"Was kümmert mich der Papst!" + +"Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser +und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!" + +"Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das Mädchen. + +"Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst? +Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte +sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!" + +"Er kam am andern Morgen und--o Gott, das ist es ja, was mich so +unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!" + +Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste +gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und +drang auf eine völlige, genaue Beichte. + +Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme +auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome +erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen +und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu +erheben. + +"O diese Ehre!" stammelte in maßloser Überraschung die Muhme. + +"Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!" + +"Das faß' ich nicht!" + +"Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist +empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden +an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort +sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!" + +"Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es +genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig +ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht +verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig +genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach +eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht +gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch +dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun, +mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs +Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du +dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?" + +"Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der +Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!" + +"Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?" + +"Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er +einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin +ich unglücklich! Doch lieber sag' ich 'nein' und weise des Fürsten +Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!" + +"Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich +treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar +ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß +du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, +verbanden?!" + +"Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch +fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!" + +"Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner +Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das +klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese +Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit +meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher! +Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes +Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen." + +"Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich +vor dem gestrengen Vater!" + +Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu +reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen +beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker +auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse. + +Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er +den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde. +Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das +eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen. + +Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und +Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt +des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte +Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede +wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die +Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als +möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief +beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, +und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von +der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward +der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der +Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in +eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte. + +Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im +Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung +in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder +verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und +Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und +Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den +nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig +zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den +Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und +sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied +zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser +Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle +Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne. + +Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf +Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und +später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause +einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine +Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der +Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang +Weibergeschwätz kalt gelassen hat. + +Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem +Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den +des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die +Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner +Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr +Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein +auswärtiges Kloster thun möge. + +In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge, +weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die +Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der +Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein +Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft +eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung +des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu +auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn +Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten. + +Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete +lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine +Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit +dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach +dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins +fürstliche Palais zu verbringen sei. + +Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes +kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach +Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde. +Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch +diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und +heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde +über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu +sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause +der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung. + +Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin +schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine +Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit +kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, +was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg +sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der +Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: "Ich komme +zu Hof, ich komme zu Hof!" + +Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der +Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst +hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu +bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst +getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die +überglückliche Frau nicht sehen. + +In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende +Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und +galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend +vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ. + +Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge +Fürst: "Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir +neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende +Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein +fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so +ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des +hartköpfigen Pfefferkrämers?" + +Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in +etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: "Euer +Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und +handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!" + +"Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine +Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des +Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!" + +Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer +Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung +auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung. + +"Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich +und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher +gestützt hatte. + +"Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!" + +"O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des +Ausdruckes, "zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für +gewöhnlich konfiterieret!" + +"Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur +demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich +glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was +hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas +erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero +unterthänigste Dienerin in Rom kostet!" + +"Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?" + +"Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit, +aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran +teilhaben, bloß ich allein!" + +Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann +sprach der Fürst freundlich herablassend: "Sothaner Wunsch ehret Euch +und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige +Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?" + +"Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es +ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der +Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher +selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in +Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere +schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im +stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für +Lebenszeit!" + +"Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und +Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!" + +"O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr +bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber +in fürstlichem Gewande!" + +"Auch ich!" hüstelte Wolf Dietrich belustigt. + +"Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen +Rabenvater Mores zu lehren!" + +"Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome +aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?" + +"Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis +besser wird und trocken der Weg." + +"Und wohin?" + +"Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an +Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten +und hinab ins Welschland!" + +"Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?" + +"Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe +Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit +wohl auf Erden geben!" + +"Nein, gewiß nicht! Ein 'undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!" +sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu. +auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und +nebstbei bin auch ich geehrt, + +[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, +ist aber 1:1 aus dem Original übernommen] + +"Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte +Fürstin ist!" + +"Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!" + +Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs +Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten, +was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere +Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein +Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame +und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten. + +Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu +sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die +Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß +Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das +Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte. + +"Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!" zischte die vergrämte +Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in +den Füßen endlich das Heim erreichte. + +Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das +Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte +mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den +Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs +beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen +wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch +war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit +Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, +von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens +nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf +die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz +empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein +verbreitet sei. + +Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte +sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt +gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters. + +Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste, +daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte. +Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: "Ein Wagen soll Euch +morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe +ich's erfahren!" + +"Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich +eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein +ganzes Leben!" + +"Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!" + +Geräuschlos entfernte sich die Magd. + +Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill +um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem +Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das +Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer +Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit, +die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome +empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung +beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch +Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens +inniger, hingebender Dank dargebracht werden. + +In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend +Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei, +mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu +bestellen. + +Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur +Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den +Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem +strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen +wissen. + +Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte +Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und +fortschaffen zu können. + +Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das +Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach +und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am +Leibe trage. + +"Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara. + +Salome errötete und flüsterte: "Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst +wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!" + +Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein +Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich +hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses +selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und +nach rückwärts giebt es keinen Ausweg. + +Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk +dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es +lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten. + +Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die +arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich +mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung, +wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten. + +Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die +schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus +Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht +verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse. + +Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der +Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit +geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und +verschwanden um die erste Ecke. + + + + +III. + + +Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden +Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als +sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den +Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen +Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach +bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im +Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden. + +Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des +gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des +Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste +thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen +Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt +von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten +zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen. + +Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem +balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens +gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, +urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen +Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an +fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in +einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ +zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen +Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal. +Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden +Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf +Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's +mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen +Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der +Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem +eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden +Gestalt Salomes ansichtig ward. + +Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte +Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand +strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im +brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde. +Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene +Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb, +die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende +Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein +rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger. + +Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der +Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt +rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der +Ursache der Verstörtheit fragend. + +Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen +wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe. + +Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ +sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er +bei Salome. "Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer +Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht +und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!" + +"Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich +verschreckte!" + +"Ein Mahnen? Was sollt' es sein?" + +"Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten +Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst +nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume...." + +"Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte +der galante Fürst. + +"Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur, +die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der +fördernden Hand--" + +"Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer +Schlichtheit!" + +"Doch niemals wird sie eine Edelrose!" + +Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich: +"Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!" + +Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens. + +"Was ist dir nur, Geliebte?" + +"Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das +Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!" + +"Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, +meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist +meines Daseins oberstes Gesetz!" + +"Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, +eine Edelrose wird es niemals werden!" + +"Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an +meiner Seite einer Fürstin gleich--" + +"Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine +Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn +ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!" + +"Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich +will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als +Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames +Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!" + +"Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, +aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch +meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten +Paar von Euren Unterthanen!" + +Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur +Antwort leicht geöffneten Lippen. + +Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des +schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen +Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen +Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im +Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges. + +"Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Fürst, und geleitete +Salome in die Burg. + +Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias +das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge +Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt +von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab. + +Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen +Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem +Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an +priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere +Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit +in allen Dingen zu sein. + +Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge +die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut +durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte +Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen +Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant +noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs +Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer +fassungslos und schluckte, er brachte nur das "salve" heraus, alles +andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken. + +Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in +Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war, +wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, +der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend +scharf rief: "Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei +und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit 'salve' +begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!" + +Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer +keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und +höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete +sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, +kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: "Mit gnädiger Verlaubnis! +Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß +Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten +Erzbischof!" + +Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit +dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet +sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein +Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das +aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin +kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: +"Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt--mit dem +schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu +entfernen. + +Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an +Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar. + +Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte +das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein "Nun?" + +"Euer erzbischöfliche Gnaden...." + +"Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!" + +"Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung +zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken +blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im +kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen...." + +"Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und +Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?" + +"Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, +wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel." + +"Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon +geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis +höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche +Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!" + +"Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren, +wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen +Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten +wurde." + +"Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?" + +"In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein +gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer +davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela. +Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb +Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat +so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch +einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im +Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der +Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum +infamia, conjugatus est...." + +"Wer ist das?" + +"Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und +verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen +Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt +gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib, +hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die +unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr +Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem +Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand! +Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige +Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache +der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die +scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die +Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben +können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den +schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich +lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel +soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke, +zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum +Himmel schreien!" + +Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte +innezuhalten und Atem zu schöpfen. + +Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika +des Asketen: "Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet! +Den Mann will ich sprechen!" + +"So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren +ein Exemplum?!" + +"Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag, +das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!" + +"Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant. + +"Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine +Meinung fassen über Mann und Weib!" + +"Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines +Sprengels?" + +"Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind +sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an +wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese +Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten, +nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade +Euch hiezu als Gast!" + +"Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen +und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!" + +Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam +unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand +des Fürsterzbischofes. + +Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das +Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich +in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: "Conjugatus +est!" + +Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche +Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf +Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg +Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige +der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge +zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der +hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk +und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das +Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde. + +Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der +Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich, +der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief +verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete. + +Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham +über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete, +fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und +Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen +und der Mund weit offen stand. + +Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert +und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der +Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der +rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch +die Schwester des Erzbischofes sei. + +Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne +abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er +geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach +den verblüfften Pfarrer an: "Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade +gewähret, zu huldigen der--Fürstin!" + +"I--ich--!" schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten +Satz: "Ich glaub's gleich?!" herauszubringen. + +Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: "Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin +Salome, meines Lebens Sonne und Glück!" + +Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte, +doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten. + +Der Pfarrer aber stotterte: "Fürstin? Ergo conjugatus est +archiepiscopus?" + +Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck +des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung. + +Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die +Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die +Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger +Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: "Haltet ein, +Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn +setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen +Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, +nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für +alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch +zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges +Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund? +Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach +des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, +geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der +höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum, +vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner +Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet +mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist +mit mir, Euch aber droht Verdammnis und----" + +Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen; +Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch +geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um +Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen. + +"Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!" rief gellend der fanatische +Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg +führten. + +Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des +ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa +konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine +Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung. + +Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen +Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler +ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener +Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der +Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den +Körper erbeben machte und nach Rache lechzte. + +Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich +hieß barsch, jedermann abzuweisen. + +"Es ist Domkapitular Graf Lamberg!" wagte der Kämmerer schüchtern +einzuwenden. + +"Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ' +ihn sogleich zu mir!" Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die +Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch +gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die +aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der +Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz. + +"Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!" rief Wolf Dietrich und +schritt dem Kapitular entgegen. + +"Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme +in dringlicher Angelegenheit!" + +"Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg +kommt mir sehr gelegen!" + +Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen +ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen, +besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im +Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen +ließ. + +Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: "Lamberg, du kommst wie +gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht +schreite über einen Vermessenen!" + +Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig +flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen. + +Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich +umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler +Gewitternacht. + +"Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu +gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!" + +Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick +herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der +Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit +beruhigen wollte, und erwiderte: "Hochfürstliche Gnaden wollen in dem +tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des +Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des +hochwürdigsten Erzbischofs!" + +"Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem +Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu +weisen?!" + +"Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches +Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die +Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß +in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten +Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde +erblickt im Wandel seines Bischofs." + +"Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?" rief vorwurfsvoll +der Fürst. + +"Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und +Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger +Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der +Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war +nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser +Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein." + +"So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen +lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!" + +"Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten +fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer +Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam +juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach +Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann +vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer, +kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten, +dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen +Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten +Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde, +für Verbrechen wider die Kirche hält!" + +"Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in +meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!" + +"Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts +von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann +meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde +Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen...." + +"Und den Erzbischof?" + +"Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen, +so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit +einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!" + +"So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?" + +"Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur, +jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig +wirken beim Ausmaß der Strafe!" + +Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte +durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: "Ja, so spricht +ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu +lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken, +wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert." + +"So ist es unerschütterlicher Wille?" + +"Ja! Und--Dir will ich's anvertrauen--erst heute wieder bat meines +Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!" + +"Nunquam!" + +"Wie?" + +"Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals +zu thun!" + +"Perchè?" + +"Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?" + +"Ich bitte dich darum, mein Freund!" + +"Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures +Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an +eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!" + +Stolz erwiderte Wolf Dietrich: "Ich bin der Fürst und Herr des Landes! +Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem +Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio, +ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt! +Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die +größte, kann gestatten?" + +"Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg +man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an: +Verzichtet auf das ehlich Band!" + +"Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz +ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in +weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund +gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der +Papst--sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen +verstattet ist--?" + +"Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären +nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der +Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie +beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom, +unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung +kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals +gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen! +Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des +Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr, +obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider +päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den +Verdacht des Luthertumes bringet?!" + +"Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?" + +"Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die +Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der +unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich +eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten, +achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt +an Bayern, Kaiser und Papst!" + +Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des +vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn +der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: "Was kümmert +mich der Bayer, was der Kaiser!" + +"Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und +ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An +Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über +des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten +können!" + +"Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!" + +"Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach +als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es, +zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!" + +"Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber +sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?" + +"Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die +Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!" + +"Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!" + +"Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!" + +"Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und +manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst +büßen für die Wonne des profanen Lebens!" + +"Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug +wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit!--Doch wenn Hochfürstliche +Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich +veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!" + +"Was soll es sein?" + +"Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich, +die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs +Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!" + +"Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!" + +"Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des +Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen +lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu +helfen." + +"Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt +sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer +zahlen soll, schreit immer!--Doch genug von solchen Dingen. Behagt es +dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum +Abendbrot sehen wir uns wieder." Launig fügte Wolf Dietrich bei: "Graf +Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem +Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner--Fürstin?" + +"Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane +Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die +Honneur bezeigen zu dürfen!" + +"Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir, +Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft +verständigen!" + +Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald +holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen +Burg anzuweisen. + +Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte +Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar, +die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich, +hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer +Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte +und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch +der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem +Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen +Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters +Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem +Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom +hochwürdigsten Erzbischof. + +Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen +Geistlichen gemahnende Gestalt. "Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur +Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?" + +Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge +herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen. + +"Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird +unten im Dorf gereicht!" rief grob der Vogt. + +"Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist +mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!" + +"Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und +hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich +mache Euch Beine!" + +Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand +gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem +Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung +gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares, +insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen +Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf +das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: "Vogt! +Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube; +der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!" + +Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und +erwiderte unterwürfig: "Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat, +sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug +darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!" + +Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild +die Frage: "Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?" + +Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: "I freilich, +schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der +Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr +Erzbischof von uns will?" + +"Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und +vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch +erquicken!" + +"I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch +lohnen dereinst an Euren Kindern!" + +"Pst, pst!" mahnte der Kurat. + +"I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid +Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so +schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang! +Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd' +und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber +und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!" + +Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte +Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot; +Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken. + +Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und +murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: "Gott vergelt' +Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und +Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr' +und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!" + +"Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!" lispelte die Greisin und +nippte dann vom goldigklaren Wein. + +"Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr +nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!" sprach Salome, +der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk +zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster +in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des +Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome, +dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen +Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig +machen. + +"O," meinte die Greisin, "fertig sind wir allzeit, da giebt's kein +Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist +Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein +gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O, +das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!" + +"Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!" lächelte Salome. + +Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite, +um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter +einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das +Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: "Ei, Salome und in +Gesellschaft?" + +"Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom +beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh' +vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese +Stube wir geraten!" + +"Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so +wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!" + +Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich +bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der +sogleich verschwand. + +Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den +ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: "Wie lang seid Ihr +schon Priester?" + +"Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit +zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd' +ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der +Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr." + +"Vierzig Jahre in der Einöd'!" sprach mit besonderer Betonung Wolf +Dietrich und nickte Salome zu. + +Voreilig meinte die Greisin: "In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen +die Jährlein wie der Bergbach geschwind!" + +Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: "Verzeihet, Hochwürdigste +Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt', +nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!" + +"Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von +Cölibat und päpstlicher Verordnung?" + +Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig, +zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß +damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen +Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß +genommen habe an der Priesterehe. + +"Beklagenswerte Zustände im Landklerus!" sprach Kapitular Graf Lamberg. + +Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich +regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome +bewegen mochte. + +Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen: +"Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem +Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen +in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit +hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von +Priesters Hand!" Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein +plapperte eilig: "I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich +lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle +Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der +schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was +hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund, +ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch +und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen +und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein +harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder +heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der +jeglicher Pflege bedarf,--kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen +mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib +nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott +gegeben vor dem heiligen Altar?" + +Wolf Dietrich nahm das Wort: "Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein +Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen +ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört +zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht +und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!" + +Angstvoll rief Salome: "Gnädiger Herr!" + +Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte: +"Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben +greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich +gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet! +Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten +Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!" + +Graf Lamberg wollte mahnen: "Exempla trahunt!" + +Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: "Das mag im allgemeinen gelten, +und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will +mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der +Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in +seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem +ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim +mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll +lassen Euch in Ruhe!" + +Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in +innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf +die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte. + +Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: "Hab' ich's nach +Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum +Küchenmeister!" + +"O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!" lispelte erglühend Salome +und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube. + +Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine +Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu +leisten. "Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von +Salzburgs Stift und Dom?" + +"So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu +sagen, zu schweigen und zu gehorchen!" + +"Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im +Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch +möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab' +gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von +meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt +mein Freund?" + +"Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!" + +"Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern. +Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?" + +"Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb' +und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger +dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger +so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll +Ordnung werden im Erzstift!" + +"Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher +Einsicht!" + +"Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden +ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch +gegen...." + +"Du meinst Salome!" sprach hastig Wolf Dietrich. "Du bist klug und weit +reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit +stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger +Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar +verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden! +Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit +einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!" + +"Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag +paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen +Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!" + +Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ +sich völlig tiefem Sinnen. + +Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der +schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des +genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der +schönen Salome. + + + + +IV. + + +In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da +der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die +bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im +Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese +steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu +begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen +finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton +dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die +Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst +den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal +bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung +gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen +überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur +veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu +beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten +die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften +Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den "Saufteufel". Es +konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen +nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die +Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein +hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat +faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur +Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen +wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst +gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig +erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im +eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung +jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die +Hofkammer abgeliefert werden. + +Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die +Weinsteuer "für ewige Zeiten" Geltung haben solle, brachte das Blut auch +der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur +Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel +treffen, und das machte die Landschaft rebellisch. + +Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den +Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ. + +Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren +verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute +der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände +gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen. + +So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und +Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den +Beschwerdeweg beschritten. + +Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als +durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte +Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu +verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte. + +Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und +Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu +treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch +berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu +gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die +Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich +stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch +einige Erholung zu gönnen. + +Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines +raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr +losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog. + +Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich +vorgelassen. + +Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in +Händen und rief dem Freunde zu: "Komm nur schnell heran, setze dich zu +mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe +ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie +wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in +einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn +aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!" + +Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: "Auf welche +Privilegien beruft man sich?" + +"Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!" + +"Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den +früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst +eingebüßt haben." + +"Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im +Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von +den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten +gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen +eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!" + +Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung. + +"Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs +nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer +sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist +der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist +perpetuell,--so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die +Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen." + +"Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!" + +Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: "So +werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat +der Mauten und Zölle!" + +Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er +eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: "Du +hast Bedenken? Sprich, Lamberg!" + +"Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte +Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise." + +"Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil! +Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!" + +Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: "Die Zeit ist schlimm, die +Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender +Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und +weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen +Fürsten...." + +"Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!" + +"Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst! +Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten! +Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen +wollen und zum Wanken bringen?!" + +"So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die +Rebellen in den Sand!" + +"Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom +Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als +treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in +bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen." + +"Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet, +ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir +brauchen Geld!" + +"Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein +partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst +empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch +gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern." + +"Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der +Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes +Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil +nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!" + +"Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher +Hinsicht von Segen begleitet finden." + +"Wie meinst du das, Freund Lamberg?" + +"Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß +gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und +Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages +durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und +unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält +vor--Auswanderung!" + +Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im +Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und +gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: "Niemals +ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu +zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!" + +"Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und +Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der +Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion +zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert." + +"Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!" warf Wolf Dietrich +ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: "Traurig genug, daß der +regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach +meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!" + +"Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege +einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu +einer Auflösung raten!" + +"Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung +können sie warten bis--in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!" + +Überrascht fragte Lamberg: "Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere +Bauten?" + +"Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich +später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim +schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch +noch einzufordern--!" + +"Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?" fragte +Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau +kannte. + +"Sprich, Freund!" + +"Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in +Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei +bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von +Küenburg noch nicht bezahlt ist...." + +"Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst +muß darben!--Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf +berechtigten Weihsteuer?" + +"Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück +Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses +allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen, +an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande, +neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer +müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und +Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber +erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen +allenthalben!" + +Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für +das ehrlich offene Wort. "Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen! +Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich +begrüßen zu können!" + +Ausweichend erwiderte Lamberg: "Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten, +möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen, +um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!" + +"Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und +haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung. +Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg +meiner Salome Gesellschaft leisten!" Dies sprechend gab der Fürst ein +Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der +Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. "Auf Wiedersehen, Graf, bei +Tisch!" + +Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das +fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der +Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern +als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf +Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche +vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten +aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre +machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete +dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom +Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen +Originals zu sein schien. + +Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst +vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei. + +Lamberg erwiderte kühl: "Ich kenne das Original zu Rom!" + +"Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines +Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!" meinte der Kämmerling. + +"Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen +Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!" sprach +abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös +ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der +Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab. + +Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt +hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen +Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer +Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in +Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den +herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der +Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn +auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die +Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf +gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird +sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch +keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne +Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu +erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen +guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich +Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine +wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des +Freundes. + +In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und +schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin +bereit sei, den Grafen zu empfangen. + +Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten +Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das +mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome +auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt +saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres +blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in +diesem Augenblick wirklich entschuldigen. + +Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick +gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: "Willkommen, Graf, in meinem +Reich!" und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz +zu nehmen. + +Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und +erwiderte: "Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen +und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste +Aufwartung zu machen!" + +Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie: +"So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl +des gnädigen Fürsten?!" + +"Gewiß!" klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: "Wie +sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges +ohne Befehl gelangen!" + +"Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig +sein!" + +Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: "Ich kann nur heißen Dank +für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als +guten gnädigen Frau!" + +"Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf +dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter +sothanem Mangel der Legitimität!" + +"Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero +unterthänigsten Diener!" + +"Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes +Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!" + +"Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige +Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu +beeinflussen?!" + +"Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur +will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?" + +Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome, +senkte dann wieder die Lider und sprach leise: "Was könnt' meine +Freundschaft Euch auch nützen?!" + +"Mein Ohr vernimmt das 'Nein', so warm auch klingt der Ton der leise +abwehrenden Rede!" + +"Nicht doch, gnädige Gebieterin!" + +Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: "Ihr wollet nicht, ich +ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des +legitimen Bundes!" + +Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das +Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: "Streng und scharf +umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen +müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist +jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch +verhängnisvollem Schritt!" + +Höhnisch klangen der Favoritin Worte: "Die Strafe Roms! Wie straft Rom +wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?" + +Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: "Ihr wißt davon?!" + +"Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des +verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes +Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal +gelten müssen?" + +"Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und +Rom ist nicht Salzburg!" + +"Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann +beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das +pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?" + +"Das wißt Ihr auch?" stammelte in maßloser Überraschung über solche +intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg. + +"Nimmt Euch das Wunder?" + +"Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!" + +"Was soll unmöglich sein?" + +"Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst +gegeben!" + +"Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die +vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat +eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir!--Ihr +möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen +Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes +Gewebe...." + +"So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich +wahrlich nicht!" + +"Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr +fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr +nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu +wehren wissen!" + +"Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn +und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern +bis zu meinem dereinstigen Ende!" + +"Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones +Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!" + +Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: "In diesen +Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe +schaffen!" + +Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige +Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende +Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret +zurück. + +Leise sprach Salome: "Wie will Graf Lamberg es nun halten?" und erhob +sich von dem Sitze. + +Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: "Die gnädige Gebieterin wolle +verfügen über mich!" + +"Gut denn, kommt des öfteren als Freund!" + +Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte +noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete +die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in +welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits +harrten. + + + + +V. + + +Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes, +ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in +welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den +faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten, +daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei. + +Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick, +doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher +infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem +Faktor zurief: "Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!" + +In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen, +ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt, +um rasch wieder zu verschwinden. + +Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß. + +"Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch +nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen +mag! Willkommen, Puchner!" + +"Gott zum Gruß, Freund Alt!" + +"Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf, +zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich +kann's nicht länger leugnen!" + +Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: "Sag' doch dergleichen nicht! +Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem +Sturm!" + +"Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die +Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart +oder hast ein Geschäft im Aug'?" + +"Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder +liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch +noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und +fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist +nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!" + +"Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf +die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!" + +"Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?" + +Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen: +"Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die +Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben, +Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!" + +"Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!" + +"Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage, +ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf +würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!" + +Puchner seufzte und schwieg. + +"Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als +Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug!--Was ist in der Landschaft +wohl des Neuen verhandelt worden?" + +"Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die +Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie +sollen gleich dem Bürgersmann." + +"Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies +Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!" + +"Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!" + +"Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!" + +"Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht +übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen.--Die Landschaft hat +zugestimmt." + +"Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte +gelten 'für ewige Zeiten'? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die +Schlinge um den Hals nicht gefühlt?" + +"Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an +Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei, +so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen." + +"Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!" + +"Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von +Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!" + +"Trau einer diesem list'gen Fuchs!" + +"An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns +wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß +der Handelssteuer um ein Dritteil." + +"Und das habt Ihr frischweg geglaubt?" + +"Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich." + +"O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!" + +"So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen +Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er +wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich +glaub' es selber!" + +"Puchner, mir bangt um dich!" + +"Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die +bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes +will und Edelmann ist jeder Zoll." + +"So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das +Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen." + +"Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den +Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die +Hast in den Mandaten." + +"Wie meint Freund Puchner?" + +"Der Fürst ist schlecht bei Cassa!" + +"Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen +wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der +Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft +findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim +Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler +ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei +den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der +Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes +Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!" + +"Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht +Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen. +Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!" + +"Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!" + +"Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu +streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich +wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt...." + +"Den find' ich auf Erden nimmer!--Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner, +und komm' bald wieder!" + +Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte; +Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem +Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden +Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand +jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der +Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen +über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung, +über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches +Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf +Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe. +Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter +beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der +höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit +Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren, +daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden +Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre +bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen +einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen. + + + + +VI. + + +Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in +weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die +wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es +ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der +Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur +der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des +Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei +Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die +Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die +Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu +finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert +werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches +mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich +zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche +Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein. +Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne +Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem +Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein +stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den +Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner +und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und +Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus. + +Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es +schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die +Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen +und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden. + +Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an +Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg +über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen +Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her +wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum +Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des +Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die +gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der +Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die +Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen +durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im +letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den +vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der +Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das +Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der +Nebelschleier stark verdichtet. + +Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und +die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines +Halbtages ein Trupp "Gartbrüder"[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der +Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen +Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden +Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der +Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit +totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe. +Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben +diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten +Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung +einen Besuch abzustatten und die "Ritterzehrung" vom Erzbischof zu +erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und +schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte, +erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe +noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der +Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend. + +Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und +den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu +überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde. + +Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten, +behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt +werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das +reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem +Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick +der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere +Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die +nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist +unvollendet geblieben. + +Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht +verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen, +milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe. + +Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: "Nein, mein +gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige +Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!" + +Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde +Frauenbild an seiner Seite. "Salome, was ist dir?" + +Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten +Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr. + +"Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs +danken!" rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte +Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. "Welches Glück gewährt +mir mein süßes, holdes Weib!" Ein Schatten flog über Salomes Antlitz, +geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig, +bebenden Tones sprach Salome: "Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe +Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!" + +"Sorgen, du--?" rief Wolf Dietrich und erhob sich. "Ich dachte, fern +gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher +betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl +Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen +und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des +Weibes!" + +"Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz +mit banger Sorge--der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich +nicht klären--" + +"Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!" + +"Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den +Weg bis zur schweren Stunde!" + +Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun +flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief +durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: "Verzeih', +Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo +wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem +Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann +nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach +Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom." + +Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich. + +"Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich +geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund +vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und +stören würde die Legitimität die Pläne Roms...." + +Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf. + +"Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste +mit dem roten Hut--" + +"So wird Kardinal mein gnädiger Herr?" fragte zitternd die Favoritin. + +Wolf nickte. "Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten, +doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich +stelle gegen meine Promotion." + +"Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!" + +"Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich +dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern +wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier +fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser +Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug +davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei +gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu +gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines +Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld! +Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich +mir, bist Gattin mir und--" + +"--Mutter!" hauchte Salome, "Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt +sich nicht wird zu erfreuen haben!" + +"Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit +Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich, +so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!" + +Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige +Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache +ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und +verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend +zurückblieb. + +Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden +war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte, +Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den +Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten +möchten. + +Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus +nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: "Ha, Landsknechte! Das +bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf +Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers +Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!" + +Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für +deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen. + +So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät +abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach +Landsknechtart der charakteristische Ruf: "Hüt' dich, Bauer, ich komm'!" + +Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre +Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf +fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten +Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so +namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie +immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten. + +Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde +von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher +Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd +den kriegerischen Bischof als ihren "Patron". Die Kunde von solch' guter +Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch +hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr +versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller +Art in Haufen, die alle der noblen "Ritterzehrung" teilhaft werden +wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum +Klagen brachten. + +Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des +Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste +Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach +Landsknechtbrauch. + +Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen +erlittenen Schaden aufwog. Das "Recht der langen Spieße" sollte in +Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der +schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut +geschlagen hatte. + +An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer +von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von +fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis. +Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern +war. + +Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. "Guten +Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns +Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich +geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem +Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich, +liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen +solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen +Fürsten!" + +Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht. + +Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: "Ihr habet des Profoßen Wort +verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe +seine Hand auf!" + +Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände +auf. + +Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter +Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und +Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig +gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf +bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße. + +Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne, +brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von +der Stirne lief, kein Wort hervor. + +Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und +ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum +Schluß um Gnade. + +Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit +dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und +laut: "Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere +Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das +Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche +Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten +Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines +jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein +wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen +zusteht." + +In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den +beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger +weißbekrustete. + +"Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!" rief +der Feldwebel. + +Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein +sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig +Knechte zur Beratung beizugeben. + +"Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!" verkündete der Weibel und +bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit +Besprechung untereinander pflogen. + +Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals +einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden. + +Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten. +Auf ihr schallendes "Ja!" wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder +geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann, +der auf "schuldig" lautete. "Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes +"Schuldig" zu bestätigen?" fragte er mit dröhnender Stimme die +Soldateska, "so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte +Hand!" + +Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen +Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder +zu einigem Ansehen zu gelangen. + +Der Weibel verkündete: "Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist +schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein +Fähnrich nach Brauch!" + +Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die +Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die +Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind. + +Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches +und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach +innen gefällter Fahne verschlossen. + +Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter +Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse +gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein +eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und +der den sicheren Tod bringen muß. + +"Hierher mit dem 'armen Mann'!" befahl der Profoß, der nun den +Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes +des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte +und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den +Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse. + +Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: "Nun auf! Lauf flink und +fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!" + +Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße, +ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der +Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot +aufging. Ein Schrei--ein Röcheln--der Sterbende liegt im Schnee, ein +Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das +Leben entflohen ist. + +"Die Spieße auf! Zum Gebet!" befahl der Weibel. + +Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen. +Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von +tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen. + +Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal +Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen +abschossen. + +Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende. + + + + +VII. + + +Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die +Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen, +es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die +Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe. +Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus +eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates, +sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus +der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So +mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe +anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung +ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite +debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse +Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der +Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die +eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit +leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels +durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den +Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn +völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen +scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren, +auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr +aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen +Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der +Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja +und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr +bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der +Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn +müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft +werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine +neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer. + +Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein "Haltet ein!" +zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste +Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle +der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das +aus eigenem Säckel bestreiten. + +Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte +und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der +praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt +überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf +Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen +Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst +möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus +unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im +Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene +Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich +hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige +Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen +war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch +auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden +einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus +Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei +seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen, +sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg +sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister +eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich +schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den +Erzbischof in die Residenz geschickt wurde. + +Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die +Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien +schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und +vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der +Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die +vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus +der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde +sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen +können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der +Beamte fügte dem bei: "Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem +Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen, +daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen." + +Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche +Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal +geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt +sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in +passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer +Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er +kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden +Lippen: "Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie +hätt' es nicht geglaubt...." + +"Wie meint der Herr Bürgermeister?" fragte erstaunt der Beamte. + +"Ich hätt's nicht geglaubt!" + +"Was?" + +"Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's +eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich...." + +Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer. + +"Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede! +Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben...." +stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister. + +"Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch, +deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten +Herrn!" + +"Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr--den +schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und +derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen +die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank +dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und +Mitgefühl für die notleidende Menschheit!" + +"Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet, +daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!" + +"Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die +Gab' der Rede nicht beschieden!" + +Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte +sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen. + +Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen +einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer +erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten. + +Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten, +Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im +Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge, +wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und +Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten. + +Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der +Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur +die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl +gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen +von den Armen. + +Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur +Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde +gleich vorgelassen. + +Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf +Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale +entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten. + +Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch +raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und +ohne Stottern: "Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein, +ich komme nicht...!" + +"Wie meint der Bürgermeister?" + +"Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht! +Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und +Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und +Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen +für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!" + +"Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des +Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset. +Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in +solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in +der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich +der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben. +Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich +nicht überlaufen werden!" + +"Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen +wirst!" plapperte Alt heraus. + +Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der +Fürst: "Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner +Meinung schuld an bemeldter Teuerung?" + +"Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die +Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!" + +"Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher +hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir +erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores +lehren." + +"Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker +rebellisch machen!" + +"Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den +Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten +Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen." + +Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das +Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand +plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem +Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten +Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen +hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel +teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht +erzwingen ohne Gewichtsverringerung. + +"Ich werde solche Verringerung bestrafen!" + +"Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!" + +Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den +letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. "Genug +davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den +Unterthanen!" + +Damit war der Bürgermeister entlassen. + +Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher +einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger +befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch +der Kapitular weilte auswärts. + +Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da +niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf +Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und +fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner +ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung +vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr. +Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten, +welche die Ritterzehrung verursache. + +Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine +Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß +eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert +Gulden vierundzwanzig Kreuzer. + +Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die +Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit, +neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs +Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei +Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der +Finanzgewaltige im Rate nicht aus. + +Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf: +"Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf +Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein +Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe +empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!" + +Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: "Euer +Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!" + +Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei +war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein +dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im +salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger +wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese +Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte +er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen +bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe, +den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der +Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger, +daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas +gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das +gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem +einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte, +eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen. + +Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der +fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für +Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt +werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse +Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang +einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten +Almosenschatulle[9], beinahe leer. + +Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die +Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen, +Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue +Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon +graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten +Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen +Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das +"Wie" sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder +Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes +an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu +warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten +eingeholt. + +Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in +höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die +remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die +Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid. + +Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand +er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und +Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also +fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der +Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen +werden! + +Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide +gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die +Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder. + +Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens +als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was +an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die +Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld +wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache. + +Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die +Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der +wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig +gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die +Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu +verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des +Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer +schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land +hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im +Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der +lutherischen Seite war. + +Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den +Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der +Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern +nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie +die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger +hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die +Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das +heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf +Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen +und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen. + +Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die +Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken, +die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel +ausgeht, die Bauern rebellieren sollten. + + * * * * * + +Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner +Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und +Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell +auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie +betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen +Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung +der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten +höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof +kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller +Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in +dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer +schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige +Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er +war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen +hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und +Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft +gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt +dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines +viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne +ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht +Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in +Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern +brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung +that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen. + +Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf +seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten +Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun +hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte +Vogel: "Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die +Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!" + +Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise +Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag +abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein, +denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich +schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter +erreichten. + +Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: "Nur Zeit lassen, Männer! Alles +hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen +Schluck vorher!" + +Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut +ab und erwiderte: "Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut +not!" + +"Wirst es wohl erwarten können, Rieder!" gab Vogel zur Antwort und stieg +flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein +Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall. + +Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre +Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz +richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen +Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer +ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und +schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht +über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt +das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der +Pfleger: "Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof +hören!" + +Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf +standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: "Mit Verlaub! Es +ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen +ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die +Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen +verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht +erschwingen!" + +"So ist es!" riefen die erregten Bauern. + +Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: "Wir müssen +supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten +Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen, +sonst ist's g'fehlt!" + +Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau +erkannte, und langsam sprach er: "Wegen dem Supplizieren kann ich Euch +nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden +bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja +ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden. +Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun." + +Rieder unterbrach den Beamten: "Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum +Fürsten!" + +Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: "Übereilt nichts! Der Herr +Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill, +und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen. +Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!" + +Erregt schrie Rieder: "Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut! +Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind +verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es +kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht +in unser Gericht!" + +Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: "Leut', seid gescheit! Die Sach' +ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten! +Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller +Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!" + +"Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns +selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns +supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann +merken!" + +Nochmals mahnte Vogel: "Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht +dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen, +wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch +gehalten werden!" + +"Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht, +den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der +Steuerteufel nicht verkümmern!" + +In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: "So reicht das +Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!" + +Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches +Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch +andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit +erklärt hätten. + +Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung +der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr +sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der +leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden +pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: "Ich +will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur +demütigen Supplikation geraten!" + +Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: "Selle Demut nutzt +uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission +durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!" + +Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft +akklamierten und brüllten: "Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!" + +Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen +und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte, +die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an +der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der +Steuerkommission. + +Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte +Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: "Habt Ihr das +Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und +Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und +steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger +muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein +Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu +dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern +gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht +widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist +unser Herr!" + +Rieder schrie dazwischen: "Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein +geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit +Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!" + +"Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!" gröhlten die Rabiaten. + +In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es +so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem +Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis +erhält. + +Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie +durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen +Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben +könne. + +Wehmütig sprach Vogel: "Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist +im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!" + +"So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen, +Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln +Pinzgauer Fäuste kennen lernen!" + +Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und +fluchend. + +Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach, +das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt. + +Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit +zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung +vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse, +erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich, +weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten, +gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von +den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten +das Leben kosten kann. + +Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß, +das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in +Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel +nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von +einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die +Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist +vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau. + +In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill +zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte +diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in +Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte +erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen +hat. + +Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten +Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten +Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants +Kaiser vorfand. + +Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem +Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach +gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die +Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern +rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An +150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des +Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau +gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller +Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun +erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht +zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft +dauern werde. + +Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der +Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska +erfüllte ihn mit Angst. + +In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der +Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen. + +Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur +rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der +Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte +begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich +Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche +Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle +Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und +von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald +von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die +eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr +schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben +an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben +schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens +abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche +Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit +fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein +anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von +achtzig Gulden versprochen sein. + +In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für +Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung +erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl, +die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden +und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben. + +Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter +zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen. + +Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der +Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert. + +Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht, +hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die +Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus +abgeliefert werden. + +Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der +größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben +für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod +durch das Schwert. + +Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf +Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant +seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab +und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise +Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung +Hohensalzburg. + +Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in +einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen: + + "Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1. + Juli ist besonderes nichts vorgekommen. + + Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg + Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse + ankommen. + + Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt + worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer + zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer + geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung. + + Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin, + darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle + Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1 + Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein, + 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die + Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli + 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch + die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden + genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen + Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen + zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich + ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden + hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren. + Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen + aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles + verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst + beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären + zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich + Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen + und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die + Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen + gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl. + Gnaden Bericht. + + Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag + 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum + Ende. + + Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine + Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste + nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen + ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade. + + Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel. + + Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr + hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche + ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen. + + Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl + schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein. + + Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz + im Zimmer gehabt, ausblieben. + + Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung. + Gott schicke es, daß mit Glück erfolge. + + Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder + ausgeblieben. + + Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden. + + Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren + angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen + meiner Urbargüter gethan haben sollen. + + 22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß. + Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir + bald mit Glück wieder daraus. + + (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.) + + Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt. + + Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der + Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen + Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder, + Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen + darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für + Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem + Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe + ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden, + unterschrieben. + + Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein. + Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich + hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und + Urbarsbeschreibung examinirt worden. + + Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen + und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott + verleihe bald glückselige Erledigung. + + Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den + + Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October + ausgesagt, unterschrieben. + + Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer + gelegen. + + Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament + empfangen." + +Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut +gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des +Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus +den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise +hervor. + + "Herr Ehinger. + + Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig + zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller + Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch + gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich + Urlaub." + + "Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer + Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich + treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte + ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch + die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner + Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes + Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß + sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges + und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten + Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung + zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen." + + "Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer + Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist + ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht + um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager + Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern + Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne + sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß + hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns + Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott + meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier + 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei + es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich + guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder + Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal + durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die + Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich + 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr + Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer + Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich + Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen, + ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode." + +Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in +aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern +eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von +den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies, +da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das +Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten +supplizieren. + +Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche +Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein +gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die +Gemüter für immer im Bann halten solle. + +Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor, +zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen +Lande still. + +Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür +einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein. +Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt +die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: "Man hat auch keinem +nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer +sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in +der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine +Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat +nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das +allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und +Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat." + + + + +VIII. + + +Von Hohen-Salzburg donnerten die großen "Stücke" und ihr mächtig Krachen +brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch +die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur +Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung +lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des +Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten +den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und +Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz +verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden +sei, das erste Kind! + +Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der +Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das +unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller +Lungenkraft. + +Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung +durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward +Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker +Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch +nicht Vater sein könne, und die "Stücke" seien nicht dazu auf der Veste, +um ein Kind anzudonnern. + +Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn +bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr +sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer. +Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf +Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige +Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei +Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden +die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur +Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der +Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann +zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie +jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend +zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines +fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch +die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste +Kritik provozierend. + +All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen +und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es +wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an +den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten +sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs +schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner +nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig +schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in +solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller +Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch +Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß +Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren +Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der +Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome +verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte +Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine +Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica +zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter +Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand +lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht +vom Arm des Gebieters getroffen worden waren. + +Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung +des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den +Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren. + +So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu +in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen +Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf +Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame +eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse +erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das +ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt. + +So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um +jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der +ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag, +und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte. + +Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und +flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende +Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit +keinen Ausdruck gäbe. + +Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen +flüsterten: "Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?" + +Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das +Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da +lachte der Fürst herzlich auf: "So gebrechlich wird ein Raittenau nicht +sein!" + +Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach +bewegt: "So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!" + +"Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!" + +"O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!" + +"Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den +Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem +kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!" + +"Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens +wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!" + +In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände, +hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die +Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt. + +Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig +unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte. + +Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht +mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner +Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen +Zügen. + +In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob +niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen +zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und +sogleich vorgelassen. + +Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch +den Ruf: "Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens +Dank dafür! Herzlich willkommen!" + +"Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die +Glückwünsche zu Füßen zu legen!" sprach Graf Lamberg ehrerbietig und +verbeugte sich tief vor dem Gebieter. + +"Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine +freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs +Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe +keine Meldung!" + +"Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr +überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird +klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch +kommen an den Hof." + +Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage: +"Glaubt Lamberg wirklich?" + +Der Kapitular antwortete vorsichtig: "Es wäre Pflicht nur und schuldige +Dankbarkeit!" + +"Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der +Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden +will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf +Raittenau." + +Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu +richten, sprach aber nichts. + +Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art +hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden +solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein +Raittenau. + +Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen +aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht, +unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als +der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit +verhaßt. + +Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und +gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in +diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner +Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der +Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die +Residenz müsse verlegt werden. + +"Die ganze Residenz?" fragte überrascht Graf Lamberg. + +"Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden +ist, das 'Altenau' ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei +Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk, +meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen, +daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in +Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge +Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd' +ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut' +hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei +andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem +Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis. +Wird nicht zu frühe sein damit!" + +"Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich +erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der +gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten...." + +"Was?" + +"... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im +Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß +in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich +informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!" + +"Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es +ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es +ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat +bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das +Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen." + +Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen +ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte. + +In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: "Warum nicht jetzt? Wer kann mich +hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich +will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so +einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner +Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!" + +Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst +nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur +gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe; +der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: "Es wird Euer +Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu +mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und +Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens." + +Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als +horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur +Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ, +bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit, +die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben +zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen +getroffen werden sollen. + +Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um +ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis +auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder +gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem +hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf +Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende +Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem +fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen. + +Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit +der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der +erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß +doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes +ohne gültigen Ehebund folge,--der Fürst, der das Warten nicht kannte, +durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so +mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme +Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift +citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen +das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche +Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der +Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über +den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso +überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe. + +So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden +Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am +nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung +verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu +gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur +Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen +Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig +Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend, +auch als die Ausweisung angedroht wurde. + +Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich +zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung +"zu verhütung mehreren unraths" über den Wegzug der ketzerisch +Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis +ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis +zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut +war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren +Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder +schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen +Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie +verfügen würde. + +Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und +Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden, +sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift +verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden, +übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung +der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel +sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine +Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die +Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt. + +Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den +Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere +vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren +Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht +rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin +belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit +brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten. + +Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der +Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja +doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein, +wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich +in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu +jeglicher Stunde. + +Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward +der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der +auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet +knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider +der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf +Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der +Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn +schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen +aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen +Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte +der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige +Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller +Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde. + +Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich +nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord +und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten +übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und +drohte mit dem Malefizrichter. + +Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde +von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens +Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm +geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte +Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die +Todesstrafe ausgesprochen werden. + +Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör +ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat +nicht begangen habe. Auch konnte eine "Beschädigung" (Verletzung) des +Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst +verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den +Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf +Hinrichtung durch das Schwert. + +Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem +Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm +gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten +Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der +Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren +nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches. + +Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den +Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der +gnädige Fürst habe Pardon gegeben. + +Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der +Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt +bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den +Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden, +gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im +letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten. + +Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen +unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein +Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man +wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate +fanden Beachtung. + +Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den +Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu +dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die +Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der +Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal +wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die +Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion +zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als +Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern. +Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten +werden. + +Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die +mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen. +Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der +zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am +Gründonnerstag bringen. + +Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in +eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln +die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der +brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten, +zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen. + +Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich +ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu +nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der +Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm. + +Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die +Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren +und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte +dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das +Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der +massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan. + +Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund +flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun +predigen werde. + +Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm +eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen. + +Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede +zu verlieren, die also begann: "Am heutigen Tage folgen dem Beispiel +Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher, +häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen +durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß +die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen +erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen +Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_ +Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist +der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der +Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: 'Ich habe euch ein Beispiel +gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr +und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander +die Füße waschen.'--Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur +Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen +vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und +Gebieter." + +Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den +Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach +der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche +die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten +schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen +Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und +Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich +auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser +sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde; +besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er +führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an +vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum. + +Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige +Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge +erkennen sollen. + +In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren, +es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu +Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen +habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im +Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt. + +Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu +seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels. +Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren +die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie +zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des +Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden. + +Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen +Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange +Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die +Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war +nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den +salzburgischen----Hunden. + +Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof +verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit +einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen, +bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe +des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je +kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der +Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von +einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister) +erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen +Gassen einzufangen und abzuschlagen. + +Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer +alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten +Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und +fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der +Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager +konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf +Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund +lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund +nicht aufsichtlos lassen. + +Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor +ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies +sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus +und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese +Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl +zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher +Auffassung überhaupt zu viel Hunde. + +Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der +Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem +Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach +auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten +Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und +gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die +Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde +erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den +Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer +vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als +sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde +davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen +wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die +Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die +Verhaftung des Schlagers. + +Die Aburteilung endete mit Entlassung "mit Spot und Schant". + + + + +IX. + + +An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater +auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu, +das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der +Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck +gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende +Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine +lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei +jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack. + +Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das +Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener +Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder +Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom +Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner +zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten +essen würden. + +Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und +schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des +Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der +Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne +trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain +sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste +schrecklich und versuchte im Sack die Flucht. + +Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der +Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen, +müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend +beizuspringen. + +"Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!" + +Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine +unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. "Reichet mir barmherzig +einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!" + +"Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke +tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?" + +Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall +einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung. + +"Gern soll das geschehen!" sprach der mönchefreundliche Wirt und trug +den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine +Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte +der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein +Humpen Weines gereicht wurde. + +Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder +wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den +Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu +wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer +Terminierung gelegentlich wieder holen. + +In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde +fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der +Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte +Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd. + +Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den +armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode +ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins +Franziskanerkloster nach Salzburg bringen. + +Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen, +schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen +bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes +übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen. + +Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der +Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen +benebst dessen Almosensack. + +Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die +Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen +vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem +Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht +wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen. + +Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon +fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster +gehöre. + +"Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!" beteuerte der Bauer, dem es +pressierte, in die Stadt zu kommen. + +"Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen +werden!" argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei. + +Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der +Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater +bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann +abliefern. + +Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch +mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich +gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom +Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein +heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein +Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der +klösterliche Medikus zurück und rief: "Großer Gott! Ein Pestfall!" + +Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der +Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun +hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben +dem Einstellhause zu. + +Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den +engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten +dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen. + +"Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!" zeterte der entsetzte Bauer, +und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg. + +Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten +Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend. + +Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf +Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit +zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster +und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde +alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen +Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren +müssen. + +Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher +beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen +Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten, +erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch +Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer +Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte +mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den +Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen. + +Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch +zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur +Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen +worden war. + +Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern, +doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab, +sich einzumengen. + +Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu +besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts. + +Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen +an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen +erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert, +schnell hinab. Die Mönche beteten laut.... + +Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer, +der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in +ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden +war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit +verschiedenen Leuten in Berührung gekommen. + +Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung +wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten +strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein +Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in +der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser +Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen. + +Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte +die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in +die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein +Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem +Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die +Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer +fordere. + +An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg. +Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner +aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die +Rückkehr war aufs strengste verboten. + +Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im +Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen. + +Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den +Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die +umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung +abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich +und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte +und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus. + +Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies +frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute. + +Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten +sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof +doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder +doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen, +wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen +wolle. + +Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank, +erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger +als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert +Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden. + +Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande. + +Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu +ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch +den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster +vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg +neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus +verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die +Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden +Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte. + +Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in +leuchtenden Farben. + +Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter +zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte +zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien +für die Armenbeköstigung zu erhalten. + +Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis +gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der +Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen. + +Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen +nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich. + +Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am +Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine +Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht +eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast +eintrat. + +Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige +Beherbergung für Gotteslohn. + +Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu +beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung +äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen +ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer +einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern +umschlossenen Hof zu. + +Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom +fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis, +hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem +schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward +unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: "Jackel! Vergiß +nicht, morgen gleich in der Früh wird der 'Franziskaner' abg'stochen!" + +Und eine andere Stimme antwortete: "Ist recht, Wirt!" + +Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts +anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse +und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen +darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen +leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause. + +Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein +vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens +ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die +Magd muß das Schloß von außen versperrt haben. + +Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im +Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst +gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit +zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner +Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken +fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der +Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im +Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das +Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins +Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen, +eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten +Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder +hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer +verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich +nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein. +Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer +erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche +Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein +kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen. + +Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete +zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und +Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab. +Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen +Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß. + +Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und +weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es +lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof, +und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton +der Mönch erzitterte: "Also Jackel, fang den 'Franziskaner' 'raus und +hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!" + +Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt +murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der +göttlichen Barmherzigkeit. + +Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick +faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich +durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan, +der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und +warf den Knecht über den Haufen. + +"Hui!" schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht +zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner +Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu. + +Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich +wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an +den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die +Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die +Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft +vermehrend. + +"Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?" schrie der Wirt und +machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch. + +Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht, +kann kein Mörder sein. Er rief: "Im Namen Gottes des Herrn frag' ich +Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?" + +"Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?" + +"Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!" Jetzt änderte sich +die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel, +das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, "Franziskaner" +genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel +abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem +Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als +daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein "Franziskaner" genannt zu +haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden +sei. + +Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen +Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte. + +Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er +um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem +Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen. + +Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über +die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner +lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und +gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich +ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem +schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster. + +Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung, +daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der +Pest verstorben sei. + +Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich +erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine +Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor +einfahren. + +Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und +weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem +Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen +konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen +war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für +die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus +eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne. + + + + +X. + + +Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin +und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen. +Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel, +sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren +Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden +respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende +Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens +offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus +Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis +sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde +umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien +bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des +Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten "ewigen Statut" +einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender +Weise lautete: "Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet +werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein +unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten +werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden +haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und +beschirmt werden." + +So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der +immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater +steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt +Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das +kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur +Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am +geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes +Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden +weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden +habe. + +Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des +Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn +Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei. + +Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten +Körper, bebend jammerte sie: "Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei +zur Vergebung!" + +Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen +sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine +Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus. + +Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im +Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß +Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden. + +Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm +eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und +fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln, +grüßte höflich und flüsterte: "Es kann nicht lange mehr dauern!" + +Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht +nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte, +die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube. + +Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier +brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun +Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie +abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: "Hinweg mit der +fürstlichen Buhle!" + +Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte +schluchzend im bittersten Weh: "Vater, lieber Vater, vergebt mir! +Verzeiht!" + +"Hinweg! Ich will in Ehren sterben!" + +"Vater, habt Erbarmen!" + +"Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!" + +"Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde +meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir +Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein +schmerzdurchwühltes Herz!" + +"Hinaus! Ich will nichts hören!" + +"Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die +Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen--" + +"Das wußt' ich zum voraus!" + +"Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All' +äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!" + +"Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem +ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!" + +"Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie +ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig +Kind!" + +"Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!" + +"Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das +meines Lebens höchste Sehnsucht ist!" + +"Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will +ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen +soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam +Schicksal verdientermaßen!" + +Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist +ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen +mußte. + +Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an +des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände +flehend ringend, um Erbarmen wimmernd. + +"Nein!" flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen. +Ein Zucken, ein Seufzer--das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt +gestorben. + +Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die +Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend. + +Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und +verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und +Trauerkleider anzulegen. + +Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht +in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal +zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der +Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters +gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine +Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als +Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit +allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten +zu lassen. + +Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: "Mein gnädiger +Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht +begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!" + +"Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater +meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!" + +"Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist +geschieden im Zorn--unversöhnt mein Flehen war vergeblich!" + +"So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?" + +"Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich +um sein Erbarmen--" + +Wolf Dietrich rief mißmutig: "Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich +verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge +Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben." + +Aufschluchzend jammerte Salome: "Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen +geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf +den bitteren Gang!" + +"Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein +Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer +er wolle; die Kluft ist zu hoch!" + +"Weh' mir!" rief Salome und brach zusammen. + +Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein, +er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und +gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche. + +Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens +und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den +Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen +Verbeugungen begrüßten. + +Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die +Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres +Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig +waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde. + +Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich +strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward +gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des +Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen. + +Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf +den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen +haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich +halblaut zum Kapitular: "Will Lamberg dafür sorgen, daß still und +schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde, +werd' ich dem Freunde dankbar sein!" + +Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im +Verhalten des Fürsten. + +Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das +Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: "Salzburg hat einen +hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist, +verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die +Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt +meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu +veranlassen." + +Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten +wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein +Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles +hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun +speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum +Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die +inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais +verließen. + + + + +XI. + + +Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen, +es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum +Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine +Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen +das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes +geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser, +teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren +als Lagerorte oder "Legstätten" für dieses Salz bestimmt; Hallein für +die Ausfuhr zu Lande "auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren", +Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu +Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben, +nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der +Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt +gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in +früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und +Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III., +welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises +zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun +der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom +Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie +alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge +abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen +und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst +erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe +des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt +hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung, +zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung +des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich +hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der +Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem +Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog +schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung +durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor +wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers +über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern +für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch +einen Kreuzer darüber gestattete. + +Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und +demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu +erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen +Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und +berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang +ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute +Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte. + +Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin +er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern +teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten +Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach +einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so +geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten +Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst +bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen +vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die +keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines +Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem +Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf +Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des +weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden, +konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in +Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht +genannt werden mußten. + +Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen +Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu +finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig +besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote +Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch +empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl +erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu +hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem +klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder +zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den +Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst +nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche +Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht +immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer +Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht, +besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn +Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die +Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die +Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht +auf Rom fallen gelassen werde? + +"Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!" flüsterte der Fürst und +ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer +bemühen. + +Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt, +anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen, +doch mit fragenden Augen. + +Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen, +richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an +Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen +hervorgerufen habe. + +"Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast +du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu +besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage." + +Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die +jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war. + +Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt +nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet. + +Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: "Nach allem, +was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das +Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine +bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet, +genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich +soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis +steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe." + +Überrascht rief Wolf Dietrich: "Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer +hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen +finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies +auch der Kaiser thut." + +"Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?" + +"Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl +eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben +Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen." + +"Weiß das der Bayernherzog?" + +Wolf Dietrich zuckte die Achseln: "Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt; +ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München +gekommen ist." + +"Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen +vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß +Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz +nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch +zahlen." + +"Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis +des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es +ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!" + +"Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt +man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des +Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so +sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben, +sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern" + +"Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer +Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist +feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im +neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem +alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist +genehm." + +Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und +erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien. + +Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst +sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der +Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen "seltsam +geschwinden Kopf" zu nennen. + +Salome warf ein: "Das ist doch weiter nichts Schlechtes?" + +"Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der +freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß +der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als +ein "periculosum ingenium" betrachten--" + +"Was heißt das?" fragte Salome. + +"Man kann es verdeutschen mit 'gefährlicher Kopf'!" + +"Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue +Papst nicht schlimme Absichten heget." + +"Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den +Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem +wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen." + +"Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein +klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer +Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten +Hut!" + +Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch +hier den Kern der Sache erfaßte. + +"Hab' ich recht geraten?" fragte die kluge Frau. + +"Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist +meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der +Erzbischof Wolf Dieter wird--nicht Kardinal!" + +"Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit +mit Bayern und dem Kaiser!" + +Trotzig rief der hochfahrende Fürst: "Kommt dazu es jemals, stell' ich +meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der +leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner +Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken." +Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und +geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb. + +Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf +den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung +erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu +merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des +Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu +spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag +nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um +seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim +zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen +der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch +Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm +gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in +Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten "goldenen Steiges" nach Böhmen, +wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man +klagte beim Reichskammergericht in Speyer. + +Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg +gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der +Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun +auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische +Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den +Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von +Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das +kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem +Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren +konnte. + +Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim +Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller +Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr +verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das +Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen. + +Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich +abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der +Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt, +von welcher der Chronist berichtet: "Er (der Erzbischof) ist ainesmales +ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von +wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig +stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch +und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit +Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung +habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch +ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die +zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit +abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches +Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet; +ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es +darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch +mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch." + +Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an +Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte +eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über +ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu +dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet. + +Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten +Zorn hervor und setzte seinen ohnehin "geschwinden Sinn" in lebhafteste +Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen +Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben +einhändigen. + +Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des +fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum +Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten +schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten +Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam +an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten +lassen. + +Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht +aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die +Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies +der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen. + +Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche +hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos +kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen +Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in +jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen. + +Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die +Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche +Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer +offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag +ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem +Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe. +Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof +gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen +marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant +befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die +Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine +Gesandten ab. + +Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu +versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf +den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben. +Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs +Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_. + +Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch +war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die +Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger +seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke. + +In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und +salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen +neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo +verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man +der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst +verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des +kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für +den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb +gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu +festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von +jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf +Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden +werden. + +Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab. + +Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser +begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit +dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform +des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf +dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des +Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung +des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu +vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der +protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den +Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der +Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte. + +Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander, +die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen +Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter +Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den +gleichfalls dissentierenden Pfälzern. + +Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach +Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die +Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu +Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für +Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig +Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich +verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten +zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die +ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich +Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht +Römermonaten bereit. + +Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen +Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen, +über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses +seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden, +als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und +Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des +Reichs. + +Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die +Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher +Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich +jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich +nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen +die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich, +weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen. + +Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er +urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die +Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil +der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne. + +Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg. + + + + +XII. + + +Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten +in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche +leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des +Erzstiftes "armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark +abgefallen seien",--zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der +Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen, +wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten +Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in +überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend +ausgeliehen wurden. + +Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten +angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse, +am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der +uralte mit der "Freyung" begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls +abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung, +die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten +gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf +Dietrichs Werk, ebenso der "Neubau", welcher zur zweiten Residenz +bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut +des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und +vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für +seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er +nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die +geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten +verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder, +Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit +wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach +Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen +und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und +Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu +verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu +verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein +italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den +eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten +fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu +machen. + +Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie +seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große +Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des +prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des +Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt. +Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den +Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im +Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in +diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend +konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage +aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr +hindurch bis zum nächsten Frühling. + +Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die +Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie +Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in +den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von +solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim +Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und +wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von +Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser +der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein +Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung +erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des +Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die +Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern. + +Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte +sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum +Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu +Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später +kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der +Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die +ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte. + +Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner +willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten +das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch +eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde, +ein Meisterwerk der Baukunst. + +Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf +Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem +Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und +Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um +Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein +Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom +mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich +in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie +Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem +Geschmack. + +Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen +Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte +im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger, +die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der +zweifellos enormen Kosten. + +Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und +steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt +in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem +frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich +in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft +und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem +erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten +Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome +zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer +Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille +Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten +Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach +Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln +vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche +freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß +Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so +wurde die Übernachtung beschlossen. + +Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber, +es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht +schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg. + +In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre +Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still +durch die Fenster. + +Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule +aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare +Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich +knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das +Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm +nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer +leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer +zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern +nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die +Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall. + +Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf: +"Der Thuemb brinnet!" brachte die Bürger auf die Beine. Der +Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf. + +Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen +feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf +die Residenz. + +Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte; +man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei. +Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie +die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die +Residenz zu retten. + +Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen +Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und +ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne +begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen. + +Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die +Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die +Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und +anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden +sollen. + +In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte +zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und +Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein +Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden. + +Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große +Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht +hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das +Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde. + +Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des +Landesherrn. + +Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf, +richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die +Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser. + +Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur +Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen, +alles fragte nach dem Erzbischof. + +Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte +nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern. + +"Wo ist der Fürst?" hieß es. + +Heiser rief der Meldereiter: "Er kommt nicht!" + +Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen +konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr +durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher +Not. + +Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit +dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom +Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: "Brennt es, so lasse man es +brennen!" + +Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die +Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs +gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht +ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den +Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst +verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht, +das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte +dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst +der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden. + +Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich +diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter +verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man, +dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar +nach Rom übermittelte. + +Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige +Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des +Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ. + +Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in +der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr +abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen +Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder +celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt. +Peter abgehalten. + +Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es +nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der +fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam. +Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof +diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen. + +Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit +zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf +Dietrich eine Audienz. + +Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund, +sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß +der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag. + +Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den +Kapitulator forschend an. "Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue +Kunde von Prag eingelaufen?" + +"Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die +ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn." + +"Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu +vermelden wäre in meiner Stadt!" + +"Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir +will gefährlich erscheinen." + +Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen +durchdringend. "Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht +hindern!" meinte der Fürst dann geringschätzig. + +"Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann +gefährlich werden." + +"Wohinaus will Lamberg zielen?" + +"Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung, +die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß." + +"So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein +Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!" + +"Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir +verstatten?" + +"Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!" + +"Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch +vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser +deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit +zugleich." + +"Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und +Herr zu thun und lassen habe?!" + +"Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine +unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch +eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen." + +"Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird +mir wohl anjetzo eingekerbt?!" + +"Viel schlimmer, gnädiger Herr!" + +"Wie?" + +"Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und +zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte." + +"Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?" + +"Der Brand...." + +"Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn +nieder!" + +Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit +hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst +ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: "Niente di +male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen +das heiße Blut." + +"Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?" + +"Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb +wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber +nicht...." + +Jetzt rief Lamberg überrascht: "Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch' +infamen Argwohn entschuldbar?" + +"Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß +widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die +Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward +zum Brandstifter." + +Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung +nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte +sich Wolf Dietrich amüsiert. + +"Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen +lassen?" + +"Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der +abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!" + +"Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!" + +"So sprich, teurer Freund!" + +"Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten +Domes." + +"Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!" + +"Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag +vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft." + +"Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch +Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will +einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen." + +Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben, +konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen. + +Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus +Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt +geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht +schlummerte ein. + +Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie +im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute +Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen, +der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig +Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein. + +Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom +noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch +die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen +Kirchen provisorisch untergebracht. + +Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen +zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als +Erzbischof--nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer +Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig +und müsse daher abgetragen werden. + +Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der +massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das +Ziel doch erreicht,--der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis +auf den Grund geräumt. + +Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung +erbauen. + + + + +XIII. + + +Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch, +seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen +Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder +Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt. +Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit +am Hofe des baulustigen Erzbischofs. + +Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach +nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu +Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen +Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten +damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs +entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie +ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche +Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu +wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu +bringen. + +Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II., +dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus +den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen. +Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten +den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche +sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer +unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen +Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der +Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die +Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch, +daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben, +wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen +hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag +geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem +Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem +bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte, +als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang +des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte. + +Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar +im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über +Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem +Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen +erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen +Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in +München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der +Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de +Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den +Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht +nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den +Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse. + +Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte, +wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner +wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels +Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche +Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener +Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der +Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen. + +Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation +nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn +auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als +Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg, +indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der +gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener +Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes +gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende +Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten +frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen +verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an +Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift +anheimfallen. + +Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft +vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem +diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen +sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das +Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der +regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als +Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit +hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel +bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom +Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im +Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz +machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit +ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit +Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel +obwalten konnte. + +Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der +Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe +der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem +fürstlichen Fiskus eingeliefert. + +Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten +zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen +Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer +weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch +imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten +des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die +Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig +empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es +überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und +Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war. + +Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten +manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer +wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den +Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen. + +In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß +kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms. +"Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues +Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des +kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig +Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich +überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!" + +Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu +trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt +werden könne. + +Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: "Das sagt +Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich +gebrochen?!" "Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt +heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im +innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle +eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren +Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden +könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!" + +Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte +die weiße Stirn Salomens. + +Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: "Mein +gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!" + +"Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!" + +"In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den +Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen +Kräften sorgen--" + +"Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß +Ursach' ist zur geringsten Klage?!" + +"Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die +Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich +richten...." + +"Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder +Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für +unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!" + +"Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der +Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt +solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen +Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?" + +"Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt' +kalt dies lassen!" erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst. + +"Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein, +anzuerkennen solche Urkunde" + +Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick, +wohinaus Salome wolle. "Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht +nicht wohl aus!" + +"Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!" + +"Der--Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins +Staunen!" + +"Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort, +mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des +Stiftsherrn Urkund'----!" + +"Hm!" Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten +Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen +Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum +Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei +Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und +von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf +Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht +nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: "Solch' wichtige Sache +will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug' +behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!" + +"Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht, +es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht +viel des Guten zu versehen ist!" + +"Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!" + +Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher +Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur +das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte +aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines +gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf, +den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht +aus dem Auge verlieren zu wollen. + +Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine +Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben +gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg +berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der +Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und +katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die +Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die +protestantische Bewegungspartei habe nun die "Union" errichtet, eifrige +Katholiken seien daran, als Gegengewicht die "Liga" zu gründen, und so +frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen +oder nicht. + +Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es +unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend +welchen Ausdruck zu geben. + +Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und +überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend +aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: "Will der Bayer und +sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe +genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der +Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf +Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am +Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen +Jesuiten-Max dazu!" + +Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit +ward mit keinem Wort erwähnt. + +Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom +Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter +Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob +der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete. + +Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf +ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. "Willst wissen, Geliebte, was +meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!" + +"Betrifft es mich, gnädiger Herr?" fragte, schalkhaft werdend, Salome. + +"Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!" + +"Wen meint mein Gebieter mit sothanem 'Max'?" + +"Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen, +der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in +Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!" + +"Und das wäre?" + +"Der Herzog führte Krieg gegen--der hübschen Weiber kurze Röcke und +pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!" + +"So streng soll der Bayern-Herzog sein?" + +"Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich +Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu, +die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das +Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine +kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome +gepönt, verliert den schönen Kopf!" + +Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich +überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm +den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger +wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige +Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu +orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der +Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch +Salome nicht schwer. + +Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet +ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine +Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in +lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs +Raten verlegen und deutete das "aut Caesar aut nihil" dahin, daß der +Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun +wolle. + +Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: "Wo +der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit, +wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die +Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von +Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!" + +Vorsichtig fragte Salome: "So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft +im Erzstift an?" + +Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: "Soll er wie er +will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger +Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!" + +"Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!" + +"Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins +Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich +kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem +Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und +österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta +salisburgensis, von dem ich gesprochen!" + +Ängstlich fragte Salome: "Mußte das sein?" + +"Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein +Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen. +Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es +fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron +verschlossen!" + +"Was sagt der Bayer zu solchem Statut?" + +"Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in +Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern, +wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!" + +"Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?" + +"Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich +weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten +angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will +nicht!" + +"Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?" + +"Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken +haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist +nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes +Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr +kräftigt es den Bayer." + +In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt +gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich +keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema +wechselnd fragte Salome: "Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl +zur Tafel führen?" + +Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach +mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen +und Kämmerlinge. + +Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der +Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos +erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf. + +Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der +Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen +aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch +die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf +Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit +ausweichendem Bescheid heimkehren ließ. + +Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat +Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag, +zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche +Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer +Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten, +auf "daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden". + +Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine +Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu +präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser +Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes +zur Verfügung haben sollte. + +Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das +kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem +schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern. + +Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl +gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis +zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit +den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald +erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur +schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in +München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das +Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war. + +So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel +auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind +gegen die aufziehenden Gefahren. + +Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und +beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und +ihrer Ersparnisse. + +Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich +keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug +vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die +Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen +und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem +Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen +eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit +feenhafte Schloß 'Altenau'[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an +Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von +Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse: + + Raittnaviae stirpis divino e munere princeps + Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas + Impatiens otii, spirans magis ardua quondam, + Nunc, ubi per morbos corpore deficio, + Has tacitas aedes fessus portumque silentem + Hunc mihi semestri tempore constituo. + +Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer +und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges +Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere +Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben. + +Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben +Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur +Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses +nach 'Altenau', und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf +Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte +der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer +dräuenderen Sorgen hinter sich. + +Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich +in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet: + + "Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf + Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß + oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten + Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von + allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen, + pauen und aufrichten lassen,--auch solchen Pau Altenauen genennt. In + solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich + oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten + daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil + darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem + fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die + Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und + gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet + vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu + Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen + merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg + schaffen können. + + Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im + Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es + sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven + nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch + vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten + worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn + welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen + recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis + und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib + von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß + ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid + herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert + wirdet." + + + + +XIV. + + +Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl +in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch +Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine +Unterstützung gebeten hatte. + +Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser +erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad +vorgeschützt. + +Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von +zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel +verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken, +vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein +unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig, +auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig. + +Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens, +erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen +Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler +Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu +erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an +eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund +entbehrt. + +Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome +mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom +Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem +Kaiser Meldung zu erstatten. + +Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten +und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer +Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen +um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen +Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort +"Salzburg" fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie +geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling +diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte. + +Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: "Frau von Altenau aus Salzburg +bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang." + +Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und +murmelte: "Altenau aus Salzburg--kenn' ich nicht! Salzburg--der +widerhaarige Fürst--ja ich weiß--bin müde, führ' er den Bittsteller +herein, soll kurz es machen!" + +Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: "Euer Majestät +unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!" + +Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die +Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob +sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten. + +Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand +führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der +tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die +Dame bat, sich zu erheben. + +Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde +freundlicher. + +"Gnädigster Kaiser und Herr!" sprach bebenden Tones Salome und richtete +den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, "wollen +Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen +vorbringen zu dürfen." + +Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach +der Kaiser: "Ihr seid verheiratet? Mit wem?" + +Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das +schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach +Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: "Gnädigster Herr und Kaiser! +Mein Bund entbehrt--des kirchlichen Segens!" + +"Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!" rief Rudolf und wich einen Schritt +zurück. + +"Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!" + +"Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern +vor jeder österlichen Beichte!--Wer ist der Mann, der sich nicht scheut, +den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?" + +Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie: +"Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von +Salzburg." + +"Des Erzbischofs Wolf Dietrich?" rief überrascht und betroffen der +Kaiser aus. + +Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den +Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in +seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob. + +"Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue +Dienerin ihres geliebten Herrn!" flehte Salome. + +Herb klangen des Kaisers Worte: "Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz, +verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen +Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das +Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der +heiligen Kirche!--" + +"Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und +verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!" + +Unwillig und erregt rief Rudolf: "Weiß der Erzbischof nichts von +Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür +ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom +Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß +ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem +keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den +Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?" + +Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in +bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau: +"Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die +Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich, +die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und +kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im +salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und +Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet, +konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger +Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen, +die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich +unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen.--" + +"Ihr seid verblieben dennoch?!" + +"Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr' +ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola +nicht--" + +"Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte--" rief +erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser. + +"Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue +bewahrte mir der Herr!" + +"Und Verdammnis wird sein Euer Los!" + +"In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die +Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie +lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von +Köln!" + +"Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!" + +"Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da +nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben +schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!" + +Zaghaft und scheu sprach Rudolf: "Hab' recht ich Euch verstanden, so hat +unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er +doch die kirchliche Trauung hat vermieden?" + +Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit. + +"Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat +geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?" + +Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: "Des +Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für--meine +Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!" + +Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben. + +Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und +hoben die Händchen bittend empor. + +Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: "Was ist +Euer Begehr?" + +Innig flehte Salome: "Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer +Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten, +will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich +des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den +Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund' +meines Herrn und Gebieters!" + +"So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?" + +"Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen +Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu +Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den +unschuldigen Kindern!" + +"Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!" sprach mild der +Kaiser. + +"Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches +mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb +Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen +Bitte aus tiefstem Herzensgrund!" + +"Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen +gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch +den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein +kaiserliches Wort!" + +Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie +entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die +kaiserliche Rechte. + +"Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit +keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter +ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer +Landsassen...." + +"O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche +Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank...." + +"Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?" + +"Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es +Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt." + +"So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht +fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott, +kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures +gnädigen Kaisers!" + +Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln +lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht. + +Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das +Gemach. + +Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin: +"Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt +gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten! +Mir grauet vor solcher Beicht'!" + +Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er +selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen +seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung. + +Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau +und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte +ehelicher Geburt. + + + + +XV. + + +Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr +und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch +seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in +leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga +unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs +Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das +Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der +Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle, +hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich, +genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die +bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich +erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen +Salzburgs den Titel "celsissimus" (der "erhabenste") beilegte. + +Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen +diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig +hin; aber in München ärgerte man sich über den "celsissimus", man +verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die +Liga. + +Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche +Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt +wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße +auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und +Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der +Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde. + +Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen +empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer +nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener +Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des +Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch +auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag +und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu +Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz +des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher +Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden. + +Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im +Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der +Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse +Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr +plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war +gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich +nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen. + +Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte: +"unbeschadet seiner Gefälle", es mußte daher der Herzog die Summe von +34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei +nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog +der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse +im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um +Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede +Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden +mußten. + +So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden +übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den +Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga. + +Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl +zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu +sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch +von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn +der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im +Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das +Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten +führten, ausgedehnt wurde. + +Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des +Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre +Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie +zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem +Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden +belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der +denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und +ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern +selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also, +so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und +recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn +eher von sich selbst als von den Fertigern fordern. + +Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres "Nein", worauf +Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen +ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch +nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche +Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen +Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf +Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als +Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf +Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren +bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer +Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge +gerne zur Kenntnis genommen worden sei. + +Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten +Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen +Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu, +die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch +sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu +München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf +Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu: +"Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für +Straßenbau zur Stelle!" Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein +neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang, +Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu +konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise +könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden. + +Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende +von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl +aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee +führte. + +Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von +statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt +werden. + +Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur +noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die +Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt. +Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und +Rossen stationiert worden war. + +Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit +seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er +den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit +dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte +sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede +Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen. + +In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern +erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei +Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz +nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten. + +Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land +von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische +Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des +salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für +Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die +Forderung Maximilians zurück. + +So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten +die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf +einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von +Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000 +Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue +Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18]. + +Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch +einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet, +Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von +Böhmen--Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig--Tirol auf +neuen Wegen einzuführen. + +So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens +verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste +hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem +Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern +dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen +Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg +durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der +schwersten Geldstrafen. + +Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der +Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte +Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach +Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem +Erzbischof Beistand an. + +Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr +mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem +geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der +Unions-Bewegung war. + +Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern +für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur +Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen +zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr. +Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern +abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert. + +Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und +eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des +Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß +Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu +besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch +den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ, +die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge, +weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des +Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten +Worten vor einem Krieg. + +An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im +Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß +gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst +liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf +Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu +fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen +Herrn die Ruhe und den Frieden rauben. + +Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: "Ob schlimm, +ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft, +will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende +mache und die Propstei dem Bayer nehme." + +Erschreckt fiel Salome ein: "Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller +Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!" + +"Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille, +befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich +geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit +langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der +Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!" + +"O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird +der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und +rächen solche That!" + +"Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe +gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann +sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!" + +"Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu +klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein +Feldherr und stark sein Kriegsvolk!" + +"Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als +Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir +bei!" + +"Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen, +Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß +abfällt das Stift von Rom!" + +Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge, +und sprach: "Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich +wechseln!" + +"Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger +Herr!" + +"Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die +Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich +nichts!" + +"Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug, +verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil...." + +"Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen? +Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München +machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's +nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land +wird nimmer bayerisch!" + +"O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die +vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!" + +"Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich, +Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!" + +In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten +und rief mit flehend erhobenen Händen: "Höret nimmer auf Soldatenwort! +Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt +der ergrimmte Bayer!" + +"Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!" sprach mild der Fürst +und hob Salome zu sich empor. "Die treulich Mutterliebe spricht aus dir, +die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue +mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!" + +Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: "Könnte +verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der +deutschen Fürsten?" + +"Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und +das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!" + +Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den +kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf +Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und +Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten. + +Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein +Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem +militärischen Kleide weichen müssen. + +Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den +Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten +gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang +anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas +ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und +Domherren. + +Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit +langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln +huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte +der Erzbischof: "Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher +Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis +spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach +Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein +waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand +wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle +erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger +Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab! +Gott befohlen!" + +Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des +Befehles und verließen sogleich die Residenz. + +Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611 +erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten +der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß +der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen, +die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage +beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen +Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle. + +Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine +bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher +Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos +erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf +Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis +schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der +Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe +den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der +Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein +Schiedsgericht. + +Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den +Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof +von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden +einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den +durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen. + +Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im +Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig +geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter +Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände. + +Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen +seine Worte, als er sprach: "Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest +sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog +schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!" + +Wolf Dietrich fuhr auf: "Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab' +ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!" + +"Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat +das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die +Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!" + +"Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!" + +Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den +Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht +einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern +bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin +aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu +öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der +Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden. + +Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: "Da kommt +der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert, +ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh +sein, wenn man ihn lasset unbehelligt." + +"Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das +Reichskammergericht wendet!" + +Wieder lachte Wolf Dietrich: "Dann kann der Bayer warten bis zum +jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!" + +"Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme +Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?" + +"Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das +Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet, +meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!" + +Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: "Dann, +Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich +sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der +Herzog wird mit Krieg überziehen und--" + +"Und?" + +"Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!" + +"Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!" + +"Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden +nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem +Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer...." + +"Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers +Sieg wünschet über das Erzstift!" + +"Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der +Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!" + +Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen +seine Worte: "Du glaubst--an meinen--Sturz?!" + +"Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In +letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich +beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den +unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder! +Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers +Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder, +wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch, +so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre +Euch in dieser letzten Stunde!" + +"Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel! +Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem +Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren +Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar! +Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie +ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den +Bayer!" + +Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: "Nehmt mein Leben, +Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört +das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!" + +Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: "Ich trotz' allen! +Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und +Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring' +den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist +deine Freundschaft!" + +Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er +zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund: +"Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist +Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller!--Dem +Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte...." + +"Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!" + +Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus +dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue +Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die +beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring, +Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und +Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war +dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus +Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg +bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus +gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in +der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue +Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter +Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit +bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei +der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte, +wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im +Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege. + +"Jacta est alea!" flüsterte der treue Freund und kehrte über die +Salzachbrücke in die innere Stadt zurück. + +Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400 +Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben +und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee, +100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach +Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und +Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der +Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur +Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit +100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt. + +Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der +in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich +unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm +gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu +seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von +Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und +zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max +mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet +gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen +und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten. + +Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß +Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben +dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu +beseitigen. + +Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das +Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren. + +Graf Lodron erwiderte: "Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn +und Fürsten zu unterstützen!" + +"Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!" + +"Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine +Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des +eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom +Kapitel beauftragt bin!" + +Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: "Vom +Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst +behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird +verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich +aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den +alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem +jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!" + +Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des +Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: "Ich habe im +Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache +angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein." +Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren +und ging. + +Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum +Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel +auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die +Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen +bemüht war. + +Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des +Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler, +Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung +gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das +Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen +werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ +die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es +besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen. + +Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten, +sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser +Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich +den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge, +um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf +flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog +weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog. + +Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit +Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max +Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in +Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr +entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten +ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene +machten, die Waffen wegzuwerfen. + +Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich +so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen +in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden +bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe +mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen +Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er +an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief +seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde. + +Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich +um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber +ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen. + +Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den +Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben +möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen. + +Barsch rief der Erzbischof: "Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel +versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich +bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange +nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren +mögen sich nach Hause begeben!" + +Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich. + +Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die +Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den +Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben +heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu +kommen. + +Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich +ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu +welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte. + +Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg +holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum +Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben. + +Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs +Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern +eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß +dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch +dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian. + +Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger +Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich +geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei +Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden. + +Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges, +katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand +bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die +Friedensbedingungen verhandeln sollten. + +Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom +Herzog empfangen worden. + +Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht +Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des +Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen. + +Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf +Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des +Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei. +Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die +salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den +nächsten Tag. + +Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und +alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand +genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der +Kapitelsgesandtschaft von "schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des +Erzstiftes", Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß +Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation +des Erzstiftes beabsichtige. + +Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten +Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der +bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit +bewaffneter Hand auszubreiten. + +Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf +Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel +unterliegen. + +So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des +Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu +verjagen. + +Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es +beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo +ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns +Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und +Entscheid binnen zwei Tagen. + +Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof +die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete: +Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge +einschießen. + +Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des +Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich +zurück. + +Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in +Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen +hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn +rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen. + +Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen, +wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer +nicht viel Federlesens machen werde. + +"Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer +zwingen!" prahlte Wolf Dietrich. "Ihr seid jeden Mutes bar, feige +Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog +den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde +ich Euch türmen lassen in der Feste!" + +Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des +Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen +geradezu undenkbaren Sieg. + +Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde +ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter +Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des +Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe. + +Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: "Macht nichts! +Tittmoning ist nicht Salzburg!" und entwickelte nun eine die verzagte +Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein +kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die +Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und +Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden. + +Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz +zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er +abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich +neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit +24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen. + +Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht +bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur +Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit +zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen +Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein +Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der +fürstlichen Hofkutsche. + +Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder +mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission +übernehmen wolle. + +Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell +und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem +Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese +Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht, +der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen: +Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor +er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke. + +Demütig sprach der Guardian: "Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber +es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und...." + +"Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!" + +Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte +Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in +rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen +Grenze. + +Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er +warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen. +Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war +übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst +auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine +Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die +Unschuldigen für den Vater? + +Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer +Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur +Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze +und Geld verpacken. + +Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in +den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten +Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert +ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten +holen und ankleiden. + +So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte +sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und +von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte. + +Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten. + +"Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht, +spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen +Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins +Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!" + +"Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die +Flucht ergriffen werden?" + +"Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei! +Rette dich und die Kinder!" + +"Und mein gnädiger Herr?" + +"Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!" + +"Dann ist es meine Pflicht auszuharren...." + +"Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!" + +Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu +besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz +niederkämpfend. + +In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt. +Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile +zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen +verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach +Golling abgeschickt. + +Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen +Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick +galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen +Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den +in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch, +der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat! +Ein Sturz von schwindelnder Höhe!---- + +Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller +Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das +Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe +in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat +und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug +durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der +Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof +lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem "Türken" +befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der +Erzbischof unschädlich gemacht sei. + +Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an +Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden +war. + +Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner; +wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der +gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung +des gefürchteten Herzogs. + +In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er +sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg +bitten, ihn zu besuchen. + +Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der +Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange +Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die +Verhandlungen dadurch erleichtert werden. + +Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen +zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu +leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach +er denn schmerzbewegt: "Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe, +sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines +Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!" + +Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht +nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu +erwarten. + +Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er +verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der +Kapuziner. + +Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum +Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen +die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten +korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. "Daran geschehe ihm +unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle. +Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt, +begehre derowegen Gnad und Verzeihung."--Das zweite Schreiben war an das +Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner +Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun, +was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde. + +Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit +sie leicht gefunden werden konnten. + +Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner +noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf +und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden. +Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen +Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den +Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten +Kämmerern sprach: "Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen +Herrn!" + +Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem +Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten. + +Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten +Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben. +Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in +schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde. + +Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor +dem anrückenden Feinde. + +Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das +zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden, +und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln. +Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen +Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen, +jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und +Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog +entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens +des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun +nach seinem Gefallen schaffen könne. + +Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der +Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das +Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang +darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife, +den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder +zurückzubringen. + +Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof, +einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen +und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs +einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels +erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf +Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25. +Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter +dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg +aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte. + +Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber +begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und +Schützen, in Salzburg ein. + +Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig. +Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten +und durch den Profoßen verkünden: "Wenn sich ein Knecht ungebührlich +halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß +Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den +lichten Galgen zu henken." + +Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an +der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen. + +Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben, +ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den +Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen "schönen +Schreibkasten" anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit +bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte. + +Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während +desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis +betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen +wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die +großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten +Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine +Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem +Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des +geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von +Erklärungen legitimiert erschien. + +Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den +Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte +von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der +Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und +seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels: +der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden, +wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit, +aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu--resignieren. + +Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder. + + * * * * * + +Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den +Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg +Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie +glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser +Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in +rascher Flucht suchen! + +Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende +Raben flogen über die Burg hinweg. + +Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes. + +Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille, +traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte, +als Hufgeklapper hörbar wurde. + +Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am +Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer +begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des +Erzbischofes zu Salome. + +"Ruh' in Frieden!" flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann +der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern. +Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird? +Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich. +Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe +Stunde ist keine Menschenseele sichtbar. + +Weiter! + +Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die +Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf +Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige +Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr +von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des +mißgünstigen Bergortes Schladming. + +Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den +Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann +ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise +nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee +und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war. +Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte +nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort, +grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf. + +Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier +genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu +schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch +wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer +entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß +zurück nach Salzburg reiten. + +Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten +Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von +Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite +Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten. + +Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit +wenigen Worten. "Ein schmerzlich Wiedersehen!" meinte er unter bitterem +Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen +Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte. + +Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die +Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende +Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt +nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden. + +So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in +dem elenden Nest. + +Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte +gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück +nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über +etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des +flüchtigen Erzbischofs einzuziehen. + +In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück +und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen +Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und +salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen +und nach Salzburg einzuliefern. + +Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der +Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester +Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der +Aufbruch. + +Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg. +Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte +salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben +und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß +vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein +Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich +an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen. + +Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck, +es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde. + +Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war +erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne. +Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd +fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren. + +"Die Ross' müssen getränkt werden!" erklärte der für den Troß +verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem +Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu +Schanden reiten lasse. + +Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und +gab Befehl zum Tränken der Rosse. + +"Im Sattel bleiben!" rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante. + +So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die +Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte. + +Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja +einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen +ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen +Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den +Katschberg. + +Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel, +ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht +bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen. + +Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur +schleunigsten Flucht. + +"Rottmayer an die Spitze!" befahl der bleichgewordene Fürst. + +Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und +erklärte höhnisch: "Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich +bin hier nicht mehr Euer Diener!" + +Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen, +doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts. +"Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!" schrie der besorgte +Bruder. + +Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren +und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch +die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte +sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische +Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen. + +"Halt!" rief Hercelles und hob die Schußwaffe. + +Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem +sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den +Troß mit blank gezogenen Pallaschen. + +"Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!" rief Rittmeister +Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab. + +Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine +Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis +der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr. + +Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und +überreichte es Hercelles mit den Worten: "Nun ist alles verloren! O +Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott +der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das +Rappier, ich bin Euer Gefangener!" + +"Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es +zurück nach Moosheim!" sprach Hercelles. + +"Ich gehorche!" erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt +nach vorne sinken. + +Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden +ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie +die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur +willkommenen Beute. + +Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte +aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei +und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden +würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt +zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt. + +Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als +Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen +Raittenau für "vogelfrei" erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem +Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden. + +Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden. +Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über +den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert +und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen. + +Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome +mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch +konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer +Verbringung erfahren. + +Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter +Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach +mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten +Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde. + +Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und +überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens. + +Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem +Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge +seines Amtes als Kerkermeister waltete. + + * * * * * + +Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in +Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß +Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten +Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit +bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche +beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den +Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß +es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung +Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände +und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog +geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an +den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß +der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei, +daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere. +Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine +Truppen auf bayerisches Gebiet zurück. + +Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen +könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten. +Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen +eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner +Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden. + +Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu +geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den +Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und +Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus. + +Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und +Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen +zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst +ein. + +Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof +rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl +hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen +Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg +zurückfahren. + +Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach +München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne +Zuspruch gefangen in Hohenwerfen. + +Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen +mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof +Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der +Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht +und dem Kapitel ausgefolgt werden. + +Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring, +v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet, +die alsbald--es war der November ins erregte Land gezogen--nach Werfen +übersiedelten. + +Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau +und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit +Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach +vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden. + +Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab; +später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern +blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren +beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen. + +Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz +wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der +Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen +Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle +Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte. + +An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im +Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die +Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz +totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart +umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten +Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und +begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch +hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch +nur mit wenigen Worten. + +Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort +nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: "Ein Wort zuvor! +Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?" + +Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln. + +"Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von +Resignation ich nimmer hören!" + +Zögernd sprach Graf Lodron: "In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden +Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher +muß die Haft bis dahin währen!" + +Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: "Nimmer werd' ich +einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das +den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!" + +Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm +der Stimme des Gefangenen. + +Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung +eines bayerischen Büttels. + +Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender +Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem +Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen +werden würde. + +Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: "Wollt selbst die Büttelwach' Ihr +halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem +Anblick!" + +Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen. +Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg +weile. + +Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den +Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen. + +Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte, +ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines +Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem +Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben +dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und +Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum +Gefangenen erhielt. + +Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu +bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den +mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein +zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten +Landesherrn. + +Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum +Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich +ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und +kleinmütig. + +Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf +Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger +zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor +seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim +Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte +und nach Rudolf und Salome fragte. + +Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach +Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die +Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein +wird. + +Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der +Kinder gehalten werden solle. + +Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur +bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation. + +In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und +schluchzte. + +Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren +Entschluß gefaßt und sprach: "Wohlan! Ich will die Urkund' +unterzeichnen! Führe mich!" + +Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen +Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen +Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des +Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten. + +Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit +sei zur Anhörung der Urkunde. + +Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken. + +Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen +Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau +freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2. +soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß +gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von +Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer +jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch +besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt +des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße +Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen +dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen +demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des +Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden +sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das +Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll +auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was +vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles +dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung +kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach, +bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen +durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden; +11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß +dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als +bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit +und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern +vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht +werden. + +Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren +Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst +wehmutsvoll. "Und was wird aus meiner Gemahlin?" + +Kalt erwiderte Lodron: "Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge +tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist." + +Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen +Körper, er rang nach Atem und Entschluß. + +Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt. +Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem +entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich +hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück. + +Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und +Feder. + +Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf +und trat an des Erzbischofes Seite. + +Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem +verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer--dann ergriff +der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter. + +Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung. + +Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um +Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder. + +Kühl erwiderte Graf Lodron: "Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt +werden!" Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: "Die Kommission hat +zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen." + +Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen +Augenblick zu verweilen. + +"Was soll noch geschehen?" rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus. + +"Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung +Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc +liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!" + +Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses +Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome +zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine +Fürsorge galt nur Salome und den Kindern. + +Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine +finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken. + +Herleberg trat in den Saal und fragte: "Sind die Herren fertig?" + +Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des +Gefangenen in den Kerker. + +Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte, +nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von +gleichmütigen bayerischen Soldaten. + +Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene +harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden +malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und +den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch +Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände, +der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde +an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog. + +Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der +Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser +sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer +Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe. + +Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht +erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten +gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg +hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein +bayerischer Offizier bereits saß. + +Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der +Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl +bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den +Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste +Hohensalzburg. + +Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf +Dietrich in einer bitteren Vorahnung. + +Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der +ersten Reichsfürsten. + +Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines +abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst +zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag, +die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt. + +Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf +Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof. +Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser +umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach +der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen +und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen +Erzbischofes zu schreiten. + +Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der +bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner +Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über +des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte. + +Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift +gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles +Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit +Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das +Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf +Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen. +Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der +katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet +Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt, +dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte +mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die +Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und +Apostaten. + +Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche +durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen +hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die +Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille +untersuchen. + +Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht, +Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2. +die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht +vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe. + +Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet +haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg +zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus +entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion +ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um "diesen Mann" +beiseite zu schaffen. + +Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf +Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels +verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan +schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz +regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur +Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei. + +Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein +mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg +gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher +Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige +Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen. + +Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein +Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die +Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum +dicht besetzt. + +Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in +diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst +drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt. + +Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als +Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde +vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf +die Brust zu legen. + +Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der +Nuntius gelobte. + +Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof +nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben. + +Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine +waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles +verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die +Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden. + +Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur +Veste. + +Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum +Sommer freilassen werde. + +Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte +in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen +nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich +zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe +ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr +kommen müßte. + +Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur +Freilassung kam nicht. + +Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster +Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die +heilige Schrift und das Brevier gelassen. + +Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein +menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten +und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich. + +In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im +Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache +eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche +Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und +Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage +erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum +Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine +Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant. + +Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den +Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische +Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um +Beförderung zur Post. + +Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt, +die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben +Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof +erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines +größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen +Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem +Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung. +Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene +Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert. + +Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der +Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit +dem Gefangenen. + +Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg +abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste. + +Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den +Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die +Gefangenschaft wurde nun--verschärft. + +Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung +gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die +Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und +die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den +Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst +und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg. +Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst +wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den +apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren +sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die +großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen +Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten. + +So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu +ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends +apathisch gemacht oder aufgerieben sei. + +Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit +Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte +eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und +Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine +Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe. + +Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim +Alten. + +Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen +letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun +befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens +die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden. + +Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die +Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom +geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich +überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag. + +Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen; +man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln +und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen. + +Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den +Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine +Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte +sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den +Paulinischen Briefen. + +Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und +ein Steinleiden. + +Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist +Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den +Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen. + +Es hatte ausgelitten Celsissimus! + + + + +Fußnoten: + +[1] Eierspeise. + +[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert +auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871. + +[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde +XII, 1872. + +[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf +zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen +der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu +ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns +und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des +Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von +lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen +Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr +und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck. +Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des +Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die +Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte, +bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder +zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs +gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt +teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des +Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche +zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur +Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, "Wolf +Dietrich von Raitenau" München 1886. Rieger.) + +[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges. + +[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die +Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten +war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben. + +[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder +angeworben werden. Sie "garteten", d.h. bettelten u.s.w., und wurden +"Gartbrüder" genannt. + +[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die +deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg. + +[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen, +besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der +alten Steinhauserschen Chronik "Diser Erzbischoff kan und mag auch +billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit +allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern +auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich +spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten +zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl +armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller, +andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen +und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben. +Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten +haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das +Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen +Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis +insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch +wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und +genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach +gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit +etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein +und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue +geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch +die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und +genossen." + +[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der +Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors +Kaiserl. Rat Dr. A. Petter. + +[11] Gerhab = Vormund + +[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung, +daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle! + +[13] Keuche = Gefängnisort. + +[14] So meldet der Chronist Steinhauser. + +[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals +86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine +Kufe hielt 130-148 Pfund. + +[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk "Wolf Dietrich", München +1886.--Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an +den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe, +nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von +Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden +veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger. + +[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form +aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf +Dietrichs "Mirabella" genannt. + +[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch +einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen +Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen +ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von +Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war +holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit. +Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin +durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk +vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die +Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg +erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III. + +[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs +Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg +vollständig und historisch getreu renovieren. + +[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard +von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den +Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit +und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen +Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** + +***** This file should be named 13953-8.txt or 13953-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/9/5/13953/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Celsissimus + +Author: Arthur Achleitner + +Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Celsissimus. + + + +Salzburger Roman + + + +von + +Arthur Achleitner. + + + +Berlin. + + +Alfred Schall, + +Koenigliche Hofbuchhandlung. + +Verein der Buecherfreunde. + + + + +Vorwort. + + +Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt. + +Der geneigte Leser wolle nicht an Bischoefe und Priester unserer Zeit +denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfuersten des 16. +Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhaeltnisse der +damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch fuer die Erwaehlung eines +Kirchenfuersten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt +erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und eintraeglichen +Wuerden der Kirche, er allein war stiftsfaehig und bestrebt, solche +Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen. + +In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die +Restaurationsbewegung, von diesem Fuersten erwartete man Ausrottung des +Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung +der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Coelibates, +Anforderungen, die ueber eines selbst genialen Mannes Kraefte gehen +mussten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in roemischen Palaesten der +Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben. + +Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft +suehnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die +unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schoene +Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepraege gegeben, bestehen wird. + +Muenchen, im Herbst 1900. + +Der Verfasser. + + + + +1. + + +Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem +glaenzenden Fest, Schmaus und Tanz der Buergergeschlechter gefeiert +werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich, +in Gnaden der Buergerdeputation versprochen hatte. Demgemaess musste alles +aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitlaeufen moeglich +zu gestalten; der sonst behaebige Buergermeister Ludwig Alt hat diese +hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die +Stadtraete, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um +kraeftige Unterstuetzung angegangen, wasmassen es gilt, dem prunkliebenden +Fuersten ein seiner wuerdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wusste man +maenniglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein +Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon +einen Begriff, die unerhoerte Pracht, welche selbst der unbarmherzige +Salzburger Regen nicht zu beeintraechtigen vermochte, blendete nicht +bloss Bauern und Buerger, sie verblueffte auch den Adel. Einem solchen +kunstverstaendigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher +keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu +den Willen, und die reichen Patrizier das noetige Geld; man will dem +Landesfuersten zeigen, dass auch die Buerger der Residenz sich auf ueppige +Feste verstehen. + +So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als +in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit, +jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen. + +Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine +kaufmaennischen Talente, noch mehr aber durch seine schoene Tochter +Salome, die als das herrlichste Geschoepf Europas gepriesen ward, hatte +die Fuersorge um das Mahl uebernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht +werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tuechtigen +grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Fuer Beschaffung erlesener +Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fuernehmer Art, geschult +durch viele Reisen in Italien und Griechenland; "Vater Puchner", der +Zaepfler, hatte es uebernommen, etwaigen Wuenschen nach einem Trunk guten +Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoss musste die Musikanten +besorgen und die Anleit zum Balle geben. + +Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmueckung der Raeumlichkeiten der +Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und +grosses Ansehen genoss, und schliesslich ward fuer diesen Festabend eine +besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die maennliche +Buergerschaft zu richten hat, dieweilen das fuer die Weiberwelt nicht +noetig ist, denn diese weiss sich schon selber aufs schoenste +herauszuputzen. + +Zu Fuss und vielfach nach welscher Art in Saenften waren die Honoratioren +der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmueckt und +erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten +sich Salzburgs Frauen und Maedchen, in einer Gruppe standen eifrig +parlierend die Junker und jungen Buergersoehne, die Ratsherren hielten den +vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung +bange murmelnd. Ein Teil der Buergerschaft hingegen hatte rasch entdeckt, +dass ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht, +wohlbesetzt mit Zinnkruegen, Silberkoepfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja +auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb +kontrastierten dagegen die hoelzernen Bierbitschen. Dass alle diese +schoenen Gefaesse teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefuellt seien, +hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, dass vor Tafelbeginn +der Schenktisch nicht gepluendert werden duerfe, doch von den gewaltigen +Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwaerter fragte man nicht, +und so schluckte so mancher aus den Gefaessen, ohne lang zu fragen, ob es +erlaubt und wessen der Inhalt sei. "Was man hat, besitzt man!" groehlte +ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug. + +Im Hauptsaale, so schoen und grossartig, dass darin ein roemischer Kaiser +logieren koennte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen +wie silbernen Kannen, Bechern und Schuesseln, ausgestellt, wundersam zu +beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit +aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher +Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit +senkrecht aufragendem Stoss, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der +Untersberg, aus dessen Quellen Weisswein als Bergbruennlein +herniederrieselten. + +Lustige Weisen der Zinkenblaeser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und +Schellengeklingel toenten von der Galerie herab, den buntgeschmueckten +Festgaesten die Wartezeit bis zum Beginn zu verkuerzen, doch hoerte man +nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell +laermende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im +Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der +Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschoene Tochter bot, versetzte +die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des +Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides aeusserte. + +Salome, ein Maedchen mittlerer Groesse von kaum zwanzig Lenzen, war soeben +in den fuer die Frauen reservierten Raum getreten; laechelnd begruesste sie +die Damen, nickte den Maedchen zu und schritt langsam zur +Buergermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen +wusste, wiewohl sie wahrlich weiss, dass Salome ueber Prachtgewaender dank +der Freigebigkeit des Vaters zu verfuegen hat. Ein bezaubernder Liebreiz +ist ueber das runde Madonnenantlitz des Maedchens ausgegossen, der +schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmass auf mit einer Fuelle +reizendster Formen, die ein Maennerauge in hellstes Entzuecken versetzen +muss. Blendend weiss die reine Stirne, von blonden Loeckchen umrahmt, die +Zaehnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im +Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein +Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art, +die es vermeidet, das eigene schoene Ich irgendwie in den Vordergrund zu +draengen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen, +ein Laecheln inneren Triumphes auf den leicht geoeffneten Lippen. +Fuerstlich muss die Erscheinung des Maedchens genannt werden im weiten +blauen, mit Noerzpelz gefuetterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und +silbernen Schnueren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am +Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Aermel verbraemt mit +golddurchwirktem Tuch. + +"Gott zum Gruss, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der +Buergermeisterin gebuehrende Reverenz. + +Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Ueberraschung und musste erst +verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: "Salome! Wie eine Fuerstin +siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die +fuenfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!" + +"Gefaellt Euch das Kleid nicht? Das thaet' mich schmerzen, der gute Vater +ist zufrieden, und das macht mich immer gluecklich!" + +"Schon, gewiss auch! Aber Perlen, so viel Perlen fuer eine junge Maid! Das +ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zaehren, das hat +mein Ahnl schon gesagt!" + +"Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die schoene Salome, "ich +habe Zeit und fuerchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will +die anderen Frauen ich begruessen!" + +Indes Salome einer Fuerstin gleich und doch buergerlich bescheiden den +Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drueben, wo der +hastig geschluckte starke Suedwein die Geister bereits zu entfesseln +begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres +besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der +Getraenkevorraete vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, dass die +koestlichen Weine fuer das fuerstliche Gefolge, nicht aber fuer Schmarotzer +bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Buergersoehne +hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner +opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung. +"Festgaeste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt +sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken. +Und auf diesen Wein wird der Fuerst wohl nicht reflektieren, der hat +besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als +dieser Raifel, und der Hoepfwein gar, der hat einen Stich!" + +Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von +Weinen, die seine Zunge als fuertrefflich erkieset, beleidigte. "Die Pest +hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg, +das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer ueberhaupt vorhanden war! Und +die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!" + +"Die lasst nur huebsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist +staedtisch und gehoert uns Buergern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist +Platz genug darin, fuer Euch und den Erzbischof!" + +"Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen, +dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwaehnung des noch dazu +eben erwarteten Landesfuersten. "Wollet Ihr groehlen, wartet bessere +Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr ueber den erleuchteten erlauchten +Herrn!" + +Dem Lechner sass der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte +unbekuemmert los: "Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam +Wappen! Wisst Ihr, Bierwanst, was der Woelfen Dieter im Schilde fuehrt? Ich +will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weissen Felde! Das ist die +Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen ueber das +Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der +Erlauchte koennte Euch darauftreten, dass Ihr zwillt!" + +Bestuerzt rief Rat Thalhammer: "Haltet ein, Ihr schwaetzt Euch um den +Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spass von solcher Seite und laesst uns +entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!" + +Grimmig pfauchte Lechner: "So lasst Euch auf den Koepfen tanzen, dass es +staubt, Ihr Memmen! Ich fuercht' ihn nicht, den Woelfen Dieter samt seinen +Degen! Haha! Ein Kirchenfuerst, der spanisch herumstolziert gleich einem +geckenhaften Junker!" + +Laermender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des +Buergermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen +Landesherrn anzublasen. + +Die mit Tannengruen und den Farben Salzburgs geschmueckte Treppe herauf +stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Wuerdentraegern seines Hofes. Der +Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfuerst schmaechtig, fast klein +zu nennen, unschoen die Zuege seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften +Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und +den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte ueber diesem +Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden +Augenblick bereit, ueberraschend loszubrechen. Kaum dreissigjaehrig ging +von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes, +an eine unbeugsame Willensstaerke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs +atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs +an einen duldsamen Kirchenfuersten. Aristokrat von der Sohle bis zum +Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwaebischen und +lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann "geschwinden +Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner +Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo +seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Grossneffe des regierenden +Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch ueberragte und sechs Sprachen +beherrschte. + +Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II. +liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und +Baretts benoetigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern +geschlagen. In dieser Kleidung war der schwaebische Landjunker von +Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren +zum Fuerst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwaehlte Herr von Raittenau +liebte es auch nicht, an seine schwaebische Abkunft erinnert zu werden, +wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen. +Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der +Hohenems, ihr medizaeisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiss und +stuermisch auf zu Rom wie--verspuerbar allenthalben zu Salzburg. + +Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die +Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem +in tiefster Verbeugung gehenden Buergermeister Alt, der ehrerbietigst +Seine Hochfuerstliche Gnaden begruesste, ohne den gekruemmten Ruecken zu +heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank fuer das huldvolle +Erscheinen des gnaedigen Fuersten stammelte. + +Ein hochmuetiger Blick flog ueber des Buergermeisters Ruecken hinweg zu den +Saalthueren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien, +als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit. + +"So moegen denn Ew. Hochfuerstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen +in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glueck +hat...." + +"Will nicht hoffen! Liebe 'zitternde' Haeuser nicht! Soll ich aber den +Fuss in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch +laechelnd der junge Fuerst, worauf sich der Buergermeister erschrocken mit +seinem gutgenaehrten Baeuchlein an die Stiegenmauer drueckte. Wolf Dietrich +schritt an ihm vorueber, und Alt wollte eben dem Fuersten folgen, da +drueckte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fuerstliche +Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben +die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich laengst im +Hauptsaal angelangt, und der Buergermeister stand verdutzt an der +Stiegenmauer. + +Die Stadtraete beugten sich wie ein Aehrenfeld im Winde vor dem Gebieter, +dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso +ueberraschender wie gewinnender Liebenswuerdigkeit sprach Wolf Dietrich: +"Meinen Dank allen fuer den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst +die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzoegerung, und +Frauen soll man niemals warten lassen!" + +Auf einen Wink des Fuersten schritt der Kaemmerling an die offene Thuer des +Frauenwartegemaches und sprach: "Seine Hochfuerstliche Gnaden lassen die +Damen bitten, in den grossen Saal zu treten!" + +Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch aengstlich zugleich +wollte von den Frauen keine vortreten, und fuer die jungen Maedchen +schickte sich ein Vortritt ueberhaupt nicht. + +"Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die +verdatterte Buergermeisterin in einer schier unueberwindbaren Scheu vor +dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch +einigermassen Anteil zu haben, auf dass sothane Ehre in der Verwandtschaft +bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie +verstaendlichen Stoss mit der knoecherigen Faust und tuschelte dazu: "Geh +du voraus, dein Kleid vertraegt es!" + +"Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fuerchte mich nicht und wuesste auch keinen +Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die schoene Salome, und +schritt durch die offene Thuer in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten +nun die Frauen und Toechter und guckten sich die Augen und Haelse wund +nach dem jungen Fuersten in der spanischen Tracht. + +Noch ehe Salome die Lippen geoeffnet, um den Dank von Salzburgs Damen fuer +das gnaedige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich +in seiner impulsiven Art dem schoenen Fraeulein entgegengegangen, und +lebhaft rief der Fuerst: "Ah, welches Glueck lacht mir entgegen, des +Festes Koenigin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung +entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem +zierlichen Haendchen Salomes und drueckte galant die Lippen darauf. + +"Hochfuerstliche Gnaden!" stammelte ueberrascht die schoene Salome und +wollte die Hand zurueckziehen. + +"Nicht doch, bellissima! Gewaehrt die Gnade, dass des Stiftes Salzburg +Herr der Schoenheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir +geruhen, das Fest zu eroeffnen!" + +Salome hatte sich gefasst, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem +Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wusste, dass sie strahlend +schoen, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Maedchen ist, +und in diesem Triumph legte das Fraeulein, holdselig laechelnd, den vollen +runden Arm in jenen des jungen Fuersten. Das Paar schritt nun durch den +Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die ueberraschten +Patrizier und deren Frauen, Soehne und Toechter thaten das kluegste, indem +sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten. +Gelegenheit zum schwaetzen war dabei reichlich genug vorhanden, die +Muendchen der Damen schnurrten wie Spinnraedchen. Neues genug bringt der +neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eroeffnen, +sich ein Fraeulein herauszufischen, und das zur Festeskoenigin erkueren +und auszurufen, welch neues, ungewoehnliches Vorgehen! Wenn der Fuerst da +doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt haette! Aber so +schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus +fuerstlichem Gebluet! Es muss ihr ja der Neid lassen, dass sie schoen ist, +huebscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist, +waere es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte! +Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so +viel Perlen zu tragen! + +Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig, +als er mit der Schwaegerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner +Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiss auch +dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmuetig ist und der +junge Gebieter viel auf hoefische Formen haelt. Aber eben die so +ploetzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht +gefallen, sie verletzt durch ihre Ausserordentlichkeit. Einem Stachel +gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der +Bruder-Buergermeister von den Herren des fuerstlichen Gefolges an die +Stiegenwand gedrueckt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem +Uebermut zu viel heraus, der Buergerstolz ist verletzt und stolz waren die +Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewoehnlichen +Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fuersten die +Tochter aus dem Arm zu reissen. + +Die Muhme-Schwaegerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in +Glueckseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine +Ahnung, sie hat nur die beglueckende Auszeichnung ihrer Nichte durch den +stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der +Gebieter die Hand Salomes gekuesst, als waere die Nichte eine wahrhaftige +Prinzessin. Welches Glueck, welche Auszeichnung fuer Salome, fuer die ganze +Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiss, +welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fuerstlichen Hofe, mit dem +Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten +Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur +ein Wort kosten, und die Muhme erhaelt den paepstlichen Segen separat, nur +fuer sich! Die Buergermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kuehnheit +ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, dass der Gemahl nichts weniger denn +solche roemische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit hoeher schaetzt +als Fuerstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen liesse, +alles und just das brauchte der Buergermeister ja nicht zu wissen,--der +Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkuerlich stuetzte sie sich +fester auf den Arm des Schwagers. + +Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die juengeren Buerger, Junker, +auch die Pluenderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand +aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der +gruendlich vergraemte Buergermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht +viel Gutes zu kuenden schienen. Manches bissige Wort ueber den Fuersten und +sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Buergermeister +wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat +sein Blut erhitzt. Nicht minder aergert es Alt, dass sein Eheweib an des +Bruders Seite ersichtlich verklaert, schwimmend in Glueckseligkeit, +hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fuerstliche +Karessieren gewissermassen sanktioniert. Buergermeister Alt knurrte: +"Dumme Gans! Und Wilhelm koennte auch etwas Besseres thun, als mit der +alten Schachtel hinterdrein zu laufen!" + +Einer der Jungen, die vom Suedwein zu viel erwischten, kraehte mit +heiserer Stimme: "Guckt ihn an, den Erzbischof, der taenzelt wie ein +spanischer Junker!" + +Und ein anderer, dessen Augen bereits glaesern geworden, brachte +schluckend heraus: "Fein--wird--'s im E--e--er--z--st--st--stift!" + +Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen; +der Fuerst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jaeh abbrach, und +sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Buergermeister mit vollendeter +Liebenswuerdigkeit und Herablassung wohlwollend an: "Lieber Alt! Niente +di male! Ihr verzeiht mir wohl, dass ich im Banne der Schoenheit auf Eure +Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Koenigin in +persona eroeffnet habe. Salzburgs schoenste Maedchenblume rechtfertigt +mein Verhalten und erklaert die Begeisterung meiner Gefuehle! Gluecklich +ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen bluehen, glueckliches Salzburg, +dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfuellt! Nun, mein lieber +Buergermeister, ist es nach Eurer Absicht, so lasst uns das Mahl beginnen, +doch wuensche ich, dass zu Tisch mir des Festes Koenigin zur Partnerin +verbleibe!" + +Der Buergermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle +Ansprache warf alle Rachegedanken ueber den Haufen, sie musste einen +Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fuehlte der +Stadtvater deutlich genug, gehoert auf solche Huld eine hoefliche +Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann, +denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken +verlangen eine ueberlegte gemaechliche Aneinanderreihung. "Hochfuerstliche +Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun muss einen +Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefuegt werden koennte. + +Doch der lebhafte Fuerst sprach dazwischen: "Ihr seid also nimmer +ungehalten, solche Versoehnlichkeit ehrt Euch und laesst den milden Sinn +des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure +Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Buergermeister, lade +ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte +ich die Verkoerperung der Schoenheit, des Festes Koenigin!" + +Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des +Buergermeisters unter. + +"Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu, +dem darob die Ohren sausten. + +Die Herablassung des Landesherrn wirkte zuendend, die glaenzende +Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fuersten, ein +Tusch der Musikanten verstaerkte die brausenden Hochrufe, und in +lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die +Buergermeisterin, welche die Worte des Gebieters gluecklich erhascht +hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Ueberglueckliche ihre +Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen +verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite draengte, +lachten auf ob der Beteuerung, dass der Fuerst Verlangen trage nach der +Stadtmutter, und liessen die in ihrer Glueckseligkeit drollige Frau +bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun +wohl oder uebel zu Tisch geleiten musste. + +"Der Schoenheit Majestaet wolle mich begluecken!" fluesterte Wolf Dietrich, +als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel naeherte. + +"Hochfuerstliche Gnaden ueberschuetten mich mit Huld und Gunst in +unverdientem Masse!" erwiderte laechelnd Salome und senkte bescheiden die +Lider. + +"Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom, +vermag wahre Schoenheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie +gebuehrend zu preisen. Ich huldige der schoensten Koenigin, so die Erde +traegt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!" +Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich +seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur +Bedienung der Dame. + +Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei +Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die +Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fuersten +placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde +die Ausnahme gemacht. Dafuer sass nun die Stadtmutter zwischen den Bruedern +Alt, also immer noch in auszeichnendster Naehe des Landesherrn und +Ehrengastes. + +Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine +Tischgenossin gewendet: "Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon +einmal guenstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen +Palazzo gefuehrt?" + +Salome erhob das strahlend schoene Auge zum Gebieter, dann nickte sie und +lispelte: "Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag fuehrte mich +in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb +muss zum Einhub die Tochter kommen." + +"So waret Ihr es doch, die ich fluechtig nur bei meinem Kastner sah!" + +Salome nickte. + +"Und Euer Vater, gluecklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen +Liebreiz in sich verkoerpert, ist er hier in unserem Kreise?" + +Leise erwiderte Salome, dass der Vater zur Linken neben der Muhme Platz +genommen habe. + +"Und die Mutter?" + +"Die Teure ist seit langem uns entrissen!" + +"Wie schmerzlich muss es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch +wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in +seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den +bischoeflichen Farben geschmueckt war, zurueck, um den Blick auf Wilhelm +Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, pruefender, stechender +Blick, der dem Antlitz des Fuersten einen harten Ausdruck gab, dann +kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurueck, und freundlich, +mit gewinnender Guete und Herablassung rief Wolf Dietrich dem +Handelsherrn zu: "Wilhelm Alt, meinen Gruss! Verzeiht, dass so verspaetet +ich an Euch mich wende, Euch gluecklich preise ob der schoenen Tochter und +den Dank Euch sage dafuer, dass es mir vergoennt, die Koenigin des Festes +zur Partnerin zu haben!" + +Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem +Fuersten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb +der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen +als ein seiner Bedeutung wohlbewusster, reicher Patrizier. Ein von Liebe +und vaeterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinueber, ein +zweiter galt dem Fuersten, und dieser Blick schien pruefend, misstrauisch +zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so +wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung fuer die Tochter mache. +Der Dank fuer die Ansprache fiel etwas kuehl aus, vollendet hoeflich und +ehrerbietig, aber fuehlbar frostig. + +Sofort zeigte des Fuersten Antlitz den Zug unbeugsamer Haerte, den +Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und hoehnisch; doch +weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den +Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glaettete sich, +laechelnd gruesste der junge Kirchenfuerst unter den Worten: "Wir danken +Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht +laenger entziehen!" + +Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder +ein, sofort von der Schwaegerin interpelliert, was denn alles der gnaedige +Herr gesprochen. "Ich hoer' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter +ist daran schuld!" fuegte die neugierige Buergermeisterin hinzu. Wilhelm +Alt war boshaft genug, um der Schwaegerin zuzuwispern: "Einen Hopser will +er spaeter mit Euch machen!" Frau Alt schien das Gefluester doch +vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie +heraus: "Nicht moeglich?" Das klang so drollig, dass auch Salome ein +Kichern nicht unterdruecken konnte. + +Wolf Dietrich hatte sich an den Buergermeister gewendet, als der Gang: +"Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach +zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: "Nun wir die linde Speise +hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen, +was die Herzen meiner Salzburger beweget." + +Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat +bitter genug empfunden hatte, dass der Landesherr kaum nach seinem +Regierungsantritt von den Errungenschaften frueherer Erzbischoefe +schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des +Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fuehlbare +Veraenderung dieser Instanz hervorrufen musste. + +Ludwig Alt traute aber der "linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht +voellig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt, +namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit +auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: "Wenn wir in schuldiger +Ehrfurcht eines vom gnaedigen Herrn erbitten duerften, so waere es, dass das +Stadthaupt und der Rat gewissermassen doch auch noch etwas zu sagen +haetten!" + +Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn +hatte im Nu erfasst, wohinaus der Buergermeister zielte, doch wollte er +die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: "Wie meint Er das?" + +"Wenn Hochfuerstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur +noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft +getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischoeflichen +Behoerde uebertragen wurde, und--" + +In diesem gewichtigen, ja gefaehrlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der +in hoechster Spannung dem bedeutungsvollen Gespraech zugehoert, dem Bruder +warnend auf den Fuss. + +"Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene. + +Der Buergermeister konnte die bruederliche Warnung nicht recht deuten und +im Banne der fuerstlichen Frage rutschte ihm heraus: "Und diese Exekutive +erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibuettel, der sonst nichts ist +und nichts zu sagen hat!" + +Wolf Dietrichs Wangen faerbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende, +erblasste. Ahnunglos plauderten und assen die Festgaeste, nur in der +naechsten Umgebung des Fuersten herrschte beklemmende Ruhe. + +Wieder meisterte der Landesherr sein heisses Blut, kuehl, fast hoehnisch +sprach er: "Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer +zu deuten, so spukt in euren Koepfen der Geist der Rebellion!" + +Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: "Verstattet +gnaedigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!" + +Ueberrascht rief Wolf Dietrich: "wie? Majestaet Schoenheit will sich ins +Gebiet der Politik begeben?" + +"Verzeihung, gnaedigster Landesvater! Ich fuehle wohl den herben Tadel in +den Worten Ew. Hochfuerstlichen Gnaden und gestehe willig dessen +Berechtigung zu. Ein Weib, ein Maedchen nun gar soll schweigen, so im +Kreise bedeutender Maenner das Wohl des Landes beraten und erwogen wird. +Ein Weib--" + +"Ein fuerstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick +schien die schoene Gestalt Salomes umfassen zu wollen. + +Klug nuetzte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: "Ein Weib +versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches +Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein +kluger Manneskopf, wasmassen das Weib meist nicht von Nebendingen +beeinflusst ist." + +"Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Fuerst amuesiert. + +Tapfer behauptete Salome: "Ew. Hochfuerstliche Gnaden werden mir zugeben, +dass ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht +beeinflusst bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in +meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu +bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darueber +hinaus." + +"O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschoepf der Erde die +Schrecken des Alters heraufbeschwoeren, stoeren den harmonisch schoenen +Eindruck, der mein Herz entzueckt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte, +holde Goettin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich +kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!" + +"Und dennoch wird jene Zeit auch ueber mich kommen! Doch Euer Wunsch, +gnaedigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe--" + +"Hoert ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, "so +spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fuerstlichen +Willen, und waeren der Unterthanen alle wie Schoensalome, es waere eine +Freud' und Lust, Herr zu sein!--Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen +mag!" + +"Mein Ohm," erwiderte Salome, "der allverehrte Buergermeister hat es +ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, dass zu viel +genommen ward von den Rechten Salzburgs, dass der Rat erniedrigt sei zu +bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist +nicht viel anderes als des Stadtbuettels Nichte, nicht wert an der Seite +des gnaedigsten Fuersten und Landesherrn zu sitzen!" + +Galant erwiderte Wolf Dietrich: "Schoenheit adelt und erhebt!" + +"Mit nichten, gnaedigster Herr! Ein Fuerst wird niemals ein Weib erkueren, +das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei +engelschoen sein!" + +"Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wuenschen kann!" +schmeichelte der Fuerst, und fuegte bei: "Doch Eure Praemisse stimmt nicht: +Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von +niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur +nicht von Adel!--Ist irrig die Praemisse, kann die Folgerung nicht +richtig sein! Was aber wuenscht die verkoerperte Anmut in so bemeldter +Sache?" + +"Gebt, gnaedigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, lasst ihr ein +gewisses Mass der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen +sicher: Je lockerer der Zuegel, desto freudiger gehorcht das Ross dem +leisesten Befehl des Herrn!" + +Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis +Wolf Dietrich leise, fast mehr fuer sich zu sprechen anhub: +"Verfuehrerische Worte, suesser Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die +Landschaft stoerrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses +muehevolle Werk meiner Juristen, impossibile!" + +Salome wagte einen legten Versuch: "Verzeiht mir, hoher Herr! Die +Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermassnahme +zugestimmt!" + +"Ja doch! Laestig ist genug die hergebrachte Pflicht, dass der Fuerst die +Landschaft angehen muss bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schoene +Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefuege +Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht +aus! Wisst Ihr, warum die Staende so steuerfreudig gewesen und immer ohne +Straeuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Raetsel loesen: Hoffnung +war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fuersten Gutmuetigkeit, die +Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den +frueheren Rechten zurueckzuerlangen!" + +"Und taeuschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und +richtete den Blick direkt in des Fuersten Auge. + +Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schoenen Maedchen, vermochte Wolf +Dietrich kein schroffes, wahres "Ja" zu sagen, er griff zu Worten der +Ausflucht, indem er eine spaetere Reformierung der Angelegenheit +zusicherte. + +Ein Schatten des Unmutes huschte ueber das Antlitz Salomes, und Wolf sah +dieses Woelkchen sofort. "Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden +Tischgenossin einen Trost gewaehrt zu wissen, dass Privilegien anderer +Klassen noch reformfaehig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die +bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir +ungerecht. Muss der Buerger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus +auch! Und damit dixi!" + +Beide Alts wussten in ihrer grenzenlosen Ueberraschung nichts anderes zu +thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: "Muss der Buerger und +Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!" + +Die Frau Buergermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort "zahlen" +verstanden, und dieses Wort uebte auch auf die wuerdige Frau die gleiche +Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhaeufung von +bischoeflichen Lasten, das staendige Anziehen der Steuerschraube ein +Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen +ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwaegerin zu beruhigen durch den +Hinweis, dass es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das +sei nur in der Ordnung. + +"O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt. + +"Schweigt doch, Schwaegerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint, +sondern die reichen Kloester und Stiftsherren, die sollen nur auch +zahlen, der Fuerst hat da ganz recht!" + +Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Aeusserung vernommen, +und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen +Fuersten in rosige Laune. "Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden +den modus viviendi; der Anfang zu einer Verstaendigung zwischen Fuerst und +Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten." +Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: "Will die Wolke nicht weichen +von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der +Majestaet Schoenheit einen Dienst erweisen, sprecht, Goettin, Ihr seht den +Fuersten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl +Eurer Gnade!" + +Salome laechelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kraeuselten +sich zu leisem, gutmuetigem Spott: "Das zu glauben, hoher Herr, faellt mir +schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfuerstlichen Gnaden, hoch der +Sinn, hoch der Geist wie hoch die Wuerde! Ich moechte meinen gnaedigen +Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!" + +"Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius koennte +von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit +Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave +moecht' ich sein, so Eure Huld wuerde mich begluecken!" + +Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann fluesterte Salome: +"So mein gnaediger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die +Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfuerstliche +Gnaden um die Verlaubnis, ein Glaeschen rheinischen Weines trinken zu +duerfen auf das Wohl unseres gnaedigen Herrn!" + +"Das wollen wir freudig thun, schoene Goettin; doch nicht harter +Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der +unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum +Buergermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben +sei. + +"Zum hohen Glueck, Ew. Hochfuerstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen, +gehoert--Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die +unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte. + +"Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Fuerst. + +"Gnaediger Herr wollen mir erlauben, dass ich den dunklen Sinn der Worte +meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, "der gute Ohm wollte +sagen, dass nur Rat Thalhammer wissen koenne, ob fuer diese Tafel +gewuenschter Edelwein vorhanden sei!" + +Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schoenen +Tischgenossin: "Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir +koennen solche Redekunst fuerwahr gebrauchen!" + +"Ob die wuerdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden wuerden?" spottete +Salome. + +"Ihr moeget recht haben; fuer die alten Federfuchser sind die Folianten +gut, doch nicht die Bluete weiblicher Schoenheit und Anmut! Die Jugend +will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das muerrische +Alter!" + +Der Buergermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der +Tafel sass, citiert, und alsbald konnte der vom Fuersten gewuenschte +Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefuellt, und Wolf +Dietrich stiess mit Salome an: "Auf Euer Wohl, Koenigin! Jeder Tropfen +dieses edlen Weines aus dem sonnigen Sueden, der Heimat von Kunst, Liebe +und Wein, verlaengere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute +eine Fuelle von Glueck hienieden! Es lebe die Goettin Schoenheit, es lebe +Salzburgs holdeste Maedchenblume!" + +Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Roete bedeckte ihre Wangen, der +Becher zitterte in ihrer schmalen Hand. + +"Will meine Koenigin mir nicht einen Blick aus den suessen Augen goennen?" +fluesterte Wolf Dietrich. + +Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zoegernd +sprach sie: "Zu viel des Lobes und der Gnade faellt auf mich! Bethoerend +wirken die Worte! Zu gross ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der +Fuerst und hohe Herr, ich eines schlichten Buergers Tochter! Lasst mich im +Erdreich, in dem nur ich gedeihe!--" + +"Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Fuerst. + +"Mein gnaediger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew. +Hochfuerstlichen Gnaden und--" + +"Und?" + +"Und bitte, es moege mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!" + +"Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade +und--" + +"Und?" + +"Und Liebe!" fluesterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen +flammenden Blick zu Salome, die jaeh erroetete und verstummte. + +Verschiedene Gaenge des ueppigen Mahles waren inzwischen serviert worden, +doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet, +dass er nicht im Gespraech gestoert sein wolle. Diesem Beispiel war auch +Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es fuer seine Pflicht, zu jeglichem +Augenblick dem Fuersten zur Verfuegung zu sein, daher der Buergermeister +auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei +sich hatte, sollte nun koestlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und +zwar mit einer Neuerung im Gedeck fuer diese Zeit. Bisher war es ueblich, +des oefteren Handwasser mit Handtuechern herumreichen zu lassen, damit die +Tafelnden sich die Haende reinigen koennten. Auch heute war das der Fall +gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhoehung des +Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben +jetzt der Tafelrunde vorgefuehrt werden sollte, und diese Neuerung +bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2] +Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und +hatte angeordnet, dass zum "Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand +solle vorgelegt werden. Natuerlich interessierte es den Buergermeister am +meisten zu erfahren, was der Fuerst zu sothaner Neuerung sagen werde. + +Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespraech mit Salome vertieft +und hatte weder Aug' noch Ohr fuer die uebrige Gesellschaft. + +Laengeres Zaudern wuerde eine auffaellige Unterbrechung des Mahles +herbeifuehren, der Buergermeister musste daher das Zeichen geben, und +sogleich erschienen die Aufwaerter, deren jeder eine in der Form noch +ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes +legte. Von der schwaetzenden Menge ward das neue Instrument vielfach +nicht beachtet; einigen Gaesten aber fiel es doch sofort auf, sie +ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von +einigen vielgereisten aelteren Buergern der Gebrauch dieser neuen +Tischinstrumente erklaert wurde, konnte es an praktischen Erprobungen +nicht fehlen. Unter grosser Lebhaftigkeit ward aufgespiesst, was den +ueberraschten Gaesten erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just +recht. Voellig unbeachtet blieb die Neuerung am Praesidium der Tafel; den +Altschen Familien war sie bekannt, fuer das heutige Mahl eigens bestimmt, +und der Landesvater widmete sich ausschliesslich seiner Tischnachbarin. + +Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig +wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es moege der gnaedige Herr +doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmassen diese Leib und Seele +zusammenhalte. So liess sich denn der fuerstliche Ehrengast von den +Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der +neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Ueberraschung. + +Von Salome wunderte das den Buergermeister ja nicht, aber die +Vertrautheit des Fuersten mit dem neuen Instrument verblueffte und +enttaeuschte ihn derart, dass Ludwig Alt dem Bruder zufluesterte: "Der +kennt alles!" + +Und Wilhelm raunte zurueck: "Stimmt! Der wird uns in allem ueber!" + +Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und +dann einen Blick ueber die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn +der in grossen Mengen genossene schwere Suedwein aus Welschland uebte auf +Maennlein und Weiblein seine Wirkung aus. "Meine Salzburger lieben den +sueffigen Wein!" meinte der Fuerst zum Buergermeister, der sogleich +beteuerte, dass das gewoehnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte, +denn suesse Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen +Transport nur den bemittelten Staenden erreichbar. + +"Wird denn viel solchen Weines eingefuehrt ins Erzstift?" + +"Ew. Hochfuerstliche Gnaden unterthaenigst aufzuwarten, ja; man bringet +auf Wasser und Land ueberfluessig aus allen Landen herzu, als naemlich vom +Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsass, Franken, auch Osterwein (aus +Oesterreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus +Welschland, so man sie heisset Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von +Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und +Farnaetscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Hoepfwein und +dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero +unterthaeniger Knecht!" + +"Ich staune! Wusste wahrlich nicht, dass meine Salzburger so gern und viel +der schweren und teuren Weine trinken!" + +Voreilig sprach Ludwig Alt: "Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn! +Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so +viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten +Wandels befleissigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Maennerleut +und Weibes, ein Halbes koennen Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern +lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem +Weinteufel!" + +"Und der Buergermeister weiss sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu +steuern?" fragte der Landesherr. + +"Dero Gnaden unterthaenigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten +kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!" + +"So! Nun es erscheinet mir guenstig, dass der Landesherr sich Rats weiss, +ich weiss ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu +publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel ruecke ich an den +Leib, ich zwing' ihn, darauf koennt Ihr Euch verlassen!" + +"Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach +Salome, der die uebermaessige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich +beruehrte zu sehen, wie namentlich die jungen Buergersoehne ohne Ruecksicht +auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in grossen Mengen +zusprachen. + +"Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergoetzt! +Ich wuensche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die +Massnahmen der Regierung beraten zu koennen. Seid Ihr dazu gewillt?" + +Salome fuehlte den tieferen, verhuellten Sinn dieser Frage, und heisse Roete +schoss in des klugen Maedchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren +Koerper, bebenden Tones erwiderte sie: "Wie sollt' ich je in solche Lage +kommen? Gebannt in die engen Schranken der Haeuslichkeit, gezwungen nach +Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will +ich sagen, da Fuerstentoechter es kaum anders haben und verdorren schier +in dumpfer Kemenate!" + +"So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfuellter Welt?" + +"Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnaedigster Herr! Ich kenne die +gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne +heiss, waer' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns +einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die +uns Maedchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren +von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genuegt +zu wissen, dass fern im Sueden liegt das heilige, ewige Rom." + +"Sothanes will auch mich nicht viel beduenken, doch mag's fuer deutsche +Fuerstentoechter genuegen. Ihr aber, Schoen-Salome, wollt mit Gram +herabdruecken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespraech, die +feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die +Klage ueber geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur +staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon +einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und +warum? Weil Eures Verstandes Schaerfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum +der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethaetigt ist vom aufgeweckten +Kopf. Ihr duerstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe +Ziele, die in Maedchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich +die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes hoehere Regionen! +Mein Fuerstenwort geb' ich zum Pfand!" + +Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte +beginnen. Die hoefische Etikette verlangte vom Fuersten und Erzbischof, +sich nun ins Palais zurueckzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit +Salome noch gesprochen. "Ich sehe Euch bald wieder!" fluesterte er dem +schoenen Fraeulein zu, und ein heisses Verlangen flog durch seinen +geschmeidigen Koerper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der +Fuerst, um den nun die Hoeflinge sich scharten. + +Leutselig wandte sich der Fuerst nun an den Buergermeister und sprach in +formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzueglicher +Kanzelredner voll entsprach, seinen fuerstlichen Dank aus fuer das Fest +und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den +Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich +von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach +allen Seiten schritt der junge Fuerst durch den Saal, Trompetenschall und +Trommelwirbel ertoente, bis die Ratsherren vom Geleite zurueckkehrten. + +Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube +zurueck, um sich vom Buergermeister Naeheres ueber die fuerstlichen +Aeusserungen erzaehlen zu lassen, und die Frauen hielten ein +Plauderstuendchen ab, das voellig Salome und den ihr vom jungen Fuersten +gewordenen, geradezu auffaelligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst +fuehlte sich erschoepft und muede; jetzt sich von Junkern und Buergersoehnen +zum Tanz fuehren zu lassen, war dem Fraeulein unmoeglich. Zu viele +Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar +ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat +Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die +Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause. + +Ein durchdringender Blick schien in des Maedchens Seele lesen zu wollen, +nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifuegen, dass die Muhme +Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren +einige im Erdgeschoss des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt, +den Damen die Leuchte vorauszutragen. + +Unauffaellig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten +Gasse der Knecht das Laempchen vorantrug. Die frische Luft der +Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen +Odem ein. Frau Alt kam ausser Atem durch das hastige Fragen, was der +Fuerst denn alles zu erzaehlen wusste, und durch die begeisterten Lobreden +auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, dass +Salome sich schweigend verhielt, und dass der Knecht um eine halbe +Gassenlaenge vorausgegangen ist. Jaeh verstummte die geschwaetzige +Buergermeisterin, als hinter ihrem Ruecken eine Maennerstimme ertoente: + +"Die Schlanke ist's! Schnell!" + +Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward +von vermummten Maennern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen +herangebrachte Saenfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu +weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die +entsetzte Buergermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre +Jammertoene. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle +menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht +schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben boese Geister das Maedchen +von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken? + +Der Knecht kam missmutig ob solcher Verzoegerung zurueck und machte aus +seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der +Buergermeisterin, dass sich etwas Absonderliches ereignet haben muesse. +"Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er. + +"Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist +verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschuetzer in Nacht und Not!" +kreischte verzweifelnd Frau Alt. + +Fassungslos starrte der Knecht die Buergermeisterin an und leuchtete ihr +mit dem Laempchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als +wollte er im Schnee das verschwundene Fraeulein suchen. + +"Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Buergermeister, +vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die +Buettel fahnden! Lasst Sturm laeuten! Huhu, dort kommt wieder so ein +schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!" + +Erschrocken griff der Knecht die Buergermeisterin beim Arm und riss sie +mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im +Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entfuehrung Salomes wirkte auf die +Festgesellschaft geradezu laehmend, sie ernuechterte die Maenner und +verursachte Weibern Kraempfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu +fassen und rief immer wieder: "Nicht moeglich! Ein Maedchenraub in unserer +stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!" + +Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach raechen zu wollen, +wer immer der Maedchenraeuber sein moege. + +Saemtliche Rumorknechte und Buettel wurden aufgeboten, die nun nach Hause +verlangenden Festgaeste auf dem Heimweg schuetzend zu begleiten. Doch +nichts von Raeubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie +ausgestorben scheinenden, schneeerfuellten, vom Mondlicht schwach +erleuchteten Gassen Salzburgs. + +Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter +Anfuehrung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und +hielten bei den Tuermern Umfrage, ob jemand zu Ross, Wagen oder mit einer +Saenfte Auslass begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten +Erklaerungen der Tuermer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre +Behausungen zurueck. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein +furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte. + + + + +II. + + +Im Keutschachhofe, der erzbischoeflichen Residenz, war trotz der spaeten +Stunde reges Leben gemaess der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhaendig +festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die +hoeheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rueckkehr des Fuersten vom +Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich +zurueckzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in +Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren. + +Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fuerst den Weg zur Residenz zu +Fuss genommen, neben sich den Kaemmerer vom Dienst, einen jungen, +treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die uebrigen (im +ganzen vier) Kaemmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus +schritten die Lichttraeger, Lakaien bildeten rueckwaerts die Bedeckung. + +Was der Fuerst mit seinem Kaemmerer besprach, blieb der Begleitung +unverstaendlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen +Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und +geheimnisvoll gesprochen ward. + +Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes +naeherte, ertoente ungebuehrlicher Laerm im Palais, den des Fuersten seines +Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlasste, dem +Vorlaeufer und den Lichttraegern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er +selbst, vom Kaemmerling auf dem Fusse gefolgt, trat rasch und leise ein +und ueberrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thuerhuetern und Lakaien, +die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu +vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand +der Fuerst auch schon mitten im Knaeuel und sein Begleiter draengte +kraftvoll die Leute zurueck. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche +Ruhe, Zornesroete bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar +an. "Wer erfrecht sich bei Hof solcher Auffuehrung? Was soll der Laerm in +meinem fuerstlichen Hause? Was will das Weib zu spaeter Stunde?" + +Vor Schreck und Ueberraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand +ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem +Fuersten und bat um Barmherzigkeit in hoechster Not. + +"Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde +einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Fuerst. + +"Gnaediger Herr! Uebet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer +warten, derweil stirbt mir der Mann!" + +In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefuehl, weichen Tones fragte er +nach dem Begehr des armen Weibes. + +"Euer Gnaden Leibmedikus haett' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus +der fuerstlichen Kuchel...." + +"Ist jemand schwer krank bei dir?" + +"Ja, gnaediger Herr, der Mann und zwei Kinder!" + +"Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?" + +Einer der Lakaien erkannte die guenstige Gelegenheit, alle Schuld am +ueblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu +koennen, und erstattete Bericht, dass der Medikus es abgelehnt habe, in +spaeter Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Haeuschen des armen +Weibes, wasmassen der Medikus nur fuer den Fuersten da sei, nicht fuer das +gemeine Volk. + +Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus +augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe +verabreicht werden. Und einer ploetzlichen Gefuehlsregung folgend, wandte +sich der junge Fuerst zum Kaemmerer: "Du besorgst, was ich dir befohlen. +Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende fuer die Armen +nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichttraeger voraus!" + +Der Kaemmerer wagte zu sagen: "Hochfuerstliche Gnaden! Es ist spaet, und +schlecht der Weg hinan zum Berg!" + +"Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schoensten +Aufgaben eines Fuersten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke +Beine!" + +Auf Befehl musste das Weib mit dem Vorlaeufer vorausgehen, der Armen +schwindelte ob der jaehen Wendung und der Gewissheit, dass der hochgemute +Fuersterzbischof selbst zu spaeter Stunde Einkehr halten will in der Huette +des Elends. + +Man hatte das schier verfallene Haeuschen am Wege zum Nonnbergkloster +noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet, +nach Luft und Fassung schnappend. + +Einer der Lichttraeger musste mit in die Stube, das Weib fuehrte Wolf +Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Duerftigkeit den +an Prunk gewohnten Fuersten erschaudern liess. Auf Stroh lag der Mann, auf +einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett, +gelbfarbig, hohlaeugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger. + +Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich +die Arme zum Fuersten empor: "Habt Dank, o Herr, und helft in groesster +Not!" + +"Schrecklich!" fluesterte ergriffen Wolf Dietrich, "dieweilen man prasset +am ueppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen +Wink begann der Hofarzt seine Thaetigkeit; Wolf Dietrich liess die +inzwischen herbeigeschafften Vorraete an Wein, Fleisch und Brot in ein +Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurueck, nicht +ohne Auftrag gegeben zu haben, dass von nun an taeglich der armen Familie +Proviant aus der Hofkueche geliefert werden muesse. + +Mit einem Frohgefuehle in der Brust, schritt der Fuerst die steile, +frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte, +kuendeten vom nahen Dom die Glockenschlaege Mitternacht. + +Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur +fuer seinen Vertrauten, dem ersten der Kaemmerer, ein Auge, ihm warf er +einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt +ein Laecheln des Triumphes ueber das Antlitz des jungen, heissbluetigen +Fuersten. + +In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch +seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen liess und nun zu +fragen begann: "Ist's ohne Aufsehen geglueckt? Gab's Laerm?" + +In diskretem Fluestertone erstattete Mathias Bericht: "Es ging alles nach +Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Laerm, doch erst, +als alles laengst vorueber und verschwunden war." + +"Und hier?" + +"Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau, +bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt." + +"Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?" + +"Ja, Hochfuerstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!" + +"Gut! Ich hoffe, es ist fuer alle Bequemlichkeit Fuersorge getroffen, die +Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde +Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel +stellen zu lassen, auf alle Faelle soll einfouriert werden ueber Golling +bis nach Kaernten." + +"Wollen Hochfuerstliche Gnaden selbst verreisen?" + +"Nein, Mathias! Jedoch soll fuer eine ploetzliche Reise alles parat sein! +Du haftest mir mit deinem Kopf fuer unberuehrte Sicherheit der Dame! Du +bewachst deren Thuer selbst!" + +"Mein gnaediger Herr moege beruhigt sein und guten Schlaf geniessen! Dero +treuer Diener wird wachen und sorgen!" + +Eine praktische Einrichtung in der erzbischoeflichen Residenz war +unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder +Dienerklasse in deren betreffenden Raeumen, sodass jede Schranze ihre +dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte, +vorausgesetzt, dass der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelass +des Thuerhueters nach dem Konzept Wolf Dietrichs woertlich zu lesen[3]: + + "Thuerhuetter. + + Dess Thuerhueterss ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts + auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in dass Wart Zimmer + lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich ausser der adelss + personen vndt ettlichen fuernemen officieren geringe vndt schlechte + officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen + sondern heraussen pleiben, undt so sehr sy wass bei einem oder dem + andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter + anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen + stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt + einander vnderweilen abwexlen." + +Die Kaemmerer hatten dafuer gesorgt, dass sothane Verordnung des Fuersten +gebuehrende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der +Thuerhueter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem +Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstoessen nicht mangelte. Haeufige +Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren +denn die beiden erzbischoeflichen Thuerhueter scharf darauf aus zu +unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den +Kaemmerlingen gelassen werden duerfe. + +Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde +hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist +ungehalten, wenn vorher Gehoer erbeten wurde. + +Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer +Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche +das Misstrauen des dienstgetreuen Thuerhueters sogleich wachrief. Zwar +kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wusste, dass Alt der +reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das +totenblasse, uebernaechtige Gesicht, machte den Thuerhueter stutzig, ebenso +das verfruehte Erscheinen, und veranlasste den Mann, Herrn Alt aufmerksam +zu machen, dass die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer +erfolgen koenne. + +Alt erwiderte barsch: "Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig, +dringlich ist, was mit dem Fuersten ich zu reden habe! Meld' er mich +augenblicklich beim Kaemmerling vom Dienst!" + +"Oho! Ihr moeget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des +gnaedigen Fuersten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts +zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und +Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, dass wir +befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!" + +"Die Knochen hau' ich Ihm entzwei fuer seine Unverschaemtheit! Das fehlte +noch fuerwahr, um dem Fass den Boden vollends auszuschlagen! Die +Wirtschaft hier die schreit fuerwahr zum Himmel, und schlimmer kann es +kaum mehr werden!" + +Vom Laerm angelockt, trat der Kaemmerling vom Dienst aus dem Gemach und +der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Hoefling stutzen. + +Alt rief: "Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen vertraegt +keine Verzoegerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!" + +"Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines +regierenden Fuersten!" + +"Ein netter Fuerst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blueht, +schlimmer denn wie im welschen Reich!" + +Der Kaemmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das +Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles +Verhalten, bis die Meldung beim Fuersten erfolgt sein wuerde. "In welchem +Betreff soll ich Euch melden?" "Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter +schaendlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fuersten Arm zur Suehne +stark und lang genug sei!" + +Kopfschuettelnd verfuegte sich der Kaemmerer vom Dienst in die inneren +Apartements. + +Wolf Dietrich durchmass in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen +Schritten und unmutig ob der Stoerung rief er dem Kaemmerling zu: "Was +soll es? Ich wuensche allein zu bleiben!" + +"Eure Hochfuerstliche Gnaden wollen die Stoerung verzeihen! Ein +aussergewoehnlicher Vorfall, Maedchenraub--der Handelsherr Wilhelm Alt--" + +"Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem +Masse aufgeregt?" + +"Eure Hochfuerstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Muehe, +den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe +ermoeglichet" + +"Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es +war ja zu erwarten!" + +Wenige Minuten spaeter standen sich beide Maenner gegenueber; Wolf Dietrich +erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nuetzte +er das durch die Fenster einstroemende Tageslicht, das grell auf Alts +vergraemtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete. + +Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fuersten gebuehrende +Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, foermlichen Anrede konnte er sich +nimmer meistern, heiser rief er: "Wo ist meine Tochter?" + +Kuehl erwiderte Wolf Dietrich: "Wie soll ich das wissen? Was ist +geschehen, was wollt Ihr von mir?" + +Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf +klangen seine Worte: "Ihr wisst so gut wie ich, dass Salome in vergangener +Nacht von der Gasse weg entfuehrt worden ist!" + +"Was unterfaengt Er sich?! Vergess' Er nicht, Er stehet vor seinem +Fuersten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiss aufstieg. + +"Ich weiss, doch vermag ich laenger nicht zu meistern das Wort, zu jaeh und +wild stuermt Unglueck wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt, +Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines +Luestlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der +Fuerst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu ueben seid Ihr +verhalten, Euer Eid lastet darauf!" + +"Erst maessigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan +gehoert zu Fuessen seines Herrn!" + +"Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater. + +"Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!" + +"Ist das des Fuersten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind +fordere ich von Euch!" + +"Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Buettel ab, +das merk' Er sich! Und nicht laenger will mein Ohr des Frevels unerhoerte +Worte mehr vernehmen!" + +"Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge +um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die +Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei +den Tuermern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muss +gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!" + +"Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?" + +Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: "Ihr wisst um Salome! +Es kann kein Zweifel sein!" + +"Genug davon! Die Anmassung geht zu weit; uebermuetig war von je die +erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der +Kraemer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhaendler in meiner +Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Uebermut des +laengeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des +Herrschers starke Hand sollt fuehlen Ihr wie alle anderen uebermuet'gen +Sippen!" + +"Habt Gnade! Uebet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem +seiner Priester!" + +"Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!" + +"Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge +trueben mir den Sinn!" + +"Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!" + +"Seid barmherzig! Nur der Hoechste im Stiftland hat die Macht, mir zu +meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr koennt +wirksam helfen! Die Stadtbehoerde und die Polizei, sie versagen in der +Wirkung!" + +"Ein spaet Erkennen meiner Fuerstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den +Thalern, weiss vor Uebermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist +in Euch zu gross. In Not und Sorge aber weiss die Sippschaft sich zu +erinnern, dass ueber ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein +unwuerdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut +keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Buerger!" + +"Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter, +rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Maedchen gestern habt gehuldigt!" + +Wolf Dietrich fluesterte: "Ein fuerstlich Weib fuerwahr, zu fuernehm fuer das +Buergerpack!" + +"Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an +Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch +zur That, gebietet, Herr, lasst fahnden nach dem Schaender meiner Ehre!" + +"Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der +Fuerst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem +aufgeblasenen Buergerstolz?!" + +"Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen ueber sein Kind!" + +"Maehlich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich +drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muss wissen +ich von naechtlicher Raeuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist +Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe +Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' +gesehen!" + +"Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurueck, trat wieder vor und suchte +im Antlitz des im Schatten stehenden Fuersten zu lesen. "Nun werd' ich +irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schaender meiner Ehre! +Fluch!" + +Indes der gramerfuellte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf +Dietrich durch eine Flucht von Gemaechern in jenen Teil des +Keutschachhofes, dessen Zimmer, von aussen abgesperrt, Salome Alt zum +Naechtigen dienten. + +In einem Vorzimmer harrte als Beschliesserin und Dienerin Brigitte auf +Befehle des gefangenen Fraeuleins wie des Fuersten, der nun persoenlich +erschien, die Dienerin aufschliessen hiess und sie zu Salome schickte mit +der Anfrage, ob das Fraeulein gewillt sei, den Besuch des Fuersten +anzunehmen. + +Die von Brigitte ueberbrachte Antwort lautete: "Eine Gefangene hat keinen +Willen!" + +Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem +Degen zur Seite trug, trat in das ueppig ausgestattete Gemach, worin +Salome ueber Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem +Maedchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fuerst tief und sprach: +"Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!" + +Das Maedchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des +Gemaches. "Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit +mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Maedchen von der Gasse +wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?" + +Heiss wallte es auf im liebegluehenden Herzen des jungen, feurigen +Fuersten, der Salome doppelt schoen fand in dieser koeniglichen Haltung des +Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: "Mit welchem Recht? Erlaubet +mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz +erfuellet, mich niederzwingt zu Euren Fuessen, mich betteln macht um Eure +Gunst!" + +"Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! +Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr +veruebt, ist Strassenraub und Schaendung meines Rufes!" + +"Seid gnaedig, Salome! Hoert mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz +verdammet!" + +"Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr +gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem +schwergekraenkten Vater!" + +"Hoert mich, Salome, und uebet Gnade, ich, der Fuerst, ich bitte Euch! Wie +sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch +auszuschuetten die Gefuehle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung +Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch +zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, +so er Euren Sinn verletzt!" + +"Der Fuerst muesst' wissen, dass eines Maedchens hoechstes Gut ist Ehr' und +Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!" + +"Verzeiht den uebereilten Schritt, zu dem mein heisses Fuehlen mich +verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hoeren nur wenn frei: +offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rueckkehr ins elterliche +Haus! Koennt hoeren Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen +Worten!" + +"Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fuerstlich Wort, und bin +bereit zu hoeren!" + +"Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird +gewaehrt: Begeisterung fuer Eure Schoenheit! Bezaubert von der +Liebreizfuelle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den +Schritt und liess verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen +wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fuerder mit mir! +Messt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, dass +suedlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu +Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung +fuer Schoenheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele +duerstet nach Verwirklichung von Pracht und Schoenheit in meiner Stadt, +die Bluete Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im +kleinen will ich errichten hier und ueber alles gebieten soll das +schoenste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fuerstin sollt Ihr +sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glueck und +Ehren, Herrin ueber mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich +beglueckende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plaenen, gebt +Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir +halten Hof so stolz wie Frankreichs Koenig es nicht besser kann! Wir +schaffen fuer des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben +soll erbluehen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glueckes! +Ich will Salzburg gross gestalten, zur Heimstatt fuer die Kunst, Pracht +und Schoenheit! Kuenden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf +Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Goettin meines Lebens: +Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?" + +Der flammende Ton hoechster Begeisterung, die heisse Werbung hatte Salome +in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte +den Sinn und machte das Maedchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch +schone Bueste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Koerper, ein +Stoehnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, +strich Salome mit der zarten Hand ueber die reine, weisse Stirne. "Es kann +nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich +schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!" + +"Sagt das nicht, Koenigin meines Herzens! Ich pfaend' mein fuerstlich Wort, +hier meine Hand: Goennt Ihr mir das Glueck meines Lebens an Eurer Seite, +seid gehalten Ihr der Fuerstin gleich und Herrin ueber Salzburg und mein +stiftisch Land!" + +Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefuehle. Eine +Tochter Salzburgs aus buergerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fuerstin, +ausgeruestet mit der Machtfuelle eines Fuersten, Herrin ueber Land und Volk, +reich und maechtig zu helfen den Kleinen und Armen, maechtig, Salzburg +gross zu machen im Sinne des prachtliebenden Fuersten, und selbst zu +handeln nach eigenen Gedanken!--"Es kann nicht sein!" + +"Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zoegert Ihr?" +rief erregt der feurige Fuerst. + +"Es kann nicht sein, o Herr!--Euer Kleid--" + +"Wie?" + +"Euer Kleid soll sein des hoechsten Priesters, und der niedrigste der +Geistlichen muss--unbeweibt verbleiben wie der hoechste--!" + +"Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im +Klerus meines Landes ungepoent gethan?!" + +"So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen ueber Roms Gebot, beweiben +Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine +verbotene Ehe?" + +"Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fuerst in meinem Lande! Ich sprech' +das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' +ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!" + +"Lasst mich zum Vater!" rief erregt Salome. + +"Solch' Antwort vermag ich nur als 'nein' zu deuten, und niemals kehrt +Salome zu mir zurueck!" + +Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals +zum Fuersten und rief ihm zu: "Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um +Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewaehrt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur +ungezwungen vermag einen Entschluss ich zu fassen!" + +"Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der +Wiederkehr der--Fuerstin!" + +Waehrend Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem +Keutschachhofe in einem Zustande groesster seelischer Erregung, die sie +auf Leute wie Gassen nicht achten liess. Sie hoerte nicht die Rufe der +Ueberraschung von Buergern, die es nicht fassen konnten, das angeblich +geraubte Maedchen voellig frei zu sehen. + +Bis Salome das vaeterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung +in der Stadt verbreitet, die ueberraschende Nachricht flog von Mund zu +Mund und eine Flut von Mutmassungen floss nebenbei. + +Das Maedchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im +Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betaeubung wich im Momente, da +Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem +Jubelruf eilte sie in seine Arme. "Vater, lieber Vater!" + +"Salome! Du wieder daheim! Grosser Gott! Mein Kind, mein Kind!" + +Nach der innigen, stuermischen Begruessung und Freude der Wiederkehr der +verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube +hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen +Aussprache zwischen Vater und Tochter sein. + +Aengstlich forschenden Blickes fragte der Vater: "Ist dir kein Leids +geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? +Sprich, ich werde den unerhoerten Raub zu raechen wissen!" + +"Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!" + +"Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!" + +"Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer +schlimmen That!" + +"Den Namen nenne! Doch nein, ich weiss ihn! Mein Verdacht war rege, eh' +die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fuerst selbst gewesen, er +soll mir buessen und kostet es mein eigen Leben!" + +Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde. + +"Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten fuer den Schaender +unserer Ehre? Ich fass' es nicht! Was ist geschehen, dass wirr geworden +meiner Tochter sonst so heller Verstand?" + +Die Umarmung aufloesend, trat Wilhelm Alt zurueck, sein Blick galt +forschend der Tochter, die jaeh erroetete und dann wieder erblasste. + +"Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist raetselhaft dein +Wesen! Ist verraucht dein Maedchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn +verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hoer' es, dein Vater, der +ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine +Wahrheit zu hoeren! Du zoegerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein +furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei +meinem Zorn, sprich: Hat der Fuerst im span'schen Gewand der Gecken dir +gar von Liebe gesprochen? Ihm saeh' es gleich! Hast du den fressend +giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiss' ihn +dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet +bleiben, hoerst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in +Ehren sterben, als--ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich saeh' dich +lieber tot, denn in jenes Luestlings Armen!" + +Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich +Salome zurueck, weinend die Haende vors Gesicht geschlagen. + +"Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat +der Fant und sei er zehnmal Fuerst und Bischof, mit listig falscher +Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe +ihm und dir! Mein Fluch--" + +"Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht +erscheinen lassen koennte!" + +"Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht? +Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Woelfen Dieters +Haft und Gewalt?" + +"Ja, aber--" + +"Ich brauch' dein 'aber' nicht und weiss genug! Die Schande ist +eingekehrt in meiner Eltern ehrwuerdig hochgehalten Haus! Der naechste +Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Raechen werd' ich diese Schmach, +ich will meine Rache haben und mein--" + +"Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurueckgekehrt, +makellos, und nicht meine Schuld ist's, dass der Fuerst den Schritt +gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!" + +"Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und saeuselt +eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was +hat er sonst gesprochen?" + +"Erlass mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich +mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, +zurueckzuweisen--" + +"Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?" + +Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: "Ich konnt' +die Red' ihm nicht verbieten, der Fuerst warb um meine Hand, er will zur +Gattin mich erwaehlen und teilen Thron und Leben...." + +Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, hoehnend gellenden Tones +rief Wilhelm Alt: "Bravo! Um Coelibat und sonstige Vorschriften kuemmert +sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfaeltigen Maedchens +Sinn und Herz! Er schwaetzt von Thron und Fuerstenehren! Haha, das +Throenchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fuerstlein meint! Genug +davon! Mag der Klerus draussen und bei den Bauern im Gebirg es halten, +wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein +zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat +dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich +aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! +Niemals!" + +Grollend verliess Alt die Stube; in Thraenen aufgeloest, ausser sich blieb +Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem +Maedchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefuehl hegt +das Herz fuer Wolf Dietrich? Ist es Liebe? "Ich weiss es nicht!" fluesterte +Salome, "ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf +geschaendet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den +ich zu gehen habe!" + +Salome ward maehlich ruhiger, doch Klarheit fuer ihr Beginnen fand sie +nicht; je mehr sie darueber nachdachte, desto verworrener wurden die +Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah +sie sich an des Fuersten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als +Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wuensche in demuetiger Eile Erfuellung +fanden, einflussreich, den Fuersten beglueckend, wirkend zum Wohle des +Landes und Volkes,--und ploetzlich tauchen schwarze Schatten auf, das +Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hoert +seine Flueche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stoehnte vor +Schmerzen. + +Frueh daemmerte es an diesem Tage; draussen wirbelte ununterbrochen Schnee +herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. +Vater Alt hielt sich laenger denn sonst in den Geschaeftsraeumen auf, er +schien Salome meiden zu wollen. + +Der Einsamkeit und Stille dankte das Maedchen, Salome scheute sich, Licht +zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten muessen. Was aber +wird der Morgen, was werden die naechsten Tage bringen? Soll ein "nein" +den Wirren ein wohlthaetig Ende machen? Und wenn des Fuersten Antrag +abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde ueben? Wird der +Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die +Buergerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in +beschraenkter Art? Wer wird es glauben, dass Salome freiwillig des Fuersten +Antrag zurueckgewiesen? Wird es nicht eher heissen, sie habe sich an ihn +gedraengt und sei verdientermassen weggestossen worden? + +Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich +der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle +Gemach und rief: "Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du? +Bist du hier?" + +"Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!" + +"Nicht doch, Maedchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der +Dumper (Daemmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren +dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Buergermeister, sagte vor einem +Stuendchen erst die grosse Kunde, dass frei heimgekehrt ist unsere Salome! +Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich musst' zu dir! Gott sei +gelobt, dass wir dich wieder haben!" + +Salome war der Muhme entgegengeschritten, fasste die Hand derselben, und +geleitete die Buergermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als +Sitzplaetze dienten. + +"Nun erzaehle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!" + +Mit einem Seufzer ergab sich das Maedchen in das unvermeidliche Geschick +und schilderte in kurzen Umrissen die Entfuehrung in den Keutschachhof. + +"Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus. + +"Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?" + +"I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fuerst ist doch so +huldvoll und gnaedig gewesen, er war ganz Feuer fuer dich, hatte nur fuer +unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!" + +"Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entfuehrung eine Ehre, ich finde meinen +Maedchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht +von Schande!" + +"Der Schwager ist empfindlichen Gemuetes und nimmt alles gar zu scharf! +Gewisslich waer' die Entfuehrung eine boese Sache, haett' ein Junker oder +sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, +da unser gnaediger Fuerst erglueht fuer dich! Das finde ich eine +Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fuerst, des Erzstiftes Herr +und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, +mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! +Wolf Dietrich wird ueber kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein +ritterlicher Fuerst und Herr ist er heute schon, maechtig, hohen Sinnes! +Mir schwindelt, denk' ich es aus, dass wir gar mit dem Papst zu Rom +koennten in Beziehung kommen!" + +"Was kuemmert mich der Papst!" + +"Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser +und Koenige sich beugen! O, wenn ich es erleben koennte!" + +"Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das Maedchen. + +"Lassen wir das! Sprich und erzaehle mir lieber: Was sprach der Fuerst? +Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte +sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!" + +"Er kam am andern Morgen und--o Gott, das ist es ja, was mich so +ungluecklich macht und in Zerwuerfnis brachte mit dem guten Vater!" + +Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs hoechste +gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur moeglich hin zu Salome und +drang auf eine voellige, genaue Beichte. + +Dem Maedchen ward es wohliges Beduerfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme +auszuschuetten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome +erzaehlte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plaenen +und Absichten, den Thron zu teilen, das Buergermaedchen zur Fuerstin zu +erheben. + +"O diese Ehre!" stammelte in massloser Ueberraschung die Muhme. + +"Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!" + +"Das fass' ich nicht!" + +"Unschluessig bin ich, nicht maechtig meines Empfindens! Der Vater ist +empoert, der Fuerst als Erzbischof koenne gar nicht heiraten, sei gebunden +an die Kirche und ans Coelibat! Der Papst selbst koenne da kein Machtwort +sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!" + +"Der Papst kann alles und ein Fuerst sehr viel! Im Erzstift giebt es +genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig +ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht +verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und maechtig +genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach +eignem Willen! Fuerstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht +gesehen! Dass ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch +dankbar eingewilligt? O, das soll eine fuernehme Hochzeit werden! Traun, +mir wird heiss im Kopf, ich die Buergermeisterin verwandt mit Salzburgs +Fuerstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du +dem Fuersten gesagt auf seine Werbung?" + +"Ich weiss ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der +Fuerst mich freigegeben, mich heimkehren liess, ins vaeterliche Haus!" + +"Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?" + +"Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hoeren, niemals will er +einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin +ich ungluecklich! Doch lieber sag' ich 'nein' und weise des Fuersten +Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!" + +"Nur keine Uebereilung, Kind! Lass' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich +treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar +ins richtige Licht! Auf jedem Fall lass du aber dem Fuersten wissen, dass +du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, +verbanden?!" + +"Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fuersten gut, doch +fuehl' ich kein Stuermen und Draengen im Herzen!" + +"Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fuerstin, das ist nach meiner +Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fuerstin! Wie stolz das +klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Buergermeisterin werde diese +Angelegenheit durchfuehren, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit +meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den stoerrischen Schwaher! +Ich will verwandt werden mit dem Fuersten! Also gehorchst du, suesses +Taeubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen." + +"Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fuerchte mich +vor dem gestrengen Vater!" + +Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu +reden. Ueber die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen +beobachtet werden, damit die spaetere, ploetzliche Verlobung um so staerker +auf Salzburgs Frauen wirken koenne und muesse. + +Bald nach dem Weggang der Muhme liess Herr Alt der Tochter sagen, dass er +den Abend auswaerts verbringen und demgemaess nicht zu Tisch kommen werde. +Salome fuehlte es nur zu deutlich heraus, dass der Vater absichtlich das +eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Maedchen. + +Wenn sich die Buergermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und +Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt +des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte +Aehnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede +wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhaeltnisse, nannte die +Schwaegerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als +moeglich die Thuere von aussen zumachen und niemals wiederkehren moege. Tief +beleidigt, racheduerstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, +und in den naechsten Stunden wussten Salzburgs Buergerkreise bereits von +der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward +der Buergermeister derart bearbeitet, dass er, gegen seinen Willen, der +Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in +eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte. + +Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im +Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natuerlich mit der Entfuehrung +in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Aeusserungen, mehr minder +verhuellt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und +Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spoetter und +Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht ueber den +nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig +zu machen und zu berechnen, wieviel der Fuerst wohl fuer den Handel an den +Kraemer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und +sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurueck und mied +zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser +Schande hasste und zu beseitigen trachtete, bevor der verhaengnisvolle +Schritt einer Allianz mit dem Fuersten zur That werden koenne. + +Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf +Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und +spaeter einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause +einer Gefangenen gleich gehalten und schaerfstens ueberwacht, auf dass eine +Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der +Schwaegerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang +Weibergeschwaetz kalt gelassen hat. + +Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem +Fuersten Wolf Dietrich und rachegluehend bereit, ihren Willen gegen den +des Schwagers durchzusetzen, liess den Erzbischof wissen, dass die +Buergermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plaenen Seiner +Hochfuerstlichen Gnaden einverstanden sei, und dass der gnaedige Herr +Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Maedchens in ein +auswaertiges Kloster thun moege. + +In seiner Leidenschaft fuer die schoene Salome, deren Besitz der junge, +weltlich gesinnte Kirchenfuerst heiss begehrte, konnte Wolf Dietrich die +Beihilfe der Muhme nur freudigst begruessen; die Mitteilungen der +Buergermeisterin erklaerten auch zur Genuege, weshalb von Salome kein +Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft +eines Wolf Dietrich musste die Information von einer Unschaedlichmachung +des geliebten Maedchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu +auffordern und der heissbluetige Fuerst ging denn auch sofort daran, Herrn +Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten. + +Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fuersten bewacht, Bewaffnete +lauerten Tag und Nacht in der Naehe verborgen, und ebenso lag eine +Abteilung der erzbischoeflichen Miliz auf der Strasse nach Teisendorf mit +dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach +dem Fraeulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins +fuerstliche Palais zu verbringen sei. + +Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes +kaum misslingen; es muesste denn sein, dass das Fraeulein auf dem Wege nach +Golling ins Gebirge oder ueber Berchtesgaden verschleppt werden wuerde. +Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch +diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hiess es warten, und +heissbluetige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde +ueber das geliebte Maedchen zu erfahren, liess Wolf Dietrich Frau Alt zu +sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Saenfte, die vor dem Hause +der Altschen Familie warten musste, zur Verfuegung. + +Diese Einladung an den Fuerstlichen Hof brachte die Buergermeisterin +schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine +Geistestruebung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit +kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, +was sie ueberhaupt besass, und so ueberladen mit Tand und Schaetzen stieg +sie pfauenstolz in die Saenfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der +Gasse durch Haendewinken gruessend und sich selber vormurmelnd: "Ich komme +zu Hof, ich komme zu Hof!" + +Viel Etikettumstaende beim Empfang wurden zur Enttaeuschung der +Buergermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fuerst +hatte ausdruecklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu +bringen. Immerhin walteten die Thuersteher und der Kaemmerling vom Dienst +getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die +ueberglueckliche Frau nicht sehen. + +In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende +Buergermeisterin, muehsam den Lachreiz niederkaempfend, liebenswuerdig und +galant, so dass Frau Alt wie in einem Himmel zu sein waehnte und strahlend +vor Vergnuegen sich in einen wappengeschmueckten Stuhl fallen liess. + +Auf einen Wink entfernte sich der Kaemmerling, und nun sprach der junge +Fuerst: "Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, dass Ihr mir +neue Kunde geben koennt von Salome! Fuer Eure mich erfreuende +Unterstuetzung meiner Plaene sage ich Euch meinen Dank und gebe mein +fuerstlich Wort, dass es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so +ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des +hartkoepfigen Pfefferkraemers?" + +Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in +etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Buergermeisterin: "Euer +Fuerstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und +handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!" + +"Mi perdoni! Ich wusste das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine +Geringschaetzung verueben, was undenkbar waere, so ich gerne mit des +Kaufherrn Schwaeherin und Muhme der schoenen Salome spreche!" + +Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fuersten ihrer +Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung +auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung paepstlicher Anerkennung. + +"Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigermassen ueberrascht Wolf Dietrich +und liess den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher +gestuetzt hatte. + +"Hochfuerstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!" + +"O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtuemlicher Auffassung des +Ausdruckes, "zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr fuer +gewoehnlich konfiterieret!" + +"Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnaediger Herr! Ich moechte nur +demuetig vorbringen, dass gerne ich Euer Gnaden willfaehrig bin und mich +gluecklich schaetze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was +hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn moecht' ich mir etwas +erbitten, was Euer Fuerstliche Gnaden nur ein gutes Wort fuer Hochdero +unterthaenigste Dienerin in Rom kostet!" + +"Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?" + +"Meine hoechste Seligkeit waere ein paepstlicher Segen Seiner Heiligkeit, +aber ganz alleinig fuer mich gespendet; es darf niemand anderes daran +teilhaben, bloss ich allein!" + +Ein spoettisches Laecheln huschte ueber die Lippen Wolf Dietrichs, dann +sprach der Fuerst freundlich herablassend: "Sothaner Wunsch ehret Euch +und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfaehrige +Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wisst Neues Ihr von Salome?" + +"Das Maedchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es +ist selbst mir nicht moeglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der +Dienerschaft konnte ich erfahren, dass in Baelde schon der Schwaher +selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in +Klostermauern! Denkt nur, gnaediger Herr, ein lieblich Kind, unsere +schoene Salome, die schoenste Maid wohl von ganz Salzburg und im +stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden fuer +Lebenszeit!" + +"Das werd' ich zu verhueten wissen! Das Fraeulein will ich fuer mich, und +Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!" + +"O, habt Dank, gnaediger Herr, fuer solche Rettung! Wohl bin ich sehr +bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber +in fuerstlichem Gewande!" + +"Auch ich!" huestelte Wolf Dietrich belustigt. + +"Ich moechte Euer Hochfuerstliche Gnaden bitten, dem blutduerstigen +Rabenvater Mores zu lehren!" + +"Das soll prompt geschehen! Ihr koennt darob beruhigt sein! Wann Salome +aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?" + +"Es soll nicht laenger mehr waehren, vielleicht noch einige Tage, bis +besser wird und trocken der Weg." + +"Und wohin?" + +"Das weiss ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an +Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kaernten +und hinab ins Welschland!" + +"Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?" + +"Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe +Buergermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es groessere Undankbarkeit +wohl auf Erden geben!" + +"Nein, gewiss nicht! Ein 'undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!" +sprach ironisch der Fuerst und seine Augen lachten vergnuegt dazu. +auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glueck und +nebstbei bin auch ich geehrt, + +[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, +ist aber 1:1 aus dem Original uebernommen] + +"Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel haelt wenn meine Nichte +Fuerstin ist!" + +"Kein Zweifel, eine grosse Ehre sothane Liaison!" + +Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch uebergehen, doch Wolf Dietrichs +Geduld war bereits erschoepft, es interessierte ihn nicht im geringsten, +was die Sippen ueber ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die laengere +Anwesenheit der alten Schwaetzerin ward dem Fuersten laestig. Er gab ein +Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Hoehe fahrenden Dame +und gab Befehl, die Frau Buergermeisterin hinauszugeleiten. + +Verdutzt, in einem Gefuehle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu +sein, folgte Frau Alt dem hoeflichen und doch spoettischen Kaemmerling, die +Glueckseligkeit der Fuerstenaudienz war zu Ende, so gruendlich vorbei, dass +Frau Alt unten keine Saenfte mehr vorfand und geaergert durch das +Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln musste. + +"Sind doch das launische Leute, diese Fuersten!" zischte die vergraemte +Frau und huepfte kroetengleich ueber die Wasserlachen, bis sie tropfnass in +den Fuessen endlich das Heim erreichte. + +Unertraeglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das +Maedchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemuet und bewirkte +maehlich, dass Salome im Drang nach Freiheit nur im Fuersten allein den +Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs +beglueckend suessen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen +wohl vom Hausmaedchen, der blondzoepfigen Klara ins Gemach verbracht, doch +war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit +Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, +von herzlichstem Mitleid erfasst, vermochte Klara dem Flehen Salomens +nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab fluesternd Red' und Antwort auf +die hastigen Fragen und erzaehlte, dass die Muhme beim Fuersten in Audienz +empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein +verbreitet sei. + +Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestuermte +sie die Magd um weitere Nachrichten bezueglich der etwa bekannt +gewordenen Plaene des hartherzigen Vaters. + +Aengstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fraeulein durch eine Geste, +dass ein laermend Wort den Gebieter herbeifuehren und Strafe bringen muesste. +Das Essgeschirr zusammenraffend, fluesterte die Magd: "Ein Wagen soll Euch +morgen in frueher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe +ich's erfahren!" + +"Grosser Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich +eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen fuer dein +ganzes Leben!" + +"Still! Ich hoere Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!" + +Geraeuschlos entfernte sich die Magd. + +Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill +um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem +Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das +Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer +Aussaetzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewissheit, +die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu muessen. Salome +empfand ein Gefuehl der Dankbarkeit fuer die Muhme und deren Vermittelung +beim Fuersten, das Maedchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch +Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fuersten zeitlebens +inniger, hingebender Dank dargebracht werden. + +In trostloser Oede vergingen quaelend langsam die Stunden, bis zum Abend +Klara wieder erschien und vermeldete, dass Herr Alt ausgegangen sei, +mutmasslich, um fuer morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu +bestellen. + +Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur +Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den +Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem +strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fuerst werde beide zu schuetzen +wissen. + +Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklaerte +Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und +fortschaffen zu koennen. + +Salome bedeutete dem Hausmaedchen, dass es unnoetig sei, auch nur das +Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach +und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am +Leibe trage. + +"Koennt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara. + +Salome erroetete und fluesterte: "Ich nehme nichts mit! Der gnaedige Fuerst +wird fuer uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!" + +Nun war die Magd auch hierueber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein +Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich +hindurchwindend konnte man dem Eichenportale naeher kommen. Doch dieses +selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und +nach rueckwaerts giebt es keinen Ausweg. + +Peitschenknall ertoente draussen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk +droehnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es +lebendig. Schnell huschten die Maedchen hinter die Kisten. + +Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend ueber die +arg verspaetete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich +mit dem schlechten Zustand der Strasse und drang auf rasche Abladung, +wasmassen seine Rosse schwitzen und in den Stall kommen muessten. + +Bei truebem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die +schwere Last von Frachtguetern aus dem Sueden wurde abgeladen. Aus +Unachtsamkeit stiess einer der Knechte die Laterne um, das Licht +verloeschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse. + +Waehrend die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der +Salome auf dem Fusse folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit +geschuetzt flohen beide laengs den Haeusern die Gasse hinauf und +verschwanden um die erste Ecke. + + + + +III. + + +Ein linder Fruehling war dem langen, hartnaeckig um sein Recht kaempfenden +Winter gefolgt, weiche, warme Lueste wehten, der Foehn hatte schneller als +sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den +Thaelern gruente und spross es aufs neue, die Auen prangten im frischen +Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach +bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, dass es tief drinnen im +Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Fruehling geworden. + +Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwaende des +gigantischen Tennengebirges und westwaerts von dem Felsgewirr des +Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhuegel, auf welchem eine alte Veste +thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen +Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt +von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf dass sie dem Fuersten +zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfaellen. + +Die linde Fruehlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem +balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Luefte Italiens +gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, +urploetzlich nach Werfen ausgebrochen, und so sass er nun im bequemen +Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbraemung immer noch an +fuerstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiss in +einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und liess +zeitweilig den Blick schweifen hinueber in das Felsgewirr der wuchtigen +Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das gruene Salzachthal. +Fuer eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden +Blaetter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf +Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Traeumen ist's +mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefuehle errungenen +Glueckes, und ein zufriedenes Laecheln zeigte sich auf den Lippen, so der +Fuerst im winzigen Ziergaertchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem +eigentlichen Burggebaeude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden +Gestalt Salomes ansichtig ward. + +Die schoene Salome liebkoste manche Bluetenknospe, eine herrlich erbluehte +Blume selbst unter den Bluemelein des Gaertchens, und ihre weiche Hand +strich sanft ueber eine halberbluehte Heckenrose, deren Wurzel lieber im +bruechigen Gemaeuer zu wurzeln schien, denn in der ueppigen Gartenerde. +Mitten im taendelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene +Bluete schien sie an etwas zu gemahnen; das glueckliche Laecheln erstarb, +die Stirn umduesterte sich, das suesse Wangenrot verblasste. Die bebende +Hand brach das Heckenroeslein ab, ein Dorn riss ein, und ein Troepflein +rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger. + +Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und liess ihn aufblicken, der +Fuerst gewahrte die Veraenderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt +rief er, sich ueber die Loggienbruestung beugend, hinunter, nach der +Ursache der Verstoertheit fragend. + +Jaeh ergluehte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen +wollte, dass nichts von Belang sich ereignet habe. + +Doch der lebhafte Fuerst liess sich damit nicht beschwichtigen, er verliess +sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er +bei Salome. "Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer +Rosen pflueckt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht +und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!" + +"Nicht doch, mein gnaediger Herr! Ein Mahnen war es, das ploetzlich mich +verschreckte!" + +"Ein Mahnen? Was sollt' es sein?" + +"Ja, ein Mahnen, gnaediger Gebieter! Beim Anblick dieses halberbluehten +Roesleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, dass ich wohl selbst +nichts anders bin denn diese kaum erbluehte, schlichte Blume...." + +"Ein suess Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte +der galante Fuerst. + +"Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenroeslein nur, +die wilde Rose, wie sie waechst in Rain und Wald, entbehrend der +foerdernden Hand--" + +"Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schoen in ihrer +Schlichtheit!" + +"Doch niemals wird sie eine Edelrose!" + +Der klagende Ton fiel dem Fuersten auf, weich sprach Wolf Dietrich: +"Graeme dich nicht darob, es muss auch wilde Rosen geben!" + +Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Maedchens. + +"Was ist dir nur, Geliebte?" + +"Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das +Heckenroeslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!" + +"Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, +meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist +meines Daseins oberstes Gesetz!" + +"Steckt dieses Heckenroeslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, +eine Edelrose wird es niemals werden!" + +"Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an +meiner Seite einer Fuerstin gleich--" + +"Doch niemals ebenbuertig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine +Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn +ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!" + +"Salome! Ich bitte, jag' die trueben Gedanken weg! Nur froh und gluecklich +will meine Herzenskoenigin ich wissen, ein zufrieden suesses Laecheln als +Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames +Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!" + +"Verzeiht mir, gnaediger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, +aufheitern Euch und verschoenern gern das Leben! Doch erhoeret, Herr, auch +meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewaehrt ist dem aermsten +Paar von Euren Unterthanen!" + +Eine Falte zeigte sich in des Fuersten Stirne und Unmut auf den zur +Antwort leicht geoeffneten Lippen. + +Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des +schoenen Maedchens, kam der Kaemmerling heran, der unter einer tiefen +Verbeugung meldete, dass der Dechant von Werfen Seiner Hochfuerstlichen +Gnaden unterthaenigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im +Audienzzimmer harre des gnaedigen Empfanges. + +"Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Fuerst, und geleitete +Salome in die Burg. + +Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias +das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge +Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt +von Pagen und dem Kaemmerer sich in das Audienzgemach begab. + +Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgrosse Gestalt mit strengen +Zuegen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem +Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfuellt vom Gedanken an +priesterliche Wuerde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere +Gestalt die Verkoerperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit +in allen Dingen zu sein. + +Beim Eintritt des Fuersten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge +die Eiseskaelte und Starrheit, die Lippen oeffneten sich, ohne einen Laut +durchzulassen, grenzenlose Ueberraschung bekundete die vorgebeugte +Haltung des Koerpers und die ausgespreizten Finger beider Haende. Einen +Kirchenfuersten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant +noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs +Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer +fassungslos und schluckte, er brachte nur das "salve" heraus, alles +andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken. + +Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in +Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefuehle war, +wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, +der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fuerst hoehnend, ja aetzend +scharf rief: "Kaemmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer hoefische Sitte bei +und lehr' Er ihm, dass man den gnaedigsten Landesherrn nicht mit 'salve' +begruesst, den Fuersten auch nicht angafft!" + +Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem aeltlichen Pfarrer +keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und +hoechsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete +sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, +kleinen Fuersten. Kalt sprach der Pfarrherr: "Mit gnaediger Verlaubnis! +Einer Lektion von Hoeflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiss +Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwuerdigsten +Erzbischof!" + +Wolf Dietrich stutzte unwillkuerlich, die Gemessenheit wie Kuehnheit +dieser Ansprache liess ihn ahnen, dass dieser Pfarrer doch anders geartet +sein duerfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein +Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das +aufbrausende Temperament des Fuersten hierzu treiben wollte. Immerhin +kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: +"Es wird sich zeigen, was Er weiss und wie es bestellt--mit dem +schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Fuerst den Begleitern, sich zu +entfernen. + +Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenueber; letzterer an +Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar. + +Wolf Dietrich stuetzte die Linke auf den Degenknauf, waehrend seine Rechte +das Schnurrbaertchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein "Nun?" + +"Euer erzbischoefliche Gnaden...." + +"Man tituliert mich: Hochfuerstliche Gnaden!" + +"Euer erzbischoefliche Gnaden wollen meiner Ueberraschung, ja Verblueffung +zu Gute halten, dass mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken +blieb in der Kehle! Den hochwuerdigsten Erzbischof glaubt' ich im +kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu duerfen...." + +"Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und +Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?" + +"Euer erzbischoeflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, +wasmassen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel." + +"Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und haette vor Tagen schon +geschehen koennen. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafuer an Verstaendnis +hoefischer Sitte wie an schuldiger Unterwuerfigkeit! Merk' Er sich solche +Lehre! Und nun bericht' Er ueber Stand und Verhaeltnis seiner Pfarre!" + +"Es ist viel des Ueblen dem hochwuerdigsten Oberhirten zu referieren, +wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen +Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten +wurde." + +"Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?" + +"In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein +gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleissig, einer +davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela. +Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleissig von der Mess', hat ein frumb +Voelkel, braucht katholische Buecher, auch in der Fasten Nachmittag, hat +so lang er Priester ist, keine Koechin, haust mit seiner Schwester. Auch +einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im +Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der +Kurat von Skt. Jodok in der Einoede ist renitent, reif zum davonjagen cum +infamia, conjugatus est...." + +"Wer ist das?" + +"Der Kurat von Skt. Jodok in der Einoede, an die 70 Jahre alt und +verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande fuer meinen +Sprengel! Ich aber leid' es laenger nicht und muesst' ich nochmal Gewalt +gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers laesterliches Weib, +hinausgepruegelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die +unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr +Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem +Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schaenden unsern Stand! +Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Coelibat und sonstige +Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache +der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die +scientivische Unfaehigkeit der Gsellpriester und Einoedkuraten! Die +Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben +koennen die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den +schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kuemmerlich +lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel +soll sich ergiessen ueber solche Suender! O, helft mit beim Rettungswerke, +zur Purifikation der verderbten Sittenzustaende im Erzstift, die zum +Himmel schreien!" + +Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn noetigte +innezuhalten und Atem zu schoepfen. + +Kuehl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika +des Asketen: "Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet! +Den Mann will ich sprechen!" + +"So wollt Ihr, gnaediger, hochwuerdigster Herr und Erzbischof, statuieren +ein Exemplum?!" + +"Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf naechsten Freitag, +das ist also uebermorgen Vormittag zehn Uhr!" + +"Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant. + +"Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine +Meinung fassen ueber Mann und Weib!" + +"Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines +Sprengels?" + +"Das wird sich alles finden! Erst muss gepruefet werden! Davongejagt sind +sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an +wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch fuer diese +Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten, +nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade +Euch hiezu als Gast!" + +"Euer erzbischoeflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen +und Geheiss mich rechtzeitig einfinden!" + +Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuss und gehorsam +unterthaenig drueckte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand +des Fuersterzbischofes. + +Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das +Burggaertchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich +in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals fluesterte: "Conjugatus +est!" + +Der Ueberraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fuerstliche +Hoftafel bringen, die gemaess dem eigenhaendig entworfenen Ceremoniell Wolf +Dietrichs nach hoefischer und foermlicher Weise auch in der einsamen Burg +Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kaemmerer waren mit, ebenso einige +der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge +zur Betreuung von Kueche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der +hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk +und Chef der fuerstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das +Zeichen der Ankunft des Fuersten gegeben wurde. + +Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kaemmerer vom Dienst und der +Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich, +der am Arm die schoene Salome fuehrte und durch das Spalier der sich tief +verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete. + +Waehrend Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham +ueber ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fuersten erroetete, +fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Ueberraschung und +Schrecken ueber den unerwarteten Anblick die Augen aus den Hoehlen quollen +und der Mund weit offen stand. + +Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genaehert +und hoefischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so dass der +Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der +rettende Gedanke durch den Kopf schoss, dass die Dame moeglicherweise doch +die Schwester des Erzbischofes sei. + +Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne +abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bisschen Quaelen Spass, er +geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach +den verbluefften Pfarrer an: "Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade +gewaehret, zu huldigen der--Fuerstin!" + +"I--ich--!" schluckte der Pfarrer und wuergte, ohne den beabsichtigten +Satz: "Ich glaub's gleich?!" herauszubringen. + +Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: "Ihre Hochfuerstliche Gnaden Fuerstin +Salome, meines Lebens Sonne und Glueck!" + +Salome drueckte den Arm des Fuersten und fluesterte flehentliche Worte, +doch dieser Qual und beschaemenden Scene ein rasches Ende zu bereiten. + +Der Pfarrer aber stotterte: "Fuerstin? Ergo conjugatus est +archiepiscopus?" + +Wolf Dietrich nickte vergnuegt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck +des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblueffung. + +Doch ploetzlich veraenderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die +Herrschaft ueber sein Denken und Fuehlen wiedergewonnen und damit die +Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger +Ueberzeugung, durchglueht von fanatischem Feuer, rief er: "Haltet ein, +Herr, Fuerst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuss, ehe ich ihn +setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des grossen +Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, +nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies grosse Wort gilt heilig fuer +alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch +zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Suende wider der Kirche heiliges +Gebot? Koennet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Suende Bund? +Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Hoechste ueber uns nach +des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, +gelaeutert, befreit von der Suende Banden, wenn solches Beispiel von der +hoechsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Suende allum, +vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner +Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet +mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist +mit mir, Euch aber droht Verdammnis und----" + +Kaemmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen; +Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch +geoeffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um +Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen. + +"Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!" rief gellend der fanatische +Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg +fuehrten. + +Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des +aerztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa +konnte dem Fuersten gemeldet werden, dass der Anfall vorueber und keine +Gefahr vorhanden sei, doch beduerfe die Gnaedige der Ruhe und Schonung. + +Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen +Regierungsgeschaeften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler +ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener +Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedaechtnis und damit der +Zorn ueber die unerhoerte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den +Koerper erbeben machte und nach Rache lechzte. + +Doch ward eben vom Kaemmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich +hiess barsch, jedermann abzuweisen. + +"Es ist Domkapitular Graf Lamberg!" wagte der Kaemmerer schuechtern +einzuwenden. + +"Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Fuehr' +ihn sogleich zu mir!" Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten ueber die +Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch +gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die +aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der +Thuer und erwies dem Fuersten tiefste Reverenz. + +"Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!" rief Wolf Dietrich und +schritt dem Kapitular entgegen. + +"Euer Hochfuerstliche Gnaden wollen die Stoerung permittieren, ich komme +in dringlicher Angelegenheit!" + +"Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefueget, dass Lamberg +kommt mir sehr gelegen!" + +Nach herzlicher Begruessung, die auf vertraute Freundschaft schliessen +liess, wenngleich der Kapitular die hoefisch zeremoniellen Formen, +besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im +Erker Platz, wohin der Fuerst Erfrischungen fuer seinen Gast schaffen +liess. + +Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: "Lamberg, du kommst wie +gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht +schreite ueber einen Vermessenen!" + +Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig +flackernden Auge des fuerstlichen Freundes zu lesen. + +Rasch erzaehlte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich +umduesterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwueler +Gewitternacht. + +"Ein Affront, den ich zu raechen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu +gut fuer den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!" + +Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Fuer einen Augenblick +herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der +Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fuersten, wie wenn er damit +beruhigen wollte, und erwiderte: "Hochfuerstliche Gnaden wollen in dem +tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des +Fuersten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des +hochwuerdigsten Erzbischofs!" + +"Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem +Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu +weisen?!" + +"Mit nichten, Hochfuerstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches +Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die +Moeglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, dass +in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen hoechsten +Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Suende +erblickt im Wandel seines Bischofs." + +"Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?" rief vorwurfsvoll +der Fuerst. + +"Mit nichten ist es meine Absicht, des gnaedigsten Fuersten Thun und +Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger +Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto groesserem Freimut. Der +Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war +nicht an den Fuersten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser +Rechtslage duerfte der Fall zu erledigen sein." + +"So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen +lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!" + +"Ich kenne meinen gnaedigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten +froehlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer +Hochfuerstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam +juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach +Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann +vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer, +kann in Ekstase eine Coelibatsverletzung fuer ein Verbrechen halten, +dessen Groesse den Verstand verwirrt. Getruebten Sinnes, doch ehrlichen +Herzens dabei, laesst sich der Fanatiker hinreissen, am hoechsten +Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er fuer die gleiche Suende, +fuer Verbrechen wider die Kirche haelt!" + +"Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in +meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!" + +"Gnaedigster Herr! Uebet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiss nichts +von hoefischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefuehl und Takt. Der Mann +meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde +Weiblichkeit. Den Fuersten kann er nicht beleidigen...." + +"Und den Erzbischof?" + +"Auch den nicht! Will der gnaedigste Herr aber strafen den Vermessenen, +so moege eine Erwaegung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit +einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfuersten!" + +"So missbilligt ein Lamberg meine Wahl....?" + +"Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu missbilligen. Ich bitte nur, +jener Erwaegung eine kleine Beachtung zu goennen, sie wird wohlthaetig +wirken beim Ausmass der Strafe!" + +Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte +durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: "Ja, so spricht +ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu +lassen, faellt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken, +wasmassen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert." + +"So ist es unerschuetterlicher Wille?" + +"Ja! Und--Dir will ich's anvertrauen--erst heute wieder bat meines +Herzens Koenigin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!" + +"Nunquam!" + +"Wie?" + +"Niemals! Ich bitte Euer Hochfuerstliche Gnaden, diesen Schritt niemals +zu thun!" + +"Perche?" + +"Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?" + +"Ich bitte dich darum, mein Freund!" + +"Lebt mit Salome, gnaediger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures +Hofes, erhebt sie zur Fuerstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an +eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!" + +Stolz erwiderte Wolf Dietrich: "Ich bin der Fuerst und Herr des Landes! +Weit und maechtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem +Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Gross ist die exceptio, +ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt! +Bin ich aber nicht ein Fuerst, dem man eine Ausnahme und sei es die +groesste, kann gestatten?" + +"Ein Fuerst zum Glueck und Wohl des Landes, ein Fuerst, um den Salzburg +man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an: +Verzichtet auf das ehlich Band!" + +"Du kennst sie nicht, die suesse, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz +ihr demuetig Bitten um Legitimitaet des Bundes! Der letzte Kurat in +weltverschlagener Einoed' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund +gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der +Papst--sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen +verstattet ist--?" + +"Verstattet ist es Keinem, und Rom missbilligt jede Priesterehe! Waeren +nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der +Priesterstand unserer Tage, es gaebe keine Coelibatsverletzung, wie sie +beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom, +uneroertert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung +kirchlicher und paepstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals +gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen! +Aufgabe der Kirchenfuersten unserer Zeit ist Purifikation des +Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnaedigster Herr, +obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie loesen, wenn eine Ehe wider +paepstliches Gebot Euch die Haende bindet, Euch notgedrungen in den +Verdacht des Luthertumes bringet?!" + +"Bist du nicht paepstlicher denn der Papst, Lamberg?" + +"Nein, gnaediger Herr und Fuerst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die +Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der +unvergleichlichen Schoenheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich +eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Hoeret nicht auf Weiberbitten, +achtet nicht der Thraenen! Der Kirchenfuerst hat hoehere Pflichten! Denkt +an Bayern, Kaiser und Papst!" + +Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des +vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn +der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: "Was kuemmert +mich der Bayer, was der Kaiser!" + +"Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und +ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An +Friktionen, mein' ich unterthaenigst, wird es niemals fehlen! Und ueber +des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fuerst nicht schreiten +koennen!" + +"Du wirst kuehn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!" + +"Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnaediger Fuerst und Herr! Ich sprach +als Freund, der zu sein mich hoch beglueckt, und Freundespflicht ist es, +zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!" + +"Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber +sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in ruehrend suesser Weise?" + +"Vertroestet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die +Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!" + +"Du kennst Salome nicht und ihr suesses Bitten!" + +"Wie kaem' der Unterthan zu solchem Gluecke!" + +"Ja, ein irdisch Glueck ist mir geworden, ein traumhaft Glueck! Und +manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst +buessen fuer die Wonne des profanen Lebens!" + +"Noch lebt mein gnaediger Herr im Glueck und in der Bluete! Sorgen genug +wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit!--Doch wenn Hochfuerstliche +Gnaden verstatten, moecht' ich erwaehnen der Angelegenheit, die mich +veranlasst hat, so schnell es ging, zum gnaedigen Fuersten zu eilen!" + +"Was soll es sein?" + +"Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fuerstlicher Hofkammer, bat mich, +die Meldung fuer ihn, den Vielbeschaeftigten, zu uebernehmen, dass Salzburgs +Buergerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!" + +"Sollen dankbar sein, dass ich den Saufteufel ihnen fasse!" + +"Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des +Adels wie des hoeheren Klerus und der Kloester sich nicht durchfuehren +lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu +helfen." + +"Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgefuehrt +sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer +zahlen soll, schreit immer!--Doch genug von solchen Dingen. Behagt es +dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum +Abendbrot sehen wir uns wieder." Launig fuegte Wolf Dietrich bei: "Graf +Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem +Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner--Fuerstin?" + +"Euer Hochfuerstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank fuer sothane +Einladung und werd' mich gluecklich preisen, der gnaedigen Gebieterin die +Honneur bezeigen zu duerfen!" + +"Das klingt fuerwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir, +Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft +verstaendigen!" + +Nach kraeftigem Handschlag verliess Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald +holte der Kaemmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen +Burg anzuweisen. + +Puenktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte +Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einoede. Ein Greisenpaar, +die duennen Kopfhaare weiss, muede, abgehaermte Gestalten, gebrechlich, +hinfaellig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer +Kutte aehnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe voellig verloren hatte +und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch +der Kopf des Einoedgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weissem +Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenloechern hingen +Haarbuescheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters +Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einoeder dem +Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom +hochwuerdigsten Erzbischof. + +Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen +Geistlichen gemahnende Gestalt. "Ich weiss, dass der Jodoker Kurat zur +Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?" + +Vor Muedigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge +herab, bat der alte Mann, sich setzen zu duerfen. + +"Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird +unten im Dorf gereicht!" rief grob der Vogt. + +"Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist +mein braves Weib, das der gnaedige Herr gleich mir zu sehen wuenscht!" + +"Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und +hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich +mache Euch Beine!" + +Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand +gekleidet, das Blondhaar offen tragend ueber die Schultern gleich einem +Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung +gehoert, und Mitleid erfasste sie beim Anblick des gebrechlichen Paares, +insonders fuehlte Salome Erbarmen fuer die Greisin, die den aengstlichen +Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knoecherige Hand auf +das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: "Vogt! +Sind die Leute von Skt. Jodok, so fuehrt sie herein in die Erkerstube; +der gnaedige Herr hat Mann und Weib befohlen!" + +Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, hoeflich verbeugte er sich und +erwiderte unterwuerfig: "Der Mann sagt wohl, er waer der Jodoker Kurat, +sein Aussehen straft seine Rede Luegen! Mich will beduenken, in dem Verzug +darf niemand vor dem gnaedigen Herrn erscheinen!" + +Salome war naeher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild +die Frage: "Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?" + +Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: "I freilich, +schoenes Fraeulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der +Einoed', der Welt voellig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr +Erzbischof von uns will?" + +"Das wird der gnaedige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und +vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch +erquicken!" + +"I, ist das schoene Fraeulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch +lohnen dereinst an Euren Kindern!" + +"Pst, pst!" mahnte der Kurat. + +"I, freilich! Solche Schoenheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid +Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so +schoenes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang! +Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einoed' +und um meinen Brummbaeren besorgt, der ist aber die gute Stund' selber +und mit dem Beissen hatt' es nie Gefahr!" + +Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte +Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot; +Salome goss die Becher voll und hiess die Leutchen trinken. + +Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und +murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: "Gott vergelt' +Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Mueden und +Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr' +und Preis und auf Eure Gesundheit, Glueck und Wohlergehen hienieden!" + +"Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!" lispelte die Greisin und +nippte dann vom goldigklaren Wein. + +"Dank' Euch fuer die frumben Wuensche! In der Einoed' habt Froemmigkeit Ihr +nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!" sprach Salome, +der es ein wohlig Beduerfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk +zu sprechen. Zufaellig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster +in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des +Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlasst Salome, +dem Greisenpaar zu sagen, dass der Empfang nun wohl in wenigen +Augenblicken werde stattfinden, es moege sich das Paar daher fertig +machen. + +"O," meinte die Greisin, "fertig sind wir allzeit, da giebt's kein +Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist +Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein +gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O, +das ist ein boeser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!" + +"Nun, das ist unser gnaediger Herr gerade nicht!" laechelte Salome. + +Ein Edelknabe riss die Thuere zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite, +um den Fuersten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter +einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das +Paar wahr und verwundert sprach der Fuerst: "Ei, Salome und in +Gesellschaft?" + +"Verzeiht mir, gnaediger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, muede vom +beschwerlichen Marsch wollt' rasch staerken ich mit einem Labetrunk, eh' +vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese +Stube wir geraten!" + +"Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfuehlig zartes Herz! Nun gut, so +wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!" + +Graf Lamberg wollte sich zurueckziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich +bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der +sogleich verschwand. + +Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fuerst an den +ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: "Wie lang seid Ihr +schon Priester?" + +"Hochwuerdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Juengling mit +zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd' +ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einoed'. Auf der +Jaehrlein eines oder zwei weiss ich's genau nicht mehr." + +"Vierzig Jahre in der Einoed'!" sprach mit besonderer Betonung Wolf +Dietrich und nickte Salome zu. + +Voreilig meinte die Greisin: "In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen +die Jaehrlein wie der Bergbach geschwind!" + +Abwehrend dem Redefluss sprach der Kurat: "Verzeihet, Hochwuerdigste +Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt', +nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!" + +"Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiss der Kurat nichts von +Coelibat und paepstlicher Verordnung?" + +Der alte Leutpriester liess das Haupt sinken und stand demuetig, +zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, dass +damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgaenger des jetzigen +Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoss +genommen habe an der Priesterehe. + +"Beklagenswerte Zustaende im Landklerus!" sprach Kapitular Graf Lamberg. + +Zitternd blickte der Kurat zum Fuersten auf, in dem das Mitgefuehl sich +regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhaeltnis zu Salome +bewegen mochte. + +Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geoeffnet, wagte Salome zu sagen: +"Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und paepstlichem +Gebot! Getraut das Paar, gluecklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen +in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestossen von der Menschheit +hoch droben in der Einoede, und doch ein gluecklich Weib, getraut von +Priesters Hand!" Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein +plapperte eilig: "I freilich, schoene Frau! Zufrieden und gluecklich +lebten wir in fleissiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle +Zeit, dass er uns hat zusammengegeben! Gluecklich waren wir, bis der +schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Huette! O Gott! Was +hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein raeudiger Hund, +ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch +und Verdammnis fuer mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen +und den Leuten ein gutes Beispiel von der Naechstenliebe geben soll! Ein +harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder +heimgeschlichen, wohin ich gehoere als treues Eheweib, zum Gatten, der +jeglicher Pflege bedarf,--kein Stuendlein bin ich sicher und sie jagen +mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schoene Frau, muss ein Eheweib +nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott +gegeben vor dem heiligen Altar?" + +Wolf Dietrich nahm das Wort: "Das paepstliche Gebot bestand, es ist ein +Konzilsbeschluss, und fuer den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen +ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehoert +zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht +und Ordnung, das Erzstift muss purifizieret werden!" + +Angstvoll rief Salome: "Gnaediger Herr!" + +Der Fuerst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte: +"Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben +greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich +gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles ueberwindet! +Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten +Fuersprecherin, die ihr gefunden in Salome!" + +Graf Lamberg wollte mahnen: "Exempla trahunt!" + +Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: "Das mag im allgemeinen gelten, +und ich verschliesse mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will +mich beduenken: In jener unwirtlich schaurigen Einoed' wird die Gefahr der +Verfuehrung junger Kleriker nicht werden uebergross. Bleibt der Alte in +seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem +ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim +mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll +lassen Euch in Ruhe!" + +Glueckstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Haenden und dankte in +innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuss der Ehrfurcht auf +die Rechte des Erzbischofs drueckte und seinen Dank stammelte. + +Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich laechelnd: "Hab' ich's nach +Wunsch gethan? Nun aber sorg' fuer Atzung, schick' das Paar zum +Kuechenmeister!" + +"O, heissen Dank, gnaediger Herr und Gebieter!" lispelte ergluehend Salome +und verliess, gefolgt von den alten, glueckseligen Leuten die Erkerstube. + +Der Fuerst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine +Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu +leisten. "Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von +Salzburgs Stift und Dom?" + +"So der gnaedige Fuerst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu +sagen, zu schweigen und zu gehorchen!" + +"Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stuetze, die ich habe im +Kapitel! Allzeit ergeben, gefuegig stets dem Willen des Fuersten! Dennoch +moecht' deine Meinung hoeren ich ad hoc! Dass nach Salomens Sinn ich hab' +gehandelt, dess' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglueckt von +meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt +mein Freund?" + +"Ich fuerchte, gnaediger Herr, es ist Zwietracht gesaeet in diesem Falle!" + +"Nicht Unglueck kraechzen, Lamberg! Du weisst, ich hoer' derlei nicht gern. +Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?" + +"Kaum haett' ich anders mich erklaeret; zu ruehrend ist der Bund, die Lieb' +und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht laenger +dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht laenger +so, und eingreifen muss des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll +Ordnung werden im Erzstift!" + +"Ich fuehl' es selber und kann nicht laenger mich verschliessen solcher +Einsicht!" + +"Je frueher, gnaediger Herr, desto besser! Und wenn Hochfuerstliche Gnaden +ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch +gegen...." + +"Du meinst Salome!" sprach hastig Wolf Dietrich. "Du bist klug und weit +reicht dein Blick voraus! Meine suesse, liebe Salome! Im Widerstreit +stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, dass Salomens kluger +Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar +verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden! +Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit +einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimitaet des Bundes!" + +"Nur das nicht, gnaediger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag +paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnaedigen +Fuersten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!" + +Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und ueberliess +sich voellig tiefem Sinnen. + +Still sass ihm gegenueber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der +schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des +genial veranlagten Fuersten, und doch wieder bangend vor dem Einfluss der +schoenen Salome. + + + + +IV. + + +In der Bischofstadt gaerte es im milden Lenz aerger, denn in den Tagen, da +der junge Fuerst ein Reformationsedikt erlassen, welches die +bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im +Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese +steuerkraeftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu +beguenstigen, denn zu schaedigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen +finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stiess sich am Ton +dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die +Fuerstengewalt und ausserdem brauchte er Geld. Vielleicht waere der Fuerst +den Mahnungen zugaenglicher gewesen, wenn nicht der bischoefliche Fiskal +bald nach der Erwaehlung Wolf Dietrichs in den Buechern die Entdeckung +gemacht haette, dass die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen +ueberstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fuersten nur +veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu +beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten +die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften +Verbrauch und die Klagen des Buergermeisters ueber den "Saufteufel". Es +konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, dass die Unterthanen +nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die +Steuer aber zur Einfuehrung gebracht wurde, das bekundete ein +hervorragendes Verstaendnis fuer finanzielle Ertraegnisse, denn das Mandat +fasste die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur +Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen +waeren. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst +gebaut[5] oder von auswaerts eingefuehrt waren, wurden steuerpflichtig +erklaert; von allem ausgeschenkten Wein musste der zehnte Teil, von dem im +eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung +jeden Monat, bei Grosskonsumenten oder Haendlern jedes Quartal an die +Hofkammer abgeliefert werden. + +Diese Verfuegung wurmte die Salzburger, die Ankuendigung aber, dass die +Weinsteuer "fuer ewige Zeiten" Geltung haben solle, brachte das Blut auch +der Sanftmuetigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur +Buerger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel +treffen, und das machte die Landschaft rebellisch. + +Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den +Domkapitular Grafen Lamberg dem Fuersten melden liess. + +Zugleich aber war eine Erhoehung der Mauten und Zoelle fuer Kaufmannswaren +verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute +der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Haende +gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen. + +So musste es denn kommen, dass Buerger- und Kaufmannschaft, Adel und +Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den +Beschwerdeweg beschritten. + +Dr. Lueger wusste sich gegen dieses Anstuermen nicht anders zu helfen als +durch Berichterstattung an den Fuersten, und seine Meldung veranlasste +Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu +verlegen, wohin auch kurze Zeit spaeter Salome wieder uebersiedelte. + +Zunaechst hoerte der Fuerst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und +Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezueglich der zu +treffenden Massnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch +berief Wolf Dietrich den treubewaehrten klugen Freund Lamberg zu +gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die +Aktenstuecke verbracht wurden, ueber welchen nun Wolf Dietrich +stundenlang sass und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch +einige Erholung zu goennen. + +Liebreich doch bestimmt wies der Fuerst auf die Notwendigkeit eines +raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr +losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemaecher zurueckzog. + +Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich +vorgelassen. + +Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in +Haenden und rief dem Freunde zu: "Komm nur schnell heran, setze dich zu +mir an den Sorgentisch, hoere und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe +ich die Beschwernis des Stadtrates ueber Verletzung alter Freiheiten! Sie +wollen die neuen Mauten und Zoelle nicht zahlen und beklagen sich in +einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn +aufzueglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!" + +Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: "Auf welche +Privilegien beruft man sich?" + +"Die Freiheiten gehen um einige Saekula zurueck!" + +"Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, dass sothane Privilegia unter den +frueheren durchlauchtigsten Fuersten ihre Kraft und Wirksamkeit laengst +eingebuesst haben." + +"Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im +Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von +den Errungenschaften aus frueheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fuersten +gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen +eine Erneuerung alter, laengst erloschener Rechte!" + +Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung. + +"Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig koennen die Kaufleute Salzburgs +nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil wuerde die klugen Kraemer +sicherlich veranlasst haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist +der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist +perpetuell,--so muss es vollkommen berechtigt erscheinen, die +Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen." + +"Euer Hochfuerstliche Gnaden argumentieren voellig richtig!" + +Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: "So +werd' ich den Querulanten zu wissen thun, dass es verbleibt beim Mandat +der Mauten und Zoelle!" + +Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fuersten, als er +eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlassten zu fragen: "Du +hast Bedenken? Sprich, Lamberg!" + +"Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu aeussern, zumal bemeldte +Angelegenheiten sich voellig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise." + +"Keine Ausfluechte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil! +Sag' deine Meinung mir als treubewaehrter Freund!" + +Zoegernd begann der Kapitular zu sprechen: "Die Zeit ist schlimm, die +Erregung gross in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender +Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gaert allenthalben, und +weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stuetze fuer den gnaedigen +Fuersten...." + +"Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!" + +"Gewiss, Euer Hochfuerstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fuerst! +Doch aller Stuetzen kann fueglich nur der Allmaechtige ueber alle entraten! +Was ist ein Thron, wenn Buerger, Adel und Geistlichkeit ihn stuerzen +wollen und zum Wanken bringen?!" + +"So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die +Rebellen in den Sand!" + +"Verzeiht mir, gnaediger Fuerst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom +Thema, das zu eroertern ich sollte beflissen sein. Darf ich als +treuergebener Unterthan raten, so moechte ich submissest bitten, in +bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen." + +"Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwuerdige verschwendet, +ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir +brauchen Geld!" + +"Trotzdem moecht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenueber! Ein +partieller Nachlass der geplanten Steuer wuerde als Wohlwollen dankbarst +empfunden werden, und sothanes Wohlwollen koennte zum Beispiel immer noch +gut ein Dritteil Zollertraegnis in die Hofkammer liefern." + +"Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der +Rat an sich will gut mich beduenken, doch zu gross scheint mir sothanes +Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnuegung mit dem Dritteil +nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!" + +"Hochfuerstliche Gnaden werden hinfuero solches Wohlwollen in mehrfacher +Hinsicht von Segen begleitet finden." + +"Wie meinst du das, Freund Lamberg?" + +"Ein Nachgeben just jetzt daempft die Erregung, macht den Staendeausschuss +gefuegig fuer die Weinsteuer, und die Ermaessigung der Zoll- und +Mautgebuehren koennte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages +durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und +unmassgeblichst, dass beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhaelt +vor--Auswanderung!" + +Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im +Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und +gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Ueberlegung sprach der Fuerst: "Niemals +ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu +zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!" + +"Ein Edikt kann desgleichen verhueten! Ermaessigung der Mauten und +Zollgebuehren waere eine Gnade, deren Missbrauch mit Aufhebung der +Beguenstigung geahndet werden kann. Ebenso waere Erlass einer Instruktion +zur Durchfuehrung der Weinsteuer empfehlenswert." + +"Erst muss ich ja das Votum der Landschaft haben!" warf Wolf Dietrich +ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: "Traurig genug, dass der +regierende Fuerst das Volk um Zustimmung angehen muss! Ging' es nach +meinem Kopf, ich schickte die Staende heim fuer immer!" + +"Das koennen Hochfuerstliche Gnaden bei naechster Gelegenheit thun im Wege +einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber koennte ich ob der Folgen zu +einer Aufloesung raten!" + +"Ein kluger Rat fuerwahr! Entlassung fuer immer! Auf die Wiederberufung +koennen sie warten bis--in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!" + +Ueberrascht fragte Lamberg: "Hochfuerstliche Gnaden beabsichtigen groessere +Bauten?" + +"Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich +spaeter finden! Muss ja fuer Salome ein ihrer Schoenheit wuerdiges Heim +schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch +noch einzufordern--!" + +"Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?" fragte +Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau +kannte. + +"Sprich, Freund!" + +"Submissest wuerde ich bitten, jetzt und auch fuer das naechste Jahr in +Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei +bemerkt, auch fuer den hochseligen Erzbischof und Fuersten Georg von +Kueenburg noch nicht bezahlt ist...." + +"Nun also! Die Grundholden machen Schulden ueber Schulden, und der Fuerst +muss darben!--Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf +berechtigten Weihsteuer?" + +"Gnaedigster Fuerst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glueck +Eurer Erwaehlung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses +allseitig tiefempfundene Glueck getruebt durch Misswachs, die Unterthanen, +an sich nicht reich, sind andurch schwer geschaedigt und kaum im stande, +neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer +muesste vielen, grossen Schwierigkeiten begegnen, muesste den neuen Herrn und +Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenueber +erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn moechte ich geliebt wissen +allenthalben!" + +Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte fuer +das ehrlich offene Wort. "Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen! +Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich +begruessen zu koennen!" + +Ausweichend erwiderte Lamberg: "Wenn Hochfuerstliche Gnaden verstatten, +moechte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen, +um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!" + +"Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnuegt zusammen speisen und +haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung. +Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg +meiner Salome Gesellschaft leisten!" Dies sprechend gab der Fuerst ein +Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kaemmerer, den Domkapitular der +Fuerstin anzumelden und dorthin zu geleiten. "Auf Wiedersehen, Graf, bei +Tisch!" + +Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verliess Lamberg das +fuerstliche Arbeitsgemach und folgte den Kaemmerer in die Apartements der +Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmueckten Zimmern +als auch an den Korridorwaenden viele neue Gemaelde erblickte, die Wolf +Dietrich wohl erst vor kurzem musste angeschafft haben und welche +vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten +aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fuersten alle Ehre +machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete +dem Bild eine fluechtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom +Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen +Originals zu sein schien. + +Dienstbereit glaubte der Kaemmerer sagen zu sollen, dass dieses Bild erst +vor wenigen Tagen aus Rom fuer den gnaedigen Fuersten angekommen sei. + +Lamberg erwiderte kuehl: "Ich kenne das Original zu Rom!" + +"Das waere etwas fuer die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines +Erzbischofes duerfen nur Heiligenbilder sein!" meinte der Kaemmerling. + +"Es wird ausschliesslich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen +Fuersten sein, den Palast nach Gutduenken auszuschmuecken!" sprach +abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxurioes +ausgeschmueckten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der +Kaemmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab. + +Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Haeusern verkehrt +hatte, wunderte sich ueber die kostbare Ausstattung der fuerstlichen +Gemaecher keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer +Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in +Zusammenhang mit der eben gehoerten Klage des Fuersten ueber den +herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der +Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn +auch in dieser Richtung und fuehrten zu Bedenken schwerer Art fuer die +Zukunft. So kurze Zeit der Fuerst regiert, er ist bereits auf +gefaehrlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird +sicher noch zu den aergerlichsten Folgen fuehren. Dass Rom daran noch +keinen Anstoss genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne +Zeit seit Entrierung dieses Verhaeltnisses sowie aus dem Umstand zu +erklaeren, dass der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen +guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darueber ist sich +Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Moeglichkeit wenigstens eine +wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des +Freundes. + +In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und +schreckte fast zusammen, als der Kaemmerling meldete, dass die Gebieterin +bereit sei, den Grafen zu empfangen. + +Lamberg zwang sich zu hoefischen Formen und scheuchte die ernsten +Gedanken hinweg. Ganz Hoefling und mit laechelnder Miene trat er in das +mit fuerstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome +auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschaeftigt +sass. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres +blonden Haares wahrhaft entzueckend aus, und Lamberg musste den Fuersten in +diesem Augenblick wirklich entschuldigen. + +Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick +gemustert, dann aber sprach sie laechelnd: "Willkommen, Graf, in meinem +Reich!" und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz +zu nehmen. + +Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und +erwiderte: "Seine Hochfuerstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen +und mir aufgetragen, vorher in diesen Raeumen meine submisseste +Aufwartung zu machen!" + +Salome hatte augenblicklich die Situation erfasst und schnell sprach sie: +"So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl +des gnaedigen Fuersten?!" + +"Gewiss!" klang es trocken, doch fuegte der Kapitular sogleich hinzu: "Wie +sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges +ohne Befehl gelangen!" + +"Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewaertig +sein!" + +Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: "Ich kann nur heissen Dank +fuer die wohlwollende Gesinnung zu Fuessen legen der ebenso schoenen als +guten gnaedigen Frau!" + +"Frau?! Ihr wisst so gut wie ich, dass keinen Anspruch ich geniesse auf +dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter +sothanem Mangel der Legitimitaet!" + +"Gnaedige Gebieterin leiden zu wissen, beruehrt schmerzlich Dero +unterthaenigsten Diener!" + +"Wenn Ihr heget Mitgefuehl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes +Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!" + +"Ihr ueberschaetzet wohl im heissen Drange meine schwache Kraft, gnaedige +Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermoegen des hohen Herrn Plaene zu +beeinflussen?!" + +"Graf Lamberg ist des Fuersten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur +will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfuehlender Freund?" + +Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome, +senkte dann wieder die Lider und sprach leise: "Was koennt' meine +Freundschaft Euch auch nuetzen?!" + +"Mein Ohr vernimmt das 'Nein', so warm auch klingt der Ton der leise +abwehrenden Rede!" + +"Nicht doch, gnaedige Gebieterin!" + +Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: "Ihr wollet nicht, ich +ahnt' es laengst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des +legitimen Bundes!" + +Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das +Spiel mit Ausfluechten auf, trocken erwiderte er: "Streng und scharf +umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spraech' ich im Amte, missbilligen +muesst' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmoeglich ist +jedoch die Legitimitaet, die Strafe Roms wird folgen rasch solch +verhaengnisvollem Schritt!" + +Hoehnisch klangen der Favoritin Worte: "Die Strafe Roms! Wie straft Rom +wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?" + +Erstaunt, voellig ueberrascht rief Lamberg: "Ihr wisst davon?!" + +"Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoss an der Ehe des +verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes +Robert und der Tochter Althaea den Gesetzen, die auch fuer einen Kardinal +gelten muessen?" + +"Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und +Rom ist nicht Salzburg!" + +"Ausfluechte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann +beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das +pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?" + +"Das wisst Ihr auch?" stammelte in massloser Ueberraschung ueber solche +intime Kenntnis roemischer Verhaeltnisse Graf Lamberg. + +"Nimmt Euch das Wunder?" + +"Wenn ich denke an das Unmoegliche: ja!" + +"Was soll unmoeglich sein?" + +"Unmoeglich ist, dass der gnaedige Fuerst solche Informationen selbst +gegeben!" + +"Meint Ihr?! Schlimm waere es, saehe der Fuerst in mir nicht auch die +vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat +eingeloest der Fuerst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir!--Ihr +moeget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen +Ratschlag, eine Instanz steht dennoch ueber Eurer Plaene feingesponnenes +Gewebe...." + +"So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wusst' ich +wahrlich nicht!" + +"Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergaenzen ich: Seid Ihr +fuerder nicht fuer mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr +nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu +wehren wissen!" + +"Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnaedigen Herrn +und habe dessen hoechstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu foerdern +bis zu meinem dereinstigen Ende!" + +"Fuer des Fuersten Wohl lasst mich nur sorgen! Und seines Thrones +Sicherheit weiss Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schuetzen!" + +Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spoettisch sagte er: "In diesen +Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe +schaffen!" + +Ein diskretes Klopfen an der Thuere veranlasste die sofortige +Unterbrechung des Gespraeches, die auf Geheiss Salomes eintretende +Kammerfrau meldete das Nahen des Fuersten und zog sich dann diskret +zurueck. + +Leise sprach Salome: "Wie will Graf Lamberg es nun halten?" und erhob +sich von dem Sitze. + +Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: "Die gnaedige Gebieterin wolle +verfuegen ueber mich!" + +"Gut denn, kommt des oefteren als Freund!" + +Der Eintritt Wolf Dietrichs ueberhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte +noch ein Weilchen, dann reichte der Fuerst Salome den Arm und geleitete +die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in +welchem Hoeflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits +harrten. + + + + +V. + + +Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schluerfenden Schrittes, +aengstlich besorgt, jeglichen Laerm zu vermeiden, in das Gemach, in +welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den +faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten, +dass der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei. + +Das vergraemte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich fuer einen Augenblick, +doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher +infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kraenkelte, dem +Faktor zurief: "Lass ihn herein und hindere jegliche Stoerung!" + +In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen, +ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte ueber Alts Gestalt, +um rasch wieder zu verschwinden. + +Leise trat Peter Puchner ein und drueckte die Thuer sanft ins Schloss. + +"Ei, Freund Puchner! Nur nicht so aengstlich! So schlimm steht es noch +nicht um mich, dass ein kleines Geraeusch mich schon von dannen bringen +mag! Willkommen, Puchner!" + +"Gott zum Gruss, Freund Alt!" + +"Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf, +zu schwach sind geworden die Fuesse! Der Alt ist alt geworden bass, ich +kann's nicht laenger leugnen!" + +Puchner sass an der Bettlade und wehrte ab: "Sag' doch dergleichen nicht! +Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem +Sturm!" + +"Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die +Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart +oder hast ein Geschaeft im Aug'?" + +"Nicht von Geschaeft soll die Rede sein, wasmassen ja alles darnieder +liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch +noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und +fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist +nimmer allzufrueh, dass der Freund kommt fragen!" + +"Hab' Dank, Puchner! Es muss ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf +die Fuesse, mit dem Saldo raeum' ich auf!" + +"Bist immer unversoehnlich noch, Freund Alt?" + +Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn hoehnisch aufgezogenen Lippen: +"Unversoehnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die +Ehr', mein Leben hat geschaendet und vergiftet! Rache will ich haben, +Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!" + +"Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!" + +"Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Waerst du in meiner Lage, +ich denk', Taubenblut floess' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf +wuerd' sinnen auf Rache und Vergeltung!" + +Puchner seufzte und schwieg. + +"Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als +Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug!--Was ist in der Landschaft +wohl des Neuen verhandelt worden?" + +"Heut war Sitzung, die stuermisch arg verlaufen. Die Stifter wie die +Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, dass zahlen sie +sollen gleich dem Buergersmann." + +"Das will ich gerne glauben! Was der Fuerst bis jetzt gethan, dies +Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!" + +"Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!" + +"Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spueren!" + +"Er spuert das, glaub' ich, laengst; doch versteht er's wahrlich, nicht +uebergross werden zu lassen die Last der Sorgen.--Die Landschaft hat +zugestimmt." + +"Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hiess, die Steuer sollte +gelten 'fuer ewige Zeiten'? Hat solche Fussangel keiner gesehen, die +Schlinge um den Hals nicht gefuehlt?" + +"Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an +Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Hoeheres zu gewinnen sei, +so man jetzund ist dem Fuersten zu Willen." + +"Mit dem Strick um den Hals kann man nicht Koenig werden!" + +"Das ist wohl richtig. Aber des Fuersten Freund, der Domherr Graf von +Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuss!" + +"Trau einer diesem list'gen Fuchs!" + +"An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg liess uns +wissen, dass die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlass +der Handelssteuer um ein Dritteil." + +"Und das habt Ihr frischweg geglaubt?" + +"Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich." + +"O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsaeglich dumm!" + +"So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schoenen +Zug erzaehlt man sich von ihm. Wird er erst aelter sein, gereifter, er +wird noch gut und recht fuer unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich +glaub' es selber!" + +"Puchner, mir bangt um dich!" + +"Aus dir spricht nur der Hass und Zorn. Hast ueberwunden einmal die +bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fuersten, der Grosses +will und Edelmann ist jeder Zoll." + +"So kann's nicht fehlen: Lobt der Buerger den Edelmann, hat der Adel das +Recht, den Dummen die Haut ueber den Kopf zu ziehen." + +"Derweil will fuer dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den +Fuersten! Bin ich recht berichtet, will erklaerlich mir erscheinen die +Hast in den Mandaten." + +"Wie meint Freund Puchner?" + +"Der Fuerst ist schlecht bei Cassa!" + +"Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Haenden +wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, presst der +Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft +findet das in schoenster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim +Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler +ist zwar erst jung im Amt und tuechtig, hat sein Geschaeft gut erlernt bei +den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne ueber. Wenn der +Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklaerlich jedes +Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!" + +"Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht +Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen. +Was weisst du, wie zu Mute sein mag einem Fuersten ohne Mittel?!" + +"Dann haett' er sich nicht lassen sollen waehlen!" + +"Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn truebet dir den Sinn. Und zu +streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich +wuensch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemuet...." + +"Den find' ich auf Erden nimmer!--Hab' Dank fuer deinen Besuch, Puchner, +und komm' bald wieder!" + +Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte; +Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem +Heimweg war Puchner dessen froh, dass er dem kranken, rachegluehenden +Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzaehlte, was Alts Zustand +jedenfalls noch staerker wuerde erregt haben, als es ohnedies schon der +Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuss doch gefallen +ueber die Prunksucht des geldgierigen Fuersten, ueber die Verschwendung, +ueber das Leben Salomens am fuerstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches +Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf +Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe. +Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter +beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der +hoefischen Verhaeltnisse haette! Und wie wuerde der gebrochene Mann mit +Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, haette er erfahren, +dass die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden +Tuerkensteuer, sondern auch die Bezahlung fuer die naechstfolgenden Jahre +bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen +einigermassen ertraeglichen modus vivendi zu kommen. + + + + +VI. + + +Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiss waren die Fluren in +weiter Thalung, der Fruehwinter zog ins stiftische Land. Daempften die +wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stuerme, es +ward auch ruhiger im Buergerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der +Landschaftsmitglieder den Buergern auseinandergesetzt worden, dass man nur +der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des +Fuersten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei +Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die +Misswirtschaft, so hielten verstaendigere Leute entgegen, dass die +Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fuersten zunaechst ein Auskommen zu +finden, ansonsten es weit schlimmer werden muesste. Was jetzt gefordert +werde, koenne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches +mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich +zufrieden gegeben. Dafuer muesse aber Ruhe werden. Maehlich wirkte solche +Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schlaeferte das Leben ein. +Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne +Prunktafeln oder sonstiges Schaugepraenge zu; Salzburg trug mit dem +Schnee auf den Daechern eine gewaltige Schlafmuetze auf dem Kopf. Ein +stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den +Kanzleien der Behoerden; lauter ward es in den Arbeitsstaetten der Wagner +und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und +Wagenbereifung ja das ganze Jahr ueber nicht aus. + +Der Winter liess sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es +schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die +Schneeschicht rasch erhaertete, so dass die Kaerrner nach den Kufen griffen +und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden. + +Haar und Bart weissbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an +Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Strasse vom Pass Lueg +ueber Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen +Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geraeusch. Vom Staufen her +wirft die zur Rueste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbuendel zum +Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des +Gaisberges wogt nebliger roetlichblauer Dunst, der sich rasch ueber die +gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstuermchen der +Salinenstadt erfuellt. Die Kaerrner wandern peitschenknallend durch die +Daemmerung und fluchen ueber die Verspaetung, das langsame Vorwaertskommen +durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglueht im +letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinueber zum Goehl und den +vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der +Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das +Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der +Nebelschleier stark verdichtet. + +Die Kaerrner wussten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und +die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines +Halbtages ein Trupp "Gartbrueder"[7], denen ein uebler Ruf vorauslief. Der +Trupp, so hiess es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen +Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kaernten den gartierenden +Knechten nichts verabreicht werden duerfte, ja weil ein Punkt der +Verordnung ausdruecklich besagte, dass ein Gartbruder in Widerlichkeit +totgeschlagen, der Thaeter aber nicht zur Strafe gezogen werden duerfe. +Die Kaerntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben +diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten +Gartbruedern nichts anderes uebrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung +einen Besuch abzustatten und die "Ritterzehrung" vom Erzbischof zu +erbitten. Mit solchem Gesindel im Ruecken wird jeder Fuhrmann eilig, und +schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken moeglich halten sollte, +erreichten die Kaerrner die schuetzende Stadtmauer von Salzburg, und ehe +noch voellig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anruecken der +Gartbrueder durch die Stadt, ueberall Aufregung und Schrecken erzeugend. + +Im Keutschachhofe, der fuerstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und +den Thuerstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kaemmerern zu +ueberbringen, auf dass der Landesherr verstaendigt werde. + +Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwaermten, +behaglichen Raeumen Salomens, wo er nicht von Aussendingen behelligt +werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das +reichgeschmueckte Gemach und liess Salomes Blondhaar in zauberhaftem +Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, muede der Blick +der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kraenklich, die fruehere +Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der spruehende Witz ist verflogen, die +nimmermueden Haende ruhen unthaetig im Schoss, die Perlenarbeit ist +unvollendet geblieben. + +Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veraenderung nicht +verborgen, von Sorge erfuellt trat er naeher und fragte in liebreichen, +milden Worten, ob er den Medikus senden duerfe. + +Den lieblichen Blondkopf schuettelnd erwidere Salome: "Nein, mein +gnaediger Fuerst und Herr! Ich danke Euch inniglich fuer sothane gnaedige +Fuersorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht noetig!" + +Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde +Frauenbild an seiner Seite. "Salome, was ist dir?" + +Da neigte Salome das Koepfchen und fluesterte ergluehend dem geliebten +Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr. + +"Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs +danken!" rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und ueberdeckte +Salomes zusammengefasste Haende mit heissen Kuessen. "Welches Glueck gewaehrt +mir mein suesses, holdes Weib!" Ein Schatten flog ueber Salomes Antlitz, +geisterhafte Blaesse machte die bleichen Wangen schier durchsichtig, +bebenden Tones sprach Salome: "Glueck? Meinem gnaedigen Herrn mag es frohe +Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!" + +"Sorgen, du--?" rief Wolf Dietrich und erhob sich. "Ich dachte, fern +gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher +betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl +Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Huetten! Koeniginnen +und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des +Weibes!" + +"Nicht das, geliebter Herr und Fuerst, erfuellt mein dankbar Frauenherz +mit banger Sorge--der Blick in der Zukunft Tage ist trueb, will sich +nicht klaeren--" + +"Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!" + +"Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den +Weg bis zur schweren Stunde!" + +Jetzt wusste Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun +flog ein Schatten des Unmutes ueber sein Antlitz, und ein Zucken lief +durch seinen schmaechtigen Koerper. Hastig sprach der Fuerst: "Verzeih', +Salome! Schon einmal musst' um Geduld ich bitten dich und anjetzo +wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt uebel sich zu diesem +Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann +nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach +Nachahmung wuerde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom." + +Salome brach in Thraenen aus und schluchzte bitterlich. + +"Gebeut der Zaehren, mein holdes, suesses Weib! Mein fuerstlich Wort, ich +geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund +vermag ich's nicht, die Zeit ist staerker als mein eigner Wille, und +stoeren wuerde die Legitimitaet die Plaene Roms...." + +Salome blickte thraenenerfuellten Auges fragend auf. + +"Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, dass lohnen will Rom meine Dienste +mit dem roten Hut--" + +"So wird Kardinal mein gnaediger Herr?" fragte zitternd die Favoritin. + +Wolf nickte. "Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten, +doch liess er zugleich wissen mir, dass Bayerns Herzog feindlich sich +stelle gegen meine Promotion." + +"Wer kann Feind sein meinem gnaedigen Herrn!" + +"Salome, meines Herzens Glueck und Wonne freilich nicht und das dank' ich +dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern +wuehlt, seit gekuendigt ich aus guten Gruenden den Landsberger Bund. Schier +fuercht' ich, es werden erwachsen stuermische Zeiten noch aus dieser +Sache, fuer Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug +davon, in holder Damen Naehe sei verpoent die Politik. So viel nur sei +gesagt und nur fuer deine Ohren: Bestrebt muss ich sein, Bauern zu +gewinnen oder doch des Herzogs Neutralitaet erreichen in der Frage meines +Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld! +Fuerstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich +mir, bist Gattin mir und--" + +"--Mutter!" hauchte Salome, "Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt +sich nicht wird zu erfreuen haben!" + +"Nicht doch, Salome! Als Fuerst geb' ich dem Sproessling meinen Namen, mit +Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich, +so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoss!" + +Ueber Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heissbluetige +Fuerst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache +ab, kuesste Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und +verliess das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend +zurueckblieb. + +Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden +war, erhielt der Fuerst nun die Meldung, dass ein Haufen Landsknechte, +Gartbrueder von der ungarischen Grenze und aus Kaernten verwiesen, vor den +Thoren stuenden und vom gnaedigen Herrn die Ritterzehrung erbitten +moechten. + +Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fuersten, der durchaus +nicht etwa besorgt, im Gegenteil amuesiert rief: "Ha, Landsknechte! Das +bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf +Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und laengst schon wartet des Kaisers +Majestaet auf Salzburgs Tuerkenfaehndlein!" + +Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und fuer +deren Unterkunft auf Kosten des Fuersten zu sorgen. + +So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spaet +abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach +Landsknechtart der charakteristische Ruf: "Huet' dich, Bauer, ich komm'!" + +Es nuetzte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, dass die Buerger ihre +Haeuser aengstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf +fuerstlichen Befehl musste vollzogen werden, doch brachte man den groessten +Teil der Soldateska in bischoeflichen Gebaeulichkeiten unter, und so +namentlich die Weiber, Maegde, Buben, Marketender und Haendler, die wie +immer den Beschluss des letzten Haufens bildeten. + +Die Noblesse des Fuersten, fuer die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde +von den Landsknechten fuers erste dankbar anerkannt, bei reichlicher +Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd +den kriegerischen Bischof als ihren "Patron". Die Kunde von solch' guter +Aufnahme in Salzburg und der fuerstlichen Munificenz lief aber rasch +hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, dass noch mehr +versorgungslustige Landsknechte zustroemten, mit ihnen Abenteurer aller +Art in Haufen, die alle der noblen "Ritterzehrung" teilhaft werden +wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Uebelthaten zum +Klagen brachten. + +Beschwerden ueber Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des +Fuersten, der schliesslich gebot, es solle Gericht gehalten und der aergste +Uebelthaeter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach +Landsknechtbrauch. + +Das gab denn eine Augenweide fuer die Salzburger, welche manchen +erlittenen Schaden aufwog. Das "Recht der langen Spiesse" sollte in +Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der +schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut +geschlagen hatte. + +An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer +von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoss, umgeben von +fuerstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis. +Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern +war. + +Feierlich erklang die Ansprache des gefuerchteten Profossen. "Guten +Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns +Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfaenglich +geschworen haben, gut Regiment zu fuehren, dem Armen wie dem Reichen, dem +Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich, +liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen +solches Uebel zu strafen, dass wir es verantworten koennen bei dem gnaedigen +Fuersten!" + +Kreideweiss ward des Delinquenten Gesicht. + +Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: "Ihr habet des Profossen Wort +verstanden; welchem es lieb ist, dass wir demselben nachkommen, der hebe +seine Hand auf!" + +Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Haende +auf. + +Der Profoss erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter +Missbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und +Schlaegerei veruebet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig +gemacht habe und auf fuerstlichen Befehl gepoent werden muesse. Auf +bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spiesse. + +Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten koenne, +brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkaelte der Angstschweiss von +der Stirne lief, kein Wort hervor. + +Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und +ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum +Schluss um Gnade. + +Die zwei anwesenden Faehnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit +dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und +laut: "Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profossen schwere +Klage wohl vernommen, darauf wir unser Faehnlein zuthun, und es in das +Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis ueber solche +Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten +Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines +jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Faehnlein +wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Faehnrichen +zusteht." + +In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fuehlte niemand den +beissenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Buerger +weissbekrustete. + +"Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu faellen das Urteil!" rief +der Feldwebel. + +Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklaerte aber, des Urteils allein +sich nicht gewachsen zu fuehlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig +Knechte zur Beratung beizugeben. + +"Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!" verkuendete der Weibel und +bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit +Besprechung untereinander pflogen. + +Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurueck, worauf nochmals +einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden. + +Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig haetten. +Auf ihr schallendes "Ja!" wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder +geschlossenen Ring und verkuendete den Beschluss der zweiundachtzig Mann, +der auf "schuldig" lautete. "Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes +"Schuldig" zu bestaetigen?" fragte er mit droehnender Stimme die +Soldateska, "so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Faehnrich, die rechte +Hand!" + +Vielhundertfach flogen die Haende auf, die Schar schien ernstlichen +Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fuerst und Volk wieder +zu einigem Ansehen zu gelangen. + +Der Weibel verkuendete: "Das Regiment hat gesprochen, der Uebelthaeter ist +schuldig. Man fuehre ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein +Faehnrich nach Brauch!" + +Das geschah in der Weise, dass einer der Faehnriche sich bedankte fuer die +Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Faehnriche die +Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind. + +Der Profoss uebernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches +und liess eine Gasse bilden, deren eine Oeffnung die Faehnriche mit nach +innen gefaellter Fahne verschlossen. + +Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter +Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse +gebracht; die Knechte senkten ihre Spiesse, so dass die Gasse ein +eisenstarrender Engpass wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und +der den sicheren Tod bringen muss. + +"Hierher mit dem 'armen Mann'!" befahl der Profoss, der nun den +Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes +des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte +und dann der Soldateska verkuendete, dass der Knecht, welcher den +Verurteilten ausbrechen liesse, gleichfalls ins Eisen laufen muesse. + +Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoss: "Nun auf! Lauf flink und +fest ins Eisen, dann bist schneller erloeset! Marsch!" + +Ein Zoegern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spiesse, +ein Stoss von der Faust des unerbittlichen Profossen, dann sprang der +Aermste los und rannte in die spitzen Eisen, dass es aus der Brust rot +aufging. Ein Schrei--ein Roecheln--der Sterbende liegt im Schnee, ein +Halbdutzend Spiesse stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das +Leben entflohen ist. + +"Die Spiesse auf! Zum Gebet!" befahl der Weibel. + +Die Soldateska kniete nieder und betete fuer die Seele des Vermiedenen. +Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Buergerschaft mit, von +tiefstem Mitleid fuer den Gerichteten ergriffen. + +Wieder ertoente ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal +Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschuetzen dreimal ihre Buechsen +abschossen. + +Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende. + + + + +VII. + + +Streng ward der Winter, der fruehzeitig mit Kaelte begonnen hatte. Die +Folgen des Misswachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fuehlen, +es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen ueberliefen die +Ratsherren, bestuermten den Buergermeister, auf dass dieser Hilfe schaffe. +Ludwig Alt hatte ein Herz fuer die Notleidenden, er gab willig aus +eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates, +sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus +der Stadtkasse konnte der Kalamitaet in keiner Weise begegnet werden. So +musste von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe +anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung +ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite +debattiert, wobei an verschiedenen Massnahmen des Fuersten bitterboese +Kritik geuebt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, dass die Verabreichung der +Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die +eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit +leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schaedigung des Handels +durch die ruecksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den +Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn +voellig auspressen liessen. Vergeblich wehrte der Buergermeister solchen +scharfen Worten durch die Glocke, die Redner liessen sich nicht beirren, +auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr +aufmerksam machte, die entstaende, wenn der Fuerst von solchen boesen +Worten Kenntnis erlange. Buerger, die nicht stimmberechtigt in der +Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, dass der Ausschuss stets Ja +und Amen zu den unertraeglichen Steuermandaten sage und sogar mehr +bewillige, als der Fuerst gefordert, wie das bei der Tuerkensteuer der +Fall gewesen sei. Bei einem so ueberaus klugen, scharfsehenden Herrn +muesse die Ueberzeugung kommen, dass die Buergerschaft noch mehr geschroepft +werden koenne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine +neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer. + +Schwitzend vor Angst rief der Buergermeister dem Redner ein "Haltet ein!" +zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und fuehrte aus, dass es hoechste +Zeit sei, dem Fuersten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle +der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das +aus eigenem Saeckel bestreiten. + +Stundenlang waehrte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschoepfte +und der Buergermeister die Sitzung schliessen konnte, die nach der +praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt +ueberlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf +Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer staedtischen +Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fuerst +moeglicherweise von den abfaelligen Reden Kenntnis haben oder aus +unvorsichtigen Bemerkungen mutmassen koennte, dass scharfe Kritik im +Stadthause geuebt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene +Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich +hinterdrein selbst die bittersten Vorwuerfe ueber die seinerzeitige +Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen +war, dass der in Steuerangelegenheiten so ueberaus findige Landesherr auch +auf die Weinbelastung gekommen waere. Nach den gefaehrlich scharfen Reden +einzelner Ratsherren dem Fuersten persoenlich die Bitte um Hilfe aus +Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Buergermeister nicht; zwei +seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube sassen, +sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, dass der schriftliche Weg +sicherer und weniger gefaehrlich sei. Und so liess denn der Buergermeister +eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus saeuberlich +schreiben, die dann mit den noetigen Unterschriften versehen und an den +Erzbischof in die Residenz geschickt wurde. + +Grosse Erwartungen hegte der Buergermeister nicht, so sehr er fuer die +Armen baldige Hilfe wuenschte. Zum grossen Erstaunen Ludwig Alts erschien +schon am naechsten Tage ein Beamter im fuerstlichen Auftrage und +vermeldete dem Stadtoberhaupt, dass der Landesherr mit Betruebnis von der +Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die +vom Buergermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus +der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestuende +sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermassen ueber Geldmittel verfuegen +koennen, so sollten diese Sippen Korn zu ermaessigtem Preise erhalten. Der +Beamte fuegte dem bei: "Hochfuerstliche Gnaden versehen sich bei diesem +Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen, +dass das Herz des Landesherrn allzeit schlage fuer die Unterthanen." + +Der Buergermeister in massloser Ueberraschung empfand das missliche +Schlingen und Wuergen im Hals, das ihm schon einigemal so ueberaus fatal +geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt +sprechen sollte. Jetzt heisst es den tiefgefuehlten Dank der Stadt in +passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schoen in einer +Ueberraschung, die jeglichen Gedanken laehmt! Ludwig Alt aechzte, er +kaempfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es ueber die zuckenden +Lippen: "Die unterthaenige Stadt dankt Seiner Hochfuerstlichen Gnaden, sie +haett' es nicht geglaubt...." + +"Wie meint der Herr Buergermeister?" fragte erstaunt der Beamte. + +"Ich haett's nicht geglaubt!" + +"Was?" + +"Die Hilf' vom gnaedigen Fuersten, nein, will sagen, ich glaub's +eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich...." + +Die Augen des fuerstlichen Beamten wurden immer groesser. + +"Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Ueberraschung die Gab' der Rede! +Auf die boesen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben...." +stammelte in hoechster Verwirrung der Buergermeister. + +"Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch, +deutlicher zu werden, auf dass Bericht ich kann erstatten dem gnaedigsten +Herrn!" + +"Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr--den +schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und +derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen +die Verteilung! Nicht laenger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank +dem gnaedigen Fuersten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und +Mitgefuehl fuer die notleidende Menschheit!" + +"Das haben Hochfuerstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet, +daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!" + +"Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die +Gab' der Rede nicht beschieden!" + +Der fuerstliche Hofbeamte schuettelte verwundert den Kopf und erklaerte +sich bereit, die Kornkammer oeffnen zu lassen. + +Der Vereinfachung halber liess der Buergermeister ausschellen, dass binnen +einer Stunde die Armen der Stadt an der fuerstlichen Kornkammer +erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten. + +Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Buetten, +Tonnen, was eben den Leuten in die Haende kam, ward ausgezogen, im +Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestuem draengte die Menge, +wobei es Pueffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und +Faeusten der armen Leute Bekanntschaft machten. + +Der Akt solcher Wohlthaetigkeit brachte einen voelligen Umschwung in der +Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur +die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kuehl +gegenueber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen +von den Armen. + +Ludwig Alt konnte es nun wagen, persoenlich in der Residenz zur +Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde +gleich vorgelassen. + +Mit gewinnender Liebenswuerdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf +Dietrich dem Buergermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale +entgegen und begruesste ihn mit herzlichen Worten. + +Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Wuergen im Halse, doch energisch +raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und +ohne Stottern: "Hochfuerstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein, +ich komme nicht...!" + +"Wie meint der Buergermeister?" + +"Meinen thaet' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht! +Mein Gott, der Unterschied ist halt zu gross: Da der gnaedigste Herr und +Fuerst, der hochwuerdigste Erzbischof und ich, der einfache Buerger und +Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthaenigsten Dank der Armen +fuer die gnaedige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedraengnis!" + +"Recht so, mein lieber Buergermeister! Es ist ganz gut, so er des +Unterschiedes sich bewusst bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset. +Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Beduerfnis, in +solcher Not zu helfen nach Kraeften. Ich danke Ihm fuer seine Meldung, in +der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich +der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fuersten haben. +Zur rechten Zeit solche Meldung ueber Vorgaenge lob' ich; nur will ich +nicht ueberlaufen werden!" + +"Ganz richtig! Draeng' dich nicht an deinen Fuerst', so du nicht gerufen +wirst!" plapperte Alt heraus. + +Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der +Fuerst: "Lass Er solch' Gerede! Dafuer sage Er mir, wer ist nach seiner +Meinung schuld an bemeldter Teuerung?" + +"Allweil der Misswachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die +Baecker, die immer hoeher hinauffahren mit den Preisen!" + +"Fuer den Misswachs koennen wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher +hoff' ich noch zu stuerzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir +erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Baecker aber werd' ich Mores +lehren." + +"Hochfuerstliche Gnaden! Das koennt' nicht schaden, wird aber die Baecker +rebellisch machen!" + +"Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den +Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten +Verkaufsordnung fuer die Baecker, und darnach Entschliessung erlassen." + +Im Buergermeister daemmerte eine Ahnung auf, dass eine solche Massregel das +Uebel nur verschlimmern muesse, weil ganz unzeitgemaess. Ludwig Alt fand +ploetzlich die Gewalt ueber Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem +Gebieter klar auseinander, dass Wiederaufrichtung einer veralteten +Ordnung nicht nur bei den Baeckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen +hervorrufen muesse. Es liege im Zug der Zeit, dass alle Lebensmittel +teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus frueherer Zeit nicht +erzwingen ohne Gewichtsverringerung. + +"Ich werde solche Verringerung bestrafen!" + +"Dann wandern uns auch noch die Baecker aus!" + +Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den +letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. "Genug +davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruss den +Unterthanen!" + +Damit war der Buergermeister entlassen. + +Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher +einige Hofraete und der in Steuerangelegenheiten massgebende Dr. Lueger +befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch +der Kapitular weilte auswaerts. + +Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da +niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fuersten zu widersprechen. Wolf +Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und +fahrenden Habe fuer jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner +ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung +vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhaengnisvoll ward der Vortrag Dr. +Luegers ueber die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten, +welche die Ritterzehrung verursache. + +Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehoert und blieb eine +Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkuendete er den Raeten, dass +eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert +Gulden vierundzwanzig Kreuzer. + +Fr. Lueger wagte einzuwenden, dass in dieser Zeit der Teuerung die +Einhebung auf Schwierigkeiten stossen werde; ueber die Ungeheuerlichkeit, +neben der Tuerkensteuer, welche von je hundert Gulden jaehrlich sechs +Schillinge nimmt, und all' den neueingefuehrten Steuern der letzten zwei +Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der +Finanzgewaltige im Rate nicht aus. + +Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf: +"Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf +Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein +Vermoegen anzugeben. Wer luegt, soll die ganze Schwere der Strafe +empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!" + +Dr. Lueger guckte ueberrascht, verbeugte sich und murmelte: "Euer +Hochfuerstliche Gnaden Befehl soll puenktlich befolget werden!" + +Nach Schluss dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei +war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein +dumpfes Gefuehl, dass die Augsburger Art einer Steuereinhebung im +salzburgischen Lande kaum sich glatt durchfuehren lassen werde. Lueger +wusste wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, dass diese +Art nach Augsburger Muster auch fuer Tirol geplant sei, ebenso gut wusste +er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen +bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwuerfe, +den Fuersten nicht auf die thatsaechlich bestehende Schwaechung der +Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger, +dass zum mindesten mit der Ausfuehrung des fuerstlichen Befehles etwas +gewartet werden muesse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das +gefaehrliche Aktenstueck zur Seite, hoffend auf eine Ruecksprache mit dem +einflussreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen koennte, +eine Sinnesaenderung beim Fuersten herbeizufuehren. + +Allein schon die naechsten Tage brachten andere Verhaeltnisse. Der +fuerstliche Kastner musste erklaeren, dass die Neuforderungen fuer +Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt +werden koennten, ja dass der Fuerst ihn habe wissen lassen, es muesse +Geld in groesserer Menge bereit gehalten werden fuer wuerdigen Empfang +einiger zu Besuch angesagten Herren, und ausserdem sei des Fuersten +Almosenschatulle[9], beinahe leer. + +Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die +Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen, +Steuerrestanten ueberall, die Steuerkraft geschwaecht, und eine neue +Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon +graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am naechsten +Tage liess der Fuerst wissen, dass seine Armen ihr Almosen unter allen +Umstaenden bekommen muessten, also Dr. Lueger Geld beschaffen muesse. Das +"Wie" sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder +Finanzkuenstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes +an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rueckkehr zu +warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fuersten +eingeholt. + +Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevoelkerung in +hoechst aufregender Weise. Zuerst waren es die Staedter, die +remonstrierten, den Eid zur Vermoegensangabe nicht leisten wollten. Die +Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid. + +Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermoegensangaben vorliegen hatte, fand +er schon bei fluechtiger Durchsicht, dass die ihm nach Geschaeft und +Vermoegen einigermassen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also +faelschlich angegeben hatten. Wenn solche Faelschungen in der +Residenzstadt schon vorkommen, wie muss es da erst im Lande draussen +werden! + +Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide +gingen nun gemaess dem fuerstlichen Befehl mit aller Strenge an die +Durchfuehrung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder. + +Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermoegens +als Strafe fuer die veruebte Falschmeldung verhaengt und weggenommen, was +an Bargeld vorgefunden ward. Um Laerm und Protest kuemmerte sich die +Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld +wanderte in die fuerstlichen Kassen, das war zunaechst die Hauptsache. + +Lueger befand sich im schoensten Fahrwasser und griff auch alsbald in die +Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der +wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch uebrig +gelassen hatte, bestand darin, dass die Adeligen allein die +Verlassenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darueber zu +verfuegen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des +Fuersten hinweg, was natuerlich den Adel erbittern musste. Die Hofkammer +schickte dann die schaerfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land +hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im +Steuerzahlen immer etwas saeumig und in Bezug auf Religion mehr auf der +lutherischen Seite war. + +Der erste eingelaufene Bericht liess erkennen, dass Faelschungen in den +Vermoegensangaben in groesserem Umfange vorgekommen sein mussten, der +Pfleger hatte dazugeschrieben, dass man amtlicherseits mit den Bergbauern +nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun wuerde, wenn sie +die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger +hierueber Meldung beim Fuersten und sprach den Verdacht aus, dass die +Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Faelschungen sein duerften. Das +heisse Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf +Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen +und mit ruecksichtsloser Schaerfe gegen die Betrueger vorzugehen. + +Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die +Verantwortung, Lueger und Riz koennen schalten und walten nach Gutduenken, +die Schuld faellt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise uebel +ausgeht, die Bauern rebellieren sollten. + + * * * * * + +Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschoenen Kapruner +Tauernthales beherrscht und einen entzueckenden Blick auf die Fluren und +Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell +auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie +betruebt. Der seit reichlich dreissig Jahren den salzburgischen +Landesfuersten und Erzbischoefen dienende Beamte genoss bei der Bevoelkerung +der Bergwelt des Pinzgaues grosses Vertrauen, und auch zu Salzburg wussten +hoehere fuerstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schaetzen. Bei Hof +kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller +Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in +dringlichen Amtsgeschaeften nach Salzburg musste, so ward der Dienst immer +schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der wuerdige +Greis fuehlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er +war zu sehr an die Bergwelt gewoehnt und nahm willig alle Entbehrungen +hin, die ein staendiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und +Kinder haetten wohl manchmal Luft verspuert, all' die maerchenhaft +gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt +dergleichen Ausfluege nicht und erklaerte, dass ein Humpen guten Weines +viel schoener und zutraeglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne +ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht +Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in +Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thaeler zu Einoedbauern +brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuss, und solche Entbehrung +that dem alten Pfleger weher denn etwa die koerperlichen Strapazen. + +Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf +seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten +Gemaeuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun +hinueber, und beim Anblick einer groesseren Menge von Bergbauern fluesterte +Vogel: "Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die +Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!" + +Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfuellen, ritt der greise +Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag +abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen musste bemerkt worden sein, +denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich +schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter +erreichten. + +Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: "Nur Zeit lassen, Maenner! Alles +hat seine Zeit! Lasst mich nur mein Ross versorgen, und mir goennt einen +Schluck vorher!" + +Ein staemmiger aelterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut +ab und erwiderte: "Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut +not!" + +"Wirst es wohl erwarten koennen, Rieder!" gab Vogel zur Antwort und stieg +flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein +Knecht vom Schlosse kam hinzu und fuehrte den Braunen in den Stall. + +Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu laermen, aber ihre +Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz +richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen +Vorgehen der fuerstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer +ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgeruettelte Leute in Angst und +schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht +ueber das Herz, lieber verzichtet er auf den staerkenden Trunk und nimmt +das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Raedelsfuehrer gewendet, sprach der +Pfleger: "Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof +hoeren!" + +Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf +standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: "Mit Verlaub! Es +ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen +ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die +Abgaben erhoeht). So viel wert ist kein Gehoeft und kein Grund, wir muessen +verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer koennen wir nicht +erschwingen!" + +"So ist es!" riefen die erregten Bauern. + +Und Rieder sprach in grosser Beweglichkeit weiter: "Wir muessen +supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten +Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muss nun helfen, +sonst ist's g'fehlt!" + +Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau +erkannte, und langsam sprach er: "Wegen dem Supplizieren kann ich Euch +nichts sagen. Schon zu Zell sind die Buergermeister von den Landgemeinden +bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja +ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden. +Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun." + +Rieder unterbrach den Beamten: "Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum +Fuersten!" + +Vogel erwiderte in seiner bedaechtigen Art: "Uebereilt nichts! Der Herr +Riz wird demnaechst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill, +und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen. +Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befuerchtet!" + +Erregt schrie Rieder: "Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut! +Kommt der Riz und faengt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind +verloren! Soweit duerfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es +kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht +in unser Gericht!" + +Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: "Leut', seid gescheit! Die Sach' +ist gefaehrlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten! +Gerichtet wird ueberall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller +Gericht keine Ausnahm' gemacht werden koennen!" + +"Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns +selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns +supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann +merken!" + +Nochmals mahnte Vogel: "Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht +dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen, +wird die Supplikation fuer Rebellion angesehen, Ihr fuer rebellisch +gehalten werden!" + +"Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht, +den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der +Steuerteufel nicht verkuemmern!" + +In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu ueberlegen: "So reicht das +Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fuerst vertraegt kein ander Wort!" + +Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf dass er ihnen ein solches +Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, dass noch +andere Gerichte sich zum Anschluss an die Zeller Bittschrift bereit +erklaert haetten. + +Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung +der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr +sehr wohl kannte und wusste, wie schlimm die kleinste Weigerung, der +leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden +pflegte. In seiner Bestuerzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: "Ich +will Euch wohl helfen, Ihr duerft aber nichts sagen, dass ich euch zur +demuetigen Supplikation geraten!" + +Aus der Menge groehlte ein besonders Unzufriedener: "Selle Demut nutzt +uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission +durchs Landl aussi, sie vergisst aftn (hernach) schon das Wiederkommen!" + +Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft +akklamierten und bruellten: "Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!" + +Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen +und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte, +die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdaechtigten der Mitschuld an +der Bauernvernichtung und des Einverstaendnisses mit der +Steuerkommission. + +Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benuetzte +Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: "Habt Ihr das +Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vaetern schon Freund und +Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und +steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger +muss ich Ordnung schaffen und halten, der Fuerst und Erzbischof ist mein +Herr, seiner Regierung Befehle muss ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu +dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern +gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht +widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fuerst hat befohlen, er ist +unser Herr!" + +Rieder schrie dazwischen: "Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein +geldgieriger Verschwender ist er, der Woelfen Dieter! Derweil er mit +Weibern das Geld verjubelt, muessen wir verhungern!" + +"Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!" groehlten die Rabiaten. + +In tiefster Betruebnis liess Vogel das weisshaarige Haupt sinken; steht es +so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem +Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis +erhaelt. + +Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, groehlend schritten sie +durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen +Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben +koenne. + +Wehmuetig sprach Vogel: "Das nuetzt nun alles nichts mehr! Der Stein ist +im Rollen, das Unglueck nimmt seinen Lauf!" + +"So steht Ihr um in der Stunde der groessten Gefahr? Das sollt Ihr buessen, +Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr muesst mit! Aber erst sollen die Teufeln +Pinzgauer Faeuste kennen lernen!" + +Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und +fluchend. + +Aechzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloss und nahm in dem Gemach, +das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt. + +Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefaehrlichen Zeit +zu thun sei. Dass der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung +vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden muesse, +erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefaehrlich, +weil moeglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen koennten, +gewissermassen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von +den Rebellen aufgefangen werden koennte, was dem Pfleger wie dem Boten +das Leben kosten kann. + +Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluss, +das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmasslich in +Tagesrittnaehe sein duerfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel +nahm schnell einen Schluck Weines und liess den Braunen satteln. Von +einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die +Bauern hoeren ja nicht mehr auf die Behoerde, jegliche Autoritaet ist +vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau. + +In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill +zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwaerts und erreichte +diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in +Mittersill. Am scheuen, misstrauischen Verhalten konnte der greise Beamte +erkennen, dass der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen +hat. + +Vogel uebernachtete im Schloss zu Mittersill und ritt am naechsten +Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner groessten +Ueberraschung fuerstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants +Kaiser vorfand. + +Kaum aus dem Sattel gestiegen, kuendigte der herbeigeholte Offizier dem +Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach +gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die +Mitteilung, dass die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern +rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fuersten verlangt habe. An +150 Mann Landsknechte und bewehrte Buerger seien unter Fuehrung des +Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmaerschen ueber Werfen in den Pinzgau +gerueckt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller +Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloss Kaprun +erfahren. Weitere Auskunft wusste der Offizier nicht zu geben, auch nicht +zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft +dauern werde. + +Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der +Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Haenden der Soldateska +erfuellte ihn mit Angst. + +In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der +Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen. + +Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fuersten den Befehl zur +ruecksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der +Soldatenfuehrer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte +begannen eine Menschenjagd und fingen die fluechtigen Bauern gleich +Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte maennliche +Bevoelkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle +Maenner, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und +von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald +von Spiessen im Kreise zur Unmoeglichkeit. Der Obrist zu Ross hielt an die +eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr +schaendlich Verhalten vor und kuendigte schwere Strafe an Leib und Leben +an, so die Leute nicht allsogleich dem gnaedigen Fuersten Treu und Glauben +schwoeren und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens +abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche +Wehr und Waffen abzuliefern, wasmassen schon der Besitz von Waffen mit +fuenfzig Gulden pro Kopf gepoent werde. Wer im Geheimb offenbare, dass ein +anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von +achtzig Gulden versprochen sein. + +In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann fuer +Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung +erfolgte unter solchem militaerischen Zwang, worauf der Obrist befahl, +die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden +und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben. + +Schreie der Angst, der Wut ertoenten; Weiber, Muetter und Toechter +zeterten. Ruecksichtslos trieben die Spiessknechte das Volk von dannen. + +Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der +Strasse ueber Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert. + +Wer von Salzburgs Bevoelkerung diese kriegsmaessige Exkursion mitgemacht, +hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die +Waffen mussten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fuerstliche Zeughaus +abgeliefert werden. + +Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der +groesste Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Raedelsfuehrer blieben +fuer lange Zeit im Gefaengnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod +durch das Schwert. + +Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf +Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemaess liess der Leutnant +seinen Haeftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab +und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise +Ueberfuehrung Vogels durch den Profossen und zwei Schuetzen in die Festung +Hohensalzburg. + +Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in +einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermassen: + + "Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1. + Juli ist besonderes nichts vorgekommen. + + Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebuerg + Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse + ankommen. + + Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt + worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer + zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer + geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung. + + Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, dass ich von zu hause fort bin, + darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe ausser des letzten alle + Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1 + Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Mass Wein, + 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Mass Wein, 23. detto 1 Mass Wein, ist die + Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli + 1 Mass Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfuerstl. Gnaden durch + die Herren Commissarii mir anzeigt worden, dass Ihr hochfuerstl. Gnaden + genuegsamen Bericht habe, dass ich nicht allein der Unterthanen + Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen + zum Suppliciren selbst gerathen: Sie muessten nur mehr Gerichte an sich + ziehen, sonst wuerde es kein Ansehen haben. Ihre hochfuerstl. Gnaden + haetten Ursach auf voriges Verlaeugnen der Schaerfe nach zu verfahren. + Und dann Gott behuethe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen + aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles + verloffen und was mir dieser Sachen halber bewusst sei, selbst + beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissaeren + zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich + Ihr hochfuerstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloss sitzen lassen + und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die + Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, dass ich Ihnen + gerathen, da ich nichts gestehen wuerde. Also ist Ihrer hochfuerstl. + Gnaden Bericht. + + Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Mass Wein, Sonntag + 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum + Ende. + + Mittwoch 9. August l Mass. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine + Schrift ueberschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste + nichts gehoert, in meinem Zimmer ungestuem gewesen, hat einen + ungewoehnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade. + + Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel. + + Freitag 1 Mass. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr + hochfuerstl. Gnaden Zimmer Bethschnuere[12] heruntergeschickt, welche + ich Ihnen den 12. dieses wieder zurueckstellen lassen. + + Freitag 18. dieses 1 Mass, fast betruebt. Mein Pathe, der Jacob Riedl + schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein. + + Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz + im Zimmer gehabt, ausblieben. + + Freitag 1 Mass Muskateller und gute Vertroestung baldiger Erledigung. + Gott schicke es, dass mit Glueck erfolge. + + Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder + ausgeblieben. + + Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden. + + Kann mich nicht erinnern, dass ich die Unterthanen zum Suppliciren + angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen + meiner Urbargueter gethan haben sollen. + + 22 September 1 Mass Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betruebniss. + Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir + bald mit Glueck wieder daraus. + + (Es folgen Tag fuer Tag Notizen ueber erhaltenen Wein und Branntwein.) + + Donnerstag 12. October 1 Mass Wein, Keuchen[13] ausgekehrt. + + Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Mass, diese beiden Tage bei der + Strenge examinirt, habe bekannt, dass ich nicht allein der Unterthanen + Suppliciren laengst zeitlich gewusst, dessen durch den Carl Rieder, + Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen + darzu gerathen und dass sie andere Gericht, damit sie nicht fuer + Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem + Krug Meth, als 1 Mass Wein. Mehr ein Mass Muskateller. Eodem die habe + ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden, + unterschrieben. + + Donnerstag den 26. dieses 1/2 Maessl Branntwein, sonst keinen Wein. + Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich + hatte ohngefehr fuenfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und + Urbarsbeschreibung examinirt worden. + + Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen + und diesen Tag hat man mich in ein Stuebel im Pfaffenthurm gethan, Gott + verleihe bald glueckselige Erledigung. + + Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den + + Herren Commissaeren gewesen und was ich den 22. und 24. October + ausgesagt, unterschrieben. + + Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoss im Zimmer + gelegen. + + Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwuerdige Sacrament + empfangen." + +Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut +gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des +Hosprofossen und dessen Naechtigung im gleichen Zimmer erfasste, geht aus +den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschuetternder Weise +hervor. + + "Herr Ehinger. + + Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleissig + zahlen, man ist euch viel fuer mich schuldig und danke auch Gott aller + Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch + gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich + Urlaub." + + "Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer + Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich + treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte + ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch dass ihr euch + die Holzwerkssachen und von dannen herruehrenden Rechnungen zu meiner + Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes + Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muss + sterben, ich muss mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnaediges + und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am juengsten + Tage mit allen christglaeubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung + zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen." + + "Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer + Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist + ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiss, ob ich recht oder unrecht + um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager + Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern + Abends, jeden absonderlich, dass wir morgen frueh mit dem Schwert ohne + sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniss + hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns + Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behuethe Gott + meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier + 40jaehrigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei + es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich + guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder + Unredliches nachreden koennen, wollet mich defendiren, noch einmal + durch Gottes Willen bittend fuer mein liebes Weib und Kinder werdet die + Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich + 19 Wochen in grossen Banden und Bekuemmerniss gefangen gewesen und 2 Uhr + Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer + Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich + Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, dass mir dieselben verzeihen, + ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode." + +Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in +aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Gestaendnis, den Bauern +eine demuetige Bittschrift um Steuernachlass angeraten zu haben, ward von +den Kommissaeren schon als crimen angesehen, das sich todeswuerdig erwies, +da erhaertet wurde, dass der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das +Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfuersten +supplizieren. + +Dieses auf so schwachen Fuessen stehende Urteil fand die landesherrliche +Bestaetigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein +gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die +Gemueter fuer immer im Bann halten solle. + +Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entruestung und Wut hervor, +zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fuersten, es ward im ganzen +Lande still. + +Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkuer +einschaetzen; die Furcht vor blutiger Strafe schuechterte gruendlich ein. +Wie von der Hofkammer eingeschaetzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt +die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: "Man hat auch keinem +nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, dass er aermer +sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in +der Steuerzeit anzeigen muessen, hat er anders gewollt, dass seine +Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat +nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das +allerschlechteste und geringste geschaetzt und in einen Anschlag und +Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat." + + + + +VIII. + + +Von Hohen-Salzburg donnerten die grossen "Stuecke" und ihr maechtig Krachen +brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Buerger eilten durch +die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur +Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine grosse Erregung +lief durch das staedtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des +Geschuetzspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten +den Weg zum Keutschachhof genommen und bestuermten Trabanten und +Thuersteher mit Fragen, worauf ein maechtig langer Spiesstraeger stolz +verkuendete, dass Seiner Hochfuerstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden +sei, das erste Kind! + +Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der +Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das +unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller +Lungenkraft. + +Wirr genug schwirrten die Ausdruecke hoechster Ueberraschung +durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Buerger ward +Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da groehlte ein dicker +Baecker wild, dass ein Erzbischof ueberhaupt nicht verheiratet, also auch +nicht Vater sein koenne, und die "Stuecke" seien nicht dazu auf der Veste, +um ein Kind anzudonnern. + +Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fuersten standen und mit Korn +bedacht worden, laermte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr +sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer. +Und Angehoerige der Sippen und Zuenfte noergelten an dem Verhaeltnis Wolf +Dietrichs zur schoenen Salome, schimpften weidlich ueber offenkundige +Coelibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmassen der Papst derlei +Lebenswandel nicht dulden koenne, duerfe und werde. Immer hitziger wurden +die Ausdruecke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schliesslich zur +Behauptung, dass solches Stueckspiel eine Schande fuer das Erzstift, der +Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Buergersmann +zahlen muesse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber maehlich zu arg, sie +jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und raeumten den Hof. Laermend +zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines +fuerstlichen Sproesslings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch +die Stadt, ueberall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schaerfste +Kritik provozierend. + +All' der Unmut ueber das Verhaeltnis des Fuersten mit Salome, ihr Weilen +und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es +wagte, den Erzbischof zu verteidigen, musste sich grimmigen Schimpf an +den Kopf werfen lassen, sodass die Reihen der dem Fuersten Gutgesinnten +sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs +schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner +nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fuerst selbst verdaechtig +schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am uebelsten kam in +solchen wilden Eroerterungen die schoene Salome weg, die als Ausbund aller +Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch +Angehoerige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, dass +Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren +Kreisen beizuzaehlen ist. Schliesslich verdichtete sich all' der +Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fuerst-Erzbischof mit Salome +verheiratet sei oder nicht, und hierueber wusste niemand bestimmte +Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darueber, dass eine +Gewissensehe vorliege, dass Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica +zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter +Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand +lebhafte Unterstuetzung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht +vom Arm des Gebieters getroffen worden waren. + +Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung +des Fuersten mit Salome, niemand weiss Bestimmtes. Kein Wunder, dass den +Geruechten und Verleumdungen Thuer und Thor geoeffnet waren. + +So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu +in den Gemaechern der Woechnerin, wo auf Befehl des uebergluecklichen +Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden musste. Wolf +Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete fuer eine Coeurdame +eine zaertliche Fuersorge, die sich bis in die kleinsten Beduerfnisse +erstreckte. Der Fuerst ging auf im Gedanken, fuer das Weib zu sorgen, das +ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt. + +So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um +jegliches Geraeusch zu vermeiden, sein aengstlich besorgter Blick galt der +ihm so teuren Frau, die mild laechelnd, bleich und schwach zu Bette lag, +und dem Gebieter einen Gruss aus den sanften Augen zusandte. + +Der Fuerst trat an das Bett, kuesste die schmale Rechte Salomes und +fluesterte in bewegten Worten seinen heissen Dank fuer diese herzerfreuende +Gabe, die ihn gluecklich mache, so gluecklich, dass es fuer solche Seligkeit +keinen Ausdruck gaebe. + +Ein Schimmer milder Wonne verklaerte Salomes Zuege, ihre Lippen +fluesterten: "Gefaellt der Kleine meinem gnaedigen Herrn?" + +Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das +Knaeblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da +lachte der Fuerst herzlich auf: "So gebrechlich wird ein Raittenau nicht +sein!" + +Ein gluecklich Laecheln flog auf die Lippen der Woechnerin, Salome sprach +bewegt: "So traegt der Kleine den Namen des Vaters?!" + +"Gewiss, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!" + +"O Dank, heissen Dank, gnaediger Herr!" + +"Ich muss danken dir, larissima! Fuer alles weitere lass sorgen mich, den +Vater und Fuersten! Soll ein tuechtiger Bursch und Mann werden aus dem +kleinen Woelflein, darauf geb' ich mein fuerstlich Wort!" + +"Habt Dank, gnaediger, guetiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens +wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!" + +In aufwallender Glueckseligkeit kuesste der Fuerst zaertlich Salomens Haende, +hauchte einen Kuss auf die weisse Stirne, und bat besorgt, es moege die +Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fuerstin ziemt. + +Ergebungsvoll liess Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig +unterdrueckte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte. + +Still verliess Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht +mehrer Raeume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner +Gewohnheit, und der Hauch inniger Zaertlichkeit verschwand von seinen +Zuegen. + +In seinen Wohngemaechern angelangt, wollte der Fuerst eben fragen, ob +niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glueckwuensche auszusprechen +zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und +sogleich vorgelassen. + +Das hoefische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch +den Ruf: "Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens +Dank dafuer! Herzlich willkommen!" + +"Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnaedigen Fuersten die +Glueckwuensche zu Fuessen zu legen!" sprach Graf Lamberg ehrerbietig und +verbeugte sich tief vor dem Gebieter. + +"Sei meines innigen Dankes ueberzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine +freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs +Buergerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe +keine Meldung!" + +"Hochfuerstliche Gnaden wollen Geduld ueben! Die Kunde wird zu sehr +ueberrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird +klar erst werden muessen in den Koepfen, dann wird wohl der Glueckwunsch +kommen an den Hof." + +Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fuersten Frage: +"Glaubt Lamberg wirklich?" + +Der Kapitular antwortete vorsichtig: "Es waere Pflicht nur und schuldige +Dankbarkeit!" + +"Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der +Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden +will ich in naechster Zeit, dass tragen soll der Spross den Namen Wolf +Raittenau." + +Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu +richten, sprach aber nichts. + +Mehr fuer sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art +hochfliegende Plaene, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden +solle, auf dass er gebuehrend seinen Platz dereinst einnehme als ein +Raittenau. + +Lamberg drueckte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen +aus und behielt seine Gedanken fuer sich. Liebt doch der Fuerst nicht, +unterbrochen zu werden, und Andeutungen, dass es anders werden koenne, als +der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit +verhasst. + +Der Fuerst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und +gelangte schliesslich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in +diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich fuer den Plan, seiner +Salome ein wuerdig, fuerstlich Heim zu gruenden. Unzureichend sei der +Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die +Residenz muesse verlegt werden. + +"Die ganze Residenz?" fragte ueberrascht Graf Lamberg. + +"Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebaeu erstanden +ist, das 'Altenau' ich werde heissen. Zuvoerderst will meine Wohnung bei +Hof ich veraendern, es stoeret vieler Laerm mich hier. Ein lautes Volk, +meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen, +dass laut und im Uebermass es zugeht vielfach auf dem Lande wie in +Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kraeft'ge +Steuer, will scheinen, die Leute spueren wenig und saufen weiter. Werd' +ein kraeftig Wort sprechen muessen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut' +hungern und entbehren des Noetigsten, herrscht Frass und Voellerei bei +andern! Will mich beduenken, werd' examinieren lassen muessen auf dem +Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis. +Wird nicht zu fruehe sein damit!" + +"Gewiss nicht! Euer Hochfuerstliche Gnaden werden den Dank Roms sich +erwerben mit bemeldter restauratio. Nur moechte ich, sothanermassen der +gnaedige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten...." + +"Was?" + +"... raten, eine laengere Frist zu setzen gleich manchen Fuersten im +Reich, auf dass die Leute sich werden schluessig zur Umkehr und Einschluss +in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich +informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!" + +"Zu lang' waehrt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezoegert. Es +ist mir lieb, dass kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es +ist mein Wille, dass citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat +bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das +Trienter Bekenntnis, soll es beschwoeren lassen." + +Lamberg wagte den Hinweis, dass vielleicht doch jetzt in diesen Tagen +ein solches Vorgehen nicht den gewuenschten Erfolg haben koennte. + +In seinem Ungestuem rief Wolf Dietrich: "Warum nicht jetzt? Wer kann mich +hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich +will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so +einer will zum Buerger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner +Buerger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermoegen zum mindest!" + +Lamberg mochte wohl nicht naeher seine Meinung eroertern, da der Fuerst +nicht selbst erkannte, dass die Geburt eines Sprossen wenig zur +gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe; +der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: "Es wird Euer +Hochfuerstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu +mandatieren ueber Pruefung bei Aufnahmen von neuen Buergern und +Mindestforderung eines festgesetzten Vermoegens." + +Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als +horche der Fuerst ab und zu auf, wie in Erwartung, dass Deputationen zur +Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden liess, +bemaechtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit, +die den Kapitular veranlasste, um gnaedige Entlassung unter dem Vorgeben +zu bitten, dass sogleich bezueglich der Citation die noetigen Ordnungen +getroffen werden sollen. + +Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um +ihre ehrerbietigen Glueckwuensche zum erfreulichen Ereignis +auszusprechen; die einen in ueberschwaenglicher Weise, andere wieder +gelassen und trocken, alle aber auf hoeflichste Art, demuetig, wie es dem +hochfahrenden Sinn des Fuersten entsprechen und gefallen musste. Wolf +Dietrich entfaltete, hiervon angenehm beruehrt, all seine fascinierende +Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem +fuerstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen. + +Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit +der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemuetern der +erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf dass +doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes +ohne gueltigen Ehebund folge,--der Fuerst, der das Warten nicht kannte, +durchkreuzte solche feinfuehlige Absicht durch scharfes Monieren, und so +musste denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme +Thaetigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift +citierte den Buergermeister und die Stadtraete in den Palast, legte ihnen +das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche +Beschwoerung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zoegern, einige der +Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden ueber +den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, dass die Citierung ebenso +ueberraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fuerstlichen Hofe. + +So in eine fatale Notlage gebracht, musste der Kommissar den zoegernden +Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewaehren. Dafuer aber wurde am +naechsten Tage von den uebrigen Buergern Erscheinen und Beschwoerung +verlangt, und zwar in einem schaerferen Tone und unter Androhung der zu +gewaertigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fuersten, die Liebe zur +Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies uebte auf die Buerger einen +Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Ueber zwanzig +Buerger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend, +auch als die Ausweisung angedroht wurde. + +Eine abermalige Gaerung in der Bevoelkerung griff um sich. Wolf Dietrich +zeigte sich erbost und erliess nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung +"zu verhuetung mehreren unraths" ueber den Wegzug der ketzerisch +Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis +ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebuehr fuer die Erlaubnis +zum Wegzug zahlen mussten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut +war dem Fiskus verfallen; ihre Gueter im Lande mussten an Personen, deren +Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fuersten zu betaetigen ist, entweder +schleunigst verkauft oder mit der ausdruecklichen Bedingung des baldigen +Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof ueber sie +verfuegen wuerde. + +Die von dieser Verordnung Betroffenen waren grossenteils Kaufleute und +Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden, +sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift +verboten ward. Da nun auch Muendel von diesem Mandat betroffen wurden, +uebernahm die fuerstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifuegung +der Bestimmung, dass alle an ketzerischen Orten befindlichen Muendel +sobald als moeglich nach Salzburg zurueckkehren muessen. Wer seine +Geschaefte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die +Stadt verlassen; der aeusserste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt. + +Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fuehlte Erbarmen mit den +Leuten, seinen Bemuehungen gelang es, dass der Fuerst die Frist um weitere +vier Wochen verlaengerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren +Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht +rechtzeitig eingehalten, mit einer aeusserlich sichtbaren Strafe dahin +belegt wurde, dass diese Saeumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit +brennenden Lichtern in der Hand Busse thun mussten. + +Darueber vergingen Monde, und allmaehlich verliefen sich die Wogen der +Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fuerstliche Macht und Gewalt ja +doch aussichtslos erscheinen musste. Die Leute durften maehlich froh sein, +wenn keine neuen Mandate erfliessen, die bei diesen Zeitlaeufen foermlich +in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln koennen zu +jeglicher Stunde. + +Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward +der Erzbischof darin gestoert durch einen leichtfertigen Schuljungen, der +auf den heiligen Ort gaenzlich vergass und den im andaechtigen Gebet +knieenden Buergern Schnecken auf den Ruecken setzte, so dass die Kleider +der Andaechtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf +Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfasste ihn Zorn und Entruestung, der +Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, fasste ihn +schlankweg beim Schopf und fuehrte den auf den Tod erschrockenen Jungen +aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen +Missethaeter zur Inhaftierung uebergab. Noch am selben Tage dekretierte +der Fuerst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige +Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller +Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde. + +Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich +nun gegen jegliches Laster ueberhaupt mit grosser Schaerfe vorging. Mord +und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten +uebel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und +drohte mit dem Malefizrichter. + +Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde +von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Maedchen Namens +Susanna Pauser seinen Geluesten gefuegig machen wollte, und in den Turm +geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im hoechsten Masse erzuernte +Fuerst, es solle sogleich Gericht ueber den Missethaeter gehalten und die +Todesstrafe ausgesprochen werden. + +Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhoer +liess aber doch die Moeglichkeit offen, dass der Verhaftete die Unthat +nicht begangen habe. Auch konnte eine "Beschaedigung" (Verletzung) des +Maedchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fuerst +verstaendigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den +Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf +Hinrichtung durch das Schwert. + +Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem +Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab ueber ihm +gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten +Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der +Scharfrichter riss dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren +nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches. + +Da kamen ploetzlich zwei Franziskaner in grosser Hast und Aufregung in den +Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der +gnaedige Fuerst habe Pardon gegeben. + +Thatsaechlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fuerbitte der +Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt +bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Franziskaner den +Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen muessten. Als dies gelobt worden, +gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im +letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten. + +Fuerder aber blieb der Fuerst in allen Mord- und sonstigen Lasterfaellen +unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein +Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man +wusste nun, dass jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate +fanden Beachtung. + +Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fuersten auch auf den +Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu +dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die +Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Buecher der Lehrer wie der +Schueler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal +woechentlich gelehrt, den Kindern tuechtig eingepraegt werden solle. Die +Lehrer wurden verhalten, Sorge fuer die oesterliche Beichte und Kommunion +zu tragen, die Kinder schaerfstens zu ueberwachen, auch brave Knaben als +Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuraeuchern. +Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten +werden. + +Ueber Mangel an fuerstlicher Initiative und Ueberraschungen durch die +mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen. +Eine eigenartige, unerhoerte Ueberraschung sollte aber die Fusswaschung der +zwoelf armen Maenner, welche die Apostel darzustellen hatten, am +Gruendonnerstag bringen. + +Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fuerst-Erzbischof in +eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln +die Fuesse wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der +bruederlichen Liebe einzupraegen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten, +zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen. + +Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, liess sich +ein Vortuch reichen, und begann den zwoelf Greisen die entbloessten Fuesse zu +naessen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der +Apostelkuss, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm. + +Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und haette nun die +Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen muessen. Die Domherren +und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte +dieses Arrangement, schritt ploetzlich wortlos quer durch das +Kirchenschiff und stieg zur groessten Ueberraschung des Kapitels wie der +massenhaft anwesenden Glaeubigen die Kanzeltreppe hinan. + +Ein Fluestern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund +flog es, dass der Erzbischof gegen allen Brauch unerhoerterweise nun +predigen werde. + +Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm +eigenen Gabe hinreissend schon nach wenigen Saetzen zu predigen. + +Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser ueberraschenden Kanzelrede +zu verlieren, die also begann: "Am heutigen Tage folgen dem Beispiel +Jesu der Papst und die Bischoefe, in den Klostern die Aebte und Vorsteher, +haeufig auch christliche Kaiser, Koenige und Fuersten, und alle beweisen +durch Fusswaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, dass +die erhabene Wuerde, so sie als Erdenbeherrscher ueber die Unterthanen +erhebet, sie nicht trennen duerfe von den Banden der christlichen +Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_ +Leibes sind. Wir haben uns zu befleissigen, aufzunehmen in uns den Geist +der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der +Fusswaschung zu den Aposteln gesprochen: 'Ich habe euch ein Beispiel +gegeben, dass ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr +und Lehrmeister, euch die Fuesse gewaschen habe, sollet auch ihr einander +die Fuesse waschen.'--Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur +Einkehr, zur Demut, und demuetigen muessen sich alle wahrhaft Glaeubigen +vor Gott dem Herrn, demuetigen auch die Unterthanen vor ihrem Fuersten und +Gebieter." + +Wolf Dietrich hatte damit den gewuenschten Uebergang gefunden, um den +Zuhoerern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach +der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche +die schuldige Demut auch vor dem Fuersten und seinen Regierungsakten +schwer vermissen liessen. Mit flammenden Worten ruegte der Redner solchen +Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geisselte Unbotmaessigkeit und +Noergelsucht und fuehrte aus, dass jeder Fuerst ein Recht darauf habe, sich +auch als Mensch zu fuehlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser +sei da ein menschlich Leben in weiser Beschraenkung als verhuellte Suende; +besser, es haelt der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er +fuehre ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an +vielen Orten und leider auch in Priesterhaeusern und im Widum. + +Die Rede schloss mit einem Appell an den guten Sinn und demuetige +Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge +erkennen sollen. + +In hoechster Ueberraschung fluesterten die Zuhoerer wie die Kapitelherren, +es kann kein Zweifel sein, dass Wolf Dietrich ueber sein Verhaeltnis zu +Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen +habe. Ein unerhoertes Beginnen, ueberraschend, verblueffend, aber echt im +Charakter des Fuersten, der so viel Unberechenbares in sich birgt. + +Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu +seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestuehl des Kapitels. +Zoegernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren +die Funktionen wieder anzunehmen und durchzufuehren. Graf Lamberg sass wie +zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des +Erzbischofs, ist grenzenlos ueberrascht worden. + +Salzburgs Bevoelkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen +Eroerterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gespraechsstoff auf lange +Zeit. Allein ein ebenfalls gaenzlich unerwartetes Ereignis lenkte die +Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Ueber Nacht war +naemlich von Seite des Fuersten ein Krieg erklaert worden, und zwar den +salzburgischen----Hunden. + +Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof +verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit +einem Laerm, dass von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen, +bellenden Biester kuemmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe +des Landesfuersten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so aerger, je +kraeftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der +Krieg schon erklaert; ein Wachthuettlein musste im Hof aufgestellt und von +einem Nachtwaechter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister) +erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen +Gassen einzufangen und abzuschlagen. + +Der Hundschlager verstand keinen Spass und begann sein Handwerk mit einer +alle Hundefreunde mit Schrecken erfuellenden Gruendlichkeit. Vom fruehesten +Morgen bis zur Daemmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und +fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der +Strasse, unbekuemmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager +konnte ruecksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf +Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund +lieb hatte, musste sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund +nicht aufsichtlos lassen. + +Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor +ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies +sich ueberaus findig, er warf lange Schlingen mit grosser Sicherheit aus +und fing die Koeter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese +Weise bald von vierfuessigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl +zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fuerstlicher +Auffassung ueberhaupt zu viel Hunde. + +Dem Schlager erwuchs zu grosse Arbeit durch das Wegfuehren der +Hundekadaver, er toetete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem +Kopf um die Erde oder Haeuserecken schlug, und liess die Kadaver einfach +auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Toetung konnten +Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und +gemeuchelt wurden, die einflussreichen Leuten bei Hof gehoerten. Die +Metzger beschwerten sich, dass einerseits der Viehtrieb ohne Hunde +erschwert sei, und dass der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den +Fleischbaenken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer +vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Auflaeufe. Kurz es schien, als +sollte Salzburgs Bevoelkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde +davon kam auch dem Fuersten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen +wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die +Beschwerden wurden geprueft, fuer begruendet befunden, und nun erfolgte die +Verhaftung des Schlagers. + +Die Aburteilung endete mit Entlassung "mit Spot und Schant". + + + + +IX. + + +An einem furchtbar heissen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater +auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu, +das am Fusse des dichtbewaldeten Geissberges bei Salzburg gelegen war. Der +Bettelmoench keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck +gefuellten, maechtigen Sackes, und ausserdem trug der krank aussehende +Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine +lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei +jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack. + +Und so oft der Bruder unwillig den Sack schuettelte, quieckste das +Almosen aus Leibeskraeften, wasmassen die Spende ein Spanferkel war. Jener +Aelpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder +Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besass, er spendete eben vom +Ferkelueberfluss, der ihm geworden, in der Meinung, dass die Franziskaner +zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiss gerne mal einen Ferkelbraten +essen wuerden. + +Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und +schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des +Wirtshauses am Fusse des Geissberges aber ward die Muedigkeit zu gross, der +Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiss trat ihm auf die Stirne +trotz der uebermaessigen Hitze, stoehnend musste der Frater am Strassenrain +sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste +schrecklich und versuchte im Sack die Flucht. + +Angelockt von solchem Laerm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der +Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behaebige Zapfler den blassen, +mueden Moench erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend +beizuspringen. + +"Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet bass uebel aus!" + +Der Frater stoehnte, mit Muehe brachte er heraus, dass ihm eine +unerklaerliche Krankheit angeflogen sein muesse. "Reichet mir barmherzig +einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!" + +"Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Lasst mich die Saecke +tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?" + +Der Klosterbruder nickte und bat, es moege der Wirt das Ferkel im Stall +einstweilen einstellen und fuettern bis zur Abholung. + +"Gern soll das geschehen!" sprach der moenchefreundliche Wirt und trug +den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiss des Zapflers holte eine +Dirn den andern grossen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte +der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein +Humpen Weines gereicht wurde. + +Ein Stuendlein Ruhe und der kraeftigende Wein halfen dem armen Bruder +wieder auf die Beine, sodass er nach Erstattung herzlichen Dankes den +Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu +wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer +Terminierung gelegentlich wieder holen. + +In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde +fuehlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der +Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Strassenrain und machte +Reu' und Leid, die Sterbgebete fluesternd. + +Ein Baeuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den +armen Bettelmoench mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode +ringender Mensch, bat, es moege der Bauer ihn um Gottes Lohn ins +Franziskanerkloster nach Salzburg bringen. + +Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen, +schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt ueber seine Gliedmassen +bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes +uebrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen. + +Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der +Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen +benebst dessen Almosensack. + +Der Tuermer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die +Stadt zu lassen, wasmassen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen +vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem +Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, dass er das nicht +wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen. + +Der Tuermer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon +fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster +gehoere. + +"Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!" beteuerte der Bauer, dem es +pressierte, in die Stadt zu kommen. + +"Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehoert, muss er wohl eingelassen +werden!" argumentierte der Waechter und gab die Einfahrt frei. + +Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der +Bruecke uebersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater +bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann +abliefern. + +Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch +mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich +gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, dass ein Frater vom +Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein +heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein +Zeichen fuer die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der +kloesterliche Medikus zurueck und rief: "Grosser Gott! Ein Pestfall!" + +Das hoerte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der +Leiche geblieben war, und mit rasenden Saetzen fluechtete der Mann nun +hinweg, sprang auf sein Gefaehrt und jagte das Ross unter Peitschenhieben +dem Einstellhause zu. + +Die rasende Fahrt musste auffallen, zumal schon das Trabfahren in den +engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten +dem Ross in die Zuegel und brachten es zum Stehen. + +"Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!" zeterte der entsetzte Bauer, +und scheu wichen die Trabanten von dem Gefaehrt hinweg. + +Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten +Pestfalle, ueberall Schrecken und Todesangst erzeugend. + +Waehrend man im Rathause noch nicht wusste, was beginnen, hatte Wolf +Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit +zahlreicher Mannschaft rueckte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster +und ueberbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde +alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen +Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren +muessen. + +Wohl protestierte der Guardian, die Moenche baten, den Frater doch vorher +beerdigen zu duerfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen +Befehl, und als die Moenche keinerlei Miene zum Abruecken machten, +erklaerte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch +Musketiere darunter, drangen in die Klosterraeume, es ward bitterer +Ernst. Wie die Moenche standen, mussten sie abziehen, nichts durfte +mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den +Toten mussten die Fraters auf der Bahre wegtragen. + +Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch +zur Salzach getrieben, wo auf fuerstlichen Befehl ein Salzschiff zur +Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen +worden war. + +Der Transport erregte Erbitterung bei den moenchefreundlichen Buergern, +doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab, +sich einzumengen. + +Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plaette zu +besteigen, laut und beweglich, aber es nuetzte nichts. + +Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen +an Bord zu haben, zogen das Laendseil ein, und stiessen ab. Von den Wellen +erfasst, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert, +schnell hinab. Die Moenche beteten laut.... + +Scharf griff der Fuerst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer, +der den toten Bettelmoench in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in +ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden +war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit +verschiedenen Leuten in Beruehrung gekommen. + +Nach wenigen Tagen gab es Pestfaelle in der Stadt, Angst und Aufregung +wuchsen. Aerzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten +strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein +Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in +der Riedenburg geschafft, ruecksichtslos, unerbittlich wurde dieser +Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen. + +Still ward es in Salzburg und heiss ueber alle Massen. Unbarmherzig brannte +die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in +die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstaedtlein +Hallein herrschte ein grosses Sterben, es hiess, es starben oft an einem +Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, dass die +Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Oesterreichischen viele Opfer +fordere. + +An fuenfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg. +Auf Befehl des Fuersten mussten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner +aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die +Rueckkehr war aufs strengste verboten. + +Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsueber auf einige Stunden sich im +Freien zu ergehen, auf dass sie doch etwas an die Luft kaemen. + +Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, dass die Ausgestossenen auf den +Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung haetten, indem die +umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung +abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich +und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mussten auf seinen Befehl Aerzte +und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus. + +Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies +frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute. + +Die Salzburger fassten wieder Mut und wurden beweglich; Buerger thaten +sich zusammen und supplizierten zum Fuersten, es solle der Erzbischof +doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder +doch wenigstens auf der Schanz zu Muehlen (Muelln) unter Dach bringen, +wofuer die Buergerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen +wolle. + +Diese Supplikation, hauptsaechlich wohl der anmassende Ton und Undank, +erbitterte den Fuersten schwer, es erfloss ein Mandat, worin die Buerger +als Aufwiegler und Unruhestifter erklaert und mit insgesamt achthundert +Gulden Strafe wegen ihrer Ungebuehr belegt wurden. + +Die kuehle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande. + +Auf Befehl des Fuersten durften die Exilierten, nachdem die Aerzte hierzu +ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch +den Franziskanern wurde die Rueckkehr wieder gestattet, deren Kloster +vorher voellig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg +neunzehn Haeuser infiziert gewesen und etwa fuenfzig Personen daraus +verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die +Schrecken wichen. Zurueck blieb nur der Aerger ueber die achthundert Gulden +Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden musste. + +Spaetherbst war ins stiftische Land gezogen, die Waelder prangten in +leuchtenden Farben. + +Vom Franziskanerkloster wurden die Brueder ein letztes Mal vor dem Winter +zum Terminieren ausgeschickt, einmal um fuer den eigenen Bedarf Vorraete +zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien +fuer die Armenbekoestigung zu erhalten. + +Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis +gegen Golling, und mit einem maechtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der +Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen. + +Viel war im von Steuern, Missernte und der Pest heimgesuchten Laendchen +nicht zu holen, die Gaben flossen spaerlich. + +Auf dem Rueckweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am +Geissberg am spaeten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine +Magd wusch hoelzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht +eben erbaut davon, dass knapp vor Hausthorschluss noch ein spaeter Gast +eintrat. + +Frater Anselm gruesste mit frommen Worten und bat um barmherzige +Beherbergung fuer Gotteslohn. + +Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Moenchhabit schien sie zu +beruhigen, und da der Frater sonst keine Wuensche auf Verpflegung +aeusserte, war die Magd bereit, ihm ein duerftig Kaemmerlein im niederen +ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der duesteren Kammer, die ausser +einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersaecke enthielt, ging dem von Mauern +umschlossenen Hof zu. + +Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom +fleissigen Terminieren an frische Luft gewoehnt, war es ihm Beduerfnis, +hier das Fenster zu oeffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem +schoepfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch ploetzlich ward +unten im Hof eine Thuer geoeffnet und eine Stimme rief: "Jackel! Vergiss +nicht, morgen gleich in der Frueh wird der 'Franziskaner' abg'stochen!" + +Und eine andere Stimme antwortete: "Ist recht, Wirt!" + +Todesangst erfasste den Frater, der jedes Wort gehoert hat und nichts +anderes denken kann, als dass er in eine Raeuberhoehle geraten sein muesse +und dass man ihm, dem armen Bettelmoench, ans Leben wolle. Bis zum Morgen +darf nicht gewartet werden, Frater Anselm moechte noch ein Weilchen +leben, er muss fliehen aus dem Moerderhause. + +Wie aber entweichen, ohne den Moerdern in die Haende zu laufen? Ein +vorsichtig Betasten des Thuerschlosses, der Versuch des Aufklinkens +ergab die Gewissheit, dass der spaete Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die +Magd muss das Schloss von aussen versperrt haben. + +Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muss alles im +Schlafe liegen. So wartete der Moench eine lange Zeit, von Todesangst +gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch guenstig erschien. Mit +zitternden Haenden loeste der Franziskaner den weissen Strick von seiner +Kutte, knuepfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken +fest und liess sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der +Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glueck befand sich kein Hund im +Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das +Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thuer duerfte direkt ins +Haus der Moerderbande fuehren. Also ist der Moench rettungslos gefangen, +eine Flucht unmoeglich. Die Nachtkaelte zwingt dazu, einen geschuetzten +Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder +hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer +verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich +nicht eben einladend duftet. Die Thuer ist unverschlossen, also hinein. +Am Grunzen der ueberraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer +erkennen, dass er im Schweinestall sich befindet. Eine missliche +Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein +kann, denn im Schweinestall werden die Moerder ihr Opfer kaum suchen. + +Maehlich beruhigten sich die Borstentraeger, nur ein Ferkel bekundete +zudringliche Neugierde und liess erst nach energischen Stoessen und +Fausthieben von naeheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab. +Zusammengekauert hockte der Moench im Stall und trotz der fuerchterlichen +Angst ueberfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Muedigkeit war zu gross. + +Ein Haushahn kraehte sein Kickeriki in die frische Morgendaemmerung und +weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es +lebendig im Hause. Eine Thuer wurde geoeffnet, Menschen traten in den Hof, +und in naechster Naehe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton +der Moench erzitterte: "Also Jackel, fang den 'Franziskaner' 'raus und +hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schaedel!" + +Frater Anselm fuehlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfasst +murmelte er ein Stossgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der +goettlichen Barmherzigkeit. + +Die Thuer zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick +fasste der Moench blitzschnell den Entschluss, durch vehemente Flucht sich +durchzuschlagen, den ersten der Moerder niederzustossen. Gedacht, gethan, +der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und +warf den Knecht ueber den Haufen. + +"Hui!" schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht +zeterte ueber Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner +Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu. + +Alle Hausinsassen kamen ob des Laermes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich +wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwoerungsworte an +den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die +Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthuere aber huepften die +Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehoeft +vermehrend. + +"Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?" schrie der Wirt und +machte das Kreuzzeichen gegen den Moench. + +Frater Anselm fasste augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht, +kann kein Moerder sein. Er rief: "Im Namen Gottes des Herrn frag' ich +Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?" + +"Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?" + +"Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!" Jetzt aenderte sich +die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, dass er ein Ferkel, +das vor geraumer Zeit ein Bettelmoench eingestellt, "Franziskaner" +genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel +abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmoench aus dem +Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als +dass wegen des begangenen Frevels, ein Schwein "Franziskaner" genannt zu +haben, das Ferkel in einen Bettelmoench verwandelt und ein Geist geworden +sei. + +Flink nuetzte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig ueber solchen +Frevel loszog und die Strafe Gottes in naechste Aussicht stellte. + +Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er +um Verzeihung und gelobte das aufgefuetterte Ferkel sogleich dem +Franziskanerkloster zurueckstellen zu wollen. + +Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schliesslich lachte er ueber +die ausgestandene Angst und sein Missgeschick, und die Gehoeftbewohner +lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und +gebunden, dann musste Frater Anselm sich bewirten lassen, und schliesslich +ward angespannt, der Wirt fuhr den Moench mit dem Terminiersack und dem +schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster. + +Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung, +dass jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der +Pest verstorben sei. + +Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr liess den Wirt nachtraeglich +erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine +Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor +einfahren. + +Im Kloster lachte man weidlich ueber diese Franziskanergeschichte, und +weil das Ferkel so praechtig aufgefuettert worden war, veruebelte man dem +Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen +konnte, dass jener anspruchsberechtigte Moenchsbruder mit Tod abgegangen +war. Fuerder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender fuer +die wackeren Franziskaner und alljaehrlich lieferte er dem Kloster aus +eigenem Antrieb ein Ferkel zur Suehne. + + + + +X. + + +Wahrhaft fuerstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschraenkte Gebieterin +und Herrin ueber eine grosse Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen. +Salome speiste mit Wolf Dietrich taeglich an der ueppig bestellten Tafel, +sie erwies die Honneurs des fuerstlichen Hauses, wie sie im engeren +Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfuerstlichen Gnaden +respektiert wurde. Der Fuerst bekundete fuer Weib und Kind eine ruehrende +Fuersorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmuetigen Wesens +offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schoensten Masse. Aus +Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis +sechstausend Gulden ueberwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde +umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien +bemueht, die Existenz seiner heissgeliebten Salome vor Wechselfaellen des +Lebens sicherzustellen dadurch, dass er dem sogenannten "ewigen Statut" +einen speziellen Paragraphen einfuegte, der in nicht misszuverstehender +Weise lautete: "Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet +werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein +unter irgend einem Schein, heisse er wie er wolle, nicht angefochten +werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden +haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschuetzt und +beschirmt werden." + +So geschirmt, beschuetzt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der +immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversoehnlichen Vater +steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt +Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das +kleine Woelfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur +Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am +geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, dass ein besonderes +Ereignis vorgefallen sein muesse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden +weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden +habe. + +Zoegernd nur sagte die vertraute Dienerin, dass sie die Haeuserin des +Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stuende uebel mit Herrn +Wilhelm Alt, wasmassen um den Geistlichen geschickt worden sei. + +Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten +Koerper, bebend jammerte sie: "Grosser Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei +zur Vergebung!" + +Und ein Gedanke fand sofortige Ausfuehrung. Salome kleidete Woelfchen +sogleich an, ruestete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine +Saenfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus. + +Eine Stunde spaeter war Salome mit ihrem Soehnchen zitternd und zagend im +Altschen Hause; Klara bemuehte sich, die Haeuserin zu beschwatzen, auf dass +Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen wuerden. + +Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verliess die Stube; ihm +eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequaelt Salome entgegen und +fragte, wie es um den Vater stuende. Der Geistliche zuckte die Achseln, +gruesste hoeflich und fluesterte: "Es kann nicht lange mehr dauern!" + +Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fuehlte eine Ohnmacht +nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Woelfchen in die Arme und wankte, +die Haeuserin zur Seite draengend, in Vaters Krankenstube. + +Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier +brechenden Augen waren fragend auf den Stoerenfried gerichtet. Wie nun +Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knoecherigen Haende wie +abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: "Hinweg mit der +fuerstlichen Buhle!" + +Salome warf sich in die Knie, hielt Woelfchen entgegen und flehte +schluchzend im bittersten Weh: "Vater, lieber Vater, vergebt mir! +Verzeiht!" + +"Hinweg! Ich will in Ehren sterben!" + +"Vater, habt Erbarmen!" + +"Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!" + +"Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde +meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf dass mir +Verzeihung werde, nach welcher duerstet meine Seele, verlangt mein +schmerzdurchwuehltes Herz!" + +"Hinaus! Ich will nichts hoeren!" + +"Schwer hat sich geraecht die Flucht vom Elternhause, ich fand die +Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen--" + +"Das wusst' ich zum voraus!" + +"Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfuellet! All' +aeusserer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!" + +"Die Strafe ist gerecht fuer das ungeratene Kind, dessen Leben jedem +ehrlichen Buerger Salzburgs muss die Schamroet' ins Gesicht nur treiben!" + +"Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie +ertragen werden! Lasst Euer Herz reden fuer mich und mein unschuldig +Kind!" + +"Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Muehe!" + +"Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das +meines Lebens hoechste Sehnsucht ist!" + +"Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will +ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fuerstlichen Buhlen +soll sich raechen der Fluch des Vaters, erfuellen sich ein grausam +Schicksal verdientermassen!" + +Wilhelm Alt begann zu roecheln, seinem todesmatten Koerper und mueden Geist +ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen +musste. + +Von Verzweiflung erfuellt setzte Salome das Knaeblein zu Boden, eilte an +des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Haende +flehend ringend, um Erbarmen wimmernd. + +"Nein!" fluesterte der Sterbende und liess das Haupt in die Kissen fallen. +Ein Zucken, ein Seufzer--das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversoehnt +gestorben. + +Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich ueber die +Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal kuessend. + +Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Woelfchen auf den Arm und +verliess das Sterbezimmer, um in der Saenfte ins Palais zurueckzukehren und +Trauerkleider anzulegen. + +Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht +in Salomens Gemaechern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal +zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fuerst nach der +Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters +gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu troesten. Die Frage, ob eine +Aussoehnung erfolgt sei, fuehlte der Fuerst auf der Zunge liegen, doch als +Schonung sprach er sie nicht aus. Dafuer gelobte er, Wilhelm Alt mit +allem Gepraenge, wie die familiaeren Beziehungen dies heischen, bestatten +zu lassen. + +Salome draengte die Thraenen zurueck und bat weichen Tones: "Mein gnaediger +Herr moege davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht +begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!" + +"Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich beduenken, der Vater +meiner Frau soll mit fuerstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!" + +"Verzeiht mir, gnaediger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist +geschieden im Zorn--unversoehnt mein Flehen war vergeblich!" + +"So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?" + +"Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Woelfchen in den Armen flehte ich +um sein Erbarmen--" + +Wolf Dietrich rief missmutig: "Was sollt' mein Soehnlein dabei? Will ich +verargen nicht, dass du den kranken Vater wolltest sehen, der junge +Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben." + +Aufschluchzend jammerte Salome: "Ist doch Woelfchen von mir in Schmerzen +geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf +den bitteren Gang!" + +"Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein +Spross aber sollt' nicht betteln um eines Buergers Gnade, sei dieser wer +er wolle; die Kluft ist zu hoch!" + +"Weh' mir!" rief Salome und brach zusammen. + +Der Fuerst mochte fuehlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein, +er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome ueberliess, und +gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche. + +Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens +und Missmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den +Saal, wo die geladenen Gaeste des Fuersten harrten und ihn mit tiefen +Verbeugungen begruessten. + +Unter den Gaesten befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die +Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres +Vaters in Verbindung zu bringen wussten und nicht wenig darauf neugierig +waren, ob der Fuerst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwaehnen werde. + +Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich +strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward +gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des +Fuersten liess keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen. + +Neben dem Erzbischofe sass Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf +den Gebieter warf und darueber nachsann, was die ueble Laune hervorgerufen +haben koennte. Zu seiner Ueberraschung sprach ploetzlich Wolf Dietrich +halblaut zum Kapitular: "Will Lamberg dafuer sorgen, dass still und +schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde, +werd' ich dem Freunde dankbar sein!" + +Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im +Verhalten des Fuersten. + +Ausblickend und der Gaeste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das +Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: "Salzburg hat einen +hervorragenden Buerger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist, +verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die +Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begraebnis an meiner Statt +meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Noetige zu +veranlassen." + +Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fuersten +wirkten ergreifend auf die Gaeste, besonders auf die Patrizier, die ein +Dankgefuehl empfanden, dass der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles +hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun +speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum +Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fuerst mit Lamberg in die +inneren Gemaecher zurueckzog, die Herren aber ergriffen das Palais +verliessen. + + + + +XI. + + +Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Missmut wachriefen, +es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhaeltnis Salzburgs zum +Herzogtum Bayern zu trueben sehr geeignet schienen. Eine +Haupteinnahmequelle fuer Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen +das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes +geschah durch das bayerische Land und nach Boehmen, teils zu Wasser, +teils zu Lande. Verschiedene Orte laengs der Salzach und des Inns waren +als Lagerorte oder "Legstaetten" fuer dieses Salz bestimmt; Hallein fuer +die Ausfuhr zu Lande "auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumross und Fuhren", +Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schaerding fuer die Ausfuhr zu +Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben, +nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der +Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt +gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluss zu ueben. Schon in +frueheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und +Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III., +welche dem Erzstift Salzburg die eigenmaechtige Erhoehung des Salzpreises +zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun +der Erzbischof Mathaeus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom +Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, dass diese wie +alle zukuenftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzoege +abhaengen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen +und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst +erschien daher als staendiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rueckgabe +des laestigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt +hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fuegend, fuer eine Preissteigerung, +zu welcher ihn die missliche finanzielle Lage veranlasste, die Bewilligung +des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich +hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der +Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem +Domkapitel nicht wuerdig dem Verhaeltnis des Erzbischofs und einem Herzog +schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung +durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor +wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers +ueber die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern +fuer ein Fuder Salz (ungefaehr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch +einen Kreuzer darueber gestattete. + +Wolf Dietrich, der bereits seine Bauplaene zu realisieren begonnen und +demgemaess kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu +erhoehen, und diesmal fuehrte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen +Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und +berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang +ein leidliches Verhaeltnis herzustellen, das aber durch erneute +Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getruebt werden musste. + +Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin +er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern +teilen zu sollen, empfand der Fuerst schwer; er wuenschte, den verhassten +Vertrag so bald als moeglich abschuetteln zu koennen, und forschte nach +einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezoegert, so +geschah es in der Hoffnung, dass inzwischen die Verleihung des roten +Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fuerst +bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen +vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischoeflichen Palais vor, die +keinen Zweifel darueber liessen, dass Bayern den Erzbischof wegen seines +Verhaeltnisses zu Salome als auch wegen seiner laessigen Haltung dem +Protestantismus gegenueber beim Vatikan denunziert hat, ja dass Wolf +Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdaechtigt worden sei. Da des +weiteren auf Sixtus V. der wankelmuetige Klemens VIII. Papst geworden, +konnte Wolf Dietrich sich bei gruendlicher Wuerdigung der Verhaeltnisse in +Rom nicht verhehlen, dass die Aussichten fuer das Kardinalat sehr schlecht +genannt werden mussten. + +Wolf Dietrich bruetete in seinem Arbeitszimmer ueber diesen geheimen +Briefen und bemuehte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu +finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig +besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, dass der rote +Hut so gut wie verloren sei, dem Fuersten zu peinlich erschien. Dennoch +empfand Wolf Dietrich das Beduerfnis, die Lage mit einer klugen, kuehl +erwaegenden Person zu eroertern, im Gefuehle, dass sein eigener Kopf zu +hitzig, sein Gemuet zu rasch erzuernt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem +klugen, schoenen Weibe, doch draengte der Fuerst diesen Gedanken wieder +zurueck. Die Lage ist doch zu verwickelt, als dass ein Weiberkopf den +Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fuerst +nicht erkluegeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche +Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht +immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer +Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht, +besser als es die geriebensten Hofraete haetten bemeistern koennen? Wenn +Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, dass die +Hoffnung auf das Kardinalat hinfaellig geworden, wird Salome nicht die +Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und draengen, dass nun jede Ruecksicht +auf Rom fallen gelassen werde? + +"Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!" fluesterte der Fuerst und +liess bitten, es moege die Fuerstin sich guetigst zu ihm ins Arbeitszimmer +bemuehen. + +Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt, +anmutig, mit dem bezaubernden Laecheln inniger Hingebung auf den Lippen, +doch mit fragenden Augen. + +Als die Pagen, welche die Fuerstin begleitet hatten, sich zurueckgezogen, +richtete Salome, an der Seite des Fuersten Platz nehmend, die Frage an +Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen +hervorgerufen habe. + +"Wie klug du bist, Salome! So klug wie schoen, Geliebte! Und richtig hast +du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu +besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage." + +Wolf Dietrich eroerterte alles der aufmerksam zuhoerenden Freundin, die +jetzt nur fuer seine Ausfuehrungen Aug' und Ohr war. + +Zunaechst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt +nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet. + +Langsam sprach nun, jedes Wort ueberlegend, die Favoritin: "Nach allem, +was mein gnaediger Herr eben eroertert, deucht mich: Im Vorteil waere das +Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine +bestimmte Frist festgelegt werden wuerde und Bayern sich verpflichtet, +genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszufuehren. Zugleich +soll Salzburg darauf hinwirken, dass nur das Stiftsland den Preis +steigern koenne, Bayern hierauf aber keinen Einfluss habe." + +Ueberrascht rief Wolf Dietrich: "Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer +hoert viel auf seine Raete und deren einer wird doch wohl solches Fusseisen +finden! Richtig ist, dass mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies +auch der Kaiser thut." + +"Will mein gnaediger Herr das nicht naeher auseinandersetzen?" + +"Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl +eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben +Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen." + +"Weiss das der Bayernherzog?" + +Wolf Dietrich zuckte die Achseln: "Ob er es weiss, ist mir nicht bekannt; +ich glaube nicht, dass von dieser Urkunde eine Abschrift nach Muenchen +gekommen ist." + +"Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnaediger Herr nach eigenem Willen +vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muss. Bayern muss +Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz +nicht verschleissen, so ist das seine Sache, an Salzburg muss er dennoch +zahlen." + +"Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedraenge kommen, so der Preis +des kaiserlichen Salzes in die Hoehe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es +ist kaum zu denken, dass Bayern solche Moeglichkeiten nicht bedenkt!" + +"Darauf kann es mein gnaediger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt +man nach Muenchen freundlich und proponiert die Festlegung des +Salzbezuges fuer eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so +sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muss er sich bestreben, +sein Absatzgebiet fuer das uebernommene Salz zu vergroessern" + +"Bewunderungswuerdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer +Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist +feiner, die Moeglichkeit besteht, dass des Herzogs Raete die Gefahren im +neuen Vertrag uebersehen. Wenn nicht, dann muss ich freilich nach meinem +alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist +genehm." + +Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit ueber und +erzaehlte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien. + +Salome interessierte sich hierfuer ersichtlich mehr, weshalb der Fuerst +sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, dass der +Papst Klemens die Guete hatte, den Salzburger Erzbischof einen "seltsam +geschwinden Kopf" zu nennen. + +Salome warf ein: "Das ist doch weiter nichts Schlechtes?" + +"Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der +freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzaehlt haben, auf dass +der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als +ein "periculosum ingenium" betrachten--" + +"Was heisst das?" fragte Salome. + +"Man kann es verdeutschen mit 'gefaehrlicher Kopf'!" + +"Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue +Papst nicht schlimme Absichten heget." + +"Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den +Vorgaengen schliessen zu sollen, dass man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem +wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen." + +"Lasst sie blasen, gnaediger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein +klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen truegerischer +Hoffnungen. Der Fuerst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten +Hut!" + +Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Ueberraschung, dass Salome so schnell auch +hier den Kern der Sache erfasste. + +"Hab' ich recht geraten?" fragte die kluge Frau. + +"Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist +meine Hoffnung, ich kann damit nicht laenger hinterm Berge halten. Der +Erzbischof Wolf Dieter wird--nicht Kardinal!" + +"Das wird der Uebel groesstes noch nicht sein. Schlimmer waer' ein Streit +mit Bayern und dem Kaiser!" + +Trotzig rief der hochfahrende Fuerst: "Kommt dazu es jemals, stell' ich +meinen Mann und werd' das Schwert zu fuehren wissen. Doch nun genug der +leidigen Politik, es giebt schoenere Dinge noch auf Erden, und meiner +Salome dankbar die Hand zu kuessen, will mich ein schoenes Ding beduenken." +Galant kuesste der Fuerst die schmale Rechte seiner Herzensdame und +geleitete Salome in ihre Gemaecher, wo er laengere Zeit verblieb. + +Wochen vergingen. Zur grossen und angenehmen Ueberraschung war Bayern auf +den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung +erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu +merken, uebervorteilen lassen, und allen Einfluss bei der Steigerung des +Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu +spaet erkannte man in Muenchen den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag +nicht rueckgaengig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um +seinen Salzverschleiss zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim +zu grossen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Bruecke bei Vilshofen +der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch +Erbauung einer Bruecke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm +gelegt wurden. Natuerlich protestierten beide Staedte, und Prachatitz in +Boehmen, der Hauptplatz des sogenannten "goldenen Steiges" nach Boehmen, +wohin das Salz von Passau aus ging, schloss sich dem Protest an, man +klagte beim Reichskammergericht in Speyer. + +Einstweilen konnte dieser Prozess dem Erzbischof von Salzburg +gleichgueltig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der +Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun +auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische +Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den +Vertrag mit Bayern bestaendig billiger als das aus den Werken von +Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das +kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem +Erzstift, dass es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren +konnte. + +Kaiser Rudolf unterstuetzte daher die Klage Regensburgs beim +Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller +Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr +verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das +Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu loesen. + +Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, dass Wolf Dietrich +abermals und zur grossen Ueberraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der +Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Glaeubigen hielt, +von welcher der Chronist berichtet: "Er (der Erzbischof) ist ainesmales +ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von +wegen des Tuergkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig +stuendigen Gebet ganz treulich und vaetterlichen vermant, auch wie hoch +und gross das von Noetten und wie grossen Nuzen man damit, wo solches mit +Andacht beschicht, koenne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung +habe und was vor alten Zeiten solches gewuerkt und ausgericht habe. Auch +ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Tuerggen-Gebet taeglich umb die +zwoelfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit +abdoecken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches +Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hueet; +ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen muessten, oder wie sie es +darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch +mit der Weil wider verloren, aber leuetten thuet man noch." + +Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an +Reich, Kaiser und Tuerkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte +eine jaehe Sinnesaenderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um ueber +ein Hilfsgesuch des Kaisers fuer den Tuerkenkrieg zu beraten, und zu +dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Raete entsendet. + +Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den groessten +Zorn hervor und setzte seinen ohnehin "geschwinden Sinn" in lebhafteste +Bewegung. Ein Kurier musste mit unterlegten Pferden zum bayerischen +Kreistag reiten und den salzburgischen Raeten das Abberufungsschreiben +einhaendigen. + +Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestuerzt ob des bruesken Vorgehens des +fuerstlichen Nachbars, bemuehte sich, die salzburgischen Gesandten zum +Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rueckten +schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten +Hofraete vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam +an den Kaiser senden und ihn um Zuruecknahme des Speyerer Urteils bitten +lassen. + +Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hoeren, seinen Vorteil nicht +aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die +Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstuetzen. Verweigere dies +der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Tuerkenhilfe nicht bewilligen. + +Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das groesste Aufsehen im Reiche +hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands ueber das beispiellos +kuehne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen +Fuersten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in +jener Prozessangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen. + +Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die +Erkenntnis des Fuersten, dass Bayern doch auch empfindliche +Schwierigkeiten bereiten koennte, zumal die Uebervorteilung immer +offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag +liess er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, dass er dem +Kaiser wohl Unterstuetzung gewaehre, jedoch nicht in der verlangten Hoehe. +Auf Salzburg trafen naemlich 844 Mann Tuerkenhilfe, der Erzbischof +gewaehrte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen +marschieren duerfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant +befehligt werden muessen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die +Majoritaet des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine +Gesandten ab. + +Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gaenzlich die Hilfe zu +versagen, immer weniger zu gewaehren als gefordert wurde, um dadurch auf +den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuueben. +Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, dass _durch Salzburgs +Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschuettert wurde_. + +Kaiser Rudolf spuerte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch +war; er fand es geraten, eine Verstaendigung anzubahnen ueber die +Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger +seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke. + +In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und +salzburgische Hofraete zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen +neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo +verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja dass man +der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen duerfe, als diese selbst +verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des +kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Boehmen einigermassen fuer +den Kaiser ertraeglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb +gestattet werden, selbst jaehrlich 250000 Kufen von Bayern zu +festgesetztem Preise und fuer bestimmte Staedte in Boehmen zu beziehen; von +jeder dort eingefuehrten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fuenf +Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber moeglichst vermieden +werden. + +Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab. + +Wolf Dietrich beschloss daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser +begreiflich zu machen. Schon frueher einmal hatte der Erzbischof sich mit +dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform +des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf +dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkaempfer des +Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung +des Kaisers in der Salzfrage veranlassten den Fuersten eine Schwenkung zu +vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der +protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den +Frieden mit den Tuerken unbedingt zu befuerworten, obgleich die Lage der +Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte. + +Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander, +die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemaess den kaiserlichen +Wuenschen sogleich entgegen, sie verzoegerten die Beratungen unter +Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den +gleichfalls dissentierenden Pfaelzern. + +Als aber die Mehrheit fuer die Bewilligung einer Geldhilfe nach +Roemermonaten[16] entschied, erklaerten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die +Hilfe freiwillig sei, so koenne niemand ueber sein Vermoegen hinaus zu +Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluss sei also fuer +Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig +Roemermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich +verpflichte, diese Tuerkensteuer erst nach Ablauf der frueher bewilligten +zu verlangen, und wenn ausserdem auch die Reichsritter, die Hansa und die +auslaendischen Staaten zu Leistungen herangezogen wuerden, so erklaere sich +Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht +Roemermonaten bereit. + +Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen +Erklaerung, ueber die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fuegen, +ueber die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses +seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen musste um so groesser werden, +als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und +Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschuetterte die Grundlage des +Reichs. + +Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die +Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher +Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts aendern. Er bemuehte sich +jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich +nur mit dem Resultat, dass Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kaemen +die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Buerde auf sich, +weil er wuensche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen. + +Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thaetig, er +urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die +Zusicherung, dass die Ratifizierung in spaeterer Zeit erfolgen werde, weil +der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten koenne. + +Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg. + + + + +XII. + + +Liess Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten +in beweglichen Worten klagen, dass er gerne alles Menschenmoegliche +leisten wuerde, aber nichts Namhaftes bewilligen koenne, weil in des +Erzstiftes "armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark +abgefallen seien",--zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der +Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eroeffneten Quellen, +wie er auch fuer sich, Salome und den inzwischen erfolgten +Familienzuwachs, sowie fuer seine nach Salzburg berufenen Brueder in +ueberreichem Masse sorgte und Kapitalien anhaeufte, die zinsbringend +ausgeliehen wurden. + +Wo immer es angaengig ward, wurden alte Haeuser, Keuchen und Huetten +angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse, +am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der +uralte mit der "Freyung" begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls +abgebrochen und dadurch verschwand fuer immer die kaiserliche Freyung, +die einem Totschlaeger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten +gewaehrte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf +Dietrichs Werk, ebenso der "Neubau", welcher zur zweiten Residenz +bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut +des Fuersten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und +vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des oefteren. Fuer +seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er +noerdlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Haeuser standen, die +geschleift wurden, einen grossen Palast, der 80000 Gulden Baukosten +verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brueder, +Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit +wohlgezaehlten achtzehn Wagen voll Schaetzen in Gold und Silber nach +Schwaben ab. Im Zorn liess Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreissen +und der Erde gleich machen. Unzaehlig sind die Verschoenerungs- und +Verbesserungsbauten, die maehlich der Stadt einen anderen Charakter zu +verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu +verwirklichen, Salzburg veraenderte sein Stadtbild und nahm ein +italienisches Gepraege an durch die Neubauten, es gewann den +eigentuemlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mussten +fuenfundfuenfzig Haeuser verschwinden, um praechtigen Neubauten Platz zu +machen. + +Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu ueberwinden, so sie +seinen Bauplaenen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso grosse +Energie wie Faehigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des +prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fusse des +Moenchsberges erstreckte sich bis zum Buergerspittel eine dem Stift Skt. +Peter gehoerige Flaeche, der sogenannte Frongarten, welcher von den +Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im +Fruehling bis auf Georgi war es den Buergern Salzburgs gestattet, in +diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend +konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage +aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr +hindurch bis zum naechsten Fruehling. + +Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Buerger hatten die +Erlaubnis ersehnt, die Rueckseiten ihrer Haeuser zu oeffnen, auf dass sie +Fenster und Thueren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in +den Frongarten Gewinn erzielen koennten. Die Benediktiner wollten von +solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Buerger beim +Fuersten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und +wusste Rat. Auf sein Geheiss boten die beteiligten Buerger die Reichung von +Burgrechtspfennigen an, wofuer richtig die Moenche die Oeffnung der Haeuser +der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein +Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung +erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des +Frongartens fuer seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die +Benediktiner zoegerten, sie mochten wohl Unheil wittern. + +Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, liess monieren, und erreichte +sein Ziel. Sofort liess er einen langen und breiten Tummelplatz zum +Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu +Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr spaeter +kam es dazu, was die Patres befuerchtet hatten vom Anbeginn: der +Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die +ihm gehoerende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte. + +Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner +willigten ein. Nun gab der Fuerst seinen Unterthanen den ganzen Garten +das ganze Jahr hindurch frei, liess im Winter dortselbst einen Steinbruch +eroeffnen, aus dessen Material der grosse herrliche Marstall erbaut wurde, +ein Meisterwerk der Baukunst. + +Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf +Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem +Opfer zurueck. Und gluecklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plaenen und +Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um +Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwaermte. Ein +Fuerst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem duesteren wuchtigen Dom +mit den fuenf Tuermen keine Freude haben. Des oefteren klagte Wolf Dietrich +in stillen Stunden seiner Salome, dass er sich nicht Rats wisse, wie +Salzburg einen schoenen Dom bekommen koennte, ein Gotteshaus nach seinem +Geschmack. + +Und Salome, die kluge Frau, wusste da auch keinen Rat, denn an einen +Abbruch des zwar duesteren, doch immer majestaetischen alten Domes konnte +im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Buerger, +die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der +zweifellos enormen Kosten. + +Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und +steife Kaelte. So zart Salome gewesen, an einer froehlichen Schlittenfahrt +in warmer Pelzumhuellung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem +frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich +in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft +und Kuemmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem +erzbischoeflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten +Kuechenpersonal bereitete Mahl eingenommen und froehlich gezecht. Salome +zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer +Luft hatte sie erquickt, und als fruehzeitig der Abend sich ins stille +Gelaende senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwaermten +Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am naechsten Tage nach +Salzburg zurueckzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln +vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kaemmerer, welche +freilich lieber ins Palais gekehrt waeren, devot verkuendeten, dass +Nachtquartier bereit gestellt, die Raeume gut geheizt werden koennten, so +wurde die Uebernachtung beschlossen. + +Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber, +es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weissstarrend, im Silberlicht +schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg. + +In der Stadt waren die letzten Zecher laengst aus der Trinkstube in ihre +Haeuser zurueckgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still +durch die Fenster. + +Vom Dom kuendete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsaeule +aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare +Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich +knisterte es, bald zuengelten Flaemmchen hervor, ein Prasseln hub an, das +Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm +nach dem andern auf, bald gluehten alle fuenf Tuerme des Domes, das Feuer +leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidaecher +zum Schmelzen, die gluehende Masse floss zischend an den Quadermauern +nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heissen Gischt. Die +Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall. + +Nun wurde es lebendig in den Haeusern des Domviertels, der Schreckensruf: +"Der Thuemb brinnet!" brachte die Buerger auf die Beine. Der +Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf. + +Die ungeheuere Flamme lohte zum naechtlichen Himmel und schon flogen +feurige Braende hernieder zu den Daechern der umliegenden Haeuser und auf +die Residenz. + +Die Hitze war so gross, dass niemand sich der Brandstaette naehern konnte; +man musste warten, bis das gluehende Blei voellig abgeflossen sei. +Inzwischen bemuehten sich die Buerger, Stadtknechte und Landsknechte sowie +die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Haeuser und die +Residenz zu retten. + +Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen +Altaere, Schmuckgegenstaende, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und +ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne +begreifliche Beschaedigung einzelner Pfeifen. + +Im Jammer um das verlorene, maechtige Gotteshaus erinnerten sich die +Salzburger ihres Erzbischofs und Fuersten und schickten nach ihm in die +Residenz, auf dass der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und +anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstaende getragen werden +sollen. + +In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fuerst weilte +zudem auswaerts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und +Gut zusammenzuraffen in der Angst, dass auch noch das Palais werde ein +Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden. + +Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fuersten das grosse +Unglueck eiligst zu vermelden, der Mann musste in bitterkalter Winternacht +hinaus auf die Strasse gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das +Gefolge wachzubringen, auf dass dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde. + +Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstaette das Erscheinen des +Landesherrn. + +Die Tuerme stuerzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf, +richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die +Funken erloschen auf den schneebedeckten Daechern der umliegenden Haeuser. + +Endlich jagte ein Reiter ueber die Salzachbruecke und kam im Galopp zur +Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen, +alles fragte nach dem Erzbischof. + +Der erschoepfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte +nur mit Muehe den erschreckten Gaul meistern. + +"Wo ist der Fuerst?" hiess es. + +Heiser rief der Meldereiter: "Er kommt nicht!" + +Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen +konnten, dass der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr +durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher +Not. + +Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit +dem ueberraschenden Ergebnis, dass der Bote meldete, der Erzbischof, vom +Kaemmerling aufgeweckt, habe gesagt: "Brennt es, so lasse man es +brennen!" + +Das war den Buergern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die +Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgueltigkeit Wolf Dietrichs +gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht +ausgesprochen, dass der Erzbischof, von dem es bekannt war, dass er den +Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst +verursacht habe! Geschaeftige boshafte Zungen verbreiteten das Geruecht, +das Feuer sei im erzbischoeflichen Oratorium entstanden, der Fuerst haette +dort einen brennenden Wachsstock zurueckgelassen, und dadurch waere erst +der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden. + +Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich +diese gehaessige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter +verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und Muenchen, wo man, +dem Fuersten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar +nach Rom uebermittelte. + +Am naechsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurueck. Seine ruhige +Haltung verstaerkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des +Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden liess. + +Auf sein Geheiss wurden die geretteten Gegenstaende bei Skt. Peter und in +der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr +abgehalten werden konnte, liess Wolf Dietrich sogleich einen hoelzernen +Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fuerder +celebriert werden musste. Die Hochaemter und Predigten wurden bei Skt. +Peter abgehalten. + +Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es +nicht anders sein, als dass auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der +fuerchterliche Verdacht einer fuerstlichen Brandstiftung zu Ohren kam. +Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof +diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen. + +Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit +zur Entkraeftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf +Dietrich eine Audienz. + +Lamberg traf den Fuersten uebelgelaunt, fast bereute der treue Freund, +sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwaegung, dass +der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten duerfe, gab den Ausschlag. + +Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den +Kapitulator forschend an. "Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue +Kunde von Prag eingelaufen?" + +"Nein, Hochfuerstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die +ich unterbreiten moechte unserem gnaedigen Herrn." + +"Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wuesste nicht, was ansonsten Neues zu +vermelden waere in meiner Stadt!" + +"Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir +will gefaehrlich erscheinen." + +Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen +durchdringend. "Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht +hindern!" meinte der Fuerst dann geringschaetzig. + +"Mit Vergunst, gnaediger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann +gefaehrlich werden." + +"Wohinaus will Lamberg zielen?" + +"Ein Ziel moechte ich gesetzt wissen einer niedertraechtigen Verleumdung, +die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiss." + +"So zuengelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Hoehe? Pah, ein +Tritt und es endigt schmaehlich solch' Gewuerm!" + +"Will mein gnaediger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir +verstatten?" + +"Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!" + +"Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch +vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser +deucht mir ein Akt fuerstlicher Noblesse und politischer Klugheit +zugleich." + +"Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fuerst und +Herr zu thun und lassen habe?!" + +"Mit nichten, Hochfuerstliche Gnaden! In Treuen nur waer' meine +unterthaenige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch +eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen." + +"Ha, capisco! Dass ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird +mir wohl anjetzo eingekerbt?!" + +"Viel schlimmer, gnaediger Herr!" + +"Wie?" + +"Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Fluegel hat gefunden und +zweifelsbar das Ohr haemischer Freunde zu Muenchen erreicht haben duerfte." + +"Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdaechtigt?" + +"Der Brand...." + +"Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn +nieder!" + +Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, waehrend Wolf Dietrich mit +hastigem Schritt das Gemach durchmass. Zurueckkehrend war der Fuerst +ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: "Niente di +male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen +das heisse Blut." + +"Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?" + +"Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdaechtigen mich, den Thuemb +wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber +nicht...." + +Jetzt rief Lamberg ueberrascht: "Wie? Hochfuerstliche Gnaden finden solch' +infamen Argwohn entschuldbar?" + +"Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, dass +widerwaertig ist mir das alt' Gebaeu des Thuembes! Wissen das die +Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, dass Missgunst ward +zum Brandstifter." + +Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Ueberraschung +nicht zu verbergen, und ueber diese Anzeichen seiner Verblueffung zeigte +sich Wolf Dietrich amuesiert. + +"Gnaediger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schiessen +lassen?" + +"Nein! Doch weiss ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der +abgehauen wird des Giftbaumes zaehe Wurzel!" + +"Mit Vergunst, die Stelle fuer die trennend' Axt kann ich bezeichnen!" + +"So sprich, teurer Freund!" + +"Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten +Domes." + +"Das haessliche Gebaeu restaurieren? Das ist fuerwahr nicht nach Geschmack!" + +"Es bleibt kein ander Weg, gnaediger Herr! Was spaeter wird, mag +vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft." + +"Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch +Tuerme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will +einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen." + +Froh dieses Erfolges, den wankelmuetigen Fuersten umgestimmt zu haben, +konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen. + +Wolf Dietrich hielt Wort; er liess von welschen Maurern ein Dach aus +Estrich und Moertel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt +geblieben. Diese Vorkehrungen besaenftigten die Murrenden, der Verdacht +schlummerte ein. + +Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fuerst; wie +im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute +Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen, +der Regen sickerte durch das duenne Mauerwerk, es begann ein stetig +Abbroeckeln, und eines Tages stuerzte ein grosser Teil des Notdaches ein. + +Nun hatte Wolf Dietrich den gewuenschten Vorwand. Was an Altaeren im Dom +noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch +die Gruefte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen +Kirchen provisorisch untergebracht. + +Die Salzburger errieten maehlich des Erzbischofs Absichten und begannen +zu murren. Da erliess Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, dass er als +Erzbischof--nicht verantworten koenne, das Leben der Dombesucher einer +Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Masse gefaehrlich baufaellig +und muesse daher abgetragen werden. + +Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der +massigen Quadermauern, worueber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das +Ziel doch erreicht,--der alte haessliche Dom niedergelegt, der Platz bis +auf den Grund geraeumt. + +Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung +erbauen. + + + + +XIII. + + +Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch, +seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen +Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailaender +Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt. +Baumeister des Fuersten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persoenlichkeit +am Hofe des baulustigen Erzbischofs. + +Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach +nur Italiener zur Wuerde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu +Einfluss zu gelangen. Indes hielt der Fuerst in politischen +Angelegenheiten doch am bewaehrten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten +damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs +entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie +ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofraete bekamen dann die missliche +Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu +wirken und den verfahrenen Karren wo moeglich wieder ins Geleise zu +bringen. + +Ein Sprung dieser Art war das ploetzliche Angebot an Kaiser Rudolf II., +dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus +den Waeldern des salzburgischen Pfleggerichts Huettenstein zu versorgen. +Natuerlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr sproeden Fuersten +den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofraete, welche +sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer +unfasslichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen +Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, dass der +Fuerst eine Annaeherung an den Kaiser wuenschte, und mit Muehe setzten die +Raete bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschliessung die Klausel durch, +dass es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben, +wenn Oesterreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Boehmen +hindern oder sperren wuerde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag +geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem +Kaiser auf guten Fuss, verdarb es aber dementsprechend mit dem +bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte, +als den geglueckten Versuch, dass Salzburg sich den ungehemmten Ausgang +des Halleiner Salzes nach Boehmen sichern wollte. + +Das fuerstliche Geschenk musste zu Muenchen geradezu verblueffen, und zwar +im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fuersten auf Reichstagen ueber +Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem +Kaiser die erbetene Hilfe in der gewuenschten Hoehe verweigern zu muessen +erklaert hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen +Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch uebertrumpfte, als in +Muenchen bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der +Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de +Mendoza empfing und mit einer Pracht und Ueppigkeit bewirtete, die den +Admiral veranlasste, zu verkuenden, dass der Erzfuerst von Salzburg nicht +nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den +Kirchenfuersten Deutschlands sein muesse. + +Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte, +wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner +wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels +Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche +Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfuellung jener +Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der +Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit uebernommen. + +Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation +nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn +auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zaehlen, der doch als +Kapitular dem Kapitel angehoerte. Der Fuerst fand den ersehnten Ausweg, +indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der +gewaehlte Erzbischof uebt die Regierung aus, also ist er vollkommener +Nutzniesser und Herr aller Einkuenfte, Regalien und Gefaelle des Erzstiftes +gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Buerden; der regierende +Fuerst koenne also auch mit etwaig erspartem Vermoegen bei seinen Lebzeiten +frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen +verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an +Gebaeuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift +anheimfallen. + +Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertroestung auf die Erbschaft +vermochte der kluge Fuerst thatsaechlich das Kapitel zu einem +diesbezueglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen +sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Draenglern Ruhe zu bekommen. Das +Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muss warten, bis der +regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als +Nachlass, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit +hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel +bis auf die noergelnden alten Domherren ebenso gut bewaehrt, wie die vom +Fuersten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im +Stadtrat. Dort hatte Buergermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz +machen muessen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persoenlichkeit +ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit +Buergern besetzt, ueber deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel +obwalten konnte. + +Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Tuerkensteuer, welche der +Fuerst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewaehrte, voll in der Hoehe +der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Ueberplus dem +fuerstlichen Fiskus eingeliefert. + +Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fuersten +zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Noergler an seinen +Beziehungen zur schoenen Frau unter der Buergerschaft wurden immer +weniger, sie fanden das Verhaeltnis zwar nicht in Ordnung, doch +imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten +des Fuersten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die +Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstoessig +empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es +ueberhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes fuer Wolf Dietrich und +Salome, deren Wohlthaetigkeit im ganzen Erzstift bekannt war. + +Im trauten Zusammensein mit Salome ueberkamen aber doch den Fuersten +manchmal truebe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer +wieder wachriefen, Berichte ueber Bayerns stetige Versuche, den +Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhaeltnisses zu Salome wegen. + +In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, dass +kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfasslich das Zoegern Roms. +"Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekraenkt dadurch mein treues +Weib, nicht eingeloest mein fuerstlich Wort, entbehrt der Bund des +kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig +Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich +ueberdruessig, saeh' lieber ein feindlich Andringen!" + +Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu +troesten ueber das Ungemach, das schliesslich ja nicht unverdient genannt +werden koenne. + +Im Gefuehle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: "Das sagt +Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich +gebrochen?!" "Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt +heiss die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im +innerst Fuehlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle +eracht' ich es als hoechste Pflicht, zu unterordnen mich den hoeheren +Geboten, zu fuegen mich und alles verhindern nach Kraeften was gefaehrden +koennte Thron und Leben meines gnaedigen Herrn!" + +Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und kuesste +die weisse Stirn Salomens. + +Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: "Mein +gnaediger Herr! Ein Wort im Vertrauen moege mir verstattet sein!" + +"Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr fuer dich!" + +"In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den +Hintergrund. Als Mutter aber muss ich fuer unsere Kinder nach meinen +Kraeften sorgen--" + +"Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, dass +Ursach' ist zur geringsten Klage?!" + +"Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fuerstlich ist zu nennen die +Fuersorge fuer mich und die Kleinen. Allein der Blick muss weit hinaus sich +richten...." + +"Ich verstehe maehlich! Geurkundet ist bereits, dass fuehren wird jeder +Spross aus unserem gluecklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt fuer +unseren Erstling Wolf wie fuer unsere andern Kinder!" + +"Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Goenner! Geurkundet hat der +Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt +solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen +Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?" + +"Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich koennt' +kalt dies lassen!" erwiderte in trotziger Geringschaetzung der Fuerst. + +"Doch nicht, gnaediger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein, +anzuerkennen solche Urkunde" + +Ueberrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wusste nicht im Augenblick, +wohinaus Salome wolle. "Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht +nicht wohl aus!" + +"Nicht Salzburg haette ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!" + +"Der--Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fuerwahr ins +Staunen!" + +"Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiss dies nicht. Ein bittend Wort, +mein' ich, und gerne wird des Reiches hoechster Herr betaetigen des +Stiftsherrn Urkund'----!" + +"Hm!" Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmueckten +Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm beruehrt von den Plaenen +Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhaeltnis Salzburgs zum +Kaiser sehr erschwert. Ist der Fuerst in diesen Tagen persona grata bei +Rudolf, es kann solche Beziehung sich aendern binnen wenigen Tagen, und +von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spuert Wolf +Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht +nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fuerst: "Solch' wichtige Sache +will ueberlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug' +behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!" + +"Wie mein gnaediger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht, +es moege nicht zu lang gezoegert werden, wasmassen vom Herzog Max nicht +viel des Guten zu versehen ist!" + +"Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Ruecken kaempft und salzhungrig ist!" + +Salome kannte den Fuersten zu genau, um in Momenten solcher +Geringschaetzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur +das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht wuerde. Die kluge Frau wollte +aber auch nicht beitragen, die Missachtung und Unterschaetzung eines +gefaehrlichen Gegners zu foerdern, und so beschraenkte sich Salome darauf, +den Gebieter zu bitten, die fuer die Kinder wichtige Angelegenheit nicht +aus dem Auge verlieren zu wollen. + +Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine +Apartements zurueck. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben +gebracht, konnten die Laune des Fuersten nicht verbessern. Lamberg +berichtete, dass der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der +Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und +katholischen Staenden ausgebrochenen Streitigkeiten, und dass bisher die +Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die +protestantische Bewegungspartei habe nun die "Union" errichtet, eifrige +Katholiken seien daran, als Gegengewicht die "Liga" zu gruenden, und so +frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten duerfen +oder nicht. + +Das umfangreiche Schreiben schloss mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es +unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend +welchen Ausdruck zu geben. + +Wolf Dietrich erfasste sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und +ueberlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend +aus der Hand zu legen, wobei der Fuerst murmelte: "Will der Bayer und +sein Anhang die Liga, soll er sie gruenden, ich thu' nicht mit; habe +genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der +Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Koepfen! Wolf +Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fuenfte Rad am +Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen +Jesuiten-Max dazu!" + +Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit +ward mit keinem Wort erwaehnt. + +Es schien, als haette Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Aerger vom +Halse weggeschrieben, in fast froehlicher, zum mindesten aber boshafter +Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob +der Veraenderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete. + +Der Fuerst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf +ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. "Willst wissen, Geliebte, was +meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein koestlich Erinnern!" + +"Betrifft es mich, gnaediger Herr?" fragte, schalkhaft werdend, Salome. + +"Ging es nach Maxens Sinn, koennt' es schon sein!" + +"Wen meint mein Gebieter mit sothanem 'Max'?" + +"Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gruenden, +der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in +Erinnerung, was Maximilian Praechtiges geleistet, excellentissime!" + +"Und das waere?" + +"Der Herzog fuehrte Krieg gegen--der huebschen Weiber kurze Roecke und +poente die nackten Knie seiner Bergbauern!" + +"So streng soll der Bayern-Herzog sein?" + +"Noch mehr! Er giebt Fanggeld fuer Ehebruch-Denunzianten! Muss lieblich +Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswuechsen mutet man mir zu, +die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das +Erzstift. Koennen lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, lass deine +kleinen Fuesschen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome +gepoent, verliert den schoenen Kopf!" + +Die Favoritin staunte ueber solche Spottlust, die Wolf Dietrich +ueberkommen; der Fuerst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm +den Kopf roetete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger +wurde, und Salome nuetzte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige +Fragen einigermassen ueber die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu +orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spoettelt, kann es mit der +Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch +Salome nicht schwer. + +Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet +ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz ueberwunden, Beduerfnis, seine +Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in +lateinischer Sprache der Dame unverstaendlich, Salome musste sich aufs +Raten verlegen und deutete das "aut Caesar aut nihil" dahin, dass der +Gebieter entweder zu oeberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun +wolle. + +Die weiteren Bemerkungen des Fuersten bekraeftigten diese Auffassung: "Wo +der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit, +wasmassen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Sueden. Die +Vorherrschaft gebuehret aber dem Erzstift, ich bin Primas von +Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!" + +Vorsichtig fragte Salome: "So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft +im Erzstift an?" + +Hoehnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: "Soll er wie er +will und mag! Wird ihm nichts nuetzen, an meiner Thuer ist ein tuechtiger +Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!" + +"Mein gnaediger Herr spricht in Raetseln!" + +"Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins +Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Oesterreich +kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem +Kapitel aufgestellte Statut schliesst die Wahl von bayrischen und +oesterreichischen Prinzen fuer immer aus. Das ist der Riegel vor der porta +salisburgensis, von dem ich gesprochen!" + +Aengstlich fragte Salome: "Musste das sein?" + +"Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein +Recht darauf, seinen Herrn und Fuersten nach eigenem Gutduenken zu waehlen. +Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwaehlet, so soll es +fuerder bleiben, und fuer hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron +verschlossen!" + +"Was sagt der Bayer zu solchem Statut?" + +"Kaum, so will mich duenken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in +Inneroesterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es aendern, +wenn sie koennen! Zwang zur Wahl ist exkludieret!" + +"Und was wird man sagen, wenn mein gnaediger Herr der Liga ferne bleibt?" + +"Was frag' ich darum?! Misslich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich +weigert, betreiben wird er sothanen Anschluss, die Kirchenfuersten +angehen, so den Mainzer und die Herren von Koeln und Trier, aber ich will +nicht!" + +"Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?" + +"Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken +haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist +nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes +Beduerfnis ist schaedlich ihm und dem Hause Oesterreich, weil zu sehr +kraeftigt es den Bayer." + +In Salome stieg eine duestere Ahnung auf, dass dieser Sachverhalt +gefaehrlich fuer Salzburg werden koenne, doch schwieg sie, da sie sich +keines Ausweges sicher war und keines Rates wusste. Gewandt das Thema +wechselnd fragte Salome: "Will mein Fuerst und Herr mich anjetzto wohl +zur Tafel fuehren?" + +Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verliess das Frauengemach +mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen +und Kaemmerlinge. + +Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der +Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, masslos +erzuernt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Fuessen darauf. + +Wie der Fuerst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der +Kirchenfuersten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen +aus Muenchen, Mainz und Koeln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch +die Bischoefe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf +Dietrich der Reihe nach vorliess, ihren Vortrag anhoerte und dann mit +ausweichendem Bescheid heimkehren liess. + +Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat +Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmueller nach Passau mit dem Auftrag, +zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche +Majestaet vor der Liga und der damit verbundenen Staerkung bayerischer +Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten, +auf "dass dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten wuerden". + +Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine +Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu +praesentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern wuerde, dass Kaiser +Rudolf nicht die Mittel fuer die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes +zur Verfuegung haben sollte. + +Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das +kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem +schlauen Salzburger einen gewissen Rueckhalt gegen Bayern. + +Herzog Max fasste diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl +gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis +zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, dass der Salzburger es mit +den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald +erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur +schweren Verdaechtigung, Rom ward verstimmt und misstrauisch, und in +Muenchen begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das +Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begruenden war. + +So tuermten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken ueber Salzburgs Himmel +auf. Der Fuerst aber glaubte allen trotzen zu koennen und blieb blind +gegen die aufziehenden Gefahren. + +Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und +beriet sich mit Lamberg ueber Schritte zur Sicherung der Familie und +ihrer Ersparnisse. + +Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kaempfe vergass Wolf Dietrich +keineswegs seiner Bauten, fuer welche Geldmittel reichlich genug +vorhanden waren, dank der stetig fliessenden Steuerquellen. Es fuellt die +Aufzaehlung kleiner Bauten, Kapellen, Choere, Restaurierungen in Kirchen +und Kloestern, Aufrichtung neuer Altaere, Kirchenfenstern von hoechstem +Kunstwert &c. allein ganze Baende. Der Fuerst aber wollte fuer Salome einen +eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das fuer diese Zeit +feenhafte Schloss 'Altenau'[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an +Salome Alt. Eine Marmortafel ueber dem Einfahrtsthore enthielt die von +Wolf Dietrich selbst verfassten Verse: + + Raittnaviae stirpis divino e munere princeps + Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas + Impatiens otii, spirans magis ardua quondam, + Nunc, ubi per morbos corpore deficio, + Has tacitas aedes fessus portumque silentem + Hunc mihi semestri tempore constituo. + +Dieses Schloss stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer +und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentuemliches, fremdartiges +Gepraege. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoss fuer weitere +Bebauung dieses Ufergelaendes gegeben haben. + +Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben +Toechter und drei Soehne) bisher in der alten Muenze, dem Anbau zur +Residenz, gewohnt, uebersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses +nach 'Altenau', und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf +Dietrich seine Mussestunden und lebte seinem idyllischen Glueck, pflegte +der schoenen Kuenste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer +draeuenderen Sorgen hinter sich. + +Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich +in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet: + + "Um dise Zeit auch hat der hochwuerdigst Fuerst und Herr, Herr Wolf + Dietrich ain schoens, gross, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloss + oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten + Thurn, und inwendig, auch aussen herumb, mit schoennen Gaerten von + allerlai Kreuethwerch, Paumbgewaechs und Fruechten geziert und versehen, + pauen und aufrichten lassen,--auch solchen Pau Altenauen genennt. In + solchem schoenen Gepeue hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich + oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten + daselbst genossen und allerlai ehrliche Freuedenspill und Kurzweil + darinnen getriben. Dieses herrliche, schoene, Gepeue, gleich einem + fuerstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die + Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schoen fuerstliches Werk und + gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet + vor dem Pergstrassthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu + Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Duerftigen + merklich kuenen zu Huelf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg + schaffen koennen. + + Ich will aber darueber auch nit pergen, dass gemelter Erzbischoff im + Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fuergesehen, wann es + sich begeben.... Dieses Lob ainem Fuersten oder Erzbischoven + nachzusagen, ist widerumben ain ruehmliches Werk, zuedeme, so sind auch + vil armer Handwerchsleuet, Tagloehner und dergleichen darbei erhalten + worden und solcher Bau dannach etlicher Massen zue Nuz kommen, denn + welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen + recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis + und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib + von ihme, was man woell, so hoere ich, die Wahrhait zu bekennen, dass + ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid + herzlichen gewuenschet wuert, er noch vilmahls gewuenschet und begert + wirdet." + + + + +XIV. + + +Graf Lamberg, vom Fuersten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl +in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch +Salomens, als diese ihn in ihre Plaene eingeweiht und um seine +Unterstuetzung gebeten hatte. + +Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser +erwirkt, zur Verhuellung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad +vorgeschuetzt. + +Salome mit den aeltesten, praechtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von +zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel +verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken, +vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hiess, Rudolf II. sei ein +unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsuechtig, +auffahrend, grausam und dennoch des waermsten Mitleids beduerftig. + +Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens, +erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fuerstlichen +Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten oeffnete die Herzen vieler +Adeliger, die darin wetteiferten, der schoenen Frau die Honneurs zu +erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an +eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens fuer ihren Bund +entbehrt. + +Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome +mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom +Dienstkaemmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem +Kaiser Meldung zu erstatten. + +Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, sass an einem mit Folianten +und Geraeten ueberladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer +Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen +um das Reich oft vergass. Kaum hoerte der Monarch die leise gesprochenen +Worte des Kammerherrn, kaum, dass Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort +"Salzburg" fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie +geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kaemmerling +diesbezuegliche Meldung eben erstattet hatte. + +Ehrerbietig sprach der Dienstkaemmerer: "Frau von Altenau aus Salzburg +bittet Euer Majestaet unterthaenigst um gnaedigen Empfang." + +Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten ueber die bleiche Stirne und +murmelte: "Altenau aus Salzburg--kenn' ich nicht! Salzburg--der +widerhaarige Fuerst--ja ich weiss--bin muede, fuehr' er den Bittsteller +herein, soll kurz es machen!" + +Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kaemmerling: "Euer Majestaet +unterthaenigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!" + +Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die +Ritterlichkeit, als er hoerte, dass eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob +sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten. + +Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand +fuehrend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der +tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die +Dame bat, sich zu erheben. + +Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde +freundlicher. + +"Gnaedigster Kaiser und Herr!" sprach bebenden Tones Salome und richtete +den Blick aus den suessen blauen Augen voll auf den Monarchen, "wollen +Euer Kaiserliche Majestaet in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen +vorbringen zu duerfen." + +Rudolf verstand und winkte dem Kaemmerer, sich zu entfernen. Dann sprach +der Kaiser: "Ihr seid verheiratet? Mit wem?" + +Salome erbebte, der gefuerchtete Augenblick ist gekommen, das +schreckliche Wort muss gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach +Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: "Gnaedigster Herr und Kaiser! +Mein Bund entbehrt--des kirchlichen Segens!" + +"Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!" rief Rudolf und wich einen Schritt +zurueck. + +"Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhaeltnisse!" + +"Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie muesst Ihr zittern +vor jeder oesterlichen Beichte!--Wer ist der Mann, der sich nicht scheut, +den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?" + +Demuetig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie: +"Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnaedigen Herrn und Fuersten von +Salzburg." + +"Des Erzbischofs Wolf Dietrich?" rief ueberrascht und betroffen der +Kaiser aus. + +Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den +Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kaempfte und in +seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob. + +"Gnade, Majestaet! Gnade fuer ein armes, schwaches Weib, die treue +Dienerin ihres geliebten Herrn!" flehte Salome. + +Herb klangen des Kaisers Worte: "Gnade? Ein Leben voll Suende und Trotz, +verachtend alle Gebote, gelebt im ueberschaeumend Uebermut der unbesonnenen +Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das +Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der +heiligen Kirche!--" + +"Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und +verspricht Vergebung jedem Suender, so er reumuetig Einkehr haelt!" + +Unwillig und erregt rief Rudolf: "Weiss der Erzbischof nichts von +Coelibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muss das wissen, dafuer +ist er Bischof, steht an des Klerus hoechster Spitze! Erwaehlet vom +Kapitel, vom Papst bestaetigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfuerst, muss +ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem +keine Spur beim Salzburger! Fuerchtet er nicht Gottes Zorn, den +Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?" + +Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfuellte ihr Herz, in +bewegten Worten sprach die liebende, fuer ihre Kinder ringende Frau: +"Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die +Menschen verdammen. Mein gnaediger Landesherr hat in jungen Jahren mich, +die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wussten wir und +kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im +salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und +Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet, +konnte doch auch gewaehrt werden dem Hoechsten im Klerus! Mein gnaediger +Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich fueglich unterworfen, +die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich +unter solchem Entschluss gelitten, ich hab' es durchgerungen.--" + +"Ihr seid verblieben dennoch?!" + +"Ja, Kaiserliche Majestaet! Es ist ein Bund fuers Leben, in Treue harr' +ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola +nicht--" + +"Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hoerte--" rief +erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser. + +"Die Treu' muss im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fuersten, Treue +bewahrte mir der Herr!" + +"Und Verdammnis wird sein Euer Los!" + +"In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die +Priester paepstlicher sein als der Papst? Ist es weniger suendhaft wie +lebet mancher Kirchenfuerst gleich dem Tuerken, der Bamberger und der von +Koeln!" + +"Still davon! Man darf nicht reden ueber solche Dinge!" + +"Verzeihet gnaedigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da +nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben +schmachwuerdig? Nimmer kann ich's glauben!" + +Zaghaft und scheu sprach Rudolf: "Hab' recht ich Euch verstanden, so hat +unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er +doch die kirchliche Trauung hat vermieden?" + +Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit. + +"Das mildert wohl den ansonsten boesen Fall in etwas. Und Rom hat +geschwiegen! Was soll nun ich? Was fuehrt Euch zu mir?" + +Salome kniete nieder, hob flehend die Haende empor und sprach: "Des +Kaisers Gnade moecht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund fuer--meine +Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!" + +Rudolf bat wiederholt, es moege die Dame sich erheben. + +Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und +hoben die Haendchen bittend empor. + +Dieser Anblick ruehrte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: "Was ist +Euer Begehr?" + +Innig flehte Salome: "Gnaedigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer +Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts fuer mich will ich erbitten, +will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich +des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den +Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestaetigt in Gnaden die Urkund' +meines Herrn und Gebieters!" + +"So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?" + +"Ja, Kaiserliche Majestaet! Mein Herr und Gebieter will geben seinen +Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu +Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnaedigster Herr und Kaiser mit den +unschuldigen Kindern!" + +"Ihr habet gross Vertrauen zu mir, will mich beduenken!" sprach mild der +Kaiser. + +"Mein Denken wie mein Fuehlen gilt naechst Gott des grossen Reiches +maechtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmaechtige erhoeret ein frumb +Geber, wird oeffnen Ohr und Herz auch der maechtige Kaiser einer innigen +Bitte aus tiefstem Herzensgrund!" + +"Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Haendchen +gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch +den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein +kaiserliches Wort!" + +Uebergluecklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie +entziehen konnte, drueckte Salome eine Kuss der Dankbarkeit auf die +kaiserliche Rechte. + +"Nicht doch! Gewaehret sei Euch die ruehrend Bitte! Und da nichts, mit +keinem Wort Ihr fuer Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter +ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer +Landsassen...." + +"O welche Gnade, Kaiserliche Majestaet! Nicht fassen kann ich solche +Huld, weiss der Worte nicht zum tiefsten Dank...." + +"Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?" + +"Mein gnaediger Gebieter und Herr erbaute ein Schloss mir und nannte es +Altenau, wasmassen ich fuehre den Namen Salome Alt." + +"So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet fuehren zu Recht +fuerder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott, +kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures +gnaedigen Kaisers!" + +Huldvoll gruesste Rudolf II. durch einen Haendewink, ein sonniges Laecheln +lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht. + +Glueckstrahlend dankte Salome nochmals und verliess mit den Kindern das +Gemach. + +Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und fluesterte vor sich hin: +"Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt +gefangen! Doch moecht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten! +Mir grauet vor solcher Beicht'!" + +Des Kaisers Antlitz verduesterte sich wieder und trueb ward sein Sinn, er +selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Haenden +seiner herrschsuechtigen, fanatischen Umgebung. + +Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau +und bestaetigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte +ehelicher Geburt. + + + + +XV. + + +Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr +und Kirchenfuerst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch +seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in +leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga +unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs +Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, musste das +Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefuehl der +Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefuehle, +hochdenkend von eigener Wuerde und Stellung im Stiftsland wie im Reich, +genuegte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die +bayerische Zumutung forderte eine Antwort im hoeheren Wege, Wolf Dietrich +erliess ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischoefen +Salzburgs den Titel "celsissimus" (der "erhabenste") beilegte. + +Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen +diese Verfuegung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmuetig +hin; aber in Muenchen aergerte man sich ueber den "celsissimus", man +verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die +Liga. + +Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche +Anerkennung ehelicher Geburtsrechte fuer Wolf Dietrichs Kinder bekannt +wurde, da flammte in Muenchens Residenz die Entruestung in staerkstem Masse +auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Suenden und +Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der +Hoffnung, dass der Papst willfaehriger denn der Kaiser sein werde. + +Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte uebrigens einen +empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer +nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener +Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des +Erzbischofs direkt schaedlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch +auf einen Teil der herzoglichen Einkuenfte. Durch den Pilsener Vertrag +und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu +Ischl so sehr gefoerdert, dass es dem Kaiser moeglich ward, die Konkurrenz +des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Boehmen, wo bisher +Bayern den Markt beherrscht hatte, zu ueberwinden. + +Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im +Nachteil, den seine Raete erst hinterdrein entdeckten. Der +Salzverschleiss bayerischerseits ging stetig zurueck, man konnte die Masse +Salz, welche vertragsmaessig von Salzburg zu uebernehmen war, nicht mehr +plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein musste: er war +gezwungen, um Minderung der Salzuebernahmen nachzusuchen, also taeglich +nur drei statt fuenf Hallfahrten zu uebernehmen. + +Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte: +"unbeschadet seiner Gefaelle", es musste daher der Herzog die Summe von +34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefaehr dem Wert der zwei +nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hiess es zahlen, und dabei bezog +der Herzog nicht einmal die Salzmenge fuer seine Summe. Die Verhaeltnisse +im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich musste um +Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede +Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden +mussten. + +So kam es dazu, dass Herzog Maximilian an Salzburg jaehrlich 38000 Gulden +uebergeben musste, ohne irgend etwas dafuer zu erhalten. Das mochte den +Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga. + +Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian raechte sich, indem er wohl +zahlte nach Verpflichtung, doch waehlte er im Gefuehl, uebervorteilt zu +sein, schlechte Muenze, und ausserdem machte nun auch der Bayer Gebrauch +von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhoehung, die bei Wiederbeginn +der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heisst die im +Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das +Salz in Hallein uebernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstaetten +fuehrten, ausgedehnt wurde. + +Bisher war es ueblich, dass diese Salzfertiger bei Ablieferung des +Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn fuer ihre +Spedition und ausserdem eine Verguetung des formellen Zolles, den sie +zuvor an die bayerischen Behoerden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem +Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden +belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der +denn auch sogleich seinen energischen Protest nach Muenchen schickte und +ganz richtig auseinandersetzte, dass nicht die Fertiger, sondern Bayern +selbst Eigentuemer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also, +so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und +recht waere, von dem Eigentuemer fordern wolle, so muesste der Herzog ihn +eher von sich selbst als von den Fertigern fordern. + +Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres "Nein", worauf +Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Aerger hinreissen +liess, zu erklaeren: der Herzog koenne das Halleiner Salz nehmen oder auch +nicht; wolle er solches beziehen, so koenne er es gegen monatliche +Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen +Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entruestung hatte Wolf +Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklaerung gar nicht gedacht. Als +Lamberg sowie die salzburgischen Raete hiervon erfuhren, war Wolf +Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren +bereits reif: Bayern liess dem Erzbischof kuehl, doch mit unverkennbarer +Schadenfreude wissen, dass die Nichtigkeitserklaerung der Salzvertraege +gerne zur Kenntnis genommen worden sei. + +Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spaet, den in der Uebereilung veruebten +Fehler, und berief seine Raete, die nun einen Ausweg aus der fatalen +Klemme finden sollten. So erregt der Fuerst auch war, er zwang sich dazu, +die oft weitschweifigen Eroerterungen seiner Raete ruhig anzuhoeren, doch +sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu +Muenchen irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf +Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Raeten zu: +"Ich bringe mein Salz direkt nach Boehmen! Schafft mir den Baumeister fuer +Strassenbau zur Stelle!" Und hitzig wie immer erlaeuterte der Fuerst sein +neues Projekt: Bau einer neuen Strasse von Salzburg nach Skt. Wolfgang, +Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu +konstruierenden Faessern auf Saumtieren nach Boehmen. Auf diese Weise +koenne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden. + +Der klug ersonnene Plan wurde unverzueglich ins Werk gesetzt, Tausende +von Arbeitern wurden aufgeboten, der Strassenbau begonnen, der bei Gnigl +aufwaerts zum sogenannten Guckinsthal und hinueber zum Wolfgangssee +fuehrte. + +Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit befluegelt von +statten, und dieser Strassenbau musste auf fuerstlichen Befehl beschleunigt +werden. + +Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplaetten kamen nur +noch bis Salzburg, an der Einlaende daselbst wurde umgeladen, die +Salzwagen fuhren auf der notduerftig fahrbar gemachten Strasse nach Skt. +Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und +Rossen stationiert worden war. + +Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spueren. Mit +seinen eigenen Salzvorraeten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er +den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit +dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte +sich auf die Bitte um Aussoehnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede +Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen. + +In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern +erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Inneroesterreich und bei +Kaiser Rudolf darauf drang, dass diese Machthaber das Halleiner Salz +nicht ueber ihre Landesgrenzen lassen moechten. + +Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, dass der Salzhandel fuer sein Land +von grossem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische +Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des +salzburgischen Salzes trotz der Ertraegnisse des Ischler Sudwerkes fuer +Boehmen noetig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die +Forderung Maximilians zurueck. + +So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Raete befuerworteten +die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Strassenbaues, um auf +einem, salzburgisches Gebiet nicht beruehrenden, neuen Wege das Salz von +Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000 +Mann auf zu diesem Strassenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue +Pfanne, um das Salz rascher versieden zu koennen[18]. + +Kaum hoerte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch +einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, ausserdem wurde angeordnet, +Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von +Boehmen--Inneroesterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig--Tirol auf +neuen Wegen einzufuehren. + +So trieb ein Keil den anderen; die Raete Salzburgs und Muenchens +verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste +hueben und drueben, bis Wolf Dietrich gebot, dass seine Forstbeamten dem +Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmaessige Holz nicht mehr liefern +duerfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen +Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehoerigen in Salzburg +durften keinerlei Salzgeschaefte mehr betreiben unter Androhung der +schwersten Geldstrafen. + +Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fuersten der +Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte +Maximilian zu unterstuetzen. Gesandte der Unionfuersten kamen nach +Salzburg, die Reichsstadt Nuernberg mengte sich ein und bot dem +Erzbischof Beistand an. + +Wolf Dietrich stand schon in frueheren Jahren in schriftlichem Verkehr +mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem +geistreichen Fuersten Christian von Anhalt, der die Seele der +Unions-Bewegung war. + +Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern +fuer guenstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur +Union herueberzuziehen, Unterstuetzung anzubieten, und so liefen +zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr. +Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern +abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert. + +Im Palais zu Salzburg herrschte demgemaess fieberhafte Thaetigkeit und +eine gefaehrliche, ueberreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des +Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloss +Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu +besprechen, kam es doch dazu, dass Wolf Dietrich mit der Freundin auch +den Salzstreit eroerterte und dabei sich zu Aeusserungen hinreissen liess, +die Salome in Angst und Schrecken versetzen mussten. Die kluge, +weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des +Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewaehlten +Worten vor einem Krieg. + +An einem Abend war es, dass nach dem Imbiss Wolf Dietrich mit Salome im +Park von Altenau spazieren ging. Der Fuerst war erregt schon ins Schloss +gekommen, hatte waehrend des Mahles fast kein Wort fuer die sonst +liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel frueh auf. Nun Wolf +Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu +fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnaedigen +Herrn die Ruhe und den Frieden rauben. + +Aufbrausend, mit den Haenden gestikulierend, rief der Fuerst: "Ob schlimm, +ich weiss es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft, +will etzlich Faehnlein mir gewaehren, so ich dem leidig Streit ein Ende +mache und die Propstei dem Bayer nehme." + +Erschreckt fiel Salome ein: "Thut das nicht, gnaediger Herr, um aller +Heiligen Willen nicht! Es wuerd' zum Unglueck nur fuer uns!" + +"Was hast du zu befuerchten? Geruestet hab' ich in aller Stille, +befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Mass ist voll und unertraeglich +geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit +langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der +Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!" + +"O, gnaediger Herr! Verbannet solch' gefaehrlichen Gedanken! Nimmer wird +der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anruecken mit grosser Macht und +raechen solche That!" + +"Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Fuesse bringen! Ich habe +gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann +sein, ehe der Herzog nur ein Ross von Muenchen in Bewegung setzt!" + +"Grosser Gott! Verbannt den unglueckseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu +klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein +Feldherr und stark sein Kriegsvolk!" + +"Was schert mich der gruenseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als +Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir +bei!" + +"Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trueben fischen, +Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, dass +abfaellt das Stift von Rom!" + +Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge, +und sprach: "Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich +wechseln!" + +"Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnaediger +Herr!" + +"Was weiss ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die +Faehnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kuemmern mich +nichts!" + +"Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug, +verdaechtigt ist geschwind und rasch kann faellen Rom ein Urteil...." + +"Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen? +Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus Muenchen +machen ein neues Rom und die Haeuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's +nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land +wird nimmer bayerisch!" + +"O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnaediger Herr! Auch Lodron kennt die +vielverschlungenen Pfade Muenchens! Hoert diese Herren, Fuerst!" + +"Ich bin muede dieses staendigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich, +Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!" + +In hoechster Bestuerzung vollfuehrte Salome einen Kniefall vor dem Fuersten +und rief mit flehend erhobenen Haenden: "Hoeret nimmer auf Soldatenwort! +Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrueckt +der ergrimmte Bayer!" + +"Du siehst zu schwarz in deiner aengstlich Sorge!" sprach mild der Fuerst +und hob Salome zu sich empor. "Die treulich Mutterliebe spricht aus dir, +die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue +mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!" + +Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: "Koennte +verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der +deutschen Fuersten?" + +"Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und +das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als moeglich!" + +Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den +kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloss. Bald darauf verliess Wolf +Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und +Hauptmann Auer auftragsgemaess bereits des Fuersten harrten. + +Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein +Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem +militaerischen Kleide weichen muessen. + +Der Fuerst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den +Offizieren, die stumm zuhoerten und zum Schlusse in knappen Worten +gelobten, den hochfuerstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang +anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die hoeflichen, doch immer etwas +aergerlichen Erwaegungen, Einwaende, und Befuerchtungen der Kammerraete und +Domherren. + +Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstaende, die er seit +langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Laecheln +huschte ueber des Fuersten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte +der Erzbischof: "Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher +Waffen im Gebiet der Propstei. Die Bruecke bei Reichenhall wird bis +spaetestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach +Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein +waffenfaehiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand +wird niedergeworfen. Soviel fuer die naechste Zeit! Weitere Befehle +erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger +Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab! +Gott befohlen!" + +Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfuellung des +Befehles und verliessen sogleich die Residenz. + +Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611 +erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militaermacht wurde dem Fuersten +der Bericht des Obristen Ehrgott eingehaendigt, eine kurze Meldung, dass +der fuerstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergiessen vollzogen, +die Propstei also in Haenden Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage +beigefuegt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen +Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fuersten zwingen solle. + +Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine +baengliche Stimmung erfasste den Fuersten, eine Scheu vor solcher +Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung muesste den Herzog masslos +erbittern, die Reichsstaende rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf +Dietrich doch zurueck; aber aergern moechte er den Nachbar, aergern bis +schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der +Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialitaet und Verstandesschaerfe +den Herzog Maximilian gruendlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der +Worte Salomens betreffend Ueberweisung des Salzstreites an ein +Schiedsgericht. + +Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fuersten citiert und musste an den +Herzog schreiben, dass Celsissimus Wolf Dietrich, Fuerst und Erzbischof +von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfuerstliche Gnaden +einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den +durch den Salzstreit beeintraechtigten Reichsstaenden. + +Als dieses gefaehrliche Schreiben abgegangen, erzaehlte Wolf Dietrich im +Hochgefuehle, durch den beissenden Spott den bayerischen Gegner grimmig +geaergert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter +Zwiesprache und rieb sich vergnuegt die Haende. + +Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestuerzte Miene und ernst klangen +seine Worte, als er sprach: "Hochfuerstliche Gnaden, das war, submissest +sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog +schwer kraenken, zu einer Gewaltthat reizen muss!" + +Wolf Dietrich fuhr auf: "Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab' +ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!" + +"Gnaediger Herr! Zum Kriegfuehren gehoert vor allem Geld, und zu viel hat +das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die +Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!" + +"Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!" + +Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den +Erzbischof nur zu gut kannte und daher wusste, dass das Kapitel nicht +einen Gulden fuer den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern +bewilligen werde, wollte dies dem Fuersten nicht direkt sagen, immerhin +aber versuchen, Wolf Dietrich ueber die furchtbare Gefahr die Augen zu +oeffnen. So deutete denn Lamberg an, dass Herzog Max sich wegen Bruchs der +Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden. + +Der Erzbischof lachte hellauf, spoettisch erwiderte er dann: "Da kommt +der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert, +ein Spielball in den Haenden seiner geliebten Jesuiten, der wird froh +sein, wenn man ihn lasset unbehelligt." + +"Es besteht auch die Moeglichkeit, dass Herzog Max sich nach Speyer an das +Reichskammergericht wendet!" + +Wieder lachte Wolf Dietrich: "Dann kann der Bayer warten bis zum +juengsten Tag; frueher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!" + +"Hochfuerstliche Gnaden glauben also, dass der Herzog sich die Wegnahme +Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?" + +"Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das +Faustpfand nicht frueher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet, +meine Bedingungen erfuellet Punkt fuer Punkt!" + +Tiefernst blickte Lamberg den Fuersten an und traurig sprach er: "Dann, +Hochfuerstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich +sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung fuer das Erzstift, das der +Herzog wird mit Krieg ueberziehen und--" + +"Und?" + +"Erlasst mir das harte Wort, gnaediger Herr!" + +"Ein echter Freund muss auch ein solches Wort offen sagen!" + +"Ich kann es nicht bringen ueber die Lippen. Wollen Hochfuerstliche Gnaden +nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem +Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer...." + +"Du kraechzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers +Sieg wuenschet ueber das Erzstift!" + +"Gott behuete mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der +Unterthan wuenschen den Sturz des geliebten Fuersten!" + +Wolf Dietrich erblasste, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen +seine Worte: "Du glaubst--an meinen--Sturz?!" + +"Ich fuerchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In +letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnaediger Fuerst und Herr! Ich +beschwoere Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den +unglueckseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder! +Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers +Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder, +wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstossen! Und Rom verlaesst Euch, +so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnaediger Herr! Ich beschwoere +Euch in dieser letzten Stunde!" + +"Genug! Ich durchschaue dich, wie laengst misstraute ich auch dem Kapitel! +Blasse Angst ist's, schnoede Furcht, dass kosten koennte der Krieg dem +Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren +Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar! +Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie +ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den +Bayer!" + +Lamberg beugte das Knie vor dem Fuersten und rief: "Nehmt mein Leben, +Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hoert +das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil fuer Euch!" + +Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: "Ich trotz' allen! +Fuerst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und +Kinder werd' ich zu schuetzen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring' +den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist +deine Freundschaft!" + +Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Zuege, er +zitterte, in abgerufenen Saetzen erwiderte der schwergekraenkte Freund: +"Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist +Euer, gnaediger Herr, verfueget darueber bis zum letzten Heller!--Dem +Kapitel werd' ich melden des Fuersten Begehr! Ich fuerchte...." + +"Ich weiss genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verraeter!" + +Ein gebieterischer Wink des erzuernten Fuersten, und Lamberg wankte aus +dem Gemach. Trotz erlittener Kraenkung und Schmach wollte der treue +Freund nach Moeglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die +beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Toerring, +Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und +Welsberg an, dem Fuersten die Hilfe zu gewaehren, allein das Kapitel war +dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus +Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg +bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus +gewusst, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in +der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue +Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter +Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fuerstlichen Kinder in Sicherheit +bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloss Altenau und liess sich bei +der Fuerstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte, +wurde der Warner nicht angenommen, der vergraemte Fuerst liess Lamberg im +Namen Salomes wissen, dass zu einem Empfang kein Anlass vorliege. + +"Jacta est alea!" fluesterte der treue Freund und kehrte ueber die +Salzachbruecke in die innere Stadt zurueck. + +Wolf Dietrich liess mobilisieren; von Salzburgs Buergerschaft wurden 400 +Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfaehige Leute ausgehoben +und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee, +100 laengs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach +Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und +Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Muehlen bekam 800 Mann Besatzung, der +Moenchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur +Salzachbruecke schuetzten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit +100 Mann, die Traidkaesten mit 700 Mann belegt. + +Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fuehlte sich Wolf Dietrich, der +in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gaenzlich +unterschaetzte, nicht nur sicher, er ward geradezu uebermuetig, als ihm +gemeldet wurde, dass insgesamt 13000 Mann Buerger, Bauer und Kriegsvolk zu +seinem Schutz in Waffen staenden. So harrte der Fuerst eines Angriffes von +Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und +zwar nicht mehr an den Fuersten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max +mochte wohl ueber die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet +gewesen sein, dass er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen +und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten. + +Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, dass +Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben +dem Erzbischof zu ueberreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu +beseitigen. + +Bruesk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das +Kapitel bereit sei, dem Fuersten Hilfe zu gewaehren. + +Graf Lodron erwiderte: "Gewiss ist das Kapitel bereit, den gnaedigen Herrn +und Fuersten zu unterstuetzen!" + +"Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!" + +"Hochfuerstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine +Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des +eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu ueberreichen ich vom +Kapitel beauftragt bin!" + +Zornerfuellt, ergrimmt ueber solche Enttaeuschung rief Wolf Dietrich: "Vom +Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit koennt fuer Euch selbst +behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, dass hinter meinem Ruecken wird +verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fuerst und Herr, sich +aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den +alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem +jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!" + +Wuerdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des +Fuersten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: "Ich habe im +Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache +angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht muessig sein." +Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebuehrenden fuerstlichen Ehren +und ging. + +Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum +Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort fuer das Kapitel +auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis fuer die +Widerrechtlichkeit der vom Fuersten vorgenommenen Schritte darzulegen +bemueht war. + +Dieses Konzept ueberbrachte am naechsten Morgen der Untermarschall des +Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler, +Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung +gab der Kanzler die Erklaerung des Fuersten ab, dass der Erzbischof das +Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schuetzen wissen +werde. Das fuerstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entliess +die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, dass das Kapitel es +besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen. + +Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten, +saemtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser +Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich +den Herzog von Bayern zu ersuchen, dass er die Gelegenheit benutzen moege, +um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote musste auf +flinkem Ross dieses Schriftstueck nach Burghausen bringen, wo der Herzog +weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog. + +Der truebe Oktobertag neigte zur Rueste, da verbreitete sich mit +Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, dass Herzog Max +Muehldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in +Eilmaerschen mit 20000 Mann gegen Laufen ruecke. Ein allgemeiner Wirrwarr +entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das aergste befuerchten +liess, so dass Begueterte zur Flucht sich ruesteten und viele Buerger Miene +machten, die Waffen wegzuwerfen. + +Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich +so sehr, dass er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen +in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden +bat, ohne jedoch Zugestaendnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe +musste der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen +Abreise ward der Fuerst wieder ruhiger, und am naechsten Morgen dachte er +an keine Gefahr mehr, von der Ueberzeugung durchdrungen, dass der Brief +seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde. + +Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und liess feierlich +um Audienz bitten, die sofort gewaehrt wurde. Der Fuerst zeigte sich aber +ungnaedig und befahl, es moegen sich die Herren kurz fassen. + +Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, fuehrte aus, dass das Kapitel den +Frieden selbst betreiben moechte, weshalb Hochfuerstliche Gnaden erlauben +moege, dass vier Kapitulare zum Herzog reisen duerfen. + +Barsch rief der Erzbischof: "Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel +versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich +bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange +nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren +moegen sich nach Hause begeben!" + +Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kuehl entfernten sie sich. + +Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die +Kapitulare stuermischen Protest erhoben haetten. Sie schuechterte den +Fuersten geradezu ein, und in seiner Angst liess er den eben +heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu +kommen. + +Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich +ihn bat, zum Herzog zu reisen und ueber den Frieden zu verhandeln, zu +welchem Zweck der Fuerst dem Dechant eine Legitimation einhaendigte. + +Kaum war Weittingen fort, liess der Erzbischof den Kapitular von Freyberg +holen, klagte diesem seine Beaengstigung und bat ihn, ebenfalls zum +Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben. + +Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs +Ferdinand von Inneroesterreich, worin dieser, der auf Bayern +eifersuechtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, dass +dadurch der Anmarsch gehemmt werden koennte, schickte Wolf Dietrich auch +dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian. + +Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger +Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich +geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei +Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden wuerden. + +Demuetig schrieb Wolf Dietrich wieder zurueck, es moege kein unschuldiges, +katholisches Blut vergossen und ein zehntaegiger Waffenstillstand +bewilligt werden, waehrend dessen die beiderseitigen Gesandten ueber die +Friedensbedingungen verhandeln sollten. + +Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom +Herzog empfangen worden. + +Zur groessten Ueberraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht +Frieden um jeden Preis, sie baten, es moege der Herzog den Urheber des +Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen. + +Im Flug ueberdachte Maximilian alle Kraenkungen und Schaedigungen, die Wolf +Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, dass mit diesem Ansinnen des +Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst fuer Bayern zu gewinnen sei. +Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, liess die +salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertroestete sie auf den +naechsten Tag. + +Mit seinen Raeten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und +alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand +genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfassten Worte der +Kapitelsgesandtschaft von "schweren Praktiken zu hoechstem Nachteil des +Erzstiftes", Worte, die der herzogliche Kanzler dahin uebersetzte, dass +Wolf Dietrich den Uebertritt zum Protestantismus und die Saekularisation +des Erzstiftes beabsichtige. + +Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fuersten +Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, dass der +bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gaebe, die Union mit +bewaffneter Hand auszubreiten. + +Dass in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf +Seite der letzteren stehen wuerde, konnte fuer Herzog Max keinem Zweifel +unterliegen. + +So endete die lange Sitzung mit dem Beschluss, auf den Vorschlag des +Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu +verjagen. + +Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es +beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo +ante, Leistung einer Kaution, auf dass der Fuerst nicht zu Bayerns +Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und +Entscheid binnen zwei Tagen. + +Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurueck und meldeten dem Erzbischof +die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete: +Mit dem Dutzend Feldstuecke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge +einschiessen. + +Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des +Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich +zurueck. + +Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in +Salzburg ein, empoert darueber, dass der Herzog sie gar nicht empfangen +hatte. Diese Missachtung seiner Sendboten aergerte Wolf Dietrich, im Zorn +rief er, diesen Affront bitter raechen zu wollen. + +Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen, +wasmassen der Stadt wie dem Erzstift grosse Bedraengnis drohe und der Bayer +nicht viel Federlesens machen werde. + +"Blaset doch nicht Truebsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer +zwingen!" prahlte Wolf Dietrich. "Ihr seid jeden Mutes bar, feige +Memmen! Schaut Euch um, ueberall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog +den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde +ich Euch tuermen lassen in der Feste!" + +Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Uebermut des +Fuersten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen +geradezu undenkbaren Sieg. + +Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde +ein, dass Herzog Max Stadt und Schloss Tittmoning trotz heldenhafter +Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des +Hauptmannes Schneeweiss bestehenden Besatzung erobert habe. + +Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: "Macht nichts! +Tittmoning ist nicht Salzburg!" und entwickelte nun eine die verzagte +Bevoelkerung der Bischofsstadt ueberraschende Thaetigkeit, indem er sein +kleines, falbes Ross bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die +Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und +Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen wuerden. + +Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fuerst in die Residenz +zurueck, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er +abermals auf die Schanzen und revidierte persoenlich die Wachen, die sich +neuerdings verzagt zeigten, da es hiess, der Bayern-Herzog ruecke mit +24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen. + +Wolf Dietrich verstummte, es erfasste ihn eine Angst, die er nicht +bezwingen konnte. Jaeh riss er sein Ross herum und jagte im Galopp zur +Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit +zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen +Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein +Domherr sofort dem Herzog solchen Brief ueberbringen und zwar in der +fuerstlichen Hofkutsche. + +Die Boten sprangen hinueber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder +mit der Meldung zurueck, dass keiner der Domherren eine solche Mission +uebernehmen wolle. + +Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch fasste er sich schnell +und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem +Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief ueberbringen. Diese +Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fuersten gebracht, +der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen: +Der Erzbischof wolle fuer seine Person lieber das Aeusserste dulden, bevor +er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke. + +Demuetig sprach der Guardian: "Hochfuerstliche Gnaden, ich gehorche! Aber +es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und...." + +"Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!" + +Die Patres wussten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte +Dienerschaft draengte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in +rasender Eile rasselte das Gefaehrt durch die Stadt zur bayerischen +Grenze. + +Allein in seinem Gemach ueberliess sich Wolf Dietrich voellig der Angst, er +warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmaechtigen. +Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war +uebergross, die Gedanken jagten einander; jaeh schrie der gepeinigte Fuerst +auf, ein Gedanke war ueber ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine +Familie dem rachegierigen Herzog in die Haende fallen, buessen die +Unschuldigen fuer den Vater? + +Aufspringend, zitternd am ganzen Koerper, rief Wolf Dietrich mit heiserer +Stimme die Kaemmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur +Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schaetze +und Geld verpacken. + +Dieser Befehl rief voelligen Wirrwarr hervor. Der Fuerst eilte hinueber in +den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schaerfsten +Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloss Altenau, das alsbald alarmiert +ward. Kammerfrauen mussten Salome wecken und die Kinder aus den Betten +holen und ankleiden. + +So gross der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte +sich gefasst, als Wolf Dietrich verstoert zu ihr ins Nebengemach trat und +von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht draengte. + +Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fuersten. + +"Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht, +spute dich! Ich muss dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen +Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins +Gebirg, in Friesach oder Gmuend treffen wir zusammen!" + +"Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muss aber so ueberstuerzt die +Flucht ergriffen werden?" + +"Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei! +Rette dich und die Kinder!" + +"Und mein gnaediger Herr?" + +"Ich will auf die Rueckkunft der Kapuziner warten!" + +"Dann ist es meine Pflicht auszuharren...." + +"Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!" + +Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu +besorgen, und entfernte sich, muehsam den Trennungsschmerz +niederkaempfend. + +In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt. +Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in grosser Eile +zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen +verpackt, beladen und in der Morgendaemmerung in der Richtung nach +Golling abgeschickt. + +Mit zwei Soehnen und drei Toechtern samt grossem Gefolge fuhr Salome diesen +Wagen nach, gefasst, doch mit Thraenen in den Augen. Ein letzter Blick +galt, als das Steinthor im Ruecken lag, der Stadt, der nun verlorenen +Heimat. Da laehmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den +in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch, +der sich nun zu erfuellen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat! +Ein Sturz von schwindelnder Hoehe!---- + +Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller +Schaetze und Kostbarkeiten gab fuer die wohlhabenderen Salzburger das +Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe +in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat +und Waren fortzubringen. Fuer die Zurueckbleibenden gab es Schrecken genug +durch die immer drohender lautenden Geruechte; hiess es doch, der +Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstoeren, den Erzbischof +lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem "Tuerken" +befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der +Erzbischof unschaedlich gemacht sei. + +Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an +Lebensmitteln, so dass in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden +war. + +Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rueckkehr der ausgesandten Kapuziner; +wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der +gebrochene, verzweifelnde Fuerst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung +des gefuerchteten Herzogs. + +In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er +sehnte sich nach Zuspruch und liess die Kapitulare Toerring und Freyberg +bitten, ihn zu besuchen. + +Die Herren kamen und troesteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der +Fuerst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange +Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch wuerden die +Verhandlungen dadurch erleichtert werden. + +Hatte Wolf Dietrich Thraenen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen +zu gehen, rief Misstrauen wach, der Fuerst mochte ahnen, dass er nur zu +leicht wuerde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach +er denn schmerzbewegt: "Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe, +sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schoensten Stunden meines +Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kaernten!" + +Graf Toerring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnaedige Fuerst nicht +nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu +erwarten. + +Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er +verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kuemmernis der +Kapuziner. + +Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum +Schreiben von Erklaerungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen +die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfuersten +korrespondiert und daher kein guter Katholik waere. "Daran geschehe ihm +unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle. +Er wisse auch wohl, dass er wider Ihre fuerstliche Durchlaucht gehandelt, +begehre derowegen Gnad und Verzeihung."--Das zweite Schreiben war an das +Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, waehrend seiner +Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun, +was den Unterthanen am zutraeglichsten sein wuerde. + +Wolf Dietrich liess diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit +sie leicht gefunden werden konnten. + +Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner +noch immer nicht zurueckgekehrt waren, gab der Fuerst alle Hoffnung auf +und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden. +Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen +Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den +Kopf und schritt durch die Gemaecher, wobei er zu den bestuerzten +Kaemmerern sprach: "Behuet' euch Gott und sehet euch um einen anderen +Herrn!" + +Ordregemaess harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem +Koch, zwei Rossbuben, dem Kammerdiener Maertl und drei reisigen Knechten. + +Beim Scheine der Fackellichter warf der Fuerst einen letzten +Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben. +Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in +schneller Gangart der Pferde die Strasse gen Golling genommen wurde. + +Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg aerger als die Furcht vor +dem anrueckenden Feinde. + +Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das +zurueckgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehaendigt worden, +und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbstaendigem Handeln. +Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen +Kriegsvolkes gegeben, auch die Buerger mussten die Waffen niederlegen, +jede Verteidigungsmassregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und +Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog +entgegen, um die Flucht des Fuersten und die Regierungsuebernahme seitens +des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, dass der Herzog im Erzstift nun +nach seinem Gefallen schaffen koenne. + +Das erste Verlangen Maximilians galt der Raeumung Berchtesgadens und der +Holzlieferungen fuer das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das +Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang +darauf, dass die Salzfrage geloest werde und der Herzog auch eingreife, +den Erzbischof in persona und die Gueter dem Erzstift wieder +zurueckzubringen. + +Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Missliches, den Erzbischof, +einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Wuerdentraeger verfolgen +und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofraete des Herzogs +einer solchen Massregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels +erklaerten, dass im Erzstift nicht frueher Ruhe werde bis nicht Wolf +Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25. +Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter +dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg +aufbrach und hinter dem Fluechtling einherjagte. + +Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber +begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und +Schuetzen, in Salzburg ein. + +Scheu hielten sich die Buerger in den Haeusern, der Pluenderung gewaertig. +Doch zum freudigen Erstaunen liess der Herzog auf dem Marktplatz halten +und durch den Profossen verkuenden: "Wenn sich ein Knecht ungebuehrlich +halten wuerde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoss +Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Uebelthaeter an den +lichten Galgen zu henken." + +Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an +der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerueste aufschlagen. + +Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben, +ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den +Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen "schoenen +Schreibkasten" anbot, den Wolf Dietrich dem Koenig Mathias zur Hochzeit +bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte. + +Ein Festmahl schloss sich dem feierlichen Empfang an, und waehrend +desselben erklaerte der Herzog, dass er sich nur als Protector urbis +betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen +wolle. Inmitten dieses glaenzenden Mahles, das allerdings nur durch die +grossen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten +Staedten und Doerfern ermoeglicht werden konnte und wofuer das Kapitel keine +Kosten scheute, traf erschoepft und wund geritten zu allseitigem +Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des +geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von +Erklaerungen legitimiert erschien. + +Um eine Stoerung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den +Vizemarschall erst am naechsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte +von dessen Ankunft bereits gehoert und war neugierig darauf, was der +Fluechtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und +seine Erklaerung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels: +der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden, +wollte auch niemals das Erzstift saekularisieren, er sei vielmehr bereit, +aus Liebe zum Frieden gegen eine jaehrliche Pension zu--resignieren. + +Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder. + + * * * * * + +Wolf Dietrich hatte in maessigem Tempo die Nacht hindurch den Weg ueber den +Pass Lueg zurueckgelegt; im Morgengrauen ritt er vorueber an seiner Burg +Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie +gluecklich fuehlte sich der damals junge Fuerst an Salomes Seite auf dieser +Feste, und jetzt muss Wolf Dietrich auf Pferdesruecken sein Heil in +rascher Flucht suchen! + +Kalt und starr ragte das Gemaeuer aus dem Tannengruen auf, und kraechzende +Raben flogen ueber die Burg hinweg. + +Es froestelte den Fuersten trotz des anstrengenden Rittes. + +Die vom Nachtnebel genaesste Reichsstrasse fuehrte durch das stille, +traumumfangene Dorf Werfen. Kaum dass ein Hund die Kavalkade anbellte, +als Hufgeklapper hoerbar wurde. + +Tiefernst ward des fluechtigen Fuersten Blick, als Wolf Dietrich am +Friedhof des einsamen Dorfes vorueberritt; dort wird wohl jener Pfarrer +begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhaeltnis des +Erzbischofes zu Salome. + +"Ruh' in Frieden!" fluesterte der Fuerst, und seine Gedanken galten dann +der geliebten Frau, die mit ins Unglueck gerissen ward samt den Kindern. +Ob Salome wohl die sichere Grenze Kaerntens schon erreicht haben wird? +Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, waere dies moeglich. +Gerne haette der Fuerst hierueber Erkundigung eingezogen, doch um so fruehe +Stunde ist keine Menschenseele sichtbar. + +Weiter! + +Der Nebel in den tiefverhaengten Bergen ging in Regen ueber, als die +Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt naeherte. Gerne wollte Wolf +Dietrich zukehren, Nachfrage ueber Salome halten; doch der vorsichtige +Untermarschall Perger bangte fuer seinen Herrn, er wagte keine Einkehr +von wegen der bedrohlichen Naehe der nahen steierischen Grenze und des +missguenstigen Bergortes Schladming. + +Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefuettert, fuer den +Fuersten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiss bereitet. Dann +ward weitergeritten, den Tauern zu, hinueber auf beschwerlicher Reise +nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee +und Regen mussten durchgekostet werden, bis die Tauernhoehe ueberquert war. +Im einsamen Oertchen Tweng hielt der muede Fuerst einen Bauer an und fragte +nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort, +grinste den Reiter an und schuettelte den struppigen Kopf. + +Spaet abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier +genommen. Wolf Dietrich entschloss sich, einen Brief an das Kapitel zu +schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch +wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer +entsprechenden Information musste Perger auf frischem, requiriertem Ross +zurueck nach Salzburg reiten. + +Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten +Herren Rudolf v. Raittenau, des Fuersten juengerer Bruder und Vizedom von +Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite +Wolf Dietrichs nach Kaernten zu uebernehmen hatten. + +Der Fuerst begruesste die Herren durch freundlichen Haendedruck und mit +wenigen Worten. "Ein schmerzlich Wiedersehen!" meinte er unter bitterem +Laecheln zum Bruder, der troesten wollte und aengstlich zur alsbaldigen +Fortsetzung der Flucht zur Grenze draengte. + +Doch Wolf Dietrich wollte laengere Rast hier halten und glaubte, die +Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genuegende +Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt +nochmals zur Passhoehe des Katschberges drohte strapazioes zu werden. + +So blieb der Fuerst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in +dem elenden Nest. + +Rudolf Raittenau misstraute der Situation in hoechstem Masse und hatte +gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurueck +nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft ueber +etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine moegliche Verfolgung des +fluechtigen Erzbischofs einzuziehen. + +In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Ross zurueck +und ueberbrachte die alarmierende Kunde, dass Salzburg von bayerischen +Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und +salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen +und nach Salzburg einzuliefern. + +Nun gab es fuer den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der +Fuerst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in fruehester +Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der +Aufbruch. + +Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg. +Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Fuehrung bestimmte +salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben +und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich sass +vertieft in trueben Gedanken im Sattel, sodass er fuer alles um sich kein +Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie moeglich +an die Grenze von Kaernten und damit in Sicherheit zu kommen. + +Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rueckwaerts Ausguck, +es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde. + +Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbruecken, war +erreicht, die erschoepften Rosse draengten instinktmaessig zur Taverne. +Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kaerntnerischen Gmuend +fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren. + +"Die Ross' muessen getraenkt werden!" erklaerte der fuer den Tross +verantwortliche Postmeister und fuegte in auffallend despektierlichem +Tone bei, dass er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschaedigung zu +Schanden reiten lasse. + +Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo fuer unnoetig und +gab Befehl zum Traenken der Rosse. + +"Im Sattel bleiben!" rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante. + +So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die +Sattelgurten anziehen liess und den Hufbeschlag revidierte. + +Misstrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja +einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mussten. Und wie fortgezogen +ritt der juengere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen +Eisentratten-Gmuend fuehrenden Strasse Umschau, insbesondere zurueck gen den +Katschberg. + +Ploetzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schaerfer hin, kein Zweifel, +ein Reitertrupp jagte heran. Das koennen nur Feinde sein, vielleicht +bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen. + +Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und draengte zur +schleunigsten Flucht. + +"Rottmayer an die Spitze!" befahl der bleichgewordene Fuerst. + +Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Ross zu besteigen und +erklaerte hoehnisch: "Wir sind hier bereits auf kaernterischem Boden, ich +bin hier nicht mehr Euer Diener!" + +Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen, +doch Rudolf griff in des Falben Zuegel und riss das Ross mit sich vorwaerts. +"Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!" schrie der besorgte +Bruder. + +Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde voellig auf der Strasse waren +und in Galopp uebergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch +die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte +sich zusehends, und knapp vor dem Staedtchen Gmuend war der bayerische +Rittmeister Hercelles auf Pferdelaenge in die Naehe des Fuersten gekommen. + +"Halt!" rief Hercelles und hob die Schusswaffe. + +Wie Sturmgebraus prasselten fuenf bayerische Reiter heran, bogen vor dem +sein Pferd parierenden Fuersten aus, und umringten die Brueder wie den +Tross mit blank gezogenen Pallaschen. + +"Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!" rief Rittmeister +Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fuersten und forderte den Degen ab. + +Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine +Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis +der Unmoeglichkeit eines Durchschlagens die Wehr. + +Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehaenge und +ueberreichte es Hercelles mit den Worten: "Nun ist alles verloren! O +Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott +der Allmaechtige muss mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das +Rappier, ich bin Euer Gefangener!" + +"Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunaechst geht es +zurueck nach Moosheim!" sprach Hercelles. + +"Ich gehorche!" erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und liess das Haupt +nach vorne sinken. + +Gierig stuerzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden +ihn fest auf den Sattel gleich einem Raeuber und Moerder, dann jagten sie +die Dienerschaft davon und nahmen das fuerstliche Reisegepaeck zur +willkommenen Beute. + +Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte +aber lediglich die brueske Antwort Hercelles', dass das Kriegsrecht sei +und mit einem vogelfreien Fluechtling keine Umstaende gemacht werden +wuerden. Passe es dem jungen Herrn nicht, wuerde auch er gefesselt +zuruecktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getuermt. + +Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als +Edelmann, worueber der Rittmeister so zornig ward, dass er auch diesen +Raittenau fuer "vogelfrei" erklaerte, worauf die bayerischen Reiter dem +Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden. + +Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Ross gebunden. +Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Strasse ueber +den Katschberg zurueck nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert +und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen. + +Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, dass Salome +mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch +konnte der nun voellig gebrochene Fuerst nichts ueber den Ort ihrer +Verbringung erfahren. + +Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter +Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach +mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten +Fuersten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde. + +Allein hinter Schloss und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und +ueberliess sich weinend dem Jammer um das verlorene Glueck des Lebens. + +Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem +Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge +seines Amtes als Kerkermeister waltete. + + * * * * * + +Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in +Salzburg, doch genuegte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufuehlen, dass +Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso misstraute als es dem vielgeschmaehten +Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhaenglichkeit +bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche +beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, dass der Kaiser den +Gewaltakt missbillige, verschiedene Reichsstaende den Verdacht hegten, dass +es dem Herzog von Bayern ueberhaupt nur um Eroberung und Einverleibung +Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstaende +und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog +geraten, solchen Verdacht von sich abzuwaelzen, und zwar durch Briefe an +den Kaiser und einige an die Reichsstaende inhaltlich der Erklaerung, dass +der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei, +daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere. +Zugleich reiste Maximilian zurueck nach Muenchen und rief auch seine +Truppen auf bayerisches Gebiet zurueck. + +Dass man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen +koenne, fuehlte man im Kapitel doch bei allem Hass gegen den Fuersten. +Zunaechst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen +eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, dass bezueglich seiner +Zukunft Verhandlungen angeknuepft werden wuerden. + +Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu +geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den +Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fuerst sein Brevier und +Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus. + +Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und +Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen +zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst +ein. + +Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof +rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl +hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen +Gebieter zu sehen, sie mussten unverrichteter Dinge nach Salzburg +zurueckfahren. + +Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach +Muenchen. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne +Zuspruch gefangen in Hohenwerfen. + +Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen +mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, dass der Erzbischof +Gefangener Bayerns(!) sei; auch duerfen die Gueterwagen, welche man der +Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurueckgebracht +und dem Kapitel ausgefolgt werden. + +Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Toerring, +v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet, +die alsbald--es war der November ins erregte Land gezogen--nach Werfen +uebersiedelten. + +Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau +und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit +Juwelen samt Schluessel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach +vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden. + +Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab; +spaeter uebersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern +blieb, viel weinte und ihr Leben in verhaeltnismaessig jungen Jahren +beschloss[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen. + +Im Kerker fand Wolf Dietrich maehlich seinen alten Stolz und Trotz +wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der +Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brueske Liegeois durch den rauhen +Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle +Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte. + +An einem trueben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im +Burgsaale, wohin Wolf Dietrich gefuehrt wurde, die Verhandlung. Die +Herren erschraken ob des ueblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz +totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart +umwuchert war. Geroetet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten +Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und +begruesste die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch +hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch +nur mit wenigen Worten. + +Als man Platz in den hohen Stuehlen genommen und Graf Lodron das Wort +nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: "Ein Wort zuvor! +Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg waehren?" + +Lodron raeusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln. + +"Eh' ich nicht weiss vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von +Resignation ich nimmer hoeren!" + +Zoegernd sprach Graf Lodron: "In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden +Euer Gnaden nicht nach Wunsch die noetige Urkund' unterzeichnen, daher +muss die Haft bis dahin waehren!" + +Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: "Nimmer werd' ich +einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das +den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!" + +Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Laerm +der Stimme des Gefangenen. + +Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung +eines bayerischen Buettels. + +Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklaerte mit zornbebender +Stimme, dass die Haft verschaerft werde durch Entzug von allem +Schreibmaterial und kuenftig niemand ausser den Kapitularen zugelassen +werden wuerde. + +Hochfahrend hoehnte Wolf Dietrich: "Wollt selbst die Buettelwach' Ihr +halten, sei's drum, nur bleibet aussen und verschont mich vor Eurem +Anblick!" + +Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurueckzufuehren. +Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg +weile. + +Die Auskunft, dass der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den +Erzbischof ersichtlich truebe, ruhig liess er sich hinwegfuehren. + +Mit groesster Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte, +ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines +Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so dass nur gedaempft in mattem +Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben +dem an geistige Thaetigkeit gewoehnten Fuersten entzogen, und +Obristleutnant Herleberg wachte darueber, dass niemand Zutritt zum +Gefangenen erhielt. + +Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu +bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft ueber den +mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nuetzte ein +zorniger Befehl so wenig wie die ruehrende Bitte des gestuerzten +Landesherrn. + +Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum +Allmaechtigen um Beistand und verrichtete inbruenstig die Gebete. Maehlich +ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und +kleinmuetig. + +Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf +Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger +zunaechst allein in den Kerker gefuehrt. Erschuettert stand Perger vor +seinem gedemuetigten Herrn und Fuersten und weinte bittere Thraenen beim +Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begruesste +und nach Rudolf und Salome fragte. + +Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach +Steiermark; bezueglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die +Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein +wird. + +Aengstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der +Kinder gehalten werden solle. + +Perger konnte nur sagen, dass auch hierfuer Sorge getragen werde, nur +bestuende das Kapitel zunaechst auf der Resignation. + +In Thraenen ausbrechend schlug der Fuerst die Haende vor das Antlitz und +schluchzte. + +Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren +Entschluss gefasst und sprach: "Wohlan! Ich will die Urkund' +unterzeichnen! Fuehre mich!" + +Der Kerker wurde geoeffnet; von Perger geleitet und von bayerischen +Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgraeume zum grossen +Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des +Fuersten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen gruessten. + +Kuehl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit +sei zur Anhoerung der Urkunde. + +Der Fuerst nickte und liess sich dann seufzend in einen Stuhl sinken. + +Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstueck, dessen +Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau +freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2. +soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemaess +gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von +Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer +jaehrlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch +besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt +des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemaesse +Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen +dem Erzbischof zur freien Verfuegung eingehaendigt werden; 7. sollen +demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des +Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden +sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das +Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll +auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was +vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles +dieses erst nach eingelangter paepstlicher Bestaetigung in seine Wirkung +kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach, +bei allen seinen Guetern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen +durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden; +11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, dass +dem Erzbischof bis zu voelliger Entledigung eine groessere Freiheit als +bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit +und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern +vorzueglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht +werden. + +Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren +Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fuerst +wehmutsvoll. "Und was wird aus meiner Gemahlin?" + +Kalt erwiderte Lodron: "Fuer Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge +tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist." + +Wolf Dietrich kaempfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen +Koerper, er rang nach Atem und Entschluss. + +Still war es im Saale, die Kapitulare sassen wie zu Stein erstarrt. +Perger hatte Thraenen in den Augen und fuehlte sich versucht, dem +entthronten Gebieter einige Trostworte zuzufluestern, doch als er sich +hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurueck. + +Aechzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und +Feder. + +Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf +und trat an des Erzbischofes Seite. + +Fluechtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem +verlesenen Wortlaut voellig entsprach. Ein tiefer Seufzer--dann ergriff +der Fuerst die Feder und schrieb seinen Namen darunter. + +Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfasste die Versammlung. + +Ergriffen trat Wolf Dietrich zurueck und bat in erschuetternden Worten um +Mitleid fuer Salome und die unschuldigen Kinder. + +Kuehl erwiderte Graf Lodron: "Es wird nach Moeglichkeit dafuer gesorgt +werden!" Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: "Die Kommission hat +zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen." + +Schon wollte der Fuerst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen +Augenblick zu verweilen. + +"Was soll noch geschehen?" rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus. + +"Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung +Eurer Hochfuerstlichen Person am paepstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc +liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!" + +Wolf Dietrich unterschrieb nach fluechtiger Durchlesung auch dieses +Schriftstueck und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome +zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fuerst seiner selbst, seine +Fuersorge galt nur Salome und den Kindern. + +Schluchzend gelobte Perger, nach Kraeften einzustehen und eine +finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken. + +Herleberg trat in den Saal und fragte: "Sind die Herren fertig?" + +Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des +Gefangenen in den Kerker. + +Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thraenen kuesste, +nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von +gleichmuetigen bayerischen Soldaten. + +Truebe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene +harrte der ersehnten Befreiung; in duesteren, langen, qualvollen Stunden +malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und +den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch +Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstaende, +der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf dass die Gewaltthat gepoent werde +an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog. + +Am 22. November zu spaeter Abendstunde ward der Kerker geoeffnet, der +Eisenmeister von Hohenwerfen verkuendete dem Erzbischof, dass dieser +sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer +Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe. + +Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht +erwartet, eher auf Verbringung ueber die Landesgrenze nach Kaernten +gehofft. Doch willig liess sich der Fuerst bei Fackelschein den Steilberg +hinabfuehren, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein +bayerischer Offizier bereits sass. + +Die Nacht wurde durchgefahren. Frueh morgens gegen fuenf Uhr hielt der +Wagen am Fusse des Nonnbergs, Wolf Dietrich musste aussteigen. Eine Anzahl +bayerischer Fusssoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den +Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste +Hohensalzburg. + +Wie das breite Thor hinter dem Fuersten geschlossen ward, aechzte Wolf +Dietrich in einer bitteren Vorahnung. + +Gefangen in seinem Hauptschloss der Erzbischof von Salzburg, einer der +ersten Reichsfuersten. + +Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines +abgesetzten Oberherrn die noetigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst +zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag, +die besten Redner waren zu Sprechern auserwaehlt. + +Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestaet verwies Graf +Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof. +Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser +umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach +der Kaiser bat, es moege Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen +und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen +Erzbischofes zu schreiten. + +Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der +bei aller Wertschaetzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner +Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Missfallen ueber +des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte. + +Dieser Tadel veranlasste den Herzog, durch seine Raete eine Anklageschrift +gegen den gehassten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles +Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit +Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das +Verhaeltnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf +Dietrich sei trotz des Zoelibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen. +Ein ungeheures Suendenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der +katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet +Saekularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt, +dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte +mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die +Exkommunikation und oeffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und +Apostaten. + +Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche +durch die bayerische Anklageschrift einen gehaessigen Charakter bekommen +hatte, zur oeffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. liess die +Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille +untersuchen. + +Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht, +Wolf Dietrich habe Ketzer beguenstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2. +die Resignation ist solange ungueltig, bis Wolf Dietrich den Verzicht +vor einem paepstlichen Nuntius abgegeben habe. + +Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befuerchtet +haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg +zu erklaeren, dass der Herzog von Bayern die Verantwortung fuer alle daraus +entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion +ablehne und von neuem das Aeusserste versuchen werde, um "diesen Mann" +beiseite zu schaffen. + +Diese Erklaerung unter erneutem Hinweis fuer die Kardinaele, dass Wolf +Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Draengen des Kapitels +verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan +schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz +regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur +Erklaerung, dass Wolf Dietrich nun paepstlicher Gefangener sei. + +Der Winter wich zoegernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfruehling setzte ein +mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich sass noch immer auf Hohensalzburg +gefangen, abgeschlossen von der Aussenwelt, und genoss bei ertraeglicher +Verpflegung nur die minimale Beguenstigung, an regenlosen Tagen einige +Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu duerfen. + +Im Maerz endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein +Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die +Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum +dicht besetzt. + +Unter militaerischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in +diese Kirche und wurde in die Sakristei gefuehrt, wo der Nuntius nebst +drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt. + +Einer der Diener musste die Stelle des Notars, die uebrigen Dienste als +Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die paepstliche Verzichturkunde +vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf +die Brust zu legen. + +Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu aendern der +Nuntius gelobte. + +Nun in die von Soldaten gefuellte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof +nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben. + +Mit einem verzweiflungsvollen Blick uebersah Wolf Dietrich seine +waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles +verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die +Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskraeftig geworden. + +Eine militaerische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur +Veste. + +Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, dass der Papst ihn vielleicht zum +Sommer freilassen werde. + +Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte +in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen hoechst gefaehrlichen Menschen +nannte, und Herzog Max liess an den Vatikan berichten, dass Wolf Dietrich +zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe +ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die groesste Gefahr +kommen muesste. + +Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschliessen, der Befehl zur +Freilassung kam nicht. + +Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster +Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektuere; man hatte ihm nur die +heilige Schrift und das Brevier gelassen. + +Von den bewachenden Soldaten fuehlte im Laufe der Zeit einer ein +menschlich Ruehren, der Bayer empfand Mitleid fuer den gestuerzten Fuersten +und zeigte sich fuer dessen Bitten um Schreibzeug zugaenglich. + +In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewuenschte, und im +Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache +eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmaehliche +Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwuerfe und +Verdaechtigungen zurueckwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage +erhob. Sein Verhaeltnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum +Schlusse um Abberufung des ihm gehaessigen Nuntius und um eine +Untersuchung durch die Bischoefe von Seckau und Lavant. + +Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages ueber vor den +Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische +Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um +Befoerderung zur Post. + +Am naechsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt, +die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben +Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof +erhaltenen Lohn eine Staerkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines +groesseren Geldstueckes wie die Bestellung einer fuer einen Soldaten ueppigen +Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem +Offizier gestand der eingeschuechterte Soldat die Briefbefoerderung. +Sofort wurde die Post militaerisch besetzt und das leicht herausgefundene +Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert. + +Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der +Veste und Androhung schwerster Strafen fuer den geringsten Verkehr mit +dem Gefangenen. + +Im Juli 1612 wurde die bayerische Militaerbesatzung von Hohensalzburg +abberufen, dafuer kam eine salzburgische Soeldnerwache auf die Veste. + +Als Gefangener des Papstes musste Wolf Dietrich nun dem Nuntius den +Treueid schwoeren und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die +Gefangenschaft wurde nun--verschaerft. + +Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdruecklich die Freilassung +gewaehrleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die +Gesuche mehrerer deutscher Fuersten, die empoert ueber den Wortbruch und +die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfuersten sich fuer den +Ungluecklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst +und legte Fuerbitte fuer Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg. +Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewaehlt und der neue Kirchenfuerst +wusste dem Papst begreiflich zu machen, dass es eine Schande fuer den +apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem frueheren +suendhaften Leben zurueckkehren wuerde; auch wies der neue Herr auf die +grossen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen +Kopfes mit den Ketzern fuer ganz Deutschland entstehen koennten. + +So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Laenge zu +ziehen, bis der ohnehin kraenkliche depossedierte Erzbischof vollends +apathisch gemacht oder aufgerieben sei. + +Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit +Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte +eines Tages geltend, dass er allerdings seine geistlichen Befugnisse und +Wuerden an den Papst zurueckgegeben, nicht aber zugleich auf seine +Stellung als deutscher Reichsfuerst verzichtet habe. + +Dies schreckte das Kapitel fuer die ersten Tage, dann blieb alles beim +Alten. + +Drei Jahre vergingen in solcher schmaehlichen Gefangenschaft. Einen +letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun +befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens +die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden. + +Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die +Gefaehrlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom +geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich +ueberdruessig und liess sie ruhen, wie sie eben lag. + +Trotz aller Vertraege und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen; +man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln +und suchte den Wortbruch mit politischen Ruecksichten zu rechtfertigen. + +Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den +Jahren alle Energie, ein voellig gebrochener Mann begann er seine +Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschaeftigte +sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den +Paulinischen Briefen. + +Ein Schlagfluss laehmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und +ein Steinleiden. + +Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist +Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den +Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen. + +Es hatte ausgelitten Celsissimus! + + + + +Fussnoten: + +[1] Eierspeise. + +[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert +auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871. + +[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft fuer Salzburger Landeskunde +XII, 1872. + +[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf +zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen +der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht voellig zu +ersticken. Spaeter gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns +und des Kaisers einigen Dioezesen (auch Salzburg) den Empfang des +Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, dass sich das (von +lutherischen Praedikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der roemischen +Kirche anschliessen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr +und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck. +Erzbischof Johann Jakob erliess ein strenges Mandat zur Bekaempfung des +Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die +Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte, +bestaetigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder +zurueckgezogen. Infolgedessen gaehrte es in den Landstaedten Salzburgs +gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt +teilweise zum Schweigen, Hartnaeckige aber wurden unnachsichtig des +Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche +zweifellos von den Praedikanten beguenstigt wurde, noch bis zur +Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, "Wolf +Dietrich von Raitenau" Muenchen 1886. Rieger.) + +[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Suedseite des Festungsberges. + +[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die +Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten +war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben. + +[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder +angeworben werden. Sie "garteten", d.h. bettelten u.s.w., und wurden +"Gartbrueder" genannt. + +[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die +deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg. + +[9] Dass Wolf Dietrich im hoechstem Masse ein Wohltaeter der Armen gewesen, +besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der +alten Steinhauserschen Chronik "Diser Erzbischoff kan und mag auch +billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, dass er nit +allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern +auch den Armen im ganzen Erzstift dermassen so reiche Almusen taeglich +spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fuersten +zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr grosse Anzahl +armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller, +andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fuenf oder vier Pazen raichen +und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben. +Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten +haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das +Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtaegigen +Fasten hat er den hausarmen Duerftigen zu Erkaufung der Fastenspeis +insonderhaft ain grosse Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch +wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und +genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Taeg nach Mitfasten nach +gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit +etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein +und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue +geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch +die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und +genossen." + +[10] Das Original befindet sich im staedtischen Museum zu Salzburg. Der +Herausgeber verdankt eine Kopie der Guete des Herrn Museumdirektors +Kaiserl. Rat Dr. A. Petter. + +[11] Gerhab = Vormund + +[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine ueberaus bezeichnende Aufforderung, +dass der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle! + +[13] Keuche = Gefaengnisort. + +[14] So meldet der Chronist Steinhauser. + +[15] Die Hallfahrt, ein Salzmass hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals +86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine +Kufe hielt 130-148 Pfund. + +[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk "Wolf Dietrich", Muenchen +1886.--Roemermonate, die im frueheren deutschen Reich von den Staenden an +den Kaiser zum Behuf der damals ueblichen Roemerzuege zu zahlende Abgabe, +nach Aufhoeren der Roemerzuege in eine regelmaessige Abgabe zur Fuehrung von +Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Roemermonat war auf 128000 Gulden +veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger. + +[17] Brannte spaeter ab, wurde in veraenderter, heute noch erhaltener Form +aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf +Dietrichs "Mirabella" genannt. + +[18] Fuer Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, dass Maximilian durch +einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen +Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene kuenstliche Wasserleitung anlegen +liess, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von +Reichenhall bis zur Stadt Traunheim gefuehrt wird. Diese Gegend war +holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit. +Auch grosse Brunnenhaeuser wurden gebaut und eine Strasse an den Bergen hin +durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk +vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die +Kriegsentschaedigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg +erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III. + +[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs +Eugen von Oesterreich, und laesst Seine Kaiserliche Hoheit die Burg +vollstaendig und historisch getreu renovieren. + +[20] Einer ihrer Soehne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard +von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den +Benediktinerorden zu Kremsmuenster und zeichnete sich durch Froemmigkeit +und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen +Wissenschaften aus. Als beruehmter Architekt starb er 1675. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** + +***** This file should be named 13953.txt or 13953.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/9/5/13953/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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